Kreislaufprinzip und Gemeinwohlökonomie: Ideen für mehr Nachhaltigkeit

130984_web_R_K_B_by_S. Hofschlaeger_pixelio.de  © S. Hofschläger, Pixelio.de

Die Ziele von Politik und Wirtschaft gehen nicht immer mit dem Schutz der Umwelt einher. Doch Designer, Kulturwissenschaftler und Umweltjournalisten forschen mit Überzeugung und Leidenschaft an alternativen Lösungen, die sich um Kreislaufwirtschaft, Wissensvermittlung und Gemeinwohlökonomie  drehen. Kreative branchenübergreifende Teams spielen bei der Entwicklung von Innovationen  eine maßgebliche Rolle.

Am 14./15. April findet der Kongress Work in Progress 2016 im Kulturzentrum Kampnagel in Hamburg statt, initiiert von der Hamburg Kreativgesellschaft.  Ein Impulsvortrag von Michael Braungart eröffnet die Veranstaltung. Der Ökovisionär, Chemiker, Designer und Umweltberater kämpft für eine Welt und eine Ökonomie, in der wir alle Gebrauchsgüter entweder schadstofffrei in die Natur zurückgeben oder sie endlos wiederverwerten können. Das von ihm entwickelte Konzept Cradle to Cradle (“von der Wiege zur Wiege”) entspricht dem ewigen Kreislauf der Stoffe. Anstatt Umweltverschmutzung durch immer effizientere Produktionsweisen zu reduzieren, fordert Braungart ein radikales Umdenken und „Ökoeffektivität“, d. h. eine Welt, die  Umweltverschmutzung von vornherein verhindert und vermeidet.

Viele innovative Ideen entstehen aus Unzufriedenheit mit Vorhandenem. Tetrapaks z. B. sind aufgrund ihrer Mehrschichtigkeit nicht voll recycelbar. PET-Flaschen stehen wiederum unter Verdacht, gesundheitsschädliche Stoffe freizugeben. Der Designer Carsten Buck von der MUTTER Gesellschaft für Design & Vermarktung suchte daher nach einer Alternative. Schon lange beschäftigte er sich mit dem cradle-to-cradle-Prinzip und fokussierte speziell  die vollständige Wieder- und Weiterverwertung von Verpackungsmaterial. Im Rahmen einer Konzeptstudie wollte Buck erforschen, wie sich das Prinzip auf Design und Markenentwicklung übertragen lässt. Vor den Toren Hamburgs kam er in Kontakt mit der norddeutschen Molkerei-GmbH De Öko Melkburen. In deren Auftrag kreierte Buck eine neuartige Milchflasche, die ohne Wertverlust in einem geschlossenen Kreislauf zirkuliert.

Logo_de_oeko_melkburen_Jahreszeitenmilch © De Öko Melkburen

Ressourcenschonende Gestaltung

Innerhalb eines Jahres entstand der Milk-Tumbler (Tumbler = Rüttler), eine Milchflasche mit rundem Boden. Er animiert zum Schütteln, damit sich Fett und Wasser in der Milch wieder vermischen. Ein interdisziplinäres Team entwickelte für die Flasche ein innovatives, polyesterartiges Material, den Bio-Rohkunststoff PLA, englisch: „polylactic acid“. PLA ist ein Abfallprodukt der Käseherstellung, kann beliebig oft und ohne Qualitätsverlust eingeschmolzen und wiederverwertet werden. Die Projektbeteiligten haben mit ihrem jeweiligen Hintergrundwissen unterschiedliche Perspektiven eingebracht: Form und Funktion durch Designer der MUTTER Gesellschaft und des BFGF Design Studios, Material und fachliche Unterstützung durch die EPEA Umweltforschung GmbH sowie Vertriebs- und Vermarktungsideen durch eine Masterstudentin der Hochschule Stuttgart und eine Hamburger Journalistin.

milk_tumbler_presse_01_RGB© MUTTER Gesellschaft

Kreislaufprinzip als Einheit aus Design und Vertrieb

Bucks Team beließ es nicht beim Prototypen, sondern dachte das Kreislaufkonzept mit Vertrieb und Vermarktung konsequent weiter. Der Verkauf des Milk-Tumblers sollte statt über den Einzelhandel über ein regionales Netz von Versorgungsautomaten erfolgen. Der Vorteil: Auf lange Lagerzeiten und weite Transportwege kann zugunsten von Lokalität und Frische verzichtet werden. Nach Vorstellungen der Designer können die Automaten aber noch viel mehr sein: eine „soziale Litfasssäule“, um Nachrichten und Annoncen auszutauschen, ein innovativer Treffpunkt für bewusst lebende Menschen. Erkenntnisse aus der Konzeptstudie zum Prototypen haben die Tüftler in strategische Tools überführt, die sie als Berater für nachhaltiges Design für Ihre Agentur Mutter nutzen.

228788_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © S. Hofschläger, Pixelio.de

Wissenstransfer: Zusammenhänge vor Augen führen

Medienproduzentin Corinna Hesse vom Silberfuchs-Verlag meint, die Diskussion um Nachhaltigkeit werde oft von ideologischen Grabenkämpfen und Lobbyismus bestimmt: „Es geht dabei nicht pauschal um Verzicht, wie viel zu oft proklamiert wird. Wenn wir alle verantwortungsbewusster leben und handeln, gewinnen wir sehr viel Lebensqualität hinzu.“ Hesse hat gemeinsam mit Studenten der Hochschule für Gestaltung Wismar das interaktives Wissensportal Zukunft-Leben-Nachhaltigkeit.org realisiert, das spielerisch und kulinarisch mit ökologischen Grundfragen vertraut macht und mit Aspekten nachhaltigen Wirtschaftens. „Die Nutzer treffen mit ihren Klicks eigene Entscheidungen“, sagt Hesse. „Sie sehen, was z. B. passiert, wenn sie den Kühen mehr zu fressen geben. Wie dann der Boden reagiert und wie das wiederum unsere Nahrung beeinflusst.“ Mit interaktiven Grafiken, Audios, Filmen und Zeichnungen auf dem Portal wird deutlich, das Prozesse miteinander in Verbindung stehen und Kreisläufe bilden. Basis für das Wissensportal ist ein Hörbuch, das der Silberfuchs-Verlag 2015 veröffentlicht hat: zukunft|leben – Nachhaltigkeit wurde für den Deutschen Hörbuchpreis 2016 nominiert. Der Jury gefiel das mediale Projekt, weil es sich einem hochaktuellen Thema sachlich und zugleich erzählerisch und philosophisch annähert. Das Sounddesign mit authentischen Klängen der Erde macht den Text auch sinnlich erfahrbar.

298574_web_R_K_B_by_Stephanie  Hofschlaeger_pixelio.de © S. Hofschläger, Pixelio.de

Gemeinwohlökonomie

Christian Felber ist Vorsitzender des globalen Bürgernetzwerkes Attac Österreich und Autor des Buches Gemeinwohlökonomie. Das Wirtschaftsmodell der Zukunft. Die Anhänger dieser Wirtschaftstheorie und -praxis setzen sich wie die Mitglieder von Attac dafür ein, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, Selbstbestimmung und Demokratie zu fördern und den Schutz der Umwelt gleichberechtigt zu den Zielen von Politik und Wirtschaft zu betrachten. Es geht um eine ökologische, solidarische und friedliche Weltwirtschaftsordnung und um eine gerechte Verteilung von Gewinnen, Erträgen und Kapital.

Felber hat einen Index für gemeinwohlorientierte Unternehmensführung entwickelt. Er bewertet dabei die Kriterien soziale Sicherheit, Grad der Mitbestimmung, Regionalisierung der Wertschöpfungskette, Frauen in Führungspositionen, Transparenz, Vertrauen, Solidarität, Vielfalt usw. mit Punkten. Im Moment hat der Index nur eine ideelle Wirkung. Langfristig besteht das Ziel: Je höher die Punktzahl in der Gemeinwohl-Bilanz eines Unternehmens umso günstiger ist die steuerliche Veranlagung und um so höher die Kreditwürdigkeit bei gemeinwohlorientierten Banken, wie z. B. der GLS-Bank. In Österreich ist die Gründung einer ethischen Gemeinwohl- bzw. Alternativbank noch in Planung, derzeit können Genossenschaftsanteile gezeichnet werden.

Eigenverantwortung und Sebstwirksamkeit

Wie lassen sich diese Beispiele praktisch und ohne übermäßigen Aufwand auf den (Unternehmens-)Alltag übertragen? Holen Sie Mitarbeiter an einen Tisch und beraten Sie gemeinsam, wie Sie in Ihrer Firma nachhaltiger agieren können. Einige konkrete Tipps dazu finden Sie in weiteren Artikel von mir:

Gummi-Twist für Ihr Unternehmen: Nachhaltigkeit als Team-Projekt

© Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag

Nachhaltigkeit ist längst ein Modewort geworden, bei näherer Betrachtung jedoch ein dehnbarer Gummi-Begriff. Er kann auf verschiedenste Lebensbereiche bezogen werden. Vielleicht versteht deshalb fast jeder etwas anderes darunter. Wie mittelständische Unternehmer ganz konkret im Firmenalltag nachhaltig handeln können, zeigen die folgenden, von mir zusammengetragenen Beispiele. Zum Artikel

 

Inspirationstipps:

  • Milktumbler: innovative, komplett recyclebare Milchflasche der Agentur Mutter
  • Harald Welzer: Selbst denken: eine Anleitung zum Widerstand. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2013.

Künstler und Kreative als Brückenbauer zwischen IT und Logistik

734000_web_R_K_B_by_I-vista_pixelio.de © Ivista, Pixelio.de

Mangelnde Vernetzung und Sprachlosigkeit gehören zu den häufigsten Ursachen dafür, warum sich Branchen nicht innovativ entwickeln. Junge Kreative zeigen, wie cross-sektorale Zusammenarbeit erfolgreich gelingt. Sie haben IT und Logistik für einen Tag zusammengebracht, an dem gemeinsam erstaunliche Antworten auf Herausforderungen und Megatrends gefunden werden konnten.

Unsichtbar, wie von Geisterhand: So arbeiten IT und Logistik. „Eine Gemeinsamkeit, die beide Branchen verbindet und auf der man hervorragend aufbauen kann“, findet Andrea Kuhfuß, Innovationsmanagerin von BRENNEREI next generation lab. Sie hat gemeinsam mit jungen Kreativen und Bremen digitalmedia die Fragestellung für das „Brückenprojekt“ zwischen IT und Logistik entwickelt. Durchaus eine Herausforderung, denn beiden Branchen trennen gegenseitige Vorurteile, wie die Kreativen bei ihren anfänglichen Recherchen und Befragungen herausgefunden haben. ITler wollen einem Lösungen verkaufen, die das aktuelle Problem aber gar nicht lösen können, so Logistiker über ITler. Umgekehrt finden ITler, dass Logistiker nie in der Lage seien, ihre Anforderungen, Bedürfnisse und Wünsche klar zu formulieren. Logistiker wollten meist an ihrem aktuellen System festhalten.

241571_web_R_K_B_by_Marcus Walter_pixelio.de © Marcus Walter, Pixelio.de

Recherche mit allen Sinnen

Andrea Kuhfuß leitet das interdisziplinäre Innovationsprojekt der Wirtschaftsförderung Bremen. Sie hat unter unzähligen Bewerben sieben Absolventen kreativer und künstlerischer Studiengänge ausgewählt, die 2015 im Rahmen eines sechsmonatigen Stipendiatenprogrammes der Brennerei einen ganztägigen interaktiven Workshop vorbereitet haben. Die Zielgruppe sind hochkarätige Teilnehmer aus den Branchen IT und Logistik. Die jungen Kreativen recherchieren, besuchen Logistik-Unternehmen, führen Interviews und nähern sich dem Thema auch emotional: z. B. mit einem Film der BBC über ein Wettrennen durch das öffentliche Transportsystem in London, mit eindrucksvollen Fotos und beispielhaften Logistik-Songs.

Andrea Kuhfuß erklärt das Ziel: „Die Stipendiaten können sich so auf Augenhöhe bringen und sich auf verschiedene Weise einer ihnen fremden Welt nähern.“ Das schärft den Blick, um später das Alltagsgeschäft von Logistik- und IT-Insidern zu hinterfragen und deren routinemäßiges Vorgehen auch schon mal auf den Kopf zu stellen. Dritter Partner im Boot ist Bremen digitalmedia – der Interessenverband für Unternehmen der Medien- und Informationstechnologie des Landes Bremen. Er stärkt die Unternehmen am Standort, vernetzt untereinander, kooperiert und fördert. Der gemeinützige Förderverein engagiert sich zudem für die Aus- und Fortbildung im Bereich IT und Medien.

Transportale_Begrüßung_WFBremen © WFB_BRENNEREI next generation lab

Weitblick von oben

Für den nötigen Weitblick bei den Workshops soll auch der Ort sorgen. Die kreativen Stipendiaten haben ihn bewusst in schwindelerregende Höhe gelegt: in das 21. Stockwerk vom Weser Tower in Bremen. Vor dem Panorama des Bremer Hafens in fast 82 Meter Höhe schauen Kreative, Logistiker, ITler und Medienvertreter weit voraus: Wie könnten Geschäftsideen für die digitalisierte Logistik im Jahr 2030 aussehen? „Zukunftsperspektiven anzuvisieren statt gegenwärtige Alltagsprobleme zu wälzen, ist ganz wichtig, um den Geist zu öffnen. So sollen vor allem die teilnehmenden Nachwuchskräfte zum Mitdenken aktiviert werden“, stellt Andrea Kuhfuß klar. Die attraktive Eventlocation soll sinnstiftend wirken. Die Altersstruktur der insgesamt 60 Teilnehmer ist beim Workshop gut gemischt. Die stärkste Gruppe mit 29 % ist zwischen 48 und 55 Jahren alt, 20 % zwischen 25 und 32 Jahren, je 16 % zwischen 41 und 47 sowie zwischen 56 und 63 Jahren.

Transportale_Workshopteilnehmer_WFBremen © WFB_BRENNEREI next generation lab

Herausforderungen 2030

Die Stipendiaten geben der außergewöhnlichen Veranstaltung den Namen „Transportale“. Das ebenso wagemutige wie artistisch-treffsichere „salto mortale“ schwingt da vielleicht bewusst mit. Zukunftsvisionen brauchen Mut und Technikkenntnis, aber auch eine Menge Fantasie. Worum geht es in etwa 15 Jahren? Unsere Welt verändert und vernetzt sich immer schneller. Warenströme nehmen zu und müssen immer rascher in Lieferprozesse eingebunden werden. Software- und Automationslösungen müssen immer individueller und übersichtlicher werden und einen klaren Blick auf Lagerbestände, optimale Raumnutzung und effiziente Lieferwege bieten. Die Frage, die alle bewegt: Wie werden die Herausforderungen der neuen industriellen Revolution, die vielbeschworene Industrie 4.0, die Geschäftsmodelle und Arbeitswelten der Zukunft beeinflussen?

Transportale_Themencluster_WFBremen © WFB_BRENNEREI next generation lab

Ideen generieren in vermischten Teams

Etwa 60 Unternehmer und Mitarbeiter aus IT und Logistik treffen bei der Transportale aufeinander, um die digitale Zukunft der Logistik mitzugestalten, 83 % Männer, 17 % Frauen. Jeweils acht Akteure, gut durchmischt aus verschiedenen Branchen, lassen an acht Tischen die Köpfe rauchen. Unterstützt von den kreativen Stipendiaten und Mitarbeitern von Bremen digitalmedia entwickeln sie Ideen und Businessmodelle für die digitale Zukunft – mit Blick auf die sozialen, technologischen und ökonomischen Trends von morgen. Statt ihre Firmen nur zu verwalten, werden die Unternehmer zu aktiven Gestaltern ihrer eigenen Zukunft. Welche Erwartungen bringen die Unternehmer mit?

677275_web_R_K_B_by_Lupo_pixelio.de © Lupo, Pixelio.de

Komponenten-Prinzip

Christoph Ranze, geschäftsführender Gesellschafter der encoway GmbH meint: „Logistik hat immer etwas mit der Verarbeitung von Informationen zu tun. Entlang einer logistischen Kette gibt es Informationen über Güter, über Kunden, über Ziele, über Orte, über Transportmittel, die mitgeführt werden. Daher ist die Informationsverarbeitung ein inharänter Teil von Logistik.“ Encoway ist ein IT-Dienstleister, der vom Trend zur Individualisierung profitiert und mittlerweile 150 Mitarbeiter beschäftigt. Immer wenn es um spezielle Kundenwünsche geht, entwickelt encoway im Baukastensystem die passende Software für den Multi-Channel-Vertrieb von Variantenprodukten bzw. Produktkonfigurationen. Für das Komponenten-Prinzip engagiert sich u. a. auch der Wirtschaftsprofessor Günter Faltin, der seit den 70er Jahren für eine intelligentere Ökonomie plädiert, die statt profitorientiertem Wachstum Problemlösungen für gesellschaftliche Herausforderungen findet.

