Nackte Zahlen: Welche Schlagkraft hat Kultur versus Sport?

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Über die qualitative Wirkung von Kultur haben Experten und Akteure viel geschrieben. Unzählige Studien* haben bewiesen, wie wichtig und nachhaltig Kultur auf die Persönlichkeitsbildung sowohl bei Kindern wirkt und ebenso auf die Potentialentfaltung bei Jugendlichen und Erwachsenen. Inzwischen beweisen selbst nackte Zahlen eindeutig: Kultur hat Schlagkraft und gesellschaftliche Relevanz, auch in ökonomischer Hinsicht.

Kultur bringt Wohlstand

2015 hat das Münchner ifo Institut für Wirtschaftsforschung dargelegt, dass sich im Umfeld von Opernhäusern mehr hochqualifizierte Arbeitnehmer ansiedeln als an Standorten ohne eine vergleichbare Kulturinstitution. Und nicht nur Eliten profitieren, stellte ifo fest: Übertragungseffekte erhöhen auch das Einkommensniveau insgesamt, wirken „positiv auf die Produktivität und damit das nominale Lohnniveau von ungelernten, qualifizierten und hochqualifizierten Arbeitnehmern.“

 © I-vista, Pixelio.de 

Kultur und Sport gleich auf

Dass Sport und vor allem Fußball in Deutschland die Massen begeistert, ist allgegenwärtig. Verschiedene statistische Erhebungen kommen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis, dass Kultur und Sport in der Gunst der Deutschen gleichauf liegen. Je nachdem, welche Statistiken man heranzieht und was man miteinander vergleicht: Mal hat der Sport und mal die Kultur die Nase vorn. Beide Lebenswelten zu Gegenspielern oder gar Konkurrenten zu erklären, ist wenig sinnvoll. Zumal es in der Kultursparte Musik „einige Datenlücken“ gibt, wie Statistische Bundesamt feststellt (S. 84f).

Gremien und Verbände sollten eher eine gemeinsame Studie in Auftrag geben, inwiefern Sport und Kultur sich gegenseitig befruchten. Die gewonnenen Erkenntnisse könnten genutzt werden, um neue Akteurefür den jeweils anderen Bereich zu gewinnen. Denn: Viele meiner Freunde und Bekannten oder deren Kinder sind sowohl sportlich als auch kulturell aktiv sind, so wie ich auch. So wie schon die Römer wussten: „Mens sana in corpore sano“ – „ein gesunder Geist (lebt) in einem gesunden Körper“. 

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Museum und Fußball

Verschiedene Rahmenbedingungen und Erhebungsverfahren erschweren es, die Zahlen gegeneinander aufzurechnen. Ein Vergleich lohnt dennoch: 

114 Millionen Deutsche besuchen jährlich eines der 5.000 Museen in Deutschland laut Spartenbericht Museen

19 Millionen Deutsche erleben in einem von 36 Profi-Stadien in Deutschland ein Fußballspiel live. Insgesamt gibt es etwa 108 Stadien mit mehr als 15.000 Plätzen.

 © Claudia-Hautumm, Pixelio.de 

Fußball und Musik

Ein Vergleich von Besucherzahlen zwischen Profis der 1. Bundesliga und von beruflich betriebenen Konzerten der Deutschen Musik-, Theater- und Orchesterlandschaft bringt folgende Erkenntnis:

Rund 12,7 Millionen Fans besuchten laut DFB Spiele der ersten Bundesliga in der Saison 2016/17, in der 2. Liga waren es 6,6 Millionen, 1. und 2. Bundeliga zusammen: 19,3 Mill.

Über 18,2 Millionen Menschen besuchten in einer Saison Klassikkonzerte in Deutschland, wie das Statistische Bundesamt 2017 in seinen Spartenbericht Musik bilanzierte bzw. der Deutsche Orchesterverein DOV ausgerechnet hat (Quelle: Tagesspiegel

Der Deutsche Bühnenverein e. V. erhebt jährlich Daten von 142 öffentlichen Theatern, 130 Orchestern (inkl. der Rundfunkorchester), 225 Privattheatern sowie 76 Festspielen. Verbindet man alle Zahlen, setzte sich das Klassik-Publikum demnach folgendermaßen zusammen:

  1. 5,2 Mio. Menschen besuchten Klassikkonzerte der öffentlich finanzierten Orchester und Rundfunkklangkörper
  2. 5,4 Mio. Menschen hörten klassische Konzerte bei über 200 Musikfestivals im Klassiksegment, d. h. Konzert, Oper/Operette, Kirchenmusik. Insgesamt besuchten 32 Mio. Menschen über 500 Musikfestivals aller Stile und Sparten.
  3. 7,6 Mio. Besucher erlebten laut Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins eine Vorstellung aus Oper, Operette, Tanz und Musical in den Stadt- und Staatstheatern.

Musik und Fußball sind beim Live-Publikum gleichauf, wenn man berücksichtigt, dass beim Fußball Daten ab dritten Liga abwärts fehlen, ebenso wie bei der Sparte Musik Besucherzahlen für die unzählige Laienkonzerte in Kirchen, für die vielen musikpädagogischen Veranstaltungen in privaten und öffentlichen Musikschulen, Hochschulen und Universitäten sowie die Aufführungen von Projektorchestern gar nicht erhoben werden.

 © Kurt Michel, Pixelio.de 

Aktiv in Sport und Kultur

So viel zum Konsum. Auch bei der aktiven Beschäftigung der Bundesbürger sind Kultur und Sport gleichauf: Rund 9,5 Millionen Menschen, das sind etwa 13,5 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren, sollen regelmäßig in ihrer Freizeit beim instrumentalen Laienmusizieren aktiv sein, so die Ergebnisse der Verbrauchs- und Medienanalyse VuMA, die 2014 im Auftrag von ARD und ZDF beauftragt wurde. Andere Untersuchungen, wie die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA), der Freizeit-Monitor der Stiftung für Zukunftsfragen und die Gesellschaft für Konsumforschung GfK kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Laut Musikinformationszentrum MIZ gab es 2013/14 rund 3,7 Millionen aktive und fördernde Mitglieder in den Instrumental- und Chorverbänden. Aktivitäten von Laien im Bereich Kunst, Tanz, Theater, Fotografie, Film wurden statistisch bisher nicht professionell erforscht.

 © S. Hofschlaeger, Pixelio.de 

Vereine

Fast jeder zweite Bundesbürger ist Mitglied in einem von mehr als 600.000 Vereinen in Deutschland. Das hat der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft herausgefunden, der regelmäßig „Zivilgesellschaft in Zahlen“ erforscht und den ZiviZ-Survey 2017 in Auftrag gegeben hat. Es ist die einzige repräsentative Befragung von 6.300 gemeinnützige Organisationen, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Bertelsmann Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung Mercator. Laut Studie beschäftigen sich zwei von drei Vereinen mit Sport, Kultur oder Freizeit.

Mit 91.000 Turn- und Sportvereinen ist der Bereich Sport mit etwa 22 Prozent der größte Organisationsbereich, knapp gefolgt vom Bereich Kultur und Bildung mit von 21,7 Prozent, hier sind Menschen in mehr als 130.000 Fördervereinen aktiv. Was Zivis ebenfalls herausfand: Je größer die Vereinsdichte umso größer sind auch der materielle Wohlstand und der Sozialindex in der Region.    

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Fußballbund versus Musikrat

Der Deutsche Fußball-Bund DFB hat seit der Spielzeit 2016/2017 erstmals mehr als 7 Millionen Mitglieder. Doppelt so viele Menschen, nämlich 14 Millionen, verbindet der Deutsche Musikrat unter seinem Dach, ordentliche, beratende, fördernde und Ehrenmitglieder eingeschlossen.

Zum Vergleich: Die Gesamtmitgliederzahl aller deutschen Sportvereine lag im Jahr 2017 bei 23,8 Millionen. Organisiert wird der Sport in Deutschland in rund Laut Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände e.V. und Musikinformationszentrum MIZ gibt es in Deutschland 13.500 Musikvereine.

Widerspruch

2014 hat die Deutsche UNESCO-Kommission die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft auf die Liste des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO gesetzt, jetzt wird sie auch für die internationale UNESCO-Liste nominiert. Über die Aufnahme soll im Winter 2019 entschieden werden. Denn: Deutschland verfügt über die weltweit höchste Theaterdichte und eine der höchsten Orchesterdichten weltweit. Noch! Gerald Mertes, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung DOV, sieht die aktuelle Situation der Theater- und Orchesterlandschaft kritisch: „Gleichzeitig schrumpft dieser Schatz weiter. Dieser Widerspruch ist den Musikern und der Öffentlichkeit nicht vermittelbar. Viele Kollegen verzichten für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze immer noch auf einen Teil der ganz normalen Tarifbezahlung. Lohnverzicht ist aber keine Dauerlösung. Deshalb muss diese Lücke geschlossen werden.“ (Quelle: DOV)

 © Didi01, Pixelio.de 

Fußball trifft Kultur

Vor 10 Jahren hat die Litcam, die gemeinnützige Frankfurt Book Fair Literacy Campaign, die Initiative Fußball trifft Kultur ins Leben gerufen. Die DFL Stiftung ist seit 2012 bundesweite Kooperationspartnerin. Sie unterstützt das Projekt finanziell und beratend. Kernidee des Projektes: die Kombination aus Fußballtraining, Förderunterricht und kulturellen Aktivitäten. Es soll das soziale und kommunikative Verhalten der Kinder verbessern, ihre Motivation zum Lernen stärken und Interesse für kulturelle Themen. Neben Stadionbesuchen erleben die Kinder Ausflüge in Museen, Lesungen und Themenworkshops. Inzwischen gibt es 21 Projektgruppen an 14 Standorten, u. a. in Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Frankfurt, Gelsenkirchen, Hamburg, Herne, Mainz, Neuötting, Nürnberg, Stuttgart und Würzburg, zuletzt entstand ein neuer Standort in Köln. Das Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet.

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Quellen und Statistische Erhebungen:

Spartenbericht Museen, Bibliotheken und Archive (2017)

Spartenbericht Musikfestivals und Musikfestspiele in Deutschland (2017)

Spartenbericht Musik (2016)

ifo-Studie: CESifo Working Paper No. 5183 von Oliver Falck, Michael Fritsch, Stephan Heblich und Anne Otto: Music in the Air: Estimating the Social Return to Cultural Amenities (2015)

 

* Studien zur Wirkungsweise von Kultur:

Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen, Rat kulturelle Bildung (2017)

Kunst und Gut, Publikation Arbeitskreis niedersächsischer Kulturverbände (akku) Hannover (2016)

Bildungsprozesse in Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Projekten (2015-2017): Die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Bildungsprozesse in der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit (JuArt)“ der Universitäten Kassel und Marburg zeigen, dass kulturpädagogische Angebote nicht nur künstlerische Fähigkeiten vermitteln, sondern ebenso das soziale Selbstkonzept der befragten Kinder und Jugendlichen stärken und positiven Einfluss auf die Selbstwahrnehmung und auf Reflexions- und Kritikfähigkeit haben.

Kultur wirkt, mit Evaluation Außenbeziehungen nachhaltiger gestalten, Goethe-Institut (2016)

Musik: Bridges – Musik verbindet

334720_web_R_K_B_by_A.Rausch_pixelio.de © A. Rausch, Pixelio

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche, Teil 3 – Musik

Künstler und Kreativschaffende aus unterschiedlichen Branchen unterstützen überall in Deutschland Geflüchtete: egal ob im Theater oder auf der Opernbühne, in Film- oder Tonstudios, in Architektur- oder Designwerkstätten, in Kunst-Ateliers oder in multikulturellen Küchen, bei Flashmobs, Tanzperformances oder in Game-, App- und Web-Laboren. Die Beispiele der folgenden 10teiligen Blogreihe zeigen, dass Deutschlands Kreativszene ein starker Innovationsmotor für eine gelungene Integration ist, die Parallelgesellschaften vorbeugt und damit uns allen hilft.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA © Gerhard Helminger, Pixelio

Musik I: Bridges – Musik verbindet

Julia Huk und Isabella Kohls haben in Frankfurt am Main das multikulturelles Orchester Bridges – Musik verbindet ins Leben gerufen – mit geflüchteten Musikern aus aller Welt. Die Stücke werden neu komponiert und auf die Musiker bzw. deren Instrumente abgestimmt. Die Komponisten schauen bei der ersten Probe nach den vorhandenen Instrumentalisten und schreiben die passende Musik für die jeweilige Besetzung. Klänge von klassischen Instrumenten wie Klavier, Geige und Klarinette treffen auf Rhythmen orientalischer Trommeln und Zupfinstrumente, wie die sechssaitige Krar aus Eritrea. Initiatorin Julia Huk spielt selbst Klarinette und sagt: „Die Idee hinter dem Projekt ist, dass wir nicht was für Flüchtlinge, sondern mit ihnen etwas machen wollen. Wir wollen sie kennenlernen, wir wollen zusammen mit ihnen Musik machen.“ – Und darüber Brücken bauen. Das nächste Konzert findet am 19.3.2016 im hr-Sendesaal statt.

703929_web_R_K_B_by_Birgitt Stüve_pixelio.de © Birgitt Stüve, Pixelio

Musik II: Orientalisch-westliche Völkerverständigung

Orientalische und die westliche Kultur traffen im September 2015 aufeinander, als das „Syrische Exil-Orchester“ ein Konzert in Bremen gab. Offiziell nennt es sich Syrian Expat Philharmonic Orchestra – kurz SEPO. Gegründet hat es Raed Jazbeh, ein junger syrischer Kontrabassist, der 2013 aus Damaskus flüchtete. Heute lebt er in Bremen und hat von dort aus Kontakt zu syrischen Orchestermusikern in anderen deutschen Städten und europäischen Ländern aufgenommen. Martin Lentz, der sonst das Jugend-Symphonie-Orchester Bremen leitet, unterstützt das Exil-Orchester als Dirigent und mit jungen Musikern aus seinem eigenen Orchester. Lentz sorgte auch für die Programmauswahl, eine Mischung aus orientalischen und westlichen Werken. Die Botschaft für das Publikum beschreibt Raed Jazbeh so: „Der Krieg wird uns nicht stoppen. Wir werden immer Musik machen – egal, wo wir sind.“

251363_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio

Musik III: Singen mit Geflüchteten

Einmal in der Woche am Donnerstag treffen sich in Köln-Ehrenfeld (Helmholtzplatz 11) von 17-18.30 Uhr Geflüchtete, AnwohnerInnen und Interessierte. Jeder ist willkommen, Vorkenntnisse sind nicht nötig. Jeder lernt seine Stimme und neue Menschen kennen. Initiiert und geleitet wird der Kölner WillkommensChor von den Musikstudenten Nicole Lena de Terry und Joachim Geibel.

562379_web_R_K_B_by_Juergen Jotzo_pixelio.de © Jürgen Jotzo, Pixelio

Musik IV: bandboxx – Hamburgs erste mobile Musikschule für Flüchtlingskinder

Zwei Tage pro Woche probt der Musikdozent Thomas Himmel mit Flüchtlingskindern in einer mobilen Musikschule, einem grau-rot-gestreiften Maxi-Container von 4×8 Metern Länge. Er steht in einem Erstaufnahmelager für Geflüchtete in Hamburg und soll den jungen Neubürgern die Eingewöhnung in Deutschland erleichtern. Die musikalische Arbeit wirkt sich positiv auf Gruppenfähigkeit, Sprachentwicklung und Integration aus. Mit Unterstützung von Stiftungen und Sponsoren kann das Konservatorium der Stadt die bandboxx regelmäßig betreiben, die auch als Tonstudio dient. Es ist mit digitaler Aufnahmetechnik, einem 16-Kanal-Mischpult und verschiedenen Musikinstrumenten ausgetstattet, mit E-Gitarre und E-Bass, mit Schlagzeug, Keyboard und Gesangsanlage. Für vier Wochen können Kinder und Jugendliche unter Anleitung von Thomas Himmel eigene Songs komponieren, proben und aufnehmen. Am Ende erhält jeder als Ergebnis und Lohn eine eigene CD.

Markus Menke, Direktor des Hamburger Konservatoriums, schwärmt: „Mit dem Bandprojekt bandboxx stärken die jungen Geflüchteten durch Musik ihr Selbstwertgefühl. Sie finden kreative Ablenkung und Beschäftigung, fördern ihre Fähigkeiten zur Empathie und Konfliktlösung. Es hilft auch gegen die Langeweile.“

484942_web_R_K_B_by_Dieter Schütz_pixelio.de © Dieter Schütz, Pixelio

Musik V: Musik und Gespräche

An jedem 2. Donnerstag im Monat um 20 Uhr laden engagierte Hamburger um den Kulturmanagement-Studenten und Musiker Arne Theophil sowie Social Entrepreneur Steph Klinkenborg musikinteressierte Geflüchtete aus den Unterkünften der Barmbeker Nachbarschaft und aus ganz Hamburg ein. Auf Anregung ihrer Initiative Welcome Music Session ist es gelungen,  dass Hamburger gemeinsam mit Geflüchteten im Kulturzentrum „Zinnschmelze“ Musik machen,  einander zuhören, sich kennen lernen und den Abend genießen. Musikinstrumente können mitgebracht werden. Geplant sind außerdem mobile Musikworkshops für jugendliche Geflüchtete. Die Akteure arbeiten in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater und der Initiative Welcome to Hamburg Barmbek.

 

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche

Teil 1. Prolog: Hilfe aus der Kreativbranche für Geflüchtete

Teil 2. Theater: Neue Heimat auf der Bühne

Teil 3. Musik: Bridges – Musik verbindet

Teil 4. Museum: Mit Kunst gegen den Hass

Teil 5. Kunst und Design: Geschichten aus dem Automaten

Teil 6. Architektur: „Instant Home“ mit Origami-Technik

Teil 7. Web, Apps, Games: Flucht als Selbsterfahrung

Teil 8. Kreatives für Geflüchtete: Kochen, Gärtnern, Flashmobs

Teil 9. Kulturarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Teil 10. Medien für Geflüchtete: Ankommen und Lernen

Teil 11. Bürgeridee: Schulungsprogramme über Monitore für Geflüchtete

Teil 12. Nachlese: Kreative Ideen für Geflüchtete aus der Community

 

Aufruf: Noch mehr kreative Ideen für Geflüchtete gesucht!

Was können Künstler für Geflüchtete tun? In meinem Blog MassivKreativ stelle ich engagierte und nützliche Projekte von Kreativschaffenden vor. Die Liste der guten Beispiele soll weiter wachsen und anderen Mut machen, die ebenfalls Aktivitäten planen! Wenn Sie weitere kreative Projekten für Geflüchtete kennen, die ich bislang nicht erwähnt habe, schicken Sie mir gerne Ihre Infos. Ich sammle sie und berichte in einem neuen Artikel über weitere innovative Projekte.  Infos bitte an mich: massivkreativ2015(at)gmail.com

 

QR-Code: Das digitale Metazeichen des 21. Jahrhunderts

Weisser_QR_PoemScreen_14 © Mike Weisser: Projekt QR-ScreenArt, 2015

„Ich bin auf Empfang eingestellt!“ – Interview mit dem Medienkünstler, Musikproduzenten und Science Fiction-Autor Mike Weisser

Herr Weisser, Ihre beiden Tätigkeitsfelder beschreiben Sie mit der Formulierung „Ästhetische Feldforschung“ und „Kreative Interventionen“. Was genau verstehen Sie darunter?

Mike Weisser:

Für mich ist „Kunst“ eine Methode zu leben, d.h. die Welt zu entdecken, sie zu erforschen und meinen Platz darin zu finden. In meinen Projekten der „ästhetischen Feldforschung“ reise ich an einen ausgewählten (möglichst energetischen) Ort, erkunde diesen und halte besondere Ansichten von etwas und über etwas zuerst einmal intuitiv in Bild- und Klangaufzeichnung fest. Diese Bilder und Klänge zeigen mir anschließend, was meinen Sinnen wichtig erschien. Daraus leite ich eine Quintessenz bzw. eine Identität des Ortes ab, die ich nachfolgend gezielt zum „Spirit“ verdichte. Dieses Typische eines Ortes kondensiere ich in Bildern, Filmen, Poesie, Rezitationen, Klängen, Musiken… diese Werke stelle ich in Ausstellungen oder raumbezogenen Installationen zur Nachempfindung und zur Diskussion bereit. In einem zweiten Akt der „kreativen Intervention“ greife ich in die Orte ein und versuche sie nach meinen Kriterien zu verbessern.

Mit welchen Mitteln betreiben Sie Ihre Feldforschung?

Mike Weisser:

Meine Grundmedien sind Fotografie, Film und Tonaufzeichnung, aber ich sammle auch Objekte als sogenannte „trouvées“, dazu mache ich Interviews und suche Dokumente…

Intervenieren bedeutet eingreifen. In welche Bereiche (der Gesellschaft) greifen Sie ein und mit welchen (kreativen) Mitteln?

Mike Weisser:

Ich bin nicht festgelegt. „Orte“ können Städte, Landschaften, Objekte, Menschen oder Themen sein. Ein Beispiel: Es gab ein Projekt für ein Gymnasium in Bremen, das mit Fotografie vom Außenraum über den Innenraum als extremer Zoom bis in die Federmäppchen der SchülerInnen begann und in ganz konkreten Eingriffen, wie z. B. eine neue Namensgebung für die Schule, initiierte bauliche Veränderungen, neue Kommunikationssysteme etc. endete. Die schulische Lebenssituation wurde Lehrern, Schülern, Eltern und der Schulbehörde erst offensichtlich durch die dokumentierende Fotografie und die inszenierte Konzentration der Bildwelt.

Weisser_Kiel_Weisser_Heinze_2013 © Mike Weisser (links): Erste QR-Bank auf dem Campus der Fachhochschule Kiel, 2013 mit dem Kanzler der FH, Klaus-Michael Heinze (rechts)

Sie sind ein Universalkünstler, d. h. Sie waren bzw. sind in verschiedenen Kunstsparten tätig. Welche Bereiche sind es konkret?

Mike Weisser:

Ich arbeite mit dem Bild, dem Klang und dem Wort und verbinde diese drei Medien auf verschiedenste Weise mit verschiedenen Ergebnissen.

Wie ist es bei Ihnen zu dieser Vielseitigkeit gekommen? Die meisten Künstler spezialisieren sich auf eine Ausdrucksform …

Mike Weisser:

Neugier an der Welt ist der Antrieb, der mich in Bewegung versetzt. Und Kunst ist für mich der Weg, auf dem ich mich mit allen Sinnen empfindend bewege. Kunst ist also keine technische Disziplin, sondern eine Methode zu leben. Kunst ist für mich wie ein Chemiebaukasten, der Versuche, Überraschungen, Erfindungen zulässt – dies in sanfter Reaktion aber auch als überraschender Knall ;-)))

Ich hatte in meiner Jugend ein Praktikum in einem Forschungslabor der chemischen Industrie gemacht und wollte Alchemist werden. Als ich erlebte, das man die meiste Zeit jedoch mit Routinen verbringt, kam ich suchend durch Zufall zur Kunst, machte an der Kunsthochschule in Köln die Aufnahmeprüfung und hatte dann die Chance, die Techniken der Bildenden Kunst von der sakralen über die experimentelle Malerei, die Zeichnung, die Grafik bis zur Fotografie zu erlernen. Diese Praxis in Verbindung mit Kunsttheorie und Gesellschaftskritik waren mein Fundament.

Mike Weisser: 

Wann und wie entscheiden Sie, mit welchen Ausdruckmitteln bzw. in welcher künstlerischen Sparte Sie ein Projekt realisieren?

Mike Weisser:

Mein Ansatz ist immer der Gleiche. Ich bin auf Empfang eingestellt. Meist beginne ich mit dem Sehen, also mit der Fotografie, dann kommt das Hören, also die Klangaufzeichnung. Parallel dazu rieche, schmecke und fühle ich. Es gab ein Hochschul-Seminarprojekt von mir, bei dem ich von einem großen Hotel großzügig gefördert wurde, um in deren Showküche mit den Studierenden internationale „Snacks“ zu kochen. Als eine Versinnlichung in Optik, Geruch und Geschmack haben wir als „the taste of diversity“ das globale Thema „Vielfalt“ umgesetzt und in einem großen Gala-Essen der Hochschule gefeiert. Es war im tiefen Sinn des Wortes ein geschmackvolles Gesamtkunstwerk.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Publikum? Es gibt Menschen, die eher Musik bevorzugen und andere, die eher die visuellen Künste favorisieren …

Mike Weisser: 

Ich arbeite nicht im Hinblick auf ein Publikum, sondern im Hinblick auf ein Thema, das ich als intermediales Werk destilliere und wie ein Destillat als Kunstform präsentiere. Es steht dem Publikum frei, sich diesem Werk anzunähern und es zu erforschen….

Weisser_QR_Info_2015 © Mike Weisser: QR Info 2015, i:Code führt zur Site QR-Informationen

Ist Ihre QR-Code-Kunst vielleicht auch eine Möglichkeit, auditive und visuelle Aspekte miteinander zu verbinden? Bietet diese Hybrid-Kunst die Chance, ein Publikum mit verschiedenen Neigungen bzw. Rezeptionsvorlieben anzusprechen?

Mike Weisser:  

Seit 2007 beschäftige ich mich mit dem QR-Code und der Möglichkeit, dieses digitale Zeichen des 21. Jahrhunderts gestaltend zu verändern und doch seine Funktion der Lesbarkeit als Code zu erhalten. Der QR bietet die faszinierende Tatsache, dass seine bildnerischen Variationen gegen unendlich gehen. Mit dem QR lassen sich also alle Zustände des Universums erfassen. Weiterhin bietet er in seiner dynamischen Erscheinung die Möglichkeit alphanumerische Zeichen zu codieren, die zu Websites führen, auf denen Ereignisse abgerufen werden können.

Der Code führt über seine bildnerische Anmutung hinaus zu Musik, zu Film, zu Rezitation etc. Damit ist er für meine Arbeit ideal als Ausdruckträger und Kommunikator geeignet. Durch seine besonderen Eigenschaften bietet der QR zudem die einmalige Chance, verschiedene Medien zu vernetzen, überall und in allen Formaten präsent zu sein und genutzt zu werden.

Hier sehe ich ganz neue Möglichkeiten für eine intermediale Kunst im öffentlichen Raum oder für HybridBücher oder oder oder… diese Innovationen stehen erst am Anfang und sind in der Lage, Kunst auf überraschende Weise neu in die Öffentlichkeit zu bringen und damit viele Menschen zu erreichen. Dahin gehen meine Experimente.

Wie sind Sie auf das Thema QR-Codes gekommen und dann auf die Idee, dies künstlerisch zu bearbeiten?

Mike Weisser: 

Wie sollte es anders sein ;-))) Im Verlauf einer ästhetischen Feldforschung in den Häfen in Hamburg und Bremen bin ich auf Container mit QR-Codes gestoßen. Da mich generell das Thema „Rauschen“ fasziniert, habe ich im Code die Möglichkeit erkannt, Chaos in Ordnung zu bringen. Vermeintlicher Un-Sinn wird zu Sinn. Erste Experimente haben mich fasziniert, aber sie stießen in der Nutzung an ihre technischen Grenzen. Erst mit der Weiterentwicklung des Smartphones ab 2010 konnte praktisch jedermann den QR nutzen. Der QR-Code wurde befreit von seiner wirtschaftlichen Funktion und frei für die Kunst…

Was fasziniert Sie an QR-Codes und an Hybrid-Kunst?

Mike Weisser: 

Mich reizt die Verbindung bis zur Verschmelzung von Chaos und Ordnung, von Ratio und Emotion und von verschiedenen Anmutungen. Das macht dieses Medium hochkomplex und damit spannend. Darin liegt die Faszination. Und aus dieser Faszination heraus entwickelt sich Neugier am Fremden – dann mache ich mich auf den Weg und beginne mit Experimenten. Meine ersten drei HybridBücher, die das analoge Buch über den QR mit dem digitalen Internet verbinden, brachten Erfahrungen. Danach war es folgerichtig, dass ich mich mit dem vierten Buch dem QR-Code (Quick Response) selbst, seinen Hintergründen und Visionen widme. Hier ging es mir um die „Beschreibung, Geschichte, Technik, Nutzung, Gefahren, Grenzen, Visionen und Ästhetik der schnellen im 21. Jahrhundert“ – wie der Untertitel lautet.

Weisser_QR_Alsion_14 © Mike Weisser: Projekt „Be inspired!“ auf dem Campus der Dänischen Universität Sønderborg, 2014

Worin besteht die besondere Herausforderung, QR-Codes künstlerisch zu gestalten?

Mike Weisser: 

Der QR-Code ist das digitale Metazeichen des 21. Jahrhunderts. Dieses Zeichen in Szene zu setzen fordert heraus. So eine Herausforderung nehme ich gerne an, um Grenzen zu überschreiten und neue Räume zu betreten. Der QR ist faktisch eine Reise an einen fremden Ort, den ich erkunde und erfasse, dessen Elemente ich klassifiziere und mit denen ich spielerisch umgehe, bis meine Gestaltung so weit geht, dass der QR-Code nicht mehr lesbar sondern nur noch rätselhaft-schöne Gestalt ist.

Gibt es neue Ideen, die Sie noch mit QR-Codes realisieren möchten?

Mike Weisser: 

Ja, es gibt einige Optionen, über die denke ich nach, und während ich nachdenke, komme ich auf das neue Stichwort „Denken“ als künstlerisches, kreatives, nicht-lineares, assoziatives Denken. Und so entstand der Titel für ein neues Buch, an dem ich gerade arbeite und über das wir zusammengekommen sind, weil ich Sie und Ihr Projekt „MassivKreativ“ befragt habe (Anmerkung: Das Buch erscheint 2016).

Mein neues Buch lebt von Fragen zum Denken, die ich an Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik stelle. Wie entsteht künstlerisches Denken, was kann es bewirken und wie lässt es sich in andere Wirkungskreise wie Wissenschaft, Wirtschaft und den Lebensalltag transferieren? Das bewegt mich im Moment ;-))))

Vielen Dank für das inspirierende Interview, Herr Weisser!

 

Inspirationstipps:

● Hinweis zu den Bildern: Alle QR-Codes sind optimal zu lesen mit der kostenfreien App: i-nigma (für iOS und Android)

● Buch: Michael Weisser Der|QR|Code – pdf

● Die|QR|Edition @ p.machinery – ein gemeinsames Projekt von p.machinery = Michael Haitel und Michael Weisser: www.dieQRedition.pmachinery.de

● Video zum Projekt QR-ScreenArt, 30 Gedichtrezitation als QR-Morphs, 2015

● Biografie und Werke: www.MikeWeisser.de