Science Fiction und Magic Mirror: Strategische Zukunftsplanung für Unternehmen

alles-mv-de-workshop-kreativprozesse-manuela-heberer © Manuela Heberer, alles-mv.de

Wie soll man sich mit Dingen auskennen, die es bisher noch nicht gab? Strategische Zukunftsplanung im Unternehmen hängt stark von der eigenen Vorstellungskraft ab. 20 Unternehmer in Mecklenburg ließen sich von Akteuren aus der Kreativbranche strategisch und fantasievoll in die Zukunft beamen.

„Eine gute Frage ist der beste Anstoß zu mehr Kreativität.“ – hat der Werbekaufmann Michael Hahn einmal gesagt. Wie generiert Ihr Unternehmen neue Ideen? Wer bringt sie im Unternehmen mit wieviel Raum und Zeit  ein? Wieviele Ideen werden tatsächlich in den Unternehmensalltag implementiert? Woran scheitert ggf. die Realisierung?

Orientierung durch Wollfäden

Inspirierende Fragen eingebettet in künstlerisch-kreative Aktionen – nach diesem Rezept wurden die Zutaten für den Tages-Workshop „kreativprozesse.unternehmen.zukunft“ in Schwerin gemischt. Drei Künstler und vier Kreativschaffende der Innovationswerkstatt projekt:raum vom Rostocker Community-Zentrum „Warnow Valley“ hatten Firmen aus der Region zum visionären Vorausdenken eingeladen. 20 Unternehmer kamen, die meisten aus dem Netzwerk Zukunftsmacher MV. Die Mitglieder wollen im Wettbewerb um die besten Fachkräfte auch kreative Methoden ausprobieren. Etwa so: Kommunikationswege im Unternehmen lassen sich auch mit roten Wollfäden an Flurdecken plastisch vor Augen führen. Für solch ungewöhnliche Ideen nutzen Unternehmen Impulse von außen, z.B. aus der Kreativbranche.

alles-mv-de_workshop-kreativprozesse-lichtperformance-manuela-heberer © Manuela Heberer, alles-mv.de

Berührungspunkte erkunden

„Ich habe den Workshop mit Spannung erwartet, weil wir aufgrund unserer Ausrichtung eher wenig kreativ ist“, erklärt Martina Fregin ihre Motivation zur Teilnahme. Die Geschäftsführerin eines Unternehmens für Klima- und Lüftungstechnik in Bützow war dann aber überrascht, wie viele Berührungspunkte sie bereits zur Kreativbranche hatte, ohne sich darüber bewusst zu sein. Denn neben Musikern und Künstlern repräsentieren auch Architekten, Grafiker und Journalisten die elf Teilbranchen, wie Workshop-Organisatorin Teresa Trabert mit einer originellen literarischen Lesung klar machte. Nach einer Aufwärmphase und Impulsbeiträgen zum Thema Innovation von Unternehmensberaterin Veronika Schubring wurden die Unternehmer selbst kreativ. Drei Workshops standen zur Auswahl: Effectuation: Mit Science Fiction strategisch die Zukunft planen, Magic Mirror: Die eigene Marke als performative Lichtinstallation gestalten und Experience Design: Mit Musik die eigene Unternehmenskultur schaffen.

Mit Comics junge Zielgruppen erreichen

In 20 Sekunden ein Huhn und ein Raumschiff aufs Papier zu bringen, ist schon eine Herausforderung. Aber wie bitteschön visualisiert man den Begriff „Zeitdruck“? Grafiker und Animationskünstler Lennart Langanki, ist klar, dass er seine Teilnehmer damit ins Schwitzen bringt. Am Ende ist er vollauf zufrieden, weil wirklich jedem ein nachvollziehbares Zukunftsszenario gelungen ist. Frank Martens-Jung, Projektleiter für Entwicklung und Vertrieb im Rostocker Wasser- und Abwasserunternehmen OEWA hat vor allem jüngere Zielgruppen im Blick: „Wenn ich unsere Unternehmensziele mit Comics nach außen trage, erreiche ich damit sowohl potentielle Nachwuchskräfte als auch jüngere Kunden.“

Außendarstellung mit Bewegung und Projektion

Matthias Kaulmann ist Prokurist beim Schweriner Energieerzeuger naturwind gmbh mit etwa 30 Mitarbeitern. Kaulmann wagte die Herausforderung „Magic Mirror“, um sein Unternehmen mit eigenen Körperbewegungen bei einer Lichtperformance darzustellen. Dabei stand er zunächst vor der Frage, mit welchen Mitteln er seine Firma wirkungsvoll präsentieren soll: Wie erscheint das Außenbild meines Unternehmens in den Augen anderer? Wie entscheidend sind sinnliche Eindrücke für Innovation und Identifikation?
Mit der „X-Box One Kinect-Technologie“ wurde über Infrarot das Improvisationstheater der Teilnehmer in bunte Leinwandbilder verwandelt, die menschliche Bewegungen wie in einem magischen Spiegel zeigte. Die anderen Teilnehmer sollten die Bilder interpretieren und diskutieren. „Ich war überrascht, dass meine ruhigen Bewegungen auf Andere bei der Vorführung tatsächlich vertrauensvoll wirkten“, so Kaulmann. „Genau das wollen wir in unserem Unternehmen auch erreichen. Wir arbeiten langfristig und nachhaltig. Vertrauen zu schaffen, liegt uns daher besonders am Herzen.“
Gerade die gegenseitigen Rückmeldungen empfanden die Unternehmer als besonders wertvoll, auch Kaulmann: „Über den künstlerischen und spielerischen Ansatz wollte ich herausfinden, wie unser Unternehmen nach außen wirkt und wo es steht.“

Teambildung mit Musik

Wie klingt die eigene Unternehmenskultur? Im Musik-Workshop konnten die Teilnehmer Parallelen zwischen einem Firmenteam und einem Orchester erleben. Überall müssen Menschen einander zuhören und sich engagiert einbringen, wenn im Zusammenklang ein gutes Ergebnis entstehen soll. Um es selbst auszuprobieren, wählte jeder Teilnehmer einen typischen Alltagsgegenstand aus seinem beruflichen Umfeld: Quietschende Textmarker, klappernde Schreibtastaturen und Hackenschuhe, Telefonklingeln und Türklopfen, schellende Türgongs und Computersignale, waberndes Gemurmel. Unter Leitung des Musikers Tobias Wolff mischten sich die Klänge zu einer „Sinfonie des Alltags“. „Ein wertvoller Blick über den Tellerrand“, meint Gastgeber Kevin Friedersdorf, Geschäftsführer der Schweriner Webagentur Mandarin Medien. Und steuerte selbst einen Perspektivwechsel bei, in dem er die Büroklangwelt mit Froschquaken anreicherte – direkt aus dem benachbarten Teich.

Vorsätze

„Wir sind doch alle kreativer als wir dachten“, resümieren die Teilnehmer am Ende einhellig. Viele nehmen sich vor, die fantasievollen und innovativen Impulse aus dem Workshop nachhaltig in den Firmenalltag zu überführen. Auch den Kollegen wollen sie vom Workshop erzählen. Einige planen schon die nächste Aktion mit den Rostocker Kreativen im eigenen Unternehmen, wie z. B. Matthias Kaulmann von der naturwind GmbH.

Journalistin Manuela Heberer vom Onlinemagazin alles-mv.de hat den Workshop begleitet und hofft, dass auch andere Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern „die Begeisterung und den Enthusiasmus der Akteure spüren und erfahren können, was Kreativität im Menschen bewirkt. Unsere Region ist stark von Abwanderung geprägt. Künstler können den Menschen die Augen öffnen – für ihr Lebensumfeld, ihre Firma, ihre Mitmenschen. Und dafür, dass es sich lohnt, hier in Mecklenburg-Vorpommern zu bleiben.“

Inspirationstipps:

• Unternehmer-Netzwerk Zukunftsmacher MV

• Rostocker Innovationswerkstatt von Künstlern und Kreativakteuren: projekt:raum

• Coworking- und Community-Zentrum in Rostock: Warnow Valley

• Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern: Kreative MV

• Medienportal mit Berichten aus Mecklenburg-Vorpommern: alles-mv.de

UnperfektHaus Essen: Spielwiese für Kreativität, Innovation und Simulation

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Die spielerische Fassade lockt die Besucher schon weitem an: Eine riesige Kugelbahn aus gelben und grünen Plastikröhren an der Fassade lässt Ungewöhnliches erahnen. Das „UnperfektHaus“ in Essen bietet auf fünf Etagen und 5.000 Quadratmetern Einfallsreichtum pur: Künstler-Ateliers und Werkstätten, Spiele-Etage mit Carrera-Bahn, Flipper, Billard und Dart, multifunktionale Coworking Spaces, wie man sie aus den Beta-Häusern der Großstädte kennt. Überall schillert viel Unternehmergeist und Kreativität, findet sich Anregendes für Leib und Seele, Augen und Ohren, Herz und Hirn. Café und Restaurant im Erdgeschoss bieten den kulinarischen Rahmen für fruchtbare Gespräche. Im Wintergarten versammelt sich Unternehmen zu Veranstaltungen und Seminaren. Für den Weitblick und neue Horizonte laden zwei Dachterrassen ein.

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Unternehmergeist und Kreativität
Gründer Reinhard Wiesemann möchte Menschen zusammenbringen, die normalerweise nicht aufeinander treffen würden: All das können Gäste zu einem günstigen Komplettpreis nutzen, der sich nach der Aufenthaltsdauer im Haus und sonstigen Wünschen bemisst. Wer bis zu 5 Stunden bleibt, das Buffet nutzen möchte inkl. einer Flatrate für Softgetränke, zahlt z.B. 19,90 €. Schnelles WLAN gehört im ganzen Haus zur kostenfreien Grundausstattung, ebenso Flipcharts und Moderatorenkoffer bei Seminaren. Wer ein Seminar für seine Firma bucht, kann alle Angebote im Haus kostenfrei mitnutzen und den Künstlern jederzeit über die Schulter schauen. Überall schillert viel Unternehmergeist und Kreativität, findet sich Anregendes für Leib und Seele, Augen und Ohren, Herz und Hirn. Café und Restaurant im Erdgeschoss bieten den kulinarischen Rahmen für fruchtbare Gespräche. Im Wintergarten versammelt sich Unternehmen zu Veranstaltungen und Seminaren. Für den Weitblick und neue Horizonte laden zwei Dachterrassen ein.

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Treffpunkt für unterschiedliche Akteure
Wiesemann ließ ein ehemaliges Franziskanerkloster aus den 50er Jahren nach seinen Ideen umbauen. Er sieht sich als Brückenbauer und bereitet den Nährboden für Begegnungen zwischen Menschen, die normalerweise nicht aufeinander treffen würden: etablierte Firmen und Start-Ups, Wirtschaft und Kultur, Business und Ehrenamt, Kunst und Kommerz. Innovation entsteht, wenn sich Menschen verschiedener Lebenswelten begegnen und einander inspirieren. Klein- und Mittelständler tagen hier, große Energieversorger und Verbände, wie die Deutsche Gesellschaft für Hauswirtschaft.

Unperfekthaus_Kunstwerke_Kinderwerkstatt © MassivKreativ

Kreativer Tagungsort
„Das UnperfektHaus lädt zum Freidenken ein“, schwärmt Marie-Jo Goldmann, Trainingskoordinatorin des Kosmetikunternehmens LUSH, das hier regelmäßig Schulungen und Produktpräsentationen abhält. „Statt steriler Tagungsräume im Hotel bietet das UnperfektHaus eine entspannte und fruchtbare Location, viele Räume für unterschiedlichste Bedürfnisse.“ Kleine Nischen und Rückzugsorte ermöglichen auch vertrauliche Gespräche, z. B. vor der Kulisse eines idyllisch gemalten Sonnenuntergangs.
Bis zu 500 Personen können bei Feiern und Events im Haus versorgt werden. Vor Messen der Automobil- und Spielebranche in Essen finden Warm-Ups im Unperfekthaus statt. Dann tauschen sich über 300 Hersteller, Experten und Multiplikatoren über neue Produkte und Trends aus. Initiator Roland Weiniger und Mitbegründer des Verbandes SpieleGilde ist überzeugt: „Viele der Gäste kommen wegen der bunten Atmosphäre in diese Kreativoase.“

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Simulationsort für Geschäftsbeziehungen
Stephan Lampel engagiert sich als Netzwerker im UnperfektHaus. Er lädt Gründer, Klein- und Mittelständler zu Informationsveranstaltungen und Barcamps ein, zu Kreativitätsworkshops, Themenwochen und Diskussionen über Arbeitswelten und Wissenstransfer. „Jeder Unternehmer, der einen neuen Geschäftspartner näher kennen lernen möchte, sollte ihn im UnperfektHaus treffen“, empfiehlt Lampel. „Da findet sich sofort Gesprächsstoff. Die Ateliers, die kreativen Objekte und die Gespräche mit den Künstlern bieten viele Anknüpfungspunkte, so dass man von seinem Gegenüber eine Menge erfährt –über dessen Geschmack, Werte und Visionen. Diesen inspirierenden Rahmen findet man nirgendwo sonst“, sagt Lampel.

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Ideale Bedingungen
Jeder Gast kann sich auf allen Ebenen an den Getränke jederzeit frei bedienen, ebenso am Buffet im Erdgeschoss. Für Firmenveranstaltungen ein unschlagbarer Vorteil: „Das lässt mich ruhiger schlafen, weil ich in unserem Zeitplan nicht so streng an Essenszeiten gebunden bin wie z.B. in einem Hotel“, sagt Marie-Jo Goldmann von LUSH. „Es gibt hier veganes und vegetarisches Essen, sogar Sonderwünsche zu Motto-Parties wie Zuckerwatte und gebrannten Mandeln werden von den Mitarbeitern organisiert.“

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Irritation und Freiraum
Der Name des Hauses soll bewusst irritieren. „Zuviel Perfektion lähmt die Gesellschaft“, erklärt Wiesemann. „Das UnperfektHaus ist der Kontrast zu dem, was Geschäftsleute verständlicherweise im Alltag leben müssen. Perfektion führt aber oft auf eingefahrene Schienen, wenn man nicht ab und an ausbricht.“
Wiesemann und sein Team bieten Raum für Gedanken, Perspektivwechsel und Projekte, die nicht immer zu Ende gedacht sein müssen. Neue Ideen brauchen Raum für Simulationen, um Vorhaben modellhaft auszuprobieren und ruinöse Fehler zu vermeiden. „Wenn die Gesellschaft keinen Freiraum zur Erprobung lässt, gibt es nach der Finanzkrise noch weitere Krisen in Bereichen, in denen wir uns zu sicher sind und nur auf eine Denkweise setzen“, fürchtet Wiesemann.

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UnperfektHOTEL
Bei allem Freigeist: Business braucht Komfort. Wiesemann hat daher direkt angrenzend das UnperfektHOTEL geschaffen. Während das UnperfektHaus das Kreative und Ungeplante zelebriert, wird im Hotel nichts dem Zufall überlassen: Zimmer mit komfortabler Ausstattung, wie sie Geschäftsleute aus normalen Tagungshotels kennen, und besonderen Extras, wie einer Regendusche und Schilfgras-Tapeten. Die Business-Zimmer haben Konferenztische und 55″-Monitore, Kosten ab 159 €, normale Einzelzimmer lassen sich ab 79 € buchen.
Teams und Seminargruppen mit bis zu 14 Personen, die eine familiäre WG-Atmosphäre suchen, können im WG-Hotel unterkommen. Der Kühlschrank wird vom Personal gefüllt, Sonderwünsche gerne berücksichtigt. Auf der Website lobt ein Firmengast: „Es hat uns großen Spaß gemacht, zusammen zu kochen und zu essen. Wir hatten in dieser schönen Atmosphäre viele gute Gespräche, die in einer anderen Umgebung gar nicht möglich gewesen wären.“

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Neues wagen in einzigartiger Umgebung
„Die Gäste schätzen Räume, die nicht immer „brav“ sind“, weiß Wiesemann. Gleichgesinnte und Unterstützer sorgen dafür, dass das Haus zum Ankerplatz großer und kleiner Akteure wird. Das UnperfektHaus wurde für sein Konzept mehrfach ausgezeichnet: mit dem Innovationspreis vom Netz innovativer Bürger, dem 2. Preis beim N.I.C.E. Award – dem europäischen Wettbewerb für die besten Spillover-Projekte zwischen Kultur und Wirtschaft, als Botschafter von proRuhrgebiet, mit dem Kulturpreis 2007 und dem Senfkornpreis der katholischen Kirche.

Rauskommen, sich frischen Wind um die Nase wehen lassen und nebenher Inspirationen von Kreativen und Jungunternehmern erhalten: Genau diese Mischung bietet das UnperfektHaus. Die Ateliers der Künstler stehen jedem Besucher offen. Meine Empfehlung: Nutzen Sie als Gast die Chance und kommen Sie ins Gespräch! Lernen Sie eine faszinierende Branche und charmante Projekte kennen. Über das VideoLab für Mittelständler berichte ich hier in Kürze.

Inspirationstipps:

● UnperfektHaus in Essen: www.unperfekthaus.de

● Rundgang durch das UnperfektHaus und das UnperfektHOTEL sowie Filminterview mit Mitarbeiter Daniel R. Buchwald über die Aktivitäten, das Selbstverständnis und die Visionen der einzigartigen Kreativoase: www.massivkreativ.de/kreativquartiere/

● komfortable Hotelzimmer als privater Rückzugsort: www.unperfektHOTEL.de

● gemütliche Unterkunft für Teams und Gruppen: www.wg-hotel.de

Medienfassaden und Space Cocktails: Innovative Impulse für die Wirtschaft

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© Antje Hinz, Ausstellung der WFB_BRENNEREI next generation lab am 24.9.2015

      
      

Der Innovationsdruck für Unternehmen steigt. Die Produktzyklen werden immer kürzer, der Markt verlangt ständig nach neuen Fabrikaten und Dienstleistungen. Innovationen lassen sich selten aus der täglichen Arbeitsroutine heraus generieren, sagt Andrea Kuhfuß von BRENNEREI next generation lab, einem interdisziplinären Innovationsprojekt der Wirtschaftsförderung Bremen in Zusammenarbeit mit Absolventen kreativer und künstlerischer Studiengänge. Ich habe mit ihr und mit Andreas Heyer, dem Vorsitzenden Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen, gesprochen.

Marktausbau durch kreative Produkterweiterung

Wovon viele Unternehmen träumen, ist der ONLYGLASS GmbH aus dem niedersächsischen Verden gelungen. Das Familienunternehmen hat sich auf Glasveredelung spezialisiert. Mit Blick auf den internationalen Markt suchte Geschäftsführer Reinhard Cordes vor einigen Jahren gezielt nach einem Alleinstellungsmerkmal. Bei einer Reise nach New York fielen ihm auf dem Time Square die riesigen Reklametafeln auf, die die historischen Fassaden verdecken und verunstalten. Eine Alternative aus Glas wäre viel besser, dachte Cordes damals, zumal Glasfassaden im Städtebau topaktuell sind. Seine Idee lässt ihn nicht mehr los. Über vier Jahre entwickelt ONLYGLASS gemeinsam mit Partnern aus Hochschulen in Braunschweig, Hamburg und Aachen/Jülich eine neue Medienfassade mit LED-Technik. Senkrecht angeordnete Leuchtdioden werden in den Zwischenraum von Isolierglasscheiben integriert. Der große Vorteil: Die Medienfassaden sind transparent, der Blick aus dem Fenster wird nicht getrübt. Das Zusammenspiel der bunten LEDs reguliert ein Computer.

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© Christian O. Bruch: Opening Klubhaus / fact+film: Mitarbeiter / Christoph Sodemann: Kind

Think Tank für Unternehmen

ONLYGLASS forscht nicht nur nach neuen Technologien. In einem Think Tank der Wirtschaftsförderung Bremen finden die Glasexperten kreative Vordenker. Im Rahmen des Stipendiatenprogramms „BRENNEREI next generation lab“ tüfteln acht sorgsam von einer Jury ausgewählte Absolventen künstlerisch-kreativer Studiengänge an einer konkreten unternehmerischen Fragestellung. Sechs Monate dauert eine Projektphase. Für ONLYGLASS ermitteln die jungen Kreativen alternative Einsatzmöglichkeiten ihrer Produkte: Welcher erweiterte Markt lässt sich mit den neuen Medienfassaden erschließen? Umgangssprache unter den Stipendiaten englisch, sie stammen aus der ganzen Welt. Die meisten haben Kommunikations- und Design-Studiengänge absolviert und stellen sich hoch motiviert der doppelten Herausforderung: einerseits in einem interdisziplinären Umfeld zu arbeiten, andererseits reale Szenarien aus der Wirtschaft zu fokussieren. Unter Anleitung von Mentoren und Experten und im Dialog mit den Auftraggebern von ONLYGLASS erarbeiten die jungen Absolventen innovative Lösungsvorschläge.

Die Wurzeln

Vorgänger des interdisziplinären Stipendiatenprogramms ist das Designlabor Bremerhaven, angetreten im Jahr 2000, um Nachwuchskräfte aus designorientierten Disziplinen zu professionalisieren und gleichzeitig innovative Impulse in die Wirtschaft zu tragen. Seit 2012 wird dieses Vorhaben nun von „BRENNEREI next generation lab“ realisiert, aktuell arbeiten die Stipendiaten am sechsten und siebten Kooperationsprojekt. Von der Initiative der Wirtschaftsförderung Bremen profitieren alle Partner. Unternehmen zahlen an den Think Tank einmalig 12.500 € und erhalten für wenig Geld innovative Impulse für neue unternehmerische Ansätze. An die Stipendiaten fließt ein monatliches Honorar von 1.580 € brutto angelehnt an den Mindestlohn. Der eigentliche Gewinn für die jungen Kreativen liegt im Zugewinn an Erkenntnissen. Sie sammeln Erfahrungen im Team, im Prozess- und Projektmanagement, in der Konzeptentwicklung und der Kommunikation.

© WFB_BRENNEREI next generation lab

Praxisnahes, branchenübergreifendes Arbeiten

Andreas Heyer, Vorsitzender Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen erklärt den großen Erfolg des Programms in dessen besonderer Konzeption: „Normalerweise holen sich die Unternehmen ihre Beratung und Begleitung von außen – also immer nach einem bestimmten Muster und aus einer typischen Branche. Im Rahmen unseres Stipendiatenprogramms stellen wir bewusst interdisziplinäre Teams aus branchenfernen Fachrichtungen zusammen. Unsere Absolventen eröffnen Sichtweisen und Blickwinkel, die in der Unternehmenslandschaft bisher gar nicht vorhanden waren. Ein Absolvent aus der Kulturwirtschaft sieht die IT-Branche aus einem ganz anderen Blickwinkel als eine IT-spezifische Beratungsagentur. Das ist der große Mehrwert, dass hier andere Denkmuster zum Tragen kommen.“

Nachwuchsgewinnung

Die unkonventionellen Ideen der jungen Kreativen haben viele Unternehmer überrascht. Vor allem deren unbändige Energie empfinden sie als sehr inspirierend und nehmen die besondere Atmosphäre gern in die Unternehmen mit. Hinzu kommt ein weiterer Mehrwert, betont Heyer: „In einem praxisnahen Umfeld treten die Firmen sehr früh in den Dialog mit jungen Absolventen ein und können sich langfristig geeigneten Nachwuchs sichern. Für die jungen Absolventen ist das Programm ein Anreiz, ihre berufliche Zukunft in Bremen zu planen.“

Kreative Methoden und Vermittlung

Forschen, Analysieren, Experimentieren, Entwickeln, Präsentieren. Etwa 60 Stunden innerhalb des Programms sind für den fachlichen Input von Mentoren vorgesehen. „Wir diskutieren sehr intensiv über mögliche Ideen, wir visualisieren sie in Form von Grafiken oder 3D-Modellen und präsentieren sie unseren Wirtschaftspartnern“, erklärt die Projektleiterin und Innovationsmanagerin Andrea Kuhfuß die Arbeitsweise im Think Tank. Der halbjährige Prozess läuft ergebnisoffen ab. Kreativität braucht Freiraum. Manchmal stellt sich heraus, dass die anfangs formulierte Fragestellung nicht zum gewünschten Ziel führt. Um eine praktikable Lösung zu finden, muss dann ein anderer Weg eingeschlagen werden. Kuhfuß sorgt mit Kommunikationsstärke und sozialer Kompetenz für die notwendige Offenheit und das Vertrauen zwischen Wirtschaft und Stipendiaten. Eine überaus wichtige Funktion!

© WFB_BRENNEREI next generation lab

Kundenbefragungen auf Augenhöhe

Neben Brainstorming und DesignThinking gehören klassische Internet-Recherchen und Befragungen zum gängigen Handwerk. In diesem Jahr kooperiert „BRENNEREI next generation lab“ mit dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum. Geklärt werden soll die Frage, welchen Nutzen die Raumfahrt für den Bürger hat: „Die Luft- und Raumfahrt ist eine sehr wissenschaftlich-theoretische Branche“, erklärt Andrea Kuhfuß. „Dafür muss der Bürger erst mal emotionalisiert werden. Das geht am besten, indem man das Gespräch mit ihm sucht und ihn bei den Erfahrungen abholt, die er aus dem Alltag kennt.“ Handstaubsauger, Infrarot-Fieberthermometer, kratzfeste Brillengläser, Gel-Einlagen für Schuhe, schnurlose batteriebetriebene Werkzeuge, Wasserfilter – all das ist ursprünglich für Astronauten erfunden worden. Um Barrieren zu überwinden und Antworten zu erhalten, kreierten die Stipendiaten einen Begegnungsort, eine originelle Cosmo-Lounge. Jedem auskunftsfreudigem Bürger wird dort ein Space-Cocktail spendiert. Die Ergebnisse der Befragungen sollen in eine Publikation münden.

© WFB_BRENNEREI next generation lab

Markterweiterung durch Perspektivwechsel

Auch für ONLYGLASS entwickelten die Stipendiaten eine Broschüre als Werbemittel für potentielle Kunden. Darin wird exemplarisch dargestellt, dass Medienfassaden nicht nur als Reklamefläche genutzt werden können, sondern darüber hinaus als innovative Fassadenbeleuchtung und urbanes Kommunikationsmittel – von Architekten, Stadtplanern, Fotografen, Filmemachern und Künstlern. „Die Stipendiaten haben bei uns im Unternehmen einen Perspektivwechsel angeregt – im Hinblick auf die Vermarktungsvielfalt unserer Medienfassaden“, schwärmt ONLYGLASS-Product-Manager Ralf Krüßel über das interdisziplinäre Arbeiten. Andrea Kuhfuß ergänzt: „Innovation braucht Kollaboration, Professionalisierung sowie interdisziplinäres Denken und Handeln. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, können sehr spannende Dinge entstehen.“ ONLYGLASS lässt gerade in das sechsstöckige Klubhaus St. Pauli in Hamburg seine neue Medienfassade einbauen. Zum Reeperbahnfestival Ende September 2015 soll sie mit Videoinstallationen bespielt werden.

Kommunikation und soziale Innovationen

Neben technologischen Fragen müssen Unternehmen heute auch soziale Herausforderungen meistern, etwa in der Personalentwicklung, im Gesundheits- und Wissensmanagement, in der Organisation und Kommunikation. Wer beim Kundenservice und Verbraucherschutz glänzen will, muss die Klaviatur des verbalen Austauschs beherrschen. Um im Falle eines Produktrückrufs die Kommunikation zwischen Unternehmen, Verbrauchern und Behörden zu verbessern, hat „BRENNEREI next generation lab“ in Kooperation mit der Software-Unternehmen „consider it GmbH“ den Prototyp für eine übergreifende Internet-Plattform entwickelt. Als praktische Gebrauchsanleitung produzierten die Stipendiaten einen Erklärtrickfilm.

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Logistik, IT, Digitalisierung, Industrie 4.0 *

Auch das aktuelle Stipendiatenprogramm fokussiert das Thema Kommunikation: In Zusammenarbeit mit „Bremen digitalmedia“ wird die Frage geklärt, wie sich der Kontakt zwischen IT und Logistik intensivieren lässt. Die jungen Kreativen brüten derzeit an einem innovativen Veranstaltungsformat, das Akteure aus der Logistik, IT, Wissenschaft und Gestaltung in einen fruchtbaren Austausch bringt. Die Ergebnisse der Think Tanks werden jeweils in der BRENNEREI präsentiert. Im kreativen Milieu der ehemaligen “Alten Schnapsfabrik“ in Bremen lädt die Wirtschaftsförderung Bremen regelmäßig zu Innovationsforen und Innovationswerkstätten ein. Dabei kommen zwischen sechs und zehn Unternehmensvertreter aus verschiedenen, sich befruchtenden Branchen in kleinen Workshop-Formaten zusammen – oft zu Clusterthemen, wie Luft- und Raumfahrt, Maritime Wirtschaft und Logistik, Windenergie. Es geht um Wissens- und Technologietransfer mit Blick auf die Megatrends demografischer Wandel, Globalisierung, Digitalisierung. Andreas Heyer erläutert diesen Ansatz am Beispiel von „Industrie 4.0“: „Bei diesem Thema reichen klassische Gedankenmuster nicht mehr aus. Da muss man einfach interdisziplinär denken und integrativ schauen, welche Akteure, welche Fähigkeiten und Branchen hier kooperieren und sich gegenseitig befruchten und vernetzen können.“
Die eher traditionelle Branche Logistik, so Heyer, tausche sich zunehmend über das Thema Social Media aus, um in der Öffentlichkeitsarbeit und im Beziehungsmanagement gegenüber Kunden besser aufgestellt zu sein. Unter professioneller und interdisziplinärer Anleitung entwickeln die Unternehmensvertreter sehr intensiv und praxisnah arbeitsfähige Ideen und Modelle, die tatsächlich im Arbeitsalltag umgesetzt werden. Im Idealfall bilden die Teilnehmer Netzwerke, aus denen heraus gemeinsam Projekte akquiriert und realisiert werden. *

Auszeichnung und Zukunftspläne

BRENNEREI next generation lab ist ein Labor für interdisziplinäre Entwicklungsprozesse. Das europaweit einmalige Projekt wurde 2014 in der Kategorie „Investitionen in Unternehmenskompetenzen“ mit dem Europäischen Unternehmensförderpreis ausgezeichnet. Ausgelobt in den 28 Mitgliedstaaten der EU sowie in Island, Norwegen, Serbien und der Türkei, würdigt der Award Projekte, die sich um Unternehmergeist und Unternehmertum verdient gemacht haben. Seit 2006 beteiligten sich europaweit mehr als 2.000 Projekte und Initiativen.
Andreas Heyer und Andrea Kuhfuß möchten das Stipendiatenprogramm gern verstetigen, d.h. unabhängig von einer Förderung aufstellen. Das setzt bei den Unternehmen das Bewusstsein voraus, dass sie den (Mehr-)Wert von interdisziplinären Teams anerkennen und vergleichbare Preise dafür zahlen wie für eine Personal- oder Unternehmensberatung. Heyer ist optimistisch und setzt auf Empfehlungsmarketing: „Je deutlicher wir die Erfolge am Markt zeigen, um so mehr Unternehmen lassen sich zum Mitmachen motivieren. Reden über Beispiele und Erfolge – das ist der richtige Weg!“

Inspirationstipps:

BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der Wirtschaftsförderung Bremen GmbH, in dem kreative Nachwuchskräfte unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze erarbeiten.

* Donnerstag, 17. September 2015, 10 – 18 Uhr
TRANSPORTALE – eintägiger interaktiver Workshop über die digitale Zukunft der Logistik.
Kooperation mit Bremen digitalmedia, Future Lab IT und Logistik; Interessenten aus den Bereichen IT, Logistik, Wissenschaft und Gestaltung entwickeln nach zwei Impulsvorträgen in interaktiven Workshops neue Geschäftsideen auf der Grundlage von Business-, Technologie- und sozialen Trends. Impulsvorträge von Prof. Rolf Drechsler (DFKI, Bremen) und Stephan Hürholz (The Exponentials, London).
Anmeldungen bis zum 9. September unter info@brennerei-lab.de
Ort: Weser Tower, 21. OG, Am Weser-Terminal 1, 28217 Bremen

Do, 24. September 2015, 18 Uhr
ABSCHLUSSPRÄSENTATION der interdisziplinären Stipendiatenprojekte 2015
– Bremen digitalmedia: Wie kann der Kontakt zwischen IT und Logistik intensiviert werden?
– Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt: Welchen Nutzen hat die Raumfahrt für den Bürger?
Ort: Alte Schnapsfabrik (Karton und BRENNEREI), Osterstrasse 28 – 29, 28199 Bremen

WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH

Klub Dialog e.V.: Veranstaltungsforum der Wirtschaftsförderung Bremen an wechselnden Orten, fünf kreative Bühnengäste präsentieren in jeweils sieben Minuten ihre Ideen, Projekte und Unternehmen

Film über das Arbeiten in interdisziplinären kreativen Teams am Beispiel der ONLYGLASS GmbH

Informationsfilm über das Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH

Beispielprojekte von BRENNEREI next generation lab mit Projektpartnern HEC Software, Bürgerpark Bremen und ONLYGLASS

Informationsfilm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie über Best Practice aus der Kultur- und Kreativwirtschaft am Beispiel von BRENNEREI next generation lab

Erklärfilm zum branchenübergreifendem Internetportal über Produktrückrufe „Pinco and the Product Recalls“

Förderpreis für innovative und interdisziplinäre Projekte zwischen Wirtschaft und Kreativbranchen

Unperfekthaus (2/2): Interview mit Daniel R. Buchwald

© MassivKreativ

Auf 5 Etagen präsentiert UNPERFEKTHAUS in Essen Kreativität und Inspiration pur: Ein Kreativzentrum mit Künstler-Ateliers, Tanzsaal und Bühne, Kinderwerkstatt und Spiele-Etage (auch für Erwachsene!!!), Restaurant und Café, Coworkingspace, Dachterrasse und zum Übernachten das unperfektHotel.

Ich habe mit Team-Mitarbeiter Daniel R. Buchwald über den besonderen Geist und die Aktivitäten des Hauses gesprochen.