Inspirierende Impulse durch “best practice “

Vor dem ersten Workshop der Transportale liefert Prof. Rolf Drechsler in einem Impulsvortrag erste Informationen zu Megatrends und zu innovativen Forschungsmethoden. Er leitet am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Bremen den Bereich Cyber-Physical Systems. Drechsler gibt Einblicke in spannende Anwendungsbeispiele, z. B. das qualitätsorientierte Design von Software vor allem für das Transportwesen und für innovative Fabriksysteme.

Durch Auftrags- und Projektforschung, also ohne staatliche Grundfinanzierung, hat sich das DFKI seit 1988 zum weltweit größten Zentrum für Künstliche-Intelligenz-Forschung entwickelt – mit Standorten in Kaiserslautern, Saarbrücken, Berlin und Bremen und insgesamt 800 Mitarbeitern. Arbeitsschwerpunkte sind z. B. Robotik, Wissensmanagement, Analyse von Massendaten, simulierte und erweiterte Realität, Sprachtechnologie und Intelligente Benutzerschnittstellen (Mensch-Computer-Interaktion). Im Oktober 2015 investierte Google als 17. Industriegesellschafter einen so hohen Betrag in das DFKI wie alle übrigen 16 Gesellschafter bis dahin zusammen.

Transportale_GraficRecording_2_WFBremen © WFB_BRENNEREI next generation lab

Kreative Arbeitsmethoden

Impulse für kreative Arbeitsmethoden und -Techniken innerhalb der Workshops gibt Stephan Hürholz. Er ist in London für die Firma Exponentials als “Social Entrepreneur” und Designthinker tätig, berät Banken und Start-Ups. Er liefert den Teilnehmern das handwerkliche Rüstzeug, um Ideen zu finden, zu sortieren, zu bewerten, zu modifizieren, umzudeuten und zu visualisieren. Mit kleinen Skizzen und Zeichnungen werden visionäre Luftschlösser real und begreifbar, umso mehr, wenn man zukünftige Geschäftspartner und Investoren überzeugen will. Neben einer professionellen Zeichnerin, die die Ideen mit Graphic Recording festhält, greifen die Teilnehmer auch selbst zu Papier und Stift. Warum auch nicht: Übung macht den Meister.

Transportale_Teilnehmer-Präsentation_2_WFBremen © WFB_BRENNEREI next generation lab

Workshop-Einblicke

Mit einem liebevoll und kompetent gestalteten Handbuch navigieren die Stipendiaten die Teilnehmer durch den Workshop. Am Anfang steht folgende Aufgabenstellung: „Suchen Sie sich im Team einen Technologietrend oder eine Kombination aus zwei Technologien aus. Besprechen Sie im Detail, wie diese genau funktionieren und wozu sie eingesetzt werden.

Stellen Sie sich nun folgende Fragen und diskutieren Sie im Team:

  • Wie sieht die Technologie aus, die Sie anbieten? Wofür wird sie hauptsächlich verwendet?
  • Wer nutzt Ihre Dienstleistung?
  • Was erwarten Ihre Kunden?
  • Wie sehen mögliche Anwendungen aus?
  • Wird dadurch ein Problem von 2015 gelöst?

Hochmotiviert wählen die Teams passende Technologietrends aus, z. B. 3D Druck, Robotik, Internet der Dinge, Wearables (tragbare Smartwatches oder Datenbrillen), Augmented Reality. Im zweiten Workshop kommen die sozialen Megatrend hinzu, z. B.  Diesmal lautete die Aufgabenstellung für die Teilnehmer: „Besprechen Sie im Detail, wie die Einbettung Ihres technologischen Geschäftsmodells in den sozialen Kontext gelingen kann.

Stellen Sie sich dazu folgende Fragen und diskutieren Sie diese im Team:

  • Wie beeinflusst die Entwicklung Ihr Konzept? Betrifft sie die Kernkompetenzen / Berufsfelder Ihrer Teammitglieder?
  • Inwiefern ändern sich dadurch die Anforderungen Ihrer Kunden?“

Bis zum Nachmittag haben die Teilnehmer in zwei Workshops ihre neu erdachten Dienstleitungen in das Umfeld der technologischen und sozialen Megatrends integriert. Nun stehen die Business-Trends im Fokus, also die Frage, wie Geschäfte zukünftig abgewickelt und welche Partnerschaften eingegangen werden, z. B. durch die Art der Arbeitsteilung und die Finanzierung. Zur Wahl stehen u. a. Kooperativen, Online- und Logistik-Plattformen der ShareEconomy, Crowd-Sourcing, -funding, -lending, digitales Empfehlungsmarketing, urbane und faire Logistik. Diesmal geht es um diese Fragen:

  • Welches Geschäftsmodell ist für Ihr Vorhaben hilfreich, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein?
  • Welches sind die ausschlaggebenden Kostenpunkte, um ihre Dienstleistung oder ihr Produkt zu finanzieren?
  • Wie, an welcher Stelle und wie oft stellen Sie ihren Kunden den Service in Rechnung?

Trendübersicht_WFBremen© aus dem Workshop-Handbuch, WFB_BRENNEREI next generation lab

Ganzheitlich denken und planen

In den Workshop wird rasch klar: Es geht nicht nur um neue Technologien. Die Kreativen führen den Teilnehmern vor Augen, dass bei neuen Geschäftsmodellen auch Business-Trends und soziale Entwicklungen zu berücksichtigen sind. Die kreativen Stipendiaten sind weder Logistik- noch IT-Experten. Doch sie vermitteln den Wirtschaftsvertretern an diesem Tag ganzheitliches Denken und zeigen ganz praktisch, wie Innovation entsteht: durch offene Kooperation, durch kreative und interdisziplinäre Arbeitsweisen und durch die persönliche Professionalisierung, indem sich jeder Akteur neue Methoden aneignet.

402589_web_R_K_B_by_Freya Diepenbrock_pixelio.de © Freya Diepenbrock, Pixelio.de

Geschäftsidee: Online-Verleih-Service im Musikbereich

Sven Hermann ist Leiter des Bereichs Marketing, Solution und IT Strategy bei der Bremer PTS Logistics GmbH. Mit rund 170 Mitarbeitern und zahlreichen Standorten steht das mittelständische Unternehmen für Qualität, Flexibilität und Innovation im Bereich der seemäßigen Exportverpackung. Hermanns Projektgruppe entwickelt beim Workshop einen Online-Verleih-Service für hochwertige Instrumente und Liebhaberstücke im Musikbereich (Motto: „Be King of Rock `n`Roll for a Day“), er erklärt das Vorgehen: „In den Diskussionen ging es um intelligente Verpackungen und Transporttechnologien, wie z. B. Green Packaging, Drohnen, Tracking und Sensorik.“ Leihinstrumente sollen letztlich sicher und schnell versandt und ausgetauscht werden und den Kunden ein leichtes Handling bieten. „Die Geschäftsidee des Online-Verleih-Services“, so Hermann, „basiert auf Kooperationen mit Musikhändlern und Privatpersonen, die nach Nutzungstagen entlohnt werden. Kunden sollen zwischen unterschiedlichen Abo-Angeboten auswählen können. Eine erste Anschubfinanzierung könnte über Crowdfunding gestartet werden.“

Das interdisziplinäre Team mit Vertretern aus Logistik, IT sowie Kultur- und Kreativbranche berücksichtigt bei den Überlegungen  folgende Trends: Cloud Logistics, autonome und faire Logistik, Internet der Dinge, lokale Intelligenz, preisgünstige Sensoren, Individualität, Shareconomy. Jede Branche bringt ihre eigenen, besonderen Kompetenzen ein:

  • Teammitglieder der Kultur- und Kreativbranche regen Perspektivwechsel an, hinterfragen und bewerten Trends. Sie gestalten das Marketing und finden Ideen für ergänzende Produkte und Dienstleistungen, um die Geschäftsidee mit zusätzlichen Mehrwerten zu unterstützen (Value Added Services).
  • Vertreter der IT Branche fokussieren mit ihrer technologischen Kompetenz die Anwenderfreundlichkeit bei der Entwicklung (Software-Ergonomie). Im Zentrum steht die Frage, wie sich Ausleihprozesse über die Online-Plattform optimal gestalten lassen und welche weiteren IT-Entwicklungen der Zukunft dabei zu  berücksichtigen sind.
  • Die Akteure der Logistik-Branche sind Experten für die Organisation von Waren- und Informationsflüssen und die damit verbundene Nutzung digitaler Technologien. Sie gewährleisten, dass Verpackung und Transport sicher, effizient und umweltfreundlich gestaltet und als zentrales Alleinstellungsmerkmal vermarktet werden.

RZ_PTS_Online-Banner_Troja_800x500px4 © PTS Logistics GmbH

Ergebnisse

Am Ende der Workshops präsentieren sich die Akteure gegenseitig ihre innovativen Ideen und Geschäftsmodelle. Und erhalten sofort Rückmeldung aus den anderen Gruppen. Eine hervorragende Möglichkeit der Erprobung und Simulation! Was ist realistisch, was ist noch ausbaufähig? Per digitaler Cloud in Schaufenster zu blicken, übte auf mehrere Gruppen einen starken Reiz aus. Daraus ergaben sich bei der Präsentation folgende Fragen: Können Produkte per Cloud-Schaufenster oder über Drohnen tatsächlich die Aufmerksamkeit der Kunden wecken? Werden berufliches und privates Leben noch stärker verschwimmen? Mit welchen Softwarelösungen können Lieferaufträge auch nachts aktiviert werden und Verlässlichkeit sichern. Für welche Aufgaben bzw. Teillösungen wird der Mensch nach wie vor unersetzlich sein?

Transportale_Drohnen_WFBremen © WFB_BRENNEREI next generation lab

Erkenntnisgewinn

Als Innovationsmanagerin Andrea Kuhfuss eine Woche nach dem Workshop die Feedbackbögen zurück erhält, erklären viele Teilnehmer, sie hätten am meisten von neu erlernten Kreativitätstechniken profitiert. Dieses Rüstzeug hätte maßgeblich dabei geholfen, neue Ideen für Produkte, Serviceangebote und Wertschöpfungsketten zu (er-)finden, sie zu bewerten und zu modifizieren. Die branchenübergreifende Mischung der Teams und den gegenseitigen Austausch beurteilten alle durchweg positiv. Als inspirierend werden rückblickend auch die neuen Perspektiven empfunden, die die Kreativen den Logistikern und ITlern im Workshop eröffnet hätten. Die Sprachlosigkeit zwischen beiden Branchen konnte zumindest an diesem Tag überwunden werden. Der Plan der Stipendiaten als Brückenbauer ist aufgegangen!

 

Inspirationstipps:

  • Der interaktive Workshop Transportale fand am 17.9.2015 in Bremen statt.
  • BRENNEREI next generation lab begreift sich als Think Tank und Werkstatt der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. Die Programme vermitteln Wissen und machen Innovation erfahrbar. Von aktuellen Fragestellungen ausgehend richten sich die Angebote an Nachwuchskräfte aus aller Welt, an Unternehmen und an Institutionen, die sich professionalisieren und den Blick über den Tellerrand wagen wollen.

Rundum-Sorglos-Pakete mit mehr Kundenservice

415692_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio.de

Wer neue Märkte erobern will, sollte nicht nur seine Produkte erweitern, sondern den Service gleich mitdenken. Im Trend liegen Rundum-Sorglos-Pakete und individualisierte Angebote, die den Kunden zum König machen. Wer die Bedürfnisse seiner Käufer im Blick hat und ihre speziellen Wünsche berücksichtigt, verschafft sich Luft gegenüber Konkurrenten.

Der Ditzinger Konzern Trumpf liefert Baumaschinen und die passende Software gleich mit dazu sowie Kurse für die richtige Bedienung. Alles aus einer Hand zu erhalten, ist zeitsparend, effizient und nachhaltig. Es sichert Kundenbindung und Vertrauen. Es muss nicht immer um Produkte oder Technik gehen. Manchmal ist es sinnvoll, gezielt den Kundenservice in den Fokus zu nehmen und das Ohr ganz dicht an den Vorstellungen oder den Problemen der Nutzer und Käufer zu haben.

427401_web_R_K_B_by_Viktor Mildenberger_pixelio.de © Viktor Mildenberger, Pixelio.de

MyBoshi: Stricken und Häkeln in der Community
Dass sich Kunden neben Produkten auch Service wünschen, haben Thomas Jaenisch und Felix Rohland aus dem oberfränkischen Hof schnell verstanden. Beim Skilaufen in Japan kam den beiden Freuden 2009 die Idee, trendige Mützen zu häkeln, japanisch: Boshi. Zunächst häkelten sie selbst. Die Nachfrage nach individuell gestalteten Modellen wurde so groß, dass sie sich Unterstützung suchen mussten. Sie fragten die, die sich mit dem Häkeln naturgemäß auskennen: Omas. Heute beschäftigen die Jungunternehmer etwa 30 Renterinnen, die sich so ihre Pension aufstocken. 80.000 Mützen haben die MyBoshi-Gründer bislang verkauft.

677552_web_R_K_B_by_Petra Bork_pixelio.de © Petra Bork, Pixelio.de

Neben gestrickten und gehäkelten Mützen bieten sie auch Schals, Taschen und Deko-Artikel an sowie – wegen wachsender Nachfrage nach Material und Designs – inzwischen auch Komplett-Sets: Wolle, Häkelnadeln, Anleitungen. Geliefert wird in 15 verschiedene Länder. Die anfängliche Geschäftsidee des Mützenverkaufs erweiterte sich in eine Do-It-Yourself-Ideenplattform rund ums Häkeln und Stricken. Grundanleitungen werden auf der Website gratis geliefert, auf youtube gibt es kleine Film-Tutorials. Für weitere Details werden Bücher verkauft, sogar in verschiedenen Sprachen. Prominente zeigen sich auf der Website und in sozialen Netzwerken gern mit den trendigen Kopfbedeckungen. Empfehlungsmarketing wie man es sich kaum besser wünscht.
Was lässt sich davon lernen? Es ist ratsam, den Service vom Anfang bis zum Ende zu denken.

682496_web_R_K_B_by_Dirk Kruse_pixelio.de © Dirk Kruse, Pixelio.de

Individualisierung des Konsums

Die Akteure der Do-it-yourself- und Makerspace-Kultur gehen direkt auf individuelle Wünsche der Community ein. Mit einem 3D-Drucker zaubert funky3Dfaces ein dreidimensionales Abbild des eigenen Kopfes für die Lego-Figur und  Namensschriftzüge werden in Fruchtgummimasse verewigt. Jeder erhält genau das, was er sich wünscht. Mit dieser Idee sind einst auch die Macher von MyMuesli angetreten. Kunden können sich die einzelnen Zutaten für ihre Müsli-Kreationen individuell und portionsweise zusammenstellen. Das einstige Start-Up, das 2007 von drei Studenten gegründet wurde, beschäftigt heute bereits mehr als 300 Mitarbeiter, davon rund 150 Mitarbeiter in Passau und Umgebung.

mymuesli.de_DieJungs© mymuesli.com die Gründer (v.l.): Philipp Kraiss, Max Wittrock und Hubertus Bessau

Sichtbarkeit für Kundenservice

Im Rahmen von BRENNEREI next generation lab sind es junge Absolventen, die frischen Wind in unternehmerische Fragen bringen. Das Stipendiatenprogramm der Wirtschaftsförderung Bremen ist ein Think Tank. Er bringt Wirtschaft und Kreative zusammen. Die Firma HEC Software z. B. wollte herausfinden, wie sie ihren Dienstleistungen für IT- und Softwarelösungen mehr Sichtbarkeit beim Kunden geben kann.

Tastatur_Antje Hinz329323_web_R_K_B_by_A.Dreher_pixelio.de © A. Dreher, Pixelio.de

In den kreativen Prozess wurden Angestellte und Geschäftsleitung einbezogen und ausführlich befragt. Die SWOT-Analyse (Strengths=Stärken/ Weaknesses=Schwächen, Opportunities = Chancen, Threats=Gefahren) brachte wichtige rationale Erkenntnisse, weitere kreative Methoden rückten emotionale Aspekte in den Mittelpunkt. Das interdisziplinäre Team aus Autoren, Grafikern, Psychologen und Kommunikationsdesignern gab didaktische Hinweise, wie die Softwarefirma ihre Kompetenzen und Unternehmenswerte klarer formulieren sollte und entwickelte ideenreiches Material für die Außendarstellung.

Produktrückruf_Antje Hinz365766_web_R_K_B_by_Kurt Michel_pixelio.de © Kurt Michel, Pixelio.de

Krisenmanagement bei Rückrufaktionen
In einem anderen Projekt der BRENNEREI haben Stipendiaten das Thema Verbraucherschutz bearbeitet. Ziel war es, bei einem Produktrückruf die Kommunikation zwischen Unternehmen, Verbrauchern und Behörden zu verbessern. In Kooperation mit dem Software-Unternehmen „consider it GmbH“ wurde der Prototyp für eine übergreifende Internet-Plattform entwickelt, um einen informativen und hilfreichen Austausch zwischen Herstellern und Konsumenten zu ermöglichen. Als praktische Gebrauchsanleitung produzierten die Stipendiaten einen Erklärtrickfilm.

Inspirationstipps:

MyBoshi: Do-It-Yourself Ideenshop rund ums Häkeln und Stricken

MyMuesli: Unternehmensgeschichte – Wie alles begann

● Das BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen. Kreative Nachwuchskräfte erarbeiten unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze.

QR-Code: Das digitale Metazeichen des 21. Jahrhunderts

Weisser_QR_PoemScreen_14 © Mike Weisser: Projekt QR-ScreenArt, 2015

„Ich bin auf Empfang eingestellt!“ – Interview mit dem Medienkünstler, Musikproduzenten und Science Fiction-Autor Mike Weisser

Herr Weisser, Ihre beiden Tätigkeitsfelder beschreiben Sie mit der Formulierung „Ästhetische Feldforschung“ und „Kreative Interventionen“. Was genau verstehen Sie darunter?

Mike Weisser:

Für mich ist „Kunst“ eine Methode zu leben, d.h. die Welt zu entdecken, sie zu erforschen und meinen Platz darin zu finden. In meinen Projekten der „ästhetischen Feldforschung“ reise ich an einen ausgewählten (möglichst energetischen) Ort, erkunde diesen und halte besondere Ansichten von etwas und über etwas zuerst einmal intuitiv in Bild- und Klangaufzeichnung fest. Diese Bilder und Klänge zeigen mir anschließend, was meinen Sinnen wichtig erschien. Daraus leite ich eine Quintessenz bzw. eine Identität des Ortes ab, die ich nachfolgend gezielt zum „Spirit“ verdichte. Dieses Typische eines Ortes kondensiere ich in Bildern, Filmen, Poesie, Rezitationen, Klängen, Musiken… diese Werke stelle ich in Ausstellungen oder raumbezogenen Installationen zur Nachempfindung und zur Diskussion bereit. In einem zweiten Akt der „kreativen Intervention“ greife ich in die Orte ein und versuche sie nach meinen Kriterien zu verbessern.

Mit welchen Mitteln betreiben Sie Ihre Feldforschung?

Mike Weisser:

Meine Grundmedien sind Fotografie, Film und Tonaufzeichnung, aber ich sammle auch Objekte als sogenannte „trouvées“, dazu mache ich Interviews und suche Dokumente…

Intervenieren bedeutet eingreifen. In welche Bereiche (der Gesellschaft) greifen Sie ein und mit welchen (kreativen) Mitteln?

Mike Weisser:

Ich bin nicht festgelegt. „Orte“ können Städte, Landschaften, Objekte, Menschen oder Themen sein. Ein Beispiel: Es gab ein Projekt für ein Gymnasium in Bremen, das mit Fotografie vom Außenraum über den Innenraum als extremer Zoom bis in die Federmäppchen der SchülerInnen begann und in ganz konkreten Eingriffen, wie z. B. eine neue Namensgebung für die Schule, initiierte bauliche Veränderungen, neue Kommunikationssysteme etc. endete. Die schulische Lebenssituation wurde Lehrern, Schülern, Eltern und der Schulbehörde erst offensichtlich durch die dokumentierende Fotografie und die inszenierte Konzentration der Bildwelt.

Weisser_Kiel_Weisser_Heinze_2013 © Mike Weisser (links): Erste QR-Bank auf dem Campus der Fachhochschule Kiel, 2013 mit dem Kanzler der FH, Klaus-Michael Heinze (rechts)

Sie sind ein Universalkünstler, d. h. Sie waren bzw. sind in verschiedenen Kunstsparten tätig. Welche Bereiche sind es konkret?

Mike Weisser:

Ich arbeite mit dem Bild, dem Klang und dem Wort und verbinde diese drei Medien auf verschiedenste Weise mit verschiedenen Ergebnissen.

Wie ist es bei Ihnen zu dieser Vielseitigkeit gekommen? Die meisten Künstler spezialisieren sich auf eine Ausdrucksform …

Mike Weisser:

Neugier an der Welt ist der Antrieb, der mich in Bewegung versetzt. Und Kunst ist für mich der Weg, auf dem ich mich mit allen Sinnen empfindend bewege. Kunst ist also keine technische Disziplin, sondern eine Methode zu leben. Kunst ist für mich wie ein Chemiebaukasten, der Versuche, Überraschungen, Erfindungen zulässt – dies in sanfter Reaktion aber auch als überraschender Knall ;-)))

Ich hatte in meiner Jugend ein Praktikum in einem Forschungslabor der chemischen Industrie gemacht und wollte Alchemist werden. Als ich erlebte, das man die meiste Zeit jedoch mit Routinen verbringt, kam ich suchend durch Zufall zur Kunst, machte an der Kunsthochschule in Köln die Aufnahmeprüfung und hatte dann die Chance, die Techniken der Bildenden Kunst von der sakralen über die experimentelle Malerei, die Zeichnung, die Grafik bis zur Fotografie zu erlernen. Diese Praxis in Verbindung mit Kunsttheorie und Gesellschaftskritik waren mein Fundament.

Mike Weisser: 

Wann und wie entscheiden Sie, mit welchen Ausdruckmitteln bzw. in welcher künstlerischen Sparte Sie ein Projekt realisieren?

Mike Weisser:

Mein Ansatz ist immer der Gleiche. Ich bin auf Empfang eingestellt. Meist beginne ich mit dem Sehen, also mit der Fotografie, dann kommt das Hören, also die Klangaufzeichnung. Parallel dazu rieche, schmecke und fühle ich. Es gab ein Hochschul-Seminarprojekt von mir, bei dem ich von einem großen Hotel großzügig gefördert wurde, um in deren Showküche mit den Studierenden internationale „Snacks“ zu kochen. Als eine Versinnlichung in Optik, Geruch und Geschmack haben wir als „the taste of diversity“ das globale Thema „Vielfalt“ umgesetzt und in einem großen Gala-Essen der Hochschule gefeiert. Es war im tiefen Sinn des Wortes ein geschmackvolles Gesamtkunstwerk.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Publikum? Es gibt Menschen, die eher Musik bevorzugen und andere, die eher die visuellen Künste favorisieren …

Mike Weisser: 

Ich arbeite nicht im Hinblick auf ein Publikum, sondern im Hinblick auf ein Thema, das ich als intermediales Werk destilliere und wie ein Destillat als Kunstform präsentiere. Es steht dem Publikum frei, sich diesem Werk anzunähern und es zu erforschen….

Weisser_QR_Info_2015 © Mike Weisser: QR Info 2015, i:Code führt zur Site QR-Informationen

Ist Ihre QR-Code-Kunst vielleicht auch eine Möglichkeit, auditive und visuelle Aspekte miteinander zu verbinden? Bietet diese Hybrid-Kunst die Chance, ein Publikum mit verschiedenen Neigungen bzw. Rezeptionsvorlieben anzusprechen?

Mike Weisser:  

Seit 2007 beschäftige ich mich mit dem QR-Code und der Möglichkeit, dieses digitale Zeichen des 21. Jahrhunderts gestaltend zu verändern und doch seine Funktion der Lesbarkeit als Code zu erhalten. Der QR bietet die faszinierende Tatsache, dass seine bildnerischen Variationen gegen unendlich gehen. Mit dem QR lassen sich also alle Zustände des Universums erfassen. Weiterhin bietet er in seiner dynamischen Erscheinung die Möglichkeit alphanumerische Zeichen zu codieren, die zu Websites führen, auf denen Ereignisse abgerufen werden können.

Der Code führt über seine bildnerische Anmutung hinaus zu Musik, zu Film, zu Rezitation etc. Damit ist er für meine Arbeit ideal als Ausdruckträger und Kommunikator geeignet. Durch seine besonderen Eigenschaften bietet der QR zudem die einmalige Chance, verschiedene Medien zu vernetzen, überall und in allen Formaten präsent zu sein und genutzt zu werden.

Hier sehe ich ganz neue Möglichkeiten für eine intermediale Kunst im öffentlichen Raum oder für HybridBücher oder oder oder… diese Innovationen stehen erst am Anfang und sind in der Lage, Kunst auf überraschende Weise neu in die Öffentlichkeit zu bringen und damit viele Menschen zu erreichen. Dahin gehen meine Experimente.

Wie sind Sie auf das Thema QR-Codes gekommen und dann auf die Idee, dies künstlerisch zu bearbeiten?

Mike Weisser: 

Wie sollte es anders sein ;-))) Im Verlauf einer ästhetischen Feldforschung in den Häfen in Hamburg und Bremen bin ich auf Container mit QR-Codes gestoßen. Da mich generell das Thema „Rauschen“ fasziniert, habe ich im Code die Möglichkeit erkannt, Chaos in Ordnung zu bringen. Vermeintlicher Un-Sinn wird zu Sinn. Erste Experimente haben mich fasziniert, aber sie stießen in der Nutzung an ihre technischen Grenzen. Erst mit der Weiterentwicklung des Smartphones ab 2010 konnte praktisch jedermann den QR nutzen. Der QR-Code wurde befreit von seiner wirtschaftlichen Funktion und frei für die Kunst…

Was fasziniert Sie an QR-Codes und an Hybrid-Kunst?

Mike Weisser: 

Mich reizt die Verbindung bis zur Verschmelzung von Chaos und Ordnung, von Ratio und Emotion und von verschiedenen Anmutungen. Das macht dieses Medium hochkomplex und damit spannend. Darin liegt die Faszination. Und aus dieser Faszination heraus entwickelt sich Neugier am Fremden – dann mache ich mich auf den Weg und beginne mit Experimenten. Meine ersten drei HybridBücher, die das analoge Buch über den QR mit dem digitalen Internet verbinden, brachten Erfahrungen. Danach war es folgerichtig, dass ich mich mit dem vierten Buch dem QR-Code (Quick Response) selbst, seinen Hintergründen und Visionen widme. Hier ging es mir um die „Beschreibung, Geschichte, Technik, Nutzung, Gefahren, Grenzen, Visionen und Ästhetik der schnellen im 21. Jahrhundert“ – wie der Untertitel lautet.

Weisser_QR_Alsion_14 © Mike Weisser: Projekt „Be inspired!“ auf dem Campus der Dänischen Universität Sønderborg, 2014

Worin besteht die besondere Herausforderung, QR-Codes künstlerisch zu gestalten?

Mike Weisser: 

Der QR-Code ist das digitale Metazeichen des 21. Jahrhunderts. Dieses Zeichen in Szene zu setzen fordert heraus. So eine Herausforderung nehme ich gerne an, um Grenzen zu überschreiten und neue Räume zu betreten. Der QR ist faktisch eine Reise an einen fremden Ort, den ich erkunde und erfasse, dessen Elemente ich klassifiziere und mit denen ich spielerisch umgehe, bis meine Gestaltung so weit geht, dass der QR-Code nicht mehr lesbar sondern nur noch rätselhaft-schöne Gestalt ist.

Gibt es neue Ideen, die Sie noch mit QR-Codes realisieren möchten?

Mike Weisser: 

Ja, es gibt einige Optionen, über die denke ich nach, und während ich nachdenke, komme ich auf das neue Stichwort „Denken“ als künstlerisches, kreatives, nicht-lineares, assoziatives Denken. Und so entstand der Titel für ein neues Buch, an dem ich gerade arbeite und über das wir zusammengekommen sind, weil ich Sie und Ihr Projekt „MassivKreativ“ befragt habe (Anmerkung: Das Buch erscheint 2016).

Mein neues Buch lebt von Fragen zum Denken, die ich an Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik stelle. Wie entsteht künstlerisches Denken, was kann es bewirken und wie lässt es sich in andere Wirkungskreise wie Wissenschaft, Wirtschaft und den Lebensalltag transferieren? Das bewegt mich im Moment ;-))))

Vielen Dank für das inspirierende Interview, Herr Weisser!

 

Inspirationstipps:

● Hinweis zu den Bildern: Alle QR-Codes sind optimal zu lesen mit der kostenfreien App: i-nigma (für iOS und Android)

● Buch: Michael Weisser Der|QR|Code – pdf

● Die|QR|Edition @ p.machinery – ein gemeinsames Projekt von p.machinery = Michael Haitel und Michael Weisser: www.dieQRedition.pmachinery.de

● Video zum Projekt QR-ScreenArt, 30 Gedichtrezitation als QR-Morphs, 2015

● Biografie und Werke: www.MikeWeisser.de

Kreativwirtschaft auf Erfolgskurs

229456_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio

Deutschland ist ein Land der Klein- und Kleinstunternehmen. Nur knapp 1 Prozent der Firmen beschäftigt mehr als 250 Mitarbeiter. Rund 93 Prozent von insgesamt 5 Millionen Unternehmen sind Selbstständige, Einzelpersonengesellschaften und Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern. Um das eigene Potential effektiv einzusetzen und die Konkurrenz überschaubar zu halten, muss ein Einzelkämpfer genau überlegen, welche Produkte oder Serviceleistungen er anbietet.

Profilschärfe und Vernetzung
In der Kultur- und Kreativwirtschaft sind 97 % der Akteure Einzelunternehmer und Freiberufler. In einem monopolisierten Markt ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, gehört für sie zum Alltag. Zugleich ist die Vernetzung mit Spezialisten anderer Branchen überlebenswichtig, insbesondere wenn man den Auftragszuschlag für größere Projekte erhalten will. In der Gamesbranche verbinden sich Autoren, Konzepter, Programmierer, Psychologen, Grafik- und Sounddesigner in gemeinsamen Think Tanks. Film-Projekte sind ähnlich vielschichtig angelegt. „Wenn ein Ingenieur oder Programmierer sich mit einem Autor oder Designer verständigt, gibt es zuweilen „Sprachprobleme“, weiß Roland Weiniger, „aber die lassen sich rasch überwinden.“ Als Leiter des gemeinnützigen PIAGET-Instituts in Nürnberg ist Weiniger Experte für branchenübergreifende Projekte. Sein Team überträgt Spielmechanismen auf andere Bereiche, wie Wirtschaft, Gesundheit und lebenslanges Lernen. Wenn es einmal hakt, vermitteln geeignete Intermediäre zwischen den Akteuren, die vor allem kommunikationsstark und sozialkompetent sind.

Erfolgreich trotz kleiner Budgets
Kleinunternehmen haben meist nur überschaubare Budgets. Doch gerade aus der Not der Beschränkung erwachsen alternative, kreative Ideen, etwa in der Arbeitswelt. Coworking Büros von Kreativen hatten ursprünglich den Zweck, Räume und Ressourcen, aber auch Fähigkeiten und Wissen zu teilen. Längst arbeiten auch Unternehmen klassischer Branchen so, weniger aus ökonomischer Motivation heraus, sondern um interdisziplinär an neuen Ideen zu schmieden.

Vordenker für Trends
„Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist immer Vorreiter gewesen, wenn es um neue gesellschaftliche Entwicklungen gegangen ist“, sagt Frank Fischer, Leiter der Initiative „Kultur- und Kreativwirtschaft“ der Bundesregierung, die beim Ministerium für Wirtschaft und Energie angesiedelt ist. Ein bewusster Umgang mit Energie und Ressourcen, nachhaltiges Handeln, Vielfalt und die Kultur des Teilens wurde vor allem von Künstlern in die Gesellschaft hineingetragen. Neue Geschäftmodelle sind daraus entstanden, z. B. Carsharing, Upcyling, neue Wertschöpfungsketten und Branchen wie die Bio-Ökonomie.

Volkswirtschaftliche Fakten
Die Initiative „Kultur- und Kreativwirtschaft“ der Bundesregierung ist im Jahr 2007 angetreten, um der kreativen Branche stärker Gesicht und Gewicht zu geben. Durch innovative Veranstaltungsformate und Wettbewerbe soll auch die klassische Wirtschaft auf neue Kreativunternehmer und innovative Geschäftideen aufmerksam werden. Die volkswirtschaftlichen Daten beeindrucken: „Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist bei der Bruttowertschöpfung vergleichbar mit anderen großen Branchen, wie der Automobilindustrie und der chemischen Industrie“, erklärt Fischer. „Nach dem Monitoring-Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums hat die Branche 2014 einen Gesamtumsatz von 146,3 Mrd. Euro erzielt.“ Ihr Umsatz wächst seit 2009 jährlich um etwa 2,2 %. Die Branche ist vielfältig: Zur Kulturwirtschaft zählen Darstellende Kunst, Musik-, Buch-, Kunst-, Presse- und Architekturmarkt, ebenso Film-, Rundfunk-, und Designwirtschaft, zu den Kreativbranchen der Werbemarkt sowie die Software- und Games-Industrie.

Befruchtungseffekte nutzen
Sogar die EU setzt seit 2012 darauf, die Kreativbranche als Motor für Wachstum und Beschäftigung zu nutzen und will geeignete Projekte unterstützen: ”Durch ihre Schnittstellenposition zwischen Kunst, Wirtschaft und Technologie ist die Kultur- und Kreativwirtschaft dafür prädestiniert, Spillover-Effekte in andere Branchen anzustoßen.“ *
Spillover meint Wechselwirkungen und Übertragungseffekte zwischen verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft: Wirtschaft, Politik, Kultur, Wissenschaft, Stadtentwicklung. Alles soll sich gegenseitig befruchten. Die große Herausforderung, so Frank Fischer, bestehe in nächster Zeit darin, die Kreativen nicht nur untereinander zu vernetzen, sondern sie stärker mit den Branchen der klassischen Wirtschaft zu verbinden. Von der Zusammenarbeit können alle nur profitieren.

Reihe: Von der Kultur- und Kreativwirtschaft zur Nachahmung empfohlen
Gelungene Projekte sprechen für sich: Zukünftig stelle ich Ihnen konkrete Praxisbeispiele vor: interdisziplinäre Innovationsprojekte zwischen Akteuren der Kultur- und Kreativbranche sowie klein- und mittelständischen Untenehmen der klassischen Wirtschaft.
Themen sind: Digitalisierung und Industrie 4.0, Kundenservice, Design und Verpackung, lebenslanges Lernen und Gamification, Produkterweiterung und Unternehmenswandel, Marketing und Außendarstellung, interne und externe Kommunikation, Demografiewandel und Vielfalt, Personalführung, Logistik und Social Media, Nachhaltigkeit und Fehlerkultur.

Schreiben Sie mir, wenn Sie bereits erfolgreiche Vernetzungsprojekte kennen oder selbst daran beteiligt waren. Ich stelle die innovativen, interdisziplinären Vorhaben gerne vor! massivkreativ2015@gmail.com

Quellen und Inspirationstipps:

● Initiative Kultur- und Kreativ-Wirtschaft der Bundesregierung beim BMWi

● Video-Interview mit Frank Fischer, Leiter der Initiative „Kultur- und Kreativwirtschaft“ der Bundesregierung, am 14.7.2015, Autorin: Antje Hinz: www.massivkreativ.de/kreativquoten

PIAGET-Institut Nürnberg, interdisziplinärer Verbund von außeruniversitären Forschungseinrichtungen:

● Monitoring-Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums über die Kultur- und Kreativwirtschaft, 2014

Die Kultur- und Kreativwirtschaft als Motor für Wachstum und Beschäftigung in der EU unterstützen /* COM/2012/0537 final */ – MITTEILUNG DER KOMMISSION AN DAS EUROPÄISCHE PARLAMENT, DEN RAT, DEN EUROPÄISCHEN WIRTSCHAFTS- UND SOZIALAUSSCHUSS UND DEN AUSSCHUSS DER REGIONEN:

Zu diesen interdisziplinären Think Tanks und Kreativ-Netzwerken können Sie Kontakt aufnehmen:

KREATIVE DEUTSCHLAND: überregionales Netzwerk und Plattform, getragen von den Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft, hier finden Sie Kontakte und Ansprechpartner zu regionalen Netzwerken der Kreativbranche

KULTURGILDE: Verband, Interessenvertretung und Plattform für Kreativnetze und Verbundprojekte der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland

BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen. Kreative Nachwuchskräfte erarbeiten unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze

● Das INNOVATIONSLABOR – Virtueller Innovationsinkubator für technologiebasierte Verwertungs- und Geschäftsideen, Projekt von „Der Innovationsstandort e.V.“, koordiniert von der Stadt und der Wirtschaftsförderung Dortmund

Open Innovation: Innovationen fallen nicht vom Himmel

464556_web_R_K_B_by_JMG_pixelio.de © JMG, Pixelio

Wer über Globalisierung und Demografie, Nachhaltigkeit und Vielfalt nachdenkt, kommt automatisch zu der Erkenntnis, dass es ohne „open innovation“, also ohne interdisziplinäre, branchenübergreifende Vernetzung heute nicht mehr geht. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist hier Vorreiter: Architekten lenken bei Bauprojekten um die 20 verschiedenen Gewerke. Im Theater vermitteln Regisseure sogar zwischen 50 verschiedenen Berufsgruppen: Kunst und Marketing, Verwaltung und Organisation, Handwerk und Technik. Vermitteln und Querdenken ist für Akteure der Kreativbranche Tagesgeschäft und erfordert eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz. Davon kann die klassische Wirtschaft profitieren. Künstler kennen keine Routinen, am Anfang steht immer das „weiße Blatt“. Was sie schon geschaffen haben, wird hinterfragt, um Neues schöpfen zu können.

Themenfelder für interdisziplinäre Projekte
Bisherige Kooperationsprojekte zwischen klassischer Wirtschaft und Kultur- und Kreativbranche verliefen vielversprechend – zu Themen wie Industrie 4.0 und Digitalisierung, Design und Produkterweiterung, Marketing und Kommunikation, Logistik und Kundenservice, Strukturwandel und Mitarbeiterführung, Nachhaltigkeit und Diversity. Von den Impulsen der Kreativbranche können Unternehmen nur profitieren und so neue Herausforderungen meistern. Andreas Heyer, Vorsitzender Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen, findet, dass Unternehmen viel zu selten über den Tellerrand schauen: „Ein Absolvent aus der Kulturwirtschaft sieht die IT-Branche aus einem ganz anderen Blickwinkel als eine IT-spezifische Beratungsagentur. Das ist der große Mehrwert, dass hier andere Denkmuster zum Tragen kommen.“

Kreativität ohne Feierabend
Wenn klein- und mittelständische Unternehmer über die Zusammenarbeit mit Künstlern und Kreativen berichten, schwingt immer viel Anerkennung und Begeisterung mit – über die Ernsthaftigkeit und den Biss der Kreativen bei der Bewältigung eines Problems. Kreative schauen nicht auf die Uhr. Sie testen Ideen und Alternativen so lange, bis sie die Herausforderung geknackt haben. Auch wenn sie nicht mehr am Schreibtisch sitzen, suchen sie im Kopf weiter nach Lösungen.

Kontaktanbahnung
Noch sind es meist die Kreativen, die Kontakt zu den Unternehmen suchen, um alternative Denkmuster anzubieten. Doch Kaltakquise ist schwierig. „Man braucht zunächst mal Vertrauen“, bestätigt Geschäftsführer Clemens Kreyenberg von der Kreyenberg GmbH. Bevor er zwei junge Künstlerinnen für eine kreative Intervention zum Thema „Mensch und Maschine“ in seine Firma holte, hatte er sie bei einer Veranstaltung der Initiative „Unternehmen! KulturWirtschaft“ am Nordkolleg Rendsburg kennen gelernt. Beim Stehbuffet war die Sympathie füreinander sofort da.

Begegnungsräume und Berührungsängste
Gebraucht werden Anlässe und Räume, in denen sich Unternehmer und Kreative in ungezwungener Atmosphäre auf Augenhöhe begegnen und austauschen können. Beide Seiten merken dann schnell, wie ähnlich sie sich in vielen Punkten sind: Auch Unternehmer denken und handeln kreativ. Auch Künstler bzw. Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten professionell und zuverlässig.

Yes to Innovation_Robert KesslerRobert Kessler_Yes to Innovation 2 © Robert-Kessler.de

Mit Kunst Bewusstsein für Innovation schaffen
Robert Kessler hat mit seinem Kunstwerk Yes to innovation die Bedeutung von Innovation veranschaulicht – im Auftrag des Unternehmens Roche Diagnositics. Der Standort in Penzberg ist weltweit der einzige, an dem das Unternehmen zugleich Forschung, Entwicklung und Produktion für Diagnostik und Pharma betreibt. Kessler führte viele Gespräche mit Mitarbeitern, um Struktur, Befindlichkeiten und Visionen im Unternehmen zu verstehen. Auf dieser Basis realisierte er „Yes to innovation“ – ein interaktives Kunstwerk, in deren Zentrum eine riesige, runde, begehbare Gleichgewichtsplatte versenkt ist. Oberhalb des Randes sind gegensätzliche Begriffe eingraviert, die Innovation entweder vorantreiben oder behindern: Freiheit, Offenheit und Vertrauen im Gegensatz zu Angst, Abwertung und Misstrauen. Je nachdem, wie viele Menschen auf der Platte stehen und sie austarieren, werden die Begriffe sichtbar. Am Außenradius befindet sich eine halbkreisförmig gebogene schwarze Stahlwand mit kleinen, runden beweglichen Spiegeln. Gemäß der Anzahl der Mitarbeiter im Unternehmen fangen sie das Sonnenlicht ein. Jeder hat hinter seinem Spiegel auf Papier eine persönliche Botschaft hinterlassen und wird somit Teil der neuen Schöpfungsgeschichte im Unternehmen.

