Was das Grundeinkommen für die Kreativszene bedeuten würde …

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Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln … Mit welchen Hürden und Herausforderungen haben Kreativ-Akteure vor allem zu kämpfen? Was würde das bedingungslose Grundeinkommen in der Kreativszene bzw. der Kultur- und Kreativwirtschaft bewirken? Einige Gedanken dazu …

Tag für Tag verschwendet unsere Gesellschaft ihr Potenzial! Diejenigen, die eigentlich Ideen für den Aufbruch in unsere Wissensgesellschaft produzieren sollen, müssen sich mit perspektivlosen Brotjobs und sinnlosen Projektanträgen für Fördermittel über Wasser halten.

Wie viel rascher könnte unser Land (der Dichter und Denker) mit seinen sozialen und technologischen Innovationen vorankommen und sich weiterentwickeln, wenn der Grundbedarf für das Leben gesichert wäre. Wissenschaftler, Journalisten, Kreativschaffende, Designer, Architekten, Künstler und Mitarbeiter von NGOs könnten sich fokussiert den Aufgabenstellungen unserer Zeit und Gesellschaft widmen, Lösungsansätze simulieren und testen, statt um ihr tägliches Auskommen zu ringen, um Miete, Versicherung und – nicht zuletzt auch um Fördergelder für kreative Vorhaben.

Förderanträge als Zeitkiller
Anträge auf staatliche Mittel oder Stiftungsbudgets für soziale und kulturelle Projekte sind oft so umfangreich, dass die freiberuflich tätigen Initiatoren für ihre Ausarbeitung Wochen an Arbeitszeit aufwenden müssen. Dies gilt vor allem für EU-geförderte Projekte. In dieser Zeit erhalten die engagierten Kreativen kein Geld. Bis die Anträge von Behörden und Institutionen bearbeitet und im Idealfall bewilligt sind, gehen wieder Wochen ins Land. Wird der Antrag abgelehnt, haben die Akteure völlig umsonst gearbeitet und müssen nach dem nächsten Förderprogramm Ausschau halten …  eine Endlosspirale!

Aufgabenverteilung_Kultur macht Schule_Prognos © Kultur macht Schule, Evaluation Prognos AG, S. 12

Beispiel Programm „Kultur macht Schule“

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat im Mai 2016 aktuelle Zahlen und Fakten sowie die Evaluationsergebnisse zum Gesamtprogramm „Kultur macht stark“ veröffentlicht, die die Prognos AG erhoben und ausgewertet hat. Demnach wandten die Bündniskoordinatoren die mit Abstand meiste Zeit für die Antragstellung sowie die finanzielle Abwicklung und Abrechnung auf. Zu den Bündniskoordinatoren zählen Vereine und kulturelle Bildungseinrichtungen, wie z. B. Musik-, Jugendkunst- und Kulturschulen sowie Volkshochschulen.

In die unmittelbare Durchführung der kulturellen Bildungsangebote, die ja primär im Fokus stehen sollte, konnten die Bündnispartner, vor allem Künstler und Kunstpädagogen, nach eigenen Angaben nicht mal ein Drittel ihrer Zeit investieren. Eine validere Statistik wäre allerdings wünschenswert, denn bei der Befragung waren Mehrfachnennungen möglich, d. h. es wurden keine absoluten Prozentzahlen erhoben.

Was das Beispiel „Kultur macht Schule“ dennoch zeigt: An öffentlichen Ausschreibungen können sich eigentlich nur Antragsteller aus festen Beschäftigungspositionen heraus beteiligen. Wegen des enormen Zeitaufwandes ist das Risiko für Freiberufler, hier vergebens unbezahlte Arbeit  leisten zu müssen, enorm hoch. Zumal die Antragsbewilligung meist völlig offen ist. Ob sich die bürokratischen und zeitlichen Hürden für Förderanträge von vornherein verringern bzw. begrenzen lassen, können die Projekt ausschreibenden Institutionen nur selbst entscheiden.

Das alles führt in der Praxis dazu, dass nicht institutionell gebundene, freiberufliche Kreativ-Akteure formal immer häufiger beim Kampf um Projekt- und Fördermittel auf der Strecke bleiben. Hinzu kommt: In den seltensten Fällen stehen reine Projekt-Koordinatoren zur Verfügung, die die administrative Arbeit komplett übernehmen.

Schlussfolgerungen für viele Branchen

Die gängige Praxis in der Kultur- und Kreativbranche zeigt:  Viele selbständige Kreativakteure gehen bei der derzeit gängigen Förderpraxis bzw. dem Antragwesen ein enorm hohes Risiko ein. Sie tun dies auf eigene Kosten, um Kultur- und Kreativprojekte überhaupt erst ermöglichen und realisieren zu können. Ein bedingungsloses Grundeinkommmen könnte den Kreativen eine große Last von den Schultern nehmen, indem es soziale Unsicherheiten  begrenzt.

Ein aufrichtiger politischer Wille ist dringend gefragt: Wenn die Zukunft der Arbeit in unserer Gesellschaft generell so geregelt sein soll, dass sich Bürger in flexiblen Netzwerken organisieren, wie derzeit in der Kultur- und Kreativbranche, muss es ein Grundauskommen geben, dass unsichere Beschäftigungsverhältnisse und schwankende Entlohnung auffängt bzw. ausgleicht. Hier lässt sich von den Erfahrungen aus der Kultur- und Kreativbranche einiges lernen!

229441_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

art but fair: Faire Arbeitsbedingungen für Künstler

Dass viele Künstlerinnen und Künstler unter prekären Bedingungen arbeiten, zeigt eine Studie vom Frühjahr 2016 der Hans Böckler Stiftung: Faire Arbeitsbedingungen in den darstellenden Künsten und der Musik?! Eine Untersuchung zu Arbeitsbedingungen, Missständen sowie Vorschlägen, die zu besseren Arbeitsbedingungen beitragen können.

Autor ist Maximilian Norz, Musiker, Politikwissenschaftler am non-profit Thinktank Global Public Policy Institute in Berlin sowie Unterstützer der Initiative art but fair. Im Fokus stehen vor allem zwei Ziele: artbutfair will alle am Kulturbetrieb Beteiligten – Künstler, Veranstalter, Intendanten, Agenten, Lehrer, Kulturpolitiker usw. – zusammenbringen und animieren, einen konstruktiven Dialog miteinander zu führen, Maßnahmen zur Verbesserung der Situation von Künstlern zu finden und diese umzusetzen. Zugleich geht es darum, die essentielle Bedeutung und den einzigartigen Wert der Kunst und der Künstler ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken.

