Umdenken: Wie Banken und Banking sexy werden

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Banking ist nicht sexy und müsse es auch nicht werden, meinte kürzlich KPMG-Bankexperte Sven Korschinowski in einem Interview: „Banken erbringen keine Primärleistung [Hauptleistung]. Finanzdienstleistungen sind ein Mittel zum Zweck, z. B. zur Erfüllung eines Konsumwunsches.“ 

Haben Banken eine Zukunft?

Leider viel zu kurz gedacht – in meinen Augen. Wenn Banken ihr Selbstverständnis auch zukünftig allein auf Finanzdienstleistungen gründen, verspielen sie über kurz oder lang ihre Existenzberechtigung. Banken steht ein massiver Arbeitsplatzabbau bevor. Mit Blick auf Blockchain, FinTechs und Finanz-Apps (Banking to go / Banking für die Hosentasche), fragen sich bereits heute viele Kunden, warum sie für die Regelung ihrer finanziellen Verpflichtungen Gebühren zahlen sollen, wenn sie die Leistungen anderswo gratis bekommen. Microsoft-Gründer Bill Gates sagte schon 1998: „Banking is necessary, Banks are not”.

Warum heutige Banken nicht sexy sind

Der Hype um FinTechs, neue Technologien und digitale Geschäftsmodelle verstellt den Blick auf die wahren Probleme von Banken und zugleich auch auf ihre Chancen und Potentiale. Warum ist Banking nicht sexy? Weil die Verwaltung von Geld genau genommen leblos ist. Ganz anders ist es, wenn der Mensch ins Spiel kommt. Wie wäre es, wenn Banken zum Lebens- und Potenzialberater ihrer Kunden werden würden und dabei nicht nur Kapitalvermögen und Immobilien im Blick hätten?

 © Michael Ottersbach, Pixelio.de

Potentiale des Immateriellen

Seit Jahrhunderten wird der Bankkunde auf sein materielles Vermögen reduziert! Warum soll das zukünftig so bleiben, frage ich mich. Wir leben in einer Informations- und Wissensgesellschaft, die sich auf Talente, Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten gründet! Wäre es nicht weitaus nachhaltiger gedacht, eine Bank würde ihren erwachsenen und heranwachsenden Kunden begleitende Beratung bei der Berufs- und Lebensplanung anbieten? Sie könnten Schülern mit Hilfe von Partnern aus Wirtschaft und Kultur kostenfreie kreative Workshops offerieren – zur Talenterprobung und Potentialentfaltung. Stattdessen werden minderjährige Bankkunden bzw. deren Eltern phantasielos mit Zinsen geködert (Mäusesparen & Co.). Zukunftsorientierte Banken sollten ihre Kunden von morgen lieber mit spannenden Erlebnissen locken, bei denen Kinder und Jugendliche Offenheit, Mut, Kreativität und Vielfalt erfahren und erspüren können. Das, was die Arbeitswelt zukünftigen Generationen stärker abfordern wird und das, was uns Menschen trotz Künstlicher Intelligenzen unersetzlich macht. Gewohnte Denkmuster müssen daher dringend aufgebrochen werden!

Fragen an die Bank der Zukunft

Warum muss sich die Dienstleistung einer Bank auf die Verwaltung von materiellen Dingen (Vermögen, Kredite usw.) beschränken? Kein Wunder, dass der Kunde das wenig sexy findet! Warum investiert diese – wie andere bedrohte Branchen auch – meist nur in technologische Innovationen? Warum denkt eine Bank der Zukunft nicht primär über eine soziale Innovation nach und setzt erst später unterstützend und begleitend auf neue Technologien? Der Mensch sollte Treiber für die Technologie sein und nicht umgekehrt! Warum lassen Banken das immaterielle Kapital und Vermögen ihrer Kunden derzeit völlig außer Acht?

 © I-vista, Pixelio.de

Nachhaltigkeit

Wer seine Kunden umfassend bei Bildung und Potentialentfaltung unterstützt und in ihre Talente investiert, wird zukünftig vermutlich über finanzstarke, solvente und zufriedene gesunde Kunden verfügen. Und nicht nur das: Er wird Kunden haben, die gesund und resilient sind, weil sie durch Talent- und Potentialentfaltung gelernt haben, zukünftigen Veränderungen im Leben oder am Arbeitsmarkt flexibel, offen und angstfrei zu begegnen.

Wer seine Kunden nach ihren Neigungen, Leidenschaften, Ideen und Lebensträumen befragt und sie bei der Realisierung unterstützt, vom Denken und Planen zum Handeln zu kommen, wird sie dauerhaft an sich binden. Wer in immaterielle Potentiale seiner Kunden investiert, sorgt für ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Wer seinen Kunden hingegen weiterhin unmoralische Spekulationsgeschäfte mit Hedgefonds und risikoreichen Derivaten aufschwatzt und Vermögen gewissenlos verzockt, wird verdient untergehen.

 © Uta Thien Seitz, Pixelio.de

Soziale Innovationen

Wo Märkte und Branchen versagen, bilden sich Freiräume und Chancen für soziale Innovationen und für die Bank von morgen, der sie getrost ihr Vertrauen schenken dürfen. Stellen Sie sich folgende Szenarien vor:

Szenario 1: Angebote für Heranwachsende

Sie erhalten Post von Ihrer Hausbank: „Sehr geehrte/r Kunde/in, in wenigen Tag für Ihr/e Sohn/Tochter 14 Jahre alt. Wir freuen uns mit Ihnen und möchten Ihr Kind zu einem Erlebnis- und Entdeckertag mit einer kostenfreien eintägigen Talent- und Potentialberatung einladen. Der Gutschein ist beigefügt! Wir freuen uns auf Ihr Kind und einen ereignisreichen Tag. Mit freundlichen Grüßen – Ihre Potential-Bank der Zukunft!“

Ein interdisziplinäres Team erfahrener Pädagogen, Psychologen, Künstler und Sozialwissenschaftler unterhält sich ausführlich mit Ihrem Kind, lässt es spielerisch verschiedene geistige, kreative und empathiebezogene Herausforderungen bearbeiten und Fragebögen ausfüllen. Am Ende erhalten Sie und Ihr Kind eine ausführliche Auswertung und ein persönliches Beratungsgespräch, um Ihrem Kind und Ihnen verschiedene Vorschläge für ein künftiges sinnerfülltes und glückliches Leben zu unterbreiten, an welchem Ort, in welcher Branche, in welcher Funktion auch immer, entsprechend der besonderen Talente, Fähigkeiten und Neigungen, egal ob in einer Erwerbsarbeit oder in einem Ehrenamt.

Bereits heute bieten Institute in jeder größeren Stadt Potentialanalysen für Jugendliche an, allerdings zu stolzen Preisen um die 1.500 €. Eine Investition, die nicht jeder aufbringen kann.

 © Wilhelmine Wulff, Pixelio.de

Szenario 2: Angebote für Erwachsende

Sie sind an einem Wendepunkt in Ihrem Leben (völlig normal!) und denken über eine Veränderung nach. Sie rufen bei Ihrem persönlichen empathiekompetenten Bankberater an, dem Sie ihre Situation schildern. Er stellt für Sie persönlich ein interdisziplinäres Kompetenzteam zusammen, das der Bank verbunden ist, und vereinbart für Sie eine kostenlose ganzheitliche Beratung, die Ihre besondere Situation von allen Seiten beachtet. Zum Team gehören: ein Branchenexperte, ein Arbeitsmarkt- bzw. Personalexperte, ein Journalist, ein Psychologe, ein Allgemeinmediziner, ein Experte für lebenslanges Lernen und ein Künstler bzw. Kreativschaffender. Nach der Erstberatung wird das weitere Vorgehen entschieden. Das Expertenteam hört Ihnen zu und berät sie, Sie fühlen sich wertschätzt, angenommen, aufgefangen. Und finden früher oder später eine Lösung, die Sie glücklich macht und gesund bleiben lässt.

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Szenario 3: Herzensprojekte

Sie haben eine Projekt- oder Geschäftsidee bzw. planen ein soziales oder ehrenamtliches Projekt. Neben Kapital benötigen Sie zunächst einmal Informationen: Kontakte zu Fachjournalisten und Branchenkennern, zu potentiellen Kunden zur Testung Ihrer Ideen und Prototypen, zu Künstlern und Designern sowie weiteren Wissensträgern, u. a. zu Studenten aus Universitäten und (Fach-)Hochschulen, zu Azubis passender Fachbereiche. Sie brauchen kommunikativen Austausch in einem Netzwerk mit Creator, Owner und Broker. Sie rufen Ihren Bankberater an. Mit Hilfe seiner Kontakte und einer digitalen Matching-Plattform stellt er Ihnen eine Vorschlagsliste mit einem interdisziplinären, fachkundigen Team zusammen und unterstützt damit Ihr Lebensprojekt mit ideellen Werten und immateriellem Kapital. Wer für Sie Beratungs- und Unterstützungsleistungen erbringt, wird hälftig von Ihnen, dem Kunden, und Ihrer Bank vergütet – über Micropayment bzw. ein Punktesystem, das der Hilfe-Erbringende später selbst rückinvestieren kann. Banken können zu ThinkTanks und zu sozialen Treffpunkten werden, für kommerzielle Vorhaben ebenso wie für soziale und ehrenamtliche Projekte.

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Wie soll das funktionieren?

Schon heute werden in Personalabteilungen Künstliche Intelligenzen eingesetzt, um die Auswahl geeigneter Bewerber bzw. zukünftiger Mitarbeiter zu erleichtern, zu beschleunigen und effizienter zu gestalten. Ob dies immer im Interesse der Bewerber geschieht, ist ein anderes Thema. Fakt ist, dass Personalabteilungen zukünftig weniger Mitarbeiter benötigen. Die überzähligen Personalexperten könnten sich als Lebenssinn- und Potentialberater neu aufstellen, um vom Kind bis zum Rentner jeden Bürger zu unterstützen, eigene Talente und Fähigkeiten aufzuspüren und den individuellen Lebenssinn zu finden. Mentoring durch persönliche Zuwendung!

Der Mensch im Mittelpunkt

Der Ökonom Tomás Sedlácek war wirtschaftspolitischer Berater des früheren tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel. In seinem philosophischen Buch Die Ökonomie von Gut und Böse schreibt er: „Die Menschen haben von den Ökonomen schon immer vor allem wissen wollen, was gut und was böse oder schlecht ist, und das ist bis heute so geblieben … Wir [Ökonomen] haben zu viel Gewicht auf das Mathematische gelegt und unser Menschsein vernachlässigt. Das hat zu schiefen, künstlichen Modellen geführt, die uns kaum dabei helfen, die Realität zu verstehen.“

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Die Bank als Lebensbegleiterin

Statt einen Menschen mit Druck zu entmutigen, sollten wir ihm mit positiver Sogwirkung Auftrieb geben. Wenn wir unser Potential bestmöglich entfalten können, werden wir den richtigen Platz für uns im Leben finden. Wenn die Bank dazu beiträgt, sorgt sie nachhaltig dafür, einträgliche und rentable Kunden zu gewinnen und dauerhaft an sich zu binden.

Wir können der eigenen Berufung und dem Herzensthema hochmotiviert bis ins hohe Alter folgen. Voraussetzung ist, dass uns jemand dabei unterstützt und uns die richtigen Fragen stellt:

  • Was könnte meinem Leben Sinn geben?
  • Womit möchte ich mir oder anderen Menschen Freude bereiten?
  • Wo und wie kann ich in der Gesellschaft Unterstützung leisten?

Warum sollte nicht eine Bank diese individuelle Lebenssinn- und Potentialberatung übernehmen bzw. sie zumindest anstoßen und begleiten? Könnten Banken auf diese Weise zu einem neuen Selbstverständnis finden – als Potentialförderer für uns Bürger? Sie könnten ihr häufig verspieltes Vertrauen zurückgewinnen, indem sie nicht nur materielles, sondern auch geistiges Vermögen treuhänderisch verwalten, also immaterielles Kapital analysieren, bewahren und vermehren.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Kreativität und Lebenssinn

Es geht im Leben mehr denn je darum herauszufinden, wo die eigenen Talente und Fähigkeiten liegen, an welchem Ort und in welcher Funktion wir sie sinnvoll einsetzen möchten. Kreativitätsexperte Sir Ken Robinson hat es in einem Interview so erklärt: „You create your life and you can recreate it too. In times of economic downturn and uncertainty it’s more important than ever to look deep inside yourself to fathom the sort of life you really want to lead and the talents and passions that can make that possible.“ (Forbes)

Banken werden ihre Relevanz und Überlebenschance zukünftig daran messen lassen müssen, inwiefern sie den Austausch zwischen Menschen und die Vermehrung von sozialem Kapital fördern und das Geflecht persönlicher wertschätzender Beziehungen zum Blühen bringen. Das Saguaro Seminar der Harvard University hat 150 Strategien entwickelt, die zeigen, wie wir soziales Kapital vermehren können. Von diesen Ideen und Strategien können Banken sehr viel lernen! 

Peter Fox, der Sänger der Berliner Band Seeed, hat es im Song Alles neu auf seiner Solo-CD „Stadtaffe“ so formuliert:

„Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht. Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.“

 © Joujou, Pixelio.de

Sharing und Wir-Kultur: Wie Coworking Innovationen beflügelt

 © Antje Hinz

Coworking ist wie eine Wundertüte: Du triffst neue Leute, teilst mit ihnen Ideen, Visionen, Herzblut und Leidenschaft, findest Dinge, die Du nicht gesucht hast und erlebst Vielfalt und Überraschungen, die Deine Projekte und Deine Persönlichkeit wachsen lassen. Coworking bedeutet weit mehr als nur Infrastruktur zu teilen. Ein Streifzug durch Geschichte und Gegenwart der kooperativen Zusammenarbeit.

Die Anfänge

Die Idee gemeinschaftlicher Büronutzung entstand nicht in den USA, sondern in der deutschen Hackerszene. 1995 gründeten einige Computerfreaks in Berlin den Clubraum C-Base – ein Vorläufer des Coworkings. Die Idee wurde zum Trend, als der Chaos Computer Club 2007 bei seinem Jahreskongress empfahl, gemeinsame Räumlichkeiten für neue Projekte anzumieten (Building a Hacker Space). Kurz zuvor hatte Tim Pritlove in seinem Podcast CRE055 (Chaosradio Express) den bis heute bestehenden Hackerspace Metalab in Wien vorgestellt. Pendants in Deutschland entstanden in Köln mit C4, in Hamburg mit Attraktor, in Mannheim mit RaumZeitLabor (weltweites Verzeichnis: hackerspaces.org). In den USA wurden ab 1999 Büroplätze geteilt, im New Yorker Stadtteil Manhattan eröffnete u. a. das „42West24“, allerdings noch ohne Community-Gedanken. In San Francisco florierte Coworking ab 2006 im Umfeld der Social-Web-Community von Hacker Chris Messina, Programmierer Brad Neuberg und Kommunikatorin Tara Hunt, die gemeinsam „Citizen Space“ und „The Hat Factory“ gründeten. Im gleichen Jahr startete am Rosenthaler Platz in Berlin Sankt Oberholz, das seitdem Freidenker und digitale Nomaden mit viel Kaffee, buntem Coworking, spannenden Events und diversen Teams lockt.

 © Antje Hinz

Augenhöhe

Zu den geistigen Vätern des Coworkings gehört der amerikanische Gamedesigner und Spaßtheoretiker Bernard Louis DeKoven. In einem Interview berichtet er, dass er schon 1999 den Begriff Coworking benutzt habe, um bei der Spieleentwicklung Hierarchien abzuschaffen: „When I coined the term coworking, I was describing a phenomenon I called “working together as equals.” DeKoven sah im Coworking eine Chance zum Zusammenarbeiten auf Augenhöhe. Auch Sascha Lobo und Holm Friebe gehören mit ihrem Buch Wir nennen es Arbeit (2006) zu den Wegbereitern des Coworkings und ein Leben jenseits von Festanstellung.

Materielle Synergien

Aus finanzieller Not eine Tugend machen: Vor allem Berufseinsteiger schätzen die Begrenzung von Kosten und die Überschaubarkeit lästiger Pflichten, etwa bei Miete und Infrastruktur für Internet, Drucker, Scanner, Telefon, Beamer, bei Nebenkosten und Büroreinigung, bei der Nutzung größerer Räume für Teambesprechungen. Doch tatsächlich ist Coworking heute weit mehr als das Teilen materieller Ressourcen.

 © Antje Hinz

Ideeller Zusammenhalt

Den Coworkern geht es um immaterieller Dinge: um besondere Atmosphäre und Gründergeist, um das Teilen von Wissen und Erfahrungen, d. h. nach dem peer-to-peer-Prinzip eigene Fähigkeiten weiterzugeben und von anderen Kompetenzen der Mitstreiter zu profitieren. Leidenschaft und Energie sollen wachsen, nicht zuletzt durch die Community. Zu den Säulen des Coworkings gehören gemeinsame Veranstaltungen, Workshops, Konferenzen und Wettbewerbe mit Präsentationen und Pitches eigener Konzepte und Ideen.

Sich auf Vertrauen und gemeinsame Werte stützen zu können, bedeutet den Coworkern ebenso viel wie die Entlastung des eigenen Geldbeutels. Basis und Voraussetzung für erfolgreiches Coworking sind gegenseitiges Interesse und Offenheit, Wille zur Zusammenarbeit und Gemeinschaft, Nachhaltigkeit im Denken und Handeln und ein offener Zugang zu materiellen und immateriellen Ressourcen. „Gemeinsam statt einsam!“, so die Devise.

 © Antje Hinz

Wachstum der Communities

2007 wurde Coworking erstmalig zum Trend-Suchbegriff bei Google, heute (Juni 2017) findet man dazu bereits über 17 Millionen Einträge. Derzeit arbeiten mehr als 1 Million Menschen weltweit in Coworking Spaces, in Deutschland rund 14.000 – mit wachsender Tendenz. Die meisten Bürogemeinschaften gibt es in New York, Berlin und London. Die höchste Coworking Dichte, gemessen an den Einwohnern, bieten Spanien und Australien. Nicht alle Anbieter arbeiten kostendeckend, müssen sie auch nicht, weil viele im Rahmen von  Mischnutzungsmodellen keine Gewinne erwirtschaften wollen oder dürfen. Die Superbude-Hotels in den Hamburger Stadtteilen St. Georg und St. Pauli bieten Coworkern in den Kitchenclubs täglich ab 14:00h ohne Anmelde-, Verzehr- oder Zimmerbuchungspflicht Raum zum kollaborativen Arbeiten inkl. schnellem W-LAN, Drucker, Scanner, Kaffeemaschine, Mikrowelle, Snacks und heimischem Computer.

 © Antje Hinz

Konzepte und Alleinstellungsmerkmale

Die Konzepte der Coworkings variieren. Manche Anbieter offerieren besonders günstige Konditionen, wie der betahaus-Verbund (seit 2009), andere bieten vergleichsweise viele Filialen in internationalen Metropolen. WeWork etwa trumpft mit 50.000 Mitgliedern an mehr als 90 Orten in rund 30 Städten in 12 Ländern (Mai 2016) und dem markigen Slogan: „Make a life, not just a living“. Auch das rasch wachsende Unternehmen Mindspace kommt aus der „Start-up-Nation“ Israel, wo Coworking-Büros seit langem blühen. Mindspace ist eine ästhetische Mischung aus Café, hochmodernem Büro, Bücherei und Wohnzimmer, gespickt mit gemütlich-elegantem Retro-Design und Steam-Punk-Reminiszenzen.

 © Antje Hinz

Places in Hamburg wirbt unter dem Motto: „Ob Open Space oder Work Box, ob Conference oder Meeting, bei places findet jeder sein place to be“ und lockt mit dem Geist des amerikanischen Designer-Ehepaares Charles and Ray Eames. Die Arbeitsplätze von Places  wirken wie in eine Ausstellungsfläche für stylische Büromöbel.

Beehive möchte mit Transparenz und Flexibilität überzeugen und bietet Räume ohne versteckte Kosten und Mindestvertragslaufzeit. 

Mit einem branchenspezifischen Hotspot für die Gamerszene wartet InnoHub in Hamburg auf, hier können sich Gamer mit Akteuren aus Marketing und Consulting vernetzen.

Impact Bazaar in New York wirbt mit einem „Innovations-Ökosystem“ aus Workshops, Gastreden, Lesungen, Gründerlaboren, Yoga, Meditation und Medienzentrum. Auf dem „Live Market Place“ können sich Gründer mit Organisationen, Ausstellern, Mentoren, Gastgebern und Partnern vernetzen.

Die tschechische Community Techsquat bietet in mehreren urbanen Metropolen gemeinsames Wohnen und Arbeiten. In den technisch hervorragend ausgestatteten Großraumbüros der Wohngemeinschaften können Techies und High Potentials aus aller Welt temporär an ihren Projekten schmieden und zusammen leben.

Eltern-Kind-Büros wie Rockzipfel in Leipzig erleichtern in mehreren Städten Deutschlands die Möglichkeit, Arbeiten und Kindererziehung zu verbinden.

 © Antje Hinz

Metropolregionen und ländliche Räume

Coworking ist längst auch außerhalb urbaner Metropolen angekommen. Besonders in Universitätsstädten sind Angebote entstanden, z. B. projekt:raum WarnowValley in Rostock, Cowork in Greifswald, ZeitRaum in Braunschweig. Im oberbayerischen Bad Tölz eröffnete eine Werbeagentur den Space Heimat 2.0 und vermietet Teile eines ehemaligen Brauhauses an andere Coworker unter.

Auf einem brandenburgischen Gutshof bietet Coconat eine inspirierende Arbeitsumgebung mit erholsamen Freizeitangeboten in der Natur. Gearbeitet werden kann u. a. an Freiluftschreibtischen, Übernachtungen sind wahlweise in Hotelzimmern oder Indoorzeltplätzen möglich.

In Mecklenburg-Vorpommern bietet das idyllisch gelegene Seminarhaus Platz des Friedens in der Nähe von Lübtheen viel Ruhe, Herzenswärme der Betreiber und geistigen Nährboden für neue Ideen, Austausch, Erbauung, Mutter Erde unter den Füßen und bei günstiger Witterung auch einen atemberaubenden nächtlichen Sternenhimmel. Wenige Kilometer entfernt entsteht ein neues Wohn- und Lebensprojekt Wassermühle Brömsenberg, das noch tatkräftige und engagierte Mitstreiter sucht. Ein ähnliches Projekte entsteht mit Wir bauen Zukunft im Zukunftszentrum Nieklitz, das sich als Experimentierfeld für bedarfsorientierte Innovation, soziales Unternehmertum sowie nachhaltiges Bauen, Lernen und Leben versteht. In Neustrelitz lädt die Alte Kachelofenfabrik mit Charme und vielfältigen Angeboten zum gemeinsamen Arbeiten, Lernen und Austauschen ein.

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Fablabs, Techshops, Makerspaces

Wer Geräte der Spitzentechnologie für seine Geschäftsideen braucht, wie z. B. 3D-Drucker, Großrechner, Vinyl-Cutter, Metallfräsen, Stahl- und Bügelpressen oder Laser, braucht besonders ausgestattete Räume. Die Idee des Fabrication Laboratory stammt vom Massachusetts Institute of Technology, dem Center for Bits and Atoms. FabLabs halten ursprünglich Menschen sozial schwacher Regionen zur kostenlosen technischen Weiterbildung und der Realisierung eigener Ideen. Techshops und Fablabs sind heute besonders für Start-ups und Kleinunternehmer mit kleinem Budget attraktiv. In den Hightech-Werkstätten treffen Einzelunternehmer, Erfinder, Handwerker und Internet-Spezialisten aufeinander, feilen an Prototypen und am Produktdesign. Neben den Geräten werden auch Wissen und Erfahrungen geteilt, z. B. in der Dingfabrik Köln.

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Mobiles Coworking

Zahlungskräftigen digitalen Nomaden, die sich an keinen Ort binden wollen, bietet das Elektroauto WORKSPACe eine Heimat. Das integrierte Büro ist mit Schreibtisch, Bürostuhl, schnellem drahtlosen Internet und Computer ausgestattet, einer kleine Küche inkl. Kaffeemaschine und Kühlschrank und einem faltbaren Klappfahrrad.
Mit dem weltweit ersten Coworking Katamaran-Office COBOAT können reiselustige Coworker sogar Wind und Wellen trotzen.

Umnutzung

Viele Coworking Spaces entstehen aus ehemaligen Industriebrachen und Gewerbehöfen. Einer der ersten Orte dieser Art ist die Wiener Schraubenfabrik, 2002 von Stefan Leitner-Sidl und Michael Pöll gegründet. In Hamburg wird derzeit das Oberhafenquartier in ein großes Kreativzentrum umgewandelt, u. a. mit dem Fundus Hanseatische Materialverwaltung und der branchenspezifischen Filmfabrique. Das Umweltministerium und der Freistaat Sachsen fördern aktuell ein Modellvorhaben über „niedrigschwellige Instandsetzung brachliegender Industrieanlagen für die Kreativwirtschaft“. Das Projekt dokumentiert Praxisbeispiele, die den Wandel von Industriebrachen zur kreativen Produktionsstätten repräsentieren.

 © Antje Hinz

Old Economy und Coworking

Immer mehr traditionelle Unternehmen greifen das Thema Coworking auf,  um mit Ideen und Innovationen auf den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft zu reagieren. Etwa ein Drittel aller Dax-Unternehmen hat inzwischen eigene Hubs, Labs, Inkubatoren oder Acceleratoren. Damit die Innovationsprozesse nachhaltig Wirkung erzielen, muss dem staunenden Entdecken die Fokussierung auf das Kerngeschäft folgen und die Entwicklung von Prototypen, z. B. nach der Design Thinking- Methode

Größere Unternehmen richten eigene Flächen und Hubs ein, z. B. die Otto Group in Hamburg mit Collabor8, Bosch in Renningen mit Platform 12, Microsoft in München mit smart workspace, Philips mit einem InnovationPort für eHealth. Der Orthopädie-Experte Otto Bock aus dem niedersächsischen Duderstedt hat sich mit dem Open Innovation Space auf dem Gelände einer alten Brauerei im Berliner Prenzlauer Berg Zugang zu jungen innovativen Hackern und Tüftlern verschafft – in direkter Nachbarschaft zum FabLab. Eine ähnliche Partnerschaft ist der Maschinenbau-Konzern der Schaeffler-Gruppe in Herzogenaurach mit seinem Innovation Hub zur Factory Berlin eingegangen. Auch das Innovation Hub der Lufthansa in Berlin schlägt eine Brücke zur globalen Travel-Tech-Szene, um mit Start-Up-Partnerschaften neue digitale Produkte zu bauen. Die Telekom betreibt ihren Inkubator HubRaum, der Medienkonzern Axel Springer Plug and Play, Coworkings mit FinTechs unterhält die Commerzbank mit dem Main-Incubator und die Deutsche Post Nugg.ad.

Das JOSEPHS, eine Tochter der Fraunhofer-Gesellschaft, bietet in der Innenstadt von  Nürnberg auf „Testinseln“ von Themenwelten anderen Firmen die Möglichkeit, kontinuierlich Feedback von Co-Creatoren zu neuen Produkten und Dienstleitungen einzuholen. Erkenntnisse können direkt in das finale Design einfließen.

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Raus aus dem Alltag

Kleinere Unternehmen mieten sich in externe CoworkingSpaces ein, um Ideen und Impulse des agilen, flexiblen, kollaborativen Arbeitens für die eigene Firma zu erlernen. Neue Perspektiven entstehen leichter in kreativer, inspirierender Umgebung. Erkenntnisse werden anschließend in das Mutterhaus übertragen. Die Motivationen für die Exkurse sind vielfältig. Raus aus dem Alltag ist die Devise. Büroangestellte sollen vom kreativen Geist der Coworker profitieren und eine günstige Alternative zum isolierten Home-Office finden. Coworking-Orte dienen Unternehmen heute auch als Orte der Weiterbildung, um sich mit den Präsentationen und Pitches von Startups und Kreativen über neue Trends zu informieren.

Zuweilen buchen sich Firmen auch lediglich für Veranstaltungen in externe Coworkings ein, um gegenüber Partnern und Kunden Innovationsgeist zu präsentieren. Die Orte können gar nicht ungewöhnlich genug sein.  Alte Fabrikgelände, Theater, inspirierende Kreativzentren, wie das Unperfekthaus in Essen, schwimmende Hausboote, wie das Kai10 – Floating Experience Hamburg. Maritimes Flair verströmt auch das ehemalige Seebäderschiff Seute Deern in der Hamburger Hafencity. Für die Tagespauschale gibt es freies WLAN und kostenlosen Kaffee.

 © Antje Hinz

Das Medienunternehmen dpa hat sich im Hamburger betahaus mit seinem accelerator-Programm Nextmedia-Elevator eingemietet. Freelancer und Startups können sich zur konkreten Produktentwicklung und -testung für ein 6monatiges Programm bewerben. Sie erhalten finanzielle Unterstützung und Zugang zu verschiedenen Medienhäusern, die sich im Gegenzug innovativen Input und neue digitale Geschäftsideen erhoffen.  

 © Antje Hinz

Wissenschaft und Plattformen

Der Coworking-Markt wird inzwischen auch wissenschaftlich untersucht, z. B. in einer Studie des Fraunhofer-Instituts IAO und vom Coworking-Magazin Deskmag. Am Institut für Creative Industries & Media Society der Hochschule für Medien in Stuttgart beschäftigt sich Viktoria Pepler in einer Masterarbeit mit dem Thema. Über gemeinsame Grundsätze und das Selbstverständnis der Szene, offen voneinander zu lernen und menschenorientiert zu handeln, informiert das Coworkingmanifesto, das schon 2.400 Coworker unterzeichnet haben. Eine Übersicht über Coworkings in Deutschland liefert Coworking.de, während workfrom über trendige Plätze weltweit berichtet. Die Platttform Seats2Meet bietet ein Vernetzungstool, um gezielt weltweit wo auch immer passende Partner für Coworkings zu finden.

Längst haben sich auch Coworking-Konferenzen, Tagungen, Festivals und Netzwerktreffen etabliert etabliert. Exkursionstouren, wie kürzlich von der Hamburg Kreativgesellschaft organisiert, geben interessierten Coworkern gezielt Einblick in die verschiedenen Angebote der Coworking Spaces. Im Rahmen der KreativLabs von Kreative MV tauschten sich kürzlich Akteure in Rostock über kollaborative Zusammenarbeit in urbanen und ländlichen Regionen aus. 

 © Antje Hinz

Fazit

Coworking bedeutet Sharing-Kultur in vielfältiger Ausprägung: als Arbeits- und Wirtschaftsraum, Informations-, Experimentier- und Entwicklungsraum, Sozial- und Kontaktraum, Spielwiese, bei der sich Arbeit und Freizeit vermischen. Weniger zu besitzen, heißt freier, unabhängiger und agiler zu sein, schneller seinen Lebensraum wechseln zu können, um zu neuen beruflichen Ufern und Herausforderungen aufbrechen zu können. Weniger Verpflichtungen nachkommen zu müssen, bietet Raum für mehr Vielfalt und mehr Ideen.

C oworking = kooperativ und kollaborativ 

O ptimistisch sein

W ir-Kultur praktizieren

O ekonomisch handeln

R evolutionäres planen

K reativität entdecken

I nspirationen erhalten

N achhaltig denken und handeln

G renzen überschreiten

 © Antje Hinz

Rettet Blockchain Kreativschaffende und ihre Wertschöpfungen?

 © MassivKreativ

Blockchain heißt übersetzt Block- bzw. Kasten-Kette. Mit dieser Technologie werden Dateninformationen bzw. Datentransaktionen auf vielen Computern in einem Netzwerk gleichzeitig gespeichert, wie in einem Register. Die abgespeicherten Transaktionen können im Nachhinein nicht mehr verändert werden. Der Erfinder der Blockchain nennt sich Satoshi Nakamoto, er oder sie hat sich allerdings noch nie öffentlich zu erkennen gegeben.

Wie arbeitet die Blockchain?

Jede virtuelle Transaktion wird in Datenblöcke unterteilt, die als identische Kopien parallel auf vielen Rechnern verteilt und gespeichert werden (Bitcoin Miners s.u.). Alle Blöcke enthalten eine verschlüsselte Information über die vorhergehenden Blöcke, daher der Name „Block-Kette“.

Sicherheit

Die Datenbank-Informationen sind für jeden einsehbar, jedoch verschlüsselt und daher fälschungssicher. Neue Eintragungen in die Blockchain müssen von Teilnehmer-Netzwerk verifiziert werden. Versucht ein Teilnehmer seine Kopie der Blockchain zu verändern, würde das beim automatischen Vergleich mit den Kopien anderer Teilnehmer im Netzwerk sofort auffallen. Dennoch hat im März 2017 die US-Börsenaufsicht dem ersten Bitcoin-Fonds die Zulassung verweigert, die Risiken für Manipulation und Betrug u. a. durch Hackerangriffe seien derzeit noch zu groß. In Deutschland gibt es bisher noch kein reguliertes Wertpapier-Produkt mit einer Kenn-Nr. bzw. International Securities Identification Number (ISIN). In der Schweiz will in Kürze die Crypto Fund AG einen Fonds für Kryptowährungen anbieten (Juni 2017).

 © Claudia Hautumm, Pixelio.de

Blockchain für Geldtransfer

Mit der Blockchain-Technologie wird im Moment vor allem als digitales Kassenbuch genutzt, indem virtuelles Geld über das Internet hin- und hergeschickt wird, direkt von einer Person zur anderen, ohne Banken, Finanzvermittler, Börsen oder Zwischenhändler. Der Transfer der sogenannten Kryptowährungen erfolgt dezentral, sekundenschnell und wegen fehlender Zwischenhändler nahezu gebührenfrei (ca 1% der Transfersumme). Die erste und bekannteste Kryptowährung ist der Bitcoin. Er wurde 2009 eingeführt und basiert auf der Blockchain-Technologie. Die „Bitcoin Miners“ sind unternehmerisch geführte Rechenzentren mit Anteilseignern, die Nachweise über Bitcoin-Transaktionen führen und Bitcoins als Belohnung für erbrachte Rechenleistungen erhalten. China ist Vorreiter. Zur Zeit sind über 13 Millionen Bitcoins im Umlauf. Mehr als 21 Millionen sollen nicht hergestellt werden. Analog zum Goldbestand soll auch die gezielte Beschränkung an Bitcoins vor Inflation schützen.

Insgesamt soll es bis zu 800 verschiedene Kryptowährungen geben, neben Bitcoin auch Ether (s.u.), Monero und ZCash. Der Wert der Währungen kann sich innerhalb kurzer Zeit auf den Krypto-Tauschbörsen rapide verändern. Bis Mitte des Jahres 2017 legte Ether z. B. um 3000 % zu, Bitcoin hingegen „nur“ um knapp 200 %.  MtGox ging 2014 pleite, BitFinex musste nach einem Diebstahl von 120.000 Bitcoins (ca 58 Mio. Euro) Anfang August 2016 den Betrieb vorläufig einstellen. Die wichtigste deutsche Handelsplattform ist bitcoin.de. Die Fidor Bank bietet ihren Kunden direkte Bitcoin-Konten und den Handel dazu an, dank Bafin sogar einlagensicherungsgeschützt im Falle einer Insolvenz von Bitcoin.de (Quelle: ntv).  

 © MassivKreativ

Verbreitung und Nutzung von Bitcoins

Laut Branchenportal btc-echo akzeptieren weltweit bislang etwa hundert Unternehmen Bitcoins als Zahlungsmittel, im deutschsprachigen Raum nur an die zwanzig Firmen, u. a. der Frankfurter Onlineshop Keycoon für 3D-Drucker-Zubehör und 4electric, der Zulieferer von Ladezubehör für Elektroautos. In Berlin-Kreuzberg bietet die Science-Fiction-Buchhandlung Otherland Lesbares und die Burgerbar Room 77 Ess- und Trinkbares gegen Bitcoins an. Die Bitcoin-Firma Bitwala mit 12 Mitarbeitern (März 2017) transferiert inzwischen Bitcoins für 20.000 Kunden in 120 Ländern. Vor allem Löhne werden mit Bitcoins länderübergreifend kostensparend gezahlt. Die zukünftige Vision von Bitwala: Maschinen sollen Maschinen bezahlen, indem sie sich gegenseitig scannen.

Neue Anwendungsbereiche

Als besonders zukunftsträchtig gilt die Blockchain-Plattform Ethereum, entwickelt von Vitalik Buterin (seit 2013) sowie der schweizerischen Non-profit-Stiftung Ethereum Foundation. Ethereum verwendet die Kryptowährung Ether, die im Mai 2017 eine Marktkapitalisierung von 12 Milliarden Dollar verzeichnete. Während Bitcoins lediglich Geldtransaktionen ermöglichen, können über die Ethereum-Plattformen verschiedene Vermögens- und Wertgegenstände ausgetauscht werden – über „smart contracts“. Daraus ergeben sich viele Anwendungen, u. a. für Versicherungen und FinTech, für Logistik, Verkehr und Energiewirtschaft, für die Sharing Economy, das Internet der Dinge und Industrie 4.0, für Datensicherheit und Transparenz, für Verwaltung und eGovernment, z. B. E-Voting-Systeme, virtuelle Organisationen, Identity-Management und Crowdfunding. 

Teilhabe und Nachhaltigkeit

Die Blockchain ermöglicht es, die Gesellschaft neu und vor allem dezentral zu organisieren, damit wir unser Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich gestalten können. Von den Gewinnen der Plattformökonomie könnten Kulturproduzenten und Urheber endlich in dem Maße partizipieren, wie es ihnen zusteht. Auch nachhaltiges Handeln lässt sich direkt belohnen. Wer bewusst und ökologisch einkauft, Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens mit anderen teilt und seinen Abfall recycelt, könnte mit digitaler Währung belohnt werden. 

 © Etherum.org

Beispiele für smart contracts

Mit „smart contracts“ sollen vor allem administrative Prüfvorgänge automatisiert werden, z. B. von digitalen Identitäten, Bonitäten, Kreditvergabe, Schadensforderungen, Versicherungen, Medienvertrieb. Inzwischen beteiligen sich eine ganze Reihe von Institutionen und Startups an Ethereum, u. a.  die Entwickler von slock.it im thüringischen Mittweida, RWE, Thomson Reuters, Santander Bank, Microsoft und die dezentrale Organisation Bitnation, die traditionelle Staaten überflüssig machen will. Estland, in Digitalisierungsfragen und eGovernment besonders progressiv, nutzt Bitnation bereits seit Ende 2015. Auch Griechenland soll aktuell mit der Blockchain experimentieren. Korruption, Verschwendung, Betrug sollen in Zukunft vermieden werden. Hinterlegte Codes in der Blockchain sollen garantieren, dass Steuergelder nur zweckgebunden ausgegeben werden dürfen. Die in Berlin lebende Wirtschaftsinformatikerin mit persischen Wurzeln Shermin Voshmgir gründete den BlockchainHub Berlin und will mit der bahnbrechenden Technologie die Finanzbranche ebenso revolutionieren wie die staatliche Verwaltung (siehe Studie am Ende des Artikels).

Szenarien für Nutzer

Ethereum ermöglicht „smart contracts“, die z. B. für dezentrale Autovermieter und Energieerzeuger ebenso interessant werden könnten wie für Komponisten, Fotografen und Journalisten, mit positiven und negativen Szenarien. Hat ein Kunde die monatliche Lizenzrate für sein Auto nicht bezahlt, wird er den Wagen beim nächsten Fahrantritt nicht mehr starten können. Ein Auftraggeber für kreative Leistungen erhält dann Zugang zu urheberrechtlichen Werken,  wenn er die Produzenten in ausreichendem Umfang vergütet. Und wer auf dem Dach seines privaten Hauses Solarstrom erzeugt, kann die nicht verbrauchte Energie automatisiert in einem Netzwerk anbieten und verkaufen.

Chancen für die Kultur- und Kreativwirtschaft

Die Ethereum-Blockchain soll den Austausch von Wertschöpfungen revolutionieren, denn auch immaterielle Werte sollen verwaltet und auf neue Weise vergütet werden. Ethereum weckt daher besonders in der Kultur- und Kreativwirtschaft große Hoffnungen. Während die Produktion kreativer Werke in den letzten Jahren demokratisiert und damit kostengünstiger wurde, läuft der Vertrieb nach wie vor über zentralisierte Plattformen (youtube, audible, spotify, Netflix, Instagram, Facebook usw.). Von den Gewinnen und Werbeeinnahmen profitieren meist nicht die Kreativen, sondern die Plattform-Monopolisten selbst.

Von der Ethereum-Blockchain könnten endlich die kreativen Produzenten profitieren, indem über die neue Plattform z. B. Patente für Ideen und Lizenzen für schöpferisch-kreative Werke verwahrt, ausgetauscht und vergütet werden, z. B. Musik, Fotos, Bilder, Logos, Texte, Filme usw. Kreative Urheber und auch Künstler sollen ihren Anteil am Werk sofort erhalten, wenn es konsumiert wird und nicht, wie derzeit üblich, erst Monate später.

Herausforderungen für Ethereum

Kreative Werke bzw. Daten können in der Blockchain nicht verwahrt werden, lediglich Lizenzen lassen sich verwalten. Klar ist auch: Noch bleiben viele Fragen offen. Die aktuellen Marktanteile der bekannten Plattformen sind immens und nicht zu unterschätzen. Ethereum wird eine Menge in Marketing investieren müssen, um youtube und Co. die Stirn zu bieten. Doch jede Revolution hat einmal im Kleinen angefangen: „Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde.“ (Margaret Mead, US-amerikanische Anthropologin und Ethnologin)

Unter Hochdruck arbeiten Forscherteams daran, die Blockchain resistenter gegen Hackerangriffe zu machen. Ein russisches Team soll derzeit ein unzerstörbares, verteiltes Datenspeichersystem entwickeln, das durch Quantenkryptographie-Methoden besser geschützt ist.

 © Klicker, Pixelio.de

Blockchain-Aktivitäten von Kreativen

Großbritannien

Benji Rogers gründete bereits 2009 in London PledgeMusic.  Mit seinem Team entwickelt er  ein neues Format für die Musikbranche, das sogenannte .bc-Format, basierend auf dem smart contract der Blockchain. In diesem Datenpaket, vergleichbar mit einer Zip-Datei, will er nicht nur den Musiktitel selbst, sondern auch weitere Metadaten speichern (MVD = Minimum Viable Data). Sie sollen zu Komponisten, ausübenden Musikern und weiteren Firmen führen, die an der Produktion beteiligt waren. Auch Nutzungsformen des Songs sollen hinterlegt werden, wer den Song zu welchem Zweck und zu welchem Preis verwenden darf.

Die britische Sängerin Imogen Heap und die Firma Ujo Music arbeiten an einem Prototypen auf Blockchain-Basis für die Musikindustrie. Ziel ist eine transparente und effiziente Form der Musiklizensierung. Gebühren für Künstlerlizenzen sollen anonym und in Echtzeit transferiert werden.

Österreich

Das Wiener Museum für Moderne Kunst (MAK) hat im Rahmen seines MAK NITE Lab im März 2015 ein Kunstwerk mit Bitcoins gekauft, geschaffen von dem niederländischen Künstler Harm van den Dorpel. Es wurde von den Künstlern Valentin Ruhry und Andy Boot auf ihrer kuratierten Plattform Cointemporary.com zum Verkauf angeboten – zu einem festen Bitcoin-Preis unabhängig von seinem aktuellen Wechselkurs. 

Deutschland

Das Berliner Startup BigchainDB bietet mit dem Dienst ascribe für Kunstwerke bzw. Musik im Internet ein digitales Wasserzeichen  an („Ownership Layer” / „Hash Key“). Bei der Registrierung eines Werkes vergibt ascribe eine eindeutige ID. Sie setzt sich aus dem jeweiligen Datenfile und der Identität des Urhebers zusammen. Alle Informationen über Kopien des Werkes und deren Verbreitung werden in der Bigchain gespeichert. Künstler können so per Mausklick die Rechte an ihren Kunstwerken verwalten und Musik, Texte, Bilder, Filme zeitlich befristet vermieten oder verkaufen. Der Dienstleister asribe erhält dafür eine Provision. Eine unerlaubte Verbreitung des Werkes kann bisher nicht verhindert werden, aber zumindest kann der Urheber und Eigentümer des Werkes nachverfolgt werden. Zu den ersten Nutzern von ascribe gehören der bereits erwähnte Künstler Harm van den Dorpel, außerdem Titanium Comics. 

Der deutsche Künstler Stephan Vogler möchte seine digitalen immateriellen Schöpfungen als Unikate vertreiben, via Bitcoins. Gemeinsam mit Kunstrechtsexperten hat er eine Lizenz für digitale Kunstwerke als limitierte und eigenständig handelbare virtuelle Güter entwickelt. Die Werke werden mit einer eindeutigen elektronischen Signatur versehen. Der Eigentümer ist in der Blockchain registriert. Die der Nutzungsrechte werden durch eine Transaktion über Bitcoins vergeben. So können nicht nur haptische, sondern auch digitale, nichtmaterielle Kunstwerke zu Sammler- oder Handelsobjekten werden.

 © slicer, Pixelio.de

Micropayment

Die Idee ist nicht neu: Schon Internet-Pionier Jaron Lanier, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2014, fordert in seinem Buch Wem gehört die Zukunft, dass jeder Urheber über Micropayment mit Kleinstbeträgen honoriert wird. Dabei geht es nicht nur um kreative Werke, sondern auch um die Vielzahl derjenigen, die Informationen und Bewertungen an Plattformen liefern, wie Amazon, Apple, Alphabet/Google, Facebook, Dating-, Gastronomie- und Übernachtungs-Portale: „Wir sind daran gewöhnt, Informationen als ‚kostenlos‘ zu betrachten, aber das funktioniert nur, solange der Großteil der Wirtschaft nicht auf Informationen basiert, ansonsten würden wir für diese Illusion einen hohen Preis bezahlen.“ 

USA

2014 gründeten die Künstler Anil Dash und Kevin McCoy die Plattform Monegraph, um Möglichkeiten der Blockchain für digitale Kunstproduktion auszuloten. Die Blockchains Proof-of-existence und Blockai wollen eine Art Patentschutz anbieten. Wenn Nutzer einen Betrag bezahlen, erhalten Sie einen Zeitstempel, ähnlich wie es schon digitale Bibliotheken beim Verleih  von Medien regeln.

Der Unterhaltungskonzern Disney experimentiert auf seiner Plattform Dragoncoin mit der Blockchain, um Erkenntnisse sowohl im Bereich Rechtemanagement (z. B. Filmlizenzen) als auch in seinen Unterhaltungsparks einzusetzen.

Grundeinkommen durch Ethereum-Blockchain

Die internationale Non-Profit-Kunstinitiative The.Art möchte über die Ethereum-Blockchain ein Grundeinkommen für Kunst- und Kulturschaffende generieren, jenseits von Spekulationen und einem risikoreichen Auf und Ab der Kryptowährungen. Initiatoren sind die britische Künstlerin Maris Palmi und der Changemanagement-Berater und Ökonom Chirt Koese. In einem Team mit weiteren Privatakteuren wollen sie ohne staatliche Hilfe einen autarken digitalen Kreislauf schaffen, der Werte und Gelder für das Gemeinwohl generiert. Mit Künstlern, Wissenschaftlern und digitalen Erneuerern soll in einem offenen Dialog ein sozio- ökonomischer Prototyp entstehen. „Wir Künstler bringen das spielerische, experimentelle Moment hinein“, erklärt Maris Palmi, „und wir sind froh, mit Chirt Koese einen Initiator zu haben, der sich mit ökonomischen Prinzipien auskennt und uns dabei hilft, zukünftige Technologien wie Blockchain nicht zu verschlafen, sondern sie im Namen der Kunst für möglichst viele aktiv zu nutzen“.

© The.Art

The Art hat Künstler dazu aufgerufen, Werke für die Ausstellungsreihe „Thoughts Become Art“ einzureichen, die 2016 in Oxfort startete, im Juni 2017 im Berliner Baumhaus mit über 30 Künstlern Station machte (Launching Luvcoin) und weiter nach Hongkong, London und New York zieht. Kuratorin Maris Palmi hat die Ausstellung zusammengestellt. Chirt Koese erklärt das weitere Vorgehen: „Wir wählen einige der ausgestellten Werke aus und kaufen sie dem Künstler mit den nagelneu gestalteten Luvcoinchecks ab“. Anschließend können sich gemeinnützige Organisationen, Universitäten oder Krankenhäuser, melden und sich um eine kostenlose Leihgabe der Kunstwerke bewerben. Die Künstler setzen die Preise für ihre Werke selbst fest. Koese: „Alles, was The.Art jetzt und zukünftig initiiert, passiert im geschützten Kreislauf, über den alle Akteure per transparenten Blockchain-Protokollen wachen.“

Noch kann der Künstler mit den Luvcoins keine Miete zahlen oder im Supermarkt einkaufen. Die Coins sammeln sich in Form eines digitalen Sparbuchs an, die später auf Tauschbörsen gegen andere Krypto-Coins oder traditionelle Gelder (FiatGeld: Euro, Dollar) getauscht werden können. So soll ein autarker Kreislauf im Handel mit Kunstwerken entstehen, deren Erlöse den Künstlern und sozialen Institutionen/Projekten zugute kommen.

 © Alfred Krawietz, Pixelio.de

Blockchain als Multi-Innovation

Die Blockchain wird der neue Megatrend werden, prophezeien Experten. Sie ist eine technologische, ökonomische und soziale Innovation zugleich, die zu einer Demokratisierung durch dezentrale Marktplätze führen soll.

Technologisch: Über Micropayments können Bezahlprozesse, Kreditvergabe, Versicherungen, Bonitätsprüfungen und Crowdfunding kostengünstiger und schneller abgewickelt werden. Automatisierte Vorgänge (Internet der Dinge und miteinander kommunizierende Maschinen) sichern Effizienz.

Ökonomisch: Smart contracts ermöglichen neue dezentrale Abwicklungs- und Verwaltungsprozesse. Niedrige Betriebskosten und disruptive Organisationsformen verändern bestehende Geschäftsmodelle und schaffen neue. 

Sozial: Strukturen werden demokratisiert, weil Monopole zentraler Vermittler entfallen. Vertrauen und Kontrolle werden Netzwerke und Gemeinschaften der Blockchain übertragen.

Forschung und Wissenschaft

Anfang 2017 wurde die IPDB Foundation (Interplanetary Database Foundation) gegründet. Sie verfolgt nach eigenen Angaben ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke  und will Wissenschaft und Forschung rund um das Thema Blockchain fördern. Laut Satzung soll es darum gehen: „Die Forschung an der Realisation und an Anwendungen der „Blockchain“-Technologie, insbesondere der Erforschung und Entwicklung dezentralisierter Organisationsstrukturen und der Umsetzung einer dezentralisierten Datenbankplattform, welche die dezentrale permanente Speicherung von Daten unabhängig von einer zentralen Instanz ermöglicht („Dezentrale Datenbank“). Die IPDB Foundation zielt darauf ab, jedermann Zugang zur Dezentralen Datenbank zu ermöglichen …“ (Satzung IPDB).

Quellen und weitere Informationstipps zum Thema:

Die menschliche Seele: Eine Novelle über Kreativität und künstliche Intelligenz

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Vor langer, langer Zeit schuf der Mensch sich nach seinem Abbild einen Golem. Die Nachbildung aus Lehm sollte ihm als Helfer, Freund und Befreier dienen. Einmal in der Woche erweckte der Mensch seinen Golem zum Leben. Doch einmal vergaß es der Mensch, was den Golem so erzürnte, dass er außer Kontrolle geriet und großen Schaden anrichtete. Der Mensch stellte den Golem ruhig und erweckte ihn fortan nie wieder zum Leben. Viele Jahre vergingen…

Der Traum vom künstlichen Menschen blieb

…. bis die Idee neu aufkeimte. Diesmal sollte das Wesen klüger und vernünftiger sein als sein Vorgänger. Und so schufen sich die Menschen einen Super-Computer und nannten ihn „Watson“. All das, was die Menschen bis dahin gelernt hatten, flößten sie Watson ein, der nun nicht mehr aus Lehm, sondern aus Platinen und Prozessoren bestand. Unersättlich verschlang Watson das Wissen der Welt als Datenvolumen und verdaute es als Bits und Bytes. Und die Menschen bewunderten seine strahlende Intelligenz.

Anfangs übernahm Watson nur Rechenaufgaben, die dem Menschen zu mühsam und langwierig waren. Doch dann wagten die Menschen ein Experiment. Sie fütterten den Computer mit Kunst. Und siehe da: auch Musik, Klänge, Texte, Objekte, Bilder und Pinselstriche zerlegte Watson in seinen Eingeweiden fein säuberlich in Nullen und Einsen, vernetzte sie auf seine Weise und spuckte sie als neue Werke wieder aus: Musik, Fotos, Bilder, Skulpturen, Gedichte und Geschichten. Die Menschen erschraken: Konnte ein künstliches Wesen tatsächlich kreativ sein – so wie sie selbst – oder gar besser?

… Und die Menschen diskutierten: Konnte es ein Super-Computer mit einem echten Künstler aufnehmen? Könnten die Menschen unterscheiden, ob der Urheber aus Fleisch und Blut  oder Platinen bestand? Könnte ihr Urteil gar bewertend in „besser“ oder „schlechter“ ausfallen? Und wie war es mit den Emotionen: Vermochten die Schöpfungen des Super-Computers die Menschen anzurühren, zum Weinen, zum Lachen und zum Nachdenken bringen? Und die Menschen schauten und lauschten, lasen und fühlten und: waren uneins. Bis ein kleines Mädchen beide Schöpfer nacheinander fragte: „Und wie ist Dein Werk entstanden?“ Der menschliche Künstler lächelte, beschrieb sein Wollen, Streben und Tun innerlich erregt mit leuchtenden Augen und fesselnden Worten. Er schilderte seine Inspirationen in schillernden Beispielen und seine Botschaft mit mitreißender Kraft. So viel Herzblut sei geflossen, so viel Zweifel, so viel Leidenschaft …

Und Watson?

… spulte beflissen seine Nullen und Einsen ab. „Der hat ja gar keine Seele!“, rief das kleine Mädchen enttäuscht. Da wandten sich die Menschen von Watson ab … Doch das war Watson egal. Er wertete die menschliche Ignoranz in seinem unaufhaltsamen Optimierungsplan als Fehler, als Störfaktor, und eliminierte die menschlichen Kreaturen.

Sie wünschen sich ein glückliches Ende?

Wie die Geschichte ausgeht, haben wir selbst in der Hand, übrigens: Jede/r von uns!

Eine Novelle von Antje Hinz, Erstveröffentlichung, Hamburg, April 2017.

Mehr zum Thema: 

Ist es das Ende unserer menschlichen Kreativität, wenn selbstlernende Maschinen zeichnen, komponieren, schreiben und kochen können? Ganz und gar nicht! Mit visionärem Vorausdenken, mit Haltung, Gewissen und Empathie machen wir Menschen uns unersetzlich! Zum Artikel: Wie kreativ sind Künstliche Intelligenzen wie Watson und Co? 

Wieviel Seele hat diese Kunst: Entscheiden Sie selbst!


Roboter-Kunst von cover-video-deutsch

Aufbruch bei der Otto Group: Kulturwandel und digitale Transformation

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„Digitalisierung ist kein Projekt, sondern ein Prozess“. Diesen Satz hört man in der Otto Group immer wieder. Und: „Digitale Transformation geht nicht ohne Kulturwandel“. Den ersten sichtbaren Schritt ist das Unternehmen nun mit Collabor8 gegangen, einem neuen multifunktionalen Coworking Space für Mitarbeiter und zukünftig vielleicht auch für kreative Köpfe von außen.

Der Mensch im Mittelpunkt

Menschenorientierung: Das ist der Otto Group seit seiner Gründung 1949 in Hamburg wichtig. Auch wenn der Markt im Kerngeschäft von Otto, eCommerce, Finanzdienstleistungen und Serviceangeboten Logistik und Reise, härter geworden ist, die Mitarbeiter bleiben im Fokus der Unternehmenspolitik, etwa 4.000 Mitarbeiter in der Unternehmenszentrale in Hamburg und etwa 50.000 Mitarbeiter weltweit. Jeder im Team sorgt mit seinen Kompetenzen und Ideen dafür, dass Otto weiterhin erfolgreich agieren kann. Damit jeder den Prozess der Digitalisierung versteht, muss jeder Mitarbeiter auf dem Weg der Veränderungen mitgenommen werden. 2016 hat die Otto Group einen Kulturwandel eingeläutet. Kommunikation läuft jetzt auf Augenhöhe, nicht zuletzt mit dem direkten Gespräch „per Du“. Ein Angebot und Vorschlag, kein Zwang. Die Mitarbeiter berichten von mehr Transparenz. Regelmäßig informiert die Unternehmensleitung, was in Strategie- und Betriebsversammlungen diskutiert und beschlossen wird. Am Wandel ist das gesamte Personal beteiligt. Jeder, der mag, kann sich einbringen, wird nach seiner Meinung gefragt. Digitalisierung lässt sich nur realisieren, wenn alle im Unternehmen mitziehen.

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Mitgestaltung erwünscht

Teilhabe ist ein entscheidendes und richtungsweisendes Mittel für den Kulturwandel bei Otto. Gelebt wird er schon seit längerem in divers besetzten Seminaren und Workshops, quer durch alle Hierarchien, Abteilungen, Altersgruppen, Geschlechter und Nationalitäten. Jetzt kommt ein neuer Ort des offenen Dialogs hinzu. Damit sich die Mitarbeiter besser vernetzen, sich über Ideen und Strategien austauschen können, hat Benjamin Otto, Enkel des Unternehmensgründers Werner Otto und als gestaltender Gesellschafter treibende Kraft für die digitale Transformation, die Einrichtung eines Coworking Spaces initiiert. In nur drei Monaten wurde die obere Etage im 8. Stock eines älteren Fabrikgebäude zu einem Ort für kollaboratives Arbeiten umgestaltet.

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Welche Anforderungen soll der Raum erfüllen, welche Bedarfe gibt es für die Nutzung? Verschiedene Abteilungen und Teams haben hunderte Ideen und Vorschläge eingereicht – „in einer bemerkenswerten Qualität“, wie der David Einsiedler, Geschäftsführer vom ausführenden Gestaltungsbüro PLY – unestablished furniture betont. Auch den Namen für die neue Coworking-Fläche hat ein Mitarbeiter vorgeschlagen: „Collabor8“. Das Thema Nachhaltigkeit bei der Umgestaltung zu berücksichtigen, war ein übergreifender Wunsch im Unternehmen. David Einsiedler und das PLY-Team haben daher Upcycling-Aspekte mit einbezogen, älteres Mobiliar genutzt, Industrielampen umgestaltet und schon vorhandene Lichtquellen mit LEDs umgerüstet. Collabor8 ist ein innovativer Ort des Aufbruchs in einem architektonischen Ensemble, das vor gut 50 Jahren entstand und daher schon etwas Patina angesetzt hat. Schritt für Schritt wird das Otto-Gelände aufgefrischt: mit einem bepflanzten Boulevard, einem neuem Fitnessstudio, mit neuen Toiletten, Bistro, Kantine und dem neuem Coworking-Space.

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Effekte von Coworking

„Collabor8“, die Freifläche auf etwa zweieinhalb Fußballfeldern (1700 qm), soll bei Otto das vernetzte Denken beflügeln, „Schnittstellen schaffen“, wie Gesa Heinrichs sagt, die federführende Direktorin des Facility-Managements. Benjamin Otto beschreibt es so: „Collabor8 bietet Raum für Potentialentfaltung und Lebensfreude, Innovation und Kreativität, Flexibilität und Vielfalt.“ Im Zentrum haben die Planer bewusst eine Arena platziert – mit einer Café-Bar gleich nebenan für das Kennenlernen, Aufeinandertreffen, den  lebendigen Austausch. Größere Loungeflächen mit variablen Tischen (Flex-Bench) und Meetingbereichen laden zum Dialog ein, während Telefonboxen, Bibliothek und gläserne Büros Rückzugsorte bieten. Freie Sichtachsen ermöglichen neue Perspektiven und Horizonterweiterung

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Mehrwerte schaffen

Im Zuge des Kulturwandels wächst auch das Bewusstsein für immaterielle Werte. Benjamin Otto glaubt, dass sie bei der Digitalisierung immer wichtiger werden. „Es geht einem Programmierer nicht nur um seine Bezahlung“, sagt Otto. „Es geht ihm auch um zwischenmenschliche Werte: Ob er Spaß hat an seinem Job, ob er hier gewisse Vorzüge hat, die er in einem anderen Unternehmen nicht hätte.“ Mit Mehrwerten will Otto die Mitarbeiter beflügeln und damit zugleich die digitale Transformation des Unternehmens. Qualität statt Quantität, nachhaltige Effektivität statt blinder Effizienz. Schon Albert Einstein bemerkte: „Nicht alles, was zählt, kann man zählen, und nicht alles, was man zählen kann, zählt.“ Gesundheit und Wohlbefinden, Wertschätzung und soziale Bindung, Vertrauen und Selbstwirksamkeit. Und ebenso Anregungen von außen. So entstanden Startups wie Collins bzw. die Mode-Marken About you und Edited. „Ist Otto auch offen für Impulse von Künstlern, Vor- und Querdenkern?“ frage ich Benjamin Otto. „Absolut ja, weil sie das gesamte Ökosystem in Wallung bringen können.“ sagt er. „Ich glaube, durch Flächen wie Collabor8 schaffen wir auch Raum für solche Menschen. Wir können mit ganz vielen Einzelinitiativen und Impulsen zum Ziel kommen.“

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Mehr zum Thema Kulturwandel bei der Otto Group: Was sich in der Unternehmenskultur von Steinen lernen lässt … 

Smart City und Kreativwirtschaft: Wem gehört die Stadt?

Smart City_Infogram_Antje© Antje Hinz, MassivKreativ

Smart City: Ist es die große Verheißung, die Politik und Verwaltung in den Großstädten vollmundig verkünden? Oder ist es eher ein Marketing-Tool für IT-Unternehmen, die ein neues big business auf den Weg bringen wollen? Dieser Hintergrundbericht klärt am Beispiel der Hansestadt Hamburg auf.

Mindestens 28 Megacities gibt es aktuell mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. 2030 sollen es schon 40 Megacities sein. 2050 werden fast zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Dies stellt die Gesellschaften vor große Herausforderungen. Smart City soll darauf Antworten finden, das Leben in der Großstadt effizienter, grüner und sozial inklusiver gestalten, digitalisiert, technologisch, fortschrittlich.

Doch „smart“ ist ein ambivalenter Begriff, der doppeldeutig übersetzt und umschrieben werden kann. Im positiven Sinn bedeutet er: elegant, intelligent, clever, schlau, klug, pfiffig, gescheit, adrett, gepflegt, schick, modisch, aufgeweckt, tüchtig, gewandt, flink, schnittig, munter. Andere Übersetzungen zeigen die Kehrseite der Medaille: gerissen, listig, durchtrieben, mit dem Zusatz to (smart): brennend, schmerzend.

438173_web_R_K_B_by_Jürgen Nießen_pixelio.de438175_web_R_K_B_by_Jürgen Nießen_pixelio.de © Jürgen Nießen, pixelio.de

Smart City als Weltverbesserin

Smart City ist ein diffuser und inflationär gebrauchter Sammelbegriff für verschiedene digitale, urbane Entwicklungskonzepte, die im Wesentlichen diese Bereiche berühren:

  • Verkehr bzw. intermodale Mobilität, der Wechsel zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln (Smart Mobility)
  • Gesundheit und Leben (Smart Health and Living)
  • Bildung (Smart Education)
  • Wirtschaft (Smart Economy)
  • Verwaltung (Smart Governance)
  • Umwelt (Smart Environment)
  • Bevölkerung (Smart People)

Smarte Dienstleitungen

Die Hansestadt Hamburg lässt noch weitgehend offen, wie die Smart City einmal aussehen soll. Sie nennt auf der eigens eingerichteten Website  hamburg.de/smart-city/ im Wesentlichen sechs Bereiche: Hafen (smartPORT), Verkehr sowie Bürgerdienstleistungen, wie Mobilität, Gesundheit und Bildung. Im Begleittext heißt es:

„Die Smart City, also die vernetzte und kluge Stadt, verbessert die Lebensqualität der Menschen durch intelligente, innovative Infrastrukturen, die helfen, Mobilität effizienter zu machen, Ressourcen zu schonen und negative Umwelteinflüsse zu reduzieren. Sensorik und Informationstechnologien werden dabei zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen … Wir müssen Antworten auf die Fragen nach Mobilität, öffentlicher Infrastruktur, Service, Energieverbrauch, Schadstoffausstoß und Lebensqualität finden. Dieser Prozess ist in vollem Gange. Politik ist aktiv eingebunden und hat die Aufgabe, die Rahmenbedingungen zu schaffen.“

FabLab HH_02_Antje © MassivKreativ

Kritisches Hinterfragen

Ob die Smart City tatsächlich im Sinne und zum Wohle der Bürger zu einer „lebenswerten Metropole“ wird, besagt der schwammige Begriff allein nicht. Das Großprojekt „Smart City“ lässt sich erst beurteilen, wenn feststeht, wieviel die Stadt für ihre Bürger investieren will, wie gut sie dabei ihre vorhandenen Ressourcen nutzt und wie sich die Zivilgesellschaft einbringen kann. Greifen die Initiatoren die Fragen und Probleme der Bürger tatsächlich auf? Und mit wem kooperiert die Stadt? Nur wenn das Beziehungsgeflecht zwischen Bürgern, Politik, Stadtverwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft wirklich kooperativ und transparent ist, kann sich das Potential der Smart City zum Wohle der Zivilgesellschaft entfalten.

Partnerschaft zwischen Hamburg und Cisco

Am 30. April 2014 hat die Stadt Hamburg für die Dauer von vier Jahren ein „Smart City Memorandum of Understanding (MoU) mit Cisco geschlossen, mit dem das Pilotprojekt zunächst gestartet wurde und an dem weitere assoziierte Partner beteiligt sind: z. B. AGT International, avodaq, InnoTec Data, Philips, Streetline, T-Systems und Worldsensing.

Das US-amerikanische Telekommunikationsunternehmen Cisco wurde 1984 in San Francisco von einer Gruppe von Wissenschaftlern der Stanford University gegründet – mit dem Ziel, die Vernetzung von Computern zu vereinfachen und sie effektiver zu nutzen. Heute entwickelt und handelt Cisco in erster Linie Internet-Router und IT-Switches, um zwischen verschiedenen Computer-Hardwaregeräten zu wechseln. Seit seiner Gründung hat Cisco über 160 andere Unternehmen gekauft und integriert und gehört damit zu den Marktführern weltweit. In Deutschland beschäftigt Cisco 850 Mitarbeiter an acht vorwiegend großstädtischen Standorten.

726235_web_R_K_B_by_Q.pictures_pixelio.de © Q.pictures, pixelio.de

Datensicherheit

Im Januar 2014, also drei Monate vor Vertragsschluss zwischen Hamburg und Cisco, hatte das Online-Portal heise Security aufgedeckt, dass in den Routern von Cisco eine sogenannte „Backdoor“ eingebaut worden war. Sie ermöglicht es Internetdienstanbietern (ISP) sowie externen Dritten, sämtliche Konfigurationsdaten des Routers auszulesen und zu manipulieren, u. a. auch Passwörter für den Administratorzugang des Routers, für WLAN, DSL-Zugang, Proxy-Server usw. Möglich macht dies ein undokumentierter Dienst, der direkt in die Router-Software integriert ist. heise Security deckte auf, dass es damit möglich sei, den gesamten Datenverkehr des Routers umzuleiten und vollständig zu überwachen.

Welcher Partner ist empfehlenswert?

Der Exkurs zum Thema Cisco ist aufschlussreich: Sind die Stadtväter in Anbetracht der Fakten sorglos, ahnungslos, ignorant? Trauen sie keinem anderen, lokalen Unternehmen zu, das Großprojekt Smart City vertrauenswürdig zu stemmen? Wäre es nicht ohnehin sinnvoller, wenn die Hansestadt einen unabhängigen, regionalen Partner mit Investitionen unterstützen würde?

Finanzielle Budgets werden derzeit noch nicht bewegt. Doch Cisco und weitere multinationale Konzerne, wie IBM, Siemens und Co., wittern in der Zukunft große Geschäfte und wollen sich zumindest in Stellung bringen. Und Hamburg? Die Hansestadt will auf jeden Fall im internationalen Vergleich mithalten und mitspielen – in der Riege der anderen Smart Cities, wie z. B. New York, Rio de Janeiro, Barcelona, das koreanische Songdo und die Ökostadt Masdar in Abu Dhabi. Indien hat angekündigt, in den nächsten Jahren 100 Smart Cities bauen zu wollen. In Deutschland rührt der Bundesverband Smart City e.V. die Werbetrommel, die sich als „Plattform für Smart City Experten“ und als „Unternehmensschaufenster“ versteht und für den Austausch untereinander verschiedene smarte Gruppen bietet.

Versprechen der Stadt

Die Stadt Hamburg wirbt für das Projekt mit smarten Worten. Bürgermeister Olaf Scholz kündigt eine „Verbindung von technologischem und sozialen Fortschritt“ an. Wirtschaftssenator Frank Horch versichert: „Die künftigen Möglichkeiten durch die Vernetzung von Menschen, Prozessen, Daten und Objekten werden nicht nur Städte und Kommunen in ihrer Entwicklung nach vorn bringen, sondern auch den Bürgern mehr Komfort und damit Lebensqualität bieten. Unsere Verantwortung ist es, durch entsprechende Rahmenbedingungen diese Entwicklungen in die richtigen Bahnen zu lenken, damit Chancen genutzt und Herausforderungen bewältigt werden.“

  © Midas Kempcke, MassivKreativ

Menschen oder Technologie?

Smart City habe eine „verführerische“ und „erzählerische“ Komponente, sagt Charles Landry, Stadtforscher und Autor der Publikationen The Art of City Making und The Digitized City. Die Digitalisierung bringe Befreiung und Einschränkung zugleich. Der digitale Wandel habe das Konzept von Raum und Zeit tiefgreifend verändert, das „Hier- und Dort-Phänomen“ hervorgebracht, virtuell jederzeit und überall sein zu können. „Die Welt ist aufregender, aber auch invasiver geworden, der Druck ist enorm“, konstatiert Landry beim Forum d’Avignon Ruhr 2016 in Essen.

Die aktuellen Transformationen seien tiefgreifender als bei der letzten industriellen Revolution. „Geht es beim digitalen Wandel um den Menschen oder die Technologie?“, hinterfragt Landry. Damit die Smart City eine kreative und intelligente Stadt für die Menschen sein kann, brauche es mindestens fünf Kriterien, sagt der Brite.

  1. Verankerung: Menschen brauchen Heimat, Identität, Erbe und Tradition
  2. Verbindung: Menschen mögen sozialen Austausch und Netzwerke
  3. Möglichkeiten: Menschen wollen sich beteiligen, denken, planen und handeln
  4. Lernen: Menschen schätzen es, durch Herausforderungen zu wachsen
  5. Inspiration: Menschen wünschen sich neue Impulse und Anregungen

Smart City und Kreativwirtschaft

Nur wenn diese Bedürfnisse berücksichtigt werden, kann der urbane Raum mit Kreativität und Leben gefüllt werden, mit sozialem Austausch und starken Geschichten. Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft sind gefordert: Sie müssen das Wort ergreifen und die richtigen Fragen stellen: Wie wollen wir in Zukunft leben? 

Das weite Feld der Smart City darf nicht nur kommerziellen Anbietern überlassen werden. Stadtentwickler und Architekten sollten bei ihren Planungen auf Vielfalt und Lebensqualität (Umwelt!) achten, auf gemischte Nutzungskonzepte und auf die Treiber für das Wachstum von Stadtrendite (Kreativschaffende!). Stadtverwaltungen  und Eventplaner müssen Termine, Nutzungs- und Werbeflächen (Fassaden) gerecht zwischen gewerblichen und nichtkommerziellen Anbietern aufteilen, damit der Austausch zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und Netzwerken im Fluss bleibt. Auch Medien und Werbeagenturen müssen auf einen ausgewogenen Mix achten. Denn Achtung: Monokulturell und monopolistisch betriebene Städte verlieren rasch an Reiz. Bürger könnten in andere Städte abwandern, Touristen anderswo hinreisen. Ohne Arbeitskräfte und kreative Menschen müssen Unternehmen ihre Standorte verlegen, Investoren würden sich umorientieren.    

Weitere Tipps:

Chirine Etezadzadeh: Smart City – Stadt der Zukunft?: Die Smart City 2.0 als lebenswerte Stadt und Zukunftsmarkt. Springer Vieweg Fachmedien, Wiesbaden 2015.

Smart Cities: Deutsche Hochtechnologie für die Stadt der Zukunft, hg. von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Springer Heidelberg/Berlin 2011.

Charles Landry: The Digitized City, 2016.

Charles Landry: The Art of City Making, 2006.

Charles Landry: The Creative City: A Toolkit for Urban Innovators. 2000.

Anthony M. Townsend: Smart Cities – Big data, civic hackers and the quest for new utopia. Norton, New York / London 2014. 978-0-393-34978-8.

Renata Paola Dameri, Camille Rosenthal-Sabroux (Hg.): Smart City – How to Create Public and Economic Value with High Technology in Urban Space.

Film: Über die Bedeutung von Städten https://www.youtube.com/watch?v=1rXeJO7Q0gc – Urban Thinkers Campus in Mannheim

Rundum-Sorglos-Pakete mit mehr Kundenservice

415692_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio.de

Wer neue Märkte erobern will, sollte nicht nur seine Produkte erweitern, sondern den Service gleich mitdenken. Im Trend liegen Rundum-Sorglos-Pakete und individualisierte Angebote, die den Kunden zum König machen. Wer die Bedürfnisse seiner Käufer im Blick hat und ihre speziellen Wünsche berücksichtigt, verschafft sich Luft gegenüber Konkurrenten.

Der Ditzinger Konzern Trumpf liefert Baumaschinen und die passende Software gleich mit dazu sowie Kurse für die richtige Bedienung. Alles aus einer Hand zu erhalten, ist zeitsparend, effizient und nachhaltig. Es sichert Kundenbindung und Vertrauen. Es muss nicht immer um Produkte oder Technik gehen. Manchmal ist es sinnvoll, gezielt den Kundenservice in den Fokus zu nehmen und das Ohr ganz dicht an den Vorstellungen oder den Problemen der Nutzer und Käufer zu haben.

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MyBoshi: Stricken und Häkeln in der Community
Dass sich Kunden neben Produkten auch Service wünschen, haben Thomas Jaenisch und Felix Rohland aus dem oberfränkischen Hof schnell verstanden. Beim Skilaufen in Japan kam den beiden Freuden 2009 die Idee, trendige Mützen zu häkeln, japanisch: Boshi. Zunächst häkelten sie selbst. Die Nachfrage nach individuell gestalteten Modellen wurde so groß, dass sie sich Unterstützung suchen mussten. Sie fragten die, die sich mit dem Häkeln naturgemäß auskennen: Omas. Heute beschäftigen die Jungunternehmer etwa 30 Renterinnen, die sich so ihre Pension aufstocken. 80.000 Mützen haben die MyBoshi-Gründer bislang verkauft.

677552_web_R_K_B_by_Petra Bork_pixelio.de © Petra Bork, Pixelio.de

Neben gestrickten und gehäkelten Mützen bieten sie auch Schals, Taschen und Deko-Artikel an sowie – wegen wachsender Nachfrage nach Material und Designs – inzwischen auch Komplett-Sets: Wolle, Häkelnadeln, Anleitungen. Geliefert wird in 15 verschiedene Länder. Die anfängliche Geschäftsidee des Mützenverkaufs erweiterte sich in eine Do-It-Yourself-Ideenplattform rund ums Häkeln und Stricken. Grundanleitungen werden auf der Website gratis geliefert, auf youtube gibt es kleine Film-Tutorials. Für weitere Details werden Bücher verkauft, sogar in verschiedenen Sprachen. Prominente zeigen sich auf der Website und in sozialen Netzwerken gern mit den trendigen Kopfbedeckungen. Empfehlungsmarketing wie man es sich kaum besser wünscht.
Was lässt sich davon lernen? Es ist ratsam, den Service vom Anfang bis zum Ende zu denken.

682496_web_R_K_B_by_Dirk Kruse_pixelio.de © Dirk Kruse, Pixelio.de

Individualisierung des Konsums

Die Akteure der Do-it-yourself- und Makerspace-Kultur gehen direkt auf individuelle Wünsche der Community ein. Mit einem 3D-Drucker zaubert funky3Dfaces ein dreidimensionales Abbild des eigenen Kopfes für die Lego-Figur und  Namensschriftzüge werden in Fruchtgummimasse verewigt. Jeder erhält genau das, was er sich wünscht. Mit dieser Idee sind einst auch die Macher von MyMuesli angetreten. Kunden können sich die einzelnen Zutaten für ihre Müsli-Kreationen individuell und portionsweise zusammenstellen. Das einstige Start-Up, das 2007 von drei Studenten gegründet wurde, beschäftigt heute bereits mehr als 300 Mitarbeiter, davon rund 150 Mitarbeiter in Passau und Umgebung.

mymuesli.de_DieJungs© mymuesli.com die Gründer (v.l.): Philipp Kraiss, Max Wittrock und Hubertus Bessau

Sichtbarkeit für Kundenservice

Im Rahmen von BRENNEREI next generation lab sind es junge Absolventen, die frischen Wind in unternehmerische Fragen bringen. Das Stipendiatenprogramm der Wirtschaftsförderung Bremen ist ein Think Tank. Er bringt Wirtschaft und Kreative zusammen. Die Firma HEC Software z. B. wollte herausfinden, wie sie ihren Dienstleistungen für IT- und Softwarelösungen mehr Sichtbarkeit beim Kunden geben kann.

Tastatur_Antje Hinz329323_web_R_K_B_by_A.Dreher_pixelio.de © A. Dreher, Pixelio.de

In den kreativen Prozess wurden Angestellte und Geschäftsleitung einbezogen und ausführlich befragt. Die SWOT-Analyse (Strengths=Stärken/ Weaknesses=Schwächen, Opportunities = Chancen, Threats=Gefahren) brachte wichtige rationale Erkenntnisse, weitere kreative Methoden rückten emotionale Aspekte in den Mittelpunkt. Das interdisziplinäre Team aus Autoren, Grafikern, Psychologen und Kommunikationsdesignern gab didaktische Hinweise, wie die Softwarefirma ihre Kompetenzen und Unternehmenswerte klarer formulieren sollte und entwickelte ideenreiches Material für die Außendarstellung.

Produktrückruf_Antje Hinz365766_web_R_K_B_by_Kurt Michel_pixelio.de © Kurt Michel, Pixelio.de

Krisenmanagement bei Rückrufaktionen
In einem anderen Projekt der BRENNEREI haben Stipendiaten das Thema Verbraucherschutz bearbeitet. Ziel war es, bei einem Produktrückruf die Kommunikation zwischen Unternehmen, Verbrauchern und Behörden zu verbessern. In Kooperation mit dem Software-Unternehmen „consider it GmbH“ wurde der Prototyp für eine übergreifende Internet-Plattform entwickelt, um einen informativen und hilfreichen Austausch zwischen Herstellern und Konsumenten zu ermöglichen. Als praktische Gebrauchsanleitung produzierten die Stipendiaten einen Erklärtrickfilm.

Inspirationstipps:

MyBoshi: Do-It-Yourself Ideenshop rund ums Häkeln und Stricken

MyMuesli: Unternehmensgeschichte – Wie alles begann

● Das BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen. Kreative Nachwuchskräfte erarbeiten unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze.

Arbeit als Spiel: Gamification für die Industrie

IndustryGamification-MVM3 © Centigrade GmbH

Jörg Niesenhaus ist „User Experience Engineer“ und damit Experte für Interaktionen zwischen Maschine und Mensch. Er ist außerdem Leiter des Standorts Mülheim beim Unternehmen „Centigrade“ und sorgt mit seinem Team für ein übersichtliches Schnittstellendesign an Maschinen und technischen Geräten und für benutzerfreundliche Interaktionsformen.

Niesenhaus plädiert dafür, mehr spielerische Elemente (Gamification) in den Arbeitsalltag einzubeziehen. So lassen sich z.B. die Motivation und die Zufriedenheit der Mitarbeiter steigern, vor allem bei eintönigen Routinevorgängen. Um Abläufe greifbarer zu machen und zu visualisieren, nutzen er und seine Kollegen auch schon mal Legosteine bzw. -Figuren und simulieren damit Szenarien aus der Arbeitswelt der Industrie. Wird Gamification richtig eingesetzt, können Prozesse effizienter ablaufen.

IndustryGamification-ProductionStation IndustryGamification-ProductionStation5 © Centigrade GmbH: Prozess-Simulationen mit Lego

Vor seiner Zeit bei Centigrade war Jörg Niesenhaus 11 Jahre lang in der Spieleindustrie tätig, u. a. bei den Firmen Blue Byte, Similis und Ubisoft. Auch an der Universität Duisburg-Essen setzte er sich in der Forschungsgruppe Interaktive Systeme und Interaktionsdesign mit digitalen Spielen auseinander und beschäftigte sich mit Fragestellungen aus dem Bereich Mensch-Maschine-Interaktion und Usability Engineering.

IndustryGamification-LoadingStation IndustryGamification-TeamScore2 © Centigrade GmbH

Jörg Niesenhaus leitet für die IT-Firma Centigrade den Standort in Mülheim. Sie hat ihren Sitz in der „Games Factory Ruhr“ – seit 2009 Kompetenzzentrum und Treffpunkt für die Gamesbranche.

Ich habe mit Jörg Niesenhaus ausführlich über das Thema Gamification gesprochen und darüber was seine Firma „Centigrade“ erforscht und woran sie aktuell arbeitet.

Inspirationstipps:

• Blogartikel von Jörg Niesenhaus zum Thema Maschine motiviert Mensch

Foldit – kollektives Computerspiel, das Wissenschaftlern bei der Optimierung von Proteinen helfen soll

Sight – ein kritischer futuristischer Kurzfilm über unsere spielefizierte Zukunft von Eran May-raz and Daniel Lazo

• taz-Artikel: Weil wir alle Spielkinder sind. Wie man Menschen dazu bringt, Dinge zu erledigen, auf die sie keine Lust haben.

„take part in art“: Was macht uns ticken, wie wir ticken ?

Foto HJKassel © Künstler Hermann J Kassel, Foto: Tameer Gunnar Eden

Hermann J Kassel ist Künstler und beschäftigt sich vor allem mit Installationen, Objekten und Bildhauerei. Staatliche Museen und private Galerien zeigen seine Werke. Unternehmen haben seine Arbeiten angekauft bzw. Werke bei ihm in Auftrag gegeben, z. B. Deutsche Telekom, Robert Bosch GmbH, RWE/ELE, Hypo Vereinsbank und GETRAG International. Sein künstlerisches Selbstverständnis schöpft Hermann J Kassel auch aus künstlerischen Interventionen. Über dieses Tätigkeitsfeld und weitere Leidenschaften habe ich mit Hermann J Kassel gesprochen.

A.H. Herr Kassel, für Ihre künstlerischen Interventionen haben Sie ein Konzept erdacht, das Sie „take part in art“© nennen. Können Sie Ihre Intentionen dazu erläutern?

Hermann J Kassel
Ich bin davon überzeugt, dass die Integration künstlerischer Kompetenzen, Strategien und Denkweisen einen Perspektivwechsel bewirkt und Denk- und Gestaltungsräume von Führungskräften und Mitarbeitern zu erweitern vermag. Die kreativ inspirierten Mitarbeiter schöpfen anschließend aus einem größeren Ideenpool und begegnen den Herausforderungen mit mehr Offenheit, Selbstvertrauen und Mut. Damit sich dies dauerhaft im Bewusstsein der Mitarbeiter verankert, dürften regelmäßig angeregte Perspektivwechsel und „kreative Irritationen“ von Vorteil sein.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf das äußerst lesenswerte Buch „Theorie U – Von der Zukunft her führen“ von C. Otto Scharmer hinweisen. Der Autor beschreibt darin u.a. die Bedeutung der Intuition, des schöpferischen Tätigwerdens, der Intelligenz unseres geöffneten Denkens, Herzens und Willens. Scharmer zieht dabei auch immer wieder Vergleiche zur Arbeit des Künstlers.

Atelier 1 Atelier 2 © Hermann J Kassel: Blick in das Atelier des Künstlers

Wann und warum sind Sie darauf gekommen, neben Ihrer schöpferischen künstlerischen Arbeit auch Interventionen in Unternehmen und im öffentlichen Sektor anzubieten?

Hermann J Kassel
Dies ist eher zufällig passiert, so um das Jahr 2000. Ich hatte als ursprünglich ein Meeting als Betriebsausflug für Mitarbeiter der Telekom Köln-Bonn in die Fabrik geplant, in der ich mein Atelier habe. Im Laufe der Vorbereitungen veränderten sich die Planungen für diesen Ausflug dahingehend, dass auch ein kreatives Arbeiten mit den MitarbeiterInnen gefragt war. Als weitere Anfragen diesbezüglich folgten, erarbeitete ich das Konzept für “take part in art“©

Bearbeiten Sie bei einer künstlerischen Intervention eine konkrete Fragestellung? Wie wird sie entwickelt?

Hermann J Kassel
In den meisten Fällen ja. Häufig stehen die Interventionen in inhaltlichen Zusammenhängen und Fragestellungen mit und für Meetings oder für Konferenzen der Unternehmen oder Institutionen. Ich werde darüber in Vorabgesprächen informiert und setze mich dann inhaltlich damit auseinander, transformiere die Fragestellung in das Interventionsgeschehen und seine formale Umsetzung.

Können Sie über eine konkrete künstlerische Intervention berichten?

Hermann J Kassel
Eine Intervention im Unternehmen GETRAG Ford Transmissions, möchte ich näher vorstellen. Es ist Teil der GETRAG International GmbH, einem der weltweit größten Systemlieferanten für Getriebesysteme (Anmerkung A.H.: Im Juli 2015 wurde Getrag vom kanadisch-österreichischen Konzern „Magna International“ übernommen.)
Wichtige Herausforderungen standen für das Unternehmen im Jahr 2012 in Verbindung mit Begriffen wie „Wurzeln“ bzw. „Verwurzelung bei gleichzeitiger Diversität und Globalisierung“, „Veränderung“ sowie „Wandel vom Jetzt in die Zukunft“.

_tpia_ 5 _tpia_ 4 © Hermann J Kassel: „tpia“ 4-5″ – „Erd-Arbeiten“ und Leinwände, entstanden im Rahmen der Intervention mit 45 Managern bei der Führungskräftekonferenz der GETRAG International

Diese Punkte und Themen sollten möglichst auch im Rahmen der „take part in art“©-Intervention behandelt werden und führten mich so zu meiner Werkgruppe der „Erd-Arbeiten“, mit der ich mich seit 1993 auseinandersetzte. In geschlossenen Stahl-Glas-Skulpturen werden auf Papier, Leinwand und Folien aufgetragene Inhalte durch die ebenfalls hierin mit eingeschlossener Erde kontinuierlich verändert. Inhalte und Schriften auf Papier oder Leinwand erfahren dabei eine schnellere Veränderung bis hin zur Unkenntlichkeit. Im Laufe der Zeit werden diese ersetzt durch ein natürliches Bild (durch Photosyntheseprozesse innerhalb der Arbeit). Die leicht feuchte Erde bedingt – durch ihre photosynthetischen und biologischen Prozesse – einen stetigen Wandel und eine Veränderung in den hierauf liegenden Leinwänden, Papieren und Folien.
Die auf Folien aufgebrachten Inhalte hingegen werden von diesem Prozess nicht verändert und bleiben konstant sichtbar vor dem Hintergrund der stetigen Veränderung.

An der Intervention nahmen 45 Manager teil – und zwar im Rahmen der Getrag Führungskräftekonferenz der GETRAG International. Jeder brachte von seinem jeweiligen Heimatstandort der GETRAG Erde mit zur Konferenz. Im Workshop wurden die Inhalte der Tagung, angeregt durch Monotasking-, Speeddating- und Reflektionsrunden, auf Papieren und Folien verewigt und in Stahlsäulen eingesetzt. Während die Texte auf Papier sich mit der Zeit verändern, bleiben sie auf den Folien dauerhaft lesbar.

Auf Glasplatten hielten die Führungskräfte die am Vormittag bearbeiteten Themen zusammen mit ihren eigenen Gedanken, Visionen, Hoffnungen und Wünschen für ihre Arbeit und das Unternehmen fest. Als verdichtetes Kompendium all dieser Idee entstand ein grünlich schimmernder Block, eingefügt in die Stahlsäule und von LEDs beleuchtet.

Hermann J Kassel_tpia_ 1 _tpia_ 3 Hermann J Kassel_tpia_ 2 © Hermann J Kassel: Im Rahmen der Intervention mit GETRAG Ford Transmissions entstanden „tpia“ 1-3″ – die Stahl-Glas-LED-Lichtsäule „shining future“.

Welche Auswirkungen hat das jeweilige Budget auf die Intervention?

Das zur Verfügung stehende Budget hat z. B. Einfluss auf die formalen Umsetzung, also z. B. auf das Objekt, das am Ende entsteht. Aufwendigere Stahl-Glas-Licht-Objekte schlagen hier natürlich anders zu Buche als weniger aufwendige. Mein Impetus, mit dem ich an eine jede “take part in art“©-Intervention herangehe, ist aber unabhängig vom Budget gleich intensiv.

Ich las, dass Sie auch Konferenzen mit Interventionen begleiten: Wie funktioniert so etwas in einem zeitlich sehr eng gesteckten Rahmen, wenn die Teilnehmer inhaltlich ohnehin schon stark gefordert und deren Aufnahmekapazitäten vielleicht daher begrenzt sind?

Hermann J Kassel
Das ist in der Tat schon eine besondere Aufgabe und Herausforderung. Es gab Interventionen, die ich während der Pausen oder in bewusst offen gehaltenen Zeitfenstern mit den Teilnehmern durchgeführt habe. Bei anderen Konferenzen war die Intervention ein feststehender Programmpunkt. Die Teilnehmer in einem solchen Rahmen einzuladen und mitzunehmen, erfordert innere Überzeugung für das, was ich bereichernd vermitteln möchte.
Eine nachhaltige Wirkung erzeugt das gemeinschaftliche Werk, das die Teilnehmer gemeinsam entstehen lassen. Auch eigene Arbeiten, die in Einzelaktion im Rahmen der Intervention anfertigen, können die Teilnehmer in ihr privates Umfeld mitnehmen.

Sie haben auch für die Sir Peter Ustinov Stiftung gearbeitet. Ustinov hat sich ja stark gegen Vorurteile engagiert … War dies auch Thema Ihrer Intervention?

Hermann J Kassel
Im Rahmen des Weltkindertages gab es hier Interventionen für und mit Kindern, wovon
ca. 50% einen Migrationshintergrund hatten. Das vorurteilsfreie, offene und gemeinsame Arbeiten stand hier im Vordergrund. Wenn das gelingt, ist doch schon einiges erreicht.

Wenn Sie eine Intervention vorbereiten, welche Fragen stellen Sie sich dann am Anfang? Wie recherchieren Sie, um sich dem Unternehmen zu nähern?

Hermann J Kassel
Die ersten faktischen Fragen betreffen die Rahmenbedingungen: die Zeit, die zur Verfügung steht, die Anzahl der Teilnehmer, woher diese kommen, wo die Intervention stattfinden soll, also bei mir im Atelier oder vor Ort. Parallel dazu arbeite ich am inhaltlichen Bezug. Interventionen stehen meist in einem inhaltlichen Zusammenhang mit relevanten Fragestellungen. Die Vorbereitungsphase für eine Intervention dauert in der Regel einige Wochen. In dieser Zeit sammle ich möglichst viele Informationen. In der Regel bitte ich die Unternehmen, mir möglichst viel „Futter“ zu geben; hierzu gehört nicht zuletzt auch immer die intensive Auseinandersetzung mit Materialien, Produkten, mit denen die jeweiligen Unternehmen arbeiten oder die sie herzustellen.

Für mich als Objekt-Künstler ist gerade das immer wieder sehr spannend, denn ich komme mit zum teil ungeahnten Materialien in Kontakt. Aus all dem formt sich dann die Idee, der Leitfaden und schließlich das formale Aussehen der Intervention. In der Regel erarbeite ich das „skulpturale Gehäuse“ für eine Intervention im Vorfeld. Die inhaltliche Aufladung erfolgt dann gemeinsam während der Intervention.

Wie bauen Sie bei einer Intervention den Kontakt zu Teilnehmern bzw. Mitarbeitern auf? Wie erlangen Sie ihr Vertrauen?

Hermann J Kassel
Mit Authentizität – „ich meine das, was ich da mache“ – und das spüren die Teilnehmer. Ich bin „Überzeugungstäter“!

Künstlerische Interventionen haben den Vorteil, dass die Teilnehmer durch die kreative Arbeit beim Workshop die Dinge anders betrachten können als sonst im Alltag. Es wird ein Perspektivwechsel ermöglicht. Haben Sie eine Rückmeldung von einem Workshop in Erinnerung, bei dem er einen besonderen Aha-Effekt gab?

Hermann J Kassel
Mir geht es darum, dass die Teilnehmer sich selbst anders und neu kennenlernen; dass sie etwas Neues von und in sich entdecken. Hier ergeben sich immer wieder AHA-Erlebnisse. Sie sind – neben der inhaltlich thematischen Bearbeitung – dauerhaft abrufbar und wirksam, nicht zuletzt durch die bei der Intervention entstandenen Arbeiten, die j auch dauerhaft im Unternehmen verbleiben.

Was nehmen Sie für sich persönlich aus einer Intervention mit? Was gibt Ihnen die Interaktion mit „normalen Menschen“ für Ihre eigene künstlerische Arbeit?

Hermann J Kassel
Meine künstlerische Arbeit entsteht aus und in mir. Ich mache diese Arbeit sicher aus einem inneren Drang, aber letztlich ja für „normale“ Menschen. Bei meiner Arbeit interessiert mich die Frage: „Was macht uns ticken, wie wir ticken?“. Das interaktive Arbeiten mit Menschen ist für mich manchmal anstrengend, aber immer hochspannend und lehrreich.

Einige Künstler lassen ihre Interventionen von einem Vermittler begleiten, der als Bindeglied zwischen ihm und dem Unternehmen bzw. der Institution agiert und den Prozess begleitet. Sie arbeiten – soweit ich weiß – ohne Intermediär. Gehen Sie bewusst Ihren eigenen Weg allein oder würden Sie sich zuweilen Unterstützung wünschen und konkret bei welchen Aspekten?

Hermann J Kassel
Das habe ich schon so und so geplant und durchgeführt. Ich mag es durchaus, wenn meine Interventionen von einem „Vermittler“ begleitet und auch schon einmal moderiert werden. Eine zusätzliche weitere Reflexionsebene kann in dem einen oder anderen Fall durchaus willkommen sein.

Der Drang, „auf einer Bühne stehen zu müssen“ ist bei mir sicher nicht übermäßig stark ausgeprägt. Die klassische „Rampensau“ bin ich da ganz sicher nicht. Natürlich gehört eine Art Anmoderation von mir zu einer Intervention dazu. Ich halte sie aber eher kurz, um dann in den eigentlichen Teil meiner Arbeit zu kommen – hier bin ich dann wirklich zu Hause. Manchmal ist es auch hilfreich, wenn Ergebnisse einer Intervention von „anderer Seite“ aus reflektiert und vermittelt werden. Das dauerhafte Verbleiben des Werkes an einem „prominenten“ Ort im Unternehmen schafft die wichtige „Nachhaltigkeit“ in Wirkung und Auswirkung.

Wenn ein Künstler für Unternehmen arbeitet, wird oft vermutet, dass er dort instrumentalisiert und funktionalisiert wird. Wie sehen Sie das im Hinblick auf Ihre eigenen künstlerischen Interventionen?

Hermann J Kassel
Solange ich nicht in dem eingeschränkt werde, wie ich etwas ausdrücken, transformieren und vermitteln möchte, kann ich mich kaum instrumentalisiert oder funktionalisiert fühlen. Wenn die Art und Weise gefragt ist, wie ein Künstler bestimmte Fragestellungen sieht und bearbeitet, so scheint mir das doch sinnvoll und wünschenswert. Darin sehe ich eher eine Chance – für beide Seiten. Denn auch ich lerne immer weiter dazu. Meine Interventionen wären nicht gefragt, wenn es schlichtweg darum ginge, „das Letzte“ aus den Mitarbeitern herauszukitzeln, um schlicht -weg „bessere Zahlen“ anschließend schreiben zu können. Außerdem habe ich jederzeit die Möglichkeit, eine Zusammenarbeit mit einem Unternehmen abzulehnen.

4. Polymobile vor Stahlrelief und Korrosionsabdruck © Hermann J Kassel: 4. Polymobile vor Stahlrelief und Korrosionsabdruck

Sie schreiben auf Ihrer Website „Kultur ist heute kein ‚nice to have‘, sondern eine bedeutende Voraussetzung für Erfolg.“ Was bewirken Kunst und Kultur? Welche Beobachtungen haben Sie bei Ihren Interventionen gemacht.

Hermann J Kassel
Die Integration künstlerischer Kompetenzen, Strategien und Denkweisen ermöglicht Perspektivwechsel und erweitert die Denk- und Gestaltungsräume von Führungskräften in Wirtschafts- und Wissenschaftssystemen.
Steht am Anfang einer Intervention noch das ängstliche „ich kann doch nicht malen …“, verwandelt sich das in ein „ich bringe mich mit einem/meinem „wichtigen inhaltlichen“ Einfluss in die Gesamtarbeit mit ein.“ Menschen öffnen sich!

Auf Ihrer Website schreiben Sie außerdem: „Kunst eröffnet die Möglichkeit, unternehmensrelevante Themen in neuer Weise zu erfahren und zu bearbeiten und damit neue Denkräume und Gestaltungspotenziale zu schaffen.“ In diesem Zusammenhang ist die nachhaltige Wirksamkeit von Kunst ein wichtiges Thema. Gibt es auch Institutionen bzw. Unternehmen, mit denen Sie mehrfach zusammengearbeitet haben und daher auch die Nachhaltigkeit Ihrer Arbeit prüfen konnten? Inwiefern hat die Institution die Erkenntnisse aus Ihrer Intervention nachhaltig in ihren Arbeitsalltag eingebettet?

Hermann J Kassel
Ja, es gibt Unternehmen wie Institutionen, mit denen ich wiederholt gearbeitet habe.
Es ist schwierig, hier eine Art Gleichung “Input-Output“ aufzumachen. Für solche faktischen „eins zu eins“-Gleichungen eignen sich vielleicht andere Instrumente eher, Strategieberatungen oder anderes mehr, eben Instrumente aus dem klassischen Trainer- oder Coachingbereich. „take part in art“© setzt und wirkt vielleicht eher „subkutan“, weil es in andere, nicht weniger wichtige Ebenen und Schichten eindringt.
Die gemeinsam geschaffene und inhaltlich aufgeladene, dann an signifikantem Ort dauerhaft präsente Arbeit aktiviert diese Ebenen stets neu, lässt Frageräume auch offen, regt an und inspiriert.

In welchem Alter waren Sie sich sicher, Kunst zum Mittelpunkt Ihres Lebens zu machen bzw. auch Ihren Lebensunterhalt mit Kunst zu bestreiten?

Hermann J Kassel
Das war schon recht früh. Zunächst noch schwankend zwischen Musik und der Bildenden Kunst … Dann irgendwann um die 16 Jahre ging es die Richtung Bildende Kunst – nicht wissend, was das auch für das Bestreiten des Lebensunterhaltes immer wieder mal bedeuten kann – aber daran wächst man. „Überzeugungstäter“ zu sein, ist da sicher hilfreich.

Eine Frage zur Kreativität: Werden Sie aus sich selbst heraus kreativ? Oder bedarf es äußerer Impulse? Wenn ja: Welche Impulse nehmen Sie von außen auf? Wie reagieren Sie darauf?

Hermann J Kassel
Sowohl als auch. Äußere Impulse passieren ja ehedem. Es ist ein Wechselspiel, eine Korrelation von äußeren Impulsen, deren Reflektion und Transformation. Die Frage ist sicher auch die, wie ich mit diesen permanenten äußeren Impulsen umgehe, sie verarbeite, auszuschließen versuche, mich ihnen bewusst aussetze, filtere, ……da sind „sie“ immer und überall –sei es die wunderbar würzige Luft an einem noch feuchten Morgen im Wald. Auch das ist ein äußerer starker Impuls, Einfluss…..Natürlich setze ich mich auch sehr bewusst äußeren Impulsen aus.Hier ist ganz sicher die Musik zu nennen. Johann Sebastian Bach z.B. ist für mich hier immer wieder eine wichtige Einflusssphäre.

Fühlt sich das Kreativsein bei einem Auftragswerk anders an als bei der Schaffung eines freien Kunstwerkes? Anders gefragt: Unterscheidet sich die Kreativität in der freien Kunst von der Kreativität in der angewandten Kunst?

Hermann J Kassel
Die Kreativität unterscheidet sich nicht – es ist „die eine Kreativität“, aus der oder mit der ein freies oder ein „Auftragswerk“ entsteht. „Auftragswerk“ meint ja auch nicht, oder zumindest nicht bei mir und meinem Interventionen, das ich gefragt werde, diese oder jene Arbeit so oder so auszuführen. Der „Auftrag“ besteht in einer inhaltlichen Fragestellung, einem Thema. Bisher waren und sind es Themen, die interessant und spannend sind, zu bearbeiten – z.B. der Bereich „Human Ressource“ (irgendwie schüttelt es mich auf einer Seite auch immer wieder ein wenig bei dem Begriff „menschliche Ressource“– habe aber eine Ahnung, was damit „gemeint“ sein soll). Es geht um Menschen, um uns! Und das ist doch ein „großes Thema“. Ein Thema, dass mich grundsätzlich in meiner künstlerischen Arbeit interessiert: „Was macht uns ticken, wie wir ticken ?“ Dann komme ich über solche Anfragen immer wieder auch mit neuen Materialien in Kontakt – also tatsächlich, handgreiflichen Materialien – und das finde ich immer wieder auf´s Neue sehr spannend, anregend, kreativ inspirierend…

In diesen Prozessen der „Auftragsarbeiten“ läuft also vieles so wie in kreativen Prozessen der „freien Kunstwerke“. Etwas anders mag es mit den Arbeiten sein, die „einfach so“, ohne jede Themenvorgabe, rein intuitiv passieren. Hier laufen noch einmal ein paar andere Prozesse in mir ab.

Welche äußeren und inneren Bedingungen, welches Umfeld benötigen Sie, um kreativ zu sein?

Hermann J Kassel
Kreativität ist für mich nichts, was ich an- und abschalte, mal (professionell) beruflich kreativ bin und dann wieder nicht……. Es ist ein generelles Bewusstsein, „Zustand“…
Also passiert Kreatives überall, an und in jedem inneren wie äußeren Ort…
Wichtig für mich ist, allein zu sein, mich „abzuschließen“ – nicht zuletzt um die äußeren Einflüsse, Eindrücke, Überlegungen zu verinnerlichen, zu bearbeiten, zu transformieren…

Innerliche Empfangsbereitschaft, Leere zu schaffen, das ist für mich die wichtigste Voraussetzung für Kreativität, für Inspiration. Musik spielt in diesem Prozess ebenfalls eine inspirierende Rolle. Das hört sich vieleicht „esoterisch“ an, aber es ist tatsächlich für mich schon eine Art des meditativen Zustands …

Gibt es so etwas wie einen roten Faden in Ihrer künstlerisch-kreativen Arbeit, ein Thema, das sich durch Ihr Gesamtwerk zieht und Ihnen besonders wichtig ist?

Hermann J Kassel
Schlüsselbegriffe oder Themen sind Veränderungs- und Transformationsprozesse.
Das „Dazwischen“ meint auch die Trennschicht „Bewegung“ auf verschiedenen Ebenen sowie die Erforschung der Grenzen und der „Trennschicht“, also dem, was das Dazwischen ist und seiner Diffusion, Durchdringung.

Eine weitere Frage beschäftigt mich stetig: Was macht uns ticken wie wir ticken? Das findet sich bei mir in den unterschiedlichsten Arbeiten, z. B. neben drei Werkgruppen, die ich seit ca. 25 Jahren bearbeite, in immer wieder neuen Medien, Materialien etc.
Mich treibt auch die Frage nach dem geeigneten Material, der Umsetzung, des „Transportmittels“. Und das bringt immer wieder neue Ausdrucksformen, Installationen etc. mit sich.

Wenn Sie kreativ tätig sind, haben Sie dann einen Adressaten vor Augen oder im Kopf?

Hermann J Kassel
Das ist sehr unterschiedlich. Bei den Interventionen ganz sicher (geradezu „zwangsläufig“) … Ein Adressat vor Augen kann sehr wohl „etwas“ auslösen, eine Arbeit, ein Werk in Gang setzen. Und dann gibt es Arbeiten, die „einfach“ entstehen wollen, ohne dass es während des Entstehungsprozesses einen Adressaten gibt.

Haben Sie in Ihrer künstlerisch-kreativen Arbeit Flow-Momente erlebt? Wie fühlt sich das für Sie an? Wie würden Sie es jmd. beschreiben, der das noch nie erlebt hat?

Hermann J Kassel
Dankbarerweise Ja. Hier könnte ich wieder ein wenig ins „Esoterische“ gleiten.
Das Gefühl aus und in innerer Leere und in Bereitschaft zu empfangen, „Ideen zu gebären“, das berauscht, macht glücklich und wirklich reich.

Wie sehen Sie die Rolle des Künstlers in der heutigen Zeit im Spannungsfeld der aktuellen Herausforderungen in unserer Gesellschaft?

Hermann J Kassel
Natürlich sehe mich als Künstler auch in der Aufgabe und es drängt mich, mich mit gesellschaftsrelevanten Fragen, intensiv auseinanderzusetzen. Dass mich sehr interessiert, wie wir als Menschen ticken, was uns an- und umtreibt und warum wir tun was wir tun, hat ja sehr viel mit „Gesellschaft“ zu tun. Ich denke, dass wir als Künstler seismografisch denken, fühlen und arbeiten.
Ich bin davon überzeugt, dass ein gutes Kunstwerk im Moment der Betrachtung etwas im Menschen radikal auslösen und wirklich verändern kann; auch wenn mir schon einmal die Frage durch den Kopf geht, ob z.B. durch oder wegen Picasso´s „Guernica“ ein Krieg weniger geführt worden, ein Toter weniger zu beklagen ist?
Das kann mich aber nicht davon abhalten, als „Überzeugungstäter“ die Rolle des Künstlers mit Herz und Hirn selbstbestimmt zu übernehmen und zu gestalten.

Inspirationstipps:

Künstlerische Interventionen von Hermann J Kassel „take part in art“©

Sympathische Videobotschaften für Social Media

© Björn Kempcke, BusinessMedien

Klassische Imagefilme sind aufwendig und kosten viel Geld. Doch es geht auch anders. Ich berichte über ein innovatives Filmprojekt, das dank kreativer Ideen auch für kleine Firmen finanzierbar wurde.

Vor 5 Jahren gründete die Journalistin Sylvia Karasch das Portal „Bei-Uns-In-Neuwulmstorf.de“, um Bürgern in der gleichnamigen Gemeinde in Niedersachsen eine Stimme zu geben: ein Serviceportal, das über Ereignisse im Ort informiert und auf dem Geschäftsleute und Unternehmen für ihre Produkte und Dienstleistungen werben können – mit Texten, Fotos und neuerdings auch mit kurzen Webfilmen und einer App.

Innovative Konzeptidee

Die Mischung aus Information und Reklame kommt bei den rund 23.000 Bürgern gut an. Das Portal verzeichnet bis zu 300 Seitenaufrufe pro Tag – mit steigender Tendenz, seit Karasch zusätzlich den Videojournalisten Björn Kempcke und den App- und Website-Experten Hannes Wirtz hinzugeholt hat. Karasch erklärt: „Zusammen haben wir die Idee entwickelt, engagierte Bürger in jeweils zweieinhalb Minuten zu Wort kommen zu lassen bzw. die von ihnen geleiteten Firmen oder Institutionen zu portraitieren – zu einem Preis unter 1.000 €.“

© Hannes Wirtz: Videojournalist Björn Kempcke

Neben dem Preis hat die Auftraggeber vor allem das Konzept überzeugt. Im Film kommen Geschäftsleute und Bürger in jeweils zweieinhalb Minuten zu Wort und portraitierten die von ihnen geleitete Firma oder Institution selbst. Björn Kempcke traf pro Tag bis zu drei Protagonisten in ihrer gewohnten Umgebung und befragte sie in kurzen Interviews über ihren Werdegang, ihren Berufsalltag, über Mitarbeiter, Kunden und Partner, über das, was sie täglich antreibt.
Die so entstandenen elf Kurzfilme wurden mit kleinen Zwischenmoderationen bei einem Spaziergang durch den Ort mit Thomas Grambow, dem 1. stellvertretenden Bürgermeister der Gemeinde, zu einem gemeinsamen Film verbunden. Über ein Kapitelmenü lassen sich die Portraits einzeln anwählen. Wer mag, kann sich den gesamten Film wie eine informative Stadtführung durch Neu Wulmstorf anschauen. Man lernt dabei Geschäftsführer, Handwerker, Ärzte, Apotheker, Markt- und Pflegeleiterinnen kennen, ebenso das ehrenamtliche Team des Sozialkaufhauses, den Shantychor, und man erfährt vom Vizebürgermeister auch etwas über die Geschichte des Ortes. Eingeleitet wird der Film mit einem kleinen Grußwort von Sylvia Karasch.

Still Hartmann Elektrotechnik_GF_Willi NeumannFoto Dennys Bull Physio © Björn Kempcke, BusinessMedien

Akteure im Neu Wulmstorf-Film: Hartmann-Elektrotechnik, Geschäftsführer Willi-Neumann (li) sowie Dennys Bull und sein Physiopraxis-Team (re)

Gemeinsam werben

Die Mischung aus Information und Reklame kommt gut an. Dank der gemeinsamen Werbung aller Akteure wurde der Webfilm innerhalb von 2 Monaten über 1700 mal angeklickt. Über das Portal und über youtube kann der Film auch auf den Websites der portraitierten Firmen und Institutionen eingebettet sowie auf Facebook geteilt werden. Björn Kempcke erklärt: „Ich finde es wichtig und zugleich charmant, die Kräfte auf diese Weise zu bündeln. Wenn alle an einem Strang ziehen, kann der erwünschte Werbeeffekt leichter erzielt werden.“

Sahnehäubchen

Hannes Wirtz hat für die Aktion als Sahnehäubchen ein mediales Zusatzangebot entwickelt. Er ist Mitbegründer der Audio-Plattform, -Community und -App „audioguideMe“. Sie bietet auf dem Smartphone tausende kleine Geschichten und wird an den Orten ihrer Handlung erzählt. Wirtz hat für Neu Wulmstorf ein Spezial-Widget entwickelt, das jeder Filmakteur auf seine Website stellen kann. Das interaktive Bedienfenster zeigt eine Landkarte – in dem Fall von Neu Wulmstorf – mit kleinen Ortsmarkierungen. Wenn man die Markierungen bzw. Pins anklickt, kann man sich kurze Audio-Ausschnitte aus den Film-Interviews anhören. „Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich sehr berührt, wie sympathisch die Protagonisten rüberkommen“, erzählt Hannes Wirtz begeistert.

Audioguiode-me-Neu Wulmstorf-WidgetAudioguiode-me-Neu Wulmstorf-Mobile © audioguideMe

Es sind gerade die O-Töne, die dieses Projekt wirkungsvoller und überzeugender machen als künstliche Werbetexte. Professionelle Sprecher spulen häufig austauschbare Slogans seelenlos herunter. Engagierte Gewerbetreibende und Bürger hingegen präsentieren ihre eigenen, kleinen Geschichten, die auch für den Zusammenhalt der Gemeinde stehen, für eine Interessengemeinschaft im besten Sinne. Sympathische Videobotschaften für Social Media strahlen Leidenschaft, Authentizität und Herz aus.

In Neu Wulmstorf ist übrigens schon ein neuer Film in Planung. 23.000 Bürger und 1.000 Gewerbetreibenden der Region freuen sich auf möglichst viele Fortsetzungen. Inzwischen hat Björn Kempcke auch ein Video über die Flüchtlinge in der Gemeinde sowie über deren Unterstützer und Helfer im Treffpunkt „Courage“ produziert. Auf sein Honorar hat er verzichtet: „Ich möchte damit zeigen, dass Neu Wulmstorf eine echte Willkommenskultur hat.“


© Björn Kempcke: Die Akteure und Initiatoren des „Courage“ waren für den NDR-Hörerpreis nominiert.

Hilfe zur Selbsthilfe

Auch das UnperfektHaus in Essen unterstützt klein- und mittelständische Unternehmer bei ihren medialen Aktivitäten und ermöglicht ihnen, mit überschaubarem Budget in der Social-Media-Welt mitzuspielen. Initiator Gerhard Schröder möchte „mediale Starthilfe“ geben. Er bietet Seminare und Veranstaltungen über Social Media an sowie Einführungskurse in das Fotografieren und Filmen. Gerade hat er eine VideoLabAcademy ins Leben gerufen. Bei kostenlosen Info- und Netzwerkabenden informiert er die Teilnehmer über das Thema „Virale Unternehmenskommunikation via Video“. „Dabei geht es nicht um einen langen teuren Imagefilm, sondern um mehrere kurze Webvideos, Clips für youtube, Instagram, Facebook, die über mehrere Wochen stetig im Netz veröffentlicht werden.“ Inhaltlich ist in diesen „Micro-Stücken“ vieles möglich: Rundgang durch die Firma, Interview mit dem Chef, ein Stellenanzeigen-Video mit einem Aufruf an neue Bewerber, Videos mit Produkterklärungen und Bedienungsanleitungen, also klassische Ratgeber-Inhalte zur Kundenbindung. „Das Interesse an dem Thema ist beim Mittelstand sehr groß“, sagt Schröder.

Suchen Sie sich in Ihrem Ort oder Ihrer Gemeinde Gleichgesinnte. Planen auch Sie das nächste Werbeprojekt gemeinsam mit anderen Unternehmen. Nutzen Sie die Kraft vieler Mitstreiter, um die virale Verbreitung zu steigern. So erreichen Sie mehr als ein Einzelkämpfer.

Inspirationstipps: