Wie die Kunst Wirtschaft und Management den Horizont erweitert

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kunst beflügelt Wirtschaft. Weil sie Kommunikation fördert, Regeln bricht, Routinen hinterfragt, motiviert und dabei hilft, auch langfristige Ziele fokussiert zu verfolgen. Noch immer gibt es viel Erklärbedarf, noch immer wollen Wirtschaft und Management von der Wirksamkeit von Kunst überzeugt werden. Doch großartige und erfolgreiche Projekte ermutigen zum Weitermachen. Ein neues Buch „Wirtschaft trifft Kunst“ gibt Einblicke.

Haltung, Weitblick, Standhaftigkeit

Neue Ideen kommen nicht leicht in die Welt. Wer Dinge anders macht, wird nicht automatisch mit offenen Armen empfangen. Künstler, die Neues schaffen, werden nicht gleich auf Anhieb verstanden. Sie machen dennoch weiter, häufig gegen Widerstände. Sie sind mutig,  entschlossen, zeigen Haltung. Eines Tages werden sie – so bleibt zu hoffen – für ihren Weitblick und ihre Beharrlichkeit bewundert, so wie Mahatma Gandhi es einst sagte: “Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Künstler als VUCA-Meister

Künstler tragen viele besondere Fähigkeiten in sich. Sie sind ihrer Zeit häufig ein Stück voraus. Die VUCA-Welt, in der nichts mehr verlässlich und voraussagbar ist und gerade in der Wirtschaft heiß diskutiert wird, haben Künstler schon immer erlebt. Sie haben eigene Strategien und Widerstandskraft entwickelt, Resilienz. Unsicherheit und Krisen sind nach wie vor Alltagsbegleiter von vielen Kreativen. Angestellte und Beamte in „bürgerlichen“ Berufen machen erst seit kurzem vergleichbare Erfahrungen. Der technologische und digitale Wandel wird weitere tiefgreifende Veränderungen in unser berufliches und privates Leben tragen.  

Künstler sollten daher in der agilen Welt als VUCA-Meister wirken, als Alltagscoaches, um sowohl Mitarbeitern als auch Führungskräften Wege aus der Unsicherheit zu zeigen. Künstler können Methoden und Möglichkeiten vermitteln, wie sich Unbekanntem offen, neugierig und mutig begegnen lässt. Wer an Althergebrachtem festhält, verhindert Innovationen. Die Band „Die STERNE“ singt (1999): „Wir müssen nichts so machen, wie wirs kennen, nur weil wir’s kennen, wie wir’s kennen.“ Wir brauchen kreative Pionieren, die neue Wege gehen. Denn: „Dort, wo alle gehen, wächst kein Gras.“ (Frank und Patrick Riklin, Atelier für Sonderaufgaben)

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Wirtschaft trifft Kunst

Die Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin Ulrike Lehmann kennt beide Welten. Mit ihrer Agentur art-coaching trägt sie Kunst in Unternehmen, gibt in Vorträgen und Seminaren Einblicke in die aktuelle Entwicklungen, in den Kunstbetrieb und den Kunstmarkt.

Nun hat Lehmann ein umfangreiches Buch mit 580 Seiten herausgegeben: Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut. (Springer Gabler 2017). Im Vorwort gibt sie einen Überblick über die Geschichte des Mäzenatentums seit der Antike über die Renaissance bis in die Gegenwart. Sie listet wichtige Kunstvermittler, Sammler und Sammlungen auf und zeigt, warum Kreativität und Kommunikation Schlüsselkompetenzen unserer neuen digitalen Arbeitswelt sind. Sie führt in Ateliers, befragt Künstler (Warum sind Sie Künstler geworden? Gab es eine Initialzündung? Warum macht Kunst glücklich?), berichtet über ihre eigene Arbeit als Kunstvermittlerin, über kunstbasiertes Coaching von Führungskräften und Mitarbeiterteams, über die Bedeutung von Räumen und erklärt, wie unternehmensbezogene Kunstkonzepte und Kunstsammlungen konzipiert, erstellt und realisiert werden sollten.

Künstler als Problemlöser

Lange hat sich die Wirtschaft lediglich ornamental mit Kunst geschmückt. In den letzten Jahren werden Künstler nun stärker als Gestalter in die Gesellschaft integriert. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Kreativen agieren auch in diesem Bereich frei, d. h. sie dürfen weder funktionalisiert noch instrumentalisiert werden, sondern bringen ihre individuellen besonderen Fähigkeiten ein, Zukunft vorherzusehen und weiterzudenken. In Design Thinking-Prozessen z. B. fokussieren sie mit Empathie die Nutzerperspektive und tragen mit Kreativität, Ideenreichtum, Mut und Schöpferkraft zur Lösung von Problemen bei. Im Rahmen künstlerischer Interventionen begegnen Kreativschaffende unternehmerischen Fragestellungen und Herausforderungen mit künstlerisch-kreativen Methoden.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kollaboration

Kunst lebt von Kollaboration, von multidisziplinärem Denken und Handeln, von Improvisation, Perspektivwechsel, verschiedenen Sichtachsen und Lebenswelten. Folgerichtig hat Lehmann 30 weitere Autoren eingeladen, über das vielseitige Beziehungsgeflecht Kunst und Wirtschaft zu schreiben, darunter neben Künstlern und Kunsthistorikern auch Wirtschaftsexperten und Wissenschaftler, Firmeninhaber und Geschäftsführer.

In fünf Kapiteln nähern sie sich u. a. folgenden Themen und Praxisbeispielen:

  1. Kunst im Personalwesen: Management und Kunst, Werte, Worte, visuelles Denken
  2. Der (Mehr-)Wert von Kunst: materielle und immaterielle Werte, Kunst als Wirtschaftsfaktor, Verteilungskämpfe auf dem Kunstmarkt und freier Eintritt
  3. Kunstsammlungen in Unternehmen: Kunst zur Repräsentation und Kommunikation, als Teil von Unternehmenskultur, Kunst und Mode, Gegenwartskunst
  4. Kunst am und im Bau: Kunst und Raum, künstlerische Konzepte
  5. Kommunikation, Marketing und Kunst: kommunikative Wirksamkeit, Kunst und Marke, Business Artist – der Künstler als Unternehmer
  6. Ausblick: Projekte von Kunst in Unternehmen: Impulse für Kommunikation, Innovation, Umdenken und Wandel in der Unternehmenskultur

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Wert und Wirksamkeit von Kunst

Der Künstler Hermann J Kassel (S. 171-187) möchte mit Kunst Veränderungsprozesse im Unternehmen unterstützen, die Kommunikation fördern und den Teamgeist stärken. Kunst kann abstrakte Dinge verdeutlichen, die durch Worte allein nicht transportiert werden können. Wie lässt z. B. Digitalisierung konkret fassbar machen? Kunst hilft dabei, Dinge zu emotionalisieren, sie haptisch be-greifbar machen, damit wir sie verstehen und verinnerlichen. Beispiel Unternehmenskultur: Sie kann nicht von oben nach unten „verordnet“ werden. Sie ist lässt sich schwer beschreiben, ist dennoch immer da, lebt durch Menschen bzw. Mitarbeiter, durch ihr Selbstverständnis und ihre Wertvorstellungen.

In seinem Projekt „Erd-Arbeiten: Verwurzelung – Veränderung“ macht Hermann J. Kassel deutlich, dass Unternehmenskultur etwas mit Verankerung und Basis zu tun hat. Manager eines Getriebeherstellers von verschiedenen Niederlassungen wurden im Vorfeld der künstlerischen Intervention gebeten, Erde von ihren Heimat-Standort mitbringen. Gemischt mit Erde vom Stammsitz sollte der Humus für die „Basis-Kultur“ entstehen, der Humus für Kontinuität und Wandel. Durch haptische Begreifen konnten die Manager mit eigenen Händen erfahren, wie Veränderungsprozesse von der Basis aus wachsen, dass diese Selbst-Vergewisserung, Selbst-Bewusstsein und Standfestigkeit überlebenswichtig sind – gerade im Umfeld von Globalisierung und Vielfalt.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kunst als Kommunikationsmittel

Geschäftsführer Jochen Kienbaum schildert im Buch (S. 327-340), wie sich an den Kunstwerken in den Büroräumlichkeiten der Personal- und Managementberatung Kienbaum Consultants häufig inspirierende Gespräche mit Kunden, Geschäftspartnern, Mitarbeitern, neuen Bewerbern und Kandidaten entzünden. Mit dem Wahrnehmen und Sprechen über Kunst können Interessen, Kenntnisse und Wertvorstellungen ausgetauscht werden. Am Kunstobjekt treffen sich die Ansichten und Vorlieben oder gehen weit mit Irritation bzw. Unverständnis weit auseinander.

Kunst ist ein praktisches Hilfsmittel für das intensive gegenseitige Kennenlernen. Der Informationsgehalt von Kunstgesprächen geht über normale sachliche Gespräche hinaus. Ein besonderes Format ist der gemeinsame ArtWalk, zu dem Kienbaum auf der Kunstmesse ArtCologne einlädt. Neue Sicht- und Denkweisen möchte die Beratungsagentur mit der Herausgabe von Künstlerbüchern eröffnen.

Urteilsvermögen mit Kunst schärfen

Der Textilunternehmer, Wirtschaftsethiker und Kunstsammler Thomas Rusche erläutert in seinem Artikel (S. 341-365), inwiefern Kleidungskultur und Kunstförderung die Identität seines Unternehmens SØR Rusche prägt. Schönheit entsteht im Auge des Betrachters. Doch das Urteilsvermögen über Qualität lässt sich gerade an Kunstwerken schärfen, wie Rusche zeigt. Lieblose Massenproduktion versus kenntnisreicher handwerklicher Fertigung. Was sollte bewahrt werden und wo schafft Erneuerung Mehrwert und Sinn, etwa durch den Einsatz von Hightech-Materialien? Erfreulich ist, dass Rusche auch ethisch-moralische Aspekte einbezieht und kurzfristige Gewinnmaximierung in Frage stellt. Wirtschaft trägt heute auch Verantwortung, nicht nur für sich selbst, sondern für die Gesellschaft. SØR bzw. Rusche richtet die Berliner Salongespräche der Sophisten aus und diskutiert mit Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur aktuelle und relevante Themen der Zeit. Er finanziert Kunst und Künstlerförderung, unterstützt Projekte in Indien, die Forschungsgruppe Ethik und Wirtschaft im  Dialog (EWD), lädt regelmäßig zu Kunstgängen durch die SØR Rusche Sammlung in Oelde und Berlin ein und vermittelt seine Ideen und Werte auf dem Blog Kleidungskultur SØR.

 © Frank Radel, Pixelio.de 

Kunst am Bau

Wie entfaltet sich Kunst nicht nur intern in den Räumlichkeiten der Unternehmen? Wie wirkt und strahlt Unternehmenskultur in den öffentlichen Raum hinein? Über Architektur und Lichtinszenierungen beziehen Unternehmen Position, verleihen ihrer Identität und ihrem Selbstverständnis nach außen hin Sichtbarkeit. Im Buch wird am Beispiel des  Europäischen Patentamtes (EPA) in München u. a. die Farborgel des Schweizers Beat Zoderer vorgestellt. Gerade eine international tätige Institution steht vor einer besonderen Herausforderung, über die Kunst zwischenstaatliche Beziehungen und ein friedliches Zusammenleben zu transportieren.

Erkenntnisse

580 Seiten und 30 Autoren bieten einen weiten, vielseitigen Blick auf das Thema „Wirtschaft trifft Kunst“. Der Fokus des Buches liegt auf dem enger gefassten Begriff der bildenden Kunst (nicht: Musik, Tanz, darstellende Kunst u.s.w.), auf unternehmenseigenen Sammlungen und ihren Initiatoren sowie auf den Themen Kunst als Marke, Marketing- und Kommunikationsmittel. Hin und wieder wird auf die gesellschaftsgestaltende bzw. strukturell verändernde Kraft von Kunst verwiesen wird (siehe Hermann J. Kassel).

Was mir persönlich fehlt, sind aktuelle Stimmen abseits der Führungsetagen von Mitarbeitern an der Basis. Gerade deren Persönlichkeitsentwicklung und Motivationsschub durch Kunst wäre besonders aufschlussreich (siehe Filminterviews Mensch und Maschine / Atelier im Unternehmen): Was gibt „normalen Mitarbeitern“ die Begegnung mit Kunst im Unternehmen? Welche Gefühle, Gedanken, Stimmungen lösen Kunstwerke aus? Welche Irritationen oder Aha-Effekte hat Kunst bei Ihnen befördert? Angeboten hätte sich dies etwa im Beitrag über die Aktivitäten der Wimmelforschung für die Innovationsetage Platform 12 von Bosch. 

Kunst muss ihre Relevanz ständig unter Beweis stellen. Daher sollte ihre Breitenwirkung in alle Unternehmensebenen und Etagen nicht außer Acht gelassen werden. Lehmann verweist z. B. auf ein „Kunstexperiment“ bei Bayer von 1979/80, bei dem der Kunsthistoriker Max Imdahl gemeinsam mit Arbeitern über Werke abstrakt-konkreter Kunst diskutierte (S. 44). Interessant wären aktuelle Beispiele, etwa auch zu Corporate Volunteering – angeregt durch Kunst. Ungeachtet dieses kleinen Wermutstropfens ist die Fülle der zusammen getragenen Beispiele verdienstvoll. Jedem Artikel ist eine kurze Zusammenfassung vorangestellt, die neben dem Inhaltsverzeichnis einen ersten Überblick gibt. Eine zusätzliche Orientierung hätte ein Schlagwort-Verzeichnis am Ende des Buches liefern können.

Diese Autoren haben sich mit Beiträgen beteiligt:

Carsten Baumgarth, Stephan Berg, Dirk Boll, Michael Brater (& Anne von  Hoyningen-Huene), Friedrich Conzen (mit Julia Ritterskamp und Olaf Salié), Judith Dobler, Thomas Drescher & Maren Geers von Wimmelforschung, Stephan Frucht, Thomas Huber, Michael Jäger, Hermann J Kassel, Jochen Kienbaum, Barbara Kotte, Ulrike Lehmann, Rupprecht  Matthies, Alexander Marzahn, Hans-Dietrich Reckhaus, Thomas Rusche, Roland Schappert, Agnes Dominique Schofield, Kristine Schönert, Martin Seidel, Thomas Steinruck, Wolfgang Ullrich, Hubertus von Barby, Heike Weber, Stephan Zilkens.

Quelle: Ulrike Lehmann (Hg.): Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut. Springer Gabler 2017.

  © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Künstler in Unternehmen!

So wie es früher einen Narren am Hof gab, der außerhalb aller Regeln agieren und die Mächtigen kritisieren durfte, der die Ereignisse im Staat mal humorvoll, mal zynisch kommentieren konnte, so sollte heute jedes größere Unternehmen einen unabhängigen „Corporate Artist“ engagieren. Künstler in die Wirtschaft! Jedoch nicht ornamental zum „Aufhübschen“, sondern strukturell zum Mit- oder Umgestalten, zum Beobachten und Hinterfragen, als Gast in der Vorstandssitzung und im Kundendialog, als aufmerksamer Zuhörer bei Gesprächen mit Mitarbeitern und Führungskräften, zum Intervenieren, Ästhetisieren, zum Regeln brechen und Ideenschmieden. Alle großen Projekte und Kunstwerke beginnen mit einer kleinen Idee …

„Lernen wir von Künstlern, für sie sind verschiedene Methoden selbstverständlich, die wir in der Wirtschaft gut brauchen können. Zum Beispiel die Methodik des Perspektivenwechsels!“ Klaus Starch, eh. Finanzvorstand der eh. Gericom AG und der dp Projektform AG (siehe auch turn-around)

Transforming smArt

Inspirierende Workshops und interessante Impulse zum Thema „Künstler in die Wirtschaft“ bietet auch die Theaterpädagogin Katrin Sasse mit ihre Projekten Transforming smArt – House of Change und Training mit Theater

 © S. Hofschlaeger, Pixelio.de 

Master-Arbeit über Künstlerische Interventionen in Unternehmen

Kürzlich fragte der Master-Student Andreas Hötzel bei mir ein Interview an. Er wollte mich als Expertin zum Thema „Kunst als Intervention“ befragen. Für eine Studienarbeit an der Hochschule München im Master-Studiengang „Business Innovation & Management Consulting“ beschäftigt er sich gemeinsam mit drei Kommilitonen mit diesem Thema, um einen Beratungsansatz zu entwickeln, der künstlerische Interventionen berücksichtigt. Im Gespräch geht es um diese Fragen:

  1. Wie hat sich die künstlerische Intervention in der Wirtschaft in den letzten Jahren entwickelt?
  2. Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung/Nachfrage/Potentiale ein? Gibt es dazu Zahlen?
  3. In welchen Bereichen bzw. Projektphasen wirkt die künstlerische Intervention am effektivsten? Wie genau wirkt sie?
  4. Was macht den Einsatz von Künstlern im Unternehmenskontext im Vergleich zu anderen Vorgehensweisen besonders bzw. effektiv (in Bezug auf die Qualität der Wirksamkeit)?
  5. Worin sehen Sie die wirtschaftliche Bedeutung/Nutzen der künstlerischen Intervention aus Unternehmenssicht?
  6. Wo sehen Sie die Grenzen der künstlerischen Intervention?

Mehr dazu im folgenden Podcast-Interview mit Andreas Hötzel!

„take part in art“: Was macht uns ticken, wie wir ticken ?

Foto HJKassel © Künstler Hermann J Kassel, Foto: Tameer Gunnar Eden

Hermann J Kassel ist Künstler und beschäftigt sich vor allem mit Installationen, Objekten und Bildhauerei. Staatliche Museen und private Galerien zeigen seine Werke. Unternehmen haben seine Arbeiten angekauft bzw. Werke bei ihm in Auftrag gegeben, z. B. Deutsche Telekom, Robert Bosch GmbH, RWE/ELE, Hypo Vereinsbank und GETRAG International. Sein künstlerisches Selbstverständnis schöpft Hermann J Kassel auch aus künstlerischen Interventionen. Über dieses Tätigkeitsfeld und weitere Leidenschaften habe ich mit Hermann J Kassel gesprochen.

A.H. Herr Kassel, für Ihre künstlerischen Interventionen haben Sie ein Konzept erdacht, das Sie „take part in art“© nennen. Können Sie Ihre Intentionen dazu erläutern?

Hermann J Kassel
Ich bin davon überzeugt, dass die Integration künstlerischer Kompetenzen, Strategien und Denkweisen einen Perspektivwechsel bewirkt und Denk- und Gestaltungsräume von Führungskräften und Mitarbeitern zu erweitern vermag. Die kreativ inspirierten Mitarbeiter schöpfen anschließend aus einem größeren Ideenpool und begegnen den Herausforderungen mit mehr Offenheit, Selbstvertrauen und Mut. Damit sich dies dauerhaft im Bewusstsein der Mitarbeiter verankert, dürften regelmäßig angeregte Perspektivwechsel und „kreative Irritationen“ von Vorteil sein.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf das äußerst lesenswerte Buch „Theorie U – Von der Zukunft her führen“ von C. Otto Scharmer hinweisen. Der Autor beschreibt darin u.a. die Bedeutung der Intuition, des schöpferischen Tätigwerdens, der Intelligenz unseres geöffneten Denkens, Herzens und Willens. Scharmer zieht dabei auch immer wieder Vergleiche zur Arbeit des Künstlers.

Atelier 1 Atelier 2 © Hermann J Kassel: Blick in das Atelier des Künstlers

Wann und warum sind Sie darauf gekommen, neben Ihrer schöpferischen künstlerischen Arbeit auch Interventionen in Unternehmen und im öffentlichen Sektor anzubieten?

Hermann J Kassel
Dies ist eher zufällig passiert, so um das Jahr 2000. Ich hatte als ursprünglich ein Meeting als Betriebsausflug für Mitarbeiter der Telekom Köln-Bonn in die Fabrik geplant, in der ich mein Atelier habe. Im Laufe der Vorbereitungen veränderten sich die Planungen für diesen Ausflug dahingehend, dass auch ein kreatives Arbeiten mit den MitarbeiterInnen gefragt war. Als weitere Anfragen diesbezüglich folgten, erarbeitete ich das Konzept für “take part in art“©

Bearbeiten Sie bei einer künstlerischen Intervention eine konkrete Fragestellung? Wie wird sie entwickelt?

Hermann J Kassel
In den meisten Fällen ja. Häufig stehen die Interventionen in inhaltlichen Zusammenhängen und Fragestellungen mit und für Meetings oder für Konferenzen der Unternehmen oder Institutionen. Ich werde darüber in Vorabgesprächen informiert und setze mich dann inhaltlich damit auseinander, transformiere die Fragestellung in das Interventionsgeschehen und seine formale Umsetzung.

Können Sie über eine konkrete künstlerische Intervention berichten?

Hermann J Kassel
Eine Intervention im Unternehmen GETRAG Ford Transmissions, möchte ich näher vorstellen. Es ist Teil der GETRAG International GmbH, einem der weltweit größten Systemlieferanten für Getriebesysteme (Anmerkung A.H.: Im Juli 2015 wurde Getrag vom kanadisch-österreichischen Konzern „Magna International“ übernommen.)
Wichtige Herausforderungen standen für das Unternehmen im Jahr 2012 in Verbindung mit Begriffen wie „Wurzeln“ bzw. „Verwurzelung bei gleichzeitiger Diversität und Globalisierung“, „Veränderung“ sowie „Wandel vom Jetzt in die Zukunft“.

_tpia_ 5 _tpia_ 4 © Hermann J Kassel: „tpia“ 4-5″ – „Erd-Arbeiten“ und Leinwände, entstanden im Rahmen der Intervention mit 45 Managern bei der Führungskräftekonferenz der GETRAG International

Diese Punkte und Themen sollten möglichst auch im Rahmen der „take part in art“©-Intervention behandelt werden und führten mich so zu meiner Werkgruppe der „Erd-Arbeiten“, mit der ich mich seit 1993 auseinandersetzte. In geschlossenen Stahl-Glas-Skulpturen werden auf Papier, Leinwand und Folien aufgetragene Inhalte durch die ebenfalls hierin mit eingeschlossener Erde kontinuierlich verändert. Inhalte und Schriften auf Papier oder Leinwand erfahren dabei eine schnellere Veränderung bis hin zur Unkenntlichkeit. Im Laufe der Zeit werden diese ersetzt durch ein natürliches Bild (durch Photosyntheseprozesse innerhalb der Arbeit). Die leicht feuchte Erde bedingt – durch ihre photosynthetischen und biologischen Prozesse – einen stetigen Wandel und eine Veränderung in den hierauf liegenden Leinwänden, Papieren und Folien.
Die auf Folien aufgebrachten Inhalte hingegen werden von diesem Prozess nicht verändert und bleiben konstant sichtbar vor dem Hintergrund der stetigen Veränderung.

An der Intervention nahmen 45 Manager teil – und zwar im Rahmen der Getrag Führungskräftekonferenz der GETRAG International. Jeder brachte von seinem jeweiligen Heimatstandort der GETRAG Erde mit zur Konferenz. Im Workshop wurden die Inhalte der Tagung, angeregt durch Monotasking-, Speeddating- und Reflektionsrunden, auf Papieren und Folien verewigt und in Stahlsäulen eingesetzt. Während die Texte auf Papier sich mit der Zeit verändern, bleiben sie auf den Folien dauerhaft lesbar.

Auf Glasplatten hielten die Führungskräfte die am Vormittag bearbeiteten Themen zusammen mit ihren eigenen Gedanken, Visionen, Hoffnungen und Wünschen für ihre Arbeit und das Unternehmen fest. Als verdichtetes Kompendium all dieser Idee entstand ein grünlich schimmernder Block, eingefügt in die Stahlsäule und von LEDs beleuchtet.

Hermann J Kassel_tpia_ 1 _tpia_ 3 Hermann J Kassel_tpia_ 2 © Hermann J Kassel: Im Rahmen der Intervention mit GETRAG Ford Transmissions entstanden „tpia“ 1-3″ – die Stahl-Glas-LED-Lichtsäule „shining future“.

Welche Auswirkungen hat das jeweilige Budget auf die Intervention?

Das zur Verfügung stehende Budget hat z. B. Einfluss auf die formalen Umsetzung, also z. B. auf das Objekt, das am Ende entsteht. Aufwendigere Stahl-Glas-Licht-Objekte schlagen hier natürlich anders zu Buche als weniger aufwendige. Mein Impetus, mit dem ich an eine jede “take part in art“©-Intervention herangehe, ist aber unabhängig vom Budget gleich intensiv.

Ich las, dass Sie auch Konferenzen mit Interventionen begleiten: Wie funktioniert so etwas in einem zeitlich sehr eng gesteckten Rahmen, wenn die Teilnehmer inhaltlich ohnehin schon stark gefordert und deren Aufnahmekapazitäten vielleicht daher begrenzt sind?

Hermann J Kassel
Das ist in der Tat schon eine besondere Aufgabe und Herausforderung. Es gab Interventionen, die ich während der Pausen oder in bewusst offen gehaltenen Zeitfenstern mit den Teilnehmern durchgeführt habe. Bei anderen Konferenzen war die Intervention ein feststehender Programmpunkt. Die Teilnehmer in einem solchen Rahmen einzuladen und mitzunehmen, erfordert innere Überzeugung für das, was ich bereichernd vermitteln möchte.
Eine nachhaltige Wirkung erzeugt das gemeinschaftliche Werk, das die Teilnehmer gemeinsam entstehen lassen. Auch eigene Arbeiten, die in Einzelaktion im Rahmen der Intervention anfertigen, können die Teilnehmer in ihr privates Umfeld mitnehmen.

Sie haben auch für die Sir Peter Ustinov Stiftung gearbeitet. Ustinov hat sich ja stark gegen Vorurteile engagiert … War dies auch Thema Ihrer Intervention?

Hermann J Kassel
Im Rahmen des Weltkindertages gab es hier Interventionen für und mit Kindern, wovon
ca. 50% einen Migrationshintergrund hatten. Das vorurteilsfreie, offene und gemeinsame Arbeiten stand hier im Vordergrund. Wenn das gelingt, ist doch schon einiges erreicht.

Wenn Sie eine Intervention vorbereiten, welche Fragen stellen Sie sich dann am Anfang? Wie recherchieren Sie, um sich dem Unternehmen zu nähern?

Hermann J Kassel
Die ersten faktischen Fragen betreffen die Rahmenbedingungen: die Zeit, die zur Verfügung steht, die Anzahl der Teilnehmer, woher diese kommen, wo die Intervention stattfinden soll, also bei mir im Atelier oder vor Ort. Parallel dazu arbeite ich am inhaltlichen Bezug. Interventionen stehen meist in einem inhaltlichen Zusammenhang mit relevanten Fragestellungen. Die Vorbereitungsphase für eine Intervention dauert in der Regel einige Wochen. In dieser Zeit sammle ich möglichst viele Informationen. In der Regel bitte ich die Unternehmen, mir möglichst viel „Futter“ zu geben; hierzu gehört nicht zuletzt auch immer die intensive Auseinandersetzung mit Materialien, Produkten, mit denen die jeweiligen Unternehmen arbeiten oder die sie herzustellen.

Für mich als Objekt-Künstler ist gerade das immer wieder sehr spannend, denn ich komme mit zum teil ungeahnten Materialien in Kontakt. Aus all dem formt sich dann die Idee, der Leitfaden und schließlich das formale Aussehen der Intervention. In der Regel erarbeite ich das „skulpturale Gehäuse“ für eine Intervention im Vorfeld. Die inhaltliche Aufladung erfolgt dann gemeinsam während der Intervention.

Wie bauen Sie bei einer Intervention den Kontakt zu Teilnehmern bzw. Mitarbeitern auf? Wie erlangen Sie ihr Vertrauen?

Hermann J Kassel
Mit Authentizität – „ich meine das, was ich da mache“ – und das spüren die Teilnehmer. Ich bin „Überzeugungstäter“!

Künstlerische Interventionen haben den Vorteil, dass die Teilnehmer durch die kreative Arbeit beim Workshop die Dinge anders betrachten können als sonst im Alltag. Es wird ein Perspektivwechsel ermöglicht. Haben Sie eine Rückmeldung von einem Workshop in Erinnerung, bei dem er einen besonderen Aha-Effekt gab?

Hermann J Kassel
Mir geht es darum, dass die Teilnehmer sich selbst anders und neu kennenlernen; dass sie etwas Neues von und in sich entdecken. Hier ergeben sich immer wieder AHA-Erlebnisse. Sie sind – neben der inhaltlich thematischen Bearbeitung – dauerhaft abrufbar und wirksam, nicht zuletzt durch die bei der Intervention entstandenen Arbeiten, die j auch dauerhaft im Unternehmen verbleiben.

Was nehmen Sie für sich persönlich aus einer Intervention mit? Was gibt Ihnen die Interaktion mit „normalen Menschen“ für Ihre eigene künstlerische Arbeit?

Hermann J Kassel
Meine künstlerische Arbeit entsteht aus und in mir. Ich mache diese Arbeit sicher aus einem inneren Drang, aber letztlich ja für „normale“ Menschen. Bei meiner Arbeit interessiert mich die Frage: „Was macht uns ticken, wie wir ticken?“. Das interaktive Arbeiten mit Menschen ist für mich manchmal anstrengend, aber immer hochspannend und lehrreich.

Einige Künstler lassen ihre Interventionen von einem Vermittler begleiten, der als Bindeglied zwischen ihm und dem Unternehmen bzw. der Institution agiert und den Prozess begleitet. Sie arbeiten – soweit ich weiß – ohne Intermediär. Gehen Sie bewusst Ihren eigenen Weg allein oder würden Sie sich zuweilen Unterstützung wünschen und konkret bei welchen Aspekten?

Hermann J Kassel
Das habe ich schon so und so geplant und durchgeführt. Ich mag es durchaus, wenn meine Interventionen von einem „Vermittler“ begleitet und auch schon einmal moderiert werden. Eine zusätzliche weitere Reflexionsebene kann in dem einen oder anderen Fall durchaus willkommen sein.

Der Drang, „auf einer Bühne stehen zu müssen“ ist bei mir sicher nicht übermäßig stark ausgeprägt. Die klassische „Rampensau“ bin ich da ganz sicher nicht. Natürlich gehört eine Art Anmoderation von mir zu einer Intervention dazu. Ich halte sie aber eher kurz, um dann in den eigentlichen Teil meiner Arbeit zu kommen – hier bin ich dann wirklich zu Hause. Manchmal ist es auch hilfreich, wenn Ergebnisse einer Intervention von „anderer Seite“ aus reflektiert und vermittelt werden. Das dauerhafte Verbleiben des Werkes an einem „prominenten“ Ort im Unternehmen schafft die wichtige „Nachhaltigkeit“ in Wirkung und Auswirkung.

Wenn ein Künstler für Unternehmen arbeitet, wird oft vermutet, dass er dort instrumentalisiert und funktionalisiert wird. Wie sehen Sie das im Hinblick auf Ihre eigenen künstlerischen Interventionen?

Hermann J Kassel
Solange ich nicht in dem eingeschränkt werde, wie ich etwas ausdrücken, transformieren und vermitteln möchte, kann ich mich kaum instrumentalisiert oder funktionalisiert fühlen. Wenn die Art und Weise gefragt ist, wie ein Künstler bestimmte Fragestellungen sieht und bearbeitet, so scheint mir das doch sinnvoll und wünschenswert. Darin sehe ich eher eine Chance – für beide Seiten. Denn auch ich lerne immer weiter dazu. Meine Interventionen wären nicht gefragt, wenn es schlichtweg darum ginge, „das Letzte“ aus den Mitarbeitern herauszukitzeln, um schlicht -weg „bessere Zahlen“ anschließend schreiben zu können. Außerdem habe ich jederzeit die Möglichkeit, eine Zusammenarbeit mit einem Unternehmen abzulehnen.

4. Polymobile vor Stahlrelief und Korrosionsabdruck © Hermann J Kassel: 4. Polymobile vor Stahlrelief und Korrosionsabdruck

Sie schreiben auf Ihrer Website „Kultur ist heute kein ‚nice to have‘, sondern eine bedeutende Voraussetzung für Erfolg.“ Was bewirken Kunst und Kultur? Welche Beobachtungen haben Sie bei Ihren Interventionen gemacht.

Hermann J Kassel
Die Integration künstlerischer Kompetenzen, Strategien und Denkweisen ermöglicht Perspektivwechsel und erweitert die Denk- und Gestaltungsräume von Führungskräften in Wirtschafts- und Wissenschaftssystemen.
Steht am Anfang einer Intervention noch das ängstliche „ich kann doch nicht malen …“, verwandelt sich das in ein „ich bringe mich mit einem/meinem „wichtigen inhaltlichen“ Einfluss in die Gesamtarbeit mit ein.“ Menschen öffnen sich!

Auf Ihrer Website schreiben Sie außerdem: „Kunst eröffnet die Möglichkeit, unternehmensrelevante Themen in neuer Weise zu erfahren und zu bearbeiten und damit neue Denkräume und Gestaltungspotenziale zu schaffen.“ In diesem Zusammenhang ist die nachhaltige Wirksamkeit von Kunst ein wichtiges Thema. Gibt es auch Institutionen bzw. Unternehmen, mit denen Sie mehrfach zusammengearbeitet haben und daher auch die Nachhaltigkeit Ihrer Arbeit prüfen konnten? Inwiefern hat die Institution die Erkenntnisse aus Ihrer Intervention nachhaltig in ihren Arbeitsalltag eingebettet?

Hermann J Kassel
Ja, es gibt Unternehmen wie Institutionen, mit denen ich wiederholt gearbeitet habe.
Es ist schwierig, hier eine Art Gleichung “Input-Output“ aufzumachen. Für solche faktischen „eins zu eins“-Gleichungen eignen sich vielleicht andere Instrumente eher, Strategieberatungen oder anderes mehr, eben Instrumente aus dem klassischen Trainer- oder Coachingbereich. „take part in art“© setzt und wirkt vielleicht eher „subkutan“, weil es in andere, nicht weniger wichtige Ebenen und Schichten eindringt.
Die gemeinsam geschaffene und inhaltlich aufgeladene, dann an signifikantem Ort dauerhaft präsente Arbeit aktiviert diese Ebenen stets neu, lässt Frageräume auch offen, regt an und inspiriert.

In welchem Alter waren Sie sich sicher, Kunst zum Mittelpunkt Ihres Lebens zu machen bzw. auch Ihren Lebensunterhalt mit Kunst zu bestreiten?

Hermann J Kassel
Das war schon recht früh. Zunächst noch schwankend zwischen Musik und der Bildenden Kunst … Dann irgendwann um die 16 Jahre ging es die Richtung Bildende Kunst – nicht wissend, was das auch für das Bestreiten des Lebensunterhaltes immer wieder mal bedeuten kann – aber daran wächst man. „Überzeugungstäter“ zu sein, ist da sicher hilfreich.

Eine Frage zur Kreativität: Werden Sie aus sich selbst heraus kreativ? Oder bedarf es äußerer Impulse? Wenn ja: Welche Impulse nehmen Sie von außen auf? Wie reagieren Sie darauf?

Hermann J Kassel
Sowohl als auch. Äußere Impulse passieren ja ehedem. Es ist ein Wechselspiel, eine Korrelation von äußeren Impulsen, deren Reflektion und Transformation. Die Frage ist sicher auch die, wie ich mit diesen permanenten äußeren Impulsen umgehe, sie verarbeite, auszuschließen versuche, mich ihnen bewusst aussetze, filtere, ……da sind „sie“ immer und überall –sei es die wunderbar würzige Luft an einem noch feuchten Morgen im Wald. Auch das ist ein äußerer starker Impuls, Einfluss…..Natürlich setze ich mich auch sehr bewusst äußeren Impulsen aus.Hier ist ganz sicher die Musik zu nennen. Johann Sebastian Bach z.B. ist für mich hier immer wieder eine wichtige Einflusssphäre.

Fühlt sich das Kreativsein bei einem Auftragswerk anders an als bei der Schaffung eines freien Kunstwerkes? Anders gefragt: Unterscheidet sich die Kreativität in der freien Kunst von der Kreativität in der angewandten Kunst?

Hermann J Kassel
Die Kreativität unterscheidet sich nicht – es ist „die eine Kreativität“, aus der oder mit der ein freies oder ein „Auftragswerk“ entsteht. „Auftragswerk“ meint ja auch nicht, oder zumindest nicht bei mir und meinem Interventionen, das ich gefragt werde, diese oder jene Arbeit so oder so auszuführen. Der „Auftrag“ besteht in einer inhaltlichen Fragestellung, einem Thema. Bisher waren und sind es Themen, die interessant und spannend sind, zu bearbeiten – z.B. der Bereich „Human Ressource“ (irgendwie schüttelt es mich auf einer Seite auch immer wieder ein wenig bei dem Begriff „menschliche Ressource“– habe aber eine Ahnung, was damit „gemeint“ sein soll). Es geht um Menschen, um uns! Und das ist doch ein „großes Thema“. Ein Thema, dass mich grundsätzlich in meiner künstlerischen Arbeit interessiert: „Was macht uns ticken, wie wir ticken ?“ Dann komme ich über solche Anfragen immer wieder auch mit neuen Materialien in Kontakt – also tatsächlich, handgreiflichen Materialien – und das finde ich immer wieder auf´s Neue sehr spannend, anregend, kreativ inspirierend…

In diesen Prozessen der „Auftragsarbeiten“ läuft also vieles so wie in kreativen Prozessen der „freien Kunstwerke“. Etwas anders mag es mit den Arbeiten sein, die „einfach so“, ohne jede Themenvorgabe, rein intuitiv passieren. Hier laufen noch einmal ein paar andere Prozesse in mir ab.

Welche äußeren und inneren Bedingungen, welches Umfeld benötigen Sie, um kreativ zu sein?

Hermann J Kassel
Kreativität ist für mich nichts, was ich an- und abschalte, mal (professionell) beruflich kreativ bin und dann wieder nicht……. Es ist ein generelles Bewusstsein, „Zustand“…
Also passiert Kreatives überall, an und in jedem inneren wie äußeren Ort…
Wichtig für mich ist, allein zu sein, mich „abzuschließen“ – nicht zuletzt um die äußeren Einflüsse, Eindrücke, Überlegungen zu verinnerlichen, zu bearbeiten, zu transformieren…

Innerliche Empfangsbereitschaft, Leere zu schaffen, das ist für mich die wichtigste Voraussetzung für Kreativität, für Inspiration. Musik spielt in diesem Prozess ebenfalls eine inspirierende Rolle. Das hört sich vieleicht „esoterisch“ an, aber es ist tatsächlich für mich schon eine Art des meditativen Zustands …

Gibt es so etwas wie einen roten Faden in Ihrer künstlerisch-kreativen Arbeit, ein Thema, das sich durch Ihr Gesamtwerk zieht und Ihnen besonders wichtig ist?

Hermann J Kassel
Schlüsselbegriffe oder Themen sind Veränderungs- und Transformationsprozesse.
Das „Dazwischen“ meint auch die Trennschicht „Bewegung“ auf verschiedenen Ebenen sowie die Erforschung der Grenzen und der „Trennschicht“, also dem, was das Dazwischen ist und seiner Diffusion, Durchdringung.

Eine weitere Frage beschäftigt mich stetig: Was macht uns ticken wie wir ticken? Das findet sich bei mir in den unterschiedlichsten Arbeiten, z. B. neben drei Werkgruppen, die ich seit ca. 25 Jahren bearbeite, in immer wieder neuen Medien, Materialien etc.
Mich treibt auch die Frage nach dem geeigneten Material, der Umsetzung, des „Transportmittels“. Und das bringt immer wieder neue Ausdrucksformen, Installationen etc. mit sich.

Wenn Sie kreativ tätig sind, haben Sie dann einen Adressaten vor Augen oder im Kopf?

Hermann J Kassel
Das ist sehr unterschiedlich. Bei den Interventionen ganz sicher (geradezu „zwangsläufig“) … Ein Adressat vor Augen kann sehr wohl „etwas“ auslösen, eine Arbeit, ein Werk in Gang setzen. Und dann gibt es Arbeiten, die „einfach“ entstehen wollen, ohne dass es während des Entstehungsprozesses einen Adressaten gibt.

Haben Sie in Ihrer künstlerisch-kreativen Arbeit Flow-Momente erlebt? Wie fühlt sich das für Sie an? Wie würden Sie es jmd. beschreiben, der das noch nie erlebt hat?

Hermann J Kassel
Dankbarerweise Ja. Hier könnte ich wieder ein wenig ins „Esoterische“ gleiten.
Das Gefühl aus und in innerer Leere und in Bereitschaft zu empfangen, „Ideen zu gebären“, das berauscht, macht glücklich und wirklich reich.

Wie sehen Sie die Rolle des Künstlers in der heutigen Zeit im Spannungsfeld der aktuellen Herausforderungen in unserer Gesellschaft?

Hermann J Kassel
Natürlich sehe mich als Künstler auch in der Aufgabe und es drängt mich, mich mit gesellschaftsrelevanten Fragen, intensiv auseinanderzusetzen. Dass mich sehr interessiert, wie wir als Menschen ticken, was uns an- und umtreibt und warum wir tun was wir tun, hat ja sehr viel mit „Gesellschaft“ zu tun. Ich denke, dass wir als Künstler seismografisch denken, fühlen und arbeiten.
Ich bin davon überzeugt, dass ein gutes Kunstwerk im Moment der Betrachtung etwas im Menschen radikal auslösen und wirklich verändern kann; auch wenn mir schon einmal die Frage durch den Kopf geht, ob z.B. durch oder wegen Picasso´s „Guernica“ ein Krieg weniger geführt worden, ein Toter weniger zu beklagen ist?
Das kann mich aber nicht davon abhalten, als „Überzeugungstäter“ die Rolle des Künstlers mit Herz und Hirn selbstbestimmt zu übernehmen und zu gestalten.

Inspirationstipps:

Künstlerische Interventionen von Hermann J Kassel „take part in art“©

QR-Code: Das digitale Metazeichen des 21. Jahrhunderts

Weisser_QR_PoemScreen_14 © Mike Weisser: Projekt QR-ScreenArt, 2015

„Ich bin auf Empfang eingestellt!“ – Interview mit dem Medienkünstler, Musikproduzenten und Science Fiction-Autor Mike Weisser

Herr Weisser, Ihre beiden Tätigkeitsfelder beschreiben Sie mit der Formulierung „Ästhetische Feldforschung“ und „Kreative Interventionen“. Was genau verstehen Sie darunter?

Mike Weisser:

Für mich ist „Kunst“ eine Methode zu leben, d.h. die Welt zu entdecken, sie zu erforschen und meinen Platz darin zu finden. In meinen Projekten der „ästhetischen Feldforschung“ reise ich an einen ausgewählten (möglichst energetischen) Ort, erkunde diesen und halte besondere Ansichten von etwas und über etwas zuerst einmal intuitiv in Bild- und Klangaufzeichnung fest. Diese Bilder und Klänge zeigen mir anschließend, was meinen Sinnen wichtig erschien. Daraus leite ich eine Quintessenz bzw. eine Identität des Ortes ab, die ich nachfolgend gezielt zum „Spirit“ verdichte. Dieses Typische eines Ortes kondensiere ich in Bildern, Filmen, Poesie, Rezitationen, Klängen, Musiken… diese Werke stelle ich in Ausstellungen oder raumbezogenen Installationen zur Nachempfindung und zur Diskussion bereit. In einem zweiten Akt der „kreativen Intervention“ greife ich in die Orte ein und versuche sie nach meinen Kriterien zu verbessern.

Mit welchen Mitteln betreiben Sie Ihre Feldforschung?

Mike Weisser:

Meine Grundmedien sind Fotografie, Film und Tonaufzeichnung, aber ich sammle auch Objekte als sogenannte „trouvées“, dazu mache ich Interviews und suche Dokumente…

Intervenieren bedeutet eingreifen. In welche Bereiche (der Gesellschaft) greifen Sie ein und mit welchen (kreativen) Mitteln?

Mike Weisser:

Ich bin nicht festgelegt. „Orte“ können Städte, Landschaften, Objekte, Menschen oder Themen sein. Ein Beispiel: Es gab ein Projekt für ein Gymnasium in Bremen, das mit Fotografie vom Außenraum über den Innenraum als extremer Zoom bis in die Federmäppchen der SchülerInnen begann und in ganz konkreten Eingriffen, wie z. B. eine neue Namensgebung für die Schule, initiierte bauliche Veränderungen, neue Kommunikationssysteme etc. endete. Die schulische Lebenssituation wurde Lehrern, Schülern, Eltern und der Schulbehörde erst offensichtlich durch die dokumentierende Fotografie und die inszenierte Konzentration der Bildwelt.

Weisser_Kiel_Weisser_Heinze_2013 © Mike Weisser (links): Erste QR-Bank auf dem Campus der Fachhochschule Kiel, 2013 mit dem Kanzler der FH, Klaus-Michael Heinze (rechts)

Sie sind ein Universalkünstler, d. h. Sie waren bzw. sind in verschiedenen Kunstsparten tätig. Welche Bereiche sind es konkret?

Mike Weisser:

Ich arbeite mit dem Bild, dem Klang und dem Wort und verbinde diese drei Medien auf verschiedenste Weise mit verschiedenen Ergebnissen.

Wie ist es bei Ihnen zu dieser Vielseitigkeit gekommen? Die meisten Künstler spezialisieren sich auf eine Ausdrucksform …

Mike Weisser:

Neugier an der Welt ist der Antrieb, der mich in Bewegung versetzt. Und Kunst ist für mich der Weg, auf dem ich mich mit allen Sinnen empfindend bewege. Kunst ist also keine technische Disziplin, sondern eine Methode zu leben. Kunst ist für mich wie ein Chemiebaukasten, der Versuche, Überraschungen, Erfindungen zulässt – dies in sanfter Reaktion aber auch als überraschender Knall ;-)))

Ich hatte in meiner Jugend ein Praktikum in einem Forschungslabor der chemischen Industrie gemacht und wollte Alchemist werden. Als ich erlebte, das man die meiste Zeit jedoch mit Routinen verbringt, kam ich suchend durch Zufall zur Kunst, machte an der Kunsthochschule in Köln die Aufnahmeprüfung und hatte dann die Chance, die Techniken der Bildenden Kunst von der sakralen über die experimentelle Malerei, die Zeichnung, die Grafik bis zur Fotografie zu erlernen. Diese Praxis in Verbindung mit Kunsttheorie und Gesellschaftskritik waren mein Fundament.

Mike Weisser: 

Wann und wie entscheiden Sie, mit welchen Ausdruckmitteln bzw. in welcher künstlerischen Sparte Sie ein Projekt realisieren?

Mike Weisser:

Mein Ansatz ist immer der Gleiche. Ich bin auf Empfang eingestellt. Meist beginne ich mit dem Sehen, also mit der Fotografie, dann kommt das Hören, also die Klangaufzeichnung. Parallel dazu rieche, schmecke und fühle ich. Es gab ein Hochschul-Seminarprojekt von mir, bei dem ich von einem großen Hotel großzügig gefördert wurde, um in deren Showküche mit den Studierenden internationale „Snacks“ zu kochen. Als eine Versinnlichung in Optik, Geruch und Geschmack haben wir als „the taste of diversity“ das globale Thema „Vielfalt“ umgesetzt und in einem großen Gala-Essen der Hochschule gefeiert. Es war im tiefen Sinn des Wortes ein geschmackvolles Gesamtkunstwerk.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Publikum? Es gibt Menschen, die eher Musik bevorzugen und andere, die eher die visuellen Künste favorisieren …

Mike Weisser: 

Ich arbeite nicht im Hinblick auf ein Publikum, sondern im Hinblick auf ein Thema, das ich als intermediales Werk destilliere und wie ein Destillat als Kunstform präsentiere. Es steht dem Publikum frei, sich diesem Werk anzunähern und es zu erforschen….

Weisser_QR_Info_2015 © Mike Weisser: QR Info 2015, i:Code führt zur Site QR-Informationen

Ist Ihre QR-Code-Kunst vielleicht auch eine Möglichkeit, auditive und visuelle Aspekte miteinander zu verbinden? Bietet diese Hybrid-Kunst die Chance, ein Publikum mit verschiedenen Neigungen bzw. Rezeptionsvorlieben anzusprechen?

Mike Weisser:  

Seit 2007 beschäftige ich mich mit dem QR-Code und der Möglichkeit, dieses digitale Zeichen des 21. Jahrhunderts gestaltend zu verändern und doch seine Funktion der Lesbarkeit als Code zu erhalten. Der QR bietet die faszinierende Tatsache, dass seine bildnerischen Variationen gegen unendlich gehen. Mit dem QR lassen sich also alle Zustände des Universums erfassen. Weiterhin bietet er in seiner dynamischen Erscheinung die Möglichkeit alphanumerische Zeichen zu codieren, die zu Websites führen, auf denen Ereignisse abgerufen werden können.

Der Code führt über seine bildnerische Anmutung hinaus zu Musik, zu Film, zu Rezitation etc. Damit ist er für meine Arbeit ideal als Ausdruckträger und Kommunikator geeignet. Durch seine besonderen Eigenschaften bietet der QR zudem die einmalige Chance, verschiedene Medien zu vernetzen, überall und in allen Formaten präsent zu sein und genutzt zu werden.

Hier sehe ich ganz neue Möglichkeiten für eine intermediale Kunst im öffentlichen Raum oder für HybridBücher oder oder oder… diese Innovationen stehen erst am Anfang und sind in der Lage, Kunst auf überraschende Weise neu in die Öffentlichkeit zu bringen und damit viele Menschen zu erreichen. Dahin gehen meine Experimente.

Wie sind Sie auf das Thema QR-Codes gekommen und dann auf die Idee, dies künstlerisch zu bearbeiten?

Mike Weisser: 

Wie sollte es anders sein ;-))) Im Verlauf einer ästhetischen Feldforschung in den Häfen in Hamburg und Bremen bin ich auf Container mit QR-Codes gestoßen. Da mich generell das Thema „Rauschen“ fasziniert, habe ich im Code die Möglichkeit erkannt, Chaos in Ordnung zu bringen. Vermeintlicher Un-Sinn wird zu Sinn. Erste Experimente haben mich fasziniert, aber sie stießen in der Nutzung an ihre technischen Grenzen. Erst mit der Weiterentwicklung des Smartphones ab 2010 konnte praktisch jedermann den QR nutzen. Der QR-Code wurde befreit von seiner wirtschaftlichen Funktion und frei für die Kunst…

Was fasziniert Sie an QR-Codes und an Hybrid-Kunst?

Mike Weisser: 

Mich reizt die Verbindung bis zur Verschmelzung von Chaos und Ordnung, von Ratio und Emotion und von verschiedenen Anmutungen. Das macht dieses Medium hochkomplex und damit spannend. Darin liegt die Faszination. Und aus dieser Faszination heraus entwickelt sich Neugier am Fremden – dann mache ich mich auf den Weg und beginne mit Experimenten. Meine ersten drei HybridBücher, die das analoge Buch über den QR mit dem digitalen Internet verbinden, brachten Erfahrungen. Danach war es folgerichtig, dass ich mich mit dem vierten Buch dem QR-Code (Quick Response) selbst, seinen Hintergründen und Visionen widme. Hier ging es mir um die „Beschreibung, Geschichte, Technik, Nutzung, Gefahren, Grenzen, Visionen und Ästhetik der schnellen im 21. Jahrhundert“ – wie der Untertitel lautet.

Weisser_QR_Alsion_14 © Mike Weisser: Projekt „Be inspired!“ auf dem Campus der Dänischen Universität Sønderborg, 2014

Worin besteht die besondere Herausforderung, QR-Codes künstlerisch zu gestalten?

Mike Weisser: 

Der QR-Code ist das digitale Metazeichen des 21. Jahrhunderts. Dieses Zeichen in Szene zu setzen fordert heraus. So eine Herausforderung nehme ich gerne an, um Grenzen zu überschreiten und neue Räume zu betreten. Der QR ist faktisch eine Reise an einen fremden Ort, den ich erkunde und erfasse, dessen Elemente ich klassifiziere und mit denen ich spielerisch umgehe, bis meine Gestaltung so weit geht, dass der QR-Code nicht mehr lesbar sondern nur noch rätselhaft-schöne Gestalt ist.

Gibt es neue Ideen, die Sie noch mit QR-Codes realisieren möchten?

Mike Weisser: 

Ja, es gibt einige Optionen, über die denke ich nach, und während ich nachdenke, komme ich auf das neue Stichwort „Denken“ als künstlerisches, kreatives, nicht-lineares, assoziatives Denken. Und so entstand der Titel für ein neues Buch, an dem ich gerade arbeite und über das wir zusammengekommen sind, weil ich Sie und Ihr Projekt „MassivKreativ“ befragt habe (Anmerkung: Das Buch erscheint 2016).

Mein neues Buch lebt von Fragen zum Denken, die ich an Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik stelle. Wie entsteht künstlerisches Denken, was kann es bewirken und wie lässt es sich in andere Wirkungskreise wie Wissenschaft, Wirtschaft und den Lebensalltag transferieren? Das bewegt mich im Moment ;-))))

Vielen Dank für das inspirierende Interview, Herr Weisser!

 

Inspirationstipps:

● Hinweis zu den Bildern: Alle QR-Codes sind optimal zu lesen mit der kostenfreien App: i-nigma (für iOS und Android)

● Buch: Michael Weisser Der|QR|Code – pdf

● Die|QR|Edition @ p.machinery – ein gemeinsames Projekt von p.machinery = Michael Haitel und Michael Weisser: www.dieQRedition.pmachinery.de

● Video zum Projekt QR-ScreenArt, 30 Gedichtrezitation als QR-Morphs, 2015

● Biografie und Werke: www.MikeWeisser.de

Künstler als Ermutiger und Magier

© Peter Bast, Pixelio

Künstler sind Magier. Wenn sie in Unternehmen gehen, entlocken sie den Mitarbeitern Fähigkeiten und Talente, von denen die nicht im Geringsten geahnt hätten. „Die Wirtschaft sollte ihre Querdenker deshalb dort suchen, wo sie der Natur nach präsent sind: unter Künstlern! – sagt Management-Expertin Helga Stattler. Seit über 10 Jahren vermittelt sie als Beraterin zwischen den Welten Kunst und Wirtschaft. Im Interview erzählt sie mir u. a., warum Künstler Veränderungsprozesse in Unternehmen hervorragend begleiten können und was sie bei Mitarbeitern bewegen.

Helga Stattler und Karin Wolf_2015 © Corinna Eigner
Helga Stattler (l.) und Karin Wolf (r.) erforschen im Institut für Kunst und Wirtschaft Wien das Thema „Künstlerische Interventionen“ und begleiten die Aktionen als Intermediäre.

Frau Stattler, wie wichtig sind heute Innovationen für die Gesellschaft?

Helga Stattler:
Es wird immer nach Innovation gesucht – vor allem bei Produkten und Leistungen. Mindestens genauso wichtig und erforderlich ist die Innovation im Zusammenleben in den Organisationen. Es hat noch nie so viel burnout und Frust gegeben und zugleich Suche nach Sinn. Es herrscht sehr viel Druck und dagegen muss dringend etwas unternommen werden.

Warum sind soziale Innovationen ebenso wichtig wie technologische Innovationen?

Helga Stattler:
Das Thema Fusion z. B. funktioniert ja bis heute nicht. Unternehmen glauben, wenn sie zwei Teile miteinander verbinden und Menschen miteinander mischen, funktioniert das automatisch ab dem nächsten Tag. Das ist jedoch ein großer Irrtum. Menschen mit verschiedenen Erfahrungshorizonten zusammenzubringen: dem sollte bei einer Fusion strategisch noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden als dem Aushandeln von Kaufpreisen für ein Unternehmen oder wie man die Produktpaletten sinnvoll miteinander verbindet. Doch das wird leider oft übersehen.
Man glaubt, dass Menschen wie Maschinen funktionieren. Die Firma ist keine Maschine und die Menschen schon gar nicht. Sie sind soziale Wesen und Gemeinschaftswesen und wollen auch als solche beachtet werden. Der Mitarbeiter, der eine Veränderung verkraften muss, braucht das Gefühl, dass er ernst genommen wird. Die Unternehmensleitung muss verstehen, dass es nicht leicht für ihn ist, dass es eine Herausforderung ist. Und wenn er merkt, dass es wirklich ehrlich gemeint ist, dann wird er sich in die neuen Aufgaben mit Elan hineinstürzen und wird sagen: Ich schaffe das! Aber wenn man ihm das Gefühl gibt, dass es selbstverständlich sein muss nach dem Motto „Sei froh, dass Du den Job hast!“, dann wird er frustriert sein.

Anmerkung von Antje Hinz:
Die aktuelle repräsentative Studie des Gallup-Instituts zur Mitarbeiterzufriedenheit (2015) ist nach wie vor ernüchternd. Nur 15 Prozent der Mitarbeiter sind Feuer und Flamme für ihren Job und identifizieren sich mit ihrem Unternehmen. Die große Mehrheit von 70 Prozent der Beschäftigten leistet Dienst nach Vorschrift. 15 Prozent haben bereits innerlich gekündigt. In qualitativen Umfragen werden vor allem mangelnde Führungsqualitäten der Geschäftsleitungen und Vorgesetzten als Ursache genannt.

Welche Wirkung und welche positiven Effekte können Künstlerische Interventionen auf Mitarbeiter in Unternehmen haben?

Helga Stattler:
Künstler spüren, was in den Mitarbeitern steckt. Sie entdecken Potenziale, die Vorgesetzte nicht sehen, auch wenn sie mit Mitarbeitern schon lange arbeiten. Wie Künstler das machen, ist noch ein Geheimnis, aber es funktioniert auf jeden Fall. Sie laden Mitarbeiter ein, sich etwas zu trauen. Sie machen das so, dass die oft vorherrschende Angst „Das kenne ich nicht, das kann ich nicht“ überwunden werden kann. Sie laden ein zu lustvollem Tun. Und dann entdeckt der Mitarbeiter selber: „Hoppla, das kann ich ja doch!“ In der Schule hat ihm bzw. ihr mal jemand gesagt: „Du kannst nicht singen“ oder „Du kannst nicht zeichnen“. Und das glaubt er oder sie von Kindesbeinen an. Und plötzlich kommt da jemand und sagt: „Kein Problem. Versuch es einfach!“ Und so entsteht etwas.

662148_web_R_K_B_by_Tim Reckmann_pixelio.de © Tim Reckmann, Pixelio

Was zeichnet einen Künstler grundsätzlich aus?

Helga Stattler:
Ein Künstler ist jemand, der aus dem Nichts heraus etwas erschafft. Er hat die leere Leinwand und malt ein Bild. Er hat ein Notenblatt und komponiert eine Melodie. Genau das braucht die Wirtschaft: Schöpfen aus dem Nichts.

Was beherrschen Künstler über ihre eigentliche kreative Tätigkeit hinaus?

Helga Stattler:
Ein Künstler sieht Dinge, die Berater und Manager nicht sehen. Das ist das Geheimnis. Künstler gehen an Probleme anders heran. Sie lassen Widersprüche zu und können querdenken. Querdenker sind zwar sehr gefragt, aber man sucht sie in den eigenen Reihen der Unternehmen, statt sie dort zu suchen, wo sie naturgemäß zu finden sind.

Wann kommt ein Unternehmer zu der Überzeugung, dass eine Künstlerische Intervention in seiner Firma sinnvoll ist. Welche Szenarien gibt es?

Helga Stattler:
Irgendein Anlass ist meistens schon da, eine aktuelle Veränderung. Es ist oft ein Bauchgefühl, dass man sagt: Es geht uns zwar gut, aber wir merken: Die Mitarbeiter sind nicht so recht glücklich. Wir haben schon Trainings versucht und Berater im Haus gehabt, aber es hat sich nicht viel geändert.

Was genau macht der Künstler denn anders als z. B. ein Berater?

Helga Stattler:
Ein Künstler macht etwas, das nicht erwartet wird. Und daher ist auch der Widerstand der Mitarbeiter nicht da. Es gibt ja Firmen, wo die Mitarbeiter ganz klar sagen: Bitte, nicht schon wieder eine Beratung! Oder trotzig sagen: Diesen Berater werden wir auch noch überstehen!
Und dann kommt ein Künstler und schlägt etwas vor und lädt ein zu einer Aktivität, wo das aktive Mitwirken plötzlich Freude macht, etwas zu tun, wo man auch selber seine Ideen einbringen kann. Und plötzlich ist alles anders: Künstler wirken als Ermutiger und Magier!

Worin lässt sich dann letztlich konkret der Erfolg einer Künstlerische Intervention messen?

Helga Stattler:
Sicher nicht in Prozentzahlen, aber in den Einstellungen der MitarbeiterInnen und in der Qualität der Kommunikation zum Beispiel. Die Führungskräfte sagen: Meine Mitarbeiter schauen mir plötzlich in die Augen. Die sind offen und sagen: Ja – da mache ich mit! – wenn es um neue Dinge oder Veränderungen geht. Sie kooperieren wirklich miteinander. Sie haben gemeinsame Projekte, wo sie sich einbringen und sagen, da bleiben wir heute mal länger, das wollen wir fertig machen. Erreicht wird demnach ein lustvolleres Arbeiten, weil sie Wertschätzung und Sinn in diesen Tätigkeiten gefunden haben.

Wie lässt sich die Idee der Künstlerische Intervention in die Welt hinaustragen, also breiter bekannt machen?

Helga Stattler:
Erfreulicherweise gibt es jetzt inzwischen schon einige sehr gute Beispiele für Künstlerische Interventionen. Und am Glaubwürdigsten sind die Aussagen der Unternehmer, Führungskräfte und Mitarbeiter, die schon mal eine Künstlerische Intervention in ihrem Unternehmen erlebt haben. Und auch der Künstler natürlich. Die berichten, was sie erlebt haben und was dabei herausgekommen ist.

Antje Hinz: Ein schönes Schlusswort! Vielen Dank, Frau Stattler für das Interview.

Helga Stattler leitete von 1980 bis 1998 das Hernstein International Management Institute in Österreich und begegnete als Beraterin und Personal- und Organisationsentwicklerin vielen charismatischen Persönlichkeiten, die sie beeindruckten und prägten, u. a. Peter Drucker, Paul Watzlawick, Peter Senge, Charles Handy, Henry Mintzberg, Chris Argyris und Edgar Schein. Stattler entwickelte innovative Lern- und Veranstaltungskonzepte zu Zukunftstrends, gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Themen.

Seit über 10 Jahren vermittelt Stattler als Beraterin zwischen den beiden Welten Kunst und Wirtschaft. Zunächst mit Theaterproduktionen für Unternehmen, um Führungskräften und Mitarbeitern einen Spiegel vorzuhalten, sowie mit Workshops und Seminaren mit Theatermethoden. Bei diesen Projekten musste sie selbst viel lernen, weil sie als Beraterin gewohnt war ganz andere Fragen zu stellen und andere Dinge wahrzunehmen als die Künstler. Das war anfangs irritierend, das Ergebnis aber immer überzeugend, wie ihre Projektbeispiele aus dem Veranstaltungsdesign zeigen.

Gerade die Verbindung aus Expertise in der Wirtschaft und in künstlerischen Bereichen mit der Lebenserfahrung empfindet Stattler als ihren größten Schatz. Was ihre Arbeit ausmacht: der Blick aufs Ganze und Liebe zum Detail, Neugierde und Mut für Neues. All das bringt sie in ihre Projekte ein.
2012 gründete sie gemeinsam mit Karin Wolf, der Direktorin des Instituts für Kulturkonzepte, das Institut für Kunst und Wirtschaft, das künstlerische Interventionen beforscht und als Intermediär begleitet. In ihrem Blog Kunst und Wirtschaft berichtet sie regelmäßig über gelungene internationale Beispiele.

Science Fiction und Magic Mirror: Strategische Zukunftsplanung für Unternehmen

alles-mv-de-workshop-kreativprozesse-manuela-heberer © Manuela Heberer, alles-mv.de

Wie soll man sich mit Dingen auskennen, die es bisher noch nicht gab? Strategische Zukunftsplanung im Unternehmen hängt stark von der eigenen Vorstellungskraft ab. 20 Unternehmer in Mecklenburg ließen sich von Akteuren aus der Kreativbranche strategisch und fantasievoll in die Zukunft beamen.

„Eine gute Frage ist der beste Anstoß zu mehr Kreativität.“ – hat der Werbekaufmann Michael Hahn einmal gesagt. Wie generiert Ihr Unternehmen neue Ideen? Wer bringt sie im Unternehmen mit wieviel Raum und Zeit  ein? Wieviele Ideen werden tatsächlich in den Unternehmensalltag implementiert? Woran scheitert ggf. die Realisierung?

Orientierung durch Wollfäden

Inspirierende Fragen eingebettet in künstlerisch-kreative Aktionen – nach diesem Rezept wurden die Zutaten für den Tages-Workshop „kreativprozesse.unternehmen.zukunft“ in Schwerin gemischt. Drei Künstler und vier Kreativschaffende der Innovationswerkstatt projekt:raum vom Rostocker Community-Zentrum „Warnow Valley“ hatten Firmen aus der Region zum visionären Vorausdenken eingeladen. 20 Unternehmer kamen, die meisten aus dem Netzwerk Zukunftsmacher MV. Die Mitglieder wollen im Wettbewerb um die besten Fachkräfte auch kreative Methoden ausprobieren. Etwa so: Kommunikationswege im Unternehmen lassen sich auch mit roten Wollfäden an Flurdecken plastisch vor Augen führen. Für solch ungewöhnliche Ideen nutzen Unternehmen Impulse von außen, z.B. aus der Kreativbranche.

alles-mv-de_workshop-kreativprozesse-lichtperformance-manuela-heberer © Manuela Heberer, alles-mv.de

Berührungspunkte erkunden

„Ich habe den Workshop mit Spannung erwartet, weil wir aufgrund unserer Ausrichtung eher wenig kreativ ist“, erklärt Martina Fregin ihre Motivation zur Teilnahme. Die Geschäftsführerin eines Unternehmens für Klima- und Lüftungstechnik in Bützow war dann aber überrascht, wie viele Berührungspunkte sie bereits zur Kreativbranche hatte, ohne sich darüber bewusst zu sein. Denn neben Musikern und Künstlern repräsentieren auch Architekten, Grafiker und Journalisten die elf Teilbranchen, wie Workshop-Organisatorin Teresa Trabert mit einer originellen literarischen Lesung klar machte. Nach einer Aufwärmphase und Impulsbeiträgen zum Thema Innovation von Unternehmensberaterin Veronika Schubring wurden die Unternehmer selbst kreativ. Drei Workshops standen zur Auswahl: Effectuation: Mit Science Fiction strategisch die Zukunft planen, Magic Mirror: Die eigene Marke als performative Lichtinstallation gestalten und Experience Design: Mit Musik die eigene Unternehmenskultur schaffen.

Mit Comics junge Zielgruppen erreichen

In 20 Sekunden ein Huhn und ein Raumschiff aufs Papier zu bringen, ist schon eine Herausforderung. Aber wie bitteschön visualisiert man den Begriff „Zeitdruck“? Grafiker und Animationskünstler Lennart Langanki, ist klar, dass er seine Teilnehmer damit ins Schwitzen bringt. Am Ende ist er vollauf zufrieden, weil wirklich jedem ein nachvollziehbares Zukunftsszenario gelungen ist. Frank Martens-Jung, Projektleiter für Entwicklung und Vertrieb im Rostocker Wasser- und Abwasserunternehmen OEWA hat vor allem jüngere Zielgruppen im Blick: „Wenn ich unsere Unternehmensziele mit Comics nach außen trage, erreiche ich damit sowohl potentielle Nachwuchskräfte als auch jüngere Kunden.“

Außendarstellung mit Bewegung und Projektion

Matthias Kaulmann ist Prokurist beim Schweriner Energieerzeuger naturwind gmbh mit etwa 30 Mitarbeitern. Kaulmann wagte die Herausforderung „Magic Mirror“, um sein Unternehmen mit eigenen Körperbewegungen bei einer Lichtperformance darzustellen. Dabei stand er zunächst vor der Frage, mit welchen Mitteln er seine Firma wirkungsvoll präsentieren soll: Wie erscheint das Außenbild meines Unternehmens in den Augen anderer? Wie entscheidend sind sinnliche Eindrücke für Innovation und Identifikation?
Mit der „X-Box One Kinect-Technologie“ wurde über Infrarot das Improvisationstheater der Teilnehmer in bunte Leinwandbilder verwandelt, die menschliche Bewegungen wie in einem magischen Spiegel zeigte. Die anderen Teilnehmer sollten die Bilder interpretieren und diskutieren. „Ich war überrascht, dass meine ruhigen Bewegungen auf Andere bei der Vorführung tatsächlich vertrauensvoll wirkten“, so Kaulmann. „Genau das wollen wir in unserem Unternehmen auch erreichen. Wir arbeiten langfristig und nachhaltig. Vertrauen zu schaffen, liegt uns daher besonders am Herzen.“
Gerade die gegenseitigen Rückmeldungen empfanden die Unternehmer als besonders wertvoll, auch Kaulmann: „Über den künstlerischen und spielerischen Ansatz wollte ich herausfinden, wie unser Unternehmen nach außen wirkt und wo es steht.“

Teambildung mit Musik

Wie klingt die eigene Unternehmenskultur? Im Musik-Workshop konnten die Teilnehmer Parallelen zwischen einem Firmenteam und einem Orchester erleben. Überall müssen Menschen einander zuhören und sich engagiert einbringen, wenn im Zusammenklang ein gutes Ergebnis entstehen soll. Um es selbst auszuprobieren, wählte jeder Teilnehmer einen typischen Alltagsgegenstand aus seinem beruflichen Umfeld: Quietschende Textmarker, klappernde Schreibtastaturen und Hackenschuhe, Telefonklingeln und Türklopfen, schellende Türgongs und Computersignale, waberndes Gemurmel. Unter Leitung des Musikers Tobias Wolff mischten sich die Klänge zu einer „Sinfonie des Alltags“. „Ein wertvoller Blick über den Tellerrand“, meint Gastgeber Kevin Friedersdorf, Geschäftsführer der Schweriner Webagentur Mandarin Medien. Und steuerte selbst einen Perspektivwechsel bei, in dem er die Büroklangwelt mit Froschquaken anreicherte – direkt aus dem benachbarten Teich.

Vorsätze

„Wir sind doch alle kreativer als wir dachten“, resümieren die Teilnehmer am Ende einhellig. Viele nehmen sich vor, die fantasievollen und innovativen Impulse aus dem Workshop nachhaltig in den Firmenalltag zu überführen. Auch den Kollegen wollen sie vom Workshop erzählen. Einige planen schon die nächste Aktion mit den Rostocker Kreativen im eigenen Unternehmen, wie z. B. Matthias Kaulmann von der naturwind GmbH.

Journalistin Manuela Heberer vom Onlinemagazin alles-mv.de hat den Workshop begleitet und hofft, dass auch andere Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern „die Begeisterung und den Enthusiasmus der Akteure spüren und erfahren können, was Kreativität im Menschen bewirkt. Unsere Region ist stark von Abwanderung geprägt. Künstler können den Menschen die Augen öffnen – für ihr Lebensumfeld, ihre Firma, ihre Mitmenschen. Und dafür, dass es sich lohnt, hier in Mecklenburg-Vorpommern zu bleiben.“

Inspirationstipps:

• Unternehmer-Netzwerk Zukunftsmacher MV

• Rostocker Innovationswerkstatt von Künstlern und Kreativakteuren: projekt:raum

• Coworking- und Community-Zentrum in Rostock: Warnow Valley

• Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern: Kreative MV

• Medienportal mit Berichten aus Mecklenburg-Vorpommern: alles-mv.de

Sozialforscherin Ariane Berthoin Antal über Künstlerische Interventionen

© MassivKreativ

Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal untersucht am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) „Künstlerische Interventionen in Organisationen”. Sie hat in den letzten Jahren über 100 Interventionen europaweit evaluiert, vor allem in klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU). Ich habe die Sozialforscherin ausführlich befragt – am Rande einer interaktiven Konferenz über Künstlerische Interventionen der Initiative „Unternehmen! KulturWirtschaft“ am Nordkolleg Rendsburg.

Im Interview geht es u.a. um diese Fragen:

  • Welches Ziel hatten die Untersuchungen?
  • Welche Fragen wurden an die beteiligten Akteure gestellt – an Geschäftleitungen, Mitarbeiter, Künstler und vermittelnde Intermediäre?
  • Wie lief der Prozess der Untersuchung ab?
  • Wie lässt sich der Erfolg einer Künstlerischen Intervention untersuchen?
  • Was bringt sie den Beteiligten? Welche Erfolgserwartungen gab es im Vorfeld?
  • Wie muss eine Künstlerische Intervention ablaufen, damit sie auch längerfristig und nachhaltig wirkt? Wie gelingt der Transfer der Erkenntnisse in den Alltag?
  • Welche Rolle spielt der Vermittler (Intermediär) bei einer Künstlerischen Intervention?
  • Wie wichtig ist das Matching, damit der Künstler bzw. die Methode zum Unternehmen passt und wie findet heraus, wer zu wem passt?
  • Warum ist es wichtig, dass die Künstlerische Intervention ergebnisoffen verläuft?
  • Eignen sich bestimmte künstlerische Methoden besser als andere?
  • Was sind typische Szenarien, die ein Unternehmen dazu bewegen, einen Künstler in das Unternehmen zu holen?
  • Was sind typische unternehmerische Fragestellungen?

Quellen und Inspirationstipps:

Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, der Link führt auch zu ausgewählten Publikationen der Wissenschaftlerin

• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg

Kreative Querdenker: Künstler statt Unternehmensberater

  © MassivKreativ

Künstler haben viele – bisher viel zu wenig genutzte Kompetenzen, die auch in Unternehmen hilfreich sein können. Immer mehr Firmen engagieren sie deshalb als kreative Querdenker – und als Alternative zu klassischen Unternehmensberatern. Was machen sie anders?

Carl Spitzweg. Sonderbriefmarke 2008 (gemeinfrei)

Eine Dachkammer, eng und verfallen, darin ein Ofen, längst erloschen. Ein aufgespannter Regenschirm als Schutz vor durchtropfender Nässe. Am Boden eine alte Matratze, darauf in eine kärgliche Decke gehüllt: der arme Poet. Der Maler Carl Spitzweg hat die missliche Lage von Künstlern treffend verewigt. Seine Botschaft: Kunst ist brotlos, wenn sie frei ist, der Künstler ein Bittsteller, eine abhängige Spezies – abhängig von der Gunst des Förderers und den Trends der Zeit.

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing?
Die Alternative zum hungrigen Bauch ist die Auftragskunst. Doch Sponsoren erwarten klare Gegenleistungen! Eine Allianz auf Augenhöhe kann dann entstehen, wenn der Künstler nicht länger Bittsteller ist, sondern sein Wissen und seine Fähigkeiten unmittelbar und sinnvoll in den Alltag eines Unternehmens einbringen kann. Wie lässt sich die Beziehungsebene zwischen Wirtschaft und Kultur, zwischen Unternehmen und Künstler anders denken und gestalten?

Was Künstler für Interventionen befähigt
Abseits künstlerisch-handwerklicher Fertigkeiten geraten nun bislang unbeachtete Kompetenzen von Künstlern in den Fokus. Künstler sind offen und neugierig. Sie können querdenken, ungewöhnliche Fragen und Routinen auf den Prüfstand stellen. Sie haben Biss und Durchhaltevermögen, feilen über Wochen und Monate an Details, ohne das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. Sie begreifen Mangel und Defizit als Chance und Herausforderung. Sie schauen genau hin und hören aufmerksam zu. Sie sind emotional, feinfühlig, empfänglich für Zwischentöne und Nonverbales.

Wo Unternehmen der Schuh drückt
Dass soziale Fähigkeiten und Kompetenzen mehr Beachtung brauchen, hat die Wirtschaft längst erkannt und zuweilen auch schmerzlich erfahren müssen. Unternehmen klagen über Nachwuchsmangel und Fluktuation ihrer ausgebrannten, demotivierten Mitarbeiter, über Kommunikationsstörungen zwischen Abteilungen und Führungsetagen. Die Anforderungen sind gestiegen: Technologiewandel, Umstrukturierung, Digitalisierung. Wie sollen Unternehmen darauf reagieren? Wie sollen sie die Konflikte lösen? Wie sollen sie Sprachlosigkeit oder Auseinandersetzungen zwischen unzufriedenen Mitarbeiter begegnen, wenn sie häufig nicht mal die Ursachen kennen?

Was eine “Künstlerische Intervention” ausmacht
Ob aus Verzweiflung oder als innovative Pioniertat: Immer mehr Unternehmer holen sich Künstler als kreative Querdenker in die Firma – alternativ zu klassischen Unternehmensberatern. Je nach Aufwand sind die Tagessätze in etwa vergleichbar. Was machen Künstler konkret anders? Künstler konzipieren maßgeschneiderte Workshops und Aktionen für individuelle unternehmerische Fragestellungen. Die Akteure nennen ihr Gestalten und Handeln “Künstlerische Interventionen”, abgeleitet aus dem Lateinischen: intervenire = dazwischentreten, sich einschalten. Der Künstler greift in bestehende organisatorische Zusammenhänge ein, hinterfragt sie, stößt Prozesse an, löst Wechselwirkungen aus und erspürt auch emotionale Verwicklungen. Der Fokus der Interventionen liegt auf der zwischenmenschlichen Beziehungsebene, wenn man so will auf dem Personalbereich. Mit passenden originellen Aktionen geben Künstler Impulse für einen anderen Umgang miteinander. Kommunikation wird neu gedacht. Die Künstler sehen sich nicht als reine Dienstleister, sondern entwickeln stets auch ein persönliches Interesse am Dialog mit den Teams und den Mitarbeitern im Unternehmen.

Sparten, Formate und finale Produkte
Alle künstlerischen Sparten und medialen Formate sind für eine “Künstlerische Intervention” geeignet: Theaterspielen und Tanzen, Papiergestaltung und Zeichnen, Schreiben und Poetry Slam, Musikmachen und Musikhören, Bauen und Designen, Fotografieren und Filmen, Sounddesign, also das Sammeln von Geräuschen, sowie auch das Führen von Interviews für Videos und Podcasts ist eine reizvolle Option. Perfektion und Leistung sind unwichtig, ausgeblendet werden ebenso Effizienz und Tempo. Der Weg ist das Ziel! Der Prozess ist entscheidend, der oft seine ganz eigene Dynamik entwickelt und dessen Ergebnis in der Regel völlig offen ist. Finale Produkte können entstehen, müssen es aber nicht. Wenn die Intervention in ein greifbares Ergebnis mündet, in ein Kunstobjekt oder ein mediales Produkt, eine Karte, ein Audio-Interview oder einen Film, kann es im Einvernehmen auch für die Außendarstellung des Unternehmens genutzt werden. Ein willkommener Nebeneffekt!

Wie eine „Künstlerische Intervention“ abläuft
Die Dauer einer Intervention ist variabel. Sie kann individuell zwischen Unternehmen und Künstler abgestimmt werden, je nach Bedarf und nach unternehmerischer Fragestellung. Ein kurzer ein- bis zweitägiger Workshop mit einem oder auch zwei Künstlern ist ebenso denkbar wie ein regelmäßiges, mehrwöchiges Zusammentreffen mit den Mitarbeitern an einem festen Ort im Unternehmen. Aus der unternehmerischen Fragestellung entwickelt der Künstler eine kreative Methode und plant das weitere Vorgehen mit den Teams. Der Künstler animiert sie zu kreativem, leistungsbefreiten Arbeiten, was gerade Führungskräften eine höchst ungewohnte Erfahrung beschert: Plötzlich Laie und nicht mehr Experte? Scheitern und Versagen akzeptiert und erwünscht? Neue Erlebnisse öffnen Ventile, brechen Dämme, schaffen Nähe, setzen Emotionen frei.

Irritation und Inspiration ausdrücklich erwünscht
Anfängliche Skepsis und Irritation begleiten jedes Projekt. Doch zusehends entsteht eine offene Atmosphäre, die manch eine Firma bis dahin selten oder nie erlebt hat. Der Künstler geht unbefangen und mit aufrichtigem Interesse auf die Mitarbeiter zu. Über „die Brücke“ der künstlerischen Intervention werden Blockaden gelöst, ungeahnte Charakterzüge und Fähigkeiten hervorgelockt, Standpunkte und Meinungen überdacht, weil man sie besser oder anders einzuordnen weiß. Jeder schenkt dem anderen ein offenes Ohr für Bedenken, Ängste und Nöte. Man bringt einander mehr Respekt entgegen, die Mitarbeiter untereinander, die Geschäftsführung gegenüber Mitarbeitern und umgekehrt. Auch der Künstler erfährt eine neue Form der Achtung durch das Unternehmensteam. Der „andere“ Lebensentwurf des Künstlers wird interessiert zur Kenntnis genommen und akzeptiert, sein Erfahrungshorizont wertgeschätzt. Wirtschaft und Kunst nähern sich an, finden einen gemeinsamen Nenner, gehen auf Augenhöhe. Spielerisch und ungezwungen arbeitet jeder an seinen sozialen Kompetenzen. Wer sich geachtet und wertgeschätzt fühlt, ist motiviert, sich stärker in dasUnternehmen einzubringen und es mitzugestalten, am Teamgeist zu schmieden und seine Kreativität zu beflügeln.

Kunst = Kapital
Wer sich als Unternehmer eine nachhaltige Wirkung wünscht, ist selbst nachhaltig gefordert. Der Samen, der durch eine künstlerische Intervention gesät wird, muss weiter gegossen, gedüngt, umsorgt und gepflegt werden. Nach dem Ende einer Interaktion ist das Unternehmen nicht aus der Verantwortung entlassen. Die Arbeit beginnt gerade erst, jedoch unter guten Vorzeichen, in günstiger Atmosphäre, auf höherem Niveau. Kunst = Kapital, schrieb der deutsche Aktionskünstler Josef Beuys 1979 auf einen Zehnmarkschein und ergänzte, dies könne durchaus wörtlich genommen werden, denn „Kreativität und schöpferische Energie des Einzelnen“ sind „das Kapital und Potential einer Gesellschaft.“ Eine künstlerische Intervention erfordert Mut auf beiden Seiten, Offenheit und Vertrauen. Sie ist ungewohnt, manchmal verstörend, oft erheiternd, immer inspirierend, erfrischend und charmant.

Best Practice: Künstlerische Interventionen in Beispielen
Möchten Sie den Mehrwert künstlerischer Arbeit auch für sich und Ihre Mitarbeiter entdecken und ausprobieren? Kann Ihre persönliche unternehmerische Situation durch eine künstlerische Intervention positiv verändert und beflügelt werden? Schauen Sie sich die Medienberichte über Unternehmen und Künstler an, die höchst unterschiedliche Interventionen gewagt und gemeinsam verwirklicht haben. Mit erstaunlichen Ergebnissen.

Klartext im Kälber-Iglu: Mehr Kommunikation

© Dany Heck, Aufbau des Kälberiglus, kalendArt

Unternehmen und Künstler – passt das zusammen? Den Beweis liefert das Unternehmen Holm & Laue, das Produkte rund um die Aufzucht von Kälbern vertreibt und ein ungewöhnliches Experiment wagte.

Das Unternehmen Holm & Laue GmbH aus Westerrönfeld, gut 30 Kilometer von der Landeshauptstadt Kiel in Schleswig-Holstein entfernt, entwickelt und vertreibt Produkte rund um die Aufzucht und Fütterung von Kälbern.

Situation im Unternehmen
Seit 1991 ist die Firma stetig gewachsen, sie beschäftigt heute knapp 100 Mitarbeiter. Die rasante Entwicklung des Unternehmens beschreibt Vertriebsleiter Holger Kruse: “Früher wurden Entscheidungen am familiären Frühstückstisch gefällt. Damals gab es acht Mitarbeiter. Seitdem haben wir unser Team mehr als verzehnfacht und aus einer Firma wurden fünf.”

Anfangs gehörten nur norddeutsche Bauern zum Kundenkreis. Doch inzwischen hat sich der Kernbereich der Firma, die Kälberhaltung und -fütterung, zu einem internationalen Geschäftsfeld entwickelt. Entsprechend flexibel und spezialisiert müssen die Mitarbeiter auf die unterschiedlichen Kundenwünsche und Bedingungen reagieren: auf Stromspannung, Klimabedingungen, regionale Haltungs- und Futterstrategien, auf Sprachen und rechtliche Belange. Um die vielfältigen Bedürfnisse der Kunden zu erfragen, sind ständig Außendienstmitarbeiter unterwegs. Sie sammeln Informationen, mit denen später jedes Gerät individuell nach Kundenwunsch hergestellt werden kann.

Spezialisierungen führen manchmal dazu, dass sich Mitarbeiter nur selten sehen und kaum noch miteinander reden. Die Themen im Job sind zu verschieden. Gesa Holm, die den Firmenalltag vor allem aus der Organisation im Büro verfolgt, bedauert das: “Wir wünschen uns mehr Transparenz zwischen den Abteilungen und damit einhergehend geht es darum, die Kommunikation zu verstärken.”

Idee hinter der Begegnung zwischen Unternehmen und Künstlerinnen
Bei Holm & Laue sollten die innovativen technischen Geräte für die Kälberaufzucht Ausgangspunkt für die neuartige “Künstlerische Intervention” sein. Milch-Taxi, Kälbergarten, Iglu-Veranda und ComfortZone: Die kreativen Produktnamen ließen auch kreatives Potential bei den Mitarbeitern vermuten.

© Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de

Die beiden norddeutschen Künstlerinnen Dany Heck (l.) und Christiane Limper (r.) waren sofort überzeugt, dass sie darüber einen Draht zum Team herstellen könnten. Sie wälzten Produkt-Kataloge und überlegten, welches der vielen Spezialutensilien sie als geeignetes “Kontaktinstrument” im Unternehmen nutzen könnten. Ihre Wahl fiel auf ein Kälber-Iglu. Was das genau ist, mussten sie erst mal recherchieren. Ein Kälber-Iglu ist eine robuste, wetterfeste Schutzhütte für mehrere Kälber, um sie im Freien aufzuziehen. Der Vorteil: An der frischen Luft sind die Kälber Krankheitserregern viel weniger ausgesetzt als in geschlossenen Räumen. Das Iglu steht direkt auf der Wiese, der Eingang ist offen und kann gegen die Witterung ausgerichtet werden.

Impulse und Inspirationen für Mitarbeiter und Künstlerinnen
In Absprache mit der Geschäftsführung richteten die beiden Künstlerinnen für fünf Wochen im Unternehmen ein Künstlerbüro ein. Von dort aus besuchten sie 50 Mitarbeiter in ihren Abteilungen, stellten unbefangen und humorvoll verstörende Fragen: Wohin reisen Sie mit dem Milchtaxi? Warum würde es ein Kalb in Ihrer Abteilung gut haben? Mit der Zeit wurden die Fragen alltagstauglich: Was trägt dazu bei, dass sich die Kälber wohlfühlen? Was brauchen Sie selbst als Mensch, um sich wohlzufühlen?

Die beiden Frauen durchmischten in wechselnden Teams alle Mitarbeiter, von denen viele während der Arbeitzeit wenig Kontakt miteinander hatten. Gemeinsam mit ihnen gestalteten sie schließlich das Kälber-Iglu auf witzige Weise zur Wohlfühlzone für Menschen um. Genau genommen war das künstlerische Endprodukt gar nicht so wichtig. Im Fokus standen die Kommunikation, das Austauschen von Erfahrungen, das Reden über Aufgaben und Arbeitsabläufe im Unternehmen, von Erlebnissen am Arbeitsplatz.

Die Mitarbeiter berichteten von ihren Problemen im Arbeitsalltag, die ohne ein Kälber-Iglu wohl nie zur Sprache gekommen wären. Und sie sagten sich auch gegenseitig die Meinung. “Jetzt wissen wir, wo die Kollegen der Schuh drückt”, kommentiert Vertriebsleiter Holger Kruse den Erfolg der “Künstlerischen Intervention” im Unternehmen. Um sich mit seinem Unternehmen identifizieren zu können, muss man sich erst mal darüber austauschen und wissen, wie es funktioniert, was die Menschen und Abteilungen leisten. Das Kälber-Iglu hat die Leute über die Arbeitsthemen hinaus miteinander ins Gespräch gebracht. Das Künstlerinnen-Büro wurde als gemeinsame Plattform genutzt, um Kritik und Verbesserungsvorschläge auszutauschen.

© Dany Heck, kalendArt

Die Flensburger Künstlerinnen fühlten sich persönlich herausgefordert, gerade jene Menschen zu packen, die sich normalerweise nicht mit Kunst beschäftigen: “Kunst ist Kommunikation, sie braucht den Menschen und sucht die Auseinandersetzung”, sagt Christiane Limper. Und tatsächlich ist ihr und ihrer Kollegin das scheinbar Unmögliche gelungen: Sie haben das Kälberaufzuchtsteam bei Holm & Laue in die Welt der Kunst entführt und mit ihrer Begeisterung angesteckt. So sehr, dass viele Mitarbeiter das Kälber- Iglu auch noch in ihrer Freizeit weiter gestalteten, Materialien und Einrichtungsgegenstände aus dem eigenen Haushalt aufstöberten und Transporte gemeinsam organisierten.

Intentionen und Meinungen
Projektbegleiterin Lena Mäusezahl vom EU-geförderten Projekt “Unternehmen! KulturWirtschaft” am Nordkolleg Rendsburg weiß, dass Unternehmer Courage brauchen, eine “Künstlerische Intervention” zuzulassen. Und Innovationsgeist, wenn sie die daraus gewonnenen Erkenntnisse später in den Unternehmensalltag einfließen lassen wollen: “Es gibt wohl kaum eine Firma, in der es nirgendwo hakt”, meint Mäusezahl. “Unsere teilnehmenden Unternehmen aber haben den Mut, ihre Themen offen anzusprechen. Mehr noch: Sie wollen ihren Problemen aktiv entgegenwirken und zwar auf innovative Weise mit künstlerischen Mitteln.”

Nachhaltigkeit
Nach der Umgestaltung des Kälber-Iglus zur Wohlfühlzone hat Holm & Laue das Objekt versteigert. Den Erlös stiftete das Unternehmen an die Waldkindertagesstätte und den Kinderschutzbund in Rendsburg. Das Iglu ist Geschichte, doch die Mitarbeiter sind miteinander im Gespräch geblieben. Die Erkenntnisse aus den Frageprozessen sind in den Arbeitsalltag eingeflossen und haben das Zusammengehörigkeitsgefühl im Unternehmen gestärkt.

Was die künstlerische Intervention an weiteren Nebeneffekten gebracht hat, ermittelt das Forscherteam um Ariane Berthoin Antal und Anke Strauß vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Sie evaluieren die Erfolge der künstlerischen Interventionen durch langfristige Befragungen.

Quellen und Inspirationstipps:

• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg

Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Verschiedene Artikel über Künstlerische Interventionen.

Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

• Unternehmen Holm & Laue

Mittler zwischen Unternehmen und Künstler: Intermediäre

Unternehmen und Künstler – passt das zusammen?

Ja, denn die Wirtschaft braucht dringend mehr Kreativität! Es gibt verschiedene Gründe und Motivationen, Wirtschaft und Kunst zusammen zu bringen. Perspektivwechsel braucht jeder. Kommunikation lässt Menschen einander näher kommen. Der Zusammenprall von sehr unterschiedlichen Arbeitskulturen und Tätigkeitsbereichen erweitert den Horizont für das Handeln und Tun des Anderen. Neu erworbenes Wissen und gewonnene Sympathien motivieren. Kreativität beflügelt uns und schafft die Basis für Innovationen.

Wenn die Personal- oder Geschäftsführung eines Unternehmens Probleme oder Defizite diagnostiziert, entsteht daraus eine Fragestellung, die häufig mit Unterstützung von außen näher betrachtet und untersucht werden muss. In der Regel bittet man klassische Unternehmensberater um Hilfe. Eine innovative Alternative sind “Künstlerische Interventionen”, bei denen Unternehmensmitarbeiter und Künstler im Rahmen kreativer Aktionen aufeinander treffen. Damit geeignete Künstler und passende Unternehmen zusammenfinden, engagieren sich sogenannte Intermediäre, z. B. am Nordkolleg Rendsburg.

© Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de

Intermediäre 

Schleswig-Holstein geht voran. In den letzten 12 Monaten haben hier gleich drei regionale Unternehmen eine “künstlerische Intervention” gewagt, unter anderem das Unternehmen Holm & Laue aus Westerrönfeld, das Produkte rund um die Aufzucht und Fütterung von Kälbern entwickelt und vertreibt.

Die Projektbegleitung, das heisst die Vermittlung zwischen Unternehmen und Künstlern, hat das EU-geförderte Projekt “Unternehmen! KulturWirtschaft” vom Nordkolleg Rendsburg übernommen. Die Projektleiterin, Lena Mäusezahl, akquiriert interessierte Unternehmen, wählt passende künstlerische Aktionen aus und schafft einen Rahmen für die neuartige Kooperation. Mäusezahl sieht sich als Mittlerin, als “Intermediär” und ihre Kernkompetenz darin, “ein passendes Matching und eine gute Prozessbegleitung zu gewährleisten. Jede Intervention ist auf eine individuelle Fragestellung ausgerichtet und wird maßgeschneidert. Standard-Rezepte und -formate gibt es für die Interventionen nicht.”

Pink it up!: Vernetzungen und Verstrickungen

Das Team von “Unternehmen! KulturWirtschaft” hat sogar eine Intervention im Selbstversuch gewagt. Gemeinsam mit der Künstlerin Inga Momsen ging es darum, das eigene Tun unter die Lupe zu nehmen, Handeln und Prozesse zu reflektieren und zu verstehen, wie Netzwerke, Verbindungen und Verstrickungen entstehen. Transportmittel, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, sind pinkfarbene Maurerschnüre, die in der künstlerischen Arbeit von Inga Momsen eine wichtige Rolle spielen.