Maximilan Norz hat unter 2.635 Erwerbstätigen aus den Bereichen Musik und Darstellende Kunst eine Online-Umfrage durchgeführt. Demnach rechnet eine deutliche Mehrheit mit Altersarmut. Um das zu ändern, so Norz, sollten sich Künstler stärker gewerkschaftlich engagieren, um auch beim Publikum, in der Öffentlichkeit und in den Medien für mehr Problembewusstsein zu sorgen und um einen Kurswechsel in der Kulturpolitik herbeizuführen.

 

Teil 1: BGE – Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln

Teil 2: BGE – Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

Teil 3: BGE – Was das Grundeinkommen für die Kreativszene bedeuten würde …

 

Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

710139_web_R_K_B_by_I-vista_pixelio.de © I-vista, pixelio.de

„Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln“

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) wird oft von ideologischen Grabenkämpfen bestimmt.  Im 2. Teil der Reihe werden die Thesen prominenter Befürworter vorgestellt, best-practice-Projekte, die den Erfolg des BE darlegen, sowie künftig geplante Projekte mit dem BGE zum Weiterlesen. In Teil 3 geht es dann um Effekte und Wirkungen des BGE auf die Kreativbranche und damit für die gesamte Gesellschaft.

Befürworter von bedingungslosem Grundeinkommen und ihre Thesen

Daniel Häni, Unternehmer und Enno Schmidt, Künstler: Protagonisten der Schweizer „Initiative Grundeinkommen“ von 2006. 2008 entstand ihr Film Grundeinkommen – ein Kulturimpuls. 2012 lancierte Häni gemeinsam mit anderen die Schweizer Volksinitiative „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ und schrieb gemeinsam mit Philip Kovce das Buch zur Abstimmung: „Was fehlt, wenn alles da ist?“ Häni glaubt, dass BGE sei mehr eine Frage des Vertrauens als eine Frage des Geldes: „Das bedingungslose Grundeinkommen ist die humanistische Antwort auf den technologischen Fortschritt.“ Am 5. Juni 2016 haben die Schweizer im Rahmen einer landesweiten Volksinitiative über ein bedingungsloses Grundeinkommen abgestimmt:  76,9 Prozent sind gegen ein BGE, 23 Prozent dafür. Für Daniel Häni ist es dennoch ein moralischer Sieg.

Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI) kritisiert am derzeitigen System, dass die Sozialbudgets zu überwiegendem Anteil durch Sozialbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber über die Lohnnebenkosten finanziert werden. Dies wirke wie eine „Strafsteuer auf Arbeit“, belaste einseitig die Schultern der Arbeitskräfte, während auf Maschinen, Automaten und Importe keine Sozialbeiträge erhoben würden. „Künftig werden Roboter nicht nur Autos montieren, sondern auch Loks fahren und Menschen operieren. Das erfordert einen neuen Sozialstaat und ein Grundeinkommen für alle.“ Die ZEIT

Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG, sieht das BGE als Antwort auf die Veränderungen der Arbeitswelt. „Ein bedingungsloses Grundeinkommen kann eine Grundlage sein, um ein menschenwürdiges Leben zu führen … Wir müssen unsere Gesellschaft absichern. Deswegen die Idee des Grundeinkommens … Es könnte eine Lösung sein – nicht heute, nicht morgen, aber in einer Gesellschaft, die sich durch die Digitalisierung grundlegend verändert hat.“ ZEIT

Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, sieht das BGE als soziale Absicherung für jene Menschen, die „auf der Strecke bleiben, weil sie mit der Geschwindigkeit auf der Welt einfach nicht mehr mitkommen“. Es sei wichtig, „dass die Menschen versorgt sind …  eine Art Grundeinkommen (wird) völlig unvermeidlich sein“. SZ-Wirtschaftsgipfel

Götz Werner, Gründer und eh. Geschäftsführer von dm-drogerie markt, plädiert in seinem Buch „Einkommen für alle“ für eine Konsumsteuer anstelle einer Einkommenssteuer. Denn: man müsse das Ergebnis der Wertschöpfung besteuern, also Produkte und Dienstleistungen, und nicht die Arbeit an sich. Werner vergleicht die aktuelle Situation mit einem Obstbaum: Man solle den Baum nicht vor der Ernte fällen. Wer bereits den Anbau von Äpfeln besteuert und nicht erst deren Verbrauch, betreibe „Knospenfrevel“. Und wer den Lohn der Apfelpflücker besteuere, schmälere ihre Bezahlung und damit ihre Kaufkraft. Mit der Einführung der Konsumsteuer und des BGE bei Abschaffung der Einkommen- und Lohnsteuern, so Werner, würde menschliche Arbeit endlich gesamtwirtschaftlich mit der Maschinenarbeit gleich gestellt.

Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Gemeinschaftsbank sieht das Grundeinkommens vor dem Hintergrund des heutigen Verteilungsproblems positiv: „Es gibt viel zu tun, aber die Aufgaben finden nicht zu den Menschen, die sie erledigen könnten und die Menschen finden nicht die Aufgaben, die sie erfüllen wollen. Dabei wollen sich viele gerne einbringen.
Gleichzeit gibt es zu viel Geld, das sich wenige Besitzer konzentriert und bei vielen Menschen nicht ankommt. Zudem produzieren wir ein Überangebot an Produkten und schmeißen vieles weg, während anderweitig gehungert wird.
Bei diesen Verteilungsfragen könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen ein neues Denken und neue Wege ermöglichen.” Wirtschaft für Grundeinkommen

Georg Schürmann, Geschäftsleiter der triodos Bank geht der Frage nach, wie die Arbeit der Menschen in Zukunft aussehen wird, gerade wenn im Zuge zunehmender Digitalisierung immer mehr Tätigkeiten von Robotern und Software übernommen wird und sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. „Deswegen brauchen wir neue sozialpolitische Systeme, die eine sinnvolle Umverteilung ermöglichen. In diesem Diskurs sollten wir die Idee des Grundeinkommens ernst nehmen.“ Wirtschaft für Grundeinkommen

Adrienne Goehler, Publizistin und Kunst-Kuratorin, ehemalige Präsidentin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, sie war Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin und Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds. Zum BGE sagt sie: „Deutschland hat ein enormes kreatives und kulturelles Potenzial. Der Skandal ist: Es wird nicht zum Wohle der Gesellschaft genutzt. Wissenschaft und Künste bleiben im Ghetto, die Politik schottet sich ab. In ihrem gemeinsamen Buch mit Götz Werner „1000 € für jeden“ zeigt sie Alternativen.

Denis Bartelt, Geschäftsführer und Gründer der crowdfundingplattform startnext glaubt fest daran, dass ein BGE in der Lage ist, kreatives Potenzial in jedem Menschen freizusetzen: „Dieses Potenzial zu heben, muss Anspruch unserer Gesellschaft im 21 Jh. sein. Ich sehe darin ausserdem die einzige Antwort auf die fortschreitende Entwicklung, die Menschen schon heute dort ersetzt, wo Maschinen besser und effektiver Arbeit verrichten können. Kreativität kann nur gefördert werden, wenn die Existenz gesichert ist. Die Fähigkeit kreativ zu sein, unterscheidet den Mensch von einer Maschine.“ Wirtschaft für Grundeinkommen

Sebastian Koeppel, geschäftsführender Gesellschafter der beckers bester GmbH sieht das Thema BGE vor allem als eine Frage des Menschenbildes: „Unterstelle ich, dass Menschen von ihrer Natur her faule Schmarotzer sind, dann muss ich die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen als Bedrohung wahrnehmen. Bin ich aber der Überzeugung, dass der Mensch (oder zumindest die Mehrheit der Menschen) ein vernunftbegabtes und sinngetriebenes Wesen ist, werde ich an dem Gedanken eines bedingungslosen Grundeinkommens gar nicht vorbeikommen! Ich habe mich entschieden! Aus meiner Sicht sollten wir mit aller Kraft das „Wie“ und nicht  mehr das „Warum“ diskutieren!“ Wirtschaft für Grundeinkommen

Wolf Lotter, Historiker, Journalist, Mitbegründer des Wirtschaftsmagazins brandeins: „Eine Grundausstattung für alle muss garantiert sein. Eine Gesellschaft braucht einen Fußboden, unter den niemand geraten darf.“ brandeins

Bernd Leukert, Vorstandsmitglied von SAP: „Ich bin der Meinung, dass man die Bedingungen für ein faires Einkommen nicht der Wirtschaft überlassen sollte. Hier ist die Politik gefragt, den richtigen Rahmen zu setzen…“ Die FAZ fragte genauer nach: Bis hin zu einem bedingungslosen Grundeinkommen? „Ja, davon würden langfristig auch diejenigen profitieren, die weiterhin höhere Gehälter beziehen. Wenn wir an dieser Stelle nichts tun, droht die Gesellschaft auseinanderzubrechen.“

Richard David Precht, Philosoph: „Für viele Leute wird es infolge der 4. industriellen Revolution keine Verwendung mehr geben. Wir müssen daher unseren Begriff von Arbeit neu definieren und wir müssen so etwas wie ein Grundeinkommen einführen, sonst brechen uns die Binnenmärkte zusammen. Die Wirtschaft kann wohl kaum ein Interesse daran haben, dass es keine Konsumenten mehr gibt oder dass Millionen arbeitslos sind.“ ORF 2

Elon Musk, eh. Mitgründer des Online-Bezahlsystems PayPal, Gründer des Raumfahrtunternehmens SpaceX und Tesla Motors, prognostiziert eine Arbeitswelt mit immer mehr Robotern und künstlicher Intelligenz. Den Regierungen bliebe keine andere Möglichkeit, als den Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen auszuzahlen. Gleichuzeitig könnten sich die Menschen dann interessanteren und komplexeren Aufgaben zuwenden. CNBC

Yanis Varoufakis, griechischer Politiker, hat in seinem Buch „Das Euro-Paradox“ eine Roboterabgabe angeregt, eine Maschinensteuer, die einen Teil des finanziellen Gewinns der Unternehmen durch Technikeinsatz der Allgemeinheit zuführen soll. Darüber hinaus fordert er die Finanzierung des Grundeinkommens aus Kapitalerträgen, also „Gesetze zu beschließen, die … einen gewissen Prozentsatz des Kapitals (Aktien) aus jedem Börsengang in ein Aktiendepot der Allgemeinheit leiten … in ein Grundeinkommen.“ Um jeglicher Unterstellung von Technikkritik vorzubeugen, weist Varoufakis darauf hin, dass es „nicht um einen Protest gegen die Automatisierung (geht), sondern gegen soziale Strukturen, die sie (die Menschen) angesichts der technologischen Innovationen ihrer Lebensperspektiven beraubten.« ND

Joseph Beuys, Künstler, plädierte schon lange bevor der Begriff BGE im Umlauf war, für die Idee des Grundeinkommens, als Spiegel-Journalist Peter Brügge den Künstler fragte, was mit den in der Wirtschaft „Wegrationalisierten“ geschehen sollte: „Wenn dann einer ein Apparätchen erfindet, mit dem man 200 Arbeitsplätze spart, dann gibt es ja keine Arbeitsstrittigkeit wie heute. Sondern dann steigen die Menschen aus, um ihre Fähigkeiten höher zu entwickeln. Und sie werden für diese Fähigkeit des Sichentwickelns und Lernens bezahlt in genau derselben Weise, wie sie bezahlt würden für die Herstellung von Besenstielen.“ Spiegel-Interview, 4.6.1984  

Als Sozialstiftung befürwortet auch die deutsche Benckiser-Stiftung Zukunft das BGE: „Aus Bürokratie wird Effizienz. Aus Kontrolle das Vertrauen in die freie Entscheidung des Einzelnen. Und aus dem Bittsteller — egal ob in Kenia oder in deutschen Jobcentern — wird ein Empfänger auf Augenhöhe, der sein Schicksal selbstverantwortlich in die Hand nimmt.“ 

686228_web_R_K_B_by_Maik Schwertle_pixelio.de © Maik Schwertle, pixelio.de

Ausgewählte Praxisprojekte mit BGE

Alaska, Iran, Mongolei

Seit 1976 fließen in Alaska mindestens 25% der staatlichen Rohstoffeinnahmen in den „Alaska Permanent Fund“ (APF). Die Hälfte des jährlichen Gewinnes wird seit 1982 über eine Dividende direkt an die BewohnerInnen Alaskas (ca. 650.000) ausgeschüttet. In der Mongolei soll die Bevölkerung am Verkauf von Bodenschätzen (u. a. Gold, Kupfer) beteiligt werden. Auch im Iran sollen die Bürger an den Gewinnen der Ölförderung beteiligt werden. Pro Person wird zweimonatlich ein Betrag von umgerechnet 80 US-Dollar gezahlt, also 480 US-Dollar pro Person und Jahr. Mehr als 80 % der Iraner haben einen Bewilligungsantrag gestellt.

Brasilien

Seit 2005 bemüht sich die brasilianische Regierung mit staatlichen Programmen, das enorme Armutsgefälle mit Beihilfen zum Familieneinkommen und zur Energieversorgung auszugleichen. Bildung, Arbeit und Wohlstand heißen die Ziele. Dem jeweiligen Haushaltsjahr entsprechend soll das Familienstipendium (Bolsa Família) zuerst die „bedürftigsten Schichten“ erreichen und später graduell auf alle Einwohner ausgeweitet werden.

Kanada

In der Stadt Dauphin der kanadischen Provinz Manitoba erhielten 1.300 Familien zwischen 1975 und 1979 ein staatlich garantiertes Minimaleinkommen. Eine vierköpfige Familien mit weniger als 13.000 Dollar Einkommen im Jahr, erhielt bis zu 5.800 Dollar. Das Ergebnis: Die Menschen arbeiten auch mit dem BGE weiter, waren angstfreier, daher gesünder und motivierter. Das Besondere: Auch Teilnehmer ohne Lohnarbeit erhielten diese Förderung.

Wegen mangelnder Budget musste das Experiment vorzeitig abgebrochen werden. Erhebungen und Erkenntnisse werden erst seit 2005 im Rahmen der Studie Stadt ohne Armut analysiert und ausgewertet. Die Soziologin Evelyn Forget verglich die Daten der damaligen Bewohner von Dauphin mit denen der damaligen Mitbürger aus den Nachbarstädten. Demnach wirkt sich ein Grundeinkommen in vielerlei Hinsicht positiv auf eine Gesellschaft aus: Teilnehmer mussten seltener zum Arzt, psychische Beschwerden gingen zurück, es gab 8 Prozent weniger Krankenhausaufenthalte. Mehr Jugendliche schlossen die Schule mit dem Abitur ab, weil ihr Lebensunterhalt gesichert war.

714241_web_R_K_B_by_I-vista_pixelio.de © I-vista, pixelio.de

Deutschland

Brandenburg: Der 2009 von der Stuttgarter Breuninger-Stiftung angekündigte Feldversuch für ein bedingungsloses Grundeinkommens 100 mal Neues Leben – arbeiten in der Uckermark konnte bislang nicht in der ursprünglich geplanten Form stattfinden.

Mecklenburg: In Alt Rehse (Mecklenburgische Seenplatte) hatte die Gemeinschaft Tollense Lebenspark ein Konzept für ein „Grundauskommen“ entwickelt. Die bis zu 40 Lebenspark-Mitglieder wollten Einnahmen über Öko-Seminare, Tierhaltung, Gastronomie und Vermietung generieren. Das Pilot-Grundauskommen finanzierte sich aus Einzahlungen aller Bewohner durch einen prozentualen Teilbetrag aus jedem Einkommen. Weitere Gelder sollten durch  die Stiftung Lebenspark eingeworben und in einem Fond verwaltet werden. Das Projekt scheiterte an unlauteren Einzelinteressen, ebenso das angedachte Modell einer Genossenschaft. Das 2014 eingestellte Projekt litt von Anfang an unter Geldmangel, wie Gutachter feststellten. Die Betreiber des alternativen Wohnprojekts wurden 2015 wegen Kreditbetrugs und Urkundenfälschung zu einer Bewährungs- und einer Geldstrafe verurteilt.

Kenia

Mit dem Pilotprojekt GiveDirectly soll ab 2016 etwa 6.000 Bewohnern in etwa 12 Dörfern in Kenia 10 bis 15 Jahre lang ein Grundeinkommen ausgezahlt werden, insgesamt 30 Millionen Dollar, etwa 42 US-Dollar pro Kopf und Monat. Da in Afrika die Lebenshaltungskosten für einen mittleren Haushalt gering sind, kann schon mit diesem überschaubarem Finanzvolumen ein Grundeinkommen an so viele Menschen ausgezahlt werden, wie für eine aussagekräftige Statistik nötig sind. Es wird ohne Gegenleistung und ohne Bedingungen der Geber in die Hände der Empfänger übergeben. Es ist das bislang umfangreichste und längste BGE-Pilotprojekt weltweit. Es wird von Abhijit Banerjee, einem Wirtschaftsprofessor am Massachusetts Institute of Technology und renommierten Entwicklungsökonom, wissenschaftlich ausgewertet. Folgende Fragen sollen u. a gestellt werden: Wie werden sich die Empfänger verhalten? Wie wird sich das soziale Leben in den Dörfern ändern?

Namibia

2008 finanzierten mehrere Organisationen, u. a. Kirchen, Aids-Hilfe und Gewerkschaften, im Dorf Otjivero-Omitara für zwei Jahre ein garantiertes bedingungsloses Grundeinkommen (Basic Income Grant). Anschließend erhielten die vorherigen Teilnhemer für weitere zwei Jahre ein Überbrückungsgeld von monatlich 80 NAD (ca. 8 EUR) aus Spendengeldern. Die Regierung sollte mit dieser Initiative dazu bewegt werden, das Grundeinkommen landesweit einzuführen. Die Bonner Initiative Grundeinkommen hat über das Projekt, seine Auswirkungen und den aktuellen Stand eine Wander-Foto-Ausstellung erstellt mit der Frage: Sind die Erfahrungen aus dem Namibia-Projekt übertragbar? Infolge des Grundeinkommens konnten die Menschen in Namibia sich besser ernähren, sie entwickelten wirtschaftliche Initiativen, die Kriminalitätsrate sank und mehr Kinder konnten zur Schule gehen. Kritische Stimmen allerdings beklagen, externe Personen würden keinen Zugang zu den gewonnen Daten erhalten.

Sambia

Das Projekt der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ (eh. GTZ) wurde 2005 in der Provinz Kalomo initiiert, deren Bewohner stark von Aids betroffen sind. Finanziert werden Familien ohne Eltern bzw. erwachsene Geschwister: Großeltern mit Kindern erhalten eine Direktzahlung ohne jede weitere Bedingung, Das Grundeinkommen bewirkte, dass sich die Gesundheitssituation deutlich verbesserte, die Unterernährung zurück ging und Kinder wieder zur Schule gehen konnten. Statt Geldmissbrauch profitierte die lokale Wirtschaft. Dennoch wurde das Projekt von der GIZ eingestellt.

USA

Bereits Ende der 1960er wollte Präsident Nixon einen sogenannten Family Assistance Plan mit einem garantierten Einkommen durchsetzen. In den 1970er Jahren gab es dann erstmals fünf große Projekte, die die Auswirkungen des Grundeinkommens untersucht haben: in New Jersey, North Carolina, Seattle, Denver und Gary. Das Modell entsprach dem der „negativen Einkommenssteuer“ – siehe Milton Friedman, 1960.

 © bedingungslos.ch

Übertragbare Erkenntnisse aus Projekten  mit Mikrokrediten

BGE-Kritiker führen häufig als Argument gegen das BGE an, ein bedingungsloses Grundeinkommen führe zu Faulheit und Untätigkeit, d.h. mit BGE würden sich viele Bürger in die soziale Hängematte legen. Die im Umfeld des Wirtschaftswissenschaftlers und Nobelpreisträgers Muhammad Yunus seit 1993 in Bangladesh gewährten Mikrokredite zeigen jedoch, dass eine finanzielle Grundausstattung gerade für Menschen ohne Einkommenssicherheit zur mehr Eigenverantwortung,  Selbstermächtigung und Unabhängigkeit führt, wenngleich die erhaltenen Zahlungen am Ende der Vertragslaufzeit mit Zinsen zurückgezahlt werden müssen. Über 90 % der Mikro-Kreditnehmerinnen waren bzw. sind Frauen. Yunus hat verschiedene Beispiele dokumentiert, nach denen sich Frauen mit den Mikrokrediten in Waren für Shops, Saatgut für Felder oder Nähmaschinen investieren und so besser für das Wohl ihrer Kinder und Familien sorgen konnten.

Nach Angaben der von Yunus gegründeten Grameen Bank soll die Rückzahlquote bei den Mikrokrediten bei 98 Prozent liegen. Kritiker, wie der NGO-Aktivist aus Bangladesch Khorshed Alam, warnen allerdings, das Mikrokredit-System könne ggf. auch zu weiterer Verarmung führen. Der effektive Zinssatz, den die Grameen Bank einhebe, liege zwischen 30 bis 60%.

Fest steht: Menschen übernehmen Verantwortung für ihr Leben, wenn ihnen die Möglichkeit dazu gegeben wird, z. B.  durch eine finanzielle Grundausstattung. Es ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, sich aktiv und vor allem sinnvoll in die Gesellschaft einzubringen. An Sinn fehlt es heute in nicht wenigen beruflichen Tätigkeitsfeldern. Wenn sich die Bürger dank BGE entsprechend ihrer Fähigkeiten wirklich sinnvoll in die Gesellschaft einbringen können,  wird es vermutlich weniger untätige Menschen geben als heute.

Aktuelle BGE-Projekte in Planung:

Schweiz

Am 5. Juni 2016 haben die Schweizer gegen die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens gestimmt. Initiator war die Initiative um Daniel Häni und Enno Schmidt: Grundeinkommen.

Finnland

Im Juni 2015 finnische Regierungsparteien in ihrem Koalitionsvertrag fest, als erstes europäisches Land ein Grundeinkommen zu testen. Laut einer Umfrage der finnischen Sozialversicherung befürworten mehr als die Hälfte der Finnen ein Grundeinkommen. In einem zweijährigen Experiment sollen ab 2017 die Auswirkungen untersucht werden. Das Team von Sozialwissenschaftler Olli Kangas betreut bereits jetzt vorbereitende Forschungen. Bis zu 10.000 Menschen sollen am Experiment teilnehmen, jeder soll etwa 560 Euro monatlich (plus Wohngeld) erhalten. Mehr Infos bei der Initiative „Mein Grundeinkommen„.

Niederlande

Die niederländische Stadt Utrecht plant die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens im Jahr 2016 für 450 Testpersonen. Jeder soll 950 Euro pro Monat erhalten, ein Zweipersonenhaushalt bekommt 1.350 Euro. Es soll fünf unterschiedliche  Testgruppen mit anderen Auflagen geben, die erfüllt werden müssen, um das Geld von der Stadt zu bekommen. Immerhin eine Gruppe erhält die Unterstützung ohne Wenn und Aber, egal, ob man reich oder arm ist, ob man arbeitet oder nicht. Mit Unterstützung des Wirtschaftswissenschaftlers Loek Groot von der Universität Utrecht sollen im Testzeitraum spannende Fragen geklärt werden: Suchen die Menschen dennoch nach Arbeit? Bilden sie sich fort? Werden sie zu Gründern? Ändern sie ihr soziales Verhalten? Steigen oder sinken die Kosten für die Stadt? Die Stadt wartet noch immer auf grünes Licht von der niederländische Regierung in Den Haag.

229441_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

 

Teil 1: BGE – Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln

Teil 2: BGE – Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

Teil 3: BGE – Was das Grundeinkommen für die Kreativszene bedeuten würde …

 

Bedingungsloses Grundeinkommen BGE

691607_web_R_K_B_by_Denise_pixelio.de © Denise, pixelio.de

„Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln“

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) wird oft von ideologischen Grabenkämpfen bestimmt. Wo immer es bislang mutig ausprobiert wurde, haben sich positive Effekte gezeigt. Der dreiteilige Artikel fasst bisherige Erkenntnisse zusammen. Teil 1 erklärt die verschiedenen Modelle und zeigt Argumente, die für und gegen das BGE sprechen. In Teil 2 werden die Thesen prominenter Befürworter vorgestellt, best-practice-Projekte, die den Erfolg des BGE darlegen, sowie künftig geplante Projekte mit dem BGE zum Weiterlesen. In Teil 3 geht es um Effekte und Wirkungen des BGE auf die Kreativbranche und damit für die gesamte Gesellschaft.

