Workshop: Agiles Arbeiten – Methoden für den Wandel

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Der digitale Wandel hat verwirrend viele Schlagworte in Umlauf gebracht: New Work, Agiles Arbeiten, Design Thinking, Scrum, Kanban, VUCA bzw. VUKA, Daily StandUp, Retrospektiven, TEAL und LEAN. Ich habe einen Workshop in Berlin besucht und gebe gemeinsam mit den beiden Trainern und Experten Alexander Schaaf und Valentin Nowotny Einblicke, welche Methoden Sie auf Ihre eigene „Neue Arbeit“ übertragen können. 

Sinn und Zweck agiler Arbeit

„Zeit ist Geld!“ – Bis heute scheint dieses Zitat von Benjamin Franklin gültig zu sein, es fand Eingang in sein 1748 erschienenes Buch „Ratschläge für junge Kaufleute“. Der Staatsmann, Erfinder und Verleger sprach aus eigener Erfahrung! Dennoch wäre die Frage damit zu knapp beantwortet, warum agile Denkweisen und Arbeitsmethoden in keiner Organisation bzw. Institution mehr fehlen sollten. Agil heißt – abgeleitet aus dem Lateinischen – flink, beweglich, flexibel. Dem Innovations- und Kostendruck lässt sich mit agilen Prinzipien Paroli bieten, nicht  nur im Umfeld des digitalen Wandels, indem Projekte …

a) schneller und kostengünstiger, h. effizienter umgesetzt werden, was durch eine permanente, direkte und reibungslose Kommunikation innerhalb flacher Hierarchien gelingt

b) qualitativ erfolgreich verlaufen, d. h. effektiver, damit alle Projektbeteiligten mit den Ergebnissen zufrieden sind.

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Agil in allen Branchen

Mit agilen Methoden sollen qualitativ hochwertige und innovativere Produkte und Dienstleistungen schneller und kostengünstiger entstehen. An Prinzipien des LEAN-Managements bzw. der Lean-Produktion angelehnt werden agile Methoden auch in andere Bereiche übertragen, z.B. in das Baugewerbe, in die Logistik, die Gesundheits- und Werbebranche, Software und IT, in die Verwaltung sowie in diverse Innovations- und Entwicklungsprojekte bei Banken, Versicherungen und im weiteren Umfeld des Dienstleitungssektors.

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Workshop mit Selbsterprobung, Praxisnähe und Vielfalt

Mit diesen Einblicken eröffneten die beiden Experten Alexander Schaaf und Valentin Nowotny den zweitägigen Workshop Agiles Arbeiten: Big FiveScrum, Kanban, Daily StandUp, Retrospektive, Design Thinking. In kurzen, informativen Impulspräsentationen konnten die Teilnehmer die vorgestellten Methoden nicht nur theoretisch kennenlernen. Die Workshopleiter sorgten mit angewandten und interaktiven Übungen sowie einer Vielzahl kreativer, agiler Games dafür, dass die Teilnehmer „lebendig“ und aufmerksam blieben und jedes Modul praktisch erproben, simulieren und „durchspielen“ konnten.

Die Teilnehmer kamen aus verschiedenen Branchen, u. a. Coaching und Beratung, Berufsgenossenschaft, Personalentwicklung, Erwachsenenbildung, Onlinemedien, Verlagswesen. Auf diese Weise sorgten sie mit unterschiedlichen Erfahrungen für sich gegenseitig befruchtende Perspektiven.  

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Vielseitige kompetente Workshopleiter

Agile Teams sollten gut ausgebildet, multidisziplinär und in den Persönlichkeitsmerkmalen vielfältig aufgestellt sein. Genau diese Voraussetzungen erfüllte das professionelle Workshop-Tandem mit Alexander Schaaf und Valentin Nowotny. Beide ergänzten einander kompetent und wertschätzend mit wissenswerten Impulsen sowie in den spielerischen Modulen mit humorvollen und lockeren Kommentaren. Schaaf und Nowotny beendeten jedes neue Thema bzw. Spiel mit finalen „Learnings“ und trugen sie als Fazit gemeinsam mit den Teilnehmern auf Moderationskarten zusammen.

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Als erfahrener Moderator, Trainer und zertifizierter Scrum Master, darüber hinaus zertifiziert in Management 3.0  und Kanban, bringt Alexander Schaaf seine umfangreichen Praxiserfahrungen in den Workshop ein. In seiner aktuellen Tätigkeit als Trainer, Moderator und freiberuflicher Scrum Master beschäftigt sich Schaaf mit zwei Fragestellungen: a) „Wie lernen Organisationen agil zu werden?“ b) „Wie lernen Menschen in zunehmend agilen Organisationen?“.

Valentin Nowotny schärft als Psychologe den Blick für zwischenmenschliche Vorgänge und wirkt als inspirierender Workshoptrainer. Er war zuvor als Projekt- und Account-Manager bei verschiedenen IT- und Beratungsunternehmen tätig. Aktuell ist er als professioneller Trainer für die Themen Agilität, Führung und Verhandlung tätig, er ist zudem Autor des Buchs Agile Unternehmen sowie der Website Agile Teams. 

Das folgende Interview mit den beiden Workshopleitern entstand spontan im Anschluss an den ersten Workshop-Tag. 

Agile Games

„Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.“ Frei nach Konfuzius sorgten im Workshop agile interaktive Spiele und haptische Gegenstände dafür, dass die Teilnehmer die Theorien verinnerlichen und be-greifen konnten. Jedes agile Game bot spezielle Aha-Effekte und Erkenntnisse, z. B.

Marshmallow-Spaghetti-Turm: try and error, d. h. agil bauen, provisorisch ausprobieren, rasch testen und verbessern versus langfristig, überdimensioniert planen und aufwändig, überdetailliert konstruieren.

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Kanban Pizza Game: Prinzip des dreiteiligen Kanban Boards verstehen, Abläufe effizienter gestalten, mit Ressourcen bzw. Material wirtschaftlich umgehen, zu jedem Zeitpunkt die Herstellung auf andere Produkte umstellen können, klare, direkte bzw. persönliche Kommunikation zur gegenseitigen Abstimmung.

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Ball Point Game: realistische Beurteilung der eigenen Leistungsfähigkeit als Team, iterative Verbesserungen durch mehrere Durchläufe sind besser als zeitaufwändige Planungen, als Team einen gemeinsamen Rhythmus finden, direkte Kommunikation zwischen Partnern im Team.

Warum heute agiler als früher?

Unternehmen und Organisationen mit klassischen bzw. traditionellen Strukturen arbeiten meist prozessorientiert (z. B. Automobilindustrie, Behörden) oder projektabhängig (z. B. Bauindustrie, Kreativbranche, Hilfsorganisationen, NGOs) oder in Mischformen. Wenn starke Hierarchien bestehen, sind lange, zeitaufwändige Abstimmungsprozesse nötig, die das Fortschreiten der Prozesse und Projekte immer wieder aufhalten, umso mehr wenn Modifikationen notwendig sind, etwa durch unerwartete Ereignisse oder sich ändernde Kundenwünsche.

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VUCA-Welt heute

Schwarz-Weiß ist vorbei. Wir müssen uns von Bewährtem lösen. Unsere Welt ist vielschichtig und zuweilen verwirrend geworden. Viele Menschen fühlen sich überfordert. Einfache Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung existieren nicht mehr. Langfristige Prozesse und Vorhaben lassen sich schwer planen. Zu viele Unwägbarkeiten bringen Pläne durcheinander. Die aktuellen Herausforderungen spiegeln sich in dem Akronym VUCA wieder:

  • Volatility = Volatilität (flüchtig, verdunstend, Bsp. schwankende Aktienmärkte usw.)
  • Uncertainty = Unsicherheit (Bsp. Arbeitsplatz, Arbeitszeiten, Konsumentenwünsche, Wettbewerber usw.)
  • Complexity = Komplexität (Bsp. Technologien, Digitalisierung, disruptive Geschäftsmodelle)
  • Ambiguity = Mehrdeutigkeit (Bsp. Medienkonsum: gut oder schlecht, Privatschule versus öffentliche Schule, Stadt versus Land, Mensch versus künstliche Intelligenz)

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Strategien gegen Unsicherheit

Die Abkürzung VUCA schuf das US-Militär. Es war zu der Erkenntnis gelangt, dass die geopolitische Lage zunehmend instabil, unvorhersehbar und kaum einschätzbar sein, auch im Hinblick auf die Dauer der unsicheren Situation. Doch wie stellen wir uns dem Ungewissen?

  • indem wir unsere Perspektive wechseln, ein Problem von verschiedenen Standpunkten betrachten (Wie denken Terroristen?)
  • indem wir uns bewusst auf unbekanntes Terrain begeben, dort Erfahrungen, Erkenntnisse und Inspirationen sammeln (Wie tickt das Silicon Valley?)
  • indem wir in kürzeren Abschnitten denken anstatt große, langfristige Pläne zu schmieden (Wir machen erst mal eine kurze Reise ins Silicon Valley, lassen uns inspirieren und schauen, was sich daraus ergibt.)
  • indem wir drei Szenarien durchspielen und uns so gedanklich wappnen: der beste Fall, der schlechteste Fall, der Durchschnittsfall
  • indem wir uns bewusst sind, dass wir nicht alles kontrollieren können
  • indem wir mutig und gelassen sind und unseren Fähigkeiten vertrauen

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Theorie und Praxis: kompliziert und komplex

Ein spannender Austausch im Workshop entstand um die Frage, was kompliziert und was komplex sei. Die Unterschiede wurden durch praktische Beispiele rasch klar:

a) Eine Uhr an sich ist kompliziert, der Markt für Uhren jedoch komplex. Komplex wird es immer dann, wenn Menschen ins Spiel kommen. Oder anders gesagt: Die Theorie ist komplizierT, die Praxis ist komPlex, wenn der Mensch eingreift.

b) Ein Workshop ist kompliziert: Er lässt sich lässt zwar in der Theorie planen. Doch wenn in der Praxis der Mensch hinzukommt, wird der Workshop komplex. Wie Menschen entscheiden und sich verhalten, ist unwägbar. Menschen lassen Dynamiken entstehen, die nicht vorhersehbar sind. Sie können jeden noch so wohldurchdachten Plan komplett über den Haufen werfen. Genau aus diesem Grund scheitern 70 % der Projekte an (schlechter) Kommunikation und weichen (menschlichen) Faktoren. Lehrer kennen das aus leidvoller Erfahrung.

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Resilienz

Wenn wir gedanklich auf alles vorbereitet sind, können wir weniger überrascht werden. Wenn wir hingegen nur einen Plan und dessen mögliche Folgen vor Augen haben, können Änderungen uns schnell aus der Bahn werfen. Je flexibler wir sind, umso stärker ist unsere Resilienz, unsere innere Widerstandskraft. Wenn sich Voraussetzungen ändern, können wir rasch und flexibel darauf reagieren. Wenn wir beharrlich an alten Plänen festhalten und uns innerlich entgegenstellen, macht uns dieser zwecklose Kampf auf Dauer mürbe.

Antwort auf neue Herausforderungen

Agiles Arbeiten ist zusammengefasst eine Reaktion auf neue Herausforderungen und neues Denken, auf digitalen Wandel und eine Arbeitswelt, die mehr Geschwindigkeit, Flexibilität und multi- sowie transdisziplinäre Zusammenarbeit braucht. Nach mehr Effektivität und Effizienz streben auch die neuen nach 1977 geborenen Teammitarbeiter der Generation Y, die Teilhabe bzw. Selbstorganisation, Teamarbeit auf Augenhöhe und permanentes Feedback fordert. Selbstoptimierung und lebenslanges Lernen sind Triebkräfte für agiles Arbeiten.

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Agiles Manifest

Vordenker für neue Bedarfe in der Arbeitswelt waren 17 US-amerikanische IT-Entwickler. Ihre Innovation: Sie rückten die Zufriedenheit des Kunden in den Fokus und formulierten im Februar 2001 in einem Agiles Manifest vier zentrale Kriterien: „Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte (neu) zu schätzen gelernt:

  • Teammitarbeiter und deren Interaktionen sind mehr als Prozesse und Werkzeuge: Es geht um Kommunikation und Psychologie
  • Funktionierende Software ist mehr als umfassende Dokumentation: Es geht um Visualisierung und Einfachheit 
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden ist mehr als die Vertragsverhandlung: Es geht um Nutzererfahrungen und Perspektivwechsel
  • Reagieren auf Veränderung ist mehr als das Befolgen eines Plans: Es geht um iteratives Vorgehen = überschaubare Schritte, rasches Reagieren, Testen, Abwandeln

Agile Werte

Basis für agiles Arbeiten ist, dass sich alle im Team auf gemeinsame agile Werte stützen:

  • #1: Einigkeit über das gemeinsame Vorgehen
  • #2: überschaubare Strukturen, kleine Teams
  • #3: Feedback
  • #4: Fokussierung
  • #5: Kommunikation und Bindung
  • #6: mutiges, beherztes Vorgehen
  • #7: Offenheit
  • #8: Respekt und Wertschätzung

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Teamgröße und Zusammensetzung

Das optimale agile Team besteht aus 7 Mitarbeitern (plus/minus zwei). Nach Erkenntnissen aus der Lernpsychologie können wir uns bis zu sieben Dinge optimal merken. Idealerweise sollte das Team multidisziplinär zusammengesetzt sein, damit sich verschiedene Kompetenzen und Persönlichkeiten ergänzen und gegenseitig befruchten. In der IT-Branche sind es z. B. Konzepter, Entwickler, Software-Architekten, Designer, technische Redakteure und Tester.

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Kanban

Kanban (japanisch: „Karte“, „Tafel“ oder „Beleg“) entstand schon in den 40er Jahren in Japan beim Automobil-Hersteller Toyota, um den Produktionsprozess zu steuern, zu verbessern und Lagerbestände zu reduzieren, kurz TPS (Toyota Production System). Mitarbeiter sollten die Wertschöpfungskette auf einen Blick erfassen: von der Kundenbestellung über den Materialfluss bis hin zur Fertigung und Auslieferung. Kanban soll den kontinuierlichen Arbeitsfluss (Flow) sichern. Die Methode eignet sich vor allem für die Reihenfertigung. Die Workshopteilnehmer konnten dies im agilen Game Pizza-Kanban praktisch erproben.

Visualisierung

Mehrere Durchläufe beim Pizzabacken gaben den Teilnehmern die Chance, ihr Tun zu professionalisieren, effizienter (Materialressourcen) und effektiver (gleichmäßige Verteilung der Zutaten auf der Pizza) zu gestalten. Durch Selbstermächtigung entscheidet sich im Team, wie fokussiert, transparent, flexibel und schnell das Projekt realisiert wird. Dabei hilft eine Tafel (Kanban) mit drei bzw. vier Spalten: Jeder kann auf einen Blick sehen:

  • was „noch zu tun” ist (to dos)
  • was „in Arbeit” ist (doing)
  • was „fertig” ist (done)
  • was „in Warteposition“ ist

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Transparenz

In die drei Spalten werden Haftnotizen für die jeweiligen Arbeitsvorgänge geklebt. Sie können jederzeit in andere Spalten umsortiert werden – je nach Prozessfortschritt. Die Spalten machen jedem die Abhängigkeiten zwischen den Arbeitsschritten deutlich bzw. gewährleisten Transparenz, das implizite Wissen der Mitarbeiter. Haftnotizen mit besonderen Farben kennzeichnen Prioritäten. Werden Aufgaben verschoben oder sind sie erledigt, kommen die Teammitglieder erneut ins Gespräch, geben einander Rückmeldung oder fragen nach. Das Drei-Spalten-System ist u. a. auch in das Online-Tool Trello eingeflossen.

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Scrum

Scrum (englisch: [geplantes] Gedränge) leitet sich von einer Standardformation bzw. Strategie im Rugby ab. Kleine selbst organisierte Einheiten innerhalb des Teams schirmen ihre Mannschaftskollegen ab, die den Ball in Bewegung halten und taktisch die passende Gelegenheit für den nächsten Sprint über die Ziellinie vorbereiten.

Rollenverteilung

Wie beim Kanban geht es auch bei Scrum um Transparenz. Orientierung und Rahmen bieten drei Rollenmodelle: Product-Owner, Scrum-Master und Team. Jeder übernimmt konkrete Planungsrituale (Meetings) und Planungsergebnisse (Artefakte). So wie das Produkt wird auch die Planung ständig schrittweise überarbeitet, verfeinert (iterativ) sowie ggf. mit neuen Bestandteilen ergänzt und angepasst (inkrementell). Die Arbeitszyklen (Sprints) umfassen einen Zeitraum von ein bis vier Wochen.

Der Product-Owner steuert (im Auftrag des Kunden) den langfristigen Plan (Product Backlog). Er leitet das Meeting für den nächsten Arbeitszyklus mit der konkreten Aufgabenliste (Sprint) und entscheidet, was erarbeitet wird. Er ist für den Erfolg des Projekts und dessen Rentabilität verantwortlich.

Der Scrum-Master steuert die Arbeitsschritte im Detailplan (das Sprint Backlog). Et leitet das Daily Meeting und entscheidet, wie gearbeitet  wird. Er stellt sicher, dass alle im Team den Prozess verstehen, ihn einhalten und jeder ungestört arbeiten kann. Er hilft dem Team ggf. dabei, diagnostizierte Hürden zu überwinden.

Das Team greift sich nach eigenem Ermessen aus dem langfristigen Plan des Product Owners Teilaufgaben heraus, die es in der vorgegebenen Zeit realistischerweise umsetzen kann. Die Aufgaben werden eigenverantwortlich an die einzelnen Teammitglieder verteilt. Fortschritte aus dem Detailplan hält das Team grafisch in der Dokumentation, dem Burn-Down-Chart, fest. Die ein- bis vierwöchigen Arbeitsphasen (Sprint) werden vom Team im Rahmen des Sprint Review-Meetings reflektiert.

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Sprint Review

Am Ende einer Sprint-Phase, meist nach zwei Wochen, wird das Ergebnis der Arbeitsphase im Beisein des Product Owners für alle Beteiligten sichtbar vorgestellt, z. B. in Form eines Demos. Auch Stakeholder, Kunden, Nutzer usw. können anwesend sein und Feedback geben.

Retrospektive

Der Sprint Review folgt die Retrospektive, um Prozesse und Emotionen transparent darzustellen, zu reflektieren und zu diskutieren. Wichtig ist dabei ein atmosphärisches Umfeld von Wertschätzung und Vertrauen. Eine Retrospektive dauert in der Regel anderthalb Stunden. Die Qualität des Scrum-Prozesses wird hinterfragt, bisherige Arbeitsprozesse und Methoden werden überprüft, z. B. über drei reflektierende Fragen:

  • Wie ist es dem Team ergangen?
  • Welche Werkzeuge sind praktikabel?
  • Welche neuen Erfahrungen können in die nächste Arbeitsphase mitgenommen werden?

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Eine Retrospektive kann in diesen sechs Abschnitten ablaufen:

  • Intro 5 Minuten
  • emotionales Stimmungsbild 10 Minuten
  • Wann ging es Euch gut? Belegbar anhand eines Zeitstrahls / einer Fieberkurve 20 Minuten
  • Erkenntnisse sammeln 20 Minuten
  • Was soll in den nächsten Sprint überführt werden, was wird eliminiert? 20 Minuten
  • Cool down Phase 15 Minuten

Die Teammitglieder kommen gemeinsam zu neuen Erkenntnissen, können ihr zukünftiges Handeln anpassen, ggf. erlebte Hürden überwinden. Basis für Retrospektiven sind Mut, Vertrauen und eine gelöste offene Atmosphäre. Ist dies gewährleistet, können ggf. auch Führungskräfte an Retrospektiven beteiligt werden. Mit Beginn des nächsten Sprints wählt das Team neue Aufgaben aus dem langfristigen Plan (Product Backlog) des Product-Owners.

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Daily Meeting und StandUp

Fester Bestandteil (Ritual) agiler Methoden, so auch bei Kanban und Scrum, ist das tägliche StandUp. Es ist Voraussetzung für zielorientiertes Arbeiten. Bei diesen Zusammenkünften im Stehen, die bis zu 15 Minuten dauern, beantwortet jedes Teammitglied in jeweils 90 Sekunden drei Fragen:

  • Was habe ich gestern erreicht?
  • Was will ich heute umsetzen?
  • Welches Problem hat sich ergeben und wo brauche ich konkret Unterstützung?

Scrum und Kanban im Vergleich

Scrum ist umfangreicher als Kanban durch die Rollenverteilung und die zeitlich verbindliche Taktung in tägliche bzw. zeitlich wiederkehrende Rituale (Zähneputzen). Bei Kanban ist die Rollenverteilung nicht vorgeschrieben, eine Einteilung in Sprints, Reviews und Retrospektive gibt es hier nicht. Grundsätzlich können Elemente aus Kanban und Scrum aber miteinander kombiniert werden.

Design Thinking

Beim Design Thinking steht der Nutzer klar im Mittelpunkt, d. h. die Wünsche des Kunden werden mit Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit verbunden. Ein kleines, agiles, interdisziplinäres Team arbeitet hierarchiefrei und selbstbestimmt in einem mehrstufigen Prozess zusammen. Er gliedert sich in sechs Phasen:

  • Sachverhalte verstehen und beobachten, z. B. durch Recherchen und Interviews
  • Probleme exakt definieren
  • Lösungsansätze finden bzw. Ideen entwickeln
  • Prototypen entwerfen
  • Ideen vom Nutzer testen lassen
  • Lösungsansätze weiter verbessern, ggf. auch mehrfach

Prototyp

Die Teammitglieder identifizieren gemeinsam ein Problem, entwickeln Ideen und Lösungsansätze und präsentieren schon nach wenigen Tagen einen improvisierten Prototypen. Es geht gerade nicht um das perfekte Modell, sondern darum rasch herauszufinden, ob der Lösungsansatz in die richtige Richtung geht. Der Nutzer bzw. Kunde testet schon im Frühstadium seine Gebrauchstauglichkeit. Das schnelle Feedback spart Zeit und Kosten und reduziert das Risiko. Das Team bessert dann schrittweise nach, bis der Kunde zufrieden ist. Das Hasso-Plattner-Institut hat die kreative Methode bekannt gemacht und vermarktet sie (siehe Agent of Change).

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Praxis Design Thinking im Workshop

Die Aufgabenstellung im Workshop: „Denkt Euch zwei konkrete Personen (Persona: männlich/weiblich) aus, beschreibt sie möglichst genau. Überlegt dann, welche innovative Geldbörse zu dieser Person passen und ein konkretes Problem für diese Person lösen könnte. Sammelt Ideen, wandelt sie ab (Scamper-Methode), entwerft einen Prototyp und präsentiert ihn. Die Ergebnisse waren schrill und kreativ: Für den schüchternen Robert entstand eine sprechende Geldbörse, die Frauen Komplimente machen soll. Für die selbstbewusste Modedesignerin Ella wurde ein Origami-Portemonnaie entworfen, das modulativ und vielfältig umgenutzt werden kann, z. B. als Lampenschirm oder Tasche.

Design Thinking findet seine Weiterführung im Ansatz, alles schlank, d. h. LEAN zu gestalten: von Denkprinzipien, Methoden und Verfahrensweisen über schlankes Management bis zum Basis-Produkt. Mehr dazu demnächst in diesem Artikel: Wir sind die Firma, alle sind Chefs: Selbstorganisierte Teams.

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Fazit zum Workshop: Sehr empfehlenswert!

Alexander Schaaf und Valentin Nowotny boten einen zweitägigen Workshop, der informativ, verständlich, interaktiv, spielerisch, beispielgebend, abwechslungsreich, kompetent, mit professionellem Zeitmanagement und einer guten Portion Humor geführt war. Auch die Anteile von Theorie und Praxis hatten die beiden Trainer gut austariert. Zur positiven Atmosphäre im Workshop trug darüber hinaus die Idee von Schaaf und Nowotny bei, sich in Reaktion auf das Workshopgeschehen einander wertschätzende Kudo-Kärtchen zu schreiben und für alle sichtbar und lesbar an die Pinnwand zu heften (Kudo = griechisch: Ruhm, Ehre, Anerkennung).

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Übersichtliche Visualisierungen, viele davon erstellt von Alexander Schaaf, trugen zusätzlich zum Verständnis und zum schnellen Erfassen des umfangreichen Stoffes bei. Mit zahlreichen Metaphern prägten sich die Informationen leichter ein: Segelboot, ziehen und bremsen, Druck und Sog, Reisen mit dem Koffer, Ballast abwerfen, Troika – das Gute, das Böse, das Hässliche. Stellvertreter Klaus als Schutz-Vehikel für eigene Empfindungen usw. Wichtige psychologische Aspekte wurden von Valentin Nowotny kompetent eingestreut, u. a. zum Thema zwischenmenschliche Beziehungen, Kommunikation, Team-Mechanismen und laterale Führung.

Lean und Teal

Hier mehr: LEAN und TEAL – Wir sind die Firma, wir alle sind Chefs

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Service und viel Zusatznutzen

Weitere Informationen liefern Schaaf und Nowotny auf ihren Online-Portalen: über die Plus-Plattform AgileTeams sowie über ihre Blogs key2know und NowConcept, dort sind auch Termine und Preise zu zukünftigen Workshops zu finden. Eine interne Plattform, die key2know zugeordnet ist, können sich die Teilnehmer auch nach dem Workshop weiter miteinander vernetzen und austauschen. Ein Zertifikat belohnt die Teilnehmer am Ende für ihre aufmerksame und aktive Mitarbeit.

Der Workshop fand übrigens im Juggle Hub statt, einem familienfreundlichen Coworking Space in der Christburger Straße in Berlin. Er bietet nicht nur Räume zum gemeinsamen Arbeiten und lebenslangen Lernen, sondern bei Bedarf auch eine flexible Kinderbetreuung.

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Erklärtrickfilm: Agiles Arbeiten

 

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Neue Lebenswelten: Das Dorf ist kreativ und innovativ

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Was früher Bürde und Einengung war, gilt heute als neuer Freiraum und Luxus: das Leben auf dem Lande. Immer mehr Menschen kehren dem urbanen Leben bewusst den Rücken. Meine Verlagskollegin Corinna Hesse ist 2010 von Hamburg ins mecklenburgische Tüschow umgezogen, ein winziges Örtchen mit 12 Häusern im Altkreis Ludwigslust. Seitdem genießt sie die Idylle und nutzt den Freiraum, das Dorfleben aktiv und kreativ zu gestalten. Ein Gastbeitrag von Corinna Hesse.

Vom Potenzial ländlicher Räume

Der digitale Wandel bringt es mit sich, dass Menschen dort arbeiten können, wo sie leben möchten – und nicht umgekehrt. Tüschow ist für mich der schönste Ort der Welt. Ein Paradies am Naturschutzgebiet Schaalelauf, mit totaler Stille und üppigstem Sternenhimmel. Ein Dorf mit 28 Einwohnern und einem schmucken Herrenhaus. Die Internetleistung ist passabel, naja: ausbaufähig. Im Mobilfunknetz ist allerdings noch sehr viel Luft nach oben. Die „Kreativquote“ ist dennoch hoch: 21% der Einwohner arbeiten in kreativen Berufen, selbständig oder als Kleinunternehmer. Mein Mann als Musikjournalist und ich als Kultur-Verlegerin sind zwei davon. Alle Kreativen hier sind Stadtflüchtige. Sie verbinden den Wunsch nach einer (für sie selbst) sinnstiftenden beruflichen Tätigkeit mit einer neuen Idee von Lebensqualität – der Idee, dass der Mensch vielleicht doch nachhaltig in Einklang mit der Natur leben kann anstatt die Ressourcen unseres Planeten dauerhaft zu zerstören.

 Herrenhaus Tüschow © kallebu

Verändern oder Bewahren

Die Erkenntnis wächst in Politik und Verwaltung, dass in der kreativen Gestaltung des Wandels in ländlichen Räumen ein riesiges Potenzial liegt. Natürlich sind die Beharrungskräfte in einem Dorf stark: Es gibt auch Bewohner, die sich nach den „guten alten Zeiten“ zurücksehnen. Doch der Wandel ist längst da und lässt sich nicht aufhalten. Also: Wollen wir ihn aktiv gestalten oder lassen wir uns von der digitalen, globalisierten Welt überrollen? Zum Wandel gehört auch, dass wir uns überlegen, was wir bewahren wollen. Was uns etwas „wert“ ist. Und vielleicht ist Beharrungsvermögen manchmal auch ganz gut und das Neue nicht um jeden Preis besser als das Alte? 

