Umdenken: Wie Banken und Banking sexy werden

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Banking ist nicht sexy und müsse es auch nicht werden, meinte kürzlich KPMG-Bankexperte Sven Korschinowski in einem Interview: „Banken erbringen keine Primärleistung [Hauptleistung]. Finanzdienstleistungen sind ein Mittel zum Zweck, z. B. zur Erfüllung eines Konsumwunsches.“ 

Haben Banken eine Zukunft?

Leider viel zu kurz gedacht – in meinen Augen. Wenn Banken ihr Selbstverständnis auch zukünftig allein auf Finanzdienstleistungen gründen, verspielen sie über kurz oder lang ihre Existenzberechtigung. Banken steht ein massiver Arbeitsplatzabbau bevor. Mit Blick auf Blockchain, FinTechs und Finanz-Apps (Banking to go / Banking für die Hosentasche), fragen sich bereits heute viele Kunden, warum sie für die Regelung ihrer finanziellen Verpflichtungen Gebühren zahlen sollen, wenn sie die Leistungen anderswo gratis bekommen. Microsoft-Gründer Bill Gates sagte schon 1998: „Banking is necessary, Banks are not”.

Warum heutige Banken nicht sexy sind

Der Hype um FinTechs, neue Technologien und digitale Geschäftsmodelle verstellt den Blick auf die wahren Probleme von Banken und zugleich auch auf ihre Chancen und Potentiale. Warum ist Banking nicht sexy? Weil die Verwaltung von Geld genau genommen leblos ist. Ganz anders ist es, wenn der Mensch ins Spiel kommt. Wie wäre es, wenn Banken zum Lebens- und Potenzialberater ihrer Kunden werden würden und dabei nicht nur Kapitalvermögen und Immobilien im Blick hätten?

 © Michael Ottersbach, Pixelio.de

Potentiale des Immateriellen

Seit Jahrhunderten wird der Bankkunde auf sein materielles Vermögen reduziert! Warum soll das zukünftig so bleiben, frage ich mich. Wir leben in einer Informations- und Wissensgesellschaft, die sich auf Talente, Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten gründet! Wäre es nicht weitaus nachhaltiger gedacht, eine Bank würde ihren erwachsenen und heranwachsenden Kunden begleitende Beratung bei der Berufs- und Lebensplanung anbieten? Sie könnten Schülern mit Hilfe von Partnern aus Wirtschaft und Kultur kostenfreie kreative Workshops offerieren – zur Talenterprobung und Potentialentfaltung. Stattdessen werden minderjährige Bankkunden bzw. deren Eltern phantasielos mit Zinsen geködert (Mäusesparen & Co.). Zukunftsorientierte Banken sollten ihre Kunden von morgen lieber mit spannenden Erlebnissen locken, bei denen Kinder und Jugendliche Offenheit, Mut, Kreativität und Vielfalt erfahren und erspüren können. Das, was die Arbeitswelt zukünftigen Generationen stärker abfordern wird und das, was uns Menschen trotz Künstlicher Intelligenzen unersetzlich macht. Gewohnte Denkmuster müssen daher dringend aufgebrochen werden!

Fragen an die Bank der Zukunft

Warum muss sich die Dienstleistung einer Bank auf die Verwaltung von materiellen Dingen (Vermögen, Kredite usw.) beschränken? Kein Wunder, dass der Kunde das wenig sexy findet! Warum investiert diese – wie andere bedrohte Branchen auch – meist nur in technologische Innovationen? Warum denkt eine Bank der Zukunft nicht primär über eine soziale Innovation nach und setzt erst später unterstützend und begleitend auf neue Technologien? Der Mensch sollte Treiber für die Technologie sein und nicht umgekehrt! Warum lassen Banken das immaterielle Kapital und Vermögen ihrer Kunden derzeit völlig außer Acht?

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Nachhaltigkeit

Wer seine Kunden umfassend bei Bildung und Potentialentfaltung unterstützt und in ihre Talente investiert, wird zukünftig vermutlich über finanzstarke, solvente und zufriedene gesunde Kunden verfügen. Und nicht nur das: Er wird Kunden haben, die gesund und resilient sind, weil sie durch Talent- und Potentialentfaltung gelernt haben, zukünftigen Veränderungen im Leben oder am Arbeitsmarkt flexibel, offen und angstfrei zu begegnen.

Wer seine Kunden nach ihren Neigungen, Leidenschaften, Ideen und Lebensträumen befragt und sie bei der Realisierung unterstützt, vom Denken und Planen zum Handeln zu kommen, wird sie dauerhaft an sich binden. Wer in immaterielle Potentiale seiner Kunden investiert, sorgt für ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Wer seinen Kunden hingegen weiterhin unmoralische Spekulationsgeschäfte mit Hedgefonds und risikoreichen Derivaten aufschwatzt und Vermögen gewissenlos verzockt, wird verdient untergehen.

 © Uta Thien Seitz, Pixelio.de

Soziale Innovationen

Wo Märkte und Branchen versagen, bilden sich Freiräume und Chancen für soziale Innovationen und für die Bank von morgen, der sie getrost ihr Vertrauen schenken dürfen. Stellen Sie sich folgende Szenarien vor:

Szenario 1: Angebote für Heranwachsende

Sie erhalten Post von Ihrer Hausbank: „Sehr geehrte/r Kunde/in, in wenigen Tag für Ihr/e Sohn/Tochter 14 Jahre alt. Wir freuen uns mit Ihnen und möchten Ihr Kind zu einem Erlebnis- und Entdeckertag mit einer kostenfreien eintägigen Talent- und Potentialberatung einladen. Der Gutschein ist beigefügt! Wir freuen uns auf Ihr Kind und einen ereignisreichen Tag. Mit freundlichen Grüßen – Ihre Potential-Bank der Zukunft!“

Ein interdisziplinäres Team erfahrener Pädagogen, Psychologen, Künstler und Sozialwissenschaftler unterhält sich ausführlich mit Ihrem Kind, lässt es spielerisch verschiedene geistige, kreative und empathiebezogene Herausforderungen bearbeiten und Fragebögen ausfüllen. Am Ende erhalten Sie und Ihr Kind eine ausführliche Auswertung und ein persönliches Beratungsgespräch, um Ihrem Kind und Ihnen verschiedene Vorschläge für ein künftiges sinnerfülltes und glückliches Leben zu unterbreiten, an welchem Ort, in welcher Branche, in welcher Funktion auch immer, entsprechend der besonderen Talente, Fähigkeiten und Neigungen, egal ob in einer Erwerbsarbeit oder in einem Ehrenamt.

Bereits heute bieten Institute in jeder größeren Stadt Potentialanalysen für Jugendliche an, allerdings zu stolzen Preisen um die 1.500 €. Eine Investition, die nicht jeder aufbringen kann.

 © Wilhelmine Wulff, Pixelio.de

Szenario 2: Angebote für Erwachsende

Sie sind an einem Wendepunkt in Ihrem Leben (völlig normal!) und denken über eine Veränderung nach. Sie rufen bei Ihrem persönlichen empathiekompetenten Bankberater an, dem Sie ihre Situation schildern. Er stellt für Sie persönlich ein interdisziplinäres Kompetenzteam zusammen, das der Bank verbunden ist, und vereinbart für Sie eine kostenlose ganzheitliche Beratung, die Ihre besondere Situation von allen Seiten beachtet. Zum Team gehören: ein Branchenexperte, ein Arbeitsmarkt- bzw. Personalexperte, ein Journalist, ein Psychologe, ein Allgemeinmediziner, ein Experte für lebenslanges Lernen und ein Künstler bzw. Kreativschaffender. Nach der Erstberatung wird das weitere Vorgehen entschieden. Das Expertenteam hört Ihnen zu und berät sie, Sie fühlen sich wertschätzt, angenommen, aufgefangen. Und finden früher oder später eine Lösung, die Sie glücklich macht und gesund bleiben lässt.

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Szenario 3: Herzensprojekte

Sie haben eine Projekt- oder Geschäftsidee bzw. planen ein soziales oder ehrenamtliches Projekt. Neben Kapital benötigen Sie zunächst einmal Informationen: Kontakte zu Fachjournalisten und Branchenkennern, zu potentiellen Kunden zur Testung Ihrer Ideen und Prototypen, zu Künstlern und Designern sowie weiteren Wissensträgern, u. a. zu Studenten aus Universitäten und (Fach-)Hochschulen, zu Azubis passender Fachbereiche. Sie brauchen kommunikativen Austausch in einem Netzwerk mit Creator, Owner und Broker. Sie rufen Ihren Bankberater an. Mit Hilfe seiner Kontakte und einer digitalen Matching-Plattform stellt er Ihnen eine Vorschlagsliste mit einem interdisziplinären, fachkundigen Team zusammen und unterstützt damit Ihr Lebensprojekt mit ideellen Werten und immateriellem Kapital. Wer für Sie Beratungs- und Unterstützungsleistungen erbringt, wird hälftig von Ihnen, dem Kunden, und Ihrer Bank vergütet – über Micropayment bzw. ein Punktesystem, das der Hilfe-Erbringende später selbst rückinvestieren kann. Banken können zu ThinkTanks und zu sozialen Treffpunkten werden, für kommerzielle Vorhaben ebenso wie für soziale und ehrenamtliche Projekte.

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Wie soll das funktionieren?

Schon heute werden in Personalabteilungen Künstliche Intelligenzen eingesetzt, um die Auswahl geeigneter Bewerber bzw. zukünftiger Mitarbeiter zu erleichtern, zu beschleunigen und effizienter zu gestalten. Ob dies immer im Interesse der Bewerber geschieht, ist ein anderes Thema. Fakt ist, dass Personalabteilungen zukünftig weniger Mitarbeiter benötigen. Die überzähligen Personalexperten könnten sich als Lebenssinn- und Potentialberater neu aufstellen, um vom Kind bis zum Rentner jeden Bürger zu unterstützen, eigene Talente und Fähigkeiten aufzuspüren und den individuellen Lebenssinn zu finden. Mentoring durch persönliche Zuwendung!

Der Mensch im Mittelpunkt

Der Ökonom Tomás Sedlácek war wirtschaftspolitischer Berater des früheren tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel. In seinem philosophischen Buch Die Ökonomie von Gut und Böse schreibt er: „Die Menschen haben von den Ökonomen schon immer vor allem wissen wollen, was gut und was böse oder schlecht ist, und das ist bis heute so geblieben … Wir [Ökonomen] haben zu viel Gewicht auf das Mathematische gelegt und unser Menschsein vernachlässigt. Das hat zu schiefen, künstlichen Modellen geführt, die uns kaum dabei helfen, die Realität zu verstehen.“

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Die Bank als Lebensbegleiterin

Statt einen Menschen mit Druck zu entmutigen, sollten wir ihm mit positiver Sogwirkung Auftrieb geben. Wenn wir unser Potential bestmöglich entfalten können, werden wir den richtigen Platz für uns im Leben finden. Wenn die Bank dazu beiträgt, sorgt sie nachhaltig dafür, einträgliche und rentable Kunden zu gewinnen und dauerhaft an sich zu binden.

Wir können der eigenen Berufung und dem Herzensthema hochmotiviert bis ins hohe Alter folgen. Voraussetzung ist, dass uns jemand dabei unterstützt und uns die richtigen Fragen stellt:

  • Was könnte meinem Leben Sinn geben?
  • Womit möchte ich mir oder anderen Menschen Freude bereiten?
  • Wo und wie kann ich in der Gesellschaft Unterstützung leisten?

Warum sollte nicht eine Bank diese individuelle Lebenssinn- und Potentialberatung übernehmen bzw. sie zumindest anstoßen und begleiten? Könnten Banken auf diese Weise zu einem neuen Selbstverständnis finden – als Potentialförderer für uns Bürger? Sie könnten ihr häufig verspieltes Vertrauen zurückgewinnen, indem sie nicht nur materielles, sondern auch geistiges Vermögen treuhänderisch verwalten, also immaterielles Kapital analysieren, bewahren und vermehren.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Kreativität und Lebenssinn

Es geht im Leben mehr denn je darum herauszufinden, wo die eigenen Talente und Fähigkeiten liegen, an welchem Ort und in welcher Funktion wir sie sinnvoll einsetzen möchten. Kreativitätsexperte Sir Ken Robinson hat es in einem Interview so erklärt: „You create your life and you can recreate it too. In times of economic downturn and uncertainty it’s more important than ever to look deep inside yourself to fathom the sort of life you really want to lead and the talents and passions that can make that possible.“ (Forbes)

Banken werden ihre Relevanz und Überlebenschance zukünftig daran messen lassen müssen, inwiefern sie den Austausch zwischen Menschen und die Vermehrung von sozialem Kapital fördern und das Geflecht persönlicher wertschätzender Beziehungen zum Blühen bringen. Das Saguaro Seminar der Harvard University hat 150 Strategien entwickelt, die zeigen, wie wir soziales Kapital vermehren können. Von diesen Ideen und Strategien können Banken sehr viel lernen! 

Peter Fox, der Sänger der Berliner Band Seeed, hat es im Song Alles neu auf seiner Solo-CD „Stadtaffe“ so formuliert:

„Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht. Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.“

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Rettet Blockchain Kreativschaffende und ihre Wertschöpfungen?

 © MassivKreativ

Blockchain heißt übersetzt Block- bzw. Kasten-Kette. Mit dieser Technologie werden Dateninformationen bzw. Datentransaktionen auf vielen Computern in einem Netzwerk gleichzeitig gespeichert, wie in einem Register. Die abgespeicherten Transaktionen können im Nachhinein nicht mehr verändert werden. Der Erfinder der Blockchain nennt sich Satoshi Nakamoto, er oder sie hat sich allerdings noch nie öffentlich zu erkennen gegeben.

Wie arbeitet die Blockchain?

Jede virtuelle Transaktion wird in Datenblöcke unterteilt, die als identische Kopien parallel auf vielen Rechnern verteilt und gespeichert werden (Bitcoin Miners s.u.). Alle Blöcke enthalten eine verschlüsselte Information über die vorhergehenden Blöcke, daher der Name „Block-Kette“.

Sicherheit

Die Datenbank-Informationen sind für jeden einsehbar, jedoch verschlüsselt und daher fälschungssicher. Neue Eintragungen in die Blockchain müssen von Teilnehmer-Netzwerk verifiziert werden. Versucht ein Teilnehmer seine Kopie der Blockchain zu verändern, würde das beim automatischen Vergleich mit den Kopien anderer Teilnehmer im Netzwerk sofort auffallen. Dennoch hat im März 2017 die US-Börsenaufsicht dem ersten Bitcoin-Fonds die Zulassung verweigert, die Risiken für Manipulation und Betrug u. a. durch Hackerangriffe seien derzeit noch zu groß. In Deutschland gibt es bisher noch kein reguliertes Wertpapier-Produkt mit einer Kenn-Nr. bzw. International Securities Identification Number (ISIN). In der Schweiz will in Kürze die Crypto Fund AG einen Fonds für Kryptowährungen anbieten (Juni 2017).

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Blockchain für Geldtransfer

Mit der Blockchain-Technologie wird im Moment vor allem als digitales Kassenbuch genutzt, indem virtuelles Geld über das Internet hin- und hergeschickt wird, direkt von einer Person zur anderen, ohne Banken, Finanzvermittler, Börsen oder Zwischenhändler. Der Transfer der sogenannten Kryptowährungen erfolgt dezentral, sekundenschnell und wegen fehlender Zwischenhändler nahezu gebührenfrei (ca 1% der Transfersumme). Die erste und bekannteste Kryptowährung ist der Bitcoin. Er wurde 2009 eingeführt und basiert auf der Blockchain-Technologie. Die „Bitcoin Miners“ sind unternehmerisch geführte Rechenzentren mit Anteilseignern, die Nachweise über Bitcoin-Transaktionen führen und Bitcoins als Belohnung für erbrachte Rechenleistungen erhalten. China ist Vorreiter. Zur Zeit sind über 13 Millionen Bitcoins im Umlauf. Mehr als 21 Millionen sollen nicht hergestellt werden. Analog zum Goldbestand soll auch die gezielte Beschränkung an Bitcoins vor Inflation schützen.

Insgesamt soll es bis zu 800 verschiedene Kryptowährungen geben, neben Bitcoin auch Ether (s.u.), Monero und ZCash. Der Wert der Währungen kann sich innerhalb kurzer Zeit auf den Krypto-Tauschbörsen rapide verändern. Bis Mitte des Jahres 2017 legte Ether z. B. um 3000 % zu, Bitcoin hingegen „nur“ um knapp 200 %.  MtGox ging 2014 pleite, BitFinex musste nach einem Diebstahl von 120.000 Bitcoins (ca 58 Mio. Euro) Anfang August 2016 den Betrieb vorläufig einstellen. Die wichtigste deutsche Handelsplattform ist bitcoin.de. Die Fidor Bank bietet ihren Kunden direkte Bitcoin-Konten und den Handel dazu an, dank Bafin sogar einlagensicherungsgeschützt im Falle einer Insolvenz von Bitcoin.de (Quelle: ntv).  

 © MassivKreativ

Verbreitung und Nutzung von Bitcoins

Laut Branchenportal btc-echo akzeptieren weltweit bislang etwa hundert Unternehmen Bitcoins als Zahlungsmittel, im deutschsprachigen Raum nur an die zwanzig Firmen, u. a. der Frankfurter Onlineshop Keycoon für 3D-Drucker-Zubehör und 4electric, der Zulieferer von Ladezubehör für Elektroautos. In Berlin-Kreuzberg bietet die Science-Fiction-Buchhandlung Otherland Lesbares und die Burgerbar Room 77 Ess- und Trinkbares gegen Bitcoins an. Die Bitcoin-Firma Bitwala mit 12 Mitarbeitern (März 2017) transferiert inzwischen Bitcoins für 20.000 Kunden in 120 Ländern. Vor allem Löhne werden mit Bitcoins länderübergreifend kostensparend gezahlt. Die zukünftige Vision von Bitwala: Maschinen sollen Maschinen bezahlen, indem sie sich gegenseitig scannen.

Neue Anwendungsbereiche

Als besonders zukunftsträchtig gilt die Blockchain-Plattform Ethereum, entwickelt von Vitalik Buterin (seit 2013) sowie der schweizerischen Non-profit-Stiftung Ethereum Foundation. Ethereum verwendet die Kryptowährung Ether, die im Mai 2017 eine Marktkapitalisierung von 12 Milliarden Dollar verzeichnete. Während Bitcoins lediglich Geldtransaktionen ermöglichen, können über die Ethereum-Plattformen verschiedene Vermögens- und Wertgegenstände ausgetauscht werden – über „smart contracts“. Daraus ergeben sich viele Anwendungen, u. a. für Versicherungen und FinTech, für Logistik, Verkehr und Energiewirtschaft, für die Sharing Economy, das Internet der Dinge und Industrie 4.0, für Datensicherheit und Transparenz, für Verwaltung und eGovernment, z. B. E-Voting-Systeme, virtuelle Organisationen, Identity-Management und Crowdfunding. 

Teilhabe und Nachhaltigkeit

Die Blockchain ermöglicht es, die Gesellschaft neu und vor allem dezentral zu organisieren, damit wir unser Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich gestalten können. Von den Gewinnen der Plattformökonomie könnten Kulturproduzenten und Urheber endlich in dem Maße partizipieren, wie es ihnen zusteht. Auch nachhaltiges Handeln lässt sich direkt belohnen. Wer bewusst und ökologisch einkauft, Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens mit anderen teilt und seinen Abfall recycelt, könnte mit digitaler Währung belohnt werden. 

 © Etherum.org

Beispiele für smart contracts

Mit „smart contracts“ sollen vor allem administrative Prüfvorgänge automatisiert werden, z. B. von digitalen Identitäten, Bonitäten, Kreditvergabe, Schadensforderungen, Versicherungen, Medienvertrieb. Inzwischen beteiligen sich eine ganze Reihe von Institutionen und Startups an Ethereum, u. a.  die Entwickler von slock.it im thüringischen Mittweida, RWE, Thomson Reuters, Santander Bank, Microsoft und die dezentrale Organisation Bitnation, die traditionelle Staaten überflüssig machen will. Estland, in Digitalisierungsfragen und eGovernment besonders progressiv, nutzt Bitnation bereits seit Ende 2015. Auch Griechenland soll aktuell mit der Blockchain experimentieren. Korruption, Verschwendung, Betrug sollen in Zukunft vermieden werden. Hinterlegte Codes in der Blockchain sollen garantieren, dass Steuergelder nur zweckgebunden ausgegeben werden dürfen. Die in Berlin lebende Wirtschaftsinformatikerin mit persischen Wurzeln Shermin Voshmgir gründete den BlockchainHub Berlin und will mit der bahnbrechenden Technologie die Finanzbranche ebenso revolutionieren wie die staatliche Verwaltung (siehe Studie am Ende des Artikels).

Szenarien für Nutzer

Ethereum ermöglicht „smart contracts“, die z. B. für dezentrale Autovermieter und Energieerzeuger ebenso interessant werden könnten wie für Komponisten, Fotografen und Journalisten, mit positiven und negativen Szenarien. Hat ein Kunde die monatliche Lizenzrate für sein Auto nicht bezahlt, wird er den Wagen beim nächsten Fahrantritt nicht mehr starten können. Ein Auftraggeber für kreative Leistungen erhält dann Zugang zu urheberrechtlichen Werken,  wenn er die Produzenten in ausreichendem Umfang vergütet. Und wer auf dem Dach seines privaten Hauses Solarstrom erzeugt, kann die nicht verbrauchte Energie automatisiert in einem Netzwerk anbieten und verkaufen.

Chancen für die Kultur- und Kreativwirtschaft

Die Ethereum-Blockchain soll den Austausch von Wertschöpfungen revolutionieren, denn auch immaterielle Werte sollen verwaltet und auf neue Weise vergütet werden. Ethereum weckt daher besonders in der Kultur- und Kreativwirtschaft große Hoffnungen. Während die Produktion kreativer Werke in den letzten Jahren demokratisiert und damit kostengünstiger wurde, läuft der Vertrieb nach wie vor über zentralisierte Plattformen (youtube, audible, spotify, Netflix, Instagram, Facebook usw.). Von den Gewinnen und Werbeeinnahmen profitieren meist nicht die Kreativen, sondern die Plattform-Monopolisten selbst.

Von der Ethereum-Blockchain könnten endlich die kreativen Produzenten profitieren, indem über die neue Plattform z. B. Patente für Ideen und Lizenzen für schöpferisch-kreative Werke verwahrt, ausgetauscht und vergütet werden, z. B. Musik, Fotos, Bilder, Logos, Texte, Filme usw. Kreative Urheber und auch Künstler sollen ihren Anteil am Werk sofort erhalten, wenn es konsumiert wird und nicht, wie derzeit üblich, erst Monate später.

Herausforderungen für Ethereum

Kreative Werke bzw. Daten können in der Blockchain nicht verwahrt werden, lediglich Lizenzen lassen sich verwalten. Klar ist auch: Noch bleiben viele Fragen offen. Die aktuellen Marktanteile der bekannten Plattformen sind immens und nicht zu unterschätzen. Ethereum wird eine Menge in Marketing investieren müssen, um youtube und Co. die Stirn zu bieten. Doch jede Revolution hat einmal im Kleinen angefangen: „Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde.“ (Margaret Mead, US-amerikanische Anthropologin und Ethnologin)

Unter Hochdruck arbeiten Forscherteams daran, die Blockchain resistenter gegen Hackerangriffe zu machen. Ein russisches Team soll derzeit ein unzerstörbares, verteiltes Datenspeichersystem entwickeln, das durch Quantenkryptographie-Methoden besser geschützt ist.

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Blockchain-Aktivitäten von Kreativen

Großbritannien

Benji Rogers gründete bereits 2009 in London PledgeMusic.  Mit seinem Team entwickelt er  ein neues Format für die Musikbranche, das sogenannte .bc-Format, basierend auf dem smart contract der Blockchain. In diesem Datenpaket, vergleichbar mit einer Zip-Datei, will er nicht nur den Musiktitel selbst, sondern auch weitere Metadaten speichern (MVD = Minimum Viable Data). Sie sollen zu Komponisten, ausübenden Musikern und weiteren Firmen führen, die an der Produktion beteiligt waren. Auch Nutzungsformen des Songs sollen hinterlegt werden, wer den Song zu welchem Zweck und zu welchem Preis verwenden darf.

Die britische Sängerin Imogen Heap und die Firma Ujo Music arbeiten an einem Prototypen auf Blockchain-Basis für die Musikindustrie. Ziel ist eine transparente und effiziente Form der Musiklizensierung. Gebühren für Künstlerlizenzen sollen anonym und in Echtzeit transferiert werden.

Österreich

Das Wiener Museum für Moderne Kunst (MAK) hat im Rahmen seines MAK NITE Lab im März 2015 ein Kunstwerk mit Bitcoins gekauft, geschaffen von dem niederländischen Künstler Harm van den Dorpel. Es wurde von den Künstlern Valentin Ruhry und Andy Boot auf ihrer kuratierten Plattform Cointemporary.com zum Verkauf angeboten – zu einem festen Bitcoin-Preis unabhängig von seinem aktuellen Wechselkurs. 

Deutschland

Das Berliner Startup BigchainDB bietet mit dem Dienst ascribe für Kunstwerke bzw. Musik im Internet ein digitales Wasserzeichen  an („Ownership Layer” / „Hash Key“). Bei der Registrierung eines Werkes vergibt ascribe eine eindeutige ID. Sie setzt sich aus dem jeweiligen Datenfile und der Identität des Urhebers zusammen. Alle Informationen über Kopien des Werkes und deren Verbreitung werden in der Bigchain gespeichert. Künstler können so per Mausklick die Rechte an ihren Kunstwerken verwalten und Musik, Texte, Bilder, Filme zeitlich befristet vermieten oder verkaufen. Der Dienstleister asribe erhält dafür eine Provision. Eine unerlaubte Verbreitung des Werkes kann bisher nicht verhindert werden, aber zumindest kann der Urheber und Eigentümer des Werkes nachverfolgt werden. Zu den ersten Nutzern von ascribe gehören der bereits erwähnte Künstler Harm van den Dorpel, außerdem Titanium Comics. 

Der deutsche Künstler Stephan Vogler möchte seine digitalen immateriellen Schöpfungen als Unikate vertreiben, via Bitcoins. Gemeinsam mit Kunstrechtsexperten hat er eine Lizenz für digitale Kunstwerke als limitierte und eigenständig handelbare virtuelle Güter entwickelt. Die Werke werden mit einer eindeutigen elektronischen Signatur versehen. Der Eigentümer ist in der Blockchain registriert. Die der Nutzungsrechte werden durch eine Transaktion über Bitcoins vergeben. So können nicht nur haptische, sondern auch digitale, nichtmaterielle Kunstwerke zu Sammler- oder Handelsobjekten werden.

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Micropayment

Die Idee ist nicht neu: Schon Internet-Pionier Jaron Lanier, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2014, fordert in seinem Buch Wem gehört die Zukunft, dass jeder Urheber über Micropayment mit Kleinstbeträgen honoriert wird. Dabei geht es nicht nur um kreative Werke, sondern auch um die Vielzahl derjenigen, die Informationen und Bewertungen an Plattformen liefern, wie Amazon, Apple, Alphabet/Google, Facebook, Dating-, Gastronomie- und Übernachtungs-Portale: „Wir sind daran gewöhnt, Informationen als ‚kostenlos‘ zu betrachten, aber das funktioniert nur, solange der Großteil der Wirtschaft nicht auf Informationen basiert, ansonsten würden wir für diese Illusion einen hohen Preis bezahlen.“ 

USA

2014 gründeten die Künstler Anil Dash und Kevin McCoy die Plattform Monegraph, um Möglichkeiten der Blockchain für digitale Kunstproduktion auszuloten. Die Blockchains Proof-of-existence und Blockai wollen eine Art Patentschutz anbieten. Wenn Nutzer einen Betrag bezahlen, erhalten Sie einen Zeitstempel, ähnlich wie es schon digitale Bibliotheken beim Verleih  von Medien regeln.

Der Unterhaltungskonzern Disney experimentiert auf seiner Plattform Dragoncoin mit der Blockchain, um Erkenntnisse sowohl im Bereich Rechtemanagement (z. B. Filmlizenzen) als auch in seinen Unterhaltungsparks einzusetzen.

Grundeinkommen durch Ethereum-Blockchain

Die internationale Non-Profit-Kunstinitiative The.Art möchte über die Ethereum-Blockchain ein Grundeinkommen für Kunst- und Kulturschaffende generieren, jenseits von Spekulationen und einem risikoreichen Auf und Ab der Kryptowährungen. Initiatoren sind die britische Künstlerin Maris Palmi und der Changemanagement-Berater und Ökonom Chirt Koese. In einem Team mit weiteren Privatakteuren wollen sie ohne staatliche Hilfe einen autarken digitalen Kreislauf schaffen, der Werte und Gelder für das Gemeinwohl generiert. Mit Künstlern, Wissenschaftlern und digitalen Erneuerern soll in einem offenen Dialog ein sozio- ökonomischer Prototyp entstehen. „Wir Künstler bringen das spielerische, experimentelle Moment hinein“, erklärt Maris Palmi, „und wir sind froh, mit Chirt Koese einen Initiator zu haben, der sich mit ökonomischen Prinzipien auskennt und uns dabei hilft, zukünftige Technologien wie Blockchain nicht zu verschlafen, sondern sie im Namen der Kunst für möglichst viele aktiv zu nutzen“.

© The.Art

The Art hat Künstler dazu aufgerufen, Werke für die Ausstellungsreihe „Thoughts Become Art“ einzureichen, die 2016 in Oxfort startete, im Juni 2017 im Berliner Baumhaus mit über 30 Künstlern Station machte (Launching Luvcoin) und weiter nach Hongkong, London und New York zieht. Kuratorin Maris Palmi hat die Ausstellung zusammengestellt. Chirt Koese erklärt das weitere Vorgehen: „Wir wählen einige der ausgestellten Werke aus und kaufen sie dem Künstler mit den nagelneu gestalteten Luvcoinchecks ab“. Anschließend können sich gemeinnützige Organisationen, Universitäten oder Krankenhäuser, melden und sich um eine kostenlose Leihgabe der Kunstwerke bewerben. Die Künstler setzen die Preise für ihre Werke selbst fest. Koese: „Alles, was The.Art jetzt und zukünftig initiiert, passiert im geschützten Kreislauf, über den alle Akteure per transparenten Blockchain-Protokollen wachen.“

Noch kann der Künstler mit den Luvcoins keine Miete zahlen oder im Supermarkt einkaufen. Die Coins sammeln sich in Form eines digitalen Sparbuchs an, die später auf Tauschbörsen gegen andere Krypto-Coins oder traditionelle Gelder (FiatGeld: Euro, Dollar) getauscht werden können. So soll ein autarker Kreislauf im Handel mit Kunstwerken entstehen, deren Erlöse den Künstlern und sozialen Institutionen/Projekten zugute kommen.

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Blockchain als Multi-Innovation

Die Blockchain wird der neue Megatrend werden, prophezeien Experten. Sie ist eine technologische, ökonomische und soziale Innovation zugleich, die zu einer Demokratisierung durch dezentrale Marktplätze führen soll.

Technologisch: Über Micropayments können Bezahlprozesse, Kreditvergabe, Versicherungen, Bonitätsprüfungen und Crowdfunding kostengünstiger und schneller abgewickelt werden. Automatisierte Vorgänge (Internet der Dinge und miteinander kommunizierende Maschinen) sichern Effizienz.

Ökonomisch: Smart contracts ermöglichen neue dezentrale Abwicklungs- und Verwaltungsprozesse. Niedrige Betriebskosten und disruptive Organisationsformen verändern bestehende Geschäftsmodelle und schaffen neue. 

Sozial: Strukturen werden demokratisiert, weil Monopole zentraler Vermittler entfallen. Vertrauen und Kontrolle werden Netzwerke und Gemeinschaften der Blockchain übertragen.

Forschung und Wissenschaft

Anfang 2017 wurde die IPDB Foundation (Interplanetary Database Foundation) gegründet. Sie verfolgt nach eigenen Angaben ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke  und will Wissenschaft und Forschung rund um das Thema Blockchain fördern. Laut Satzung soll es darum gehen: „Die Forschung an der Realisation und an Anwendungen der „Blockchain“-Technologie, insbesondere der Erforschung und Entwicklung dezentralisierter Organisationsstrukturen und der Umsetzung einer dezentralisierten Datenbankplattform, welche die dezentrale permanente Speicherung von Daten unabhängig von einer zentralen Instanz ermöglicht („Dezentrale Datenbank“). Die IPDB Foundation zielt darauf ab, jedermann Zugang zur Dezentralen Datenbank zu ermöglichen …“ (Satzung IPDB).

Quellen und weitere Informationstipps zum Thema:

Wie Netzwerke und Plattformen den Erfolg beflügeln

© Andreas Hermsdorf, pixelio.de

Dem Jahrhundert der Einzelkämpfer folgt jetzt die Zeit der Schwarmintelligenz und der Netzwerke. Wir statt ich! Einzelne Universalgelehrte wird es kaum mehr geben bzw. werden sie von divers zusammengesetzten Teams mühelos übertrumpft. Netzwerke und Plattformen dienen als Erfolgsbeschleuniger, sie beflügeln das Vorwärtskommen von Teams, Leistungen, Chancen und Motivation.

Wann Netzwerke erfolgreich sind

Vielfalt ist das Geheimnis erfolgreicher Netzwerke! Damit das Geflecht aus Kontakten und Menschen seine Wirkung entfalten kann, braucht es drei unterschiedliche formale Persönlichkeiten, sagte der Psychologieprofessor und Spezialist für systemische Organisation, Dr. Peter Kruse, 2007 in einem Interview über Kreativität:

  • den Creator (Urheber), der ständig neue Ideen hat, egal ob sie sich realisieren lassen oder nicht (Spinner, Störer)
  • den Owner (Eigentümer), der Wissenseigner bzw. -träger, der ein Thema im Detail beherrscht (Experte)  
  • den Broker (Makler), der viele Leute kennt, die etwas wissen und der als Vermittler und Vernetzer zwischen ihnen wirkt.

Jede Persönlichkeit besitzt spezielle Fähigkeiten, die in Kombination mit weiteren Fertigkeiten anderer Person besonders stark und wirksam wird. Die Summe verschiedener Intelligenzen ist stets größer als eine einzelne Intelligenz. Kruse zieht den Vergleich mit der Vernetzung verschiedener Synapsen im Gehirn. Je nachdem, welche der drei Persönlichkeiten aufeinander treffen, erzielen sie gemeinsam unterschiedliche Wirkungen:

  • Creator + Owner = Ideen zur Lösungsbildung
  • Owner + Broker = Bewertung von Wissen
  • Broker + Creator = Erregung, beide stören

Übrigens: Viele Ideen entstehen beim gemeinsamen Essen, der vielleicht wichtigsten Netzwerk-Plattform der Welt. Warum? Weil wir genau dann empfänglich für Neues sind, wenn wir Glücksmomente und Vertrauen empfinden. Es ist erwiesen, dass jene Menschen am produktivsten sind, die besonders häufig ihre Begleiter beim Essen wechseln. Beim gemeinsamen Essen erfährt man am besten, wie der Andere denkt, welche Ideen und Vorlieben er hat, welche Erfahrungen und Erlebnisse ihn bewegen, sofern sich der Begleiter öffnet. Dies sorgt zusätzlich für Vertrauen, eine wichtige Voraussetzung für funktionierende Netzwerke und die Bereitschaft für Veränderungen.

© Rainer Sturm, pixelio.de

Diversity als Erfolg

Erfolg schöpft sich aus Vielfalt: aus unterschiedlichen Persönlichkeiten, Talenten und Fähigkeiten, Wissensträgern, Fachbereichen, Lebenswelten. Ein wichtiges Vorbild für Apple-Gründer Steve Jobs waren die Beatles, wie er in der amerikanischen Dokumentationsserie 60 Minutes am 12.05.2008 sagte: „Das waren vier Typen, die gegenseitig ihre negativen Tendenzen in Schach hielten, sie balancierten sich gegenseitig aus, so dass das Gesamte viel mehr als die Summe der Einzelteile wurde. Große Dinge in der Geschäftswelt werden nicht von einer Person gemacht, sondern von einem Team.“

Neues entsteht nicht aus Harmonie, sondern aus Widerspruch. Erfolgreiches Management lebt von Instabilität und von Störern, die Routinen hinterfragen. Ein Unternehmen tut also gut daran, sich regelmäßig Impulse von außen zu holen. In Zeiten des globalen Wandels können auch interkulturelle Grenzüberschreitungen neue Perspektiven für die eigenen Institution bzw. Organisation eröffnen. Damit Unternehmenskulturen daran wachsen können, braucht es genügend Zeit. Nur wenn das Basis-Team die neuen Impulse als relevant, nachvollziehbar, transparent und glaubwürdig aufnimmt, werden sich alle mit der Zeit an die neuen Impulse anpassen. So kann der Unternehmenswandel tatsächlich gelingen.

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Tandems bilden

Wem größere Netzwerke zu unübersichtlich sind, kann zumindest ein Tandem bilden. Achten Sie  darauf, dass Sie sich mit einer Person, Organisation, Institution oder einem Unternehmen aus einem anderen Sektor, Lebensbereich bzw. einer anderen Branche vernetzen. Nur wenn Sie Ihre „Komfortzone“ verlassen und sich mit frischem Wind umgeben, werden Sie profitieren. 

Ich werde dieses Experiment in Kürze selbst wagen – als Partner im interdisziplinären Jobshadowing-Programm – und werde auf MassivKreativ darüber berichten. Die Hamburg Kreativ Gesellschaft – eine städtische Einrichtung zur Förderung der Kreativwirtschaft in der Hansestadt – vernetzt seit kurzem Institutionen der Initiative Finanzplatz Hamburg e.V. mit Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Tandempartner begleiten sich einen Tag gegenseitig in ihrem Arbeitsalltag und lernen voneinander. Das Ziel: Perspektivwechsel, Horizonterweiterung und Wissenstransfer, langfristig sind crosssektorale Kooperationen angedacht: Kreative können neue Strategien und Lösungsansätze für Herausforderungen in klassischen Wirtschaftsbereichen erarbeiten, z. B. indem Sie Routinen hinterfragen. 

 © Karin Jung, pixelio.de

Innovationen aus Netzwerken schöpfen

Daniela Bessen engagiert sich als Brokerin und Innovationsscout für die Vernetzung mittelständischer Unternehmen mit Startups bzw. Wissensträgern (Ownern) und Innovatoren (Creatern). Sie möchte dem Mittelstand dabei helfen, innovativer zu werden und wertvolle Kontakte zu den richtigen Akteuren und Experten. Netzwerken gehört daher zu ihrem Alltagsgeschäft, auch in ihrer Funktion als Verbandsbeauftragte des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft (BVMW). Über das erfolgreiche Netzwerken habe ich mit ihr in einem längeren Interview gesprochen.

Mehr Geben als Nehmen

Netzwerke müssen ständig am Leben erhalten und mit neuen Impulsen von außen genährt werden. Treffen immer nur die gleichen Menschen aufeinander, wird das Netzwerk bald absterben. Je vielfältiger und interaktiver Netzwerke wirken, um so stärker sind die Rückkopplungseffekte. Ein gesundes Netzwerk lebt mehr vom Geben als vom Nehmen, wie das folgende Gleichnis zeigt: „Was ist der Unterscheid zwischen mögen und lieben“, wurde der Buddha einmal gefragt.  Seine Antwort: „Wenn Du eine Blume magst, dann pflückst Du sie. Wenn Du eine Blume liebst, dann gibst Du ihr jeden Morgen Wasser.“ Menschen und deren Gestaltungswillen zum Blühen zu bringen,  ist die große Kraft, die von Netzwerken ausgeht.

Interdisziplinäres Netzwerken

Seit Herbst 2016 organisiert das Netzwerk Kreative MV in Mecklenburg-Vorpommern im Auftrag des dortigen Wirtschaftsministeriums sogenannte KreativLabs. Das Format wandert durch das Bundesland an unterschiedlichste Orte und bringt branchenübergreifend Kreative, Privatwirtschaft, öffentlichen Sektor und Bildungsinstitutionen zusammen. Nach dem peer-to-peer-Prinzip findet die Ideenfindung und Beratung gemeinschaftlich statt, eine große Chance für die unterschiedlichen Teilnehmer, sich und ihre Branchen besser kennenzulernen und mehr über die jeweiligen Probleme und Wünsche zu erfahren. Beispielhaft war das 4. KreativLab „Querdenken gefragt“ in Ludwigslust im März 2017. Bei dieser Gelegenheit stellte ich im Impulsvortrag „Was kann Management von Kunst lernen“ inspirierende Beispiele für künstlerisches Denken vor, für Kreativität und Innovation, Haltung und Verantwortung, interdisziplinäres Arbeiten und Coworking, Nachhaltigkeit und Diversity. Im anschließenden Barcamp und Kreativ-Workshop erarbeiteten Unternehmer, Mitarbeiter aus dem öffentlichen Sektor sowie Künstler und Kreativschaffende in interdisziplinären Teams Lösungsansätze für praxisnahe Herausforderungen. Weitere Labs im Jahr 2017 hier.

 © MassivKreativ

Vernetzung a la Richard Branson

A-B-C-D: Always Be Connecting the Dots – so der Slogan über allen Virgin-Group-Firmen unter Führung von Richard Branson: „Verbinde stets die Punkte miteinander“. Erst, wenn Querverbindungen zwischen unterschiedlichen Bereichen und Welten geschaffen werden, entstehen ungeahnte Synergien und Befruchtungseffekte, der glückliche Zufall – auch „Serendipity-Effekt“ genannt. Nur ein Beispiel: In den neuen Virgin-Hotels sind sowohl Gäste als auch Einheimische willkommen. Bibliothek und Fernsehzimmer stehen allen offen. Auf Begegnung setzt auch der „Common Club“, hier sollen zur sogenannten „Social Hour“ zwischen 18 und 19 Uhr alle Menschen zusammen kommen, die anfangs offerierten kostenlosen Cocktails müssen inzwischen doch wieder bezahlt werden. Aber wer weiß, vielleicht gibt es sie demnächst wieder, wenn der Weltraumvisionär Branson sein erstes Hotel im All eröffnet – samt Networking mit Außerirdischen …

 © Alfred Krawietz, pixelio.de

Plattformökonomie: webbasierte Netzwerke

Neben persönlichen Netzwerken sind in den letzten Jahren immer mehr webbasierte Netzwerke entstanden. Plattformökonomien bieten erhebliche Vorteile: mehr Sichtbarkeit, Vernetzung, Befruchtung, Beschleunigung und Konsolidierung. Mit rasant wachsenden Anbietern entstehen neue Geschäftsmodelle. Wichtige Informationen werden dabei meist von Dritten generiert (z.B. gegenseitige Bewertungstexte): Amazon (Shopping-Plattform vernetzt Konsumenten, Handel, Hersteller und Logistik), ebay (Auktionen), airbnb (Übernachtungen), Facebook (Social Media), App-Stores von Apple und google (Medien) usw. Werden Produktionsressourcen intelligent verknüpft und Daten durch Digitalisierung und Business Intelligence (im Sinne des Anbieters) optimal verwertet, bilden sich neue Wertschöpfungsketten. Plattformökonomien und Sharing-Dienste gibt es inzwischen für alle Lebensbereiche: Mobilität und Reise, Finanzen und Versicherungen, Job-, Partner- und Tauschbörsen, Coworking, Haushaltshilfen, Verleihdienste.

Plattformen beleben auch den Bereich der Wissenschaft sowie der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die EU unterstützt in ihrem Förderprogramm Kreatives Europa grenzüberschreitende Plattformen kultureller und kreativer Organisationen, die Künstlern, Kulturschaffenden sowie aufstrebenden Talenten über europaweite Netzwerke und Online-Plattformen in der Öffentlichkeit präsentieren.  

 © Otto – Collabor8, MassivKreativ

Online-Tools zur Vernetzung

Auf Wiedersehen email, Kalender, Notizbuch. Die Zukunft gehört den Online-Werkzeugen, damit die Zusammenarbeit für uns alle einfacher wird – vor allem über räumliche und geografische Entfernungen und über verschiedene Zeitzonen hinaus. Für jeden erdenklichen Papierkram gibt es inzwischen ein Online-Pendent – je nach persönlichen Wünschen kostenlos oder per Monatsabo – für die Abstimmung von Terminen, den gemeinsamen Kalender, für das Projektmanagement, für To-Do-Listen, für die kreative Arbeit, für Kommunikation und Konferenzen. Schüler, Azubis und Studierende profitieren ebenso wie

Wissenschaftler und Experten, Außendienst-Mitarbeiter, Journalisten und Künstler, Einzelkämpfer ebenso wie Teams, Arbeitsgruppen und Vereine. Das Angebot kollaborativer Tools wächst stetig, eine umfangreichere Aufstellung liefern u. a. das Digital-Magazin t3n und die Wissenschaftsjournalistin Martina Rüter.

 © MassivKreativ

Empfehlenswerte kreative und innovative Netzwerke und Plattformen 

  • Women´s Club von Hamburg@work organisiert Veranstaltungen, u. a. ein BusinessBreakfast im WASSERSCHLOSS  der Speicherstadt zu wechselnden Themen, z. B. „New Work – Wie werden wir zukünftig arbeiten?“, Infos zur Mitgliedschaft  
  • Dverse Media – für mehr Vielfalt im Wirtschaftsjournalismus 
  • Digital Media Women – für mehr Sichtbarkeit und Einfluss von Frauen auf allen Bühnen – Konferenzen, Fachmedien, Management Board – offen, respektiert und wegweisend.
  • Hamburg Kreativ Gesellschaft bietet vielfältige Netzwerkveranstaltungen, z.B. zum Thema crowdfunding
  • DesignXport in Hamburg sieht sich als Schnittstelle zwischen Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft
  • Innovation Alliance: engagiert sich zum Thema Digitalisierung im Mittelstand
  • BVMW: Bundesverband für die mittelständische Wirtschaft
  • Kreative Deutschland: bottom-up-Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland
  • Kreative MV: Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern
  • CleverHeads: kreatives Recruiting-Netzwerk mit Empfehlungsmarketing gegen Fachkräftemangel – durch Weiterempfehlung eines Bewerbers refinanzieren Arbeitgeber die eigenen Recruiting-Kosten
  • Vera-Netzwerk: Verband der Ausstellungsgestalter in Deutschland e.V.
  • Querdenker: von kreativen Köpfen profitieren

 

Was sich in der Unternehmenskultur von Steinen lernen lässt

 © alle Fotos: MassivKreativ, Steine-Projekt otto-group

Steine gibt es wie Sand am Meer, überall auf der Welt. Jeder kann sie finden, aufheben, nach Hause tragen, sie zum Gestalten seines Umfeldes nutzen oder die Steine selbst nach eigenen Vorstellungen gestalten. So wie bei der Otto Group, die damit ihre  Unternehmenskultur gestärkt hat (siehe Podcast weiter unten) 

Aus Steinen lassen sich Türme, Häuser, Fabriken und Monumente bauen. Mit Steinen kann man seine Kräfte messen oder beim Werfen seine Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Mit Steinen lässt sich Korn mahlen. Mit aneinander schlagenden Steinen lassen sich Klänge erzeugen (Klingsteine aus China), mit steinerner Gewalt aber auch anderen Menschen Leid und Schmerz zufügen. Fakt ist…

 © MassivKreativ

Steine haben Symbolkraft!

In allen Kulturen gibt es Redensarten und Sprichworte, die sich um Steine drehen: den Stein ins Rollen bringen, Steine in den Weg legen, Steine aus dem Weg räumen usw. Viele Redewendungen über Steine lassen sich hervorragend auf die Unternehmenskultur übertragen … 

 © MassivKreativ

Anpassung

„Ein Stein schleift den anderen.“ (Redensart) Dass wir uns von anderen Menschen mitreißen, motivieren und beflügeln lassen, bestätigt im Interview Jürgen Bock, Bereichsleiter Kulturentwicklung und Corporate Values bei der Otto Group in Hamburg. Ich habe mit ihm ausführlich über das Steine-Projekt seines Unternehmens gesprochen (41:00 bis 46:00).

Jürgen Bock: „Werte können eine Unternehmenskultur nicht verändern, sondern nur eine Orientierung geben. Seid mal alle mutig! – Das funktioniert so pauschal nicht. Werte sind wie eine Gewohnheit, daher ist es schwer, Werte zu verändern. Kulturveränderung verläuft eher über Anpassung als über Wertewandel. Ich passe mich an die Personen an, die für mich wichtig und relevant sind. Vorher prüfe ich: Ist das, was die Person sagt, ernst und nachhaltig gemeint?“ (15:00-18:00)

 © Jürgen Bock (Portrait)

Filminterview mit Benjamin Otto über den Kulturwandel, die digitale Transformation und Coworking in „Collabor8“ bei der Otto Group.

Glaubwürdigkeit

Sprüche lassen sich leichter klopfen als Steine!“ …., sagt der Volksmund. Markige Parolen der Geschäftsführung lösen sich in Luft auf und führen bei Mitarbeitern zu Frustration, wenn den Worten keine Taten folgen. Glaubwürdig sind Manager in ihrem Führungsstil nur dann, wenn sie im Alltag auf Transparenz, Augenhöhe, Vertrauen und Eigenverantwortung der Mitarbeiter setzen.

 © MassivKreativ

Visionäres Denken und Kommunikation

„Ein Haufen Steine hört in dem Augenblick auf, ein Haufen Steine zu sein, wo ein Mensch ihn betrachtet und eine Kathedrale darin sieht.“ Antoine de Saint-Exupéry war ein Meister der Imagination. Er konnte mit seinen Geschichten Bilder im Kopf erzeugen und Mitmenschen zu Höchstleistungen treiben. Entrepreneure sind Menschen, die ihre zukünftigen Unternehmungen vor Augen haben. Es sind kommunikative Menschen mit Charisma, die anderen Akteuren ihre Ziele und Vorhaben lebendig vermitteln und sie begeistern können, an der Verwirklichung der Unternehmung aktiv und gestaltend mitzuwirken, dabei ggf. auch Risiken einzugehen. Mit der Kraft der Imagination können visionäre Projekte verwirklicht werden.  

„Der Mensch muss den Stein meditieren, bevor er ihn aufrichtet.“ … – so ein japanisches Sprichwort. Neue Projekte sollten genau durchdacht sein, bevor sie an das gesamte Team kommuniziert werden. „Wissen ist Macht“, heißt es. Noch machtvoller ist sorgsam recherchiertes und kuratiertes Wissen, das mit inspirierenden Geschichten in die Welt getragen und anderen vermittelt wird.

 © MassivKreativ

Fehlerkultur und Vertrauen

„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ … sagte Johann Wolfgang Goethe. Fehler und Zufälle bieten neue  Chancen, neue Entdeckungen, neue Wege, wenn wir offen dafür sind und Perspektivwechsel wagen und zulassen. Wenn wir Rahmenbedingungen für Kreativität und neue Ideen schaffen, können Innovationen entstehen. Wenn wir Alternativen, Impulse, Meinungen grundsätzlich in Frage stellen, wird unsere Kreativität verkümmern, wie Autor Ekkehart Mittelberg sagte: „Raubt man der Phantasie die Flügel, fällt sie schneller als ein Stein.“

 © MassivKreativ, Steine-Projekt otto-group

Beharrlichkeit

Steter Tropfen höhlt den Stein. (Sprichwort) Veränderungsprozesse erfordern Ausdauer, Durchhaltevermögen, Weitblick und Resilienz. Herausforderungen sind lösbar, wenn man sie gemeinsam auf Augenhöhe in Angriff nimmt und in klar umrissene, überschaubare Aufgabenbereiche fasst. „Die Menschen straucheln nicht über Berge, sie stolpern über Steine.“ … sagt man in Indien. Struktur- und Kulturwandel ist kein Projekt, sondern ein langfristiger Prozess, der im Kleinen beginnt und sich stetig zu Großem weiterentwickelt. So wie die Chinesen sagen: „Der Mann, der den Berg abtrug, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen.“

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Kernkompetenzen

„Wasser verrinnt, Steine bleiben.“ … sagt ein rumänisches Sprichwort. Was sind meine Kernkompetenzen und wahren Werte in Zeiten des Wandels?  Veränderungen bedeuten nicht, alles Bisherige über Bord zu werfen. Es geht oft nur darum, sich seiner Potentiale bewusst zu werden, sich zu fokussieren, Bewährtes neu anzuwenden. Weniger ist manchmal mehr. Schon Cicero wusste: „Gut gehauene Steine schließen sich ohne Mörtel aneinander.“ Was kann ich gut, was können Andere besser? „Man muss mit den Steinen bauen, die man hat.“ Doch: Was kann ich von Anderen lernen? Wie kann ich von den Erfahrrungen Anderer profitieren? Der Philosoph und Lernexperte Andreas Tenzer hat es so formuliert: „Die stärksten Brücken werden aus Steinen gefallener Mauern gebaut.“

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Perspektivwechsel

„Ein rollender Stein setzt kein Moos an.“ … offenbart ein niederländisches Sprichwort. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, häufig die Perspektiven wechselt, wer eigene Erfahrungsräume häufig verlässt, Anderen aufmerksam zuhört, wer Leeerstellen und Probleme sieht, wird Lösungen finden. Wer geistig in Bewegung bleibt und sich nicht auf Erfolgen ausruht, wird auf der Welle der Veränderung surfen, statt in ihr unterzugehen.

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Interdisziplinäres Coworking

„Man braucht zwei Steine, um Feuer zu machen.“ … bemerkte die US-amerikanische Schriftstellerin Louisa May Alcott. Allein kommt man nicht weit, im Team erreicht man mehr. Vielfalt schlägt Talent.

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Filminterview mit Benjamin Otto über den Kulturwandel, die digitale Transformation und Coworking in „Collabor8“ bei der Otto Group.

Wertschätzung

„Verletzende Worte sollten auf Sand geschrieben werden, lobende in Stein gehauen.“ … sagt ein arabisches Sprichwort. Und im Kaukasus weiß man: „Ein gutes Wort kann Steine brechen.“ Achtung, Lob und Anerkennung motivieren und beflügeln und sorgen dafür, dass wir zufrieden sind und gesund bleiben. Fairness und Transparenz im Unternehmen sichern eine hohe Leistungsbereitschaft.

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Mut und Selbstvertrauen

Johann Wolfgang Goethe hat die Verkündung neuer Ideen mit einem beherzten Brettspiel verglichen: „Es ist mit Meinungen, die man wagt, wie mit (Spiel-)Steinen, die man voran im Brette bewegt: Sie können geschlagen werden, aber sie haben ein Spiel eingeleitet, das gewonnen wird.

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Humor und Gelassenheit

Heinz Erhardt hat es auf humorvolle Weise gesagt: „Ich kann’s bis heute nicht verwinden, deshalb erzähl‘ ich’s auch nicht gern: Den Stein der Weisen wollt‘ ich finden und fand nicht mal des Pudels Kern.“

Durch Zeiten großer Unsicherheiten und Veränderungen gilt es, besonnen zu handeln und sich selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen. Joachim Ringelnatz hat darüber ein Gedicht geschrieben: Der Stein: 

„Ein kleines Steinchen rollte munter von einem hohen Berg herunter. Und als es durch den Schnee so rollte, ward es viel größer als es wollte. Da sprach der Stein mit stolzer Miene: ‘Jetzt bin ich eine Schneelawine’. Er riss im Rollen noch ein Haus und sieben große Bäume aus. Dann rollte er ins Meer hinein, und dort versank der kleine Stein.“

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Prioritäten setzen, Entscheidungen treffen

Mit großen und kleinen Steinen lässt sich hervorragend demonstrieren, dass nur die über Zeitmangel klagen, die keine Prioritäten setzen können: 

Füllt man ein Glas zuerst raumgreifend mit Sand (unnütze, zeitraubende Dinge), finden größere Steine (wichtige Aufgaben / bedeutende Herausforderungen) dort keinen Platz mehr. Legt man hingegen zunächst die großen Steine (dringende Aufgaben) in das Glas, dann lässt sich wunderbar vor Augen führen, dass danach auch noch kleinere Kieselsteine (zentrale Aufgaben) und Sand (nebensächliche Aufgaben) hineinpassen und man am Ende sogar noch Wasser (für Lichtblicke/Pausen/Überraschungen) in die Zwischenräume füllen kann.  

Das Glas des Lebens

Im Film wird das Experiment mit Golfbällen, Kieselsteinen, Sand und Kaffee gezeigt und warum es Sinn macht, die wichtigen Dinge zuerst zu tun: https://www.youtube.com/watch?v=m0hqBIugr7I

 

Aufbruch bei der Otto Group: Kulturwandel und digitale Transformation

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„Digitalisierung ist kein Projekt, sondern ein Prozess“. Diesen Satz hört man in der Otto Group immer wieder. Und: „Digitale Transformation geht nicht ohne Kulturwandel“. Den ersten sichtbaren Schritt ist das Unternehmen nun mit Collabor8 gegangen, einem neuen multifunktionalen Coworking Space für Mitarbeiter und zukünftig vielleicht auch für kreative Köpfe von außen.

Der Mensch im Mittelpunkt

Menschenorientierung: Das ist der Otto Group seit seiner Gründung 1949 in Hamburg wichtig. Auch wenn der Markt im Kerngeschäft von Otto, eCommerce, Finanzdienstleistungen und Serviceangeboten Logistik und Reise, härter geworden ist, die Mitarbeiter bleiben im Fokus der Unternehmenspolitik, etwa 4.000 Mitarbeiter in der Unternehmenszentrale in Hamburg und etwa 50.000 Mitarbeiter weltweit. Jeder im Team sorgt mit seinen Kompetenzen und Ideen dafür, dass Otto weiterhin erfolgreich agieren kann. Damit jeder den Prozess der Digitalisierung versteht, muss jeder Mitarbeiter auf dem Weg der Veränderungen mitgenommen werden. 2016 hat die Otto Group einen Kulturwandel eingeläutet. Kommunikation läuft jetzt auf Augenhöhe, nicht zuletzt mit dem direkten Gespräch „per Du“. Ein Angebot und Vorschlag, kein Zwang. Die Mitarbeiter berichten von mehr Transparenz. Regelmäßig informiert die Unternehmensleitung, was in Strategie- und Betriebsversammlungen diskutiert und beschlossen wird. Am Wandel ist das gesamte Personal beteiligt. Jeder, der mag, kann sich einbringen, wird nach seiner Meinung gefragt. Digitalisierung lässt sich nur realisieren, wenn alle im Unternehmen mitziehen.

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Mitgestaltung erwünscht

Teilhabe ist ein entscheidendes und richtungsweisendes Mittel für den Kulturwandel bei Otto. Gelebt wird er schon seit längerem in divers besetzten Seminaren und Workshops, quer durch alle Hierarchien, Abteilungen, Altersgruppen, Geschlechter und Nationalitäten. Jetzt kommt ein neuer Ort des offenen Dialogs hinzu. Damit sich die Mitarbeiter besser vernetzen, sich über Ideen und Strategien austauschen können, hat Benjamin Otto, Enkel des Unternehmensgründers Werner Otto und als gestaltender Gesellschafter treibende Kraft für die digitale Transformation, die Einrichtung eines Coworking Spaces initiiert. In nur drei Monaten wurde die obere Etage im 8. Stock eines älteren Fabrikgebäude zu einem Ort für kollaboratives Arbeiten umgestaltet.

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Welche Anforderungen soll der Raum erfüllen, welche Bedarfe gibt es für die Nutzung? Verschiedene Abteilungen und Teams haben hunderte Ideen und Vorschläge eingereicht – „in einer bemerkenswerten Qualität“, wie der David Einsiedler, Geschäftsführer vom ausführenden Gestaltungsbüro PLY – unestablished furniture betont. Auch den Namen für die neue Coworking-Fläche hat ein Mitarbeiter vorgeschlagen: „Collabor8“. Das Thema Nachhaltigkeit bei der Umgestaltung zu berücksichtigen, war ein übergreifender Wunsch im Unternehmen. David Einsiedler und das PLY-Team haben daher Upcycling-Aspekte mit einbezogen, älteres Mobiliar genutzt, Industrielampen umgestaltet und schon vorhandene Lichtquellen mit LEDs umgerüstet. Collabor8 ist ein innovativer Ort des Aufbruchs in einem architektonischen Ensemble, das vor gut 50 Jahren entstand und daher schon etwas Patina angesetzt hat. Schritt für Schritt wird das Otto-Gelände aufgefrischt: mit einem bepflanzten Boulevard, einem neuem Fitnessstudio, mit neuen Toiletten, Bistro, Kantine und dem neuem Coworking-Space.

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Effekte von Coworking

„Collabor8“, die Freifläche auf etwa zweieinhalb Fußballfeldern (1700 qm), soll bei Otto das vernetzte Denken beflügeln, „Schnittstellen schaffen“, wie Gesa Heinrichs sagt, die federführende Direktorin des Facility-Managements. Benjamin Otto beschreibt es so: „Collabor8 bietet Raum für Potentialentfaltung und Lebensfreude, Innovation und Kreativität, Flexibilität und Vielfalt.“ Im Zentrum haben die Planer bewusst eine Arena platziert – mit einer Café-Bar gleich nebenan für das Kennenlernen, Aufeinandertreffen, den  lebendigen Austausch. Größere Loungeflächen mit variablen Tischen (Flex-Bench) und Meetingbereichen laden zum Dialog ein, während Telefonboxen, Bibliothek und gläserne Büros Rückzugsorte bieten. Freie Sichtachsen ermöglichen neue Perspektiven und Horizonterweiterung

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Mehrwerte schaffen

Im Zuge des Kulturwandels wächst auch das Bewusstsein für immaterielle Werte. Benjamin Otto glaubt, dass sie bei der Digitalisierung immer wichtiger werden. „Es geht einem Programmierer nicht nur um seine Bezahlung“, sagt Otto. „Es geht ihm auch um zwischenmenschliche Werte: Ob er Spaß hat an seinem Job, ob er hier gewisse Vorzüge hat, die er in einem anderen Unternehmen nicht hätte.“ Mit Mehrwerten will Otto die Mitarbeiter beflügeln und damit zugleich die digitale Transformation des Unternehmens. Qualität statt Quantität, nachhaltige Effektivität statt blinder Effizienz. Schon Albert Einstein bemerkte: „Nicht alles, was zählt, kann man zählen, und nicht alles, was man zählen kann, zählt.“ Gesundheit und Wohlbefinden, Wertschätzung und soziale Bindung, Vertrauen und Selbstwirksamkeit. Und ebenso Anregungen von außen. So entstanden Startups wie Collins bzw. die Mode-Marken About you und Edited. „Ist Otto auch offen für Impulse von Künstlern, Vor- und Querdenkern?“ frage ich Benjamin Otto. „Absolut ja, weil sie das gesamte Ökosystem in Wallung bringen können.“ sagt er. „Ich glaube, durch Flächen wie Collabor8 schaffen wir auch Raum für solche Menschen. Wir können mit ganz vielen Einzelinitiativen und Impulsen zum Ziel kommen.“

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Mehr zum Thema Kulturwandel bei der Otto Group: Was sich in der Unternehmenskultur von Steinen lernen lässt … 

Smart City und Kreativwirtschaft: Wem gehört die Stadt?

Smart City_Infogram_Antje© Antje Hinz, MassivKreativ

Smart City: Ist es die große Verheißung, die Politik und Verwaltung in den Großstädten vollmundig verkünden? Oder ist es eher ein Marketing-Tool für IT-Unternehmen, die ein neues big business auf den Weg bringen wollen? Dieser Hintergrundbericht klärt am Beispiel der Hansestadt Hamburg auf.

Mindestens 28 Megacities gibt es aktuell mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. 2030 sollen es schon 40 Megacities sein. 2050 werden fast zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Dies stellt die Gesellschaften vor große Herausforderungen. Smart City soll darauf Antworten finden, das Leben in der Großstadt effizienter, grüner und sozial inklusiver gestalten, digitalisiert, technologisch, fortschrittlich.

Doch „smart“ ist ein ambivalenter Begriff, der doppeldeutig übersetzt und umschrieben werden kann. Im positiven Sinn bedeutet er: elegant, intelligent, clever, schlau, klug, pfiffig, gescheit, adrett, gepflegt, schick, modisch, aufgeweckt, tüchtig, gewandt, flink, schnittig, munter. Andere Übersetzungen zeigen die Kehrseite der Medaille: gerissen, listig, durchtrieben, mit dem Zusatz to (smart): brennend, schmerzend.

438173_web_R_K_B_by_Jürgen Nießen_pixelio.de438175_web_R_K_B_by_Jürgen Nießen_pixelio.de © Jürgen Nießen, pixelio.de

Smart City als Weltverbesserin

Smart City ist ein diffuser und inflationär gebrauchter Sammelbegriff für verschiedene digitale, urbane Entwicklungskonzepte, die im Wesentlichen diese Bereiche berühren:

  • Verkehr bzw. intermodale Mobilität, der Wechsel zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln (Smart Mobility)
  • Gesundheit und Leben (Smart Health and Living)
  • Bildung (Smart Education)
  • Wirtschaft (Smart Economy)
  • Verwaltung (Smart Governance)
  • Umwelt (Smart Environment)
  • Bevölkerung (Smart People)

Smarte Dienstleitungen

Die Hansestadt Hamburg lässt noch weitgehend offen, wie die Smart City einmal aussehen soll. Sie nennt auf der eigens eingerichteten Website  hamburg.de/smart-city/ im Wesentlichen sechs Bereiche: Hafen (smartPORT), Verkehr sowie Bürgerdienstleistungen, wie Mobilität, Gesundheit und Bildung. Im Begleittext heißt es:

„Die Smart City, also die vernetzte und kluge Stadt, verbessert die Lebensqualität der Menschen durch intelligente, innovative Infrastrukturen, die helfen, Mobilität effizienter zu machen, Ressourcen zu schonen und negative Umwelteinflüsse zu reduzieren. Sensorik und Informationstechnologien werden dabei zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen … Wir müssen Antworten auf die Fragen nach Mobilität, öffentlicher Infrastruktur, Service, Energieverbrauch, Schadstoffausstoß und Lebensqualität finden. Dieser Prozess ist in vollem Gange. Politik ist aktiv eingebunden und hat die Aufgabe, die Rahmenbedingungen zu schaffen.“

FabLab HH_02_Antje © MassivKreativ

Kritisches Hinterfragen

Ob die Smart City tatsächlich im Sinne und zum Wohle der Bürger zu einer „lebenswerten Metropole“ wird, besagt der schwammige Begriff allein nicht. Das Großprojekt „Smart City“ lässt sich erst beurteilen, wenn feststeht, wieviel die Stadt für ihre Bürger investieren will, wie gut sie dabei ihre vorhandenen Ressourcen nutzt und wie sich die Zivilgesellschaft einbringen kann. Greifen die Initiatoren die Fragen und Probleme der Bürger tatsächlich auf? Und mit wem kooperiert die Stadt? Nur wenn das Beziehungsgeflecht zwischen Bürgern, Politik, Stadtverwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft wirklich kooperativ und transparent ist, kann sich das Potential der Smart City zum Wohle der Zivilgesellschaft entfalten.

Partnerschaft zwischen Hamburg und Cisco

Am 30. April 2014 hat die Stadt Hamburg für die Dauer von vier Jahren ein „Smart City Memorandum of Understanding (MoU) mit Cisco geschlossen, mit dem das Pilotprojekt zunächst gestartet wurde und an dem weitere assoziierte Partner beteiligt sind: z. B. AGT International, avodaq, InnoTec Data, Philips, Streetline, T-Systems und Worldsensing.

Das US-amerikanische Telekommunikationsunternehmen Cisco wurde 1984 in San Francisco von einer Gruppe von Wissenschaftlern der Stanford University gegründet – mit dem Ziel, die Vernetzung von Computern zu vereinfachen und sie effektiver zu nutzen. Heute entwickelt und handelt Cisco in erster Linie Internet-Router und IT-Switches, um zwischen verschiedenen Computer-Hardwaregeräten zu wechseln. Seit seiner Gründung hat Cisco über 160 andere Unternehmen gekauft und integriert und gehört damit zu den Marktführern weltweit. In Deutschland beschäftigt Cisco 850 Mitarbeiter an acht vorwiegend großstädtischen Standorten.

726235_web_R_K_B_by_Q.pictures_pixelio.de © Q.pictures, pixelio.de

Datensicherheit

Im Januar 2014, also drei Monate vor Vertragsschluss zwischen Hamburg und Cisco, hatte das Online-Portal heise Security aufgedeckt, dass in den Routern von Cisco eine sogenannte „Backdoor“ eingebaut worden war. Sie ermöglicht es Internetdienstanbietern (ISP) sowie externen Dritten, sämtliche Konfigurationsdaten des Routers auszulesen und zu manipulieren, u. a. auch Passwörter für den Administratorzugang des Routers, für WLAN, DSL-Zugang, Proxy-Server usw. Möglich macht dies ein undokumentierter Dienst, der direkt in die Router-Software integriert ist. heise Security deckte auf, dass es damit möglich sei, den gesamten Datenverkehr des Routers umzuleiten und vollständig zu überwachen.

Welcher Partner ist empfehlenswert?

Der Exkurs zum Thema Cisco ist aufschlussreich: Sind die Stadtväter in Anbetracht der Fakten sorglos, ahnungslos, ignorant? Trauen sie keinem anderen, lokalen Unternehmen zu, das Großprojekt Smart City vertrauenswürdig zu stemmen? Wäre es nicht ohnehin sinnvoller, wenn die Hansestadt einen unabhängigen, regionalen Partner mit Investitionen unterstützen würde?

Finanzielle Budgets werden derzeit noch nicht bewegt. Doch Cisco und weitere multinationale Konzerne, wie IBM, Siemens und Co., wittern in der Zukunft große Geschäfte und wollen sich zumindest in Stellung bringen. Und Hamburg? Die Hansestadt will auf jeden Fall im internationalen Vergleich mithalten und mitspielen – in der Riege der anderen Smart Cities, wie z. B. New York, Rio de Janeiro, Barcelona, das koreanische Songdo und die Ökostadt Masdar in Abu Dhabi. Indien hat angekündigt, in den nächsten Jahren 100 Smart Cities bauen zu wollen. In Deutschland rührt der Bundesverband Smart City e.V. die Werbetrommel, die sich als „Plattform für Smart City Experten“ und als „Unternehmensschaufenster“ versteht und für den Austausch untereinander verschiedene smarte Gruppen bietet.

Versprechen der Stadt

Die Stadt Hamburg wirbt für das Projekt mit smarten Worten. Bürgermeister Olaf Scholz kündigt eine „Verbindung von technologischem und sozialen Fortschritt“ an. Wirtschaftssenator Frank Horch versichert: „Die künftigen Möglichkeiten durch die Vernetzung von Menschen, Prozessen, Daten und Objekten werden nicht nur Städte und Kommunen in ihrer Entwicklung nach vorn bringen, sondern auch den Bürgern mehr Komfort und damit Lebensqualität bieten. Unsere Verantwortung ist es, durch entsprechende Rahmenbedingungen diese Entwicklungen in die richtigen Bahnen zu lenken, damit Chancen genutzt und Herausforderungen bewältigt werden.“

  © Midas Kempcke, MassivKreativ

Menschen oder Technologie?

Smart City habe eine „verführerische“ und „erzählerische“ Komponente, sagt Charles Landry, Stadtforscher und Autor der Publikationen The Art of City Making und The Digitized City. Die Digitalisierung bringe Befreiung und Einschränkung zugleich. Der digitale Wandel habe das Konzept von Raum und Zeit tiefgreifend verändert, das „Hier- und Dort-Phänomen“ hervorgebracht, virtuell jederzeit und überall sein zu können. „Die Welt ist aufregender, aber auch invasiver geworden, der Druck ist enorm“, konstatiert Landry beim Forum d’Avignon Ruhr 2016 in Essen.

Die aktuellen Transformationen seien tiefgreifender als bei der letzten industriellen Revolution. „Geht es beim digitalen Wandel um den Menschen oder die Technologie?“, hinterfragt Landry. Damit die Smart City eine kreative und intelligente Stadt für die Menschen sein kann, brauche es mindestens fünf Kriterien, sagt der Brite.

  1. Verankerung: Menschen brauchen Heimat, Identität, Erbe und Tradition
  2. Verbindung: Menschen mögen sozialen Austausch und Netzwerke
  3. Möglichkeiten: Menschen wollen sich beteiligen, denken, planen und handeln
  4. Lernen: Menschen schätzen es, durch Herausforderungen zu wachsen
  5. Inspiration: Menschen wünschen sich neue Impulse und Anregungen

Smart City und Kreativwirtschaft

Nur wenn diese Bedürfnisse berücksichtigt werden, kann der urbane Raum mit Kreativität und Leben gefüllt werden, mit sozialem Austausch und starken Geschichten. Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft sind gefordert: Sie müssen das Wort ergreifen und die richtigen Fragen stellen: Wie wollen wir in Zukunft leben? 

Das weite Feld der Smart City darf nicht nur kommerziellen Anbietern überlassen werden. Stadtentwickler und Architekten sollten bei ihren Planungen auf Vielfalt und Lebensqualität (Umwelt!) achten, auf gemischte Nutzungskonzepte und auf die Treiber für das Wachstum von Stadtrendite (Kreativschaffende!). Stadtverwaltungen  und Eventplaner müssen Termine, Nutzungs- und Werbeflächen (Fassaden) gerecht zwischen gewerblichen und nichtkommerziellen Anbietern aufteilen, damit der Austausch zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und Netzwerken im Fluss bleibt. Auch Medien und Werbeagenturen müssen auf einen ausgewogenen Mix achten. Denn Achtung: Monokulturell und monopolistisch betriebene Städte verlieren rasch an Reiz. Bürger könnten in andere Städte abwandern, Touristen anderswo hinreisen. Ohne Arbeitskräfte und kreative Menschen müssen Unternehmen ihre Standorte verlegen, Investoren würden sich umorientieren.    

Weitere Tipps:

Chirine Etezadzadeh: Smart City – Stadt der Zukunft?: Die Smart City 2.0 als lebenswerte Stadt und Zukunftsmarkt. Springer Vieweg Fachmedien, Wiesbaden 2015.

Smart Cities: Deutsche Hochtechnologie für die Stadt der Zukunft, hg. von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Springer Heidelberg/Berlin 2011.

Charles Landry: The Digitized City, 2016.

Charles Landry: The Art of City Making, 2006.

Charles Landry: The Creative City: A Toolkit for Urban Innovators. 2000.

Anthony M. Townsend: Smart Cities – Big data, civic hackers and the quest for new utopia. Norton, New York / London 2014. 978-0-393-34978-8.

Renata Paola Dameri, Camille Rosenthal-Sabroux (Hg.): Smart City – How to Create Public and Economic Value with High Technology in Urban Space.

Film: Über die Bedeutung von Städten https://www.youtube.com/watch?v=1rXeJO7Q0gc – Urban Thinkers Campus in Mannheim

Unser Gold: Wissen kuratieren und inszenieren

Goldgewschäftsmodell Collage© MassivKreativ, Björn Kempcke

Überall wird die Wissensgesellschaft propagiert. Sie löst die Industriegesellschaft ab. Doch was genau bedeutet das? Werden wir Menschen beim Wettlauf um Informationen nicht schon längst von hochintelligenten Maschinen und Algorithmen übertrumpft? Keineswegs! Am Beispiel unseres Silberfuchs-Verlages zeige ich, dass der Mensch mit seiner Kreativität und seinem Wissen noch immer dringend gebraucht wird. Ein Plädoyer für analoges Denken, individuelles Kuratieren und leidenschaftliches Inszenieren. Eine Erklärung unseres Geschäftsmodells.

Globaler Trend: Überangebot an Informationen und Digitalisierung

Die Welt ist vollgestopft mit Informationen. Wenn wir etwas nicht wissen, fahnden wir im Internet mit Suchmaschinen und Suchwörtern. Aber sind die meist kostenlosen Inhalte auch seriös und fachlich richtig? Wurden die Informationen von interessengelenkten Lobbyismus-Kreisen lanciert? Die Quelle als Garant für Seriosität und Unabhängigkeit erschließt sich dem Webnutzer und Leser nur, wenn er den/die UrheberIn und dessen Umfeld kennt.

Warum Bewerten und Einordnen wichtig ist

Je mehr Informationen verfügbar sind, umso entscheidender wird es, sie zu bewerten, einzuordnen, zu organisieren, in Zusammenhänge zu stellen, sie in medial neu aufbereiteten Formen zu präsentieren und zu verbreiten. Informationen lediglich zu sammeln und neu zu kombinieren, genügt den Anforderungen unserer Wissensgesellschaft nicht! Wir im Silberfuchs-Verlag kuratieren und inszenieren Wissen – das ist unser Gold und unser Geschäftsmodell.

Gold Schürfen © MassivKreativ

Kuratieren

Das lateinische Wort „cura“ bedeutet „Fürsorge“ bzw. „Pflege“. Mit dem Kuratieren geht Verantwortung einher. Mit Wissen verantwortungsvoll und gewissenhaft umzugehen, gehört zum Selbstverständnis unserer Arbeit. Kuratieren ist Handwerk, Interpretation und Prozess. Auf Kuratoren trifft man normalerweise in Ausstellungen, Museen und bei Filmfestivals, ebenso in den Medien. Wir im Silberfuchs-Verlag beobachten, hören zu und stellen Fragen, wir bewerten Informationen, treffen eine sorgfältige Auswahl, ordnen Informationen ein, kombinieren und verbinden sie quer, wechseln  Perspektiven, bringen neue Erkenntnisse und eigene Kommentare ein, treffen überraschende Aussagen und präsentieren innovative Sichtweisen. Wir erzählen lebendige und inspirierende Geschichten! Wir betreiben Storytelling und Qualitätsjournalismus! Für unser innovatives Konzept der Wissensvermittlung mit Medien wurden wir 2012 mit dem Bundespreis Kultur- und Kreativpiloten Deutschland ausgezeichnet.

Inszenieren

Seit 2005 realisieren wir im Silberfuchs-Verlag Medienproduktionen verschiedenster Art: Hörbücher, Klangcollagen und Radiofeatures, klingende Visitenkarten für Firmen, mobile Hörstücke für Apps, interaktive Grafiken und Erklärtrickfilme, Filmreportagen und –Interviews, vielseitige Informationstexte, Artikel, Blogs und Ausstellungskonzepte für Museen. Bevor wir uns für die passende Inszenierung, d. h. die mediale Darstellungsform entscheiden, abhängig von Funktion und Zielgruppe, kuratieren wir Informationen und Wissen in unserem Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung. Hier planen wir im Detail, wen wir befragen, wie und wo wir Informationen recherchieren, wie wir sie sammeln, sortieren und einordnen, sie bewerten und neu strukturieren, welche Art der Medienproduktion wir realisieren und mit welchen Partnern wir kooperieren.

Gold auf Sockel_gross-transparent © MassivKreativ, Björn Kempcke

Technologischer Trend: Automatisierung

Überall wird (finanzielle) Effizienz gefordert. Bürger und Nutzer sollen daher ihre Informationen und Daten am besten selbst eingeben, die dann automatisiert über Algorithmen ausgewertet werden. Ob die Ergebnisse in der Qualität ebenso wirksam sind wie beim individuellen Kuratieren, müssen die Nutzer entscheiden, die die Portale mit Informationen über ihre persönlichen Vorlieben kostenlos füttern. Nach geheimen Rechenverfahren schlagen uns die digitalen Plattformen neue Lebenspartner, Bücher, Musik und Filme vor, geben Reise-, Einkaufs- und Styling-Tipps, schicken uns unaufgefordert Reklame, sortieren uns Nachrichten und Informationen von Freunden und Verwandten vor. Nicht der Mensch, sondern die Maschine entscheidet – nach Wahrscheinlichkeit. Weil wir unsere Geschäftspartner wertschätzen, kuratieren und beraten wir personenbezogen und individuell. Digitale Technologien nutzen wir bei der Kommunikation, der Produktion und beim Vertrieb.

438175_web_R_K_B_by_Jürgen Nießen_pixelio.de © Jürgen Nießen, Pixelio.de

Exkurs: Anfänge der Roboter

Der Kampf zwischen Menschen und Maschinen bzw. Robotern existiert, seitdem der Mensch die Maschine erfand und der tschechische Literat Josef Čapek 1920 das Wort „robot“ erdachte. Dessen Bruder Karel Čapek hatte in seinem Theaterstück „R.U.R. = „Rossums Universal-Robots“ menschähnliche Wesen auftreten lassen, die zuvor als künstliche Arbeiter in Tanks gezüchtet wurden. Als sie für die Menschen Frondienste und Zwangsarbeit verrichten müssen, revoltieren sie dagegen. Kunst als Vordenkerin von Zukunftstrends!

Sozialer Trend: Individualisierung

Ist der Prozess des persönlichen Kuratierens also noch zeitgemäß? Der wachsende Trend zur Individualisierung in der Gesellschaft spricht klar dafür. Jeder Mensch braucht neben Nahrung, Sicherheit, sozialer Gemeinschaft und Achtung vor allem persönliche Zuwendung,  Selbstverwirklichung. So sagt es Abraham Maslow mit seiner Bedürfnispyramide. Eine individuelle Wertschätzung durch Andere zu erfahren, ist uns wichtig. Und wodurch zeigt sich Wertschätzung? Indem wir Anderen unsere Zeit und Aufmerksamkeit schenken, unser Wissen weitergeben und Emotionen zeigen. Ein Beweis für unsere soziale und kreative Intelligenz. Genau das, was Maschinen und Algorithmen fehlt.

490014_web_R_K_B_by_ecko_pixelio.de © ecko, Pixelio.de

Geschäftsmodelle der Zukunft

Wie soll die Wirtschaft auf den sozialen Trend der Individualisierung reagieren? Wie müssen Dienstleistungen künftig beschaffen sein, wenn sie uns wirklich dienen sollen? Wo liegen noch ungeborgene Innovationspotenziale? Diese Frage stellte im April 2016 eine Tagung des Fraunhofer-Instituts IAO im Umweltforum Berlin: Innovationspotenziale personennaher Dienstleistungen. Für unseren Silberfuchs-Verlag und das Portal MassivKreativ war ich als Vertreterin der Kultur- und Kreativbranche auf das Podium eingeladen – mein Statement „Die Kreativbranche ist durch IT und Games Motor für technologische Innovationen. Sie bringt aber zugleich durch soziale Innovationen wichtige Impulse und enormes Gestaltungspotenzial in Wirtschaft und Gesellschaft ein.“ Das Kuratieren, die Auswahl und Bewertung von Informationen, betrifft auch andere Branchen: Gesundheit, Logistik, Handel und Tourismus. Stephan Krug von der Vamos Eltern-Kind-Reisen vermittelt seine Reisen zu 95 Prozent im Direktvertrieb. Der Neurologe Prof. Dr. Thomas Meyer gründete die digitale „Ambulanz für Amyotrophe Lateralsklerose ALS“  an der Charité Berlin. Michael Tiller präsentierte die Logistik-Plattform für seine Friedrich Zufall GmbH und Stefan Tobel das Styling- und Shopping-Portal ABOUT YOU.

Unser Geschäftsmodell setzt auf Vernetzung

Mit Wissen inspirieren und bewegen! Darauf gründen wir im Silberfuchs-Verlag unser Selbstverständnis und unser Geschäftsmodell. Je nach Projekt vernetzen wir uns interdisziplinär mit Spezialisten anderer kreativer Teilbranchen: mit Zeichnern, Grafikern und Trickfilm-Animatoren, mit Szenografen und App-Programmierern, mit Regisseuren, Kamera- und Filmspezialisten, mit Komponisten, Schauspielern, Toningenieuren, Cuttern und wissenschaftlichen Beratern. Projektabhängig generieren wir auch Community-Wissen über kollektive Intelligenz. Unseren Kernthemen sind: Geschichte, Politik und Kultur, Nachhaltigkeit, Diversity und Interkulturelles, Regiobranding und Immaterielles Kulturerbe.

header_bunt_verlagsteam_2014_eyecatcher © Silberfuchs-Verlag

Produkte für Endkunden: B2C – business to consumer

Wir vertreiben unsere Hörbuchproduktionen an Endkunden sowohl in körperlicher als auch in digitaler Form. Die CDs unserer preisgekrönten Sachhörbuchreihen Länder hören – Kulturen entdecken sind im stationären Buchhandel erhältlich, über Online-Portale und unseren eigenen Direktvertrieb an Privat- und Businesskunden, wie den Reise-Spezialanbieter STUDIOSUS. Hörbuch-Downloads können über verlagseigene und -fremde Online-Portale heruntergeladen werden. Allerdings existiert für uns im digitalen Consumer-Bereich derzeit kein tragfähiges Geschäftsmodell: Da die Amazon-Tochter audible im Downloadbereich einen Marktanteil von 90 % besitzt, erzwingt sie kundenfreundliche Flatrate-Modelle, die für die Verlage zu außerordentlich niedrigen Erlösen führen. Wir experimentieren derzeit mit „Guerilla-Marketing“-Tools, z. B. verlinken wir kostenlose Hörproben-Widgets auf den Websites von Reise- und Jugendaustauschportalen und Bloggern. Bein Anklicken des Widgets werden die Nutzer über eine digitale Schnittstelle direkt zu unserem Downloadshop geführt.

Produkte und Dienstleistungen für Geschäftskunden: B2B – business to business

Wir realisieren für Geschäftskunden Tonträger und digitale Medienproduktionen, die wir auch unterlizenzieren, z. B. an Wissensportale der Bundesregierung (Auswärtiges Amt), an Stiftungen (Konrad Adenauer Stiftung) und Bildungsinstitutionen (Landeszentralen und Bundeszentrale für politische Bildung, Nordkirche). Wir arbeiten für Kulturfestivals (Schleswig-Holstein Musik Festival, Händelfestspiele), Stadtverwaltungen (Hamburger Senat) und Unternehmen (LBBW, BLG Logistics, Deutsche Bahn).

Lebenslanges Lernen

Mit eLearning, Moodle und MOOCs soll das neue, lebenslange Lernen leichter werden. Wir unterstützen diesen Trend mit unseren digitalen Medienproduktionen, zum Beispiel zum Thema Nachhaltigkeit.

Mobiles Wissen

Auf Wunsch unserer Auftraggeber erreichen wir Zielgruppen auch mobil an ungewöhnlichen Orten: Über die weltweit verfügbare GPS-gesteuerte Audio-App von unserem Partner audioguideMe bringen wir kuratiertes Wissen in den urbanen Raum an pulsierende Orte mit passendem inhaltlichen Bezug.
– klingende Visitenkarten für Unternehmen
– Entdeckerrouten für Tourismusanbieter, Hotels, Gastronomie, Nahverkehr, Stadtverwaltung
– Objekte und Geschichten aus Ausstellungen und Museen
– Leitideen von Bildungsinstitutionen, Stiftungen und öffentlichem Sektor

Die Nutzer-Community kann die mobilen Geschichten kommentieren und selbst Audios aufnehmen. Bei öffentlichen Ereignissen, z. B. dem Hansetag in Lübeck, können Live-Aktionen mit Social Media als „Hybrid-Events“ verknüpft werden.

audioguideMe_Smartphone_HanseHB_Störtebecker audioguideMe_Smartphone_Lübeck_DomaudioguideMe_Smartphone_HanseHB_Profil © audioguideMe

Innovative Kreativ-Workshops

Häufig konzipieren wir mediale Produkte in Kreativworkshops in Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber. Wir initiieren „Informations- und Innovations-Communities“ in Kombination mit analogen und virtuellen Arbeitsräumen. Auftraggeber können sich darüber mit Kunden, Klienten, Besuchern, Publikum verbinden, austauschen und Nutzererfahrungen generieren.

Beispiel: Deutsches Historisches Museum Berlin

Für das dhm habe ich eine Ausstellung über das Immaterielle Kulturerbe (IKE) in Deutschland konzipiert: über Feste, Bräuche, Wissen, Handwerkstechniken, gemeinschaftliche Organisationsformen usw. In unserem Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung organisieren wir für Mitarbeiter des Museums und der Deutschen UNESCO-Kommission einen kreativen, abteilungsübergreifenden Workshop. Immaterielles Kulturerbe entsteht aus gemeinschaftlicher Teilhabe. Sowohl die IKE-Akteure werden mit ihrem Wissen und Wirken eingebunden als auch die Besucher-Community, die eigene IKE-Themen in die Ausstellung einbringen kann. In Foren teilen und diskutieren wir die Ideen mit der Community (Kundenbindung und -Service).

Peer-to-peer: Erfahrungen der Kultur- und Kreativbranche nutzen

Alle Wirtschaftsbranchen suchen derzeit nach neuen Geschäftsmodellen. Unser Aufruf: Greifen Sie auf die Erfahrungen der Kultur- und Kreativbranche zurück. Sie sind häufig Vordenker und Pioniere für neue Trends: Co-Working, Crowd-Sourcing, Sharing, Digitalisierung, Individualisierung, BigData, 3D-Druck usw. Die Herausforderung für die klassische Wirtschaft besteht darin, neben neuen Produkten vor allem neue Dienstleistungen und Service-Angebote zu entwickeln, die sich an individuellen Kundenbedürfnissen orientieren. Welche neuen Anwendungsmöglichkeiten gibt es? Welche Produkte, Dienstleistungen, Services lassen sich neu kombinieren und übertragen? In den Innovationsprozess sollten Kreativschaffende unbedingt einbezogen werden. Über best-practice-Beispiele berichten wir live bei Tagungen, Kongressen, Podiumsdiskussionen und Netzwerk-Veranstaltungen und geben Handlungsempfehlungen.

Akteure der Kultur- und Kreativbranche bringen wertvolle Fähigkeiten ein:
– sie denken und arbeiten branchenübergreifend und interdisziplinär („Kreativ-Teams“)
– sie wechseln Perspektiven und hinterfragen Routinen („out of the box“)
– sie stellen sich mutig und gerne neuen Herausforderungen („das weiße Blatt“)
– sie bearbeiten aktuelle Herausforderungen mit gesellschaftlicher Relevanz
– sie sind intrinsisch motiviert, arbeiten hartnäckig und iterativ an Lösungen

Rund_maschine Entenwerder © MassivKreativ, Antje Hinz

Innovationsschürfer-Workshops

Mit peer-to-peer Workshops möchten wir im Silberfuchs-Verlag unser Wissen weitergeben und unsere  Partner professionalisieren, selbst zu Innovatoren, Akteuren und Produzenten zu werden. Neue Ideen, Geschäftsmodelle und Szenarien können Unternehmen am besten in Workshops und bei Interventionen entwickeln – mit Unterstützung von Akteuren aus der Kultur- und Kreativbranche. Wissensmanagement, Diversity, Personalgewinnung und Mitarbeiterbindung: Die Herausforderungen für Unternehmen gleichen sich. Wir stellen unsere Erfahrungen und Fähigkeiten zur Verfügung: die richtigen Fragen zu formulieren, querzudenken, Perspektiven zu wechseln, interdisziplinär zu arbeiten, DesignThinking …

Wir haben wirksame und praxisnahe Workshops entwickelt, die das Potenzial und Wissen Ihrer Mitarbeiter wachsen lassen. Passende Informationen und richtige Erkenntnisse sind das neue Gold in unserer Wissensgesellschaft, nach dem wir gemeinsam mit Ihnen schürfen. Wenn Sie sich auf das Innovationsabenteuer einlassen, führen wir Sie und Ihre Mitarbeiter zu lukrativen Fundgruben.

BEISPIELE UND ANGEBOTE:

(1) Kunden-Wissens-Communities:

Im Auftrag von Unternehmen bilden wir „Informations-Communities“ (online und offline). Mit ihrer Hilfe können Firmen rasch auf neue Bedürfnisse der Kunden reagieren. Die Community wird zunächst online organisiert bzw. angeleitet, sich zu organisieren. Später wird sie offline in kreativen, möglichst interdisziplinären Innovationsworkshops mit den Firmenmitarbeitern verbunden. Auch Studenten von Hochschulen und Universitäten werden eingebunden.

(2) Mitarbeiter-Communities: Innovatives Wissensmanagement

Wir professionalisieren die Mitarbeiter im Wissensmanagement: Wie sollten notwendige (neue) Informationen schnell und effektiv ermittelt und beschafft werden, wie können Mitarbeiter effektiv beobachten, recherchieren, Interviews führen, Fragetechniken erarbeiten, Informationen strukturieren, aufbereiten, präsentieren?

Wir leiten den Aufbau eines firmeneigenen sozialen Intranets an – mit digitalen Arbeitsräumen für Mitarbeitergruppen, für Innovationprojekte, für innovative und kulturelle Communities. Wir organisieren Innovationsworkshops (offline) und virtuelle Arbeitsräume, um ungenutzte Potenziale der Mitarbeiter besser zu ermitteln und zugänglich zu machen.

(3) Mitarbeiter-Communities: Authentisches Veranstaltungsmanagement

Wir professionalisieren Unternehmen, ihre Veranstaltungen und Medien selbst zu gestalten, d. h. aus den Reihen der Mitarbeiter und ohne Unterstützung fremder  Agenturen. So gelingt die Fokussierung auf eigene Mittel: Potenzial-Analyse, Entwicklung von Ideen und Kreativ-Bausteinen, Realisierung der Kreativ-Bausteine

  1. a) Veranstaltungen: Messen, Firmenjubiläum, Tag der offenen Tür
  2. b) Medien: Firmenblog (soziales Intranet oder öffentlich), Audioguide, Klangcollagen, Film, Interviews, Flashmobs, (Comic-)Zeichnungen, Fotocollagen, Kalender, Postkarten …

(4) Künstlerische Interventionen zur Mitarbeiterbindung und Nachwuchsgewinnung

Eine Künstlerische Intervention bedeutet, eine unternehmerische Fragestellung mit einer konkreten künstlerisch-kreativen Methode zu  bearbeiten. Auf der Basis von Recherchen und Gesprächen werden Interessen und Potenziale der Mitarbeiter ermittelt und je nach persönlichen Fähigkeiten, Neigungen und Talenten künstlerisch-kreative Aktionen erdacht und umgesetzt. Mögliche Themen: Wissensmanagement, Nachhaltigkeit, Diversity als Wettbewerbsvorteil.

735458_web_R_K_B_by_Sweder van Rencin_pixelio.de  © Sweder-van-Rencin, Pixelio.de

Digitale und virtuelle Experimentierräume in Kooperation mit Hochschulen

Als Experimentierfelder betreiben wir im Silberfuchs-Verlag verschiedene Online-Portale, um in Kooperation mit Medienstudiengängen neue Geschäftsmodelle und neue Technologien zu testen, z. B. Live-Stream, Augmented und Virtual Reality, Hybrid-Events usw.

  1. www.massivkreativ.de

Antje Hinz berichtet über die Kultur- und Kreativwirtschaft, über Open Innovation und Künstlerische Interventionen, Kreativakteure und Intermediäre, Innovatoren und Inspirateure, über Kreativforscher und Kreativquartiere, über Daten, Fakten und innovative Publikationen zum Thema. MassivKreativ informiert, inspiriert und interagiert. Das Portal ist unser Akquise-Tool zum Thema Kreativwirtschaft für Tagungen, Innovationsworkshops, Künstlerische Interventionen und mediale Auftragsproduktionen.

  1. zukunft-leben-nachhaltigkeit.org

Das Lern- und Infoportal von Corinna Hesse über die nachhaltige Entwicklung unserer Welt entstand mit Elementen aus dem Hörbuch „zukunft|leben – Wissen aktuell: Nachhaltigkeit“, mit Educasts, Audio- und Videoclips, Erklärtrickfilmen, Animationen, Podcasts, Vodcasts und  Medienlounge in Kooperation mit dem Fachbereich Gestaltung der Hochschule Wismar. Das Portal dient uns als  Akquise-Tool zum Thema Nachhaltigkeit für Kongresse, Innovationsworkshops, Künstlerische Interventionen und Auftragsproduktionen.

633324_web_R_K_B_by_Rosel Eckstein_pixelio.de © Rosel Eckstein, Pixelio.de

Portal für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern

In der Konzeptionsphase befindet sich unser interaktiver, multimedialer Online-Marktplatz für kreative Dienstleistungen und Produkte in Mecklenburg-Vorpommern. Das Kreativportal MV ist eine journalistische Internet-Plattform mit integrierter Datenbank für Firmen und Freiberufler der Kultur- und Kreativwirtschaft sowie für Unternehmen klassischer Branchen in Mecklenburg-Vorpommern. Ziel dieser branchenübergreifenden Marketing- und PR-Maßnahme ist es, die Branchen untereinander zu vernetzen sowie die Sichtbarkeit der Kreativbranche signifikant zu erhöhen. Dies soll die branchenübergreifende Zusammenarbeit in MV überregional, effektiv und langfristig stärken und erweitern. Das Portal stellt einerseits aktuelle Informationen bereit, um Innovationen und neue Geschäftsfelder vorzustellen, und trägt andererseits wirksam dazu bei, persönliche Kundenkontakte zu vermitteln und Netzwerke nachhaltig zu fördern. Das enorme Wertschöpfungspotential durch die Kultur- und Kreativwirtschaft in MV wird redaktionell in best practice-Beispielen aufbereitet. Die Teilmärkte der Branche werden vorgestellt und ihre Relevanz für MV mit aktuellen Beispielen verdeutlicht. PR und Marketing werden wirksam verknüpft: Das Kreativportal gliedert sich in zwei Bereiche: redaktionelle Berichterstattung inkl. einem monatlichen Newsletter und Datenbank/Onlinemarktplatz. Ergänzend wird ein geschlossener Bereich (Intranet) für registrierte Nutzer eingerichtet (Mitglieder-Forum und virtuelle Arbeitsgruppen).

Teilhabe und kollektive Intelligenz: C2B – consumer to business

Bürger schaffen Wissen: Beispiel Regiobranding Lübeck – Nordwestmecklenburg  Was macht eine Region unverwechselbar? Wie lassen sich Alleinstellungsmerkmale, z. B. Geografie, Natur, Kultur, Bräuche, Kulinarik, Handwerk usw., in Werte setzen und nach außen präsentieren? Welche Chancen ergeben sich daraus für den Tourismus? In unseren interdisziplinären Kreativworkshops ermitteln wir gemeinsam mit Bürgern der Region die Potenziale: Mitarbeiter von Kommunen und Verwaltung, von Umweltverbänden, aus Bildung und Wissenschaft, aus Tourismus, Verkehr, Gastronomie, Hotellerie, aus Baubranche und Gebietskörperschaften, aus Kirche, Verbänden und Ehrenämtern. Im peer-to-peer Verfahren professionalisieren wir die Bürger, ihre Region auch medial zu inszenieren, z. B. mit innovativen Entdeckertouren, Filmen, Fotos, Klang-Collagen usw. Eingebunden werden die Medien in eine mobile GPS-gestützte App.

Die Frage nach dem: WARUM?

Individuelles und kollektives Wissen wird zur Grundlage unseres Zusammenlebens, in sozialer, ökonomischer und auch in medialer Hinsicht. Woran auch immer wir in unserem Silberfuchs-Verlag tüfteln, egal welche Fragen wir stellen, zu welchen erstaunlichen Lösungen und Antworten wir gelangen: Angetrieben werden wir von grundlegender Neugierde und Lust an Veränderungen. Wir möchten Menschen mit Wissen inspirieren und bewegen, ein Leuchten in den Augen entfachen.  Es heißt: Wissen sei Macht. Noch machtvoller ist kuratiertes Wissen, mit dem inspirierende Geschichten voller visionärer Kraft erzählt werden können. Genau das braucht unsere Gesellschaft dringend!

Antje Hinz

Auf einen Blick: Silberfuchs-Verlag – Profil und Portfolio

 

„Wir ertrinken in Informationen und hungern nach Wissen.“
John Naisbitt, US-amerikanischer Trend- und Zukunftsforschung

„Alles Wissen und alles Vermehren unseres Wissens endet nicht mit einem Schlußpunkt, sondern mit einem Fragezeichen.“
Hermann Hesse, deutscher Schriftsteller und Dichter

Fablabs und Makerspaces: Digitalisierung und Industrie 4.0

FabLab HH_00_Antje © Antje Hinz, MassivKreativ.de: FabLab in Hamburg

Kaum eine Branche ist von den Auswirkungen der Digitalisierung so stark betroffen wie die Kultur- und Kreativbranche. Sie ist Innovationsmotor in der vernetzten Welt. Von ihren Erfahrungen können auch andere Branchen der klassischen Wirtschaft lernen und profitieren.

Literatur, Musik und Filme sind nicht nur über Bücher, CDs und DVDs verfügbar, sondern auch im Internet. Neue Erlösmodelle wurden gefunden und entferntere Märkte erschlossen. Über Online-Portale lassen sich Kundenkreise auch grenzüberschreitend erreichen, durch Algorithmen und Werbung noch gezielter ansprechen.

Erkenntnisse aus der Kultur- und Kreativwirtschaft nutzen

Doch Fakt ist: Die Nutzungslizenzen der Online-Portale bieten für die meisten kreativen Urheber noch keine Lebensgrundlage. Bestehende Verfahren müssen stetig optimiert und hinterfragt werden: Welchen Wert haben kreative Inhalte und geistige schöpferische Leistungen? Erkenntnisse aus der Kultur- und Kreativwirtschaft können von der klassischen Industrie genutzt werden. „Industrie 4.0“ ist die vierte industrielle Revolution nach Mechanisierung, Massenproduktion und Automatisierung. Sie verändert die Rolle des Menschen in der Arbeitswelt radikal. Maschinen übernehmen monotone Prozesse, sind miteinander vernetzt und steuern sich selbst. Längst rollen Saug-, Wisch- und Mähroboter durch unsere Wohnungen und Gärten, wenn auch noch eher nach dem Zufallsprinzip. Experten schätzen, dass in den nächsten 4 Jahren weltweit etwa 30 Millionen Hilfsroboter verkauft werden.

FabLab HH_01_Antje © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Roboter als Attraktion

Die Münchner Firma Magazino, ein Start-up der TU München, hat Greifarme entwickelt, die auf Knopfdruck Medikamentenpackungen ein- und aussortieren kann. Die Logistikbranche verwendet inzwischen eine Vielzahl an „Pick-and-Place Systemen“. Andere setzen Roboter als verkaufsfördernde Attraktion ein: In den Berliner und Münchner Konzeptstores von „Solebox“ rangiert ein weiß glänzender Maschinenmensch vor den Augen der Kunden den gewünschten Trendschuh aus dem Hochlager direkt zum Anprobieren in den Verkaufsraum.

FabLab HH_02_Antje © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Spielerische Anreize zur Motivation nutzen

Dennoch wird der Mensch nicht in allen Bereichen zu ersetzen sein. Die durchdigitalisierte Filmbranche etwa setzt nach wie vor auf das Handwerk von Geräuschemachern. Bis ein Sounddesigner die richtige Tonkonserve am Computer gefunden hat, erzeugt der footstep-artist die passenden Schritte oder das Spiegelei in der Pfanne geschickt per Hand in einem Bruchteil der Zeit. So wie der Geräuschemacher Carsten Richter. Der Mensch wird auch in Zukunft seine Nischen finden, vorausgesetzt er bildet sich ständig weiter. Lebenslanges Lernen wird Herausforderung und Pflicht. In unserer Wissensgesellschaft wird jeder ständig dazulernen müssen – bis ins hohe Alter. Hier sind Motivation und Anreizsysteme gefragt. Die Kultur- und Kreativwirtschaft, vor allem die Gamesbranche, vernetzt sich schon heute mit Bildungsinstitutionen, um Lernende mit kreativen und spielerischen Elementen zu unterstützen.

