KreativLab: Querdenken erwünscht – Was Management von Kunst lernen kann

Ein Gastbeitrag von Corinna Hesse, Sprecherin des Netzwerkes „Kreative MV“

 © Stephanie Hofschläger, Pixelio.de

Wie stärke ich kreative Kompetenzen in öffentlichen Institutionen und Unternehmen? Diese Frage stand im Mittelpunkt unseres KreativLabs#4 im Mehrgenerationenhaus Zebef e.V. in Ludwigslust. Antje Hinz, Wissenschaftsjournalistin und Medienproduzentin im Silberfuchs-Verlag, hat für ihr Medienportal MassivKreativ zahlreiche Manager, Künstler und Mitarbeiter in Unternehmen und öffentlichen Organisationen befragt. Sie gab uns mit einem Impulsvortrag Einblicke in die Prozesse und Ergebnisse von kreativen oder künstlerischen Interventionen in Organisationen.

  © Impulsvortrag von Antje Hinz, Foto: Corinna Hesse

 © Future of Jobs, World Economic Forum

Kreativität als neue Kernkompetenz

„Beim Weltwirtschaftsforum in Davos wurde 2016 Kreativität als drittwichtigste Kompetenz definiert, die Wirtschaftsunternehmen brauchen, um heute innovativ und konkurrenzfähig zu bleiben“ berichtet Antje. „Um Kreativität von Menschen zu wecken, ist es wichtig, festgefahrene Routinen, Kommunikationsmuster, Regeln, Erwartungen und erstarrte Strukturen aufzubrechen. Eine sehr effektive Methode dafür ist die künstlerische Intervention: Kreative werden für begrenzte Zeit in Unternehmen oder öffentliche Organisationen integriert und intervenieren mit ihren eigenen künstlerischen Ideen und Techniken. Sie bearbeiten konkrete Fragestellungen und Herausforderungen mit künstlerischen Methoden und finden dadurch innovative Lösungsansätze – gemeinsam und auf Augenhöhe mit Mitarbeitern und Teammitgliedern.“

Post from RICOH THETA. – Spherical Image – RICOH THETA

Beispiele aus der Praxis

Die Ergebnisse sind verblüffend, wie Antje anhand von spannenden Beispielen beweist. Der  künstlerische Aktionstag Fliegen retten in Deppendorf brachte nicht nur ein fulminantes Medienecho, sondern leitete die gesamte Firmenphilosophie eines Biozid- und Insektizid-Herstellers in neue, zukunftsweisende Bahnen und führte zu einem Unternehmenswandel. Der Künstler Walbrodt regte mit seinen Interventionen und seinem Atelier im Unternehmen („Jeder Mensch ist individuell!“) die Umgestaltung des Großraumbüros in einem IT-Unternehmen an, so dass sich das Arbeitsklima und die Leistungen der Mitarbeiter enorm verbesserten. In Rotenburg/Wümme kommunizierte und transportierte der Wettbewerb VON KUNST ZU KUNST das Unverwechselbare der Region nach innen und außen und lieferte den Beweis: Kunst lässt Menschen, Aktionen und Regionen sichtbar werden und bewegt Menschen. 

Können wir das in Mecklenburg-Vorpommern auch? Na klar! Eigentlich kommt es nur darauf an, sich auf den Prozess einzulassen. „Um eine erfolgreiche künstlerische Intervention durchzuführen, braucht es einen ergebnisoffenen Ansatz: Neugierde, Offenheit und Mut“, resümiert Antje. „Organisationen werden heute als ‚permanent lernende‘ verstanden, die sich ständig weiterentwickeln. Die Mitarbeiter gestalten die Prozesse als Intrapreneure in gemischten Teams und eigener Verantwortung aktiv mit, statt eingefahrene Vorgaben von oben zu übernehmen und unreflektiert umzusetzen.“

 © Foto: Antje Hinz

Die richtige Fragestellung finden

Im anschließenden Workshop brachten die TeilnehmerInnen im Rahmen eines Barcamps zunächst Fragestellungen ein, die ihnen unter den Nägeln brennen und für die wir im Wanderformat eines World-Cafés eine kreative Ideenfindung initiieren wollten:

  1. Wie lässt sich die Identifikation der Bevölkerung mit der Region – das WIR-Gefühl – stärken?
  2. Wie können wir Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Verwaltung dazu motivieren, sich für ihre Region zu engagieren?
  3. Wie lassen sich Partner für Finanzierung und Antragstellung zur Realisierung kreativer und sozialer Projekte finden?
  4. Wie baut man in Kooperation mit der Bevölkerung ein Zentrum für Nachhaltigkeit auf?
  5. Wie knüpfe ich ein Netzwerk zur Realisierung meiner Ideen?
  6. Wie finde ich Förderer für die Gründung eines Experimentierlabors für alternative Lebenskonzepte?
  7. Wie vernetze ich Künstler mit dem Einzelhandel und der Wirtschaft in der Region?
  8. Wie kann ein künstlerisches Unternehmen mehr in die Öffentlichkeit kommen?
  9. Wie motiviere ich Andere, selbst künstlerisch tätig zu werden?

 © Foto: Antje Hinz

Da unser Workshop nur zwei Stunden dauern sollte, konnten wir unmöglich alles bearbeiten. Also haben wir nach einem Barcamp, der Kurzpräsentation der Fragestellungen, abgestimmt, welche Themen wir behandeln wollten. Die Fragen 1 – 3 machten das Rennen. Wir versprechen, dass die anderen Fragen nicht verloren gehen!! Wer dazu weitere Ideen hat oder ein Format, um diese Fragen weiter auf den Weg zu bringen, meldet sich bitte gern bei uns! Im Zweifel machen wir ein weiteres KreativLab daraus: In Stralsund wird am 31.5.2017 das Thema „strategisches Netzwerken“ behandelt (siehe Frage 5). Das Thema „Wie finde ich Mitstreitende für meine Geschäftsidee – Akquise und Crowdfunding“ steht im Oktober 2017  in Nieklitz an.

Post from RICOH THETA. – Spherical Image – RICOH THETA

Für unser World-Café zur Generierung der Ideen in wechselnden Gruppen gab uns Antje hilfreiche Leitfragen mit auf den Weg:

  1. Was könnte dadurch verbessert werden? Warum besteht für Ihr Thema Bedarf? Sichtbarkeit?
  2. Wie könnte dieser Bedarf erreicht werden? z. B. Aktion, Maßnahme, Partner, Vernetzung wie und mit wem?
  3. Wie bzw. mit welchen Mitteln könnte XY dabei helfen, unterstützen? z. B. Kontakte, Vernetzung, Marketing, PR, Ausstattung, Materielles und Immaterielles!
  4. Formulieren Sie bitte Ihre ggf. noch offene Frage in der Gruppe: z. B. Verständnis, Info, Ursache, Person, Zeitplan, Nutzen, Ziel …

 © Foto: Antje Hinz

Zu Frage 1: Wie lässt sich die Identifikation der Bevölkerung mit der Region – das WIR-Gefühl – stärken?

Ingrid Herrmann von der LEADER-Gruppe Südwestmecklenburg stellte den Ideenwettbewerb des Landkreises zum Thema Regiobranding vor.

Ergebnisse und einige Grundfragen

  • Nötig: „Motivatoren, Macher, Zeremonienmeister“ – also Menschen, die Andere mitreißen können und aus ihrer Komfortzone locken können, um mehr auf Andere zuzugehen

