Wie die Kunst Wirtschaft und Management den Horizont erweitert

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kunst beflügelt Wirtschaft. Weil sie Kommunikation fördert, Regeln bricht, Routinen hinterfragt, motiviert und dabei hilft, auch langfristige Ziele fokussiert zu verfolgen. Noch immer gibt es viel Erklärbedarf, noch immer wollen Wirtschaft und Management von der Wirksamkeit von Kunst überzeugt werden. Doch großartige und erfolgreiche Projekte ermutigen zum Weitermachen. Ein neues Buch „Wirtschaft trifft Kunst“ gibt Einblicke.

Haltung, Weitblick, Standhaftigkeit

Neue Ideen kommen nicht leicht in die Welt. Wer Dinge anders macht, wird nicht automatisch mit offenen Armen empfangen. Künstler, die Neues schaffen, werden nicht gleich auf Anhieb verstanden. Sie machen dennoch weiter, häufig gegen Widerstände. Sie sind mutig,  entschlossen, zeigen Haltung. Eines Tages werden sie – so bleibt zu hoffen – für ihren Weitblick und ihre Beharrlichkeit bewundert, so wie Mahatma Gandhi es einst sagte: “Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.

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Künstler als VUCA-Meister

Künstler tragen viele besondere Fähigkeiten in sich. Sie sind ihrer Zeit häufig ein Stück voraus. Die VUCA-Welt, in der nichts mehr verlässlich und voraussagbar ist und gerade in der Wirtschaft heiß diskutiert wird, haben Künstler schon immer erlebt. Sie haben eigene Strategien und Widerstandskraft entwickelt, Resilienz. Unsicherheit und Krisen sind nach wie vor Alltagsbegleiter von vielen Kreativen. Angestellte und Beamte in „bürgerlichen“ Berufen machen erst seit kurzem vergleichbare Erfahrungen. Der technologische und digitale Wandel wird weitere tiefgreifende Veränderungen in unser berufliches und privates Leben tragen.  

Künstler sollten daher in der agilen Welt als VUCA-Meister wirken, als Alltagscoaches, um sowohl Mitarbeitern als auch Führungskräften Wege aus der Unsicherheit zu zeigen. Künstler können Methoden und Möglichkeiten vermitteln, wie sich Unbekanntem offen, neugierig und mutig begegnen lässt. Wer an Althergebrachtem festhält, verhindert Innovationen. Die Band „Die STERNE“ singt (1999): „Wir müssen nichts so machen, wie wirs kennen, nur weil wir’s kennen, wie wir’s kennen.“ Wir brauchen kreative Pionieren, die neue Wege gehen. Denn: „Dort, wo alle gehen, wächst kein Gras.“ (Frank und Patrick Riklin, Atelier für Sonderaufgaben)

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Wirtschaft trifft Kunst

Die Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin Ulrike Lehmann kennt beide Welten. Mit ihrer Agentur art-coaching trägt sie Kunst in Unternehmen, gibt in Vorträgen und Seminaren Einblicke in die aktuelle Entwicklungen, in den Kunstbetrieb und den Kunstmarkt.

Nun hat Lehmann ein umfangreiches Buch mit 580 Seiten herausgegeben: Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut. (Springer Gabler 2017). Im Vorwort gibt sie einen Überblick über die Geschichte des Mäzenatentums seit der Antike über die Renaissance bis in die Gegenwart. Sie listet wichtige Kunstvermittler, Sammler und Sammlungen auf und zeigt, warum Kreativität und Kommunikation Schlüsselkompetenzen unserer neuen digitalen Arbeitswelt sind. Sie führt in Ateliers, befragt Künstler (Warum sind Sie Künstler geworden? Gab es eine Initialzündung? Warum macht Kunst glücklich?), berichtet über ihre eigene Arbeit als Kunstvermittlerin, über kunstbasiertes Coaching von Führungskräften und Mitarbeiterteams, über die Bedeutung von Räumen und erklärt, wie unternehmensbezogene Kunstkonzepte und Kunstsammlungen konzipiert, erstellt und realisiert werden sollten.

Künstler als Problemlöser

Lange hat sich die Wirtschaft lediglich ornamental mit Kunst geschmückt. In den letzten Jahren werden Künstler nun stärker als Gestalter in die Gesellschaft integriert. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Kreativen agieren auch in diesem Bereich frei, d. h. sie dürfen weder funktionalisiert noch instrumentalisiert werden, sondern bringen ihre individuellen besonderen Fähigkeiten ein, Zukunft vorherzusehen und weiterzudenken. In Design Thinking-Prozessen z. B. fokussieren sie mit Empathie die Nutzerperspektive und tragen mit Kreativität, Ideenreichtum, Mut und Schöpferkraft zur Lösung von Problemen bei. Im Rahmen künstlerischer Interventionen begegnen Kreativschaffende unternehmerischen Fragestellungen und Herausforderungen mit künstlerisch-kreativen Methoden.

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Kollaboration

Kunst lebt von Kollaboration, von multidisziplinärem Denken und Handeln, von Improvisation, Perspektivwechsel, verschiedenen Sichtachsen und Lebenswelten. Folgerichtig hat Lehmann 30 weitere Autoren eingeladen, über das vielseitige Beziehungsgeflecht Kunst und Wirtschaft zu schreiben, darunter neben Künstlern und Kunsthistorikern auch Wirtschaftsexperten und Wissenschaftler, Firmeninhaber und Geschäftsführer.

In fünf Kapiteln nähern sie sich u. a. folgenden Themen und Praxisbeispielen:

  1. Kunst im Personalwesen: Management und Kunst, Werte, Worte, visuelles Denken
  2. Der (Mehr-)Wert von Kunst: materielle und immaterielle Werte, Kunst als Wirtschaftsfaktor, Verteilungskämpfe auf dem Kunstmarkt und freier Eintritt
  3. Kunstsammlungen in Unternehmen: Kunst zur Repräsentation und Kommunikation, als Teil von Unternehmenskultur, Kunst und Mode, Gegenwartskunst
  4. Kunst am und im Bau: Kunst und Raum, künstlerische Konzepte
  5. Kommunikation, Marketing und Kunst: kommunikative Wirksamkeit, Kunst und Marke, Business Artist – der Künstler als Unternehmer
  6. Ausblick: Projekte von Kunst in Unternehmen: Impulse für Kommunikation, Innovation, Umdenken und Wandel in der Unternehmenskultur

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Wert und Wirksamkeit von Kunst

Der Künstler Hermann J Kassel (S. 171-187) möchte mit Kunst Veränderungsprozesse im Unternehmen unterstützen, die Kommunikation fördern und den Teamgeist stärken. Kunst kann abstrakte Dinge verdeutlichen, die durch Worte allein nicht transportiert werden können. Wie lässt z. B. Digitalisierung konkret fassbar machen? Kunst hilft dabei, Dinge zu emotionalisieren, sie haptisch be-greifbar machen, damit wir sie verstehen und verinnerlichen. Beispiel Unternehmenskultur: Sie kann nicht von oben nach unten „verordnet“ werden. Sie ist lässt sich schwer beschreiben, ist dennoch immer da, lebt durch Menschen bzw. Mitarbeiter, durch ihr Selbstverständnis und ihre Wertvorstellungen.

In seinem Projekt „Erd-Arbeiten: Verwurzelung – Veränderung“ macht Hermann J. Kassel deutlich, dass Unternehmenskultur etwas mit Verankerung und Basis zu tun hat. Manager eines Getriebeherstellers von verschiedenen Niederlassungen wurden im Vorfeld der künstlerischen Intervention gebeten, Erde von ihren Heimat-Standort mitbringen. Gemischt mit Erde vom Stammsitz sollte der Humus für die „Basis-Kultur“ entstehen, der Humus für Kontinuität und Wandel. Durch haptische Begreifen konnten die Manager mit eigenen Händen erfahren, wie Veränderungsprozesse von der Basis aus wachsen, dass diese Selbst-Vergewisserung, Selbst-Bewusstsein und Standfestigkeit überlebenswichtig sind – gerade im Umfeld von Globalisierung und Vielfalt.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kunst als Kommunikationsmittel

Geschäftsführer Jochen Kienbaum schildert im Buch (S. 327-340), wie sich an den Kunstwerken in den Büroräumlichkeiten der Personal- und Managementberatung Kienbaum Consultants häufig inspirierende Gespräche mit Kunden, Geschäftspartnern, Mitarbeitern, neuen Bewerbern und Kandidaten entzünden. Mit dem Wahrnehmen und Sprechen über Kunst können Interessen, Kenntnisse und Wertvorstellungen ausgetauscht werden. Am Kunstobjekt treffen sich die Ansichten und Vorlieben oder gehen weit mit Irritation bzw. Unverständnis weit auseinander.

Kunst ist ein praktisches Hilfsmittel für das intensive gegenseitige Kennenlernen. Der Informationsgehalt von Kunstgesprächen geht über normale sachliche Gespräche hinaus. Ein besonderes Format ist der gemeinsame ArtWalk, zu dem Kienbaum auf der Kunstmesse ArtCologne einlädt. Neue Sicht- und Denkweisen möchte die Beratungsagentur mit der Herausgabe von Künstlerbüchern eröffnen.

Urteilsvermögen mit Kunst schärfen

Der Textilunternehmer, Wirtschaftsethiker und Kunstsammler Thomas Rusche erläutert in seinem Artikel (S. 341-365), inwiefern Kleidungskultur und Kunstförderung die Identität seines Unternehmens SØR Rusche prägt. Schönheit entsteht im Auge des Betrachters. Doch das Urteilsvermögen über Qualität lässt sich gerade an Kunstwerken schärfen, wie Rusche zeigt. Lieblose Massenproduktion versus kenntnisreicher handwerklicher Fertigung. Was sollte bewahrt werden und wo schafft Erneuerung Mehrwert und Sinn, etwa durch den Einsatz von Hightech-Materialien? Erfreulich ist, dass Rusche auch ethisch-moralische Aspekte einbezieht und kurzfristige Gewinnmaximierung in Frage stellt. Wirtschaft trägt heute auch Verantwortung, nicht nur für sich selbst, sondern für die Gesellschaft. SØR bzw. Rusche richtet die Berliner Salongespräche der Sophisten aus und diskutiert mit Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur aktuelle und relevante Themen der Zeit. Er finanziert Kunst und Künstlerförderung, unterstützt Projekte in Indien, die Forschungsgruppe Ethik und Wirtschaft im  Dialog (EWD), lädt regelmäßig zu Kunstgängen durch die SØR Rusche Sammlung in Oelde und Berlin ein und vermittelt seine Ideen und Werte auf dem Blog Kleidungskultur SØR.

 © Frank Radel, Pixelio.de 

Kunst am Bau

Wie entfaltet sich Kunst nicht nur intern in den Räumlichkeiten der Unternehmen? Wie wirkt und strahlt Unternehmenskultur in den öffentlichen Raum hinein? Über Architektur und Lichtinszenierungen beziehen Unternehmen Position, verleihen ihrer Identität und ihrem Selbstverständnis nach außen hin Sichtbarkeit. Im Buch wird am Beispiel des  Europäischen Patentamtes (EPA) in München u. a. die Farborgel des Schweizers Beat Zoderer vorgestellt. Gerade eine international tätige Institution steht vor einer besonderen Herausforderung, über die Kunst zwischenstaatliche Beziehungen und ein friedliches Zusammenleben zu transportieren.

Erkenntnisse

580 Seiten und 30 Autoren bieten einen weiten, vielseitigen Blick auf das Thema „Wirtschaft trifft Kunst“. Der Fokus des Buches liegt auf dem enger gefassten Begriff der bildenden Kunst (nicht: Musik, Tanz, darstellende Kunst u.s.w.), auf unternehmenseigenen Sammlungen und ihren Initiatoren sowie auf den Themen Kunst als Marke, Marketing- und Kommunikationsmittel. Hin und wieder wird auf die gesellschaftsgestaltende bzw. strukturell verändernde Kraft von Kunst verwiesen wird (siehe Hermann J. Kassel).

Was mir persönlich fehlt, sind aktuelle Stimmen abseits der Führungsetagen von Mitarbeitern an der Basis. Gerade deren Persönlichkeitsentwicklung und Motivationsschub durch Kunst wäre besonders aufschlussreich (siehe Filminterviews Mensch und Maschine / Atelier im Unternehmen): Was gibt „normalen Mitarbeitern“ die Begegnung mit Kunst im Unternehmen? Welche Gefühle, Gedanken, Stimmungen lösen Kunstwerke aus? Welche Irritationen oder Aha-Effekte hat Kunst bei Ihnen befördert? Angeboten hätte sich dies etwa im Beitrag über die Aktivitäten der Wimmelforschung für die Innovationsetage Platform 12 von Bosch. 

Kunst muss ihre Relevanz ständig unter Beweis stellen. Daher sollte ihre Breitenwirkung in alle Unternehmensebenen und Etagen nicht außer Acht gelassen werden. Lehmann verweist z. B. auf ein „Kunstexperiment“ bei Bayer von 1979/80, bei dem der Kunsthistoriker Max Imdahl gemeinsam mit Arbeitern über Werke abstrakt-konkreter Kunst diskutierte (S. 44). Interessant wären aktuelle Beispiele, etwa auch zu Corporate Volunteering – angeregt durch Kunst. Ungeachtet dieses kleinen Wermutstropfens ist die Fülle der zusammen getragenen Beispiele verdienstvoll. Jedem Artikel ist eine kurze Zusammenfassung vorangestellt, die neben dem Inhaltsverzeichnis einen ersten Überblick gibt. Eine zusätzliche Orientierung hätte ein Schlagwort-Verzeichnis am Ende des Buches liefern können.

Diese Autoren haben sich mit Beiträgen beteiligt:

Carsten Baumgarth, Stephan Berg, Dirk Boll, Michael Brater (& Anne von  Hoyningen-Huene), Friedrich Conzen (mit Julia Ritterskamp und Olaf Salié), Judith Dobler, Thomas Drescher & Maren Geers von Wimmelforschung, Stephan Frucht, Thomas Huber, Michael Jäger, Hermann J Kassel, Jochen Kienbaum, Barbara Kotte, Ulrike Lehmann, Rupprecht  Matthies, Alexander Marzahn, Hans-Dietrich Reckhaus, Thomas Rusche, Roland Schappert, Agnes Dominique Schofield, Kristine Schönert, Martin Seidel, Thomas Steinruck, Wolfgang Ullrich, Hubertus von Barby, Heike Weber, Stephan Zilkens.

Quelle: Ulrike Lehmann (Hg.): Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut. Springer Gabler 2017.

  © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Künstler in Unternehmen!

So wie es früher einen Narren am Hof gab, der außerhalb aller Regeln agieren und die Mächtigen kritisieren durfte, der die Ereignisse im Staat mal humorvoll, mal zynisch kommentieren konnte, so sollte heute jedes größere Unternehmen einen unabhängigen „Corporate Artist“ engagieren. Künstler in die Wirtschaft! Jedoch nicht ornamental zum „Aufhübschen“, sondern strukturell zum Mit- oder Umgestalten, zum Beobachten und Hinterfragen, als Gast in der Vorstandssitzung und im Kundendialog, als aufmerksamer Zuhörer bei Gesprächen mit Mitarbeitern und Führungskräften, zum Intervenieren, Ästhetisieren, zum Regeln brechen und Ideenschmieden. Alle großen Projekte und Kunstwerke beginnen mit einer kleinen Idee …

„Lernen wir von Künstlern, für sie sind verschiedene Methoden selbstverständlich, die wir in der Wirtschaft gut brauchen können. Zum Beispiel die Methodik des Perspektivenwechsels!“

Klaus Starch, eh. Finanzvorstand der eh. Gericom AG und der dp Projektform AG (siehe auch turn-around)

 © S. Hofschlaeger, Pixelio.de 

Master-Arbeit über Künstlerische Interventionen in Unternehmen

Kürzlich fragte der Master-Student Andreas Hötzel bei mir ein Interview an. Er wollte mich als Expertin zum Thema „Kunst als Intervention“ befragen. Für eine Studienarbeit an der Hochschule München im Master-Studiengang „Business Innovation & Management Consulting“ beschäftigt er sich gemeinsam mit drei Kommilitonen mit diesem Thema, um einen Beratungsansatz zu entwickeln, der künstlerische Interventionen berücksichtigt. Im Gespräch geht es um diese Fragen:

  1. Wie hat sich die künstlerische Intervention in der Wirtschaft in den letzten Jahren entwickelt?
  2. Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung/Nachfrage/Potentiale ein? Gibt es dazu Zahlen?
  3. In welchen Bereichen bzw. Projektphasen wirkt die künstlerische Intervention am effektivsten? Wie genau wirkt sie?
  4. Was macht den Einsatz von Künstlern im Unternehmenskontext im Vergleich zu anderen Vorgehensweisen besonders bzw. effektiv (in Bezug auf die Qualität der Wirksamkeit)?
  5. Worin sehen Sie die wirtschaftliche Bedeutung/Nutzen der künstlerischen Intervention aus Unternehmenssicht?
  6. Wo sehen Sie die Grenzen der künstlerischen Intervention?

Mehr dazu im folgenden Podcast-Interview mit Andreas Hötzel!

Warum sich Kultur nur im Plural denken lässt und wir in einer kulturellen Krise stecken

 © Sweder van Rencin, pixelio.de

Ich freue mich über ein Gastinterview der Journalistin Stefanie Hermann mit dem Wissenschafts- und Kulturforscher Prof. Peter Finke über die Folgen kultureller Verarmung. Ihren jeweiligen Hintergrund und ihr persönliches Engagement möchte ich kurz vorstellen:

Peter Finke engagiert sich seit vielen Jahren für Amateurforschung und Bürgerwissenschaften. Er kritisiert, die Berufswissenschaftler würden den Amateuren nicht auf Augenhöhe begegnen. Das Elite-Basis-Denken stamme – ebenso wie der Begriff Citizen Science – aus der englischsprachigen Profiwissenschaft, die Amateure zu kostenlosen Datensammlern und Zuarbeitern degradiere. Finke war Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld.

Auch der Journalistin Stefanie Hermann liegt die Amateurwissenschaft am Herzen. Für die Aufsatzsammlung „Freie Bürger, freie Forschung: die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm“ – herausgegeben von Peter Finke – schrieb sie den Beitrag: „Wie ich mir meine
Zukunft vorstelle“. Darin berichtet sie von ihrem selbst gewählten Kompromiss, als Amateurwissenschafterin an frei gewählten Themen zu forschen anstelle einer universitären Karriere nachzugehen – mit vielen inhaltlichen, methodischen, organisatorischen und formalen Zwängen.  

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Kulturelle Krise

Frage: Herr Finke, Sie haben in Berlin einen vielbeachteten Vortrag unter dem Titel „Die kulturelle Krise, in der wir stecken“ gehalten. Was meinen Sie damit?

PF: Darf ich erst einmal sagen, wen ich mit „wir“ meine? Ich meine nämlich nicht nur die Deutschen oder die Europäer, sondern in gewisser Weise die ganze jetzt lebende Menschheit, teils als Handelnde, teils als Betroffene. Insbesondere den aktiven Teil, der heute den Gang der Dinge auf der Erde bestimmt.

Frage: Ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen? Wie ist das zu verstehen?

PF: Es geht um etwas ganz Grundsätzliches. Nach der Evolution der Natur, die auf diesem Erdball zu einer ungeheuren natürlichen Vielfalt geführt hat, hat uns die kulturelle Evolution eine neue Vielfalt hinterlassen, die Vielfalt der Sprachen und Kulturen. Man könnte sagen: Kultur kann man eigentlich nur im Plural denken, den Reichtum der kulturellen Vielfalt. Aber was erleben wir jetzt? Wie im Falle der natürlichen Vielfalt wieder das Gleiche: eine einzigartige Vielfaltsvernichtung. Dass wir dies nicht selber schlimm finden, auch nicht nur zulassen, sondern aktiv betreiben: Darin besteht die kulturelle Krise, in der die heutigen Menschen feststecken. Denn es ist eine Riesendummheit, derer wir uns offenbar nicht bewusst sind.

Vernichtung von Vielfalt?

Frage: Aber wir erleben doch eine Epoche der Globalisierung. Alle Kulturen der Erde stehen in freiem Informationsaustausch miteinander in Verbindung. Das Internet bringt uns die Welt in Haus. Wo wird da Vielfalt vernichtet?

PF: Schön wär’s. Was da „Globalisierung“ genannt wird, ist das Ideal, mit dem wir hausieren gehen. Die Realität sieht ganz anders aus. Nämlich so, dass es starke und schwache Kulturen gibt, was nicht verwunderlich, sondern normal ist. Aber daraus folgt eher, dass die stärkeren auf die schwächeren Rücksicht nehmen und ihnen ihre Chancen lassen müssten und nicht das, was heute passiert: ein kulturelles „survival of the fittest“. Das Ergebnis ist, dass wir genau genommen heute nur noch eine starke Leitkultur haben, die ökonomisch definiert ist und die alle anderen platt zu machen versucht.

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Leitkultur: Wall Street?

Frage: Können Sie diese Leitkultur näher beschreiben? Wie äußert sie sich, wer vertritt sie?

PF: Ich rede von „Western Civilization“ oder – wie ich sie lieber nenne – „unserer Wall-Street-Kultur“. Wir vertreten sie und sie äußert sich darin, dass sie nicht mehr einer Vielzahl von Werten und Zielen folgt, sondern im Grund nur einem einzigen: einer ökonomischen Sicht auf die Welt. Alles wird einer ökonomischen Bewertung unterzogen. Und was keinen ökonomischen Wert hat (oder zu haben scheint), ist nichts wert und kann im Grunde entsorgt werden. Es ist ja anscheinend zu nichts nütze.

Frage: Also zum Beispiel die Artenvielfalt, die Biodiversität?

PF: Ja, aber zum Beispiel auch die Sprachenvielfalt. Wozu über 6000 Sprachen, wenn im Internetzeitalter Englisch scheinbar völlig ausreicht. Wem seine Karriere lieb ist, der kommuniziert am besten gleich englisch, ob in den Medien, in der Politik, in der Wirtschaft, überall. Selbst in der Wissenschaft: Warum brauchen wir noch eine Vielfalt an Sprachen, wenn Englisch zur Kommunikation genügt? Warum brauchen wir verschiedene Hochschulsysteme, wenn man alles effizient und einheitlich nach dem Bachelor-Master-Prinzip organisieren kann? In einer solchen Situation schlägt die Bildungsökonomie zu und dekretiert: So geht es am besten, also machen wir es überall so. Oder denken Sie an die vielen regional-kulturellen Märkte, die auf den jeweiligen lokal-kulturellen  Bedarf abgestimmt waren. Sie werden immer mehr durch einen erdweiten Einheitsmarkt mit den Produkten ersetzt, die angeblich alle brauchen. 

Augenhöhe

Frage: Sind Sie gegen die Globalisierung? Und warum sagen Sie „erdweit“ und nicht „weltweit“?

PF: „Erdweit“ sage ich, weil es ehrlicher ist. Die Welt ist weit mehr als die Erde. Aber die Erde ist bisher unser einziger Lebensraum. Wir sollten durch unser Reden nicht so tun, als hätten wir sie nicht mehr nötig. Und selbstverständlich bin ich nicht gegen Globalisierung. Aber was wäre denn das? Es wäre ein erdumspannender Austausch von Informationen, Menschen, ihren Ideen und Gütern, ein kreuz und quer über den Erdball verlaufendes Geflecht des allseitigen Verkehrs, des Lernens und Handelns, an dem alle Kulturen auf Augenhöhe teilhaben könnten, auch die von der Bevölkerungszahl her gesehen kleinen und mittleren. Aktivrolle und Passivrolle, Senden und Empfangen, Geben und Nehmen, kaufen und verkaufen, lehren und lernen müssten bei einer wirklichen Globalisierung ungefähr gleichverteilt sein. Doch das, was wir haben, ist dies nicht, sondern es ist eine sehr einseitige Veranstaltung zum Nutzen der großen Leitkultur, der unsrigen, so, wie  w i r  Nutzen verstehen: als ökonomischen Profit. 

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Gefahr: Homo oeconomicus

Frage: Aber die westliche Zivilisation ist doch durch Errungenschaften wie die Ethik der Bergpredigt oder die Ideen der Aufklärung oder politisch die französische Revolution geprägt. Ist es nicht wirklich zu einseitig, sie nur pauschal als ökonomische Kultur zu interpretieren?

PF: Sie hat leider diese Entwicklung genommen. Was Sie nennen, das waren einmal mehrere kulturelle Traditionen, die verschiedene Wertvorstellungen entwickelt hatten, die dann zusammengewachsen sind: religiös-spirituelle, aufklärerisch-philosophische und politisch-soziale. Dazu sind noch weitere Einflüsse gekommen, die alle zusammen die ursprüngliche westliche Zivilisation bereichert haben, zum Beispiel künstlerische, handwerkliche oder romantische. Deshalb ist es ja so traurig, was daraus heute bei Lichte besehen geworden ist: eine unfreie, wertearme, zukunftsunfähige Jagd nach materiellem Besitz und Macht.

Frage: Kann man von einer Art Doppelzüngigkeit sprechen? Davon, dass wir von westlicher Zivilisation reden, aber ökonomischen Gewinn meinen?

PF: Ja, genau. Oder Reklame, so als sei Kultur eine Wettbewerbsveranstaltung: Wer kann sich am besten verkaufen? Es ist, als hielten wir Schilder hoch, auf denen vorn gut sichtbar steht: Bergpredigt! Aufklärung! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!, aber hinten steht, weniger gut sichtbar: Geld! Macht! Wachstum! Und auf einem steht vorn: Globalisierung! Wie schön! Alle sind beteiligt! Und hinten: Wir vor allem! Der Profit gehört uns!

Universalsprache Englisch: Fluch oder Segen?

Frage: Aber es gibt zum Beispiel die Wissenschaft, damit kennen Sie sich doch aus. Die bildet in der Forschung ein weltweites, pardon: erdweites Netz eng miteinander verwobener Ideen und Projekte aus. Dort ist eine wirkliche Globalisierung gegeben, oder etwa nicht?

PF: Ist sie nicht. Wer so blöd ist, seine Ideen zum Beispiel auf Deutsch und nicht gleich auf Englisch zu publizieren, wird international nicht mehr wahrgenommen. Aber Sprache ist mehr als Kommunikation. Sie ist davor noch Identitäts- und Begriffsbildung. Verschiedene Sprachen eröffnen unterschiedliche Zugänge zur Welt. Die Vorstellung einer wissenschaftlichen Einheitssprache wie sie der Münchner TU-Präsident Hermann geradezu voranpeitscht, ist genau so dumm wie eine Einheitskleidung, Einheitsessen oder eine Einheitspartei. Sie ist undemokratisch und irrational. Wissen ist auch sprachoffen, ein Geflecht aus Ideen, keine Sammlung von Dogmen.

Frage: Verbirgt sich hinter Ihrer Argumentation nicht ein Nationalismus? Warum klagen Sie  darüber, dass auf deutsch veröffentlichte Fachliteratur international nicht mehr echt wahrgenommen wird? Die Anglisierung ist doch eine ganz neue Entwicklung, die immerhin ein Bewusstsein der Internationalität verschafft. Ist das nicht gut?

PF: Nein, es ist falsch. Wer Wissenschaft nicht als Lehrbuchsammlung versteht, findet deutsch formulierte Dogmen genau so schlimm wie solche in anderen Sprachen. Ich fände es richtig, wenn sich möglichst viele verschiedene Sprachen, nicht nur solche der indoeuropäischen Sprachfamilie, zu Wissenschaftssprachen entwickeln dürften. Nur dann bekämen wir einen Eindruck von der Vielfalt der Sichtweisen auf die Welt und der Voreingenommenheit, mit der wir gewöhnlich herumlaufen.

Die Vorherrschaft der englischen Sprache verschafft nur den primitivsten Nationalisten einen schwachen Eindruck von Internationalität; in erster Linie dokumentiert sie die Macht des „american way of life“, der ökonomischen Führungsmacht der politischen Gegenwartsepoche. Sie könnte schneller zu Ende gehen, als vielen lieb wäre. Der dumme Trumpismus des „America first!“ kann jederzeit nach hinten losgehen.

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Effizienz auf Kosten von Qualität und Vielfalt

Neu ist diese Idee von Ökonomisierung der Kultur auch nicht. Der Mönch Wilhelm von Ockham hat bereits im Mittelalter auf Latein das Effizienzprinzip für die Wissenschaft verkündet: entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem; oder deutsch: Vielfalt brauchen wir nicht, wenn wir das Notwendige haben. Heute ist dies die beliebteste Wissenschaftstheorie überhaupt. Die Wissenschaft, die sich soviel auf ihre Rationalität und Offenheit zugute hält, macht den Vorreiter des ökonomischen Effizienzdenkens! Wir sehen: Schon im Mittelalter begann das enge Wirtschaftsdenken, das uns noch heute lähmt. Man könnte auch sagen: das Rationelle besiegte das Rationale. Trump verkörpert dies geradezu.

Immaterielle Werte

Frage: Warum nennen Sie eigentlich unsere ökonomisch beeinflusste Kultur „Wall-Street-Kultur“?

PF: Weil sie das Geld vergöttert. Eigentlich hatte die kulturelle Entwicklung zu einer großen Vielzahl von Werten geführt, die wir weiter hochhalten müssten: ethischen, ästhetischen, sozialen, organisatorischen, emotionalen, spirituellen, rationalen, eben einer kulturellen Wertevielfalt. Ja selbst die ökonomischen Werte allein waren einstmals vielgestaltig: unterschiedlichste Tauschwerte, nichtmonetärer Gewinn, Vor- und Nachteile vielerlei Art, wohlverstandenes Eigeninteresse, Nachbarschaftshilfe usw.

Heute ist davon in der Standardökonomie nur noch der geldwerte Gewinn übriggeblieben, alles andere gilt als ökonomischer Murks oder – noch schlimmer – alternative Ökonomie. Unsere Kultur ist zu einer armseligen monetären verkommen. Der geschasste Manager geht nicht für eine Abfindung von 30 Millionen, aber für 60 nimmt er seinen Hut. Das reicht ihm dann offenbar. Ehrlich gesagt: Mir auch.

Leerstelle Wirtschaftswissenschaft

Frage: Kann man da auch eine Kritik an den Wirtschaftswissenschaften heraushören? Die müssten doch am besten wissen, was Ökonomie ist?!

PF: Ja, diese Kritik dürfen Sie heraushören. Und richtig, die sollten es eigentlich am besten wissen; tun sie aber nicht. Die Wirtschaftswissenschaften haben einen Gutteil der schlimmen Entwicklung mitzuverantworten. Nehmen Sie nur den Arbeitsbegriff. Wieviel ist denn Hausarbeit wert? Kein Bruttoinlandsprodukt kann mit ihr etwas anfangen, denn es fließt in der Regel kein Geld. Da ist es wieder, das Geld. Geld als kulturell entscheidendes Kriterium: dass ich nicht lache!

Bei der Hausarbeit haben es vor allem die Frauen und Mütter auszubaden. Im Grund ist das ein Verstoß gegen unser Grundgesetz. Erst ganz langsam wachsen heute bei den Ökonomen neue Einsichten heran; sie meinen offenbar, sich diese Trägheit leisten zu können. Aber sie täuschen sich, mal wieder. Jetzt bekommen sie zurecht Druck von allen Seiten.

Wandel ist unübersehbar

Frage: Wieso?

PF: Der Wandel ist im vollen Gange. Nur viele von der alten engen monetären Ökonomie Besessene haben es aus Betriebsblindheit noch nicht gemerkt. Für viele Pflanzen- und Tierarten, Dialekte und Sprachen, regionale Märkte und Wirtschaftsformen, kulturelle Varianten und Traditionen wird er zu spät kommen, sie sind wohl unwiederbringlich verloren. Aber nicht für alle.

Es ist wie bei unseren Zähnen: Auch wenn unser natürliches Gebiss nicht mehr ganz komplett ist, ist es besser, die Reste, die noch fest sitzen, zu erhalten. Auch wenn die Verluste an natürlicher und kultureller Vielfalt gravierend sind, lohnt es sich, die noch vorhandenen Reste zu erhalten. Auf einer solchen Basis kann eher eine neue Vielfalt wachsen als dann, wenn sie schon ganz verarmt wäre.

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Früh- und Schulbildung

Frage: Danach wollte ich noch fragen. Wie kommen wir denn jetzt aus dem Dilemma wieder heraus? Denn darum geht es doch. Die Einsicht, dass wir alles falsch machen, kann es ja wohl allein nicht sein. Haben Sie auch eine Idee, was zu tun wäre, um einen Wandel zum Besseren einzuleiten?

PF: Ich denke, das Wichtigste wäre eine viel bessere Bildungspolitik.  Sie entsteht aber nicht von allein, wenn man den Bildungsetat verdreifacht, sondern man muss die bisherigen Fehler erkennen, als solche bezeichnen, abstellen und wirklich neue Ziele ausgeben. Das Geld ist nicht das Hauptproblem; die mangelnde Einsicht in die Falschheit der bisherigen Politik ist es. Es ist atavistisch, die wichtige Zeit vor der Schule mit Kinderaufbewahrung, Bauklötzchen und Trallala zu vertrödeln.

Die grundlegende Weltkenntnis, Sprache und Sprachen werden vor allem in dieser Zeit bereits gelernt. Natürlich kann und soll dies in diesem frühen Alter auch spielerisch geschehen, auch durch Bauklötzchen. Aber was lernen unsere Kinder denn durch die bisher üblichen Methoden? Du sollst ein Sieger werden, dem die Bauklötzchen nicht immer zusammenfallen! Deine Schwester ist deine Konkurrentin, wenn sie es besser kann als Du! So lernen schon Kleinkinder Ökonomie und Effizienz, und das zu privaten Zwecken. Und nach der Vorschulzeit käme die Grundschule, die wichtigste von allen. Hier müssen die besten Lehrer unterrichten, nicht die am schlechtesten bezahlten. Aber sie werden natürlich nicht durch mehr Geld besser, sondern nur durch eine bessere Ausbildung.   

Berufsbildung

Frage: Aber läuft das nicht alles darauf hinaus, dass noch mehr Leute studieren wollen?

PF: Keineswegs. Wenn unsere Schulen wirklich so gut wären, wie sie sein müssten, würden wir zum Beispiel die berufliche Bildung ernster nehmen als heute und die allgemeinbildenden Schulen würden gut gebildete Menschen verlassen, die nicht auch noch alle ein wissenschaftliches Studium benötigen und im Viel-Geld-Verdienen das höchste Ziel sähen. Die flexibel wären, auf Zeit den einen oder anderen Beruf zu ergreifen, und zugleich einen Wert darin sähen, Zeit zu haben. Gegenwärtig produzieren wir zu lebenslangen Spezialisten getrimmte und gehetzte Handlanger oder Lobbyisten mit flottem Mundwerk, die das Geld vergötzen, aber ohne eigene Wertvorstellungen auskommen. Wir bilden heute Leute überwiegend dafür aus, sich als kleine Elite zu fühlen und Dienstleister für andere zu werden.

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Neue Kriterien für Bildung

Frage: Wie sollte denn das Bildungsziel Ihrer Ansicht nach stattdessen aussehen?

Das selbstdenkende, selbständige, mutige Individuum, der demokratische Staatsbürger, der seine Rechte und Pflichten kennt und wahrnimmt, der sich einbringt, wo er etwas beitragen kann und sich wehrt, wo er Wichtiges in Gefahr sieht: Dies wäre ein lohnendes, zeitgemäßes Bildungsziel. Aber den wünscht man sich offenbar nicht. Vor ihm haben diejenigen Angst, die sich als politische Elite begreifen. Die möchten, dass alles beim Alten bleibt, ihr Elitestatus nicht in Gefahr gerät.

Ich schäme mich für eine Wissenschaftspolitik, die Eliteuniversitäten kürt. Tatsächlich haben die heutigen Eliten nur ein günstiges Schicksal erwischt, das sie vorübergehend stärker hat werden lassen als andere. Nicht besser, klüger oder wirklich wohlhabender.  Nur mächtiger, wortgewandter, bloß monetär reicher, eine Gesellschaft von Cleverles: eben Repräsentanten der „Wall-Street-Kultur“. Wenn Sie sich die Mühe machen, genauer hinzusehen, werden Sie unter dieser oberflächlichen Lackierung Hunderte, ja Tausende wirklich kreativer Menschen entdecken, die Geld zwar zum Lebensunterhalt benötigen, oft darin auch sehr knapp sind, aber damit keine großen Lebensziele verbinden. Was sie interessiert, machen sie ohnehin ehrenamtlich, weil es ihnen Freude macht, weil sie es wichtig finden, naheliegend, nötig. Sie sind unsere kulturellen Vorbilder für die Zukunft. 

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Peter L. W. Finke (* 1942) war ab 1982 Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld und zwischendurch zusätzlich einige Jahre Gregory-Bateson-Professor für Evolutionäre Kulturökologie an der Privatuniversität Witten-Herdecke. Er hat seinen Lehrstuhl 2005 aus Protest gegen die von Politik und Wirtschaft durchgesetzte sog. „Bologna-Reform“ der Universitätsstrukturen freiwillig aufgegeben und ist seither als Gastprofessor  an verschiedenen Institutionen im In- und Ausland tätig gewesen. In den letzten Jahren ist er vor allem als Verteidiger der freien Amateurwissenschaftler bekannt geworden.

  • Peter Finke: Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien, Oekom Verlag 2014.
  • Peter Finke (Hg.): Freie Bürger, freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeiturm. Originalbeiträge von 36 Autorinnen und Autoren. Oekom Verlag 2015.
  • Peter Finke: Lob der Amateure. Warum Wissenschaft die Laien braucht (in Vorbereitung).

 

Workshop: Agiles Arbeiten – Methoden für den Wandel

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Der digitale Wandel hat verwirrend viele Schlagworte in Umlauf gebracht: New Work, Agiles Arbeiten, Design Thinking, Scrum, Kanban, VUCA bzw. VUKA, Daily StandUp, Retrospektiven, TEAL und LEAN. Ich habe einen Workshop in Berlin besucht und gebe gemeinsam mit den beiden Trainern und Experten Alexander Schaaf und Valentin Nowotny Einblicke, welche Methoden Sie auf Ihre eigene „Neue Arbeit“ übertragen können. 

Sinn und Zweck agiler Arbeit

„Zeit ist Geld!“ – Bis heute scheint dieses Zitat von Benjamin Franklin gültig zu sein, es fand Eingang in sein 1748 erschienenes Buch „Ratschläge für junge Kaufleute“. Der Staatsmann, Erfinder und Verleger sprach aus eigener Erfahrung! Dennoch wäre die Frage damit zu knapp beantwortet, warum agile Denkweisen und Arbeitsmethoden in keiner Organisation bzw. Institution mehr fehlen sollten. Agil heißt – abgeleitet aus dem Lateinischen – flink, beweglich, flexibel. Dem Innovations- und Kostendruck lässt sich mit agilen Prinzipien Paroli bieten, nicht  nur im Umfeld des digitalen Wandels, indem Projekte …

a) schneller und kostengünstiger, h. effizienter umgesetzt werden, was durch eine permanente, direkte und reibungslose Kommunikation innerhalb flacher Hierarchien gelingt

b) qualitativ erfolgreich verlaufen, d. h. effektiver, damit alle Projektbeteiligten mit den Ergebnissen zufrieden sind.

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Agil in allen Branchen

Mit agilen Methoden sollen qualitativ hochwertige und innovativere Produkte und Dienstleistungen schneller und kostengünstiger entstehen. An Prinzipien des LEAN-Managements bzw. der Lean-Produktion angelehnt werden agile Methoden auch in andere Bereiche übertragen, z.B. in das Baugewerbe, in die Logistik, die Gesundheits- und Werbebranche, Software und IT, in die Verwaltung sowie in diverse Innovations- und Entwicklungsprojekte bei Banken, Versicherungen und im weiteren Umfeld des Dienstleitungssektors.

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Workshop mit Selbsterprobung, Praxisnähe und Vielfalt

Mit diesen Einblicken eröffneten die beiden Experten Alexander Schaaf und Valentin Nowotny den zweitägigen Workshop Agiles Arbeiten: Big FiveScrum, Kanban, Daily StandUp, Retrospektive, Design Thinking. In kurzen, informativen Impulspräsentationen konnten die Teilnehmer die vorgestellten Methoden nicht nur theoretisch kennenlernen. Die Workshopleiter sorgten mit angewandten und interaktiven Übungen sowie einer Vielzahl kreativer, agiler Games dafür, dass die Teilnehmer „lebendig“ und aufmerksam blieben und jedes Modul praktisch erproben, simulieren und „durchspielen“ konnten.

Die Teilnehmer kamen aus verschiedenen Branchen, u. a. Coaching und Beratung, Berufsgenossenschaft, Personalentwicklung, Erwachsenenbildung, Onlinemedien, Verlagswesen. Auf diese Weise sorgten sie mit unterschiedlichen Erfahrungen für sich gegenseitig befruchtende Perspektiven.  

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Vielseitige kompetente Workshopleiter

Agile Teams sollten gut ausgebildet, multidisziplinär und in den Persönlichkeitsmerkmalen vielfältig aufgestellt sein. Genau diese Voraussetzungen erfüllte das professionelle Workshop-Tandem mit Alexander Schaaf und Valentin Nowotny. Beide ergänzten einander kompetent und wertschätzend mit wissenswerten Impulsen sowie in den spielerischen Modulen mit humorvollen und lockeren Kommentaren. Schaaf und Nowotny beendeten jedes neue Thema bzw. Spiel mit finalen „Learnings“ und trugen sie als Fazit gemeinsam mit den Teilnehmern auf Moderationskarten zusammen.

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Als erfahrener Moderator, Trainer und zertifizierter Scrum Master, darüber hinaus zertifiziert in Management 3.0  und Kanban, bringt Alexander Schaaf seine umfangreichen Praxiserfahrungen in den Workshop ein. In seiner aktuellen Tätigkeit als Trainer, Moderator und freiberuflicher Scrum Master beschäftigt sich Schaaf mit zwei Fragestellungen: a) „Wie lernen Organisationen agil zu werden?“ b) „Wie lernen Menschen in zunehmend agilen Organisationen?“.

Valentin Nowotny schärft als Psychologe den Blick für zwischenmenschliche Vorgänge und wirkt als inspirierender Workshoptrainer. Er war zuvor als Projekt- und Account-Manager bei verschiedenen IT- und Beratungsunternehmen tätig. Aktuell ist er als professioneller Trainer für die Themen Agilität, Führung und Verhandlung tätig, er ist zudem Autor des Buchs Agile Unternehmen sowie der Website Agile Teams. 

Das folgende Interview mit den beiden Workshopleitern entstand spontan im Anschluss an den ersten Workshop-Tag. 

Agile Games

„Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.“ Frei nach Konfuzius sorgten im Workshop agile interaktive Spiele und haptische Gegenstände dafür, dass die Teilnehmer die Theorien verinnerlichen und be-greifen konnten. Jedes agile Game bot spezielle Aha-Effekte und Erkenntnisse, z. B.

Marshmallow-Spaghetti-Turm: try and error, d. h. agil bauen, provisorisch ausprobieren, rasch testen und verbessern versus langfristig, überdimensioniert planen und aufwändig, überdetailliert konstruieren.

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Kanban Pizza Game: Prinzip des dreiteiligen Kanban Boards verstehen, Abläufe effizienter gestalten, mit Ressourcen bzw. Material wirtschaftlich umgehen, zu jedem Zeitpunkt die Herstellung auf andere Produkte umstellen können, klare, direkte bzw. persönliche Kommunikation zur gegenseitigen Abstimmung.

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Ball Point Game: realistische Beurteilung der eigenen Leistungsfähigkeit als Team, iterative Verbesserungen durch mehrere Durchläufe sind besser als zeitaufwändige Planungen, als Team einen gemeinsamen Rhythmus finden, direkte Kommunikation zwischen Partnern im Team.

Warum heute agiler als früher?

Unternehmen und Organisationen mit klassischen bzw. traditionellen Strukturen arbeiten meist prozessorientiert (z. B. Automobilindustrie, Behörden) oder projektabhängig (z. B. Bauindustrie, Kreativbranche, Hilfsorganisationen, NGOs) oder in Mischformen. Wenn starke Hierarchien bestehen, sind lange, zeitaufwändige Abstimmungsprozesse nötig, die das Fortschreiten der Prozesse und Projekte immer wieder aufhalten, umso mehr wenn Modifikationen notwendig sind, etwa durch unerwartete Ereignisse oder sich ändernde Kundenwünsche.

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VUCA-Welt heute

Schwarz-Weiß ist vorbei. Wir müssen uns von Bewährtem lösen. Unsere Welt ist vielschichtig und zuweilen verwirrend geworden. Viele Menschen fühlen sich überfordert. Einfache Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung existieren nicht mehr. Langfristige Prozesse und Vorhaben lassen sich schwer planen. Zu viele Unwägbarkeiten bringen Pläne durcheinander. Die aktuellen Herausforderungen spiegeln sich in dem Akronym VUCA wieder:

  • Volatility = Volatilität (flüchtig, verdunstend, Bsp. schwankende Aktienmärkte usw.)
  • Uncertainty = Unsicherheit (Bsp. Arbeitsplatz, Arbeitszeiten, Konsumentenwünsche, Wettbewerber usw.)
  • Complexity = Komplexität (Bsp. Technologien, Digitalisierung, disruptive Geschäftsmodelle)
  • Ambiguity = Mehrdeutigkeit (Bsp. Medienkonsum: gut oder schlecht, Privatschule versus öffentliche Schule, Stadt versus Land, Mensch versus künstliche Intelligenz)

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Strategien gegen Unsicherheit

Die Abkürzung VUCA schuf das US-Militär. Es war zu der Erkenntnis gelangt, dass die geopolitische Lage zunehmend instabil, unvorhersehbar und kaum einschätzbar sein, auch im Hinblick auf die Dauer der unsicheren Situation. Doch wie stellen wir uns dem Ungewissen?

  • indem wir unsere Perspektive wechseln, ein Problem von verschiedenen Standpunkten betrachten (Wie denken Terroristen?)
  • indem wir uns bewusst auf unbekanntes Terrain begeben, dort Erfahrungen, Erkenntnisse und Inspirationen sammeln (Wie tickt das Silicon Valley?)
  • indem wir in kürzeren Abschnitten denken anstatt große, langfristige Pläne zu schmieden (Wir machen erst mal eine kurze Reise ins Silicon Valley, lassen uns inspirieren und schauen, was sich daraus ergibt.)
  • indem wir drei Szenarien durchspielen und uns so gedanklich wappnen: der beste Fall, der schlechteste Fall, der Durchschnittsfall
  • indem wir uns bewusst sind, dass wir nicht alles kontrollieren können
  • indem wir mutig und gelassen sind und unseren Fähigkeiten vertrauen

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Theorie und Praxis: kompliziert und komplex

Ein spannender Austausch im Workshop entstand um die Frage, was kompliziert und was komplex sei. Die Unterschiede wurden durch praktische Beispiele rasch klar:

a) Eine Uhr an sich ist kompliziert, der Markt für Uhren jedoch komplex. Komplex wird es immer dann, wenn Menschen ins Spiel kommen. Oder anders gesagt: Die Theorie ist komplizierT, die Praxis ist komPlex, wenn der Mensch eingreift.

b) Ein Workshop ist kompliziert: Er lässt sich lässt zwar in der Theorie planen. Doch wenn in der Praxis der Mensch hinzukommt, wird der Workshop komplex. Wie Menschen entscheiden und sich verhalten, ist unwägbar. Menschen lassen Dynamiken entstehen, die nicht vorhersehbar sind. Sie können jeden noch so wohldurchdachten Plan komplett über den Haufen werfen. Genau aus diesem Grund scheitern 70 % der Projekte an (schlechter) Kommunikation und weichen (menschlichen) Faktoren. Lehrer kennen das aus leidvoller Erfahrung.

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Resilienz

Wenn wir gedanklich auf alles vorbereitet sind, können wir weniger überrascht werden. Wenn wir hingegen nur einen Plan und dessen mögliche Folgen vor Augen haben, können Änderungen uns schnell aus der Bahn werfen. Je flexibler wir sind, umso stärker ist unsere Resilienz, unsere innere Widerstandskraft. Wenn sich Voraussetzungen ändern, können wir rasch und flexibel darauf reagieren. Wenn wir beharrlich an alten Plänen festhalten und uns innerlich entgegenstellen, macht uns dieser zwecklose Kampf auf Dauer mürbe.

Antwort auf neue Herausforderungen

Agiles Arbeiten ist zusammengefasst eine Reaktion auf neue Herausforderungen und neues Denken, auf digitalen Wandel und eine Arbeitswelt, die mehr Geschwindigkeit, Flexibilität und multi- sowie transdisziplinäre Zusammenarbeit braucht. Nach mehr Effektivität und Effizienz streben auch die neuen nach 1977 geborenen Teammitarbeiter der Generation Y, die Teilhabe bzw. Selbstorganisation, Teamarbeit auf Augenhöhe und permanentes Feedback fordert. Selbstoptimierung und lebenslanges Lernen sind Triebkräfte für agiles Arbeiten.

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Agiles Manifest

Vordenker für neue Bedarfe in der Arbeitswelt waren 17 US-amerikanische IT-Entwickler. Ihre Innovation: Sie rückten die Zufriedenheit des Kunden in den Fokus und formulierten im Februar 2001 in einem Agiles Manifest vier zentrale Kriterien: „Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte (neu) zu schätzen gelernt:

  • Teammitarbeiter und deren Interaktionen sind mehr als Prozesse und Werkzeuge: Es geht um Kommunikation und Psychologie
  • Funktionierende Software ist mehr als umfassende Dokumentation: Es geht um Visualisierung und Einfachheit 
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden ist mehr als die Vertragsverhandlung: Es geht um Nutzererfahrungen und Perspektivwechsel
  • Reagieren auf Veränderung ist mehr als das Befolgen eines Plans: Es geht um iteratives Vorgehen = überschaubare Schritte, rasches Reagieren, Testen, Abwandeln

Agile Werte

Basis für agiles Arbeiten ist, dass sich alle im Team auf gemeinsame agile Werte stützen:

  • #1: Einigkeit über das gemeinsame Vorgehen
  • #2: überschaubare Strukturen, kleine Teams
  • #3: Feedback
  • #4: Fokussierung
  • #5: Kommunikation und Bindung
  • #6: mutiges, beherztes Vorgehen
  • #7: Offenheit
  • #8: Respekt und Wertschätzung

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Teamgröße und Zusammensetzung

Das optimale agile Team besteht aus 7 Mitarbeitern (plus/minus zwei). Nach Erkenntnissen aus der Lernpsychologie können wir uns bis zu sieben Dinge optimal merken. Idealerweise sollte das Team multidisziplinär zusammengesetzt sein, damit sich verschiedene Kompetenzen und Persönlichkeiten ergänzen und gegenseitig befruchten. In der IT-Branche sind es z. B. Konzepter, Entwickler, Software-Architekten, Designer, technische Redakteure und Tester.

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Kanban

Kanban (japanisch: „Karte“, „Tafel“ oder „Beleg“) entstand schon in den 40er Jahren in Japan beim Automobil-Hersteller Toyota, um den Produktionsprozess zu steuern, zu verbessern und Lagerbestände zu reduzieren, kurz TPS (Toyota Production System). Mitarbeiter sollten die Wertschöpfungskette auf einen Blick erfassen: von der Kundenbestellung über den Materialfluss bis hin zur Fertigung und Auslieferung. Kanban soll den kontinuierlichen Arbeitsfluss (Flow) sichern. Die Methode eignet sich vor allem für die Reihenfertigung. Die Workshopteilnehmer konnten dies im agilen Game Pizza-Kanban praktisch erproben.

Visualisierung

Mehrere Durchläufe beim Pizzabacken gaben den Teilnehmern die Chance, ihr Tun zu professionalisieren, effizienter (Materialressourcen) und effektiver (gleichmäßige Verteilung der Zutaten auf der Pizza) zu gestalten. Durch Selbstermächtigung entscheidet sich im Team, wie fokussiert, transparent, flexibel und schnell das Projekt realisiert wird. Dabei hilft eine Tafel (Kanban) mit drei bzw. vier Spalten: Jeder kann auf einen Blick sehen:

  • was „noch zu tun” ist (to dos)
  • was „in Arbeit” ist (doing)
  • was „fertig” ist (done)
  • was „in Warteposition“ ist

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Transparenz

In die drei Spalten werden Haftnotizen für die jeweiligen Arbeitsvorgänge geklebt. Sie können jederzeit in andere Spalten umsortiert werden – je nach Prozessfortschritt. Die Spalten machen jedem die Abhängigkeiten zwischen den Arbeitsschritten deutlich bzw. gewährleisten Transparenz, das implizite Wissen der Mitarbeiter. Haftnotizen mit besonderen Farben kennzeichnen Prioritäten. Werden Aufgaben verschoben oder sind sie erledigt, kommen die Teammitglieder erneut ins Gespräch, geben einander Rückmeldung oder fragen nach. Das Drei-Spalten-System ist u. a. auch in das Online-Tool Trello eingeflossen.

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Scrum

Scrum (englisch: [geplantes] Gedränge) leitet sich von einer Standardformation bzw. Strategie im Rugby ab. Kleine selbst organisierte Einheiten innerhalb des Teams schirmen ihre Mannschaftskollegen ab, die den Ball in Bewegung halten und taktisch die passende Gelegenheit für den nächsten Sprint über die Ziellinie vorbereiten.

Rollenverteilung

Wie beim Kanban geht es auch bei Scrum um Transparenz. Orientierung und Rahmen bieten drei Rollenmodelle: Product-Owner, Scrum-Master und Team. Jeder übernimmt konkrete Planungsrituale (Meetings) und Planungsergebnisse (Artefakte). So wie das Produkt wird auch die Planung ständig schrittweise überarbeitet, verfeinert (iterativ) sowie ggf. mit neuen Bestandteilen ergänzt und angepasst (inkrementell). Die Arbeitszyklen (Sprints) umfassen einen Zeitraum von ein bis vier Wochen.

Der Product-Owner steuert (im Auftrag des Kunden) den langfristigen Plan (Product Backlog). Er leitet das Meeting für den nächsten Arbeitszyklus mit der konkreten Aufgabenliste (Sprint) und entscheidet, was erarbeitet wird. Er ist für den Erfolg des Projekts und dessen Rentabilität verantwortlich.

Der Scrum-Master steuert die Arbeitsschritte im Detailplan (das Sprint Backlog). Et leitet das Daily Meeting und entscheidet, wie gearbeitet  wird. Er stellt sicher, dass alle im Team den Prozess verstehen, ihn einhalten und jeder ungestört arbeiten kann. Er hilft dem Team ggf. dabei, diagnostizierte Hürden zu überwinden.

Das Team greift sich nach eigenem Ermessen aus dem langfristigen Plan des Product Owners Teilaufgaben heraus, die es in der vorgegebenen Zeit realistischerweise umsetzen kann. Die Aufgaben werden eigenverantwortlich an die einzelnen Teammitglieder verteilt. Fortschritte aus dem Detailplan hält das Team grafisch in der Dokumentation, dem Burn-Down-Chart, fest. Die ein- bis vierwöchigen Arbeitsphasen (Sprint) werden vom Team im Rahmen des Sprint Review-Meetings reflektiert.

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Sprint Review

Am Ende einer Sprint-Phase, meist nach zwei Wochen, wird das Ergebnis der Arbeitsphase im Beisein des Product Owners für alle Beteiligten sichtbar vorgestellt, z. B. in Form eines Demos. Auch Stakeholder, Kunden, Nutzer usw. können anwesend sein und Feedback geben.

Retrospektive

Der Sprint Review folgt die Retrospektive, um Prozesse und Emotionen transparent darzustellen, zu reflektieren und zu diskutieren. Wichtig ist dabei ein atmosphärisches Umfeld von Wertschätzung und Vertrauen. Eine Retrospektive dauert in der Regel anderthalb Stunden. Die Qualität des Scrum-Prozesses wird hinterfragt, bisherige Arbeitsprozesse und Methoden werden überprüft, z. B. über drei reflektierende Fragen:

  • Wie ist es dem Team ergangen?
  • Welche Werkzeuge sind praktikabel?
  • Welche neuen Erfahrungen können in die nächste Arbeitsphase mitgenommen werden?

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Eine Retrospektive kann in diesen sechs Abschnitten ablaufen:

  • Intro 5 Minuten
  • emotionales Stimmungsbild 10 Minuten
  • Wann ging es Euch gut? Belegbar anhand eines Zeitstrahls / einer Fieberkurve 20 Minuten
  • Erkenntnisse sammeln 20 Minuten
  • Was soll in den nächsten Sprint überführt werden, was wird eliminiert? 20 Minuten
  • Cool down Phase 15 Minuten

Die Teammitglieder kommen gemeinsam zu neuen Erkenntnissen, können ihr zukünftiges Handeln anpassen, ggf. erlebte Hürden überwinden. Basis für Retrospektiven sind Mut, Vertrauen und eine gelöste offene Atmosphäre. Ist dies gewährleistet, können ggf. auch Führungskräfte an Retrospektiven beteiligt werden. Mit Beginn des nächsten Sprints wählt das Team neue Aufgaben aus dem langfristigen Plan (Product Backlog) des Product-Owners.

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Daily Meeting und StandUp

Fester Bestandteil (Ritual) agiler Methoden, so auch bei Kanban und Scrum, ist das tägliche StandUp. Es ist Voraussetzung für zielorientiertes Arbeiten. Bei diesen Zusammenkünften im Stehen, die bis zu 15 Minuten dauern, beantwortet jedes Teammitglied in jeweils 90 Sekunden drei Fragen:

  • Was habe ich gestern erreicht?
  • Was will ich heute umsetzen?
  • Welches Problem hat sich ergeben und wo brauche ich konkret Unterstützung?

Scrum und Kanban im Vergleich

Scrum ist umfangreicher als Kanban durch die Rollenverteilung und die zeitlich verbindliche Taktung in tägliche bzw. zeitlich wiederkehrende Rituale (Zähneputzen). Bei Kanban ist die Rollenverteilung nicht vorgeschrieben, eine Einteilung in Sprints, Reviews und Retrospektive gibt es hier nicht. Grundsätzlich können Elemente aus Kanban und Scrum aber miteinander kombiniert werden.

Design Thinking

Beim Design Thinking steht der Nutzer klar im Mittelpunkt, d. h. die Wünsche des Kunden werden mit Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit verbunden. Ein kleines, agiles, interdisziplinäres Team arbeitet hierarchiefrei und selbstbestimmt in einem mehrstufigen Prozess zusammen. Er gliedert sich in sechs Phasen:

  • Sachverhalte verstehen und beobachten, z. B. durch Recherchen und Interviews
  • Probleme exakt definieren
  • Lösungsansätze finden bzw. Ideen entwickeln
  • Prototypen entwerfen
  • Ideen vom Nutzer testen lassen
  • Lösungsansätze weiter verbessern, ggf. auch mehrfach

Prototyp

Die Teammitglieder identifizieren gemeinsam ein Problem, entwickeln Ideen und Lösungsansätze und präsentieren schon nach wenigen Tagen einen improvisierten Prototypen. Es geht gerade nicht um das perfekte Modell, sondern darum rasch herauszufinden, ob der Lösungsansatz in die richtige Richtung geht. Der Nutzer bzw. Kunde testet schon im Frühstadium seine Gebrauchstauglichkeit. Das schnelle Feedback spart Zeit und Kosten und reduziert das Risiko. Das Team bessert dann schrittweise nach, bis der Kunde zufrieden ist. Das Hasso-Plattner-Institut hat die kreative Methode bekannt gemacht und vermarktet sie (siehe Agent of Change).

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Praxis Design Thinking im Workshop

Die Aufgabenstellung im Workshop: „Denkt Euch zwei konkrete Personen (Persona: männlich/weiblich) aus, beschreibt sie möglichst genau. Überlegt dann, welche innovative Geldbörse zu dieser Person passen und ein konkretes Problem für diese Person lösen könnte. Sammelt Ideen, wandelt sie ab (Scamper-Methode), entwerft einen Prototyp und präsentiert ihn. Die Ergebnisse waren schrill und kreativ: Für den schüchternen Robert entstand eine sprechende Geldbörse, die Frauen Komplimente machen soll. Für die selbstbewusste Modedesignerin Ella wurde ein Origami-Portemonnaie entworfen, das modulativ und vielfältig umgenutzt werden kann, z. B. als Lampenschirm oder Tasche.

Design Thinking findet seine Weiterführung im Ansatz, alles schlank, d. h. LEAN zu gestalten: von Denkprinzipien, Methoden und Verfahrensweisen über schlankes Management bis zum Basis-Produkt. Mehr dazu demnächst in diesem Artikel: Wir sind die Firma, alle sind Chefs: Selbstorganisierte Teams.

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Fazit zum Workshop: Sehr empfehlenswert!

Alexander Schaaf und Valentin Nowotny boten einen zweitägigen Workshop, der informativ, verständlich, interaktiv, spielerisch, beispielgebend, abwechslungsreich, kompetent, mit professionellem Zeitmanagement und einer guten Portion Humor geführt war. Auch die Anteile von Theorie und Praxis hatten die beiden Trainer gut austariert. Zur positiven Atmosphäre im Workshop trug darüber hinaus die Idee von Schaaf und Nowotny bei, sich in Reaktion auf das Workshopgeschehen einander wertschätzende Kudo-Kärtchen zu schreiben und für alle sichtbar und lesbar an die Pinnwand zu heften (Kudo = griechisch: Ruhm, Ehre, Anerkennung).

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Übersichtliche Visualisierungen, viele davon erstellt von Alexander Schaaf, trugen zusätzlich zum Verständnis und zum schnellen Erfassen des umfangreichen Stoffes bei. Mit zahlreichen Metaphern prägten sich die Informationen leichter ein: Segelboot, ziehen und bremsen, Druck und Sog, Reisen mit dem Koffer, Ballast abwerfen, Troika – das Gute, das Böse, das Hässliche. Stellvertreter Klaus als Schutz-Vehikel für eigene Empfindungen usw. Wichtige psychologische Aspekte wurden von Valentin Nowotny kompetent eingestreut, u. a. zum Thema zwischenmenschliche Beziehungen, Kommunikation, Team-Mechanismen und laterale Führung.

Lean und Teal

Hier mehr: LEAN und TEAL – Wir sind die Firma, wir alle sind Chefs

 © key2know / NowConcept

Service und viel Zusatznutzen

Weitere Informationen liefern Schaaf und Nowotny auf ihren Online-Portalen: über die Plus-Plattform AgileTeams sowie über ihre Blogs key2know und NowConcept, dort sind auch Termine und Preise zu zukünftigen Workshops zu finden. Eine interne Plattform, die key2know zugeordnet ist, können sich die Teilnehmer auch nach dem Workshop weiter miteinander vernetzen und austauschen. Ein Zertifikat belohnt die Teilnehmer am Ende für ihre aufmerksame und aktive Mitarbeit.

Der Workshop fand übrigens im Juggle Hub statt, einem familienfreundlichen Coworking Space in der Christburger Straße in Berlin. Er bietet nicht nur Räume zum gemeinsamen Arbeiten und lebenslangen Lernen, sondern bei Bedarf auch eine flexible Kinderbetreuung.

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Erklärtrickfilm: Agiles Arbeiten

 

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Grundeinkommen wählen bei der Bundestagswahl 2017

 © I-vista, pixelio.de

Wer das bedingungslose Grundeinkommen befürwortet, kann am 24. September 2017 seine Zweitstimme der Ein-Themen-Partei Bündnis Grundeinkommen“ geben.  Mit der Zweitstimme können wir dafür sorgen, dass das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) endlichvon der Politik ernst genommen und diskutiert wird. 

Aussichten für Grundeinkommen

Dass die BGE-Partei in die deutschen Landesparlamente einziehen könnte, ist durchaus realistisch, denn laut einer EU-Umfrage zum Grundeinkommen, erstellt im Frühjahr 2017 vom Meinungsforschungsinstitut Dalia Research, befürworten sowohl in Deutschland als auch in der gesamten EU 68 % der Bevölkerung ein Grundeinkommen, mit wachsender Tendenz. Andere Umfragen kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Spiegel / Absatzwirtschaft  

 © Siegfried Fries, pixelio.de

Problem Direktkandidatur

Eine Erststimme wäre nur dann wirksam, wenn wir einen Direktkandidaten der BGE-Partei oder einen parteilosen BGE-Protagonisten aus dem eigenen Wahlkreis in den Bundestag schicken könnten. Doch so gut wie keine der nicht-etablierten Parteien hat Direktkandidaten für die Erststimme aufgestellt. Und zwar deshalb, weil – wie in Amerika – auch in Deutschland das (undemokratische?!) Prinzip gilt „The winner takes it all“. Das bedeutet: Nur der Kandidat mit den meisten Stimmen im Wahlkreis darf direkt in den Bundestag einziehen. Weil in der Regel nur etablierte Parteien die meisten Stimmen im Wahlkreis erhalten, nehmen Kleinparteien von Direktkandidaten Abstand.

Parteilose Direktkandidaten

2013 gab es in Hamburg drei parteilose Direktkandidaten für das Grundeinkommen: Spiegel

Wer sich selbst als parteiloser Direktkandidat für das bedingungslose Grundeinkommen aufstellen lassen möchte, z. B. für die Bundestagswahl 2021, erfährt hier Näheres über die Voraussetzungen: Erstimme Grundeinkommen

 

Ausführliche Informationen zum Bedingungslosen Grundeinkommen:

Teil 1: BGE – Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln

Teil 2: BGE – Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

Teil 3: BGE – Was das Grundeinkommen für die Kreativszene bedeuten würde …

Kultur- und Kreativwirtschaft vor der Bundestagswahl 2017

 © MassivKreativ

Der Bundesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Deutschland – Kreative Deutschland – setzt sich für die Förderung und Wahrung der Interessen der hiesigen Kultur- und Kreativwirtschaft ein. Darunter fällt insbesondere die Förderung der Akzeptanz von Unternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, ihre bessere Wahrnehmung und Sichtbarkeit sowie die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Kreativschaffenden. Die Erarbeitung von Standards für die Branche ist ein besonderes Anliegen.

Aus diesem Grund hat der Bundesverband eine Reihe von Fragen erarbeitet, die in Form von Wahlprüfsteinen bundesweit an die Spitzenkandidaten der politischen Parteien übermittelt wurden. Versandt wurden die Fragen über Kultur- und Kreativschaffende aus dem Netzwerk der „Kreative Deutschland“.  

Die Politiker waren aufgefordert, die folgenden Fragen im Sinne der Positionen ihrer Partei zu beantworten, sowohl von ihren wirtschaftspolitischen als auch kulturpolitischen Sprechern.

 © Kreative Deutschland

Wahlprüfsteine

Die nachfolgenden Wahlprüfsteine hat der Branchenverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Deutschland – Kreative Deutschland –  entwickelt, um sie den aktuell im Bundestag vertretenen Parteien (inklusive der FDP) zur schriftlichen Beantwortung vorzulegen. Die Antworten der Parteien werden in der Woche vor der Wahl, ab dem 11. September 2017, auf den Website von Kreative Deutschland unbearbeitet veröffentlicht.

Stellenwert der Kreativbranche im Parteiprogramm

Frage 1: In den vergangenen Jahren wuchs insbesondere durch die Arbeit der Kultur- und Kreativwirtschaftsverbände in den Städten, Regionen und Ländern Deutschlands sowie durch die Mitglieder des Netzwerks öffentlicher Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland die volkswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Anerkennung der aus vielen Kleinst- und
Einzelunternehmen bestehenden Kreativökonomie. Welchen Stellenwert nimmt die Branche im Programm Ihrer Partei ein?

Investitionen für die Kreativbranche

Frage 2: Die Initiative Kultur und Kreativwirtschaft der Bundesregierung hat zum Ziel, „die Wettbewerbsfähigkeit der Branche zu stärken und die Erwerbschancen innovativer kleiner Kulturbetriebe sowie freischaffender Künstlerinnen und Künstler zu verbessern“. Seit Abschluss der Regionalberatungen 2014 findet jedoch keine direkte Förderung der Akteure im Rahmen des Programms mehr statt. Wie beabsichtigt Ihre Partei die vorhandenen Bundesmittel zukünftig einzusetzen, um insbesondere die Akteure vor Ort zu unterstützen?

Netzwerkförderung

Frage 3: Zahlreiche Studien zur Branche kommen zu dem Ergebnis, dass die Zusammenarbeit in Netzwerken für die kleinteilige Branche der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg der Akteure ist. Dennoch erhalten die meisten Netzwerke keine institutionelle Förderung. Welche Position vertritt Ihre Partei beim Thema Netzwerkförderung?

Nichttechnische und sozialer Innovationen

Frage 4: Innovationsförderung bezog sich in Deutschland bislang bislang vor allem auf Investitionsförderung bei technischen Innovationen. In der aktuellen Studie über Ökonomische und verwaltungstechnische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von nichttechnischen Innovationen im Auftrag des BMWi liegen „Schwerpunkte der Untersuchung auf der Kreativwirtschaft“ (z.B. Gamesbranche), der Energiewirtschaft, der digitalen Gesundheitswirtschaft sowie auf weiteren „digital industries“ (S.4). Damit werden breiten nichttechnischen und sozialen Innovationen der Kultur- und Kreativwirtschaft eine geringere Priorität eingeräumt. Welchen Fokus
legt Ihre Partei bei der zukünftigen Förderung von nichttechnischen Innovationen?

Urheberrechte und Leistungsschutz

Frage 5: In den vergangenen Jahren fand in Deutschland und Europa eine intensive Auseinandersetzung über den Schutz von Urheberrechten im digitalen Zeitalter statt. Diese Diskussion ist für die Kreativökonomie, zu der sowohl Urhebende (bspw. JournalistInnen,
KomponistInnen, TexterInnen) als auch Verwertende (z.B. Blogger, DJs) gehören, von hoher Bedeutung. Welche Standpunkte vertritt Ihre Partei in Bezug auf den Urheber und Leistungsschutz?

Altersvorsorge

Frage 6: Anders als für abhängig Beschäftigte gibt es für junge Selbständige und UnternehmerInnen keine attraktiven Angebote zum Aufbau einer Altersvorsorge. Wie möchte Ihre Partei diese Situation ändern?

Künstlersozialkasse

Frage 7: Viele schöpferisch tätigen KreativunternehmerInnen sind in der Künstlersozialkasse (KSK) abgesichert. Wie möchte Ihre Partei das System der Sozialversicherung für diesen Personenkreis künftig gestalten?

 

Die Antworten der Parteien stehen auf der Website „Kreative Deutschland“ unverändert zum Download zur Verfügung:

CDUSPD / Die LINKEN  / BÜNDNIS90/Die GRÜNEN  / FDP

 

Übrigens: Auch der BBK – der Bundesverband bildender Künstler – hat in seinem Heft 2-2017 zur Bundestagswahl Fragen an die Parteien gestellt,  u. a. zu Urheberrecht, Altersversorgung und Steuern, zur Künstlersozialversicherung und Ausstellungsvergütung. Darüber hinaus fordert der BBK die Verankerung von Kultur im Grundgesetz, die Schaffung eines eigenen Bundesministeriums für Kultur und Fördrrprogramme für kulturelle Integration. 

Bürgerteilhabe und Kreativität in Politik und Verwaltung

 © MassivKreativ

Trampelpfade machen verfehlte Verwaltung sichtbar. Wenn Bürger nicht gefragt werden, ignorieren sie die behördlich angelegten offiziellen Wege. Gelingt hingegen die Einbindung der Öffentlichkeit, die Kommunikation und der Perspektivwechsel führen Aktivitäten von Anfang an in die richtige Richtung und begrenzen Kosten, etwa bei der Verkehrsplanung, bei der Jugendbeteiligung in den Quartieren oder bei der Verständigung über Tourismus-Leitbilder, um austauschbare Slogans zu vermeiden (z. B. Brandenburg: „Neue Perspektiven entdecken“). Teilhabe verringert geistige Einbahnstraßen, weckt Phantasie und Toleranz und erhöht die Akzeptanz von Entscheidungen. Wenn Kreativschaffende und Künstler beteiligt werden, kann das nur von Vorteil sein, wie die folgenden Beispiele zeigen.  

 © Bonn macht mit

Kreatives Bürger-Atelier in Bonn

Im Viktoriakarree in Bonn stoppte ein Bürgerbegehren den Verkauf von Grundstücken an einen Investor, der dort eine Shopping-Mall bauen wollte. Auf der Bürgerbeteiligungsplattform Bonn macht mit kann man die Aktivitäten der Initiatoren verfolgen. Das Künstlerteam CommunityArtWorks mit Daniel und Jennifer Hoernemann ergriff die Initiative, um sich innerhalb des weiteren Beteiligungsverfahren zu engagieren. Sie erhielten den Zuschlag und gründeten ein kreatives Bürgeratelier in der Innenstadt. Seitdem schaffen sie über künstlerisches Wahrnehmen, Denken und Handeln Raum für Kreativität und Fehlerkultur. Das Bürgerbeteiligungsverfahren zur Neugestaltung des Viktoriakarrees in Bonn läuft seit Herbst 2016 in Kooperation mit den Architekten von neubighubacher und den Stadtentwicklern von zebralog. Das Künstlerteam von CommunityArtWorks bearbeitet seit langem gesellschaftliche und unternehmerische Herausforderungen mit künstlerischen Methoden und Interventionen im öffentlichen Raum. Es greift mit dem „Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen“ aktiv in Prozesse ein, fördert Kommunikation und Reflexion. Ich habe mit Daniel Hoernemann ein Podcast-Interview geführt:

 © CommunityArtWorks

Soziale Dorfentwicklung: KREATIVE für MV

In Mecklenburg-Vorpommern hat Corinna Hesse den Wettbewerb „Soziale Dorfentwicklung: Kreative für MV – MV für Kreative“ initiiert und interagiert mit mir gemeinsam als Projekt- und Workshop-Leiterin. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung unterstützt das Modellvorhaben, das die Potenziale von Kreativen stärker bei der Gestaltung von Gesellschaft und bei lösungsorientierten Herausforderungen nutzen möchte, z. B. durch Perspektivwechsel und Querdenken, Mut und Experimentierfreude.

Corinna Hesse ist Sprecherin von „Kreative MV“ – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern und Verlegerin im Silberfuchs-Verlag: „Gesucht werden für den Wettbewerb zivilgesellschaftliche Projekte zwischen Kreativschaffenden und Bürgern.“ In interdisziplinären Kreativworkshops und Coachings vor Ort können Kreativschaffende und Bürger – angeleitet und unterstützt u. a. von Vermittlern wie Corinna Hesse und mir, Antje Hinz, – ihre Projektideen weiterentwickeln und verfeinern. Ich werde darüber hinaus redaktionell über das Projekt berichten. Ich bin überzeugt, dass ländliche Regionen von kreativen Ideen für ein sinnstiftendes Zusammenleben profitieren. Im Fokus des Wettbewerbs stehen künstlerisch-kreative Methoden für gesellschaftsgestaltende Prozesse, die auf besondere Herausforderungen in der Region eingehen. Die besten 3 Projekte werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und mit Projektmitteln von insgesamt 10.000 € unterstützt. Details zum Wettbewerb werden am 23.11.2017 bei der KREATOPIA in der IHK Rostock bekannt gegeben, der Branchenkonferenz der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Ab Ende November 2017 können sich Künstler und Kreative mit einer Projektidee bewerben.

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Antibürokraten in Kopenhagen

Im dänischen Kopenhagen haben Wirtschafts-, Finanz- und Justizministerium das Innovationslabor MindLab gegründet. Die Mitarbeiter sollen den Alltag in der Metropole lebenswerter und kreativer machen. Sie begleiten Bürger bei Behördengängen und ermitteln deren Probleme beim Ausfüllen von Formularen. Sie hören den Bürgern zu und fragen direkt nach, was verbessert werden kann. 130 Projekte haben die Vordenker landesweit angestoßen, in den Bereichen Mobilität, Bildung und Wissensmanagement, bei der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt und der Müllvermeidung: Grüne Fußabdrücke auf Bürgersteigen, die den Weg zu Mülleimern zeigen, halfen dabei, den Abfall auf Straßen um beachtliche 40 Prozent zu reduzieren. 

 © Bonn macht mit

Nudge-Methode

Die US-amerikanische Regierung versuchte es 2008 unter Barack Obama, die britische Regierung 2010 unter David Cameron 2010 und ebenso die Bundesregierung unter Angela Merkel: Sie engagierten kreative Mitarbeiter für Verhaltenseinblicke (The Behavioural Insights Team), um mit der „Nudge“-Methode das Verhalten der Bürger auf vorhersagbare Weise zu beeinflussen, ohne dabei auf Verbote, Gebote oder ökonomische Anreize zu setzen. Die vom Staat eingesetzten Psychologen sollen Bürger mit kleinen „Anstupsern“ animieren, sich besser zu verhalten: Energie zu sparen, Steuern zu zahlen, für das Alter vorzusorgen, sich gesünder zu ernähren. Die Briten gehen derzeit der Frage nach, wie sich bei Bürgern Gewissenhaftigkeit, Verantwortung, Motivation, Kreativität und Offenheit am besten unterstützen lassen.

In Österreich erarbeiten Akteure aus Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft im GovLab gemeinsam übergreifende Lösungsansätze. Die Erkenntnisse werden über Prototypen an andere Bürger weitergegeben. In der Schweiz unterstützt das gemeinnützige Staatslabor die öffentliche Verwaltung mit innovativen Lösungen. In die Modellprojekte sollen Bevölkerungsgruppen eingebunden werden, die in der Schweiz nicht über Stimm- und Wahlrecht verfügen.

Community als Spiel

Im US-amerikanischen Salem nutzt die Stadtverwaltung spielerische Ideen, um das heruntergekommene, brachliegende Viertel „Point Neighborhood“ neu zu beleben und von Müll zu befreien. Gamedesigner vom Institut EngagementLab entwickelten das Community-Spiel PlanIt, eine Mischung aus Kontaktbörse, sozialem Netzwerk, Umfrage-Instrument und Wettbewerb. Die Bewohner können sich über ihr Viertel austauschen und dabei Punkte sammeln: Motivation mit spielerischen Elementen. Dank Gamification übernehmen die Bürger mehr Verantwortung für Müll, während die Stadt Flächen für neue Geschäfte schafft und Zuschüsse für die Renovierung historischer Gebäude vergibt. Das Konzept wurde auch auf andere Orte und Projekte übertragen.

Rostock hilft

In Rostock übernahmen im September 2015 kurzerhand die Bürger das Ruder, als die Verwaltung mit den ankommenden Flüchtlingen überfordert war. Anfangs gab es Widerwillen gegen das bürgerliche Engagement, dann doch Anerkennung von Senator Steffen Bockhahn für die kreativen Ideen, der 2016 sagt: „Ohne die Zivilgesellschaft hätten wir es damals nicht geschafft.“ Akteure vom Verein Rostock hilft und vom Rostocker Kreativzentrum projekt:raum haben die Aktionen maßgeblich getragen, logistisch über digitale Einsatzlisten und Facebook organisiert und viele kreative Programme für Geflüchtete entwickelt, wie „Kochen über den Tellerrand“.

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Finding Places

Hamburg rief 2016 in Kooperation mit der HafenCity Universität und dem MediaLab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Beteiligungsprojekt Finding Places zu 34 Workshops An einem interaktiven Stadtmodell konnten Bürger geeignete Orte für neue Flüchtlingsunterkünfte benennen. Eine Bürgerbeteiligung mit Lerneffekt, denn vielen wurde zum ersten Mal bewusst, wieviele Bestimmungen und Vorschriften im städtischen Raum zu beachten sind.

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Citizen Science, Amateurwissenschaft und Immaterielles Kulturerbe

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Mücken sammeln (Mückenatlas), Sterne klassifizieren (Galaxy Zoo), Schmetterlinge zählen (Tagfalter-Monitoring), Eiweiße falten (Fold.it): Bürger engagieren sich seit langem mit großer Leidenschaft in der Laienforschung, kurz Bürger- oder Amateurwissenschaft genannt bzw. Citizen Science . Bisher dominieren naturwissenschaftliche Themen. Das muss sich dringend ändern! Die Kultur- und Geisteswissenschaften bieten spannende Experimentierfelder, vor allem das immaterielle Kulturerbe

Chancen und Risiken von Bürgerforschung

Bürgerforschung liegt im Trend. Bildungs- und Forschungsministerin Johanna Wanka lobt Citizen Science als „große Chance für die Wissenschaft – und Gewinn für die vielen freiwillig Engagierten“. Fakt ist: Unzählige Bürgerforscher unterstützen seit Jahren die akademische Wissenschaft mit zeitintensiven Beobachtungen und Untersuchungen. Kritiker mahnen, die ehrenamtlichen Laien dürften nicht zu billigen Arbeitskräften verkommen, es müsse mehr Wertschätzung und mehr Augenhöhe geben (siehe Buchtipps unten Peter Finke).

Citizen Science versus Amateurwissenschaft

Dass im offiziellen Sprachgebrauch von Politik und staatlichen Institutionen der englischsprachige Begriff „Citizen Science“ verwendet wird, statt schlicht von Amateurwissenschaft zu sprechen, macht bereits deutlich, dass sich die Amateurforscher den Modalitäten der Profiwissenschaft anpassen sollen und nicht umgekehrt. Dies gilt vor allem dann, wenn es um die Beantragung von Geldern geht, die ein aufwändiges akademisiertes Verfahren voraussetzt. Lange gab es kaum Mittel für ehrenamtliche Projekte der Amateurforscher. Im Herbst 2016 startete nun das BMBF – das Bundesministerium für Bildung und Forschung – eine Ausschreibung zur Unterstützung von Citizen Science mit einem Gesamtbudget von 4 Millionen Euro. Das Interesse war enorm, 313 Projekte wurden eingereicht. 13 Projekte erhielten eine Förderzusage, leider ausschließlich naturwissenschaftliche Projekte, die sich im „Verbundverfahren“ bewarben (was das genau bedeutet, siehe im übernächsten Absatz), u. a. aus dem Bereich Gesundheitsforschung: siehe BMBF-Pressemitteilung. Auch auf der BMBF-geförderten Plattform Bürger schaffen Wissen sind kultur- und geisteswissenschaftliche Projekte noch stark unterrepräsentiert. Jenseits von Natur und Technik brauchen die vielen engagierten Akteure und Trägergruppen des immaterielles Kulturerbe dringend mehr Anerkennung und Wertschätzung aus Politik und Profiwissenschaft.

Ignorierte Wirtschaftswissenschaften 

Was im BMBF-Programm für Citizen Science ebenso fehlt, sind übrigens wirtschaftswissenschaftliche Projekte, die anhand von Praxisbeispielen alternativen Wirtschaftsmodelle, -kreisläufe (z. B. Talente-Tauschkreis Vorarlberg) und Gemeinwohlökonomie wissenschaftlich untersuchen. Die Gründe liegen auf der Hand: Alle großen politischen Parteien stützen ihre Politik unreflektiert auf Wirtschaftswachstum. Nur die GRÜNEN fordern in ihrem Parteiprogramm zur Bundestagswahl 2017 (S. 44) „eine andere Art des Wirtschafts“. Auch Universitäten sträuben sich, alternative Wirtschaftsmodelle zu vermitteln. Frustrierte Studenten und sensible Wissenschaftler reagieren darauf mit eigenen Netzwerken und neuen Lernplattformen, z. B. exploring economics, postautistische bzw. plurale Ökonomik, Wachstumswende, initiiert von VÖÖ – der Vereinigung für ökologische Ökonomie. Um alternative Wirtschaftstheorien zu vermitteln, werden sogar neue Hochschulen gegründet, wie z. B. Cusanus.    

 © Bürger schaffen Wissen

Förderhürden für Geisteswissenschaften

Sind die Hürden für Bürgerwissenschaftler zu hoch, insbesondere aus den Bereichen Kultur und Geschichte? Erschwerend ist, dass das BMBF nur Verbundvorhaben mit mindestens fünf beteiligten, meist institutionell gebundenen Kooperationspartnern fördert. Die Laienforscher müssen sich zwingend Partner in der klassischen Wissenschaft suchen, denn nur Universitäten und Hochschulen dürfen einen Förderantrag stellen. Der Wissenschaftstheoretiker und Citizen-Science-Experte Peter Finke sieht darin einen „Elite-Basis-Konflikt“, die Hochschulen oben, die Laienforscher unten. Dabei ist Augenhöhe beim Profi-Laien-Mix Voraussetzung für das Gelingen von Citizen Science. Denn: Amateurwissenschaftler stellen andere Fragen, sie forschen an anderen Themen als Profiwissenschaftler, tragen Daten und Fakten mit viel Zeit und Herzblut zusammen. Das ist wichtig und gut so! Profiwissenschaftler müssen mitbekommen, was abseits ihrer Fakultäten und Institute „draußen“ im Alltag passiert.

Dass Amateurwissenschaftler auch mit Profiforschern zusammenarbeiten, ist im Sinne unterschiedlicher Fachkompetenzen sinnvoll und wünschenswert. Haben sich Amateure über Jahrzehnte Spezialwissen angeeignet, verfügen Forscher an den Universitäten über technisches Wissen und Werkzeuge, mit denen sie Daten verarbeiten, auswerten und visualisieren können. Doch Verbundvorhaben bergen von vornherein die Gefahr, dass es die Universitäten und Hochschulen sind, die die Forschungsthemen setzen, und nicht die Laienforscher, dass die Profiwissenschaftler bei Ausschreibungen auf die Laienforscher zugehen, um an Fördertöpfe zu gelangen und nicht umgekehrt. So besteht die Gefahr, dass die Fragen der Bürger auf der Strecke bleiben. Die vom BMBF geschaffenen Fördervoraussetzungen machen Citizen Science bedauerlicherweise zum verlängerten Arm der klassischen Wissenschaft – etwa für zeitintensive Untersuchungen, die Universitäten und Hochschulen aus Budgetgründen nicht leisten können. 

Fokus auf Naturwissenschaft und Technik

Ein Blick auf die Jury der BMBF-Ausschreibung legt die Vermutung nahe, dass nun auch das Thema Citizen Science von wirtschaftlichen Interessen im Geiste des homo oeconomicus okkupiert wird. Bis auf eine Vertreterin aus der Sozialforschung sind alle anderen Mitglieder der Jury aus dem Umfeld von Naturwissenschaft, Technik und Wirtschaft (VW-Stiftung). Insofern wundert es nicht, dass die eingereichten geistes- und kulturhistorischen Projekte nicht die Gunst der Entscheider erringen konnten. Lediglich zwei sozialwissenschaftliche Projekte erhielten den Zuschlag (Gutes Leben auf dem Land und im Stadtquartier), ansonsten dominieren Natur- und Gesundheitsforschung. Lobenswert ist der interdisziplinäre Ansatz des Naturkundemuseums Berlin, die Nachtigall nicht nur in biologischem Zusammenhang zu erforschen, sondern deren Einfluss auf Musik und Literatur zu untersuchen. Allerdings knüpft die Fragestellung an ein anderes Förderprojekt an, das von der Kulturstiftung des Bundes als vierjährige Modellprojekt Kunst/Natur (2015-2019) im Naturkundemuseum initiiert wurde. KünstlerInnen sollen in Auseinandersetzung mit den Natur-Objekten des Museums neue (Kunst-)Werke entwickeln.

Amateurwissenschaft zu kulturell-historischen Themen

An Aktivitäten von Amateurforschern im geisteswissenschaftlichen Umfeld mangelt es grundsätzlich nicht in Deutschland. In GeschichtswerkstättenWissenschaftsläden, in Vereinen der Denkmalpflege und -Erforschung, in kulturellen Vereinen und Trägergruppen des Immateriellen Kulturerbes (UNESCO) sorgen Amateurforscher für die Aufarbeitung von identitätsstiftendem Wissen und dessen Weitergabe an die nächste Generation. Was Bürgerforscher mit ihrem privaten, intrinsisch motivierten Interesse bewirken können, zeigen Beispiele in der Ahnen- und Namensforschung, in der Hobbyarchäologie (Josef Gens und Bergische Historiker) in Energie-Genossenschaften (Schönau) und in weiteren Spezialgebieten, wie die Glockenkunde und Matthias Claudius

Amateurforscher als Gesellschaftsgestalter

Das Engagement der kreativen Amateurforscher hat eine enorme gesellschaftsgestaltende Kraft. Insbesondere in ländlichen Regionen sorgen deren Aktivitäten für mehr fundiertes Wissen über und eine stärkere Bindung der Bevölkerung an ihre Region. Wenn wir Menschen uns mit unserer Kultur und Geschichte befassen, entwickeln wir folgerichtig auch ein Bewusstsein für unsere unmittelbare Umgebung. Es entsteht eine größere Bereitschaft für eine Kultur des Bleibens. Das Engagement vor Ort vermindert den Trend der Abwanderung insbesondere der jüngeren Generation in Großstädte bzw. sorgt in jüngster Zeit für eine Kehrtwende und die Rückkehr junger Erwachsener in die Heimat. Vielleicht muss die Amateurwissenschaft frei und unabhängig bleiben, um sich ihre Kraft zu erhalten? Aus gutem Grund nannte sie der Schweizer Journalist Alex Reichmuth eine „direkte Demokratie des Geistes“. (Zürcher Weltwoche)

Jugendliche als Laienforscher

Schon Schüler und Jugendliche befassen sich mit ihrer Herkunft, ihrer Umgebung und ihrer Geschichte. Anerkennung für ihr Engagement erhalten Sie bei Wettbewerben. Andere großartige Projekte kämpfen ständig ums Überleben, hangeln sich von einer Projektförderung zur nächsten. Das Hamburger Projekt GESCHICHTOMAT will die Vielfalt jüdischer Geschichte und Kultur in der Hansestadt sichtbar machen. Jugendliche begeben sich in ihrem Stadtteil auf Spurensuche, recherchieren historische Personen, Orte und Ereignisse. Unter fachlicher und medienpädagogischer Begleitung führen sie Interviews mit Experten und Zeitzeugen, besuchen Archive und Museen, filmen, schneiden, fotografieren und schreiben. Alle Beiträge werden auf die Website hochgeladen, so entsteht ein digitaler Stadtplan über das jüdische Leben in Hamburg.

Die Hamburger Körber-Stiftung leitet und koordiniert den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, bei dem Jugendliche regelmäßig historische Themen erforschen können. Dadurch wird zu einen wissenschaftliches Arbeiten gefördert, zu anderen Selbständigkeit und Verantwortung Über 141.000 SchülerInnen haben sich seit 1973 mit mehr als 31.500 Projekten beteiligt. Die Online-Datenbank dokumentiert über 5.200 preisgekrönte Wettbewerbsarbeiten. Auch länderübergreifend können sich junge Menschen für „Geschichte von unten“ engagieren: Das Geschichtsnetzwerk EUSTORY regt jugendliche Europäer zur gemeinsamen Beschäftigung mit aktuellen Fragen europäischer Geschichte an. Das Netzwerk verbindet zivilgesellschaftliche Organisationen aus über 20 Ländern Europas, die nationale Geschichtswettbewerbe durchführen. Im Fokus stehen der grenzüberschreitende Erfahrungsaustausch und die politische Meinungsbildung.  

 © UNESCO IKE

Wissen. Können. Weitergeben!

Beobachten, denken, sammeln, zählen, sortieren, auswerten, kategorisieren – wie in der Profiwissenschaft gehören diese Tätigkeitsfelder auch in den Bereich der Bürgerwissenschaft. Der von der UNESCO propagierte Leitspruch für das immaterielle Kulturerbe lautet: „Wissen. Können. Weitergeben“. Im Umfeld von Vereinen, Trägergruppen und Gemeinschaften des immateriellen Kulturerbes werden Erfahrungen und Erkenntnisse zusammengetragen, praktiziert und geteilt: Handwerkstechniken wie Reetdachdecken (digitale Weitergabe von Wissen?, Herkunft von Reet früher und heute?) und Kenntnisse über Brotkultur  (Brotregister Deutschland – in welcher Region wird Brot gegessen?), traditionelles Wissen wie Kneipp-Kultur und Hebammenwesen (Erforschung und Weiterentwicklung von Wissen und Methoden), Morsen (als Vorläufer der Digitaltechnik) und Genossenschaftsidee (Idee und Praxis im Wandel der Zeit).

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Vorbild für lebenslanges Lernen

Mit hoher intrinsischer Motivation investieren Laien viel Zeit und Herzblut, um beispielsweise die Geschichte des eigenen Stadtteils oder des Dorfes zu recherchieren, Zeitzeugen zu befragen und regionale kulturelle Bräuche, Rituale, Handwerkstechniken zu erforschen, zu praktizieren und mit neuen Impulsen zu versehen. Erkenntnisse über Megatrends wie Digitalisierung, Demografiewandel, Vielfalt und Coworking fließen ebenso mit ein. Es geht darum, Wissen zu bewahren, mit neuen Methoden (open data) zu aktualisieren und an andere Menschen weiter zu vermitteln. Citizen Science zeigt vorbildhaft, wie lebenslanges Lernen schon heute ohne Zwang oder Einwirkung von außen mit positiver Wirkung für unsere Gesellschaft erfolgreich praktiziert wird, generationenübergreifend in interdisziplinären und transdisziplinären Gruppen. Bürgerwissenschaft stützt sich auf die Weisheit der Vielen.

Citizen Science international

In Großbritannien und Wales arbeiten interessierte Bürger seit längerer Zeit im Rahmen von Community-Archaeology-Projekten an historischen Themen mit. Das Portable Antiquities Scheme (PAS) ermöglicht es Bürgern, archäologische Funde auf einer  Webseite zu melden und die per crowdsourcing gewonnenen Objekte bzw. Erkenntnisse auch selbst auf der gemeinsam geschaffenen Funddatenbank zu nutzen.  In der Plattform micropasts animiert das British Museum Laienforscher auf spielerische Art, neue Informationen über die britische Vergangenheit zu sammeln, z. B. archäologischer Fundorte über Grobinformationen auf Fundkarten oder Fotos zu lokalisieren bzw. alte Handschriften auf hochauflösenden Bildern zu transkribieren. 

 © MassivKreativ

Laien bestimmen Kunstwerke

Nach dem Vorbild naturwissenschaftlicher Pflanzenbestimmung lädt die Plattform ARTigo interessierte Laien dazu ein, Kunstwerke näher zu beschreiben abzugeben. Vorgestellt werden Bilder aus der europäischen und außereuropäischen Kunstgeschichte. Gemeinsam bzw. in Konkurrenz mit einem unbekannten, irgendwo im Internet zugeschalteten Mitspieler können die Laien Beschreibungen eingeben, die später dann zur Suche nach den Werken verwendet werden. Die Begriffe können frei gewählt werden, sich auf Inhalt und Form beziehen oder Atmosphäre und Anmutung der Werke beschreiben. Die Qualitätskontrolle ist erfolgt, wenn die Begriffe von beiden Mitspielern eingeben und akzeptiert werden.

Universität sucht Bürger

Die Westfälische Wilhelms-Universität Münster sucht aktiv Kontakt zu Bürgern. Gemeinsame Radtouren Expedition Münsterland sollen eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft bauen. Dabei soll ein Austauschprozess zwischen Region und Universität angeregt werden – nach dem Motto: die Region nutzen und ihr nützen. Bürger werden aktiv in wissenschaftliche Veranstaltungen einbezogen. Gleichzeitig soll Wissen aus der Universität Münster an die Bevölkerung, an Unternehmen und Kommunen vermittelt werden. Eine engere Zusammenarbeit mit Bürgerforschern pflegt auch die Leuphana Universität Lüneburg mit der Initiative Deutschland-Europa-Welt 2042 und die Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde mit Waldklima-Messstationen und einem Zentralen Ökologischen Labor

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Open Data

Die Wahl geeigneter Instrumente und Technologien ist auch in der Bürgerwissenschaft von Bedeutung. Open data ist ein nützliches Hilfsmittel, um kulturhistorisch relevante Daten zu sammeln und öffentlichkeitswirksam aufzubereiten, z.B. in Grafiken und Animationen. Die englischsprachige Plattform our world in data entstand auf Initiative des deutschen Forschers Max Roser. Sie bereitet zwar in erster Linie Studiendaten aus der Profiwissenschaft mit Grafiken und anderen Visualisierungen auf. Jedoch gibt es auch Datendossiers zu kulturwissenschaftlichen Themen, z. B. zum postmaterialistischen Wertewandel in Europa in den letzten Jahren. So werden Forschungsarbeiten stärker in die Öffentlichkeit gerückt und für ein größeres Publikum greifbar gemacht. 

Auch in Deutschland nimmt das Thema Open Data mit dem Datenjournalismus bzw. der Datenvisualisierung endlich Fahrt auf. Vorreiter sind hier oft Medienhäuser wie ZEIT, Süddeutsche Zeitung, Morgenpost und die Hamburger Datenfreunde GmbH – OpenDataCity, eine Agentur für Datenjournalismus und Datenvisualisierungen. Das Team aus Journalisten, Entwicklern und Visualisierern erstellt alle Applikationen als freie Software und sämtliche Daten als open data für Recherchen und zur Weiterentwicklung zur Verfügung. Inzwischen haben die Stadt Hamburg und  Verwaltungen anderer Städte und Gemeinden Open Data-Portale ins Netz gestellt, ihre Zahl wächst stetig. Ein Datenjournalismus-Katalog gibt Auskunft über die einzelnen Projekte, u. a. über Geschichte, Kultur und Religion. Hier könnten Bürgerwissenschaftler zukünftig stärker einbezogen werden.

Interessante Fragen gibt es zuhauf, z. B. wieviele Musikaufführungen werden im Jahr von Profi-Musikern bestritten und wieviele von Amateurmusikern? Wieviel Gesundheitskosten spart der Staat, weil die Bürger in Chören singen (Chor der Muffligen) oder sich in Vereinen engagieren – ein hervorragendes Therapeutikum gegen Einsamkeit, Depression, Süchte, Ersatzdrogen und Burnout!  

Neue brisante Themen

Was die akademische Wissenschaft erforscht, hängt auch von Finanzmitteln und Budgets ab. Was nicht im Interesse von Wirtschaft und Politik liegt, wird nicht erforscht. Bürgerwissenschaftler könnten als Vorreiter jene Themen sichtbar machen, um die die klassische Forschung der Universitäten und Institute einen Bogen macht. Ein Beispiel: Künstler und Kreative suchen seit langem nach einer Möglichkeit, Nutzen und Wirksamkeit ihrer Arbeit nachzuweisen und sichtbar zu machen – im Hinblick auf Regional- und Stadtentwicklung, Gesundheitskosten, Arbeitslosigkeit, höhere Steuereinnahmen durch neue Wertschöpfungsketten, die durch Kreativschaffende initiiert sind. 

Laut European Health Forum Gastein (2013) erzeugen z. B. Angstkrankheiten in Europa jährliche Kosten von fast 1 Billion Euro, Alkoholismus kostet die Kassen 150 Mrd. Euro, 60.000 Suizide etwa 100 Mrd. Euro, auch Suchtkrankheiten verursachen stetig hohen volkswirtschaftlichen Schaden. Die Beschäftigung mit Kunst und Kultur würde als sinnstiftendes und daher wirksames Gegenmittel enorm hohe Kosten einsparen.  

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Volkswirtschaftlicher Wert von Kultur und Kunst

Künstler haben schon oft brachliegende, verödete Regionen neu belebt. Sie sorgen mit ihren Aktivitäten nachhaltig für mehr Attraktivität vor Ort, was die Kultur des Bleibens bzw. Zuzugs neuer Bevölkerungsgruppen stärkt. Sie wirken als Brückenbauer und Intermediäre, nicht zuletzt bei der Integration von Geflüchteten. Sie regen die Kommunikation unter Bürgern und die Gründung und Erhaltung von Vereinen an, verbinden sie mit Verwaltung und Politik und initiieren kreative, innovative und kollaborative Projekte vor Ort, um Strukturen zu erneuern oder zu revitalisieren, z. B. im Zuge von KreativLabs wie in Mecklenburg-Vorpommern.  Dies hat einen enormen gesellschaftlichen und auch ökonomischen Wert, der bislang aber nicht in Zahlen erhoben oder durch systematische Beobachtung und Zählung registriert wird. Hier könnte Bürgerwissenschaft einen enorm innovativen Beitrag leisten. ZIVIS weit regelmäßig in Studien nach, dass der soziale Zusammenhalt und Wohlstand in Regionen mit der höchsten Vereinsdichte am größten ist.

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Kreative und Stadtrendite

Wie könnten Bürgerwissenschaftler durch open data nachweisen, dass Künstler und Kreative enorm zur Steigerung von Stadtrendite beitragen? Fakt ist: Sie beleben unattraktive Zonen und Industriebrachen mit ihren kreativen Angeboten und Aktionen, wovon zunächst neue Cafés und Restaurants profitieren, die sich nach und nach ansiedeln. Durch die wachsende Attraktivität erzielt später die Immobilienbranche höhere Gewinne, ebenso Hotellerie, Gastronomie, Nahverkehr, Einzelhandel usw. Wenn Mieten und Kosten steigen (Gentrifizierung), müssen Kreative oft weichen. Ggf. könnten Mietenspiegel und branchenspezifische Umsatzregister und deren datenjournalistische Aufbereitung die Wertsteigerung bzw. das Wachstum der Stadtrendite sichtbar machen. Ziel wäre es, aus den nachweisbaren Mehreinnahmen einen „creative fund“ zu speisen, um die Kreativen als Anschubmotoren und Urheber der Wertschöpfungsketten an den Gewinnen zu beteiligen.

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Naturstudie – Kulturstudie

Die ambitionierten Helmholtz-Studie Naturkapital Deutschland beziffert erstmals den Wert von Natur in Fakten und Zahlen. Sie fragte z. B.: Welchen ökonomischen Wert hat ein Moor? Es bindet u. a. Stickoxide, die üblicherweise mit hohem finanziellen Aufwand in technischen Verfahren aus Luft und Wasser entfernt werden müssten. Vielleicht ließe sich solch ein Ansatz übertragen, damit auch Kultur entsprechend wertgeschätzt bzw. damit der volkswirtschaftliche Nutzen der Leistungen von Künstlern und Kreativschaffenden beziffert werden kann?! Welche sozialen Einsparungen wären möglich, wenn Menschen mit Hilfe von Kunst und Kultur ihr Potenzial erproben und in geeignete Berufe finden könnten und dies vor Arbeitslosigkeit, Unzufriedenheit, Krankheit, Burnout bewahrt?! Zusammenhänge, die offensichtlich sind, aber meines Wissens bislang noch nicht in validen Untersuchungen dargestellt wurden. 

Mehr Sichtbarkeit

Citizen Science im Umfeld von Kultur und Geschichte braucht dringend mehr Sichtbarkeit. Dazu können digitale Plattformen wie Bürger schaffen Wissen ebenso beitragen wie Workshops, Kongresse, Aktionstage, Online-Befragungen und Ausstellungen. Zentrale Anlaufstelle für alle Aktivitäten rund um das Europäische Kulturerbejahr 2018 ist das Webportal sharingheritage.de – eine Informationsquelle, die darstellt, was, wann und wo etwas im Rahmen des Jahres passiert. Alle Mitmacher – egal ob große geförderte Leuchtturmprojekte oder zivilgesellschaftlich Engagierte auf lokaler Ebene – können sich präsentieren und vernetzen.

  © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Buch-Tipps

Peter Finke: CITIZEN SCIENCE. Das unterschätzte Wissen der Laien, Oekom Verlag 2014.

Peter Finke (Hg.): Freie Bürger, freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeiturm. Originalbeiträge von 36 Autorinnen und Autoren. Oekom Verlag 2015.

Citizen Science-Podcast der Forschergeist-Reihe des Deutschen Stifterverbandes von Tim Prilove im Gespräch mit Peter Finke

James Surowiecki: Die Weisheit der Vielen. Warum Gruppen klüger sind als Einzelne und wie wir das kollektive Wissen für unser wirtschaftliches, soziales und politisches Handeln nützen können. Bertelsmann 2005.

Kristin Oswald & René Smolarski (Hg.): Bürger Künste Wissenschaft. Citizen Science in Kultur und Geisteswissenschaften. Computus Verlag 2016, Download

Netzwerke und Online-Plattformen

 

Warum wir eine Kultur des Fragens brauchen

 © Tony Hegewald, pixelio.de

Als Wissensdesignerin und Wissenschaftsjournalistin gehört das Fragenstellen zu meinem Alltagsgeschäft. Fragen sind der Motor und Treiber für meine Arbeit. Ich brenne darauf, Antworten zu finden, im eigenen medialen Recherche-Prozess und in unzähligen Gesprächen mit Wissensträgern und Experten, mit Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten und Zufallsbekanntschaften.

Fragen und Zuhören 

Umso mehr wundere ich mich im täglichen Miteinander, dass viele meiner Mitmenschen eher selten Fragen stellen, lieber selber reden und damit genau genommen Antworten geben, nach denen keiner gefragt hat. Sie lassen damit Chancen verstreichen, Neues und Wissenswertes zu erfahren, Unerhörtes und Interessantes, Spannendes und Emotionales, Wichtiges und Merkwürdiges, Reizvolles oder gar epochal Innovatives. Neue Ideen und Projekte entstehen nur dann, wenn wir Fragen stellen, wenn wir aufmerksam bzw. „aktiv“ zuhören. Ich engagiere mich daher dafür, eine Kultur des Fragens zu etablieren und Menschen im Zuhören zu schulen. Meeting würden nachhaltigere Ergebnisse bringen, wenn sie im Dunkeln stattfinden und Mitarbeiter auf diese Weise fokussierter zuhören würden. 

Mut und Offenheit gefragt

Warum fragen wir nicht häufiger bzw. auch hartnäckiger, wenn wir keine befriedigende Antwort erhalten? Dafür gibt es wohl mehrere Gründe. Etwas wissen zu wollen und immer weiter zu hinterfragen, ist nicht immer willkommen. Viele fühlen sich durch Fragen verunsichert, zuweilen sogar persönlich angegriffen. Fragen zweifeln gefestigte Standpunkte an und erkennen Routinen nicht an. Fragen können als Kritik empfunden werden und Streit auslösen. In jedem Fall stören Fragen die Ruhe und Harmonie. Sie können anstrengend sein, Antworten übrigens auch, wenn wir mit Fakten oder Meinungen konfrontiert werden, die unser Weltbild ins Wanken bringen oder gar erschüttern. Sei’s drum: Wagen Sie es, häufiger und intensiver zu fragen, Ihr Mut wird sich auszahlen!

 © Antje Hinz, MassivKreativ

Neugierde und Ideen wecken

Fragen bringen Ideen und Veränderung. Sie stiften zum Nachdenken an – über Gegebenheiten und Themen, über die man bislang noch nie nachgedacht  hat. Das Städel-Museum in Frankfurt eröffnet seinen Webkurs Kunstgeschichte Online / Welcome to Art History Online daher bewusst mit Fragen, die der Schauspieler Sebastian Blomberg der Online-Community herausfordernd stellt:  

  • Was verbirgt sich hinter diesem Chaos?
  • Bin ich jetzt Teil des Kunstwerks?
  • Warum stehen die Texte nicht neben, sondern auf dem Bild?
  • Wieso ist es Kunst, wenn jemand ein Kunstwerk abfotografiert?
  • Wovon handelt dieses Bild?
  • Warum soll das jetzt moderne Kunst sein?
  • Darf man Bilder auch kopfüber hängen?
  • Kann eine Plastik inkontinent sein?
  • Ist moderne Kunst nur etwas für Experten?
  • Wie lange verweilt ein Besucher vor einem Kunstwerk?

Na – was glauben Sie, wie lange ein Besucher statistisch vor einem Kunstwerk steht? 11 Sekunden. Hätten Sie es gewusst? Haben Sie sich diese Frage jemals gestellt? Wieviele Fragen stellen Sie sich so an einem Tag: eine, fünf oder eher gar keine? Fragen eröffnen einen größeren Horizont als Antworten, zu denen man keine Fragen gestellt hat. Und Fragen schulen die Kompetenz zum aktiven Zuhören. 

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Von Kindern lernen

Im populären Eröffnungssong der Sesamstraße heißt es: „Der, die, das. Wer, wie, was. Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt bleibt dumm. 1000 Tolle Sachen, die gibt es überall zu sehen. Manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen.“ Der Drang, tiefer zu bohren, um mehr zu sehen, besser zu verstehen und Neues zu erkennen, ist naturgemäß in uns verankert, zumindest wenn wir Kinder sind. Warum verlieren dann viele von uns mit zunehmendem Alter das Verlangen zu fragen? Sind Kinder mutiger als Erwachsene? Oder führen negative Erfahrungen dazu, dass wir irgendwann aufhören zu fragen? Manche Menschen möchten sich keine Blöße geben, weil sie glauben, durch Fragen würden sie Wissenslücken oder Unkenntnis demonstrieren. Dabei ist es längst kein Geheimnis mehr: Wer fragt, der führt! … Und wird nicht gegen den eigenen Willen von anderen geführt…. TED-Film: Adora Svitak – Was Erwachsene von Kindern lernen können

Von Frisören lernen

Was zeichnet Ihrer Meinung nach einen guten Frisör aus? Ist es lediglich der akkurate oder trendige Haarschnitt oder auch das intensives Gespräch? Fähige Frisöre haben in der Regel eine ausgeprägte Fragekompetenz und eine hervorragende Merkfähigkeit. Wo treffen Sie sonst auf einen Menschen, der Ihnen längere Zeit bereitwillig  zuhört und die Namen ihrer Familienmitglieder und Freunde immer parat hat?!

Leerstellen finden

„Eine Frage ist eine Äußerung, mit der der Sprecher oder Schreiber eine Antwort zur Beseitigung einer Wissens- oder Verständnislücke herausfordert“, heißt es bei Wikipedia. (Ausnahme: rhetorische Fragen). Eine Frage führt also dazu, dass Leerstellen gefüllt werden. Weil es unzählige Leerstellen in unserer Gesellschaft gibt, sollten wir eigentlich unentwegt Fragen stellen, um den richtigen Antworten bzw. Problemlösungen für Herausforderungen auf die Spur zu kommen. Täglich mindestens 44 Fragen zu stellen, wie bei einer Art Ideen-Fitnesstraining, empfiehlt Martin Gaedt in seinem Buch Rock your Idea. Am Ende stellt er selbst viele Fragen, die Bandbreite reicht von praxisnah, kreativ, provokant bis zu verrückt.  

Verbindungen schaffen

Der dänische Kurzfilm All That We Share, eigentlich als Eigenwerbung für den dänischen Fernsehsender TV2 entstanden, wurde deshalb millionenfach geteilt, weil er eine spannende Frage stellt: „Was verbindet Menschen?“ Dem Augenschein nach sind es oft Äußerlichkeiten. Stellt man jedoch qualitative Fragen, entstehen unverhoffte Verbindungen zwischen Menschen, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte: Wer war der Klassenclown? Wer hat vor etwas Angst? Wer ist bisexuell? Mit den richtigen Fragen lassen sich Verbindungen zu Mitmenschen finden, auf die man sonst nie kommen würde. Also – nur Mut: Suchen Sie nach Verbindungen – mit einer gut durchdachten Frage!

Wie wir Informationen aufnehmen

Forscher haben in verschiedenen Studien ermittelt, wie wir Informationen aufnehmen und welche Informationen bei uns „hängenbleiben“. Je nach Lerntyp (visuell, auditiv, haptisch-taktil, olfaktorisch) variieren die Prozentzahlen: 10% beim Lesen, 20% beim Hören, 30% beim Sehen, 50% beim Hören und Sehen, 70% beim Erklären (Theorie & Wissen) und 90% beim Anwenden (Theorie & Praxis = Können).

© MassivKreativ

Doch wie viele Dinge im Leben, lässt sich auch die Aufnahme von Informationen und damit das Zuhören trainieren. Wenn Sie demnächst einen Freund oder eine Freundin treffen, probieren Sie doch mal aus, ihrem Gesprächspartner ausschließlich zuzuhören und erst selbst zu reden, wenn eine Gegenfrage kommt. „Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“ (Galileo Galilei).

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Wie fragt man richtig?

An langweiligen Interviews merkt man immer wieder, dass das Fragen nicht so ganz einfach ist. Es liegt nämlich nicht unbedingt am befragten Interviewpartner, wenn die Antworten uns nicht vom Hocker reißen. Nur die richtige Frage führt zur richtigen Antwort. Die Qualität der Antwort bzw. des Nachdenkens über die Antwort hängt wesentlich von der Formulierung der Frage ab. Der US-amerikanische Innovationsforscher und Journalist Warren Berger setzt in seinem Buch Die Kunst des klugen Fragens beim „Wieso? Weshalb? Warum?“ an. Er zeigt anhand vieler Beispiele, wie man erst dann zum Kern vieler Probleme vordringt, wenn man die richtigen Fragen stellt. Erfolgreiche Methoden der Gesprächsführung vermittelt auch Vera F. Birkenbihl als Expertin für gehirngerechtes Lernen und Arbeiten in ihrem Buch Fragetechnik … schnell trainiert. Es gibt verschiedene Frage-Typen:

Offene Fragen lassen dem Befragten viel Raum für seine Erwiderung, z. B. „Wie kam es dazu, dass Du dieses Rezept entdeckt hast?

Geschlossene Fragen fordern kurze, eindeutige Antworten, z. B. „Bist Du satt?“  ja / nein

Alternativfragen geben die Antworten schon vor, z. B. „Möchtest Du lieber Kuchen oder Schokolade essen?“

Suggestive Fragen geben die vermeintlich richtige Antwort in der Frage vor, z. B: „Meinst Du wirklich, dass ich die süße Marmelade noch mehr zuckern soll?“

Rhetorische Fragen erwarten keine Antwort, z. B: „Muss mir das schmecken?“

Den größten Erkenntnisgewinn bieten in der Regel offene Fragen, die dem Befragten viel Raum zum Antworten ermöglichen. Offenheit fördert die Kommunikation. Geschlossene Fragen schaffen Fakten und klare Verhältnisse. Es kommt also darauf an, was Sie in Erfahrung bringen wollen. In der journalistischen Praxis haben sich für die klassische Nachricht die sechs W-Fragen durchgesetzt: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? – in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit.  Auch das PAKKO-Schema kann Ihnen helfen: Fragen Sie: persönlich, aktivierend, kurz, konkret und offen. Wie auch immer Sie sich entscheiden, ich bin fest überzeugt:

Eine lebendige Kultur mit klugem Fragen und aktivem Zuhören würde in unserem Leben vieles positiv verändern!!!

 © Bernd Sterzl, pixelio.de

So können Sie selbst eine Kultur des Fragens fördern:

Wie können wir uns die Neugierde und den Mut zum Fragenstellen erhalten oder wieder zurück erobern? Wie so oft: durch vielfältige Erfahrungen:

  • Gehen Sie mit offenen Augen durch die Welt und suchen Sie bewusst nach Irritationen: warum ist das so? Könnte das nicht auch anders sein? Könnte man es auch anders machen? Auf welche Weise könnte man das anders machen? Wer könnte daran mitwirken? Könnte ich selbst daran mitwirken, mit welchen Mitteln? Und was könnte sich dadurch verändern? Und plötzlich eröffnen sich in Ihrem Leben völlig neue Perspektiven …
  • Treffen Sie möglichst oft andere und neue Menschen, die Ihnen neue Impulse geben können. Fragen Sie ihnen Löcher in den Bauch und zwar so lange, bis sie wirklich eine befriedigende Antwort erhalten haben. Antworten Sie ehrlich, wenn jemand zurückfragt.
  • Gehen Sie an kreative Orte, ins Theater, besuchen Sie Ausstellungen und Museen und tauschen Sie sich über Ihre Erlebnisse, Eindrücke und Empfindungen aus. Fragen Sie nach, auch wenn es nicht auf alles eine Antwort gibt? Kunst fordert Irritation heraus, muss aber nicht immer eine Antwort geben.
  • Kooperieren Sie mit Künstlern und Kreativen. Bilden Sie Jobtandems, begleiten Sie sich gegenseitig in Ihrem Arbeitsalltag. Stellen Sie sich gegenseitig Fragen über Strukturen, Strategien, Wissenstransfer, tauschen Sie sich aus über neue Ideen und wertvolle Kontakte. Regionale Kreativvnetzwerke helfen Ihnen, geeignete Partner für den Austausch und den Blick über den Tellerrand zu finden.
  • Spielen Sie mit Kindern! Beobachten Sie, auf welche Weise Kinder Herausforderungen meistern! Fragen Sie Kinder, was ihnen wichtig ist. Hören Sie ihnen zu und haken Sie ggf. nach, wenn sie etwas nicht verstehen. Der Dramatiker und Dramatiker und Oscar-Preisträger George B. Shaw sagte einmal: „Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden. Vielmehr werden wir alt, weil wir zu spielen aufhören.“

Neue Lebenswelten: Das Dorf ist kreativ und innovativ

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Was früher Bürde und Einengung war, gilt heute als neuer Freiraum und Luxus: das Leben auf dem Lande. Immer mehr Menschen kehren dem urbanen Leben bewusst den Rücken. Meine Verlagskollegin Corinna Hesse ist 2010 von Hamburg ins mecklenburgische Tüschow umgezogen, ein winziges Örtchen mit 12 Häusern im Altkreis Ludwigslust. Seitdem genießt sie die Idylle und nutzt den Freiraum, das Dorfleben aktiv und kreativ zu gestalten. Ein Gastbeitrag von Corinna Hesse.

Vom Potenzial ländlicher Räume

Der digitale Wandel bringt es mit sich, dass Menschen dort arbeiten können, wo sie leben möchten – und nicht umgekehrt. Tüschow ist für mich der schönste Ort der Welt. Ein Paradies am Naturschutzgebiet Schaalelauf, mit totaler Stille und üppigstem Sternenhimmel. Ein Dorf mit 28 Einwohnern und einem schmucken Herrenhaus. Die Internetleistung ist passabel, naja: ausbaufähig. Im Mobilfunknetz ist allerdings noch sehr viel Luft nach oben. Die „Kreativquote“ ist dennoch hoch: 21% der Einwohner arbeiten in kreativen Berufen, selbständig oder als Kleinunternehmer. Mein Mann als Musikjournalist und ich als Kultur-Verlegerin sind zwei davon. Alle Kreativen hier sind Stadtflüchtige. Sie verbinden den Wunsch nach einer (für sie selbst) sinnstiftenden beruflichen Tätigkeit mit einer neuen Idee von Lebensqualität – der Idee, dass der Mensch vielleicht doch nachhaltig in Einklang mit der Natur leben kann anstatt die Ressourcen unseres Planeten dauerhaft zu zerstören.

 Herrenhaus Tüschow © kallebu

Verändern oder Bewahren

Die Erkenntnis wächst in Politik und Verwaltung, dass in der kreativen Gestaltung des Wandels in ländlichen Räumen ein riesiges Potenzial liegt. Natürlich sind die Beharrungskräfte in einem Dorf stark: Es gibt auch Bewohner, die sich nach den „guten alten Zeiten“ zurücksehnen. Doch der Wandel ist längst da und lässt sich nicht aufhalten. Also: Wollen wir ihn aktiv gestalten oder lassen wir uns von der digitalen, globalisierten Welt überrollen? Zum Wandel gehört auch, dass wir uns überlegen, was wir bewahren wollen. Was uns etwas „wert“ ist. Und vielleicht ist Beharrungsvermögen manchmal auch ganz gut und das Neue nicht um jeden Preis besser als das Alte? 

  Solardächer sind auch in Dörfern längst selbstverständlich, wie auf dem Passivhaus von Corinna Hesse. © kallebu

peer to peer: voneinander lernen

Alteingesessene und Zugezogene lernen hier viel voneinander. Ich zum Beispiel bewundere die Alt-Tüschowaner für ihre handwerklichen und gärtnerischen Fähigkeiten. Und von uns Kreativen lernen die Alt-Tüschowaner vielleicht, dass Innovationen durchaus ihren Reiz haben, wenn man sie selbst gestalten kann. Es ist extrem spannend zu beobachten, wie produktiv das freundschaftliche Zusammenspiel der heterogen Sozialisierten im engen Radius eines Dorfes wirken kann.

 © Jerzy Sawluk, Pixelio.de 

Hilfe zur Selbsthilfe: bürgerschaftliches Engagement

Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass der Staat eine Full-Service-Agentur ist. Das brauchen wir nicht, aber wir brauchen auch keine Bevormundung und schablonenhaft fixierte Entwicklungskonzepte. Die Dorfbewohner in Tüschow sind stolz auf ihre gestalterischen Kompetenzen: Mit vereinter Kraft haben sie nach der Wende eine Brücke über die Schaale gebaut, die lächerlich wenig gekostet hat. Obwohl „unsere“ Brücke sicherlich noch viele Jahrzehnte halten wird, wäre diese Art der bürgerschaftlichen Selbsthilfe heute nicht mehr möglich. Sicherheitsvorschriften, Bauauflagen…

Experimentierfeld für kreative Raumpioniere

Mein Vorschlag für eine kreative Regionalentwicklung wäre, mehr Freiräume für die Gestaltungskraft der Einwohner zu schaffen und kreative Raumpioniere mehr zu unterstützen. Vorbild für eine neue Art von regionaler Verwaltung ist der Gärtner: Er sorgt für guten Boden und ausreichend Wasser. Aber das Wachsen überlässt er den Pflanzen selbst. Wachstum lässt sich nicht erzwingen. Und Überdüngung führt selten zu nachhaltigem Erfolg. In der Natur gibt es kein ewiges Wachstum, nur ewige Wandlung. Aber wenn wir uns vom Paradigma des ewigen Wachstums endlich verabschieden, können wir das Dorf zu einem Experimentierfeld machen, um herauszufinden, was das Leben lebenswert macht.

  © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Plädoyer fürs Dorf: Vorzüge realer Realitäten

Für mich persönlich war der größte „Verlust“ im Dorfleben übrigens nicht, dass man hier nicht asiatisch Essengehen kann oder das nächste Kino weit weg ist. Eine sonnenwarm gepflückte, vollreife Erdbeere hat die Aromen derart optimiert, dass Sterneköche vor Neid erblassen. Und das abendliche künstlerische Lichtspiel im tausendfach variierten Grün und die jahreszeitlich wechselnden Duftkulissen im Garten fluten die Sinne, so dass ich die „reale“ Realität der virtuellen allemal vorziehe. Nein, der größte Verlust war, dass vor drei Jahren die Nachtigall ausblieb, die uns die ersten Frühlinge hier in Tüschow mit ihrem bezaubernden Gesang verwöhnt hat. Die industrielle Landwirtschaft forderte ihren Tribut. In der Stadt hätte man es vielleicht nicht mal bemerkt.

 © kallebu 

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Corinna Hesse ist geschäftsführende Mitgesellschafterin im Silberfuchs-Verlag und setzt sich als Sprecherin der Kreative MV – dem Netzwerk für Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern – und Vorstandsmitglied der Kreative Deutschland – Bundesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft – in zahlreichen Projekten für die kreative Gestaltung des ländlichen Raums ein. Sie ist Pionier einer Neuen Ländlichkeit.

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Buch- und Lesetipps:

Dr. Wolf Schmidt: Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs, Schriftenreihe der vom Historiker Schmidt initiierten Mecklenburger AnStiftung, 2017.  Im Buch erläutert Schmidt die immateriellen Werte des Lebens in ländlichen Regionen.

Wolf Schmidt: Kunst des Bleibens – Wie Mecklenburg-Vorpommern mit Kultur gewinnt (pdf zu kostenfreien Herunterladen), Herbert Quandt-Stiftung 2012.

Gerhard Henkel: Rettet das Dorf! Was jetzt zu tun ist. München 2016. Als Humangeograph beschäftigt sich Henkel seit Jahren mit Geschichte und Gegenwart des ländlichen Raumes. Als Standardwerke zur Dorf- und Landentwicklung gilt sein Buch „Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute“.

Brita Polzer (Hg.): Kunst und Dorf. Scheidegger & Spiess, Zürich 2013. 

Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Ländlicher Raum

Ton Matton: DORF MACHEN: Improvisationen zur sozialen Wiederbelebung. Jovis Berlin 2017.

arte: Kunst fürs Dorf. 6teilige Serie, begleitend zu einem Wettbewerb von Deutsche Stiftung Kulturlandschaft von 2013.

Ländlicher Raum – Zeitschrift der Agrarsozialen Gesellschaft e.V.

LandInform – Zeitschrift der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume (DVS) in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)
 
Bauwelt – Zeitschrift über Städtebau, Stadtkultur und globale Ökonomie
 
Der Holznagel – Magazin der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V.
 
Bauernblatt – amtliches Mitteilungsblatt der Landwirtschaftskammer
 
enorm – Magazin für den gesellschaftlichen Wandel in urbanen und ländlichen Regionen 
 
Landlust – Lifestyle-Magazin für Freunde des ländlichen Lebens
 

Vereine, Verbände, Plattformen

Bundesverband lebendige Dörfer

Bundesnetzwerk bürgerschaftliches Engagement: BBE
 
ARKUM – Arbeitskreis für historische Kulturlandschaftsforschung in Mitteleuropa e.V. mit Zeitschrift Kulturlandschaft
 
 
I-KU – Institut zur Entwicklung des ländlichen KulturRaums e.V. in Baruth/Mark Brandenburg
 
 
Unser Dorf hat Zukunft – Bundeswettbewerb 
 

Plattform Ländliche Räume – AHA Dialog der Andreas Hermes Akademie

Umdenken: Wie Banken und Banking sexy werden

 ©low500, Pixelio.de

Banking ist nicht sexy und müsse es auch nicht werden, meinte kürzlich KPMG-Bankexperte Sven Korschinowski in einem Interview: „Banken erbringen keine Primärleistung [Hauptleistung]. Finanzdienstleistungen sind ein Mittel zum Zweck, z. B. zur Erfüllung eines Konsumwunsches.“ 

Haben Banken eine Zukunft?

Leider viel zu kurz gedacht – in meinen Augen. Wenn Banken ihr Selbstverständnis auch zukünftig allein auf Finanzdienstleistungen gründen, verspielen sie über kurz oder lang ihre Existenzberechtigung. Banken steht ein massiver Arbeitsplatzabbau bevor. Mit Blick auf Blockchain, FinTechs und Finanz-Apps (Banking to go / Banking für die Hosentasche), fragen sich bereits heute viele Kunden, warum sie für die Regelung ihrer finanziellen Verpflichtungen Gebühren zahlen sollen, wenn sie die Leistungen anderswo gratis bekommen. Microsoft-Gründer Bill Gates sagte schon 1998: „Banking is necessary, Banks are not”.

Warum heutige Banken nicht sexy sind

Der Hype um FinTechs, neue Technologien und digitale Geschäftsmodelle verstellt den Blick auf die wahren Probleme von Banken und zugleich auch auf ihre Chancen und Potentiale. Warum ist Banking nicht sexy? Weil die Verwaltung von Geld genau genommen leblos ist. Ganz anders ist es, wenn der Mensch ins Spiel kommt. Wie wäre es, wenn Banken zum Lebens- und Potenzialberater ihrer Kunden werden würden und dabei nicht nur Kapitalvermögen und Immobilien im Blick hätten?

 © Michael Ottersbach, Pixelio.de

Potentiale des Immateriellen

Seit Jahrhunderten wird der Bankkunde auf sein materielles Vermögen reduziert! Warum soll das zukünftig so bleiben, frage ich mich. Wir leben in einer Informations- und Wissensgesellschaft, die sich auf Talente, Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten gründet! Wäre es nicht weitaus nachhaltiger gedacht, eine Bank würde ihren erwachsenen und heranwachsenden Kunden begleitende Beratung bei der Berufs- und Lebensplanung anbieten? Sie könnten Schülern mit Hilfe von Partnern aus Wirtschaft und Kultur kostenfreie kreative Workshops offerieren – zur Talenterprobung und Potentialentfaltung. Stattdessen werden minderjährige Bankkunden bzw. deren Eltern phantasielos mit Zinsen geködert (Mäusesparen & Co.). Zukunftsorientierte Banken sollten ihre Kunden von morgen lieber mit spannenden Erlebnissen locken, bei denen Kinder und Jugendliche Offenheit, Mut, Kreativität und Vielfalt erfahren und erspüren können. Das, was die Arbeitswelt zukünftigen Generationen stärker abfordern wird und das, was uns Menschen trotz Künstlicher Intelligenzen unersetzlich macht. Gewohnte Denkmuster müssen daher dringend aufgebrochen werden!

Fragen an die Bank der Zukunft

Warum muss sich die Dienstleistung einer Bank auf die Verwaltung von materiellen Dingen (Vermögen, Kredite usw.) beschränken? Kein Wunder, dass der Kunde das wenig sexy findet! Warum investiert diese – wie andere bedrohte Branchen auch – meist nur in technologische Innovationen? Warum denkt eine Bank der Zukunft nicht primär über eine soziale Innovation nach und setzt erst später unterstützend und begleitend auf neue Technologien? Der Mensch sollte Treiber für die Technologie sein und nicht umgekehrt! Warum lassen Banken das immaterielle Kapital und Vermögen ihrer Kunden derzeit völlig außer Acht?

 © I-vista, Pixelio.de

Nachhaltigkeit

Wer seine Kunden umfassend bei Bildung und Potentialentfaltung unterstützt und in ihre Talente investiert, wird zukünftig vermutlich über finanzstarke, solvente und zufriedene gesunde Kunden verfügen. Und nicht nur das: Er wird Kunden haben, die gesund und resilient sind, weil sie durch Talent- und Potentialentfaltung gelernt haben, zukünftigen Veränderungen im Leben oder am Arbeitsmarkt flexibel, offen und angstfrei zu begegnen.

Wer seine Kunden nach ihren Neigungen, Leidenschaften, Ideen und Lebensträumen befragt und sie bei der Realisierung unterstützt, vom Denken und Planen zum Handeln zu kommen, wird sie dauerhaft an sich binden. Wer in immaterielle Potentiale seiner Kunden investiert, sorgt für ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Wer seinen Kunden hingegen weiterhin unmoralische Spekulationsgeschäfte mit Hedgefonds und risikoreichen Derivaten aufschwatzt und Vermögen gewissenlos verzockt, wird verdient untergehen.

 © Uta Thien Seitz, Pixelio.de

Soziale Innovationen

Wo Märkte und Branchen versagen, bilden sich Freiräume und Chancen für soziale Innovationen und für die Bank von morgen, der sie getrost ihr Vertrauen schenken dürfen. Stellen Sie sich folgende Szenarien vor:

Szenario 1: Angebote für Heranwachsende

Sie erhalten Post von Ihrer Hausbank: „Sehr geehrte/r Kunde/in, in wenigen Tag für Ihr/e Sohn/Tochter 14 Jahre alt. Wir freuen uns mit Ihnen und möchten Ihr Kind zu einem Erlebnis- und Entdeckertag mit einer kostenfreien eintägigen Talent- und Potentialberatung einladen. Der Gutschein ist beigefügt! Wir freuen uns auf Ihr Kind und einen ereignisreichen Tag. Mit freundlichen Grüßen – Ihre Potential-Bank der Zukunft!“

Ein interdisziplinäres Team erfahrener Pädagogen, Psychologen, Künstler und Sozialwissenschaftler unterhält sich ausführlich mit Ihrem Kind, lässt es spielerisch verschiedene geistige, kreative und empathiebezogene Herausforderungen bearbeiten und Fragebögen ausfüllen. Am Ende erhalten Sie und Ihr Kind eine ausführliche Auswertung und ein persönliches Beratungsgespräch, um Ihrem Kind und Ihnen verschiedene Vorschläge für ein künftiges sinnerfülltes und glückliches Leben zu unterbreiten, an welchem Ort, in welcher Branche, in welcher Funktion auch immer, entsprechend der besonderen Talente, Fähigkeiten und Neigungen, egal ob in einer Erwerbsarbeit oder in einem Ehrenamt.

Bereits heute bieten Institute in jeder größeren Stadt Potentialanalysen für Jugendliche an, allerdings zu stolzen Preisen um die 1.500 €. Eine Investition, die nicht jeder aufbringen kann.

 © Wilhelmine Wulff, Pixelio.de

Szenario 2: Angebote für Erwachsende

Sie sind an einem Wendepunkt in Ihrem Leben (völlig normal!) und denken über eine Veränderung nach. Sie rufen bei Ihrem persönlichen empathiekompetenten Bankberater an, dem Sie ihre Situation schildern. Er stellt für Sie persönlich ein interdisziplinäres Kompetenzteam zusammen, das der Bank verbunden ist, und vereinbart für Sie eine kostenlose ganzheitliche Beratung, die Ihre besondere Situation von allen Seiten beachtet. Zum Team gehören: ein Branchenexperte, ein Arbeitsmarkt- bzw. Personalexperte, ein Journalist, ein Psychologe, ein Allgemeinmediziner, ein Experte für lebenslanges Lernen und ein Künstler bzw. Kreativschaffender. Nach der Erstberatung wird das weitere Vorgehen entschieden. Das Expertenteam hört Ihnen zu und berät sie, Sie fühlen sich wertschätzt, angenommen, aufgefangen. Und finden früher oder später eine Lösung, die Sie glücklich macht und gesund bleiben lässt.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Szenario 3: Herzensprojekte

Sie haben eine Projekt- oder Geschäftsidee bzw. planen ein soziales oder ehrenamtliches Projekt. Neben Kapital benötigen Sie zunächst einmal Informationen: Kontakte zu Fachjournalisten und Branchenkennern, zu potentiellen Kunden zur Testung Ihrer Ideen und Prototypen, zu Künstlern und Designern sowie weiteren Wissensträgern, u. a. zu Studenten aus Universitäten und (Fach-)Hochschulen, zu Azubis passender Fachbereiche. Sie brauchen kommunikativen Austausch in einem Netzwerk mit Creator, Owner und Broker. Sie rufen Ihren Bankberater an. Mit Hilfe seiner Kontakte und einer digitalen Matching-Plattform stellt er Ihnen eine Vorschlagsliste mit einem interdisziplinären, fachkundigen Team zusammen und unterstützt damit Ihr Lebensprojekt mit ideellen Werten und immateriellem Kapital. Wer für Sie Beratungs- und Unterstützungsleistungen erbringt, wird hälftig von Ihnen, dem Kunden, und Ihrer Bank vergütet – über Micropayment bzw. ein Punktesystem, das der Hilfe-Erbringende später selbst rückinvestieren kann. Banken können zu ThinkTanks und zu sozialen Treffpunkten werden, für kommerzielle Vorhaben ebenso wie für soziale und ehrenamtliche Projekte.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Wie soll das funktionieren?

Schon heute werden in Personalabteilungen Künstliche Intelligenzen eingesetzt, um die Auswahl geeigneter Bewerber bzw. zukünftiger Mitarbeiter zu erleichtern, zu beschleunigen und effizienter zu gestalten. Ob dies immer im Interesse der Bewerber geschieht, ist ein anderes Thema. Fakt ist, dass Personalabteilungen zukünftig weniger Mitarbeiter benötigen. Die überzähligen Personalexperten könnten sich als Lebenssinn- und Potentialberater neu aufstellen, um vom Kind bis zum Rentner jeden Bürger zu unterstützen, eigene Talente und Fähigkeiten aufzuspüren und den individuellen Lebenssinn zu finden. Mentoring durch persönliche Zuwendung!

Der Mensch im Mittelpunkt

Der Ökonom Tomás Sedlácek war wirtschaftspolitischer Berater des früheren tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel. In seinem philosophischen Buch Die Ökonomie von Gut und Böse schreibt er: „Die Menschen haben von den Ökonomen schon immer vor allem wissen wollen, was gut und was böse oder schlecht ist, und das ist bis heute so geblieben … Wir [Ökonomen] haben zu viel Gewicht auf das Mathematische gelegt und unser Menschsein vernachlässigt. Das hat zu schiefen, künstlichen Modellen geführt, die uns kaum dabei helfen, die Realität zu verstehen.“

 © Dietmar Meinert, Pixelio.de

Die Bank als Lebensbegleiterin

Statt einen Menschen mit Druck zu entmutigen, sollten wir ihm mit positiver Sogwirkung Auftrieb geben. Wenn wir unser Potential bestmöglich entfalten können, werden wir den richtigen Platz für uns im Leben finden. Wenn die Bank dazu beiträgt, sorgt sie nachhaltig dafür, einträgliche und rentable Kunden zu gewinnen und dauerhaft an sich zu binden.

Wir können der eigenen Berufung und dem Herzensthema hochmotiviert bis ins hohe Alter folgen. Voraussetzung ist, dass uns jemand dabei unterstützt und uns die richtigen Fragen stellt:

  • Was könnte meinem Leben Sinn geben?
  • Womit möchte ich mir oder anderen Menschen Freude bereiten?
  • Wo und wie kann ich in der Gesellschaft Unterstützung leisten?

Warum sollte nicht eine Bank diese individuelle Lebenssinn- und Potentialberatung übernehmen bzw. sie zumindest anstoßen und begleiten? Könnten Banken auf diese Weise zu einem neuen Selbstverständnis finden – als Potentialförderer für uns Bürger? Sie könnten ihr häufig verspieltes Vertrauen zurückgewinnen, indem sie nicht nur materielles, sondern auch geistiges Vermögen treuhänderisch verwalten, also immaterielles Kapital analysieren, bewahren und vermehren.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Kreativität und Lebenssinn

Es geht im Leben mehr denn je darum herauszufinden, wo die eigenen Talente und Fähigkeiten liegen, an welchem Ort und in welcher Funktion wir sie sinnvoll einsetzen möchten. Kreativitätsexperte Sir Ken Robinson hat es in einem Interview so erklärt: „You create your life and you can recreate it too. In times of economic downturn and uncertainty it’s more important than ever to look deep inside yourself to fathom the sort of life you really want to lead and the talents and passions that can make that possible.“ (Forbes)

Banken werden ihre Relevanz und Überlebenschance zukünftig daran messen lassen müssen, inwiefern sie den Austausch zwischen Menschen und die Vermehrung von sozialem Kapital fördern und das Geflecht persönlicher wertschätzender Beziehungen zum Blühen bringen. Das Saguaro Seminar der Harvard University hat 150 Strategien entwickelt, die zeigen, wie wir soziales Kapital vermehren können. Von diesen Ideen und Strategien können Banken sehr viel lernen! 

Peter Fox, der Sänger der Berliner Band Seeed, hat es im Song Alles neu auf seiner Solo-CD „Stadtaffe“ so formuliert:

„Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht. Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.“

 © Joujou, Pixelio.de