FabLab_Antje_A01 © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Beispiel: Content-Portale

Wie in der Kultur- und Kreativwirtschaft nutzt auch die Industrie offene Online-Plattformen mit Konstruktionsplänen, virtuellen 3D-Modellen, Patenten. Darauf bauen wiederum neue Wertschöpfungsketten auf, die auf Erfindergeist und Individualität basieren. Die Gamesindustrie wäre heute undenkbar ohne 3D-Modelle. So wie das Onlinelexikon Wikipedia stetig von der Wissensgemeinschaft erweitert wird und gemeinsam ein regional adaptierbares WikiHouse entwickelt hat, arbeiten auch auf der Plattform „OpenStructures“ Designer, Konstrukteure und Architekten kollaborativ an neuen Entwürfen.

Die Organisation Open Source Ecology bietet auf ihrer modularen Plattform Baupläne von 50 verschiedenen industriellen Maschinen, die sich im Eigenbau zu einem Bruchteil der üblichen Kosten herstellen lassen sollen.

FabLab HH_08_Antje  © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Beispiel: Maker Economy für neue Wertschöpfungsketten

Die Produktion der Zukunft wird sich immer stärker am Kundenbedarf ausrichten. Neben Big Data-Erkenntnissen werden kommunikative und kreative Kompetenzen weiterhin gebraucht, um die Wüsche der Nutzer passgenau zu erfüllen. Gefragt sind Produkte in Einzel- und Kleinserien mit hoher Typen- und Variantenvielfalt. Jeder kann zum Produzenten werden und Dinge für den täglichen Gebrauch selbst herstellen – mit Datenbanken im Internet, 3D-Drucker und Laser-Cutter. Die neue „Maker Economy“ verbindet Do-It-Yourself-Ideen mit digitaler Technik. Große Unternehmen können Prototypen und Kleinserien bei kreativen Einzelunternehmern um die Ecke produzieren lassen und gefragte Produkte schneller am Markt anbieten. Nicht abwegig, dass ein 3-D-Drucker erst im Transportlaster auf der Fahrt zum Kunden das gewünschte Teil in Form bringt. Zahnärzte nutzen die Technik für maßgeschneiderte Implantate schon länger. Die Autoindustrie zieht nach: Die Hamburger Firma Meyle fertigt z. B. seltene Ersatzteile für Oldtimer im 3D Druck.

FabLab HH_09_Antje © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Idee des Teilens: Techshops, FabLabs, Makerspaces

Die Idee des Fabrication Laboratory stammt aus den USA vom Massachusetts Institute of Technology, dem Center for Bits and Atoms. FabLabs sollten ursprünglich Menschen aus sozial schwachen Regionen eine kostenlose technische Weiterbildung bieten sowie die Möglichkeit zum Realisieren eigener Ideen. Dazu stehen ihnen nicht-kommerzielle Werkstätten mit computergesteuerten Maschinen zur Verfügung. „Techshops“ und „Fablabs“ sind auch für Start-ups und Kleinunternehmer attraktiv, weil sie meist nur über begrenztes Budget verfügen. In Deutschlands neuen Hightech-Werkstätten treffen Einzelunternehmer, Erfinder, Handwerker und Internet-Spezialisten aufeinander, feilen an Prototypen und am Produktdesign. Sie entrichten sie einen Monatsbeitrag wie in einem Verein und können dafür die vorhandenen Geräte nutzen – so oft und so lange sie wollen: 3D-Drucker, Laser, Vinyl-Cutter, Metallfräsen, Stahlpressen, Bügelpressen, Nähmaschinen, Lötkolben und Computer. Neben den Geräten werden auch Wissen und Erfahrungen geteilt.

FabLab_Antje_10 © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Kreativität aufspüren und trainieren

Je kürzer die Lebenszeiten von Produkten sind, umso kontinuierlicher muss der Produktionsprozess verbessert und Fehler reflektiert werden. Dafür ist das Engagement der Mitarbeiter gefragt, ebenso Eigenverantwortung und Kreativität. Diese Kompetenzen lassen sich im Rahmen von Workshops und künstlerisch-kreativen Aktionen trainieren. Lassen sie sich dabei von Akteuren aus der Kultur- und Kreativbranche unterstützen!

FabLab HH_06_Antje © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Inspirationstipps:

  • Film über Roboter in den Konzeptstores von Solebox
  • Community-Plattform für den Bau eines Wiki-Hauses, das sich an regionale Gegebenheiten anpassen lässt
  • modulare, kostengünstige, leistungsstarke Plattform der Organisation Open Source Ecology mit Bauplänen für den Eigenbau von 50 verschiedenen industriellen Maschinen
  • Studie des Fraunhofer-Instituts IAO: Produktionsarbeit der Zukunft – Industrie 4.0

Open Innovation: Innovationen fallen nicht vom Himmel

464556_web_R_K_B_by_JMG_pixelio.de © JMG, Pixelio

Wer über Globalisierung und Demografie, Nachhaltigkeit und Vielfalt nachdenkt, kommt automatisch zu der Erkenntnis, dass es ohne „open innovation“, also ohne interdisziplinäre, branchenübergreifende Vernetzung heute nicht mehr geht. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist hier Vorreiter: Architekten lenken bei Bauprojekten um die 20 verschiedenen Gewerke. Im Theater vermitteln Regisseure sogar zwischen 50 verschiedenen Berufsgruppen: Kunst und Marketing, Verwaltung und Organisation, Handwerk und Technik. Vermitteln und Querdenken ist für Akteure der Kreativbranche Tagesgeschäft und erfordert eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz. Davon kann die klassische Wirtschaft profitieren. Künstler kennen keine Routinen, am Anfang steht immer das „weiße Blatt“. Was sie schon geschaffen haben, wird hinterfragt, um Neues schöpfen zu können.

Themenfelder für interdisziplinäre Projekte
Bisherige Kooperationsprojekte zwischen klassischer Wirtschaft und Kultur- und Kreativbranche verliefen vielversprechend – zu Themen wie Industrie 4.0 und Digitalisierung, Design und Produkterweiterung, Marketing und Kommunikation, Logistik und Kundenservice, Strukturwandel und Mitarbeiterführung, Nachhaltigkeit und Diversity. Von den Impulsen der Kreativbranche können Unternehmen nur profitieren und so neue Herausforderungen meistern. Andreas Heyer, Vorsitzender Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen, findet, dass Unternehmen viel zu selten über den Tellerrand schauen: „Ein Absolvent aus der Kulturwirtschaft sieht die IT-Branche aus einem ganz anderen Blickwinkel als eine IT-spezifische Beratungsagentur. Das ist der große Mehrwert, dass hier andere Denkmuster zum Tragen kommen.“

Kreativität ohne Feierabend
Wenn klein- und mittelständische Unternehmer über die Zusammenarbeit mit Künstlern und Kreativen berichten, schwingt immer viel Anerkennung und Begeisterung mit – über die Ernsthaftigkeit und den Biss der Kreativen bei der Bewältigung eines Problems. Kreative schauen nicht auf die Uhr. Sie testen Ideen und Alternativen so lange, bis sie die Herausforderung geknackt haben. Auch wenn sie nicht mehr am Schreibtisch sitzen, suchen sie im Kopf weiter nach Lösungen.

Kontaktanbahnung
Noch sind es meist die Kreativen, die Kontakt zu den Unternehmen suchen, um alternative Denkmuster anzubieten. Doch Kaltakquise ist schwierig. „Man braucht zunächst mal Vertrauen“, bestätigt Geschäftsführer Clemens Kreyenberg von der Kreyenberg GmbH. Bevor er zwei junge Künstlerinnen für eine kreative Intervention zum Thema „Mensch und Maschine“ in seine Firma holte, hatte er sie bei einer Veranstaltung der Initiative „Unternehmen! KulturWirtschaft“ am Nordkolleg Rendsburg kennen gelernt. Beim Stehbuffet war die Sympathie füreinander sofort da.

Begegnungsräume und Berührungsängste
Gebraucht werden Anlässe und Räume, in denen sich Unternehmer und Kreative in ungezwungener Atmosphäre auf Augenhöhe begegnen und austauschen können. Beide Seiten merken dann schnell, wie ähnlich sie sich in vielen Punkten sind: Auch Unternehmer denken und handeln kreativ. Auch Künstler bzw. Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten professionell und zuverlässig.

Yes to Innovation_Robert KesslerRobert Kessler_Yes to Innovation 2 © Robert-Kessler.de

Mit Kunst Bewusstsein für Innovation schaffen
Robert Kessler hat mit seinem Kunstwerk Yes to innovation die Bedeutung von Innovation veranschaulicht – im Auftrag des Unternehmens Roche Diagnositics. Der Standort in Penzberg ist weltweit der einzige, an dem das Unternehmen zugleich Forschung, Entwicklung und Produktion für Diagnostik und Pharma betreibt. Kessler führte viele Gespräche mit Mitarbeitern, um Struktur, Befindlichkeiten und Visionen im Unternehmen zu verstehen. Auf dieser Basis realisierte er „Yes to innovation“ – ein interaktives Kunstwerk, in deren Zentrum eine riesige, runde, begehbare Gleichgewichtsplatte versenkt ist. Oberhalb des Randes sind gegensätzliche Begriffe eingraviert, die Innovation entweder vorantreiben oder behindern: Freiheit, Offenheit und Vertrauen im Gegensatz zu Angst, Abwertung und Misstrauen. Je nachdem, wie viele Menschen auf der Platte stehen und sie austarieren, werden die Begriffe sichtbar. Am Außenradius befindet sich eine halbkreisförmig gebogene schwarze Stahlwand mit kleinen, runden beweglichen Spiegeln. Gemäß der Anzahl der Mitarbeiter im Unternehmen fangen sie das Sonnenlicht ein. Jeder hat hinter seinem Spiegel auf Papier eine persönliche Botschaft hinterlassen und wird somit Teil der neuen Schöpfungsgeschichte im Unternehmen.

Aufruf: Ihr Weg zur Zusammenarbeit mit der Kultur- und Kreativbranche
In jeder Stadt und jeder Region finden Sie Netzwerke und Verbundplattformen von Kreativen. Auch Wirtschaftsförderungen und IHKs kennen geeignete Vermittler bzw. Akteure. Die Wirtschaftsförderungen in Bremen und Dortmund haben für klein- und mittelständische Unternehmen Design- und Innovationslabors initiiert, in denen konkrete unternehmerische Fragestellungen von Kreativ-Teams interdisziplinär bearbeitet werden. Lassen Sie sich bei Ihren Herausforderungen von kreativen Querdenkern unterstützen! Was Sie in Ihrem Unternehmen vielleicht selbst nicht ergründen, entdecken kreative Spezialisten. Gehen Sie mit Vertrauen in den Kollaborationsprozess, haben Sie Mut für offene Ergebnisse.

Sie als Unternehmer können zu diesen interdisziplinären Think Tanks und Kreativ-Netzwerken Kontakt aufnehmen:

● KREATIVE DEUTSCHLAND: überregionales Netzwerk und Plattform, getragen von den Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft, hier finden Sie Kontakte und Ansprechpartner zu regionalen Netzwerken der Kreativbranche: www.kreative-deutschland.de

● KULTURGILDE: Verband, Interessenvertretung und Plattform für Kreativnetze und Verbundprojekte der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland: www.kulturgilde.de

● Das INNOVATIONSLABOR – Virtueller Innovationsinkubator für technologiebasierte Verwertungs- und Geschäftsideen, Projekt von „Der Innovationsstandort e.V.“, koordiniert von der Stadt und der Wirtschaftsförderung Dortmund: www.das-innovationslabor.de

● Das BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen. Kreative Nachwuchskräfte erarbeiten unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze: www.brennerei-lab.de

• Die Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg vermittelt und begleitet Interventionen mit Kreativschaffenden und Künstlern in Unternehmen zu einer konkreten unternehmerischen Fragestellung.

Weitere Quellen und Inspirationstipps:

● Filminterviews zur Künstlerischen Intervention „Mensch und Maschine“ mit Geschäftsleitung, Mitarbeitern und Künstlern bei der Kreyenberg GmbH von Antje Hinz: http://www.massivkreativ.de/mensch-und-maschine-flashmob-bei-der-kreyenberg-gmbh/

● Film über das Kunstwerk „Yes to innovation“ von Robert Kessler: https://www.youtube.com/watch?v=RC61k1ttCzc

● Der US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler Henry William Chesbrough prägte den Begriff „Open Innovation“. Er leitet das Center for Open Innovation, Haas School of Business, University of California, Berkeley. Bücher zum Thema: Open Innovation: The New Imperative for Creating and Profiting from Technology (HBS Press, 2003), Open Business Models: How to Thrive in the New Innovation Landscape (HBS Press, 2006), Open Innovation: Researching a New Paradigm (Oxford, 2006).

High Heels und Kokosnüsse: Analoges Arbeiten im Digitalen Umfeld

© MassivKreativ

Im Reich der Schuhe

Carsten Richter kann jeder Frau Konkurrenz machen: Über 100 Paar Schuhe zählt er sein eigen. Richter ist Geräuschemacher und arbeitet vor allem für den Film. Schritte sind in seinem Business nach wie vor am meisten gefragt. Im Englischen wird der Geräuschemacher daher nicht nur „foley artist“, sondern umgangssprachlich auch „footstep artist oder „walker“ genannt.

Seit den Anfängen des Tonfilms in den 20er Jahren vertonen Geräuschemacher Bilder auf der Leinwand in Echtzeit. Auch wenn das Thema Digitalisierung heute im Filmgeschäft eine wichtige Rolle spielt, hat sich das Handwerk des Geräuschemachers kaum verändert. Bei Carsten Richter ist alles handgemacht, Klängen aus der Tonkonserve arbeitet er nicht. Es würde auch viel zu lange dauern. Mit schlafwandlerischem Gespür erzeugt Richter den passenden Klang zur richtigen Zeit.

Trickkiste mit Überraschungen

Im Interview öffnet Richter seine Trickkiste und gibt unterhaltsam Einblick in sein kreatives Handwerk: Pferdegetrappel erzeugt Richter wahlweise mit Kokosnüssen oder echten Hufen. Mit Herren- und Damenschuhen schafft er akustische „Lauf-Panoramen“ und regt mit einer Vielzahl kreativer Utensilien die Phantasie an. ER lässt Kutschen fahren, schlägt Spiegeleier mittels Tischtennisball in der Pfanne, lässt Blumen im Wind säuseln, Insekten fliegen, hüpfen, summen und schnarren, Sektkorken knallen, Türen quietschen und Verdauungsorgane rumoren.

Das Interview entstand im Rahmen des „klingt gut!-Symposiums“ im neugestalteten Tonlabor der HAW Hamburg auf dem Mediencampus Hamburg/Finkenau.

Carsten Richter, Geräuschemacher: Tonwandel (Potsdam und Berlin)

Mediencampus Hamburg/Finkenau der HAW, Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg: Klangsymposium