Warum Künstler und Kreative Unternehmen und Verwaltung helfen können

636070_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio.de

Die Kultur- und Kreativwirtschaft wird als Innovationsmotor und Schlüsselbranche für Transformationsprozesse begriffen. Doch welche Potenziale bieten künstlerische Methoden für die Gesellschaft, für klassische, privatwirtschaftliche Unternehmen und für den öffentlichen Sektor? Und warum genau eignen sich gerade Kreative, um Innovationen anzustoßen? 

Was können Kreative?  

Beim ersten Zusammentreffen mit Kreativen gibt es meist viel Erklärbedarf: Mit welchen Kompetenzen und Fähigkeiten können sich Kreativ-Akteure in branchenübergreifende Entwicklungspartnerschaften einbringen? Anbei einige Beispiele:

570430_web_R_K_B_by_Angela Parszyk_pixelio.de © Angela Parszyk, Pixelio.de

Fragen stellen

Kreative sind Innovationsschürfer. Mit Mut und Offenheit gelingt es ihnen, Routinen in Arbeitsabläufen zu hinterfragen. Kreative sind zwar keine Fachspezialisten, aber sie haben eine enorm wertvolle Kompetenz: Sie stellen Fragen, die Unternehmer oder Mitarbeiter nicht stellen würden, weil sie zu eng mit dem Geschehen verbunden sind oder schlicht Angst vor den Konsequenzen ihrer Fragen haben. Was sagen die Anderen, wenn ich auf Leerstellen hinweise?

Kreative haben einen anderen Blick, weil sie von Außen kommen. Sie wechseln die Perspektive, denken unkonventionell. Das eröffnet neue Horizonte und führt dazu, das „Ungesuchte“ (Serendipity) zu finden. Das schafft die Voraussetzung für Innovationen. Kreative können sich mit Leidenschaft und Empathie in andere Themen und Prozesse hineindenken und haben Vertrauen, die stillste Art von Mut.

228784_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de 228782_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © S. Hofschlaeger, Pixelio.de

Zuhören und Beobachten

Bevor man Probleme lösen kann, muss man sie zunächst einmal finden. Dies gelingt dem, der mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht. Bevor Kreative schöpferisch tätig werden, beobachten sie und hören genau zu. Eine Schlüsselfrage für erfolgreiche Unternehmen ist: Was genau will der Kunde? Wie kann ich ihm helfen und ihm den Alltag erleichtern? Kreative können den Blick dafür schärfen. Sie beobachten, recherchieren, erforschen, befragen, analysieren, entwickeln (prototyping), experimentieren, bessern beständig und ausdauernd nach und präsentieren am Ende das Ergebnis.

Die meisten Neuerungen am Markt, schätzungsweise 90 %, sind keine echten Innovationen, sondern Modifikationen, d. h. Variationen bereits bestehender Produkte und Dienstleistungen bzw. Kombinationen verschiedener Bereiche, wenn z. B. soziale Aufgabenfelder mit digitalen bzw. technologischen Lösungen bearbeitet werden. Wie ermöglicht man z. B. älteren Menschen, so lange wie möglich selbstbestimmt zu Hause zu leben, auch in ländlichen Regionen? Eine „smarte“, d. h. einfach zu bedienende, nutzerfreundliche Technik könnte Senioren Unabhängigkeit und Sicherheit zugleich geben und eine direkte Verbindung zum Arzt oder Supermarkt herstellen.

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Interdisziplinäres Denken

Seit Jahrhunderten arbeiten Kreative unterschiedlicher Fachbereiche und Spezialisierungen zusammen und inspirieren sich gegenseitig: vor allem in der Architektur und im Theater. Im 15. Jahrhundert holte die Bankiersfamilie der Medici Baumeister, Mathematiker, Statiker, Zeichner, bildende Künstler in die Stadt und ließ sie in interdisziplinären Teams außergewöhnliche Bau- und Kunstwerke schaffen. Das Theater wäre ohne unterschiedliche Berufsgruppen auf und hinter der Bühne undenkbar. Auch im Film befruchten sich die Akteure vor und hinter der Kamera. In der Gamesindustrie entstehen innovative Werke, weil Technik-Enthusiasten wie Programmierer auf Kreativ-Akteure treffen, auf Storyliner, Grafiker, character designer, Animatoren usw.

Fehlerkultur und Resilienz

Probleme gehören zu jedem Schöpfungsakt. Kreative haben gelernt, Herausforderungen zu meistern und sie als Chance statt als Scheitern zu begreifen. Lust am Experiment und am (ergebnis-)offenen Ausgang, die Fähigkeit zur Veränderung und Improvisation treibt Kreative aller Disziplinen an. Überzeugung und Zweifel dienen als Triebkräfte. Rückschläge werfen Kreative meist nur kurzfristig aus der Bahn. Sie haben im Alltag Resilienz erworben, die sie „elastisch“ gegen Schicksalsschläge macht. Eine Fähigkeit, die sich immer mehr Menschen aneignen müssen angesichts rasanter Veränderungen und Herausforderungen in unserer Gesellschaft, in der Brüchen in Lebensläufen und Karrieren Normalität werden. Kreative können beispielhaft zeigen, dass man trotz negativer Erfahrungen wieder aufstehen, neu durchstarten und an sich selbst wachsen kann.

 © MassivKreativ

Hermann Hesse schrieb in seinem Gedicht „Stufen“:

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben…

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“

 © Siegfried Fries, Pixelio.de

Mittelorientierung

Die Mittel sind für Kreative meist beschränkt. Sie haben daher gelernt, sich auf das eigene Potenzial und die persönlichen Kompetenzen zu konzentrieren: Wer ich bin, was weiß ich, wen kenne ich? Mit Kreativität lassen sich nicht alle Probleme lösen, aber doch einige Herausforderungen. Und: Wer über begrenzte Mittel verfügt, ist besonders stark auf auf Wirksamkeit und Resonanz bedacht. Er/Sie feilt an einer Idee, setzt sie um, testet das Ergebnis, bessert hartnäckig, sucht nach Schnittstellen und Möglichkeiten,  Ideen bzw. Werke zu transferieren.

Fachspezifischen Fähigkeiten

Je nach Berufsgruppe und Teilbranche der Kultur- und Kreativwirtschaft besitzen Kreative spezielle Kompetenzen und Fähigkeiten:

  • Designer & Architekten haben gestalterische Fähigkeiten innerhalb konkreter Vorgaben. Ihr partizipatives Design sichert im Idealfall den sozialen Ausgleich, wenn Nutzer mit Folgen ihres Handelns verbunden werden.
  • Musiker können zuhören und im Team interagieren, sie reagieren auf Andere und improvisieren.
  • Darstellende Künstler & Tänzer beherrschen die Bewegung im Raum, können sie wahrnehmen und umsetzen
  • Bildende Künstler & Zeichner können strukturieren, verständlich machen und visualisieren.
  • Journalisten & Kommunikationsdesigner können Themen recherchieren, einordnen, verständlich aufbereiten, wirksam präsentieren und verbreiten.
  • Kulturwissenschaftler können Kulturthemen- und –praktiken historisch erforschen und aktuelle Zusammenhänge herstellen.
  • Psychologen können (unbewusste) emotionale menschliche Mechanismen berücksichtigen.
  • Soziologen können gesellschaftliche Rahmenbedingungen empirisch erforschen und begleiten.
  • Philosophen besitzen die Fähigkeit zum logischen Denken und stellen Zusammenhänge her.

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