Rundum-Sorglos-Pakete mit mehr Kundenservice

415692_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio.de

Wer neue Märkte erobern will, sollte nicht nur seine Produkte erweitern, sondern den Service gleich mitdenken. Im Trend liegen Rundum-Sorglos-Pakete und individualisierte Angebote, die den Kunden zum König machen. Wer die Bedürfnisse seiner Käufer im Blick hat und ihre speziellen Wünsche berücksichtigt, verschafft sich Luft gegenüber Konkurrenten.

Der Ditzinger Konzern Trumpf liefert Baumaschinen und die passende Software gleich mit dazu sowie Kurse für die richtige Bedienung. Alles aus einer Hand zu erhalten, ist zeitsparend, effizient und nachhaltig. Es sichert Kundenbindung und Vertrauen. Es muss nicht immer um Produkte oder Technik gehen. Manchmal ist es sinnvoll, gezielt den Kundenservice in den Fokus zu nehmen und das Ohr ganz dicht an den Vorstellungen oder den Problemen der Nutzer und Käufer zu haben.

427401_web_R_K_B_by_Viktor Mildenberger_pixelio.de © Viktor Mildenberger, Pixelio.de

MyBoshi: Stricken und Häkeln in der Community
Dass sich Kunden neben Produkten auch Service wünschen, haben Thomas Jaenisch und Felix Rohland aus dem oberfränkischen Hof schnell verstanden. Beim Skilaufen in Japan kam den beiden Freuden 2009 die Idee, trendige Mützen zu häkeln, japanisch: Boshi. Zunächst häkelten sie selbst. Die Nachfrage nach individuell gestalteten Modellen wurde so groß, dass sie sich Unterstützung suchen mussten. Sie fragten die, die sich mit dem Häkeln naturgemäß auskennen: Omas. Heute beschäftigen die Jungunternehmer etwa 30 Renterinnen, die sich so ihre Pension aufstocken. 80.000 Mützen haben die MyBoshi-Gründer bislang verkauft.

677552_web_R_K_B_by_Petra Bork_pixelio.de © Petra Bork, Pixelio.de

Neben gestrickten und gehäkelten Mützen bieten sie auch Schals, Taschen und Deko-Artikel an sowie – wegen wachsender Nachfrage nach Material und Designs – inzwischen auch Komplett-Sets: Wolle, Häkelnadeln, Anleitungen. Geliefert wird in 15 verschiedene Länder. Die anfängliche Geschäftsidee des Mützenverkaufs erweiterte sich in eine Do-It-Yourself-Ideenplattform rund ums Häkeln und Stricken. Grundanleitungen werden auf der Website gratis geliefert, auf youtube gibt es kleine Film-Tutorials. Für weitere Details werden Bücher verkauft, sogar in verschiedenen Sprachen. Prominente zeigen sich auf der Website und in sozialen Netzwerken gern mit den trendigen Kopfbedeckungen. Empfehlungsmarketing wie man es sich kaum besser wünscht.
Was lässt sich davon lernen? Es ist ratsam, den Service vom Anfang bis zum Ende zu denken.

682496_web_R_K_B_by_Dirk Kruse_pixelio.de © Dirk Kruse, Pixelio.de

Individualisierung des Konsums

Die Akteure der Do-it-yourself- und Makerspace-Kultur gehen direkt auf individuelle Wünsche der Community ein. Mit einem 3D-Drucker zaubert funky3Dfaces ein dreidimensionales Abbild des eigenen Kopfes für die Lego-Figur und  Namensschriftzüge werden in Fruchtgummimasse verewigt. Jeder erhält genau das, was er sich wünscht. Mit dieser Idee sind einst auch die Macher von MyMuesli angetreten. Kunden können sich die einzelnen Zutaten für ihre Müsli-Kreationen individuell und portionsweise zusammenstellen. Das einstige Start-Up, das 2007 von drei Studenten gegründet wurde, beschäftigt heute bereits mehr als 300 Mitarbeiter, davon rund 150 Mitarbeiter in Passau und Umgebung.

mymuesli.de_DieJungs© mymuesli.com die Gründer (v.l.): Philipp Kraiss, Max Wittrock und Hubertus Bessau

Sichtbarkeit für Kundenservice

Im Rahmen von BRENNEREI next generation lab sind es junge Absolventen, die frischen Wind in unternehmerische Fragen bringen. Das Stipendiatenprogramm der Wirtschaftsförderung Bremen ist ein Think Tank. Er bringt Wirtschaft und Kreative zusammen. Die Firma HEC Software z. B. wollte herausfinden, wie sie ihren Dienstleistungen für IT- und Softwarelösungen mehr Sichtbarkeit beim Kunden geben kann.