Ergebnisse und einige Grundfragen

  • Nötig: „Motivatoren, Macher, Zeremonienmeister“ – also Menschen, die Andere mitreißen können und aus ihrer Komfortzone locken können, um mehr auf Andere zuzugehen
  • Wichtig: Raum zur Entfaltung, in denen sich die Menschen emotional öffnen möchten, aufmerksam zuhören (damit ein WIR Gefühl überhaupt entstehen kann), Kunst transportiert sich über Emotionen
  • Wer definiert eigentlich den Bedarf? Gibt es einen eigenen Antrieb der Menschen, sich über die Region zu definieren? Wie kann Identität „von unten wachsen“ (klein anfangen, statt große Konzepte überzustülpen)
  • Weitere Schritte und konkrete Umsetzungsideen
  • eigene Qualitäten finden, Selbstbewusstsein („Wir sind nicht der Vorort von Hamburg), das Besondere (Plattdeutsch, traditionelle Musik&Tanz, slawisch-wendische Wurzeln)
  • Kampagne soll spielerisch, fröhlich sein, soll Spaß machen
  • Wissen und Erlebnisse vermitteln: Verkostungstag regionaler Lebensmittel in Schulen
  • Regionalquote in Supermärkten und Tankstellen, Kooperation im Vertrieb regionaler Produkte
  • Kulturfeste, bei denen sich Kulturvereine vorstellen können
  • Non verbale Kommunikation, die Gemeinsamkeit schafft: z. B. Tanzkurse mit traditioneller Musik aus der Region
  • Sichtbarkeit der Menschen aus der Region stärken: PR Kampagne „Regionalquote in Rundfunk und Fernsehen“, interessante Menschen aus der Region vorstellen
  • Wohnzimmerkonzerte, Kultur-Stammtische

 © Foto: Antje Hinz

Frage 2 wurde von Jürgen Henning (Stadtvertretung Ludwigslust) eingebracht:

Wie können wir Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Verwaltung dazu motivieren, sich für ihre Region zu engagieren?

  • Prinzip: Leute zusammenbringen, viel Raum für zufällige bzw. geplante Begegnungen schaffen
  • Bürgerstammtisch einrichten (Vortragsabende, Feste, Tauschbörse)
  • Regionale Stärken zeigen
  • Aktives Vereinsleben stärken
  • Stadt zeigen, Tag der offenen Türen
  • Diskussionsrunden an Schulen mit Vertretern der Wirtschaft
  • Talent-Wettbewerb
  • Flashmob zum Thema „Huldigen“, Wertschätzung zeigen
  • Kinderbetreuung: Orte für Potenzialentfaltung
  • Schüler-Projekt „Meine Wunschstadt“
  • Tante Emma Laden in der Innenstadt gemeinsam betreiben / BürgerInnen-Laden: Gemeinschaftshaus, Café

 © Foto: Antje Hinz

Frage 3 wurde von der Tanzdozentin Janta Suhana aus Polz bei Dömitz eingebracht:

Wie lassen sich Partner für Finanzierung und Antragstellung zur Realisierung kreativer und sozialer Projekte finden?

Diese Frage wurde im Verlauf in Unterfragen aufgeteilt:

Welche Fördermöglichkeiten gibt es?

  • Bedarf eines „Förder-Lotsen“, der zB vom Landkreis angestellt sein könnte (effektivere Antragstellung erreichen)
  • Kreiskulturrat als Fundraiser und Förderberater für Kunst und Kultur
  • Kunstverein u.a. zur gegenseitigen Hilfe
  • Mehr Aufgaben für die Kreative MV
  • Portale und andere Öffentlichkeit suchen und sich präsentieren, mit Journalisten zusammentun
  • Facebook-Seite zur Vernetzung: Kunst- und Kulturrat Ludwigslust-Parchim

Wie begeistere ich Förderer und Sponsoren?

  • Frage klären: Was haben die Geldgeber davon? z.B. freier Eintritt für Sponsoren und Mitarbeiter, Tanzvorführung für Mitarbeiter des Sponsors
  • Warum lohnt sich die Finanzierung? Was ist der Mehrwert von Kunst? Wie kann man die Wertschätzung für Kunst steigern?
  • Sponsoren in seinen Alltagsproblemen unterstützen (durch Kunst), z.B. Trommelkurs als Teambuilding-Aktivität
  • Ins Gespräch kommen und Fragen stellen
  • Authentisch sein und bleiben: „Kunst ist Kunst und Kunst ist gut!“

Wie lassen sich Menschen finden, die uneigennützig Geld geben?

  • Tauschring/Wirtschaftskreisläufe neu denken
  • Bedingungsloses Grundeinkommen
  • Abseits ökonomischer Denke überzeugen, weniger ökonomisch denken
  • Schenkwirtschaft
  • Gemeinwohl-Ökonomie

 © Foto: Corinna Hesse

Der abschließende Vernetzungsteil der Veranstaltung gipfelte übrigens darin, dass Philipp und Barnaby alias Duo Gerhardt & Walters ihre Musikinstrumente auspackten (Drehleier und Klarinette) und Jonas uns einen traditionellen mecklenburgischen Rundtanz beibrachte, der demnächst als Video herausgebracht wird. Es lohnt sich also auf jeden Fall, bei den KreativLabs bis zum Schluss zu bleiben!!

Post from RICOH THETA. – Spherical Image – RICOH THETA

Unser Fazit: In so kurzer Zeit eine Menge Denkanstöße! Wichtig ist, auch Lösungen heranzuziehen, die abseits liegen und zunächst ungewöhnlich erscheinen. Wir hoffen, dass wir den Dialog zwischen öffentlichen Institutionen und Kreativen weiter fortsetzen können – gemeinsam bringen wir die Region voran!
______________________________________________________________________

Fragen und Anregungen? Unser Kontakt:

Kreative MV: Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern

mail: kontakt@kreative-mv.de / https://www.facebook.com/kreativsaison

Netzwerk-Sprecherin: Corinna Hesse, Tel. 038843-82 41 87, mail: corinna.hesse@silberfuchs-verlag.de

Jetzt Mitglied oder Fördermitglied werden! Wir haben ein krasses Jahrespaket geschnürt! 

 

Die KreativLabs finden im Auftrag des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit statt und werden von der Kreative MV – dem Netzwerk für Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern – durchgeführt.

Kreativlab #10: November 2017: Klare Botschaften: das PR-1×1

Kreativlab #9: 19.10.2017: Wie finde ich Mitstreitende für meine Geschäftsidee? Akquise und Crowdfunding für Kreative

Kreativlab #8: 26.9.2017: Wer mit wem und warum? Strategisches Netzwerken

Kreativlab #7: 13.09.2017: Die Kunst der Kooperation: vom Einzelkämpfer zum Teamplayer

Kreativlab #8: 05.07.2017: Preisfindung: Was ist meine Arbeit wert?

Kreativlab #7: 18.05.2017: Kreativ-Cluster in ländlichen Räumen: kollektive Geschäftsmodelle

Kreativlab #6: 26.04.2017: Erkenne den/die EntrepreneurIn in Dir – unternehmerisches Selbstbewusstsein als innere Haltung

Kreativlab #5: 25.04.2017: Greifswald_am_Start | Wer-seid-Ihr-was-macht-Ihr-was-braucht-Ihr-und-warum?

Kreativlab #4: 28.03.2017: Quer-Denken erwünscht: Was kann Management von Kunst lernen?

Kreativlab #3: 28.02.2017: Kreativwirtschaft als Standortfaktor: Kreativquartiere planen und entwickeln

Kreativlab #2: 09.02.2017: Online Marketing – Durchblick im digitalen Dschungel

Kreativlab #1: 22.11.2016: Geschäftsmodell-Entwicklung: eigene Potenziale erkennen

KreativLab@Greifswald: Wer-seid-Ihr-was-macht-Ihr-was-braucht-Ihr-und-warum?

 

Kreative fördern Wirtschaft: Interdisziplinäre Innovationswerkstatt: Eine Woche – fünf Unternehmen mit 11 Mitarbeitern, 15 Kreativschaffenden, 3 Coaches in Neustrelitz.  

  

2 Gedanken zu „KreativLab: Querdenken erwünscht – Was Management von Kunst lernen kann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.