Künstler als Ermutiger und Magier

© Peter Bast, Pixelio

Künstler sind Magier. Wenn sie in Unternehmen gehen, entlocken sie den Mitarbeitern Fähigkeiten und Talente, von denen die nicht im Geringsten geahnt hätten. „Die Wirtschaft sollte ihre Querdenker deshalb dort suchen, wo sie der Natur nach präsent sind: unter Künstlern! – sagt Management-Expertin Helga Stattler. Seit über 10 Jahren vermittelt sie als Beraterin zwischen den Welten Kunst und Wirtschaft. Im Interview erzählt sie mir u. a., warum Künstler Veränderungsprozesse in Unternehmen hervorragend begleiten können und was sie bei Mitarbeitern bewegen.

Helga Stattler und Karin Wolf_2015 © Corinna Eigner
Helga Stattler (l.) und Karin Wolf (r.) erforschen im Institut für Kunst und Wirtschaft Wien das Thema „Künstlerische Interventionen“ und begleiten die Aktionen als Intermediäre.

Frau Stattler, wie wichtig sind heute Innovationen für die Gesellschaft?

Helga Stattler:
Es wird immer nach Innovation gesucht – vor allem bei Produkten und Leistungen. Mindestens genauso wichtig und erforderlich ist die Innovation im Zusammenleben in den Organisationen. Es hat noch nie so viel burnout und Frust gegeben und zugleich Suche nach Sinn. Es herrscht sehr viel Druck und dagegen muss dringend etwas unternommen werden.

Warum sind soziale Innovationen ebenso wichtig wie technologische Innovationen?

Helga Stattler:
Das Thema Fusion z. B. funktioniert ja bis heute nicht. Unternehmen glauben, wenn sie zwei Teile miteinander verbinden und Menschen miteinander mischen, funktioniert das automatisch ab dem nächsten Tag. Das ist jedoch ein großer Irrtum. Menschen mit verschiedenen Erfahrungshorizonten zusammenzubringen: dem sollte bei einer Fusion strategisch noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden als dem Aushandeln von Kaufpreisen für ein Unternehmen oder wie man die Produktpaletten sinnvoll miteinander verbindet. Doch das wird leider oft übersehen.
Man glaubt, dass Menschen wie Maschinen funktionieren. Die Firma ist keine Maschine und die Menschen schon gar nicht. Sie sind soziale Wesen und Gemeinschaftswesen und wollen auch als solche beachtet werden. Der Mitarbeiter, der eine Veränderung verkraften muss, braucht das Gefühl, dass er ernst genommen wird. Die Unternehmensleitung muss verstehen, dass es nicht leicht für ihn ist, dass es eine Herausforderung ist. Und wenn er merkt, dass es wirklich ehrlich gemeint ist, dann wird er sich in die neuen Aufgaben mit Elan hineinstürzen und wird sagen: Ich schaffe das! Aber wenn man ihm das Gefühl gibt, dass es selbstverständlich sein muss nach dem Motto „Sei froh, dass Du den Job hast!“, dann wird er frustriert sein.

Anmerkung von Antje Hinz:
Die aktuelle repräsentative Studie des Gallup-Instituts zur Mitarbeiterzufriedenheit (2015) ist nach wie vor ernüchternd. Nur 15 Prozent der Mitarbeiter sind Feuer und Flamme für ihren Job und identifizieren sich mit ihrem Unternehmen. Die große Mehrheit von 70 Prozent der Beschäftigten leistet Dienst nach Vorschrift. 15 Prozent haben bereits innerlich gekündigt. In qualitativen Umfragen werden vor allem mangelnde Führungsqualitäten der Geschäftsleitungen und Vorgesetzten als Ursache genannt.

Welche Wirkung und welche positiven Effekte können Künstlerische Interventionen auf Mitarbeiter in Unternehmen haben?

Helga Stattler:
Künstler spüren, was in den Mitarbeitern steckt. Sie entdecken Potenziale, die Vorgesetzte nicht sehen, auch wenn sie mit Mitarbeitern schon lange arbeiten. Wie Künstler das machen, ist noch ein Geheimnis, aber es funktioniert auf jeden Fall. Sie laden Mitarbeiter ein, sich etwas zu trauen. Sie machen das so, dass die oft vorherrschende Angst „Das kenne ich nicht, das kann ich nicht“ überwunden werden kann. Sie laden ein zu lustvollem Tun. Und dann entdeckt der Mitarbeiter selber: „Hoppla, das kann ich ja doch!“ In der Schule hat ihm bzw. ihr mal jemand gesagt: „Du kannst nicht singen“ oder „Du kannst nicht zeichnen“. Und das glaubt er oder sie von Kindesbeinen an. Und plötzlich kommt da jemand und sagt: „Kein Problem. Versuch es einfach!“ Und so entsteht etwas.

662148_web_R_K_B_by_Tim Reckmann_pixelio.de © Tim Reckmann, Pixelio

Was zeichnet einen Künstler grundsätzlich aus?

Helga Stattler:
Ein Künstler ist jemand, der aus dem Nichts heraus etwas erschafft. Er hat die leere Leinwand und malt ein Bild. Er hat ein Notenblatt und komponiert eine Melodie. Genau das braucht die Wirtschaft: Schöpfen aus dem Nichts.

Was beherrschen Künstler über ihre eigentliche kreative Tätigkeit hinaus?

Helga Stattler:
Ein Künstler sieht Dinge, die Berater und Manager nicht sehen. Das ist das Geheimnis. Künstler gehen an Probleme anders heran. Sie lassen Widersprüche zu und können querdenken. Querdenker sind zwar sehr gefragt, aber man sucht sie in den eigenen Reihen der Unternehmen, statt sie dort zu suchen, wo sie naturgemäß zu finden sind.

Wann kommt ein Unternehmer zu der Überzeugung, dass eine Künstlerische Intervention in seiner Firma sinnvoll ist. Welche Szenarien gibt es?

Helga Stattler:
Irgendein Anlass ist meistens schon da, eine aktuelle Veränderung. Es ist oft ein Bauchgefühl, dass man sagt: Es geht uns zwar gut, aber wir merken: Die Mitarbeiter sind nicht so recht glücklich. Wir haben schon Trainings versucht und Berater im Haus gehabt, aber es hat sich nicht viel geändert.

Was genau macht der Künstler denn anders als z. B. ein Berater?

Helga Stattler:
Ein Künstler macht etwas, das nicht erwartet wird. Und daher ist auch der Widerstand der Mitarbeiter nicht da. Es gibt ja Firmen, wo die Mitarbeiter ganz klar sagen: Bitte, nicht schon wieder eine Beratung! Oder trotzig sagen: Diesen Berater werden wir auch noch überstehen!
Und dann kommt ein Künstler und schlägt etwas vor und lädt ein zu einer Aktivität, wo das aktive Mitwirken plötzlich Freude macht, etwas zu tun, wo man auch selber seine Ideen einbringen kann. Und plötzlich ist alles anders: Künstler wirken als Ermutiger und Magier!

Worin lässt sich dann letztlich konkret der Erfolg einer Künstlerische Intervention messen?

Helga Stattler:
Sicher nicht in Prozentzahlen, aber in den Einstellungen der MitarbeiterInnen und in der Qualität der Kommunikation zum Beispiel. Die Führungskräfte sagen: Meine Mitarbeiter schauen mir plötzlich in die Augen. Die sind offen und sagen: Ja – da mache ich mit! – wenn es um neue Dinge oder Veränderungen geht. Sie kooperieren wirklich miteinander. Sie haben gemeinsame Projekte, wo sie sich einbringen und sagen, da bleiben wir heute mal länger, das wollen wir fertig machen. Erreicht wird demnach ein lustvolleres Arbeiten, weil sie Wertschätzung und Sinn in diesen Tätigkeiten gefunden haben.

Wie lässt sich die Idee der Künstlerische Intervention in die Welt hinaustragen, also breiter bekannt machen?

Helga Stattler:
Erfreulicherweise gibt es jetzt inzwischen schon einige sehr gute Beispiele für Künstlerische Interventionen. Und am Glaubwürdigsten sind die Aussagen der Unternehmer, Führungskräfte und Mitarbeiter, die schon mal eine Künstlerische Intervention in ihrem Unternehmen erlebt haben. Und auch der Künstler natürlich. Die berichten, was sie erlebt haben und was dabei herausgekommen ist.

Antje Hinz: Ein schönes Schlusswort! Vielen Dank, Frau Stattler für das Interview.

Helga Stattler leitete von 1980 bis 1998 das Hernstein International Management Institute in Österreich und begegnete als Beraterin und Personal- und Organisationsentwicklerin vielen charismatischen Persönlichkeiten, die sie beeindruckten und prägten, u. a. Peter Drucker, Paul Watzlawick, Peter Senge, Charles Handy, Henry Mintzberg, Chris Argyris und Edgar Schein. Stattler entwickelte innovative Lern- und Veranstaltungskonzepte zu Zukunftstrends, gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Themen.

Seit über 10 Jahren vermittelt Stattler als Beraterin zwischen den beiden Welten Kunst und Wirtschaft. Zunächst mit Theaterproduktionen für Unternehmen, um Führungskräften und Mitarbeitern einen Spiegel vorzuhalten, sowie mit Workshops und Seminaren mit Theatermethoden. Bei diesen Projekten musste sie selbst viel lernen, weil sie als Beraterin gewohnt war ganz andere Fragen zu stellen und andere Dinge wahrzunehmen als die Künstler. Das war anfangs irritierend, das Ergebnis aber immer überzeugend, wie ihre Projektbeispiele aus dem Veranstaltungsdesign zeigen.

Gerade die Verbindung aus Expertise in der Wirtschaft und in künstlerischen Bereichen mit der Lebenserfahrung empfindet Stattler als ihren größten Schatz. Was ihre Arbeit ausmacht: der Blick aufs Ganze und Liebe zum Detail, Neugierde und Mut für Neues. All das bringt sie in ihre Projekte ein.
2012 gründete sie gemeinsam mit Karin Wolf, der Direktorin des Instituts für Kulturkonzepte, das Institut für Kunst und Wirtschaft, das künstlerische Interventionen beforscht und als Intermediär begleitet. In ihrem Blog Kunst und Wirtschaft berichtet sie regelmäßig über gelungene internationale Beispiele.

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