Ein Grundeinkommen ist ein Einkommen, das jedem Mitglied einer politischen Gemeinschaft gewährt wird. Es wird bedingungslos garantiert, d. h. ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne Zwang zu Arbeit oder anderen Gegenleistungen. Damit stellt es einen individuellen Rechtsanspruch dar. Es sichert die Existenz und ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe.

Auf dem diesjährigen Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums in Davos diskutierten die Konferenzteilnehmer, inwiefern ein Grundeinkommen das zunehmende soziale Auseinanderdriften der Gesellschaft verhindern könne. Nach vielen Experimenten in Ländern der Dritten Welt prüfen nun immer mehr Industriestaaten die Einführung eines Grundeinkommens, u. a. die Schweiz, Finnland und die Niederlande.

686228_web_R_K_B_by_Maik Schwertle_pixelio.de © Maik-Schwertle, pixelio.de

Finanzierbarkeit des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) – aktuelle Situation:

In der Bundesrepublik hat sich eine gigantische Sozialbürokratie herausgebildet. In 38 unterschiedlichen Behörden und behördenähnlichen Institutionen werden 155 verschiedene Sozialleistungen verwaltet, allesamt steuer- und beitragsfinanziert.

Das Gesamtvolumen für diese Transferleistungen beziffert Finanzminister Wolfgang Schäuble in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau im Februar 2010 auf eine exorbitante Summe: „Dieses Land gibt einschließlich der Sozialversicherungen etwa eine Billion Euro Sozialleistungen im Jahr aus.“

Die tatsächliche Summe liegt allerdings etwas niedriger: Das Arbeits- und Sozialministerium veröffentlichte jährlich seine Sozialbudgets, demnach wurden im Jahr 2015 888 Milliarden Euro an Sozialleistungen finanziert. 2015 lebten laut statista 82,2 Millionen Menschen in Deutschland. Teilt man das Sozialbudget durch die Anzahl der Einwohner ergäbe sich für das bedingungslose Grundeinkommen ein Jahresbetrag von 10.803 Euro bzw. 900,25 Euro im Monat.

Dieser Betrag soll die Grundbedürfnisse des Lebens – Wohnen, Nahrungsmittel und Kleidung – abdecken, außerdem Kranken- und Unfallversicherung. Im Gegenzug werden alle bisherigen Leistungen wie Arbeitslosengeld II (Hartz IV), Sozialhilfe, Ausbildungshilfen (BAföG), Elterngeld, Kindergeld, Wohngeld usw. gestrichen.

Würde man all diese Transferleistungen aussetzen, könnten schon heute an jeden Bürger monatlich 871,30 Euro ausgezahlt werden. Das Geld langt für alle, nur die Arbeit eben nicht. Wenn keine Anträge mehr über Transferleistungen geprüft werden müssten, könnten die Löhne, die bisher in die Verwaltung flossen, dafür genutzt werden, den Beschäftigten neue Orientierung zu geben. So können sie ihre Talente, Fähigkeiten und Stärken neu bzw. erstmalig entdecken und in andere Tätigkeitsfelder verlagern, in denen die Gesellschaft dringend Bedarf hat. Mit einem BGE könnten sich die Bürger sozialen Aufgaben zuwenden, die Maschinen z. B. nicht übernehmen können und die nicht zwangsläufig in Erwerbstätigkeit führen müssen, unserer Gesellschaft aber trotzdem dienen, z.B. Forschung, Kultur, Medien.

Auf den US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman geht die Idee der „negativen Einkommenssteuer“ aus dem Jahr 1960 zurück. Friedman schlug vor, dass der Staat für Erwerbseinkommen einen Schwellenwert festlegen solle: Wer darüber liege, müsse Steuern bezahlen, wer darunter liege, habe Anspruch auf einen Existenz-Zuschuss.

737529_web_R_K_B_by_Tim Reckmann_pixelio.de © Tim Reckmann, pixelio.de

Was spricht für das bedingungslose Grundeinkommen?

Mehr Eigenverantwortung und Selbstermächtigung

  • Bürger erhalten mehr Eigenverantwortung statt Bevormundung und Fremdbestimmung
  • Ermutigung, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen, es unabhängig und selbstbestimmt zu gestalten
  • Stärkung von Unabhängigkeit, Selbstermächtigung, Selbständigkeit und Selbstbefähigung
  • ein einzeln koordiniertes Grundeinkommensprogramm ist wesentlich effizienter ist als eine Palette von staatlichen sozialen Programmen, da die notwendige Bürokratie anders als derzeit überschaubar ist
  • Ermutigung der Bürger, die eigenen Stärken, Kreativität und Talente zu entdecken, damit ihr Potenzial besser auszuschöpfen, ihre Aufgabe im Leben und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, das würde auch die Arbeitswelt „humanisieren“

Mehr Chancen für nachhaltige Geschäftsmodelle

  • Freiheit, Ideen zu tragfähigen und nachhaltigen Geschäftsmodellen reifen zu lassen
  • wenn Geschäftsideen marktfähig und nachhaltig sind, steigert das die Qualität der Produktion und mindert die negative Begleiterscheinungen eines Produktes oder einer Dienstleistung, was wiederum der Gesellschaft und der Umwelt zu Gute kommt
  • Förderung von nachhaltigem und sozialem Unternehmertum bzw. Entrepreneurship
  • mehr Existenzgründungen

Mehr Bewusstsein für soziale Herausforderungen und Probleme

  • Fokussierung auf sozialen Ausgleich in der Gesellschaft
  • mehr Förderung und Anerkennung für ehrenamtlich Tätige
  • mehr Unterstützung für Familien, Alte, Kranke, Kinder und Geflüchtete

Verbindung von Theorie und Praxis schon in Schulen

  • Bessere Bildung durch mehr Praxisnähe: Kreative könnten als Praktiker in Schulen gehen, und gemeinsam mit  Heranwachsenden Lösungsansätze und -ideen für gesellschaftliche Herausforderungen zu erarbeiten – mit echtem Praxisbezug und branchenübergreifend bzw. interdisiplinär, Schüler und Lehrer z. B. gemeinsam mit  Mittelständlern und  Handwerkern der Umgebung, mit Stadtplanern, Politikern, Wissenschaftlern. So würden die Praktiker in Kontakt mit der jungen Generation kommen und Rückmeldung auf eigene Denkansätze erhalten. Die Win-Win-Projekte würden Politikverdrossenheit, Mangel an Nachwuchskräften, Abwanderung, Verödung von Regionen sowie Wirklichkeitsferne entgegenwirken.

Vor allem für Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 27 Jahren würde sich das Grundeinkommen positiv auswirken. Mit beispielsweise 1.000 € monatlich hätten sie wesentlich bessere Startbedingungen für Schule, Ausbildung und Studium als derzeit. Ältere Mitbürger, die Kinder großgezogen und dennoch von ihrer Rente nicht existieren können, könnten mit einem BGE würdevoll am gemeinschaftlichen Leben in unserer Gesellschaft teilnehmen.

Positive Mehrfach-Effekte durch „sozialen Multiplikator

  • Wenn Menschen sich stärker entsprechend ihren Befähigungen und Talenten sowie für soziale Belange einsetzen können, sind sie zufriedener. Gesundheitskosten werden durch weniger Burnout sinken: Die Menschen haben weniger Angst, werden daher vor allem psychisch weniger krank und arbeiten motivierter, wenn sie eigenverantwortlich einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen können.

Das Jugendmusical Linie 1, das jahrelang im Berliner Grips-Theater aufgeführt wurde, bringt es auf den Punkt: „Ick will jebraucht werden, vastehste?!“

Was spricht gegen das bedingungslose Grundeinkommen?

Angst: In einer Zeit, in der Sicherheiten schwinden, wächst die Angst: nicht nur vor Terrorismus, Einbrüchen und Überfällen, sondern auch vor Überforderung und sozialen Verteilungskämpfen. Nur wenn wir frei sind, verlieren wir unsere Angst. Ein Grundeinkommen würde vielen Menschen deutlich mehr soziale und geistige Freiheit geben als sie sie im Moment haben. Wer mit einem gesicherten Grundeinkommen mehr Freiheiten besitzt, hat weniger Angst. Dies würde den sozialen Ausgleich in der Gesellschaft stärken. Doch Kriktiker befürchten, die Einführung eines Grundeinkommens führe zum Einstieg in die Niedriglohngesellschaft.

Daumen runter_weisser HG © MassivKreativ

Misstrauenskultur: Genau genommen ist es nicht eine Frage des Geldes, sondern eine Frage des Vertrauens und des Menschenbildes, ob man für oder gegen das BGE ist.  Vertrauen ist die stillste Art von Mut. Doch viele Bürger befürchten, dass ihre Mitmenschen bei der Zahlung eines BGE keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen würden. Wie ist es tatsächlich mit dem Thema Arbeitsmoral? Würden wir nur noch faul in der Hängematte liegen, wenn unser Einkommen gesichert wäre? Nein! Studien zufolge würden gerade mal 2 Prozent der Menschen nicht mehr arbeiten, wenn sie nicht müssten. Das sind deutlich weniger Menschen als heute, die Sozialleistungen erhalten, wobei die meisten von ihnen sicher über einen bezahlten Job froh wären. Denn: Es ist ein Urtrieb des Menschen, produktiv zu sein!

Vermutlich wird der Anreiz, Einkommen über das Grundeinkommen hinaus zu erwirtschaften, nach der Einführung des BGE größer sein als jetzt. Derzeit werden Hartz-IV-Empfängern geringste Zuverdienste gleich wieder abgezogen, was die Motivation für ein Mehrengagement schrumpfen lässt. Mit dem BGE lohnt sich jeder noch so kleine Verdienst.

Eine finanzielle Grundausstattung, insbesondere für Menschen ohne Einkommenssicherheit, führt zur mehr Eigenverantwortung, Aktivität und Unabhängigkeit, wie auch das Beispiel der Mikrokredite von Muhammad Yunus zeigt.  Auch Projekte der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ haben belegt, dass das Vorurteil der Faulheit unbegründet ist. Umfragen zeigen: Die meisten Menschen wollen arbeiten. Nicht nur wegen des Einkommens, sondern aus dem Bedürfnis heraus, in einem sozialen Umfeld nützlich zu sein und etwas zu bewirken: siehe Maslowsche Bedürfnispyramide.

Maslowsche Bedürfnispyramide Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow

Unklarheit über Vergabe-Prozedere: Soll tatsächlich jeder Bürger ein BGE erhalten, auch einer, der es gar nicht braucht? Viele Menschen sind unsicher, wie die Vergabe in der Praxis tatsächlich aussehen soll.

In der Schweiz, wo die Lebenshaltungskosten deutlich über denen in Deutschland liegen, war geplant, dass die Bürger monatlich 2500 Franken erhalten sollten aber nur diejenigen, die in ihrem Einkommen darunter liegen. Wer mehr als 2.500 Franken verdient, dem wird das Grundeinkommen komplett abgezogen. Bei der letzten Volksabstimmung über das BGE in der Schweiz am 5. Juni 2016 haben sich allerdings 76,9 % gegen das BGE ausgesprochen.

Wie werden ungeliebte Arbeiten trotzdem erledigt, wie z. B. Müllabfuhr, Pflege? Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten: 1) sie besser bezahlen 2) sie selbst machen 3)  sie automatisieren.

750213_web_R_K_B_by_I-vista_pixelio.de © I-vista, pixelio.de

Drei Modelle des Grundeinkommens

Der Autor Timo Reuter erläutert in einem Artikel der Wochenzeitung DIE ZEIT drei verschiedene Modelle für das BGE: ein neoliberales, ein humanistisch-linksliberales und ein sozialistisches.

Die Befürworter des neoliberalen Modells streben ein „solidarisches Bürgergeld“ an, das fast alle bisherigen Sozialleistungen ersetzen und den Staatshaushalt in „zweistelliger Milliardenhöhe“ entlasten soll.

Die Schweizer BGE-Initiative um die  Volksabstimmung im Juni 2016 agiert auf den Grundfesten eines linksliberalen, humanistischen Menschenbildes. Ihre Akteure sind überzeugt, dass fast alle Menschen auch mit Grundeinkommen weiterarbeiten würden – nicht weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Im Sinne der Selbstermächtigung sollen die „individuellen Entscheidungsspielräume“ der Bürger vergrößert werden.

