Workshop: Agiles Arbeiten – Methoden für den Wandel

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Der digitale Wandel hat verwirrend viele Schlagworte in Umlauf gebracht: New Work, Agiles Arbeiten, Design Thinking, Scrum, Kanban, VUCA bzw. VUKA, Daily StandUp, Retrospektiven, TEAL und LEAN. Ich habe einen Workshop in Berlin besucht und gebe gemeinsam mit den beiden Trainern und Experten Alexander Schaaf und Valentin Nowotny Einblicke, welche Methoden Sie auf Ihre eigene „Neue Arbeit“ übertragen können. 

Sinn und Zweck agiler Arbeit

„Zeit ist Geld!“ – Bis heute scheint dieses Zitat von Benjamin Franklin gültig zu sein, es fand Eingang in sein 1748 erschienenes Buch „Ratschläge für junge Kaufleute“. Der Staatsmann, Erfinder und Verleger sprach aus eigener Erfahrung! Dennoch wäre die Frage damit zu knapp beantwortet, warum agile Denkweisen und Arbeitsmethoden in keiner Organisation bzw. Institution mehr fehlen sollten. Agil heißt – abgeleitet aus dem Lateinischen – flink, beweglich, flexibel. Dem Innovations- und Kostendruck lässt sich mit agilen Prinzipien Paroli bieten, nicht  nur im Umfeld des digitalen Wandels, indem Projekte …

a) schneller und kostengünstiger, h. effizienter umgesetzt werden, was durch eine permanente, direkte und reibungslose Kommunikation innerhalb flacher Hierarchien gelingt

b) qualitativ erfolgreich verlaufen, d. h. effektiver, damit alle Projektbeteiligten mit den Ergebnissen zufrieden sind.

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Agil in allen Branchen

Mit agilen Methoden sollen qualitativ hochwertige und innovativere Produkte und Dienstleistungen schneller und kostengünstiger entstehen. An Prinzipien des LEAN-Managements bzw. der Lean-Produktion angelehnt werden agile Methoden auch in andere Bereiche übertragen, z.B. in das Baugewerbe, in die Logistik, die Gesundheits- und Werbebranche, Software und IT, in die Verwaltung sowie in diverse Innovations- und Entwicklungsprojekte bei Banken, Versicherungen und im weiteren Umfeld des Dienstleitungssektors.

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Workshop mit Selbsterprobung, Praxisnähe und Vielfalt

Mit diesen Einblicken eröffneten die beiden Experten Alexander Schaaf und Valentin Nowotny den zweitägigen Workshop Agiles Arbeiten: Big FiveScrum, Kanban, Daily StandUp, Retrospektive, Design Thinking. In kurzen, informativen Impulspräsentationen konnten die Teilnehmer die vorgestellten Methoden nicht nur theoretisch kennenlernen. Die Workshopleiter sorgten mit angewandten und interaktiven Übungen sowie einer Vielzahl kreativer, agiler Games dafür, dass die Teilnehmer „lebendig“ und aufmerksam blieben und jedes Modul praktisch erproben, simulieren und „durchspielen“ konnten.

Die Teilnehmer kamen aus verschiedenen Branchen, u. a. Coaching und Beratung, Berufsgenossenschaft, Personalentwicklung, Erwachsenenbildung, Onlinemedien, Verlagswesen. Auf diese Weise sorgten sie mit unterschiedlichen Erfahrungen für sich gegenseitig befruchtende Perspektiven.  

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Vielseitige kompetente Workshopleiter

Agile Teams sollten gut ausgebildet, multidisziplinär und in den Persönlichkeitsmerkmalen vielfältig aufgestellt sein. Genau diese Voraussetzungen erfüllte das professionelle Workshop-Tandem mit Alexander Schaaf und Valentin Nowotny. Beide ergänzten einander kompetent und wertschätzend mit wissenswerten Impulsen sowie in den spielerischen Modulen mit humorvollen und lockeren Kommentaren. Schaaf und Nowotny beendeten jedes neue Thema bzw. Spiel mit finalen „Learnings“ und trugen sie als Fazit gemeinsam mit den Teilnehmern auf Moderationskarten zusammen.

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Als erfahrener Moderator, Trainer und zertifizierter Scrum Master, darüber hinaus zertifiziert in Management 3.0  und Kanban, bringt Alexander Schaaf seine umfangreichen Praxiserfahrungen in den Workshop ein. In seiner aktuellen Tätigkeit als Trainer, Moderator und freiberuflicher Scrum Master beschäftigt sich Schaaf mit zwei Fragestellungen: a) „Wie lernen Organisationen agil zu werden?“ b) „Wie lernen Menschen in zunehmend agilen Organisationen?“.

Valentin Nowotny schärft als Psychologe den Blick für zwischenmenschliche Vorgänge und wirkt als inspirierender Workshoptrainer. Er war zuvor als Projekt- und Account-Manager bei verschiedenen IT- und Beratungsunternehmen tätig. Aktuell ist er als professioneller Trainer für die Themen Agilität, Führung und Verhandlung tätig, er ist zudem Autor des Buchs Agile Unternehmen sowie der Website Agile Teams. 

Das folgende Interview mit den beiden Workshopleitern entstand spontan im Anschluss an den ersten Workshop-Tag. 

Agile Games

„Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.“ Frei nach Konfuzius sorgten im Workshop agile interaktive Spiele und haptische Gegenstände dafür, dass die Teilnehmer die Theorien verinnerlichen und be-greifen konnten. Jedes agile Game bot spezielle Aha-Effekte und Erkenntnisse, z. B.

Marshmallow-Spaghetti-Turm: try and error, d. h. agil bauen, provisorisch ausprobieren, rasch testen und verbessern versus langfristig, überdimensioniert planen und aufwändig, überdetailliert konstruieren.

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Kanban Pizza Game: Prinzip des dreiteiligen Kanban Boards verstehen, Abläufe effizienter gestalten, mit Ressourcen bzw. Material wirtschaftlich umgehen, zu jedem Zeitpunkt die Herstellung auf andere Produkte umstellen können, klare, direkte bzw. persönliche Kommunikation zur gegenseitigen Abstimmung.

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Ball Point Game: realistische Beurteilung der eigenen Leistungsfähigkeit als Team, iterative Verbesserungen durch mehrere Durchläufe sind besser als zeitaufwändige Planungen, als Team einen gemeinsamen Rhythmus finden, direkte Kommunikation zwischen Partnern im Team.

Warum heute agiler als früher?

Unternehmen und Organisationen mit klassischen bzw. traditionellen Strukturen arbeiten meist prozessorientiert (z. B. Automobilindustrie, Behörden) oder projektabhängig (z. B. Bauindustrie, Kreativbranche, Hilfsorganisationen, NGOs) oder in Mischformen. Wenn starke Hierarchien bestehen, sind lange, zeitaufwändige Abstimmungsprozesse nötig, die das Fortschreiten der Prozesse und Projekte immer wieder aufhalten, umso mehr wenn Modifikationen notwendig sind, etwa durch unerwartete Ereignisse oder sich ändernde Kundenwünsche.

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VUCA-Welt heute

Schwarz-Weiß ist vorbei. Wir müssen uns von Bewährtem lösen. Unsere Welt ist vielschichtig und zuweilen verwirrend geworden. Viele Menschen fühlen sich überfordert. Einfache Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung existieren nicht mehr. Langfristige Prozesse und Vorhaben lassen sich schwer planen. Zu viele Unwägbarkeiten bringen Pläne durcheinander. Die aktuellen Herausforderungen spiegeln sich in dem Akronym VUCA wieder:

  • Volatility = Volatilität (flüchtig, verdunstend, Bsp. schwankende Aktienmärkte usw.)
  • Uncertainty = Unsicherheit (Bsp. Arbeitsplatz, Arbeitszeiten, Konsumentenwünsche, Wettbewerber usw.)
  • Complexity = Komplexität (Bsp. Technologien, Digitalisierung, disruptive Geschäftsmodelle)
  • Ambiguity = Mehrdeutigkeit (Bsp. Medienkonsum: gut oder schlecht, Privatschule versus öffentliche Schule, Stadt versus Land, Mensch versus künstliche Intelligenz)

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Strategien gegen Unsicherheit

Die Abkürzung VUCA schuf das US-Militär. Es war zu der Erkenntnis gelangt, dass die geopolitische Lage zunehmend instabil, unvorhersehbar und kaum einschätzbar sein, auch im Hinblick auf die Dauer der unsicheren Situation. Doch wie stellen wir uns dem Ungewissen?

  • indem wir unsere Perspektive wechseln, ein Problem von verschiedenen Standpunkten betrachten (Wie denken Terroristen?)
  • indem wir uns bewusst auf unbekanntes Terrain begeben, dort Erfahrungen, Erkenntnisse und Inspirationen sammeln (Wie tickt das Silicon Valley?)
  • indem wir in kürzeren Abschnitten denken anstatt große, langfristige Pläne zu schmieden (Wir machen erst mal eine kurze Reise ins Silicon Valley, lassen uns inspirieren und schauen, was sich daraus ergibt.)
  • indem wir drei Szenarien durchspielen und uns so gedanklich wappnen: der beste Fall, der schlechteste Fall, der Durchschnittsfall
  • indem wir uns bewusst sind, dass wir nicht alles kontrollieren können
  • indem wir mutig und gelassen sind und unseren Fähigkeiten vertrauen

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Theorie und Praxis: kompliziert und komplex

Ein spannender Austausch im Workshop entstand um die Frage, was kompliziert und was komplex sei. Die Unterschiede wurden durch praktische Beispiele rasch klar:

a) Eine Uhr an sich ist kompliziert, der Markt für Uhren jedoch komplex. Komplex wird es immer dann, wenn Menschen ins Spiel kommen. Oder anders gesagt: Die Theorie ist komplizierT, die Praxis ist komPlex, wenn der Mensch eingreift.

b) Ein Workshop ist kompliziert: Er lässt sich lässt zwar in der Theorie planen. Doch wenn in der Praxis der Mensch hinzukommt, wird der Workshop komplex. Wie Menschen entscheiden und sich verhalten, ist unwägbar. Menschen lassen Dynamiken entstehen, die nicht vorhersehbar sind. Sie können jeden noch so wohldurchdachten Plan komplett über den Haufen werfen. Genau aus diesem Grund scheitern 70 % der Projekte an (schlechter) Kommunikation und weichen (menschlichen) Faktoren. Lehrer kennen das aus leidvoller Erfahrung.

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Resilienz

Wenn wir gedanklich auf alles vorbereitet sind, können wir weniger überrascht werden. Wenn wir hingegen nur einen Plan und dessen mögliche Folgen vor Augen haben, können Änderungen uns schnell aus der Bahn werfen. Je flexibler wir sind, umso stärker ist unsere Resilienz, unsere innere Widerstandskraft. Wenn sich Voraussetzungen ändern, können wir rasch und flexibel darauf reagieren. Wenn wir beharrlich an alten Plänen festhalten und uns innerlich entgegenstellen, macht uns dieser zwecklose Kampf auf Dauer mürbe.

Antwort auf neue Herausforderungen

Agiles Arbeiten ist zusammengefasst eine Reaktion auf neue Herausforderungen und neues Denken, auf digitalen Wandel und eine Arbeitswelt, die mehr Geschwindigkeit, Flexibilität und multi- sowie transdisziplinäre Zusammenarbeit braucht. Nach mehr Effektivität und Effizienz streben auch die neuen nach 1977 geborenen Teammitarbeiter der Generation Y, die Teilhabe bzw. Selbstorganisation, Teamarbeit auf Augenhöhe und permanentes Feedback fordert. Selbstoptimierung und lebenslanges Lernen sind Triebkräfte für agiles Arbeiten.

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Agiles Manifest

Vordenker für neue Bedarfe in der Arbeitswelt waren 17 US-amerikanische IT-Entwickler. Ihre Innovation: Sie rückten die Zufriedenheit des Kunden in den Fokus und formulierten im Februar 2001 in einem Agiles Manifest vier zentrale Kriterien: „Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte (neu) zu schätzen gelernt:

  • Teammitarbeiter und deren Interaktionen sind mehr als Prozesse und Werkzeuge: Es geht um Kommunikation und Psychologie
  • Funktionierende Software ist mehr als umfassende Dokumentation: Es geht um Visualisierung und Einfachheit 
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden ist mehr als die Vertragsverhandlung: Es geht um Nutzererfahrungen und Perspektivwechsel
  • Reagieren auf Veränderung ist mehr als das Befolgen eines Plans: Es geht um iteratives Vorgehen = überschaubare Schritte, rasches Reagieren, Testen, Abwandeln

Agile Werte

Basis für agiles Arbeiten ist, dass sich alle im Team auf gemeinsame agile Werte stützen:

  • #1: Einigkeit über das gemeinsame Vorgehen
  • #2: überschaubare Strukturen, kleine Teams
  • #3: Feedback
  • #4: Fokussierung
  • #5: Kommunikation und Bindung
  • #6: mutiges, beherztes Vorgehen
  • #7: Offenheit
  • #8: Respekt und Wertschätzung

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Teamgröße und Zusammensetzung

Das optimale agile Team besteht aus 7 Mitarbeitern (plus/minus zwei). Nach Erkenntnissen aus der Lernpsychologie können wir uns bis zu sieben Dinge optimal merken. Idealerweise sollte das Team multidisziplinär zusammengesetzt sein, damit sich verschiedene Kompetenzen und Persönlichkeiten ergänzen und gegenseitig befruchten. In der IT-Branche sind es z. B. Konzepter, Entwickler, Software-Architekten, Designer, technische Redakteure und Tester.

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Kanban

Kanban (japanisch: „Karte“, „Tafel“ oder „Beleg“) entstand schon in den 40er Jahren in Japan beim Automobil-Hersteller Toyota, um den Produktionsprozess zu steuern, zu verbessern und Lagerbestände zu reduzieren, kurz TPS (Toyota Production System). Mitarbeiter sollten die Wertschöpfungskette auf einen Blick erfassen: von der Kundenbestellung über den Materialfluss bis hin zur Fertigung und Auslieferung. Kanban soll den kontinuierlichen Arbeitsfluss (Flow) sichern. Die Methode eignet sich vor allem für die Reihenfertigung. Die Workshopteilnehmer konnten dies im agilen Game Pizza-Kanban praktisch erproben.

Visualisierung

Mehrere Durchläufe beim Pizzabacken gaben den Teilnehmern die Chance, ihr Tun zu professionalisieren, effizienter (Materialressourcen) und effektiver (gleichmäßige Verteilung der Zutaten auf der Pizza) zu gestalten. Durch Selbstermächtigung entscheidet sich im Team, wie fokussiert, transparent, flexibel und schnell das Projekt realisiert wird. Dabei hilft eine Tafel (Kanban) mit drei bzw. vier Spalten: Jeder kann auf einen Blick sehen:

  • was „noch zu tun” ist (to dos)
  • was „in Arbeit” ist (doing)
  • was „fertig” ist (done)
  • was „in Warteposition“ ist

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Transparenz

In die drei Spalten werden Haftnotizen für die jeweiligen Arbeitsvorgänge geklebt. Sie können jederzeit in andere Spalten umsortiert werden – je nach Prozessfortschritt. Die Spalten machen jedem die Abhängigkeiten zwischen den Arbeitsschritten deutlich bzw. gewährleisten Transparenz, das implizite Wissen der Mitarbeiter. Haftnotizen mit besonderen Farben kennzeichnen Prioritäten. Werden Aufgaben verschoben oder sind sie erledigt, kommen die Teammitglieder erneut ins Gespräch, geben einander Rückmeldung oder fragen nach. Das Drei-Spalten-System ist u. a. auch in das Online-Tool Trello eingeflossen.

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Scrum

Scrum (englisch: [geplantes] Gedränge) leitet sich von einer Standardformation bzw. Strategie im Rugby ab. Kleine selbst organisierte Einheiten innerhalb des Teams schirmen ihre Mannschaftskollegen ab, die den Ball in Bewegung halten und taktisch die passende Gelegenheit für den nächsten Sprint über die Ziellinie vorbereiten.

Rollenverteilung

Wie beim Kanban geht es auch bei Scrum um Transparenz. Orientierung und Rahmen bieten drei Rollenmodelle: Product-Owner, Scrum-Master und Team. Jeder übernimmt konkrete Planungsrituale (Meetings) und Planungsergebnisse (Artefakte). So wie das Produkt wird auch die Planung ständig schrittweise überarbeitet, verfeinert (iterativ) sowie ggf. mit neuen Bestandteilen ergänzt und angepasst (inkrementell). Die Arbeitszyklen (Sprints) umfassen einen Zeitraum von ein bis vier Wochen.

Der Product-Owner steuert (im Auftrag des Kunden) den langfristigen Plan (Product Backlog). Er leitet das Meeting für den nächsten Arbeitszyklus mit der konkreten Aufgabenliste (Sprint) und entscheidet, was erarbeitet wird. Er ist für den Erfolg des Projekts und dessen Rentabilität verantwortlich.

Der Scrum-Master steuert die Arbeitsschritte im Detailplan (das Sprint Backlog). Et leitet das Daily Meeting und entscheidet, wie gearbeitet  wird. Er stellt sicher, dass alle im Team den Prozess verstehen, ihn einhalten und jeder ungestört arbeiten kann. Er hilft dem Team ggf. dabei, diagnostizierte Hürden zu überwinden.

Das Team greift sich nach eigenem Ermessen aus dem langfristigen Plan des Product Owners Teilaufgaben heraus, die es in der vorgegebenen Zeit realistischerweise umsetzen kann. Die Aufgaben werden eigenverantwortlich an die einzelnen Teammitglieder verteilt. Fortschritte aus dem Detailplan hält das Team grafisch in der Dokumentation, dem Burn-Down-Chart, fest. Die ein- bis vierwöchigen Arbeitsphasen (Sprint) werden vom Team im Rahmen des Sprint Review-Meetings reflektiert.

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Sprint Review

Am Ende einer Sprint-Phase, meist nach zwei Wochen, wird das Ergebnis der Arbeitsphase im Beisein des Product Owners für alle Beteiligten sichtbar vorgestellt, z. B. in Form eines Demos. Auch Stakeholder, Kunden, Nutzer usw. können anwesend sein und Feedback geben.

Retrospektive

Der Sprint Review folgt die Retrospektive, um Prozesse und Emotionen transparent darzustellen, zu reflektieren und zu diskutieren. Wichtig ist dabei ein atmosphärisches Umfeld von Wertschätzung und Vertrauen. Eine Retrospektive dauert in der Regel anderthalb Stunden. Die Qualität des Scrum-Prozesses wird hinterfragt, bisherige Arbeitsprozesse und Methoden werden überprüft, z. B. über drei reflektierende Fragen:

  • Wie ist es dem Team ergangen?
  • Welche Werkzeuge sind praktikabel?
  • Welche neuen Erfahrungen können in die nächste Arbeitsphase mitgenommen werden?

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Eine Retrospektive kann in diesen sechs Abschnitten ablaufen:

  • Intro 5 Minuten
  • emotionales Stimmungsbild 10 Minuten
  • Wann ging es Euch gut? Belegbar anhand eines Zeitstrahls / einer Fieberkurve 20 Minuten
  • Erkenntnisse sammeln 20 Minuten
  • Was soll in den nächsten Sprint überführt werden, was wird eliminiert? 20 Minuten
  • Cool down Phase 15 Minuten

Die Teammitglieder kommen gemeinsam zu neuen Erkenntnissen, können ihr zukünftiges Handeln anpassen, ggf. erlebte Hürden überwinden. Basis für Retrospektiven sind Mut, Vertrauen und eine gelöste offene Atmosphäre. Ist dies gewährleistet, können ggf. auch Führungskräfte an Retrospektiven beteiligt werden. Mit Beginn des nächsten Sprints wählt das Team neue Aufgaben aus dem langfristigen Plan (Product Backlog) des Product-Owners.

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Daily Meeting und StandUp

Fester Bestandteil (Ritual) agiler Methoden, so auch bei Kanban und Scrum, ist das tägliche StandUp. Es ist Voraussetzung für zielorientiertes Arbeiten. Bei diesen Zusammenkünften im Stehen, die bis zu 15 Minuten dauern, beantwortet jedes Teammitglied in jeweils 90 Sekunden drei Fragen:

  • Was habe ich gestern erreicht?
  • Was will ich heute umsetzen?
  • Welches Problem hat sich ergeben und wo brauche ich konkret Unterstützung?

Scrum und Kanban im Vergleich

Scrum ist umfangreicher als Kanban durch die Rollenverteilung und die zeitlich verbindliche Taktung in tägliche bzw. zeitlich wiederkehrende Rituale (Zähneputzen). Bei Kanban ist die Rollenverteilung nicht vorgeschrieben, eine Einteilung in Sprints, Reviews und Retrospektive gibt es hier nicht. Grundsätzlich können Elemente aus Kanban und Scrum aber miteinander kombiniert werden.

Design Thinking

Beim Design Thinking steht der Nutzer klar im Mittelpunkt, d. h. die Wünsche des Kunden werden mit Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit verbunden. Ein kleines, agiles, interdisziplinäres Team arbeitet hierarchiefrei und selbstbestimmt in einem mehrstufigen Prozess zusammen. Er gliedert sich in sechs Phasen:

  • Sachverhalte verstehen und beobachten, z. B. durch Recherchen und Interviews
  • Probleme exakt definieren
  • Lösungsansätze finden bzw. Ideen entwickeln
  • Prototypen entwerfen
  • Ideen vom Nutzer testen lassen
  • Lösungsansätze weiter verbessern, ggf. auch mehrfach

Prototyp

Die Teammitglieder identifizieren gemeinsam ein Problem, entwickeln Ideen und Lösungsansätze und präsentieren schon nach wenigen Tagen einen improvisierten Prototypen. Es geht gerade nicht um das perfekte Modell, sondern darum rasch herauszufinden, ob der Lösungsansatz in die richtige Richtung geht. Der Nutzer bzw. Kunde testet schon im Frühstadium seine Gebrauchstauglichkeit. Das schnelle Feedback spart Zeit und Kosten und reduziert das Risiko. Das Team bessert dann schrittweise nach, bis der Kunde zufrieden ist. Das Hasso-Plattner-Institut hat die kreative Methode bekannt gemacht und vermarktet sie (siehe Agent of Change).

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Praxis Design Thinking im Workshop

Die Aufgabenstellung im Workshop: „Denkt Euch zwei konkrete Personen (Persona: männlich/weiblich) aus, beschreibt sie möglichst genau. Überlegt dann, welche innovative Geldbörse zu dieser Person passen und ein konkretes Problem für diese Person lösen könnte. Sammelt Ideen, wandelt sie ab (Scamper-Methode), entwerft einen Prototyp und präsentiert ihn. Die Ergebnisse waren schrill und kreativ: Für den schüchternen Robert entstand eine sprechende Geldbörse, die Frauen Komplimente machen soll. Für die selbstbewusste Modedesignerin Ella wurde ein Origami-Portemonnaie entworfen, das modulativ und vielfältig umgenutzt werden kann, z. B. als Lampenschirm oder Tasche.

Design Thinking findet seine Weiterführung im Ansatz, alles schlank, d. h. LEAN zu gestalten: von Denkprinzipien, Methoden und Verfahrensweisen über schlankes Management bis zum Basis-Produkt. Mehr dazu demnächst in diesem Artikel: Wir sind die Firma, alle sind Chefs: Selbstorganisierte Teams.

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Fazit zum Workshop: Sehr empfehlenswert!

Alexander Schaaf und Valentin Nowotny boten einen zweitägigen Workshop, der informativ, verständlich, interaktiv, spielerisch, beispielgebend, abwechslungsreich, kompetent, mit professionellem Zeitmanagement und einer guten Portion Humor geführt war. Auch die Anteile von Theorie und Praxis hatten die beiden Trainer gut austariert. Zur positiven Atmosphäre im Workshop trug darüber hinaus die Idee von Schaaf und Nowotny bei, sich in Reaktion auf das Workshopgeschehen einander wertschätzende Kudo-Kärtchen zu schreiben und für alle sichtbar und lesbar an die Pinnwand zu heften (Kudo = griechisch: Ruhm, Ehre, Anerkennung).

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Übersichtliche Visualisierungen, viele davon erstellt von Alexander Schaaf, trugen zusätzlich zum Verständnis und zum schnellen Erfassen des umfangreichen Stoffes bei. Mit zahlreichen Metaphern prägten sich die Informationen leichter ein: Segelboot, ziehen und bremsen, Druck und Sog, Reisen mit dem Koffer, Ballast abwerfen, Troika – das Gute, das Böse, das Hässliche. Stellvertreter Klaus als Schutz-Vehikel für eigene Empfindungen usw. Wichtige psychologische Aspekte wurden von Valentin Nowotny kompetent eingestreut, u. a. zum Thema zwischenmenschliche Beziehungen, Kommunikation, Team-Mechanismen und laterale Führung.

Lean und Teal

Hier mehr: LEAN und TEAL – Wir sind die Firma, wir alle sind Chefs

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Service und viel Zusatznutzen

Weitere Informationen liefern Schaaf und Nowotny auf ihren Online-Portalen: über die Plus-Plattform AgileTeams sowie über ihre Blogs key2know und NowConcept, dort sind auch Termine und Preise zu zukünftigen Workshops zu finden. Eine interne Plattform, die key2know zugeordnet ist, können sich die Teilnehmer auch nach dem Workshop weiter miteinander vernetzen und austauschen. Ein Zertifikat belohnt die Teilnehmer am Ende für ihre aufmerksame und aktive Mitarbeit.

Der Workshop fand übrigens im Juggle Hub statt, einem familienfreundlichen Coworking Space in der Christburger Straße in Berlin. Er bietet nicht nur Räume zum gemeinsamen Arbeiten und lebenslangen Lernen, sondern bei Bedarf auch eine flexible Kinderbetreuung.

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Erklärtrickfilm: Agiles Arbeiten

 

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Wie Netzwerke und Plattformen den Erfolg beflügeln

© Andreas Hermsdorf, pixelio.de

Dem Jahrhundert der Einzelkämpfer folgt jetzt die Zeit der Schwarmintelligenz und der Netzwerke. Wir statt ich! Einzelne Universalgelehrte wird es kaum mehr geben bzw. werden sie von divers zusammengesetzten Teams mühelos übertrumpft. Netzwerke und Plattformen dienen als Erfolgsbeschleuniger, sie beflügeln das Vorwärtskommen von Teams, Leistungen, Chancen und Motivation.

Wann Netzwerke erfolgreich sind

Vielfalt ist das Geheimnis erfolgreicher Netzwerke! Damit das Geflecht aus Kontakten und Menschen seine Wirkung entfalten kann, braucht es drei unterschiedliche formale Persönlichkeiten, sagte der Psychologieprofessor und Spezialist für systemische Organisation, Dr. Peter Kruse, 2007 in einem Interview über Kreativität:

  • den Creator (Urheber), der ständig neue Ideen hat, egal ob sie sich realisieren lassen oder nicht (Spinner, Störer)
  • den Owner (Eigentümer), der Wissenseigner bzw. -träger, der ein Thema im Detail beherrscht (Experte)  
  • den Broker (Makler), der viele Leute kennt, die etwas wissen und der als Vermittler und Vernetzer zwischen ihnen wirkt.

Jede Persönlichkeit besitzt spezielle Fähigkeiten, die in Kombination mit weiteren Fertigkeiten anderer Person besonders stark und wirksam wird. Die Summe verschiedener Intelligenzen ist stets größer als eine einzelne Intelligenz. Kruse zieht den Vergleich mit der Vernetzung verschiedener Synapsen im Gehirn. Je nachdem, welche der drei Persönlichkeiten aufeinander treffen, erzielen sie gemeinsam unterschiedliche Wirkungen:

  • Creator + Owner = Ideen zur Lösungsbildung
  • Owner + Broker = Bewertung von Wissen
  • Broker + Creator = Erregung, beide stören

Netzwerke beim Essen schmieden

Viele Ideen entstehen beim gemeinsamen Essen, der vielleicht wichtigsten Netzwerk-Plattform der Welt. Bislang unbekannten Menschen Fragen stellen und neue Informationen erhalten: Eine Chance, die Sie möglichst oft nutzen sollten. Wissenschaftler haben daraus ein neues Forschungsgebiet gemacht: Kommensalität (engl. Commensality: gemeinsames Essen) . Kevin Kniffin startete 2017 an der Cornell University’s Dyson School of Business eine eigene Studie. Um den richtigen Partner für das gemeinsame Essen zu finden, können Sie sich von Online-Tools unterstützen lassen, z. B. der App Never Eat Alone und der Plattform Workwell können dabei helfen.

Warum bietet Essen ein gutes Umfeld für Neues? Weil wir genau dann empfänglich dafür sind, wenn wir Glücksmomente und Vertrauen empfinden. Es ist erwiesen, dass jene Menschen am produktivsten sind, die besonders häufig ihre Begleiter beim Essen wechseln. Beim gemeinsamen Essen erfährt man am besten, wie der Andere denkt, welche Ideen und Vorlieben er hat, welche Erfahrungen und Erlebnisse ihn bewegen, sofern sich der Begleiter öffnet. Dies sorgt zusätzlich für Vertrauen, eine wichtige Voraussetzung für funktionierende Netzwerke und die Bereitschaft für Veränderungen.

© Rainer Sturm, pixelio.de

Diversity als Erfolg

Erfolg schöpft sich aus Vielfalt: aus unterschiedlichen Persönlichkeiten, Talenten und Fähigkeiten, Wissensträgern, Fachbereichen, Lebenswelten. Ein wichtiges Vorbild für Apple-Gründer Steve Jobs waren die Beatles, wie er in der amerikanischen Dokumentationsserie 60 Minutes am 12.05.2008 sagte: „Das waren vier Typen, die gegenseitig ihre negativen Tendenzen in Schach hielten, sie balancierten sich gegenseitig aus, so dass das Gesamte viel mehr als die Summe der Einzelteile wurde. Große Dinge in der Geschäftswelt werden nicht von einer Person gemacht, sondern von einem Team.“

Neues entsteht nicht aus Harmonie, sondern aus Widerspruch. Erfolgreiches Management lebt von Instabilität und von Störern, die Routinen hinterfragen. Ein Unternehmen tut also gut daran, sich regelmäßig Impulse von außen zu holen. In Zeiten des globalen Wandels können auch interkulturelle Grenzüberschreitungen neue Perspektiven für die eigenen Institution bzw. Organisation eröffnen. Damit Unternehmenskulturen daran wachsen können, braucht es genügend Zeit. Nur wenn das Basis-Team die neuen Impulse als relevant, nachvollziehbar, transparent und glaubwürdig aufnimmt, werden sich alle mit der Zeit an die neuen Impulse anpassen. So kann der Unternehmenswandel tatsächlich gelingen.

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Tandems bilden

Wem größere Netzwerke zu unübersichtlich sind, kann zumindest ein Tandem bilden. Achten Sie  darauf, dass Sie sich mit einer Person, Organisation, Institution oder einem Unternehmen aus einem anderen Sektor, Lebensbereich bzw. einer anderen Branche vernetzen. Nur wenn Sie Ihre „Komfortzone“ verlassen und sich mit frischem Wind umgeben, werden Sie profitieren. 

Ich werde dieses Experiment in Kürze selbst wagen – als Partner im interdisziplinären Jobshadowing-Programm – und werde auf MassivKreativ darüber berichten. Die Hamburg Kreativ Gesellschaft – eine städtische Einrichtung zur Förderung der Kreativwirtschaft in der Hansestadt – vernetzt seit kurzem Institutionen der Initiative Finanzplatz Hamburg e.V. mit Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Tandempartner begleiten sich einen Tag gegenseitig in ihrem Arbeitsalltag und lernen voneinander. Das Ziel: Perspektivwechsel, Horizonterweiterung und Wissenstransfer, langfristig sind crosssektorale Kooperationen angedacht: Kreative können neue Strategien und Lösungsansätze für Herausforderungen in klassischen Wirtschaftsbereichen erarbeiten, z. B. indem Sie Routinen hinterfragen. 

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Innovationen aus Netzwerken schöpfen

Daniela Bessen engagiert sich als Brokerin und Innovationsscout für die Vernetzung mittelständischer Unternehmen mit Startups bzw. Wissensträgern (Ownern) und Innovatoren (Creatern). Sie möchte dem Mittelstand dabei helfen, innovativer zu werden und wertvolle Kontakte zu den richtigen Akteuren und Experten. Netzwerken gehört daher zu ihrem Alltagsgeschäft, auch in ihrer Funktion als Verbandsbeauftragte des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft (BVMW). Über das erfolgreiche Netzwerken habe ich mit ihr in einem längeren Interview gesprochen.

Mehr Geben als Nehmen

Netzwerke müssen ständig am Leben erhalten und mit neuen Impulsen von außen genährt werden. Treffen immer nur die gleichen Menschen aufeinander, wird das Netzwerk bald absterben. Je vielfältiger und interaktiver Netzwerke wirken, um so stärker sind die Rückkopplungseffekte. Ein gesundes Netzwerk lebt mehr vom Geben als vom Nehmen, wie das folgende Gleichnis zeigt: „Was ist der Unterscheid zwischen mögen und lieben“, wurde der Buddha einmal gefragt.  Seine Antwort: „Wenn Du eine Blume magst, dann pflückst Du sie. Wenn Du eine Blume liebst, dann gibst Du ihr jeden Morgen Wasser.“ Menschen und deren Gestaltungswillen zum Blühen zu bringen,  ist die große Kraft, die von Netzwerken ausgeht.

Interdisziplinäres Netzwerken

Seit Herbst 2016 organisiert das Netzwerk Kreative MV in Mecklenburg-Vorpommern im Auftrag des dortigen Wirtschaftsministeriums sogenannte KreativLabs. Das Format wandert durch das Bundesland an unterschiedlichste Orte und bringt branchenübergreifend Kreative, Privatwirtschaft, öffentlichen Sektor und Bildungsinstitutionen zusammen. Nach dem peer-to-peer-Prinzip findet die Ideenfindung und Beratung gemeinschaftlich statt, eine große Chance für die unterschiedlichen Teilnehmer, sich und ihre Branchen besser kennenzulernen und mehr über die jeweiligen Probleme und Wünsche zu erfahren. Beispielhaft war das 4. KreativLab „Querdenken gefragt“ in Ludwigslust im März 2017. Bei dieser Gelegenheit stellte ich im Impulsvortrag „Was kann Management von Kunst lernen“ inspirierende Beispiele für künstlerisches Denken vor, für Kreativität und Innovation, Haltung und Verantwortung, interdisziplinäres Arbeiten und Coworking, Nachhaltigkeit und Diversity. Im anschließenden Barcamp und Kreativ-Workshop erarbeiteten Unternehmer, Mitarbeiter aus dem öffentlichen Sektor sowie Künstler und Kreativschaffende in interdisziplinären Teams Lösungsansätze für praxisnahe Herausforderungen. Weitere Labs im Jahr 2017 hier.

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Vernetzung a la Richard Branson

A-B-C-D: Always Be Connecting the Dots – so der Slogan über allen Virgin-Group-Firmen unter Führung von Richard Branson: „Verbinde stets die Punkte miteinander“. Erst, wenn Querverbindungen zwischen unterschiedlichen Bereichen und Welten geschaffen werden, entstehen ungeahnte Synergien und Befruchtungseffekte, der glückliche Zufall – auch „Serendipity-Effekt“ genannt. Nur ein Beispiel: In den neuen Virgin-Hotels sind sowohl Gäste als auch Einheimische willkommen. Bibliothek und Fernsehzimmer stehen allen offen. Auf Begegnung setzt auch der „Common Club“, hier sollen zur sogenannten „Social Hour“ zwischen 18 und 19 Uhr alle Menschen zusammen kommen, die anfangs offerierten kostenlosen Cocktails müssen inzwischen doch wieder bezahlt werden. Aber wer weiß, vielleicht gibt es sie demnächst wieder, wenn der Weltraumvisionär Branson sein erstes Hotel im All eröffnet – samt Networking mit Außerirdischen …

 © Alfred Krawietz, pixelio.de

Plattformökonomie: webbasierte Netzwerke

Neben persönlichen Netzwerken sind in den letzten Jahren immer mehr webbasierte Netzwerke entstanden. Plattformökonomien bieten erhebliche Vorteile: mehr Sichtbarkeit, Vernetzung, Befruchtung, Beschleunigung und Konsolidierung. Mit rasant wachsenden Anbietern entstehen neue Geschäftsmodelle. Wichtige Informationen werden dabei meist von Dritten generiert (z.B. gegenseitige Bewertungstexte): Amazon (Shopping-Plattform vernetzt Konsumenten, Handel, Hersteller und Logistik), ebay (Auktionen), airbnb (Übernachtungen), Facebook (Social Media), die App-Stores von Apple und google (Medien) usw. Werden Produktionsressourcen intelligent verknüpft und Daten durch Digitalisierung und Business Intelligence (im Sinne des Anbieters) optimal verwertet, bilden sich neue Wertschöpfungsketten. Plattformökonomien und Sharing-Dienste gibt es inzwischen für alle Lebensbereiche: Mobilität und Reise, Finanzen und Versicherungen, Job-, Partner- und Tauschbörsen, Coworking, Haushaltshilfen, Verleihdienste.

Plattformen beleben auch den Bereich der Wissenschaft sowie der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die EU unterstützt in ihrem Förderprogramm Kreatives Europa grenzüberschreitende Plattformen kultureller und kreativer Organisationen, die Künstlern, Kulturschaffenden sowie aufstrebenden Talenten über europaweite Netzwerke und Online-Plattformen in der Öffentlichkeit präsentieren, u. a. Europeana.   

 © Otto – Collabor8, MassivKreativ

Online-Tools zur Vernetzung

Auf Wiedersehen email, Kalender, Notizbuch. Die Zukunft gehört den Online-Werkzeugen, damit die Zusammenarbeit für uns alle einfacher wird – vor allem über räumliche und geografische Entfernungen und über verschiedene Zeitzonen hinaus. Für jeden erdenklichen Papierkram gibt es inzwischen ein Online-Pendent – je nach persönlichen Wünschen kostenlos oder per Monatsabo – für die Abstimmung von Terminen, den gemeinsamen Kalender, für das Projektmanagement, für To-Do-Listen, für die kreative Arbeit, für Kommunikation und Konferenzen.

Schüler, Azubis und Studierende profitieren ebenso wie Wissenschaftler und Experten, Außendienst-Mitarbeiter, Journalisten und Künstler, Einzelkämpfer ebenso wie Teams, Arbeitsgruppen und Vereine. Das Angebot kollaborativer Tools wächst stetig, eine umfangreichere Aufstellung liefern u. a. das Digital-Magazin t3n und die Wissenschaftsjournalistin Martina Rüter.

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Empfehlenswerte kreative und innovative Netzwerke und Plattformen 

  • Women´s Club von Hamburg@work organisiert Veranstaltungen, u. a. ein BusinessBreakfast im WASSERSCHLOSS  der Speicherstadt zu wechselnden Themen, z. B. „New Work – Wie werden wir zukünftig arbeiten?“, Infos zur Mitgliedschaft  
  • Dverse Media – für mehr Vielfalt im Wirtschaftsjournalismus 
  • Digital Media Women – für mehr Sichtbarkeit und Einfluss von Frauen auf allen Bühnen – Konferenzen, Fachmedien, Management Board – offen, respektiert und wegweisend.
  • Hamburg Kreativ Gesellschaft bietet vielfältige Netzwerkveranstaltungen, z.B. zum Thema crowdfunding
  • DesignXport in Hamburg sieht sich als Schnittstelle zwischen Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft
  • Innovation Alliance: engagiert sich zum Thema Digitalisierung im Mittelstand
  • BVMW: Bundesverband für die mittelständische Wirtschaft
  • Kreative Deutschland: bottom-up-Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland
  • Kreative MV: Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern
  • CleverHeads: kreatives Recruiting-Netzwerk mit Empfehlungsmarketing gegen Fachkräftemangel – durch Weiterempfehlung eines Bewerbers refinanzieren Arbeitgeber die eigenen Recruiting-Kosten
  • Vera-Netzwerk: Verband der Ausstellungsgestalter in Deutschland e.V.
  • Querdenker: von kreativen Köpfen profitieren

 

Wir. Echt. Bunt: Unser immaterielles Kulturerbe

Wir. Echt. Bunt: Unser immaterielles Kulturerbe

© MassivKreativ, Antje Hinz

Unsere Welt ist global und virtuell geworden. Doch digitale Erlebnisräume können echte, reale Erfahrungen in einer Gemeinschaft nicht ersetzen. Ohne sie wird unser Leben schnell öde und sinnentleert. Weltweit wird nun nach „lebendigen“ kulturellen Praktiken und Ausdrucksformen gesucht, nach gemeinschaftlichen Erlebnissen, unserem „immateriellen Kulturerbe“.

Traditionelles Wissen weitergeben

Die Sicherheiten in unserem Leben schwinden. Was gestern innovativ war, ist heute veraltet. Was morgen kommt, ist nicht vorhersehbar. In einer Welt voller Ungewissheiten suchen wir nach Bodenhaftung und Stabilität, nach Gemeinschaft und Selbstvergewisserung. Doch unsere Gesellschaft ist technikverliebt. Nichttechnologische Ideen und handgemachte Leistungen werden unterschätzt. Traditionelles Wissen gerät aus dem Blickfeld. Kreative Leistungen und Konzeptideen werden selten vergütet, aber umso häufiger ohne Erlaubnis und schlechtes Gewissen kopiert. Soziales und ehrenamtliches Engagement wird gern gesehen, aber zu wenig wertgeschätzt (siehe weiter unten Citizen Science).

© Sylvia-Verena Michel, Pixelio
UNESCO-Siegel „Immaterielles Kulturerbe“ für das jährliche friesische Biikebrennen am 21. Februar

Initiative der UNESCO

Zur gesellschaftlichen Bewusstseinsförderung hat die UNESCO 2003 das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes (IKE) verabschiedet. Die Konvention soll dazu beitragen, das weltweit vorhandene traditionelle Wissen und Können zu erhalten. Mehr als 160 Staaten sind der Konvention inzwischen beigetreten. Bereits 1982 heißt es in der Deklaration der UNESCO-Weltkonferenz über Kulturpolitik in Mexico City: „Kultur kann in ihrem weitesten Sinn als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen.“ 
Im bundesdeutschen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes stehen derzeit 68 Einträge und vier Erhaltungsprogramme (Gute Praxis-Beispiele). Jedes Jahr kommen weitere Kulturformen hinzu, so wird das Verzeichnis stetig wachsen und die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und aus Deutschland sichtbar machen. Verschiedene staatliche Akteure der jeweiligen Bundesländer und die Deutsche UNESCO-Kommission entscheiden in einem mehrstufigen Verfahren über neue eingereichte Anträge. Sie zeigen unseren Alltag in allen Facetten, z. B. das Hebammenhandwerk, das Mecklenburger Tonnenabschlagen, die Tölzer Wallfahrt und die deutsche Friedhofskultur.

© Ruth Rudolph, Pixelio

Ergänzung zum materiellen Weltkulturerbe

Im englischen Sprachraum ist das „immaterielle Kulturerbe“ weniger sperrig. Hier heißt es „intangible cultural heritage“ = „unberührbares Kulturerbe“. Ergänzend zum „berührbaren“ bzw. „materiellen“ Kulturerbe, wie z. B. den Bauwerken Kölner Dom, den Pyramiden und dem Tadsch Mahal, geht es der UNESCO auch um nichtmaterielle Leistungen. In die deutsche Liste schafften es bis 2015 u. a. die Brotkultur, das Morsen und Reetdachdecken, der rheinische Karneval, das friesische Biikebrennen sowie sorbische Feste und Bräuche, Falknerei, Singen im Amateurchor und moderner Ausdruckstanz.
Im März hat Deutschland seine erste Nominierung für das internationale Verzeichnis der UNESCO eingereicht, für die sogenannte Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit: die Idee und Praxis der Genossenschaft. Gewürdigt werden alle Facetten des gemeinschaftlichen, demokratischen Entscheidens und Zusammenlebens, von denen es hierzulande vielfältige Beispiele gibt: Wohnungsbau- und Konsumgenossenschaften (z. B. REWE), Medien (z. B. taz), Bankgenossenschaften (z. B. Raiffeisen), Handwerker-, Land- und Forstwirtschaftsgenossenschaften, Energieversorger (Greenpeace energy), Krankenhäuser, Kulturzentren, Künstler- und Schülergenossenschaften.

© euonymus, Pixelio

Spiegelbild unserer Kultur

Die UNESCO möchte langfristig und nachhaltig unterschiedliche kulturelle Praktiken und Ausdrucksformen schützen: Traditionen, Rituale, Darstellungen, Wissen und Fertigkeiten. Um das begehrte UNESCO-Siegel können sich Musik- und Gesangsformen bewerben, Erzählungen und Dialekte, Tänze und Feste, Wein- und Gartenkultur, traditionelle Heilmethoden, Bau- und Handwerkstechniken sowie Gemeinschaften, die sich für die Verbindung von Kulturtraditionen und Natur engagieren. Ein konkreter Appell gegen Ignoranz und Vergessen ist darüber hinaus die „Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes“. Über Ziele und Sinn der UNESCO-Initiative sowie über das Siegel habe ich mit Benjamin Hanke gesprochen, Referent für das immateriellen Kulturerbe bei der Deutschen UNESCO-Kommission.

Traditionen und Werte als Lebenselixier

Warum brauchen wir überhaupt noch Traditionen und entsprechende Praktiken? Welchen Nutzen haben sie für uns? Während Bauwerke restauriert und konserviert werden, muss Immaterielles Kulturerbe lebendig bleiben und sich wandeln. Es wird von Gemeinschaften in sozialer Balance geschaffen. Sie sind Labore für eine zukunftsfähige Gesellschaft und für gemeinschaftliches, nachhaltiges Handeln! In einem Mikrokosmos leben die Akteure vor, was unseren Alltag lebenswert macht: Teilhabe, Geborgenheit, Sinnstiftung, Identität, Wertschätzung, Würde, Vertrauen, Empathie, Kommunikation, Austausch, Gemeinsinn, Selbstbestimmung, Hilfsbereitschaft, Engagement, Kontinuität, Motivation, Freude, Lebendigkeit, Vielfalt, Toleranz, Entfaltung und Entwicklung.

Identität und Kontinuität

Die Trägergemeinschaften, die immaterielles Kulturerbe schaffen, sind Treibhäuser für das WIR-Gefühl. Es sind zugleich Lern-, Erfahrungs- und Erlebnisorte sowie Erkenntnis-Labore für die aktuellen Herausforderungen. Es geht um grundlegende gesellschaftliche Fragestellungen: Welche Wurzeln haben wir? Welche Identität-(en) tragen wir in uns? Was prägt uns? Welche Werte sind uns wichtig? Welches Wissen möchten wir weitergeben?

Bürger schaffen Wissen: Citizen Science

Engagierte Bürger leisten als forschende Laien einen enormen Beitrag für unsere Gesellschaft. In Geschichtswerkstätten, Wissenschaftsläden, in Vereinen und Trägergruppen, sorgen Sie für die Aufarbeitung und Weitergabe von Wissen, um das sich die staatlich finanzierte Profi-Wissenschaft nicht kümmert. Mit hoher intrinsischer Motivation investieren Laien enorm viel Zeit und Herzblut,  um beispielsweise Vögel in ihrer Region zu zählen, Pflanzen der Umgebung zu bestimmen, die Geschichte des eigenen Stadtteils zu recherchieren, Zeitzeugen zu befragen und der nächsten Generation das erworbene Wissen zu vermitteln und weiterzugeben. Citizen Science zeigt vorbildhaft, wie lebenslanges Lernen schon heute Zwang oder Einwirkung von außen mit großer Wirkung erfolgreich praktiziert wird. Die Plattform Bürger schaffen Wissen zeigt ausgewählte Beispiele, wobei naturwissenschaftliche Projekte die Plattform zu Unrecht dominieren. Hier müssten die vielen kulturellen und geisteswissenschaftlichen Bürgerprojekte in Deutschland dringend nachgetragen werden!

© Rainer Sturm, Pixelio
UNESCO-Siegel „Immaterielles Kulturerbe“ für die deutsche Brotkultur und das Bäckerhandwerk

UNESCO-Bewerbungsverfahren

Damit eine Bewerbung für die Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland erfolgreich verläuft, müssen konkrete Kriterien erfüllt werden. Der Antragsteller muss Mitglied einer sogenannten Trägergemeinschaft sein, die das Kulturerbe aktiv ausübt. Nur im fruchtbaren Klima gegenseitiger Wertschätzung können Ideen wachsen und gedeihen. Mit viel Zeit, Konzentration und Ausdauer perfektionieren die Akteure Fähigkeiten und Können. Mit Sachverstand und Leidenschaft geben sie ihr besonderes Wissen an neue Akteure weiter. Sie inspirieren einander, sorgen dafür, dass die Ausdrucksformen von einer Generation an die nächste weitergegeben. Das Erbe lebt von den Menschen, die es stetig neu gestalten und auch weiterentwickelt. In der Schweiz ist daher die Formulierung „lebendiges Erbe“ verbreitet.

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UNESCO-Siegel für verschiedene regionale Traditionen der deutschen Karnevalskultur

Vielfalt

Die Gemeinschaft muss allen Menschen offen stehen, als Zeichen dafür, dass „Wir. Echt. Bunt“ sind. Der freie Zugang zur Tradition ist wesentlich – ungeachtet der Herkunft, Religion, und Weltanschauung. In den Trägergemeinschaften sollen sich Generationen und Geschlechter, Minderheiten und Benachteiligte, Kulturen und Religionen mischen.
Das Schützenwesen wurde zunächst nicht in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, weil es die christliche Tradition überbetonte und einem Bürger muslimischen Glaubens die Teilhabe verweigerte. Inzwischen wurde diese Entscheidung von den Schützen korrigiert und die Zusage für das Siegel von der UNESCO im zweiten Durchgang doch noch vergeben. Ausgrenzung und andere Verstöße gegen internationale Menschenrechtsübereinkünfte werden von der UNESCO abgestraft.
Längst bereichern auch migrantische und transkulturelle Einflüsse das Alltagsleben in Deutschland. Sie bringen neue Impulse in die Diskussion um Heimat, Vertreibung und den Umgang mit der Natur. Das deutsche Verzeichnis soll nicht nur „deutsches“ Kulturerbe abbilden, sondern möglichst vielfältige Identitäten, Wissens- und Ausdrucksformen in unserem Land. 

Sorbische junge Frau_Spreewald 2008 140Schloss_Lübbenau_Kahn_Spreewald 2008 197 © MassivKreativ, Antje Hinz: Auch die Feste und Bräuche der Sorben im Spreewald wurden in die UNESCO-Liste aufgenommen.

© MassivKreativ, Björn Kempcke: 360-Grad-Ansicht des Spreewaldortes Lehde mit Freilichtmuseum (dafür direkt auf das Foto klicken)

Qualitätssiegel und Inwertsetzung: Fluch oder Segen

Städte und Gemeinden buhlen überall um zahlungskräftige Touristen. „Regiobranding“ ist in aller Munde. Städtische Akteure, lokale Verbände, Vereine und Initiativen suchen eifrig nach Wegen, um Heimat „in Werte“ zu setzen. Und so wird immaterielles Kulturerbe auch zum Standortfaktor. Die UNESCO verleiht an erfolgreiche Bewerber für die Liste ein Siegel, mit dem sie für nicht-kommerzielle Zwecke werben dürfen.

Offene Fragen

Die UNESCO ist sich der Gefahren bewusst und bleibt mit den Trägergemeinschaften im Gespräch. Sie wird aufmerksam beobachten, wer vom Siegel profitiert. Sollte es tatsächlich zu Kommerzialisierung und Massentourismus führen, zu Romantisierung und Qualitätsverlust, so wird das Siegel auch wieder aberkannt, so die klare Ankündigung. Die Entscheidung könnte im Ernstfall schwerfallen, denn die Grenzen zwischen Kitsch und Kultur, Kunst und Kommerz sind zuweilen fließend. Die Praxis wird zeigen, ob die Trägergemeinschaften mit ihrem bürgerschaftlichen Engagement unabhängig und selbstbestimmt bleiben können. Damit es am Ende heißt: Analoge WIR-Kultur hat Zukunft! Denn: Wir sind Kultur!

Quellen und Inspirationstipps:

• Themensammlung „Immaterielles Kulturerbe“ der Deutschen UNESCO-Kommission: https://www.unesco.de/kultur/immaterielles-kulturerbe.html

Künstler als Ermutiger und Magier

© Peter Bast, Pixelio

Künstler sind Magier. Wenn sie in Unternehmen gehen, entlocken sie den Mitarbeitern Fähigkeiten und Talente, von denen die nicht im Geringsten geahnt hätten. „Die Wirtschaft sollte ihre Querdenker deshalb dort suchen, wo sie der Natur nach präsent sind: unter Künstlern! – sagt Management-Expertin Helga Stattler. Seit über 10 Jahren vermittelt sie als Beraterin zwischen den Welten Kunst und Wirtschaft. Im Interview erzählt sie mir u. a., warum Künstler Veränderungsprozesse in Unternehmen hervorragend begleiten können und was sie bei Mitarbeitern bewegen.

Helga Stattler und Karin Wolf_2015 © Corinna Eigner
Helga Stattler (l.) und Karin Wolf (r.) erforschen im Institut für Kunst und Wirtschaft Wien das Thema „Künstlerische Interventionen“ und begleiten die Aktionen als Intermediäre.

Frau Stattler, wie wichtig sind heute Innovationen für die Gesellschaft?

Helga Stattler:
Es wird immer nach Innovation gesucht – vor allem bei Produkten und Leistungen. Mindestens genauso wichtig und erforderlich ist die Innovation im Zusammenleben in den Organisationen. Es hat noch nie so viel burnout und Frust gegeben und zugleich Suche nach Sinn. Es herrscht sehr viel Druck und dagegen muss dringend etwas unternommen werden.

Warum sind soziale Innovationen ebenso wichtig wie technologische Innovationen?

Helga Stattler:
Das Thema Fusion z. B. funktioniert ja bis heute nicht. Unternehmen glauben, wenn sie zwei Teile miteinander verbinden und Menschen miteinander mischen, funktioniert das automatisch ab dem nächsten Tag. Das ist jedoch ein großer Irrtum. Menschen mit verschiedenen Erfahrungshorizonten zusammenzubringen: dem sollte bei einer Fusion strategisch noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden als dem Aushandeln von Kaufpreisen für ein Unternehmen oder wie man die Produktpaletten sinnvoll miteinander verbindet. Doch das wird leider oft übersehen.
Man glaubt, dass Menschen wie Maschinen funktionieren. Die Firma ist keine Maschine und die Menschen schon gar nicht. Sie sind soziale Wesen und Gemeinschaftswesen und wollen auch als solche beachtet werden. Der Mitarbeiter, der eine Veränderung verkraften muss, braucht das Gefühl, dass er ernst genommen wird. Die Unternehmensleitung muss verstehen, dass es nicht leicht für ihn ist, dass es eine Herausforderung ist. Und wenn er merkt, dass es wirklich ehrlich gemeint ist, dann wird er sich in die neuen Aufgaben mit Elan hineinstürzen und wird sagen: Ich schaffe das! Aber wenn man ihm das Gefühl gibt, dass es selbstverständlich sein muss nach dem Motto „Sei froh, dass Du den Job hast!“, dann wird er frustriert sein.

Anmerkung von Antje Hinz:
Die aktuelle repräsentative Studie des Gallup-Instituts zur Mitarbeiterzufriedenheit (2015) ist nach wie vor ernüchternd. Nur 15 Prozent der Mitarbeiter sind Feuer und Flamme für ihren Job und identifizieren sich mit ihrem Unternehmen. Die große Mehrheit von 70 Prozent der Beschäftigten leistet Dienst nach Vorschrift. 15 Prozent haben bereits innerlich gekündigt. In qualitativen Umfragen werden vor allem mangelnde Führungsqualitäten der Geschäftsleitungen und Vorgesetzten als Ursache genannt.

Welche Wirkung und welche positiven Effekte können Künstlerische Interventionen auf Mitarbeiter in Unternehmen haben?

Helga Stattler:
Künstler spüren, was in den Mitarbeitern steckt. Sie entdecken Potenziale, die Vorgesetzte nicht sehen, auch wenn sie mit Mitarbeitern schon lange arbeiten. Wie Künstler das machen, ist noch ein Geheimnis, aber es funktioniert auf jeden Fall. Sie laden Mitarbeiter ein, sich etwas zu trauen. Sie machen das so, dass die oft vorherrschende Angst „Das kenne ich nicht, das kann ich nicht“ überwunden werden kann. Sie laden ein zu lustvollem Tun. Und dann entdeckt der Mitarbeiter selber: „Hoppla, das kann ich ja doch!“ In der Schule hat ihm bzw. ihr mal jemand gesagt: „Du kannst nicht singen“ oder „Du kannst nicht zeichnen“. Und das glaubt er oder sie von Kindesbeinen an. Und plötzlich kommt da jemand und sagt: „Kein Problem. Versuch es einfach!“ Und so entsteht etwas.

662148_web_R_K_B_by_Tim Reckmann_pixelio.de © Tim Reckmann, Pixelio

Was zeichnet einen Künstler grundsätzlich aus?

Helga Stattler:
Ein Künstler ist jemand, der aus dem Nichts heraus etwas erschafft. Er hat die leere Leinwand und malt ein Bild. Er hat ein Notenblatt und komponiert eine Melodie. Genau das braucht die Wirtschaft: Schöpfen aus dem Nichts.

Was beherrschen Künstler über ihre eigentliche kreative Tätigkeit hinaus?

Helga Stattler:
Ein Künstler sieht Dinge, die Berater und Manager nicht sehen. Das ist das Geheimnis. Künstler gehen an Probleme anders heran. Sie lassen Widersprüche zu und können querdenken. Querdenker sind zwar sehr gefragt, aber man sucht sie in den eigenen Reihen der Unternehmen, statt sie dort zu suchen, wo sie naturgemäß zu finden sind.

Wann kommt ein Unternehmer zu der Überzeugung, dass eine Künstlerische Intervention in seiner Firma sinnvoll ist. Welche Szenarien gibt es?

Helga Stattler:
Irgendein Anlass ist meistens schon da, eine aktuelle Veränderung. Es ist oft ein Bauchgefühl, dass man sagt: Es geht uns zwar gut, aber wir merken: Die Mitarbeiter sind nicht so recht glücklich. Wir haben schon Trainings versucht und Berater im Haus gehabt, aber es hat sich nicht viel geändert.

Was genau macht der Künstler denn anders als z. B. ein Berater?

Helga Stattler:
Ein Künstler macht etwas, das nicht erwartet wird. Und daher ist auch der Widerstand der Mitarbeiter nicht da. Es gibt ja Firmen, wo die Mitarbeiter ganz klar sagen: Bitte, nicht schon wieder eine Beratung! Oder trotzig sagen: Diesen Berater werden wir auch noch überstehen!
Und dann kommt ein Künstler und schlägt etwas vor und lädt ein zu einer Aktivität, wo das aktive Mitwirken plötzlich Freude macht, etwas zu tun, wo man auch selber seine Ideen einbringen kann. Und plötzlich ist alles anders: Künstler wirken als Ermutiger und Magier!

Worin lässt sich dann letztlich konkret der Erfolg einer Künstlerische Intervention messen?

Helga Stattler:
Sicher nicht in Prozentzahlen, aber in den Einstellungen der MitarbeiterInnen und in der Qualität der Kommunikation zum Beispiel. Die Führungskräfte sagen: Meine Mitarbeiter schauen mir plötzlich in die Augen. Die sind offen und sagen: Ja – da mache ich mit! – wenn es um neue Dinge oder Veränderungen geht. Sie kooperieren wirklich miteinander. Sie haben gemeinsame Projekte, wo sie sich einbringen und sagen, da bleiben wir heute mal länger, das wollen wir fertig machen. Erreicht wird demnach ein lustvolleres Arbeiten, weil sie Wertschätzung und Sinn in diesen Tätigkeiten gefunden haben.

Wie lässt sich die Idee der Künstlerische Intervention in die Welt hinaustragen, also breiter bekannt machen?

Helga Stattler:
Erfreulicherweise gibt es jetzt inzwischen schon einige sehr gute Beispiele für Künstlerische Interventionen. Und am Glaubwürdigsten sind die Aussagen der Unternehmer, Führungskräfte und Mitarbeiter, die schon mal eine Künstlerische Intervention in ihrem Unternehmen erlebt haben. Und auch der Künstler natürlich. Die berichten, was sie erlebt haben und was dabei herausgekommen ist.

Antje Hinz: Ein schönes Schlusswort! Vielen Dank, Frau Stattler für das Interview.

Helga Stattler leitete von 1980 bis 1998 das Hernstein International Management Institute in Österreich und begegnete als Beraterin und Personal- und Organisationsentwicklerin vielen charismatischen Persönlichkeiten, die sie beeindruckten und prägten, u. a. Peter Drucker, Paul Watzlawick, Peter Senge, Charles Handy, Henry Mintzberg, Chris Argyris und Edgar Schein. Stattler entwickelte innovative Lern- und Veranstaltungskonzepte zu Zukunftstrends, gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Themen.

Seit über 10 Jahren vermittelt Stattler als Beraterin zwischen den beiden Welten Kunst und Wirtschaft. Zunächst mit Theaterproduktionen für Unternehmen, um Führungskräften und Mitarbeitern einen Spiegel vorzuhalten, sowie mit Workshops und Seminaren mit Theatermethoden. Bei diesen Projekten musste sie selbst viel lernen, weil sie als Beraterin gewohnt war ganz andere Fragen zu stellen und andere Dinge wahrzunehmen als die Künstler. Das war anfangs irritierend, das Ergebnis aber immer überzeugend, wie ihre Projektbeispiele aus dem Veranstaltungsdesign zeigen.

Gerade die Verbindung aus Expertise in der Wirtschaft und in künstlerischen Bereichen mit der Lebenserfahrung empfindet Stattler als ihren größten Schatz. Was ihre Arbeit ausmacht: der Blick aufs Ganze und Liebe zum Detail, Neugierde und Mut für Neues. All das bringt sie in ihre Projekte ein.
2012 gründete sie gemeinsam mit Karin Wolf, der Direktorin des Instituts für Kulturkonzepte, das Institut für Kunst und Wirtschaft, das künstlerische Interventionen beforscht und als Intermediär begleitet. In ihrem Blog Kunst und Wirtschaft berichtet sie regelmäßig über gelungene internationale Beispiele.

Science Fiction und Magic Mirror: Strategische Zukunftsplanung für Unternehmen

alles-mv-de-workshop-kreativprozesse-manuela-heberer © Manuela Heberer, alles-mv.de

Wie soll man sich mit Dingen auskennen, die es bisher noch nicht gab? Strategische Zukunftsplanung im Unternehmen hängt stark von der eigenen Vorstellungskraft ab. 20 Unternehmer in Mecklenburg ließen sich von Akteuren aus der Kreativbranche strategisch und fantasievoll in die Zukunft beamen.

„Eine gute Frage ist der beste Anstoß zu mehr Kreativität.“ – hat der Werbekaufmann Michael Hahn einmal gesagt. Wie generiert Ihr Unternehmen neue Ideen? Wer bringt sie im Unternehmen mit wieviel Raum und Zeit  ein? Wieviele Ideen werden tatsächlich in den Unternehmensalltag implementiert? Woran scheitert ggf. die Realisierung?

Orientierung durch Wollfäden

Inspirierende Fragen eingebettet in künstlerisch-kreative Aktionen – nach diesem Rezept wurden die Zutaten für den Tages-Workshop „kreativprozesse.unternehmen.zukunft“ in Schwerin gemischt. Drei Künstler und vier Kreativschaffende der Innovationswerkstatt projekt:raum vom Rostocker Community-Zentrum „Warnow Valley“ hatten Firmen aus der Region zum visionären Vorausdenken eingeladen. 20 Unternehmer kamen, die meisten aus dem Netzwerk Zukunftsmacher MV. Die Mitglieder wollen im Wettbewerb um die besten Fachkräfte auch kreative Methoden ausprobieren. Etwa so: Kommunikationswege im Unternehmen lassen sich auch mit roten Wollfäden an Flurdecken plastisch vor Augen führen. Für solch ungewöhnliche Ideen nutzen Unternehmen Impulse von außen, z.B. aus der Kreativbranche.

alles-mv-de_workshop-kreativprozesse-lichtperformance-manuela-heberer © Manuela Heberer, alles-mv.de

Berührungspunkte erkunden

„Ich habe den Workshop mit Spannung erwartet, weil wir aufgrund unserer Ausrichtung eher wenig kreativ ist“, erklärt Martina Fregin ihre Motivation zur Teilnahme. Die Geschäftsführerin eines Unternehmens für Klima- und Lüftungstechnik in Bützow war dann aber überrascht, wie viele Berührungspunkte sie bereits zur Kreativbranche hatte, ohne sich darüber bewusst zu sein. Denn neben Musikern und Künstlern repräsentieren auch Architekten, Grafiker und Journalisten die elf Teilbranchen, wie Workshop-Organisatorin Teresa Trabert mit einer originellen literarischen Lesung klar machte. Nach einer Aufwärmphase und Impulsbeiträgen zum Thema Innovation von Unternehmensberaterin Veronika Schubring wurden die Unternehmer selbst kreativ. Drei Workshops standen zur Auswahl: Effectuation: Mit Science Fiction strategisch die Zukunft planen, Magic Mirror: Die eigene Marke als performative Lichtinstallation gestalten und Experience Design: Mit Musik die eigene Unternehmenskultur schaffen.

Mit Comics junge Zielgruppen erreichen

In 20 Sekunden ein Huhn und ein Raumschiff aufs Papier zu bringen, ist schon eine Herausforderung. Aber wie bitteschön visualisiert man den Begriff „Zeitdruck“? Grafiker und Animationskünstler Lennart Langanki, ist klar, dass er seine Teilnehmer damit ins Schwitzen bringt. Am Ende ist er vollauf zufrieden, weil wirklich jedem ein nachvollziehbares Zukunftsszenario gelungen ist. Frank Martens-Jung, Projektleiter für Entwicklung und Vertrieb im Rostocker Wasser- und Abwasserunternehmen OEWA hat vor allem jüngere Zielgruppen im Blick: „Wenn ich unsere Unternehmensziele mit Comics nach außen trage, erreiche ich damit sowohl potentielle Nachwuchskräfte als auch jüngere Kunden.“

Außendarstellung mit Bewegung und Projektion

Matthias Kaulmann ist Prokurist beim Schweriner Energieerzeuger naturwind gmbh mit etwa 30 Mitarbeitern. Kaulmann wagte die Herausforderung „Magic Mirror“, um sein Unternehmen mit eigenen Körperbewegungen bei einer Lichtperformance darzustellen. Dabei stand er zunächst vor der Frage, mit welchen Mitteln er seine Firma wirkungsvoll präsentieren soll: Wie erscheint das Außenbild meines Unternehmens in den Augen anderer? Wie entscheidend sind sinnliche Eindrücke für Innovation und Identifikation?
Mit der „X-Box One Kinect-Technologie“ wurde über Infrarot das Improvisationstheater der Teilnehmer in bunte Leinwandbilder verwandelt, die menschliche Bewegungen wie in einem magischen Spiegel zeigte. Die anderen Teilnehmer sollten die Bilder interpretieren und diskutieren. „Ich war überrascht, dass meine ruhigen Bewegungen auf Andere bei der Vorführung tatsächlich vertrauensvoll wirkten“, so Kaulmann. „Genau das wollen wir in unserem Unternehmen auch erreichen. Wir arbeiten langfristig und nachhaltig. Vertrauen zu schaffen, liegt uns daher besonders am Herzen.“
Gerade die gegenseitigen Rückmeldungen empfanden die Unternehmer als besonders wertvoll, auch Kaulmann: „Über den künstlerischen und spielerischen Ansatz wollte ich herausfinden, wie unser Unternehmen nach außen wirkt und wo es steht.“

Teambildung mit Musik

Wie klingt die eigene Unternehmenskultur? Im Musik-Workshop konnten die Teilnehmer Parallelen zwischen einem Firmenteam und einem Orchester erleben. Überall müssen Menschen einander zuhören und sich engagiert einbringen, wenn im Zusammenklang ein gutes Ergebnis entstehen soll. Um es selbst auszuprobieren, wählte jeder Teilnehmer einen typischen Alltagsgegenstand aus seinem beruflichen Umfeld: Quietschende Textmarker, klappernde Schreibtastaturen und Hackenschuhe, Telefonklingeln und Türklopfen, schellende Türgongs und Computersignale, waberndes Gemurmel. Unter Leitung des Musikers Tobias Wolff mischten sich die Klänge zu einer „Sinfonie des Alltags“. „Ein wertvoller Blick über den Tellerrand“, meint Gastgeber Kevin Friedersdorf, Geschäftsführer der Schweriner Webagentur Mandarin Medien. Und steuerte selbst einen Perspektivwechsel bei, in dem er die Büroklangwelt mit Froschquaken anreicherte – direkt aus dem benachbarten Teich.

Vorsätze

„Wir sind doch alle kreativer als wir dachten“, resümieren die Teilnehmer am Ende einhellig. Viele nehmen sich vor, die fantasievollen und innovativen Impulse aus dem Workshop nachhaltig in den Firmenalltag zu überführen. Auch den Kollegen wollen sie vom Workshop erzählen. Einige planen schon die nächste Aktion mit den Rostocker Kreativen im eigenen Unternehmen, wie z. B. Matthias Kaulmann von der naturwind GmbH.

Journalistin Manuela Heberer vom Onlinemagazin alles-mv.de hat den Workshop begleitet und hofft, dass auch andere Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern „die Begeisterung und den Enthusiasmus der Akteure spüren und erfahren können, was Kreativität im Menschen bewirkt. Unsere Region ist stark von Abwanderung geprägt. Künstler können den Menschen die Augen öffnen – für ihr Lebensumfeld, ihre Firma, ihre Mitmenschen. Und dafür, dass es sich lohnt, hier in Mecklenburg-Vorpommern zu bleiben.“

Inspirationstipps:

• Unternehmer-Netzwerk Zukunftsmacher MV

• Rostocker Innovationswerkstatt von Künstlern und Kreativakteuren: projekt:raum

• Coworking- und Community-Zentrum in Rostock: Warnow Valley

• Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern: Kreative MV

• Medienportal mit Berichten aus Mecklenburg-Vorpommern: alles-mv.de

Filmen für den Teamgeist

Filmcrew_Credit-Hanno-Hart+Gabi Kob © Haus & Grund, Kiel
Trommeln, Klettern, Floßbau – beim Teambuilding gibt es kaum etwas, das es nicht gibt. Das erhoffte Ziel wird allerdings nicht immer erreicht. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit sich die Aktion auf den Firmenalltag übertragen lässt? Ich berichte über ein Mitarbeiterteam, das einen Film drehen sollte – und eigentlich gar keine Lust darauf hatte.

Einmal im Scheinwerferlicht stehen und Teil einer Filmcrew sein … Wer hat nicht schon mal davon geträumt, in eine andere Rolle zu schlüpfen und Dinge zu sagen, für die einem normalerweise der Mut fehlt?

Geschäftsführer Sönke Bergemann von Haus & Grund in Kiel, einem Verein privater Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer, war sofort Feuer und Flamme, als er von der Idee hörte: Das Servicebüro sollte in ein Filmset verwandelt werden. Er hatte seine Mitarbeiterinnen schon einige Aktionen ausprobieren lassen, um den Zusammenhalt im Team zu stärken: Sport, Ausflüge, Trainings. Doch ein Erfolg wollte sich nicht einstellen. Bergemanns Fazit: “Wenn der klassische Werkzeugkasten nicht greift, dann freue ich mich über neue Werkzeuge“.

Anfangsschwierigkeiten
Der Vorschlag für die filmische Interaktion kam von der Initiative „Unternehmen! Kulturwirtschaft“ am Nordkolleg Rendsburg. Leiterin und Kulturmanagerin Lena Mäusezahl plante sie im direkten Austausch mit Haus & Grund. Die Strategien und Methoden entwickelte Mäusezahl gemeinsam mit den beiden Projektleitern, dem Filmemacher Hanno Hart und der Drehbuchautorin Gabriele Kob. Statt vorgeschriebener Aktionen sollten die Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle viel Freiraum zur eigenen Gestaltung erhalten.
Doch die sechs Frauen sind skeptisch: „Eigentlich wollen wir das nicht. Wir haben schon mehr als genug zu tun! Warum sollen wir ausgerechnet ein Kunstprojekt machen? Damit haben wir nichts am Hut! Was hat das mit uns zu tun?“

Ängste im Gespräch nehmen
Lena Mäusezahl kennt solche Bedenken. Als Mittlerin zwischen Kunst und Wirtschaft hat sie diese Sätze schon viele Male gehört, von Mitarbeitern, Personalchefs und Geschäftsführern. Sie nimmt die Einwände und Zweifel ernst, hört geduldig zu und präsentiert Gegenargumente. Damit die Projektidee nicht gleich im Keim erstickt, nähert sich Drehbuchautorin Gabriele Kob den Frauen in einer „Forschungswoche“. Kob lässt sie Fragebögen ausfüllen und hakt nach. Sie holt jede Mitarbeiterin in ihrer persönlichen Erfahrungswelt ab: Welche Serienheldin findest Du sympathisch? Warum magst Du gerade sie? Welche Eigenschaften schätzt Du an ihr? Wärst Du auch gern mal so kompromisslos? Kennst Du ähnliche Situationen, wie die Heldin sie erlebt? Wie reagierst Du, wenn Dir so etwas widerfährt?

Gabriele Kob erklärt, worum es ihr bei den Recherchen geht: „Das Unternehmen kennen zu lernen, nur Augen und Ohren aufzumachen, die Atmosphäre zu schnuppern, den Ton im Hause wahrzunehmen und zu erspüren, wie Menschen hier miteinander sind. Das war mein erstes Bedürfnis.“

Eigeninitiative und Eigendynamik
Der Funke springt über. Als Gabriele Kob zum ersten Treffen kommt, präsentieren ihr die Mitarbeiterinnen schon eine richtige Serienidee. Kob ist begeistert! Jede Frau entwickelt für sich eine eigene Figur, überlegt sich ihren Lebenslauf, entwirft ihren Charakter und das passende Kostüm. Ein Drehbuch wird geschrieben und die Rollen von den meisten Frauen auch selbst gespielt. Sie lernen sich dabei von einer ganz neuen Seite kennen. Gefilmt wird mit dem Smartphone, dann folgt der Schnitt.

Gabriele Kob beobachtet, dass die Frauen immer mehr Eigenverantwortung übernehmen und deutlich mehr Energie investieren als anfangs gedacht: „Immer waren alle bereit, sich auf Experimente einzulassen. Das war mutig und nicht selbstverständlich.“ Paola Weber, die Geschäftsstelle leitet und beim Filmprojekt in eine Gastrolle schlüpfte, bestätigt: „Es geht um die Risikobereitschaft, den Prozess nicht steuern zu können. Dabei genießen wir den frischen Wind, den die Künstler ins Haus bringen und wir haben Freude daran, unseren Mitarbeiterinnen mit diesem Pilotvorhaben eine ungewöhnliche Reise zu ermöglichen.“

Meist kommt alles anders
Ein Servicebüro ist ein Mikrokosmos sozialer Interaktion. Die Mitarbeiterinnen wissen morgens nie, was der Tag bringt. Wer offen ist, kann mit unvorhersehbaren Ereignissen besser umgehen.

In der Geschäftsstelle von Haus & Grund gehen Menschen ein und aus, die Rat und Unterstützung suchen oder sie telefonisch erfragen. Im Vordergrund steht der Servicegedanke: Hilfesuchende sollen bei den Mitarbeiterinnen auf Verständnis treffen. Das erfordert Empathie: „Am Freitagnachmittag kurz vor Feierabend genauso wie am Montagmorgen“, sagt Geschäftsführer Bergemann. 11.500 Mitglieder sind im Verein in Schleswig-Holstein organisiert, private Haus- und Wohnungseigentümer, Vermieter sowie wie Kauf- und Bauwillige. Das gemeinsame Ziel ist die selbstbestimmte Nutzung von privatem Haus- und Grundeigentum. Der Verein berät in juristischen und wirtschaftlichen Fragen, informiert über den Bau und die Instandhaltung eines Gebäudes und bietet unterschiedliche Serviceleistungen an.

Wo Menschen aufeinander treffen, entsteht Reibung. Mancher Besucher oder Anrufer macht seinem Ärger auch schon mal ungefiltert Luft. Emotionale Befindlichkeiten mischen sich mit Sachproblemen. Wie reagiert man darauf?

Reflektion und Transformation
„Letztlich ist jedes Telefonat ein Schauspiel“, meint Geschäftsführer Bergemann, „und jeder Kundenbesuch ist eine Szene.“ Es hilft durchaus, wenn man sich in bestimmten Szenen oder Rollen wiedererkennt, wenn man Erlebnisse oder Erkenntnisse über die Interaktion hinaus reflektiert und in den Alltag mitnehmen kann. „Der Film ist immer noch gegenwärtig bei uns“, sagen die Mitarbeiterinnen einige Wochen danach. „Jede Geschichte, die man erzählt, jede Figur, die man erfindet, hat etwas mit uns selbst zu tun. Man kommt an Gefühle und entdeckt Beziehungen. Die Figuren entwickeln ihr Eigenleben.“

Gabriele Kob nennt das Agieren vor der Kamera „eine Aktion mit Ventilcharakter“. Christiane Zimmermann-Stock, Rechtsberaterin im Servicebüro, ergänzt: „Auf spielerische Weise können Konflikte im Unternehmen thematisiert und filmisch gezeigt werden.“
Wenn es in Teams knirscht, liegt es meist an unterschiedlichen Persönlichkeiten und daran, dass mehr übereinander als miteinander geredet wird. „Emotionen sind in diesem Projekt ausdrücklich erwünscht“, erklärt Filmemacher Hanno Hart, „hinter die Fassaden des alltäglichen Miteinanders im Büro zu schauen und eine Gruppendynamik zu schaffen, die spürbar und bewusst erlebt wird.“

Nachwirkungen
Die gemeinsame Arbeit an der Filmserie hat die Mitarbeiterinnen im Servicebüro zusammengeschmiedet. Sie haben sich aus anderer Perspektive kennengelernt, sind über sich hinausgewachsen, haben sich mit Spaß und Humor ungewohnte Aufgabenbereiche angeeignet. „Das Team hatte ein neues, eigenes Projekt und damit ein gemeinsames Ziel außerhalb des gewöhnlichen Arbeitsalltages“, resümiert Lena Mäusezahl von der Initiative „Unternehmen! Kulturwirtschaft“. Vier Monate dauerte die filmische Aktion mit insgesamt 24 Treffen. Neben dem Hauptfilm entstand auch ein „Making of“, das den Projektverlauf hinter den Kulissen zeigt.

Lena Mäusezahl ist es wichtig, die Mitarbeiter einerseits aus ihrem Alltag zu entführen und sie andererseits wieder dorthin zurückzulotsen: „Damit die Erfahrungen aus der Interaktion eine nachhaltige Wirkung erzielen können, müssen vor allem die Geschäftsführung aber auch die Mitarbeiterinnen weiterhin aktiv bleiben.“

„Unsere Mitglieder sind grundverschieden – wir sind für jeden da!“ beschreibt Götz Bormann, Vorsitzender des Vereinsvorstandes, die Philosophie von Haus & Grund. Was für die Mitglieder des Vereins gilt, gilt auch für die Mitarbeiter. Der Film hat den Gemeinschaftssinn gefördert und zugleich das Unternehmensimage. Mit diesem ungewöhnlichen Projekt hat sich Haus & Grund Kiel um den Deutschen Kulturförderpreis beworben, den der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI jährlich auslobt.

Quellen und Inspirationstipps:

• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg
Gabriele Kob, Drehbuchautorin
Hanno Hart, Filmproduktionen
Haus & Grund, Kiel – Eigentümerverband
Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Ausgabe 2-2015: Künstlerische Interventionen.
Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung