Science Fiction und Magic Mirror: Strategische Zukunftsplanung für Unternehmen

alles-mv-de-workshop-kreativprozesse-manuela-heberer © Manuela Heberer, alles-mv.de

Wie soll man sich mit Dingen auskennen, die es bisher noch nicht gab? Strategische Zukunftsplanung im Unternehmen hängt stark von der eigenen Vorstellungskraft ab. 20 Unternehmer in Mecklenburg ließen sich von Akteuren aus der Kreativbranche strategisch und fantasievoll in die Zukunft beamen.

„Eine gute Frage ist der beste Anstoß zu mehr Kreativität.“ – hat der Werbekaufmann Michael Hahn einmal gesagt. Wie generiert Ihr Unternehmen neue Ideen? Wer bringt sie im Unternehmen mit wieviel Raum und Zeit  ein? Wieviele Ideen werden tatsächlich in den Unternehmensalltag implementiert? Woran scheitert ggf. die Realisierung?

Orientierung durch Wollfäden

Inspirierende Fragen eingebettet in künstlerisch-kreative Aktionen – nach diesem Rezept wurden die Zutaten für den Tages-Workshop „kreativprozesse.unternehmen.zukunft“ in Schwerin gemischt. Drei Künstler und vier Kreativschaffende der Innovationswerkstatt projekt:raum vom Rostocker Community-Zentrum „Warnow Valley“ hatten Firmen aus der Region zum visionären Vorausdenken eingeladen. 20 Unternehmer kamen, die meisten aus dem Netzwerk Zukunftsmacher MV. Die Mitglieder wollen im Wettbewerb um die besten Fachkräfte auch kreative Methoden ausprobieren. Etwa so: Kommunikationswege im Unternehmen lassen sich auch mit roten Wollfäden an Flurdecken plastisch vor Augen führen. Für solch ungewöhnliche Ideen nutzen Unternehmen Impulse von außen, z.B. aus der Kreativbranche.

alles-mv-de_workshop-kreativprozesse-lichtperformance-manuela-heberer © Manuela Heberer, alles-mv.de

Berührungspunkte erkunden

„Ich habe den Workshop mit Spannung erwartet, weil wir aufgrund unserer Ausrichtung eher wenig kreativ ist“, erklärt Martina Fregin ihre Motivation zur Teilnahme. Die Geschäftsführerin eines Unternehmens für Klima- und Lüftungstechnik in Bützow war dann aber überrascht, wie viele Berührungspunkte sie bereits zur Kreativbranche hatte, ohne sich darüber bewusst zu sein. Denn neben Musikern und Künstlern repräsentieren auch Architekten, Grafiker und Journalisten die elf Teilbranchen, wie Workshop-Organisatorin Teresa Trabert mit einer originellen literarischen Lesung klar machte. Nach einer Aufwärmphase und Impulsbeiträgen zum Thema Innovation von Unternehmensberaterin Veronika Schubring wurden die Unternehmer selbst kreativ. Drei Workshops standen zur Auswahl: Effectuation: Mit Science Fiction strategisch die Zukunft planen, Magic Mirror: Die eigene Marke als performative Lichtinstallation gestalten und Experience Design: Mit Musik die eigene Unternehmenskultur schaffen.

Mit Comics junge Zielgruppen erreichen

In 20 Sekunden ein Huhn und ein Raumschiff aufs Papier zu bringen, ist schon eine Herausforderung. Aber wie bitteschön visualisiert man den Begriff „Zeitdruck“? Grafiker und Animationskünstler Lennart Langanki, ist klar, dass er seine Teilnehmer damit ins Schwitzen bringt. Am Ende ist er vollauf zufrieden, weil wirklich jedem ein nachvollziehbares Zukunftsszenario gelungen ist. Frank Martens-Jung, Projektleiter für Entwicklung und Vertrieb im Rostocker Wasser- und Abwasserunternehmen OEWA hat vor allem jüngere Zielgruppen im Blick: „Wenn ich unsere Unternehmensziele mit Comics nach außen trage, erreiche ich damit sowohl potentielle Nachwuchskräfte als auch jüngere Kunden.“

Außendarstellung mit Bewegung und Projektion

Matthias Kaulmann ist Prokurist beim Schweriner Energieerzeuger naturwind gmbh mit etwa 30 Mitarbeitern. Kaulmann wagte die Herausforderung „Magic Mirror“, um sein Unternehmen mit eigenen Körperbewegungen bei einer Lichtperformance darzustellen. Dabei stand er zunächst vor der Frage, mit welchen Mitteln er seine Firma wirkungsvoll präsentieren soll: Wie erscheint das Außenbild meines Unternehmens in den Augen anderer? Wie entscheidend sind sinnliche Eindrücke für Innovation und Identifikation?
Mit der „X-Box One Kinect-Technologie“ wurde über Infrarot das Improvisationstheater der Teilnehmer in bunte Leinwandbilder verwandelt, die menschliche Bewegungen wie in einem magischen Spiegel zeigte. Die anderen Teilnehmer sollten die Bilder interpretieren und diskutieren. „Ich war überrascht, dass meine ruhigen Bewegungen auf Andere bei der Vorführung tatsächlich vertrauensvoll wirkten“, so Kaulmann. „Genau das wollen wir in unserem Unternehmen auch erreichen. Wir arbeiten langfristig und nachhaltig. Vertrauen zu schaffen, liegt uns daher besonders am Herzen.“
Gerade die gegenseitigen Rückmeldungen empfanden die Unternehmer als besonders wertvoll, auch Kaulmann: „Über den künstlerischen und spielerischen Ansatz wollte ich herausfinden, wie unser Unternehmen nach außen wirkt und wo es steht.“

Teambildung mit Musik

Wie klingt die eigene Unternehmenskultur? Im Musik-Workshop konnten die Teilnehmer Parallelen zwischen einem Firmenteam und einem Orchester erleben. Überall müssen Menschen einander zuhören und sich engagiert einbringen, wenn im Zusammenklang ein gutes Ergebnis entstehen soll. Um es selbst auszuprobieren, wählte jeder Teilnehmer einen typischen Alltagsgegenstand aus seinem beruflichen Umfeld: Quietschende Textmarker, klappernde Schreibtastaturen und Hackenschuhe, Telefonklingeln und Türklopfen, schellende Türgongs und Computersignale, waberndes Gemurmel. Unter Leitung des Musikers Tobias Wolff mischten sich die Klänge zu einer „Sinfonie des Alltags“. „Ein wertvoller Blick über den Tellerrand“, meint Gastgeber Kevin Friedersdorf, Geschäftsführer der Schweriner Webagentur Mandarin Medien. Und steuerte selbst einen Perspektivwechsel bei, in dem er die Büroklangwelt mit Froschquaken anreicherte – direkt aus dem benachbarten Teich.

Vorsätze

„Wir sind doch alle kreativer als wir dachten“, resümieren die Teilnehmer am Ende einhellig. Viele nehmen sich vor, die fantasievollen und innovativen Impulse aus dem Workshop nachhaltig in den Firmenalltag zu überführen. Auch den Kollegen wollen sie vom Workshop erzählen. Einige planen schon die nächste Aktion mit den Rostocker Kreativen im eigenen Unternehmen, wie z. B. Matthias Kaulmann von der naturwind GmbH.

Journalistin Manuela Heberer vom Onlinemagazin alles-mv.de hat den Workshop begleitet und hofft, dass auch andere Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern „die Begeisterung und den Enthusiasmus der Akteure spüren und erfahren können, was Kreativität im Menschen bewirkt. Unsere Region ist stark von Abwanderung geprägt. Künstler können den Menschen die Augen öffnen – für ihr Lebensumfeld, ihre Firma, ihre Mitmenschen. Und dafür, dass es sich lohnt, hier in Mecklenburg-Vorpommern zu bleiben.“

Inspirationstipps:

• Unternehmer-Netzwerk Zukunftsmacher MV

• Rostocker Innovationswerkstatt von Künstlern und Kreativakteuren: projekt:raum

• Coworking- und Community-Zentrum in Rostock: Warnow Valley

• Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern: Kreative MV

• Medienportal mit Berichten aus Mecklenburg-Vorpommern: alles-mv.de

Eine Comic-Landkarte als Navi durchs Unternehmen

Getreide AG_arbeit-an-karte © Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de

Beim Zeichnen fühlen sich manche Führungskräfte, die sich normalerweise als kompetent wahrnehmen, zunächst unerfahren. Gute Voraussetzung, um einmal völlig neu zu denken.

Ideen und Zukunftsentwürfe werden greifbarer, wenn man sie optisch darstellt. Bei Tagungen, Konferenzen und Teambesprechungen wird das „Graphic Recording“ immer populärer: Ein Zeichner hält Erkenntnisse und Ziele sofort in Comicform fest. Unternehmerin und impulse-Bloggerin Antje Hinz über ein Unternehmen, dem beim Zeichnen buchstäblich die Augen aufgingen.

Situation im Unternehmen
Ein Familienunternehmen aus dem Agrarsektor hat sein Geschäftsgebiet von Schleswig-Holstein aus kontinuierlich erweitert. Seit 1990 ist es auf 15 Standorte mit über 700 Mitarbeitern gewachsen – in den neuen Bundesländern und in Osteuropa. Das Ziel: Die Teams sollen mehr über die einzelnen Niederlassungen erfahren: Worauf sind sie spezialisiert? Was produzieren sie (zum Beispiel Saatgut, Dünger, Rapsöl oder Malz)? Welche Dienstleistungen bieten sie an (zum Beispiel Lagerung)? Die Standorte sollen auch enger miteinander kommunizieren und sich austauschen.

Nach einigem Abwägen und Gesprächen mit dem Vorstand wagte die Firma statt eines klassischen Personalcoachings erstmalig eine künstlerische Intervention: „Bei einer ISO-Schulung, in der es um reine Fakten geht, sind künstlerische Methoden sicherlich fehl am Platz“, erklärt die Personalreferentin des Unternehmens. „Passend ist aber das, was in einem Unternehmen abstrakt ist: Prozesse, Strategien und Visionen, all das, was dicht am Menschen ist. Dazu braucht es mehr als Fakten und Wissen – zum Beispiel Kunst.“

pf-crew © Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de
Das Illustratorenteam Purefruit: Volker Sponholz, Franziska Ludwig, Gregor Hinz und Tim Eckhorst.

Comics zeichnen und Fragen stellen
Ein Zeichen-Workshop soll die verschiedenen Standorte miteinander ins Gespräch bringen. Die Comic-Künstler Tim Eckhorst und Gregor Hinz vom Illustratorenkollektiv „Pure Fruit“ aus Kiel laden die Personalreferentin und zehn Führungskräfte verschiedener Niederlassungen in ihr Atelier ein. Drei Tage lang tauschen sich die Mitarbeiter über Arbeitsweisen, Abläufe, Kompetenzen und Verantwortung an den einzelnen Stationen im Unternehmen aus. Wissensmanagement durch gegenseitiges Befragen. Jeder kann sein Wissen einbringen:

Was machen Sie in Ihrer Niederlassung?
Welche Rolle spielen Sie im Team?
Kennen Sie auch das folgende Problem?
Wie lösen Sie es?
Wo gibt es Gemeinsamkeiten und wo Unterschiede an den Standorten?

Um die Kommunikation zwischen den Teamchefs auf unkonventionelle Art anzuregen, wird sowohl frei als auch nach Vorgaben gezeichnet. Die Visualisierung hilft, Prozesse und Zusammenhänge zu veranschaulichen. Nach und nach entsteht eine Unternehmenslandkarte mit den einzelnen Standorten – im Stile eines Comics. Kleine Symbole führen Gemeinsamkeiten und Unterschiede vor Augen. Das finale mediale Produkt gibt auf einen Blick Aufschluss über das gesamte Unternehmen und die Standorte im Detail.

Impulse und Inspirationen für Mitarbeiter und Künstler
Durch die gemeinsame Arbeit an der Unternehmenslandkarte wird bei den Mitarbeitern der Teamgeist geweckt und gestärkt. Innovativ und humorvoll initiieren die Künstler den Austausch unter den Kollegen, Ideen entwickeln sich, Wissen wird vermittelt, Vorschläge unterbreitet, Routinen hinterfragt. In der direkten Auseinandersetzung und mit den neu gewonnenen Informationen weitet sich der Blick vom eigenen Arbeitsplatz und Standort auf andere Niederlassungen. Ein lohnender Perspektivwechsel dank eines lebendig gelebten Wissensmanagements. Die Mitarbeiter verstehen ihr Tun und identifizieren sich mit dem Unternehmen.

Warum will ein freier Künstler in einem Unternehmen tätig zu werden?
Manch Kreativschaffender sieht sich von Kollegen mit dem Vorwurf konfrontiert, er lasse sich von der Wirtschaft instrumentalisieren. Diejenigen, die bereits ähnliche „künstlerische Interventionen“ konzipiert und in die Tat umgesetzt haben, schildern sie für sich als große Bereicherung. Auch Tim Eckhorst und Gregor Hinz schätzen die Möglichkeit, neue soziale Kontexte zu erobern und ungewöhnliche Orte zu „bespielen“. Interessiert setzen sie sich mit Arbeitsräumen und Tätigkeitsfeldern auseinander, mit menschlichen Beziehungsebenen. Die Erfahrungen und Erlebnisse in den Unternehmen dienen als Inspirationsquelle für das eigene kreative Schaffen. Viele Impulse fließen später direkt oder indirekt in künstlerische Arbeiten ein. Comiczeichner Tim Eckhorst sieht es so: „Bei unternehmerischer Kulturförderung wird nur an der Oberfläche gekratzt. Der direkte und aktive Umgang mit Kunst hat weitaus mehr Wert. Dieser sorgt nämlich für das, was nicht bezahlbar ist: Ehrliche Kommunikation, gemeinsames Erleben, völlig neue Denkansätze, Verlassen ausgetretener Pfade.“

Irritationen
Die Führungskräfte hingegen fanden sas kreative, leistungsbefreite Arbeiten anfangs gar nicht behaglich. Die meisten hatten noch nie oder jahrelang nicht mehr gezeichnet. In der eigenen Wahrnehmung versagten sie. Eine ungewohnte Erfahrung, sich plötzlich als Laie zu fühlen. Normalerweise nahmen sich die Führungskräfte als Experten wahr. Die Künstler beruhigten sie: Das Scheitern und Versagen sei fest in den Projektverlauf einkalkuliert, erwartet und sogar erwünscht. Der Umgang mit Frustration und mit Grenzsituationen sollte aktiv erprobt werden. „Die Arbeit mit Menschen, die von sich behaupten, sie wären unkreativ und untalentiert, ist uns bestens vertraut”, sagt Künstler Tim Eckhorst. “Entsprechend sind wir in der Lage, diesen Teilnehmern das Gegenteil zu beweisen. Kreative Arbeit lässt Subjektivität und Geschmäcker großzügig zu und hat keinerlei Interesse daran, Persönlichkeit zu verbergen. Kritik, Orientierungslosigkeit und damit verbundenes Scheitern gehören – leider und zugleich zum Glück – dazu.“

Intentionen und Meinungen
Eine künstlerische Intervention braucht gegenseitiges Vertrauen der Beteiligten und Sympathie. Auf dieser Basis lassen sich Schwierigkeiten überwinden und Krisen überstehen. „Nicht nur ein Weg führt zum Ziel“, erklärt der Vorstand die Kunst-Intervention. „Das wollen wir mit dieser innovativen Aktion erlebbar machen und nachhaltig vermitteln, denn sie öffnet die Köpfe für neue Herangehensweisen.“

Der Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Kiel, Ingo Scheuse, ist von der Wirksamkeit künstlerischer Interventionen überzeugt: „Der Einsatz von Kunst in Unternehmern bietet die Möglichkeit, neue Sichtweisen der innerbetrieblichen Strukturen, Abläufe und der internen wie auch externen Unternehmenswahrnehmung zu gewinnen. Der unkonventionelle und aus diesem Grund viel ergebnisoffenere Ansatz ist hier der entscheidende Punkt.“

Nachhaltigkeit
Damit die neuen Erkenntnisse nicht im Alltagstrott verloren gehen, dient die Landkarte an den Standorten des Unternehmens als Gedächtnisstütze und auch als Kommunikationsmittel. Das im Comic-Workshop gewonnene Wissen kann an weitere Kollegen der Niederlassungen vermittelt werden, um auch mit ihnen intensiver ins Gespräch zu kommen. Das Kunstwerk bietet dem Unternehmen vielseitige Einsatzmöglichkeiten.
Die individuellen Zeichnungen der Teilnehmer sollten nicht zuletzt für die Außendarstellung und Imagepflege des Unternehmens genutzt werden. Die Künstler fertigten daher als Auftragsarbeit nach dem Workshop eine professionelle Reinzeichnung an.

Die Begleitung des Projektes übernahm die Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg.

Quellen und Inspirationstipps:

Pure Fruit – Zeichenkollektiv von vier freiberuflichen Illustratoren, Tim Eckhorst, Gregor Hinz, Franziska Ludwig und Volker Sponholz. Sie realisieren vielseitige Zeichenprojekte, geben das gleichnamige, kostenlose Comic- und Illustrationsheft purefruit-magazin heraus und gehen für kunstbasierte Interventionen in Unternehmen.
Einen Film über den Workshop von Pure Fruit im Unternehmen finden Sie unter diesen Tipps.

• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg

Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Verschiedene Artikel über Künstlerische Interventionen.

Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung