art meets science II: Riffe stricken, Humboldt und Goethe loben und Paläokunst

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kunst und Natur, Kultur- und Geisteswissenschaften haben viele Jahrzehnte ein getrenntes Dasein gefristet. Jede Disziplin pflegte und vertiefte ihr Spezialwissen für sich allein. Das war nicht immer so, wie u. a. Humboldt, Goethe und wissbegierige Monarchen zeigen.

In den Wunderkammern der Monarchen und Fürsten lagen früher Exponate aus Kunst und Naturwissenschaft direkt nebeneinander. Im großartigen Kunsthistorischen Museum Wien  und auch im neuen Weltmuseum Wien kann man das noch heute sehen: Trophäen von Archäologen und Biologen von Expeditionen, bei denen früher stets auch Künstler mitreisten, um die exotischen Neuentdeckungen in Bildern festzuhalten. Der Universalgelehrte Alexander von Humboldt z. B. beherrschte das naturwissenschaftliche Forschen ebenso präzise wie das kunstvolle Zeichnen. Etwa 1500 Skizzen und kolorierte Blätter sind von ihm überliefert und zeigen Details exotischer Pflanzen und Tiere (vgl. Lubrich, O.: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk. Berlin 2014).

 © Verlag Lambert Schneider

Bildhungrig

Erst seit jüngerer Zeit führen Kunst, Natur-, Kultur- und Geisteswissenschaften ein getrenntes Dasein. Bedauerlich, dass jede Disziplin ihr Spezialwissen für sich allein pflegt und vertieft. Doch langsam kommen sich die Forschungs- und Lehrgebiete wieder näher – wegen unseres unstillbaren Hungers nach Sicht- und Greifbarem, der in digitalen Zeitalter noch mehr wächst. Je abstrakter die Naturwissenschaft umso bildbedürftiger wird sie.

In der Paläo-Kunst bzw. Paläo-Art gehen Kunst und Wissenschaft eine fruchtbare Synthese ein. Künstler recherchieren in einschlägigen Fachmagazinen, um auf dem Laufenden zu bleiben und neue Erkenntnisse in ihren Zeichnungen aufzugreifen. Gezielte Fragen treiben sie an: Kann ein Tier mit dieser Körperform jagen? Sind die Gliedmaßen eher an eine Fortbewegung im Sand oder im Sumpf angepasst? Federn oder Fell? Wenn Fragen nicht beantwortet werden können, helfen nur Mut und Kreativität. Paläokünstler Frederik Spindler sagt: „Ich habe mir das Wissen nach und nach angelesen und Kongresse besucht.“ Auf der Online-Plattform Deviantart tauscht er sich mit Wissenschaftlern und anderen Künstlern aus.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Visualisierung von Erkenntnissen

Damit Wissenschaft und Kunst zu Dreamteams werden, wurde an der Universität Zürich der Studiengang Bachelor Scientific Visualization ins Leben gerufen, um wissenschaftliche Sachverhalte bildlich darzustellen. Die Fachhochschule Potsdam hat im Fachbereich Design die Studien­gänge Interface-, Kommunikations- und Produktdesign verzahnt. Als Designer hat Roman Grasy den Brückenschlag zur Biologie und Medizin gesucht. Seine Masterarbeit The Organ Generator: Computer Aided Biology Design beschäftigt sich mit 3D Bioprinting synthetischer Gefäßsysteme. Zunächst werden abstrakte Gefäßstrukturen nach biologischen Regelwerken modelliert, um sie dann mit lebendigen Zellen zu drucken. So können z.B. Medikamentenwirkstoffe an biologischen Simulationsmodellen getestet werden, was Tierversuche überflüssig macht.

Vielfältige Kompetenzen verbinden

Hochschulen und Universitäten brauchen verschiedene Partner: kompetente Wissenschaftsjournalisten einerseits, die der breiten Öffentlichkeit neue Erkenntnisse vermitteln und Datenjournalisten, Grafik-, Medien- und Kommunikationsdesigner andererseits, die Abstraktes mit Modellen, Infografiken und Erklärtrickfilmen verständlich visualisieren, zum Beispiel zum komplexen Thema Nachhaltigkeit. Für eine direkte Auftragserteilung an freiberufliche Kreative fehlt den Universitären allerdings oft das Geld. Bürgern bleiben daher oft wichtige Erkenntnisse vorenthalten, die mit viel Spezialwissen erstellt und meist auch mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden. Dabei wird es in unserer alternden Gesellschaft zunehmend wichtig, neue Forschungsergebnisse an den mündigen Patienten zu bringen, nicht zuletzt über neue Medien, interdisziplinäre und kreative Methoden.

 © zukunft.leben.nachhaltigkeit, Silberfuchs-Verlag

Wissen inszenieren

Wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich auch auf der Bühne im Rahmen eines Science Slam inszenieren. Das sind mehrere kurze Vorträge hintereinander mit unterhaltsamen Zusätzen, wie z. B.  Animation oder Comic-Zeichnung, Experiment, Tanz oder Gesang. Hauptsache verständlich, kurzweilig, humorvoll und aus anderer Perspektive präsentiert. Originelle Fragen transportieren ein Thema mühelos von einem Bereich in einen anderen: Wie schmecken Klänge? Haben Bakterien eine Lieblingsfarbe? Was fühlt ein Blatt? Wer wäre ich vor 100 Jahren gewesen und wer würde ich in 100 Jahren sein? Die Themen stammen aus allen Bereichen: Natur- und Geisteswissenschaft, Praxis und Theorie.

Kreative Kollaboration

Der Wissenszuwachs hat eine enorme Beschleunigung erfahren. Die Spezialgebiete haben sich stetig differenziert. Universalgelehrte wie Leonardo da Vinci, Gottfried Wilhelm Leibniz, Johann Wolfgang von Goethe oder Alexander von Humboldt wird es kaum mehr geben. Was umso mehr dafür spricht, dass die Disziplinen den direkten Austausch suchen, um  Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen. Inspiration und Horizonterweiterung geben Erfindergeist und Motivation einen enormen Schub. Die Kunsthistorikerin Andrea Wulf beschreibt in ihrem Buch Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur (S. 47-63), dass Goethe die produktivsten Schreibphasen an seinem Faust unmittelbar nach Treffen mit Alexander von Humboldt gehabt habe. Die packenden Schilderungen seiner Forschungsreisen ließen Goethe über Erkenntnisstreben, Macht und deren Folgen reflektieren. Das Ergebnis: die literarische Innovation „Doktor Faust“.

 © Randomhouse/Bertelsmann

Spillover im Museum

An alte Seilschaften zwischen Kunst, Sammeln und Forschen knüpft das Naturkundemuseum in Berlin an. Mit künstlerischen Interventionen setzen sich Kultur- und Kreativakteure in einem vierjährigen Modellprojekt und in verschiedenen Sparten mit Naturthemen und Exponaten in den Räumen des Museums auseinander. Sie intervenieren, greifen ein, spiegeln ihre Perspektiven mit Klangkunst und Musik, Poesie und Literatur, Malerei und Installation. Das schärft die Wahrnehmung und das Empfinden der Besucher, Naturwissenschaft mit allen Sinnen zu erfassen, wie Künstler Ólafur Elíasson es 2016 bei der Verleihung des Zukunftspreises formuliert: „Wissenschaft bedeutet auch, mit dem Herz und nicht nur mit dem Verstand zu forschen.“

Handarbeit und Mathematik

Künstlerische Ästhetik, Mathematik und Naturwissenschaften verbinden die australischen Zwillingsschwestern Christine und Margaret Wertheim in ihrem Institute for Figuring in Los Angeles. 2012 initiierten sie ein partizipatives, grenz-, generationen- und geschlechterübergreifendes Handarbeitsprojekt: Männer und Frauen, Kinder und Senioren, über 700 Mitwirkende aus Deutschland, Dänemark, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz häkelten gemeinsam ein wollenes Korallenriff – The Föhr Reef – eine Aktion des Museums „Kunst der Westküste“ in Alkersum auf der Insel Föhr. Neben Fingerfertigkeit erhielten die Akteure über die Vorlagen der Handarbeitstechnik Einblick in mathematische Muster sowie thematisch in meeresbiologische Aspekte. Weltweit sind bereits über 20 gehäkelte Korallenriffe entstanden.

  © Föhr Reef: Institute for Figuring, Alyssa Gorelick

Kunst als Botschafter

2014 zeigte das internationale State Festival in Berlin, dass Kunst und Musik helfen können, Denk- und Forschungsergebnisse wirksam nach außen zu kommunizieren. Praktiziert wurde das in Gesprächsforen, interaktiven Workshops, in Kurzfilmen, Performances von Künstlern und Live-Experimente von Wissenschaftlern. Das Festivalthema „Zeit“ bildete den Rahmen für das Kernthema: der kreative Zusammenprall beider Welten Wissenschaft und Kunst. Und die Frage: Welche ästhetischen Qualitäten geben Kunst und Musik Substanz und befähigen sie, Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen zu finden? Wird die wachsende Komplexität der Welt und des Denkens greifbarer, wenn man Denkweisen und Weltsichten von Wissenschaft und Kunst zusammenbringt. John Gorman, Chef der Science Gallery in Dublin sehnt eine „dritte Kultur“ herbei. Er nennt sie arts science und hofft, dass sie zu einer weltweiten Bewegung wird.

 

Mehr zum Thema:

art meets science I: Schwarze Materie, amorphe Kunst und ein kühles Bier

art meets science II: Riffe stricken, Humboldt und Goethe loben und Paläokunst

Kreative als Atemspender für ländliche Regionen

 © Kreative MV

Viele junge Menschen kehren ihrer ländlichen Heimat den Rücken, weil sie für Studium oder Ausbildung in größere Städte ziehen. Zumindest einige von ihnen kehren später zurück. Oder es ziehen Neubürger hinzu. Für viele Kreative ist die Lebensqualität im ländlichen Raum hoch attraktiv. Sie hauchen den Dörfern und Kleinstädten frischen Atem ein. Ein neuer Wettbewerb in Mecklenburg-Vorpommern will die künstlerisch-kreativen „Raumpioniere“ unterstützen und ihre Fähigkeiten aktiv einbinden.

Kreative als Raumpioniere

Kreativschaffende suchen bewusst den Freiraum in vermeintlich „verlassenen“ Regionen, die über Abwanderung und Extremismus klagen. Sie kaufen und renovieren leerstehende Gutshäuser und Katen, betreiben offene Ateliers und Werkstätten, Probenräume und Bühnen, Gästehäuser und Cafés. Sie wirken als Magnet für weitere Neuansiedler, Touristen und Gäste. Sie sind Pioniere, die den gesellschaftlichen Wandel in ländlichen Räumen engagiert und enthusiastisch gestalten, oft gemeinsam mit der alteingesessenen Bevölkerung. Der digitale Wandel ermöglicht es Kreativunternehmern, dort zu arbeiten, wo sie leben wollen – und nicht umgekehrt.

 © MassivKreativ

Wettbewerb „Kreative für MV – MV für Kreative“

2017-2019 wird in Mecklenburg-Vorpommern ein landesweiter Wettbewerb für soziale Dorfentwicklung und Innovationen in ländlichen Regionen stattfinden – unter aktiver Mitwirkung kreativer Raumpioniere und gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Projektträger: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung/BLE). Dabei sollen bereits bestehende kreative Projekte und Initiativen zur sozialen Dorfentwicklung ausfindig gemacht oder neue Initiativen angeregt werden – zwischen Kreativen und alteingesessenen Bürgern. Gemeinsam werden Talente und Synergien ermittelt, Ideen gesammelt und Prototypen gestaltet, im Idealfall auch soziale Innovationen realisiert.

 © BLE

Brückenbauer in MV gesucht

Mit dem Wettbewerb und der Kampagne ‚Kreative für MV – MV für Kreative‘ wollen wir zeigen, wie sehr sich Künstler und Kreative für ihr soziales Umfeld einsetzen“, erklärt die Projektleiterin Corinna Hesse und Sprecherin des Landesnetzwerkes Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern sowie Medienproduzentin und Mitverlegerin im Silberfuchs-Verlag / Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung. „Gleichzeitig fragen wir auch: Was kann das Land für Euch tun?“ Gesucht werden für den Wettbewerb zivilgesellschaftliche Projekte sowie Brückenbauer zwischen Kreativschaffenden und Bürgern.

Interdisziplinäre Kreativworkshops

Bis zum 28.02.2018 können sich Kreativschaffende und künstlerische Laien mit einer zweiseitigen Projektskizze bewerben. Von April bis Oktober 2018 finden 10 landesweite Projektcoachings statt. Jeder Bewerber kann daran teilnehmen, um sein Projekt weiter zu entwickeln und zu professionalisieren. Im November 2019 können sich alle Projekte auf der Landesbranchenkonferenz für Kultur- und Kreativwirtschaft KREATOPIA präsentieren.

Die Workshops finden 2018 an verschiedenen Orten in Mecklenburg-Vorpommern statt. Intermediäre des Netzwerkes Kreative MV werden die Bewerber im Rahmen des Wettbewerbs unterstützen, vernetzen, qualifizieren und landesweit sichtbar machen. Das Team von Kreative MV stützt sich auf vielseitige und fruchtbare Erfahrungen bei der Zusammenarbeit zwischen Kreativen, Bürgern, Verwaltung, Unternehmen, Regional- und Wirtschaftsförderern in bereits erprobten KreativLabs, die 2016/2017 in MV bereits für Austausch und Vernetzung sorgten. Die Labs sollen als nachhaltiges Format im Rahmen des Wettbewerbs fortgeführt und intensiviert werden. Der Wettbewerb wird dabei die Handlungsschwerpunkte Vernetzung, Fortbildung und Sichtbarkeit verbinden. Die Effekte der Kultur- und Kreativwirtschaft auf die Standort- und Regionalentwicklung werden durch den Projekttitel „Kreative für MV – MV für Kreative“ verdeutlicht.

 © MassivKreativ

Künstlerisch-kreative Methoden

Die KreativLabs leben vom künstlerischen Denken, von einer Vielzahl künstlerisch-kreativer Methoden und künstlerischer Interventionen. Kreative haben eine besondere Haltung, sie können:

  • zuhören, beobachten, recherchieren, improvisieren
  • Fragen stellen, Angst überwinden, mutig sein
  • andere Perspektiven kennenlernen, neue Sichtweisen entdecken
  • nach innen und außen fühlen
  • Szenarien, Rollen und Möglichkeiten im Spiel erproben
  • an eigene Grenzen gehen, über sich hinauswachsen
  • mit Kritik umgehen, aus Fehlern lernen
  • Fehlschläge und Misserfolge verarbeiten, Resilienz entwickeln
  • Gemeinschaft und Vielfalt erleben, im Team arbeiten
  • Anderssein und andere Meinungen akzeptieren
  • Verantwortung für sich und für Andere zu übernehmen
  • Selbstbewusstsein stärken
  • Fokussierung, Konzentration, Beharrlichkeit
  • Zeit planen, Prioritäten setzen
  • Wertschätzung für andere Menschen empfinden
  • Erfolge feiern, Pausen zum Reflektieren zulassen

In den Workshops werden Kreativtechniken (Design Thinking, Brainwriting, Osborne-Methode usw) ebenso genutzt wie Methoden agilen Arbeitens.

 © MassivKreativ

Ablauf des Wettbewerbs

Bis zum 28.02.2018 können sich Interessenten für den Wettbewerb, z. B. Kreativschaffende, künstlerische Laien, Bürger, Verwaltungen, Gemeinden, Unternehmen usw., mit einer zweiseitigen Projektskizze bewerben. Von April bis Oktober 2018 finden 10 landesweite Projekt-Coachings von statt. Jeder Bewerber kann daran teilnehmen, um sein Projekt weiter zu professionalisieren.

Eine branchenübergreifend besetzte Jury wählt drei Projekte aus, die im Frühjahr 2019 ausgezeichnet werden. Im Fokus des Wettbewerbs stehen gesellschaftsgestaltende Prozesse, die auf die besonderen Herausforderungen in der Region eingehen. Die Siegerprämien sind mit insgesamt 10.000 Euro dotiert, die für die Weiterentwicklung der Projekte eingesetzt werden sollen. Im Anschluss werden ausgewählte Projektideen von Mai bis November 2019 in einer Multimedia-Roadshow durch Mecklenburg-Vorpommern in Kommunen und Landesministerien vorgestellt. So wird das Bewusstsein für die Standorteffekte und Regionalentwicklung durch die Kultur- und Kreativwirtschaft gestärkt und kommunale Kooperationspartner gewonnen.

Nachhaltigkeit

Ziel des Wettbewerbs ist es, die kreativen Projekte, Ideen und Initiativen aus den Bewerbungen nachhaltig in kommunale, landesweite oder überregionale Förderprogramme zu implementieren und die vorhandenen Förderprogramme für die Entwicklung des ländlichen Raums stärker für die Kreativbranche zu erschließen.

Vorreiter

Die Politik wird aktiv aufgerufen, die Ansiedlung von Kreativunternehmern im ländlichen Raum zu fördern. Damit soll der Wandel ländlicher Regionen von der Landwirtschaft hin zu einem kleinteiligen, flexiblen und damit robusten Dienstleistungssektor unterstützt werden, der wissens- und kreativitätsbasiert und damit zukunftsfähig sein soll.

Mecklenburg-Vorpommern kann in diesem Zusammenhang bereits auf einige erfolgreiche Kreativorte, Vereine und Clustern verweisen, die mit kulturellen und ökologischen Angeboten, Veranstaltungen, regionalen Produkten und Gastronomie neue Geschäftsmodelle entwickelt haben, z. B. in Mestlin, Rothen, Pampin, Wangelin, Qualitz, im Lassaner Winkel, in Lelkendorf usw. Weitere Beispiele sind willkommen!  

Prominente Schirmherrin

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat ihre Unterstützung als Schirmherrin zugesagt. Sie wird im Frühjahr 2019 drei ausgewählte Projekte auszeichnen: „Ich freue mich, die Kreativen im Land näher kennenzulernen. Allen Projekten wünsche ich viel Erfolg!“  Die ausgezeichneten Projekte werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und mit Projektmitteln von insgesamt 10.000 € unterstützt.

Die Initiatoren

Corinna Hesse hatte die Idee für den Wettbewerb „Kreative für MV – MV für Kreative„. Sie ist Projektleitung , Sprecherin von Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern sowie Medienproduzentin und Mitverlegerin im Silberfuchs-Verlag / Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung: „Gesucht werden für den Wettbewerb zivilgesellschaftliche Projekte zwischen Kreativschaffenden und Bürgern.“ 

Sichtbarkeit und Öffentlichkeitsarbeit

Antje Hinz – ebenfalls Mitverlegerin im Silberfuchs-Verlag und Medienproduzentin – übernimmt die Öffentlichkeitsarbeit und berichtet redaktionell über das Projekt, u. a. hier auf MassivKreativ: „Ländliche Regionen profitieren von kreativen Ideen für ein sinnstiftendes Zusammenleben.“ Die Potenziale von Kreativen sollen daher stärker genutzt werden, z. B. für Perspektivwechsel und Querdenken, Mut und Experimentierfreude.

Details zum Wettbewerb werden am 23.11.2017 bei der KREATOPIA bekannt gegeben, der Branchenkonferenz der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Ab sofort können sich Künstler, Kreativschaffende und Bürger mit einer Projektidee bewerben.

FAQ Wettbewerb kreative soziale Dorfentwicklung

Wer kann teilnehmen?

Bewerben können sich Privatpersonen, Vereine, Netzwerke und Firmen in Mecklenburg-Vorpommern aus allen Bereichen der Kultur und Kreativwirtschaft: Kunst, Musik, Theater, Kunsthandwerk, Architektur, Design, Werbung, Software, Games, Film, Rundfunk, Buch, Presse. Für nicht eingetragene Vereine, Arbeitskreise und andere Initiativen ohne eigene Rechtspersönlichkeit besteht die Möglichkeit, dass eine (rechtsfähige) Einzelperson für die Initiative die Bewerbung einreicht. Kommunale Partner, Wirtschaftsunternehmen aus anderen Branchen, Bürgerinnen und Bürger können nur dann eine Bewerbung einreichen, wenn sie in ihrem Projekt mit Partnern aus der Kreativbranche zusammenarbeiten.

Wie werden die Projekte im Wettbewerb gefördert?

In der ersten Phase des Wettbewerbs (2018) erhalten die teilnehmenden Projekte vor Ort ein Coaching von Experten und Praktikern, die die Teilnehmenden bei der Realisierung und dauerhaften Fortführung ihres Projektes unterstützen (z.B. Fragen zu Fördermitteln, Kooperationspartnern, Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung). Die 10 landesweiten Coaching-Termine (April-Oktober 2018) sind als Netzwerktreffen (KreativLabs) organisiert, so dass alle teilnehmenden Projekte sich kennenlernen, vernetzen und von ihren Erfahrungen gegenseitig profitieren können. Bei der Landesbranchenkonferenz für Kultur- und Kreativwirtschaft KREATOPIA im November 2018 können sich alle teilnehmenden Projekte gemeinsam präsentieren.

In der zweiten Phase des Wettbewerbs (2019) wählt eine unabhängige Jury drei Projekte aus, die eine Anschubfinanzierung erhalten (Preisgeld insgesamt 10.000 Euro). Die Auszeichnung im Mai 2019 übernimmt Schirmherrin Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Anschließend werden alle teilnehmenden Projekte durch eine gemeinsame Landeskampagne („Kreative für MV – MV für Kreative“) in einer Multimedia-Roadshow der Öffentlichkeit, den Kommunen und Landesministerien vorgestellt, um kommunale Partner für die langfristige Sicherung oder/und Förderung der Projekte zu gewinnen.

Wo finden die 10 Projektcoachings und Workshops (KreativLabs April-Oktober 2018) statt?

Die 10 KreativLabs finden direkt vor Ort bei den teilnehmenden Projekten statt, jeder Workshop an einem anderen Ort in ganz MV. Durch begleitende Öffentlichkeitsarbeit werden die spannenden Kreativorte in MV überregional sichtbar gemacht. Ziel ist es, die teilnehmenden Projekte miteinander sowie mit interessierten Partnern aus Politik, Kommunen, Förderern, Wissenschaft, Verbänden und Kammern zu vernetzen.

Welche Projekte fördert der Wettbewerb? Was ist mit „sozialer Dorfentwicklung“ gemeint?

Es werden Projekte gefördert, die mit künstlerisch-kreativen Mitteln zur sozialen Entwicklung im ländlichen Raum beitragen. Die Projekte können ganz am Anfang stehen oder schon begonnen haben und für ihre Weiterentwicklung Unterstützungsbedarf haben. Wichtig ist, dass die Bevölkerung vor Ort in die Projekte aktiv einbezogen wird. Beispiele: Theaterkurse für Jugendliche, die das Selbstbewusstsein stärken; Kulturveranstaltungen, die zur Integration unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen beitragen; Ausstellungen, die leerstehende Immobilien neu beleben, Lesungen in Privaträumen u.v.m.

Welche Regionen sind mit „Dorf“/“ländlicher Raum“ gemeint?

Die Projekte sollten in Dörfern, Städten oder Gemeinden mit weniger als 35.000 Einwohnern in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt werden. Es können jedoch auch Bewerbungen von Projekten eingereicht werden, die in Kommunen (Städten oder Gemeinden) umgesetzt werden, die mehr Einwohner haben. Ausschlaggebend sind der ländliche Charakter des Ortes der Umsetzung und die Wirkung auf den ländlichen Raum und die dort lebende Bevölkerung.

Welche Unterlagen sind für die Bewerbung bis 28.2.2018 einzureichen?

Einzureichen ist eine kurze Projektskizze (max. 2 Seiten), in denen das Projekt beschrieben wird: Was wollt Ihr vor Ort bewegen? Welche künstlerisch-kreativen Mittel werden eingesetzt? Wie arbeitet Ihr mit den Menschen vor Ort zusammen? Was sind Fragen und Herausforderungen, bei denen Ihr noch keine Lösung wisst und für die Ihr Unterstützung braucht? Das Formular für die Projektskizze ist zum Download auf www.kreative-mv.de/dorf-wettbewerb/ ab 23.1.2017 zu finden.

Kreative MV freut sich über kreative und innovative Bewerbungen!

Über Ihr Interesse an einer Berichterstattung würden wir uns sehr freuen!

Gern stehen wir für Rückfragen und Interviews zur Verfügung:

Projektleitung:          corinna.hesse@silberfuchs-verlag.de / Tel. 038843 – 824187

Presse- und ÖA:       antje.hinz@silberfuchs-verlag,de / Tel. 040 – 2097 8868

Weitere Informationen zum Wettbewerb: www.kreative-mv.de | www.massivkreativ.de

________________________________________________

Buch- und Lesetipps:

Corinna Hesse / Antje Hinz: Neue Lebenswelten: Das Dorf ist kreativ und innovativ. MassivKreativ, Juni 2017

Dr. Wolf Schmidt: Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs, Schriftenreihe der vom Historiker Schmidt initiierten Mecklenburger AnStiftung, 2017.  Im Buch erläutert Schmidt die immateriellen Werte des Lebens in ländlichen Regionen.

Wolf Schmidt: Kunst des Bleibens – Wie Mecklenburg-Vorpommern mit Kultur gewinnt (pdf zu kostenfreien Herunterladen), Herbert Quandt-Stiftung 2012.

Ralf Otterpohl: Das neue Dorf. Vielfalt leben, lokal produzieren, mit Natur und Nachbarn kooperieren. Oekom Verlag, München 2017. youtube Film-Teaser Das neue Dorf – Minifarmen für Stadt und Land

Gerhard Henkel: Rettet das Dorf! Was jetzt zu tun ist. München 2016. Als Humangeograph beschäftigt sich Henkel seit Jahren mit Geschichte und Gegenwart des ländlichen Raumes. Als Standardwerke zur Dorf- und Landentwicklung gilt sein Buch „Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute“.

Brita Polzer (Hg.): Kunst und Dorf. Scheidegger & Spiess, Zürich 2013. 

Wolfgang Schneider, Beate Kegler, Daniela Koß (Hg.) Vital Village: Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Herausforderung / Development of Rural Areas as a Challenge for Cultural Policy. Komplett zweisprachig deutsch/englisch. Transcript Verlag 2017. (Wissenschaftliche Betrachtungen zum Thema, Praxisbeispiele aus Deutschland und Europa sowie Kulturpolitische Perspektiven).  

Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Ländlicher Raum

Ton Matton: DORF MACHEN: Improvisationen zur sozialen Wiederbelebung. Jovis Berlin 2017.

Alexandra Hildebrandt: Kleine Handlungen, große Wirkung. Ganz nah! Wo die Kraft der Gemeinschaft am besten gedeiht. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

arte: Kunst fürs Dorf. 6teilige Serie, begleitend zu einem Wettbewerb von Deutsche Stiftung Kulturlandschaft von 2013.

Anderes Bauen für ein anderes Leben: Das Projekt Earthship – Schloss Tempelhof

 

Zeitschriften und Magazine

Ländlicher Raum – Zeitschrift der Agrarsozialen Gesellschaft e.V.

LandInform – Zeitschrift der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume (DVS) in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)
 
Bauwelt – Zeitschrift über Städtebau, Stadtkultur und globale Ökonomie
 
Der Holznagel – Magazin der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V.
 
Bauernblatt – amtliches Mitteilungsblatt der Landwirtschaftskammer
 
enorm – Magazin für den gesellschaftlichen Wandel in urbanen und ländlichen Regionen 
 
Landlust – Lifestyle-Magazin für Freunde des ländlichen Lebens

 

Vereine, Verbände, Plattformen

Bundesverband lebendige Dörfer

BBE – Bundesnetzwerk bürgerschaftliches Engagement
 
ARKUM – Arbeitskreis für historische Kulturlandschaftsforschung in Mitteleuropa e.V. mit Zeitschrift Kulturlandschaft
 
 
I-KU – Institut zur Entwicklung des ländlichen KulturRaums e.V. in Baruth/Mark Brandenburg
 
 
Unser Dorf hat Zukunft – Bundeswettbewerb 
 
Thünen-Institut – Entwicklung ländlicher Räume
 
Plattform Ländliche Räume – AHA Dialog der Andreas Hermes Akademie

art meets science I: Schwarze Materie, amorphe Kunst und ein kühles Bier

 © DESY, Fotograf Helge Mundt

Alles beginnt bei einer Party in Hamburg mit einem gut gekühlten Bier: „Und, was machst Du so?“ – „Teilchenphysiker, am DESY. Und du?“ 

– „Künstlerin, freischaffend.“ – „Oh!“ „Echt?!“   Wie kann es nach so einem Einstieg weitergehen??? ­– Irgendwas mit Teilchen fragen? Aber was?!

– Du Liebe Güte, keine Ahnung von Kunst! – „Hab früher mal Oboe und Englischhorn gespielt.“  

– „Teilchenphysiker also! Dann hast Du mit schwarzen Löchern zu tun?“ – Puuuh, gerade noch mal gut gegangen.

Im Verlauf des Abends stellen die beiden fest, dass Kunst und Wissenschaft neben einigen Unterschieden auch viel gemeinsam haben. Die kreative Kollision mündet ein Jahr später in eine faszinierende Ausstellung …

 © Künstlerin und Teilchenphysiker, DESY, Fotograf Helge Mundt

Suche

Jeder sucht etwas! Physiker Christian Schwanenberger forscht am Deutschen Elektronen-Synchrotron, kurz DESY genannt, nach schwarzer Materie. Tanja Hehmann fahndet in ihrer Kunst nach Zuständen und Prozessen, nach Formgebung und Orientierung im Raum. Aus dem anfänglichen Staunen entwickelt sich bei beiden rasch Faszination. Ihren konkrete Fragen folgen aufmerksames Zuhören und viel Recherche. Im Laufe eines Jahr entwickeln die beiden am DESY das faszinierende Projekt art meets science. Sie begeistern in und um Hamburg weitere Künstler und Wissenschaftler, sich regelmäßig zu treffen und sich über Arbeitsmethoden, Denkweisen, Haltung, Interessen  und Motivation auszutauschen. 

 © HERA-Tunnel, DESY, Fotograf Helge Mundt

Begeisterung

Schritt für Schritt reifen die Pläne. 15 KünstlerInnen und 10 WissenschaftlerInnen wollen ihre Einfälle, Erkenntnisse und Gedanken in den Forschungshallen des DESY materialisieren – in Form einer künstlerischen Intervention. Bilder, Fotografien und Filme, Modelle, Malerei und Computergrafik, Klangperformances, kinetische Objekte, Installationen, Maschinen und Architekturen entstehen, werden bei laufendem Betrieb im DESY installiert und können von den Forschern direkt am Arbeitsplatz angesehen und diskutiert werden. Aus Sicherheitsgründen sollen es anfangs nur mobile Kunstwerke sein, aber die anfänglichen Bedenkenträger im DESY lassen sich von der Begeisterung der Künstler anstecken und werfen ihre Skepsis nach und nach über Bord. Am Ende legen sie selbst Hand an und verbessern in Eigeninitiative mehrfach die Orte für die Präsentation. Die Kunstwerke sollen bestmöglich in Szene gesetzt werden.

 © DESY, Fotograf Helge Mundt

Ansturm

Allein 1.400 Besucher kommen zur Vernissage, viele weitere folgen an insgesamt sechs Präsentationsabenden und einem Tag der offenen Tür. Rund 80% der Besucher sind vorher noch nie im DESY gewesen. Ein Beweis dafür, dass Kunst hervorragend in ungewöhnliche Räume passt. Crossover zwischen verschieden Sphären und Branchen – eine kreative Kollision und ein Erfolgsrezept. Jede öffentliche Präsentation beginnt mit einem wissenschaftlichen Vortrag, z. B. „Suche nach Supersymmetrie und neuer Physik“.

Bei der anschließenden Führung können Besucher in den Kunstwerken oder in den wuchtigen, technischen Geräten nach Parallelen suchen. Alles im DESY ist überdimensional, was die Künstler anfangs ehrfürchtig werden und an dem Projekt zweifeln lässt. Groß ist die Angst, ihre Kunstwerke könnten in den gigantischen Hallen untergehen. Die Physiker wiederum fürchten, das DESY könnte zur platten Kulisse für die Kunst verkommen. Doch die Entdeckung gemeinsamer Inhalte und Themen hilft, alle Besorgnis zu überwinden. Sowohl KünstlerInnen als auch WissenschaftlerInnen müssen bei ihrer Arbeit genau hinsehen, obwohl das mit der Wahrnehmung zuweilen nicht so einfach ist.

 © DESY, Fotograf Helge Mundt

Trugbilder und dark matter

Jeder ist schon mal einer optischen Täuschung aufgesessen – auf dem Rummel, Jahrmarkt oder Dom, hat sich von Kippfiguren oder Vexierbildern in die Irre führen lassen, ist über die multistabile Bilder des niederländischen Grafikers M. C. Escher (1898-1972) gestolpert oder hat sich – wie ich – in der poetisch- verqueren Welt von Monument Valley verloren. Solche Erfahrungen zeigen uns, wie trügerisch unsere Wahrnehmung ist. Was wir sehen, muss nicht unbedingt real sein. Und was wir nicht sehen, kann dennoch existieren. Teilchenphysiker wissen das nur zu gut. Denn: Unser Universum aus Atomen, Quarks, Higgs und wahrscheinlich noch kleineren Teilchen ist nur zu 5 % fassbar, sichtbar, bekannt. Eine Übermacht von 95 % ist „dark matter“ – dunkle Materie, ein schwarzes Nichts, das sich nur durch das Verhalten des Lichts und durch besonders starke Gravitation feststellen lässt. Schon Pink Floyd wusste: „As a matter of fact, it’s all dark.“ (The Dark Side of the Moon, 1973, 2)

Geschärfte Sinne 

Sichtbar zu machen, was im Schatten der eigenen Wahrnehmung und des begrenzten Bewusstseins liegt, haben sich sowohl die PhysikerInnen als auch die KünstlerInnen zur Aufgabe gemacht – in ihrer täglichen Arbeit und beim Projekt „art meets science“. Was ist Schwarze Materie? Wie findet man das Nichts? 

 © DESY, Fotograf Helge Mundt – Jan Köchermann

Der Künstler Jan Köchermann begibt sich auf Spurensuche des unbekannten DDR-Teilchenphysikers Hubertus M. Frassek. Köchermann hat den kuriosen „Frassek Space Collector“ von 1967 rekonstruiert, auf ein altes DDR-Fahrzeug einen Trichter montiert, um damit auf unseren Straßen schwarze Löcher einzusaugen. Das grenzwissenschaftliche Risiko ist einkalkuliert.

Das unendliche Schwarz zieht auch Künstlerin Jana Schumacher in Bann. Sie hat einen  begehbaren schwarzen Kuppeldom entworfen, der an ein mobiles Planetarium erinnert, das durch Schulen wandert, um junge Menschen von den unendlichen Weiten zu begeistern. Schumacher hat die metallische Oberfläche der Kuppel auf den Boden gelegt und geschliffen, bis hunderte kleine Löcher entstanden. Was von außen nicht sichtbar ist, erschließt sich auf den zweiten Blick: Im Innern blitzen schier endlos viele kleine Lichter hindurch und erzeugen die perfekte Illusion eines unendlichen Sternenhimmels.

 © DESY, Fotograf Helge Mundt – Jana Schumacher

Lichtgeschwindigkeit

Jahrelang wurden in großen Ringtunneln unterhalb des DESY Protonen mit Lichtgeschwindigkeit aufeinandergeschossen, um sie für den Bruchteil einer Sekunde in kleinere Teilchen zu zersplintern. Eine Simulation des Urknalls. Bis heute laufen ähnliche Experimente am Genfer Kernforschungszentrum CERN. Den Simulationen liegt die Hoffnung zugrunde, dabei (noch) unbekannte Elementarteilchen zu entdecken, aus denen die Dunkle Materie bestehen könnte. Da am CERN enorme Datenmengen anfallen, leisten die Physiker am DESY Unterstützung bei der Erfassung und Analyse. Künstler Jan Peters zeigt einige seiner Fotos und Filme, die während seines Künstlerstipendiums am CERN entstanden sind. 

Unsicherheiten

So wie Farben und Strukturen am Himmel oft uneindeutig sind und sommerliche Sternschnuppen das tiefe Schwarz verwischen, so zeigen sich die Bilder von Tanja Hehmann oft amorph mit geronnenen, unregelmäßigen Farbverläufen. Vieles fließt ineinander oder verläuft. Die Welt ist nur annähernd greifbar, nur selten festzumachen.

 © DESY, Fotograf Helge Mundt – Tanja Hehmann

Vergewisserung

Künstlerin Tanja Hehmann und Physiker Christian Schwanenberger haben mit Neugierde für Details einander immer weiter befragt und damit – jede/r für sich – die Wahrnehmung ihrer bisherigen Welt enorm erweitert. „Man lernt die Dinge anders anzuschauen“, sagt Schwanenberger. „Was die Künstler in den Forschungshallen staunend bewundern, daran sind wir Wissenschaftler tagtäglich achtlos vorbeigelaufen. Die Künstler haben unsere Routinen durchbrochen und unsere Sinne geschärft.“ Mit energiegeladenen Diskussionen über Wahrnehmung, Perspektiven, Stofflichkeiten und Teilchen hielten sie das Interesse für Ursuppen-Materie, Urknall und Teilchen durchgängig auf erhöhter Betriebstemperatur.

Budgets und Sichtbarkeit

Schwierig war zunächst die Finanzierung des Projektes. Viele Gespräche und Telefonate wurden geführt, viele e-mails verschickt, um Fördertöpfe, Stiftungs- oder Projektgelder aufzutun und das Vorhaben zu finanzieren. Das DESY, das generell über die Helmholtz-Gemeinschaft finanziert wird, verfügte bis dato über kein Budget für Kunstsponsoring. Dennoch ermöglichte DESY sozusagen auf kurzem Dienstweg, dass jede/r Künstler/in seine/ihre Materialkosten von je 1.500 € plus plus Transport- und Reisekosten unbürokratisch abrechnen konnte. Zusätzlich zahlte das DESY an jede/n beteiligte/n Künster/in ein Honorar von je 400 € (plus Honorar an das Kuratorteam) sowie eine Ausstellungsvergütung von je 750 €, die sich an den Leitlinien für kommunale Institutionen orientiert, die der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler BBK inzwischen festgeschrieben hat. 

Einen wertvollen Hinweis gab Inga Wellmann vom Referat Kunst und Kreativwirtschaft der Kulturbehörde Hamburg. Sie empfahl den KünstlerInnen die Hamburg Kreativ Gesellschaft mit ihrer Hamburger Plattform für branchenübergreifende Lösungen mit der Kreativwirtschaft. Die Hamburg Kreativ Gesellschaft organisierte eine Reihe von Info-Veranstaltungen über „dark matter“ und produzierte Filminterviews mit den Projektbeteiligten, um der außergewöhnlichen Kollaboration zwischen Wissenschaft und Kunst auch außerhalb des DESY Sichtbarkeit zu geben.

 © DESY, Fotograf Helge Mundt

Zwei verschiedene Inseln?

Am Anfang waren da zwei Welten, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemeinsam hatten. In der Naturwissenschaft muss alles bewiesen, gemessen und quantifiziert werden, ein Vorgang folgt dem anderen, ein Schritt bedingt den nächsten. In der Kunst ergibt sich vieles assoziativ, entwickelt sich zufällig (Serendipity-Effekt), sprunghaft, durch äußere, unvorhersehbare Einflüsse, durch nichtlineares Denken. 

Eine gemeinsame Boje

Doch es gibt auch gemeinsame Ankerpunkte, Schnittmengen, Bindeglieder. Ob Physiker oder Künstler: Jede neue Herausforderung, jedes leere Blatt, jeder leere Raum beginnt mit einer Frage, die nach einer Antwort sucht. Was folgt, ist gründliche Recherche und eine Hypothese, eine Vorstellung davon, wie die Antwort lauten könnte. Ein Experiment muss Klarheit bringen, um die Hypothese zu überprüfen. Die Künstlerin testet Entwürfe, der Physiker startet Experimentierreihen. Scheitert das Experiment, müssen Misserfolge menschlich verarbeitet und die Modelle und Versuchsreihen praktisch nachgebessert werden. Beharrlichkeit und Widerstandskraft gegen innere und äußere Hürden gehören in Wissenschaft und Kunst zur Grundausstattung. Aus gewonnen Erkenntnissen entstehen neue Fragen, ein ewig währender Kreislauf, ein Drang, wie ihn schon Goethes Faust verspürt hat: „Dass ich erkenne, was die Welt Im Innersten zusammenhält.“ 

 © DESY, Fotograf Helge Mundt

Ideen und Theorien sichtbar machen

Will man andere Menschen erreichen, muss man sein abstraktes Denken bzw. Tun erklären. Das gilt für die Teilchenphysik ebenso wie für die Kunst: Komplexe Zusammenhänge und Abhandlungen verständlich zu erklären und herunterzubrechen, erfordert Kreativität, Empathie und Visualisierungen, Bilder und haptische Modelle. Bei der Suche nach geeigneten Darstellungen für ihre Theorien stützen sich Wissenschaftler auf Bilder aus der Natur oder Kunst.

Der britische Physiker Peter Higgs z. B. bezog sich 1964 bei seiner Idee des Higgs-Mechanismus auf Symmetrien bzw. Symmetrieverletzungen mit Bezügen auf die Natur. Schmetterling, Sonnenblume, Blatt, Schneeflocke und Ei erscheinen nur bei flüchtigem Hinsehen symmetrisch. Mit geschärftem Blick werden Unregelmäßigkeiten offenbar.  Die genaue Beobachtungsgabe und die Vorstellungskraft verbindet Wissenschaftler und Künstler. Nur was man sich vorstellen kann, lässt sich weiter erforschen und ergründen. So auch die große, gemeinsame philosophische und existienzielle Frage: Was ist das Nichts? 

„art meets science“ ist ein inspirierendes Projekt, das Auftakt zu einer dauerhaften und nachhaltigen Zusammenarbeit zwischen Kunst und Physik bzw. Kunst und Wissenschaft werden sollte!

 © DESY, Fotograf Helge Mundt

An „art meets science“ sind folgende Künstler beteiligt:

  • Baldur Burwitz, Interventionen, Hamburg
  • Marc Einsiedel und Felix Jung, we are visual, Installation, Hamburg
  • Daniel Engelberg, Malerei, Objekte und Installation, München
  • Marcel Große, Installation, Hamburg
  • Tanja Hehmann, Malerei, Hamburg
  • Jan Köchermann, begehbare Skulpturen, Hamburg
  • Pat Kramer, Lichtobjekte, Forbach/ Schwarzwald
  • Julia Münstermann, Malerei, Berlin
  • Sybille Neumeyer, multimediale Installationen, Film, Berlin
  • Prof. Jan Peters, Fotografie und Film, Kassel und Berlin
  • Chris Pfeil, Tontechniker, Soundperformances, Köln
  • Swen-Erik Scheuerling, kinetische Objekte und Installation, Berlin
  • Jana Schumacher, Grafik, Installation, Hamburg
  • Wolfgang Zach, Computergrafiken, Bremen
  • Außerdem: Kurzfilme der Kurzfilmagentur Hamburg

 

In Kürze mehr zum Thema:

art meets science II: Riffe stricken, Humboldt und Goethe loben und Paläokunst

art meets science I: Schwarze Materie, amorphe Kunst und ein kühles Bier

Ist trotz/dank Digitalisierung ein gutes Leben möglich?

 © Cristine Lietz, pixelio.de

Die Digitalbranche hat es geschafft: Sie steht seit Ende 2016 auf Platz 1 der Arbeitgeber – noch vor dem Maschinenbau und der Automobilindustrie.  Wer das Suchwort „Digitalisierung“ bei google eingibt, erhält nahezu 10 Millionen Link-Vorschläge. Beim Schlagwort „CSR = Corporate Social Responsibility“ sind es sogar 165 Millionen Einträge. „CSR und Digitalisierung“ – zwei vielschichtige Themen, denen sich nun mit Dr. Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer ein sehr gut vernetztes Herausgeber-Team in einem fast 1200-Seiten starken Buch umfassend gewidmet hat. Ich habe mir vor allem die Verbindungslinien zur Kultur- und Kreativwirtschaft angesehen.

360-Grad-Blick

Unsere Welt wird immer komplexer, Spezialgebiete fächern sich mehr und mehr auf. Publikationen widmen sich zunehmend Detailthemen. Was heute fehlt, ist der Blick aufs Ganze. Vor diesem Hintergrund kann das neue, reichhaltige Buch „CSR und Digitalisierung“ nicht genug gelobt werden. Hildebrandt und Landhäußer ist das Meisterstück gelungen, über fast drei Jahre mehr als 128 Autoren (inkl. Vor- und Grußworten) mobilisieren zu können, die ihre Gedanken und ihr Wissen über Digitalisierung und CSR in bislang noch nie dagewesener Vielschichtigkeit dargelegt haben.

Fragen stellen

Was positiv auffällt, ist die vierseitige Fragenliste zum Auftakt des Buches. Vor Transformationen und Innovationen stehen immer Fragen, die richtig gestellt und beantwortet werden wollen. Fragen sind Motor, Triebkraft und Impulsquelle für neue Entwicklungen. Fragen motivieren uns, den Dingen auf den Grund zu gehen. Muss es so bleiben wie bisher? Warum haben wir es so gemacht? Geht es nicht auch anders? Wie sieht ein Problem oder eine Herausforderung aus, wenn ich eine andere Perspektive oder Sichtachse einnehme? Es geht nicht nur um Technologie, sondern auch um Verantwortung und Wertefragen: „Wie kann der Sehnsucht nach verlässlichen Strukturen in instabilen Zeiten begegnet werden? Weshalb ist WISSENSKULTUR wichtiger als Wissensbeschaffung?“ 

Künstler als Vordenker

Für Kreativschaffende gehören Fragen zum Alltagsgeschäft. Ihr Handwerk sieht vor, Dinge aus anderem Blickwinkel zu betrachten und mutig zu sein, Herausforderungen gegen Routinen einmal anders zu meistern. Nur so sind neue Einsichten möglich. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die einführenden Gedanken zum Buch von einem Illustrator kommen – Raimund Frey. Er reflektiert seinen Arbeitsalltag, nimmt die Vogelperspektive ein und stellt dabei beobachtend fest, dass seine Arbeitswelt einer Kommandozentrale gleiche, von der aus er sein Universum dirigiere: „Zeichen- und Textprogramm, Projektordner, Zeiterfassung, Rechnungstellung, Projektmanagement-Software, Musikprogramm, E-Mails… Das soll nicht wertend sein, obwohl man sich über die positiven und negativen Aspekte auslassen könnte“, schreibt Frey (S. XXI-XXIII)

Vorworte

Konsequenterweise hat der kreative Pionier und Vordenker seinen Platz vor einer Reihe honoriger Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft  gefunden, von denen hier nur einige erwähnt seien: Wolfgang Schäuble, Julia Klöckner, Fredmund Malik, Jörg Asmussen, Timotheus Höttges (der sich übrigens im Zuge der Digitalisierung für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausspricht) und Schauspielerin Valerie Niehaus, die in ihrem Beitrag über die „Kunst des Denkens“ reflektiert (siehe Initiative Auf ein Wort).

 © Cristine Lietz, pixelio.de

Vielschichtige Themen

Das Mammutwerk taucht tief in Digitalisierung und CSR ein und beleuchtet nahezu sämtliche Bereiche der Gesellschaft, neben viel Technologie auch unsere persönliche und „unternehmerische Verantwortung für Gesellschaft und Soziales“ = CSR, die uns alle fordert. Und so gibt es neben Begeisterung auch einige zögernde, reflektierende und mahnende Stimmen zur Digitalisierung. Der  Kommunikationswissenschaftler Christian Hoffmeister warnt vor der „Die MacGoogleisierung als neue Religion, … nachdem die alten Religionen v. a. in unseren westlichen Gesellschaften an Überzeugungskraft und Akzeptanz verloren haben“ (S. 67).

Der Untertitel des Buches ist bewusst gewählt: „Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft“. So bunt die Autorenschaft in jeweiliger thematischer Abhängigkeit zusammengesetzt ist, so bestrebt ist deren Bemühen, die geschilderten Aspekte verständlich darzustellen. Um diese Teilaspekte geht es:

  • Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
  • Innovation und Technologie
  • Mobilität
  • Handel und Konsumgüter – Fülle des Lebens
  • Arbeit, Management und Leadership
  • Die Zukunft von Marketing und Vertrieb
  • Medien und Kommunikation
  • Gesundheit und Sport
  • Bildung, Kultur und (Lebens-)wissenschaften

… , aus denen ich nun einige Teilbereiche mit Verbindungen zur Kultur- und Kreativwirtschaft herausgreifen möchte.

Künstliche Intelligenz

Christoph Keese, Executive Vice President der Axel Springer SE (Societas Europaea) beginnt sein Vorwort mit harscher Kritik: Deutschland habe das digitale Zeitalter „mit einem Fehlstart begonnen … Keine zukunftsweisende Technologie erlebte hier ihren Durchbruch.“ (S. LIII)  Doch vielleicht spricht gerade für Deutschland und Europa, Risiken technologischer Innovationen lieber einmal mehr abzuschätzen und zu hinterfragen, als Reaktion auf die ungebremste Euphorie im Silicon Valley. Längst warnen auch US-amerikanische Vordenker vor den Folgen der rasanten Entwicklung selbstlernender Systeme und Künstlicher Intelligenz, u. a. Stephen Hawking, Bill Gates und Elon Musk. Herausgeber Werner Landhäußer schreibt daher in seinem Vorwort: „Wirklich gefährlich wird der Innovationsdrang im Digitalisierungsbereich, wenn er sich mit Allmachtsphantasien verbindet.“ (S. XII) Neue Technologien müssen schon aus ethischen Gründen gesamtgesellschaftlich diskutiert werden, hier gehören  IT-Experten, Philosophen, Juristen, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft dringend an einen Tisch.

Augmented und Virtual Reality

Prof. Dr. Anett Mehler-Bicher und Lothar Steiger von der Hochschule Mainz erläutern die Unterschiede zwischen Augmented und Virtual Reality. Dabei geht es den Entwicklungsstand aus technischer Sicht, um Chancen und Verantwortung im Hinblick auf psychische Aspekte von Computerspielen, um Geschäftsmodelle und einen Ausblick (S. 127f).

Versandhandel

Der Junggründer Johannes Crepon möchte „mit Innovation das Historische erhalten“. Er betreibt dafür als Geschäftsführer der Velocity Automotive GmbH in München einen europaweiten digitalen Versandhandel und importiert Reproduktions-, Ersatz- und Tuningteile für amerikanische Fahrzeuge aus den USA. Er schreibt im  Buch darüber, „wie Technologie und das Vernetzen das Restaurieren von Oldtimern erleichtert“ (S. 157f).

Reisebegleiter

Wenn Sie Kreuzfahrten lieben, wurden Sie vielleicht schon mal von einem Androiden an Bord begrüßt. Auch wenn Ihnen dabei nicht ganz wohl war: Reiseexperte Christian Smart ist überzeugt, dass der Einsatz humanoider Roboter und digitaler Technologien im Tourismus unaufhaltsam ist und warum sie das Reisen entspannter und kundenorientierter machen (S. 171f).

WillkommensApp

Viola Klein gründete das Softwareunternehmen Saxonia Systeme GmbH und setzt ihre Kompetenzen auch für gemeinnützige Zwecke ein, u. a. entwickelte ihr Unternehmen eine Welcome-to-Dresden-App für Geflüchtete, 20 weitere Städte und Landkreise haben das Konzept bereits übernommen (S. 347f) (vgl. hierzu: Medien für Geflüchtete).

Blockchain

Mit der Blockchain-Technologie beschäftigen sich Tina Düring und Hagen Fisbeck, beides Experten für Geschäftsmodellentwicklung und Digitalisierungsstrategien. Beide sagen einen Wandel in der Marken- und Vertrauensbildung voraus und hoffen zukünftig durch mehr Transparenz auf ethisch korrekteres Wirtschaften als bisher. Blockchain soll dafür neue Wege und neue Wertschöpfungsketten ohne unnötige Intermediäre (Zwischenhändler) eröffnen (S. 449f). 

Maßschuhe

Das Verhältnis von traditionellem Handwerk und Digitalisierung beschreibt Kirstin Hennemann. Sie wechselte nach ihrem Studium für Politik und Germanistik das Fach und entschied sich bewusst für das Handwerk: „Werde, der du bist!“ („Pythische Oden“ von Pindar, um 500 v. Chr.). Gemeinsam mit Gabriele Braun betreibt sie in Berlin-Prenzlauer Berg die nachhaltige Maßschuhmacherei Braun & Hennemann und setzt dabei auf Design und Schönheit handgemachter Schuhe. Das Schuhhandwerk ist eines der ältesten Gewerbe der Welt, insgesamt 300 Arbeitsschritte umfasst die Herstellung eines Maßschuhes, wie Hennemann erklärt. Daher steht sie der Eigenvermessung des Kunden mithilfe digitaler Tools kritisch gegenüber: „Bei individuellen Maßschuhen funktionieren keine vorgefertigte Teile oder Stanzeisen. Man könnte mehr Technik einsetzen, die aber nicht zu einer Verbesserung des Produktes führen würde. Einem Maßschuhkunden, der ein wirklich individuelles Paar Schuhe mit eigenem Gehgefühl sucht, würden ein Paar Maßschuhe per Scanner nicht helfen.“ (S. 525f)

Greifbare und erlebbare Werte

Auf den rückkehrenden Wunsch nach greifbaren Dingen und Werten gehen Herausgeberin Dr. Alexandra Hildebrandt und Autorin Claudia Silber ein. Abstrakte Vorgänge wie die Digitalisierung und damit entstehende gesellschaftliche Veränderungen sind zuweilen schwer verständlich und schwer fassbar. In einer Welt, die zunehmend fremdbestimmt und entmaterialisiert wird, sehnen sich viele nach Orientierung und Halt, nach Identität und Stabilität, nach Gestaltungsfreiheit und eigenem Einfluss. Was kann jeder z. B. in seiner Alltagspraxis dazu beitragen, bewusst und nachhaltig zu leben?

Hildebrandt und Silber nennen Kreative und „Ökopioniere als mutige Vordenker und Vorreiter von grundlegender Bedeutung für gesellschaftliche Veränderungsprozesse.“ (S. 556f) und berichten über wichtige haptische Gegenstände im Alltag von Künstlern und Kreativschaffenden, nennen den amerikanischen Bestsellerautor John Irving, den französischen Philosophen und Essayisten Paul Valéry, den Filmregisseur Helmut Dietl und den Sängers der norwegischen Popband a-ha, Morten Harket. Jeder von uns möchte Selbstwirksamkeit spüren, Dinge berühren, gestalten und verändern. Hände haben eine grundlegende Bedeutung, weil sie – wie Morten Harket schreibt, „nicht nur Werkzeug, sondern auch Sinnesorgan sind, die der ganzheitlichen Weltwahrnehmung dienen. Durch sie wird die Welt sinnlich und motorisch buchstäblich be-griffen, was wiederum dazu führt, besser und aufmerksamer über sie nachdenken zu können.“ (S. 558) Welche gegenständlichen Dinge sind es, die unserem Leben Sinn geben? Hildebrandt und Silber führen u. a. auf:

  • Briefe, weil sie Menschen nachhaltig verbinden
  • Fahrräder als Symbol persönlicher Freiheit
  • Lampen als Symbole des Erkennens und einer leuchtenden Zukunft
  • Notizbücher als Gedankenstützen und Erinnerungshilfen
  • Stifte als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und Gestaltungsfreiheit
  • Uhr als Symbol unserer wertvollsten Ressource zeit
  • Vogelhaus als Symbol für “Nestbau“, „unsere heile Welt“, Verantwortung und Nachhaltigkeit

Analoge Multitalente

Ein Loblied auf das Schreiben mit „Stift und Papier“ singt der Informatiker und selbsterklärte Notizbuchfanatiker Christian Mähler (S. 1051 f). Mit der Handschrift gehe nicht nur eine Kulturtechnik verloren, sondern auch eine Lernmethode, Textverständnis, Kreativität, Qualität, Gedächtnistraining, strukturiertes Nachdenken, ferner Entschleunigung, Ästhetik und Haptik.

Dem haptischen Papier huldigt auch Autorin Miriam Dovermann mit ihrer Retrozeitschrift Vintage Flaneur, das sie ein „Magazin für Retro Lifestyle und Mode und ein Leben mit Nostalgie“ nennt. Trotz der Sympathie für das gedruckte Magazin bekennt sie: „Ohne das Internet … würde der Vintage Flaneur nicht existieren. Keine Bank gibt Gründern eines Verlags für eine Zeitschrift in diesen Zeiten einen Kredit. Ohne die sozialen Medien wäre das Projekt so von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen … YouTube-Videos und Blogs zur Unterstützung von Inhalten durch Filme und Musik, der privatisierte Kontakt zu Kunden über die sozialen Medien, weltweiter Handel durch Onlineshops, digitale Zeitungen, die nicht knicken und keine Ressourcen fressen, Link Building . . . Da handeln ganze Bücher von. Die andere Seite ist möglicherweise die spannendere: Was kann eigentlich eine Zeitschrift, was das Internet nicht kann?“  Dovermann findet diese Antwort: „Aus dem Weltall von Informationen, die das Internet und auch die Bücher dieser Welt versammeln, treffen sie [die Zeitschriften] eine Auswahl.“ (S. 1067)

Die Kunst des (Unternehmens)Wandels

Angeregt von den Konzeptkünstlern Patrik und Frank Riklin hat der Bielefelder Biozid-Hersteller Hans-Dietrich Reckhaus seinen persönlichen Erkenntnisprozess auf sein Unternehmen übertragen. Durch die künstlerische Intervention Fliegen retten in Deppendorf wurde ihm die Bedeutung und  Verantwortung für Insekten bewusst, so dass er sein Handeln überdachte und änderte. Reckhaus schafft heute Ausgleichsflächen für Insekten auf seinem Firmendach, führte ein Produkt-Gütesiegel für Insektenbekämpfung mit ökologischem Ausgleich ein und regt mit seiner Initiative Insect Respect sowie landesweiten Vorträgen die Diskussion darüber an, wie Unternehmen und Gesellschaft zur Förderung der Biodiversität beitragen können, , unterstützt von der Nachhaltigkeitsexpertin und Autorin Tina Teucher

Über seine Zusammenarbeit mit den beiden Künstlern sagt Reckhaus rückblickend: „Ich war immer offen für innovative Dinge, wollte etwas bewegen, aber mir fehlte das Werkzeug dazu.“ Die künstlerischen Methoden der Riklin-Brüder eröffneten ihm für die Transformation neue Horizonte und Wege, z. B. Perspektiven zu wechseln und mutig zu sein, gewohnte Dinge infrage zu stellen. So wurde Reckhaus vom Insektenvernichter zum Insektenretter. Für seinen Unternehmenswandel wurde er mehrfach ausgezeichnet. (S. 575f)

Zusammenarbeit und Arbeit 4.0

Die Zukunft ist unwägbar geworden, was im Begriff VUCA/VUKA seinen  Niederschlag findet. Statt langfristiger Planungen werden heute in agilen Teams kleine und überschaubare Lösungen in kurzen Projektphasen erarbeitet. Wie Führungskräfte darauf reagieren sollten, formulieren Herbert Schober-Ehmer, Dr. Susanne Ehmer und Dr. Doris Regele (S. 667f). Wie sich Manager mit Bürgern über neue Herausforderungen und Methoden der Bewältigung austauschen können, stellen die beiden Change Agents und Dialogexperten Clemens Brandstetter und Florian Junge am Beispiel der Plattform managerfragen.org vor. Transparenz, Dialogkultur und Wissensteilhabe werden so gefördert.

Künstlerin, Kulturkomplizin und cradle-to-cradle-Anhängerin Daniela Röcker schreibt in diesem Zusammenhang über neue Führungsstrategien, Mitbestimmung, Augenhöhe, Demokratie und erfolgserprobte Formen der Zusammenarbeit: „Nicht Konkurrenz treibt Menschen zu besseren Leistungen an, sondern Kooperation in Kombination mit Wettbewerb. Das Potenzial der Kooperation ist in allen sozialen Wesen bereits in den Genen angelegt und sichert unser Überleben.“ (S. 636) Sie zitiert Richard Sennett, der darin „gesellschaftsbildendes Handwerk“ zur Entwicklung von Empathie sieht, die „intelligentere Form des Umgangs miteinander, wie Röcker schreibt: „Im empathischen Dialog nimmt man den Unterschied zwischen sich und dem/der anderen wahr und wertschätzt diesen, indem man achtsam und aufmerksam zuhört.“ Röcker erläutert außerdem künstlerische Interventionen in systemischer Beratung und Coaching (S. 642f). Sie stellt klar, dass diese besondere Methode nicht zur Lösung eines konkreten  Problems geeignet sei, sondern vielmehr ergebnisoffen angelegt sei. Ziel ist es, Aktionsräume zu eröffnen, erstarrte Verhaltensmuster, Routinen und Rituale zu erkennen, die richtigen Fragen zu stellen, zu reflektieren und damit die wahren Probleme zu identifizieren.

Vitra: Kultur als Kapital

Unternehmensberater Tim Leberecht stellt das Schweizer Unternehmen Vitra vor – als Beispiel konsequent gelebter Unternehmenskultur. Vitra baut erstklassige Möbel und Läden für Institutionen weltweit, neben Firmen u. a. auch für den Deutschen Bundestag, die Tate Modern Gallery und den Flughafen in Dubai. Der Erfolg des Unternehmens fußt maßgeblich auf den Leistungen seiner Designer und Architekten, die nicht nur als Produktgestalter gelten, sondern als originäre Urheber und Autoren gesehen werden. Dieses Selbstverständnis hat der ehemalige Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzende Rolf Fehlbaum so formuliert (S. 648): „Wenn man ein Design-Unternehmen leitet, ist man ein Romantiker, weil man ja glaubt, dass man durch Gestaltung die Welt formt und gute Dinge für sie bereithält … wir glauben fest daran.“

Vitra setzte auf Qualität, Handwerk, Vielfalt und schätzt den Wert von Kunst und Kultur. Es ist ein ganzheitliches „kulturelles Produkt“, davon kündet auch das Vitra Design Museum auf dem Gelände des Unternehmens in Weil am Rhein. Jedes Jahr kommen mehr als 300.000 Besucher auf den Vitra Campus. Das Museum zeigt nicht nur Produkte, sondern greift in seinen Ausstellungen auch aktuelle Themen auf, wie z. B. Hello Robot: Design zwischen Mensch und Maschine. Vitra wird damit zur Sinnfabrik. Während die USA vor allem disruptiven Geschäftsmodelle hervorgebracht hat, stehen Mittelständler aus Europa als „Hidden Champion“ für Emotionen, Qualität, „Seele, Aura und Substanz“, so Leberecht. Er fordert: „Mit einem Wort: Kultur.“

Soziale Innovation vs. technologische Innovation

Berater Andreas Zeuch hat sich in seinem Buch Alle Macht für niemand eingängig mit dem Thema Unternehmensdemokratie befasst und dazu viele Geschäftsführer befragt. Was passiert, wenn Mitarbeiter mehr Eigenverantwortung erhalten, wenn siemitbestimmen und mitgestalten können? Zeuch erläutert, warum Digitalisierung und eine erfolgreiche Digitalwirtschaft nur dann gelingen können, wenn vor der Technologie die sozialen Fragen des Miteinanders überdacht und erneuert wurden. Er zeigt dies am Beispiel eines Callcenters und der entscheidenden Frage: Service oder Kontrolle? „Solange es trotz digitaler Transformation weiter zentrale Top-down-Entscheidungen gibt, können die vielen Vorteile eines digitalisierten Unternehmens gar nicht zum Tragen kommen. Wenn beispielsweise Echtzeitfeedback von Kunden für Mitarbeiter eines Callcenters erst zur Führungsetage läuft, dort ausgewertet und dann an die eigentlichen Adressaten gesendet wird, ist wertvolle Zeit verloren gegangen. In der alten Welt stellt sich die Frage, worum es eigentlich geht: maximal schnelle Verbesserung des Service oder Kontrolle?“ (S.727)

Sozialunternehmen

Die Gründerkultur ist in den letzten Jahren  durch zahlreiche neue Sozialunternehmen bereichert worden. Sie haben zahlreiche soziale Innovationen auf den Weg gebracht bzw. gute Ideen für ein besseres Leben. Joana Breidenbach und Theresa Filipović von betterplace.org stellen dies am Beispiel verschiedener Projektdatenbanken und Spenderplattformen dar.

Plattformökonomie

Dieter Gorny beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld menschliche und künstliche Kreativität. Er fragt, was passiert, wenn ein selbstlernendes System „mit sämtlichen Daten historischen künstlerischen Schaffens und allen bekannten Techniken „gefüttert“ wird mit dem Auftrag, etwas Neues daraus zu schaffen? Wo liegt dann die Grenze (zu) authentisch
menschlich geschaffener „neuer“ Kunst?“ (S. 1137). Gorny leitet den Bundesverband der Deutschen Musikindustrie sowie ecce – das European Centre for Creative Economy und wurde 2015 zum „Beauftragten für Kreative und Digitale Ökonomie“ im Bundeswirtschaftsministerium ernannt. Er sorgt sich um persönliche Daten, Urheberrechte, Marktmonopolisierung, Wertvorstellungen, Rahmenbedingungen der Plattformökonomien. Gorny mahnt, dass „der Endnutzer sich gemäß den jeweiligen Datenschutzerklärungen oder Nutzungsbedingungen bereit erklärt, dass die mit ihm verbundenen oder von ihm ausgelösten Daten durch diese Dienste äußerst umfangreich weiterverwendet werden können (vgl. z. B. Google Datenschutzerklärung und Nutzungsbedingungen, YouTube Nutzungsbedingungen et al.).“ (S. 1137).

Gorny hinterfragt: „Wem kommen die jeweiligen Entwicklungen langfristig wirtschaftlich zugute? Welche Verwirklichungschancen ermöglichen sie dem Einzelnen? … Was sind die notwendigen Schlüsse für unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft?“ Aufhorchen lässt schließlich Gornys Erkenntnis: „Vielleicht macht die digitale Strategie 2025 des Bundeswirtschaftsministeriums mit ihren entsprechenden Programmpunkten richtige Schritte in Richtung einer dem Menschen dienenden Ökonomie (BMWi 2016). Jedenfalls gilt es, die einstigen Paradigmen des reinen Wirtschaftswachstums wenigstens zu hinterfragen.“ (S. 1140).

Digitalisierung und das „gute Leben“

Das Buch schließt mit Gedanken von Dr. Ina Schmidt zur „Frage nach dem „guten Leben“ – von Platon zur Moderne“. Die Kulturwissenschaftlerin umreißt Antike und Beginn des modernen Individualismus, beschreibt analoge Parallelwelten, das ständige Abwägen zwischen Sinnvollem und Machbarem. Fortschritt gelte nur im Sinne von „Erleichterung, Komfort, Gesundheit, also eine Entwicklung im Dienste eines „guten Lebens“, in dem uns technische Geräte helfen, menschliche Bedürfnisse einfacher und bequemer, oft auch schneller zu erfüllen.“ (S. 1162) Schmidt ruft dazu auf, bewusst und „sehr lebendig zwischen „Off- und Online“-Modus hin und her zu wechseln. Zentral dabei bleibt, dass wir wissen, wo wir sind und wohin wir wann wechseln können bzw. wollen.“ Schmidt fügt aber auch hinzu, das klinge einfacher, als es ist.

Jeder von uns, so Schmidt, habe die Qual und die „Freiheit der Selbstbegrenzung“. Genau das mache uns Menschen aus: „Die Fähigkeit mit Unsicherheit, mit Widersprüchen, Zufällen und Erschütterungen umzugehen. Um uns dieser wertvollen Qualität bewusst zu bleiben bzw. wieder zu werden, brauchen wir ein Umdenken, in dem der Mensch der Quantität technischer Möglichkeiten ein „Mehr“ an Qualität entgegensetzt.“ (S. 1166) Martin Heidegger hat in den 50er Jahren die Balance zwischen „besinnlichem Nachdenken“ und „rechnendem Denken“ als Strategie gegen „zunehmende Gedankenlosigkeit“ und „Flucht vor dem Denken“ genannt („Aufsatz zur Gelassenheit“).

Geschäftsmodelle?

Keine/r der AutorInnen erhielt ein Honorar, was ich an dieser Stelle deshalb erwähne, um zu zeigen, dass das Thema Digitalisierung seine Licht- und Schattenseiten und ebenso Gewinner und Verlierer hat. Wenn nicht einmal ein Digitalisierungsexperte wie der Springer Gabler Verlag ein Geschäftsmodell gefunden hat, um anspruchsvolle fachliche und journalistische Arbeit zu honorieren bzw. zu refinanzieren, dann zeigt dies auch einen Teil der Problematik. 

FAZIT

Das allumspannende Netzwerk der Digitalisierung ist nicht mehr aufzulösen. Aber: Digitalisierung muss nicht überall Anwendung finden. Neben virtuellen Realitäten brauchen wir immer auch reale, greifbare Welten. Umso mehr, weil digitale Systeme in Fragen der Sicherheit noch hinterherhinken. Ehemals in sich geschlossene Kreisläufe sind auf das Internet der Dinge mit seiner Vernetzung nicht eingestellt. Wenn wir die Schlagadern unseres Lebens, wie Wasser, Energie, Verkehr, Krankenhäuser, dem digitalen Netz anschließen, müssen wir in Kauf nehmen, dass sie mit krimineller Energie lahmgelegt werden. Oder wir entscheiden uns bewusst dafür, dass manche Bereiche, wie die Vergabe von Medikamenten, in den Händen von uns Menschen bleiben.

Quintessenz des Buches ist für mich ein Zitat von a-ha-Sänger Morten Harket, das Hildebrandt und Silber in ihrem Artikel (S. 559) anführen. Harket: „Wir entscheiden, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen – sonst wird es hinter unserem Rücken für uns entschieden“ (Harket 2016, S. 200). Oder – wie Joseph Beuys sagte: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“

_____________

Quellen:

Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer (Hg): CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft (Management-Reihe Corporate Social Responsibility). Springer Gabler 2017.

Morten Harket: My Take On Me. Edel Germany GmbH, Hamburg 2016.

Trends und Szenarien zum Thema Digitalisierung bis 2020 – Studie zur Kreativwirtschaft in NRW

_____________

Die HerausgeberInnen

Dr. Alexandra Hildebrandt, Jahrgang 1970, ist Publizistin, Herausgeberin und Nachhaltigkeitsexpertin. Sie studierte von 1991 bis 1997 Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. An der Universität Bamberg wurde sie im Jahr 2000 zum Dr. phil. promoviert. Von 2000 bis 2005 leitete sie die interne Kommunikation des internationalen Baustoffherstellers HeidelbergCement in Zentraleuropa West. Von 2006 bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik bei Arcandor (ehemalige KarstadtQuelle AG). Beim Deutschen Fußball-Bund e. V. (DFB) war sie von 2010 bis 2013 Mitglied in der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs CSR-Manager (IHK). Hildebrandt ist Mitinitiatorin der Initiative „Gesichter der Nachhaltigkeit“ und der Veranstaltungsreihe Burgthanner Dialoge. Sie bloggt regelmäßig für die Huffington Post, ist Co-Publisherin der Zeitschrift REVUE. Magazine for the Next Society und gab in der CSR-Reihe bei SpringerGabler die Bände CSR und Sportmanagement (2014) und CSR und Energiewirtschaft (2015, mit Werner Landhäußer) heraus.

Werner Landhäußer, geboren 1957 in Karlsruhe, ist geschäftsführender Gesellschafter der Mader GmbH & Co. KG mit Sitz in Leinfelden-Echterdingen. Zusammen mit Kollegen übernahm er das Unternehmen mit einem klassischen Management-Buy-out aus einem internationalen Konzern. Mader ist derzeit der einzige Anbieter, der nachhaltige Gesamtkonzepte für eine energieeffiziente Drucklufterzeugung und -nutzung anbietet. Nachhaltige, werteorientierte Unternehmensführung ist seit jeher seine Vision. Nach langjähriger Konzerntätigkeit schätzt Landhäußer heute die kurzen Entscheidungswege und offene Kommunikationskultur in einem mittelständischen Unternehmen. Die strategische Weiterentwicklung von Mader hin zu einem sozialen, ökologisch und ökonomisch erfolgreichen Unternehmen steuert er gemeinsam mit Peter Maier, ebenfalls geschäftsführender Gesellschafter, und Manja Hies, Geschäftsführerin. Werner Landhäußer ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Im Jahr 2015 gab er in der CSR-Reihe im Verlag Springer Gabler das Buch CSR und Energiewirtschaft (mit Alexandra Hildebrandt) heraus.

Wer hat die Macht? Mehr Demokratie und Mitbestimmung in Unternehmen

 © Helga, pixelio.de

1972 prangerte Rio Reiser im Song „Keine Macht für Niemand“ von Ton Steine Scherben politische und gesellschaftliche Missstände der Zeit an. Im Hinblick auf Mitbestimmung hat sich seitdem einiges getan, sogar in der Unternehmenslandschaft, wie Autor Andreas Zeuch recherchiert hat. Ich habe mir sein Buch Alle Macht für niemand genauer angesehen.

Mitarbeiterengagement

Berater und Autor Andreas Zeuch hat durchgerechnet, dass deutschen Unternehmen von 2001 bis 2013 rund 1,3 Billiarden Euro verloren gegangen sind. Basis für seine Erkenntnis ist der jährliche Engagement Index des Gallup Instituts. Hauptgründe für die Verluste sieht Zeuch in mangelnder Mitgestaltung, Mitbestimmung und fehlender Selbstorganisation der Unternehmen und ihrer Mitarbeiter. Zu ähnlichen Ergebnissen gelangen die Studien „DGB-Index: Gute Arbeit, schlechte Arbeit 2010“, die INQA-Studie „Was ist gute Arbeit 2006“, sowie Towers Watson „Global Workforce Study 2012“.

Häuptlinge und Indianer 

Zeuch zieht spannende Vergleiche heran, etwa wenn er das Totschlag-Argument von Führungskräften gegen Mitbestimmung von Mitarbeitern unter die Lupe nimmt: „Wir brauchen nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer.“ Der Autor deckt auf, dass Kolonialmächte das Bild vom allmächtigen Häuptling geprägt hätten, genau genommen habe es ihn in den Hierarchiestrukturen indigener Kulturen nie gegeben. Denn: Häuptlinge mussten sich faktisch stets den Entscheidungen des Ältesten- oder Stammesrates beugen. Die Weisheit der Gemeinschaft stand meist über der des Einzelnen (S. 26/27).
 
Eine Erkenntnis, die heute in die Praxis des agilen Arbeitens in Kleingruppen eingeflossen ist. Was der scheinbar gesunde Menschenverstand einer einzelnen Führungskraft ableitet, kann sich bei Berücksichtigung mehrerer Perspektiven als irrationale Fehlentscheidung erweisen, weil einige Aspekte schlicht übersehen werden können. Gerade das Detailwissen eines einzelnen Mitarbeiters über einen spezifischen Arbeitsbereich kann Routinen durchbrechen und eine Firma entscheidend voranbringen.

Motivation und Erwartungseffekt

Auch wenn eine einzelne Führungskraft für sich allein rascher entscheiden mag, wird es anschließend um so länger brauchen, diese Entscheidung zu kommunizieren, an Mitarbeiter weiterzutragen und von Ihnen umsetzen zu lassen. Werden Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse eingebunden, wird die Ergebnisfindung ggf. länger dauern, doch schließlich wird das Vorhaben von den Mitarbeitern rascher umgesetzt, da sie es mit Überzeugung, Sachverstand und Motivation tun. Die Aussichten auf Erfolg sind dann hoch, wenn eine Führungskraft von ihren Mitarbeiter eine gute Leistung erwartet und sie dazu ermutigt, „Mach es, weil Du es schaffst!“. Zeuch nennt das den „Erwartungseffekt“, bekannt auch als Rosenthal- oder Andorra-Effekt (S. 36).
 
Mehrere Studien aus den 70er Jahren, so Zeuch, weisen zudem nach, dass direkte Mitentscheidung in Unternehmen auch außerhalb der Arbeitswelt das politische, kulturelle und gesellschaftliche Engagement fördern würden ( S. 51). Unternehmen seien insofern „Demokratielabore“. Er stellt aber auch klar: Holokratie bedeute nicht, in Anarchie zu leben, sondern mit klaren Regeln und Ritualen vorzugehen.

Formen der Mitbestimmung

Ausführlich erläutert Zeuch den Grad der Mitbestimmung im Unternehmen:
  • operativ, d.h. Mitarbeiter dürfen ihre eigene Arbeit täglich und kurzfristig mitgestalten
  • taktisch, d.h. Mitarbeiter treffen mittelfristig Entscheidungen für den wirtschaftlichen Erfolg der Firma, z.B. auch im Bereich Personal
  • strategisch, d.h. Mitarbeiter entscheiden langfristig und existenziell für die Firma
Zeuch hat in seinem Buch 12 Beispiele von Unternehmen zusammen getragen, die demonstrieren, dass sich mehr Teilhabe und Gestaltungsmöglichkeiten von Mitarbeitern sowohl positiv auf die Unternehmenskultur auswirkt, als auch Produktivität und wirtschaftlichen Erfolg einer Firma entscheidend steigern können. Es sind alles Unternehmen verschiedener Branchen mit mindestens 100 Mitarbeitern, was beweist, dass Demokratie nicht nur in Kleingruppen aufgeht. Seine Beispiele repräsentieren Automotive, Chemie, Finanzdienstleistung, Hotellerie, Metallindustrie, Softwareentwicklung, u. a. die folgenden …

Vorreiter-Unternehmen für Mitbestimmung

Die 100 Jahre alte Volksbank Heilbronn löste unterhalb des Vorstandes alle Hierarchie-Ebenenen auf und übertrug mehr Verantwortung an sogenannten Prozessverantwortliche, mehr Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Innerhalb von vier Jahren konnte die Genossenschaftsbank die Zahl der Mitglieder, Kundenkredite und -Einlagen um etwa 25% steigern.
 
Das Autohaus Hoppmann in Siegen konnte seine Bilanzsumme in 25 Jahren um 730 % auf 36,5 Millionen Euro steigern, weil Mitarbeiter überaus motiviert an wirtschaftlichen Entscheidungen und Investitionen mitwirken dürfen und am Erfolg der Firma finanziell beteiligt werden. Kleinere Arbeitsteams entscheiden über die täglichen Aufgaben und über Arbeitszeiten, ebenso über Projekte und Mittel der Hoppmann Stiftung, die sich u.a. für benachteiligte Kinder und Jugendliche einsetzt.
 
Die Haufe-umantis AG entwickelt Personalmanagment-Software und ist ursprünglich ein AusgründungsStart-Up der Hochschule St. Gallen. Die Geschäftsleitung entschied sich 2013, den neuen Geschäftsführer von der Belegschaft wählen zu lassen. Es war der Auftakt für einen tiefgreifenden Wandel, der dem Unternehmen eine Steigerung der Mitarbeiterzahl, der Standorte und Kunden um rund 100 Prozent brachte sowie die Umstellung von Individual- auf Standardsoftware-Lösungen. Heute werden alle neuen Führungskräfte von Mitarbeitern gewählt und Strategien gemeinsam in Workshops erarbeitet. Ehemalige Führungskräfte treten bereitwillig in die zweite Riege, wenn sie oder die Mitarbeiter es als sinnvoll für das Unternehmen erachten.
 
Die Farbenwerke Wunsiedel fokussieren sich besonders auf die Frage, warum bestimmte Aufgaben von Mitarbeitern lieber erledigt werden als andere. Die Geschäftsleitung geht individuell darauf ein, dass der Mensch sich im Verlauf des Lebens ändert. Regelmäßig wird der Arbeitspool an die Interessenlage der  Mitarbeiter angeglichen, Visionen und Prinzipien stetig überprüft. Ideen von Mitarbeitern werden monatlich öffentlich ausgehängt, die interessierte Kollegen im Anschluss gemeinsam weiterentwickeln können. Schnell zeigt sich so, wer ein neues Thema motiviert voranbringen möchte und wer nicht.
 
 © Wertebaum, Upstalsboom

Die Hotel- und Freizeitkette Upstalsboom hat als neuen Leitgedanken für das Unternehmen den Slogan „Wertschöpfung durch Wertschätzung“ gewählt. Dem voraus ging im Jahr 2009 eine niederschmetternde Beurteilung des Geschäftsführers Bodo Janssen und dessen Führungsstils durch die Mitarbeiter der Firma. Janssen ließ sich über fast zwei Jahre von Benediktinerpater Anselm Grün beraten und fand so zu einer neuen Unternehmenskultur. Im Zentrum steht nun vor allem die Zufriedenheit der Mitarbeiter. Regelmäßig befragt Janssen sie, u. a. in Kultur-Workshops:

  • Was ist für dich wichtig?
  • Für welches Thema möchtest du dich einsetzen?
  • Welche Talente möchtest du einbringen?
  • Welche Aufgaben machen dir Spaß?
Zu den Kultur-Workshops werden auch Familienangehörige eingeladen, um berufliche und private Entwicklungsprozesse aufeinander abzustimmen und systemische Zusammenhänge sichtbar zu machen, z.B. in „Wenn-Dann-Szenarien“. Teilhabe ist ein neurobiologisches Grundbedürfnis. Viele Details der Selbstwahrnehmung, Wertschätzung und Achtsamkeit tragen zur Demokratie und Kultur im Unternehmen bei, auch durchaus ungewöhnliche Aktionen, z.B. weil Janssen plant, mit einigen Azubis den Kilimandscharo zu besteigen, um deren Selbstbewusstsein zu steigern. Seitdem das Glück der Mitarbeiter im Fokus steht, erwirtschaftet Upstalboom regelmäßig Gewinne.
 
Der traditionsreiche über 250 Jahre alte Weißblechhersteller ThyssenKrupp Rasselstein GmbH betreibt mit seinen über 1000 Beschäftigten ein partizipatives Gesundheitsmanagement, indem Mitarbeiterideen und -vorschläge in alle Präventionsmaßnahmen einbezogen werden und sätmliche Hierarchie-Ebenen erreichen. Wechselschichten finden nach einer Pilotphase nicht mehr im wöchentlichen Wechsel statt, sondern nach jeweils zwei Wochen.
 
Gemeinwohl-Maximierung statt Gewinn-Maximierung steht im Zentrum der noch in Entstehung begriffenen Bank für Gemeinwohl, gegründet 2011 in Wien aus einem Genossenschaftsverein heraus. Nach einer Crowdfundingaktion soll es 2018 die ersten Konten geben. Geplant wird die Bank mit nur 10 Mitarbeitern, man hofft am Ende auf bis zu 40.000 Miteigentümern, die den Alltag der Bank gemeinsam gestalten. Entscheidungen sollen aus Fragestellungen heraus entwickelt und über systemisches Konsensieren getroffen werden, dies soll auch ortsunabhängig über OnlineTools möglich werden. Eine zivilgesellschaftliche Initiative, in der die Beteiligten täglich und stetig hinzulernen wollen.
 
Aus Venezuela stellt Zeuch das Beispiel der Kooperative Cecosesola vor, die sich in einem 50jährigen Existenzkampf stetig weiterentwickelte und immer wieder neue Geschäftsmodelle erfand: vom Verkauf von Obst und Gemüse über den Betrieb eines Busfahrunternehmens bis hin zu Bildungsveranstaltungen und verschiedenen Dienstleistungen (mehr in diesem Film).

Vom Denken zum Handeln

Erfreulicherweise bleibt Andreas Zeuch nicht bei der Theorie. Er beendet sein beispielreiches Buch mit elf aktivierenden Aufbruchsthesen, um Theorie in Praxis zu überführen und vom Denken zum Handeln zu gelangen. Er geht kurz auf Methoden und Sinn von Unternehmenstheater ein, spricht über Rollen, Funktionen, Simulationen und Selbstorganisation. Er erläutert Chancen und Gefahren von Gruppendynamiken, stellt mögliche Organisationskonzepte vor und schildert zuletzt den Wandel des Personalvorstands Thomas Sattelberger vom effizienzgetriebenen Manager zu einem demokratisch denkenden und wertschätzenden Menschen.
 
Zeuch schließt sein Buch mit der Überzeugung, dass wirkliche Innovation durch innere Haltung und Kultur entsteht und mit der Hoffnung, dass es in hundert Jahren mehr demokratische Unternehmen gäbe. Es lohnt, für diese Vision jeden Tag mutig zu kämpfen. 
________________________________
 
Quelle: Andreas Zeuch: Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten. Murmann Verlag 2015.
 

LEAN und TEAL: Wir sind die Firma, wir alle sind Chefs

 © MassivKreativ

Demokratische Strukturen halten Einzug in immer mehr Unternehmen. Mitarbeiter übernehmen mehr Eigenverantwortung und organisieren sich selbst in kleinen agilen Teams. Dies führt auch zu mehr Sinnstiftung im Job.

LEAN  

Agile Arbeitsmethoden erfordern schlanke Strukturen. Alles soll LEAN (schlank) sein: von Denkprinzipien, Methoden und Verfahrensweisen über das Management bis zur Produktion bzw. zum Produzieren des Basis-Produkts. Die gesamte Wertschöpfungskette entsteht ohne Verschwendung. Am Anfang steht das Minimal Viable Product (MVP), das minimal lebensfähigen Produkt, an dem innerhalb kürzester Zeit die wichtigsten Funktionsweisen überprüft werden. Statt anfangs zu viel Zeit mit einer überdimensionierten Planung und einem scheinbar perfekten Produkt zu vergeuden, kann alles Schritt für Schritt weiterentwickelt werden.

Die Wurzeln des Lean-Managements gehen – wie beim Kanban – auf Toyota zurück. Alle Aktivitäten für die Wertschöpfungskette sollten optimal aufeinander abgestimmt und überflüssige Tätigkeiten vermieden werden. Dies gelingt, wenn das Lean-Team die Wünsche des Kunden (Beratung, Preis, Verfügbarkeit, Qualität, Individualisierung) und das eigene Unternehmen fest im Blick hat, das profitabel, effizient und wettbewerbsfähig agieren soll.

 © MassivKreativ

LEAN-Teams

Langwierige Dienstwege aufgrund von Hierarchien führen bei Unternehmen immer häufiger ins Abseits. Strukturen müssen flach organisiert sein, Kompetenzen multidisziplinär verteilt und Unternehmenskultur verinnerlicht sein. Teams sollen klein, flexibel, autonom und eigenverantwortlich arbeiten, dezentral angesiedelt sein. Jeder im Team soll pragmatisch, mutig, experimentierfreudig und dennoch fokussiert vorgehen. Und: jederzeit ein offenes Ohr für den Kunden haben: Fragen stellen, zuhören, reflektieren, schlussfolgern und Erkenntnisse in alte und neue Produkte, Dienstleistungen und Entwicklungen einbringen.

LEAN-Unternehmen

In Berlin haben sich 30 junge Querdenker und Kreative mit The Dark Horse ihren eigenen Traumarbeitsplatz geschaffen.  Die Agentur für Innovationsentwicklung hilft Institutionen und Kunden, den gesellschaftlichen Wandel zu verstehen und aktiv mitzugestalten, statt sich von Veränderungen überrollen zu lassen. Das Team ist überzeugt: Gestalten lässt sich alles, nicht nur Produkte, sondern Dienstleistungen, Service, Unternehmenskultur, Gesellschaft …

Dies braucht Weitblick! Entsprechend vielseitig sind die „dunklen Pferde“ aufgestellt, wie ein Blick auf das Team zeigt: Produktdesigner, Maschinenbauer, Sozialwissenschaftlerin, freie Künstlerin, Informatiker, Nachhaltigkeitsexperte, Psychologe, Archivarin, Kommunikations- und Interaktionsdesigner, Architekt, Controllerin, Philosophin, Sozialheld, Tischlerin, Sopranistin, Kulturwissenschaftler, Verfahrenstechniker, Geograf, Redakteur, Ethnologin, Politikwissenschaftler. Auch manche Talent-Kombination lässt aufhorchen und zeigt: Es ist längst möglich, eigene Fähigkeiten und Leidenschaften – so unterschiedlich sie auch sein mögen – beruflich zu kombinieren. Gerade das führt zu einem wertvollen Alleinstellungsmerkmal:  Ingenieur/Schlagzeuger, Ernährungswissenschaftlerin/Barkeeperin, Komparatist/Trendforscher, IT-Girl/Kunstgeschichtsexpertin, Philosoph/Dirigent/Psychologe.

Wie organisiert sich das Team? Einen Chef gibt es bei „The Dark Horse“ nicht. Alles wird basisdemokratisch diskutiert und dann – wenn keiner aktiv widerspricht – in Konsenskultur beschlossen. Gibt es doch Widerspruch, intern „Notbremse“ genannt, so muss der Widersprechende einen Alternativvorschlag vorlegen und ihn auch aktiv umsetzen. Mut wird belohnt und Scheitern auch, einmal im Jahr wird im Team ein Preis für den „besten/schlimmsten“ Fehler verliehen.

Auch Unternehmen jenseits der Kreativwirtschaft setzen auf Augenhöhe und Teilhabe, z. B. die niederländische Firma BUURTZORG („Nachbarschaftshilfe“), die in der Alten- und Krankenpflege tätig ist. Dem Initiator Jos de Blok geht es um Menschlichkeit vor Bürokratie. Die sonst in der Branche üblichen hierarchischen Strukturen hat er abgeschafft. Jedes Team mit etwa 4 bis 12 PflegerInnen organisiert sich die täglichen und längerfristigen Aufgaben selbst. Der Erfolg gibt den Akteuren recht: Qualität und Effizienz stimmen.

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Zufriedenheit und Erfolg

Weil die Pfleger ihre Zeit einteilen und individuell auf die Patienten abstimmen können, bescheinigen diese allerhöchste Zufriedenheit und Platz 1 im Vergleich mit 3017 Mitbewerbern. Indem die PflegerInnen die Patienten in ihrer Unabhängigkeit unterstützen, können diese länger eigenständig bleiben. So stimmt am Ende auch die Rendite des Unternehmens, die  stetig wächst. 2007 begann BUURTZORG mit nur 4 Pflegekräften. Heute gehören 10.000 dazu und kommen äußerst schlank mit einer Verwaltung von nur 50 Mitarbeitern aus. Das erfolgreiche Modell wird inzwischen auch in einigen Regionen in Deutschland übernommen (siehe Pflege auf Augenhöhe).

 © Jerzy, pixelio.de

Veränderung

Auch das Tourismusunternehmen Upstalsboom mit Hotels und Ferienwohnungen hat seine Unternehmenskultur komplett umgestellt. Nachdem eine Mitarbeiterbefragung über die Führungsspitze im Jahr 2010 niederschmetternde Ergebnisse brachte, begann der Geschäftsführer Bodo Jansen radikal umzudenken. Er führte intensive Gespräche mit Pater Anselm Grün in dessen Benediktinerkloster, um sich neue Sichtachsen und Perspektiven zu eröffnen. Jansen ist überzeugt: Wenn jemand als Führungskraft etwas verändern möchte, ist er gut damit beraten, zunächst und ausschließlich bei sich selbst anzufangen.“

 © lichtkunst.73, pixelio.de

Glück und Erfolg

Als Basis dient Hansen der „Corporate Happiness Ansatz“, der darauf abzielt, Menschen bzw. seine Mitarbeiter in ihrem täglichen Tun glücklicher und so auch erfolgreicher zu machen. So wurde der firmeneigene Upstalsboom Weg entwickelt, der in den Filme Der Upstalboom Weg und Die stille Revolution vermittelt wird. Es geht um völlig neue Formen der Unternehmensführung, die das Potential bergen, das  Verhältnis der Menschen zueinander in der Gesellschaft zu verändern, weit über die eigene Firma hinaus. Seine neu erworbenen Erfahrungen und erfolgreich erprobten Führungskompetenzen vermittelt Jansen auch in Vorträgen.

Selbstlernende Organisationen

So wie BUURTZORG gibt es inzwischen viele Unternehmen, die sich schlank und auf Augenhöhe organisieren. Der ehemalige Unternehmensberater und McKinsey-Partner Frederic Laloux hat sich auf Reisen begeben und weltweit Beispiele für schlanke Organisations- und Managementformen in seinem Buch Reinventing Organizations dokumentiert: neben der Pflegefirma Buurtzorg auch die Gießerei Favi, die Firma Allsafe für Ladegut- und Transportsysteme, die Innovationsagentur The Dark Horse, die Talent-Management-Experten von Umantis und die Firma für innovative Informatik Oose, ebenfalls die Heiligenfeld-Kliniken und die Evangelische Schule Berlin Zentrum. Unternehmensberater Andreas Zeuch berichtet in seinem Buch Alle Macht für niemand von weiteren erfolgreichen Beispielen. 

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Augenhöhe

Es sind Organisationen unterschiedlicher Große aus verschiedenen Branchen, die das Bewusstseins verinnerlicht haben: Wir sind alle gleich, entscheiden deshalb alles miteinander und wachsen gemeinsam als lernende Organisation für gemeinsame Sinnstiftung sowie an der Verantwortung für unsere Mitarbeiter, Kunden und Partner. Wie Augenhöhe in der Praxis gelebt wird, zeigen Daniel Trebien und Team in ihrem eindrucksvollen Film Augenhöhe mit vielen engagierten Akteuren, u. a. auch mit dem Manager und Personalentwicklungsexperten Thomas Sattelberger.

TEAL

Mit diesen Erfahrungen, einer ganzheitlichen Sicht auf die Welt sowie Elementen aus der Integralen Theorie, den Spiral Dynamics und der Maslowschen Bedürfnishierarchie hat Frederic Laloux für sein schon erwähntes Buch eine Theorie über Machtstrukturen, Praktiken, Werten und Beziehungsebenen in Organisationen entwickelt. Die verschiedenen Formen ordnet Laloux nach bestimmten Farben und gelangt schließlich zu einer neuen, evolutionären, innovativen Form „TEAL“, benannt nach der blau-grün-türkis schillernden Farbe der Krickente:

  • rot impulsiv = Mafia, Straßengangs (Wolfspack)
  • bernstein konform = Katholische Kirche, Militär, öffentliche Schulen (Armee)
  • orange erfolgsorientiert = multinationale Konzerne, freie Schulen (Maschinen)
  • grün pluralistisch = kulturorientierte Organisationen, z. B. Southwest Airlines, die sich als große Familie betrachtet: zuerst die Mitarbeiter, dann die Kunden
  • TEAL evolutionär = selbstorganisierte Organisationen, z. B. Firma Buurtzorg, Favi

 © MassivKreativ

Kulturwandel

Frederic Laloux hinterfragt in seinem Modell überkommene Organisationsformen und ermutigt zu einem Kulturwandel – hin zu lebendigen, lernenden Organisationen, kurz TEAL genannt. TEAL ist für Laloux die erstrebenswerte, weil ständig hinzulernende Organisation, in der sich alle auf Augenhöhe begegnen. Laloux beschreibt die Vorteile anhand von drei Kriterien:

  • Selbstmanagement: flexible Hierarchien durch kollegiale Beziehungen, Teilhabe und Mitentscheidung, gegenseitige Beratung und Übernahme von Verantwortung
  • Ganzheitlichkeit: jeder kann authentisch sein und muss nicht in vorgetäuschte Rollen schlüpfen, jeder im Team ist frei von Macht hat und Konkurrenzdenken, Informationen und Feedback werden für alle transparent geteilt
  • Evolutionäres Wachstum: durch die gemeinsame Teamleistung, Beurteilung der Leistung durch das Team, Fokussierung von Sinnstiftung und Verantwortung für Kunden, Mitarbeiter, Zulieferer, Investoren und weitere Interessensgruppen, Vertrauen und Zuhören statt Kontrolle

 © Knipseline, pixelio.de

Wiki-Group

Gemäß des Teilhabe-Gedankens hat Laloux eine partizipative Wiki-Plattform zum Thema „Reinventing Organizations“ ins Leben gerufen, auf der sich jeder mit eigenen Gedanken, Ideen und Projekten beteiligen kann. Auf seiner eigenen Website bietet er nach vorheriger Anmeldung eine Lern- und Diskussionsplattform.

Working Out Loud

Eine weitere Form des Arbeitens mit mehr Teilhabe und Selbstverantwortung ist „working-oud-loud“ von John Stepper (siehe TED-Vortrag). Viele Deutsche Unternehmen nutzen es bereits, damit Mitarbeiter ihre Potentiale besser ausschöpfen können, u. a. bei Bosch, Siemens, Continental, Daimler, Deutsche Post DHL, Deutsche Telekom, ThyssenKrupp Steel Europe AG, Deutsche Bank, Audi und BMW.

„Working-out-loud“ ist ein Programm, das über 12 Wochen praktische Schritte vermittelt, um vernetztes, agiles, digitales Arbeiten einzuüben und zu verinnerlichen. Dazu findet sich eine Gruppe von 4-5 Gleichgesinnten täglich zusammen (real oder virtuell), tauscht sich in diesem Netzwerk über ein aktuelles Projekt aus und arbeitet dabei eine Agenda ab. Bei working-oud-loud geht es im Wesentlichen darum,

  • sichtbar zu machen und mit anderen im Netzwerk zu teilen, woran ich gerade  arbeite, d. h. ich „veröffentliche“ bereits Zwischenschritte meines Projektes vor meinen finalen Ergebnissen
  • mit Feedbacks und Hinweisen aus dem Netzwerk meine eigene Arbeit iterativ zu verbessern; die Anregungen helfen mir u. a. auch dabei, Querverbindungen zu anderen Ideen und Projekten herzustellen
  • gegenseitiges Lernen zu beflügeln, d. h. ich lerne vom Netzwerk, das Netzwerk lernt von mir
  • freigiebig zu sein, d. h. ich biete Hilfe an, anstatt mich selbst darzustellen
  • ein soziales Netzwerk mit vielschichtigen fach- und branchenübergreifenden Beziehungen aufzubauen, die meine Projekte und mich weiterbringen
  • zielgerichtet zusammenzuarbeiten, um das Potential des Netzwerkes bestmöglich auszuschöpfen

 

Ergänzender Buch-Hinweis

Andreas Zeuch: Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten. Murmann Verlag 2015.

Wie die Kunst Wirtschaft und Management den Horizont erweitert

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kunst beflügelt Wirtschaft. Weil sie Kommunikation fördert, Regeln bricht, Routinen hinterfragt, motiviert und dabei hilft, auch langfristige Ziele fokussiert zu verfolgen. Noch immer gibt es viel Erklärbedarf, noch immer wollen Wirtschaft und Management von der Wirksamkeit von Kunst überzeugt werden. Doch großartige und erfolgreiche Projekte ermutigen zum Weitermachen. Ein neues Buch „Wirtschaft trifft Kunst“ gibt Einblicke.

Haltung, Weitblick, Standhaftigkeit

Neue Ideen kommen nicht leicht in die Welt. Wer Dinge anders macht, wird nicht automatisch mit offenen Armen empfangen. Künstler, die Neues schaffen, werden nicht gleich auf Anhieb verstanden. Sie machen dennoch weiter, häufig gegen Widerstände. Sie sind mutig,  entschlossen, zeigen Haltung. Eines Tages werden sie – so bleibt zu hoffen – für ihren Weitblick und ihre Beharrlichkeit bewundert, so wie Mahatma Gandhi es einst sagte: “Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Künstler als VUCA-Meister

Künstler tragen viele besondere Fähigkeiten in sich. Sie sind ihrer Zeit häufig ein Stück voraus. Die VUCA-Welt, in der nichts mehr verlässlich und voraussagbar ist und gerade in der Wirtschaft heiß diskutiert wird, haben Künstler schon immer erlebt. Sie haben eigene Strategien und Widerstandskraft entwickelt, Resilienz. Unsicherheit und Krisen sind nach wie vor Alltagsbegleiter von vielen Kreativen. Angestellte und Beamte in „bürgerlichen“ Berufen machen erst seit kurzem vergleichbare Erfahrungen. Der technologische und digitale Wandel wird weitere tiefgreifende Veränderungen in unser berufliches und privates Leben tragen.  

Künstler sollten daher in der agilen Welt als VUCA-Meister wirken, als Alltagscoaches, um sowohl Mitarbeitern als auch Führungskräften Wege aus der Unsicherheit zu zeigen. Künstler können Methoden und Möglichkeiten vermitteln, wie sich Unbekanntem offen, neugierig und mutig begegnen lässt. Wer an Althergebrachtem festhält, verhindert Innovationen. Die Band „Die STERNE“ singt (1999): „Wir müssen nichts so machen, wie wirs kennen, nur weil wir’s kennen, wie wir’s kennen.“ Wir brauchen kreative Pionieren, die neue Wege gehen. Denn: „Dort, wo alle gehen, wächst kein Gras.“ (Frank und Patrick Riklin, Atelier für Sonderaufgaben)

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Wirtschaft trifft Kunst

Die Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin Ulrike Lehmann kennt beide Welten. Mit ihrer Agentur art-coaching trägt sie Kunst in Unternehmen, gibt in Vorträgen und Seminaren Einblicke in die aktuelle Entwicklungen, in den Kunstbetrieb und den Kunstmarkt.

Nun hat Lehmann ein umfangreiches Buch mit 580 Seiten herausgegeben: Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut. (Springer Gabler 2017). Im Vorwort gibt sie einen Überblick über die Geschichte des Mäzenatentums seit der Antike über die Renaissance bis in die Gegenwart. Sie listet wichtige Kunstvermittler, Sammler und Sammlungen auf und zeigt, warum Kreativität und Kommunikation Schlüsselkompetenzen unserer neuen digitalen Arbeitswelt sind. Sie führt in Ateliers, befragt Künstler (Warum sind Sie Künstler geworden? Gab es eine Initialzündung? Warum macht Kunst glücklich?), berichtet über ihre eigene Arbeit als Kunstvermittlerin, über kunstbasiertes Coaching von Führungskräften und Mitarbeiterteams, über die Bedeutung von Räumen und erklärt, wie unternehmensbezogene Kunstkonzepte und Kunstsammlungen konzipiert, erstellt und realisiert werden sollten.

Künstler als Problemlöser

Lange hat sich die Wirtschaft lediglich ornamental mit Kunst geschmückt. In den letzten Jahren werden Künstler nun stärker als Gestalter in die Gesellschaft integriert. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Kreativen agieren auch in diesem Bereich frei, d. h. sie dürfen weder funktionalisiert noch instrumentalisiert werden, sondern bringen ihre individuellen besonderen Fähigkeiten ein, Zukunft vorherzusehen und weiterzudenken. In Design Thinking-Prozessen z. B. fokussieren sie mit Empathie die Nutzerperspektive und tragen mit Kreativität, Ideenreichtum, Mut und Schöpferkraft zur Lösung von Problemen bei. Im Rahmen künstlerischer Interventionen begegnen Kreativschaffende unternehmerischen Fragestellungen und Herausforderungen mit künstlerisch-kreativen Methoden.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kollaboration

Kunst lebt von Kollaboration, von multidisziplinärem Denken und Handeln, von Improvisation, Perspektivwechsel, verschiedenen Sichtachsen und Lebenswelten. Folgerichtig hat Lehmann 30 weitere Autoren eingeladen, über das vielseitige Beziehungsgeflecht Kunst und Wirtschaft zu schreiben, darunter neben Künstlern und Kunsthistorikern auch Wirtschaftsexperten und Wissenschaftler, Firmeninhaber und Geschäftsführer.

In fünf Kapiteln nähern sie sich u. a. folgenden Themen und Praxisbeispielen:

  1. Kunst im Personalwesen: Management und Kunst, Werte, Worte, visuelles Denken
  2. Der (Mehr-)Wert von Kunst: materielle und immaterielle Werte, Kunst als Wirtschaftsfaktor, Verteilungskämpfe auf dem Kunstmarkt und freier Eintritt
  3. Kunstsammlungen in Unternehmen: Kunst zur Repräsentation und Kommunikation, als Teil von Unternehmenskultur, Kunst und Mode, Gegenwartskunst
  4. Kunst am und im Bau: Kunst und Raum, künstlerische Konzepte
  5. Kommunikation, Marketing und Kunst: kommunikative Wirksamkeit, Kunst und Marke, Business Artist – der Künstler als Unternehmer
  6. Ausblick: Projekte von Kunst in Unternehmen: Impulse für Kommunikation, Innovation, Umdenken und Wandel in der Unternehmenskultur

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Wert und Wirksamkeit von Kunst

Der Künstler Hermann J Kassel (S. 171-187) möchte mit Kunst Veränderungsprozesse im Unternehmen unterstützen, die Kommunikation fördern und den Teamgeist stärken. Kunst kann abstrakte Dinge verdeutlichen, die durch Worte allein nicht transportiert werden können. Wie lässt z. B. Digitalisierung konkret fassbar machen? Kunst hilft dabei, Dinge zu emotionalisieren, sie haptisch be-greifbar machen, damit wir sie verstehen und verinnerlichen. Beispiel Unternehmenskultur: Sie kann nicht von oben nach unten „verordnet“ werden. Sie ist lässt sich schwer beschreiben, ist dennoch immer da, lebt durch Menschen bzw. Mitarbeiter, durch ihr Selbstverständnis und ihre Wertvorstellungen.

In seinem Projekt „Erd-Arbeiten: Verwurzelung – Veränderung“ macht Hermann J. Kassel deutlich, dass Unternehmenskultur etwas mit Verankerung und Basis zu tun hat. Manager eines Getriebeherstellers von verschiedenen Niederlassungen wurden im Vorfeld der künstlerischen Intervention gebeten, Erde von ihren Heimat-Standort mitbringen. Gemischt mit Erde vom Stammsitz sollte der Humus für die „Basis-Kultur“ entstehen, der Humus für Kontinuität und Wandel. Durch haptische Begreifen konnten die Manager mit eigenen Händen erfahren, wie Veränderungsprozesse von der Basis aus wachsen, dass diese Selbst-Vergewisserung, Selbst-Bewusstsein und Standfestigkeit überlebenswichtig sind – gerade im Umfeld von Globalisierung und Vielfalt.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kunst als Kommunikationsmittel

Geschäftsführer Jochen Kienbaum schildert im Buch (S. 327-340), wie sich an den Kunstwerken in den Büroräumlichkeiten der Personal- und Managementberatung Kienbaum Consultants häufig inspirierende Gespräche mit Kunden, Geschäftspartnern, Mitarbeitern, neuen Bewerbern und Kandidaten entzünden. Mit dem Wahrnehmen und Sprechen über Kunst können Interessen, Kenntnisse und Wertvorstellungen ausgetauscht werden. Am Kunstobjekt treffen sich die Ansichten und Vorlieben oder gehen weit mit Irritation bzw. Unverständnis weit auseinander.

Kunst ist ein praktisches Hilfsmittel für das intensive gegenseitige Kennenlernen. Der Informationsgehalt von Kunstgesprächen geht über normale sachliche Gespräche hinaus. Ein besonderes Format ist der gemeinsame ArtWalk, zu dem Kienbaum auf der Kunstmesse ArtCologne einlädt. Neue Sicht- und Denkweisen möchte die Beratungsagentur mit der Herausgabe von Künstlerbüchern eröffnen.

Urteilsvermögen mit Kunst schärfen

Der Textilunternehmer, Wirtschaftsethiker und Kunstsammler Thomas Rusche erläutert in seinem Artikel (S. 341-365), inwiefern Kleidungskultur und Kunstförderung die Identität seines Unternehmens SØR Rusche prägt. Schönheit entsteht im Auge des Betrachters. Doch das Urteilsvermögen über Qualität lässt sich gerade an Kunstwerken schärfen, wie Rusche zeigt. Lieblose Massenproduktion versus kenntnisreicher handwerklicher Fertigung. Was sollte bewahrt werden und wo schafft Erneuerung Mehrwert und Sinn, etwa durch den Einsatz von Hightech-Materialien? Erfreulich ist, dass Rusche auch ethisch-moralische Aspekte einbezieht und kurzfristige Gewinnmaximierung in Frage stellt. Wirtschaft trägt heute auch Verantwortung, nicht nur für sich selbst, sondern für die Gesellschaft. SØR bzw. Rusche richtet die Berliner Salongespräche der Sophisten aus und diskutiert mit Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur aktuelle und relevante Themen der Zeit. Er finanziert Kunst und Künstlerförderung, unterstützt Projekte in Indien, die Forschungsgruppe Ethik und Wirtschaft im  Dialog (EWD), lädt regelmäßig zu Kunstgängen durch die SØR Rusche Sammlung in Oelde und Berlin ein und vermittelt seine Ideen und Werte auf dem Blog Kleidungskultur SØR.

 © Frank Radel, Pixelio.de 

Kunst am Bau

Wie entfaltet sich Kunst nicht nur intern in den Räumlichkeiten der Unternehmen? Wie wirkt und strahlt Unternehmenskultur in den öffentlichen Raum hinein? Über Architektur und Lichtinszenierungen beziehen Unternehmen Position, verleihen ihrer Identität und ihrem Selbstverständnis nach außen hin Sichtbarkeit. Im Buch wird am Beispiel des  Europäischen Patentamtes (EPA) in München u. a. die Farborgel des Schweizers Beat Zoderer vorgestellt. Gerade eine international tätige Institution steht vor einer besonderen Herausforderung, über die Kunst zwischenstaatliche Beziehungen und ein friedliches Zusammenleben zu transportieren.

Erkenntnisse

580 Seiten und 30 Autoren bieten einen weiten, vielseitigen Blick auf das Thema „Wirtschaft trifft Kunst“. Der Fokus des Buches liegt auf dem enger gefassten Begriff der bildenden Kunst (nicht: Musik, Tanz, darstellende Kunst u.s.w.), auf unternehmenseigenen Sammlungen und ihren Initiatoren sowie auf den Themen Kunst als Marke, Marketing- und Kommunikationsmittel. Hin und wieder wird auf die gesellschaftsgestaltende bzw. strukturell verändernde Kraft von Kunst verwiesen wird (siehe Hermann J. Kassel).

Was mir persönlich fehlt, sind aktuelle Stimmen abseits der Führungsetagen von Mitarbeitern an der Basis. Gerade deren Persönlichkeitsentwicklung und Motivationsschub durch Kunst wäre besonders aufschlussreich (siehe Filminterviews Mensch und Maschine / Atelier im Unternehmen): Was gibt „normalen Mitarbeitern“ die Begegnung mit Kunst im Unternehmen? Welche Gefühle, Gedanken, Stimmungen lösen Kunstwerke aus? Welche Irritationen oder Aha-Effekte hat Kunst bei Ihnen befördert? Angeboten hätte sich dies etwa im Beitrag über die Aktivitäten der Wimmelforschung für die Innovationsetage Platform 12 von Bosch. 

Kunst muss ihre Relevanz ständig unter Beweis stellen. Daher sollte ihre Breitenwirkung in alle Unternehmensebenen und Etagen nicht außer Acht gelassen werden. Lehmann verweist z. B. auf ein „Kunstexperiment“ bei Bayer von 1979/80, bei dem der Kunsthistoriker Max Imdahl gemeinsam mit Arbeitern über Werke abstrakt-konkreter Kunst diskutierte (S. 44). Interessant wären aktuelle Beispiele, etwa auch zu Corporate Volunteering – angeregt durch Kunst. Ungeachtet dieses kleinen Wermutstropfens ist die Fülle der zusammen getragenen Beispiele verdienstvoll. Jedem Artikel ist eine kurze Zusammenfassung vorangestellt, die neben dem Inhaltsverzeichnis einen ersten Überblick gibt. Eine zusätzliche Orientierung hätte ein Schlagwort-Verzeichnis am Ende des Buches liefern können.

Diese Autoren haben sich mit Beiträgen beteiligt:

Carsten Baumgarth, Stephan Berg, Dirk Boll, Michael Brater (& Anne von  Hoyningen-Huene), Friedrich Conzen (mit Julia Ritterskamp und Olaf Salié), Judith Dobler, Thomas Drescher & Maren Geers von Wimmelforschung, Stephan Frucht, Thomas Huber, Michael Jäger, Hermann J Kassel, Jochen Kienbaum, Barbara Kotte, Ulrike Lehmann, Rupprecht  Matthies, Alexander Marzahn, Hans-Dietrich Reckhaus, Thomas Rusche, Roland Schappert, Agnes Dominique Schofield, Kristine Schönert, Martin Seidel, Thomas Steinruck, Wolfgang Ullrich, Hubertus von Barby, Heike Weber, Stephan Zilkens.

Quelle: Ulrike Lehmann (Hg.): Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut. Springer Gabler 2017.

  © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Künstler in Unternehmen!

So wie es früher einen Narren am Hof gab, der außerhalb aller Regeln agieren und die Mächtigen kritisieren durfte, der die Ereignisse im Staat mal humorvoll, mal zynisch kommentieren konnte, so sollte heute jedes größere Unternehmen einen unabhängigen „Corporate Artist“ engagieren. Künstler in die Wirtschaft! Jedoch nicht ornamental zum „Aufhübschen“, sondern strukturell zum Mit- oder Umgestalten, zum Beobachten und Hinterfragen, als Gast in der Vorstandssitzung und im Kundendialog, als aufmerksamer Zuhörer bei Gesprächen mit Mitarbeitern und Führungskräften, zum Intervenieren, Ästhetisieren, zum Regeln brechen und Ideenschmieden. Alle großen Projekte und Kunstwerke beginnen mit einer kleinen Idee …

„Lernen wir von Künstlern, für sie sind verschiedene Methoden selbstverständlich, die wir in der Wirtschaft gut brauchen können. Zum Beispiel die Methodik des Perspektivenwechsels!“ Klaus Starch, eh. Finanzvorstand der eh. Gericom AG und der dp Projektform AG (siehe auch turn-around)

Transforming smArt

Inspirierende Workshops und interessante Impulse zum Thema „Künstler in die Wirtschaft“ bietet auch die Theaterpädagogin Katrin Sasse mit ihre Projekten Transforming smArt – House of Change und Training mit Theater

 © S. Hofschlaeger, Pixelio.de 

Master-Arbeit über Künstlerische Interventionen in Unternehmen

Kürzlich fragte der Master-Student Andreas Hötzel bei mir ein Interview an. Er wollte mich als Expertin zum Thema „Kunst als Intervention“ befragen. Für eine Studienarbeit an der Hochschule München im Master-Studiengang „Business Innovation & Management Consulting“ beschäftigt er sich gemeinsam mit drei Kommilitonen mit diesem Thema, um einen Beratungsansatz zu entwickeln, der künstlerische Interventionen berücksichtigt. Im Gespräch geht es um diese Fragen:

  1. Wie hat sich die künstlerische Intervention in der Wirtschaft in den letzten Jahren entwickelt?
  2. Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung/Nachfrage/Potentiale ein? Gibt es dazu Zahlen?
  3. In welchen Bereichen bzw. Projektphasen wirkt die künstlerische Intervention am effektivsten? Wie genau wirkt sie?
  4. Was macht den Einsatz von Künstlern im Unternehmenskontext im Vergleich zu anderen Vorgehensweisen besonders bzw. effektiv (in Bezug auf die Qualität der Wirksamkeit)?
  5. Worin sehen Sie die wirtschaftliche Bedeutung/Nutzen der künstlerischen Intervention aus Unternehmenssicht?
  6. Wo sehen Sie die Grenzen der künstlerischen Intervention?

Mehr dazu im folgenden Podcast-Interview mit Andreas Hötzel!

Warum sich Kultur nur im Plural denken lässt und wir in einer kulturellen Krise stecken

 © Sweder van Rencin, pixelio.de

Ich freue mich über ein Gastinterview der Journalistin Stefanie Hermann mit dem Wissenschafts- und Kulturforscher Prof. Peter Finke über die Folgen kultureller Verarmung. Ihren jeweiligen Hintergrund und ihr persönliches Engagement möchte ich kurz vorstellen:

Peter Finke engagiert sich seit vielen Jahren für Amateurforschung und Bürgerwissenschaften. Er kritisiert, die Berufswissenschaftler würden den Amateuren nicht auf Augenhöhe begegnen. Das Elite-Basis-Denken stamme – ebenso wie der Begriff Citizen Science – aus der englischsprachigen Profiwissenschaft, die Amateure zu kostenlosen Datensammlern und Zuarbeitern degradiere. Finke war Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld.

Auch der Journalistin Stefanie Hermann liegt die Amateurwissenschaft am Herzen. Für die Aufsatzsammlung „Freie Bürger, freie Forschung: die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm“ – herausgegeben von Peter Finke – schrieb sie den Beitrag: „Wie ich mir meine
Zukunft vorstelle“. Darin berichtet sie von ihrem selbst gewählten Kompromiss, als Amateurwissenschafterin an frei gewählten Themen zu forschen anstelle einer universitären Karriere nachzugehen – mit vielen inhaltlichen, methodischen, organisatorischen und formalen Zwängen.  

  © MassivKreativ

Kulturelle Krise

Frage: Herr Finke, Sie haben in Berlin einen vielbeachteten Vortrag unter dem Titel „Die kulturelle Krise, in der wir stecken“ gehalten. Was meinen Sie damit?

PF: Darf ich erst einmal sagen, wen ich mit „wir“ meine? Ich meine nämlich nicht nur die Deutschen oder die Europäer, sondern in gewisser Weise die ganze jetzt lebende Menschheit, teils als Handelnde, teils als Betroffene. Insbesondere den aktiven Teil, der heute den Gang der Dinge auf der Erde bestimmt.

Frage: Ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen? Wie ist das zu verstehen?

PF: Es geht um etwas ganz Grundsätzliches. Nach der Evolution der Natur, die auf diesem Erdball zu einer ungeheuren natürlichen Vielfalt geführt hat, hat uns die kulturelle Evolution eine neue Vielfalt hinterlassen, die Vielfalt der Sprachen und Kulturen. Man könnte sagen: Kultur kann man eigentlich nur im Plural denken, den Reichtum der kulturellen Vielfalt. Aber was erleben wir jetzt? Wie im Falle der natürlichen Vielfalt wieder das Gleiche: eine einzigartige Vielfaltsvernichtung. Dass wir dies nicht selber schlimm finden, auch nicht nur zulassen, sondern aktiv betreiben: Darin besteht die kulturelle Krise, in der die heutigen Menschen feststecken. Denn es ist eine Riesendummheit, derer wir uns offenbar nicht bewusst sind.

Vernichtung von Vielfalt?

Frage: Aber wir erleben doch eine Epoche der Globalisierung. Alle Kulturen der Erde stehen in freiem Informationsaustausch miteinander in Verbindung. Das Internet bringt uns die Welt in Haus. Wo wird da Vielfalt vernichtet?

PF: Schön wär’s. Was da „Globalisierung“ genannt wird, ist das Ideal, mit dem wir hausieren gehen. Die Realität sieht ganz anders aus. Nämlich so, dass es starke und schwache Kulturen gibt, was nicht verwunderlich, sondern normal ist. Aber daraus folgt eher, dass die stärkeren auf die schwächeren Rücksicht nehmen und ihnen ihre Chancen lassen müssten und nicht das, was heute passiert: ein kulturelles „survival of the fittest“. Das Ergebnis ist, dass wir genau genommen heute nur noch eine starke Leitkultur haben, die ökonomisch definiert ist und die alle anderen platt zu machen versucht.

 © Michael Ottersbach, pixelio.de

Leitkultur: Wall Street?

Frage: Können Sie diese Leitkultur näher beschreiben? Wie äußert sie sich, wer vertritt sie?

PF: Ich rede von „Western Civilization“ oder – wie ich sie lieber nenne – „unserer Wall-Street-Kultur“. Wir vertreten sie und sie äußert sich darin, dass sie nicht mehr einer Vielzahl von Werten und Zielen folgt, sondern im Grund nur einem einzigen: einer ökonomischen Sicht auf die Welt. Alles wird einer ökonomischen Bewertung unterzogen. Und was keinen ökonomischen Wert hat (oder zu haben scheint), ist nichts wert und kann im Grunde entsorgt werden. Es ist ja anscheinend zu nichts nütze.

Frage: Also zum Beispiel die Artenvielfalt, die Biodiversität?

PF: Ja, aber zum Beispiel auch die Sprachenvielfalt. Wozu über 6000 Sprachen, wenn im Internetzeitalter Englisch scheinbar völlig ausreicht. Wem seine Karriere lieb ist, der kommuniziert am besten gleich englisch, ob in den Medien, in der Politik, in der Wirtschaft, überall. Selbst in der Wissenschaft: Warum brauchen wir noch eine Vielfalt an Sprachen, wenn Englisch zur Kommunikation genügt? Warum brauchen wir verschiedene Hochschulsysteme, wenn man alles effizient und einheitlich nach dem Bachelor-Master-Prinzip organisieren kann? In einer solchen Situation schlägt die Bildungsökonomie zu und dekretiert: So geht es am besten, also machen wir es überall so. Oder denken Sie an die vielen regional-kulturellen Märkte, die auf den jeweiligen lokal-kulturellen  Bedarf abgestimmt waren. Sie werden immer mehr durch einen erdweiten Einheitsmarkt mit den Produkten ersetzt, die angeblich alle brauchen. 

Augenhöhe

Frage: Sind Sie gegen die Globalisierung? Und warum sagen Sie „erdweit“ und nicht „weltweit“?

PF: „Erdweit“ sage ich, weil es ehrlicher ist. Die Welt ist weit mehr als die Erde. Aber die Erde ist bisher unser einziger Lebensraum. Wir sollten durch unser Reden nicht so tun, als hätten wir sie nicht mehr nötig. Und selbstverständlich bin ich nicht gegen Globalisierung. Aber was wäre denn das? Es wäre ein erdumspannender Austausch von Informationen, Menschen, ihren Ideen und Gütern, ein kreuz und quer über den Erdball verlaufendes Geflecht des allseitigen Verkehrs, des Lernens und Handelns, an dem alle Kulturen auf Augenhöhe teilhaben könnten, auch die von der Bevölkerungszahl her gesehen kleinen und mittleren. Aktivrolle und Passivrolle, Senden und Empfangen, Geben und Nehmen, kaufen und verkaufen, lehren und lernen müssten bei einer wirklichen Globalisierung ungefähr gleichverteilt sein. Doch das, was wir haben, ist dies nicht, sondern es ist eine sehr einseitige Veranstaltung zum Nutzen der großen Leitkultur, der unsrigen, so, wie  w i r  Nutzen verstehen: als ökonomischen Profit. 

 © low500, pixelio.de

Gefahr: Homo oeconomicus

Frage: Aber die westliche Zivilisation ist doch durch Errungenschaften wie die Ethik der Bergpredigt oder die Ideen der Aufklärung oder politisch die französische Revolution geprägt. Ist es nicht wirklich zu einseitig, sie nur pauschal als ökonomische Kultur zu interpretieren?

PF: Sie hat leider diese Entwicklung genommen. Was Sie nennen, das waren einmal mehrere kulturelle Traditionen, die verschiedene Wertvorstellungen entwickelt hatten, die dann zusammengewachsen sind: religiös-spirituelle, aufklärerisch-philosophische und politisch-soziale. Dazu sind noch weitere Einflüsse gekommen, die alle zusammen die ursprüngliche westliche Zivilisation bereichert haben, zum Beispiel künstlerische, handwerkliche oder romantische. Deshalb ist es ja so traurig, was daraus heute bei Lichte besehen geworden ist: eine unfreie, wertearme, zukunftsunfähige Jagd nach materiellem Besitz und Macht.

Frage: Kann man von einer Art Doppelzüngigkeit sprechen? Davon, dass wir von westlicher Zivilisation reden, aber ökonomischen Gewinn meinen?

PF: Ja, genau. Oder Reklame, so als sei Kultur eine Wettbewerbsveranstaltung: Wer kann sich am besten verkaufen? Es ist, als hielten wir Schilder hoch, auf denen vorn gut sichtbar steht: Bergpredigt! Aufklärung! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!, aber hinten steht, weniger gut sichtbar: Geld! Macht! Wachstum! Und auf einem steht vorn: Globalisierung! Wie schön! Alle sind beteiligt! Und hinten: Wir vor allem! Der Profit gehört uns!

Universalsprache Englisch: Fluch oder Segen?

Frage: Aber es gibt zum Beispiel die Wissenschaft, damit kennen Sie sich doch aus. Die bildet in der Forschung ein weltweites, pardon: erdweites Netz eng miteinander verwobener Ideen und Projekte aus. Dort ist eine wirkliche Globalisierung gegeben, oder etwa nicht?

PF: Ist sie nicht. Wer so blöd ist, seine Ideen zum Beispiel auf Deutsch und nicht gleich auf Englisch zu publizieren, wird international nicht mehr wahrgenommen. Aber Sprache ist mehr als Kommunikation. Sie ist davor noch Identitäts- und Begriffsbildung. Verschiedene Sprachen eröffnen unterschiedliche Zugänge zur Welt. Die Vorstellung einer wissenschaftlichen Einheitssprache wie sie der Münchner TU-Präsident Hermann geradezu voranpeitscht, ist genau so dumm wie eine Einheitskleidung, Einheitsessen oder eine Einheitspartei. Sie ist undemokratisch und irrational. Wissen ist auch sprachoffen, ein Geflecht aus Ideen, keine Sammlung von Dogmen.

Frage: Verbirgt sich hinter Ihrer Argumentation nicht ein Nationalismus? Warum klagen Sie  darüber, dass auf deutsch veröffentlichte Fachliteratur international nicht mehr echt wahrgenommen wird? Die Anglisierung ist doch eine ganz neue Entwicklung, die immerhin ein Bewusstsein der Internationalität verschafft. Ist das nicht gut?

PF: Nein, es ist falsch. Wer Wissenschaft nicht als Lehrbuchsammlung versteht, findet deutsch formulierte Dogmen genau so schlimm wie solche in anderen Sprachen. Ich fände es richtig, wenn sich möglichst viele verschiedene Sprachen, nicht nur solche der indoeuropäischen Sprachfamilie, zu Wissenschaftssprachen entwickeln dürften. Nur dann bekämen wir einen Eindruck von der Vielfalt der Sichtweisen auf die Welt und der Voreingenommenheit, mit der wir gewöhnlich herumlaufen.

Die Vorherrschaft der englischen Sprache verschafft nur den primitivsten Nationalisten einen schwachen Eindruck von Internationalität; in erster Linie dokumentiert sie die Macht des „american way of life“, der ökonomischen Führungsmacht der politischen Gegenwartsepoche. Sie könnte schneller zu Ende gehen, als vielen lieb wäre. Der dumme Trumpismus des „America first!“ kann jederzeit nach hinten losgehen.

 © Stephanie Hofschlaeeger, pixelio.de

Effizienz auf Kosten von Qualität und Vielfalt

Neu ist diese Idee von Ökonomisierung der Kultur auch nicht. Der Mönch Wilhelm von Ockham hat bereits im Mittelalter auf Latein das Effizienzprinzip für die Wissenschaft verkündet: entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem; oder deutsch: Vielfalt brauchen wir nicht, wenn wir das Notwendige haben. Heute ist dies die beliebteste Wissenschaftstheorie überhaupt. Die Wissenschaft, die sich soviel auf ihre Rationalität und Offenheit zugute hält, macht den Vorreiter des ökonomischen Effizienzdenkens! Wir sehen: Schon im Mittelalter begann das enge Wirtschaftsdenken, das uns noch heute lähmt. Man könnte auch sagen: das Rationelle besiegte das Rationale. Trump verkörpert dies geradezu.

Immaterielle Werte

Frage: Warum nennen Sie eigentlich unsere ökonomisch beeinflusste Kultur „Wall-Street-Kultur“?

PF: Weil sie das Geld vergöttert. Eigentlich hatte die kulturelle Entwicklung zu einer großen Vielzahl von Werten geführt, die wir weiter hochhalten müssten: ethischen, ästhetischen, sozialen, organisatorischen, emotionalen, spirituellen, rationalen, eben einer kulturellen Wertevielfalt. Ja selbst die ökonomischen Werte allein waren einstmals vielgestaltig: unterschiedlichste Tauschwerte, nichtmonetärer Gewinn, Vor- und Nachteile vielerlei Art, wohlverstandenes Eigeninteresse, Nachbarschaftshilfe usw.

Heute ist davon in der Standardökonomie nur noch der geldwerte Gewinn übriggeblieben, alles andere gilt als ökonomischer Murks oder – noch schlimmer – alternative Ökonomie. Unsere Kultur ist zu einer armseligen monetären verkommen. Der geschasste Manager geht nicht für eine Abfindung von 30 Millionen, aber für 60 nimmt er seinen Hut. Das reicht ihm dann offenbar. Ehrlich gesagt: Mir auch.

Leerstelle Wirtschaftswissenschaft

Frage: Kann man da auch eine Kritik an den Wirtschaftswissenschaften heraushören? Die müssten doch am besten wissen, was Ökonomie ist?!

PF: Ja, diese Kritik dürfen Sie heraushören. Und richtig, die sollten es eigentlich am besten wissen; tun sie aber nicht. Die Wirtschaftswissenschaften haben einen Gutteil der schlimmen Entwicklung mitzuverantworten. Nehmen Sie nur den Arbeitsbegriff. Wieviel ist denn Hausarbeit wert? Kein Bruttoinlandsprodukt kann mit ihr etwas anfangen, denn es fließt in der Regel kein Geld. Da ist es wieder, das Geld. Geld als kulturell entscheidendes Kriterium: dass ich nicht lache!

Bei der Hausarbeit haben es vor allem die Frauen und Mütter auszubaden. Im Grund ist das ein Verstoß gegen unser Grundgesetz. Erst ganz langsam wachsen heute bei den Ökonomen neue Einsichten heran; sie meinen offenbar, sich diese Trägheit leisten zu können. Aber sie täuschen sich, mal wieder. Jetzt bekommen sie zurecht Druck von allen Seiten.

Wandel ist unübersehbar

Frage: Wieso?

PF: Der Wandel ist im vollen Gange. Nur viele von der alten engen monetären Ökonomie Besessene haben es aus Betriebsblindheit noch nicht gemerkt. Für viele Pflanzen- und Tierarten, Dialekte und Sprachen, regionale Märkte und Wirtschaftsformen, kulturelle Varianten und Traditionen wird er zu spät kommen, sie sind wohl unwiederbringlich verloren. Aber nicht für alle.

Es ist wie bei unseren Zähnen: Auch wenn unser natürliches Gebiss nicht mehr ganz komplett ist, ist es besser, die Reste, die noch fest sitzen, zu erhalten. Auch wenn die Verluste an natürlicher und kultureller Vielfalt gravierend sind, lohnt es sich, die noch vorhandenen Reste zu erhalten. Auf einer solchen Basis kann eher eine neue Vielfalt wachsen als dann, wenn sie schon ganz verarmt wäre.

 © S. Hofschlaeger, pixelio.de

Früh- und Schulbildung

Frage: Danach wollte ich noch fragen. Wie kommen wir denn jetzt aus dem Dilemma wieder heraus? Denn darum geht es doch. Die Einsicht, dass wir alles falsch machen, kann es ja wohl allein nicht sein. Haben Sie auch eine Idee, was zu tun wäre, um einen Wandel zum Besseren einzuleiten?

PF: Ich denke, das Wichtigste wäre eine viel bessere Bildungspolitik.  Sie entsteht aber nicht von allein, wenn man den Bildungsetat verdreifacht, sondern man muss die bisherigen Fehler erkennen, als solche bezeichnen, abstellen und wirklich neue Ziele ausgeben. Das Geld ist nicht das Hauptproblem; die mangelnde Einsicht in die Falschheit der bisherigen Politik ist es. Es ist atavistisch, die wichtige Zeit vor der Schule mit Kinderaufbewahrung, Bauklötzchen und Trallala zu vertrödeln.

Die grundlegende Weltkenntnis, Sprache und Sprachen werden vor allem in dieser Zeit bereits gelernt. Natürlich kann und soll dies in diesem frühen Alter auch spielerisch geschehen, auch durch Bauklötzchen. Aber was lernen unsere Kinder denn durch die bisher üblichen Methoden? Du sollst ein Sieger werden, dem die Bauklötzchen nicht immer zusammenfallen! Deine Schwester ist deine Konkurrentin, wenn sie es besser kann als Du! So lernen schon Kleinkinder Ökonomie und Effizienz, und das zu privaten Zwecken. Und nach der Vorschulzeit käme die Grundschule, die wichtigste von allen. Hier müssen die besten Lehrer unterrichten, nicht die am schlechtesten bezahlten. Aber sie werden natürlich nicht durch mehr Geld besser, sondern nur durch eine bessere Ausbildung.   

Berufsbildung

Frage: Aber läuft das nicht alles darauf hinaus, dass noch mehr Leute studieren wollen?

PF: Keineswegs. Wenn unsere Schulen wirklich so gut wären, wie sie sein müssten, würden wir zum Beispiel die berufliche Bildung ernster nehmen als heute und die allgemeinbildenden Schulen würden gut gebildete Menschen verlassen, die nicht auch noch alle ein wissenschaftliches Studium benötigen und im Viel-Geld-Verdienen das höchste Ziel sähen. Die flexibel wären, auf Zeit den einen oder anderen Beruf zu ergreifen, und zugleich einen Wert darin sähen, Zeit zu haben. Gegenwärtig produzieren wir zu lebenslangen Spezialisten getrimmte und gehetzte Handlanger oder Lobbyisten mit flottem Mundwerk, die das Geld vergötzen, aber ohne eigene Wertvorstellungen auskommen. Wir bilden heute Leute überwiegend dafür aus, sich als kleine Elite zu fühlen und Dienstleister für andere zu werden.

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Neue Kriterien für Bildung

Frage: Wie sollte denn das Bildungsziel Ihrer Ansicht nach stattdessen aussehen?

Das selbstdenkende, selbständige, mutige Individuum, der demokratische Staatsbürger, der seine Rechte und Pflichten kennt und wahrnimmt, der sich einbringt, wo er etwas beitragen kann und sich wehrt, wo er Wichtiges in Gefahr sieht: Dies wäre ein lohnendes, zeitgemäßes Bildungsziel. Aber den wünscht man sich offenbar nicht. Vor ihm haben diejenigen Angst, die sich als politische Elite begreifen. Die möchten, dass alles beim Alten bleibt, ihr Elitestatus nicht in Gefahr gerät.

Ich schäme mich für eine Wissenschaftspolitik, die Eliteuniversitäten kürt. Tatsächlich haben die heutigen Eliten nur ein günstiges Schicksal erwischt, das sie vorübergehend stärker hat werden lassen als andere. Nicht besser, klüger oder wirklich wohlhabender.  Nur mächtiger, wortgewandter, bloß monetär reicher, eine Gesellschaft von Cleverles: eben Repräsentanten der „Wall-Street-Kultur“. Wenn Sie sich die Mühe machen, genauer hinzusehen, werden Sie unter dieser oberflächlichen Lackierung Hunderte, ja Tausende wirklich kreativer Menschen entdecken, die Geld zwar zum Lebensunterhalt benötigen, oft darin auch sehr knapp sind, aber damit keine großen Lebensziele verbinden. Was sie interessiert, machen sie ohnehin ehrenamtlich, weil es ihnen Freude macht, weil sie es wichtig finden, naheliegend, nötig. Sie sind unsere kulturellen Vorbilder für die Zukunft. 

__________________________________________

Peter L. W. Finke (* 1942) war ab 1982 Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld und zwischendurch zusätzlich einige Jahre Gregory-Bateson-Professor für Evolutionäre Kulturökologie an der Privatuniversität Witten-Herdecke. Er hat seinen Lehrstuhl 2005 aus Protest gegen die von Politik und Wirtschaft durchgesetzte sog. „Bologna-Reform“ der Universitätsstrukturen freiwillig aufgegeben und ist seither als Gastprofessor  an verschiedenen Institutionen im In- und Ausland tätig gewesen. In den letzten Jahren ist er vor allem als Verteidiger der freien Amateurwissenschaftler bekannt geworden.

  • Peter Finke: Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien, Oekom Verlag 2014.
  • Peter Finke (Hg.): Freie Bürger, freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeiturm. Originalbeiträge von 36 Autorinnen und Autoren. Oekom Verlag 2015.
  • Peter Finke: Lob der Amateure. Warum Wissenschaft die Laien braucht (in Vorbereitung).

 

Workshop: Agiles Arbeiten – Methoden für den Wandel

 © MassivKreativ

Der digitale Wandel hat verwirrend viele Schlagworte in Umlauf gebracht: New Work, Agiles Arbeiten, Design Thinking, Scrum, Kanban, VUCA bzw. VUKA, Daily StandUp, Retrospektiven, TEAL und LEAN. Ich habe einen Workshop in Berlin besucht und gebe gemeinsam mit den beiden Trainern und Experten Alexander Schaaf und Valentin Nowotny Einblicke, welche Methoden Sie auf Ihre eigene „Neue Arbeit“ übertragen können. 

Sinn und Zweck agiler Arbeit

„Zeit ist Geld!“ – Bis heute scheint dieses Zitat von Benjamin Franklin gültig zu sein, es fand Eingang in sein 1748 erschienenes Buch „Ratschläge für junge Kaufleute“. Der Staatsmann, Erfinder und Verleger sprach aus eigener Erfahrung! Dennoch wäre die Frage damit zu knapp beantwortet, warum agile Denkweisen und Arbeitsmethoden in keiner Organisation bzw. Institution mehr fehlen sollten. Agil heißt – abgeleitet aus dem Lateinischen – flink, beweglich, flexibel. Dem Innovations- und Kostendruck lässt sich mit agilen Prinzipien Paroli bieten, nicht  nur im Umfeld des digitalen Wandels, indem Projekte …

a) schneller und kostengünstiger, h. effizienter umgesetzt werden, was durch eine permanente, direkte und reibungslose Kommunikation innerhalb flacher Hierarchien gelingt

b) qualitativ erfolgreich verlaufen, d. h. effektiver, damit alle Projektbeteiligten mit den Ergebnissen zufrieden sind.

 © MassivKreativ

Agil in allen Branchen

Mit agilen Methoden sollen qualitativ hochwertige und innovativere Produkte und Dienstleistungen schneller und kostengünstiger entstehen. An Prinzipien des LEAN-Managements bzw. der Lean-Produktion angelehnt werden agile Methoden auch in andere Bereiche übertragen, z.B. in das Baugewerbe, in die Logistik, die Gesundheits- und Werbebranche, Software und IT, in die Verwaltung sowie in diverse Innovations- und Entwicklungsprojekte bei Banken, Versicherungen und im weiteren Umfeld des Dienstleitungssektors.

 © MassivKreativ

Workshop mit Selbsterprobung, Praxisnähe und Vielfalt

Mit diesen Einblicken eröffneten die beiden Experten Alexander Schaaf und Valentin Nowotny den zweitägigen Workshop Agiles Arbeiten: Big FiveScrum, Kanban, Daily StandUp, Retrospektive, Design Thinking. In kurzen, informativen Impulspräsentationen konnten die Teilnehmer die vorgestellten Methoden nicht nur theoretisch kennenlernen. Die Workshopleiter sorgten mit angewandten und interaktiven Übungen sowie einer Vielzahl kreativer, agiler Games dafür, dass die Teilnehmer „lebendig“ und aufmerksam blieben und jedes Modul praktisch erproben, simulieren und „durchspielen“ konnten.

Die Teilnehmer kamen aus verschiedenen Branchen, u. a. Coaching und Beratung, Berufsgenossenschaft, Personalentwicklung, Erwachsenenbildung, Onlinemedien, Verlagswesen. Auf diese Weise sorgten sie mit unterschiedlichen Erfahrungen für sich gegenseitig befruchtende Perspektiven.  

 © MassivKreativ

Vielseitige kompetente Workshopleiter

Agile Teams sollten gut ausgebildet, multidisziplinär und in den Persönlichkeitsmerkmalen vielfältig aufgestellt sein. Genau diese Voraussetzungen erfüllte das professionelle Workshop-Tandem mit Alexander Schaaf und Valentin Nowotny. Beide ergänzten einander kompetent und wertschätzend mit wissenswerten Impulsen sowie in den spielerischen Modulen mit humorvollen und lockeren Kommentaren. Schaaf und Nowotny beendeten jedes neue Thema bzw. Spiel mit finalen „Learnings“ und trugen sie als Fazit gemeinsam mit den Teilnehmern auf Moderationskarten zusammen.

 © MassivKreativ

Als erfahrener Moderator, Trainer und zertifizierter Scrum Master, darüber hinaus zertifiziert in Management 3.0  und Kanban, bringt Alexander Schaaf seine umfangreichen Praxiserfahrungen in den Workshop ein. In seiner aktuellen Tätigkeit als Trainer, Moderator und freiberuflicher Scrum Master beschäftigt sich Schaaf mit zwei Fragestellungen: a) „Wie lernen Organisationen agil zu werden?“ b) „Wie lernen Menschen in zunehmend agilen Organisationen?“.

Valentin Nowotny schärft als Psychologe den Blick für zwischenmenschliche Vorgänge und wirkt als inspirierender Workshoptrainer. Er war zuvor als Projekt- und Account-Manager bei verschiedenen IT- und Beratungsunternehmen tätig. Aktuell ist er als professioneller Trainer für die Themen Agilität, Führung und Verhandlung tätig, er ist zudem Autor des Buchs Agile Unternehmen sowie der Website Agile Teams. 

Das folgende Interview mit den beiden Workshopleitern entstand spontan im Anschluss an den ersten Workshop-Tag. 

Agile Games

„Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.“ Frei nach Konfuzius sorgten im Workshop agile interaktive Spiele und haptische Gegenstände dafür, dass die Teilnehmer die Theorien verinnerlichen und be-greifen konnten. Jedes agile Game bot spezielle Aha-Effekte und Erkenntnisse, z. B.

Marshmallow-Spaghetti-Turm: try and error, d. h. agil bauen, provisorisch ausprobieren, rasch testen und verbessern versus langfristig, überdimensioniert planen und aufwändig, überdetailliert konstruieren.

 © MassivKreativ

Kanban Pizza Game: Prinzip des dreiteiligen Kanban Boards verstehen, Abläufe effizienter gestalten, mit Ressourcen bzw. Material wirtschaftlich umgehen, zu jedem Zeitpunkt die Herstellung auf andere Produkte umstellen können, klare, direkte bzw. persönliche Kommunikation zur gegenseitigen Abstimmung.

 © MassivKreativ

Ball Point Game: realistische Beurteilung der eigenen Leistungsfähigkeit als Team, iterative Verbesserungen durch mehrere Durchläufe sind besser als zeitaufwändige Planungen, als Team einen gemeinsamen Rhythmus finden, direkte Kommunikation zwischen Partnern im Team.

Warum heute agiler als früher?

Unternehmen und Organisationen mit klassischen bzw. traditionellen Strukturen arbeiten meist prozessorientiert (z. B. Automobilindustrie, Behörden) oder projektabhängig (z. B. Bauindustrie, Kreativbranche, Hilfsorganisationen, NGOs) oder in Mischformen. Wenn starke Hierarchien bestehen, sind lange, zeitaufwändige Abstimmungsprozesse nötig, die das Fortschreiten der Prozesse und Projekte immer wieder aufhalten, umso mehr wenn Modifikationen notwendig sind, etwa durch unerwartete Ereignisse oder sich ändernde Kundenwünsche.

 © MassivKreativ

VUCA-Welt heute

Schwarz-Weiß ist vorbei. Wir müssen uns von Bewährtem lösen. Unsere Welt ist vielschichtig und zuweilen verwirrend geworden. Viele Menschen fühlen sich überfordert. Einfache Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung existieren nicht mehr. Langfristige Prozesse und Vorhaben lassen sich schwer planen. Zu viele Unwägbarkeiten bringen Pläne durcheinander. Die aktuellen Herausforderungen spiegeln sich in dem Akronym VUCA wieder:

  • Volatility = Volatilität (flüchtig, verdunstend, Bsp. schwankende Aktienmärkte usw.)
  • Uncertainty = Unsicherheit (Bsp. Arbeitsplatz, Arbeitszeiten, Konsumentenwünsche, Wettbewerber usw.)
  • Complexity = Komplexität (Bsp. Technologien, Digitalisierung, disruptive Geschäftsmodelle)
  • Ambiguity = Mehrdeutigkeit (Bsp. Medienkonsum: gut oder schlecht, Privatschule versus öffentliche Schule, Stadt versus Land, Mensch versus künstliche Intelligenz)

 © MassivKreativ

Strategien gegen Unsicherheit

Die Abkürzung VUCA schuf das US-Militär. Es war zu der Erkenntnis gelangt, dass die geopolitische Lage zunehmend instabil, unvorhersehbar und kaum einschätzbar sein, auch im Hinblick auf die Dauer der unsicheren Situation. Doch wie stellen wir uns dem Ungewissen?

  • indem wir unsere Perspektive wechseln, ein Problem von verschiedenen Standpunkten betrachten (Wie denken Terroristen?)
  • indem wir uns bewusst auf unbekanntes Terrain begeben, dort Erfahrungen, Erkenntnisse und Inspirationen sammeln (Wie tickt das Silicon Valley?)
  • indem wir in kürzeren Abschnitten denken anstatt große, langfristige Pläne zu schmieden (Wir machen erst mal eine kurze Reise ins Silicon Valley, lassen uns inspirieren und schauen, was sich daraus ergibt.)
  • indem wir drei Szenarien durchspielen und uns so gedanklich wappnen: der beste Fall, der schlechteste Fall, der Durchschnittsfall
  • indem wir uns bewusst sind, dass wir nicht alles kontrollieren können
  • indem wir mutig und gelassen sind und unseren Fähigkeiten vertrauen

 © MassivKreativ

Theorie und Praxis: kompliziert und komplex

Ein spannender Austausch im Workshop entstand um die Frage, was kompliziert und was komplex sei. Die Unterschiede wurden durch praktische Beispiele rasch klar:

a) Eine Uhr an sich ist kompliziert, der Markt für Uhren jedoch komplex. Komplex wird es immer dann, wenn Menschen ins Spiel kommen. Oder anders gesagt: Die Theorie ist komplizierT, die Praxis ist komPlex, wenn der Mensch eingreift.

b) Ein Workshop ist kompliziert: Er lässt sich lässt zwar in der Theorie planen. Doch wenn in der Praxis der Mensch hinzukommt, wird der Workshop komplex. Wie Menschen entscheiden und sich verhalten, ist unwägbar. Menschen lassen Dynamiken entstehen, die nicht vorhersehbar sind. Sie können jeden noch so wohldurchdachten Plan komplett über den Haufen werfen. Genau aus diesem Grund scheitern 70 % der Projekte an (schlechter) Kommunikation und weichen (menschlichen) Faktoren. Lehrer kennen das aus leidvoller Erfahrung.

 © MassivKreativ

Resilienz

Wenn wir gedanklich auf alles vorbereitet sind, können wir weniger überrascht werden. Wenn wir hingegen nur einen Plan und dessen mögliche Folgen vor Augen haben, können Änderungen uns schnell aus der Bahn werfen. Je flexibler wir sind, umso stärker ist unsere Resilienz, unsere innere Widerstandskraft. Wenn sich Voraussetzungen ändern, können wir rasch und flexibel darauf reagieren. Wenn wir beharrlich an alten Plänen festhalten und uns innerlich entgegenstellen, macht uns dieser zwecklose Kampf auf Dauer mürbe.

Antwort auf neue Herausforderungen

Agiles Arbeiten ist zusammengefasst eine Reaktion auf neue Herausforderungen und neues Denken, auf digitalen Wandel und eine Arbeitswelt, die mehr Geschwindigkeit, Flexibilität und multi- sowie transdisziplinäre Zusammenarbeit braucht. Nach mehr Effektivität und Effizienz streben auch die neuen nach 1977 geborenen Teammitarbeiter der Generation Y, die Teilhabe bzw. Selbstorganisation, Teamarbeit auf Augenhöhe und permanentes Feedback fordert. Selbstoptimierung und lebenslanges Lernen sind Triebkräfte für agiles Arbeiten.

 © MassivKreativ

Agiles Manifest

Vordenker für neue Bedarfe in der Arbeitswelt waren 17 US-amerikanische IT-Entwickler. Ihre Innovation: Sie rückten die Zufriedenheit des Kunden in den Fokus und formulierten im Februar 2001 in einem Agiles Manifest vier zentrale Kriterien: „Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte (neu) zu schätzen gelernt:

  • Teammitarbeiter und deren Interaktionen sind mehr als Prozesse und Werkzeuge: Es geht um Kommunikation und Psychologie
  • Funktionierende Software ist mehr als umfassende Dokumentation: Es geht um Visualisierung und Einfachheit 
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden ist mehr als die Vertragsverhandlung: Es geht um Nutzererfahrungen und Perspektivwechsel
  • Reagieren auf Veränderung ist mehr als das Befolgen eines Plans: Es geht um iteratives Vorgehen = überschaubare Schritte, rasches Reagieren, Testen, Abwandeln

Agile Werte

Basis für agiles Arbeiten ist, dass sich alle im Team auf gemeinsame agile Werte stützen:

  • #1: Einigkeit über das gemeinsame Vorgehen
  • #2: überschaubare Strukturen, kleine Teams
  • #3: Feedback
  • #4: Fokussierung
  • #5: Kommunikation und Bindung
  • #6: mutiges, beherztes Vorgehen
  • #7: Offenheit
  • #8: Respekt und Wertschätzung

 © MassivKreativ

Teamgröße und Zusammensetzung

Das optimale agile Team besteht aus 7 Mitarbeitern (plus/minus zwei). Nach Erkenntnissen aus der Lernpsychologie können wir uns bis zu sieben Dinge optimal merken. Idealerweise sollte das Team multidisziplinär zusammengesetzt sein, damit sich verschiedene Kompetenzen und Persönlichkeiten ergänzen und gegenseitig befruchten. In der IT-Branche sind es z. B. Konzepter, Entwickler, Software-Architekten, Designer, technische Redakteure und Tester.

 © MassivKreativ

Kanban

Kanban (japanisch: „Karte“, „Tafel“ oder „Beleg“) entstand schon in den 40er Jahren in Japan beim Automobil-Hersteller Toyota, um den Produktionsprozess zu steuern, zu verbessern und Lagerbestände zu reduzieren, kurz TPS (Toyota Production System). Mitarbeiter sollten die Wertschöpfungskette auf einen Blick erfassen: von der Kundenbestellung über den Materialfluss bis hin zur Fertigung und Auslieferung. Kanban soll den kontinuierlichen Arbeitsfluss (Flow) sichern. Die Methode eignet sich vor allem für die Reihenfertigung. Die Workshopteilnehmer konnten dies im agilen Game Pizza-Kanban praktisch erproben.

Visualisierung

Mehrere Durchläufe beim Pizzabacken gaben den Teilnehmern die Chance, ihr Tun zu professionalisieren, effizienter (Materialressourcen) und effektiver (gleichmäßige Verteilung der Zutaten auf der Pizza) zu gestalten. Durch Selbstermächtigung entscheidet sich im Team, wie fokussiert, transparent, flexibel und schnell das Projekt realisiert wird. Dabei hilft eine Tafel (Kanban) mit drei bzw. vier Spalten: Jeder kann auf einen Blick sehen:

  • was „noch zu tun” ist (to dos)
  • was „in Arbeit” ist (doing)
  • was „fertig” ist (done)
  • was „in Warteposition“ ist

 © MassivKreativ

Transparenz

In die drei Spalten werden Haftnotizen für die jeweiligen Arbeitsvorgänge geklebt. Sie können jederzeit in andere Spalten umsortiert werden – je nach Prozessfortschritt. Die Spalten machen jedem die Abhängigkeiten zwischen den Arbeitsschritten deutlich bzw. gewährleisten Transparenz, das implizite Wissen der Mitarbeiter. Haftnotizen mit besonderen Farben kennzeichnen Prioritäten. Werden Aufgaben verschoben oder sind sie erledigt, kommen die Teammitglieder erneut ins Gespräch, geben einander Rückmeldung oder fragen nach. Das Drei-Spalten-System ist u. a. auch in das Online-Tool Trello eingeflossen.

 © MassivKreativ

Scrum

Scrum (englisch: [geplantes] Gedränge) leitet sich von einer Standardformation bzw. Strategie im Rugby ab. Kleine selbst organisierte Einheiten innerhalb des Teams schirmen ihre Mannschaftskollegen ab, die den Ball in Bewegung halten und taktisch die passende Gelegenheit für den nächsten Sprint über die Ziellinie vorbereiten.

Rollenverteilung

Wie beim Kanban geht es auch bei Scrum um Transparenz. Orientierung und Rahmen bieten drei Rollenmodelle: Product-Owner, Scrum-Master und Team. Jeder übernimmt konkrete Planungsrituale (Meetings) und Planungsergebnisse (Artefakte). So wie das Produkt wird auch die Planung ständig schrittweise überarbeitet, verfeinert (iterativ) sowie ggf. mit neuen Bestandteilen ergänzt und angepasst (inkrementell). Die Arbeitszyklen (Sprints) umfassen einen Zeitraum von ein bis vier Wochen.

Der Product-Owner steuert (im Auftrag des Kunden) den langfristigen Plan (Product Backlog). Er leitet das Meeting für den nächsten Arbeitszyklus mit der konkreten Aufgabenliste (Sprint) und entscheidet, was erarbeitet wird. Er ist für den Erfolg des Projekts und dessen Rentabilität verantwortlich.

Der Scrum-Master steuert die Arbeitsschritte im Detailplan (das Sprint Backlog). Et leitet das Daily Meeting und entscheidet, wie gearbeitet  wird. Er stellt sicher, dass alle im Team den Prozess verstehen, ihn einhalten und jeder ungestört arbeiten kann. Er hilft dem Team ggf. dabei, diagnostizierte Hürden zu überwinden.

Das Team greift sich nach eigenem Ermessen aus dem langfristigen Plan des Product Owners Teilaufgaben heraus, die es in der vorgegebenen Zeit realistischerweise umsetzen kann. Die Aufgaben werden eigenverantwortlich an die einzelnen Teammitglieder verteilt. Fortschritte aus dem Detailplan hält das Team grafisch in der Dokumentation, dem Burn-Down-Chart, fest. Die ein- bis vierwöchigen Arbeitsphasen (Sprint) werden vom Team im Rahmen des Sprint Review-Meetings reflektiert.

 © MassivKreativ

Sprint Review

Am Ende einer Sprint-Phase, meist nach zwei Wochen, wird das Ergebnis der Arbeitsphase im Beisein des Product Owners für alle Beteiligten sichtbar vorgestellt, z. B. in Form eines Demos. Auch Stakeholder, Kunden, Nutzer usw. können anwesend sein und Feedback geben.

Retrospektive

Der Sprint Review folgt die Retrospektive, um Prozesse und Emotionen transparent darzustellen, zu reflektieren und zu diskutieren. Wichtig ist dabei ein atmosphärisches Umfeld von Wertschätzung und Vertrauen. Eine Retrospektive dauert in der Regel anderthalb Stunden. Die Qualität des Scrum-Prozesses wird hinterfragt, bisherige Arbeitsprozesse und Methoden werden überprüft, z. B. über drei reflektierende Fragen:

  • Wie ist es dem Team ergangen?
  • Welche Werkzeuge sind praktikabel?
  • Welche neuen Erfahrungen können in die nächste Arbeitsphase mitgenommen werden?

 © MassivKreativ

Eine Retrospektive kann in diesen sechs Abschnitten ablaufen:

  • Intro 5 Minuten
  • emotionales Stimmungsbild 10 Minuten
  • Wann ging es Euch gut? Belegbar anhand eines Zeitstrahls / einer Fieberkurve 20 Minuten
  • Erkenntnisse sammeln 20 Minuten
  • Was soll in den nächsten Sprint überführt werden, was wird eliminiert? 20 Minuten
  • Cool down Phase 15 Minuten

Die Teammitglieder kommen gemeinsam zu neuen Erkenntnissen, können ihr zukünftiges Handeln anpassen, ggf. erlebte Hürden überwinden. Basis für Retrospektiven sind Mut, Vertrauen und eine gelöste offene Atmosphäre. Ist dies gewährleistet, können ggf. auch Führungskräfte an Retrospektiven beteiligt werden. Mit Beginn des nächsten Sprints wählt das Team neue Aufgaben aus dem langfristigen Plan (Product Backlog) des Product-Owners.

 © MassivKreativ

Daily Meeting und StandUp

Fester Bestandteil (Ritual) agiler Methoden, so auch bei Kanban und Scrum, ist das tägliche StandUp. Es ist Voraussetzung für zielorientiertes Arbeiten. Bei diesen Zusammenkünften im Stehen, die bis zu 15 Minuten dauern, beantwortet jedes Teammitglied in jeweils 90 Sekunden drei Fragen:

  • Was habe ich gestern erreicht?
  • Was will ich heute umsetzen?
  • Welches Problem hat sich ergeben und wo brauche ich konkret Unterstützung?

Scrum und Kanban im Vergleich

Scrum ist umfangreicher als Kanban durch die Rollenverteilung und die zeitlich verbindliche Taktung in tägliche bzw. zeitlich wiederkehrende Rituale (Zähneputzen). Bei Kanban ist die Rollenverteilung nicht vorgeschrieben, eine Einteilung in Sprints, Reviews und Retrospektive gibt es hier nicht. Grundsätzlich können Elemente aus Kanban und Scrum aber miteinander kombiniert werden.

Design Thinking

Beim Design Thinking steht der Nutzer klar im Mittelpunkt, d. h. die Wünsche des Kunden werden mit Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit verbunden. Ein kleines, agiles, interdisziplinäres Team arbeitet hierarchiefrei und selbstbestimmt in einem mehrstufigen Prozess zusammen. Er gliedert sich in sechs Phasen:

  • Sachverhalte verstehen und beobachten, z. B. durch Recherchen und Interviews
  • Probleme exakt definieren
  • Lösungsansätze finden bzw. Ideen entwickeln
  • Prototypen entwerfen
  • Ideen vom Nutzer testen lassen
  • Lösungsansätze weiter verbessern, ggf. auch mehrfach

Prototyp

Die Teammitglieder identifizieren gemeinsam ein Problem, entwickeln Ideen und Lösungsansätze und präsentieren schon nach wenigen Tagen einen improvisierten Prototypen. Es geht gerade nicht um das perfekte Modell, sondern darum rasch herauszufinden, ob der Lösungsansatz in die richtige Richtung geht. Der Nutzer bzw. Kunde testet schon im Frühstadium seine Gebrauchstauglichkeit. Das schnelle Feedback spart Zeit und Kosten und reduziert das Risiko. Das Team bessert dann schrittweise nach, bis der Kunde zufrieden ist. Das Hasso-Plattner-Institut hat die kreative Methode bekannt gemacht und vermarktet sie (siehe Agent of Change).

 © MassivKreativ

Praxis Design Thinking im Workshop

Die Aufgabenstellung im Workshop: „Denkt Euch zwei konkrete Personen (Persona: männlich/weiblich) aus, beschreibt sie möglichst genau. Überlegt dann, welche innovative Geldbörse zu dieser Person passen und ein konkretes Problem für diese Person lösen könnte. Sammelt Ideen, wandelt sie ab (Scamper-Methode), entwerft einen Prototyp und präsentiert ihn. Die Ergebnisse waren schrill und kreativ: Für den schüchternen Robert entstand eine sprechende Geldbörse, die Frauen Komplimente machen soll. Für die selbstbewusste Modedesignerin Ella wurde ein Origami-Portemonnaie entworfen, das modulativ und vielfältig umgenutzt werden kann, z. B. als Lampenschirm oder Tasche.

Design Thinking findet seine Weiterführung im Ansatz, alles schlank, d. h. LEAN zu gestalten: von Denkprinzipien, Methoden und Verfahrensweisen über schlankes Management bis zum Basis-Produkt. Mehr dazu demnächst in diesem Artikel: Wir sind die Firma, alle sind Chefs: Selbstorganisierte Teams.

 © MassivKreativ

Fazit zum Workshop: Sehr empfehlenswert!

Alexander Schaaf und Valentin Nowotny boten einen zweitägigen Workshop, der informativ, verständlich, interaktiv, spielerisch, beispielgebend, abwechslungsreich, kompetent, mit professionellem Zeitmanagement und einer guten Portion Humor geführt war. Auch die Anteile von Theorie und Praxis hatten die beiden Trainer gut austariert. Zur positiven Atmosphäre im Workshop trug darüber hinaus die Idee von Schaaf und Nowotny bei, sich in Reaktion auf das Workshopgeschehen einander wertschätzende Kudo-Kärtchen zu schreiben und für alle sichtbar und lesbar an die Pinnwand zu heften (Kudo = griechisch: Ruhm, Ehre, Anerkennung).

 

 © MassivKreativ 

Übersichtliche Visualisierungen, viele davon erstellt von Alexander Schaaf, trugen zusätzlich zum Verständnis und zum schnellen Erfassen des umfangreichen Stoffes bei. Mit zahlreichen Metaphern prägten sich die Informationen leichter ein: Segelboot, ziehen und bremsen, Druck und Sog, Reisen mit dem Koffer, Ballast abwerfen, Troika – das Gute, das Böse, das Hässliche. Stellvertreter Klaus als Schutz-Vehikel für eigene Empfindungen usw. Wichtige psychologische Aspekte wurden von Valentin Nowotny kompetent eingestreut, u. a. zum Thema zwischenmenschliche Beziehungen, Kommunikation, Team-Mechanismen und laterale Führung.

Transparenz

Für die Erstellung des Artikels und Film-Interviews wurden mir die Kosten für den Workshop erlassen. Dessen Beurteilung erfolgte dennoch unabhängig nach eigenem Ermessen. Meine geschilderten Gedanken und Ideen habe ich ohne Einflussnahme entwickelt.

Lean und Teal

Hier mehr: LEAN und TEAL – Wir sind die Firma, wir alle sind Chefs

Wer hat die Macht? Mehr Demokratie und Mitbestimmung in Unternehmen

 © key2know / NowConcept

Service und viel Zusatznutzen

Weitere Informationen liefern Schaaf und Nowotny auf ihren Online-Portalen: über die Plus-Plattform AgileTeams sowie über ihre Blogs key2know und NowConcept, dort sind auch Termine und Preise zu zukünftigen Workshops zu finden. Eine interne Plattform, die key2know zugeordnet ist, können sich die Teilnehmer auch nach dem Workshop weiter miteinander vernetzen und austauschen. Ein Zertifikat belohnt die Teilnehmer am Ende für ihre aufmerksame und aktive Mitarbeit.

Der Workshop fand übrigens im Juggle Hub statt, einem familienfreundlichen Coworking Space in der Christburger Straße in Berlin. Er bietet nicht nur Räume zum gemeinsamen Arbeiten und lebenslangen Lernen, sondern bei Bedarf auch eine flexible Kinderbetreuung.

 © MassivKreativ

Erklärtrickfilm: Agiles Arbeiten

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren: 

LEAN und TEAL – Wir sind die Firma, wir alle sind Chefs

Wer hat die Macht? Mehr Demokratie und Mitbestimmung in Unternehmen

Grundeinkommen wählen bei der Bundestagswahl 2017

 © I-vista, pixelio.de

Wer das bedingungslose Grundeinkommen befürwortet, kann am 24. September 2017 seine Zweitstimme der Ein-Themen-Partei Bündnis Grundeinkommen“ geben.  Mit der Zweitstimme können wir dafür sorgen, dass das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) endlichvon der Politik ernst genommen und diskutiert wird. 

Aussichten für Grundeinkommen

Dass die BGE-Partei in die deutschen Landesparlamente einziehen könnte, ist durchaus realistisch, denn laut einer EU-Umfrage zum Grundeinkommen, erstellt im Frühjahr 2017 vom Meinungsforschungsinstitut Dalia Research, befürworten sowohl in Deutschland als auch in der gesamten EU 68 % der Bevölkerung ein Grundeinkommen, mit wachsender Tendenz. Andere Umfragen kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Spiegel / Absatzwirtschaft  

 © Siegfried Fries, pixelio.de

Problem Direktkandidatur

Eine Erststimme wäre nur dann wirksam, wenn wir einen Direktkandidaten der BGE-Partei oder einen parteilosen BGE-Protagonisten aus dem eigenen Wahlkreis in den Bundestag schicken könnten. Doch so gut wie keine der nicht-etablierten Parteien hat Direktkandidaten für die Erststimme aufgestellt. Und zwar deshalb, weil – wie in Amerika – auch in Deutschland das (undemokratische?!) Prinzip gilt „The winner takes it all“. Das bedeutet: Nur der Kandidat mit den meisten Stimmen im Wahlkreis darf direkt in den Bundestag einziehen. Weil in der Regel nur etablierte Parteien die meisten Stimmen im Wahlkreis erhalten, nehmen Kleinparteien von Direktkandidaten Abstand.

Parteilose Direktkandidaten

2013 gab es in Hamburg drei parteilose Direktkandidaten für das Grundeinkommen: Spiegel

Wer sich selbst als parteiloser Direktkandidat für das bedingungslose Grundeinkommen aufstellen lassen möchte, z. B. für die Bundestagswahl 2021, erfährt hier Näheres über die Voraussetzungen: Erstimme Grundeinkommen

 

Ausführliche Informationen zum Bedingungslosen Grundeinkommen:

Teil 1: BGE – Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln

Teil 2: BGE – Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

Teil 3: BGE – Was das Grundeinkommen für die Kreativszene bedeuten würde …