Umdenken: Wie Banken und Banking sexy werden

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Banking ist nicht sexy und müsse es auch nicht werden, meinte kürzlich KPMG-Bankexperte Sven Korschinowski in einem Interview: „Banken erbringen keine Primärleistung [Hauptleistung]. Finanzdienstleistungen sind ein Mittel zum Zweck, z. B. zur Erfüllung eines Konsumwunsches.“ 

Haben Banken eine Zukunft?

Leider viel zu kurz gedacht – in meinen Augen. Wenn Banken ihr Selbstverständnis auch zukünftig allein auf Finanzdienstleistungen gründen, verspielen sie über kurz oder lang ihre Existenzberechtigung. Banken steht ein massiver Arbeitsplatzabbau bevor. Mit Blick auf Blockchain, FinTechs und Finanz-Apps (Banking to go / Banking für die Hosentasche), fragen sich bereits heute viele Kunden, warum sie für die Regelung ihrer finanziellen Verpflichtungen Gebühren zahlen sollen, wenn sie die Leistungen anderswo gratis bekommen. Microsoft-Gründer Bill Gates sagte schon 1998: „Banking is necessary, Banks are not”.

Warum heutige Banken nicht sexy sind

Der Hype um FinTechs, neue Technologien und digitale Geschäftsmodelle verstellt den Blick auf die wahren Probleme von Banken und zugleich auch auf ihre Chancen und Potentiale. Warum ist Banking nicht sexy? Weil die Verwaltung von Geld genau genommen leblos ist. Ganz anders ist es, wenn der Mensch ins Spiel kommt. Wie wäre es, wenn Banken zum Lebens- und Potenzialberater ihrer Kunden werden würden und dabei nicht nur Kapitalvermögen und Immobilien im Blick hätten?

 © Michael Ottersbach, Pixelio.de

Potentiale des Immateriellen

Seit Jahrhunderten wird der Bankkunde auf sein materielles Vermögen reduziert! Warum soll das zukünftig so bleiben, frage ich mich. Wir leben in einer Informations- und Wissensgesellschaft, die sich auf Talente, Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten gründet! Wäre es nicht weitaus nachhaltiger gedacht, eine Bank würde ihren erwachsenen und heranwachsenden Kunden begleitende Beratung bei der Berufs- und Lebensplanung anbieten? Sie könnten Schülern mit Hilfe von Partnern aus Wirtschaft und Kultur kostenfreie kreative Workshops offerieren – zur Talenterprobung und Potentialentfaltung. Stattdessen werden minderjährige Bankkunden bzw. deren Eltern phantasielos mit Zinsen geködert (Mäusesparen & Co.). Zukunftsorientierte Banken sollten ihre Kunden von morgen lieber mit spannenden Erlebnissen locken, bei denen Kinder und Jugendliche Offenheit, Mut, Kreativität und Vielfalt erfahren und erspüren können. Das, was die Arbeitswelt zukünftigen Generationen stärker abfordern wird und das, was uns Menschen trotz Künstlicher Intelligenzen unersetzlich macht. Gewohnte Denkmuster müssen daher dringend aufgebrochen werden!

Fragen an die Bank der Zukunft

Warum muss sich die Dienstleistung einer Bank auf die Verwaltung von materiellen Dingen (Vermögen, Kredite usw.) beschränken? Kein Wunder, dass der Kunde das wenig sexy findet! Warum investiert diese – wie andere bedrohte Branchen auch – meist nur in technologische Innovationen? Warum denkt eine Bank der Zukunft nicht primär über eine soziale Innovation nach und setzt erst später unterstützend und begleitend auf neue Technologien? Der Mensch sollte Treiber für die Technologie sein und nicht umgekehrt! Warum lassen Banken das immaterielle Kapital und Vermögen ihrer Kunden derzeit völlig außer Acht?

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Nachhaltigkeit

Wer seine Kunden umfassend bei Bildung und Potentialentfaltung unterstützt und in ihre Talente investiert, wird zukünftig vermutlich über finanzstarke, solvente und zufriedene gesunde Kunden verfügen. Und nicht nur das: Er wird Kunden haben, die gesund und resilient sind, weil sie durch Talent- und Potentialentfaltung gelernt haben, zukünftigen Veränderungen im Leben oder am Arbeitsmarkt flexibel, offen und angstfrei zu begegnen.

Wer seine Kunden nach ihren Neigungen, Leidenschaften, Ideen und Lebensträumen befragt und sie bei der Realisierung unterstützt, vom Denken und Planen zum Handeln zu kommen, wird sie dauerhaft an sich binden. Wer in immaterielle Potentiale seiner Kunden investiert, sorgt für ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Wer seinen Kunden hingegen weiterhin unmoralische Spekulationsgeschäfte mit Hedgefonds und risikoreichen Derivaten aufschwatzt und Vermögen gewissenlos verzockt, wird verdient untergehen.

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Soziale Innovationen

Wo Märkte und Branchen versagen, bilden sich Freiräume und Chancen für soziale Innovationen und für die Bank von morgen, der sie getrost ihr Vertrauen schenken dürfen. Stellen Sie sich folgende Szenarien vor:

Szenario 1: Angebote für Heranwachsende

Sie erhalten Post von Ihrer Hausbank: „Sehr geehrte/r Kunde/in, in wenigen Tag für Ihr/e Sohn/Tochter 14 Jahre alt. Wir freuen uns mit Ihnen und möchten Ihr Kind zu einem Erlebnis- und Entdeckertag mit einer kostenfreien eintägigen Talent- und Potentialberatung einladen. Der Gutschein ist beigefügt! Wir freuen uns auf Ihr Kind und einen ereignisreichen Tag. Mit freundlichen Grüßen – Ihre Potential-Bank der Zukunft!“

Ein interdisziplinäres Team erfahrener Pädagogen, Psychologen, Künstler und Sozialwissenschaftler unterhält sich ausführlich mit Ihrem Kind, lässt es spielerisch verschiedene geistige, kreative und empathiebezogene Herausforderungen bearbeiten und Fragebögen ausfüllen. Am Ende erhalten Sie und Ihr Kind eine ausführliche Auswertung und ein persönliches Beratungsgespräch, um Ihrem Kind und Ihnen verschiedene Vorschläge für ein künftiges sinnerfülltes und glückliches Leben zu unterbreiten, an welchem Ort, in welcher Branche, in welcher Funktion auch immer, entsprechend der besonderen Talente, Fähigkeiten und Neigungen, egal ob in einer Erwerbsarbeit oder in einem Ehrenamt.

Bereits heute bieten Institute in jeder größeren Stadt Potentialanalysen für Jugendliche an, allerdings zu stolzen Preisen um die 1.500 €. Eine Investition, die nicht jeder aufbringen kann.

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Szenario 2: Angebote für Erwachsende

Sie sind an einem Wendepunkt in Ihrem Leben (völlig normal!) und denken über eine Veränderung nach. Sie rufen bei Ihrem persönlichen empathiekompetenten Bankberater an, dem Sie ihre Situation schildern. Er stellt für Sie persönlich ein interdisziplinäres Kompetenzteam zusammen, das der Bank verbunden ist, und vereinbart für Sie eine kostenlose ganzheitliche Beratung, die Ihre besondere Situation von allen Seiten beachtet. Zum Team gehören: ein Branchenexperte, ein Arbeitsmarkt- bzw. Personalexperte, ein Journalist, ein Psychologe, ein Allgemeinmediziner, ein Experte für lebenslanges Lernen und ein Künstler bzw. Kreativschaffender. Nach der Erstberatung wird das weitere Vorgehen entschieden. Das Expertenteam hört Ihnen zu und berät sie, Sie fühlen sich wertschätzt, angenommen, aufgefangen. Und finden früher oder später eine Lösung, die Sie glücklich macht und gesund bleiben lässt.

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Szenario 3: Herzensprojekte

Sie haben eine Projekt- oder Geschäftsidee bzw. planen ein soziales oder ehrenamtliches Projekt. Neben Kapital benötigen Sie zunächst einmal Informationen: Kontakte zu Fachjournalisten und Branchenkennern, zu potentiellen Kunden zur Testung Ihrer Ideen und Prototypen, zu Künstlern und Designern sowie weiteren Wissensträgern, u. a. zu Studenten aus Universitäten und (Fach-)Hochschulen, zu Azubis passender Fachbereiche. Sie brauchen kommunikativen Austausch in einem Netzwerk mit Creator, Owner und Broker. Sie rufen Ihren Bankberater an. Mit Hilfe seiner Kontakte und einer digitalen Matching-Plattform stellt er Ihnen eine Vorschlagsliste mit einem interdisziplinären, fachkundigen Team zusammen und unterstützt damit Ihr Lebensprojekt mit ideellen Werten und immateriellem Kapital. Wer für Sie Beratungs- und Unterstützungsleistungen erbringt, wird hälftig von Ihnen, dem Kunden, und Ihrer Bank vergütet – über Micropayment bzw. ein Punktesystem, das der Hilfe-Erbringende später selbst rückinvestieren kann. Banken können zu ThinkTanks und zu sozialen Treffpunkten werden, für kommerzielle Vorhaben ebenso wie für soziale und ehrenamtliche Projekte.

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Wie soll das funktionieren?

Schon heute werden in Personalabteilungen Künstliche Intelligenzen eingesetzt, um die Auswahl geeigneter Bewerber bzw. zukünftiger Mitarbeiter zu erleichtern, zu beschleunigen und effizienter zu gestalten. Ob dies immer im Interesse der Bewerber geschieht, ist ein anderes Thema. Fakt ist, dass Personalabteilungen zukünftig weniger Mitarbeiter benötigen. Die überzähligen Personalexperten könnten sich als Lebenssinn- und Potentialberater neu aufstellen, um vom Kind bis zum Rentner jeden Bürger zu unterstützen, eigene Talente und Fähigkeiten aufzuspüren und den individuellen Lebenssinn zu finden. Mentoring durch persönliche Zuwendung!

Der Mensch im Mittelpunkt

Der Ökonom Tomás Sedlácek war wirtschaftspolitischer Berater des früheren tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel. In seinem philosophischen Buch Die Ökonomie von Gut und Böse schreibt er: „Die Menschen haben von den Ökonomen schon immer vor allem wissen wollen, was gut und was böse oder schlecht ist, und das ist bis heute so geblieben … Wir [Ökonomen] haben zu viel Gewicht auf das Mathematische gelegt und unser Menschsein vernachlässigt. Das hat zu schiefen, künstlichen Modellen geführt, die uns kaum dabei helfen, die Realität zu verstehen.“

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Die Bank als Lebensbegleiterin

Statt einen Menschen mit Druck zu entmutigen, sollten wir ihm mit positiver Sogwirkung Auftrieb geben. Wenn wir unser Potential bestmöglich entfalten können, werden wir den richtigen Platz für uns im Leben finden. Wenn die Bank dazu beiträgt, sorgt sie nachhaltig dafür, einträgliche und rentable Kunden zu gewinnen und dauerhaft an sich zu binden.

Wir können der eigenen Berufung und dem Herzensthema hochmotiviert bis ins hohe Alter folgen. Voraussetzung ist, dass uns jemand dabei unterstützt und uns die richtigen Fragen stellt:

  • Was könnte meinem Leben Sinn geben?
  • Womit möchte ich mir oder anderen Menschen Freude bereiten?
  • Wo und wie kann ich in der Gesellschaft Unterstützung leisten?

Warum sollte nicht eine Bank diese individuelle Lebenssinn- und Potentialberatung übernehmen bzw. sie zumindest anstoßen und begleiten? Könnten Banken auf diese Weise zu einem neuen Selbstverständnis finden – als Potentialförderer für uns Bürger? Sie könnten ihr häufig verspieltes Vertrauen zurückgewinnen, indem sie nicht nur materielles, sondern auch geistiges Vermögen treuhänderisch verwalten, also immaterielles Kapital analysieren, bewahren und vermehren.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Kreativität und Lebenssinn

Es geht im Leben mehr denn je darum herauszufinden, wo die eigenen Talente und Fähigkeiten liegen, an welchem Ort und in welcher Funktion wir sie sinnvoll einsetzen möchten. Kreativitätsexperte Sir Ken Robinson hat es in einem Interview so erklärt: „You create your life and you can recreate it too. In times of economic downturn and uncertainty it’s more important than ever to look deep inside yourself to fathom the sort of life you really want to lead and the talents and passions that can make that possible.“ (Forbes)

Banken werden ihre Relevanz und Überlebenschance zukünftig daran messen lassen müssen, inwiefern sie den Austausch zwischen Menschen und die Vermehrung von sozialem Kapital fördern und das Geflecht persönlicher wertschätzender Beziehungen zum Blühen bringen. Das Saguaro Seminar der Harvard University hat 150 Strategien entwickelt, die zeigen, wie wir soziales Kapital vermehren können. Von diesen Ideen und Strategien können Banken sehr viel lernen! 

Peter Fox, der Sänger der Berliner Band Seeed, hat es im Song Alles neu auf seiner Solo-CD „Stadtaffe“ so formuliert:

„Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht. Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.“

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Künstliche Intelligenzen: Wie kreativ sind Watson und Co?

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Durch die Verarbeitung riesiger Datenmengen und durch permanentes Selbsttraining („Deep Learning“) können künstliche Intelligenzen (KI / AI /Bots) Muster erkennen, klassifizieren und bewerten. Und hilfreiche Entscheidungen für die Verknüpfung von Informationen treffen. Doch welche Folgen hat das für uns Menschen? Wohin führt es, wenn selbstlernende Maschinen sogar kreative Bereiche erobern, z. B.   

  • Kochen nach Rezept: IBM Watson als Koch-Bot
  • Dichten bzw. Schreiben von Gedichtsammlungen: die KI Xiaoice (wörtlich: „Microsoft Kleines Eis“) hat in 2760 Stunden mehr als 10.000 Gedichte verfasst. Die KI wurde dafür mit modernen chinesischen Gedichten von 519 Autoren der letzten knapp 100 Jahre „gefüttert“. 139 neu erstellte Gedichte von Xiaoice wurden für die Sammlung „Sonnenschein vermisst Fenster“ ausgewählt.
  • Komponieren mit Sonys Flow machines im Beatles Stil und mit IBM Watson für Not Easy von Alex Da Kid
  • Zeichnen im Stile bekannter Künstler: Next Rembrandt – Kooperation Rembrandthuis, Microsoft und Delft University of Technology
  • Schaffung von neuen Filmdrehbüchern aus schon vorhandenen Science-Fiction-Plots mit der KI Benjamin im experimentellen Kurzfilm It’s No Game mit David Hasselhoff 
  • Modedesign Entwurf neuer Kollektionen mit IBM Watson und dem Melbourner Designer JASONGRECH 
  • Kuratieren von Themenmagazinen, Werbe- und Marktingkampagnen: IMB Watson als Chefredakteur von The Drum

 © Next Rembrandt

Fragen, denken, reflektieren

Ist es das Ende unserer Kreativität, wenn selbstlernende Maschinen zeichnen, komponieren, schreiben und kochen können? Ganz und gar nicht! Mit reflektiertem oder visionärem (Voraus-)Denken, mit den richtigen Fragen, mit Haltung und Gewissen machen wir Menschen uns unersetzlich! Was von künstlicher Intelligenz nicht ersetzt werden kann, ist Kreativität und kritisches Denken, Empathie und Wertschätzung, aktives Zuhören und eine zugewandte Gesprächsführung, Mut und Leidenschaft. 

Künstler und Kreativschaffende sind mitfühlende Pioniere und Visionäre. Sie entwerfen Gedankenkonzepte, was einmal sein kann und sein könnte. Ideen für Coworking und Sharing, für interdisziplinäres und branchenübergreifendes Arbeiten, für mehr Nachhaltigkeit, Gemeinwohl und Kreislaufkultur sind maßgeblich durch Impulse von Künstlern und Kreativen entstanden und werden von ihnen vorangetrieben. Sie sind die Basis für innovative Geschäftsmodelle höchst erfolgreicher Unternehmen. Ein Beispiel: Künstler und Designer experimentieren häufig mit heimischen Naturstoffen. Sie sind Vorreiter der rasant wachsenden Bioökonomie. Die Künstlerin Julia Lohmann verwendet neben Algen auch Papier, Stroh und Löwenzahn. Nun zieht die Automobilindustrie nach. Der Reifenhersteller Continental verarbeitet anstelle von Kautschuk sibirischen Löwenzahn, der ebenfalls über die begehrten gummiartigen Eigenschaften verfügt. 

Wer profitiert von visionären Ideen und Konzepten?

Viele technologische und auch soziale Innovationen wurden von Künstlern, Schriftstellern und Filmemachern in ihren Werken vorweggenommen. Sollten Energie- und BioTech-Unternehmen daher Lizenzen für die visionären Ideen von Science Fiction-Autoren zahlen? Oder ist es gesellschaftlicher Konsens, dass nur diejenigen Gewinne machen, die Ideen zur Marktreife führen – ohne dass kreative Vordenker davon profitieren? Ein kurzer Streifzug durch richtungsweisende Bücher und Filme fasst einige Verdienste kreativer Zukunftspioniere zusammen: 

 © Jules Verne: “Wasser ist die Kohle der Zukunft.“

Fiktion und Realität

  • 1870 prophezeite Jules Verne in seinem Buch “Die geheimnisvolle Insel”: „Das in seine Elementarbestandteile zerlegte Wasser […] ist die Kohle der Zukunft.“ (Verne 1870) Wasserstoff wird inzwischen von vielen Unternehmen als Energiespeicher und für den Antrieb von Verkehrsmitteln genutzt.
  • 1966 entwickelte der russisch-amerikanische Biochemiker und Sachbuchautor für den Film „Die phantastische Reise“ die Idee, Ärzte in einem U-Boot auf Mikrobengröße zu schrumpfen und sie über die Blutbahnen in das Gehirn eines Geheimagenten zu schleusen, um schließlich einen Tumor in dessen Kopf zu zerstören. 2011 lässt Andreas Eschbach seinen Helden Hiroshi „Herr aller Dinge“ im gleichnamigen Roman mit selbst programmierbaren, reproduzierbaren Nanorobotern werden. Inzwischen ist es Nanotechnologen in verschiedenen Ländern tatsächlich gelungen, winzige Roboter zu entwickeln, um sie über Blut oder Augenflüssigkeit zu Krankheitsherden zu leiten.
  • 1985, 1989, 1990 offenbart die Filmtrilogie „Zurück in die Zukunft“ eine wahre Fundgrube an innovativen Produktideen, erfunden von den Autoren Bob Gale und Robert Zemeckis. Nach der Jahrtausendwende kamen viele der Filminnovationen tatsächlich auf den Markt oder stehen kurz vor dem Durchbruch: sensorgestütztes smartes Wohnen mit Sprachsteuerung, gläserne, smarte Brillen, 3D-, VR- bzw. Hologramm-Entertainment, Drohnen und selbstfahrende Autos,  Videokonferenzen, intelligente, anpassbare Kleidung. Selbst das schwebende Hoverboard verwirklichte der japanische Lexus-Konzern mit gekühltem Flüssigstickstoff auf einer Skaterbahn in Barcelona – so oder so ein medienwirksamer PR-Coup.
  • Der tschechische Literat Josef Čapek erdachte 1920 das Wort „robot“. Dessen Bruder Karel hatte in seinem Theaterstück „R.U.R. – Rossums Universal-Robots“ menschähnliche Wesen auftreten lassen, die zuvor als künstliche Arbeiter in Tanks gezüchtet wurden. Als die Roboter für die Menschen Frondienste und Zwangsarbeit verrichten müssen, revoltieren sie. Der Traum vom künstlichen Menschen wurzelt bereits in der hebräisch-jüdischen Legende vom Golem.

 © IBM Watson: Jeopardy-Quiz

Roboter und Künstliche Intelligenzen in der realen Welt

1954 wurde das erste Patent für einen Industrieroboter angemeldet. Humanoide Maschinen bevölkern inzwischen unser gesamtes Leben: als Putz-, Service- und Spielzeug-Roboter, Medizin- und Pflege-Roboter, Forschungs- und Erkundungsroboter, Militär- und Sex-Roboter. 

Im Mai 2017 präsentierte Google auf seiner Entwicklerkonferenz I/O seine Vision von der künstlichen Intelligenz: From Mobile First to AI First. AI (Artificial Intelligence), also künstliche Intelligenz, soll uns überall unterstützen, allgegenwärtig und jederzeit ansprechbar sein. Alles ist vernetzt und smart: zu Hause und unterwegs, im Auto, beim Sport, auf dem Smartphone und der Armbanduhr.

Menschlich aussehende Roboter erobern sich unsere Bewunderung und  Sympathien. Im Technikmuseum Berlin führte Roboter Tim durch die Ausstellung, beim Hamburger Rathausdinner hielt Nao eine blecherne Ansprache, auf der Reisemesse ITB begrüßte ChihiraKanae die überraschten Gäste. Im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 will Roboter BlessU-2 Besuchern der Reformationsweltausstellung in Wittenberg mit segnenden Sprüchen Denkanstöße geben.

Die künstlichen Intelligenzen lassen ihren menschlichen Gegnern in vielen Denk-Disziplinen keine Chance mehr, sie sind dem Menschen klar überlegen ist – bei Tempo, Präzision und kognitiver Leistung:

ChatBot-Assistentin mit Persönlichkeit und Emotionen

In der US-amerikanischen Anwaltsserie Suits erscheint in Staffel 6 die künstliche Intelligenz DONNA. Wie ihr Vorbild, die gleichnamige menschliche Chefsekretärin, weiß auch die leblose Donna auf jede Frage die passende schlagfertige oder einfühlsame Antwort. Sie reagiert intelligent, humorvoll, ironisch, emotional. Soweit die Fiktion! 

Im realen Leben können künstliche Intelligenzen noch kein Mitgefühl zeigen. Doch Konversation treiben und begrenzt empathisch reagieren die neuen Assistenten schon heute. Das spanische Unternehmen HUTOMA programmiert intelligente ChatBot-Assistenten mit Persönlichkeit, die sich selbstlernend an den Nutzer, seine Gewohnheiten und Vorlieben anpassen kann. Chatbots werden derzeit im Kundenservice eingesetzt, können z. B. das Schreiben von Briefen übernehmen, als Reise-Assistenten Tipps für Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten und Abendvergnügungen geben und Buchungen regeln.

Inspirierende Roboter und beratende Chatbots  

Roboter können uns auch inspirieren, z. B. zu krafttankenden Pausenaktionen und zu meditativem Nichtstun. Das zeigten Künstler mit ihren originellen Maschinen-Installationen Kreative Robotik auf der Ars Electronica 2017.    

Nach Auskunft der Hamburger Agentur TrendOne soll sich der Vorstand des Investmentunternehmens Deep Knowledge Ventures in Hongkong bereits bei wichtigen Entscheidungen von einem Algorithmus (VITAL) beraten lassen. Es geht dabei um die Bewertung von Start-ups sowie um Marktanalysen bei Investitionen in Unternehmen, die im Gesundheitswesen tätig sind.

Die japanische Finanzgruppe Sumitomo Mitsui hat einen App-Bot entwickelt, der Fragen von Kunden direkt beantworten kann. So weit, so gut. Ein anderer Bot wird Telefonverkäufern des Unternehmens zur Seite gestellt. Er soll ihnen während des Kundentelefonats Antworten empfehlen und quasi einflüstern, um Kunden gezielt zum Vertragsabschluss zu überreden. Basis sind bereits aufgezeichnete Gespräche, die zuvor nachweislich zum Erfolg geführt haben.

Auch in der Personalberatung werden Chatbots genutzt. Das US-amerikanische Startup Wade & Wendy befragt mit der Künstlichen Intelligenz „Wade“ Bewerber nach ihren Vorlieben und Erfahrungen und schlägt ihnen regelmäßig passende Beschäftigungsmöglichkeiten vor. Die KI „Wendy“ berät Unternehmen, integriert in die Kooperationsplattform Slack, und soll für jedes Projekt geeignete Kandidaten finden.

Effizienz und Effektivität

Künstliche Intelligenzen dienen als Mittel der Effizienz, aber auch der Effektivität, wie die Befürworter versichern. Software lasse sich nicht von Sympathien, Vorlieben oder Vorurteilen leiten. Die Bewerber sollen chancengerecht und unvoreingenommen bewertet werden, unabhängig von Geschlecht und Alter, von kultureller und sozialer Herkunft. Ob sich damit die besten Kandidaten finden werden, wird die Praxis zeigen. Skepsis ist angebracht. Wenn Vorhersagen nach statistischen Wahrscheinlichkeiten getroffen werden, wird die Entscheidung über geeignete Jobanwärter am Ende vielleicht doch einseitig ausfallen. Wer wird die Prüfung nicht schaffen? Wer wird häufig krank? Wer kann die Kreditrate nicht zahlen? Wer wird straffällig? Es ist eine Frage der Ethik, welche Entscheidung der Computer treffen oder was der Mensch lieber selbst entscheiden soll.

Ethik und Gewissen: Unser Handeln hat Folgen!

Mit ihren fiktionalen Zukunftsentwürfen habe Künstler und Kreative stets auch gemahnt, dass wir bei allen Utopien die Folgen unseres Handelns im Blickfeld behalten. Die britische Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ präsentiert seit 2011 mögliche Erfindungen der Zukunft und stellt dazu ethische Fragen. Welche sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Folgen haben künstliche Intelligenzen für uns Menschen? Wie wirken virtuelle Scheinwelten, mediale Hetzjagden auf reale Menschen und Cartoon-Helden als Präsidenten? Die Episoden führen uns bizarre Konsequenzen unserer hochtechnologisierten Zukunft vor Augen. Es geht um Verantwortung und die Ambivalenz von Technik: Vergnügen oder Unbehagen? Was passiert, wenn die größten Innovationen der Menschheit auf dunkle Instinkte treffen? Retten neue Technologien die Welt oder wieder nur Macht und Profit von einigen wenigen?

Haltung

Wie und wofür setzen wir unsere Kreativität ein? Bei der Beantwortung dieser Frage geht es um innere Haltung. Wir müssen uns auch über die Folgen unseres Handelns bewusst werden. Kreativität besteht nicht nur in ästhetisch-gestalterischen Kompetenzen, sondern auch um unsere Gewissenhaftigkeit. Aus gutem Grund entscheidet über den Start eines gentechnischen Projektes eine Ethikkommission. Bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Biohacking, bei transhumanistischen Selbstversuchen und Kryonik-Experimenten steht eine vergleichbare Kontrollinstanz noch aus. Die Konsequenzen sind derzeit nicht absehbar. 

Unternehmenskultur

Inzwischen kann Künstliche Intelligenz auch prüfen, ob ein Kandidat in das Team passt. Bisher war das auch mit mehreren zeitintensiven Bewerbungsgesprächen schwer zu beurteilen. Als Basis für das datengestützte Verfahren nutzt nun das Berliner StartUp Bunch das Modell Organisational Culture Diagnosis von Charles O’Reilly von der Stanford University. Jedes Team im Unternehmen füllt zunächst einen 5-minütigen virtuellen Fragebogen aus, der sechs Kriterien aus O’Reillys Modell abbildet: Ziel- und Detailorientierung, Kollaboration, Kundenorientierung, Integrität und Anpassungsfähigkeit. Anschließend füllt jeder Bewerber den identischen Fragebogen aus. Bunch vergleicht nun die Ergebnisse des Bewerbers mit den Resultaten des Unternehmens. Auf diese Weise entsteht ein umfassendes Kandidatenprofil mit Verhaltenstendenzen und ein bewertendes Fazit, wie gut ein Kandidat zum Unternehmen bzw. zum Team passt. 

Lern- und Entscheidungswege von KIs

KIs sind häufig black boxes, d. h. man weiß nicht exakt, wie die KIs zu ihren Ergebnissen gelangen. Die Lern- und Entscheidungswege sind für Forscher nicht immer nachvollziehbar. Bei der Bewertung von Pro- und Contra-Argumenten (Argumentation Mining) wurde beobachtet, dass die KI Argumente mit Zahlen und Statistiken höher  bzw. stärker gewichtet als ethische Begründungen. Wohin es führt, wenn Algorithmen mehr Glauben geschenkt wird als unserem gesunden Menschenverstand, zeigt der Hochfrequenzhandel an den Börsen. Der Forscher Klaus Mainzer, Experte für Komplexitätsforschung und Künstliche Intelligenz (KI) an der TU München, fordert daher: „Wir Menschen müssen das Wissen, wie unsere Technologie prinzipiell funktioniert, behalten. Alles andere wäre sehr leichtfertig.“ 

Mehr zum Thema: Die menschliche Seele: Eine Novelle über Kreativität und künstliche Intelligenz

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hat eine Open-Innovation-Plattform gestartet für eine Debatte über Intelligente Vernetzung. Wissenschaftliche Texte zu Themen der KI und des Maschinellen Lernens veröffentlicht Apple auf seinem Blog Machine Learning Journal.

Die menschliche Seele: Eine Novelle über Kreativität und künstliche Intelligenz

  © MassivKreativ

Vor langer, langer Zeit schuf der Mensch sich nach seinem Abbild einen Golem. Die Nachbildung aus Lehm sollte ihm als Helfer, Freund und Befreier dienen. Einmal in der Woche erweckte der Mensch seinen Golem zum Leben. Doch einmal vergaß es der Mensch, was den Golem so erzürnte, dass er außer Kontrolle geriet und großen Schaden anrichtete. Der Mensch stellte den Golem ruhig und erweckte ihn fortan nie wieder zum Leben. Viele Jahre vergingen…

Der Traum vom künstlichen Menschen blieb

…. bis die Idee neu aufkeimte. Diesmal sollte das Wesen klüger und vernünftiger sein als sein Vorgänger. Und so schufen sich die Menschen einen Super-Computer und nannten ihn „Watson“. All das, was die Menschen bis dahin gelernt hatten, flößten sie Watson ein, der nun nicht mehr aus Lehm, sondern aus Platinen und Prozessoren bestand. Unersättlich verschlang Watson das Wissen der Welt als Datenvolumen und verdaute es als Bits und Bytes. Und die Menschen bewunderten seine strahlende Intelligenz.

Anfangs übernahm Watson nur Rechenaufgaben, die dem Menschen zu mühsam und langwierig waren. Doch dann wagten die Menschen ein Experiment. Sie fütterten den Computer mit Kunst. Und siehe da: auch Musik, Klänge, Texte, Objekte, Bilder und Pinselstriche zerlegte Watson in seinen Eingeweiden fein säuberlich in Nullen und Einsen, vernetzte sie auf seine Weise und spuckte sie als neue Werke wieder aus: Musik, Fotos, Bilder, Skulpturen, Gedichte und Geschichten. Die Menschen erschraken: Konnte ein künstliches Wesen tatsächlich kreativ sein – so wie sie selbst – oder gar besser?

… Und die Menschen diskutierten: Konnte es ein Super-Computer mit einem echten Künstler aufnehmen? Könnten die Menschen unterscheiden, ob der Urheber aus Fleisch und Blut  oder Platinen bestand? Könnte ihr Urteil gar bewertend in „besser“ oder „schlechter“ ausfallen? Und wie war es mit den Emotionen: Vermochten die Schöpfungen des Super-Computers die Menschen anzurühren, zum Weinen, zum Lachen und zum Nachdenken bringen? Und die Menschen schauten und lauschten, lasen und fühlten und: waren uneins. Bis ein kleines Mädchen beide Schöpfer nacheinander fragte: „Und wie ist Dein Werk entstanden?“ Der menschliche Künstler lächelte, beschrieb sein Wollen, Streben und Tun innerlich erregt mit leuchtenden Augen und fesselnden Worten. Er schilderte seine Inspirationen in schillernden Beispielen und seine Botschaft mit mitreißender Kraft. So viel Herzblut sei geflossen, so viel Zweifel, so viel Leidenschaft …

Und Watson?

… spulte beflissen seine Nullen und Einsen ab. „Der hat ja gar keine Seele!“, rief das kleine Mädchen enttäuscht. Da wandten sich die Menschen von Watson ab … Doch das war Watson egal. Er wertete die menschliche Ignoranz in seinem unaufhaltsamen Optimierungsplan als Fehler, als Störfaktor, und eliminierte die menschlichen Kreaturen.

Sie wünschen sich ein glückliches Ende?

Wie die Geschichte ausgeht, haben wir selbst in der Hand, übrigens: Jede/r von uns!

Eine Novelle von Antje Hinz, Erstveröffentlichung, Hamburg, April 2017.

Mehr zum Thema: 

Ist es das Ende unserer menschlichen Kreativität, wenn selbstlernende Maschinen zeichnen, komponieren, schreiben und kochen können? Ganz und gar nicht! Mit visionärem Vorausdenken, mit Haltung, Gewissen und Empathie machen wir Menschen uns unersetzlich! Zum Artikel: Wie kreativ sind Künstliche Intelligenzen wie Watson und Co? 

Wieviel Seele hat diese Kunst: Entscheiden Sie selbst!


Roboter-Kunst von cover-video-deutsch

Agent of Change: Zwischen HPI Potsdam und Silicon Valley

andrea-kuhfussc_daniela_buchholz-2-klein © Andrea Kuhfuß, Foto: Daniela Buchholz

Leading Digital Transformation and Innovation am Hasso-Plattner-Institut

Andrea Kuhfuß ist Innovationsmanagerin und Projektleiterin des DIGILAB Brennerei 4.0 bei der Wirtschaftsförderung Bremen. Die Institution möchte Unternehmen dabei helfen, Digitalisierungsprozesse zu initiieren und durchzuführen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und die technologischen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, u. a. durch Beratungsförderung, F&E Förderung, durch Wissens- und Technologietransfer bzw. durch Innovationswerkstätten und Innovationsforen.

Kuhfuß hat im Rahmen von Stipendiatenprogrammen, Innovationswerkstätten, Seminaren und Workshops Projekte mit Absolventen diverser Studiengänge angeleitet. Mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und zivilgesellschaftlichem Umfeld konnten vor allem dank ihres Engagements Lösungsansätze für aktuelle Herausforderungen erarbeitet werden. Der interdisziplinäre Austausch ist ein enormer Gewinn – sowohl für die jungen Absolventen als auch für die Unternehmen, Institutionen und Vereine.

Im Herbst 2016 hat Kuhfuß nun selbst ein zertifiziertes Weiterbildungs- und Trainingsprogramm am Hasso-Plattner-Institut (HPI) Potsdam und am kalifornischen Stanford Center for Professional Development durchlaufen: Leading Digital Transformation and Innovation. Ich habe mit ihr über ihre Motivation, über Inhalte, Chancen, und Ziele des Programmes gesprochen, über die Start-up-Kultur im Silicon Valley, über DesignThinking und Innovation, Veränderungsprozesse in Unternehmen und über Künstliche Intelligenz.

A.H. Andrea, Du beschäftigst Dich seit vielen Jahren mit dem Thema Innovation und hast Dein Wissen im Rahmen von Innovationswerkstätten, Seminaren und Workshops weitergegeben. Warum hast Du Dich dennoch entschlossen, am Innovationsprogramm des Hasso-Plattner-Instituts teilzunehmen?

Ich kann mich noch genau an die Situation erinnern. Es muss irgendwann im April 2016 gewesen sein – ich saß auf dem Sofa und las ‚Die Zeit‘, in der ich die Anzeige vom HPI entdeckte. Ich wusste, das ist die Weiterbildung, die ich mir schon seit langem gewünscht habe. Auch die Kosten, die ich auf der Website des HPI fand, schreckten mich nicht ab. Ich beschäftige mich schon seit langem mit der Idee des Agent of Change, der in Unternehmen als Intermediär zwischen den unterschiedlichen Welten vermittelt. Die Weiterbildung „Leading Digital Transformation and Innovation“ vom HPI versprach mir genau das. Außerdem wollte ich fundiertes Wissen erwerben – alle reden von der Digitalen Transformation, aber keiner weiß so recht, um was es eigentlich wirklich geht. Außerdem brauche ich diese Kompetenzen für mein neu strukturiertes Projekt im DIGILAB Brennerei 4.0, dass sich seit 2016 dem Thema Digitalisierung in seiner ganzen Komplexität widmet. Das HPI und die Stanford Universität sind die Experten auf diesem Gebiet mit all seinen Facetten.

A.H. Was hast Du Dir konkret von dem Programm erhofft?

Bestätigung des vorhandenen Wissens, die theoretische Unterfütterung desselben sowie die Möglichkeit, neues Wissen und neue Kompetenzen zu generieren. Außerdem fand ich es spannend, dass die Weiterbildung auf Englisch und im internationalen Kontext erfolgt – die Ausweitung meines Netzwerks war mir ebenfalls ein Anliegen. Außerdem wollte ich das HPI, die Stanford Universität und andere Akteure kennenlernen.

A.H. Über welchen Zeitraum erstreckte sich das Programm?

Verlockend war die Laufzeit des Programmes, das mir im Zeitraum von drei Monaten (September bis November 2016) kompakt Know-how vermittelt hat.

A.H. Wo fand das Programm im Detail statt, sowohl in Deutschland als auch in den USA?

Es gab zwei dreitägige Onsite-(vor-Ort-)Module im September und Oktober beim Hasso-Plattner-Institut in Potsdam und ein viertägiges Onsite-Module im November auf dem Gelände der Stanford University.

kuhfuss-hpi-2016-7 © Andrea Kuhfuß

A.H. Woher kamen die anderen Teilnehmer? Wie alt waren Sie?  Was hatten Sie für einen Hintergrund und für eine Motivation zur Teilnahme?

Insgesamt waren es 30 Teilnehmer. Sie waren zwischen schätzungsweise 37 und ca. 60 Jahre alt. Sie kamen aus Argentinien, Mexiko, Brasilien, Israel, Schweiz, Österreich, Italien, Indien und Deutschland. Zusammengesetzt hat sich die Gruppe aus IT-Experten und BeraterInnen.

Programm-Module

Jeweils zwei Module waren diesen Themen gewidmet, ich nutze dafür die Beschreibung von des Programms von der Website der Academy des Hasso-Plattner-Instituts:

    Digitalization – A Technological Perspective

Neue Technologien bringen traditionelle Geschäftsmodelle aller Industrien ins Wanken. Diese Technologien und ihre Auswirkungen auf Unternehmen zu kennen ist essentiell für einen erfolgreichen transformativen Wandel. Lernen Sie die neuesten Trends der Digitalisierung von den Experten des HPI, Deutschlands führendem IT-Institut. Mehr Informationen.

    Design Thinking – Building an Innovation Cultur

Erleben Sie einen menschenzentrierten Innovationsansatz, der die Nutzerbedürfnisse in den Mittelpunkt stellt und somit zu grundlegend innovativen Lösungen führt. Design Thinking wird eine nachhaltige Innovationskultur schaffen und Ihre Innovationsfähigkeit steigern. Mehr Informationen.

    Transformation –  Embracing the Entrepreneurial Mindset

In Stanford erleben Sie das Start-up-Ökosystem des Silicon Valley und lernen Best Practices für die Umsetzung innovativer Ideen und  Schaffung einer Entrepreneurskultur in Ihrer Arbeitsumgebung kennen. Mehr Informationen.

kuhfuss-hpi-2016-8 © Andrea Kuhfuß

A.H. Wurde das Thema „Künstliche Intelligenz“ thematisiert? Kompetente Wissenschaftler, wie Stephen Hawking, und IT-Akteure, wie  Peter Thiel und Bill Gates, haben sich in letzter Zeit beängstigt zur KI geäußert. Anders als bei der Gentechnik gibt es keinerlei Kontroll-Instanzen oder ethische Kommissionen … Wie siehst Du das Thema KI selbst?

Das Thema fand und findet sich angewandt vor allem unter der Überschrift ‚Deep Learning‘ wieder, Maschinen lernen aufgrund von Algorithmen und immer schnellerer Technologien, die gewaltige Datenmengen in kürzester Zeit verarbeiten können, immer effizienter. Die Erkenntnisse werden dann wiederum in Maschinen implementiert. Mich schreckt das ganze gar nicht, muss ich sagen, und die Experten, die ich in Stanford gehört habe, glauben nicht daran, dass Maschinen in naher Zukunft eigenständige Entscheidungen treffen werden.

A.H. Wer waren die Coaches? Welchen Hintergrund hatten Sie?

Die Coaches waren Lehrende/Professoren der jeweiligen Institutionen sowie Berufspraktiker aus den Bereichen Technologie, Virtual Reality, Innovation, Design Thinking, Business Accelerator, Investoren und Startup-Akteure. Wir hatten das Vergnügen, von David M. Kelly persönlich durch die Ideenschmiede IDEO in Palo Alto geführt zu werden (Anm. Kelly ist Professor an der Stanford University, er gilt als einer der Wegbereiter und Namensgeber der Innovationsmethode Design Thinking und ist Gründer und Chairman von IDEO). Eine unserer Referentinnen – Emely Ma, ist der Head of Special Products, Business Innovation bei Google X, Alphabet Inc. gewesen.

kuhfuss-hpi-2016-9 © Andrea Kuhfuß, Austausch mit David M. Kelly

A.H. Wer hat Dich besonders beeindruckt?

David M. Kelley und auch Emily Ma, die eine unserer Referentinnen in Stanford war. Emily ist der „Head of Special Projects, Business Innovation” in der Forschungsabteilung X bei Google, Alphabet Inc. Sie hat fünf Jahre bei IDEO gearbeitet, bevor sie zu X gegangen ist. Sie ist eine lebhafte, kluge und sehr zugewandte Person, der man sofort glaubt, dass sie auch im täglichen Tun bei ihrem jetzigen Arbeitgeber die empathie-getriebene Methodik des Designthinking anwendet. Super spannend waren auch Prof. Tom Byers, Prof. of Management Science and Engineering, der über das „Entrepreneurial Mindset and Silicon Valley Fundamentals” gesprochen hat, sowie Prof. Tina Seelig, Prof. of the Practice, Management Science and Engineering, die uns den „Invention Cycle“, vorgestellt hat – eine weitere Methodik, um Innovationen zu generieren und zu implementieren. Ein weiteres Highlight war der Vortrag von Prof. Jeremy Bailenson, der aus seiner Forschung und Praxis zum Thema ‚Virtual Reality: Trends and Business Applications‘ berichtet hat. Bialenson ist der Gründer des Stanford University’s Virtual Human Interaction Labs.

A.H. Damit ich mir den Lern- und Vermittlungsprozess innerhalb des Programms besser vorstellen kann: Schildere doch bitte, wie so ein Tag oder ein konkretes Projekt abgelaufen ist …

Die Onsite-Module begannen in der Regel mit einem Frühstück gegen 8.30 Uhr, dann gab es Vorlesungen, teilweise auch direkt übertragen aus dem Stanford Center for Professional Development, einer Mittagspause mit anschließenden weiteren Vorträgen und Workshops, in dem man in Teams aktiv wurde. Im dritten Modul haben wir die Methodik des Design Thinkings vor Ort erprobt. In Stanford haben wir außerdem Akteure vor Ort besucht.

Silicon Valley, IDEO und Google X

A.H. Welche „Exkursion“ bzw. welches Startup im Silicon Valley war für Dich persönlich am eindrucksvollsten und was hast Du dabei speziell für Dich gelernt?

Am meisten hat mich der Besuch bei IDEO beeindruckt – der Ort hat mich – obwohl viel größer – stark an meinen Arbeitsplatz erinnert. Wir hatten das große Glück von David M. Kelley persönlich geführt zu werden, dem charismatischen Gründer der Institution, der unglaublich lebhaft, beseelt und inspirierend von seiner Arbeit mit seinen Teams gesprochen hat.

A.H. Gab es eine zentrale Motivation, die alle Teilnehmer einte bzw. gab es eine zentrale Frage bzw. Herausforderung, vor der alle Teilnehmer im Alltag stehen?

Ja, im Grunde wollten wir alle wissen, wie „Leading Digital Transformation and Innovation“ in den Berufsalltag zu integrieren ist. Es ging uns außerdem herum, eine Struktur in diesem unglaublich komplexen Thema zu erkennen und zu erfahren, wie wir selbst in unseren Unternehmen zum „Agent of Change“ werden können.

Agent of Change: Zwischen HPI Potsdam und Silicon Valley

A.H. Du bist von Deinem Werdegang her auch Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin. Hat Dir das im Rahmen des Programms  einen besonderen Blick oder eine spezielle Herangehensweise an Aufgabenstellungen ermöglicht?

Ich bin im Grunde ein Glückskind. Ich habe das Gefühl, dass sich mit der Weiterbildung ein Kreis schließt: Ich habe Wirtschaftsabitur, habe als Wirtschaftsassistentin gearbeitet, bevor ich Anglistik, Kunstgeschichte und Geschichte studiert habe. Dieses Wissen konnte ich dann ja im Rahmen meiner Tätigkeit als Projektleiterin des Bereichs Bildung und Vermittlung in der Kunsthalle Bremen methodisch und didaktisch anwenden.

Mit dem Abschluss des berufsbegleitenden Studiums Musik- und Kulturmanagement fokussierte ich mich als Verwaltungsleiterin im Deutschen Auswandererhaus wieder stärker auf die wirtschaftlichen Aspekte einer Institution. In der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH fügte sich dann unter dem Titel „Innovationsmanagerin Design/Kreativwirtschaft“ und vor allem mit der Leitung des DIGILAB Brennerei 4.0 alles zusammen, vor allem die Arbeit mit Menschen stand stärker im Fokus.

Mit der Weiterbildung „Leading Digital Transformation and Innovation“  erhält der geschlossene Kreis jetzt noch einen stärkeren Rahmen: Digitale Transformation bedeutet in erster Linie die Veränderung der Unternehmenskultur mit empathischem Blick auf den Menschen, nicht nur den Arbeitnehmer, sondern auch den Kunden.

kuhfuss-zertifikat_hpi-fortbildung © Andrea Kuhfuß

DesignThinking

A.H. An welchem Fallbeispiel hast Du konkret beim DesignThinking gearbeitet? Kannst Du das anhand der sechs Stufen erläutern, die in einem DesignThinking-Prozess durchlaufen werden …

Wir haben eine Live Balance App für gestresste Mitvierziger entwickelt, die dem User durch den (Arbeits-)alltag hilft und ihn so entlastet.

Understand / Verstehen: Interviews innerhalb des eigenen fünfköpfigen Teams, erster Prototyp aus Lego und anderen Materialien, Brainstorming

Observe / Beobachten: Interviews mit mehreren externen Menschen. Diese haben auch den ersten Prototypen ausprobiert.

Point of View / Standpunk definieren: Definition des eigentlichen Problems auf Grundlage des Gehörten, Austausch mit den anderen Teams

Ideate / Ideen finden: Iteration, d. h. weitere Verbesserung, Verfeinerung des Prototypen

Prototype / Modelle herstellen: Präsentation des Prototypen als kleines Schauspiel vor den anderen Teams

Test / Testen: Das wäre dann die nächste Phase gewesen, den Prototypen einem Praxistest zu unterziehen und das Urteil von Nutzern einzuholen.

kuhfuss-hpi-2016-6 © Andrea Kuhfuß: Obst in den Corporate Design Farben der Standford University (Schokoladen-S)

A.H. Wie stark sollten bzw. konnten sich die Teilnehmer selbst einbringen mit Eigenbeiträgen, Eigenarbeit?

Jeweils drei der insgesamt sechs Module liefen online und via Textmaterialien. Die Module wurden mit Tests und Reflektionen abgeschlossen. Insgesamt habe ich ca. 60 – 80 Stunden im Rahmen der Online-Module gearbeitet. Ein großer Wert wurde auf den Austausch innerhalb der Teams gelegt.

A.H. Wie war der Austausch der Teilnehmer untereinander? Hat es eine Art „kollegiale Beratung“ bzw. konstruktive Teilnehmerkritik gegeben? Wie hast Du das empfunden?

Der Austausch der Akteure untereinander und in den einzelnen 5 – 6köpfigen Teams war meiner Meinung nach ausgesprochen wertschätzend, unterstützend und inspirierend. Empathie ist ein ausgesprochen wichtiger Faktor beim Thema Digitale Transformation und wird quasi in allen Lectures sehr betont.

A.H. Gab es auch mal Tiefpunkte, Momente, wo Teilnehmer an Grenzen gestoßen sind? Vielleicht auch Du selbst? Waren Hürden bewusst im Programm implementiert?

Bei dem Programm handelt es sich um einen Piloten, von daher waren wir tatsächlich so etwas wie Versuchskaninchen. Das spiegelte sich vor allem in Modul 2 wieder, von dem ich mir noch weiteren Input zu neuesten Technologien und eine größere Anwendungsorientierung gewünscht habe, was aber an der Stelle nicht erfolgt ist. Ich war sehr frustriert und habe meinen Unmut bei den Veranstaltern geäußert. Onsite in Stanford wurde dann offensichtlich nachgebessert.

Fehlerkultur

A.H. War die oft beschworene Fehlerkultur Thema im Programm?

Das Thema „Trial and Error“ und Weitermachen ist ein maßgeblicher Faktor im Programm und im Grunde auch einer der Kernpunkte für Innovation.

A.H. Wie ist es mit der Ganzheitlichkeit: Wurde eher über den Kopf vermittelt oder gab es auch sinnliche, emotionale oder körperliche Erfahrungen?

Beides – die Kombination aus Onsite- und Online-Modulen, intensivem dreitätigen Design Thinking mit externen Gesprächspartnern, der Besuch von externen Institutionen und den Vorträgen unterschiedlichster Referenten zu unterschiedlichsten Themen sprach mit sehr guter Verpflegung alle Sinne an.

A.H. Das Hasso-Plattner-Institut gilt als Vorreiter für Innovationsforschung und -vermittlung. Bist Du mit völlig neuen Methoden in Berührung gekommen?

Nein, nur mit neuem Wissen. Design Thinking praktiziere ich ja selber.

A.H. Gab es für Dich innerhalb des Programms Aha-Effekte? Hat Dich etwas überrascht, womit Du so nicht gerechnet hattest?

Die Menschen in Palo Alto sind weitaus offener und teilen Ideen bewusst, um sie zu intensivieren. Talents und Investment ist das Credo – eine weitere Bestätigung meiner Auffassung, dass es Startups hierzulande extrem schwer haben, mit unkomplizierter Unterstützung durch externe Geldgeber, sprich, Investoren, risikoarm an den Start zu kommen. Außerdem wurde ich darin bestärkt, dass es bei der Komplexität des Themas Digitale Transformation vor allem um die interne und externe Kommunikation, um Empathie, die Fähigkeit zuzuhören und Fragen zu stellen und um die Notwendigkeit geht, die Unternehmenskulturen mit kreativen und agilen Methoden (wie bspw. Design Thinking) zukunftsfähig zu gestalten. Technologie muss auch verstanden werden, aber sie ist in erster Linie ein Beschleuniger, den sich die Akteure nutzbar machen müssen.

A.H. Welche Schlüsselerkenntnis nimmst Du nun mit aus diesem Programm. Was ist für Dich sozusagen die „Essenz in einem Satz“?

It’s all about culture. Listen and ask Questions. Es geht stets um Kultur. Hören Sie zu und stellen Sie Fragen!

A.H.  Hat das Programm etwas „mit Dir gemacht“?

Ich bin jetzt erst drei Tage zurück, leide ziemlich unter dem vielbesungenen Jetlag, bin aber total geflasht und freue mich schon sehr, meine Aufzeichnungen auszuwerten. Meine Auffassung, dass Innovationen nur durch und in Kooperation, Interdisziplinarität, Neugierde und dem Wunsch zu Lernen entstehen, wurde durch die Weiterbildung zu 100% bestätigt. Woran es meiner Meinung nach bei uns fehlt, ist der Wille, in diese Komponenten zu investieren.

A.H. Gibt es auch Kritikpunkte, etwas wo Du Nachbesserungsbedarf siehst – organisatorisch, strukturell, inhaltlich, zwischenmenschlich …

Inhaltlich sollten im 1. und 2. Modul noch anwendungsorientierte Vorlesungen von Fachleuten aus der Praxis erfolgen.

Kosten und Finanzierung

A.H. Das Programm ist ziemlich kostspielig. Du hast etwa 17.500 € aus eigener Tasche finanziert? Wie hast Du Dich im Voraus über das Programm informiert und wie sicher warst Du Dir, dass sich die Investition für Dich wirklich lohnt?

Ich habe einen Bankkredit aufgenommen, um das Programm zu finanzieren. Mein Arbeitgeber kam mir mit der Übernahme von ¼ der Kursgebühren von 15.000 netto entgegen. Außerdem wurden mir die Onsite-Tage als Bildungsurlaub bewilligt.

Da wir Teilnehmende an einem Pilotprojekt waren, fehlten mir Angaben über die jeweiligen Referenten – die Namen lagen quasi beim Eintritt –  sprich der Bezahlung des Programms – nicht vor. Ich habe mich einzig und allein auf den guten Ruf des HPI und von Stanford verlassen und wurde in der Summe nicht enttäuscht.

A.H. Wie sehen Deine weiteren Pläne aus: Was machst Du jetzt mit den erworbenen Kenntnissen? Du hast ja ein wunderbares Zertifikat erhalten: „Leading Digital Transformation and Innovation“. Wo möchtest Du Dein Wissen und Deine Fähigkeiten einbringen? Was möchtest Du damit anstoßen oder verändern?

Die Weiterbildung ist eine Bestätigung dafür, dass die Arbeit, die ich in der BRENNEREI mache, genau die richtige ist, um empathisch relevante und für die Menschheit nützliche Dinge nach vorne zu bringen. Mehr denn je sehe ich mich als Mittlerin zwischen den Welten und möchte als Agent of Change Unternehmen die unterschiedlichen Blickwinkel auf und in das Thema Digitale Transformation vermitteln.

Liebe Andrea, ich danke Dir ganz herzlich für Deine spannenden Einblicke in das Programm. Bei nächster Gelegenheit kannst Du dann ja berichten, welche Erfahrungen und Impulse Du konkret in Deinem Arbeitsalltag nutzen kannst.

Sie können sich mit Andrea Kuhfuß über Xing und LinkedIn verlinken.

Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

710139_web_R_K_B_by_I-vista_pixelio.de © I-vista, pixelio.de

„Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln“

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) wird oft von ideologischen Grabenkämpfen bestimmt.  Im 2. Teil der Reihe werden die Thesen prominenter Befürworter vorgestellt, best-practice-Projekte, die den Erfolg des BE darlegen, sowie künftig geplante Projekte mit dem BGE zum Weiterlesen. In Teil 3 geht es dann um Effekte und Wirkungen des BGE auf die Kreativbranche und damit für die gesamte Gesellschaft.

Befürworter von bedingungslosem Grundeinkommen und ihre Thesen

Daniel Häni, Unternehmer und Enno Schmidt, Künstler: Protagonisten der Schweizer „Initiative Grundeinkommen“ von 2006. 2008 entstand ihr Film Grundeinkommen – ein Kulturimpuls. 2012 lancierte Häni gemeinsam mit anderen die Schweizer Volksinitiative „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ und schrieb gemeinsam mit Philip Kovce das Buch zur Abstimmung: „Was fehlt, wenn alles da ist?“ Häni glaubt, dass BGE sei mehr eine Frage des Vertrauens als eine Frage des Geldes: „Das bedingungslose Grundeinkommen ist die humanistische Antwort auf den technologischen Fortschritt.“ Am 5. Juni 2016 haben die Schweizer im Rahmen einer landesweiten Volksinitiative über ein bedingungsloses Grundeinkommen abgestimmt:  76,9 Prozent sind gegen ein BGE, 23 Prozent dafür. Für Daniel Häni ist es dennoch ein moralischer Sieg.

Thomas Straubhaar, eh. Direktor des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI), kritisiert am derzeitigen System, dass die Sozialbudgets zu überwiegendem Anteil durch Sozialbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber über die Lohnnebenkosten finanziert werden. Dies wirke wie eine „Strafsteuer auf Arbeit“, belaste einseitig die Schultern der Arbeitskräfte, während auf Maschinen, Automaten und Importe keine Sozialbeiträge erhoben würden. „Künftig werden Roboter nicht nur Autos montieren, sondern auch Loks fahren und Menschen operieren. Das erfordert einen neuen Sozialstaat und ein Grundeinkommen für alle.“ Die ZEIT

Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG, sieht das BGE als Antwort auf die Veränderungen der Arbeitswelt. „Ein bedingungsloses Grundeinkommen kann eine Grundlage sein, um ein menschenwürdiges Leben zu führen … Wir müssen unsere Gesellschaft absichern. Deswegen die Idee des Grundeinkommens … Es könnte eine Lösung sein – nicht heute, nicht morgen, aber in einer Gesellschaft, die sich durch die Digitalisierung grundlegend verändert hat.“ ZEIT

Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, sieht das BGE als soziale Absicherung für jene Menschen, die „auf der Strecke bleiben, weil sie mit der Geschwindigkeit auf der Welt einfach nicht mehr mitkommen“. Es sei wichtig, „dass die Menschen versorgt sind …  eine Art Grundeinkommen (wird) völlig unvermeidlich sein“. SZ-Wirtschaftsgipfel

Götz Werner, Gründer und eh. Geschäftsführer von dm-drogerie markt, plädiert in seinem Buch „Einkommen für alle“ für eine Konsumsteuer anstelle einer Einkommenssteuer. Denn: man müsse das Ergebnis der Wertschöpfung besteuern, also Produkte und Dienstleistungen, und nicht die Arbeit an sich. Werner vergleicht die aktuelle Situation mit einem Obstbaum: Man solle den Baum nicht vor der Ernte fällen. Wer bereits den Anbau von Äpfeln besteuert und nicht erst deren Verbrauch, betreibe „Knospenfrevel“. Und wer den Lohn der Apfelpflücker besteuere, schmälere ihre Bezahlung und damit ihre Kaufkraft. Mit der Einführung der Konsumsteuer und des BGE bei Abschaffung der Einkommen- und Lohnsteuern, so Werner, würde menschliche Arbeit endlich gesamtwirtschaftlich mit der Maschinenarbeit gleich gestellt.

Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Gemeinschaftsbank sieht das Grundeinkommens vor dem Hintergrund des heutigen Verteilungsproblems positiv: „Es gibt viel zu tun, aber die Aufgaben finden nicht zu den Menschen, die sie erledigen könnten und die Menschen finden nicht die Aufgaben, die sie erfüllen wollen. Dabei wollen sich viele gerne einbringen.
Gleichzeit gibt es zu viel Geld, das sich wenige Besitzer konzentriert und bei vielen Menschen nicht ankommt. Zudem produzieren wir ein Überangebot an Produkten und schmeißen vieles weg, während anderweitig gehungert wird.
Bei diesen Verteilungsfragen könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen ein neues Denken und neue Wege ermöglichen.” Wirtschaft für Grundeinkommen

Georg Schürmann, Geschäftsleiter der triodos Bank geht der Frage nach, wie die Arbeit der Menschen in Zukunft aussehen wird, gerade wenn im Zuge zunehmender Digitalisierung immer mehr Tätigkeiten von Robotern und Software übernommen wird und sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. „Deswegen brauchen wir neue sozialpolitische Systeme, die eine sinnvolle Umverteilung ermöglichen. In diesem Diskurs sollten wir die Idee des Grundeinkommens ernst nehmen.“ Wirtschaft für Grundeinkommen

Adrienne Goehler, Publizistin und Kunst-Kuratorin, ehemalige Präsidentin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, sie war Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin und Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds. Zum BGE sagt sie: „Deutschland hat ein enormes kreatives und kulturelles Potenzial. Der Skandal ist: Es wird nicht zum Wohle der Gesellschaft genutzt. Wissenschaft und Künste bleiben im Ghetto, die Politik schottet sich ab. In ihrem gemeinsamen Buch mit Götz Werner „1000 € für jeden“ zeigt sie Alternativen.

Denis Bartelt, Geschäftsführer und Gründer der crowdfundingplattform startnext glaubt fest daran, dass ein BGE in der Lage ist, kreatives Potenzial in jedem Menschen freizusetzen: „Dieses Potenzial zu heben, muss Anspruch unserer Gesellschaft im 21 Jh. sein. Ich sehe darin ausserdem die einzige Antwort auf die fortschreitende Entwicklung, die Menschen schon heute dort ersetzt, wo Maschinen besser und effektiver Arbeit verrichten können. Kreativität kann nur gefördert werden, wenn die Existenz gesichert ist. Die Fähigkeit kreativ zu sein, unterscheidet den Mensch von einer Maschine.“ Wirtschaft für Grundeinkommen

Sebastian Koeppel, geschäftsführender Gesellschafter der beckers bester GmbH sieht das Thema BGE vor allem als eine Frage des Menschenbildes: „Unterstelle ich, dass Menschen von ihrer Natur her faule Schmarotzer sind, dann muss ich die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen als Bedrohung wahrnehmen. Bin ich aber der Überzeugung, dass der Mensch (oder zumindest die Mehrheit der Menschen) ein vernunftbegabtes und sinngetriebenes Wesen ist, werde ich an dem Gedanken eines bedingungslosen Grundeinkommens gar nicht vorbeikommen! Ich habe mich entschieden! Aus meiner Sicht sollten wir mit aller Kraft das „Wie“ und nicht  mehr das „Warum“ diskutieren!“ Wirtschaft für Grundeinkommen

Wolf Lotter, Historiker, Journalist, Mitbegründer des Wirtschaftsmagazins brandeins: „Eine Grundausstattung für alle muss garantiert sein. Eine Gesellschaft braucht einen Fußboden, unter den niemand geraten darf.“ brandeins

Bernd Leukert, Vorstandsmitglied von SAP: „Ich bin der Meinung, dass man die Bedingungen für ein faires Einkommen nicht der Wirtschaft überlassen sollte. Hier ist die Politik gefragt, den richtigen Rahmen zu setzen…“ Die FAZ fragte genauer nach: Bis hin zu einem bedingungslosen Grundeinkommen? „Ja, davon würden langfristig auch diejenigen profitieren, die weiterhin höhere Gehälter beziehen. Wenn wir an dieser Stelle nichts tun, droht die Gesellschaft auseinanderzubrechen.“

Richard David Precht, Philosoph: „Für viele Leute wird es infolge der 4. industriellen Revolution keine Verwendung mehr geben. Wir müssen daher unseren Begriff von Arbeit neu definieren und wir müssen so etwas wie ein Grundeinkommen einführen, sonst brechen uns die Binnenmärkte zusammen. Die Wirtschaft kann wohl kaum ein Interesse daran haben, dass es keine Konsumenten mehr gibt oder dass Millionen arbeitslos sind.“ ORF 2

Elon Musk, eh. Mitgründer des Online-Bezahlsystems PayPal, Gründer des Raumfahrtunternehmens SpaceX und Tesla Motors, prognostiziert eine Arbeitswelt mit immer mehr Robotern und künstlicher Intelligenz. Den Regierungen bliebe keine andere Möglichkeit, als den Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen auszuzahlen. Gleichuzeitig könnten sich die Menschen dann interessanteren und komplexeren Aufgaben zuwenden. CNBC

Yanis Varoufakis, griechischer Politiker, hat in seinem Buch „Das Euro-Paradox“ eine Roboterabgabe angeregt, eine Maschinensteuer, die einen Teil des finanziellen Gewinns der Unternehmen durch Technikeinsatz der Allgemeinheit zuführen soll. Darüber hinaus fordert er die Finanzierung des Grundeinkommens aus Kapitalerträgen, also „Gesetze zu beschließen, die … einen gewissen Prozentsatz des Kapitals (Aktien) aus jedem Börsengang in ein Aktiendepot der Allgemeinheit leiten … in ein Grundeinkommen.“ Um jeglicher Unterstellung von Technikkritik vorzubeugen, weist Varoufakis darauf hin, dass es „nicht um einen Protest gegen die Automatisierung (geht), sondern gegen soziale Strukturen, die sie (die Menschen) angesichts der technologischen Innovationen ihrer Lebensperspektiven beraubten.« ND

Jürgen Schmidhuber, Informatiker und Direktor des Schweizer Dalle-Molle-Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz (kurz: IDSIA): „Roboterbesitzer werden Steuern zahlen müssen, um die Mitglieder unserer Gesellschaft zu ernähren, die keine existenziell notwendigen Jobs mehr ausüben. Wer dies nicht bis zu einem gewissen Grad unterstützt, beschwört geradezu die Revolution Mensch gegen Maschine herauf.“ Blick

Neil Jacobstein, Experte für Künstliche Intelligenz: „Noch ist ja nicht klar, wie sich die Automatisierung der Arbeitswelt entwickeln wird. Aber eines steht fest: Diese neuen Geschäftsfelder – in Robotik, Nanotechnologie oder eben auch Künstlicher Intelligenz – werden sehr hohe Gewinne generieren. Daher macht es Sinn, über ein Grundeinkommen nachzudenken. Das würde dann bedeuten, dass jene etwa, die ihren Job verloren haben, sich mit einem Grundeinkommen über Wasser halten und entweder wieder in Ausbildung gehen können oder einfach ihren Hobbys nachgehen können.“ tagesschau

Joseph Beuys, Künstler, plädierte schon lange bevor der Begriff BGE im Umlauf war, für die Idee des Grundeinkommens, als Spiegel-Journalist Peter Brügge den Künstler fragte, was mit den in der Wirtschaft „Wegrationalisierten“ geschehen sollte: „Wenn dann einer ein Apparätchen erfindet, mit dem man 200 Arbeitsplätze spart, dann gibt es ja keine Arbeitsstrittigkeit wie heute. Sondern dann steigen die Menschen aus, um ihre Fähigkeiten höher zu entwickeln. Und sie werden für diese Fähigkeit des Sichentwickelns und Lernens bezahlt in genau derselben Weise, wie sie bezahlt würden für die Herstellung von Besenstielen.“ Spiegel-Interview, 4.6.1984  

Als Sozialstiftung befürwortet auch die deutsche Benckiser-Stiftung Zukunft das BGE: „Aus Bürokratie wird Effizienz. Aus Kontrolle das Vertrauen in die freie Entscheidung des Einzelnen. Und aus dem Bittsteller — egal ob in Kenia oder in deutschen Jobcentern — wird ein Empfänger auf Augenhöhe, der sein Schicksal selbstverantwortlich in die Hand nimmt.“ 

686228_web_R_K_B_by_Maik Schwertle_pixelio.de © Maik Schwertle, pixelio.de

Ausgewählte Praxisprojekte mit BGE

Alaska, Iran, Mongolei

Seit 1976 fließen in Alaska mindestens 25% der staatlichen Rohstoffeinnahmen in den „Alaska Permanent Fund“ (APF). Die Hälfte des jährlichen Gewinnes wird seit 1982 über eine Dividende direkt an die BewohnerInnen Alaskas (ca. 650.000) ausgeschüttet. In der Mongolei soll die Bevölkerung am Verkauf von Bodenschätzen (u. a. Gold, Kupfer) beteiligt werden. Auch im Iran sollen die Bürger an den Gewinnen der Ölförderung beteiligt werden. Pro Person wird zweimonatlich ein Betrag von umgerechnet 80 US-Dollar gezahlt, also 480 US-Dollar pro Person und Jahr. Mehr als 80 % der Iraner haben einen Bewilligungsantrag gestellt.

Brasilien

Seit 2005 bemüht sich die brasilianische Regierung mit staatlichen Programmen, das enorme Armutsgefälle mit Beihilfen zum Familieneinkommen und zur Energieversorgung auszugleichen. Bildung, Arbeit und Wohlstand heißen die Ziele. Dem jeweiligen Haushaltsjahr entsprechend soll das Familienstipendium (Bolsa Família) zuerst die „bedürftigsten Schichten“ erreichen und später graduell auf alle Einwohner ausgeweitet werden.

Kanada

In der Stadt Dauphin der kanadischen Provinz Manitoba erhielten 1.300 Familien zwischen 1975 und 1979 ein staatlich garantiertes Minimaleinkommen. Eine vierköpfige Familien mit weniger als 13.000 Dollar Einkommen im Jahr, erhielt bis zu 5.800 Dollar. Das Ergebnis: Die Menschen arbeiten auch mit dem BGE weiter, waren angstfreier, daher gesünder und motivierter. Das Besondere: Auch Teilnehmer ohne Lohnarbeit erhielten diese Förderung.

Wegen mangelnder Budget musste das Experiment vorzeitig abgebrochen werden. Erhebungen und Erkenntnisse werden erst seit 2005 im Rahmen der Studie Stadt ohne Armut analysiert und ausgewertet. Die Soziologin Evelyn Forget verglich die Daten der damaligen Bewohner von Dauphin mit denen der damaligen Mitbürger aus den Nachbarstädten. Demnach wirkt sich ein Grundeinkommen in vielerlei Hinsicht positiv auf eine Gesellschaft aus: Teilnehmer mussten seltener zum Arzt, psychische Beschwerden gingen zurück, es gab 8 Prozent weniger Krankenhausaufenthalte. Mehr Jugendliche schlossen die Schule mit dem Abitur ab, weil ihr Lebensunterhalt gesichert war.