Das sozialistische Modell wird von der Linkspartei in Deutschland propagiert. Sie fordert ein monatliches Grundeinkommen von 1.080 Euro bei Beibehaltung der Sozialleistungen und des Mindestlohnes, verbunden mit Arbeitszeitverkürzungen und einer Steuerreform. Die Finanzierung soll durch eine grundlegende Umverteilung von oben nach unten erreicht werden. Da dieser gesamtgesellschaftliche Umwandlungsprozess mit sehr hohen Kosten verbunden wäre, wird dieses Modell derzeit kaum diskutiert.

Timo Reuter erklärt in seinem Buch „Das bedingungslose Grundeinkommen als liberaler Entwurf – Philosophische Argumente für mehr Gerechtigkeit“ ausführlich, warum das BGE als liberaler Entwurf als gerecht gelten kann. Durch die gewährte materielle Grundlage ermögliche es jenseits neoliberaler Vorstellungen erst eine „wirkliche Freiheit“. Reuter zeigt außerdem, dass das BGE sehr wohl mit dem Leistungsbegriff kompatibel ist und es Chancengleichheit sowie Ressourcengerechtigkeit begünstigt: eine konkrete Vision für eine freiere und gerechtere Gesellschaft.

© Albrecht E. Arnold, pixelio.de

Erkenntnisse aus der Entwicklungshilfe

Investitionen in die klassische Entwicklungshilfe für Staaten der „Dritten Welt“ bzw. für Less Developed Countries (LDC) und Least Developed Countries (LLDC) haben weltweit zu Korruption geführt. Denn um Projekte überhaupt auf den Weg zu bringen, mussten Deals mit korrupten lokalen Machthabern geschmiedet werden, mit Despoten, Diktatoren, Clans und Warlords. All diesen Erkenntnissen zum Trotz: Wie das ARD-Magazin „Monitor“ im April 2016 berichtet, plant die EU neuerdings, Flüchtlinge in ihre ostafrikanischen Heimatländer zurückzusenden und den Regierungen dafür Rückkehrer-Kopf-Pauschalen zu zahlen sowie Ausrüstung für Überwachung und Grenzsicherung, z. B. in Eritrea, Äthiopien, Somalia und im Sudan.

Statt die Ursachen von Armut und Flucht mit einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle Bürger zu bekämpfen, werden seit Jahrzehnten korrupte Tyrannen gestärkt. Dabei ist in den Richtlinien des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) nachzulesen: „Die Rolle der Entwicklungspolitik hat sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September 2001 hin zu einer globalen Struktur- und Friedenspolitik verändert. Sie soll helfen, Krisen und Konflikte friedlich zu bewältigen, die knappen Ressourcen gerechter zu verteilen, die Umwelt zu bewahren und die weltweite Armut zu verringern.“ (Quelle IFA) Die Realität sieht leider völlig anders aus.

 © bedingungslos.ch

Szenarien und Forderungen für die Zukunft

Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen können Menschen frei von Existenzangst in Ruhe arbeiten. Das Grundeinkommen wird an die Bürger als staatlicher Dauerauftrag ohne Prüfung entrichtet.

Verbindet man das BGE zugleich mit einer Umstellung auf die Konsumsteuer, sinken die Lohnkosten. So werden mehr Menschen ermutigt und motiviert, eine Arbeit anzubieten oder anzunehmen. Die Wirtschaftskraft der Bürger würde wachsen, durch die Konsumsteuer würde mehr Geld in die gemeinschaftliche Staatskasse zurückfließen, aus der das BGE finanziert wird.

Mit der Besteuerung des Konsums kann das Kapital in Ruhe arbeiten – bis die Wertschöpfung zu einem Abschluss gekommen ist und die Bürger die Produkte und Dienstleistungen konsumieren oder gegen Entgelte teilen können.

Die Besteuerung des Konsums schafft mehr Gerechtigkeit, vorausgesetzt Luxusprodukte und -dienstleistungen werden höher besteuert als Produkte des täglichen Bedarfs.

Armut schafft Ohnmacht und lähmende Angst. Anders als das Existenzminimum soll das höhere BGE als Kulturminimum den Menschen über den existenzsichernden Grundbetrag hinaus eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Das BGE ist kein Almosen, sondern ein Kulturimpuls!

229441_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

 

Teil 1: BGE – Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln

Teil 2: BGE – Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

Teil 3: BGE – Was das Grundeinkommen für die Kreativszene bedeuten würde …

 

Inspirationstipps:

  • Schweizer Volksinitiative bedingungslos.ch, die am 5.6.2016 die Frage stellt: „Wollen Sie die Volksinitiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen» annehmen?“
  • Initiative Mein Grundeinkommen von Michael Bohmeyer: 2015 Jahr hat der Berliner ein Crowdfunding-Projekt, das einem Menschen ein Einkommen von monatlich 1.000 Euro ermöglichen sollte. Die monatlichen Zahlungen aus Spenderhand werden regelmäßig an Bewerber verlost.
  • Timo Reuter: Das bedingungslose Grundeinkommen als liberaler Entwurf – Philosophische Argumente für mehr Gerechtigkeit. Springer Verlag 2016.
  • Daniel Häni und Philip Kovce: Was fehlt, wenn alles da ist? Warum das bedingungslose Grundeinkommen die richtigen Fragen stellt. Orell Füssli Verlage 2015.
  • Christian Müller, Daniel Staub, Enno Schmidt: Grundeinkommen vom A bis Z. Limmat, Zürich April 2016,
  • Götz Werner & Adrienne Goehler: 1000 € für jeden. Econ Verlag 2010.
  • Helmut Pelzer: Das bedingungslose Grundeinkommen. Finanzierung und Realisierung nach dem mathematisch fundierten Transfergrenzen-Modell. Lucius & Lucius Verlag, Stuttgart 2010. Helmut Pelzer ist Mitbegründer des seit 2004 bestehenden deutschen „Netzwerks Grundeinkommen“ und seitdem nominelles Mitglied im wissenschaftlichen Beirat.
  • Welchen gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Nutzen hätte das BGE? Persönliche Gedanken eines Krefelder Journalisten – ein Erfahrungsbericht.

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