Die menschliche Seele: Eine Novelle über Kreativität und künstliche Intelligenz

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Vor langer, langer Zeit schuf der Mensch sich nach seinem Abbild einen Golem. Die Nachbildung aus Lehm sollte ihm als Helfer, Freund und Befreier dienen. Einmal in der Woche erweckte der Mensch seinen Golem zum Leben. Doch einmal vergaß es der Mensch, was den Golem so erzürnte, dass er außer Kontrolle geriet und großen Schaden anrichtete. Der Mensch stellte den Golem ruhig und erweckte ihn fortan nie wieder zum Leben. Viele Jahre vergingen…

Der Traum vom künstlichen Menschen blieb

…. bis die Idee neu aufkeimte. Diesmal sollte das Wesen klüger und vernünftiger sein als sein Vorgänger. Und so schufen sich die Menschen einen Super-Computer und nannten ihn „Watson“. All das, was die Menschen bis dahin gelernt hatten, flößten sie Watson ein, der nun nicht mehr aus Lehm, sondern aus Platinen und Prozessoren bestand. Unersättlich verschlang Watson das Wissen der Welt als Datenvolumen und verdaute es als Bits und Bytes. Und die Menschen bewunderten seine strahlende Intelligenz.

Anfangs übernahm Watson nur Rechenaufgaben, die dem Menschen zu mühsam und langwierig waren. Doch dann wagten die Menschen ein Experiment. Sie fütterten den Computer mit Kunst. Und siehe da: auch Musik, Klänge, Texte, Objekte, Bilder und Pinselstriche zerlegte Watson in seinen Eingeweiden fein säuberlich in Nullen und Einsen, vernetzte sie auf seine Weise und spuckte sie als neue Werke wieder aus: Musik, Fotos, Bilder, Skulpturen, Gedichte und Geschichten. Die Menschen erschraken: Konnte ein künstliches Wesen tatsächlich kreativ sein – so wie sie selbst – oder gar besser?

… Und die Menschen diskutierten: Konnte es ein Super-Computer mit einem echten Künstler aufnehmen? Könnten die Menschen unterscheiden, ob der Urheber aus Fleisch und Blut  oder Platinen bestand? Könnte ihr Urteil gar bewertend in „besser“ oder „schlechter“ ausfallen? Und wie war es mit den Emotionen: Vermochten die Schöpfungen des Super-Computers die Menschen anzurühren, zum Weinen, zum Lachen und zum Nachdenken bringen? Und die Menschen schauten und lauschten, lasen und fühlten und: waren uneins. Bis ein kleines Mädchen beide Schöpfer nacheinander fragte: „Und wie ist Dein Werk entstanden?“ Der menschliche Künstler lächelte, beschrieb sein Wollen, Streben und Tun innerlich erregt mit leuchtenden Augen und fesselnden Worten. Er schilderte seine Inspirationen in schillernden Beispielen und seine Botschaft mit mitreißender Kraft. So viel Herzblut sei geflossen, so viel Zweifel, so viel Leidenschaft …

Und Watson?

… spulte beflissen seine Nullen und Einsen ab. „Der hat ja gar keine Seele!“, rief das kleine Mädchen enttäuscht. Da wandten sich die Menschen von Watson ab … Doch das war Watson egal. Er wertete die menschliche Ignoranz in seinem unaufhaltsamen Optimierungsplan als Fehler, als Störfaktor, und eliminierte die menschlichen Kreaturen.

Sie wünschen sich ein glückliches Ende?

Wie die Geschichte ausgeht, haben wir selbst in der Hand, übrigens: Jede/r von uns!

Eine Novelle von Antje Hinz, Erstveröffentlichung, Hamburg, April 2017.

Mehr zum Thema: 

Ist es das Ende unserer menschlichen Kreativität, wenn selbstlernende Maschinen zeichnen, komponieren, schreiben und kochen können? Ganz und gar nicht! Mit visionärem Vorausdenken, mit Haltung, Gewissen und Empathie machen wir Menschen uns unersetzlich! Zum Artikel: Wie kreativ sind Künstliche Intelligenzen wie Watson und Co? 

Wieviel Seele hat diese Kunst: Entscheiden Sie selbst!


Roboter-Kunst von cover-video-deutsch

Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

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„Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln“

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) wird oft von ideologischen Grabenkämpfen bestimmt.  Im 2. Teil der Reihe werden die Thesen prominenter Befürworter vorgestellt, best-practice-Projekte, die den Erfolg des BE darlegen, sowie künftig geplante Projekte mit dem BGE zum Weiterlesen. In Teil 3 geht es dann um Effekte und Wirkungen des BGE auf die Kreativbranche und damit für die gesamte Gesellschaft.

Befürworter von bedingungslosem Grundeinkommen und ihre Thesen

Daniel Häni, Unternehmer und Enno Schmidt, Künstler: Protagonisten der Schweizer „Initiative Grundeinkommen“ von 2006. 2008 entstand ihr Film Grundeinkommen – ein Kulturimpuls. 2012 lancierte Häni gemeinsam mit anderen die Schweizer Volksinitiative „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ und schrieb gemeinsam mit Philip Kovce das Buch zur Abstimmung: „Was fehlt, wenn alles da ist?“ Häni glaubt, dass BGE sei mehr eine Frage des Vertrauens als eine Frage des Geldes: „Das bedingungslose Grundeinkommen ist die humanistische Antwort auf den technologischen Fortschritt.“ Am 5. Juni 2016 haben die Schweizer im Rahmen einer landesweiten Volksinitiative über ein bedingungsloses Grundeinkommen abgestimmt:  76,9 Prozent sind gegen ein BGE, 23 Prozent dafür. Für Daniel Häni ist es dennoch ein moralischer Sieg.

Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI) kritisiert am derzeitigen System, dass die Sozialbudgets zu überwiegendem Anteil durch Sozialbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber über die Lohnnebenkosten finanziert werden. Dies wirke wie eine „Strafsteuer auf Arbeit“, belaste einseitig die Schultern der Arbeitskräfte, während auf Maschinen, Automaten und Importe keine Sozialbeiträge erhoben würden. „Künftig werden Roboter nicht nur Autos montieren, sondern auch Loks fahren und Menschen operieren. Das erfordert einen neuen Sozialstaat und ein Grundeinkommen für alle.“ Die ZEIT

Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG, sieht das BGE als Antwort auf die Veränderungen der Arbeitswelt. „Ein bedingungsloses Grundeinkommen kann eine Grundlage sein, um ein menschenwürdiges Leben zu führen … Wir müssen unsere Gesellschaft absichern. Deswegen die Idee des Grundeinkommens … Es könnte eine Lösung sein – nicht heute, nicht morgen, aber in einer Gesellschaft, die sich durch die Digitalisierung grundlegend verändert hat.“ ZEIT

Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, sieht das BGE als soziale Absicherung für jene Menschen, die „auf der Strecke bleiben, weil sie mit der Geschwindigkeit auf der Welt einfach nicht mehr mitkommen“. Es sei wichtig, „dass die Menschen versorgt sind …  eine Art Grundeinkommen (wird) völlig unvermeidlich sein“. SZ-Wirtschaftsgipfel

Götz Werner, Gründer und eh. Geschäftsführer von dm-drogerie markt, plädiert in seinem Buch „Einkommen für alle“ für eine Konsumsteuer anstelle einer Einkommenssteuer. Denn: man müsse das Ergebnis der Wertschöpfung besteuern, also Produkte und Dienstleistungen, und nicht die Arbeit an sich. Werner vergleicht die aktuelle Situation mit einem Obstbaum: Man solle den Baum nicht vor der Ernte fällen. Wer bereits den Anbau von Äpfeln besteuert und nicht erst deren Verbrauch, betreibe „Knospenfrevel“. Und wer den Lohn der Apfelpflücker besteuere, schmälere ihre Bezahlung und damit ihre Kaufkraft. Mit der Einführung der Konsumsteuer und des BGE bei Abschaffung der Einkommen- und Lohnsteuern, so Werner, würde menschliche Arbeit endlich gesamtwirtschaftlich mit der Maschinenarbeit gleich gestellt.

Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Gemeinschaftsbank sieht das Grundeinkommens vor dem Hintergrund des heutigen Verteilungsproblems positiv: „Es gibt viel zu tun, aber die Aufgaben finden nicht zu den Menschen, die sie erledigen könnten und die Menschen finden nicht die Aufgaben, die sie erfüllen wollen. Dabei wollen sich viele gerne einbringen.
Gleichzeit gibt es zu viel Geld, das sich wenige Besitzer konzentriert und bei vielen Menschen nicht ankommt. Zudem produzieren wir ein Überangebot an Produkten und schmeißen vieles weg, während anderweitig gehungert wird.
Bei diesen Verteilungsfragen könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen ein neues Denken und neue Wege ermöglichen.” Wirtschaft für Grundeinkommen

Georg Schürmann, Geschäftsleiter der triodos Bank geht der Frage nach, wie die Arbeit der Menschen in Zukunft aussehen wird, gerade wenn im Zuge zunehmender Digitalisierung immer mehr Tätigkeiten von Robotern und Software übernommen wird und sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. „Deswegen brauchen wir neue sozialpolitische Systeme, die eine sinnvolle Umverteilung ermöglichen. In diesem Diskurs sollten wir die Idee des Grundeinkommens ernst nehmen.“ Wirtschaft für Grundeinkommen

Adrienne Goehler, Publizistin und Kunst-Kuratorin, ehemalige Präsidentin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, sie war Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin und Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds. Zum BGE sagt sie: „Deutschland hat ein enormes kreatives und kulturelles Potenzial. Der Skandal ist: Es wird nicht zum Wohle der Gesellschaft genutzt. Wissenschaft und Künste bleiben im Ghetto, die Politik schottet sich ab. In ihrem gemeinsamen Buch mit Götz Werner „1000 € für jeden“ zeigt sie Alternativen.

Denis Bartelt, Geschäftsführer und Gründer der crowdfundingplattform startnext glaubt fest daran, dass ein BGE in der Lage ist, kreatives Potenzial in jedem Menschen freizusetzen: „Dieses Potenzial zu heben, muss Anspruch unserer Gesellschaft im 21 Jh. sein. Ich sehe darin ausserdem die einzige Antwort auf die fortschreitende Entwicklung, die Menschen schon heute dort ersetzt, wo Maschinen besser und effektiver Arbeit verrichten können. Kreativität kann nur gefördert werden, wenn die Existenz gesichert ist. Die Fähigkeit kreativ zu sein, unterscheidet den Mensch von einer Maschine.“ Wirtschaft für Grundeinkommen

Sebastian Koeppel, geschäftsführender Gesellschafter der beckers bester GmbH sieht das Thema BGE vor allem als eine Frage des Menschenbildes: „Unterstelle ich, dass Menschen von ihrer Natur her faule Schmarotzer sind, dann muss ich die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen als Bedrohung wahrnehmen. Bin ich aber der Überzeugung, dass der Mensch (oder zumindest die Mehrheit der Menschen) ein vernunftbegabtes und sinngetriebenes Wesen ist, werde ich an dem Gedanken eines bedingungslosen Grundeinkommens gar nicht vorbeikommen! Ich habe mich entschieden! Aus meiner Sicht sollten wir mit aller Kraft das „Wie“ und nicht  mehr das „Warum“ diskutieren!“ Wirtschaft für Grundeinkommen

Wolf Lotter, Historiker, Journalist, Mitbegründer des Wirtschaftsmagazins brandeins: „Eine Grundausstattung für alle muss garantiert sein. Eine Gesellschaft braucht einen Fußboden, unter den niemand geraten darf.“ brandeins

Bernd Leukert, Vorstandsmitglied von SAP: „Ich bin der Meinung, dass man die Bedingungen für ein faires Einkommen nicht der Wirtschaft überlassen sollte. Hier ist die Politik gefragt, den richtigen Rahmen zu setzen…“ Die FAZ fragte genauer nach: Bis hin zu einem bedingungslosen Grundeinkommen? „Ja, davon würden langfristig auch diejenigen profitieren, die weiterhin höhere Gehälter beziehen. Wenn wir an dieser Stelle nichts tun, droht die Gesellschaft auseinanderzubrechen.“

Richard David Precht, Philosoph: „Für viele Leute wird es infolge der 4. industriellen Revolution keine Verwendung mehr geben. Wir müssen daher unseren Begriff von Arbeit neu definieren und wir müssen so etwas wie ein Grundeinkommen einführen, sonst brechen uns die Binnenmärkte zusammen. Die Wirtschaft kann wohl kaum ein Interesse daran haben, dass es keine Konsumenten mehr gibt oder dass Millionen arbeitslos sind.“ ORF 2

Elon Musk, eh. Mitgründer des Online-Bezahlsystems PayPal, Gründer des Raumfahrtunternehmens SpaceX und Tesla Motors, prognostiziert eine Arbeitswelt mit immer mehr Robotern und künstlicher Intelligenz. Den Regierungen bliebe keine andere Möglichkeit, als den Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen auszuzahlen. Gleichuzeitig könnten sich die Menschen dann interessanteren und komplexeren Aufgaben zuwenden. CNBC

Yanis Varoufakis, griechischer Politiker, hat in seinem Buch „Das Euro-Paradox“ eine Roboterabgabe angeregt, eine Maschinensteuer, die einen Teil des finanziellen Gewinns der Unternehmen durch Technikeinsatz der Allgemeinheit zuführen soll. Darüber hinaus fordert er die Finanzierung des Grundeinkommens aus Kapitalerträgen, also „Gesetze zu beschließen, die … einen gewissen Prozentsatz des Kapitals (Aktien) aus jedem Börsengang in ein Aktiendepot der Allgemeinheit leiten … in ein Grundeinkommen.“ Um jeglicher Unterstellung von Technikkritik vorzubeugen, weist Varoufakis darauf hin, dass es „nicht um einen Protest gegen die Automatisierung (geht), sondern gegen soziale Strukturen, die sie (die Menschen) angesichts der technologischen Innovationen ihrer Lebensperspektiven beraubten.« ND

Joseph Beuys, Künstler, plädierte schon lange bevor der Begriff BGE im Umlauf war, für die Idee des Grundeinkommens, als Spiegel-Journalist Peter Brügge den Künstler fragte, was mit den in der Wirtschaft „Wegrationalisierten“ geschehen sollte: „Wenn dann einer ein Apparätchen erfindet, mit dem man 200 Arbeitsplätze spart, dann gibt es ja keine Arbeitsstrittigkeit wie heute. Sondern dann steigen die Menschen aus, um ihre Fähigkeiten höher zu entwickeln. Und sie werden für diese Fähigkeit des Sichentwickelns und Lernens bezahlt in genau derselben Weise, wie sie bezahlt würden für die Herstellung von Besenstielen.“ Spiegel-Interview, 4.6.1984  

Als Sozialstiftung befürwortet auch die deutsche Benckiser-Stiftung Zukunft das BGE: „Aus Bürokratie wird Effizienz. Aus Kontrolle das Vertrauen in die freie Entscheidung des Einzelnen. Und aus dem Bittsteller — egal ob in Kenia oder in deutschen Jobcentern — wird ein Empfänger auf Augenhöhe, der sein Schicksal selbstverantwortlich in die Hand nimmt.“ 

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Ausgewählte Praxisprojekte mit BGE

Alaska, Iran, Mongolei

Seit 1976 fließen in Alaska mindestens 25% der staatlichen Rohstoffeinnahmen in den „Alaska Permanent Fund“ (APF). Die Hälfte des jährlichen Gewinnes wird seit 1982 über eine Dividende direkt an die BewohnerInnen Alaskas (ca. 650.000) ausgeschüttet. In der Mongolei soll die Bevölkerung am Verkauf von Bodenschätzen (u. a. Gold, Kupfer) beteiligt werden. Auch im Iran sollen die Bürger an den Gewinnen der Ölförderung beteiligt werden. Pro Person wird zweimonatlich ein Betrag von umgerechnet 80 US-Dollar gezahlt, also 480 US-Dollar pro Person und Jahr. Mehr als 80 % der Iraner haben einen Bewilligungsantrag gestellt.

Brasilien

Seit 2005 bemüht sich die brasilianische Regierung mit staatlichen Programmen, das enorme Armutsgefälle mit Beihilfen zum Familieneinkommen und zur Energieversorgung auszugleichen. Bildung, Arbeit und Wohlstand heißen die Ziele. Dem jeweiligen Haushaltsjahr entsprechend soll das Familienstipendium (Bolsa Família) zuerst die „bedürftigsten Schichten“ erreichen und später graduell auf alle Einwohner ausgeweitet werden.

Kanada

In der Stadt Dauphin der kanadischen Provinz Manitoba erhielten 1.300 Familien zwischen 1975 und 1979 ein staatlich garantiertes Minimaleinkommen. Eine vierköpfige Familien mit weniger als 13.000 Dollar Einkommen im Jahr, erhielt bis zu 5.800 Dollar. Das Ergebnis: Die Menschen arbeiten auch mit dem BGE weiter, waren angstfreier, daher gesünder und motivierter. Das Besondere: Auch Teilnehmer ohne Lohnarbeit erhielten diese Förderung.

Wegen mangelnder Budget musste das Experiment vorzeitig abgebrochen werden. Erhebungen und Erkenntnisse werden erst seit 2005 im Rahmen der Studie Stadt ohne Armut analysiert und ausgewertet. Die Soziologin Evelyn Forget verglich die Daten der damaligen Bewohner von Dauphin mit denen der damaligen Mitbürger aus den Nachbarstädten. Demnach wirkt sich ein Grundeinkommen in vielerlei Hinsicht positiv auf eine Gesellschaft aus: Teilnehmer mussten seltener zum Arzt, psychische Beschwerden gingen zurück, es gab 8 Prozent weniger Krankenhausaufenthalte. Mehr Jugendliche schlossen die Schule mit dem Abitur ab, weil ihr Lebensunterhalt gesichert war.

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Deutschland

Brandenburg: Der 2009 von der Stuttgarter Breuninger-Stiftung angekündigte Feldversuch für ein bedingungsloses Grundeinkommens 100 mal Neues Leben – arbeiten in der Uckermark konnte bislang nicht in der ursprünglich geplanten Form stattfinden.

Mecklenburg: In Alt Rehse (Mecklenburgische Seenplatte) hatte die Gemeinschaft Tollense Lebenspark ein Konzept für ein „Grundauskommen“ entwickelt. Die bis zu 40 Lebenspark-Mitglieder wollten Einnahmen über Öko-Seminare, Tierhaltung, Gastronomie und Vermietung generieren. Das Pilot-Grundauskommen finanzierte sich aus Einzahlungen aller Bewohner durch einen prozentualen Teilbetrag aus jedem Einkommen. Weitere Gelder sollten durch  die Stiftung Lebenspark eingeworben und in einem Fond verwaltet werden. Das Projekt scheiterte an unlauteren Einzelinteressen, ebenso das angedachte Modell einer Genossenschaft. Das 2014 eingestellte Projekt litt von Anfang an unter Geldmangel, wie Gutachter feststellten. Die Betreiber des alternativen Wohnprojekts wurden 2015 wegen Kreditbetrugs und Urkundenfälschung zu einer Bewährungs- und einer Geldstrafe verurteilt.

Kenia

Mit dem Pilotprojekt GiveDirectly soll ab 2016 etwa 6.000 Bewohnern in etwa 12 Dörfern in Kenia 10 bis 15 Jahre lang ein Grundeinkommen ausgezahlt werden, insgesamt 30 Millionen Dollar, etwa 42 US-Dollar pro Kopf und Monat. Da in Afrika die Lebenshaltungskosten für einen mittleren Haushalt gering sind, kann schon mit diesem überschaubarem Finanzvolumen ein Grundeinkommen an so viele Menschen ausgezahlt werden, wie für eine aussagekräftige Statistik nötig sind. Es wird ohne Gegenleistung und ohne Bedingungen der Geber in die Hände der Empfänger übergeben. Es ist das bislang umfangreichste und längste BGE-Pilotprojekt weltweit. Es wird von Abhijit Banerjee, einem Wirtschaftsprofessor am Massachusetts Institute of Technology und renommierten Entwicklungsökonom, wissenschaftlich ausgewertet. Folgende Fragen sollen u. a gestellt werden: Wie werden sich die Empfänger verhalten? Wie wird sich das soziale Leben in den Dörfern ändern?

Namibia

2008 finanzierten mehrere Organisationen, u. a. Kirchen, Aids-Hilfe und Gewerkschaften, im Dorf Otjivero-Omitara für zwei Jahre ein garantiertes bedingungsloses Grundeinkommen (Basic Income Grant). Anschließend erhielten die vorherigen Teilnhemer für weitere zwei Jahre ein Überbrückungsgeld von monatlich 80 NAD (ca. 8 EUR) aus Spendengeldern. Die Regierung sollte mit dieser Initiative dazu bewegt werden, das Grundeinkommen landesweit einzuführen. Die Bonner Initiative Grundeinkommen hat über das Projekt, seine Auswirkungen und den aktuellen Stand eine Wander-Foto-Ausstellung erstellt mit der Frage: Sind die Erfahrungen aus dem Namibia-Projekt übertragbar? Infolge des Grundeinkommens konnten die Menschen in Namibia sich besser ernähren, sie entwickelten wirtschaftliche Initiativen, die Kriminalitätsrate sank und mehr Kinder konnten zur Schule gehen. Kritische Stimmen allerdings beklagen, externe Personen würden keinen Zugang zu den gewonnen Daten erhalten.

Sambia

Das Projekt der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ (eh. GTZ) wurde 2005 in der Provinz Kalomo initiiert, deren Bewohner stark von Aids betroffen sind. Finanziert werden Familien ohne Eltern bzw. erwachsene Geschwister: Großeltern mit Kindern erhalten eine Direktzahlung ohne jede weitere Bedingung, Das Grundeinkommen bewirkte, dass sich die Gesundheitssituation deutlich verbesserte, die Unterernährung zurück ging und Kinder wieder zur Schule gehen konnten. Statt Geldmissbrauch profitierte die lokale Wirtschaft. Dennoch wurde das Projekt von der GIZ eingestellt.

USA

Bereits Ende der 1960er wollte Präsident Nixon einen sogenannten Family Assistance Plan mit einem garantierten Einkommen durchsetzen. In den 1970er Jahren gab es dann erstmals fünf große Projekte, die die Auswirkungen des Grundeinkommens untersucht haben: in New Jersey, North Carolina, Seattle, Denver und Gary. Das Modell entsprach dem der „negativen Einkommenssteuer“ – siehe Milton Friedman, 1960.

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Übertragbare Erkenntnisse aus Projekten  mit Mikrokrediten

BGE-Kritiker führen häufig als Argument gegen das BGE an, ein bedingungsloses Grundeinkommen führe zu Faulheit und Untätigkeit, d.h. mit BGE würden sich viele Bürger in die soziale Hängematte legen. Die im Umfeld des Wirtschaftswissenschaftlers und Nobelpreisträgers Muhammad Yunus seit 1993 in Bangladesh gewährten Mikrokredite zeigen jedoch, dass eine finanzielle Grundausstattung gerade für Menschen ohne Einkommenssicherheit zur mehr Eigenverantwortung,  Selbstermächtigung und Unabhängigkeit führt, wenngleich die erhaltenen Zahlungen am Ende der Vertragslaufzeit mit Zinsen zurückgezahlt werden müssen. Über 90 % der Mikro-Kreditnehmerinnen waren bzw. sind Frauen. Yunus hat verschiedene Beispiele dokumentiert, nach denen sich Frauen mit den Mikrokrediten in Waren für Shops, Saatgut für Felder oder Nähmaschinen investieren und so besser für das Wohl ihrer Kinder und Familien sorgen konnten.

Nach Angaben der von Yunus gegründeten Grameen Bank soll die Rückzahlquote bei den Mikrokrediten bei 98 Prozent liegen. Kritiker, wie der NGO-Aktivist aus Bangladesch Khorshed Alam, warnen allerdings, das Mikrokredit-System könne ggf. auch zu weiterer Verarmung führen. Der effektive Zinssatz, den die Grameen Bank einhebe, liege zwischen 30 bis 60%.

Fest steht: Menschen übernehmen Verantwortung für ihr Leben, wenn ihnen die Möglichkeit dazu gegeben wird, z. B.  durch eine finanzielle Grundausstattung. Es ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, sich aktiv und vor allem sinnvoll in die Gesellschaft einzubringen. An Sinn fehlt es heute in nicht wenigen beruflichen Tätigkeitsfeldern. Wenn sich die Bürger dank BGE entsprechend ihrer Fähigkeiten wirklich sinnvoll in die Gesellschaft einbringen können,  wird es vermutlich weniger untätige Menschen geben als heute.

Aktuelle BGE-Projekte in Planung:

Schweiz

Am 5. Juni 2016 haben die Schweizer gegen die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens gestimmt. Initiator war die Initiative um Daniel Häni und Enno Schmidt: Grundeinkommen.

Finnland

Im Juni 2015 finnische Regierungsparteien in ihrem Koalitionsvertrag fest, als erstes europäisches Land ein Grundeinkommen zu testen. Laut einer Umfrage der finnischen Sozialversicherung befürworten mehr als die Hälfte der Finnen ein Grundeinkommen. In einem zweijährigen Experiment sollen ab 2017 die Auswirkungen untersucht werden. Das Team von Sozialwissenschaftler Olli Kangas betreut bereits jetzt vorbereitende Forschungen. Bis zu 10.000 Menschen sollen am Experiment teilnehmen, jeder soll etwa 560 Euro monatlich (plus Wohngeld) erhalten. Mehr Infos bei der Initiative „Mein Grundeinkommen„.

Niederlande

Die niederländische Stadt Utrecht plant die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens im Jahr 2016 für 450 Testpersonen. Jeder soll 950 Euro pro Monat erhalten, ein Zweipersonenhaushalt bekommt 1.350 Euro. Es soll fünf unterschiedliche  Testgruppen mit anderen Auflagen geben, die erfüllt werden müssen, um das Geld von der Stadt zu bekommen. Immerhin eine Gruppe erhält die Unterstützung ohne Wenn und Aber, egal, ob man reich oder arm ist, ob man arbeitet oder nicht. Mit Unterstützung des Wirtschaftswissenschaftlers Loek Groot von der Universität Utrecht sollen im Testzeitraum spannende Fragen geklärt werden: Suchen die Menschen dennoch nach Arbeit? Bilden sie sich fort? Werden sie zu Gründern? Ändern sie ihr soziales Verhalten? Steigen oder sinken die Kosten für die Stadt? Die Stadt wartet noch immer auf grünes Licht von der niederländische Regierung in Den Haag.

229441_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

 

Teil 1: BGE – Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln

Teil 2: BGE – Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

Teil 3: BGE – Was das Grundeinkommen für die Kreativszene bedeuten würde …

 

Kunst und Design: Geschichten aus dem Automaten

457445_web_R_K_B_by_Rita Köhler_pixelio.de © Rita Köhler, Pixelio

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche, Teil 5 – Kunst und Design

Künstler und Kreativschaffende aus unterschiedlichen Branchen unterstützen überall in Deutschland Geflüchtete: egal ob im Theater oder auf der Opernbühne, in Film- oder Tonstudios, in Architektur- oder Designwerkstätten, in Kunst-Ateliers oder in multikulturellen Küchen, bei Flashmobs, Tanzperformances oder in Game-, App- und Web-Laboren. Die Beispiele der folgenden 10teiligen Blogreihe zeigen, dass Deutschlands Kreativszene ein starker Innovationsmotor für eine gelungene Integration ist, die Parallelgesellschaften vorbeugt und damit uns allen hilft.

685528_web_R_K_B_by_Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM)_pixelio.de © Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft IESM, Pixelio

Kunst I: Aktionsraum für Flüchtlinge

Das Hamburger Künstlerkollektiv Baltic Raw initiierte 2015 auf Kampnagel in Hamburg einen Aktionsraum für Geflüchtete der Lampedusa-Gruppe. Amelie Deuflhard, der Intendantin des Kulturzentrums, ist es zu verdanken, dass eine temporäre Spielstätte des Kampnagel-Sommerfestivals für Geflüchtete winterfest gemacht wurde. Die Ecofavela Lampedusa-Nord ist ein hölzerner Nachbau des umkämpften Hamburger Kulturzentrums „Rote Flora“ im Schanzenviertel und erfüllte die ökologischen Standards eines Passivhauses. Einen Winter lang fungierte es als Unterkunft und Begegnungsraum. Die dort untergebrachten Flüchtlinge der Lampedusa-Gruppe lebten in Hamburg zunächst auf der Straße, bevor ein Teil von ihnen vorübergehend Unterschlupf in der St.-Pauli-Kirche fand. Die Ecofavela auf Kampnagel ermöglichte einen sozialen Dialog auf Augenhöhe zwischen Künstlern und Geflüchteten. Berndt Jasper von Baltic Raw: „Das Kunstprojekt ist eine Art soziales Labor, Aktionskunst mit dem Ziel, die Flüchtlinge zu integrieren.“

683532_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Kunst II: Hotelalltag für Geflüchtete und Reisende

Ein ehemaliges Altenheim der Diakonie im Ausburger Domviertel bringt Geflüchtete, Reisende und Kreative zusammen. Das Grandhotel Cosmopolis ist ein Gesamtkunstwerk, entwickelt von Kreativen, hinter denen der gemeinnützige Verein »Grandhotel Cosmopolis e.V.« steht. Das Haus beherbergt 65 Asylbewerber in kleinen Wohnungen, bietet Reisenden und Gästen in 16 Hotelzimmern eine preiswerte Unterkunft und Künstlern Büroräume, interdisziplinäre Ateliers, eine Bühne für Veranstaltungen und offene Lernwerkstätten, die von allen genutzt werden können.

Im Fokus steht die Teilhabe für alle: Geflüchtete bringen sich und ihre Ideen in den Hotelalltag ein und können Beratungsangebote in Anspruch nehmen. Reisende aus aller Welt befruchten das Haus mit ihren Erfahrungen. Es geht um Perspektivwechsel, um das Nachdenken über den Begriff des Reisens und um die Annäherung zwischen Menschen, ihren Schicksalen, Lebenswelten, Kulturen. Die Café-Bar ist ein interkultureller Treffpunkt, der Küchenbetrieb wird kosmopolitisch organisiert. Die Kreativen setzen Akzente für ein friedliches Zusammenleben in der modernen Stadtgesellschaft, frei nach Joseph Beuys: „Viel interessanter als ein Haufen Gleichgesinnter ist doch eine Gemeinschaft der Ungleichgesinnten.“

Das Grandhotel ist eine Fundgrube berührender Geschichten. Der Design-Professor Mike Loos hat daher gemeinsam mit Studenten der Hochschule Augsburg im Rahmen eines Workshops Comic-Reportagen über Flüchtlinge, Ehrenamtliche und Nachbarn des Cosmopolis erarbeitet. Die „Geschichten aus dem Grandhotel“ sind im Augsburger Wißner-Verlag zum Preis von 12,80 Euro erschienen.

Essen_Geschichten aus dem Kaugummiautomaten © Folkwang Universität der Künste, un-an-vertraut.de

Kunst III: Geschichten aus dem Automaten

Studierende der Folkwang Universität der Künste Essen setzen Kunst als Mittel ein, um nachbarschaftliches Miteinander anzuregen. Sie platzierten einen Kaugummiautomaten neben eine Unterkunft für Geflüchtete. Dreht man am Rad, spukt der Automat jedoch keinen Kaugummi aus, sondern eine Holzkugel mit einer Geschichte im Inneren, einer Geschichte aus der Heimat der Geflüchteten. Beim Lauschen der Geschichten kann sich die Bevölkerung den neuen Nachbarn behutsam nähern. Das Kunstprojekt bietet einen vorurteilsfreien Weg, sich auf seine Mitmenschen einzulassen. Mitinitiator Torben Körschkes berät auch gern mit Tipps, wie Interessierte Kontakt zu Flüchtlingen und Hilfsorganisationen aufbauen können.

629475_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Kunst IV: Kreativprojekt mit Handwerk

In Molfsee bei Kiel bietet der Verein Create Future für soziale Start-up-Projekte und interkulturelle Bildung e.V. Geflüchteten Projekte zum kreativen Gestalten an. Sie können an Wochenenden an Workshops im Malen, Bildhauen und Schweißen teilnehmen. In einem speziellen Workshop können Geflüchtete gemeinsam mit der Kieler Bevölkerung umweltfreundliche Regale fertigen. Aus gebrauchtem Holz und alten Seilen stellen sie Hängeregale her, aus alten Segeln und Paletten Outdoormöbel. Mit den Verkaufserlösen werden Projekte für Geflüchtete in Kiel unterstützt und Kreativworkshops für neue Teilnehmer.

20150920_122745 © Antje Hinz, MassivKreativ

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Kunst V: Ausstellung mit Designkonzepten für Geflüchtete

Designxport ist ein Aktionsraum für Design in Hamburg, der sich als Schnittstelle zwischen Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft versteht und aktuelle Themen aufgreift. Im Frühjahr 2016 zeigt das Zentrum Konzepte für Geflüchtete von internationalen Designern: „Migration matters – Design Innovation matters for Refugees“.

„Designer können zwar die komplexen Probleme von Menschen auf der Flucht nicht lösen, jedoch viel zur Erleichterung ihrer Situation beitragen,“ – sagt Richard van der Laken, Grafikdesigner aus Amsterdam sowie Gründer und Direktor der internationalen Designkonferenz „What Design Can Do“.

Die Ausstellung bei „designxport“ präsentiert sieben Konzepte von Designern aus den Niederlanden, Italien, Großbritannien, Schweden und Japan.

  • Ein Multimediajournalist, ein Künstler und ein Fotograf aus Amsterdam dokumentieren mit dem Projekt Refugee Republic das Alltagsleben in dem syrischen Flüchtlingslager „Camp Domiz“. Ihr Mittel ist eine interaktiven Website mit Zeichnungen, Fotos und Texten.
  • Eine italienische Designerin hinterfragt die Bedeutung der Staatsbürgerschaft. Mit ihrem Projekt Unconditional Universal überträgt das Konzept des sharings auf ein weltweites Netzwerk zum Teilen des Passes. Es soll Menschen verschiedener Nationen ermöglichen, ihre Staatsbürgerrechte anderen nach Bedarf im Tausch zur Verfügung zu stellen.
  • Die schwierigen Bedingungen in Flüchtlingslagern dokumentiert das Projekt Better Shelter. Sieben schwedische Designern haben mit dem UNHCR Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen und der IKEA-Stiftung ein Notunterkunftshaus geschaffen, das ohne Werkzeuge aus einem flachen Karton heraus aufgebaut werden kann. Es hat eine Lebensdauer von drei Jahren und wird vom UNHCR bereits weltweit eingesetzt. Elektrizität erhält das Haus über eine eingebaute Solarzelle.
  •  Weitere Projekte der Ausstellung thematisieren Überlebenstipps in Notsituationen, z. B. wärmende Schutzkleidung, Beschaffungsquellen für Ausweispapiere und nachhaltige Wasserversorgung in Flüchtlingscamps.

Ausstellungseröffnung: Donnerstag, 28. Januar 2016 um 19 Uhr bei designxport Hamburg (bis 12. März 2016). Migration Matters, Design Column #11 ist ein Projekt von Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam (Niederlande), 2015.

Begleitend zur Ausstellung ist die Fotoserie „Auf der Flucht“ des Hamburger Designers Malte Metag zu sehen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit More Than Shelters. 2015 erreichten viele tausende Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Afrika die griechische Insel Lesbos, die nur wenige Kilometer vor der türkischen Küste liegt. Wie viele Menschen dabei ertranken ist nicht genau zu beziffern. Die, die es geschafft haben, hoffen auf Asyl in Europa und eine Zukunft in Frieden.

Hinweis: Ausführlich berichte ich über More Than Shelters und weitere menschenwürdige Wohnprojekte und Wohnideen für Geflüchtete in Teil 6 der Blogreihe am Mo, d. 25.1.2016: Teil 6. Architektur: „Instant Home“ mit Origami-Technik.

 

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche

Teil 1. Prolog: Hilfe aus der Kreativbranche für Geflüchtete

Teil 2. Theater: Neue Heimat auf der Bühne

Teil 3. Musik: Bridges – Musik verbindet

Teil 4. Museum: Mit Kunst gegen den Hass

Teil 5. Kunst und Design: Geschichten aus dem Automaten

Teil 6. Architektur: „Instant Home“ mit Origami-Technik

Teil 7. Web, Apps, Games: Flucht als Selbsterfahrung

Teil 8. Kreatives für Geflüchtete: Kochen, Gärtnern, Flashmobs

Teil 9. Kulturarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Teil 10. Medien für Geflüchtete: Ankommen und Lernen

Teil 11. Bürgeridee: Schulungsprogramme über Monitore für Geflüchtete

Teil 12. Nachlese: Kreative Ideen für Geflüchtete aus der Community

 

Aufruf: Noch mehr kreative Ideen für Geflüchtete gesucht!

Was können Künstler für Geflüchtete tun? In meinem Blog MassivKreativ stelle ich engagierte und nützliche Projekte von Kreativschaffenden vor. Die Liste der guten Beispiele soll weiter wachsen und anderen Mut machen, die ebenfalls Aktivitäten planen! Wenn Sie weitere kreative Projekten für Geflüchtete kennen, die ich bislang nicht erwähnt habe, schicken Sie mir gerne Ihre Infos. Ich sammle sie und berichte in einem neuen Artikel über weitere innovative Projekte.  Infos bitte an mich: massivkreativ2015(at)gmail.com

„take part in art“: Was macht uns ticken, wie wir ticken ?

Foto HJKassel © Künstler Hermann J Kassel, Foto: Tameer Gunnar Eden

Hermann J Kassel ist Künstler und beschäftigt sich vor allem mit Installationen, Objekten und Bildhauerei. Staatliche Museen und private Galerien zeigen seine Werke. Unternehmen haben seine Arbeiten angekauft bzw. Werke bei ihm in Auftrag gegeben, z. B. Deutsche Telekom, Robert Bosch GmbH, RWE/ELE, Hypo Vereinsbank und GETRAG International. Sein künstlerisches Selbstverständnis schöpft Hermann J Kassel auch aus künstlerischen Interventionen. Über dieses Tätigkeitsfeld und weitere Leidenschaften habe ich mit Hermann J Kassel gesprochen.

A.H. Herr Kassel, für Ihre künstlerischen Interventionen haben Sie ein Konzept erdacht, das Sie „take part in art“© nennen. Können Sie Ihre Intentionen dazu erläutern?

Hermann J Kassel
Ich bin davon überzeugt, dass die Integration künstlerischer Kompetenzen, Strategien und Denkweisen einen Perspektivwechsel bewirkt und Denk- und Gestaltungsräume von Führungskräften und Mitarbeitern zu erweitern vermag. Die kreativ inspirierten Mitarbeiter schöpfen anschließend aus einem größeren Ideenpool und begegnen den Herausforderungen mit mehr Offenheit, Selbstvertrauen und Mut. Damit sich dies dauerhaft im Bewusstsein der Mitarbeiter verankert, dürften regelmäßig angeregte Perspektivwechsel und „kreative Irritationen“ von Vorteil sein.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf das äußerst lesenswerte Buch „Theorie U – Von der Zukunft her führen“ von C. Otto Scharmer hinweisen. Der Autor beschreibt darin u.a. die Bedeutung der Intuition, des schöpferischen Tätigwerdens, der Intelligenz unseres geöffneten Denkens, Herzens und Willens. Scharmer zieht dabei auch immer wieder Vergleiche zur Arbeit des Künstlers.

Atelier 1 Atelier 2 © Hermann J Kassel: Blick in das Atelier des Künstlers

Wann und warum sind Sie darauf gekommen, neben Ihrer schöpferischen künstlerischen Arbeit auch Interventionen in Unternehmen und im öffentlichen Sektor anzubieten?

Hermann J Kassel
Dies ist eher zufällig passiert, so um das Jahr 2000. Ich hatte als ursprünglich ein Meeting als Betriebsausflug für Mitarbeiter der Telekom Köln-Bonn in die Fabrik geplant, in der ich mein Atelier habe. Im Laufe der Vorbereitungen veränderten sich die Planungen für diesen Ausflug dahingehend, dass auch ein kreatives Arbeiten mit den MitarbeiterInnen gefragt war. Als weitere Anfragen diesbezüglich folgten, erarbeitete ich das Konzept für “take part in art“©

Bearbeiten Sie bei einer künstlerischen Intervention eine konkrete Fragestellung? Wie wird sie entwickelt?

Hermann J Kassel
In den meisten Fällen ja. Häufig stehen die Interventionen in inhaltlichen Zusammenhängen und Fragestellungen mit und für Meetings oder für Konferenzen der Unternehmen oder Institutionen. Ich werde darüber in Vorabgesprächen informiert und setze mich dann inhaltlich damit auseinander, transformiere die Fragestellung in das Interventionsgeschehen und seine formale Umsetzung.

Können Sie über eine konkrete künstlerische Intervention berichten?

Hermann J Kassel
Eine Intervention im Unternehmen GETRAG Ford Transmissions, möchte ich näher vorstellen. Es ist Teil der GETRAG International GmbH, einem der weltweit größten Systemlieferanten für Getriebesysteme (Anmerkung A.H.: Im Juli 2015 wurde Getrag vom kanadisch-österreichischen Konzern „Magna International“ übernommen.)
Wichtige Herausforderungen standen für das Unternehmen im Jahr 2012 in Verbindung mit Begriffen wie „Wurzeln“ bzw. „Verwurzelung bei gleichzeitiger Diversität und Globalisierung“, „Veränderung“ sowie „Wandel vom Jetzt in die Zukunft“.

_tpia_ 5 _tpia_ 4 © Hermann J Kassel: „tpia“ 4-5″ – „Erd-Arbeiten“ und Leinwände, entstanden im Rahmen der Intervention mit 45 Managern bei der Führungskräftekonferenz der GETRAG International

Diese Punkte und Themen sollten möglichst auch im Rahmen der „take part in art“©-Intervention behandelt werden und führten mich so zu meiner Werkgruppe der „Erd-Arbeiten“, mit der ich mich seit 1993 auseinandersetzte. In geschlossenen Stahl-Glas-Skulpturen werden auf Papier, Leinwand und Folien aufgetragene Inhalte durch die ebenfalls hierin mit eingeschlossener Erde kontinuierlich verändert. Inhalte und Schriften auf Papier oder Leinwand erfahren dabei eine schnellere Veränderung bis hin zur Unkenntlichkeit. Im Laufe der Zeit werden diese ersetzt durch ein natürliches Bild (durch Photosyntheseprozesse innerhalb der Arbeit). Die leicht feuchte Erde bedingt – durch ihre photosynthetischen und biologischen Prozesse – einen stetigen Wandel und eine Veränderung in den hierauf liegenden Leinwänden, Papieren und Folien.
Die auf Folien aufgebrachten Inhalte hingegen werden von diesem Prozess nicht verändert und bleiben konstant sichtbar vor dem Hintergrund der stetigen Veränderung.

An der Intervention nahmen 45 Manager teil – und zwar im Rahmen der Getrag Führungskräftekonferenz der GETRAG International. Jeder brachte von seinem jeweiligen Heimatstandort der GETRAG Erde mit zur Konferenz. Im Workshop wurden die Inhalte der Tagung, angeregt durch Monotasking-, Speeddating- und Reflektionsrunden, auf Papieren und Folien verewigt und in Stahlsäulen eingesetzt. Während die Texte auf Papier sich mit der Zeit verändern, bleiben sie auf den Folien dauerhaft lesbar.

Auf Glasplatten hielten die Führungskräfte die am Vormittag bearbeiteten Themen zusammen mit ihren eigenen Gedanken, Visionen, Hoffnungen und Wünschen für ihre Arbeit und das Unternehmen fest. Als verdichtetes Kompendium all dieser Idee entstand ein grünlich schimmernder Block, eingefügt in die Stahlsäule und von LEDs beleuchtet.

Hermann J Kassel_tpia_ 1 _tpia_ 3 Hermann J Kassel_tpia_ 2 © Hermann J Kassel: Im Rahmen der Intervention mit GETRAG Ford Transmissions entstanden „tpia“ 1-3″ – die Stahl-Glas-LED-Lichtsäule „shining future“.

Welche Auswirkungen hat das jeweilige Budget auf die Intervention?

Das zur Verfügung stehende Budget hat z. B. Einfluss auf die formalen Umsetzung, also z. B. auf das Objekt, das am Ende entsteht. Aufwendigere Stahl-Glas-Licht-Objekte schlagen hier natürlich anders zu Buche als weniger aufwendige. Mein Impetus, mit dem ich an eine jede “take part in art“©-Intervention herangehe, ist aber unabhängig vom Budget gleich intensiv.

Ich las, dass Sie auch Konferenzen mit Interventionen begleiten: Wie funktioniert so etwas in einem zeitlich sehr eng gesteckten Rahmen, wenn die Teilnehmer inhaltlich ohnehin schon stark gefordert und deren Aufnahmekapazitäten vielleicht daher begrenzt sind?

Hermann J Kassel
Das ist in der Tat schon eine besondere Aufgabe und Herausforderung. Es gab Interventionen, die ich während der Pausen oder in bewusst offen gehaltenen Zeitfenstern mit den Teilnehmern durchgeführt habe. Bei anderen Konferenzen war die Intervention ein feststehender Programmpunkt. Die Teilnehmer in einem solchen Rahmen einzuladen und mitzunehmen, erfordert innere Überzeugung für das, was ich bereichernd vermitteln möchte.
Eine nachhaltige Wirkung erzeugt das gemeinschaftliche Werk, das die Teilnehmer gemeinsam entstehen lassen. Auch eigene Arbeiten, die in Einzelaktion im Rahmen der Intervention anfertigen, können die Teilnehmer in ihr privates Umfeld mitnehmen.

Sie haben auch für die Sir Peter Ustinov Stiftung gearbeitet. Ustinov hat sich ja stark gegen Vorurteile engagiert … War dies auch Thema Ihrer Intervention?

Hermann J Kassel
Im Rahmen des Weltkindertages gab es hier Interventionen für und mit Kindern, wovon
ca. 50% einen Migrationshintergrund hatten. Das vorurteilsfreie, offene und gemeinsame Arbeiten stand hier im Vordergrund. Wenn das gelingt, ist doch schon einiges erreicht.

Wenn Sie eine Intervention vorbereiten, welche Fragen stellen Sie sich dann am Anfang? Wie recherchieren Sie, um sich dem Unternehmen zu nähern?

Hermann J Kassel
Die ersten faktischen Fragen betreffen die Rahmenbedingungen: die Zeit, die zur Verfügung steht, die Anzahl der Teilnehmer, woher diese kommen, wo die Intervention stattfinden soll, also bei mir im Atelier oder vor Ort. Parallel dazu arbeite ich am inhaltlichen Bezug. Interventionen stehen meist in einem inhaltlichen Zusammenhang mit relevanten Fragestellungen. Die Vorbereitungsphase für eine Intervention dauert in der Regel einige Wochen. In dieser Zeit sammle ich möglichst viele Informationen. In der Regel bitte ich die Unternehmen, mir möglichst viel „Futter“ zu geben; hierzu gehört nicht zuletzt auch immer die intensive Auseinandersetzung mit Materialien, Produkten, mit denen die jeweiligen Unternehmen arbeiten oder die sie herzustellen.

Für mich als Objekt-Künstler ist gerade das immer wieder sehr spannend, denn ich komme mit zum teil ungeahnten Materialien in Kontakt. Aus all dem formt sich dann die Idee, der Leitfaden und schließlich das formale Aussehen der Intervention. In der Regel erarbeite ich das „skulpturale Gehäuse“ für eine Intervention im Vorfeld. Die inhaltliche Aufladung erfolgt dann gemeinsam während der Intervention.

Wie bauen Sie bei einer Intervention den Kontakt zu Teilnehmern bzw. Mitarbeitern auf? Wie erlangen Sie ihr Vertrauen?

Hermann J Kassel
Mit Authentizität – „ich meine das, was ich da mache“ – und das spüren die Teilnehmer. Ich bin „Überzeugungstäter“!

Künstlerische Interventionen haben den Vorteil, dass die Teilnehmer durch die kreative Arbeit beim Workshop die Dinge anders betrachten können als sonst im Alltag. Es wird ein Perspektivwechsel ermöglicht. Haben Sie eine Rückmeldung von einem Workshop in Erinnerung, bei dem er einen besonderen Aha-Effekt gab?

Hermann J Kassel
Mir geht es darum, dass die Teilnehmer sich selbst anders und neu kennenlernen; dass sie etwas Neues von und in sich entdecken. Hier ergeben sich immer wieder AHA-Erlebnisse. Sie sind – neben der inhaltlich thematischen Bearbeitung – dauerhaft abrufbar und wirksam, nicht zuletzt durch die bei der Intervention entstandenen Arbeiten, die j auch dauerhaft im Unternehmen verbleiben.

Was nehmen Sie für sich persönlich aus einer Intervention mit? Was gibt Ihnen die Interaktion mit „normalen Menschen“ für Ihre eigene künstlerische Arbeit?

Hermann J Kassel
Meine künstlerische Arbeit entsteht aus und in mir. Ich mache diese Arbeit sicher aus einem inneren Drang, aber letztlich ja für „normale“ Menschen. Bei meiner Arbeit interessiert mich die Frage: „Was macht uns ticken, wie wir ticken?“. Das interaktive Arbeiten mit Menschen ist für mich manchmal anstrengend, aber immer hochspannend und lehrreich.

Einige Künstler lassen ihre Interventionen von einem Vermittler begleiten, der als Bindeglied zwischen ihm und dem Unternehmen bzw. der Institution agiert und den Prozess begleitet. Sie arbeiten – soweit ich weiß – ohne Intermediär. Gehen Sie bewusst Ihren eigenen Weg allein oder würden Sie sich zuweilen Unterstützung wünschen und konkret bei welchen Aspekten?

Hermann J Kassel
Das habe ich schon so und so geplant und durchgeführt. Ich mag es durchaus, wenn meine Interventionen von einem „Vermittler“ begleitet und auch schon einmal moderiert werden. Eine zusätzliche weitere Reflexionsebene kann in dem einen oder anderen Fall durchaus willkommen sein.

Der Drang, „auf einer Bühne stehen zu müssen“ ist bei mir sicher nicht übermäßig stark ausgeprägt. Die klassische „Rampensau“ bin ich da ganz sicher nicht. Natürlich gehört eine Art Anmoderation von mir zu einer Intervention dazu. Ich halte sie aber eher kurz, um dann in den eigentlichen Teil meiner Arbeit zu kommen – hier bin ich dann wirklich zu Hause. Manchmal ist es auch hilfreich, wenn Ergebnisse einer Intervention von „anderer Seite“ aus reflektiert und vermittelt werden. Das dauerhafte Verbleiben des Werkes an einem „prominenten“ Ort im Unternehmen schafft die wichtige „Nachhaltigkeit“ in Wirkung und Auswirkung.

Wenn ein Künstler für Unternehmen arbeitet, wird oft vermutet, dass er dort instrumentalisiert und funktionalisiert wird. Wie sehen Sie das im Hinblick auf Ihre eigenen künstlerischen Interventionen?

Hermann J Kassel
Solange ich nicht in dem eingeschränkt werde, wie ich etwas ausdrücken, transformieren und vermitteln möchte, kann ich mich kaum instrumentalisiert oder funktionalisiert fühlen. Wenn die Art und Weise gefragt ist, wie ein Künstler bestimmte Fragestellungen sieht und bearbeitet, so scheint mir das doch sinnvoll und wünschenswert. Darin sehe ich eher eine Chance – für beide Seiten. Denn auch ich lerne immer weiter dazu. Meine Interventionen wären nicht gefragt, wenn es schlichtweg darum ginge, „das Letzte“ aus den Mitarbeitern herauszukitzeln, um schlicht -weg „bessere Zahlen“ anschließend schreiben zu können. Außerdem habe ich jederzeit die Möglichkeit, eine Zusammenarbeit mit einem Unternehmen abzulehnen.

4. Polymobile vor Stahlrelief und Korrosionsabdruck © Hermann J Kassel: 4. Polymobile vor Stahlrelief und Korrosionsabdruck

Sie schreiben auf Ihrer Website „Kultur ist heute kein ‚nice to have‘, sondern eine bedeutende Voraussetzung für Erfolg.“ Was bewirken Kunst und Kultur? Welche Beobachtungen haben Sie bei Ihren Interventionen gemacht.

Hermann J Kassel
Die Integration künstlerischer Kompetenzen, Strategien und Denkweisen ermöglicht Perspektivwechsel und erweitert die Denk- und Gestaltungsräume von Führungskräften in Wirtschafts- und Wissenschaftssystemen.
Steht am Anfang einer Intervention noch das ängstliche „ich kann doch nicht malen …“, verwandelt sich das in ein „ich bringe mich mit einem/meinem „wichtigen inhaltlichen“ Einfluss in die Gesamtarbeit mit ein.“ Menschen öffnen sich!

Auf Ihrer Website schreiben Sie außerdem: „Kunst eröffnet die Möglichkeit, unternehmensrelevante Themen in neuer Weise zu erfahren und zu bearbeiten und damit neue Denkräume und Gestaltungspotenziale zu schaffen.“ In diesem Zusammenhang ist die nachhaltige Wirksamkeit von Kunst ein wichtiges Thema. Gibt es auch Institutionen bzw. Unternehmen, mit denen Sie mehrfach zusammengearbeitet haben und daher auch die Nachhaltigkeit Ihrer Arbeit prüfen konnten? Inwiefern hat die Institution die Erkenntnisse aus Ihrer Intervention nachhaltig in ihren Arbeitsalltag eingebettet?

Hermann J Kassel
Ja, es gibt Unternehmen wie Institutionen, mit denen ich wiederholt gearbeitet habe.
Es ist schwierig, hier eine Art Gleichung “Input-Output“ aufzumachen. Für solche faktischen „eins zu eins“-Gleichungen eignen sich vielleicht andere Instrumente eher, Strategieberatungen oder anderes mehr, eben Instrumente aus dem klassischen Trainer- oder Coachingbereich. „take part in art“© setzt und wirkt vielleicht eher „subkutan“, weil es in andere, nicht weniger wichtige Ebenen und Schichten eindringt.
Die gemeinsam geschaffene und inhaltlich aufgeladene, dann an signifikantem Ort dauerhaft präsente Arbeit aktiviert diese Ebenen stets neu, lässt Frageräume auch offen, regt an und inspiriert.

In welchem Alter waren Sie sich sicher, Kunst zum Mittelpunkt Ihres Lebens zu machen bzw. auch Ihren Lebensunterhalt mit Kunst zu bestreiten?

Hermann J Kassel
Das war schon recht früh. Zunächst noch schwankend zwischen Musik und der Bildenden Kunst … Dann irgendwann um die 16 Jahre ging es die Richtung Bildende Kunst – nicht wissend, was das auch für das Bestreiten des Lebensunterhaltes immer wieder mal bedeuten kann – aber daran wächst man. „Überzeugungstäter“ zu sein, ist da sicher hilfreich.

Eine Frage zur Kreativität: Werden Sie aus sich selbst heraus kreativ? Oder bedarf es äußerer Impulse? Wenn ja: Welche Impulse nehmen Sie von außen auf? Wie reagieren Sie darauf?

Hermann J Kassel
Sowohl als auch. Äußere Impulse passieren ja ehedem. Es ist ein Wechselspiel, eine Korrelation von äußeren Impulsen, deren Reflektion und Transformation. Die Frage ist sicher auch die, wie ich mit diesen permanenten äußeren Impulsen umgehe, sie verarbeite, auszuschließen versuche, mich ihnen bewusst aussetze, filtere, ……da sind „sie“ immer und überall –sei es die wunderbar würzige Luft an einem noch feuchten Morgen im Wald. Auch das ist ein äußerer starker Impuls, Einfluss…..Natürlich setze ich mich auch sehr bewusst äußeren Impulsen aus.Hier ist ganz sicher die Musik zu nennen. Johann Sebastian Bach z.B. ist für mich hier immer wieder eine wichtige Einflusssphäre.

Fühlt sich das Kreativsein bei einem Auftragswerk anders an als bei der Schaffung eines freien Kunstwerkes? Anders gefragt: Unterscheidet sich die Kreativität in der freien Kunst von der Kreativität in der angewandten Kunst?

Hermann J Kassel
Die Kreativität unterscheidet sich nicht – es ist „die eine Kreativität“, aus der oder mit der ein freies oder ein „Auftragswerk“ entsteht. „Auftragswerk“ meint ja auch nicht, oder zumindest nicht bei mir und meinem Interventionen, das ich gefragt werde, diese oder jene Arbeit so oder so auszuführen. Der „Auftrag“ besteht in einer inhaltlichen Fragestellung, einem Thema. Bisher waren und sind es Themen, die interessant und spannend sind, zu bearbeiten – z.B. der Bereich „Human Ressource“ (irgendwie schüttelt es mich auf einer Seite auch immer wieder ein wenig bei dem Begriff „menschliche Ressource“– habe aber eine Ahnung, was damit „gemeint“ sein soll). Es geht um Menschen, um uns! Und das ist doch ein „großes Thema“. Ein Thema, dass mich grundsätzlich in meiner künstlerischen Arbeit interessiert: „Was macht uns ticken, wie wir ticken ?“ Dann komme ich über solche Anfragen immer wieder auch mit neuen Materialien in Kontakt – also tatsächlich, handgreiflichen Materialien – und das finde ich immer wieder auf´s Neue sehr spannend, anregend, kreativ inspirierend…

In diesen Prozessen der „Auftragsarbeiten“ läuft also vieles so wie in kreativen Prozessen der „freien Kunstwerke“. Etwas anders mag es mit den Arbeiten sein, die „einfach so“, ohne jede Themenvorgabe, rein intuitiv passieren. Hier laufen noch einmal ein paar andere Prozesse in mir ab.

Welche äußeren und inneren Bedingungen, welches Umfeld benötigen Sie, um kreativ zu sein?

Hermann J Kassel
Kreativität ist für mich nichts, was ich an- und abschalte, mal (professionell) beruflich kreativ bin und dann wieder nicht……. Es ist ein generelles Bewusstsein, „Zustand“…
Also passiert Kreatives überall, an und in jedem inneren wie äußeren Ort…
Wichtig für mich ist, allein zu sein, mich „abzuschließen“ – nicht zuletzt um die äußeren Einflüsse, Eindrücke, Überlegungen zu verinnerlichen, zu bearbeiten, zu transformieren…

Innerliche Empfangsbereitschaft, Leere zu schaffen, das ist für mich die wichtigste Voraussetzung für Kreativität, für Inspiration. Musik spielt in diesem Prozess ebenfalls eine inspirierende Rolle. Das hört sich vieleicht „esoterisch“ an, aber es ist tatsächlich für mich schon eine Art des meditativen Zustands …

Gibt es so etwas wie einen roten Faden in Ihrer künstlerisch-kreativen Arbeit, ein Thema, das sich durch Ihr Gesamtwerk zieht und Ihnen besonders wichtig ist?

Hermann J Kassel
Schlüsselbegriffe oder Themen sind Veränderungs- und Transformationsprozesse.
Das „Dazwischen“ meint auch die Trennschicht „Bewegung“ auf verschiedenen Ebenen sowie die Erforschung der Grenzen und der „Trennschicht“, also dem, was das Dazwischen ist und seiner Diffusion, Durchdringung.

Eine weitere Frage beschäftigt mich stetig: Was macht uns ticken wie wir ticken? Das findet sich bei mir in den unterschiedlichsten Arbeiten, z. B. neben drei Werkgruppen, die ich seit ca. 25 Jahren bearbeite, in immer wieder neuen Medien, Materialien etc.
Mich treibt auch die Frage nach dem geeigneten Material, der Umsetzung, des „Transportmittels“. Und das bringt immer wieder neue Ausdrucksformen, Installationen etc. mit sich.

Wenn Sie kreativ tätig sind, haben Sie dann einen Adressaten vor Augen oder im Kopf?

Hermann J Kassel
Das ist sehr unterschiedlich. Bei den Interventionen ganz sicher (geradezu „zwangsläufig“) … Ein Adressat vor Augen kann sehr wohl „etwas“ auslösen, eine Arbeit, ein Werk in Gang setzen. Und dann gibt es Arbeiten, die „einfach“ entstehen wollen, ohne dass es während des Entstehungsprozesses einen Adressaten gibt.

Haben Sie in Ihrer künstlerisch-kreativen Arbeit Flow-Momente erlebt? Wie fühlt sich das für Sie an? Wie würden Sie es jmd. beschreiben, der das noch nie erlebt hat?

Hermann J Kassel
Dankbarerweise Ja. Hier könnte ich wieder ein wenig ins „Esoterische“ gleiten.
Das Gefühl aus und in innerer Leere und in Bereitschaft zu empfangen, „Ideen zu gebären“, das berauscht, macht glücklich und wirklich reich.

Wie sehen Sie die Rolle des Künstlers in der heutigen Zeit im Spannungsfeld der aktuellen Herausforderungen in unserer Gesellschaft?

Hermann J Kassel
Natürlich sehe mich als Künstler auch in der Aufgabe und es drängt mich, mich mit gesellschaftsrelevanten Fragen, intensiv auseinanderzusetzen. Dass mich sehr interessiert, wie wir als Menschen ticken, was uns an- und umtreibt und warum wir tun was wir tun, hat ja sehr viel mit „Gesellschaft“ zu tun. Ich denke, dass wir als Künstler seismografisch denken, fühlen und arbeiten.
Ich bin davon überzeugt, dass ein gutes Kunstwerk im Moment der Betrachtung etwas im Menschen radikal auslösen und wirklich verändern kann; auch wenn mir schon einmal die Frage durch den Kopf geht, ob z.B. durch oder wegen Picasso´s „Guernica“ ein Krieg weniger geführt worden, ein Toter weniger zu beklagen ist?
Das kann mich aber nicht davon abhalten, als „Überzeugungstäter“ die Rolle des Künstlers mit Herz und Hirn selbstbestimmt zu übernehmen und zu gestalten.

Inspirationstipps:

Künstlerische Interventionen von Hermann J Kassel „take part in art“©

Wir. Echt. Bunt: Immaterielles Kulturerbe

Wir. Echt. Bunt: Immaterielles Kulturerbe

© MassivKreativ, Antje Hinz

Unsere Welt ist global und virtuell geworden. Doch digitale Erlebnisräume können echte, reale Erfahrungen in einer Gemeinschaft nicht ersetzen. Ohne sie wird unser Leben schnell öde und sinnentleert. Weltweit wird nun nach „lebendigen“ kulturellen Praktiken und Ausdrucksformen gesucht, nach gemeinschaftlichen Erlebnissen, unserem „immateriellen Kulturerbe“.

Traditionen trotz Technik
Die Sicherheiten in unserem Leben schwinden. Was gestern innovativ war, ist heute veraltet. Was morgen kommt, ist nicht vorhersehbar. In einer Welt voller Ungewissheiten suchen wir nach Bodenhaftung und Stabilität, nach Gemeinschaft und Selbstvergewisserung. Doch unsere Gesellschaft ist technikverliebt. Nicht-technologische Ideen und handgemachte Leistungen werden unterschätzt. Traditionelles Wissen gerät aus dem Blickfeld. Kreative Leistungen und Konzeptideen werden selten vergütet, aber umso häufiger ohne Erlaubnis und schlechtes Gewissen kopiert. Soziales und ehrenamtliches Engagement wird gern gesehen, aber zu wenig wertgeschätzt.

© Sylvia-Verena Michel, Pixelio
UNESCO-Siegel „Immaterielles Kulturerbe“ für das jährliche friesische Biikebrennen am 21. Februar

Initiative der UNESCO
Zur gesellschaftlichen Bewusstseinsförderung hat die UNESCO 2003 das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes (IKE) verabschiedet. Die Konvention soll dazu beitragen, das weltweit vorhandene traditionelle Wissen und Können zu erhalten. Mehr als 160 Staaten sind der Konvention inzwischen beigetreten. Bereits 1982 heißt es in der Deklaration der UNESCO-Weltkonferenz über Kulturpolitik in Mexico City: „Kultur kann in ihrem weitesten Sinn als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen.“ 
Im bundesdeutschen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes stehen derzeit 68 Einträge und vier Erhaltungsprogramme (Gute Praxis-Beispiele). Jedes Jahr kommen weitere Kulturformen hinzu, so wird das Verzeichnis stetig wachsen und die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und aus Deutschland sichtbar machen. Verschiedene staatliche Akteure der jeweiligen Bundesländer und die Deutsche UNESCO-Kommission entscheiden in einem mehrstufigen Verfahren über neue eingereichte Anträge. Sie zeigen unseren Alltag in allen Facetten, z. B. das Hebammenhandwerk, das Mecklenburger Tonnenabschlagen, die Tölzer Wallfahrt und die deutsche Friedhofskultur.

© Ruth Rudolph, Pixelio

Ergänzung zum materiellen Weltkulturerbe
Im englischen Sprachraum ist das „immaterielle Kulturerbe“ weniger sperrig. Hier heißt es „intangible cultural heritage“ = „unberührbares Kulturerbe“. Ergänzend zum „berührbaren“ bzw. „materiellen“ Kulturerbe, wie z. B. den Bauwerken Kölner Dom, den Pyramiden und dem Tadsch Mahal, geht es der UNESCO auch um nichtmaterielle Leistungen. In die deutsche Liste schafften es bis 2015 u. a. die Brotkultur, das Morsen und Reetdachdecken, der rheinische Karneval, das friesische Biikebrennen sowie sorbische Feste und Bräuche, Falknerei, Singen im Amateurchor und moderner Ausdruckstanz.
Im März hat Deutschland seine erste Nominierung für das internationale Verzeichnis der UNESCO eingereicht, für die sogenannte Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit: die Idee und Praxis der Genossenschaft. Gewürdigt werden alle Facetten des gemeinschaftlichen, demokratischen Entscheidens und Zusammenlebens, von denen es hierzulande vielfältige Beispiele gibt: Wohnungsbau- und Konsumgenossenschaften (z. B. REWE), Medien (z. B. taz), Bankgenossenschaften (z. B. Raiffeisen), Handwerker-, Land- und Forstwirtschaftsgenossenschaften, Energieversorger (Greenpeace energy), Krankenhäuser, Kulturzentren, Künstler- und Schülergenossenschaften.

© euonymus, Pixelio

Spiegelbild unserer Kultur
Die UNESCO möchte langfristig und nachhaltig unterschiedliche kulturelle Praktiken und Ausdrucksformen schützen: Traditionen, Rituale, Darstellungen, Wissen und Fertigkeiten. Um das begehrte UNESCO-Siegel können sich Musik- und Gesangsformen bewerben, Erzählungen und Dialekte, Tänze und Feste, Wein- und Gartenkultur, traditionelle Heilmethoden, Bau- und Handwerkstechniken sowie Gemeinschaften, die sich für die Verbindung von Kulturtraditionen und Natur engagieren. Ein konkreter Appell gegen Ignoranz und Vergessen ist darüber hinaus die „Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes“. Über Ziele und Sinn der UNESCO-Initiative sowie über das Siegel habe ich mit Benjamin Hanke gesprochen, Referent für das immateriellen Kulturerbe bei der Deutschen UNESCO-Kommission.

Traditionen und Werte als Lebenselixier
Warum brauchen wir überhaupt noch Traditionen und entsprechende Praktiken? Welchen Nutzen haben sie für uns? Während Bauwerke restauriert und konserviert werden, muss Immaterielles Kulturerbe lebendig bleiben und sich wandeln. Es wird von Gemeinschaften in sozialer Balance geschaffen. Sie sind Labore für eine zukunftsfähige Gesellschaft und für gemeinschaftliches, nachhaltiges Handeln! In einem Mikrokosmos leben die Akteure vor, was unseren Alltag lebenswert macht: Teilhabe, Geborgenheit, Sinnstiftung, Identität, Wertschätzung, Würde, Vertrauen, Empathie, Kommunikation, Austausch, Gemeinsinn, Selbstbestimmung, Hilfsbereitschaft, Engagement, Kontinuität, Motivation, Freude, Lebendigkeit, Vielfalt, Toleranz, Entfaltung und Entwicklung.

Identität und Kontinuität
Die Trägergemeinschaften, die immaterielles Kulturerbe schaffen, sind Treibhäuser für das WIR-Gefühl. Es sind zugleich Lern-, Erfahrungs- und Erlebnisorte sowie Erkenntnis-Labore für die aktuellen Herausforderungen. Es geht um grundlegende gesellschaftliche Fragestellungen: Welche Wurzeln haben wir? Welche Identität-(en) tragen wir in uns? Was prägt uns? Welche Werte sind uns wichtig? Welches Wissen möchten wir weitergeben?

© Rainer Sturm, Pixelio
UNESCO-Siegel „Immaterielles Kulturerbe“ für die deutsche Brotkultur und das Bäckerhandwerk

Bewerbungsverfahren
Damit eine Bewerbung für die Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland erfolgreich verläuft, müssen konkrete Kriterien erfüllt werden. Der Antragsteller muss Mitglied einer sogenannten Trägergemeinschaft sein, die das Kulturerbe aktiv ausübt. Nur im fruchtbaren Klima gegenseitiger Wertschätzung können Ideen wachsen und gedeihen. Mit viel Zeit, Konzentration und Ausdauer perfektionieren die Akteure Fähigkeiten und Können. Mit Sachverstand und Leidenschaft geben sie ihr besonderes Wissen an neue Akteure weiter. Sie inspirieren einander, sorgen dafür, dass die Ausdrucksformen von einer Generation an die nächste weitergegeben. Das Erbe lebt von den Menschen, die es stetig neu gestalten und auch weiterentwickelt. In der Schweiz ist daher die Formulierung „lebendiges Erbe“ verbreitet.

226734_web_R_K_B_by_Echino_pixelio.de226681_web_R_K_B_by_Echino_pixelio.de © Echino, Pixelio
UNESCO-Siegel für verschiedene regionale Traditionen der deutschen Karnevalskultur

Vielfalt
Die Gemeinschaft muss allen Menschen offen stehen, als Zeichen dafür, dass „Wir. Echt. Bunt“ sind. Der freie Zugang zur Tradition ist wesentlich – ungeachtet der Herkunft, Religion, und Weltanschauung. In den Trägergemeinschaften sollen sich Generationen und Geschlechter, Minderheiten und Benachteiligte, Kulturen und Religionen mischen.
Das Schützenwesen wurde zunächst nicht in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, weil es die christliche Tradition überbetonte und einem Bürger muslimischen Glaubens die Teilhabe verweigerte. Inzwischen wurde diese Entscheidung von den Schützen korrigiert und die Zusage für das Siegel von der UNESCO im zweiten Durchgang doch noch vergeben. Ausgrenzung und andere Verstöße gegen internationale Menschenrechtsübereinkünfte werden von der UNESCO abgestraft.
Längst bereichern auch migrantische und transkulturelle Einflüsse das Alltagsleben in Deutschland. Sie bringen neue Impulse in die Diskussion um Heimat, Vertreibung und den Umgang mit der Natur. Das deutsche Verzeichnis soll nicht nur „deutsches“ Kulturerbe abbilden, sondern möglichst vielfältige Identitäten, Wissens- und Ausdrucksformen in unserem Land. 

Sorbische junge Frau_Spreewald 2008 140Schloss_Lübbenau_Kahn_Spreewald 2008 197 © MassivKreativ, Antje Hinz: Auch die Feste und Bräuche der Sorben im Spreewald wurden in die UNESCO-Liste aufgenommen.

© MassivKreativ, Björn Kempcke: 360-Grad-Ansicht des Spreewaldortes Lehde mit Freilichtmuseum (dafür direkt auf das Foto klicken)

Qualitätssiegel und Inwertsetzung: Fluch oder Segen
Städte und Gemeinden buhlen überall um zahlungskräftige Touristen. „Regiobranding“ ist in aller Munde. Städtische Akteure, lokale Verbände, Vereine und Initiativen suchen eifrig nach Wegen, um Heimat „in Werte“ zu setzen. Und so wird immaterielles Kulturerbe auch zum Standortfaktor. Die UNESCO verleiht an erfolgreiche Bewerber für die Liste ein Siegel, mit dem sie für nicht-kommerzielle Zwecke werben dürfen.

Offene Fragen
Die UNESCO ist sich der Gefahren bewusst und bleibt mit den Trägergemeinschaften im Gespräch. Sie wird aufmerksam beobachten, wer vom Siegel profitiert. Sollte es tatsächlich zu Kommerzialisierung und Massentourismus führen, zu Romantisierung und Qualitätsverlust, so wird das Siegel auch wieder aberkannt, so die klare Ankündigung. Die Entscheidung könnte im Ernstfall schwerfallen, denn die Grenzen zwischen Kitsch und Kultur, Kunst und Kommerz sind zuweilen fließend. Die Praxis wird zeigen, ob die Trägergemeinschaften mit ihrem bürgerschaftlichen Engagement unabhängig und selbstbestimmt bleiben können. Damit es am Ende heißt: Analoges hat Zukunft! Und: Wir. Echt. Bunt! Und: Wir sind Kultur!

Quellen und Inspirationstipps:

• Themensammlung „Immaterielles Kulturerbe“ der Deutschen UNESCO-Kommission: https://www.unesco.de/kultur/immaterielles-kulturerbe.html

QR-Code: Das digitale Metazeichen des 21. Jahrhunderts

Weisser_QR_PoemScreen_14 © Mike Weisser: Projekt QR-ScreenArt, 2015

„Ich bin auf Empfang eingestellt!“ – Interview mit dem Medienkünstler, Musikproduzenten und Science Fiction-Autor Mike Weisser

Herr Weisser, Ihre beiden Tätigkeitsfelder beschreiben Sie mit der Formulierung „Ästhetische Feldforschung“ und „Kreative Interventionen“. Was genau verstehen Sie darunter?

Mike Weisser:

Für mich ist „Kunst“ eine Methode zu leben, d.h. die Welt zu entdecken, sie zu erforschen und meinen Platz darin zu finden. In meinen Projekten der „ästhetischen Feldforschung“ reise ich an einen ausgewählten (möglichst energetischen) Ort, erkunde diesen und halte besondere Ansichten von etwas und über etwas zuerst einmal intuitiv in Bild- und Klangaufzeichnung fest. Diese Bilder und Klänge zeigen mir anschließend, was meinen Sinnen wichtig erschien. Daraus leite ich eine Quintessenz bzw. eine Identität des Ortes ab, die ich nachfolgend gezielt zum „Spirit“ verdichte. Dieses Typische eines Ortes kondensiere ich in Bildern, Filmen, Poesie, Rezitationen, Klängen, Musiken… diese Werke stelle ich in Ausstellungen oder raumbezogenen Installationen zur Nachempfindung und zur Diskussion bereit. In einem zweiten Akt der „kreativen Intervention“ greife ich in die Orte ein und versuche sie nach meinen Kriterien zu verbessern.

Mit welchen Mitteln betreiben Sie Ihre Feldforschung?

Mike Weisser:

Meine Grundmedien sind Fotografie, Film und Tonaufzeichnung, aber ich sammle auch Objekte als sogenannte „trouvées“, dazu mache ich Interviews und suche Dokumente…

Intervenieren bedeutet eingreifen. In welche Bereiche (der Gesellschaft) greifen Sie ein und mit welchen (kreativen) Mitteln?

Mike Weisser:

Ich bin nicht festgelegt. „Orte“ können Städte, Landschaften, Objekte, Menschen oder Themen sein. Ein Beispiel: Es gab ein Projekt für ein Gymnasium in Bremen, das mit Fotografie vom Außenraum über den Innenraum als extremer Zoom bis in die Federmäppchen der SchülerInnen begann und in ganz konkreten Eingriffen, wie z. B. eine neue Namensgebung für die Schule, initiierte bauliche Veränderungen, neue Kommunikationssysteme etc. endete. Die schulische Lebenssituation wurde Lehrern, Schülern, Eltern und der Schulbehörde erst offensichtlich durch die dokumentierende Fotografie und die inszenierte Konzentration der Bildwelt.

Weisser_Kiel_Weisser_Heinze_2013 © Mike Weisser (links): Erste QR-Bank auf dem Campus der Fachhochschule Kiel, 2013 mit dem Kanzler der FH, Klaus-Michael Heinze (rechts)

Sie sind ein Universalkünstler, d. h. Sie waren bzw. sind in verschiedenen Kunstsparten tätig. Welche Bereiche sind es konkret?

Mike Weisser:

Ich arbeite mit dem Bild, dem Klang und dem Wort und verbinde diese drei Medien auf verschiedenste Weise mit verschiedenen Ergebnissen.

Wie ist es bei Ihnen zu dieser Vielseitigkeit gekommen? Die meisten Künstler spezialisieren sich auf eine Ausdrucksform …

Mike Weisser:

Neugier an der Welt ist der Antrieb, der mich in Bewegung versetzt. Und Kunst ist für mich der Weg, auf dem ich mich mit allen Sinnen empfindend bewege. Kunst ist also keine technische Disziplin, sondern eine Methode zu leben. Kunst ist für mich wie ein Chemiebaukasten, der Versuche, Überraschungen, Erfindungen zulässt – dies in sanfter Reaktion aber auch als überraschender Knall ;-)))

Ich hatte in meiner Jugend ein Praktikum in einem Forschungslabor der chemischen Industrie gemacht und wollte Alchemist werden. Als ich erlebte, das man die meiste Zeit jedoch mit Routinen verbringt, kam ich suchend durch Zufall zur Kunst, machte an der Kunsthochschule in Köln die Aufnahmeprüfung und hatte dann die Chance, die Techniken der Bildenden Kunst von der sakralen über die experimentelle Malerei, die Zeichnung, die Grafik bis zur Fotografie zu erlernen. Diese Praxis in Verbindung mit Kunsttheorie und Gesellschaftskritik waren mein Fundament.

Mike Weisser: 

Wann und wie entscheiden Sie, mit welchen Ausdruckmitteln bzw. in welcher künstlerischen Sparte Sie ein Projekt realisieren?

Mike Weisser:

Mein Ansatz ist immer der Gleiche. Ich bin auf Empfang eingestellt. Meist beginne ich mit dem Sehen, also mit der Fotografie, dann kommt das Hören, also die Klangaufzeichnung. Parallel dazu rieche, schmecke und fühle ich. Es gab ein Hochschul-Seminarprojekt von mir, bei dem ich von einem großen Hotel großzügig gefördert wurde, um in deren Showküche mit den Studierenden internationale „Snacks“ zu kochen. Als eine Versinnlichung in Optik, Geruch und Geschmack haben wir als „the taste of diversity“ das globale Thema „Vielfalt“ umgesetzt und in einem großen Gala-Essen der Hochschule gefeiert. Es war im tiefen Sinn des Wortes ein geschmackvolles Gesamtkunstwerk.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Publikum? Es gibt Menschen, die eher Musik bevorzugen und andere, die eher die visuellen Künste favorisieren …

Mike Weisser: 

Ich arbeite nicht im Hinblick auf ein Publikum, sondern im Hinblick auf ein Thema, das ich als intermediales Werk destilliere und wie ein Destillat als Kunstform präsentiere. Es steht dem Publikum frei, sich diesem Werk anzunähern und es zu erforschen….

Weisser_QR_Info_2015 © Mike Weisser: QR Info 2015, i:Code führt zur Site QR-Informationen

Ist Ihre QR-Code-Kunst vielleicht auch eine Möglichkeit, auditive und visuelle Aspekte miteinander zu verbinden? Bietet diese Hybrid-Kunst die Chance, ein Publikum mit verschiedenen Neigungen bzw. Rezeptionsvorlieben anzusprechen?

Mike Weisser:  

Seit 2007 beschäftige ich mich mit dem QR-Code und der Möglichkeit, dieses digitale Zeichen des 21. Jahrhunderts gestaltend zu verändern und doch seine Funktion der Lesbarkeit als Code zu erhalten. Der QR bietet die faszinierende Tatsache, dass seine bildnerischen Variationen gegen unendlich gehen. Mit dem QR lassen sich also alle Zustände des Universums erfassen. Weiterhin bietet er in seiner dynamischen Erscheinung die Möglichkeit alphanumerische Zeichen zu codieren, die zu Websites führen, auf denen Ereignisse abgerufen werden können.

Der Code führt über seine bildnerische Anmutung hinaus zu Musik, zu Film, zu Rezitation etc. Damit ist er für meine Arbeit ideal als Ausdruckträger und Kommunikator geeignet. Durch seine besonderen Eigenschaften bietet der QR zudem die einmalige Chance, verschiedene Medien zu vernetzen, überall und in allen Formaten präsent zu sein und genutzt zu werden.

Hier sehe ich ganz neue Möglichkeiten für eine intermediale Kunst im öffentlichen Raum oder für HybridBücher oder oder oder… diese Innovationen stehen erst am Anfang und sind in der Lage, Kunst auf überraschende Weise neu in die Öffentlichkeit zu bringen und damit viele Menschen zu erreichen. Dahin gehen meine Experimente.

Wie sind Sie auf das Thema QR-Codes gekommen und dann auf die Idee, dies künstlerisch zu bearbeiten?

Mike Weisser: 

Wie sollte es anders sein ;-))) Im Verlauf einer ästhetischen Feldforschung in den Häfen in Hamburg und Bremen bin ich auf Container mit QR-Codes gestoßen. Da mich generell das Thema „Rauschen“ fasziniert, habe ich im Code die Möglichkeit erkannt, Chaos in Ordnung zu bringen. Vermeintlicher Un-Sinn wird zu Sinn. Erste Experimente haben mich fasziniert, aber sie stießen in der Nutzung an ihre technischen Grenzen. Erst mit der Weiterentwicklung des Smartphones ab 2010 konnte praktisch jedermann den QR nutzen. Der QR-Code wurde befreit von seiner wirtschaftlichen Funktion und frei für die Kunst…

Was fasziniert Sie an QR-Codes und an Hybrid-Kunst?

Mike Weisser: 

Mich reizt die Verbindung bis zur Verschmelzung von Chaos und Ordnung, von Ratio und Emotion und von verschiedenen Anmutungen. Das macht dieses Medium hochkomplex und damit spannend. Darin liegt die Faszination. Und aus dieser Faszination heraus entwickelt sich Neugier am Fremden – dann mache ich mich auf den Weg und beginne mit Experimenten. Meine ersten drei HybridBücher, die das analoge Buch über den QR mit dem digitalen Internet verbinden, brachten Erfahrungen. Danach war es folgerichtig, dass ich mich mit dem vierten Buch dem QR-Code (Quick Response) selbst, seinen Hintergründen und Visionen widme. Hier ging es mir um die „Beschreibung, Geschichte, Technik, Nutzung, Gefahren, Grenzen, Visionen und Ästhetik der schnellen im 21. Jahrhundert“ – wie der Untertitel lautet.

Weisser_QR_Alsion_14 © Mike Weisser: Projekt „Be inspired!“ auf dem Campus der Dänischen Universität Sønderborg, 2014

Worin besteht die besondere Herausforderung, QR-Codes künstlerisch zu gestalten?

Mike Weisser: 

Der QR-Code ist das digitale Metazeichen des 21. Jahrhunderts. Dieses Zeichen in Szene zu setzen fordert heraus. So eine Herausforderung nehme ich gerne an, um Grenzen zu überschreiten und neue Räume zu betreten. Der QR ist faktisch eine Reise an einen fremden Ort, den ich erkunde und erfasse, dessen Elemente ich klassifiziere und mit denen ich spielerisch umgehe, bis meine Gestaltung so weit geht, dass der QR-Code nicht mehr lesbar sondern nur noch rätselhaft-schöne Gestalt ist.

Gibt es neue Ideen, die Sie noch mit QR-Codes realisieren möchten?

Mike Weisser: 

Ja, es gibt einige Optionen, über die denke ich nach, und während ich nachdenke, komme ich auf das neue Stichwort „Denken“ als künstlerisches, kreatives, nicht-lineares, assoziatives Denken. Und so entstand der Titel für ein neues Buch, an dem ich gerade arbeite und über das wir zusammengekommen sind, weil ich Sie und Ihr Projekt „MassivKreativ“ befragt habe (Anmerkung: Das Buch erscheint 2016).

Mein neues Buch lebt von Fragen zum Denken, die ich an Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik stelle. Wie entsteht künstlerisches Denken, was kann es bewirken und wie lässt es sich in andere Wirkungskreise wie Wissenschaft, Wirtschaft und den Lebensalltag transferieren? Das bewegt mich im Moment ;-))))

Vielen Dank für das inspirierende Interview, Herr Weisser!

 

Inspirationstipps:

● Hinweis zu den Bildern: Alle QR-Codes sind optimal zu lesen mit der kostenfreien App: i-nigma (für iOS und Android)

● Buch: Michael Weisser Der|QR|Code – pdf

● Die|QR|Edition @ p.machinery – ein gemeinsames Projekt von p.machinery = Michael Haitel und Michael Weisser: www.dieQRedition.pmachinery.de

● Video zum Projekt QR-ScreenArt, 30 Gedichtrezitation als QR-Morphs, 2015

● Biografie und Werke: www.MikeWeisser.de

Innovationen mit Papier-Design: Pop-Up und Origami

Kristina Wißling_studentische Kopfarbeit_Burg GiebichensteinKristina Wißling_mit Origami
© Kristina Wißling: Studentische (Kopf-)Arbeit, Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle

„Design ist die passende Kombination von Materialien, um ein Problem zu beheben.“
Charles Eames, Designer

In Japan findet Papier seit Jahrhunderten als Baumaterial Verwendung, z. B. mit Shojis, den verschiebbaren Leichtbauwänden. Langsam setzt sich der unschlagbar leichte Stoff auch hierzulande durch. Forscher des Fraunhofer-Instituts haben kürzlich einen Fahrradsattel aus Papier-Composite hergestellt. Dem Material wird viel Potential zugeschrieben: für Möbel und Innenausbau, Automobil- und Elektroindustrie.

Pop-Up mit Papier
Der Designer Peter Dahmen macht Papier zum Star. Die spektakulären Pop-Up-Skulpturen des „Paper-Engineers“ füllen ganze Bühnen und sorgen bei Events für großes Aufsehen, etwa bei der New Media Award Gala 2013. Auch jenseits von Events ist Dahmen als Botschafter und Berater unterwegs. Er regt Perspektivwechsel an und gibt Industrie und Mittelstand Impulse, um über Material und Herstellungstechniken neu nachzudenken. Großkunden wie BMW zählten zu seinen Auftraggebern.

Kristina Wißling_Star Twist Tesselation_rot © Kristina Wißling: Origami-Reihe „Star Twist Tesselation“

Papier-Design mit Origami
Die Designerin Kristina Wißling beschäftigt sich mit der Verarbeitung von Papier. Ihr erstes Origami-Buch zum Nachfalten bekam sie mit 6 Jahren von ihrer Mutter. Seitdem faltet sie Blätter aller Art. Leichtes Kinderspiel ist Origami allerdings nicht. Man muss jeden Schritt genau durchdenken. Wenn schon die erste Faltung daneben geht, kann das Ergebnis verheerend sein.
Kristina Wißling ist zu verdanken, dass innovative Falttechniken Eingang in die Industrie finden, inspiriert von Origami aus Japan. „Origami ist nicht nur Kunst, sondern vor allem Mathematik“, sagt Wißling. Analytisches Denken und geometrische Vorstellungskraft sind dringend gefordert, wenn komplexe Bauteile aus einem Stück gefertigt werden sollen. Herstellungsprozesse ohne Kleben, Nieten oder Schweißen werden in der Industrie immer wichtiger. Falten spart Zeit und Geld, vor allem bei der Lagerung und beim Versand, wenn Produkte im Designprozess von Anfang an richtig geplant werden.

Kristina Wißling_Origami-Vögel für Messestand Kristina Wißling_Origami für einenn Messestand
© Kristina Wißling: Fantasievolle Falt-Objekte für einen Messestand

Innovationen mit Papier-Design
Im Innovationsinkubator für technologiebasierte Verwertungs- und Geschäftsideen in Dortmund hat Wißling neue Verfahren zur Minimierung und Maximierung von Objekten und Oberflächen entwickelt. Gemeinsam mit anderen Kreativen fand sie branchenübergreifend neue Einsatzmöglichkeiten von Origami: im Leichtbau, in der Medizin für minimal-invasive Chirurgie und für Implantate, in der Automobilindustrie für Airbags und in der Weltraumforschung für Sonnensegel. Die strukturelle Vorarbeit wird mit Computer-Modellen und entsprechender Software geleistet.

Kristina Wißling_3D_Origami-Pot © Kristina Wißling: „Origami Pot“

Glanzvolles Falten in Hollywood
Dank ausgeklügelter Animationen ist das Falten auch im Film populär geworden. Die der Transformers-Reihe zeigt: Mit 3D-Technik lässt sich auch Schwermetall auseinander- und ineinanderfalten. Erdacht wurden die mechanischen Verwandlungswelten ursprünglich im Comic. Dort waren die Transformers zunächst Spielzeugfiguren. Ein harmloser Roboter klappte sich mehrfach auseinander und wurde zum Ghettoblaster und auch zu militanteren Gegenständen, wie Düsenflugzeuge oder Panzer.
Im wahren Leben spielt Schwermetall beim Falten keine Rolle. Industrielles Origami ist dort sinnvoll, wo dünne Materialien bearbeitet werden, wie Bleche, Kunststoffe, Papier und Kartonagen. Auch platzsparendes Kartenmaterial ist nach wie vor gefragt.

Kristina Wißling_Faltplan_Morphing_Structure © Kristina Wißling: Faltplan “ Morphing Structure“

Inspirationstipps:

● Pop-up-Papierdesigner Peter Dahmen: Filmdokumentation in englischer Sprache „The Magic Moment“

● Origami-Designerin Kristina Wißling

● Das INNOVATIONSLABOR – Virtueller Innovationsinkubator für technologiebasierte Verwertungs- und Geschäftsideen, Projekt von „Der Innovationsstandort e.V.“, koordiniert von der Stadt und der Wirtschaftsförderung Dortmund

UnperfektHaus Essen: Spielwiese für Kreativität, Innovation und Simulation

© MassivKreativ

Die spielerische Fassade lockt die Besucher schon weitem an: Eine riesige Kugelbahn aus gelben und grünen Plastikröhren an der Fassade lässt Ungewöhnliches erahnen. Das „UnperfektHaus“ in Essen bietet auf fünf Etagen und 5.000 Quadratmetern Einfallsreichtum pur: Künstler-Ateliers und Werkstätten, Spiele-Etage mit Carrera-Bahn, Flipper, Billard und Dart, multifunktionale Coworking Spaces, wie man sie aus den Beta-Häusern der Großstädte kennt. Überall schillert viel Unternehmergeist und Kreativität, findet sich Anregendes für Leib und Seele, Augen und Ohren, Herz und Hirn. Café und Restaurant im Erdgeschoss bieten den kulinarischen Rahmen für fruchtbare Gespräche. Im Wintergarten versammelt sich Unternehmen zu Veranstaltungen und Seminaren. Für den Weitblick und neue Horizonte laden zwei Dachterrassen ein.

© MassivKreativ

Unternehmergeist und Kreativität
Gründer Reinhard Wiesemann möchte Menschen zusammenbringen, die normalerweise nicht aufeinander treffen würden: All das können Gäste zu einem günstigen Komplettpreis nutzen, der sich nach der Aufenthaltsdauer im Haus und sonstigen Wünschen bemisst. Wer bis zu 5 Stunden bleibt, das Buffet nutzen möchte inkl. einer Flatrate für Softgetränke, zahlt z.B. 19,90 €. Schnelles WLAN gehört im ganzen Haus zur kostenfreien Grundausstattung, ebenso Flipcharts und Moderatorenkoffer bei Seminaren. Wer ein Seminar für seine Firma bucht, kann alle Angebote im Haus kostenfrei mitnutzen und den Künstlern jederzeit über die Schulter schauen. Überall schillert viel Unternehmergeist und Kreativität, findet sich Anregendes für Leib und Seele, Augen und Ohren, Herz und Hirn. Café und Restaurant im Erdgeschoss bieten den kulinarischen Rahmen für fruchtbare Gespräche. Im Wintergarten versammelt sich Unternehmen zu Veranstaltungen und Seminaren. Für den Weitblick und neue Horizonte laden zwei Dachterrassen ein.

© MassivKreativ

Treffpunkt für unterschiedliche Akteure
Wiesemann ließ ein ehemaliges Franziskanerkloster aus den 50er Jahren nach seinen Ideen umbauen. Er sieht sich als Brückenbauer und bereitet den Nährboden für Begegnungen zwischen Menschen, die normalerweise nicht aufeinander treffen würden: etablierte Firmen und Start-Ups, Wirtschaft und Kultur, Business und Ehrenamt, Kunst und Kommerz. Innovation entsteht, wenn sich Menschen verschiedener Lebenswelten begegnen und einander inspirieren. Klein- und Mittelständler tagen hier, große Energieversorger und Verbände, wie die Deutsche Gesellschaft für Hauswirtschaft.

Unperfekthaus_Kunstwerke_Kinderwerkstatt © MassivKreativ

Kreativer Tagungsort
„Das UnperfektHaus lädt zum Freidenken ein“, schwärmt Marie-Jo Goldmann, Trainingskoordinatorin des Kosmetikunternehmens LUSH, das hier regelmäßig Schulungen und Produktpräsentationen abhält. „Statt steriler Tagungsräume im Hotel bietet das UnperfektHaus eine entspannte und fruchtbare Location, viele Räume für unterschiedlichste Bedürfnisse.“ Kleine Nischen und Rückzugsorte ermöglichen auch vertrauliche Gespräche, z. B. vor der Kulisse eines idyllisch gemalten Sonnenuntergangs.
Bis zu 500 Personen können bei Feiern und Events im Haus versorgt werden. Vor Messen der Automobil- und Spielebranche in Essen finden Warm-Ups im Unperfekthaus statt. Dann tauschen sich über 300 Hersteller, Experten und Multiplikatoren über neue Produkte und Trends aus. Initiator Roland Weiniger und Mitbegründer des Verbandes SpieleGilde ist überzeugt: „Viele der Gäste kommen wegen der bunten Atmosphäre in diese Kreativoase.“

© MassivKreativ

Simulationsort für Geschäftsbeziehungen
Stephan Lampel engagiert sich als Netzwerker im UnperfektHaus. Er lädt Gründer, Klein- und Mittelständler zu Informationsveranstaltungen und Barcamps ein, zu Kreativitätsworkshops, Themenwochen und Diskussionen über Arbeitswelten und Wissenstransfer. „Jeder Unternehmer, der einen neuen Geschäftspartner näher kennen lernen möchte, sollte ihn im UnperfektHaus treffen“, empfiehlt Lampel. „Da findet sich sofort Gesprächsstoff. Die Ateliers, die kreativen Objekte und die Gespräche mit den Künstlern bieten viele Anknüpfungspunkte, so dass man von seinem Gegenüber eine Menge erfährt –über dessen Geschmack, Werte und Visionen. Diesen inspirierenden Rahmen findet man nirgendwo sonst“, sagt Lampel.

© MassivKreativ

Ideale Bedingungen
Jeder Gast kann sich auf allen Ebenen an den Getränke jederzeit frei bedienen, ebenso am Buffet im Erdgeschoss. Für Firmenveranstaltungen ein unschlagbarer Vorteil: „Das lässt mich ruhiger schlafen, weil ich in unserem Zeitplan nicht so streng an Essenszeiten gebunden bin wie z.B. in einem Hotel“, sagt Marie-Jo Goldmann von LUSH. „Es gibt hier veganes und vegetarisches Essen, sogar Sonderwünsche zu Motto-Parties wie Zuckerwatte und gebrannten Mandeln werden von den Mitarbeitern organisiert.“

© MassivKreativ

Irritation und Freiraum
Der Name des Hauses soll bewusst irritieren. „Zuviel Perfektion lähmt die Gesellschaft“, erklärt Wiesemann. „Das UnperfektHaus ist der Kontrast zu dem, was Geschäftsleute verständlicherweise im Alltag leben müssen. Perfektion führt aber oft auf eingefahrene Schienen, wenn man nicht ab und an ausbricht.“
Wiesemann und sein Team bieten Raum für Gedanken, Perspektivwechsel und Projekte, die nicht immer zu Ende gedacht sein müssen. Neue Ideen brauchen Raum für Simulationen, um Vorhaben modellhaft auszuprobieren und ruinöse Fehler zu vermeiden. „Wenn die Gesellschaft keinen Freiraum zur Erprobung lässt, gibt es nach der Finanzkrise noch weitere Krisen in Bereichen, in denen wir uns zu sicher sind und nur auf eine Denkweise setzen“, fürchtet Wiesemann.

© MassivKreativ

UnperfektHOTEL
Bei allem Freigeist: Business braucht Komfort. Wiesemann hat daher direkt angrenzend das UnperfektHOTEL geschaffen. Während das UnperfektHaus das Kreative und Ungeplante zelebriert, wird im Hotel nichts dem Zufall überlassen: Zimmer mit komfortabler Ausstattung, wie sie Geschäftsleute aus normalen Tagungshotels kennen, und besonderen Extras, wie einer Regendusche und Schilfgras-Tapeten. Die Business-Zimmer haben Konferenztische und 55″-Monitore, Kosten ab 159 €, normale Einzelzimmer lassen sich ab 79 € buchen.
Teams und Seminargruppen mit bis zu 14 Personen, die eine familiäre WG-Atmosphäre suchen, können im WG-Hotel unterkommen. Der Kühlschrank wird vom Personal gefüllt, Sonderwünsche gerne berücksichtigt. Auf der Website lobt ein Firmengast: „Es hat uns großen Spaß gemacht, zusammen zu kochen und zu essen. Wir hatten in dieser schönen Atmosphäre viele gute Gespräche, die in einer anderen Umgebung gar nicht möglich gewesen wären.“

© MassivKreativ

Neues wagen in einzigartiger Umgebung
„Die Gäste schätzen Räume, die nicht immer „brav“ sind“, weiß Wiesemann. Gleichgesinnte und Unterstützer sorgen dafür, dass das Haus zum Ankerplatz großer und kleiner Akteure wird. Das UnperfektHaus wurde für sein Konzept mehrfach ausgezeichnet: mit dem Innovationspreis vom Netz innovativer Bürger, dem 2. Preis beim N.I.C.E. Award – dem europäischen Wettbewerb für die besten Spillover-Projekte zwischen Kultur und Wirtschaft, als Botschafter von proRuhrgebiet, mit dem Kulturpreis 2007 und dem Senfkornpreis der katholischen Kirche.

Rauskommen, sich frischen Wind um die Nase wehen lassen und nebenher Inspirationen von Kreativen und Jungunternehmern erhalten: Genau diese Mischung bietet das UnperfektHaus. Die Ateliers der Künstler stehen jedem Besucher offen. Meine Empfehlung: Nutzen Sie als Gast die Chance und kommen Sie ins Gespräch! Lernen Sie eine faszinierende Branche und charmante Projekte kennen. Über das VideoLab für Mittelständler berichte ich hier in Kürze.

Inspirationstipps:

● UnperfektHaus in Essen: www.unperfekthaus.de

● Rundgang durch das UnperfektHaus und das UnperfektHOTEL sowie Filminterview mit Mitarbeiter Daniel R. Buchwald über die Aktivitäten, das Selbstverständnis und die Visionen der einzigartigen Kreativoase: www.massivkreativ.de/kreativquartiere/

● komfortable Hotelzimmer als privater Rückzugsort: www.unperfektHOTEL.de

● gemütliche Unterkunft für Teams und Gruppen: www.wg-hotel.de

Vorbild dm: Mitarbeiter an sich selbst wachsen lassen

© Juergen Jotzo, Pixelio

Gute Mitarbeiter lassen sich immer seltener mit hohen Gehältern oder Firmenwagen locken. Im Fokus steht eher ein sinnerfüllter Job, die Vereinbarung von Arbeits- und Familienleben, ein gutes Betriebsklima, Eigenverantwortung und die Chance auf Entwicklung und Weiterbildung. Ich habe mit Michael J. Kolodziej, bis 2012 Mitglied der dm-Geschäftsführung und verantwortlich für das Ressort Logistik, darüber gesprochen, wie das Drogeriemarkt-Unternehmen dm auf kreative Weise seine Mitarbeiter fördert, vom Azubi bis zum erfahrenen Filialleiter.

Vor 15 Jahren stellte dm-Gründer Götz Werner fest, dass seinem Nachwuchs die Sprache abhanden gekommen war – durch zu viel passiven Medienkonsum, wie er vermutete: „Wir beschäftigen viele junge Menschen. Die sollen mit ihren Kunden in Kontakt treten, die Kunden beraten. Doch sie können es nicht.“

Wenn Auszubildende heute von einem Theaterworkshop bei dm zurückkehren, sind die Filialeiter regelmäßig überrascht: „Viele sind offener, selbstbewusster und zielstrebiger. Viele verbessern auch ihre Sprachgestaltung: Man versteht sie plötzlich, sie sprechen in ganzen Sätzen“, resümiert Heidi Ley-Beck, Gebietsverantwortliche für die Filialen in Köln.

Kunst gegen Sprachverlust

Inspiriert durch persönliche künstlerische Erfahrungen wollte Werner Abhilfe durch Kunst schaffen. „Versuchsballons“ mit verschiedenen Kunstsparten wurden gestartet. Am besten erlangten die jungen Leute ihre Sprache beim Theaterspielen zurück. 2001 startete dm das Programm „Abenteuer Kultur“ – Schauspielseminare als 3. Säule der Ausbildung neben Berufsschule und Ausbildung in der Firma. Jedes Jahr organisiert dm seitdem deutschlandweit über 100 Theaterworkshops mit mehr als 2000 Lehrlingen und dual Studierenden. Einmal in der Woche proben die Jugendlichen siebeneinhalb Stunden auf der Theaterbühne. Nach 8 Wochen gibt es eine Aufführung vor Kollegen, Filialleitern, vor Eltern, Freunden, allen Leuten, die die Jugendlichen einladen. Am Ende bekommen alle eine Rose und ein Zertifikat, als Ausdruck der Wertschätzung.

Der Weg ist das Ziel

Erfahrene Theaterpädagogen vermitteln alles, was ein bühnenreifes Stück am Ende ausmacht: die Auswahl des Stoffes, das Erlernen der Rolle, die Inszenierung, der Entwurf der Kostüme und des Bühnenbildes. Ein direkter Bezug zum Arbeitsalltag ist bei der Themenwahl nicht beabsichtigt. Doch die Jugendlichen sollen diskutieren, wo sie sich in den Texten selbst wieder finden. Die Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen ist für viele ungewohnt. Doch genau darum geht es, erklärt Theaterpädagogin Nomena Struß: „Ich finde es sehr wichtig, dass sie gleich am ersten Tag lernen, ins Gespräch zu kommen. Kritik empfinden wir oft als rein negative Angelegenheit. Es ist aber etwas, was unbedingt notwendig ist, um sich zu entwickeln. Im Theater machen wir das permanent. Das ist auch Inspiration.“

Fehler sind ausdrücklich erwünscht

Das Drogeriemarktunternehmen will seine angehenden Nachwuchskräfte auch früh dazu inspirieren, ihre Arbeit selbstbestimmt, selbstbewusst und aktiv zu gestalten. Die Jugendlichen dürfen in den Filialen stets mehrere Lösungsansätze ausprobieren. Fehler sind ausdrücklich erwünscht. Das schärft den Blick auf die Arbeit, den Arbeitsplatz, und eröffnet Möglichkeiten, persönlich zu wachsen – als Teil der Unternehmenskultur.

Das in den Theaterkursen gewonnene Selbstbewusstsein führt dazu, dass 22-Jährige die Position des Filialleiters übernehmen und dass auch viele Mädchen in verantwortliche Positionen eintreten. Sie trauen sich mehr zu. Sie haben gelernt, mehr zu sich zu stehen, nicht nur zu gehorchen.

Kunst als Experimentierfeld für alle Mitarbeiter

dm bietet nicht nur seinen Auszubildenden kreative Erfahrungen. Egal ob Führungskräfte oder breite Belegschaft: Jede und jeder kann seine Talente aufspüren. Heidi Ley-Beck, Gebietsverantwortliche für dm in Köln, konnte sich seit ihrem Start 1983 im Unternehmen stetig weiterentwickeln. Sowohl fachlich als auch persönlich. Und hat inzwischen auch ihre Liebe zum Malen entdeckt.

Wenn neue Projekte oder Strategien in Angriff genommen werden, bieten Kunst und Kultur eine ideale Experimentier- und Spielwiese. Beim Kreieren von Collagen, der Arbeit mit Kupfer oder Ton eröffnen sich innovative Ideen und neue Sichtweisen. Museumsbesuche helfen dabei, die Welt mit geschärftem Blick zu entdecken. Ein Künstler hilft den Mitarbeitern, sich eine Meinung zu bilden, ob und inwiefern das Bild oder Objekt etwas mit der eigenen Lebenswelt zu tun hat.

Die Mitarbeiter nehmen das Angebot gerne an. Es gibt Ihnen die Möglichkeit, den Blick auf etwas außerhalb der Arbeit zu richten. Von oberflächlichen Anreizen hält Götz Werner nichts. Bonus-Systeme sind für ihn Malus-Systeme: „Wer einen Bonus anbietet, lenkt den Blick weg vom Kunden und hin auf den eigenen Nutzen.“

Fähigkeiten entdecken, um Fertigkeiten zu erlangen

Werner lässt seine Mitarbeiter lieber im Selbstversuch erleben, was sie können und was in ihnen steckt. Die meisten haben wenig Erfahrung mit künstlerischem Handwerk und sind zuweilen von sich selbst überrascht. Verborgene Fähigkeiten zu entdecken, empfinden sie als beglückend und motivierend. Im Gegensatz zu erlernten Fertigkeiten sind Fähigkeiten angeboren und können durch Training verbessert werden. Die eigenen Fähigkeiten besser zu kennen, ist die Voraussetzung, um Fertigkeiten zu erlangen. Michael J. Kolodziej, bis 2012 Mitglied der dm-Geschäftsführung und verantwortlich für das Ressort Logistik, erklärt den Grundgedanken: „Dabei entdeckt der Mitarbeiter auch seine Biografie, seine ‚Bestimmung‘. Und wenn er dann das Unternehmen mit diesen Erfahrungen in Verbindung setzen und seine eigene Biografie mit ihm weiterleben kann, dann haben wir das Bestmögliche erreicht.“

Fähigkeitenwerkstatt

Kolodziej hat zusammen mit der Künstlerin und Beraterin Mariott Stollsteiner von „art&business“ das Konzept der Fähigkeitenwerkstatt entwickelt. Pro Jahr kann sich jeder Mitarbeiter an drei aufeinander folgenden Tagen für je zwei Stunden kreativ erproben – während der Arbeitszeit. Ein jährlich wechselndes Motto bietet Raum für Inspirationen. Je nach Interesse und Neigung kann frei gewählt werden: Musik, Tanz, Schreiben, Malerei, Töpfern, Bildhauerei. Filialleiter können beispielsweise unter Anleitung eines Profi-Musikers den Unterschied zwischen Fremd- und Selbstorganisation körperlich erfahren, indem sie Mechanismen eines Orchesters auf Abläufe in der Firma übertragen. Reflexion und Eigenverantwortung sollen so geschult werden. Durchschnittlich mehr als die Hälfte der Mitarbeiter nimmt freiwillig an den Workshops teil. „Viele, die am Anfang skeptisch sind, sind hinterher völlig begeistert“, sagt Mariott Stollsteiner.

Alltag und Kunst verbinden

Damit nicht nur die Mitarbeiter in die Welt der Kunst eintauchen, sondern auch die Künstler eine Vorstellung vom Arbeitsumfeld im Unternehmen erhalten, absolvieren die Künstler ein Praktikum im Betrieb. Künstlerin und Beraterin Mariott Stollsteiner (art&business) – Mitentwicklerin der Fähigkeitenwerkstatt erklärt: „Die Mitarbeiter sehen: Der kann auch richtig arbeiten, und dann nehmen sie ihn auch ernst.“ Aus dem Kontakt mit den Menschen im Unternehmen können Künstler sehr viel für ihre eigene Arbeit gewinnen. Alltag und Kunst rücken in neuen Werken zusammen, Themen und Blickwinkel ändern sich somit auch für den Künstler.

Mit Erfahrungen überzeugen

Die Fähigkeitenwerkstatt wurde zunächst in den Verteilzentren Weilerswist und Waghäusel angeboten. Durch eine Ausstellung wurden andere Standorte aufmerksam. Die größte Wirkung zeigte die Mund-zu-Mund-Propaganda, wie Mariott Stollsteiner schildert: „Ich bin durch die Flure gegangen und habe mit den Menschen gesprochen. Das war meine Form der Akquisition von Firmenangehörigen für die Fähigkeitenwerkstatt.“

Wirkung nach innen

Künstlerische Interventionen sind zwar stets ergebnisoffen, doch klar ist: Sie wirken auf den Menschen, auf welche Weise auch immer. Michael J. Kolodziej: „Wenn ich etwas für die
Menschen tue, tue ich etwas für das Unternehmen. Und das wirkt sich indirekt auch betriebswirtschaftlich aus.“ Kolodziej führt ein Beispiel aus dem Alltag bei dm an: „In jeder Filiale gibt es bestimmt zweimal am Tag eine Situation, die der Filialleiter handhaben könnte, indem er in der Zentrale anruft. Das geht aber natürlich nicht; man muss Entscheidungen vor Ort treffen können. Dazu aber muss ich selbstständige Mitarbeiter haben, die wissen, wozu sie fähig sind.“

Die Kunst gibt den Menschen die Freiheit, eigenen Ideen zu vertrauen und eigene Entscheidungen zu treffen. Strukturelle und praktische Veränderungen werden bei dm grundsätzlich nicht von oben verordnet, sondern entstehen in Mitarbeiterprojekten.

Sein Vertrauen in die Eigenverantwortung seiner Mitarbeiter erklärt Kolodziej so: „Ich werde immer wieder gefragt: Habt ihr weniger Krankenstand, weniger Fluktuation? Ich antworte dann immer, dass ich das nicht weiß. Aber wir werden durch diese Arbeit im Unternehmen befähigt, gemeinsam Probleme zu bearbeiten. Unser Ziel ist es, dass jeder, der ins Unternehmen kommt, seine Aufgabe findet. Wenn ich das erreicht habe, genügt mir das, egal, wie der Krankenstand ist.“

Wirkung nach außen

Die Kunstprojekte strahlen nicht nur positiv nach innen. Längst hat sich herumgesprochen, dass dm mit seinen Mitarbeitern achtsamer umgeht als anderswo üblich. Für viele ein Argument, sich bei dm zu bewerben. Auch die Medien beobachten das Engagement von dm mit Interesse und Sympathie.

Der Mensch im Mittelpunkt der Unternehmensphilosophie

Das positive Menschenbild durchdringt die gesamte Unternehmensphilosophie von dm. Auf der Website wird Firmengründer Götz Werner zitiert: “Wenn es keine Menschen gäbe, gäbe es keine Wirtschaft. Folglich ist die Wirtschaft für den Menschen da und nicht umgekehrt.” In Interviews wiederholt Werner beharrlich den Satz: „Der Mensch muss immer Zweck sein und nie Mittel.“ Dieser fokussierte Blick auf den Menschen als Individuum hat früh zur Erkenntnis geführt: So wie das Unternehmen mit seinen Mitarbeitern umgeht, so gehen die Mitarbeiter mit den Kunden um. Den Arbeitsplatz versteht er als „Lebensschauplatz“, der von jedem Einzelnen auf seine Art gestaltet werden will. Zu dieser Einstellung passt auch, dass Werner sein Vermögen nicht an seine Kinder vererbt, sondern in eine Stiftung eingebracht hat. Die Kinder sollen ihren eigenen Weg finden. Im Mai 2008 zog sich Werner aus der operativen Geschäftsführung zurück und wechselte in den Aufsichtsrat. Nachfolger wurde sein damaliger Stellvertreter Erich Harsch.

Nachhaltigkeit

In über 40 Jahren hat dm niemals rote Zahlen geschrieben. Der achtsame Umgang mit den Mitarbeitern gehört sicher zum Erfolgsgeheimnis.

Die Unternehmenskultur bei dm ist geprägt von flachen Hierarchien und großen Entscheidungsspielräumen der Mitarbeiter. Unternehmensgründer Götz Werner widmet dem Arbeitsklima deutlich mehr Aufmerksamkeit als dem Profit. Der Erfolg gibt ihm recht: Die dm-drogerie markt GmbH ist heute der größte Drogeriekonzern in Europa. Das in Karlsruhe gegründete Unternehmen hat über 3.000 Filialen, davon über die Hälfte in Deutschland. 36.000 Mitarbeiter sind in Deutschland tätig, europaweit 52.000.

Seit Herbst 2006 finanziert der Konzern 16 Studienplätze im Bachelor-Studiengang BWL an der anthroposophisch ausgerichteten Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter in der Nähe von Bonn. Michael J. Kolodziej leitet inzwischen im Fachbereich Wirtschaft das „Institut für Nachhaltiges Wirtschaften“. Der potenzielle Managementnachwuchs soll nicht nur Zahlen, Fakten und kurzfristige Erfolge im Blick haben, sondern vor allem den Menschen. Und damit das Selbstverständnis des Firmengründers auch zukünftig bei dm fortführen.

Quellen und Inspirationstipps:

Film über das Projekt “Abenteuer Kultur” als Bestandteil der dm Ausbildung für dm-Lehrlinge & Studierende
Film über die Entwicklung und Karriere einer dm-Mitarbeiterin (Heidi Ley-Beck, Gebietsverantwortliche Köln)
• Infos zu “Ausbildung & Studium” bei dm: http://www.dm.de/de_homepage/arbeiten-und-lernen/erlebnis_ausbildung_home/
Film über die Unternehmensphilosophie und 4 Jahrzehnte dm (ab 17’05 über Kunstprojekte)
• Mariott Stollsteiner / Thomas R. Huber: Das A.R.T.-Prinzip: Vom Nutzen der Kunst im Unternehmen. Gabler Verlag 2008.

Künstlerische Intervention an Lieblingsplätzen in Rendsburg

© Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de

Das Nordkolleg Rendsburg hat sich bei seiner künstlerischen Intervention auf das Innenleben fokussiert: auf das Miteinander der Menschen in der Bildungs- und Tagungsstätte. Ich habe mit Akademieleiter und Geschäftsführer Guido Froese gesprochen. Er sieht die Kommunikation als Schlüsselfrage für sein Haus. Die fast 50 Mitarbeiter seiner Bildungsstätte sind in sehr unterschiedlichen Bereichen tätig: in Küche, Garten, Seminaren und Verwaltung. Verschieden sind auch die Biografien und Altersgruppen: „Daraus ergeben sich Hürden, die sich mit einer künstlerischen Intervention überwinden lassen. Es ist spannend, das selber mitzumachen. Es ist die Chance für uns, so etwas auch einmal zu tun.“

Artist in Residence

Seit November 2014 ist der Künstler Peter Klint „Artist in Residence“ am Nordkolleg. Er hat sein Atelier von der Nordseeinsel Sylt für einige Monate in einen Seminarraum der Akademie verlegt. Schnell kennt ihn auf dem Gelände jeder. Wie Björn Högsdal beginnt auch Peter Klint seine Intervention mit Mitarbeiter-Interviews. Wer kennt wen? Wer kennt sich kaum oder gar nicht?
„Sag einfach Du“, unterbindet Klint sofort jeden förmlichen Gesprächsversuch. Und sorgt dafür, dass erste Kommunikationshürden fallen. Der Künstler ist überrascht: „Die Mitarbeiter erzählten mir Dinge, nach denen ich gar nicht gefragt hatte.“

Nordkolleg Rendsburg_Peter Klint  Nordkolleg Rendsburg_Guido Froese © MassivKreativ

Peter Klint bildet aus unterschiedlichen Abteilungen Zweierteams. Der Gärtner trifft auf die Bildungsreferentin, der Haustechniker auf die Projektassistentin, der Akademieleiter auf die Köchin, die Controllerin auf die FSJlerin, die Raumpflegerin auf den EDV-Spezialisten.

Geschichten erzählen

Mit einer Spielanleitung machen sich die Tandem-Teams auf den Weg. Sie sollen sich gegenseitig einen Lieblingsplatz in Rendsburg zeigen, sich dort vom Team-Partner fotografieren lassen und dazu eine Geschichte oder Begebenheit erzählen: Was verbinde ich mit diesem Ort? Was habe ich hier erlebt? Welche Geschichte steckt dahinter? Wie fühle ich mich hier? Nicht alle sind auf Anhieb begeistert: „Muss ich da wirklich mitmachen? Ich hab doch schon genug zu tun!“ Als die ersten Teams enthusiastisch von ihren Ausflügen zurückkehren und den anderen davon erzählen, ist das Eis gebrochen. Fast 50 Fotos und Geschichten bringen die Mitarbeiter ins Nordkolleg zurück und liefern sie in Klints Atelier ab.

„Und? Wie wars?“ fragt der Künstler die Heimkehrer mit friesischer Herzlichkeit. Küchenassistentin Michaela Evert und Gärtner Jochen Bock strahlen. Sie sind sich über die Lieblingsplätze näher gekommen und haben gleichzeitig herausgefunden, was ihnen im Leben wichtig ist. Bock musste nicht lange überlegen. Er lebt für seinen Garten, hegt und pflegt ihn mit Liebe und kreativem Engagement, sorgt mit vielen Ideen dafür, dass ständig etwas Neues hinzukommt, z. B. der 100-Sortenbaum und das Insektenhotel. Bei Außenveranstaltungen steigt er regelmäßig aufs Dach des Nordkollegs, um das große Ganze im Blick zu behalten. Das Foto zeigt ihn daher in luftiger Höhe.
Michaela Evert führt ihren Tandem-Partner zur Weißen Brücke am Stadtsee von Rendsburg. Hier hat sie allen Mut zusammengenommen und ihrem Freund einen Heiratsantrag gemacht: mit Erfolg! Als Zeichen ihrer großen Liebe befestigen beide am Brückengeländer ein herzförmiges Schloss mit Namensgravur. Evert lässt sich vor diesem Motiv fotografieren.

Vertrauensbeweis

Aus fast 50 quadratischen Fotos gestaltet Klint in seinem Atelier nun ein Plakat: ein Mosaik der Mitarbeiterschaft. Einheit in der Vielfalt! Die gemeinsam mit den Intermediären von Unternehmen! KulturWirtschaft entwickelte Idee ist am Nordkolleg aufgegangen: Ich zeige Dir etwas von mir, Du erzählst mir etwas von Dir. „Wenn man etwas von sich preisgibt, ist das ja auch ein großer Vertrauensbeweis“, resümiert Peter Klint. Guido Froese ergänzt: „Bei 50 Leuten drehen sich so viele Rädchen und manche hatten bisher keine Berührungspunkte. Gerade private Themen können dabei helfen, sich besser kennen zu lernen.“

Quellen und Inspirationstipps:

Nordkolleg Rendsburg, Akademie für kulturelle Bildung
Peter Klint, Künstler
• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg
Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Ausgabe 2-2015: Künstlerische Interventionen.
Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung