art meets science I: Schwarze Materie, amorphe Kunst und ein kühles Bier

 © DESY, Fotograf Helge Mundt

Alles beginnt bei einer Party in Hamburg mit einem gut gekühlten Bier: „Und, was machst Du so?“ – „Teilchenphysiker, am DESY. Und du?“ 

– „Künstlerin, freischaffend.“ – „Oh!“ „Echt?!“   Wie kann es nach so einem Einstieg weitergehen??? ­– Irgendwas mit Teilchen fragen? Aber was?!

– Du Liebe Güte, keine Ahnung von Kunst! – „Hab früher mal Oboe und Englischhorn gespielt.“  

– „Teilchenphysiker also! Dann hast Du mit schwarzen Löchern zu tun?“ – Puuuh, gerade noch mal gut gegangen.

Im Verlauf des Abends stellen die beiden fest, dass Kunst und Wissenschaft neben einigen Unterschieden auch viel gemeinsam haben. Die kreative Kollision mündet ein Jahr später in eine faszinierende Ausstellung …

 © Künstlerin und Teilchenphysiker, DESY, Fotograf Helge Mundt

Suche

Jeder sucht etwas! Physiker Christian Schwanenberger forscht am Deutschen Elektronen-Synchrotron, kurz DESY genannt, nach schwarzer Materie. Tanja Hehmann fahndet in ihrer Kunst nach Zuständen und Prozessen, nach Formgebung und Orientierung im Raum. Aus dem anfänglichen Staunen entwickelt sich bei beiden rasch Faszination. Ihren konkrete Fragen folgen aufmerksames Zuhören und viel Recherche. Im Laufe eines Jahr entwickeln die beiden am DESY das faszinierende Projekt art meets science. Sie begeistern in und um Hamburg weitere Künstler und Wissenschaftler, sich regelmäßig zu treffen und sich über Arbeitsmethoden, Denkweisen, Haltung, Interessen  und Motivation auszutauschen. 

 © HERA-Tunnel, DESY, Fotograf Helge Mundt

Begeisterung

Schritt für Schritt reifen die Pläne. 15 KünstlerInnen und 10 WissenschaftlerInnen wollen ihre Einfälle, Erkenntnisse und Gedanken in den Forschungshallen des DESY materialisieren – in Form einer künstlerischen Intervention. Bilder, Fotografien und Filme, Modelle, Malerei und Computergrafik, Klangperformances, kinetische Objekte, Installationen, Maschinen und Architekturen entstehen, werden bei laufendem Betrieb im DESY installiert und können von den Forschern direkt am Arbeitsplatz angesehen und diskutiert werden. Aus Sicherheitsgründen sollen es anfangs nur mobile Kunstwerke sein, aber die anfänglichen Bedenkenträger im DESY lassen sich von der Begeisterung der Künstler anstecken und werfen ihre Skepsis nach und nach über Bord. Am Ende legen sie selbst Hand an und verbessern in Eigeninitiative mehrfach die Orte für die Präsentation. Die Kunstwerke sollen bestmöglich in Szene gesetzt werden.

 © DESY, Fotograf Helge Mundt

Ansturm

Allein 1.400 Besucher kommen zur Vernissage, viele weitere folgen an insgesamt sechs Präsentationsabenden und einem Tag der offenen Tür. Rund 80% der Besucher sind vorher noch nie im DESY gewesen. Ein Beweis dafür, dass Kunst hervorragend in ungewöhnliche Räume passt. Crossover zwischen verschieden Sphären und Branchen – eine kreative Kollision und ein Erfolgsrezept. Jede öffentliche Präsentation beginnt mit einem wissenschaftlichen Vortrag, z. B. „Suche nach Supersymmetrie und neuer Physik“.

Bei der anschließenden Führung können Besucher in den Kunstwerken oder in den wuchtigen, technischen Geräten nach Parallelen suchen. Alles im DESY ist überdimensional, was die Künstler anfangs ehrfürchtig werden und an dem Projekt zweifeln lässt. Groß ist die Angst, ihre Kunstwerke könnten in den gigantischen Hallen untergehen. Die Physiker wiederum fürchten, das DESY könnte zur platten Kulisse für die Kunst verkommen. Doch die Entdeckung gemeinsamer Inhalte und Themen hilft, alle Besorgnis zu überwinden. Sowohl KünstlerInnen als auch WissenschaftlerInnen müssen bei ihrer Arbeit genau hinsehen, obwohl das mit der Wahrnehmung zuweilen nicht so einfach ist.

 © DESY, Fotograf Helge Mundt

Trugbilder und dark matter

Jeder ist schon mal einer optischen Täuschung aufgesessen – auf dem Rummel, Jahrmarkt oder Dom, hat sich von Kippfiguren oder Vexierbildern in die Irre führen lassen, ist über die multistabile Bilder des niederländischen Grafikers M. C. Escher (1898-1972) gestolpert oder hat sich – wie ich – in der poetisch- verqueren Welt von Monument Valley verloren. Solche Erfahrungen zeigen uns, wie trügerisch unsere Wahrnehmung ist. Was wir sehen, muss nicht unbedingt real sein. Und was wir nicht sehen, kann dennoch existieren. Teilchenphysiker wissen das nur zu gut. Denn: Unser Universum aus Atomen, Quarks, Higgs und wahrscheinlich noch kleineren Teilchen ist nur zu 5 % fassbar, sichtbar, bekannt. Eine Übermacht von 95 % ist „dark matter“ – dunkle Materie, ein schwarzes Nichts, das sich nur durch das Verhalten des Lichts und durch besonders starke Gravitation feststellen lässt. Schon Pink Floyd wusste: „As a matter of fact, it’s all dark.“ (The Dark Side of the Moon, 1973, 2)

Geschärfte Sinne 

Sichtbar zu machen, was im Schatten der eigenen Wahrnehmung und des begrenzten Bewusstseins liegt, haben sich sowohl die PhysikerInnen als auch die KünstlerInnen zur Aufgabe gemacht – in ihrer täglichen Arbeit und beim Projekt „art meets science“. Was ist Schwarze Materie? Wie findet man das Nichts? 

 © DESY, Fotograf Helge Mundt – Jan Köchermann

Der Künstler Jan Köchermann begibt sich auf Spurensuche des unbekannten DDR-Teilchenphysikers Hubertus M. Frassek. Köchermann hat den kuriosen „Frassek Space Collector“ von 1967 rekonstruiert, auf ein altes DDR-Fahrzeug einen Trichter montiert, um damit auf unseren Straßen schwarze Löcher einzusaugen. Das grenzwissenschaftliche Risiko ist einkalkuliert.

Das unendliche Schwarz zieht auch Künstlerin Jana Schumacher in Bann. Sie hat einen  begehbaren schwarzen Kuppeldom entworfen, der an ein mobiles Planetarium erinnert, das durch Schulen wandert, um junge Menschen von den unendlichen Weiten zu begeistern. Schumacher hat die metallische Oberfläche der Kuppel auf den Boden gelegt und geschliffen, bis hunderte kleine Löcher entstanden. Was von außen nicht sichtbar ist, erschließt sich auf den zweiten Blick: Im Innern blitzen schier endlos viele kleine Lichter hindurch und erzeugen die perfekte Illusion eines unendlichen Sternenhimmels.

 © DESY, Fotograf Helge Mundt – Jana Schumacher

Lichtgeschwindigkeit

Jahrelang wurden in großen Ringtunneln unterhalb des DESY Protonen mit Lichtgeschwindigkeit aufeinandergeschossen, um sie für den Bruchteil einer Sekunde in kleinere Teilchen zu zersplintern. Eine Simulation des Urknalls. Bis heute laufen ähnliche Experimente am Genfer Kernforschungszentrum CERN. Den Simulationen liegt die Hoffnung zugrunde, dabei (noch) unbekannte Elementarteilchen zu entdecken, aus denen die Dunkle Materie bestehen könnte. Da am CERN enorme Datenmengen anfallen, leisten die Physiker am DESY Unterstützung bei der Erfassung und Analyse. Künstler Jan Peters zeigt einige seiner Fotos und Filme, die während seines Künstlerstipendiums am CERN entstanden sind. 

Unsicherheiten

So wie Farben und Strukturen am Himmel oft uneindeutig sind und sommerliche Sternschnuppen das tiefe Schwarz verwischen, so zeigen sich die Bilder von Tanja Hehmann oft amorph mit geronnenen, unregelmäßigen Farbverläufen. Vieles fließt ineinander oder verläuft. Die Welt ist nur annähernd greifbar, nur selten festzumachen.

 © DESY, Fotograf Helge Mundt – Tanja Hehmann

Vergewisserung

Künstlerin Tanja Hehmann und Physiker Christian Schwanenberger haben mit Neugierde für Details einander immer weiter befragt und damit – jede/r für sich – die Wahrnehmung ihrer bisherigen Welt enorm erweitert. „Man lernt die Dinge anders anzuschauen“, sagt Schwanenberger. „Was die Künstler in den Forschungshallen staunend bewundern, daran sind wir Wissenschaftler tagtäglich achtlos vorbeigelaufen. Die Künstler haben unsere Routinen durchbrochen und unsere Sinne geschärft.“ Mit energiegeladenen Diskussionen über Wahrnehmung, Perspektiven, Stofflichkeiten und Teilchen hielten sie das Interesse für Ursuppen-Materie, Urknall und Teilchen durchgängig auf erhöhter Betriebstemperatur.

Budgets und Sichtbarkeit

Schwierig war zunächst die Finanzierung des Projektes. Viele Gespräche und Telefonate wurden geführt, viele e-mails verschickt, um Fördertöpfe, Stiftungs- oder Projektgelder aufzutun und das Vorhaben zu finanzieren. Das DESY, das generell über die Helmholtz-Gemeinschaft finanziert wird, verfügte bis dato über kein Budget für Kunstsponsoring. Dennoch ermöglichte DESY sozusagen auf kurzem Dienstweg, dass jede/r Künstler/in seine/ihre Materialkosten von je 1.500 € plus plus Transport- und Reisekosten unbürokratisch abrechnen konnte. Zusätzlich zahlte das DESY an jede/n beteiligte/n Künster/in ein Honorar von je 400 € (plus Honorar an das Kuratorteam) sowie eine Ausstellungsvergütung von je 750 €, die sich an den Leitlinien für kommunale Institutionen orientiert, die der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler BBK inzwischen festgeschrieben hat. 

Einen wertvollen Hinweis gab Inga Wellmann vom Referat Kunst und Kreativwirtschaft der Kulturbehörde Hamburg. Sie empfahl den KünstlerInnen die Hamburg Kreativ Gesellschaft mit ihrer Hamburger Plattform für branchenübergreifende Lösungen mit der Kreativwirtschaft. Die Hamburg Kreativ Gesellschaft organisierte eine Reihe von Info-Veranstaltungen über „dark matter“ und produzierte Filminterviews mit den Projektbeteiligten, um der außergewöhnlichen Kollaboration zwischen Wissenschaft und Kunst auch außerhalb des DESY Sichtbarkeit zu geben.

 © DESY, Fotograf Helge Mundt

Zwei verschiedene Inseln?

Am Anfang waren da zwei Welten, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemeinsam hatten. In der Naturwissenschaft muss alles bewiesen, gemessen und quantifiziert werden, ein Vorgang folgt dem anderen, ein Schritt bedingt den nächsten. In der Kunst ergibt sich vieles assoziativ, entwickelt sich zufällig (Serendipity-Effekt), sprunghaft, durch äußere, unvorhersehbare Einflüsse, durch nichtlineares Denken. 

Eine gemeinsame Boje

Doch es gibt auch gemeinsame Ankerpunkte, Schnittmengen, Bindeglieder. Ob Physiker oder Künstler: Jede neue Herausforderung, jedes leere Blatt, jeder leere Raum beginnt mit einer Frage, die nach einer Antwort sucht. Was folgt, ist gründliche Recherche und eine Hypothese, eine Vorstellung davon, wie die Antwort lauten könnte. Ein Experiment muss Klarheit bringen, um die Hypothese zu überprüfen. Die Künstlerin testet Entwürfe, der Physiker startet Experimentierreihen. Scheitert das Experiment, müssen Misserfolge menschlich verarbeitet und die Modelle und Versuchsreihen praktisch nachgebessert werden. Beharrlichkeit und Widerstandskraft gegen innere und äußere Hürden gehören in Wissenschaft und Kunst zur Grundausstattung. Aus gewonnen Erkenntnissen entstehen neue Fragen, ein ewig währender Kreislauf, ein Drang, wie ihn schon Goethes Faust verspürt hat: „Dass ich erkenne, was die Welt Im Innersten zusammenhält.“ 

 © DESY, Fotograf Helge Mundt

Ideen und Theorien sichtbar machen

Will man andere Menschen erreichen, muss man sein abstraktes Denken bzw. Tun erklären. Das gilt für die Teilchenphysik ebenso wie für die Kunst: Komplexe Zusammenhänge und Abhandlungen verständlich zu erklären und herunterzubrechen, erfordert Kreativität, Empathie und Visualisierungen, Bilder und haptische Modelle. Bei der Suche nach geeigneten Darstellungen für ihre Theorien stützen sich Wissenschaftler auf Bilder aus der Natur oder Kunst.

Der britische Physiker Peter Higgs z. B. bezog sich 1964 bei seiner Idee des Higgs-Mechanismus auf Symmetrien bzw. Symmetrieverletzungen mit Bezügen auf die Natur. Schmetterling, Sonnenblume, Blatt, Schneeflocke und Ei erscheinen nur bei flüchtigem Hinsehen symmetrisch. Mit geschärftem Blick werden Unregelmäßigkeiten offenbar.  Die genaue Beobachtungsgabe und die Vorstellungskraft verbindet Wissenschaftler und Künstler. Nur was man sich vorstellen kann, lässt sich weiter erforschen und ergründen. So auch die große, gemeinsame philosophische und existienzielle Frage: Was ist das Nichts? 

„art meets science“ ist ein inspirierendes Projekt, das Auftakt zu einer dauerhaften und nachhaltigen Zusammenarbeit zwischen Kunst und Physik bzw. Kunst und Wissenschaft werden sollte!

 © DESY, Fotograf Helge Mundt

An „art meets science“ sind folgende Künstler beteiligt:

  • Baldur Burwitz, Interventionen, Hamburg
  • Marc Einsiedel und Felix Jung, we are visual, Installation, Hamburg
  • Daniel Engelberg, Malerei, Objekte und Installation, München
  • Marcel Große, Installation, Hamburg
  • Tanja Hehmann, Malerei, Hamburg
  • Jan Köchermann, begehbare Skulpturen, Hamburg
  • Pat Kramer, Lichtobjekte, Forbach/ Schwarzwald
  • Julia Münstermann, Malerei, Berlin
  • Sybille Neumeyer, multimediale Installationen, Film, Berlin
  • Prof. Jan Peters, Fotografie und Film, Kassel und Berlin
  • Chris Pfeil, Tontechniker, Soundperformances, Köln
  • Swen-Erik Scheuerling, kinetische Objekte und Installation, Berlin
  • Jana Schumacher, Grafik, Installation, Hamburg
  • Wolfgang Zach, Computergrafiken, Bremen
  • Außerdem: Kurzfilme der Kurzfilmagentur Hamburg

 

In Kürze mehr zum Thema:

art meets science II: Riffe stricken, Humboldt und Goethe loben und Paläokunst

art meets science I: Schwarze Materie, amorphe Kunst und ein kühles Bier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.