LEAN und TEAL: Wir sind die Firma, wir alle sind Chefs

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Demokratische Strukturen halten Einzug in immer mehr Unternehmen. Mitarbeiter übernehmen mehr Eigenverantwortung und organisieren sich selbst in kleinen agilen Teams. Dies führt auch zu mehr Sinnstiftung im Job.

LEAN  

Agile Arbeitsmethoden erfordern schlanke Strukturen. Alles soll LEAN (schlank) sein: von Denkprinzipien, Methoden und Verfahrensweisen über das Management bis zur Produktion bzw. zum Produzieren des Basis-Produkts. Die gesamte Wertschöpfungskette entsteht ohne Verschwendung. Am Anfang steht das Minimal Viable Product (MVP), das minimal lebensfähigen Produkt, an dem innerhalb kürzester Zeit die wichtigsten Funktionsweisen überprüft werden. Statt anfangs zu viel Zeit mit einer überdimensionierten Planung und einem scheinbar perfekten Produkt zu vergeuden, kann alles Schritt für Schritt weiterentwickelt werden.

Die Wurzeln des Lean-Managements gehen – wie beim Kanban – auf Toyota zurück. Alle Aktivitäten für die Wertschöpfungskette sollten optimal aufeinander abgestimmt und überflüssige Tätigkeiten vermieden werden. Dies gelingt, wenn das Lean-Team die Wünsche des Kunden (Beratung, Preis, Verfügbarkeit, Qualität, Individualisierung) und das eigene Unternehmen fest im Blick hat, das profitabel, effizient und wettbewerbsfähig agieren soll.

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LEAN-Teams

Langwierige Dienstwege aufgrund von Hierarchien führen bei Unternehmen immer häufiger ins Abseits. Strukturen müssen flach organisiert sein, Kompetenzen multidisziplinär verteilt und Unternehmenskultur verinnerlicht sein. Teams sollen klein, flexibel, autonom und eigenverantwortlich arbeiten, dezentral angesiedelt sein. Jeder im Team soll pragmatisch, mutig, experimentierfreudig und dennoch fokussiert vorgehen. Und: jederzeit ein offenes Ohr für den Kunden haben: Fragen stellen, zuhören, reflektieren, schlussfolgern und Erkenntnisse in alte und neue Produkte, Dienstleistungen und Entwicklungen einbringen.

LEAN-Unternehmen

In Berlin haben sich 30 junge Querdenker und Kreative mit The Dark Horse ihren eigenen Traumarbeitsplatz geschaffen.  Die Agentur für Innovationsentwicklung hilft Institutionen und Kunden, den gesellschaftlichen Wandel zu verstehen und aktiv mitzugestalten, statt sich von Veränderungen überrollen zu lassen. Das Team ist überzeugt: Gestalten lässt sich alles, nicht nur Produkte, sondern Dienstleistungen, Service, Unternehmenskultur, Gesellschaft …

Dies braucht Weitblick! Entsprechend vielseitig sind die „dunklen Pferde“ aufgestellt, wie ein Blick auf das Team zeigt: Produktdesigner, Maschinenbauer, Sozialwissenschaftlerin, freie Künstlerin, Informatiker, Nachhaltigkeitsexperte, Psychologe, Archivarin, Kommunikations- und Interaktionsdesigner, Architekt, Controllerin, Philosophin, Sozialheld, Tischlerin, Sopranistin, Kulturwissenschaftler, Verfahrenstechniker, Geograf, Redakteur, Ethnologin, Politikwissenschaftler. Auch manche Talent-Kombination lässt aufhorchen und zeigt: Es ist längst möglich, eigene Fähigkeiten und Leidenschaften – so unterschiedlich sie auch sein mögen – beruflich zu kombinieren. Gerade das führt zu einem wertvollen Alleinstellungsmerkmal:  Ingenieur/Schlagzeuger, Ernährungswissenschaftlerin/Barkeeperin, Komparatist/Trendforscher, IT-Girl/Kunstgeschichtsexpertin, Philosoph/Dirigent/Psychologe.

Wie organisiert sich das Team? Einen Chef gibt es bei „The Dark Horse“ nicht. Alles wird basisdemokratisch diskutiert und dann – wenn keiner aktiv widerspricht – in Konsenskultur beschlossen. Gibt es doch Widerspruch, intern „Notbremse“ genannt, so muss der Widersprechende einen Alternativvorschlag vorlegen und ihn auch aktiv umsetzen. Mut wird belohnt und Scheitern auch, einmal im Jahr wird im Team ein Preis für den „besten/schlimmsten“ Fehler verliehen.

Auch Unternehmen jenseits der Kreativwirtschaft setzen auf Augenhöhe und Teilhabe, z. B. die niederländische Firma BUURTZORG („Nachbarschaftshilfe“), die in der Alten- und Krankenpflege tätig ist. Dem Initiator Jos de Blok geht es um Menschlichkeit vor Bürokratie. Die sonst in der Branche üblichen hierarchischen Strukturen hat er abgeschafft. Jedes Team mit etwa 4 bis 12 PflegerInnen organisiert sich die täglichen und längerfristigen Aufgaben selbst. Der Erfolg gibt den Akteuren recht: Qualität und Effizienz stimmen.

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Zufriedenheit und Erfolg

Weil die Pfleger ihre Zeit einteilen und individuell auf die Patienten abstimmen können, bescheinigen diese allerhöchste Zufriedenheit und Platz 1 im Vergleich mit 3017 Mitbewerbern. Indem die PflegerInnen die Patienten in ihrer Unabhängigkeit unterstützen, können diese länger eigenständig bleiben. So stimmt am Ende auch die Rendite des Unternehmens, die  stetig wächst. 2007 begann BUURTZORG mit nur 4 Pflegekräften. Heute gehören 10.000 dazu und kommen äußerst schlank mit einer Verwaltung von nur 50 Mitarbeitern aus. Das erfolgreiche Modell wird inzwischen auch in einigen Regionen in Deutschland übernommen (siehe Pflege auf Augenhöhe).

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Veränderung

Auch das Tourismusunternehmen Upstalsboom mit Hotels und Ferienwohnungen hat seine Unternehmenskultur komplett umgestellt. Nachdem eine Mitarbeiterbefragung über die Führungsspitze im Jahr 2010 niederschmetternde Ergebnisse brachte, begann der Geschäftsführer Bodo Jansen radikal umzudenken. Er führte intensive Gespräche mit Pater Anselm Grün in dessen Benediktinerkloster, um sich neue Sichtachsen und Perspektiven zu eröffnen. Jansen ist überzeugt: Wenn jemand als Führungskraft etwas verändern möchte, ist er gut damit beraten, zunächst und ausschließlich bei sich selbst anzufangen.“

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Glück und Erfolg

Als Basis dient Hansen der „Corporate Happiness Ansatz“, der darauf abzielt, Menschen bzw. seine Mitarbeiter in ihrem täglichen Tun glücklicher und so auch erfolgreicher zu machen. So wurde der firmeneigene Upstalsboom Weg entwickelt, der in den Filme Der Upstalboom Weg und Die stille Revolution vermittelt wird. Es geht um völlig neue Formen der Unternehmensführung, die das Potential bergen, das  Verhältnis der Menschen zueinander in der Gesellschaft zu verändern, weit über die eigene Firma hinaus. Seine neu erworbenen Erfahrungen und erfolgreich erprobten Führungskompetenzen vermittelt Jansen auch in Vorträgen.

Selbstlernende Organisationen

So wie BUURTZORG gibt es inzwischen viele Unternehmen, die sich schlank und auf Augenhöhe organisieren. Der ehemalige Unternehmensberater und McKinsey-Partner Frederic Laloux hat sich auf Reisen begeben und weltweit Beispiele für schlanke Organisations- und Managementformen in seinem Buch Reinventing Organizations dokumentiert: neben der Pflegefirma Buurtzorg auch die Gießerei Favi, die Firma Allsafe für Ladegut- und Transportsysteme, die Innovationsagentur The Dark Horse, die Talent-Management-Experten von Umantis und die Firma für innovative Informatik Oose, ebenfalls die Heiligenfeld-Kliniken und die Evangelische Schule Berlin Zentrum. Unternehmensberater Andreas Zeuch berichtet in seinem Buch Alle Macht für niemand von weiteren erfolgreichen Beispielen. 

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Augenhöhe

Es sind Organisationen unterschiedlicher Große aus verschiedenen Branchen, die das Bewusstseins verinnerlicht haben: Wir sind alle gleich, entscheiden deshalb alles miteinander und wachsen gemeinsam als lernende Organisation für gemeinsame Sinnstiftung sowie an der Verantwortung für unsere Mitarbeiter, Kunden und Partner. Wie Augenhöhe in der Praxis gelebt wird, zeigen Daniel Trebien und Team in ihrem eindrucksvollen Film Augenhöhe mit vielen engagierten Akteuren, u. a. auch mit dem Manager und Personalentwicklungsexperten Thomas Sattelberger.

TEAL

Mit diesen Erfahrungen, einer ganzheitlichen Sicht auf die Welt sowie Elementen aus der Integralen Theorie, den Spiral Dynamics und der Maslowschen Bedürfnishierarchie hat Frederic Laloux für sein schon erwähntes Buch eine Theorie über Machtstrukturen, Praktiken, Werten und Beziehungsebenen in Organisationen entwickelt. Die verschiedenen Formen ordnet Laloux nach bestimmten Farben und gelangt schließlich zu einer neuen, evolutionären, innovativen Form „TEAL“, benannt nach der blau-grün-türkis schillernden Farbe der Krickente:

  • rot impulsiv = Mafia, Straßengangs (Wolfspack)
  • bernstein konform = Katholische Kirche, Militär, öffentliche Schulen (Armee)
  • orange erfolgsorientiert = multinationale Konzerne, freie Schulen (Maschinen)
  • grün pluralistisch = kulturorientierte Organisationen, z. B. Southwest Airlines, die sich als große Familie betrachtet: zuerst die Mitarbeiter, dann die Kunden
  • TEAL evolutionär = selbstorganisierte Organisationen, z. B. Firma Buurtzorg, Favi

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Kulturwandel

Frederic Laloux hinterfragt in seinem Modell überkommene Organisationsformen und ermutigt zu einem Kulturwandel – hin zu lebendigen, lernenden Organisationen, kurz TEAL genannt. TEAL ist für Laloux die erstrebenswerte, weil ständig hinzulernende Organisation, in der sich alle auf Augenhöhe begegnen. Laloux beschreibt die Vorteile anhand von drei Kriterien:

  • Selbstmanagement: flexible Hierarchien durch kollegiale Beziehungen, Teilhabe und Mitentscheidung, gegenseitige Beratung und Übernahme von Verantwortung
  • Ganzheitlichkeit: jeder kann authentisch sein und muss nicht in vorgetäuschte Rollen schlüpfen, jeder im Team ist frei von Macht hat und Konkurrenzdenken, Informationen und Feedback werden für alle transparent geteilt
  • Evolutionäres Wachstum: durch die gemeinsame Teamleistung, Beurteilung der Leistung durch das Team, Fokussierung von Sinnstiftung und Verantwortung für Kunden, Mitarbeiter, Zulieferer, Investoren und weitere Interessensgruppen, Vertrauen und Zuhören statt Kontrolle

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Wiki-Group

Gemäß des Teilhabe-Gedankens hat Laloux eine partizipative Wiki-Plattform zum Thema „Reinventing Organizations“ ins Leben gerufen, auf der sich jeder mit eigenen Gedanken, Ideen und Projekten beteiligen kann. Auf seiner eigenen Website bietet er nach vorheriger Anmeldung eine Lern- und Diskussionsplattform.

Working Out Loud

Eine weitere Form des Arbeitens mit mehr Teilhabe und Selbstverantwortung ist „working-oud-loud“ von John Stepper (siehe TED-Vortrag). Viele Deutsche Unternehmen nutzen es bereits, damit Mitarbeiter ihre Potentiale besser ausschöpfen können, u. a. bei Bosch, Siemens, Continental, Daimler, Deutsche Post DHL, Deutsche Telekom, ThyssenKrupp Steel Europe AG, Deutsche Bank, Audi und BMW.

„Working-out-loud“ ist ein Programm, das über 12 Wochen praktische Schritte vermittelt, um vernetztes, agiles, digitales Arbeiten einzuüben und zu verinnerlichen. Dazu findet sich eine Gruppe von 4-5 Gleichgesinnten täglich zusammen (real oder virtuell), tauscht sich in diesem Netzwerk über ein aktuelles Projekt aus und arbeitet dabei eine Agenda ab. Bei working-oud-loud geht es im Wesentlichen darum,

  • sichtbar zu machen und mit anderen im Netzwerk zu teilen, woran ich gerade  arbeite, d. h. ich „veröffentliche“ bereits Zwischenschritte meines Projektes vor meinen finalen Ergebnissen
  • mit Feedbacks und Hinweisen aus dem Netzwerk meine eigene Arbeit iterativ zu verbessern; die Anregungen helfen mir u. a. auch dabei, Querverbindungen zu anderen Ideen und Projekten herzustellen
  • gegenseitiges Lernen zu beflügeln, d. h. ich lerne vom Netzwerk, das Netzwerk lernt von mir
  • freigiebig zu sein, d. h. ich biete Hilfe an, anstatt mich selbst darzustellen
  • ein soziales Netzwerk mit vielschichtigen fach- und branchenübergreifenden Beziehungen aufzubauen, die meine Projekte und mich weiterbringen
  • zielgerichtet zusammenzuarbeiten, um das Potential des Netzwerkes bestmöglich auszuschöpfen

 

Ergänzender Buch-Hinweis

Andreas Zeuch: Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten. Murmann Verlag 2015.

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