  Solardächer sind auch in Dörfern längst selbstverständlich, wie auf dem Passivhaus von Corinna Hesse. © kallebu

peer to peer: voneinander lernen

Alteingesessene und Zugezogene lernen hier viel voneinander. Ich zum Beispiel bewundere die Alt-Tüschowaner für ihre handwerklichen und gärtnerischen Fähigkeiten. Und von uns Kreativen lernen die Alt-Tüschowaner vielleicht, dass Innovationen durchaus ihren Reiz haben, wenn man sie selbst gestalten kann. Es ist extrem spannend zu beobachten, wie produktiv das freundschaftliche Zusammenspiel der heterogen Sozialisierten im engen Radius eines Dorfes wirken kann.

 © Jerzy Sawluk, Pixelio.de 

Hilfe zur Selbsthilfe: bürgerschaftliches Engagement

Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass der Staat eine Full-Service-Agentur ist. Das brauchen wir nicht, aber wir brauchen auch keine Bevormundung und schablonenhaft fixierte Entwicklungskonzepte. Die Dorfbewohner in Tüschow sind stolz auf ihre gestalterischen Kompetenzen: Mit vereinter Kraft haben sie nach der Wende eine Brücke über die Schaale gebaut, die lächerlich wenig gekostet hat. Obwohl „unsere“ Brücke sicherlich noch viele Jahrzehnte halten wird, wäre diese Art der bürgerschaftlichen Selbsthilfe heute nicht mehr möglich. Sicherheitsvorschriften, Bauauflagen…

Experimentierfeld für kreative Raumpioniere

Mein Vorschlag für eine kreative Regionalentwicklung wäre, mehr Freiräume für die Gestaltungskraft der Einwohner zu schaffen und kreative Raumpioniere mehr zu unterstützen. Vorbild für eine neue Art von regionaler Verwaltung ist der Gärtner: Er sorgt für guten Boden und ausreichend Wasser. Aber das Wachsen überlässt er den Pflanzen selbst. Wachstum lässt sich nicht erzwingen. Und Überdüngung führt selten zu nachhaltigem Erfolg. In der Natur gibt es kein ewiges Wachstum, nur ewige Wandlung. Aber wenn wir uns vom Paradigma des ewigen Wachstums endlich verabschieden, können wir das Dorf zu einem Experimentierfeld machen, um herauszufinden, was das Leben lebenswert macht.

  © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Plädoyer fürs Dorf: Vorzüge realer Realitäten

Für mich persönlich war der größte „Verlust“ im Dorfleben übrigens nicht, dass man hier nicht asiatisch Essengehen kann oder das nächste Kino weit weg ist. Eine sonnenwarm gepflückte, vollreife Erdbeere hat die Aromen derart optimiert, dass Sterneköche vor Neid erblassen. Und das abendliche künstlerische Lichtspiel im tausendfach variierten Grün und die jahreszeitlich wechselnden Duftkulissen im Garten fluten die Sinne, so dass ich die „reale“ Realität der virtuellen allemal vorziehe. Nein, der größte Verlust war, dass vor drei Jahren die Nachtigall ausblieb, die uns die ersten Frühlinge hier in Tüschow mit ihrem bezaubernden Gesang verwöhnt hat. Die industrielle Landwirtschaft forderte ihren Tribut. In der Stadt hätte man es vielleicht nicht mal bemerkt.

 © kallebu 

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Corinna Hesse ist geschäftsführende Mitgesellschafterin im Silberfuchs-Verlag und setzt sich als Sprecherin der Kreative MV – dem Netzwerk für Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern – und Vorstandsmitglied der Kreative Deutschland – Bundesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft – in zahlreichen Projekten für die kreative Gestaltung des ländlichen Raums ein. Sie ist Pionier einer Neuen Ländlichkeit.

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Buch- und Lesetipps:

Dr. Wolf Schmidt: Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs, Schriftenreihe der vom Historiker Schmidt initiierten Mecklenburger AnStiftung, 2017.  Im Buch erläutert Schmidt die immateriellen Werte des Lebens in ländlichen Regionen.

Wolf Schmidt: Kunst des Bleibens – Wie Mecklenburg-Vorpommern mit Kultur gewinnt (pdf zu kostenfreien Herunterladen), Herbert Quandt-Stiftung 2012.

Gerhard Henkel: Rettet das Dorf! Was jetzt zu tun ist. München 2016. Als Humangeograph beschäftigt sich Henkel seit Jahren mit Geschichte und Gegenwart des ländlichen Raumes. Als Standardwerke zur Dorf- und Landentwicklung gilt sein Buch „Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute“.

Brita Polzer (Hg.): Kunst und Dorf. Scheidegger & Spiess, Zürich 2013. 

Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Ländlicher Raum

Ton Matton: DORF MACHEN: Improvisationen zur sozialen Wiederbelebung. Jovis Berlin 2017.

arte: Kunst fürs Dorf. 6teilige Serie, begleitend zu einem Wettbewerb von Deutsche Stiftung Kulturlandschaft von 2013.

Ländlicher Raum – Zeitschrift der Agrarsozialen Gesellschaft e.V.

LandInform – Zeitschrift der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume (DVS) in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)
 
Bauwelt – Zeitschrift über Städtebau, Stadtkultur und globale Ökonomie
 
Der Holznagel – Magazin der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V.
 
Bauernblatt – amtliches Mitteilungsblatt der Landwirtschaftskammer
 
enorm – Magazin für den gesellschaftlichen Wandel in urbanen und ländlichen Regionen 
 
Landlust – Lifestyle-Magazin für Freunde des ländlichen Lebens
 

Vereine, Verbände, Plattformen

Bundesverband lebendige Dörfer

Bundesnetzwerk bürgerschaftliches Engagement: BBE
 
ARKUM – Arbeitskreis für historische Kulturlandschaftsforschung in Mitteleuropa e.V. mit Zeitschrift Kulturlandschaft
 
 
I-KU – Institut zur Entwicklung des ländlichen KulturRaums e.V. in Baruth/Mark Brandenburg
 
 
Unser Dorf hat Zukunft – Bundeswettbewerb 
 

Plattform Ländliche Räume – AHA Dialog der Andreas Hermes Akademie

Umdenken: Wie Banken und Banking sexy werden

 ©low500, Pixelio.de

Banking ist nicht sexy und müsse es auch nicht werden, meinte kürzlich KPMG-Bankexperte Sven Korschinowski in einem Interview: „Banken erbringen keine Primärleistung [Hauptleistung]. Finanzdienstleistungen sind ein Mittel zum Zweck, z. B. zur Erfüllung eines Konsumwunsches.“ 

Haben Banken eine Zukunft?

Leider viel zu kurz gedacht – in meinen Augen. Wenn Banken ihr Selbstverständnis auch zukünftig allein auf Finanzdienstleistungen gründen, verspielen sie über kurz oder lang ihre Existenzberechtigung. Banken steht ein massiver Arbeitsplatzabbau bevor. Mit Blick auf Blockchain, FinTechs und Finanz-Apps (Banking to go / Banking für die Hosentasche), fragen sich bereits heute viele Kunden, warum sie für die Regelung ihrer finanziellen Verpflichtungen Gebühren zahlen sollen, wenn sie die Leistungen anderswo gratis bekommen. Microsoft-Gründer Bill Gates sagte schon 1998: „Banking is necessary, Banks are not”.

Warum heutige Banken nicht sexy sind

Der Hype um FinTechs, neue Technologien und digitale Geschäftsmodelle verstellt den Blick auf die wahren Probleme von Banken und zugleich auch auf ihre Chancen und Potentiale. Warum ist Banking nicht sexy? Weil die Verwaltung von Geld genau genommen leblos ist. Ganz anders ist es, wenn der Mensch ins Spiel kommt. Wie wäre es, wenn Banken zum Lebens- und Potenzialberater ihrer Kunden werden würden und dabei nicht nur Kapitalvermögen und Immobilien im Blick hätten?

 © Michael Ottersbach, Pixelio.de

Potentiale des Immateriellen

Seit Jahrhunderten wird der Bankkunde auf sein materielles Vermögen reduziert! Warum soll das zukünftig so bleiben, frage ich mich. Wir leben in einer Informations- und Wissensgesellschaft, die sich auf Talente, Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten gründet! Wäre es nicht weitaus nachhaltiger gedacht, eine Bank würde ihren erwachsenen und heranwachsenden Kunden begleitende Beratung bei der Berufs- und Lebensplanung anbieten? Sie könnten Schülern mit Hilfe von Partnern aus Wirtschaft und Kultur kostenfreie kreative Workshops offerieren – zur Talenterprobung und Potentialentfaltung. Stattdessen werden minderjährige Bankkunden bzw. deren Eltern phantasielos mit Zinsen geködert (Mäusesparen & Co.). Zukunftsorientierte Banken sollten ihre Kunden von morgen lieber mit spannenden Erlebnissen locken, bei denen Kinder und Jugendliche Offenheit, Mut, Kreativität und Vielfalt erfahren und erspüren können. Das, was die Arbeitswelt zukünftigen Generationen stärker abfordern wird und das, was uns Menschen trotz Künstlicher Intelligenzen unersetzlich macht. Gewohnte Denkmuster müssen daher dringend aufgebrochen werden!

Fragen an die Bank der Zukunft

Warum muss sich die Dienstleistung einer Bank auf die Verwaltung von materiellen Dingen (Vermögen, Kredite usw.) beschränken? Kein Wunder, dass der Kunde das wenig sexy findet! Warum investiert diese – wie andere bedrohte Branchen auch – meist nur in technologische Innovationen? Warum denkt eine Bank der Zukunft nicht primär über eine soziale Innovation nach und setzt erst später unterstützend und begleitend auf neue Technologien? Der Mensch sollte Treiber für die Technologie sein und nicht umgekehrt! Warum lassen Banken das immaterielle Kapital und Vermögen ihrer Kunden derzeit völlig außer Acht?

 © I-vista, Pixelio.de

Nachhaltigkeit

Wer seine Kunden umfassend bei Bildung und Potentialentfaltung unterstützt und in ihre Talente investiert, wird zukünftig vermutlich über finanzstarke, solvente und zufriedene gesunde Kunden verfügen. Und nicht nur das: Er wird Kunden haben, die gesund und resilient sind, weil sie durch Talent- und Potentialentfaltung gelernt haben, zukünftigen Veränderungen im Leben oder am Arbeitsmarkt flexibel, offen und angstfrei zu begegnen.

Wer seine Kunden nach ihren Neigungen, Leidenschaften, Ideen und Lebensträumen befragt und sie bei der Realisierung unterstützt, vom Denken und Planen zum Handeln zu kommen, wird sie dauerhaft an sich binden. Wer in immaterielle Potentiale seiner Kunden investiert, sorgt für ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Wer seinen Kunden hingegen weiterhin unmoralische Spekulationsgeschäfte mit Hedgefonds und risikoreichen Derivaten aufschwatzt und Vermögen gewissenlos verzockt, wird verdient untergehen.

 © Uta Thien Seitz, Pixelio.de

Soziale Innovationen

Wo Märkte und Branchen versagen, bilden sich Freiräume und Chancen für soziale Innovationen und für die Bank von morgen, der sie getrost ihr Vertrauen schenken dürfen. Stellen Sie sich folgende Szenarien vor:

Szenario 1: Angebote für Heranwachsende

Sie erhalten Post von Ihrer Hausbank: „Sehr geehrte/r Kunde/in, in wenigen Tag für Ihr/e Sohn/Tochter 14 Jahre alt. Wir freuen uns mit Ihnen und möchten Ihr Kind zu einem Erlebnis- und Entdeckertag mit einer kostenfreien eintägigen Talent- und Potentialberatung einladen. Der Gutschein ist beigefügt! Wir freuen uns auf Ihr Kind und einen ereignisreichen Tag. Mit freundlichen Grüßen – Ihre Potential-Bank der Zukunft!“

Ein interdisziplinäres Team erfahrener Pädagogen, Psychologen, Künstler und Sozialwissenschaftler unterhält sich ausführlich mit Ihrem Kind, lässt es spielerisch verschiedene geistige, kreative und empathiebezogene Herausforderungen bearbeiten und Fragebögen ausfüllen. Am Ende erhalten Sie und Ihr Kind eine ausführliche Auswertung und ein persönliches Beratungsgespräch, um Ihrem Kind und Ihnen verschiedene Vorschläge für ein künftiges sinnerfülltes und glückliches Leben zu unterbreiten, an welchem Ort, in welcher Branche, in welcher Funktion auch immer, entsprechend der besonderen Talente, Fähigkeiten und Neigungen, egal ob in einer Erwerbsarbeit oder in einem Ehrenamt.

Bereits heute bieten Institute in jeder größeren Stadt Potentialanalysen für Jugendliche an, allerdings zu stolzen Preisen um die 1.500 €. Eine Investition, die nicht jeder aufbringen kann.

 © Wilhelmine Wulff, Pixelio.de

Szenario 2: Angebote für Erwachsende

Sie sind an einem Wendepunkt in Ihrem Leben (völlig normal!) und denken über eine Veränderung nach. Sie rufen bei Ihrem persönlichen empathiekompetenten Bankberater an, dem Sie ihre Situation schildern. Er stellt für Sie persönlich ein interdisziplinäres Kompetenzteam zusammen, das der Bank verbunden ist, und vereinbart für Sie eine kostenlose ganzheitliche Beratung, die Ihre besondere Situation von allen Seiten beachtet. Zum Team gehören: ein Branchenexperte, ein Arbeitsmarkt- bzw. Personalexperte, ein Journalist, ein Psychologe, ein Allgemeinmediziner, ein Experte für lebenslanges Lernen und ein Künstler bzw. Kreativschaffender. Nach der Erstberatung wird das weitere Vorgehen entschieden. Das Expertenteam hört Ihnen zu und berät sie, Sie fühlen sich wertschätzt, angenommen, aufgefangen. Und finden früher oder später eine Lösung, die Sie glücklich macht und gesund bleiben lässt.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Szenario 3: Herzensprojekte

Sie haben eine Projekt- oder Geschäftsidee bzw. planen ein soziales oder ehrenamtliches Projekt. Neben Kapital benötigen Sie zunächst einmal Informationen: Kontakte zu Fachjournalisten und Branchenkennern, zu potentiellen Kunden zur Testung Ihrer Ideen und Prototypen, zu Künstlern und Designern sowie weiteren Wissensträgern, u. a. zu Studenten aus Universitäten und (Fach-)Hochschulen, zu Azubis passender Fachbereiche. Sie brauchen kommunikativen Austausch in einem Netzwerk mit Creator, Owner und Broker. Sie rufen Ihren Bankberater an. Mit Hilfe seiner Kontakte und einer digitalen Matching-Plattform stellt er Ihnen eine Vorschlagsliste mit einem interdisziplinären, fachkundigen Team zusammen und unterstützt damit Ihr Lebensprojekt mit ideellen Werten und immateriellem Kapital. Wer für Sie Beratungs- und Unterstützungsleistungen erbringt, wird hälftig von Ihnen, dem Kunden, und Ihrer Bank vergütet – über Micropayment bzw. ein Punktesystem, das der Hilfe-Erbringende später selbst rückinvestieren kann. Banken können zu ThinkTanks und zu sozialen Treffpunkten werden, für kommerzielle Vorhaben ebenso wie für soziale und ehrenamtliche Projekte.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Wie soll das funktionieren?

Schon heute werden in Personalabteilungen Künstliche Intelligenzen eingesetzt, um die Auswahl geeigneter Bewerber bzw. zukünftiger Mitarbeiter zu erleichtern, zu beschleunigen und effizienter zu gestalten. Ob dies immer im Interesse der Bewerber geschieht, ist ein anderes Thema. Fakt ist, dass Personalabteilungen zukünftig weniger Mitarbeiter benötigen. Die überzähligen Personalexperten könnten sich als Lebenssinn- und Potentialberater neu aufstellen, um vom Kind bis zum Rentner jeden Bürger zu unterstützen, eigene Talente und Fähigkeiten aufzuspüren und den individuellen Lebenssinn zu finden. Mentoring durch persönliche Zuwendung!

Der Mensch im Mittelpunkt

Der Ökonom Tomás Sedlácek war wirtschaftspolitischer Berater des früheren tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel. In seinem philosophischen Buch Die Ökonomie von Gut und Böse schreibt er: „Die Menschen haben von den Ökonomen schon immer vor allem wissen wollen, was gut und was böse oder schlecht ist, und das ist bis heute so geblieben … Wir [Ökonomen] haben zu viel Gewicht auf das Mathematische gelegt und unser Menschsein vernachlässigt. Das hat zu schiefen, künstlichen Modellen geführt, die uns kaum dabei helfen, die Realität zu verstehen.“

 © Dietmar Meinert, Pixelio.de

Die Bank als Lebensbegleiterin

Statt einen Menschen mit Druck zu entmutigen, sollten wir ihm mit positiver Sogwirkung Auftrieb geben. Wenn wir unser Potential bestmöglich entfalten können, werden wir den richtigen Platz für uns im Leben finden. Wenn die Bank dazu beiträgt, sorgt sie nachhaltig dafür, einträgliche und rentable Kunden zu gewinnen und dauerhaft an sich zu binden.

Wir können der eigenen Berufung und dem Herzensthema hochmotiviert bis ins hohe Alter folgen. Voraussetzung ist, dass uns jemand dabei unterstützt und uns die richtigen Fragen stellt:

  • Was könnte meinem Leben Sinn geben?
  • Womit möchte ich mir oder anderen Menschen Freude bereiten?
  • Wo und wie kann ich in der Gesellschaft Unterstützung leisten?

Warum sollte nicht eine Bank diese individuelle Lebenssinn- und Potentialberatung übernehmen bzw. sie zumindest anstoßen und begleiten? Könnten Banken auf diese Weise zu einem neuen Selbstverständnis finden – als Potentialförderer für uns Bürger? Sie könnten ihr häufig verspieltes Vertrauen zurückgewinnen, indem sie nicht nur materielles, sondern auch geistiges Vermögen treuhänderisch verwalten, also immaterielles Kapital analysieren, bewahren und vermehren.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Kreativität und Lebenssinn

Es geht im Leben mehr denn je darum herauszufinden, wo die eigenen Talente und Fähigkeiten liegen, an welchem Ort und in welcher Funktion wir sie sinnvoll einsetzen möchten. Kreativitätsexperte Sir Ken Robinson hat es in einem Interview so erklärt: „You create your life and you can recreate it too. In times of economic downturn and uncertainty it’s more important than ever to look deep inside yourself to fathom the sort of life you really want to lead and the talents and passions that can make that possible.“ (Forbes)

Banken werden ihre Relevanz und Überlebenschance zukünftig daran messen lassen müssen, inwiefern sie den Austausch zwischen Menschen und die Vermehrung von sozialem Kapital fördern und das Geflecht persönlicher wertschätzender Beziehungen zum Blühen bringen. Das Saguaro Seminar der Harvard University hat 150 Strategien entwickelt, die zeigen, wie wir soziales Kapital vermehren können. Von diesen Ideen und Strategien können Banken sehr viel lernen! 

Peter Fox, der Sänger der Berliner Band Seeed, hat es im Song Alles neu auf seiner Solo-CD „Stadtaffe“ so formuliert:

„Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht. Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.“

 © Joujou, Pixelio.de

Künstliche Intelligenzen: Wie kreativ sind Watson und Co?

 © Th. Reinhardt, Pixelio.de      

Durch die Verarbeitung riesiger Datenmengen und durch permanentes Selbsttraining („Deep Learning“) können künstliche Intelligenzen (KI / AI /Bots) Muster erkennen, klassifizieren und bewerten. Und hilfreiche Entscheidungen für die Verknüpfung von Informationen treffen. Doch welche Folgen hat das für uns Menschen? Wohin führt es, wenn selbstlernende Maschinen sogar kreative Bereiche erobern, z. B.   

  • Kochen nach Rezept: IBM Watson als Koch-Bot
  • Dichten bzw. Schreiben von Gedichtsammlungen: die KI Xiaoice (wörtlich: „Microsoft Kleines Eis“) hat in 2760 Stunden mehr als 10.000 Gedichte verfasst. Die KI wurde dafür mit modernen chinesischen Gedichten von 519 Autoren der letzten knapp 100 Jahre „gefüttert“. 139 neu erstellte Gedichte von Xiaoice wurden für die Sammlung „Sonnenschein vermisst Fenster“ ausgewählt.
  • Komponieren mit Sonys Flow machines im Beatles Stil und mit IBM Watson für Not Easy von Alex Da Kid
  • Zeichnen im Stile bekannter Künstler: Next Rembrandt – Kooperation Rembrandthuis, Microsoft und Delft University of Technology
  • Schaffung von neuen Filmdrehbüchern aus schon vorhandenen Science-Fiction-Plots mit der KI Benjamin im experimentellen Kurzfilm It’s No Game mit David Hasselhoff 
  • Modedesign Entwurf neuer Kollektionen mit IBM Watson und dem Melbourner Designer JASONGRECH 
  • Kuratieren von Themenmagazinen, Werbe- und Marktingkampagnen: IMB Watson als Chefredakteur von The Drum

 © Next Rembrandt

Fragen, denken, reflektieren

Ist es das Ende unserer Kreativität, wenn selbstlernende Maschinen zeichnen, komponieren, schreiben und kochen können? Ganz und gar nicht! Mit reflektiertem oder visionärem (Voraus-)Denken, mit den richtigen Fragen, mit Haltung und Gewissen machen wir Menschen uns unersetzlich! Was von künstlicher Intelligenz nicht ersetzt werden kann, ist Kreativität und kritisches Denken, Empathie und Wertschätzung, aktives Zuhören und eine zugewandte Gesprächsführung, Mut und Leidenschaft. 

Künstler und Kreativschaffende sind mitfühlende Pioniere und Visionäre. Sie entwerfen Gedankenkonzepte, was einmal sein kann und sein könnte. Ideen für Coworking und Sharing, für interdisziplinäres und branchenübergreifendes Arbeiten, für mehr Nachhaltigkeit, Gemeinwohl und Kreislaufkultur sind maßgeblich durch Impulse von Künstlern und Kreativen entstanden und werden von ihnen vorangetrieben. Sie sind die Basis für innovative Geschäftsmodelle höchst erfolgreicher Unternehmen. Ein Beispiel: Künstler und Designer experimentieren häufig mit heimischen Naturstoffen. Sie sind Vorreiter der rasant wachsenden Bioökonomie. Die Künstlerin Julia Lohmann verwendet neben Algen auch Papier, Stroh und Löwenzahn. Nun zieht die Automobilindustrie nach. Der Reifenhersteller Continental verarbeitet anstelle von Kautschuk sibirischen Löwenzahn, der ebenfalls über die begehrten gummiartigen Eigenschaften verfügt. 

Wer profitiert von visionären Ideen und Konzepten?

Viele technologische und auch soziale Innovationen wurden von Künstlern, Schriftstellern und Filmemachern in ihren Werken vorweggenommen. Sollten Energie- und BioTech-Unternehmen daher Lizenzen für die visionären Ideen von Science Fiction-Autoren zahlen? Oder ist es gesellschaftlicher Konsens, dass nur diejenigen Gewinne machen, die Ideen zur Marktreife führen – ohne dass kreative Vordenker davon profitieren? Ein kurzer Streifzug durch richtungsweisende Bücher und Filme fasst einige Verdienste kreativer Zukunftspioniere zusammen: 

 © Jules Verne: “Wasser ist die Kohle der Zukunft.“

Fiktion und Realität

  • 1870 prophezeite Jules Verne in seinem Buch “Die geheimnisvolle Insel”: „Das in seine Elementarbestandteile zerlegte Wasser […] ist die Kohle der Zukunft.“ (Verne 1870) Wasserstoff wird inzwischen von vielen Unternehmen als Energiespeicher und für den Antrieb von Verkehrsmitteln genutzt.
  • 1966 entwickelte der russisch-amerikanische Biochemiker und Sachbuchautor für den Film „Die phantastische Reise“ die Idee, Ärzte in einem U-Boot auf Mikrobengröße zu schrumpfen und sie über die Blutbahnen in das Gehirn eines Geheimagenten zu schleusen, um schließlich einen Tumor in dessen Kopf zu zerstören. 2011 lässt Andreas Eschbach seinen Helden Hiroshi „Herr aller Dinge“ im gleichnamigen Roman mit selbst programmierbaren, reproduzierbaren Nanorobotern werden. Inzwischen ist es Nanotechnologen in verschiedenen Ländern tatsächlich gelungen, winzige Roboter zu entwickeln, um sie über Blut oder Augenflüssigkeit zu Krankheitsherden zu leiten.
  • 1985, 1989, 1990 offenbart die Filmtrilogie „Zurück in die Zukunft“ eine wahre Fundgrube an innovativen Produktideen, erfunden von den Autoren Bob Gale und Robert Zemeckis. Nach der Jahrtausendwende kamen viele der Filminnovationen tatsächlich auf den Markt oder stehen kurz vor dem Durchbruch: sensorgestütztes smartes Wohnen mit Sprachsteuerung, gläserne, smarte Brillen, 3D-, VR- bzw. Hologramm-Entertainment, Drohnen und selbstfahrende Autos,  Videokonferenzen, intelligente, anpassbare Kleidung. Selbst das schwebende Hoverboard verwirklichte der japanische Lexus-Konzern mit gekühltem Flüssigstickstoff auf einer Skaterbahn in Barcelona – so oder so ein medienwirksamer PR-Coup.
  • Der tschechische Literat Josef Čapek erdachte 1920 das Wort „robot“. Dessen Bruder Karel hatte in seinem Theaterstück „R.U.R. – Rossums Universal-Robots“ menschähnliche Wesen auftreten lassen, die zuvor als künstliche Arbeiter in Tanks gezüchtet wurden. Als die Roboter für die Menschen Frondienste und Zwangsarbeit verrichten müssen, revoltieren sie. Der Traum vom künstlichen Menschen wurzelt bereits in der hebräisch-jüdischen Legende vom Golem.

 © IBM Watson: Jeopardy-Quiz

Roboter und Künstliche Intelligenzen in der realen Welt

1954 wurde das erste Patent für einen Industrieroboter angemeldet. Humanoide Maschinen bevölkern inzwischen unser gesamtes Leben: als Putz-, Service- und Spielzeug-Roboter, Medizin- und Pflege-Roboter, Forschungs- und Erkundungsroboter, Militär- und Sex-Roboter. 

Im Mai 2017 präsentierte Google auf seiner Entwicklerkonferenz I/O seine Vision von der künstlichen Intelligenz: From Mobile First to AI First. AI (Artificial Intelligence), also künstliche Intelligenz, soll uns überall unterstützen, allgegenwärtig und jederzeit ansprechbar sein. Alles ist vernetzt und smart: zu Hause und unterwegs, im Auto, beim Sport, auf dem Smartphone und der Armbanduhr.

Menschlich aussehende Roboter erobern sich unsere Bewunderung und  Sympathien. Im Technikmuseum Berlin führte Roboter Tim durch die Ausstellung, beim Hamburger Rathausdinner hielt Nao eine blecherne Ansprache, auf der Reisemesse ITB begrüßte ChihiraKanae die überraschten Gäste. Im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 will Roboter BlessU-2 Besuchern der Reformationsweltausstellung in Wittenberg mit segnenden Sprüchen Denkanstöße geben.

Die künstlichen Intelligenzen lassen ihren menschlichen Gegnern in vielen Denk-Disziplinen keine Chance mehr, sie sind dem Menschen klar überlegen ist – bei Tempo, Präzision und kognitiver Leistung:

ChatBot-Assistentin mit Persönlichkeit und Emotionen

In der US-amerikanischen Anwaltsserie Suits erscheint in Staffel 6 die künstliche Intelligenz DONNA. Wie ihr Vorbild, die gleichnamige menschliche Chefsekretärin, weiß auch die leblose Donna auf jede Frage die passende schlagfertige oder einfühlsame Antwort. Sie reagiert intelligent, humorvoll, ironisch, emotional. Soweit die Fiktion! 

Im realen Leben können künstliche Intelligenzen noch kein Mitgefühl zeigen. Doch Konversation treiben und begrenzt empathisch reagieren die neuen Assistenten schon heute. Das spanische Unternehmen HUTOMA programmiert intelligente ChatBot-Assistenten mit Persönlichkeit, die sich selbstlernend an den Nutzer, seine Gewohnheiten und Vorlieben anpassen kann. Chatbots werden derzeit im Kundenservice eingesetzt, können z. B. das Schreiben von Briefen übernehmen, als Reise-Assistenten Tipps für Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten und Abendvergnügungen geben und Buchungen regeln.

Inspirierende Roboter und beratende Chatbots  

Roboter können uns auch inspirieren, z. B. zu krafttankenden Pausenaktionen und zu meditativem Nichtstun. Das zeigten Künstler mit ihren originellen Maschinen-Installationen Kreative Robotik auf der Ars Electronica 2017.    

Nach Auskunft der Hamburger Agentur TrendOne soll sich der Vorstand des Investmentunternehmens Deep Knowledge Ventures in Hongkong bereits bei wichtigen Entscheidungen von einem Algorithmus (VITAL) beraten lassen. Es geht dabei um die Bewertung von Start-ups sowie um Marktanalysen bei Investitionen in Unternehmen, die im Gesundheitswesen tätig sind.

Die japanische Finanzgruppe Sumitomo Mitsui hat einen App-Bot entwickelt, der Fragen von Kunden direkt beantworten kann. So weit, so gut. Ein anderer Bot wird Telefonverkäufern des Unternehmens zur Seite gestellt. Er soll ihnen während des Kundentelefonats Antworten empfehlen und quasi einflüstern, um Kunden gezielt zum Vertragsabschluss zu überreden. Basis sind bereits aufgezeichnete Gespräche, die zuvor nachweislich zum Erfolg geführt haben.

Auch in der Personalberatung werden Chatbots genutzt. Das US-amerikanische Startup Wade & Wendy befragt mit der Künstlichen Intelligenz „Wade“ Bewerber nach ihren Vorlieben und Erfahrungen und schlägt ihnen regelmäßig passende Beschäftigungsmöglichkeiten vor. Die KI „Wendy“ berät Unternehmen, integriert in die Kooperationsplattform Slack, und soll für jedes Projekt geeignete Kandidaten finden.

Effizienz und Effektivität

Künstliche Intelligenzen dienen als Mittel der Effizienz, aber auch der Effektivität, wie die Befürworter versichern. Software lasse sich nicht von Sympathien, Vorlieben oder Vorurteilen leiten. Die Bewerber sollen chancengerecht und unvoreingenommen bewertet werden, unabhängig von Geschlecht und Alter, von kultureller und sozialer Herkunft. Ob sich damit die besten Kandidaten finden werden, wird die Praxis zeigen. Skepsis ist angebracht. Wenn Vorhersagen nach statistischen Wahrscheinlichkeiten getroffen werden, wird die Entscheidung über geeignete Jobanwärter am Ende vielleicht doch einseitig ausfallen. Wer wird die Prüfung nicht schaffen? Wer wird häufig krank? Wer kann die Kreditrate nicht zahlen? Wer wird straffällig? Es ist eine Frage der Ethik, welche Entscheidung der Computer treffen oder was der Mensch lieber selbst entscheiden soll.

Ethik und Gewissen: Unser Handeln hat Folgen!

Mit ihren fiktionalen Zukunftsentwürfen habe Künstler und Kreative stets auch gemahnt, dass wir bei allen Utopien die Folgen unseres Handelns im Blickfeld behalten. Die britische Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ präsentiert seit 2011 mögliche Erfindungen der Zukunft und stellt dazu ethische Fragen. Welche sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Folgen haben künstliche Intelligenzen für uns Menschen? Wie wirken virtuelle Scheinwelten, mediale Hetzjagden auf reale Menschen und Cartoon-Helden als Präsidenten? Die Episoden führen uns bizarre Konsequenzen unserer hochtechnologisierten Zukunft vor Augen. Es geht um Verantwortung und die Ambivalenz von Technik: Vergnügen oder Unbehagen? Was passiert, wenn die größten Innovationen der Menschheit auf dunkle Instinkte treffen? Retten neue Technologien die Welt oder wieder nur Macht und Profit von einigen wenigen?

Haltung

Wie und wofür setzen wir unsere Kreativität ein? Bei der Beantwortung dieser Frage geht es um innere Haltung. Wir müssen uns auch über die Folgen unseres Handelns bewusst werden. Kreativität besteht nicht nur in ästhetisch-gestalterischen Kompetenzen, sondern auch um unsere Gewissenhaftigkeit. Aus gutem Grund entscheidet über den Start eines gentechnischen Projektes eine Ethikkommission. Bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Biohacking, bei transhumanistischen Selbstversuchen und Kryonik-Experimenten steht eine vergleichbare Kontrollinstanz noch aus. Die Konsequenzen sind derzeit nicht absehbar. 

Unternehmenskultur

Inzwischen kann Künstliche Intelligenz auch prüfen, ob ein Kandidat in das Team passt. Bisher war das auch mit mehreren zeitintensiven Bewerbungsgesprächen schwer zu beurteilen. Als Basis für das datengestützte Verfahren nutzt nun das Berliner StartUp Bunch das Modell Organisational Culture Diagnosis von Charles O’Reilly von der Stanford University. Jedes Team im Unternehmen füllt zunächst einen 5-minütigen virtuellen Fragebogen aus, der sechs Kriterien aus O’Reillys Modell abbildet: Ziel- und Detailorientierung, Kollaboration, Kundenorientierung, Integrität und Anpassungsfähigkeit. Anschließend füllt jeder Bewerber den identischen Fragebogen aus. Bunch vergleicht nun die Ergebnisse des Bewerbers mit den Resultaten des Unternehmens. Auf diese Weise entsteht ein umfassendes Kandidatenprofil mit Verhaltenstendenzen und ein bewertendes Fazit, wie gut ein Kandidat zum Unternehmen bzw. zum Team passt. 

Lern- und Entscheidungswege von KIs

KIs sind häufig black boxes, d. h. man weiß nicht exakt, wie die KIs zu ihren Ergebnissen gelangen. Die Lern- und Entscheidungswege sind für Forscher nicht immer nachvollziehbar. Bei der Bewertung von Pro- und Contra-Argumenten (Argumentation Mining) wurde beobachtet, dass die KI Argumente mit Zahlen und Statistiken höher  bzw. stärker gewichtet als ethische Begründungen. Wohin es führt, wenn Algorithmen mehr Glauben geschenkt wird als unserem gesunden Menschenverstand, zeigt der Hochfrequenzhandel an den Börsen. Der Forscher Klaus Mainzer, Experte für Komplexitätsforschung und Künstliche Intelligenz (KI) an der TU München, fordert daher: „Wir Menschen müssen das Wissen, wie unsere Technologie prinzipiell funktioniert, behalten. Alles andere wäre sehr leichtfertig.“ 

Mehr zum Thema: Die menschliche Seele: Eine Novelle über Kreativität und künstliche Intelligenz

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hat eine Open-Innovation-Plattform gestartet für eine Debatte über Intelligente Vernetzung. Wissenschaftliche Texte zu Themen der KI und des Maschinellen Lernens veröffentlicht Apple auf seinem Blog Machine Learning Journal.

Die menschliche Seele: Eine Novelle über Kreativität und künstliche Intelligenz

  © MassivKreativ

Vor langer, langer Zeit schuf der Mensch sich nach seinem Abbild einen Golem. Die Nachbildung aus Lehm sollte ihm als Helfer, Freund und Befreier dienen. Einmal in der Woche erweckte der Mensch seinen Golem zum Leben. Doch einmal vergaß es der Mensch, was den Golem so erzürnte, dass er außer Kontrolle geriet und großen Schaden anrichtete. Der Mensch stellte den Golem ruhig und erweckte ihn fortan nie wieder zum Leben. Viele Jahre vergingen…

Der Traum vom künstlichen Menschen blieb

…. bis die Idee neu aufkeimte. Diesmal sollte das Wesen klüger und vernünftiger sein als sein Vorgänger. Und so schufen sich die Menschen einen Super-Computer und nannten ihn „Watson“. All das, was die Menschen bis dahin gelernt hatten, flößten sie Watson ein, der nun nicht mehr aus Lehm, sondern aus Platinen und Prozessoren bestand. Unersättlich verschlang Watson das Wissen der Welt als Datenvolumen und verdaute es als Bits und Bytes. Und die Menschen bewunderten seine strahlende Intelligenz.

Anfangs übernahm Watson nur Rechenaufgaben, die dem Menschen zu mühsam und langwierig waren. Doch dann wagten die Menschen ein Experiment. Sie fütterten den Computer mit Kunst. Und siehe da: auch Musik, Klänge, Texte, Objekte, Bilder und Pinselstriche zerlegte Watson in seinen Eingeweiden fein säuberlich in Nullen und Einsen, vernetzte sie auf seine Weise und spuckte sie als neue Werke wieder aus: Musik, Fotos, Bilder, Skulpturen, Gedichte und Geschichten. Die Menschen erschraken: Konnte ein künstliches Wesen tatsächlich kreativ sein – so wie sie selbst – oder gar besser?

… Und die Menschen diskutierten: Konnte es ein Super-Computer mit einem echten Künstler aufnehmen? Könnten die Menschen unterscheiden, ob der Urheber aus Fleisch und Blut  oder Platinen bestand? Könnte ihr Urteil gar bewertend in „besser“ oder „schlechter“ ausfallen? Und wie war es mit den Emotionen: Vermochten die Schöpfungen des Super-Computers die Menschen anzurühren, zum Weinen, zum Lachen und zum Nachdenken bringen? Und die Menschen schauten und lauschten, lasen und fühlten und: waren uneins. Bis ein kleines Mädchen beide Schöpfer nacheinander fragte: „Und wie ist Dein Werk entstanden?“ Der menschliche Künstler lächelte, beschrieb sein Wollen, Streben und Tun innerlich erregt mit leuchtenden Augen und fesselnden Worten. Er schilderte seine Inspirationen in schillernden Beispielen und seine Botschaft mit mitreißender Kraft. So viel Herzblut sei geflossen, so viel Zweifel, so viel Leidenschaft …

Und Watson?

… spulte beflissen seine Nullen und Einsen ab. „Der hat ja gar keine Seele!“, rief das kleine Mädchen enttäuscht. Da wandten sich die Menschen von Watson ab … Doch das war Watson egal. Er wertete die menschliche Ignoranz in seinem unaufhaltsamen Optimierungsplan als Fehler, als Störfaktor, und eliminierte die menschlichen Kreaturen.

Sie wünschen sich ein glückliches Ende?

Wie die Geschichte ausgeht, haben wir selbst in der Hand, übrigens: Jede/r von uns!

Eine Novelle von Antje Hinz, Erstveröffentlichung, Hamburg, April 2017.

Mehr zum Thema: 

Ist es das Ende unserer menschlichen Kreativität, wenn selbstlernende Maschinen zeichnen, komponieren, schreiben und kochen können? Ganz und gar nicht! Mit visionärem Vorausdenken, mit Haltung, Gewissen und Empathie machen wir Menschen uns unersetzlich! Zum Artikel: Wie kreativ sind Künstliche Intelligenzen wie Watson und Co? 

Wieviel Seele hat diese Kunst: Entscheiden Sie selbst!


Roboter-Kunst von cover-video-deutsch

Was sich in der Unternehmenskultur von Steinen lernen lässt

 © alle Fotos: MassivKreativ, Steine-Projekt otto-group

Steine gibt es wie Sand am Meer, überall auf der Welt. Jeder kann sie finden, aufheben, nach Hause tragen, sie zum Gestalten seines Umfeldes nutzen oder die Steine selbst nach eigenen Vorstellungen gestalten. So wie bei der Otto Group, die damit ihre  Unternehmenskultur gestärkt hat (siehe Podcast weiter unten) 

Aus Steinen lassen sich Türme, Häuser, Fabriken und Monumente bauen. Mit Steinen kann man seine Kräfte messen oder beim Werfen seine Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Mit Steinen lässt sich Korn mahlen. Mit aneinander schlagenden Steinen lassen sich Klänge erzeugen (Klingsteine aus China), mit steinerner Gewalt aber auch anderen Menschen Leid und Schmerz zufügen. Fakt ist…

 © MassivKreativ

Steine haben Symbolkraft!

In allen Kulturen gibt es Redensarten und Sprichworte, die sich um Steine drehen: den Stein ins Rollen bringen, Steine in den Weg legen, Steine aus dem Weg räumen usw. Viele Redewendungen über Steine lassen sich hervorragend auf die Unternehmenskultur übertragen … 

 © MassivKreativ

Anpassung

„Ein Stein schleift den anderen.“ (Redensart) Dass wir uns von anderen Menschen mitreißen, motivieren und beflügeln lassen, bestätigt im Interview Jürgen Bock, Bereichsleiter Kulturentwicklung und Corporate Values bei der Otto Group in Hamburg. Ich habe mit ihm ausführlich über das Steine-Projekt seines Unternehmens gesprochen (41:00 bis 46:00).

Jürgen Bock: „Werte können eine Unternehmenskultur nicht verändern, sondern nur eine Orientierung geben. Seid mal alle mutig! – Das funktioniert so pauschal nicht. Werte sind wie eine Gewohnheit, daher ist es schwer, Werte zu verändern. Kulturveränderung verläuft eher über Anpassung als über Wertewandel. Ich passe mich an die Personen an, die für mich wichtig und relevant sind. Vorher prüfe ich: Ist das, was die Person sagt, ernst und nachhaltig gemeint?“ (15:00-18:00)

 © Jürgen Bock (Portrait)

Filminterview mit Benjamin Otto über den Kulturwandel, die digitale Transformation und Coworking in „Collabor8“ bei der Otto Group.

Glaubwürdigkeit

Sprüche lassen sich leichter klopfen als Steine!“ …., sagt der Volksmund. Markige Parolen der Geschäftsführung lösen sich in Luft auf und führen bei Mitarbeitern zu Frustration, wenn den Worten keine Taten folgen. Glaubwürdig sind Manager in ihrem Führungsstil nur dann, wenn sie im Alltag auf Transparenz, Augenhöhe, Vertrauen und Eigenverantwortung der Mitarbeiter setzen.

 © MassivKreativ

Visionäres Denken und Kommunikation

„Ein Haufen Steine hört in dem Augenblick auf, ein Haufen Steine zu sein, wo ein Mensch ihn betrachtet und eine Kathedrale darin sieht.“ Antoine de Saint-Exupéry war ein Meister der Imagination. Er konnte mit seinen Geschichten Bilder im Kopf erzeugen und Mitmenschen zu Höchstleistungen treiben. Entrepreneure sind Menschen, die ihre zukünftigen Unternehmungen vor Augen haben. Es sind kommunikative Menschen mit Charisma, die anderen Akteuren ihre Ziele und Vorhaben lebendig vermitteln und sie begeistern können, an der Verwirklichung der Unternehmung aktiv und gestaltend mitzuwirken, dabei ggf. auch Risiken einzugehen. Mit der Kraft der Imagination können visionäre Projekte verwirklicht werden.  

„Der Mensch muss den Stein meditieren, bevor er ihn aufrichtet.“ … – so ein japanisches Sprichwort. Neue Projekte sollten genau durchdacht sein, bevor sie an das gesamte Team kommuniziert werden. „Wissen ist Macht“, heißt es. Noch machtvoller ist sorgsam recherchiertes und kuratiertes Wissen, das mit inspirierenden Geschichten in die Welt getragen und anderen vermittelt wird.

 © MassivKreativ

Fehlerkultur und Vertrauen

„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ … sagte Johann Wolfgang Goethe. Fehler und Zufälle bieten neue  Chancen, neue Entdeckungen, neue Wege, wenn wir offen dafür sind und Perspektivwechsel wagen und zulassen. Wenn wir Rahmenbedingungen für Kreativität und neue Ideen schaffen, können Innovationen entstehen. Wenn wir Alternativen, Impulse, Meinungen grundsätzlich in Frage stellen, wird unsere Kreativität verkümmern, wie Autor Ekkehart Mittelberg sagte: „Raubt man der Phantasie die Flügel, fällt sie schneller als ein Stein.“

 © MassivKreativ, Steine-Projekt otto-group

Beharrlichkeit

Steter Tropfen höhlt den Stein. (Sprichwort) Veränderungsprozesse erfordern Ausdauer, Durchhaltevermögen, Weitblick und Resilienz. Herausforderungen sind lösbar, wenn man sie gemeinsam auf Augenhöhe in Angriff nimmt und in klar umrissene, überschaubare Aufgabenbereiche fasst. „Die Menschen straucheln nicht über Berge, sie stolpern über Steine.“ … sagt man in Indien. Struktur- und Kulturwandel ist kein Projekt, sondern ein langfristiger Prozess, der im Kleinen beginnt und sich stetig zu Großem weiterentwickelt. So wie die Chinesen sagen: „Der Mann, der den Berg abtrug, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen.“

 © MassivKreativ

Kernkompetenzen

„Wasser verrinnt, Steine bleiben.“ … sagt ein rumänisches Sprichwort. Was sind meine Kernkompetenzen und wahren Werte in Zeiten des Wandels?  Veränderungen bedeuten nicht, alles Bisherige über Bord zu werfen. Es geht oft nur darum, sich seiner Potentiale bewusst zu werden, sich zu fokussieren, Bewährtes neu anzuwenden. Weniger ist manchmal mehr. Schon Cicero wusste: „Gut gehauene Steine schließen sich ohne Mörtel aneinander.“ Was kann ich gut, was können Andere besser? „Man muss mit den Steinen bauen, die man hat.“ Doch: Was kann ich von Anderen lernen? Wie kann ich von den Erfahrrungen Anderer profitieren? Der Philosoph und Lernexperte Andreas Tenzer hat es so formuliert: „Die stärksten Brücken werden aus Steinen gefallener Mauern gebaut.“

 © MassivKreativ

Perspektivwechsel

„Ein rollender Stein setzt kein Moos an.“ … offenbart ein niederländisches Sprichwort. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, häufig die Perspektiven wechselt, wer eigene Erfahrungsräume häufig verlässt, Anderen aufmerksam zuhört, wer Leeerstellen und Probleme sieht, wird Lösungen finden. Wer geistig in Bewegung bleibt und sich nicht auf Erfolgen ausruht, wird auf der Welle der Veränderung surfen, statt in ihr unterzugehen.

 © MassivKreativ

Interdisziplinäres Coworking

„Man braucht zwei Steine, um Feuer zu machen.“ … bemerkte die US-amerikanische Schriftstellerin Louisa May Alcott. Allein kommt man nicht weit, im Team erreicht man mehr. Vielfalt schlägt Talent.

 © MassivKreativ

Filminterview mit Benjamin Otto über den Kulturwandel, die digitale Transformation und Coworking in „Collabor8“ bei der Otto Group.

Wertschätzung

„Verletzende Worte sollten auf Sand geschrieben werden, lobende in Stein gehauen.“ … sagt ein arabisches Sprichwort. Und im Kaukasus weiß man: „Ein gutes Wort kann Steine brechen.“ Achtung, Lob und Anerkennung motivieren und beflügeln und sorgen dafür, dass wir zufrieden sind und gesund bleiben. Fairness und Transparenz im Unternehmen sichern eine hohe Leistungsbereitschaft.

 © MassivKreativ

Mut und Selbstvertrauen

Johann Wolfgang Goethe hat die Verkündung neuer Ideen mit einem beherzten Brettspiel verglichen: „Es ist mit Meinungen, die man wagt, wie mit (Spiel-)Steinen, die man voran im Brette bewegt: Sie können geschlagen werden, aber sie haben ein Spiel eingeleitet, das gewonnen wird.

 © MassivKreativ

Humor und Gelassenheit

Heinz Erhardt hat es auf humorvolle Weise gesagt: „Ich kann’s bis heute nicht verwinden, deshalb erzähl‘ ich’s auch nicht gern: Den Stein der Weisen wollt‘ ich finden und fand nicht mal des Pudels Kern.“

Durch Zeiten großer Unsicherheiten und Veränderungen gilt es, besonnen zu handeln und sich selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen. Joachim Ringelnatz hat darüber ein Gedicht geschrieben: Der Stein: 

„Ein kleines Steinchen rollte munter von einem hohen Berg herunter. Und als es durch den Schnee so rollte, ward es viel größer als es wollte. Da sprach der Stein mit stolzer Miene: ‘Jetzt bin ich eine Schneelawine’. Er riss im Rollen noch ein Haus und sieben große Bäume aus. Dann rollte er ins Meer hinein, und dort versank der kleine Stein.“

 © MassivKreativ

Prioritäten setzen, Entscheidungen treffen

Mit großen und kleinen Steinen lässt sich hervorragend demonstrieren, dass nur die über Zeitmangel klagen, die keine Prioritäten setzen können: 

Füllt man ein Glas zuerst raumgreifend mit Sand (unnütze, zeitraubende Dinge), finden größere Steine (wichtige Aufgaben / bedeutende Herausforderungen) dort keinen Platz mehr. Legt man hingegen zunächst die großen Steine (dringende Aufgaben) in das Glas, dann lässt sich wunderbar vor Augen führen, dass danach auch noch kleinere Kieselsteine (zentrale Aufgaben) und Sand (nebensächliche Aufgaben) hineinpassen und man am Ende sogar noch Wasser (für Lichtblicke/Pausen/Überraschungen) in die Zwischenräume füllen kann.  

Das Glas des Lebens

Im Film wird das Experiment mit Golfbällen, Kieselsteinen, Sand und Kaffee gezeigt und warum es Sinn macht, die wichtigen Dinge zuerst zu tun: https://www.youtube.com/watch?v=m0hqBIugr7I

 

Neugierig denken: über künstlerisch-kreatives, non-lineares, assoziatives Denken

edit05_cover_2016 © Michael Weisser

„neugierig:denken! Interviews & Dialoge“ – so heißt ein neues Buch des Medienkünstlers, Musikproduzenten und Science Fiction-Autors Michael Weisser. Er hat 44 Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zum künstlerisch-kreativen, non-linearen, assoziativen Denken befragt, unter anderem auch mich. Über seine Motivation, über Erkenntnisse aus den Gesprächen und den Entstehungsprozess des Buches habe ich wiederum Michael Weisser befragt.

Idee zum Buch

AH: Mike, in Deinem neuen Buch „neugierig:denken! hinterfragst Du besondere Denkprozesse, Selbstwirksamkeit, inneren Antrieb und Visionen, also das, was Menschen durch ihr Wirken gesellschaftlich einbringen können und möchten. Wie ist die Idee entstanden, ein Buch über künstlerisch-kreatives Denken zu machen?

MW: Wenn man sich ein Leben lang mit „Kunst“ beschäftigt, dann taucht zwangsläufig immer wieder die selbstkritische Frage auf, was man eigentlich macht und warum man außerhalb der „normalen“ Berufswelt arbeitet. In letzter Zeit wird der Begriff „Kreativität“ zunehmend strapaziert. Die „Idee“ ist der neue Heilsbote, der die Probleme der Menschheit lösen kann – so glauben viele. Neue Ideen bringen technische Innovationen hervor, die der Wirtschaft neuen Profit versprechen. Also ist die Verbindung der beiden Begriffe „Kreativität“ und „Wirtschaft“ immer mehr in den Vordergrund geraten.

In diesem Zusammenhang wird immer stärker die inspirierende Kraft von Kunst in der Wirtschaft diskutiert. Diskussionsforen entstanden, viele Fachbücher wurden geschrieben, zahlreiche Galerien und Kunstvermittler suchen den Kontakt zu Unternehmen. Macht das Sinn? Da ich in meiner Arbeit die Medien Bild, Klang und Wort vernetze und dabei an? der Grenze von analoger und digitaler Datenverarbeitung tätig bin, interessiert mich dieser Trend, der in der Kunst und Wirtschaft neue Akzente setzt. Deshalb habe ich GesprächspartnerInnen gesucht.

Interviewpartner

AH: Wie hast Du Deine GesprächspartnerInnen ausgewählt?

MW: Zuerst habe ich mir viele Fachbücher gekauft. Einige der Autoren habe ich kontaktiert und erste Interviews geführt. Dann habe ich unter den Stichworten Kreativität + Wirtschaft + Kunst und Varianten davon recherchiert, mich jeweils um Hintergründe zu den Personen bemüht, eine Auswahl getroffen und diese Personen zum Interview eingeladen. Sehr wichtig war mir eine Vielfalt von Berufshintergründen und Ambitionen. So habe ich die großen Bereiche Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ebenso abdecken können wie die Arbeitsfelder Forschung, Lehre und Anwendung.

AH: Waren Deine Fragen in einem Fragebogen standardisiert?

MW: Es gab Kernfragen, die ich in abgewandelter Form an alle Beteiligten gerichtet habe. Im Wesentlichen aber habe ich ganz spezifisch für jede Person eigene Fragen entwickelt.

AH: An welche Zielgruppen richtet sich das Buch über neugieriges Denken? Wer soll es lesen und einen Erkenntnisgewinn erlangen?

MW: Eine konkrete Zielgruppe hatte ich nicht im Auge. Es sollte eine Sammlung von Interviews werden, die einerseits eine Quellen von Zeitzeugen sind, die aber andererseits auch unterhaltsam zu lesen sein sollten. Das Thema „neugierig Denken“ sehe ich als grundlegend wichtig, denn es ist der Ausgangspunkt für alle Entwicklungen in menschlicher Kultur und Zivilisation und damit auch für die weltprägenden Bereiche Kunst und Wissenschaft.

QR-HybridBuch

AH: Der Verlag Die|QR|Edition nennt Dein gedrucktes Buch ein QR-HybridBuch. Was ist darunter zu verstehen?

MW: Im Buch „neugierig:denken!“ sind gestaltete QR-Codes abgebildet, die zu Irritation, Information und Inspiration führen. Wer diese Codes mit dem Smartphone scannt, gelangt ins Internet und wird dort multimedial überrascht. Diese neue Möglichkeit der Vernetzung ist die Idee der kompletten Buchreihe dieser Edition, nämlich erstmals die analoge Welt des gedruckten Buches mit der digitalen Welt des Internet zu verbinden.

AH: Wie kam es zu dem überraschenden Begriff des neugierigen Denkens, der ja in der Einladung zum Projekt noch nicht angesprochen war? Anfangs ging es Dir um das künstlerisch-kreative, das non-lineare Denken, was hat sich dann geändert?

MW: Ich habe mir die Frage gestellt, was eigentlich hinter dem Begriff des „Kreativen“ steht und das ist für mich die Kraft der Neugier.

Kreativität

AH: Im Buch geht es immer wieder um das Thema kreatives Denken. Beim Übergang vom Industriezeitalter zur Wissens- und Informationsgesellschaft verändern sich unsere Wertvorstellungen: Immaterielle Ressourcen, wie Wissen und Kreativität, gewinnen an Bedeutung. Materielle Statussymbole verlieren vor allem bei jüngeren Menschen an Einfluss. Warum ist Kreativität gerade in diesen Umbruchzeiten wichtig und hilfreich?

MW: Jeder kann es! Ideen können von jedem zu jeder Zeit an jedem Ort geboren werden. Man kann die komplexesten Ideen allein im eigenen Kopf denken. Das macht die gedachte Idee und folgend das Konzept als Ergebnis von Kreativität so attraktiv und wertvoll. Die Bedeutung von Kreativität ist unbestritten. Sie ist Ausgangspunkt für Entwicklung und Verbesserung von Denken und Leben. Aber Kreativität ist nicht nur positiv. Sie verändert die Welt auch negativ, schafft bedrohliche Szenarien, unterdrückt, verwüstet und tötet. Aufgrund dieser Tatsache ist mir die Wertediskussion zu wenig entwickelt. Wer verändert hat Verantwortung!

AH: Ich gebe Dir vollkommen recht, man muss die Aspekte differenziert betrachten. Auch eine soziale Innovation ist nicht per se positiv. Sie kann sich auf eine bestimmte Zielgruppe vorteilhaft auswirken, für andere Adressaten können die Nachteile überwiegen. Neulich las ich, dass z. B. auch das Selbstmordattentat aus Sicht des Verursachers eine soziale Innovation bzw. eine kreative Erfindung ist, die aber zugleich katastrophale Auswirkungen hat. Es ist also unbedingt wichtig, eine Idee von verschiedenen Sichtachsen aus zu sehen und zu Ende zu denken.

In einer ständig komplizierter werdenden Welt ist also ein ganzheitlicher Blick dringend nötig. Was passiert z. B., wenn Kreativität nicht gefördert wird und verkümmert? In welchen Bereichen der Gesellschaft siehst Du gegenwärtig Handlungsbedarf für mehr Kreativität?

MW: Wenn wir Kreativität wollen, dann müssen wir sie fördern und zwar anhaltend und ausdrücklich. Kreativität und mit ihr Neugierde und Ausdauer zu fördern, ist erst einmal die Aufgabe von Eltern ihren Kindern gegenüber und der Gesellschaft den Schülern und Studenten gegenüber. Aber an welcher Schule oder Hochschule gibt es ein Fach, das sich dem wichtigsten Thema, nämlich der „kreativen Lebensgestaltung“ widmet? Wir lernen eine Unmenge an Fakten, aber nur wenige Methoden!

AH: Sprechen wir über die Grenzen der Kreativität: Seit Richard Florida (Buch: The Rise of the Creative Class) soll Kreativität alles richten – als Wundermittel gegen wirtschaftlichen Stillstand und soziales Unrecht, gegen Innovationsmüdigkeit und Motivationskrisen, im privatwirtschaftlichen Umfeld ebenso wie im öffentlichem Sektor. Wo siehst Du konkrete Anzeichen, dass Kreativität missbraucht wird?

MW: Kreativität ist eine generelle Methode, Energie in einer neuen Form zu entfalten. Aber sie bedarf einer Wertsetzung, warum und wie sie wirken soll. Das, was heute als „Kreativität“ bezeichnet wird, soll aber letztlich Produktivkräfte freisetzten, soll minimierend auf Kosten wirken, soll Prozesse und Wirkungen optimieren. Billiger produzieren, teurer verkaufen, das ist die Logik der Wirtschaft. Und ein Profit kann nur gewonnen werden, wenn ein Wert nicht verteilt, sondern wenn er abgeschöpft wird.

Den Missbrauch von Kreativität sehe ich in vielen Bereichen, aber dieser Missbrauch kann sich nur dort durchsetzen, wo er von Menschen gemacht und von Menschen akzeptiert wird. Das Problem ist weder die Kreativität noch der Missbrauch, sondern es sind immer die mit Worten und Taten zustimmenden Menschen.

AH: Kreativität ist ein „unberechenbares Gewächs“. Du selbst sprichst in diesem Zusammenhang von non-linearem Denken. Wie kann man Menschen – vor allem in der effizienzgetriebenen Wirtschaft – die Angst vor Überraschungen, vor unkontrollierbaren Auswirkungen von Kreativität nehmen und vermitteln, dass gerade das Entdecken des „Ungesuchten“ eine große Chance sein kann?

Angst und Freiheit

MW: Die Angst vor Neuem ist die generelle Angst vor Veränderung. Angst kann man nicht nehmen, sie wurde anerzogen, sie wird vom Umfeld gelebt, sie ist Teil einer jeden Erfahrung. Angst ist stammesgeschichtlich gesehen eine Strategie des Überlebens. Wäre ich ohne Angst würde ich ins Feuer springen, weil es so schön lodert. Also muss man in Vorsicht das Neue erproben. Neugierig zu sein ist eine wichtige Qualität.

AH: Unsere Gesellschaft befindet sich in einem permanenten Wettstreit zwischen Freiheit und Regulierung – politisch, wirtschaftlich, sozial, kulturell. Die Kreativität steht mitten in diesem Spannungsverhältnis. Wofür plädierst Du persönlich: für Freiheit und Selbstverantwortung oder für mehr Regulierung zugunsten der Sicherheit?

MW: Ich setze in erster Linie auf Freiheit. Allerdings: Freiheit sehe ich nicht als Blankoschein für Egozentrik, sondern als Einsicht in die Notwendigkeit, im sozialen Kontext mit Anderen zu sein.

AH: Welche Art von Bildung wäre in Deinen Augen am besten geeignet, um Kreativität zu fördern. Muss es weiterhin einen bestimmten Bildungskanon geben? Oder sollte man komplett auf die Eigenmotivation von Heranwachsenden setzen, auf eigenverantwortete Projekte und auf Selbstwirksamkeit, wie Erwin Wagendorfer es in seinem Film „alphabet“ zeigt.

MW: Die Ausbildung von Verhalten und Werten entwickelt sich im gesellschaftlichen Kontext und nicht im Vakuum! Deshalb braucht die Ausprägung von Eigenmotivation ein Vorleben, es braucht Beispiele und Vorbilder, es braucht Anregung und Bestätigung, es braucht den Aufbau von Mut und Vertrauen und dies immer bei allen (!) Beteiligten. Gesellschaftliches Miteinander funktioniert nur durch Verabredung, durch Rituale, durch Sitten und Gesetze – früher nannte man das „Erziehung“, heute nennt man es einen „Bildungskanon“.

AH: Kreativität erfährt in der Schule meist keine Würdigung. Denken außerhalb der Norm ist nicht erwünscht. Die Schüler sollen Antworten geben und keine Fragen stellen. Gibt es realisierbare Ansätze, um mehr Kreativität in unser Bildungssystem zu bringen?

MW: Es stellt sich die Frage, wer die Curricula unter welchen Werten mit welchem Ziel entwickelt. Wenn die Werte darin liegen, dass mit jedem Auszubildenden schnellstmöglich ein flexibles, sich anpassendes Mitglied im Produktionsprozess entsteht, dann werden die Inhalte andere sein als wenn man den Wert der Gesellschaft in motivierten, empathischen, kreativen, gebildeten, selbst-kritischen Menschen sieht.

Entstehungsprozess des Buches

AH: Wie lange hast Du an dem Buch zum kreativen Denken gearbeitet?

MW: Es waren rund 8 Monate, die ich an dem Projekt gearbeitet habe. Jeder Tag war geteilt in 4 Stunden für das Buch und in etwa 5 Stunden für andere Projekte. Insgesamt waren es rund 640 Stunden für 108 Interviewpartner und 1562 Mails verfasste Mails. Dazu kommt noch die Bildwelt und die exklusiven i:Codes samt den Internetangeboten ;-)))

AH: Was mich als Medienproduzentin und Verlegerin interessiert: Ist es überhaupt möglich, diesen Aufwand zu refinanzieren?

MW: Die entscheidende Frage ist, was man unter „Refinanzierung“ versteht. Geht es um Geld als Äquivalent für Arbeitszeit und Erstattung von Kosten? Geht es um einen Verdienst, mit dem die laufenden Lebenskosten bezahlt werden können, mit dem etwas Luxus möglich ist, mit neue Projekte finanziert werden und von dem man etwas für den Notfall und das Alter sparen kann?

Wirklich interessant ist für mich an dieser Stelle des Widerspruchs zwischen Aufwand und Ertrag ein anderes Argument, das eine wundersame Facette der „Kunst“ ausleuchtet. Kunst ist ein Ort des Denkens und Handelns, der in anerkannter Weise irrational sein kann. Kunst kann unter dieser Sicht sogar ausdrücklich gegen jede Wirtschaftlichkeit leben – das darf nur nicht immer so sein! Im Business des Verlegers ist eine höhere Ausgabe als Einnahme allerdings ein ruinöses Desaster.

AH: Ich möchte abschließend nochmals auf den aktuellen Wandlungsprozess zurückkommen: Unsere Industriegesellschaft wird nach und nach von einer postmaterialistischen Wissens- und Informationsgesellschaft abgelöst. Was verbindest Du mit dem Begriff des Immateriellen? Welchen Wert hat das Immaterielle für Dich persönlich?

MW: Ich bestreite, dass unsere Welt wirklich in diesem Wandel vom Materiellen zum Immateriellen ist. Sie tut lediglich so, denn sie lebt zunehmend von Schein, Täuschung und Lüge. Im Materiellen wird die Erfüllung suggeriert, aber dort liegt sie nicht. Materielles erzeugt die Sucht nach immer mehr, weil wir spüren, dass das Defizit in uns trotz des Geldes bleibt. Wirklich befriedigend und daher „wert-voll“ ist das Gefühl der Erfüllung, des sinnhaften Handelns, des sich Ausdrückens, der Wertschätzung und des Gebrauchtwerdens. Bei dem Erlebnis dieser Werte spielen Kunst und gelebte Kreativität eine große Rolle. “neugierig:denken!“ ist so ein Erlebnis, das neue Kontakte, interessante Gespräche und belebende Ideen freisetzt.

 

Michael Weisser: „neugierig:denken! Interviews & Dialoge“, erschienen  im Verlag Die|QR|Edition in Murnau am Staffelsee: www.dieQREdition.pmachinery.de

Bereits im November 2015 habe ich mit Michael Weisser für MassivKreativ ein erstes Interview geführt – über seine Medienkunst und den QR-Code.

Rettung aus der Handtasche: Effektiv durch kreative Ideen

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Was verbindet Kreativschaffende mit Geheimagenten? Sie bewältigen Herausforderungen zuweilen mit Minimalausstattung – dank Kreativität und Innovationskraft.

Mangel beflügelt die Kreativität

Wie besiegt man einen Feind völlig gewaltlos mit dem Inhalt einer Handtasche? Geheimagent MacGyver hat es einst in der gleichnamigen Fernsehserie vorgemacht – mit Streichhölzern, Sicherheitsnadeln, Zwirn, Kaugummi oder Papier. Weil er normale Alltagsgegenstände kreativ und clever verwendete, befreite er sich und andere aus scheinbar ausweglosen Situationen.

MacGyvers konnte seine Husarenstücke dank solider naturwissenschaftlicher Kenntnisse vollbringen – aus Physik, Chemie und Elektrotechnik. Doch dies allein hätte ihm kaum geholfen. MacGyver war ein Quell an Einfallsreichtum. Immer kam ihm eine Idee, wie sich aus Utensilien seiner direkten Umgebung ein hochfunktionales Werkzeug basteln lässt. Wissen, Kreativität und gesunder Menschenverstand waren bei ihm mit einer ganz besonderen Tugend gepaart: Besonnenheit. Während heutige Superhelden nie ohne Schusswechsel und Blutvergießen auskommen, blieb MacGyver stets ruhig und gelassen und kam völlig ohne Waffen aus. Er bewies: Eine Bombe lässt sich auch mit einer Büroklammer entschärfen.

329469_web_R_K_B_by_zoom_pixelio.de © zoom, Pixelio.de

Reduktion als Ideenmotor

Eine Beschränkung auf wenige Dinge muss also kein Nachteil sein. Mangel kann dabei helfen, sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Kreative der Werbebranche arbeiten in ihren Büros häufig in kargen Büros vor weißen Wänden an leeren Tischen. Reduktion als Ideenmotor! Nichts soll den Geist ablenken! Inspiration aus sich selbst heraus. Der Lausbub Michel aus Lönneberga hat vielleicht nur deshalb Holzfiguren geschnitzt, weil es im Schuppen nichts anderes gab außer Holz und seinem Taschenmesser. Nichts konnte ihn ablenken. Hätte Michel seine Mitmenschen nicht ständig mit lausbübischen Eskapaden genervt und hätte ihn sein Vater nicht zur Strafe dafür eingesperrt, der fantasievolle Blondschopf hätte sicher andere Dinge im Kopf gehabt als Figuren zu schnitzen.

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Problem als Chance

Not macht erfinderisch, sagt der Volksmund. Tatsächlich setzt die Beschränkung von Ressourcen kreative Prozesse in Gang. Wer nicht aus dem Vollen schöpfen kann, muss nach Alternativen suchen. Für Kreativschaffende und Startups steht dies bei ihrem Unternehmertum, dem Entrepreneurship, an erster Stelle. Auch gestandenen Firmen würde Querdenken gut tun, denn Engpässe und Notlagen erlebt jeder mal. Nach anfänglicher Verunsicherung sollte dann analytisch, kreativ und besonnen vorgegangen werden, so wie MacGyver es auf seinen Missionen vorgemacht hat. Kopflos übereilte Entscheidungen richten meist Schaden an. Statt Probleme hin- und herzuwiegen ist es zielführender, über Möglichkeiten und Potentiale nachzudenken. Ein auf den ersten Blick unerfreuliches Ereignis lässt sich auch als kreative Chance begreifen.

Effectuation: Fokus auf vorhandenes Potential

Wie lässt sich ein Projekt auch ohne üppige Ausstattung erfolgreich umsetzen? Kreativschaffende, Startups und Entrepreneure teilen hier dieselben Erfahrungen. Sie haben mit dem auszukommen, was Ihnen zur Verfügung steht, müssen mit vorhandenen Ressourcen arbeiten. Zusätzliche Mittel sind meist nicht aufzutreiben. Also lautet die Devise: Sich auf das eigene Potential konzentrieren, auf die Arbeits- und Innovationskraft und vor allem auf die eigene Kreativität. Wirtschaftstheoretiker bezeichnen diese Entscheidungslogik als „Effectuation“. Die jeweils verfügbaren, eigenen Mittel bestimmen, welche Schritte die Firma bzw. der Unternehmer als nächstes gehen kann: Wer bin ich? Welche Kompetenzen habe ich? Welche Ziele kann ich mit dieser Ausstattung realistischerweise anstreben und erreichen? Wen kenne ich? Wer könnte mich mit Ideen oder Aktivitäten unterstützen?

490014_web_R_K_B_by_ecko_pixelio.de © ecko, Pixelio.de

Überschaubares Risiko

Die Konzentration auf die eigenen, vorhandenen Mittel birgt Vorteile und Nachteile. Kreative können ebenso wie Startups meist nur kleinere Brötchen backen und wachsen langsam. Der Vorteil: Im Falle des Scheiterns hält sich das Risiko in Grenzen. Werden nur eigene Ressourcen eingesetzt, hat der Entrepreneur nicht mehr verloren als Zeit und Arbeitskraft und schlimmstenfalls das eigene, angesparte Budget.

Kreativität hervorlocken

„Creare“ bedeutet im Lateinischen so viel wie etwas neu schöpfen, etwas erfinden, etwas erzeugen oder herstellen. „Crescere“ heißt großziehen bzw. wachsen. Werfen auch Sie einen Samenkorn in die Erde, pflegen Sie ihn mit Ihrer Kreativität und Leidenschaft, beobachten Sie besonnen und geduldig, wie Ihr Samen irgendwann Früchte tragen wird. Investieren Sie Ihre Energie in Konzepte und Projektideen, die Ihnen persönlich am Herzen liegen und die die Welt hoffentlich ein klein wenig besser machen. An jeder Ecke warten Herausforderungen, für die es noch keine Lösung gibt. Vielleicht findne Sie eine Antwort!

Haben Sie Mut, Dinge in Frage zu stellen, zu überdenken, neue Projekte in Angriff zu nehmen. Wen können Sie für Ihre Idee gewinnen? Wo schlummern Talente und Potentiale, die bisher ungenutzt waren? Welchem Menschen oder Mitarbeiter können Sie mehr Verantwortung übertragen, um ihn und Ihre Idee wachsen zu lassen?

229648_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Inspiration aus der Kreativwirtschaft

Wenn Ihnen der richtige MacGyver mit den zündenden Ideen noch fehlt, suchen sie ihn (oder sie) in der Kreativbranche. Holen Sie Künstler und Kulturschaffende in Ihr Unternehmen. Gewohnheitsmäßige Querdenker erfassen Strukturen anders und hinterfragen sie. Kreative sind häufig Vordenker der Gesellschaft, die eine andere Perspektive auf das Miteinander von Menschen und ihre Kommunikation haben.

„Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann“, hat Antoine de Saint-Exupéry* einmal gesagt. Künstler und Designer müssen ständig entscheiden, wann ein Werk perfekt ist bzw. was zur Vollkommenheit noch fehlt. Comiczeichner haben die Gabe, die Welt in wenigen Federstrichen zu erfassen und dabei Unwesentliches wegzulassen. Autoren schaffen aus ihren Alltagsbeobachtungen Charaktere mit Stärken, Schwächen und durchleuchten die Mechanismen des Umgangs miteinander. Kreative werfen innovative Fragen auf, die Impulse für neue Sichtweisen geben, die die Bereitschaft für Veränderungen beflügeln und zum Umdenken ermutigen können. Probieren Sie es aus, Sie werden es nicht bereuen!

 

Inspirationstipp:

Als Unternehmer können Sie zu diesen interdisziplinären Think Tanks und Kreativ-Netzwerken Kontakt aufnehmen:

  • KREATIVE DEUTSCHLAND: überregionales Netzwerk und Plattform, getragen von den Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft, hier finden Sie Kontakte und Ansprechpartner zu regionalen Netzwerken der Kreativbranche:
  • KULTURGILDE: Verband, Interessenvertretung und Plattform für Kreativnetze und Verbundprojekte der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland
  • Richard Florida: The Rise of the Creative Class. New York. Basic Books 2002. (Auch wenn es schon über 10 Jahre alt ist: Das Buch ist noch immer wegweisend in seiner Darstellung zur Entwicklung der Kreativwirtschaft und zum Einfluss kreativer Akteure auf Gesellschaft und Wirtschaft.)
  • Zitat von Antoine de Saint-Exupéry aus: Terre des Hommes, III: L’Avion, p. 60 (1939)

Führungspositionen in der Kreativwirtschaft sichern!

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160530_master_creative_dinlang_grafik_bb© bbw, creative industries master’s program

Berlin, die hippe, tolerante und internationale Metropole an der Spree, wirkt wie ein Magnet auf kreative Professionals und junge Talente. Mit ihrer lebendigen Kunst- und Kulturszene hat sich die Stadt zu einer Creative City entwickelt, in der immer neue Freiräume erschlossen und damit wachsende Umsätze erzielt werden. Zahlreiche Start-ups erobern die Märkte von ihrer Berliner Basis aus, z. B. junge Firmen aus Mode, Design, Architektur und Marketing sowie große namhafte Unternehmen aus dem IT- und Musikgeschäft, dem Gaming- und Medienbereich.

Disruptionen managen

Die Digitalisierung führt einerseits dazu, dass ein Ende dieses Wachstums nicht abzusehen ist. Andererseits wird es mittelfristig, u. a.  in den Printmedien, zu Umstrukturierungen und Verwerfungen kommen. Hier können nur hervorragend ausgebildete Professionals für Innovationen sorgen, die in dem Geschäft gebraucht werden. Sie müssen komplexe Prozesse branchenübergreifend durchdenken, sie im Ganzen verstehen und managen.

bbw: Management of Creative Industries

Deshalb hat sich die bbw Hochschule, die größte private Hochschule Berlins, dazu entschlossen, Experten der Kreativbranche für den Einsatz in der Wirtschaft auszubilden. Die bbw setzt dafür ein Master-Programm auf, das die nötigen übergreifenden Managementkompetenzen vermittelt. Mit Start im Herbstsemester 2016/17 kann zum ersten Mal deutschlandweit der englischsprachige Masterstudiengang Management of Creative Industries studiert werden, der sich bewusst nicht nur auf einzelne Sektoren der Branche fokussiert. Er folgt einem ganzheitlichen Ansatz und ermöglicht so als erster Studiengang proaktive Antworten auf die schon sichtbaren, drastischen Veränderungen in der Branche.

Innovative modulare Lehrinhalte

Im Curriculum des Studienganges stehen deshalb auch übergreifende Managementthemen für die Planung, Steuerung und das Controlling von kreativen Teams und ihren speziellen Herausforderungen. Ein Fachbeirat Kreativwirtschaft sichert viel Praxisbezug im Studiengang Management of Creative Industries. Im Rahmen der Module stehen folgende Schwerpunkte im Fokus:

  • Cross-Functional Analysis von Unternehmen der Culture and Creative Industries (CCI)
  • Innovation Development – Design Thinking and Idea Development
  • Information & Communication Technologies (ICT)
  • Digital Entrepreneurship – Business Models

Das viersemestrige Studium kann sowohl in Vollzeit als auch berufsbegleitend absolviert werden. Es orientiert sich an der Arbeitswelt der Branche und spricht mit seinem holistischen Ansatz sowohl junge Bachelor-Absolventen als auch berufserfahrene Professionals an. Da die Vorlesungen auf Englisch stattfinden, ist auch die Teilnahme internationaler Studierender möglich und sehr willkommen.

160530_master_creative_dinlang_overview_bb © bbw, creative industries master’s program

Go for a leadership position in the Creative Industries!

Creative Industries today share many similarities across culture, business organization and management – although they may appear to involve different professions at first. The bbw University of Applied Sciences’ Management of Creative Industries Master’s Program sees the necessity of an holistic approach.

“We provide our master’s students with the ideal skillset to succeed in this exciting and dynamic economic sector”, explains Prof. Dr. Malte Behrmann, the initiator of the program. “Our students aim for a leadership position in fashion, design, architecture, marketing, the games industry or in their own IT-driven start-up. We believe that master students need oversight more than sector specific knowledge as the subsectors of the creative industries go through dramatic changes.”

Malte_Behrmann_Foto © Prof. Dr. Malte Behrmann, bbw, creative industries master’s program

Berlin is the ideal place for this. Berlin is a vibrant hub for the Creative Industries. The German capital is world-renowned for its broad spectrum of job and business opportunities that require creative expertise. That’s why the bbw Master’s Program was created – to prepare the students for roles in all branches of the Creative Industries, ranging from Project Manager, Innovation Manager, Social Media or Community Manager, Consultant or even as the founder of their own innovative start-up.

The subjects taught stretch from Branding over Advanced Information and Communication Technologies to Digital Intellectual Property Management. All in all, the Master’s Program offers  hands-on skills and analytical methods to address the disruptive impact the “Digital Shift” is having on society, the economy and the media. Andreas Gebhard, the Co-founder of re:publica, believes that “this holistic Master’s Program is definitely needed here in Berlin”.

Experienced teachers and professors have the know-how and business track record to impart the knowledge the student’s will need to understand Human Resource Methods, Strategies of CCI Management, Strategic Financial Planning and Controlling. The Program also encompasses new Sharing Economy and Community Driven Marketing approaches to help prepare the students for the innovative business schemata of the future.

NEU_bbw_Creative Industries © bbw, creative industries master’s program

More information:

Mit Leichtigkeit: Innovatives Material für neue Produkte

633324_web_R_K_B_by_Rosel Eckstein_pixelio.de © Rosel Eckstein, pixelio.de

Mit innovativem und leichtem Material lassen sich Produkteigenschaften erzielen, die bis vor kurzem kaum vorstellbar waren. Bahnbrechende Ideen enstehen nicht zuletzt durch Kooperationen zwischen Ingenieuren und Akteuren der Kreativbranche.

Die Firma CompriseTec in Hamburg forscht, entwickelt und produziert Kunststoffprodukte und Faserverbundbauteile, die vor allem leicht sein sollen. Um diesen Aspekt der Gebrauchstauglichkeit frühzeitig in den Entwicklungs- und Gestaltungsprozess einzubeziehen, arbeitet Gründer Christian-André Keun mit kreativen Köpfen aus der Kultur- und Kreativbranche zusammen. Gemeinsam mit Designern und Marketingspezialisten tüftelte er an der Herausforderung, das Gewicht von Trolleys und von Geschirr in der Luftfahrt zu reduzieren.

Trolley CompriseTec © CompriseTec: Leichtbau-Carbon-Trolley

Dank neu entwickelter Verbundstoffe, den sogenannten Kunststoffcompounds, kann im Luftfahrtcatering das in der Business Class normalerweise verwendete Porzellan ersetzt werden. Teller, Becher und Tassen werden deutlich leichter und bieten trotzdem dennoch eine hohe Wertigkeit.

CompriseTec_Material © CompriseTec: Kunststofffaserverbundstoffe

Investitionsförderung Hamburg

Das Projekt wurde im Rahmen des Hamburger Förderprogramm „Umweltinno – Ressourceneffizienz“ unterstützt, aufgelegt von der Hamburg Kreativ Gesellschaft und der Hamburgischen Investitions- und Förderbank. 25%-80% der Projektkosten werden im Rahmen des Programms gefördert. In geeigneten Fällen erhalten auch Kooperationen mit Hochschulen einen Zuschlag, wenn dabei neue Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren entstehen. Das innovative Ergebnis von Keuns Kreativteam kann sich sehen lassen. Aluminium wird durch faserverstärkte Kunststoffe ersetzt. Der neue Carbon-Trolley ist mit 9,8 Kilo nur halb so schwer wie ein herkömmlicher Servicewagen. Er kommt heute bei der Lufthansa zum Einsatz.

CompriseTec__gross © CompriseTec: neue Produkte dank Leichtbauweise (v.l.n.r.) Dr. Christian-André Keun (Geschäftsführer von CompriseTec), Sven Polatzek (Projektmitarbeiter) und Simon Kaysser (zuständiger Projektleiter)

Material-Erforschung für Alltag und Kunst

Julia Lohmann ist Materialforscherin, Designerin und Design-Professorin an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Nachdem sie einige Zeit mit Schafsmägen experimentiert hat, zieht sie ein neuer Naturstoff in den Bann: Seetang und Algen. Damit kreiert sie einerseits künstlerische Installationen, andererseits Alltags- und Gebrauchsgegenstände, wie Möbelfurniere, Lampenschirme, Hüte und Verpackungen. Was sie am Material aus dem Meer schätzt? Es ist flexibel und lässt sich in fast jede denkbare Form überführen.

Nicht nur das Material erforscht Lohmann, sondern auch neue Handwerkstechniken,  mit denen sich Seetang bearbeiten und in Gebrauchsgegenstände verwandeln lässt. Für ihre innovativen Ansätze im Design ist sie bereits mehrfach ausgezeichnet worden, u.a. vom British Council und der Arts Foundation sowie auf der Design Miami Basel als Designer of the Future.

Julia Lohmann_Oki Naganode_Fotograf Petr Krejci © Julia Lohmann: Installation „Oki Naganode“, Foto: Petr Krejci

Lohmann schärft mit ihren Werken den Blick für bislang ungenutzte Naturstoffe. Neben Algen experimentieren Designer weltweit u. a. mit Papier, StrohLöwenzahnPalmleder und Bambus. Das Thema Bioökonomie wird immer wichtiger. Nicht zuletzt, weil es auch Menschen in Entwicklungsländern ganz neue Chancen eröffnet. Sie können sich mit Naturmaterialien eine neue Existenz aufbauen. Die thailändische Designerin Khun Tük stellt z. B. Rattan-Möbel aus Wasserhyazinthen her. Die tropische Pflanze mit 98% Wassergehalt gilt als Plage, weil sie in Südostasien die Gewässer verwuchert. Khun Tük erntet, mangelt und trocknet das Gewächs, bevor sie das Rattan-Material weiter zu Sitzmöbeln verarbeitet. Das Unternehmen sichert ihr inzwischen ihr Auskommen.

Wasserhyazinth-de_Faltin © waterhyacinth.de

Die Spanierin Carmen Hijosa arbeitet mit Ananas-Fasern, die sie in auf den Philippinen entdeckte – bei der Suche nach einem günstigen Material, ähnlich stabil, vor allem aber nachhaltiger als Leder. Als bei der Ernte Ananas-Blätter übrig blieben, war ihre Idee geboren, aus den Fasern  neben Stühlen und Sofas auch Schuhe, Taschen und nachhaltige Bio-Textilien zu fertigen. Der britischen Tageszeitung The Guardian berichtete Hijosa:  „Wir können damit auch die Innenräume von Autos  auskleiden“. Abgeleitet vom spanischen Piña für Ananas erhielt das Material den Namen Piñatex.  Von Hijosas Startup Ananas Anam sollen auch ländliche Kleinbauern profitieren.

Modellbau mit neuem Material

Designen heißt: ein Modell entwerfen, testen, nachbessern, von Neuem testen und wieder nachbessern. Solange, bis der Prototyp allen Wünschen und Anforderungen entspricht. Roswitha Farnsworth ist Künstlerin, hat gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten den Werkstoff NonaD erfunden, ihn kürzlich auch patentieren lassen. NonaD lässt sich ähnlich wie Ton verarbeiten, muss aber nicht gebrannt werden. Auch nach Tagen und Wochen kann der Stoff weiter bearbeiten werden.

Farnsworth hat viele Skulpturen aus NonaD geformt und ist überzeugt: „Mein innovatives Material kann auch in anderen Branchen vielfältig eingesetzt werden.“ Der Vorteil: Bereits geformten Modelle aus NonaD lassen sich so oft wie nötig verändern und auch im Außenbereich verwenden, denn das Material ist frostsicher, hitze- und witterungsbeständig. Bänke und Möbel, Brunnen und Wasserläufe im Garten lassen sich ebenso daraus bauen wie Prototypen für neue Erfindungen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Inspirationstipps:

  • CompriseTec: Hersteller innovativer Kunststoffprodukte und Faserverbundbauteile
  • NonaD: wandlungsfähiges Modellbaumaterial
  • Das Eco-Innovation Observatory (EIO) ist eine von der EU finanzierte Initiative, die Öko-Innovationen recherchiert, Trends in diesem Bereich ermittelt und Fallbeispiele „good practice“ vorstellt.