© MassivKreativ

Zwischen Kultur und Wirtschaft

Lena Mäusezahl kennt beide Welten, Wirtschaft und Kultur. Nach einer Ausbildung zur Industriekauffrau hat sie an diversen europäischen Hochschulen studiert: internationale Betriebswirtschaft, Freizeitmanagement sowie “European Urban Cultures”. Ihre Lieblingsschnittstelle bearbeitet sie am Nordkolleg bei der Initiative “Unternehmen! KulturWirtschaft” seit 2009.

© Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de

Vier Blickwinkel

Mit der Einbindung kreativer und kommunikativer Prozesse in Unternehmen beschäftigen sich nicht nur Vermittler, Unternehmer und Künstler, sondern auch Wissenschaftler. Die Ergebnisse künstlerischer Interventionen sollen dokumentiert und erforscht werden. Ariane Berthoin Antal und Anke Strauß vom WZB, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung forschen international zum Thema “künstlerische Interventionen in Organisationen” und sorgen für die Evaluierung.

Die Wissenschaftler initiieren im Verlauf der Projekte mehrere Befragungen der beteiligten Akteure: Mitarbeiter, Künstler, Personal- und Geschäftsführung, Intermediär: “Wir interessieren uns sowohl für die Erfahrungen, die während der Intervention gemacht werden”, erklärt Strauß, “als auch für Auswirkungen, die sich erst später am Arbeitsplatz ergeben, wie zum Beispiel veränderte Sicht- und Herangehensweisen, neue Einfälle oder eine Erweiterung des professionellen Netzwerks. Jeder Fall ist einzigartig, deshalb ist es immer wieder faszinierend zu beobachten, was die TeilnehmerInnen im Prozess entdecken.”

Quellen und Inspirationstipps:

• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg

Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Verschiedene Artikel über Künstlerische Interventionen.

Pure Fruit – Zeichenkollektiv von vier freiberuflichen Illustratoren, Tim Eckhorst, Gregor Hinz, Franziska Ludwig und Volker Sponholz. Sie realisieren vielseitige Zeichenprojekte, geben das gleichnamige, kostenlose Comic- und Illustrationsmagazin „purefruit“ heraus und gehen für kunstbasierte Interventionen in Unternehmen.
Einen Film über den Workshop von Pure Fruit im Unternehmen finden Sie unter diesen Tipps.

Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Medienbeiträge über verschiedene Künstlerische Interventionen

Teambuilding mit Steinwolle und Maschinensounds

  © Paroc

Die finnische Firma Paroc produziert Steinwolle. Eine bodenständige Branche, eine bodenständige Firma. Dennoch setzte der Personalchef auf ungewöhnliche Hilfe aus der Kunstszene, als es im Unternehmen hakte.

Das Unternehmen Paroc stellt im baltischen Raum energieeffiziente Dämmstofflösungen her. Die Produktpalette umfasst den Hochbau, die technische Isolierung, den Schiffbau, Sandwich-Elemente und Akustik-Produkte. Die Produkte werden in Finnland, Schweden, Litauen, Polen und Russland hergestellt. Paroc hat Vertriebsniederlassungen in 14 Ländern Europas und beschäftigt über 2000 Mitarbeiter, darunter rund 700 in Finnland und 400 in Schweden.

Eigentümer der Paroc Group ist eine Unternehmensgruppe von Banken und mehreren institutionellen Gesellschaftern sowie die Belegschaft von Paroc, die eine Minderheitsbeteiligung besitzt. 2012 belief sich der Nettoumsatz auf 430 Millionen Euro. Seine Unternehmensstrategie hat Paroc auf fünf Kernziele ausgerichtet: Kundenorientierung, Mitarbeiterzufriedenheit, ständige Innovation, profitables Wachstum und nachhaltige Entwicklung.

Situation im Unternehmen
In den Jahren 2000/2001 muss Paroc umstrukturieren und verlegt eine Produktionsstätte aus dem schwedischen Skövde in das 55 km entfernte Hällekis an den Vänersee im Südwesten Schwedens. Dort gab es bereits eine Fertigungsfabrik. Fortan sollten beide Produktionsstätten zusammenarbeiten, die Organisation und der Ablauf der Produktion eng miteinander verknüpft werden.

Doch durch die unterschiedliche Geschichte und Entwicklung hatten die beiden Belegschaften sehr eigene Arbeitskulturen entwickelt. Was nach dem Umzug dazu führte, dass die Kooperation der Produktionsstätten nicht gut harmonierte. Die Kommunikation hakte, reibungslose und termingerechte Abläufe wurden wegen Unstimmigkeiten verhindert. Die Folge: Die beiden Produktionsstätten in Hällekis hatten im gesamten Unternehmen die schlechtesten Produktivitätskennzahlen.

Lars Lindström, Personalchef bei Paroc Schweden, war damals klar, dass das Management den Fokus stärker auf die Menschen statt auf die Maschinen legen müsste.

Idee hinter der Begegnung zwischen Unternehmen und Künstlerin
Auf einem Treffen für Personalmanager erfuhr Lindström von der Möglichkeit, das Betriebsklima durch eine “Künstlerische Intervention” zu verbessern – damals vorgestellt von TILLT, einem schwedischen Vermittlungsbüro für Kunstinterventionen. Der Personalchef führte intensive Gespräche mit TILLT und ließ sich überzeugen, einen kreativen Workshop in sein Unternehmen hineinzutragen.

Klar war, dass es mit einem Wochenprogramm nicht getan sein würde. Das Problem in Hällekis schien komplizierter zu sein. Man einigte sich im Jahr 2008 auf ein Langzeitprojekt über knapp 12 Monate. Verschiedene Ideen und Ansätze für künstlerische Interventionen wurden diskutiert, bis man sich auf ein Projekt der Schauspielerin und Theaterdirektorin Victoria Brattström einigte.

Der Weg war durchaus steinig, erinnert sie sich rückblickend: “Wir mussten erst einmal das Eis brechen und dafür sorgen, dass Leute gemeinsam Spaß haben konnten. Sie müssen sich vorstellen, da gab es Leute, die hatten sich in mehr als dreißig Jahren noch niemals die Hand gegeben.”

Impulse und Inspirationen für Mitarbeiter
Brattström ließ es langsam angehen, traf sich zunächst einmal wöchentlich mit einer internen Projektgruppe, in der beide Belegschaften aufeinander trafen. Das zunächst sehr widerspenstige Team sollte das Unternehmen gemeinsam entdecken. Mit geschärftem Blick begaben sich die Mitarbeiter auf Entdeckungsreise, fotografierten ihre Arbeitsplätze im großen Ganzen und im Detail, lauschten den Geräuschen der Maschinen ihrer Fabrik und nahmen sie mit dem Mikrofon auf. Die Ergebnisse verglichen sie miteinander: Wie sieht Dein Arbeitsplatz aus? Wie klingt Deine Maschine? Führt sie manchmal ein Eigenleben? Was machst Du dann?

Die Belegschaften stellten erstaunt fest, dass es jede Menge Verbindendes gab. Vertrauen und Sympathien wuchsen, man sprach miteinander. Über die Kunst konnten die Mitarbeiter der beiden Produktionsstätten auf Tuchfühlung gehen. Sichtbares Ergebnis der “Künstlerischen Intervention” bildete in eine Foto-Ausstellung. Sie zeigte den einzelnen Menschen, das Individuum, in seiner Arbeitssituation. Die gesammelten Geräusche wurden fantasievoll zu einer Soundcollage montiert, so entstand ein “Lied der Fabrik”. Der Prozess der Annäherung glückte über das Sammeln von Informationen und die Suche nach Gemeinsamkeiten in einer sehr offenen Atmosphäre. Die Mitarbeiter fühlten sich einander näher und dem Unternehmen stark verbunden.

Irritationen und Vorurteile
Lars Lindström, Personalchef bei Paroc Schweden, erinnert sich rückblickend noch an die Vorbehalte und Bedenken, die er anfangs hatte: “Als ich den TILLT-Vortrag hörte, war ich erst einmal recht skeptisch. Ich meine, wir produzieren Steinwolle und verarbeiten sie weiter zu Dämmstoffen. Mehr down to earth geht gar nicht. Was soll man denn da mit Kunst?!”

Etwas schwer taten sich zu Beginn der Intervention auch die Mitarbeiter: Auf den Kollegen zugehen? Ihm die Hand reichen? Mit ihm reden? Das geht nicht auf Anhieb! Selbst Workshop-Leiterin Brattström plagten Zweifel: Würde es ihr gelingen, die Herzen der Belegschaften zu öffnen? Dank ihrer sozialen Kompetenzen, Geduld, Verständnis und Humor, folgten die Mitarbeiter bald den Ideen und Anregungen der Künstlerin, aus eigener Überzeugung.

Intentionen und Meinungen
Für die Beziehung zwischen den Mitarbeitern erwies sich die “Künstlerische Intervention” als Erfolgsgeschichte. Sie wurde sogar zum Motor für die Geschäftszahlen. “Der Output hier in Hällekis ist um über 20 Prozent gestiegen. Was die Produktivität betrifft, hat sich der Standort vom Schlusslicht zum Spitzenreiter der Paroc-Fabriken entwickelt”, freut sich Personalchef Lars Lindström. Er fühlt sich bestätigt darin, die künstlerische Intervention mit Leidenschaft im Unternehmen durchgeboxt zu haben: “Innovationsfähigkeit wächst dadurch, dass sich Mitarbeiter aus unterschiedlichen Hierarchieebenen und Produktionsbereichen treffen und über ihre Arbeit austauschen.”

Und warum stiegen die Produktivitätszahlen?
“Natürlich nicht nur wegen des Kunstprojekts“, meint Lindström. “Aber es hatte auf jeden Fall einen großen Anteil daran. Der Effekt auf die Betriebskultur war enorm. Als wir irgendwann in 2009 krisenbedingt damit beginnen mussten, unsere Mitarbeiter zwischen den beiden Werken rotieren zu lassen, war das kein Problem mehr.”

Bei aller Freude über die Annäherung der Belegschaften und die erreichten Erfolge warnt Pia Areblad von der Vermittlungsagentur TILLT davor, eine Kunstintervention mit zu klaren Zielen zu verplanen: “Damit eine Kunstintervention dem Unternehmen auch wirklich etwas bringt, muss es die Offenheit des Prozesses akzeptieren. Das ist erfahrungsgemäß für viele Unternehmen schwierig, ist aber die Voraussetzung für die Wirksamkeit der Intervention.”

© Paroc

Was erfolgreich ist, wird fortgesetzt: eine Weihnachtsgeschichte
Ermutigt vom Erfolg in Hällekis folgte bei Paroc schon ein Jahr später am Standort von Skövde ein ähnliches Projekt. Der Stoff, aus dem eine neue Vision geboren werden sollte, war schnell gefunden: Steinwolle. Also das, was die Mitarbeiter täglich im Unternehmen begleitete. Die Probierfreude wuchs mit jedem Tag und förderte die Offenheit der Belegschaft ganz enorm.

Am Ende erfüllte sich ein großer Wunsch: Die Mitarbeiter träumten schon lange von einem traditionellen “Julbock”, wie es ihn jedes Jahr zur Adventszeit in der schwedischen Stadt Gävle gibt. Doch dort brennt der Ziegenbock aus Stroh häufig ab. Das Paroc-Team baute ein robustes, feuerbeständiges Exemplar aus Steinwolle und dekorierte es mit Lichterketten. Der Weihnachtsbock “Stene” wird nun jedes Jahr im Dezember auf dem Marktplatz von Skövde aufgebaut und bringt Licht und Freude in die Herzen der Menschen. Besser kann man sich Teambildung kaum vorstellen!

Nachhaltigkeit
Victoria Brattström war erfreut, dass die Mitarbeiter im Verlauf der Kunstintervention immer mehr Eigenverantwortung übernahmen. Irgendwann konnte sie loslassen und sich aus dem Projekt zurückziehen. Denn nachhaltig wirkt eine Aktion nur, wenn sie nicht mehr von außen gesteuert werden muss. Die Mitarbeiter lernten, sich selbst zu organisieren, Aufgaben und Zuständigkeiten zu verteilen, Ergebnisse abzufragen und gegebenenfalls nachzubessern.

Kommunikationsprobleme, die durch Umstrukturierungen und Wachstum entstehen, müssen kein Dauerzustand sein. Mit intelligenter Personalpolitik, die nah am Menschen ist, lassen sich Fehlsituationen beheben. Kunstinterventionen als Alternative zu übergestülpten, überteuerten Beratungsangeboten sind daher eine Überlegung wert. Entscheidend ist, auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter einzugehen, ihnen zuzuhören und zu vertrauen, ihnen Herausforderungen anzubieten und verborgene Talente zu fördern. So können wunderbare
Nebeneffekte entstehen, wie Paroc beweist.

Als sich die Kunstintervention bei Paroc auch in anderen Ländern herumgesprochen hatte, wurde ein Mitarbeiter von Paroc, der am Geräusche-Soundprojekt beteiligt war, zur EU-Konferenz “Creativity and Innovation” nach Brüssel eingeladen. Der Gabelstaplerfahrer hielt die Eröffnungsrede und erzählte mit großem Stolz, wie er ganz persönlich am Kunstprojekt gewachsen war.

Quellen und Inspirationstipps:

Film über die Herstellung des Julbocks bei Paroc
Film über Parocs Julbock in der Stadt Skövde
European Conference on Creativity & Innovation (ECCI)
Interview mit Pia Areblad – European Cultural Forum (in Englisch)
TILLT – schwedisches Vermittlungsbüro für Kunstinterventionen: http://www.tillt.se/sv-SE