Aufruf: Ihr Weg zur Zusammenarbeit mit der Kultur- und Kreativbranche
In jeder Stadt und jeder Region finden Sie Netzwerke und Verbundplattformen von Kreativen. Auch Wirtschaftsförderungen und IHKs kennen geeignete Vermittler bzw. Akteure. Die Wirtschaftsförderungen in Bremen und Dortmund haben für klein- und mittelständische Unternehmen Design- und Innovationslabors initiiert, in denen konkrete unternehmerische Fragestellungen von Kreativ-Teams interdisziplinär bearbeitet werden. Lassen Sie sich bei Ihren Herausforderungen von kreativen Querdenkern unterstützen! Was Sie in Ihrem Unternehmen vielleicht selbst nicht ergründen, entdecken kreative Spezialisten. Gehen Sie mit Vertrauen in den Kollaborationsprozess, haben Sie Mut für offene Ergebnisse.

Sie als Unternehmer können zu diesen interdisziplinären Think Tanks und Kreativ-Netzwerken Kontakt aufnehmen:

● KREATIVE DEUTSCHLAND: überregionales Netzwerk und Plattform, getragen von den Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft, hier finden Sie Kontakte und Ansprechpartner zu regionalen Netzwerken der Kreativbranche: www.kreative-deutschland.de

● KULTURGILDE: Verband, Interessenvertretung und Plattform für Kreativnetze und Verbundprojekte der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland: www.kulturgilde.de

● Das INNOVATIONSLABOR – Virtueller Innovationsinkubator für technologiebasierte Verwertungs- und Geschäftsideen, Projekt von „Der Innovationsstandort e.V.“, koordiniert von der Stadt und der Wirtschaftsförderung Dortmund: www.das-innovationslabor.de

● Das BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen. Kreative Nachwuchskräfte erarbeiten unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze: www.brennerei-lab.de

• Die Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg vermittelt und begleitet Interventionen mit Kreativschaffenden und Künstlern in Unternehmen zu einer konkreten unternehmerischen Fragestellung.

Weitere Quellen und Inspirationstipps:

● Filminterviews zur Künstlerischen Intervention „Mensch und Maschine“ mit Geschäftsleitung, Mitarbeitern und Künstlern bei der Kreyenberg GmbH von Antje Hinz: http://www.massivkreativ.de/mensch-und-maschine-flashmob-bei-der-kreyenberg-gmbh/

● Film über das Kunstwerk „Yes to innovation“ von Robert Kessler: https://www.youtube.com/watch?v=RC61k1ttCzc

● Der US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler Henry William Chesbrough prägte den Begriff „Open Innovation“. Er leitet das Center for Open Innovation, Haas School of Business, University of California, Berkeley. Bücher zum Thema: Open Innovation: The New Imperative for Creating and Profiting from Technology (HBS Press, 2003), Open Business Models: How to Thrive in the New Innovation Landscape (HBS Press, 2006), Open Innovation: Researching a New Paradigm (Oxford, 2006).

Mittler zwischen Unternehmen und Künstler: Intermediäre

Unternehmen und Künstler – passt das zusammen?

Ja, denn die Wirtschaft braucht dringend mehr Kreativität! Es gibt verschiedene Gründe und Motivationen, Wirtschaft und Kunst zusammen zu bringen. Perspektivwechsel braucht jeder. Kommunikation lässt Menschen einander näher kommen. Der Zusammenprall von sehr unterschiedlichen Arbeitskulturen und Tätigkeitsbereichen erweitert den Horizont für das Handeln und Tun des Anderen. Neu erworbenes Wissen und gewonnene Sympathien motivieren. Kreativität beflügelt uns und schafft die Basis für Innovationen.

Wenn die Personal- oder Geschäftsführung eines Unternehmens Probleme oder Defizite diagnostiziert, entsteht daraus eine Fragestellung, die häufig mit Unterstützung von außen näher betrachtet und untersucht werden muss. In der Regel bittet man klassische Unternehmensberater um Hilfe. Eine innovative Alternative sind “Künstlerische Interventionen”, bei denen Unternehmensmitarbeiter und Künstler im Rahmen kreativer Aktionen aufeinander treffen. Damit geeignete Künstler und passende Unternehmen zusammenfinden, engagieren sich sogenannte Intermediäre, z. B. am Nordkolleg Rendsburg.

© Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de

Intermediäre 

Schleswig-Holstein geht voran. In den letzten 12 Monaten haben hier gleich drei regionale Unternehmen eine “künstlerische Intervention” gewagt, unter anderem das Unternehmen Holm & Laue aus Westerrönfeld, das Produkte rund um die Aufzucht und Fütterung von Kälbern entwickelt und vertreibt.

Die Projektbegleitung, das heisst die Vermittlung zwischen Unternehmen und Künstlern, hat das EU-geförderte Projekt “Unternehmen! KulturWirtschaft” vom Nordkolleg Rendsburg übernommen. Die Projektleiterin, Lena Mäusezahl, akquiriert interessierte Unternehmen, wählt passende künstlerische Aktionen aus und schafft einen Rahmen für die neuartige Kooperation. Mäusezahl sieht sich als Mittlerin, als “Intermediär” und ihre Kernkompetenz darin, “ein passendes Matching und eine gute Prozessbegleitung zu gewährleisten. Jede Intervention ist auf eine individuelle Fragestellung ausgerichtet und wird maßgeschneidert. Standard-Rezepte und -formate gibt es für die Interventionen nicht.”

Pink it up!: Vernetzungen und Verstrickungen

Das Team von “Unternehmen! KulturWirtschaft” hat sogar eine Intervention im Selbstversuch gewagt. Gemeinsam mit der Künstlerin Inga Momsen ging es darum, das eigene Tun unter die Lupe zu nehmen, Handeln und Prozesse zu reflektieren und zu verstehen, wie Netzwerke, Verbindungen und Verstrickungen entstehen. Transportmittel, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, sind pinkfarbene Maurerschnüre, die in der künstlerischen Arbeit von Inga Momsen eine wichtige Rolle spielen.

© MassivKreativ

Zwischen Kultur und Wirtschaft

Lena Mäusezahl kennt beide Welten, Wirtschaft und Kultur. Nach einer Ausbildung zur Industriekauffrau hat sie an diversen europäischen Hochschulen studiert: internationale Betriebswirtschaft, Freizeitmanagement sowie “European Urban Cultures”. Ihre Lieblingsschnittstelle bearbeitet sie am Nordkolleg bei der Initiative “Unternehmen! KulturWirtschaft” seit 2009.

© Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de

Vier Blickwinkel

Mit der Einbindung kreativer und kommunikativer Prozesse in Unternehmen beschäftigen sich nicht nur Vermittler, Unternehmer und Künstler, sondern auch Wissenschaftler. Die Ergebnisse künstlerischer Interventionen sollen dokumentiert und erforscht werden. Ariane Berthoin Antal und Anke Strauß vom WZB, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung forschen international zum Thema “künstlerische Interventionen in Organisationen” und sorgen für die Evaluierung.

Die Wissenschaftler initiieren im Verlauf der Projekte mehrere Befragungen der beteiligten Akteure: Mitarbeiter, Künstler, Personal- und Geschäftsführung, Intermediär: “Wir interessieren uns sowohl für die Erfahrungen, die während der Intervention gemacht werden”, erklärt Strauß, “als auch für Auswirkungen, die sich erst später am Arbeitsplatz ergeben, wie zum Beispiel veränderte Sicht- und Herangehensweisen, neue Einfälle oder eine Erweiterung des professionellen Netzwerks. Jeder Fall ist einzigartig, deshalb ist es immer wieder faszinierend zu beobachten, was die TeilnehmerInnen im Prozess entdecken.”

Quellen und Inspirationstipps:

• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg

Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Verschiedene Artikel über Künstlerische Interventionen.

Pure Fruit – Zeichenkollektiv von vier freiberuflichen Illustratoren, Tim Eckhorst, Gregor Hinz, Franziska Ludwig und Volker Sponholz. Sie realisieren vielseitige Zeichenprojekte, geben das gleichnamige, kostenlose Comic- und Illustrationsmagazin „purefruit“ heraus und gehen für kunstbasierte Interventionen in Unternehmen.
Einen Film über den Workshop von Pure Fruit im Unternehmen finden Sie unter diesen Tipps.

Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Medienbeiträge über verschiedene Künstlerische Interventionen