714241_web_R_K_B_by_I-vista_pixelio.de © I-vista, pixelio.de

Deutschland

Schleswig-Holstein: Die neue Jamaika-Koalition  aus CDU, Grünen und FDP plant testweise ein Bürgergeld als Pilotprojekt

Brandenburg: Der 2009 von der Stuttgarter Breuninger-Stiftung angekündigte Feldversuch für ein bedingungsloses Grundeinkommens 100 mal Neues Leben – arbeiten in der Uckermark konnte bislang nicht in der ursprünglich geplanten Form stattfinden.

Mecklenburg: In Alt Rehse (Mecklenburgische Seenplatte) hatte die Gemeinschaft Tollense Lebenspark ein Konzept für ein „Grundauskommen“ entwickelt. Die bis zu 40 Lebenspark-Mitglieder wollten Einnahmen über Öko-Seminare, Tierhaltung, Gastronomie und Vermietung generieren. Das Pilot-Grundauskommen finanzierte sich aus Einzahlungen aller Bewohner durch einen prozentualen Teilbetrag aus jedem Einkommen. Weitere Gelder sollten durch  die Stiftung Lebenspark eingeworben und in einem Fond verwaltet werden. Das Projekt scheiterte an unlauteren Einzelinteressen, ebenso das angedachte Modell einer Genossenschaft. Das 2014 eingestellte Projekt litt von Anfang an unter Geldmangel, wie Gutachter feststellten. Die Betreiber des alternativen Wohnprojekts wurden 2015 wegen Kreditbetrugs und Urkundenfälschung zu einer Bewährungs- und einer Geldstrafe verurteilt.

Die private Initiative mein-grundeinkommen.de verlost seit 2014 – finanziert durch Bürger-crowdfunding – ein Grundeinkommen von 1000€ im Monat für ein Jahr. Die Gewinner berichten, wie Sie die Chance für eigenen Projekte genutzt haben. 

Finnland

Im Juni 2015 legte finnische Regierungsparteien in ihrem Koalitionsvertrag fest, als erstes europäisches Land ein Grundeinkommen zu testen. Laut einer Umfrage der finnischen Sozialversicherung befürworten mehr als die Hälfte der Finnen ein Grundeinkommen. In einem zweijährigen Experiment werden ab 2017 die Auswirkungen untersucht. Der Staat zahlt für nun an 2000 ausgewählte Arbeitslose zwei Jahre lang monatlich 560 Euro. Ein Forschungsteam um Sozialwissenschaftler Olli Kangas betreut das Pilotprojekt. Leiterin Toronen sagt in einem Interview in der Wirtschaftswoche: „Viele haben auch ein Unternehmen gegründet. Sie hätten sich das vorher nicht getraut, weil sie keine finanzielle Absicherung hatten.“ Mehr Infos bei der Initiative „Mein Grundeinkommen„.

Kenia

Mit dem Pilotprojekt GiveDirectly soll ab 2016 etwa 6.000 Bewohnern in etwa 12 Dörfern in Kenia 10 bis 15 Jahre lang ein Grundeinkommen ausgezahlt werden, insgesamt 30 Millionen Dollar, etwa 42 US-Dollar pro Kopf und Monat. Da in Afrika die Lebenshaltungskosten für einen mittleren Haushalt gering sind, kann schon mit diesem überschaubarem Finanzvolumen ein Grundeinkommen an so viele Menschen ausgezahlt werden, wie für eine aussagekräftige Statistik nötig sind. Es wird ohne Gegenleistung und ohne Bedingungen der Geber in die Hände der Empfänger übergeben. Es ist das bislang umfangreichste und längste BGE-Pilotprojekt weltweit. Es wird von Abhijit Banerjee, einem Wirtschaftsprofessor am Massachusetts Institute of Technology und renommierten Entwicklungsökonom, wissenschaftlich ausgewertet. Folgende Fragen sollen u. a gestellt werden: Wie werden sich die Empfänger verhalten? Wie wird sich das soziale Leben in den Dörfern ändern?

Namibia

2008 finanzierten mehrere Organisationen, u. a. Kirchen, Aids-Hilfe und Gewerkschaften, im Dorf Otjivero-Omitara für zwei Jahre ein garantiertes bedingungsloses Grundeinkommen (Basic Income Grant). Anschließend erhielten die vorherigen Teilnhemer für weitere zwei Jahre ein Überbrückungsgeld von monatlich 80 NAD (ca. 8 EUR) aus Spendengeldern. Die Regierung sollte mit dieser Initiative dazu bewegt werden, das Grundeinkommen landesweit einzuführen. Die Bonner Initiative Grundeinkommen hat über das Projekt, seine Auswirkungen und den aktuellen Stand eine Wander-Foto-Ausstellung erstellt mit der Frage: Sind die Erfahrungen aus dem Namibia-Projekt übertragbar? Infolge des Grundeinkommens konnten die Menschen in Namibia sich besser ernähren, sie entwickelten wirtschaftliche Initiativen, die Kriminalitätsrate sank und mehr Kinder konnten zur Schule gehen. Kritische Stimmen allerdings beklagen, externe Personen würden keinen Zugang zu den gewonnen Daten erhalten.

Niederlande

Die niederländische Stadt Utrecht und die niederländische Regierung zahlen seit 2017 ein bedingungsloses Grundeinkommens in Höhe von 960 Euro an 250 arbeitslose Testpersonen.  Die Testgruppe ist unterteilt: die Forscher wollen dadurch mehr über menschliches Verhalten und Eigenmotivation erfahren. In der ersten Gruppe kann ein Arbeitsloser am Monatsende nochmals 150 Euro erhalten, wenn er sich ehrenamtlich engagiert. In der zweiten Gruppe erhält er 150 Euro im Voraus. Wenn er/sie nicht ehrenamtlich tätig geworden ist, muss er/sie den Betrag am Monatsende zurückzahlen. Begleitet wird das Vorhaben von Wirtschaftswissenschaftler Loek Groot von der Universität Utrecht. Er will diesen Fragen nachgehen: Suchen die Menschen dennoch nach Arbeit? Bilden sie sich fort? Werden sie zu Gründern? Ändern sie ihr soziales Verhalten? Steigen oder sinken die Kosten für die Stadt? 

Sambia

Das Projekt der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ (eh. GTZ) wurde 2005 in der Provinz Kalomo initiiert, deren Bewohner stark von Aids betroffen sind. Finanziert werden Familien ohne Eltern bzw. erwachsene Geschwister: Großeltern mit Kindern erhalten eine Direktzahlung ohne jede weitere Bedingung, Das Grundeinkommen bewirkte, dass sich die Gesundheitssituation deutlich verbesserte, die Unterernährung zurück ging und Kinder wieder zur Schule gehen konnten. Statt Geldmissbrauch profitierte die lokale Wirtschaft. Dennoch wurde das Projekt von der GIZ eingestellt.

Schweiz

Am 5. Juni 2016 haben die Schweizer gegen die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens gestimmt. Initiator war die Initiative um Daniel Häni und Enno Schmidt: Grundeinkommen.

USA

Bereits Ende der 1960er wollte Präsident Nixon einen sogenannten Family Assistance Plan mit einem garantierten Einkommen durchsetzen. In den 1970er Jahren gab es dann erstmals fünf große Projekte, die die Auswirkungen des Grundeinkommens untersucht haben: in New Jersey, North Carolina, Seattle, Denver und Gary. Das Modell entsprach dem der „negativen Einkommenssteuer“ – siehe Milton Friedman, 1960.

2017 hat das US-amerikanische Roosevelt-Institut in einer Studie gezeigt, dass ein bedingungslosen Grundeinkommens dem Wirtschaftswachstum einen kräftigen  Schub gewähren würde. 

 © bedingungslos.ch

Übertragbare Erkenntnisse aus Projekten  mit Mikrokrediten

BGE-Kritiker führen häufig als Argument gegen das BGE an, ein bedingungsloses Grundeinkommen führe zu Faulheit und Untätigkeit, d.h. mit BGE würden sich viele Bürger in die soziale Hängematte legen. Die im Umfeld des Wirtschaftswissenschaftlers und Nobelpreisträgers Muhammad Yunus seit 1993 in Bangladesh gewährten Mikrokredite zeigen jedoch, dass eine finanzielle Grundausstattung gerade für Menschen ohne Einkommenssicherheit zur mehr Eigenverantwortung,  Selbstermächtigung und Unabhängigkeit führt, wenngleich die erhaltenen Zahlungen am Ende der Vertragslaufzeit mit Zinsen zurückgezahlt werden müssen. Über 90 % der Mikro-Kreditnehmerinnen waren bzw. sind Frauen. Yunus hat verschiedene Beispiele dokumentiert, nach denen sich Frauen mit den Mikrokrediten in Waren für Shops, Saatgut für Felder oder Nähmaschinen investieren und so besser für das Wohl ihrer Kinder und Familien sorgen konnten.

Nach Angaben der von Yunus gegründeten Grameen Bank soll die Rückzahlquote bei den Mikrokrediten bei 98 Prozent liegen. Kritiker, wie der NGO-Aktivist aus Bangladesch Khorshed Alam, warnen allerdings, das Mikrokredit-System könne ggf. auch zu weiterer Verarmung führen. Der effektive Zinssatz, den die Grameen Bank einhebe, liege zwischen 30 bis 60%.

Fest steht: Menschen übernehmen Verantwortung für ihr Leben, wenn ihnen die Möglichkeit dazu gegeben wird, z. B.  durch eine finanzielle Grundausstattung. Es ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, sich aktiv und vor allem sinnvoll in die Gesellschaft einzubringen. An Sinn fehlt es heute in nicht wenigen beruflichen Tätigkeitsfeldern. Wenn sich die Bürger dank BGE entsprechend ihrer Fähigkeiten wirklich sinnvoll in die Gesellschaft einbringen können,  wird es vermutlich weniger untätige Menschen geben als heute.

229441_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

 

Teil 1: BGE – Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln

Teil 2: BGE – Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

Teil 3: BGE – Was das Grundeinkommen für die Kreativszene bedeuten würde …

Teil 4: BGE – Grundeinkommen wählen bei der Bundestagswahl 2017