Tastatur_Antje Hinz329323_web_R_K_B_by_A.Dreher_pixelio.de © A. Dreher, Pixelio.de

In den kreativen Prozess wurden Angestellte und Geschäftsleitung einbezogen und ausführlich befragt. Die SWOT-Analyse (Strengths=Stärken/ Weaknesses=Schwächen, Opportunities = Chancen, Threats=Gefahren) brachte wichtige rationale Erkenntnisse, weitere kreative Methoden rückten emotionale Aspekte in den Mittelpunkt. Das interdisziplinäre Team aus Autoren, Grafikern, Psychologen und Kommunikationsdesignern gab didaktische Hinweise, wie die Softwarefirma ihre Kompetenzen und Unternehmenswerte klarer formulieren sollte und entwickelte ideenreiches Material für die Außendarstellung.

Produktrückruf_Antje Hinz365766_web_R_K_B_by_Kurt Michel_pixelio.de © Kurt Michel, Pixelio.de

Krisenmanagement bei Rückrufaktionen
In einem anderen Projekt der BRENNEREI haben Stipendiaten das Thema Verbraucherschutz bearbeitet. Ziel war es, bei einem Produktrückruf die Kommunikation zwischen Unternehmen, Verbrauchern und Behörden zu verbessern. In Kooperation mit dem Software-Unternehmen „consider it GmbH“ wurde der Prototyp für eine übergreifende Internet-Plattform entwickelt, um einen informativen und hilfreichen Austausch zwischen Herstellern und Konsumenten zu ermöglichen. Als praktische Gebrauchsanleitung produzierten die Stipendiaten einen Erklärtrickfilm.

Inspirationstipps:

MyBoshi: Do-It-Yourself Ideenshop rund ums Häkeln und Stricken

MyMuesli: Unternehmensgeschichte – Wie alles begann

● Das BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen. Kreative Nachwuchskräfte erarbeiten unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze.

Kreativwirtschaft auf Erfolgskurs

229456_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio

Deutschland ist ein Land der Klein- und Kleinstunternehmen. Nur knapp 1 Prozent der Firmen beschäftigt mehr als 250 Mitarbeiter. Rund 93 Prozent von insgesamt 5 Millionen Unternehmen sind Selbstständige, Einzelpersonengesellschaften und Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern. Um das eigene Potential effektiv einzusetzen und die Konkurrenz überschaubar zu halten, muss ein Einzelkämpfer genau überlegen, welche Produkte oder Serviceleistungen er anbietet.

Profilschärfe und Vernetzung
In der Kultur- und Kreativwirtschaft sind 97 % der Akteure Einzelunternehmer und Freiberufler. In einem monopolisierten Markt ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, gehört für sie zum Alltag. Zugleich ist die Vernetzung mit Spezialisten anderer Branchen überlebenswichtig, insbesondere wenn man den Auftragszuschlag für größere Projekte erhalten will. In der Gamesbranche verbinden sich Autoren, Konzepter, Programmierer, Psychologen, Grafik- und Sounddesigner in gemeinsamen Think Tanks. Film-Projekte sind ähnlich vielschichtig angelegt. „Wenn ein Ingenieur oder Programmierer sich mit einem Autor oder Designer verständigt, gibt es zuweilen „Sprachprobleme“, weiß Roland Weiniger, „aber die lassen sich rasch überwinden.“ Als Leiter des gemeinnützigen PIAGET-Instituts in Nürnberg ist Weiniger Experte für branchenübergreifende Projekte. Sein Team überträgt Spielmechanismen auf andere Bereiche, wie Wirtschaft, Gesundheit und lebenslanges Lernen. Wenn es einmal hakt, vermitteln geeignete Intermediäre zwischen den Akteuren, die vor allem kommunikationsstark und sozialkompetent sind.

Erfolgreich trotz kleiner Budgets
Kleinunternehmen haben meist nur überschaubare Budgets. Doch gerade aus der Not der Beschränkung erwachsen alternative, kreative Ideen, etwa in der Arbeitswelt. Coworking Büros von Kreativen hatten ursprünglich den Zweck, Räume und Ressourcen, aber auch Fähigkeiten und Wissen zu teilen. Längst arbeiten auch Unternehmen klassischer Branchen so, weniger aus ökonomischer Motivation heraus, sondern um interdisziplinär an neuen Ideen zu schmieden.

Vordenker für Trends
„Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist immer Vorreiter gewesen, wenn es um neue gesellschaftliche Entwicklungen gegangen ist“, sagt Frank Fischer, Leiter der Initiative „Kultur- und Kreativwirtschaft“ der Bundesregierung, die beim Ministerium für Wirtschaft und Energie angesiedelt ist. Ein bewusster Umgang mit Energie und Ressourcen, nachhaltiges Handeln, Vielfalt und die Kultur des Teilens wurde vor allem von Künstlern in die Gesellschaft hineingetragen. Neue Geschäftmodelle sind daraus entstanden, z. B. Carsharing, Upcyling, neue Wertschöpfungsketten und Branchen wie die Bio-Ökonomie.

Volkswirtschaftliche Fakten
Die Initiative „Kultur- und Kreativwirtschaft“ der Bundesregierung ist im Jahr 2007 angetreten, um der kreativen Branche stärker Gesicht und Gewicht zu geben. Durch innovative Veranstaltungsformate und Wettbewerbe soll auch die klassische Wirtschaft auf neue Kreativunternehmer und innovative Geschäftideen aufmerksam werden. Die volkswirtschaftlichen Daten beeindrucken: „Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist bei der Bruttowertschöpfung vergleichbar mit anderen großen Branchen, wie der Automobilindustrie und der chemischen Industrie“, erklärt Fischer. „Nach dem Monitoring-Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums hat die Branche 2014 einen Gesamtumsatz von 146,3 Mrd. Euro erzielt.“ Ihr Umsatz wächst seit 2009 jährlich um etwa 2,2 %. Die Branche ist vielfältig: Zur Kulturwirtschaft zählen Darstellende Kunst, Musik-, Buch-, Kunst-, Presse- und Architekturmarkt, ebenso Film-, Rundfunk-, und Designwirtschaft, zu den Kreativbranchen der Werbemarkt sowie die Software- und Games-Industrie.

Befruchtungseffekte nutzen
Sogar die EU setzt seit 2012 darauf, die Kreativbranche als Motor für Wachstum und Beschäftigung zu nutzen und will geeignete Projekte unterstützen: ”Durch ihre Schnittstellenposition zwischen Kunst, Wirtschaft und Technologie ist die Kultur- und Kreativwirtschaft dafür prädestiniert, Spillover-Effekte in andere Branchen anzustoßen.“ *
Spillover meint Wechselwirkungen und Übertragungseffekte zwischen verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft: Wirtschaft, Politik, Kultur, Wissenschaft, Stadtentwicklung. Alles soll sich gegenseitig befruchten. Die große Herausforderung, so Frank Fischer, bestehe in nächster Zeit darin, die Kreativen nicht nur untereinander zu vernetzen, sondern sie stärker mit den Branchen der klassischen Wirtschaft zu verbinden. Von der Zusammenarbeit können alle nur profitieren.

Reihe: Von der Kultur- und Kreativwirtschaft zur Nachahmung empfohlen
Gelungene Projekte sprechen für sich: Zukünftig stelle ich Ihnen konkrete Praxisbeispiele vor: interdisziplinäre Innovationsprojekte zwischen Akteuren der Kultur- und Kreativbranche sowie klein- und mittelständischen Untenehmen der klassischen Wirtschaft.
Themen sind: Digitalisierung und Industrie 4.0, Kundenservice, Design und Verpackung, lebenslanges Lernen und Gamification, Produkterweiterung und Unternehmenswandel, Marketing und Außendarstellung, interne und externe Kommunikation, Demografiewandel und Vielfalt, Personalführung, Logistik und Social Media, Nachhaltigkeit und Fehlerkultur.

Schreiben Sie mir, wenn Sie bereits erfolgreiche Vernetzungsprojekte kennen oder selbst daran beteiligt waren. Ich stelle die innovativen, interdisziplinären Vorhaben gerne vor! massivkreativ2015@gmail.com

Quellen und Inspirationstipps:

● Initiative Kultur- und Kreativ-Wirtschaft der Bundesregierung beim BMWi

● Video-Interview mit Frank Fischer, Leiter der Initiative „Kultur- und Kreativwirtschaft“ der Bundesregierung, am 14.7.2015, Autorin: Antje Hinz: www.massivkreativ.de/kreativquoten

PIAGET-Institut Nürnberg, interdisziplinärer Verbund von außeruniversitären Forschungseinrichtungen:

● Monitoring-Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums über die Kultur- und Kreativwirtschaft, 2014

Die Kultur- und Kreativwirtschaft als Motor für Wachstum und Beschäftigung in der EU unterstützen /* COM/2012/0537 final */ – MITTEILUNG DER KOMMISSION AN DAS EUROPÄISCHE PARLAMENT, DEN RAT, DEN EUROPÄISCHEN WIRTSCHAFTS- UND SOZIALAUSSCHUSS UND DEN AUSSCHUSS DER REGIONEN:

Zu diesen interdisziplinären Think Tanks und Kreativ-Netzwerken können Sie Kontakt aufnehmen:

KREATIVE DEUTSCHLAND: überregionales Netzwerk und Plattform, getragen von den Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft, hier finden Sie Kontakte und Ansprechpartner zu regionalen Netzwerken der Kreativbranche

KULTURGILDE: Verband, Interessenvertretung und Plattform für Kreativnetze und Verbundprojekte der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland

BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen. Kreative Nachwuchskräfte erarbeiten unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze

● Das INNOVATIONSLABOR – Virtueller Innovationsinkubator für technologiebasierte Verwertungs- und Geschäftsideen, Projekt von „Der Innovationsstandort e.V.“, koordiniert von der Stadt und der Wirtschaftsförderung Dortmund

Open Innovation: Innovationen fallen nicht vom Himmel

464556_web_R_K_B_by_JMG_pixelio.de © JMG, Pixelio

Wer über Globalisierung und Demografie, Nachhaltigkeit und Vielfalt nachdenkt, kommt automatisch zu der Erkenntnis, dass es ohne „open innovation“, also ohne interdisziplinäre, branchenübergreifende Vernetzung heute nicht mehr geht. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist hier Vorreiter: Architekten lenken bei Bauprojekten um die 20 verschiedenen Gewerke. Im Theater vermitteln Regisseure sogar zwischen 50 verschiedenen Berufsgruppen: Kunst und Marketing, Verwaltung und Organisation, Handwerk und Technik. Vermitteln und Querdenken ist für Akteure der Kreativbranche Tagesgeschäft und erfordert eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz. Davon kann die klassische Wirtschaft profitieren. Künstler kennen keine Routinen, am Anfang steht immer das „weiße Blatt“. Was sie schon geschaffen haben, wird hinterfragt, um Neues schöpfen zu können.

Themenfelder für interdisziplinäre Projekte
Bisherige Kooperationsprojekte zwischen klassischer Wirtschaft und Kultur- und Kreativbranche verliefen vielversprechend – zu Themen wie Industrie 4.0 und Digitalisierung, Design und Produkterweiterung, Marketing und Kommunikation, Logistik und Kundenservice, Strukturwandel und Mitarbeiterführung, Nachhaltigkeit und Diversity. Von den Impulsen der Kreativbranche können Unternehmen nur profitieren und so neue Herausforderungen meistern. Andreas Heyer, Vorsitzender Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen, findet, dass Unternehmen viel zu selten über den Tellerrand schauen: „Ein Absolvent aus der Kulturwirtschaft sieht die IT-Branche aus einem ganz anderen Blickwinkel als eine IT-spezifische Beratungsagentur. Das ist der große Mehrwert, dass hier andere Denkmuster zum Tragen kommen.“

Kreativität ohne Feierabend
Wenn klein- und mittelständische Unternehmer über die Zusammenarbeit mit Künstlern und Kreativen berichten, schwingt immer viel Anerkennung und Begeisterung mit – über die Ernsthaftigkeit und den Biss der Kreativen bei der Bewältigung eines Problems. Kreative schauen nicht auf die Uhr. Sie testen Ideen und Alternativen so lange, bis sie die Herausforderung geknackt haben. Auch wenn sie nicht mehr am Schreibtisch sitzen, suchen sie im Kopf weiter nach Lösungen.

Kontaktanbahnung
Noch sind es meist die Kreativen, die Kontakt zu den Unternehmen suchen, um alternative Denkmuster anzubieten. Doch Kaltakquise ist schwierig. „Man braucht zunächst mal Vertrauen“, bestätigt Geschäftsführer Clemens Kreyenberg von der Kreyenberg GmbH. Bevor er zwei junge Künstlerinnen für eine kreative Intervention zum Thema „Mensch und Maschine“ in seine Firma holte, hatte er sie bei einer Veranstaltung der Initiative „Unternehmen! KulturWirtschaft“ am Nordkolleg Rendsburg kennen gelernt. Beim Stehbuffet war die Sympathie füreinander sofort da.

Begegnungsräume und Berührungsängste
Gebraucht werden Anlässe und Räume, in denen sich Unternehmer und Kreative in ungezwungener Atmosphäre auf Augenhöhe begegnen und austauschen können. Beide Seiten merken dann schnell, wie ähnlich sie sich in vielen Punkten sind: Auch Unternehmer denken und handeln kreativ. Auch Künstler bzw. Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten professionell und zuverlässig.

Yes to Innovation_Robert KesslerRobert Kessler_Yes to Innovation 2 © Robert-Kessler.de

Mit Kunst Bewusstsein für Innovation schaffen
Robert Kessler hat mit seinem Kunstwerk Yes to innovation die Bedeutung von Innovation veranschaulicht – im Auftrag des Unternehmens Roche Diagnositics. Der Standort in Penzberg ist weltweit der einzige, an dem das Unternehmen zugleich Forschung, Entwicklung und Produktion für Diagnostik und Pharma betreibt. Kessler führte viele Gespräche mit Mitarbeitern, um Struktur, Befindlichkeiten und Visionen im Unternehmen zu verstehen. Auf dieser Basis realisierte er „Yes to innovation“ – ein interaktives Kunstwerk, in deren Zentrum eine riesige, runde, begehbare Gleichgewichtsplatte versenkt ist. Oberhalb des Randes sind gegensätzliche Begriffe eingraviert, die Innovation entweder vorantreiben oder behindern: Freiheit, Offenheit und Vertrauen im Gegensatz zu Angst, Abwertung und Misstrauen. Je nachdem, wie viele Menschen auf der Platte stehen und sie austarieren, werden die Begriffe sichtbar. Am Außenradius befindet sich eine halbkreisförmig gebogene schwarze Stahlwand mit kleinen, runden beweglichen Spiegeln. Gemäß der Anzahl der Mitarbeiter im Unternehmen fangen sie das Sonnenlicht ein. Jeder hat hinter seinem Spiegel auf Papier eine persönliche Botschaft hinterlassen und wird somit Teil der neuen Schöpfungsgeschichte im Unternehmen.

Aufruf: Ihr Weg zur Zusammenarbeit mit der Kultur- und Kreativbranche
In jeder Stadt und jeder Region finden Sie Netzwerke und Verbundplattformen von Kreativen. Auch Wirtschaftsförderungen und IHKs kennen geeignete Vermittler bzw. Akteure. Die Wirtschaftsförderungen in Bremen und Dortmund haben für klein- und mittelständische Unternehmen Design- und Innovationslabors initiiert, in denen konkrete unternehmerische Fragestellungen von Kreativ-Teams interdisziplinär bearbeitet werden. Lassen Sie sich bei Ihren Herausforderungen von kreativen Querdenkern unterstützen! Was Sie in Ihrem Unternehmen vielleicht selbst nicht ergründen, entdecken kreative Spezialisten. Gehen Sie mit Vertrauen in den Kollaborationsprozess, haben Sie Mut für offene Ergebnisse.

Sie als Unternehmer können zu diesen interdisziplinären Think Tanks und Kreativ-Netzwerken Kontakt aufnehmen:

● KREATIVE DEUTSCHLAND: überregionales Netzwerk und Plattform, getragen von den Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft, hier finden Sie Kontakte und Ansprechpartner zu regionalen Netzwerken der Kreativbranche: www.kreative-deutschland.de

● KULTURGILDE: Verband, Interessenvertretung und Plattform für Kreativnetze und Verbundprojekte der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland: www.kulturgilde.de

● Das INNOVATIONSLABOR – Virtueller Innovationsinkubator für technologiebasierte Verwertungs- und Geschäftsideen, Projekt von „Der Innovationsstandort e.V.“, koordiniert von der Stadt und der Wirtschaftsförderung Dortmund: www.das-innovationslabor.de

● Das BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen. Kreative Nachwuchskräfte erarbeiten unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze: www.brennerei-lab.de

• Die Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg vermittelt und begleitet Interventionen mit Kreativschaffenden und Künstlern in Unternehmen zu einer konkreten unternehmerischen Fragestellung.

Weitere Quellen und Inspirationstipps:

● Filminterviews zur Künstlerischen Intervention „Mensch und Maschine“ mit Geschäftsleitung, Mitarbeitern und Künstlern bei der Kreyenberg GmbH von Antje Hinz: http://www.massivkreativ.de/mensch-und-maschine-flashmob-bei-der-kreyenberg-gmbh/

● Film über das Kunstwerk „Yes to innovation“ von Robert Kessler: https://www.youtube.com/watch?v=RC61k1ttCzc

● Der US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler Henry William Chesbrough prägte den Begriff „Open Innovation“. Er leitet das Center for Open Innovation, Haas School of Business, University of California, Berkeley. Bücher zum Thema: Open Innovation: The New Imperative for Creating and Profiting from Technology (HBS Press, 2003), Open Business Models: How to Thrive in the New Innovation Landscape (HBS Press, 2006), Open Innovation: Researching a New Paradigm (Oxford, 2006).

Was Unternehmen von der Hanse lernen können

Hanse-Hörbuch: Geschichte und Kultur © Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag

Der mittelalterliche Hansebund glänzte mit genau den Eigenschaften, die heute Start-up-Firmen erfolgreich machen. Unternehmen können daher vom historischen Bund eine Menge lernen: über Innovationen, Partnerschaften und Vertrauen ebenso wie über das Scheitern.

Sie war ein loser Zusammenschluss von Kaufleuten, dezentral organisiert und offen für jedermann: die Hanse. Gemeinsame Ziele führten Händler aus etwa 200 Städten zu der Interessengemeinschaft zusammen. Sie wünschten sich für ihre Handelsgeschäfte über Ländergrenzen hinweg mehr Sicherheit, vor allem in rechtlichen Fragen. Kaufleute des Hansebundes erlangten an wichtigen Handelsplätzen im Ausland das Recht, Lager- und Verkaufshallen anzulegen, so genannte Kontore: in London (“Stalhof”), in Bergen (“Deutsche Brücke”), in Nowgorod (“Petershof”) und in Brügge.

Freiheit und Offenheit bildeten die wichtigsten Grundpfeiler des Bundes. Strukturen wurden nur in dem Umfang geschaffen und zugelassen, wie sie unbedingt nötig waren, um erfolgreichen Handel und Wandel zu gewährleisten. Aufwand und Kosten für die Organisation, das Sammeln von Informationen und die Abwicklung von Transaktionen sollten überschaubar bleiben, um gegenüber Konkurrenten die Nase vorn zu haben.

Partnerschaften eingehen

Schlank, flexibel, beherzt und vertrauensvoll – der Hansebund glänzte mit genau den Eigenschaften, die heute Start-up-Firmen erfolgreich machen. Sie folgen einer (Projekt-)Idee und wachsen so, wie es die Realisierung der Idee erfordert.

Start-ups gehen häufiger als gestandene Unternehmen Partnerschaften und Kooperationen ein, um die eigene geschäftliche Nische mit Experten anderer Spezialbereiche zu erweitern. So holen sie sich neue Impulse. Akteure von Netzwerken können sich im Idealfall gegenseitig beflügeln und den Horizont erweitern.

In einer hoch spezialisierten Welt ist es sinnvoll, nicht alle Felder selbst zu bedienen und dabei vielleicht nur Mittelmaß liefern zu können. Sinnvoller ist es, sich auf Kernkompetenzen zu konzentrieren und damit Spitzenleistungen zu erbringen. Das macht auch das Überleben am Markt leichter.

Ressourcen teilen

Kooperationen und Netzwerke können wirtschaftlich schlank agieren, wenn sie Ressourcen teilen: Personal, Räumlichkeiten, Arbeitsmittel und Wissen! Auf diese Weise können Startups sogar das Scheitern eines Projektes verkraften, weil sich die eingesetzten Mittel in Grenzen halten.

Auch die historischen Hanseaten haben durch Risikostreuung eventuelle Schäden begrenzt: Um bei einem Sturm oder Überfall durch Piraten nicht alle Waren auf einmal zu verlieren, verteilten sie ihre Güter auf mehrere Schiffe. Auf diese Weise entstanden die ersten Schiffsbeteiligungen.

Den Partnern vertrauen

Auch das lässt sich vom Hansebund lernen: Partnerschaften erfordern Vertrauen und Zuversicht. Die Zukunft ist nicht vorhersehbar! Daher sollten Partner ergebnisoffen, kreativ und flexibel bleiben, falls sich das gemeinsame Projekt in eine andere Richtung bewegt. Es kommt auf die Perspektive und die innere Einstellung an: Werden Zufälle und unerwartete Ereignisse zugelassen? Bieten sie die Chance, Projekte innovativ zu transformieren?

Nicht alles muss von A bis Z durchgeplant werden. Auch ungewisse Ideen und Konzepte lassen sich zwischen vertrauensvoll agierenden Partnern durch schlanke Vereinbarungen absichern, was gerade anfangs eine „psychologische“ Stütze sein kann.

Bürokratie vermeiden

Der historische Hansebund hat über 400 Jahre Wirtschaft, Handel und Politik mitbestimmt und mitgestaltet, bis er Mitte des 17. Jahrhunderts an Bedeutung verlor. Was einst mit Offenheit und Gleichberechtigung begann, endete mit Bürokratie, Misstrauen und Abschottung. Immer mehr Vorschriften zur Vereinheitlichung des Handels führten zu gegensätzlichen Meinungen und Konflikten zwischen einzelnen Mitgliedern und der inzwischen zentralen Geschäftsführung in Lübeck. Sie organisierte die regelmäßigen Zusammenkünfte bei den Hansetagen. Wer sich gegen die Zentralisierung des Hansebundes äußerte und andere Interessen verfolgte, dem wurde fortan die Mitgliedschaft verwehrt.

Standards und Regeln sind bis zu einem gewissen Grad notwendig und sinnvoll. Wenn sie einem Netzwerk oder Unternehmen jedoch hierarchisch und bürokratisch übergestülpt werden, lähmen sie Entwicklung und Fortkommen. Wenn sich Trends verändern, Absatzzahlen für Produkte zurückgehen und Gewinne schmelzen, reagieren Firmenzentralen oft mit Kontrolle und sinnlosen Vorschriften. Statt kreative Lösungsansätze für Probleme zu finden, werden strenge Vorgaben gemacht. Die Mitarbeiter fühlen sich übergangen und reagieren demotiviert, weil Entscheidungsfreiheit eingeschränkt und Kreativität erstickt werden.

Soziale Beziehungen pflegen

Der über 400 Jahre währende Erfolg der historischen Hanse stützte sich nicht nur auf einen ökonomischen Austausch. Seine Mitglieder pflegten in ihrem Netzwerk enge soziale Beziehungen, eine gemeinsame Kommunikation und Kultur.

Neben üblichen Handelsgütern wurden daher auch Kunstobjekte aus dem Ausland mitgebracht – darauf gründet sich der Bestand vieler Völkerkundemuseen. Ihre Gewinne haben die Kaufleute nicht nur in neue Waren und Geschäfte investiert, sondern auch in soziale Projekte in ihren Heimatorten, in den Bau von Kirchen, in Auftragswerke für Kunst und Musik. Die Hanseaten handelten sowohl regional als auch überregional.

Die Hanse-Idee in der Gegenwart

Dieser ursprüngliche Geist der Hanse wurde 1980 im niederländischen Zwolle wiederbelebt. Fast 200 Städte aus 16 Ländern fanden sich seitdem in der hanse.org zusammen, um den verbindenden Gedanken in die Neuzeit zu tragen. Gemeinsame wirtschaftliche Unternehmungen werden ebenso geplant und gewagt wie Aktivitäten in Wissenschaft und Kultur, in der Jugendarbeit, im Tourismus und im Umweltschutz. Angetrieben von gegenseitigem Vertrauen und Freude an der Begegnung engagieren sich die Akteure ohne Berührungsängste und ohne politischen Auftrag.

Die Hanse als Vorbild

Ob Menschen in Netzwerken oder Unternehmen aus sich selbst heraus verantwortlich handeln, hängt vor allem davon ab, ob sie genügend Freiraum erhalten. Insofern ist der historische Hansebund bis heute Vorbild: in seinem mutigen, bürgerlichen Selbstverständnis und in seinem stetigen Abwägen zwischen Vertrauen, Eigeninteressen und Gemeinwohl.

So wie es Heinrich Geffcken 1844 formulierte und dichtete, der Präses der Hamburger Commerz-Deputation, nachzulesen auf einer Votivtafel im Treppenaufgang der Handelskammer Hamburg, die von Nikolaus W. Schues gestiftet wurde, dem Inhaber der Reederei F. Laeisz und Präses der Handelskammer 1996-2002:

„Habt Ihr Gutes gewirkt, zu dem Guten komme das Schöne,
Ehrt freigiebig die Kunst, wahrlich Ihr ehret Euch selbst!
Königlich nenn ich den Kaufmann, der nicht mit klingendem Gold nur,
Der durch Leben und Geist Schönes befördert und schützt.
Auf denn! Die Schranken sind offen: das Nützliche, Gute und Schöne
Sei wetteifernder Kraft froh zu erstrebendes Ziel!“

Von der Hanse lernen: Die Top 7-Bedingungen für den Erfolg von Netzwerken

Vertrauen:
Vertrauen ist die wichtigste Grundlage für eine Partnerschaft auf Augenhöhe.

Spezialisierung:
Man kann nicht alle Bereiche abdecken. Allrounder laufen Gefahr, nur Mittelmaß abzuliefern und sich in der Vielzahl zu verzetteln. Was man selbst nicht beherrscht, können Partner innerhalb des Netzwerkes besser abdecken. Kernkompetenzen ermitteln und darauf fokussieren!

Offenheit:
Neue Partner können Projekten völlig unerwartete Impulse geben und neue Kontakte eröffnen. Wer immer nur auf bekannte Partner setzt, kann seinen Horizont nicht erweitern.

Ressourcen:
Alles, was man nicht durchgängig braucht, kann geteilt werden: Personal, Räumlichkeiten, Arbeitsmittel und Wissen! So lässt sich viel Geld sparen.

Strukturen:
So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Zu viele Regelungen lähmen Entwicklung und Fortkommen. Der Rahmen für das gemeinsame Netzwerk lässt sich auch in knappen Vereinbarungen festlegen.

Flexibilität:
Wenn sich Projekte in eine unerwartete Richtung bewegt, sollte dies als Chance begriffen werden. Ungeplante, zufällige Entdeckungen haben nicht selten zu Innovationen geführt. Kreativität und intrinsische Motivation gedeihen dort, wo es Freiraum gibt und nicht alles genau durchgeplant ist.

Gleichberechtigung:
Verschiedene Partner engagieren sich nur dann mit voller Kraft in einem Netzwerk, wenn sie ebenbürtig agieren können. Am Ende muss die Mischung stimmen – zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl.

Inspirationstipps:

• Sibylle Hoffmann: Das Hanse-Hörbuch – Geschichte und Kultur, Silberfuchs-Verlag 2013. (Hörproben)
• Margrit Schulte Beerbühl: Das Netzwerk der Hanse, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2011.
• Karl-Peter Ellerbrock, Nancy Bodden und Margrit Schulte Beerbühl: Kultur, Strategien und Netzwerke: Familienunternehmen in Westfalen im 19. und 20. Jahrhundert, Ardey-Verlag 2014.