Künstliche Intelligenzen: Wie kreativ sind Watson und Co?

 © Th. Reinhardt, Pixelio.de      

Durch die Verarbeitung riesiger Datenmengen und durch permanentes Selbsttraining („Deep Learning“) können künstliche Intelligenzen (KI / AI /Bots) Muster erkennen, klassifizieren und bewerten. Und hilfreiche Entscheidungen für die Verknüpfung von Informationen treffen. Doch welche Folgen hat das für uns Menschen? Wohin führt es, wenn selbstlernende Maschinen sogar kreative Bereiche erobern, z. B.   

  • Kochen nach Rezept: IBM Watson als Koch-Bot
  • Dichten bzw. Schreiben von Gedichtsammlungen: die KI Xiaoice (wörtlich: „Microsoft Kleines Eis“) hat in 2760 Stunden mehr als 10.000 Gedichte verfasst. Die KI wurde dafür mit modernen chinesischen Gedichten von 519 Autoren der letzten knapp 100 Jahre „gefüttert“. 139 neu erstellte Gedichte von Xiaoice wurden für die Sammlung „Sonnenschein vermisst Fenster“ ausgewählt.
  • Komponieren mit Sonys Flow machines im Beatles Stil und mit IBM Watson für Not Easy von Alex Da Kid
  • Zeichnen im Stile bekannter Künstler: Next Rembrandt – Kooperation Rembrandthuis, Microsoft und Delft University of Technology
  • Schaffung von neuen Filmdrehbüchern aus schon vorhandenen Science-Fiction-Plots mit der KI Benjamin im experimentellen Kurzfilm It’s No Game mit David Hasselhoff 
  • Modedesign Entwurf neuer Kollektionen mit IBM Watson und dem Melbourner Designer JASONGRECH 
  • Kuratieren von Themenmagazinen, Werbe- und Marktingkampagnen: IMB Watson als Chefredakteur von The Drum

 © Next Rembrandt

Fragen, denken, reflektieren

Ist es das Ende unserer Kreativität, wenn selbstlernende Maschinen zeichnen, komponieren, schreiben und kochen können? Ganz und gar nicht! Mit reflektiertem oder visionärem (Voraus-)Denken, mit den richtigen Fragen, mit Haltung und Gewissen machen wir Menschen uns unersetzlich! Was von künstlicher Intelligenz nicht ersetzt werden kann, ist Kreativität und kritisches Denken, Empathie und Wertschätzung, aktives Zuhören und eine zugewandte Gesprächsführung, Mut und Leidenschaft. 

Künstler und Kreativschaffende sind mitfühlende Pioniere und Visionäre. Sie entwerfen Gedankenkonzepte, was einmal sein kann und sein könnte. Ideen für Coworking und Sharing, für interdisziplinäres und branchenübergreifendes Arbeiten, für mehr Nachhaltigkeit, Gemeinwohl und Kreislaufkultur sind maßgeblich durch Impulse von Künstlern und Kreativen entstanden und werden von ihnen vorangetrieben. Sie sind die Basis für innovative Geschäftsmodelle höchst erfolgreicher Unternehmen. Ein Beispiel: Künstler und Designer experimentieren häufig mit heimischen Naturstoffen. Sie sind Vorreiter der rasant wachsenden Bioökonomie. Die Künstlerin Julia Lohmann verwendet neben Algen auch Papier, Stroh und Löwenzahn. Nun zieht die Automobilindustrie nach. Der Reifenhersteller Continental verarbeitet anstelle von Kautschuk sibirischen Löwenzahn, der ebenfalls über die begehrten gummiartigen Eigenschaften verfügt. 

Wer profitiert von visionären Ideen und Konzepten?

Viele technologische und auch soziale Innovationen wurden von Künstlern, Schriftstellern und Filmemachern in ihren Werken vorweggenommen. Sollten Energie- und BioTech-Unternehmen daher Lizenzen für die visionären Ideen von Science Fiction-Autoren zahlen? Oder ist es gesellschaftlicher Konsens, dass nur diejenigen Gewinne machen, die Ideen zur Marktreife führen – ohne dass kreative Vordenker davon profitieren? Ein kurzer Streifzug durch richtungsweisende Bücher und Filme fasst einige Verdienste kreativer Zukunftspioniere zusammen: 

 © Jules Verne: “Wasser ist die Kohle der Zukunft.“

Fiktion und Realität

  • 1870 prophezeite Jules Verne in seinem Buch “Die geheimnisvolle Insel”: „Das in seine Elementarbestandteile zerlegte Wasser […] ist die Kohle der Zukunft.“ (Verne 1870) Wasserstoff wird inzwischen von vielen Unternehmen als Energiespeicher und für den Antrieb von Verkehrsmitteln genutzt.
  • 1966 entwickelte der russisch-amerikanische Biochemiker und Sachbuchautor für den Film „Die phantastische Reise“ die Idee, Ärzte in einem U-Boot auf Mikrobengröße zu schrumpfen und sie über die Blutbahnen in das Gehirn eines Geheimagenten zu schleusen, um schließlich einen Tumor in dessen Kopf zu zerstören. 2011 lässt Andreas Eschbach seinen Helden Hiroshi „Herr aller Dinge“ im gleichnamigen Roman mit selbst programmierbaren, reproduzierbaren Nanorobotern werden. Inzwischen ist es Nanotechnologen in verschiedenen Ländern tatsächlich gelungen, winzige Roboter zu entwickeln, um sie über Blut oder Augenflüssigkeit zu Krankheitsherden zu leiten.
  • 1985, 1989, 1990 offenbart die Filmtrilogie „Zurück in die Zukunft“ eine wahre Fundgrube an innovativen Produktideen, erfunden von den Autoren Bob Gale und Robert Zemeckis. Nach der Jahrtausendwende kamen viele der Filminnovationen tatsächlich auf den Markt oder stehen kurz vor dem Durchbruch: sensorgestütztes smartes Wohnen mit Sprachsteuerung, gläserne, smarte Brillen, 3D-, VR- bzw. Hologramm-Entertainment, Drohnen und selbstfahrende Autos,  Videokonferenzen, intelligente, anpassbare Kleidung. Selbst das schwebende Hoverboard verwirklichte der japanische Lexus-Konzern mit gekühltem Flüssigstickstoff auf einer Skaterbahn in Barcelona – so oder so ein medienwirksamer PR-Coup.
  • Der tschechische Literat Josef Čapek erdachte 1920 das Wort „robot“. Dessen Bruder Karel hatte in seinem Theaterstück „R.U.R. – Rossums Universal-Robots“ menschähnliche Wesen auftreten lassen, die zuvor als künstliche Arbeiter in Tanks gezüchtet wurden. Als die Roboter für die Menschen Frondienste und Zwangsarbeit verrichten müssen, revoltieren sie. Der Traum vom künstlichen Menschen wurzelt bereits in der hebräisch-jüdischen Legende vom Golem.

 © IBM Watson: Jeopardy-Quiz

Roboter und Künstliche Intelligenzen in der realen Welt

1954 wurde das erste Patent für einen Industrieroboter angemeldet. Humanoide Maschinen bevölkern inzwischen unser gesamtes Leben: als Putz-, Service- und Spielzeug-Roboter, Medizin- und Pflege-Roboter, Forschungs- und Erkundungsroboter, Militär- und Sex-Roboter. 

Im Mai 2017 präsentierte Google auf seiner Entwicklerkonferenz I/O seine Vision von der künstlichen Intelligenz: From Mobile First to AI First. AI (Artificial Intelligence), also künstliche Intelligenz, soll uns überall unterstützen, allgegenwärtig und jederzeit ansprechbar sein. Alles ist vernetzt und smart: zu Hause und unterwegs, im Auto, beim Sport, auf dem Smartphone und der Armbanduhr.

Menschlich aussehende Roboter erobern sich unsere Bewunderung und  Sympathien. Im Technikmuseum Berlin führte Roboter Tim durch die Ausstellung, beim Hamburger Rathausdinner hielt Nao eine blecherne Ansprache, auf der Reisemesse ITB begrüßte ChihiraKanae die überraschten Gäste. Im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 will Roboter BlessU-2 Besuchern der Reformationsweltausstellung in Wittenberg mit segnenden Sprüchen Denkanstöße geben.

Die künstlichen Intelligenzen lassen ihren menschlichen Gegnern in vielen Denk-Disziplinen keine Chance mehr, sie sind dem Menschen klar überlegen ist – bei Tempo, Präzision und kognitiver Leistung:

Trailer zum Film Alpha Go Movie

Neue Jobs und alte Arbeitswelten

Die Vereinten Nationen haben inzwischen in ihrer internationalen Arbeitsorganisation eine Kommission zur Zukunft der Arbeit eingerichtet. Sie untersucht, inwiefern KI neue Tätigkeitsfelder und Chancen für Menschen schafft und anderseits traditionelle Jobs vernichtet. Auch die Harvard Universität erforscht, wie sich unsere Arbeitswelt durch KI verändert und wer vom Wohlstand durch intelligente Maschinen profitiert. Harvard-Wirtschaftsprofessor Richard Freeman appelliert: “Wir alle müssen diese neue Technologie besitzen, damit die Profite und Einnahmen einer breiten Masse zugutekommen, statt nur einige Milliardäre noch reicher zu machen. Denn die Besitzer werden die Gewinner sein.” (Quelle: Euronews)

ChatBot-Assistentin mit Persönlichkeit und Emotionen

In der US-amerikanischen Anwaltsserie Suits erscheint in Staffel 6 die künstliche Intelligenz DONNA. Wie ihr Vorbild, die gleichnamige menschliche Chefsekretärin, weiß auch die leblose Donna auf jede Frage die passende schlagfertige oder einfühlsame Antwort. Sie reagiert intelligent, humorvoll, ironisch, emotional. Soweit die Fiktion! 

Im realen Leben können künstliche Intelligenzen noch kein Mitgefühl zeigen. Doch Konversation treiben und begrenzt empathisch reagieren die neuen Assistenten schon heute. Das spanische Unternehmen HUTOMA programmiert intelligente ChatBot-Assistenten mit Persönlichkeit, die sich selbstlernend an den Nutzer, seine Gewohnheiten und Vorlieben anpassen kann. Chatbots werden derzeit im Kundenservice eingesetzt, können z. B. das Schreiben von Briefen übernehmen, als Reise-Assistenten Tipps für Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten und Abendvergnügungen geben und Buchungen regeln.

Inspirierende Roboter und beratende Chatbots  

Roboter können uns auch inspirieren, z. B. zu krafttankenden Pausenaktionen und zu meditativem Nichtstun. Das zeigten Künstler mit ihren originellen Maschinen-Installationen Kreative Robotik auf der Ars Electronica 2017.    

Nach Auskunft der Hamburger Agentur TrendOne soll sich der Vorstand des Investmentunternehmens Deep Knowledge Ventures in Hongkong bereits bei wichtigen Entscheidungen von einem Algorithmus (VITAL) beraten lassen. Es geht dabei um die Bewertung von Start-ups sowie um Marktanalysen bei Investitionen in Unternehmen, die im Gesundheitswesen tätig sind.

Die japanische Finanzgruppe Sumitomo Mitsui hat einen App-Bot entwickelt, der Fragen von Kunden direkt beantworten kann. So weit, so gut. Ein anderer Bot wird Telefonverkäufern des Unternehmens zur Seite gestellt. Er soll ihnen während des Kundentelefonats Antworten empfehlen und quasi einflüstern, um Kunden gezielt zum Vertragsabschluss zu überreden. Basis sind bereits aufgezeichnete Gespräche, die zuvor nachweislich zum Erfolg geführt haben.

Auch in der Personalberatung werden Chatbots genutzt. Das US-amerikanische Startup Wade & Wendy befragt mit der Künstlichen Intelligenz „Wade“ Bewerber nach ihren Vorlieben und Erfahrungen und schlägt ihnen regelmäßig passende Beschäftigungsmöglichkeiten vor. Die KI „Wendy“ berät Unternehmen, integriert in die Kooperationsplattform Slack, und soll für jedes Projekt geeignete Kandidaten finden.

Effizienz und Effektivität

Künstliche Intelligenzen dienen als Mittel der Effizienz, aber auch der Effektivität, wie die Befürworter versichern. Software lasse sich nicht von Sympathien, Vorlieben oder Vorurteilen leiten. Die Bewerber sollen chancengerecht und unvoreingenommen bewertet werden, unabhängig von Geschlecht und Alter, von kultureller und sozialer Herkunft. Ob sich damit die besten Kandidaten finden werden, wird die Praxis zeigen. Skepsis ist angebracht. Wenn Vorhersagen nach statistischen Wahrscheinlichkeiten getroffen werden, wird die Entscheidung über geeignete Jobanwärter am Ende vielleicht doch einseitig ausfallen. Wer wird die Prüfung nicht schaffen? Wer wird häufig krank? Wer kann die Kreditrate nicht zahlen? Wer wird straffällig? Es ist eine Frage der Ethik, welche Entscheidung der Computer treffen oder was der Mensch lieber selbst entscheiden soll.

Ethik und Gewissen: Unser Handeln hat Folgen!

Mit ihren fiktionalen Zukunftsentwürfen habe Künstler und Kreative stets auch gemahnt, dass wir bei allen Utopien die Folgen unseres Handelns im Blickfeld behalten. Die britische Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ präsentiert seit 2011 mögliche Erfindungen der Zukunft und stellt dazu ethische Fragen. Welche sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Folgen haben künstliche Intelligenzen für uns Menschen? Wie wirken virtuelle Scheinwelten, mediale Hetzjagden auf reale Menschen und Cartoon-Helden als Präsidenten? Die Episoden führen uns bizarre Konsequenzen unserer hochtechnologisierten Zukunft vor Augen. Es geht um Verantwortung und die Ambivalenz von Technik: Vergnügen oder Unbehagen? Was passiert, wenn die größten Innovationen der Menschheit auf dunkle Instinkte treffen? Retten neue Technologien die Welt oder wieder nur Macht und Profit von einigen wenigen?

Haltung

Wie und wofür setzen wir unsere Kreativität ein? Bei der Beantwortung dieser Frage geht es um innere Haltung. Wir müssen uns auch über die Folgen unseres Handelns bewusst werden. Kreativität besteht nicht nur in ästhetisch-gestalterischen Kompetenzen, sondern auch um unsere Gewissenhaftigkeit. Aus gutem Grund entscheidet über den Start eines gentechnischen Projektes eine Ethikkommission. Bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Biohacking, bei transhumanistischen Selbstversuchen und Kryonik-Experimenten steht eine vergleichbare Kontrollinstanz noch aus. Die Konsequenzen sind derzeit nicht absehbar. 

Unternehmenskultur

Inzwischen kann Künstliche Intelligenz auch prüfen, ob ein Kandidat in das Team passt. Bisher war das auch mit mehreren zeitintensiven Bewerbungsgesprächen schwer zu beurteilen. Als Basis für das datengestützte Verfahren nutzt nun das Berliner StartUp Bunch das Modell Organisational Culture Diagnosis von Charles O’Reilly von der Stanford University. Jedes Team im Unternehmen füllt zunächst einen 5-minütigen virtuellen Fragebogen aus, der sechs Kriterien aus O’Reillys Modell abbildet: Ziel- und Detailorientierung, Kollaboration, Kundenorientierung, Integrität und Anpassungsfähigkeit. Anschließend füllt jeder Bewerber den identischen Fragebogen aus. Bunch vergleicht nun die Ergebnisse des Bewerbers mit den Resultaten des Unternehmens. Auf diese Weise entsteht ein umfassendes Kandidatenprofil mit Verhaltenstendenzen und ein bewertendes Fazit, wie gut ein Kandidat zum Unternehmen bzw. zum Team passt. 

Lern- und Entscheidungswege von KIs

KIs sind häufig black boxes, d. h. man weiß nicht exakt, wie die KIs zu ihren Ergebnissen gelangen. Die Lern- und Entscheidungswege sind für Forscher nicht immer nachvollziehbar. Bei der Bewertung von Pro- und Contra-Argumenten (Argumentation Mining) wurde beobachtet, dass die KI Argumente mit Zahlen und Statistiken höher  bzw. stärker gewichtet als ethische Begründungen. Wohin es führt, wenn Algorithmen mehr Glauben geschenkt wird als unserem gesunden Menschenverstand, zeigt der Hochfrequenzhandel an den Börsen. Der Forscher Klaus Mainzer, Experte für Komplexitätsforschung und Künstliche Intelligenz (KI) an der TU München, fordert daher: „Wir Menschen müssen das Wissen, wie unsere Technologie prinzipiell funktioniert, behalten. Alles andere wäre sehr leichtfertig.“ 

Mehr zum Thema: Die menschliche Seele: Eine Novelle über Kreativität und künstliche Intelligenz

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hat eine Open-Innovation-Plattform gestartet für eine Debatte über Intelligente Vernetzung. Wissenschaftliche Texte zu Themen der KI und des Maschinellen Lernens veröffentlicht Apple auf seinem Blog Machine Learning Journal.

Fablabs und Makerspaces: Digitalisierung und Industrie 4.0

FabLab HH_00_Antje © Antje Hinz, MassivKreativ.de: FabLab in Hamburg

Kaum eine Branche ist von den Auswirkungen der Digitalisierung so stark betroffen wie die Kultur- und Kreativbranche. Sie ist Innovationsmotor in der vernetzten Welt. Von ihren Erfahrungen können auch andere Branchen der klassischen Wirtschaft lernen und profitieren.

Literatur, Musik und Filme sind nicht nur über Bücher, CDs und DVDs verfügbar, sondern auch im Internet. Neue Erlösmodelle wurden gefunden und entferntere Märkte erschlossen. Über Online-Portale lassen sich Kundenkreise auch grenzüberschreitend erreichen, durch Algorithmen und Werbung noch gezielter ansprechen.

Erkenntnisse aus der Kultur- und Kreativwirtschaft nutzen

Doch Fakt ist: Die Nutzungslizenzen der Online-Portale bieten für die meisten kreativen Urheber noch keine Lebensgrundlage. Bestehende Verfahren müssen stetig optimiert und hinterfragt werden: Welchen Wert haben kreative Inhalte und geistige schöpferische Leistungen? Erkenntnisse aus der Kultur- und Kreativwirtschaft können von der klassischen Industrie genutzt werden. „Industrie 4.0“ ist die vierte industrielle Revolution nach Mechanisierung, Massenproduktion und Automatisierung. Sie verändert die Rolle des Menschen in der Arbeitswelt radikal. Maschinen übernehmen monotone Prozesse, sind miteinander vernetzt und steuern sich selbst. Längst rollen Saug-, Wisch- und Mähroboter durch unsere Wohnungen und Gärten, wenn auch noch eher nach dem Zufallsprinzip. Experten schätzen, dass in den nächsten 4 Jahren weltweit etwa 30 Millionen Hilfsroboter verkauft werden.

FabLab HH_01_Antje © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Roboter als Attraktion

Die Münchner Firma Magazino, ein Start-up der TU München, hat Greifarme entwickelt, die auf Knopfdruck Medikamentenpackungen ein- und aussortieren kann. Die Logistikbranche verwendet inzwischen eine Vielzahl an „Pick-and-Place Systemen“. Andere setzen Roboter als verkaufsfördernde Attraktion ein: In den Berliner und Münchner Konzeptstores von „Solebox“ rangiert ein weiß glänzender Maschinenmensch vor den Augen der Kunden den gewünschten Trendschuh aus dem Hochlager direkt zum Anprobieren in den Verkaufsraum.

FabLab HH_02_Antje © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Spielerische Anreize zur Motivation nutzen

Dennoch wird der Mensch nicht in allen Bereichen zu ersetzen sein. Die durchdigitalisierte Filmbranche etwa setzt nach wie vor auf das Handwerk von Geräuschemachern. Bis ein Sounddesigner die richtige Tonkonserve am Computer gefunden hat, erzeugt der footstep-artist die passenden Schritte oder das Spiegelei in der Pfanne geschickt per Hand in einem Bruchteil der Zeit. So wie der Geräuschemacher Carsten Richter. Der Mensch wird auch in Zukunft seine Nischen finden, vorausgesetzt er bildet sich ständig weiter. Lebenslanges Lernen wird Herausforderung und Pflicht. In unserer Wissensgesellschaft wird jeder ständig dazulernen müssen – bis ins hohe Alter. Hier sind Motivation und Anreizsysteme gefragt. Die Kultur- und Kreativwirtschaft, vor allem die Gamesbranche, vernetzt sich schon heute mit Bildungsinstitutionen, um Lernende mit kreativen und spielerischen Elementen zu unterstützen.

FabLab_Antje_A01 © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Beispiel: Content-Portale

Wie in der Kultur- und Kreativwirtschaft nutzt auch die Industrie offene Online-Plattformen mit Konstruktionsplänen, virtuellen 3D-Modellen, Patenten. Darauf bauen wiederum neue Wertschöpfungsketten auf, die auf Erfindergeist und Individualität basieren. Die Gamesindustrie wäre heute undenkbar ohne 3D-Modelle. So wie das Onlinelexikon Wikipedia stetig von der Wissensgemeinschaft erweitert wird und gemeinsam ein regional adaptierbares WikiHouse entwickelt hat, arbeiten auch auf der Plattform „OpenStructures“ Designer, Konstrukteure und Architekten kollaborativ an neuen Entwürfen.

Die Organisation Open Source Ecology bietet auf ihrer modularen Plattform Baupläne von 50 verschiedenen industriellen Maschinen, die sich im Eigenbau zu einem Bruchteil der üblichen Kosten herstellen lassen sollen.

FabLab HH_08_Antje  © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Beispiel: Maker Economy für neue Wertschöpfungsketten

Die Produktion der Zukunft wird sich immer stärker am Kundenbedarf ausrichten. Neben Big Data-Erkenntnissen werden kommunikative und kreative Kompetenzen weiterhin gebraucht, um die Wüsche der Nutzer passgenau zu erfüllen. Gefragt sind Produkte in Einzel- und Kleinserien mit hoher Typen- und Variantenvielfalt. Jeder kann zum Produzenten werden und Dinge für den täglichen Gebrauch selbst herstellen – mit Datenbanken im Internet, 3D-Drucker und Laser-Cutter. Die neue „Maker Economy“ verbindet Do-It-Yourself-Ideen mit digitaler Technik. Große Unternehmen können Prototypen und Kleinserien bei kreativen Einzelunternehmern um die Ecke produzieren lassen und gefragte Produkte schneller am Markt anbieten. Nicht abwegig, dass ein 3-D-Drucker erst im Transportlaster auf der Fahrt zum Kunden das gewünschte Teil in Form bringt. Zahnärzte nutzen die Technik für maßgeschneiderte Implantate schon länger. Die Autoindustrie zieht nach: Die Hamburger Firma Meyle fertigt z. B. seltene Ersatzteile für Oldtimer im 3D Druck.

FabLab HH_09_Antje © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Idee des Teilens: Techshops, FabLabs, Makerspaces

Die Idee des Fabrication Laboratory stammt aus den USA vom Massachusetts Institute of Technology, dem Center for Bits and Atoms. FabLabs sollten ursprünglich Menschen aus sozial schwachen Regionen eine kostenlose technische Weiterbildung bieten sowie die Möglichkeit zum Realisieren eigener Ideen. Dazu stehen ihnen nicht-kommerzielle Werkstätten mit computergesteuerten Maschinen zur Verfügung. „Techshops“ und „Fablabs“ sind auch für Start-ups und Kleinunternehmer attraktiv, weil sie meist nur über begrenztes Budget verfügen. In Deutschlands neuen Hightech-Werkstätten treffen Einzelunternehmer, Erfinder, Handwerker und Internet-Spezialisten aufeinander, feilen an Prototypen und am Produktdesign. Sie entrichten sie einen Monatsbeitrag wie in einem Verein und können dafür die vorhandenen Geräte nutzen – so oft und so lange sie wollen: 3D-Drucker, Laser, Vinyl-Cutter, Metallfräsen, Stahlpressen, Bügelpressen, Nähmaschinen, Lötkolben und Computer. Neben den Geräten werden auch Wissen und Erfahrungen geteilt.

FabLab_Antje_10 © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Kreativität aufspüren und trainieren

Je kürzer die Lebenszeiten von Produkten sind, umso kontinuierlicher muss der Produktionsprozess verbessert und Fehler reflektiert werden. Dafür ist das Engagement der Mitarbeiter gefragt, ebenso Eigenverantwortung und Kreativität. Diese Kompetenzen lassen sich im Rahmen von Workshops und künstlerisch-kreativen Aktionen trainieren. Lassen sie sich dabei von Akteuren aus der Kultur- und Kreativbranche unterstützen!

FabLab HH_06_Antje © Antje Hinz, MassivKreativ.de

Inspirationstipps:

  • Film über Roboter in den Konzeptstores von Solebox
  • Community-Plattform für den Bau eines Wiki-Hauses, das sich an regionale Gegebenheiten anpassen lässt
  • modulare, kostengünstige, leistungsstarke Plattform der Organisation Open Source Ecology mit Bauplänen für den Eigenbau von 50 verschiedenen industriellen Maschinen
  • Studie des Fraunhofer-Instituts IAO: Produktionsarbeit der Zukunft – Industrie 4.0