Standortpotentiale: 10 Mehrwerte von Kultur- und Kreativwirtschaft

 © Antje Hinz, MassivKreativ

Die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft erzielen durch ihr vielseitiges Wirken positive Effekte für die Wirtschaft und Standortentwicklung:

  1. sie sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor (Wertschöpfung, Umsatz)
  2. sie schaffen Arbeitsplätze, u. a. für Start-ups
  3. sie ziehen Fachkräfte an: mit innovativen Leistungen und kreativem Mindset
  4. sie beleben von Abwanderung bedrohte Regionen neu
  5. sie bewahren mit neuen (Um-)Nutzungskonzepten alte Immobilien und Werte
  6. sie denken wirtschaftliche Entwicklungen und Veränderungen voraus
  7. sie bringen durch digitale, agile Arbeitsmethoden und Innovationen zur Wirtschaft
  8. sie vernetzen sich cross-sektoral mit Wirtschaft, Verwaltung, Zivilgesellschaft
  9. sie sind hervorragende Kommunikatoren für neues Wissen, PR und Marketing
  10. sie bringen positive Impulse für die Unternehmenskultur
  11. sie sorgen mit Kreativität für ein offenes, tolerantes und lebenswertes Umfeld

 © Antje Hinz, MassivKreativ

Die positiven Effekte der Kultur- und Kreativwirtschaft gehen weit über die direkten Wertschöpfungsbeiträge hinaus. Sie wirken nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch, sozial, gesellschaftlich, kulturell. Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat eine Vorreiterfunktion für andere Wirtschaftsbereiche. Sie ist Vermittler zwischen Branchen und Arbeitsmethoden („new work“) und Treiber von Cross Innovation.

Inwiefern ist eine öffentliche Förderung und Investition in die KKW sinnvoll?

Zitate – Investionen in die Kultur- und Kreativwirtschaft zahlen sich wirtschaftlich aus [1] : 

„Die Kreativbranche hat ein hohes Potential gerade für Regionen im Strukturwandel.“
Walter Winter, Referent für Kreativwirtschaft im saarländischen Ministerium für Wirtschaft und Vorsitzender des Länderarbeitskreises Kultur- und Kreativwirtschaft.

„Ich empfehle so wie bei uns einen festen Mitarbeiter zu installieren und zu finanzieren, der die Kreativen unterstützt, berät und für ihre Interessen eintritt. Das ist auch politisch betrachtet ein Ausrufezeichen, dass man in diesen Wirtschaftszweig speziell investiert.“ Thomas Edelmann, Entwicklungsagentur Fichtelgebirge

„Gerade die kleinteilige Kreativbranche braucht einen Netzwerkmanager. Kleinstbetriebe haben wenig Zeit, sich über Förderprogramme oder neue Entwicklungen im Umland zu informieren oder herumzufahren. Dafür braucht es eine zukunftsorientierte Wirtschaftsförderstruktur und vor allem Personal. Das müssen die richtigen Leute sein, die den ländlichen Raum mögen, Kleinstunternehmen kennen und kommunikativ stark sind.“ Claudia Muntschick, Beraterin Ostsachsen, „Kreatives Sachsen“

“Kreative inspirieren nach innen und außen mit frischen Ideen, digitalen Kompetenzen, agilen Arbeitsmethoden, freien Gedanken, Lebensqualität und Innovationsfähigkeit. Die braucht man in einem kleinen und mittelständisch geprägten Unternehmensumfeld. Und das suchen auch Fachkräfte, die sich neu ansiedeln wollen.“
Christian Fenske, Technologie und Gewerbezentrum Wittenberge

„Die Kultur- und Kreativwirtschaft trägt zu Wertschöpfung und Beschäftigung im Land bei, schafft Arbeitsplätze und Einkommen. Jetzt sollen die Potentiale der Branche noch stärker erschlossen werden.“
Harry Glawe, Minister für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit in Mecklenburg-Vorpommern zur Vorstellung des Branchenberichtes KKW in MV 2016 [1]

[1]  Zitate aus der Studie: Strategiekonzept (2020) Standortoffensive Westmecklenburg: Wirtschaftsförderung 4.0 durch Kultur- und Kreativwirtschaft, Veröffentlichung: September 2020

[2] Die Kultur- und Kreativwirtschaft KKW in MV  

 © Antje Hinz, MassivKreativ

CoWorkLand: Mit Coworking gegen Landflucht – eine Initiative der Böll-Stiftung SH

 © MassivKreativ (Wir bauen Zukunft, Nieklitz)

Coworking ist in Großstädten ein gut gehendes Geschäftsmodell. Doch wie ist es auf dem Land? Bei einem Feldversuch hat die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein herausgefunden, dass gemeinschaftliches Arbeiten auch dort Interessenten findet. Ich habe mit Ulrich Bähr, dem Initiator und inzwischen auch geschäftsführenden Vorstand von „CoWorkLand“, gesprochen.

CoCreative Feldforschung

Alles beginnt als Experiment: Im Sommer 2018 startet die Heinrich-Böll-Stiftung in Schleswig-Holstein einen Testballon: eine Prototyping-Tour mit Coworking-Spaces. Mehrere Monate touren die Initiatoren um Ulrich Bähr durch den Osten Schleswig-Holsteins. Sie bringen mobile temporäre PopUp-Arbeitsplätze in städtische und ländliche Regionen und wollen herausfinden, welche Orte für Coworker attraktiv sind (und welche weniger). Ausgebaute Frachtcontainer bieten jeweils bis zu acht internetfähige Arbeitsplätze und zusätzlich freie Arbeitsgelegenheiten auf einer Terrasse.

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Was Coworker suchen

Die Container machen Station an Gutshöfen, Stränden, Seeufern und öffentlichen Plätzen. Einige logistische Voraussetzungen müssen vor Ort vorhanden sein: schnelles Internet, Strom, Toiletten und Wasser, dazu guter Kaffee, schöne Ausblicke und vor allem: nette, offene, interessante Leute. Auf ihrer Reise mit den mobilen Arbeitsplätzen erfahren die MitarbeiterInnen der Stiftung, was genau die Coworker suchen. Kollaboration, Konzentration, Kommunikation, Austausch – diese Wünsche nennen die Nutzer von Coworking-Spaces am häufigsten – neben dem Bedarf am Arbeitsraum selbst. Ulrich Bähr: „Den meisten Coworkern geht es nicht unbedingt um Platz oder Arbeitsraum, sondern um sozialen Anschluss, darum sich zu vernetzen.“

Unterschiede in Stadt und Land

Bei der Auswahl der Orte, an denen die Container aufgebaut wurden, leisten Kreativschaffende vor Ort wertvolle Unterstützung. Bähr ist mit ihnen in ständigem Austausch. Partizipative Zusammenarbeit mit Akteuren bzw. Kokreation wird immer wichtiger, wenn Projekte gelingen sollen, insbesondere wenn sie Neuland betreten. Nach gut einem Jahr haben Bähr und seine MitarbeiterInnen wertvolle Einblicke in die konkreten Wünsche und Bedürfnisse erhalten: „Konzepte für Coworking-Spaces innerhalb einer Stadt lassen sich eher übertragen als auf dem Land. Während das Mindset der Coworker in der Stadt relativ ähnlich ist, sind die Kulturen auf dem Land wegen der Menschen eher unterschiedlich.“ Doch egal ob in der Stadt oder auf dem Land, Coworking beflügelt Innovationen.

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Alter und Berufe der Coworker

Auch demografische und branchenspezifische Erfahrungen können die Initiatoren sammeln. Wie alt sind die Coworker und welchen berufen gehen sie nach? Ulrich Bähr: „In den Städten waren es vor allem junge Leute aus einem kreativen Umfeld. Auf dem Land treffen sich eher ältere Zielgruppe ist um die 30 bis 50 Jahre. Die Coworker dort kamen aus sehr vielfältigen Branchen, Handwerker, Steuerberater, Lehrer, sogar Soldaten.“ Der große Reiz und Vorteil von gemeinschaftlichem Arbeiten besteht darin, dass Menschen mit ihren Kompetenzen und Fähigkeiten sich gegenseitig ergänzen. Der eine kann das, was der andere nicht kann und dringend braucht. Diverse, heterogene Teams sind erfolgreicher als homogene Gruppen. Im Rahmen von CoWorkLand gab es in dieser Hinsicht einige gute Beispiele. Eine Erfolgsgeschichte hat Ulrich Bähr miterlebt: „Ein Pensionär aus München kam erwartungsvoll zu CoWorkLand. Er hatte dort gerade sein Sanitätshaus aufgegeben, war in ein kleines Dorf bei Kiel gezogen und wollte nun einen Onlineshop für Rollstühle aufbauen. Er traf in unserem Coworking-Space zufällig auf einen etwa 30 Jahre jüngeren Mann aus einem anderen Dorf, der gerade einen Onlineshop für orthopädische Kissen aufbaute. Es gab Synergien und beiden taten sich zusammen. Eine schöner Kooperation, gewachsen auf einem Acker hinterm Deich am Schönberger Strand bei Kiel.“

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Coworking zur Dorfbelebung

Ulrich Bähr führt viele Gespräche. Er erfährt, dass gerade auf dem Land der Bedarf an Austausch groß ist. Durch Abwanderung und Demografiewandel haben sich traditionelle Treffpunkte häufig aufgelöst. Gespräche und Dialoge bleiben auf der Strecke und damit der soziale Kit, die Basis für unser Zusammenleben. Wenn die Menschen nur noch zum Schlafen in die Dörfer kommen und alle anderen Dinge – Arbeit, Einkauf, Freizeit – an anderen Orten gelebt werden, ist das Dorf tot. BewohnerInnen im ländlichen Raum haben das längst erkannt. Coworking-Spaces  könnten eine Lösung sein. Doch wo und wie lassen  sie sich erfolgreich betreiben? Olaf Bähr: „In manchen Dörfern wohnen schon Kreative, da denken die Leute vorwärts. In anderen Dörfern ist alles noch sehr, sehr konservativ. Gut geeignet für einen Coworking-Space ist die sogenannte „neue Dorfmitte“, wo es bereits einen Hofladen gibt, eine Kita, ein Restaurant, ein Hotel oder auch eine Arztpraxis. Dort können multifunktionale hybride Orte entstehen, die eine vielfältige Versorgungsfunktion übernehmen.“

Genossenschaft

Gudrun Neuper, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, begleitet das Coworking-Projekt ehrenamtlich. Sie sagt: „Kein Coworking Space auf dem Land gleicht dem anderen, überall ist es anders. Aber stets ist die Kreativwirtschaft ein fruchtbarer Teil davon.“ Die mobilen Container wirken als Impuls und Initialzündung. So könne man zunächst Interesse und Bedarfe klären und erste Impulse setzen. Die Nachfrage war so groß, dass die Böll-Stiftung mit der CoWorkLand eG nun eine Genossenschaft gegründet hat, die ein organisatorisches Dach für die Initiatoren und Betreiber von Coworking-Spaces bietet. Seit 2019 sind über 50 von Schleswig-Holstein bis Bayern entstanden. Neupers wichtigste Erkenntnis: „Was man für das Gelingen unbedingt braucht, sind bereits gewachsene Netzwerke und Communities vor Ort und die Bereitschaft der Gemeinden, Wirtschaftsförderer und Regionalentwickler, die Communities und die Coworking-Projekte bei ihren Vorhaben zu unterstützen.“ 

So finden sich immer mehr couragierte Akteure, die das Experiment wagen und einen eigenen Coworking-Space aufbauen bzw. betreiben wollen. Doch die meisten haben immensen Beratungsbedarf. Die Fragen der Coworker von morgen ähneln sich: Welche Rechtsform soll ich wählen? Welches Personal brauche ich? Wie regele ich Buchhaltung und Steuern? Welche Versicherungen sind nötig? Wie komme ich an Fördermittel? „Es gibt eine Menge Hürden, die die Leute überwinden müssen“, weiß Ulrich Bähr. „Da wir nach einem halben Jahr 50 solcher Akteure hatten, haben wir gesagt: OK. Ihr konzentriert euch auf die Dinge vor Ort, die Coworkings zu gestalten. Und wir gründen eine Genossenschaft, um genau die organisatorisch-verwaltenden Themen zentral zu bearbeiten und Euch damit zu unterstützen. Inzwischen sind wir ein Netzwerk von fast 50 GenossInnen.“

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Solidarprinzip

Im Februar 2019 wird CoWorkLand zum gemeinschaftlichen Dach unter Federführung der Heinrich-Böll-Stiftung. Das genossenschaftliche Denken entspricht voll und ganz dem Selbstverständnis und den Werten der Stiftung. Im Fokus stehen das Solidarprinzip sowie eine nachhaltige und gemeinwohlorientierte Unternehmensführung, getreu dem Motto: „Einer für alle, und alle für einen“. Die weltumspannende Idee der Genossenschaft begeistert weltweit bereits 800 Millionen Mitglieder in über hundert Ländern. Und sie hat nochmals Auftrieb bekommen, seit die UNESCO Ende 2016 beschlossen hat, die Genossenschaftsidee als immaterielles Weltkulturerbe anzuerkennen. Hierzulande ist die Idee eng mit ihren Gründungsvätern Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich-Wilhelm Raiffeisen verbunden und Teil unserer Erinnerungskultur.

 © MassivKreativ

Empowerment

CoWorkLand unterstützt in der Genossenschaft kreative und innovativ denkende und handelnde Mitglieder. Es ist ein Netzwerk entstanden, das Gründer und Selbstständige inspiriert und professionalisiert, eigene Coworking-Spaces auf dem Land zu entwickeln, damit die BewohnerInnen möglichst an vielen Orten im ländlichen Raum ortsunabhängig arbeiten können. Am besten an Orten, die bereits da sind und an denen es passt: im Gasthaus, im Dorfladen, in der Scheune.

Im Sommer 2020 gibt es etwa 26 aktive CoWorking-Spaces im CoWorkLand, u. a. Cobaas in Preetz, Cocina Coworking-Kitchen in Kiel, MS39 in Soltau, Tiny House PopUp-Campus in der Hafencity in Hamburg, Westerwerk in Itzehoe und Wir bauen Zukunft in Nieklitz in Mecklenburg-Vorpommern. Ständig kommen neue Orte hinzu. Ein wichtiger Baustein der Genossenschaft sind Tageskurse mit Coachings , die das nötige Wissen und Rüstzeug vermitteln. CoWorkLand unterstützt seine Mitglieder bei der Gründung und beim Betrieb von Coworking-Spaces auf allen Ebenen, hilft z. B. auch beim überregionalen Marketing, bei der Buchhaltung mit einer  Abrechnungsplattform und berät zum Thema Förderung. Ulrich Bähr: “Gerade im ländlichen Raum sehen wir zur Zeit keine geeigneten Förderprogramme. Es gibt nur alte Förderprogramme, die auf die neuen Orte nicht passen. Wenn diese neuen Coworking-Orte entstehen, brauchen sie weniger investive Förderungen, sondern vor allem Betriebsmittel für das normale Auskommen… Zusätzlich vernetzen wir die Coworker zum Wissensaustausch untereinander und bieten ihnen Qualifizierungskurse an, z. B. zum Community Management.“

 © MassivKreativ  (Wir bauen Zukunft, Nieklitz)

Mehrfachnutzen: alle profitieren

CoWorking auf dem Land ist in mehrfacher Hinsicht zukunftsorientiert. Mit der Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten sorgt es für gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land. Coworking auf dem Land schützt das Klima, weil die DorfbewohnerInnen nicht jeden Tag in ein Büro in der Stadt fahren müssen. So gewinnen die Menschen Lebenszeit und Lebensqualität, können Familie und Beruf besser vereinbaren. Zusätzlich werden Straßen und Verkehr entlastet. Mit den Coworking-Spaces gelangen digitale Kompetenzen aufs Land, die gerade ältere Menschen dringend brauchen, wenn sie nicht mehr mobil sind und ihre Versorgung z. B. über Handy und Computer regeln müssen. Ihre Fragen im Umgang mit Geräten und Software können die digitalen Nomaden in den Coworking-Spaces leicht beantworten.

Coworking wirkt so als Türöffner für den alltäglichen sozialen Austausch, von dem alle profitieren: digitale Nomaden, Freiberufler, Start-up-Gründer und Senioren vor Ort. Jeder profitiert vom Wissen der anderen. Ältere Menschen können jüngeren Coworkern mit Lebenserfahrung helfen, wertvolle Kontakte in die Gemeinde vermitteln sowie lohnenswerte Orte für Ausflüge und Freizeit empfehlen. Die digitalen Knotenpunkte in den Coworking-Spaces helfen dabei, durch persönlichen analogen Austausch neue Gemeinschaften zu bilden, sich gegenseitig zu helfen und zu inspirieren. Ländliche Ortskerne könnten wiederbelebt werden. Wo Menschen arbeiten, siedeln sich auch Familien, Kitas, Läden, Restaurants, Cafés und Vereine an. Coworking Spaces werden zu Keimzellen kreativen Unternehmertums.

 © MassivKreativ

Bildung, Medien, Nachhaltigkeit

Die spannenden Verbindungslinien zwischen analog und digital beschäftigen Ulrich Bähr schon sehr lange. Er ist ursprünglich als „Digitalisierer“ zur Heinrich-Böll-Stiftung nach Kiel gekommen. Nach dem Studium der Medienwissenschaft ist er einige Jahre bei Volkswagen tätig. Um die Jahrtausendwende sind die Berührungsängste gegenüber digitalen Bildungsangeboten noch groß. Bähr experimentierte zur Frage, wie sich Mobilität und Medienkompetenz für Jugendliche verbinden lassen. Wenig später machte sich Bähr selbständig, arbeitete weiterhin für VW, aber auch für andere Kunden. Im Fokus stehen: Bildung, neue Medien, Internet, vor allem auch Nachhaltigkeit. Seine Kunden sind Greenpeace, der WWF, Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung, Bundesrat, viele Landesparlamente. Der Weg zur Bildungsstiftung in Kiel ist geebnet, denn auch die Böll-Stiftung sucht in dieser Zeit nach neuen Formaten und Methoden für die Vermittlung. Im Juni 2016 übernimmt Ulrich Bähr bei der Stiftung die Projektleitung „Digitalisierung & ländliche Räume“.

Analog und digital

Das partizipative Denken, das CoWorkLand auszeichnet, treibt Bähr schon damals um: „Es gibt ja viele Methoden aus dem Dunstkreis der „Neuen Arbeit, d. h. dass man Inhalte gemeinsam erstellt und nicht mehr diese top-down-orientierte Lehrer-Schüler- Position einnimmt. Es ging also um die Frage, ob man Formate mit prozessualen CoCreationen auch für eine Bildungsinstitution fruchtbar machen kann.“ Bei der Verständigung über Schnittstellen zwischen analogen und digitalen Lernformaten rückt auch das Thema städtischer und ländlicher Räume in den Fokus. Und so reift die Idee, ein urbanes Thema in die Provinz zu tragen. CoWorkLand ist innerhalb kürzester Zeit zur Erfolgsgeschichte geworden. Was in der Stadt als Spielwiese für junge Kreative entstanden ist, wird auf dem Land als analoge Andockstation weitergedacht, über die sich sich persönliche Kontakte zwischen den Generationen, zwischen Alt- und Neubürgern entwickeln. So hilft Coworking auch dabei, dem Trend der Landflucht entgegenzuwirken.

 © MassivKreativ

Ausblick: Studie und Kongress

Derzeit untersucht die Bertelsmann-Stiftung in einer zweiteiligen Studie, welche weiteren Wirkeffekte durch Coworking noch entstehen können. Austausch und Teilhabe gehört zu den Voraussetzungen von erfolgreichem gemeinschaftlichen Arbeiten. In diesem Sinne wird auch der Kongress Coworking auf dem Land dazu beitragen, dass weitere Ideen entstehen und partizipative Projekte vorangetrieben werden. Vom 21.4. – 23.4.2020 lädt die „dvs Vernetzungsstelle“ zu einer Kooperationsveranstaltung ein – gemeinsam mit CoWorkLand und Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, der Akademie für die Ländlichen Räume Schleswig-Holsteins e. V. sowie dem Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein. Am ersten Tag sind Vorträgen und Workshops im Atelierhaus auf dem Anscharcampus in Kiel zu erleben, ein Ökosystem von KünstlerInnen, DesignerInnen und anderen Kreativen sowie engagierten Menschen für Nachhaltigkeit und Inklusion, weitere Impulse liefert der Muthesius Transferpark. Am zweiten Tag des Kongresses führt eine Bustour zu spannenden Coworking Spaces der Region.

PODCAST

CoWorkation: Erholen und Arbeiten am Schweriner See in Bad Kleinen

 © links: Mühlenquartier Bad Kleinen, Kreative-MV, rechts: Olga Meier-Sander, pixelio.de

EINLADUNG: Erholen und Arbeiten in Bad Kleinen vom 22.-29. Juli 2020

In diesen Corona-wirren Zeiten brauchen viele von Euch und uns dringend positive Impulse. Kommt zum CoWorkation an den Schweriner See und Ihr werdet eine großartige Zeit haben: Erholen und vielleicht auch ein wenig Arbeiten auf der Wiese vor dem Mühlenquartier Bad Kleinen – das alles in idyllischer Umgebung nur wenige Meter zum See. Ihr könnt tatkräftige Menschen treffen, die etwas bewegen wollen, Inspiration und Austausch finden, Pläne und Projekte und auftanken für die 2. Hälfte dieses verrückten Jahres. Henry Miller hat mal gesagt: „Leben ist das, was wir daraus machen.“ Nach dieser Maxime machen wir CoWorkation gemeinsam zu einer unvergesslichen Zeit.

Eine Woche CoWorkation – angeregt durch Kreative MV – bietet der Heimatverein Bad Kleinen, der Eigentümer des Mühlenquartiers Bad Kleinencoopolis und ein ganzes Netzwerk lokaler Kreativer aus MV eine Woche CoWorkation im Mühlenquartier, Corinna Hesse, Kreative MV / Silberfuchs-Verlag, Antje Hinz, MassivKreativ. Zusätzlich organisieren wir in Kooperation mit dem Verein Dambecker Seen e.V. für Sonntag den 26.07.2020 von 14-18 Uhr einen Kreativmarkt. Die Basis- und Infrastruktur steht, weitere Unterstützungsangebote sind herzlich willkommen!

 WAS? CoWorkation – Erholen und Arbeiten auf der Wiese vor dem „Mühlenquartier Bad Kleinen“
 WANN: Mi, 22.7.2020 14:00 Uhr – Mi, 29.7.2020 14:00 Uhr
 WO? Mühlenquartier Bad Kleinen | Uferweg 5, 23996 Bad Kleinen |
Übernachtung im selbst mitgebrachten Zelt  für 10 €/Nacht/Zelt / ALTERNATIV werden bei Ulis Kinderland günstige Übernachtungsmöglichkeiten (20€/Bett/Nacht incl. Frühstück) bereitstehen
 WAS GIBT ES VOR ORT? Zeltwiese, Außendusche, WCs mit fießend Wasser, CoWorking Space mit WLAN im historischen Walzenstuhlboden, Badestrand und Supermarkt in 250 m Entfernung
 WAS GIBT ES VOR ORT NICHT?  Alles was Ihr NICHT mitbringt, ist auch NICHT da.
 Anmeldung bis zum 22.07.2020 (zwingend nötig wegen Corona): ANMELDEFORMULAR
 Weitere Informationen: Website Kreative MV
 Rückfragen: Stefanie Raab, coopolis, Tel.  0178 – 760 32 44   E-Mail: raab@coopolis.de

 © MassivKreativ

Planungsstand am 26.6.2020

HINTERGRUND: Im Mühlenquartier Bad Kleinen entstehen auf 6.000 m² Fläche ein Gewerbequartier mit Büros, Produktionshallen, Ateliers, Museum, Veranstaltungssaal und Bistro, umgeben von einer Parklandschaft am Schweriner See. Im KreativLab am 11.06.2020 haben wir erkundet, wie der Freiraum für innovative Kooperationen zwischen Kreativunternehmen, DesignerInnen, ZukunftsgestalterInnen, ImmobilieneigentümerInnen und regionaler Wirtschaft genutzt werden kann. Stefanie Raab von coopolis gab im Ideenpitch eine kleine Einführung zum Thema „CoWorkation in Bad Kleinen 2020“ und im anschließenden Workshop Raum, diese Ideen zu konkretisieren. Leerstand ist eine Ressource für regionale Entwicklungsprozesse, die mithilfe der Kultur und der Kreativwirtschaft erschlossen werden kann. Gerade in der Folge der Coronazeit gibt es einen besonderen Bedarf für CoWorkation- Angebote. Viele Kreative sind dringend erholungsbedürftig, haben aktuell aber weder Zeit noch Geld für Urlaub. Darum haben infolge des Zusammentreffens Kreative, Immobilieneigentümer und Leute aus Bad Kleinen und Umgebung gemeinsam entschieden, eine CoWorkation n Bad Kleinen auf die Beine zu stellen. Im Wesentlichen bieten wir eine (einfache) Unterkunft mit etwas Infrastruktur und einen PopUp- CoWorking Space in einer tollen Umgebung. Oder, um es in Menschen auszudrücken, Gastgeber, Gäste und Gemeinschaft. Da am Standort Mühlenquartier in den kommenden Jahren ein kreativer Quartiersentwicklungsprozess ansteht, machte es Sinn, gemeinsam bereits für diesen Sommer ein entsprechendes Angebot auf die Beine zu stellen, und es hat sich eine bunte Gruppe Engagierter zusammengefunden – und jetzt sieht es ganz so aus, als ob wir das auch hinbekommen.

Beteiligte Akteure am CoWorkation vom 22.-29. Juli 2020

Angeregt durch Kreative MV, sind nun aktiv in die Vorbereitung eingebunden: Hans Kreher + Andreas Kelch / Heimatverein Bad Kleinen, Egon Flemming, Eigentümer Mühlenquartier Bad Kleinen, Stefanie Raab, coopolis GmbH. Weiter gibt es folgende Unterstützungsangebote: Ulis Kinderland in Galentin, Corinna Hesse, Kreative MV / Silberfuchs-Verlag, Antje Hinz, MassivKreativ unterstützt im Vorfeld mit Öffentlichkeitsarbeit und Social Media. Josefine Peters / Verein Dambecker Seen e.V. unterstützen bei der Organisation des Kreativmarktes. Die Basisstruktur steht, weitere Unterstützungsangebote sind herzlich willkommen!

TERMIN: Mittwoch, 22.07.2020 ab 14:00 Uhr – Mittwoch, 29.07.2020 ab 14:00 Uhr

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UNTERKUNFT: Es gibt zwei verschiedene Unterkunftmöglichkeiten:

  1. Auf der Zeltwiese unweit des Bahnhofs direkt im Mühlenquartier kann man für einen Teilnehmerbeitrag von 10 € / Nacht und Zelt unterkommen. Selbstversorgung, Basis- Infrastruktur aus Außendusche, WC Container mit fließend Wasser und dem Co Working Space im Walzenstuhlboden des Mühlengebäudes sind vorhanden. Der Badestrand, die Marina und der nächste EDEKA Laden sind jeweils ca. 200 m zu Fuss.
  2. Für Menschen, die nicht zelten wollen, gibt es in Ulis Kinderland in Galentin für 20 € / Nacht und Person Übernachtung incl. Frühstück. Auf der Webseite kann man sich die Übernachtungsangebote anschauen: HIERZum Mühlenquartier kommt man zu Fuß und mit dem Fahrrad über den Uferweg (Strecke 2,9 km, 10 bzw. 35 Minuten), die Autostrecke ist mit 3,2 km auch nur unwesentlich länger. Das Thema CoWorking wird sich auf jeden Fall im Mühlengebäude (Walzenstuhlboden) abspielen.

VERANSTALTER: Der Heimatverein Bad Kleinen tritt offiziell als Veranstalter auf. Der Eigentümer Egon Flemming als Grundstückseigentümer und Stefanie Raab von coopolis als Kooperationspartner, die jedoch fest vereinbarte Zusagen, die hier auch protokolliert sind, verbindlich einhalten. Egon Flemming kümmert sich um die Bereitstellung dieser Basis- Infrastruktur.

VERSICHERUNG: Hans Kreher + Andreas Kelch schließen im Namen des Vereins die bereits recherchierte Veranstalterhaftpflichtversicherung ab, die Kosten sollen möglichst über die Teilnehmerbeiträge wieder eingenommen werden. Der Eigentümer Egon Flemming hat zusätzlich eine Eigentümerhaftpflichtversicherung.

GENEHMIGUNG: Das Einholen der notwendigen Genehmigungen liegt in der Verantwortung des Veranstalters (Hans Kreher / Andreas Kelch).

INFRASTRUKTUR: Als Basis- Infrastruktur wird benötigt: (Draussen-)Dusche / Toilette / Spüle. Evtl. noch eine Kühlmöglichkeit, schließlich wird es warm sein. Das könnte aber schon ein Hygieneproblem verursachen. Gekocht wird bei Bedarf auf Campingkochern individuell. WLAN: Muss im CoWorking Space stabil zur Verfügung stehen, wird, evtl. reicht ein Verstärker für das vorhandene WLAN, alternativ per Cube. Egon Flemming kümmert sich um die Bereitstellung dieser Basis- Infrastruktur.

TEILNEHMERBEITRÄGE UND ZAHLUNG: Der Teilnehmerbeitrag beträgt 10 €/Nacht/Zelt bzw. 20 €/Nacht/Bett. Die Zahlung der Teilnehmerbeiträge erfolgt an die Gastgeber, Herrn Flemming und Ulis Kinderland direkt.

ANMELDUNG VON TEILNEHMENDEN: Die Anmeldung erfolgt über dieses Formular, welches Stefanie Raab einrichtet und verwaltet. Die Anmeldestände werden dann jeweils an die Veranstalter und Gastgeber (Hans Kreher, Andreas Kelch, Egon Flemming und Ulis Kinderland) weitergegeben, die sammeln bei ihren jeweiligen Gästen auch die Teilnehmergebühren ein.

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PROGRAMM: Es sollte max. 1 Programmpunkt pro Tag angeboten werden, entweder nachmittags oder abends, aber um 22:00 Uhr sollte Ruhe sein, damit die Zeltgäste auch schlafen können. Folgende weiteren Programmpunkte sind geplant:

Mi. 22.07.2020 19:00 Uhr  Walzenstuhlboden: Willkommen, Vorstellung des Mühlenquartiers (Egon Flemming, Stefanie Raab)

Do. 23.07.2020 14:00 Uhr  Wanderung nach Willigrad, den Sommersitz der Herzöge von Mecklenburg. (Hans Kreher /Andreas Kelch (?)

Fr. 24.07.2020 19:00 Uhr  Kinoabend in Kooperation mit dem Filmclub Güstrow. Dokumentarfilm zur Mühle, Beamer und Leinwand im CoWorking Space auf dem Walzenstuhlboden. (Andreas Kelch)

Sa. 25.07.2020 14:00 Uhr  Urban sketching mit Hans Kreher, Stefanie Raab bringt Skizzenblöcke und Zeichenmaterial mit. (Hans Kreher / Stefanie Raab)

So. 26.07.2020 14 – 18 Uhr  Kreativmarkt. Er wird organisiert von Hans Kreher / Andreas Kelch vom Heimatverein Bad Kleinen und Josefine Peters / Johanna Kirsch vom Verein Dörfergemeinschaft Dambecker Seen e.V. (verein-dambecker-seen.de). Für den Kreativmarkt, das regionale Ereignis, sollte extra Werbung gemacht werden (Plakat, Pressemitteilung, online), die 2 Wochen vor dem Kreativmarkt steht (deadline: Montag, 13.07.2020). Nach Abschluss Kreativmarkt ab 19 Uhr kleine Begegnung der Heimatvereine und der Gäste.

Mo. 27.07.2020 14-18 Uhr  Ausflug „Die Kreative Szene in Schwerin“ – Stefanie Raab + Kreative MV

Di. 28.07.2020 19 Uhr  Abschlussevent: Gemeinsam soll diese erste CoWorkation reflektiert, und die Learnings dokumentiert werden. Auch in Hinsicht darauf, dass das sicher nicht das letzte Zusammentreffen von Kreativen auf dem Mühlengelände war, wenn der angestrebte kreative Quartiersentwicklungsprozess fortgesetzt wird. Moderation + Dokumentation: Stefanie Raab.

Mi. 29.07.2020   Abreise bis 14:00 Uhr

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Auftakt Regionalentwicklung: KreativLab im Mühlenquartier in Bad Kleinen

 © Kreative MV

Land in Sicht – so der Titel des KreativLabs im Mühlenquartier in Bad Kleinen im Juni 2020. Im Fokus standen temporäre Coworking-Formate und innovative Geschäftsideen. Idyllisch und zugleich verkehrsgünstig zwischen Schwerin und Wismar liegt Bad Kleinen, ein lebens- und liebenswerter Ort am Nordufer des Schweriner Sees im Landkreis Nordwest-Mecklenburg. Die Kleinstadt mit rund 3.000 Einwohnern blickt zugleich auf eine traditionsreiche Geschichte zurück. Einer der größten Mühlenbetriebe in Norddeutschland war hier von 1915-1993 aktiv. Das Familienunternehmen Janssen wurde zu einem der wichtigsten Mehlproduzenten in Deutschland. Bis zu 20.000 Tonnen Mehl pro Jahr konnten dank Eisenbahnlinie und Bahnhof quer durchs Land transportiert werden. Der Bahnhof bietet noch heute direkten Anschluss in die Metropolen Berlin, Hamburg und Rostock.

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Zwischen Tradition und Zukunft: Herzensprojekt Mühle

Auf dem ehemaligen Gewerbegelände der Mühle wird nun Zukunft geschrieben – auf einer Fläche von etwa 6.000 m². Die denkmalgeschützten Industriebauten sollen revitalisiert werden, erzählt Hans Kreher, ehemaliger Bürgermeister und Vorsitzender im Entwicklungsausschuss der Gemeinde Bad Kleinen: „Das Mühlenquartier ist ein absolutes Herzensprojekt.“

Nach der Wende lag die Mühle viele Jahre brach. Finanz- und Immobilienmakler Egon Flemming erwarb das Gelände, um es aus dem Dornröschenschlag zu wecken. Aus dem mecklenburgischen Torgelow ist er aus Liebe zu seiner Frau nach Bad Kleinen gezogen, die in ihre Geburtsstadt zurückkehren wollte. Flemming hat große Pläne: Im ehemaligen Gewerbequartier der alten Mühle sind Lofts für die Dienstleistungswirtschaft geplant: Büros, Produktionshallen, Ateliers, ein Mühlenmuseum, ein Veranstaltungssaal und ein Bistro sind geplant, außerdem Miet- und Ferienwohnungen. Im 9-geschossigen Kornspeicher sollen Eigentumswohnungen entstehen. Das Souterrain soll zu einem Schwimmbad mit Wellness & Spa ausgebaut werden. Zum Abschluss der Quartiersentwicklung ist geplant, den Mühlenpark behutsam zu bebauen – mit einem zweieinhalbgeschossiges Gebäude-Ensemble aus Neubau-Mietwohnungen und Mietreihenhäuser. Egon Flemming betont: „Für die Umsetzung der vielfältigen Ideen sind Fördermittelgeber aus Kreis, Land und Politik gefragt und ebenso visionäre Ideen der Kreativschaffenden, um eine nachhaltige Entwicklung des Mühlenquartiers zu gewährleisten und dessen spätere Vermarktung. Kreative können zur Revitalisierung einen wichtigen Beitrag leisten, sie geben der Regionalentwicklung wertvolle Impulse.“ Das haben übrigens viele ähnliche Vorhaben in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt (Landeswettbewerb Kreative Raumpioniere).

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Coworkation auf der Mühlenwiese

Der Start ist bereits für Ende Juli 2020 geplant – bei einem einwöchigen sommerlichen Coworkation: Coworking und Vacation, d. h. gemeinschaftliches Arbeiten verbunden mit ein wenig Erholung bzw. Urlaub. Kreativschaffende sollen die ersten sein, um die Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten im Grünen und am Wasser auszutesten. Wie genau das gelingen kann, wurde beim KreativLab am 11. Juni 2020 ausgelotet. Kreativakteure, Wirtschaftsförderer, Kommunal- und Gemeindevertreter, Touristiker und Regjonalentwickler aus anderen Bundesländern trafen sich zu einem lebendigen und fruchtbaren Austausch.

Initiiert und eingeladen hatte Corinna Hesse, Silberfuchs-Verlag / Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung aus dem Landkreis Ludwigslust-Parchim – in Kooperation mit Kreative MV , dem neu gegründeten Landesverband Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. 

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Raumwohlstand, WLAN und guter Kaffee

Stefanie Raab von Coopolis, Planungsbüro für kooperative Stadtentwicklung Berlin, erfragte in ihrem Impulsvortrag und im anschließenden Workshop, welche logistischen Voraussetzungen für die Coworkation-Woche geschaffen werden müssten: niedrigschwellig, kooperativ, gemeinsam solle sie sein mit Vorteilen und Nutzen für beide Seiten: Eigentümer Egon Flemming macht so den Standort bekannt, die Kreativen kombinieren Arbeit und Freizeit in idyllischer Umgebung. Sie kommen aus den umliegenden Metropolen, schlagen ihre Zelte auf der grünen Wiese auf, entdecken neugierig die Region, knüpfen Kontakte und Netzwerke mit Gleichgesinnten, entwickeln gemeinsame Ideen und Projekte, planen Ausflüge, finden Inspiration und tanken Kraft für neue kreative Vorhaben. Idealerweise erzählen sie anderen Daheimgebliebenen von ihren Erlebnissen und empfehlen Bad Kleinen als kreativen, lebenswerten Ort weiter. Für Coworkation braucht es gar nicht so viel, sagt Stefanie Raab: „Die Botschaft aus Bad Kleinen ins Umland sollte heißen: Herzlich willkommen. Wir bieten Euch Raumwohlstand, WLAN, Kaffee, Toiletten und Duschen. Bringt Ihr Eure Zelt und Eure Ideen mit und wir erleben gemeinsam einen wunderschönen Sommer.“

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Design Camp Bad Kleinen 2021: Zukunft im Blick

Im kommenden Jahr könnten schon weitere Kreative folgen. Im Sommer 2021 soll im Mühlenquartier Bad Kleinen ein Design-Camp stattfinden, bei dem neue Geschäftsmodelle und unternehmerische Vorhaben entwickelt werden – ko-kreativ mit regionalen Handwerksfirmen und weiteren Unternehmen, mit Kreativschaffenden aus dem Umland und den Metropolen Hamburg und Berlin. In einem weiteren Impulsvortrag und im zweiten Workshop des Tages gaben die beiden bereits erfahrenen Design-Camp-Veranstalter, Michael Seligund Nicole Servatius, ihre Erfahrungen und Hinweise aus der Grünen Werkstatt Wendland im Landkreis Lüchow-Dannenberg weiter. Die Akteure haben passgenaue Vernetzungsformate entwickelt: Frühstückstreffen am Morgen für die Freiberufler und für Berufstätige Austauschtreffen am Abend.

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Menschen, die etwas bewegen wollen

Die ältere Generation kommt von allein ins Wendland, erzählt Selig. Die Immobilienpreise sind explodiert, aber günstige Mietwohnungen für junge Menschen fehlen. Um Lösungen für dieses Problem zu finden, veranstaltete die Grüne Werkstatt 2019 das Tiny Living Festival: mobile Häuschen für leerstehende Höfe. Die Rahmenbedingungen sind überall anders, sagt Hans Kreher: „Mietwohnungen für junge Menschen haben wir in Bad Kleinen zur Genüge. Viele unserer Plattenbauten stehen leer.“  Seelig betont: Netzwerke lassen sich nur durch persönliche Kontakte herstellen. Die Vorhaben müssen erklärt und um Vertrauen geworben werden. Das gilt für die Studierenden in kreativen Fachbereichen an Hochschulen ebenso wie für die regionalen Unternehmen. Michael Seelig: „Man braucht jemanden, der das alles koordiniert. Ohne persönliche Ansprache funktioniert gar nichts“. Und sein wichtigster Rat: „Es ist nicht die Immobilie, die die Regionalentwicklung vorantreibt. Es sind gleichgesinnte Menschen, die gemeinsam etwas bewegen wollen.“ 

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Coworking und Communities auf dem Land

Gudrun Neuper von der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein berichtete in ihrem Impulsvortrag über Erfahrungen mit Coworking Spaces im ländlichen Raum. Die Vorteile: weniger Pendlerverkehr, weniger Schadstoffausstoß, mehr Zeit für Privates, lebendige Impulse für das Leben und die Gemeinschaft in den Dorfzentren. „Kein Coworking Space auf dem Land gleicht dem anderen, überall ist es anders. Aber stets ist die Kreativwirtschaft ein fruchtbarer Teil davon“, sagt Neuper. Die Initialzündung gibt die Böll-Stiftung oft mit einem  mobilen Container mit 10 bis 15 Arbeitsplätzen. So könne man zunächst Interesse und Bedarfe klären und erste Impulse setzen, so Neuper. Die Nachfrage war so groß, dass die Böll-Stiftung mit der CoWorkLand eG eine Genossenschaft gegründet hat, die ein organisatorisches Dach für die Initiatoren und Betreiber von Coworking-Spaces bietet. Seit 2019 sind über 50 von Schleswig-Holstein bis Bayern entstanden. Gudrun Neupers wichtigste Erkenntnis: „Was man für das Gelingen unbedingt braucht, sind bereits gewachsene Netzwerke und Communities vor Ort und die Bereitschaft der Gemeinden, Wirtschaftsförderer und Regionalentwickler, die Communities und die Coworking-Projekte bei ihren Vorhaben zu unterstützen.“  

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Nachhaltige, kokreative Mode

Jedes KreativLab bietet stets auch Gelegenheit für Ideenpitches, so auch in Bad Kleinen. Modesignerin Sarah Bürger präsentierte ihr neues Projekt „House of All“, eine Plattform für nachhaltige Mode. Etwa zwei Jahre erforschte sie grundlegende Fragen: Was ist eigentlich Mode? Warum brauchen wir sie? Ihre Antwort:  „Kleidung reflektiert unser Inneres, unser individuelles Sein und unsere Resonanzerfahrung mit anderen. Je schnelllebiger die Zeit, um so schneller wollen wir unser Outfit wechseln.“ Das habe allerdings schlechte Folgen für unsere Umwelt. Billig produzierte Kleidung werde 2-3 Mal getragen und danach weggeworfen. Bürgers Lösung: „Kleidung muss darf kein Luxus sein, sondern ein Kulturgut. Es muss nachhaltig und regional hergestellt werden.“ Da Baumwolle in unseren Regionen nicht wachse, sollten einheimische und nachwachsenden Rohstoffen verwendet werden, wie z. B. Hanf.
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Neben den Rohstoffen hat sich Bürger auch eingehend mit dem Herstellungsprozess beschäftigt. Kleidung soll kokreativ in sogenannten „Pods of Commons“ realisiert und produziert werden, einer Form des gemeinschaftsbasierten Wirtschaftens. Jede/r aus der Community trägt das bei, was er/sie am besten kann, sowohl von den Fähigkeiten als auch finanziell. Ideen, Entwürfe und Design-Leistungen sollen im persönlichen Austausch in regionalen Gruppen erstellt werden oder überregional über eine digitale Plattform. Über ein Modulsystem können so einzelne Bestandteile bzw. Designelemente eines Kleidungsstücks bereitgestellt und nach eigenen Vorstellungen und Wünschen kombiniert werden. Sind die Designs erstellt, werden die Kleidungsstücke in lokalen FabLabs und Schneidereien aus heimischen langlebigen Stoffen produziert. Die Herstellung erfolgt in Kleinserien in genau so hoher Stückzahl, wie es Abnehmer gibt: „production on demand“. Da für diese Art der Fertigung die Basiskosten sehr hoch sind (eine Jacke würde etwa 700 € kosten), wird das Kleidungsstück nach etwa 2 Jahren in den Kreislauf zurückgegeben, so dass sie ein anderer aus der Community nutzen und tragen kann. Da die Stoffe und die Herstellung qualitativ hochwertig sind, können die Kleidungsstücke wenn nötig repariert und mehrfach in Umlauf gebracht werden.

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Nachhaltiges Akustikdesign

Innenarchitektin Anke Schneider plant ihre Geschäftsidee im Austausch mit vielen Experten und im Rahmen eines Förderungsprogrammes für Gründer*innen vom INNOVATIONPORT Wismar, einer Einrichtung der Hochschule Wismar bzw. der Forschungs-GmbH Wismar. Der Innovationsport ist unter dem Dach von digitalesMV einer von insgesamt sechs digitalen Innovations- und Kreativräumen für Gründer, Kreativschaffende, Unternehmen und Wissenschaftler. Anke Schneider genießt hier vor allem die interdisziplinäre Vernetzung und fachliche Begleitung. Schon im Rahmen ihres Studiums in Wismar hat sich Anke Schneider auf das Thema Akustikdesign spezialisiert. Aktuell entwickelt sie maßgeschneiderte multifunktionale Akustikabsorber aus heimischen, nachhaltigen Rohstoffe. Erste vielversprechende Erfahrungen konnte sie bereits mit Ostseegras sammeln. Beim Ideenpitch erläuterte Schneider, dass ihr nicht nur klangliche Aspekte am Herzen liegen, sondern dass ihr Akustikdesign zugleich auch visuelle, sensorische und atmosphärische Ambientefragen berücksichtigt. Auch eine Onlineplattform mit Akustik-App ist mit Beratung von der Technischen Hochschule Lübeck geplant.  

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Wir drucken Dich

Die Grafikerinnen Manja Graaf und Lena präsentierten aktuelle Arbeiten und Ideen ihrer DRUCKKAMMER Greifswald. In ihrer Siebdruck-Werkstatt stellen sie mit großer Leidenschaft Infomaterial zur Politik- und Umweltbildung her und geben ihr Wissen auch weiter, u. a. mit einem Druck-Tutorial. Darin erklären sie drei verschiedene Techniken, die man für das Erstellen von Aufklebern, Shirts, Plakate etc. nutzen kann: Siebdruck, Stempeln,  Tetrapackdruck. Gerade wird die Druckkammer neu gestaltet und soll am 15.10.2020 mit verschiedenen Aktionen der Öffentlichkeit vorgestellt werden. 

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Erzählte Geschichten aus MV

Journalistin Manuela Heberer ist seit 2011 als freiberufliche Journalistin und Medienmacherin in MV aktiv: „Meine Leidenschaft ist es, im Land unterwegs zu sein, dabei die vielen, zum Teil noch verborgenen Geschichten aufzuspüren und diese für euch erlebbar zu machen.“ Gemeinsam mit Grafikdesignerin Antje Siggelkow trägt sie ihre Begegnungen in  dem frisch im Frühjahr gestarteten Online-Magazin Vielsehn in die Öffentlichkeit. Heberer sprach über die vielfältigen Aspekte von Grafik, Web- und Content-Design und stellte auch ihr neues akustische Projekt vor, das gemeinsam mit Judith Kenk entsteht: Erste Generation über die Menschen, die in den 1980er Jahren in MV geboren sind.

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Freies Theater und Architektur-Sanierung

Die Welt des freien Theaters präsentierten Theaterregisseur und Maskenbauer Lars Maué sowie Kostüm- und Maskenbildnerin Johanna Kanka-Maué. Sie stellten u. a. ihr generationsübergreifendes Projekt Freiheit und Glaube vor: vier Inszenierungen mit 40 Masken, fünf Großfiguren, 90 Kostüme und über 350 Aktiven und Akteuren: Das große Fest- und Theaterwochenende im September 2017 statt und erinnerte an das 500. Jubiläum der Reformation. Beide engagieren sich u. a. auch im Verein „ Kulturmühle Wismar e.V.“ und die Erhaltung der Bausubstanz der historischen Mühle. Für historische Sanierungsprojekte setzt sich auch Architektin Sophie Wagner aus Dassow  ein und berichtete über Planungs- und Beteiligungsprozesse gemeinsam mit Nutzern.

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Ortserkundung mit Egon Flemming und Burkhard Steinhagen

Tief hinab und hoch hinaus: Fachkundig geführt von Eigentümer Egon Flemming konnten die Teilnehmer des KreativLabs in corona-sicherem Abstand das weitläufige Gelände und die historischen Gebäude des Mühlenquartiers Bad Kleinen erkunden. Unterstützt wurde er von Burkhard Steinhagen, der sich als junger Mann mit Ferienjobs in der Mühle sein erstes Moped verdiente Er zeigte die noch verbliebenen Artefakte: Mehlrutschen, Mehlzellen, Beutelkammern und Trichter und erzählte lebendig von der Industriegeschichte. Im Verwaltungs- und Verkaufsbüro konnten die Besucher die wechselvolle Geschichte anhand historischer Fotos nachvollziehen und mit einem Imagefilm Mühlenquartier Bad Kleinen eine Zeitreise in die Zukunft des Ortes unternehmen.

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Lokaler Netzwerkaufbau

Wie sich Wohnen, Arbeiten, Erholen in Bad Kleinen mit urbaner Lebensqualität in Reichweite anfühlt, konnte an diesem Tag auf vielseitige Weise erprobt werden. Das KreativLab war einmal mehr Impulsgeber für den lokalen Netzwerkaufbau. Dass die Region die Kreativität wirkungsvoll beflügelt, ist übrigens bereits bewiesen: Nur wenige Kilometer westlich von Bad Kleinen, im Ortsteil Wendisch Rambow, ist Till Lindemann aufgewachsen, der Sänger und Textdichter der Band Rammstein.

Das KreativLab in Bad Kleinen wird gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung im Programm Miteinander reden.

  © Miteinander reden

Kreatives Sachsen: Innovationsgeist versprühen und Industriebrachen retten

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Claudia Muntschick ist deutschlandweit unterwegs, um historische Bausubstanz zu retten, vor allem Industriebrachen. Als Beraterin für Regionalentwicklung sowie Kultur- und Kreativwirtschaft setzt sie sich vor allem für die Neubelebung leerstehender Gebäude ein. Welches Potenzial sie in den alten Bauten sieht und wieviel Kreativschaffende in Sachsen bewegen, hat sie mir im Interview erzählt. 

Revitalisierung alter Bausubstanz

Schon während ihres Architekturstudiums hat sich Claudia Muntschick mit Arbeitsräumen für Kreativschaffende beschäftigt, damals noch unbewusst. Um die Jahrtausendwende war der Begriff Kreativwirtschaft noch nicht so verbreitet wie heute. Doch schon damals trieb Muntschick ein Bauchgefühl, dass es ziemlich bald neue, originelle Arbeitsräume brauchen wird. In ihrer Diplomarbeit erforschte sie, wie sich größere Industriebrachen heterogen und kleinteilig nutzen lassen. Das Thema hat sie später im Masterstudium an der TU Dresden nochmal vertieft. „Wenn man sich Industriegeschichte von Sachsen anguckt: Da haben sich Leute unterschiedlichster Gewerke in einem Raum zusammengefunden – eben in den Manufakturen der Zeit“, erklärt Muntschick. „Da hat jeder den Arbeitsschritt absolviert, den er am besten konnte. Daraus entstand dann das Produkt in einer größeren Mengen und dadurch eine Wertschöpfungskette, die allen gedient hat. So ähnlich funktioniert das heute einem Coworking-Space, dass man aufgrund des Wissens und der Interdisziplinarität zusammenkommt, um unterschiedliche Arbeitsfelder und Projekte abzudecken.“

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Raumentwicklung wird Thema

Nach Abschluss des Studiums gründet sie ein Büro und stellt fest, dass es größeren Bedarf zur Raumentwicklung gibt. Wie können mehrere Kleinstunternehmen größere Industrieflächen nutzen, dabei die Gebäude erhalten und gleichzeitig neue wirtschaftliche Impulse setzen? Zu dieser Zeit entdeckt auch die Politik das Thema Raumentwicklung. 2012 erscheint ein großer Bericht, wie die Kultur und Kreativwirtschaft in Sachsen aufgestellt ist, 2012 folgt ein Report über Dresden. „Die Szene war gut untersucht, aber es gab eine große Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der kreativen Akteure selbst und der seitens der klassischen Wirtschaft. Wenn man von Kreativwirtschaft außerhalb der eigenen Branche spricht, wird man von Fachfremden rasch in der bildenden Kunst verortet. Dabei ist die Kreativbranche in ihrem Mix von 11 Teilbranchen ja wesentlich breiter aufgestellt. Muntschick spürt Aufklärungsbedarf und wird Beraterin im Sächsischen Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft KREATIVES SACHSEN, speziell für die für die Region Ostsachsen.

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Kreativstandort Sachsen

Seit 2017 fördert der Freistaat Sachsen dauerhaft das Sächsische Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft mit 500.000 pro Jahr, vorerst bis 2021. Es ist die zentrale Anlaufstelle für kreative Akteure und Multiplikatoren und wird getragen vom Landesverbandes der Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen e. V.. Er erbringt zusätzliche Eigenleistungen in Höhe von 5.000 Euro pro Jahr. Aktuell arbeiten 7 feste MitarbeiterInnen im Projekt mit Standorten in Chemnitz, Dresden und Leipzig. Die Aufgaben sind vielfältig. Die landesweite Plattform stärkt branchenübergreifend die Vernetzung der Akteure, verleiht der Branche Sichtbarkeit und hilft Einzelakteuren und Unternehmen, sich am Markt zu etablieren, bietet Vor-Ort-Beratungen sowie teilmarktspezifsche gründungs- und wachstumsbezogene Qualifzierungsleistungen in ganz Sachsen an.

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Kooperationen mit Wirtschaft und Wissenschaft

Erfolgsbewährt ist inzwischen die enge Zusammenarbeit mit Akteuren aus Wirtschafts- und Kulturförderung, Stadt- und Regionalentwicklung, Fördereinrichtungen, Verbänden, Netzwerken, Kammern und Hochschulen, insbesondere den Kunsthochschulen. „Zu den Wirtschaftsförderungen in den einzelnen Städten haben wir sehr guten Kontakt und regelmäßige Jour fixe Leipzig, Chemnitz, Dresden“, erzählt Muntschick. In Chemnitz haben wir Projekte mit der dort ansässigen Wirtschaftsförderung entwickelt, ebenso in Leipzig. In Dresden haben wir einen städtischen Kreativwirtschaftsverband, der sogar einen Dienstleistungsvertrag mit der Stadt abgeschlossen hat. Im ländlichen Raum ist es so, dass wir von den Mittelstädten direkt angesprochen werden. Sie sagen: Wir haben hier Immobilien, die möchten wir gerne mit euch Kreativen gemeinsam entwickeln.“

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Schöne Aussichten

Muntschick hat in Sachsen Formate entwickelt, in denen Regionalentwicker Arbeitsräume der Zukunft für Investoren und Kreative vorstellen, z. B. brachliegende Industriebauten, Manufakturen, Ladengeschäfte, Gasthöfen und Gehöften. Gerade in mittleren und kleinen Städten gibt es zahlreiche Gebäude und Räume, die sich für die Nutzung durch kreative UnternehmerInnen eignen und als Motor für Strukturwandels wirken können. Muntschick ist wichtig, dass Kreative bei der Nachnutzer von Immobilien bereits vor Beginn der echten Planungsphase eingebunden werden. Für den Austausch eignen sich Workshops am besten, sagt sie: „Da sollten Eigentümer, Nutzer und im besten Fall noch Stadtverwaltung auf Augenhöhe zusammenkommen und diesen Prozess gemeinsam gestalten. Das ist sehr wichtig und wertvoll. Was mich auch immer wieder sehr fasziniert, ist die Tatsache, dass gerade Akteure der Kultur und Kreativwirtschaft denkmalpflegerisch sorgsam und richtig mit diesen Gebäuden umgehen. Da wird alles erhalten und nachgenutzt, was da ist. Und das sorgt dann eben wiederum auch für diese authentischen Räume, in denen sich Kreative wohl fühlen. Kein einziger Kreativer möchte in einem sterilen Gewerbegebiet oder Gewerbezentrum arbeiten.“

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Best practice für Umnutzung

Der von Landflucht geplagte Ort Nebelschütz in Ostsachsen z. B. erlebte dank ökologischer Erneuerung eine Renaissance. Erste Impulse erhielt der Ort durch den Umbau eines Fachwerkhauses zur Herberge zur Selbstversorger für Wanderer und einer Scheune zu Künstlerateliers. Ein stillgelegter Steinbruch wird als Kräutergarten und Skulpturenpark genutzt. Kreative Kleinbetriebe sorgen für Arbeitsplätze: eine Polstermöbelreparatur, ein IT-Dienstleister, ein Töpferhof, eine Bau- und Möbeltischlerei. Im Gewerbegebiet sind Logistik- und Recycling-Unternehmen, Firmen für Metallbearbeitung, Brandschutz und Containerbau ansässig. Ein neuer Dorfladen wird vom Pächter des Sportlerheim am Fußballplatz betrieben. Auch junge Gründer kamen, die heute Ökolandbau betreiben. Alle Projekte entstanden partizipativ mit Bürgern und Kreativen. Mit rund 1200 Einwohnern ist Nebelschütz heute etwa wieder so groß wie zum Mauerfall und liegt mit etwa drei Kindern pro Familie deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Finanzielle Hilfe leistete ein Förderprogramm des Amtes für Ländliche Neuordnung für die Erstellung von Dorfentwicklungsplänen.

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Kompetente Köpfe gefragt

Claudia Muntschick freut sich, wie viel schon passiert ist im Bereich Umnutzung von Leerstand. Ohne engagierte Experten wie sie geht es jedoch nicht: „Gerade die kleinteilige Kreativbranche braucht Netzwerkmanager. Kleinstbetriebe haben wenig Zeit, sich über Förderprogramme oder neue Entwicklungen im Umland zu informieren oder herumzufahren. Dafür braucht es eine zukunftsorientierte Wirtschaftsförderstruktur und vor allem Personal. Das müssen die richtigen Leute sein, die den ländlichen Raum mögen, Kleinstunternehmen kennen und kommunikativ stark sind.“ Sie berichtet von gleichgesinnten Mitstreitern, die Neubürger bzw. Rückkehrer in ländliche Regionen holen wollen und ihnen gerade am Anfang umfassende Beratung bieten. Die Raumpioniere Oberlausitz berichten z. B. in einem Blog mit authentischen Geschichten über Menschen, die den Schritt aufs Land schon gewagt haben. Sie sollen anderen Menschen Mut machen, ebenfalls aufs Land zu ziehen wollen. Die Raumpioniere  Oberlausitz vermitteln Kontakte und bieten Netzwerkveranstaltungen. Die Servicestelle Heimat berät Interessierte zusätzlich zu Fragen rundum das Wohnen und Arbeiten im ländlichen Raum und organisiert auch Rückkehrertage.

Erfolgserprobte Kampagnen

Dank der Netzwerk- und Beratungsarbeit von Kreatives Sachen ist in dem östlichen Bundesland in den letzten Jahren viel passiert. Im Austausch mit Politik, Wirtschaftsförderung und Verwaltung wurden erfolgreiche Anschubprojekte initiiert, z. B. der Ideenwettbewerb simul+. Im Fokus stehen hier Ideen und innovative Konzepte, die den gemeinschaftlichen Zusammenhalt stärken und die Lebensbedingungen im ländlichen Raum im Freistaates Sachsen verbessern. Im November 2019 sind insgesamt 362 Beiträge eingegangen. Das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft vergibt Preise in Höhe von 5.000 Euro bis 400.000 Euro. „Dieser Wettbewerb ist für die Kreativen hervorragend geeignet, weil sie häufig an der Schnittstelle zwischen Wirtschaftsförderung, Kulturförderung, Regionalförderung agieren“, erklärt Muntschick. „ Mit dem Preisgeld können Kreative sofort loslegen, ohne komplizierte Instrumentarien berücksichtigen zu müssen. Für die Einzelakteure ist es immer ein ziemlicher hoher Aufwand neben ihrer eigentlichen Arbeit noch Förderanträge zu schreibe. Und da ist so ein Wettbewerb schon mal ein schönes Beispiel, dass es auch ohne viel Bürokratie geht… Bei den EU-LEADER-Programmen im Regionalmanagement werden meist nur investive Maßnahmen gefördert, Ideenkonzepte hingegen seltener oder in Anteilen. Wir arbeiten gemeinsam auch mit anderen Kreativverbänden daran, dies zu ändern. Denn soziale und geistige Innovationen sollten in Zukunft viel stärker in den Fokus gerückt werden.“

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Tourismus und Kreativwirtschaft

Ein weiteres überaus erfolgreiches Format ist der Ideenwettbewerb für Tourismus So geht sächsisch. Insgesamt 224 Vorschläge wurden hier 2019 eingereicht unter dem Motto: „Deine Idee für Deine Region“. Eine Jury aus Vertretern des Landestourismusverbandes Sachsen e.V., von KREATIVES SACHSEN, von der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen, der Sächsischen Staatskanzlei, dem ADAC Sachsen und dem Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft Arbeit und Verkehr hat daraus 30 Vorschläge ausgewählt und die Ideengeber zu drei regional stattfindenden Ideenwerkstätten eingeladen. Aus diesen Ideen wiederum wählte die Jury die sieben besten Konzepte aus und prämierte sie mit Preisgeldern der Sächsischen Staatskanzlei in Höhe von 50.000 Euro. Der ADAC Sachsen stiftete zusätzlich einen Sonderpreis in Höhe von 5.000 Euro. Die umgesetzten Ideen werden 2021 auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) „Partnerland Sachsen“ präsentiert.

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Standortfaktor Kreativwirtschaft

Verschiedene sächsische Städte, wie Görlitz und Moritzburg, sind immer wieder Kulisse für historische und moderne Filme und bieten so reizvolle Anziehungspunkte für Drehort- und Kulturtourismus. Sachsen trumpft auch mit einer lebendigen Festivalkultur, mit kultur- und kreativwirtschaftlichen Messen und vielfältigen Produkten, z. B. mit Kunsthandwerk und dem Musikinstrumentenbau. Für Claudia Muntschick sehen die Entwicklungen vielversprechend aus: „Egal ob in der Tourismuswirtschaft, der Automobilwirtschaft oder im Maschinenbau, alle brauchen in Zukunft Innovationsprozesse hinsichtlich ihrer Produkte und vor allem ihrer Unternehmensführung und der kollaborativen Zusammenarbeit. Da können wir Kreative viele Lösungen anbieten.“

Cross Innovation

Im Jahr 2020 wird KREATIVES SACHSEN das Thema Cross Innovation besonders in den Fokus rücken. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass durch Kooperationen, Wissens-Transfers und besondere Austausch- und Vermittlungsformate bereits viele cross-innovative Projekte in Sachsen entstanden sind. Der Koalitionsvertrag für den Freistaat Sachsen sieht für die Jahre 2019-24 folgendes vor: „Wir wollen das Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft in Abstimmung mit den regionalen Branchenverbänden auch zu einem Kompetenzzentrum für Cross Innovation  als Begleiter des Strukturwandels und als sektorenübergreifenden Treiber für die Digitalisierung strukturell ausbauen, weiterentwickeln und langfristig fördern.“

PODCAST

 
Ideen und Alternativen für Theater, Kino, Kunst und Musik in (post-)Corona-Zeiten

Ideen und Alternativen für Theater, Kino, Kunst und Musik in (post-)Corona-Zeiten

  © 1to1Concerts (c) LotteDibbern

Corona hat die Kulturwelt in ihre Grundfesten erschüttert: Theater, Clubs, Konzert-, Opern- und Veranstaltungshäuser wurden geschlossen. Musiker, Schauspieler, Sänger und Tänzer erhielten Auftritts- bzw. Tätigkeitsverbote und mit ihnen viele andere Berufsgruppen: GarderobierInnen, RequisiteurInnen, TicketkontrolleurInnen, BühnenarbeiterInnen, KulissenbauerInnen, Bühnen- und ShowtechnikerInnen, Ton-, Video, Bild- und LichttechnikerInnen, VermieterInnen von Veranstaltungsstätten, HausmeisterInnen von Veranstaltungsstätten, Reinigungsdienste, PlakatiererInnen, Securitypersonal, ZuliefererInnen für Bühnentechnik, MitarbeiterInnen in der Veranstaltungsgastronomie, Ticketbüros, KünstlermanagerInnen. Die Zukunft ist ungewiss. Neue Corona-Wellen können die Berufsausübung von Kreativschaffenden und ihren Ermöglichern im Umfeld immer wieder einschränken. Kreative Ideen sind gefragt. Lasst Euch von diesen Beispielen inspirieren! 

Auf Sicht fahren

Spielstätten, Konzert- und Theaterhäuser können derzeit wegen Corona kaum planen. Schauspieler, Comedians, Tänzer, Musiker, Dramaturgen, Regisseure und Kinobetreiber bewegen viele Ideen in ihren Köpfen und im Herzen, wie kulturelle Angebote mit Corona-Abstandsregeln überhaupt möglich sind. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Vieles ist gar nicht so neu. Was daran liegt, dass Theater-Akteure schon immer kreativ, flexibel und innovativ auf äußere Umstände reagiert haben – genau wie andere Kunst- und Kultursparten und die gesamte Kreativbranche auch. Ältere Konzepte werden wiederentdeckt, neue kommen hinzu.

Renaissance für den öffentlicher Raum

Abstandsregeln gelten sowohl in geschlossenen Räumen als auch im Außenbereich. Die gute Nachricht: Der öffentliche Raum erlebt gerade eine längst überfällige Aufwertung. Damit Publikum und Künstler*innen davon im gleicher Weise profitieren, braucht es jetzt rasch ein vielfältiges Konjunkturprogramm, das alle kulturellen Sparten berücksichtigt – sowohl in der Stadt als auch im ländlichen Raum!

 © Kulturspielhaus Rumeln in Duisburg

Widersprüchliche Regelungen

Die unterschiedlichen Abstandsregeln in verschiedenen Bereichen unseres Alltags allerdings sind nicht immer klar nachzuvollziehen. Während Flugzeuge ab Juni 2020 wieder voll besetzt mit mundschutztragenden Passagieren abheben dürfen, sind die Abstandsregeln in Wirtshäuser schon etwas weiter gesetzt. Besonders streng jedoch gelten sie für die Kultur – in Theatern, Konzert- und Opernhäusern und vielen anderen Veranstaltungsräumen und Spielstätten. Für einen direkten Vergleich hat die österreichische Kulturinitiative Kulturretten.org maßstabgetreu einen Veranstaltungssaal, einen Gastronomiebetrieb und einen Airbus A 320 visuell nebeneinander gesetzt. Die anschauliche Grafik lässt die Kulturschaffenden ratlos zurück…

 

 © Kulturretten.org

Wiederentdeckte und neue Ideen für das Theater

Welche Alternativen gibt es also zu Theateraufführungen in mager bestuhlten Räumen und zu betriebswirtschaftlich unrentablen Aufführungen? Mit welchen kreativen und innovativen Ideen können Kulturschaffende den Corona-Beschränkungen begegnen?

  • Freiluft-Theater geht auf die griechisch-römische Antike zurück (z. B. Festival von Epidauros) und wird seit Jahren in Hamburg im „Römischen Garten“ an der Elbe vom Theater N. N. gespielt, auch in diesem Sommer.
  • Theater im öffentlichen Raum in Stadt und Land mit Schnittstellen zwischen Kunst- und Lebenswelten, Lokstoff! Theater im öffentlichen Raum e.V. Stuttgart spielt z. B. im Einrichtungshaus behr LESSHOME: Wohnst Du noch oder teilst Du schon?
  • Stationen-Theater hat die Theatergruppe Rimini Protokoll erprobt: Bei einer simulierten Welt-Klimakonferenz wandern kleinere Besuchergruppen zwischen verschiedenen Orten und werden an lebensecht mit Eis und Wüste inszenierten Stationen von echten Wissenschaftlern über den Klimawandel informiert. Lässt sich vielleicht in leerstehenden Fabrikhallen oder in weitläufigen Museen realisieren. 
  • Autokino-Theater, gab es z. B. 2016 vom Staatstheater Stuttgart vor den Toren der Stadt in Kornwestheim mit Stadion der Weltjugend von René Pollesch. Gezeigt wurde live gespieltes Theater, live gefilmt und für alle sichtbar auf die riesige Bildwand des Autokinos live übertragen. 
  • Drive-in-Theater, gab es gerade als Reaktion auf Corona vom Deutschen Theater in Göttingen: Antje Thomas verlegt Die Methode nach dem Stück »Corpus Delicti« von Juli Zeh in eiine Tiefgarage, die Zuschauer passieren verschiedene Spielstationen in ihrem Auto: Film
  • Theater als Audiospaziergang: das Theater Oberhausen geht akustisch in die Stadt, Regisseurin Paulina Neukampf und Dramaturgin Romi Domkowsky haben Elfride Jelineks Prinzessinnendramen als Audio-Spaziergänge inszeniert – mit berührenden Reflexions- und Anknüpfungspunkten an die aktuelle Corona-Krise. Das Publikum stromert in Zweierteams durch die Stadt.
  • Improvisationstheater als Online-Seminar: Die Impro-Schule Clamotta aus Köln bietet coronabedingt Online-Kurse an. Den Teilnehmer*innen bietet sich ein lockerer und gelöster Einstieg, um Herausforderungen und Probleme mit spielerischem Ansatz zu lösen. Corinna Armbruster, Coach und Impro-Trainerin: „Man kann ja dennoch die Ideen des anderen aufnehmen und eine Geschichte entwickeln und die Kreativität des anderen spüren und aufnehmen und so etwas gemeinsam erleben, wenn man zusammen vor dem Computer sitzt.“
  • Die gemeinnützige Theatergenossenschaft Traumschüff bespielt auf der mobilen Bühne eines Katamarans als schwimmendes Wandertheater gezielt den ländlichen Raum. Die Stücke kreisen inhaltlich um Blickwinkeln und Themen der jeweiligen Region. Das Publikum verfolgt das Geschehen in sicherem Abstand vom Ufer bzw. vom Deich aus: Spielplan
  • Aufführungen in Sportstadien im Sommer 2020 geplant von Matthias Lilienthal – Münchner Kammerspiele – im alten Olympiastadion in München vor etwa 650 Zuschauern
  • über die vielfältigen Möglichkeiten des Museumstheaters hat Ursula Pinner-Antoni eine Abschlussarbeit im Rahmen ihrer Vollzeitausbildung zur Theaterpädagogin geschrieben,  z. B. Galerie-Theater mit dem Ensemble der Theaterwerkstatt Heidelberg in der Ausstellung „Zwischen Burg, Stadt und Kathedrale. Leben im Mittelalter“ im Badischen Landesmuseum 2006
  • Theater-Tausch: kleine Theater spielen an in größeren Häusern, z. B. im Gespräch: Theater am Kurfürstendamm spielt im Schauspielhaus Berlin (hier bei Deutschlandfunk Kultur erwähnt); über weitere Beispiele für „Theater unter Corona-Auflagen“ haben Susanne Burkhardt und Elena Philipp mit der Theaterkritikerin Cornelia Fiedler und dem Schauspieler Martin Wuttke gesprochen. Wuttke sagt: „Vielleicht führt das irgendwann dazu – wenn man alle möglichen Erfindungen im öffentlicher Raum oder andere Umgangsformen mit Theater entwickelt hat – dass man mit besonderer Lust irgendwann in die Theater zurückkehrt.“
  • „Wenn die Menschen nicht ins Theater können, muss das Theater eben zu den Menschen. Ins Neubaugebiet und zwar mit großem Tadaa!“ Der Taupunkt e. V. in Chemnitz fördert künstlerische und theaterpädagogische Projekte in theatralen, öffentlichen und sozialen Räumen. Von der Off Bühne Chemnitz-Komplex werden z. B. Neubaublöcke von der Wiese aus bespielt. Zuschauer schauen von eigenen Balkone und Fenster zu. So findet „hygienisches Theater“ für ein Publikum statt, das sonst vermutlich nie ins Theater kommen würde, z. B. sozial Benachteiligte, Flüchtlinge.   
  • Das Theater „Markant“ im niederländischen Uden und das Raumgestaltungsunternehmen „Tausch“ haben gemeinsam eine Corona-Wiedereinstiegsstrategie in Form eines Covid-19-Protokolls für größere Theater entwickelt. „Es umfasst etwa dreißig Maßnahmen zur Risikokontrolle und Kontaminationsvermeidung. Die Methode wurde vom renommierten Prüfinstitut TÜV Nederland auf Machbarkeit und Risiken getestet. Der TÜV Nederland stellt ein Zertifikat aus, wenn ein Theater die Kontrollmaßnahmen zur Verhinderung einer weiteren Verbreitung des Virus nachweislich umsetzen kann. Simuliert werden die Maßnahmen über eine 3D-Animation. Cristian Brander von Tausch sagt: „Die Theater sind geräumig und daher in Bezug auf Umgebung und Kapazität extrem kontrollierbar.“
  • Originelle, hygienische Idee aus Wien: Theater in der Peepshow. Der Wiener Kultursalon Guckloch plant coronakonforme Aufführungen auf einem Podest mit Drehbühne. Musiker*innen, Kabarettist*innen, Schauspieler*innen und Autor*innen sollen das „Kultur-Laufhaus“ einen Abend lang unplugged bespielen. Nach 15 Minuten wechselt das Publikum. Der Kreis ist exklusiv: Maximal 18 Personen dürfen die intimen Performances erleben. Preisempfehlung der Künster*innen: Peepshow-Preise – pro Minute 1 Euro. Ein Teil der Einnahmen wird an Vereine zur Unterstützung von Sexarbeiter*innen gespendet. Den Rest – abzüglich sehr geringer Fixkosten – bekommen die Künstler*innen.
  • Theaterspielen in Plexiglaskabinen, 2016 von Bühnenbildnerin Irina Schicketanz für die Nibelungenfestspiele entwickelt von der Röhm GmbH für „Gold – Der Film der Nibelungen“ – Innovationstransfer: Das Spiel in Plexiglas-Kabinen bzw. vor transparenten Plexiglasscheiben ist übrigens schon lange im Musikbereich verbreitet, z. B. als Segment-Panels verbreitet bei Musikbands, im Theater, Musical und bei Sinfonieorchestern, um den Direktschall zu mindern, z. B. um Streicher und Blechbläser akustisch voneinander abzuschirmen oder auch Schlagzeuger, wie der u. a. Film mit dem Drummer Mike Terrana zeigt.

Kino

Die digitale Plattform #zurückinskino sammelt Ideen von Kinomacher*innen und Fans für das Kino in Coronazeiten und darüber hinaus. Es geht um gegenseitige Hilfe und um den Austausch von strategischen und kreativen Maßnahmen für Kinobetriebe, von Fassadenkino über virtuelle Geistervorstellungen  via Social Media bis zu Gutscheinlieferungen. 

Digitale Projekte in der Kunst

Der Künstlers Manuel Rossner hat für die Galerie König ein jump’n’run Spiel entwickelt, mit dem man durch die Berliner Galerie von Johann König laufen und  auf Tuchfühlung mit den Kunstwerken gehen bzw. sie bewegen kann. Zu sehen sind digitale Skulpturen und Malerei. Der Nutzer durchwandert mit einem weißen Avatar über eine einfache Bildschirmsteuerung die virtuelle Galerie (Film Artmagazin). Sie ist ein Fantasieraum, den es in der realen Welt nicht gibt. Die App ist derzeit nur im –> Apple App-Store erhältlich, die Version für Android soll in Kürze folgen.

Die Kunstsammlerin Julia Stoschek hat ihre Medienkunstwerke ins Netz gestellt. Bisher sind über 63 film- und videobasierte Werke von 21 Künstlern in voller Länge abrufbar. Insgesamt umfasst die JS-Collection 860 Werke von 282 Künstlern. 

Mit der T-Shirt-Aktion systemrelevant sollen Künstler*innen  unterstützt werden.  Die Hälfte des Erlöses (10 €) geht an die Kunstnothilfe Elinor. Die T-Shirts sind laut Hersteller fair gehandelt: „Wir bedrucken zertifizierte T-Shirts aus 100% Bio-Baumwolle. Jedes Shirt wird auf Bestellung in Deutschland bedruckt.“

AUFRUF: Schickt mir gerne weitere Beispiele für kreative Ideen, um Probleme und Herausforderungen der Corona-Krise zu meistern: kreativ@MassivKreativ.de  

  © Notenmaske, genäht von Sabine Ringel

Plan B für die Musik

Auftritte in Clubs scheinen bislang undenkbar, ebenso in großen Hallen und open-air-Konzerten, wo die Fans dicht gedrängt ihren Musikhelden zujubeln. Stadien anzumieten und nur zu einem Zehntel zu besetzen, können sich wenige Band vorstellen, auch aus atmosphärischen Gründen nicht. Die meisten wollen verständlicherweise lieber kleine Clubs unterstützen, wie der Henning May von der Band „AnnenMayKantereit“ im Web-Chat Wie übersteht der Kulturbetrieb die Corona-Krise erklärt.  Einige Bands haben sich geschlossene Boxen bauen lassen, um ein corona-sicheres Live-Streaming zu ermöglichen. Doch die Trinkgeld-Spenden der Fans können normale Auftrittsgagen nicht ersetzen.

Der Hamburger Pianist Alexander Krichel gab das vielleicht erste Klassikkonzert im Autokino in Iserlohn und spielte Klaviermusik von Beethoven und Liszt. Wie im Autokino üblich wurde die Musik auf einer UKW-Frequenz in die Autos übertragen. Anstelle von Applaus gab es vom Publikum ein lautes Hupen. 

  © 1to1Concerts (c) LotteDibbern

Für Musiker ist die Nähe zum Publikum essenziell, Basis für das gemeinsame Geben und Nehmen. Die Initiative 1to1concerts möchte reale, besonders persönliche Konzerterlebnisse schaffen und dabei dennoch alle geltenden Corona-Schutzmaßnahmen berücksichtigen. Die Idee: 1:1-Begegnungen zwischen Hörer*innen und Musiker*innen, sie dauern etwa 10 Minuten. „Ein eröffnender  Blickkontakt ist der Impuls für ein sehr persönliches Konzert – eine ungewöhnliche, aber für beide Seiten intensive Erfahrung, die Nähe trotz Distanz ermöglicht.“ Wer spielt, welches Instrument und welches Stück man erlebt, bleibt eine Überraschung. Die Spielorte (Beispiele in Berlin) sind vielfältig und erobern durchaus ungewöhnliche Terrains, z. B.  eine leerstehende Fabrikhalle, eine Kunstgalerie, einen ruhigen Hinterhof oder einen Schrebergarten. Private Gastgeber*innen sollen ihre Konzertorte zur Verfügung stellen. Das Konzept wurde bereits 2019 für das thüringische Kammermusikfestival Sommerkonzerte Kloster Volkenroda entwickelt und hat die Hörer*innen tief berührt.

Zum Honorar: „Weder die Künstler*innen noch die Gastgeber*innen erhalten für dieses Projekt eine Gage. Wir bitten Sie allerdings, nach dem Konzert freiwillig eine Spende für den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung zu entrichten. Mit den Geldern werden Musiker*innen und Sänger*innen unterstützt, die durch die coronabedingte Absage aller Konzerte und Aufführungen ihre Einkünfte verloren haben und existentiell bedroht sind. So sorgen Sie gleichzeitig für Ihren Musikgenuss in der Zeit nach der Quarantäne- und Abstandszeit.“

Das kulturelle 1:1-Erlebnis geht auf eine Idee von Thomas Franke zurück, der Mitte der 1990er Jahre mit dem Monolog „Das Modell“ (Theaterstück nach H. P. Lovecrafts Erzählung „Pickmans Modell“) bundesweit für Aufmerksamkeit sorgte. 2001 wurde „Das Modell“ auch für den deutsch-französischen Kultursender arte mit Thomas Franke verfilmt.

Auftritte und Flashmobs im öffentlichen Raum, Garten-, Treppen- und Balkonkonzerte sind in Corona-Zeiten sinnvolle Alternativen zu normalen Konzertsälen. Mit einem „Konjunkturprogramm Kultur“ könnten Bund und Länder all diese open-air-Formate finanziell ermöglichen, so bräuchte auch das Publikum trotz Corona auf kulturelle Angebote nicht verzichten.   

Spendenaktionen sollen in Not geratene Musiker*innen unterstützen, z. B. das Nicht-Festival: Keiner kommt – Alle machen mit! Die Solidaritätsaktion hat sich der Hamburger Lars Meier, Vorstand von MenscHHamburg e.V., ausgedacht. Ihm geht es vor allem um den Erhalt der Subkultur – darum, die Vielfalt der Hamburger Kulturszene zu bewahren. Es können auch Kunstwerke ersteigert werden. Das Clubkombinat sammelt ebenfalls Spendengelder mit der Kampagne Save Our Sounds,  bis 14. Mai kamen rund 175.000 Euro zusammen. 

Wissenschaftler messen Aerosolausstoß

Die Bamberger Symphoniker haben Anfang Mai 2020 Luftströmungsmessungen bei Bläsern und Sängern durchführen lassen, um das Risiko einer Coronavirus-Infektion besser einschätzen zu können. Die Untersuchung fand mit dem Büro Tintschl BioENergie- und Strömungstechnik, dem Freiburger Institut für Musikermedizin am Universitätsklinikum und der Hochschule für Musik Freiburg haben die Bamberger Symphoniker: „Als erstes Zwischenfazit lässt sich
jedoch festhalten, dass in 2 Metern Abstand von den Bläser*innen und Sänger*innen kein Unterschied zur normalen Luftströmung messbar war… Zusätzlich können Plexiglaswände aufgestellt werden, um das Risiko von Tröpfcheninfektionen durch Spuckepartikel bei der Korrepetition von Sänger*innen zu minimieren.“

Auch die Charité hatte am 4. Mai eine ausführliche Untersuchung mit dem Titel Beurteilung der Ansteckungsgefahr mit SARS-CoV-2-Viren beim Singen erstellt. Das Singen in Chören und selbst Gesangsunterricht birgt nach heutigem Kenntnisstand (14. Mai 2020) einige Risiken, wie Medien berichten: NDRNZZ.  

Corona-Kulturstrukturfonds

Damit alternative Aufführungsformen und Experimente überhaupt möglich werden, sollten sie dringend durch finanzielle Unterstützung ermöglicht werden, etwa durch den von Bund und Ländern im Mai 2020 versprochenen „Corona-Kulturstrukturfonds“ – siehe NRW-Kulturrat.

 

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Maskenpflicht und Abstand: Was Corona für die Kultur- und Kreativbranche bedeutet

 © TV Boy

Ein unsichtbares Virus legt unsere Welt lahm. Was den meisten erst Wochen später bewusst wird, greift ein Künstler prophetisch in einem Street Art auf: Er verordnet der Mona Lisa einen Mundschutz. Wird die Maske Kunst und Kultur schützen? Oder wird sie deren Träger und Akteure ersticken? Beides ist zum jetzigen Zeitpunkt offen. Klar ist: Künstler sind gerade in Krisenzeiten Seismografen und Impulsgeber für den Wandel in unserer Gesellschaft.

Kunst als Corona-Seismograf

4. März 2020: Es ist der Tag, an dem Spanien seinen ersten Todesfall meldet – infolge von Corona bzw. Covid-19. Ich bin in Barcelona. An einer Hauswand der Plaça de Sant Jaume entdecke ich eine Adaption der Mona Lisa, ein Street Art mit Mundschutz und Mobiltelefon. Das Bild ist nicht mehr ganz vollständig, schon etwa 3 bis 4 Wochen alt. Viele halten inne, fotografieren und spüren wie ich ein indifferentes Unbehagen. Das Street Art Befindlichkeiten auf, die unbestimmt in der Luft liegen. Wenige Wochen später ist der Lock Down Realität und mit ihm die tiefen Einschnitte in unser soziales, gesellschaftliches, kulturelles und wirtschaftliches Leben. Der Mundschutz ist inzwischen zum Sinnbild der Corona-Krise geworden. Ein zweischneidiges Hilfsmittel: Einerseits schützt es uns vor dem Virus, andererseits schottet es uns vor unseren Mitmenschen ab. Unsere Mimik lässt sich nur noch erahnen.

 © MassivKreativ: genäht von Sabine Ringel

Mobile Word Congress

Schon seit Ende Januar 2020 sind maskierte Menschen in den Medien präsent, doch der tödliche Hot Spot in China scheint noch in sicherer Entfernung. Das wird sich bald ändern. Aus Furcht vor der Ausbreitung des Virus sagen die Organisatoren am 12. Februar in Barcelona die Mobilfunkmesse „Mobile Word Congress“ ab, schweren Herzens. Rund 100.000 Besucher und 2.800 Aussteller hatten sich angemeldet. Die Messe ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, jedes Jahr bringt sie zwischen 400 bis 500 Millionen Euro in die Stadt. Als große Unternehmen aus Japan und Deutschland ihre Teilnahme absagen, u. a. die Telekom, ziehen die Veranstalter die Reißleine.

World Mobile Virus

Nach anfänglicher Sorglosigkeit und Überzeugung, es handle sich um ein rein chinesisches Problem, war die Angst Woche für Woche gewachsen. Mitte Februar 2020 gibt der Street Art Künstler TV Boy ihr ein Gesicht: die Mona Lisa. Unter dem Eindruck der abgesagten Mobilfunkmesse nennt er sein Straßenwandbild World Mobile Virus und übt Kritik an unserem unersättlichen mobilen Lebensstil. Vor allem die inflationären Reisen helfen dem Virus bei seiner Verbreitung. In Deutschland erfolgt der Lock Down am 11. März abrupt. Von einem Tag auf den anderen ist alles anders, für jeden, aber besonders für die freiberuflichen bzw. selbständigen Kunst- und Kreativschaffenden. Ihnen wird ein Tätigkeitsverbot auferlegt. Musiker, Sänger, Schauspieler und viele andere (siehe letzter Absatz) trifft es sofort und besonders hart. Sämtliche Live-Veranstaltungen werden auf ungewisse Zeit ausgesetzt oder abgesagt. Für das eng verwobene Wirtschaftsgeflecht der Branche hat dies schwerwiegende Folgen.

 © MassivKreativ

Lock Down für Kunst und Kultur

Nicht nur die „Lebenskünstler“, die von der Hand in den Mund leben, stürzt der Lock Down in Not. Auch die kreative Mittelschicht muss erkennen, dass es rasch an die Existenz geht. Umso mehr, weil das von der Bundesregierung rasend schnell verkündete Hilfspaket mit 50 Milliarden Euro die meisten Selbstständigen und Freiberufler nicht erreicht. Aus dieser „Soforthilfe“ des Bundes (einmalig bis zu 9.000 € für drei Monate) dürfen z. B. nur Betriebskosten geltend gemacht werden, wie Mieten, Strom, Telefon und Leasing. Doch diese Ausgaben sind bei Freiberuflern eher gering, so dass diese Soforthilfe nur von wenigen Kreativen abgerufen und genutzt werden darf. 

 © MassivKreativ: kulturelle Leere

Immaterielle Betriebsmittel

Was Politik und Verwaltung noch immer vermittelt werden muss: Solo-Selbständige in der Kulturszene haben „spezielle“ Betriebsmittel – abseits von Maschinen, Autos, Gewerbebüros usw. Die Betriebsmittel von Kreativen sind immaterieller Art: es geht um den eigenen Kopf und den Körper, aus dem die kreativen Leistungen entstehen, z. B. Ideen, Entwürfe, Konzepte, die auf „handwerklichen“, künstlerisch-kreativen und spielerischen Fähigkeiten basieren und dem Publikum vielschichtige kulturelle Erlebnisse ermöglichen. Ohne Unterstützung und Investitionen in diese „immateriellen Betriebsmittel“ können Kreativschaffende weder existieren noch schöpferisch tätig werden.

 © Frida Kahlo-Motiv, genäht von Sabine Ringel

Das „Kapital“ von Solo-Selbständigen  

Anders als die Bundespolitiker verstehen die Vertreter in den Bundesländern die Lebensrealität der Selbständigen besser. Sie setzen sich dafür ein, dass aus der Soforthilfe des Bundes auch Lebenshaltungskosten gedeckt werden können, so z. B. Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann: „Es auf eine Sachkostenentschädigung zu begrenzen, erscheint mir nicht sinnvoll…Das Kapital der Soloselbständigen ist deren Arbeits- und Leistungsfähigkeit, also ihre physische Existenz, dass sie überhaupt da sind.“ (ab 1:01:17 NDR Info-Redezeit). Doch der Bund bleibt hart (Stand: 12.5.2020) und beschränkt die Soforthilfe weiterhin auf die Betriebskosten. Für Lebenshaltungskosten bieten einige wenige Bundesländer Pauschalsummen an (in Berlin 5.000 € und in NRW 2.000 €, allerdings sind die Töpfe nach wenigen Tagen aufgebraucht, viele gehen leer aus. Hamburg kann bis zuletzt 2.500 € auszahlen). Doch auch diese Summen reichen für die lange Phase des verordneten Tätigkeitsverbotes nicht aus.

Fazit zu den Hilfsprogrammen

Andreas Lutz, Vorsitzender vom Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. – VGSD – zieht am 10. Mai 2020 ein trübes Fazit zu den Corona-Soforthilfen, was ursprünglich von Politik und Verwaltung zugesagt und was davon (nicht) umgesetzt wurde: „Mein Urteil heute ist nicht ohne Bitterkeit: Ich sehe zentrale Versprechen – wie die auf den Verzicht der Vermögensprüfung – als gebrochen, selbst bei der Vergabe der Soforthilfe des Bundes hat der Staat ein unvorstellbares Maß an Rechtsunsicherheit geschaffen, so dass sich bis heute viele Betroffene nicht getraut haben, diese Hilfe zu beantragen. Statt die zum Schutz der Gesamtbevölkerung entstandenen Schäden solidarisch zu teilen, wurden die Selbstständigen damit weitgehend allein gelassen. Statt eines kraftvollen Signals, den von der Krise am meisten Betroffenen unbürokratisch zu helfen, bleibt bei uns der Eindruck, Erwerbstätige dritter Klasse zu sein, für die gut genug ist, was man Angestellten nicht zumuten möchte.“ (Quelle VGSD)

 © Kreative Deutschland

Künstler in Hartz IV abgedrängt

Die Bundespolitik verweist für die Sicherung des Existenzminimums auf das Jobcenter. Doch auch hier gibt es Hürden, insbesondere für den kreativen Mittelstand, der die guten Einkommensjahre verantwortungsbewusst zur Vorsorge genutzt hat. Das zum Sozialschutzpaket umgemünzte „Hartz IV“ können die meisten nicht in Anspruch nehmen, weil die mühsam angesparten Rücklagen für die Altersvorsorge (wenn sie in Aktien oder Bargeld investiert wurden und über 60.000 € bzw. bei Partnerschaften / „Bedarfsgemeinschaften“ über 90.000 € liegen ) erst aufgebraucht werden müssen (Mehr Infos zur Untauglichkeit des Corona-Sozialschutzpaketes für Kreativschaffende).

 © sumanley, Pixabay

Petitionen

Unter Kreativen regt sich starker Unmut, als klar wird, dass die entgangenen Honorare nicht mal ansatzweise ersetzt bzw. kompensiert werden. Sechs Petitionen machen die Runde, in denen Kreative und andere Selbständige wirksamere Soforthilfen fordern bzw. alternativ das Bedingungslose Grundeinkommen. Fast 1 Million Menschen unterzeichnen die Petitionen. Die openpetition des Sächsischen Countertenors David Erler trifft den Nerv vieler Kreativschaffender. Bis Mitte Mai 2020 unterzeichnen knapp 300.000 Menschen seinen Aufruf „Hilfen für Freiberufler und Künstler während des Corona-Shutdowns“. Visuell begleitet wird die Kampagne von der Mona Lisa mit Mundschutz, inspiriert von TV Boy nun in abgewandelter Form als Montage des Originals von Leonardo da Vinci unter dem Namen „sumanley“. Das Bild erscheint inzwischen wie eine Anklage. Mit dem von der Politik angepriesenen „Sozialschutzpaket“ (ALG2/Hartz IV) wollen sich die Kreativen nicht abspeisen lassen und dem eigenen Erstickungstod nicht untätig zusehen. In den sozialen Netzwerken erklären sie der Politik wieder und wieder, warum ALG2 nicht zu den Lebens- und Arbeitsrealitäten von Kreativschaffenden passt. Einer Initiative gelingt als ePetition Grundeinkommen 108191 mit über 176.000 Stimmen sogar der Einzug in den Deutschen Bundestag, wo nun in Kürze über das Grundeinkommen diskutiert werden muss.

 © genäht von Sabine Ringel

Corona als Lackmustest für Defizite

Covid-19 stellt gerade vieles in unserer Gesellschaft in Frage, vor allem unser Verhältnis zur Umwelt und unsere bisherige Wirtschaft. Die Corona-Krise fördert Mängel zutage, die schon lange vor Beginn der Pandemie hätten diskutiert werden müssen. Auch in der Kultur- und Kreativbranche gibt es Defizite. Sie zeigen sich in den oft prekären Arbeits- und Einkommensverhältnissen, in den exzessiven Reisen durch häufig wechselnde Auftrittsorte, in übermäßigem Energieverbrauch beim Gaming, Streaming und an Filmsets, Müll bei großen Musikfestivals, in umweltschädlichem Material sowie zu hohem Wasser- und Papierverbrauch im Industriedesign, im Messe-, Theater, Bühnenbau und in der Kunstproduktion u.a.m. (siehe auch Kultur Öko-Test). Andererseits vermag gerade die Kunst auf vielfältige Weise, uns auf Defizite aufmerksam zu machen und unser Handeln zu hinterfragen. Ein Widerspruch? Oder liegt im Zweifeln und Infragestellen gerade ihre große Kraft?

 © StephenKing April 3, 2020 

Kreativschaffende als Vordenker in der Corona-Krise

Kultur ist der Resonanzkörper für unsere Gesellschaft. Wir brauchen im Leben Widerhall und Reflexion, Zustimmung und Widerspruch, Horizontwechsel und Perspektiverweiterung. Das alles ist ohne Kunst und Kultur undenkbar! Künstler und Kreative sind Sinnstifter, Trostspender, Vordenker und Hoffnungsträger, besonders in Krisenzeiten. Musik und Filme, Bücher und Hörbücher, Tanz und Theater, Kunstwerke und Medien – all das hat immer, aber umso mehr in Quarantäne-Zeiten einen ganz besonderen Wert und sorgt sozusagen für „antivirale Effekte“, wie der Autor Stephen King am 3. April auf seinem Twitter-Account mit Nachdruck anmerkt (siehe Abbildung oben). Kunst und Kultur sind demokratierelevant und für die Gedankenhygiene überlebensnotwendig, um zuversichtlich und resilient zu bleiben.

Carsten Brosda beschreibt es so: Kultur zeigt „die Dimension des Sinns unserer Gesellschaft und unseres Zusammenlebens … Ich nehme eine unfassbare Leidenschaft von vielen Menschen im kulturellen Leben wahr und glaube auch, dass dieses Erleben des Verlustes (von Kultur durch Corona) ein Bewusstsein schaffen kann, das uns dabei hilft, dass wir in der Zeit danach die Verfügbarkeit von Kunst nicht so selbstverständlich erachten, wie wir es vielleicht vorher getan haben. Und damit auch nicht so nachlässig mit ihr umgehen. Sondern stärker ins Bewusstsein rufen, dass es eine gesellschaftliche Verantwortung ist, die Rahmenbedingungen für die Freiheit von Kunst und Kulturproduktion tatsächlich dauerhaft zu gewährleisten.“ (Quelle: DLF Kultur, Audioskript)

 © Kreative Deutschland

Agiles, kreatives und leidenschaftliches Handeln in der Corona-Krise

Obwohl viele Kreative um das eigene Überleben kämpfen, richten sie ihre Aufmerksamkeit sofort auf Problemstellungen der Corona-Krise und suchen nach Lösungsansätzen. Hier einige großartige Beispiele:

  • Kreative im sächsischen Augustusburg im Erzgebirge (ab 6:00) beraten in Bürger zum Thema Digitalisierung und entwickeln im Auftrag des Bürgermeisters eine Stadt-App für den Informationsaustausch – Deutschland.
  • Abwrackprämien für Websites statt für Autos (siehe oben): Der Bundesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft „Kreative Deutschland“ entwickelt eine Slogan-Kampagne. „Wir sind überzeugt: wir brauchen jetzt neue Rezepte.“ Die Kreativbranche hat viele Ideen, wie es besser geht und möchte sie zusammen mit Unternehmen, Verbänden, Politik, Verwaltung, Stiftungen, Bildung und Zivilgesellschaft realisieren.   
  • Das Theater „Markant“ im niederländischen Uden und das Raumgestaltungsunternehmen „Tausch“ haben gemeinsam eine Corona-Wiedereinstiegsstrategie in Form eines Covid-19-Protokolls für größere Theater entwickelt. Damit könnten größere Theater eine Auslastung bis zu 70 % erreichen. „Es umfasst etwa dreißig Maßnahmen zur Risikokontrolle und Kontaminationsvermeidung. Die Methode wurde vom renommierten Prüfinstitut TÜV Nederland auf Machbarkeit und Risiken getestet. Der TÜV Nederland stellt ein Zertifikat aus, wenn ein Theater die Kontrollmaßnahmen zur Verhinderung einer weiteren Verbreitung des Virus nachweislich umsetzen kann. Die beigefügte 3D-Animation zeigt einen vom TÜV Niederlande zertifizierten Plan.“
  • Prominente StreetArt-Künstler*innen in Kalifornien lassen ihre Motive auf T-Shirts drucken. Die Erlöse gehen an notleidende Künstler*innen und an Obdachlose:   Auch in Deutschland können Künstler*innen durch den Kauf von T-Shirts unterstützt werden. Die Hälfte des Erlöses (10 €) geht an die Kunstnothilfe Elinor. Die T-Shirts sind laut Hersteller fair gehandelt: „Wir bedrucken zertifizierte T-Shirts aus 100% Bio-Baumwolle. Jedes Shirt wird auf Bestellung in Deutschland bedruckt.“ Hier bestellen
  • DULSBERG LATE NIGHT: Um mit seinen Schüler*innen während der Schulschließung verbunden zu sein und ihnen einen persönlichen Ankerpunkt zu geben, „erfindet“ der Hamburger Schulleiter Björn Lengwenus eine allabendliche youtube-Show. Sechs Wochen vom 23.3.-4.5.2020 steht jeder Abend unter einem anderen Motto. Die Sendungen werden immer kreativer und bunter. Mit viel Spaß und Leidenschaft bringen sich die Schüler*innen selbst ein – mit Ideen, Texten, Bildern, Fotos, Handyclips und Filmbeiträgen. In Live-Telefonaten erzählen sie aus ihren Kinder- und Jugendzimmern, wie ihr Tag verlief, von ihren Sorgen, Ängsten und Problemen, von ihren Freuden und Erfolgen, natürlich auch über das digitale Homeschooling. Es gibt eingespielte Grüße und Statements über Videobotschaften aus anderen Städten und aus aller Welt. Als „Show- und Headmaster“ wird Schulleiter Lengwenus von den Filmemachern Ole Schwarz, Martin D`Costa und Matthias Vogel der Kulturagenten Hamburg unterstützt. Dank ihrer Hilfe gibt es auch Filmberichte aus dem Stadtteil Dulsberg, mit dem die Schule immer in einem engen Austausch ist, mit den Bewohner*innen, mit Kultur- und Freizeitorten, mit Sportclubs, mit Unternehmen und anderen Institutionen. Genau so sieht es Björn Lengwenus: „Schule besteht nicht nur aus blankem Lernen!“ – sondern aus vielfältigen Lebens- und Alltagserfahrungen, aus Begegnungen, Gesprächen, Mitmenschen und ganz viel Kultur. Die Schule lebt vor, wie Schule sein sollte: ein Ort des lebendigen Lebens, der Teilhabe, der Wertschätzung, der Solidarität. Die Schule Alter Teichweg wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. von der Hamburger Handelskammer als „Beste Ganztagsschule Hamburgs“ und mit dem Hamburger Bildungspreis für das Projekt Filmfabrik Dulsberg. An der Schule lernen auch fast 300 Schüler*innen der angegliederten Eliteschule des Sports.
  • AFRIKA, Simbabwe: Künstler unterschiedlichster Sparten präsentieren auf der Plattform Moto-Republik ihre gemeinsamen kokreativen Auftritte über Facebook, z. B. Rapper und Filmemacher, Tänzer und Illustratoren, Poetry Slammer und DJanes. Besonders populär ist die „Bang Bang Comedy Game Show“. Alle KünstlerInnen erhalten Gagen für ihre digitalen Auftritte, finanziert über Simbabwes größte Kreativorganisation Magamba („Helden“) in der Hauptstadt Harare, die seit 2007 junge Menschen im Land inspirieren möchte, den Wandel im Land voranzutreiben (Film). Auch ein allmonatlicher Kunsthandwerkermarkt Hustler’s Market wurde ins Netz transferiert, die Produkte online gekauft und nach Hause geliefert werden. Besonders innovativ ist das datenjournalistische Projekt Open Parly, das Parlamentsdaten über soziale Medien, Technik, Apps, Online- und Offline-Plattformen zusammenführt, damit BürgerInnen mit Politikern in Austausch treten können. Bei den Moto Hacks Open werden neue bürgernahe technische Lösungen entwickelt, damit Bürger auf der Basis öffentlicher Daten fundierte Entscheidungen treffen können. EIN VORBILD FÜR DEUTSCHLAND…
    Vielen Dank an Leonie March von Weltreporter & Riffreporter für die inspirierenden Berichte aus Simbabwe bei Deutschlandfunk Kultur über die dortige Comedy-Szene und die Aktivitäten von Kreativen während der Corona-Quarantäne.

AUFRUF: Schickt mir gerne weitere Beispiele für kreative Ideen, um Probleme und Herausforderungen der Corona-Krise zu meistern: kreativ@MassivKreativ.de  

 © genäht von Sabine Ringel

Kulturelle Aufarbeitung von Corona, kollektives Gedächtnis

Das Museum Europäischer Kulturen (MEK) Berlin ruft unter dem Hashtag #CollectingCorona  Menschen in ganz Europa auf, persönliche Eindrücke, Gedanken und Zeugnisse einzureichen, um für künftige Generationen zu dokumentieren, wie sich der Umgang mit der Pandemie für Europäer*innen anfühlt.

Auch das Corona-Archiv der Universitäten Hamburg, Bochum und Gießen und der Körber-Stiftung sammelt als Public-History-Projekt Erlebnisse, Geschichten, Objekte und Artefakte zum Thema.

Die Schutzmasken sind rasch zu einem Mode-Accessoir geworden: Maskenpflicht zur Maskenkür machen. Das Deutsche Textilmuseum Krefeld will Corona-Schutzmasken prämieren und dokumentieren. Wer mitmachen will, kann ein Porträtfotos von sich mit einer selbst genähten oder gestalteten Maske per Mail an textilmuseum@krefeld.de

 © genäht von Sabine Ringel

Über die Schöpferin der abgebildeten Masken

Sabine Ringel steht stellvertretend für tausende kreative Nähkünstler*innen, die quasi über Nacht und aus dem Nichts mit viel Herzblut unzählige Masken gefertigt haben. Sabine Ringel nähte auf Bestellung und auch völlig selbstlos aus sozialem Engagement heraus, um Lücken auszugleichen und um Risikogruppen zu helfen. Für eine Seniorenresidenz in Niedersachsen spendete sie „Snutenpullis“, damit die Bewohner bald wieder Besuch empfangen können. Einer Musikband schenkte sie „Noten-Masken“ (Foto siehe oben). Einer Hamburger Firma überließ sie kürzlich ihre kompletten Restbestände und konnte den MitarbeiterInnen so über einen Masken-Engpass hinweghelfen. Danke, liebe Sabine, für Dein großartiges Engagement und dafür, dass die Deine kreativen Werke hier zeigen darf! 

Der StreetArt-Künstler und Schöpfer von „World Mobile Virus“

Die Mona Lisa mit Mundschutz stammt von dem Street Art-Künstler TV Boy alias Salvatore Benintende. Er wurde 1980 in Palermo geboren, wächst in Mailand auf, wo er bereits mit sechzehn Jahren beginnt auf der Straße zu malen. „Die Straße ist seit 1996 mein Museum“ sagt er. 2004 zieht er nach Barcelona, eröffnet ein Atelier und ruft die „Urban Pop Art“-Bewegung ins Leben. Seit 2008 tritt er als TV-Boy in Erscheinung. Ab 2011 entwickelt er eine neue Serie von urbanen Werken mit zeitgenössischen Politikern, historischen und öffentlichen Persönlichkeiten, die er neu interpretiert. 2017 erlangt er mit dem lebensgroßen Wandgemälde Love is Blind  große Popularität, das einen Kuss zwischen Messi und Ronaldo darstellt und wenige Tage vor dem San-Jordi-Tag und dem „Clasico“-Tag in Passeig de Gracia 1 angebracht wurde. Im Mai 2017, wenige Tage vor dem Treffen zwischen Trump und Papst Franziskus, erscheint in Rom ein weiteres städtisches Kunstwerk, ein Kuss zwischen einem teuflischen Trim und einem engelsgleichen Papst mit dem Titel „Das Gute vergibt das Böse“. Seitdem nennt ihn die Presse den „Graffitikünstler der unmöglichen Küsse“. Angela Merkel und Martin Schulz zeigt er als Hipster-Liebespaar, die durch die Straßen Berlins spazieren. Unter dem Eindruck von Corona entstehen 2020 World Mobile Virus und Love in the Time of Covid 19.

Impulsgeber für die Post-Corona-Zeit

Künstler und Kreative sind Betroffene und Leidtragende der Corona-Krise, aber ebenso kreative Problemlöser für die Zeit während der Krise sowie Vordenker und Impulsgeber für die Zeit danach. Genau deshalb sollten Politiker Künstlern und Kulturschaffenden aufmerksam zuhören. Sie finden nicht nur die richtigen Bilder, Worte, Bewegungen, Klänge, für das was unbegreiflich ist, wie Shakespeares Hamlet sagt: „Die Zeit ist aus den Fugen geraten!“ Sie finden zum anderen aber auch Ideen, Kreativität, Visionen, Vorschläge und Auswege aus Fehlentwicklungen, die sich in Zukunft nicht mehr wiederholen sollen.

AUFRUF an die Politik

Liebe Politiker*innen, wir möchten die Zukunft der Kultur gemeinsam mit Ihnen kokreativ denken, planen und entwickeln. Kultur- und Kreativschaffende aus allen Sparten und allen Kulturinstitutionen möchten und werden Ihnen als Diskussionsgrundlage passende Vorschläge und Strategien liefern, um
1) gemeinsam Masterpläne für Wiedereinstiegsszenarien in das Kulturleben zu entwickeln (unter Beachtung von Schutzmaßnahmen) und
2) um längerfristig zu sinnvollen Maßnahmen für ein Konjunkturprogramm für Kunst, Kultur und Kreativität zu gelangen. Dafür ist auch ein Kultur-Investitionsfonds nötig, wie vom Deutschen Kulturrat (und seinen Sektionen, z. B. Deutscher Musikrat) vorgeschlagen. Vorschläge für ein nachhaltiges  Konjunkturprogramm für die Kultur- und Kreativwirtschaft entwickelt das PCI – Promoting Creative Industries – das Netzwerk von 39 lokalen un regionalen öffentlicher Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland – gemeinsam mit dem Bundesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Kreative Deutschland. Es geht dabei um Ideen, wo und wie Finanzmittel zur Unterstützung der Szene sinnvoll eingesetzt werden sollten – für Projekte, für Kopfarbeit und Strukturen, für Hardware und Software. Zukunftspläne darf und sollte Politik nicht im Alleingang aufstellen. Es braucht dazu fachliche Unterstützung aus der Kultur.

Liebe Politiker*innen: Holen Sie Künstler, Kultur- und Kreativschaffende, ihre Netzwerke und Verbände an einen Runden Tisch!

Durch Corona vom Tätigkeitsverbot betroffene freie Berufsgruppen, insbesondere Kreative:

  • Autor*innen
  • Betreiber*innen von Fahrgeschäften / Losbuden / Marktbeschicker*innen
  • Bühnen-, Licht- und Tontechniker*innen
  • Comedians / Kabarett*innen
  • DJs, DJanes
  • Filmkünstler*innen, Filmemacher*innen, Kameraleute
  • Fotograf*innen
  • Freelancer*innen der Eventbranche
  • Grafiker*innen, Designer*innen
  • Honorarlehrer*innen an Musikschule / VHS / Erwachsenenbildung
  • Journalist*innen, die nicht tagesaktuell arbeiten
  • Kleinkünstler*innen / Entertainer*innen
  • Komponist*innen
  • Kunsthistoriker*innen in Museen und Ausstellungen
  • Lehrkräfte für Integrationskurse / Politische Bildung / DAZ / Sprachlehrer*innen
  • Mitarbeiter*innen der Sicherheitsbranche (Absicherung v. Events, Konzerten u.ä.)
  • Mitarbeiter*innen in (gemeinnützigen) Vereinen
  • Mitarbeiter*innen in Clubs, Konzerthäusern, Theatern
  • Mitarbeiter*innen in der kulturellen Bildung für Erwachsene, Kinder und Jugendliche
  • Mitarbeiter*innen in Museen, Gedenkstätten
  • Musiker*innen
  • Musikpädagog*innen
  • Organisator*innen, die in Eigeninitative Events aller Art veranstalten
  • Puppenspieler*innen
  • Regisseur*innen
  • Restaurator*innen
  • Sänger*innen
  • Schauspieler*innen
  • Servicepersonal für Gastronomie in der Eventbranche
  • Stagemanager*innen
  • Tänzer*innen, Choreograph*innen, Tanzlehrer*innen
  • Veranstalter*innen von Festivals
  • Veranstaltungstechniker*innen
  • Zirkusartist*innen und -pädagog*innen
  • Schausteller*innen
  • ….

Und viele weitere freiberuflich und soloselbständig Tätige:

  • Näher*innen, u. a. auch die von Mundschutzmasken
  • Dozent*innen für Erste Hilfe, Notfalltraining, Brandschutz, 
  • Fahrlehrer*innen
  • Frisör*innen
  • Gastronomie- und Hotelmitarbeiter*innen
  • Mitarbeiter*innen im Gesundheitssektor: Osteopathie, Heilpraktiker, Fußpflege, Yoga, Physiotherapeuthen, psychologische Berater*innen…
  • Mitarbeiter*innen im sozialer Bereich, Jugendschutz, im Coaching
  • Mitarbeiter*innen für Haushaltwaren-, Kosmetik-, Textil- und ähnlichen Branchen (in Kaufhäusern)
  • Übungsleiter*innen Sport, für Erlebnispädagogik, Gesundheitstraining, Lehrkräfte Tai Chi/Qi-Gong
  • Vermieter*innen von Tourbussen

Summer of Pioneers: Wie Großstadt-Nomaden das Land entdecken

 © MassivKreativ

Während die Großstädte über Raumnot klagen, bieten ländliche Regionen Raumwohlstand, die kreative Form des Leerstands. Wittenberge in Brandenburg hat diese Herausforderung in eine Erfolgsgeschichte verwandelt. Wie das dank des „Summer of Pioneers“ gelungen ist, hat mir Regionalentwickler Christian Fenske erzählt. Er setzt auf Kreativität und Coworking. 

Aktivierendes Grundrauschen

Vor einem Jahr gab es den Coworking-Space in der Alten Ölmühle noch gar nicht. Da reiften gerade die ersten Ideen. Wittenberge will kreative Köpfe aus Berlin und anderen Metropolen nach Wittenberge locken – in die Prignitzer Provinz. Prignitz kommt aus dem Slawischen und heißt so viel wie „ungangbares Waldgebiet“. Die Brandenburgische Region ist waldreich, ländlich und leidet unter Abwanderung. Die BewohnerInnen stecken den Kopf jedoch nicht in den Sand. Sie packen die Probleme an und denken voraus, so wie Christian Fenske. Er ist Regionalentwickler im TGZ, dem Technologie- und Gewerbezentrum Prignitz. Fenske ist erster Ansprechpartner für Start-ups, Existenzgründer, Unternehmer und Investoren. Wenn er von Wittenberge spricht, spürt man sofort: Er liebt die Region, die seine Heimat ist. Damit sie auch in Zukunft reizvoll und lebenswert bleibt, sucht er nach neuen Impulsen: „Wir brauchen ein gewisses Grundrauschen, um die kreative Masse zu aktivieren, die hier schon vor Ort ist. Wir wollen die Einheimischen inspirieren und aus ihren heimischen Gefilden rauslocken, damit sie sich mit auswärtigen Kreativen vernetzen.“

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Kreative Beratung

Fenske sucht Rat bei einem kreativen Großstädter, der selbst den Wechsel aufs Land plant. Frederik Fischer war als Tech-Journalist in der Startup-Szene aktiv und hat u. a. den Nachrichten-Aggregator piqd mitgegründet. Doch irgendwann stellt er sich die Sinnfrage. Heute baut er als Gründer der KoDorf-Bewegung neue Dörfer für Großstadtmüde. Die geplanten Siedlungen sollen aus 50 kleinen, hochwertig gestalteten Häusern mit Gemeinschaftsflächen für alle bestehen: Coworking Space, Gemeinschaftsküche, Gästewohnungen, Kino. Das erste KoDorf Wiesenburg entsteht gerade 100 km südwestlich von Berlin. Vier weitere Standorte sind in Vorbereitung. Frederik Fischer wird zum Berater von Fenske und zugleich zum Initiator des ersten Summer of Pioneers in Wittenberge.

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Umgenutzte Industriekultur

Der „Sommer der Pioniere“ ist der erste Testballon, der in Wittenberge Kreative aufs Land holen und ausprobieren will, wie sich Coworking abseits der Großstädte anfühlt. Das Format ist gleichzeitig ein Ansatz, um leerstehende Gebäude neu zu nutzen. In Wittenberge stehen ungenutzte Flächen in der Alten Ölmühle zur Verfügung, ein Industriedenkmal aus solider Backsteinarchitektur, die der Berliner Kaufmann Salomon Herz um das Jahr 1856 bauen ließ. Heute beherbergt das denkmalgeschützte Gebäude – idyllisch am Elbe-Radweg gelegen – eine Erlebnisgastronomie mit Restaurant und Schaubrauhaus im ehemaligen Saatenspeicher und Angebote für Sport, Kultur und Unterhaltung. Der Saugturm wird in der Saison als Strandbar und Café mit Beachvolleyballanlage genutzt. In der Fabrikantenvilla und einem weiteren Speichergebäude ist ein modernes Hotel entstanden. In ein weiteres leerstehendes Gebäude ist im Sommer 2019 der neue Coworking-Space für die kreativen Pioniere eingezogen.

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Bewerber-Marathon

Im Frühjahr 2019 entwickeln Fischer und Fenske innerhalb weniger Wochen eine Kampagne und schreiben einen Wettbewerb für Kreative aus. Weit mehr Kandidaten als erwartet wollen das Landleben auf Zeit testen. Mit ihrer Bewerbung müssen die Kreativen auch eine Idee einreichen, womit sie das Leben in Wittenberge bereichern wollen. Neben eigenen Aufträgen soll jeder auch ein Projekt in und um Wittenberge realisieren – im Austausch mit Kreativen aus der Region. In Barcamps und weiteren Veranstaltungen wird später diskutiert, was die Region konkret beleben könnte. Die BewerberInnen kommen vor allem aus Großstädten: Berlin, Hamburg und Zürich.

 © MassivKreativ

Vielfältige Persönlichkeiten

22 kreative DigitalarbeiterInnen werden schließlich ausgewählt. Sie erhalten einen Platz im neu eingerichteten Coworking-Space mit Blick aufs Wasser. Die möblierten Wohnungen kosten pauschal 300 Euro, Zimmer 150 Euro im Monat inklusive Nebenkosten, Internet und Coworking-Nutzung. Doch wer sind diese Stadtflüchtigen auf Zeit? Vielfalt ist auf jeden Fall erwünscht, die Professionen sind entsprechend unterschiedlich:  Autoren und Journalisten, Grafiker und Medienproduzenten, PR- und Unternehmensberater, Coaches, Fintechs-Gründer, die Menschen dabei unterstützen, ihre Altersvorsorge mit digitalen Tools selbst zu regeln. Christian Fenske erklärt, welche Mehrwerte die Kreativen nach Wittenberge bringen: „Die kreativen Digitalarbeiter sollen unsere heimischen Kreativen in Wittenberge aktivieren, inspirieren, auch digitale Kompetenzen vermitteln. Wir wollten Leute auf Augenhöhe zusammenbringen, die in der gleichen Gedankenwelt unterwegs sind und den gleichen Arbeitsrhythmus haben.“ Und was treibt die Kreativen aufs Land? Natur, Wasser, Ruhe. In Wittenberge können sie tagsüber produktiv, konzentriert und entspannt arbeiten und abends den Sonnuntergang an der Elbe erleben. „Was gibt es Schöneres?“, sagt Fenske.

 Coworking mit Blick auf die Elbe © MassivKreativ

Halbzeit-Bilanz und Erfolgsstrategien

„15 von den 20 Kreativen können sich eine Verlängerung vorstellen“, erzählt Fenske stolz nach nur 3 Monaten. Fünf wollen sich sogar auf Dauer einbringen. Nach so kurzer Zeit ist das ein riesiger Erfolg! „Wir sind eigentlich nach der Halbzeit schon viel weiter, als wir nach sechs Monaten sein wollten, das ist bemerkenswert“, sagt Fenske. Doch was sind die Faktoren, die das Projekt zum Erfolg werden ließen? „Weil das Projekt wirklich alle wollten“, sagt Fenske. Es gibt viele starke Partner am Standort: das Hotel und das Brauhaus, die alte Ölmühle. Der Betreiber hat binnen vier Wochen eine noch leere, im Rohbauzustand verbliebene Etage umgebaut und ausgestattet: mit Fußböden, Einbauten, Bädern, Besprechungsraum, Heizung, Küche, Möblierung, Elektrik, Präsentationstechnik, Beamer und Leinwand. Bei der Ausstattung stand die CoWorkLand-Genossenschaft der Heinrich Böll Stiftung in Kiel beratend zur Seite. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft stellte Zimmer bereit inklusive Möblierungspaketen, Internet kam von einem Breitbandanbieter. Stadt, Stadtverwaltung, städtisches Bauamt und das Technologie- und Gewerbezentrum sind die Treiber, die bis heute alles zusammenhalten.

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Corona-Krise

Wie überall im Land hat die Corona-Krise auch für den „Summer of Pioneers“ einige Reglementierungen erzeugt. Das Projekt läuft weiter – unter Beachtung und Anwendung spezieller Hygiene-Vorschriften. Die Abstände zwischen den Arbeitsplätzen im Coworking Space wurde vergrößert bzw. die Zahl der gleichzeitigen Nutzer begrenzt. Vor allem aber musste der Zugang für die Öffentlichkeit ausgesetzt werden. Mit Öffnung der Bibliotheksstrukturen Anfang Mai 2020 können Interessenten voraussichtlich den Ort wieder besuchen. 

Medienrummel

Was alle Akteure in der Stadt überrascht hat, ist das enorme Interesse der Medien am temporären Gastspiel der Kreativen im neuen Coworking-Space. Nicht nur regional wurde über den „Summer of Pioneers“ berichtet, auch deutschlandweit. Sogar die BBC war zu Besuch. „In der gesamten Berichterstattung, z. B. bei Spiegel online, waren wir sogar mal auf Platz eins“, erzählt Fenske. „Wir haben Anfragen aus der gesamten Republik, sind im Gespräch auf Landes- und Bundesebene. Es vergeht keine Woche, wo nicht mal ein Bürgermeister anruft und fragt: Wie habt ihr das gemacht? Und wir fragen zurück: Wie geht Ihr mit Fördertöpfen um? Auch Hochschulen melden sich, die sich mit Ansiedlungen von Kreativwirtschaft in ländlichen Räumen beschäftigen. Dieser fruchtbare Austausch geht von der Ostseeküste im Norden bis zum Bayerischen Wald. Das ist für alle ein toller Lernprozess.“  

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Digitalsommer Prignitz

Wo andere Städte teure Werbeagenturen mit Kampagnen beauftragen, überzeugt das kreative Projekt in Wittenberge mit Authentizität. Um über die Grenzen von Wittenberge hinaus weitere interessierte Menschen zu erreichen, wurde an das Coworking-Format im August 2019 das Wochenend-Erlebnisformat Digitalsommer Prignitz angedockt. Über 500 interessierte Gäste aus ganz Deutschland erleben hier zahlreiche innovative Veranstaltungen, Workshops und Diskussionen zu neuen digitalen Arbeits- und Lebenswelten im ländlichen Raum sowie Informationen zur Digitalisierung im Touristikbereich, in den Medien und in der Wirtschaft. Austausch ist wichtig, sagt Christian Fenske. Auch er verlässt regelmäßig seine Wittenberger Scholle und sucht nach neuen Impulsen, um sie ggf. auf Wittenberge zu übertragen: „Im Rahmen des Digital Sommers sind wir Wirtschaftsförderer auch ins Wendland, in den Landkreis Ludwigslust-Parchim und in die Altmark gegangen, um uns mit anderen Regionen auszutauschen. Das Kirchturmdenken ist schon lange vorbei, das können wir uns gar nicht mehr erlauben. Aber: viele Sachen, die irgendwo anders funktionieren, funktionieren nicht automatisch überall. Da muss man sich wirklich Zeit nehmen, um das zu analysieren. Oft liegt es an den Menschen, ob die etwas wollen und bewegen oder auch nicht.“

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Substanz aus früheren Zeiten

Abwanderung und Demografiewandel sind Themen, die viele Regionen bewegen. Wittenberge hat viel Bevölkerung verloren: 1970 gab es 34.000 EinwohnerInnen, 2018 sind es mit 17.000 nur noch die Hälfte. Im Zuge der Wende ist der einstigen Industriestadt Wittenberge die Industrie abhanden gekommen und mit ihr die Menschen. Einst liefen hier Nähmaschinen und Fahrräder vom Band. Wie es damals war, werden die älteren BewohnerInnen heute wieder öfter gefragt, nach Jahren des Schweigens, als niemand an früheren Zeiten interessiert war. Um einen Austausch zwischen den Generationen, zwischen Alt- und Neubürgern anzuregen, haben die Kreativen einen Stadtsalon eingerichtet – im Safari am Bismarckplatz 6. Hier  berichten die Senioren im Erzählcafé über ihre Arbeit im früheren Singer-Nähmaschinen-Werk und dass sie selbstverständlich mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhren. Damals nicht aus Umweltgründen, sondern weil es zu DDR-Zeiten schlicht kein Auto zu kaufen gab. Neben der alten Industriekultur hat Wittenberge auch hochwertige Wohnsubstanz zu bieten. Es gibt wunderschöne Jugendstilbauten, von denen schon viele neu herausgeputzt und restauriert sind. Doch es gibt noch immer viel zu tun. Die Wittenberger packen alles nach und nach beherzt an.

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Profilbildung mit Kultur

Der erste kreative Ruck ging bereits zur Jahrtausendwende durch den Ort an der Elbe. Als klar war, dass die Region sich neu aufstellen muss, setzten die Stadtentwickler zur Überraschung vieler auf Kultur. Eine ebenso mutige wie visionäre Entscheidung. Das schmucke neoklassizistische Kultur- und Festspielhaus, in den 50er Jahren erbaut und nach der Wende saniert, lädt jeden Tag zu Konzerten und Veranstaltungen ein. Seit 2002 ziehen die Elblandfestspiele jedes Jahr mehr Besucher an. Wittenberge führt damit eine Musiktradition zeitgemäß weiter, die der Berliner Operettenkomponist Paul Lincke aufgebracht hatte. Die Grundlagen für seine späteren Erfolge legte er von 1880-84 mit seiner Ausbildung als Militärmusiker an der Wittenberger „Stadtpfeiferei“ in der Mohrenstraße 14/15. Der Platz vor dem Kultur- und Festspielhaus wurde nach Lincke benannt und eine Büste von ihm aufgestellt.

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Neuer Bevölkerungsschub durch Kreativität

Der „Summer of Pioneers“ führt die kulturellen Traditionen von Wittenberge auf neue, innovative Weise weiter. Christian Fenske: „Die Kreativen bringen einen hohen Faktor an Lebensqualität in eine Region. Das suchen Fachkräfte, die sich neu ansiedeln wollen. Wir alle brauchen einen hohe Freizeitfaktor, ein gesundes Kulturangebot, eine offene Vereinsstruktur. Kreative bringen außerdem frische Ideen, freie Gedanken, Lebensqualität und Innovationsfähigkeit. Die braucht man in einem kleinen und mittelständisch geprägten Unternehmensumfeld.“ Wittenberge spielt dabei die gute Logistik in die Hände, es ist in mehrfacher Hinsicht ein privilegierter Ort. Idyllisch direkt an der Elbe gelegen und auf halber Strecke zwischen den Metropolen Berlin und Hamburg bietet Wittenberge vor allem ein Plus: Es gibt einen Bahnhof, an dem ICE-Züge halten. Für die Redaktion des ZEIT-CAMPUS-Magazins ist das im Februar 2020 Grund genug, um mal in anderer Umgebung die Köpfe rauchen zu lassen. Die JournalistInnen, die sonst in Hamburg und Berlin arbeiten, mieten sich im neuen Coworking-Space in der Alten Ölmühle ein. Und sind ziemlich überrascht, was Wittenberge alles zu bieten hat: unzählige schmucke Jugendstil-Häuser, eine quirlige Innenstadt, ein großes Kultur- und Festspielhaus, Museum, Schwimmhalle, Kino.

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Ausstrahlung auf interessierte Neubürger

Marketingberaterin Esther Schmidt-Bohländer, die vor 2 Jahren aus Hamburg nach Wittenberge zog, beobachtet ein wachsendes Interesse an ihrer neuen Wahlheimat: „Viele auswärtige Freunde interessieren sich tatsächlich für den Coworking-Space hier und nehmen die Gelegenheit vom Summer of Pioneers wahr, mich endlich hier in Wittenberge zu besuchen. Bisher waren alle positiv überrascht, wie schön es hier ist. Ich kenne viele, die gerne aus der Großstadt weg würden… Was für Wittenberge spricht: Hier gibt es leistungsfähiges Internet durch Breitband und Glasfaseranschluss und zentral zwischen Berlin und Hamburg ein ICE-Anschluss: Das ist ganz besonders für eine 17.000 Einwohner Stadt.“ Schon kurz nach ihrer Ankunft hatte Bohländer Ideen, um Wittenberge neu zu beben. Sie kontaktierte Christian Fenske und stieß bei ihm sofort auf offene Ohren. Anknüpfend an ihre beruflichen Erfahrungen in Hamburg bietet sie nun im Stadtsalon  „Safari“ Bierverkostungen an und führt die Teilnehmerinnen mit ihrem Expertenwissen in die Welt  von Hopfen, Malz und Gerste ein. So bereichert jeder Neubürger Wittenberge auf seine besondere Weise.

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Modell mit Lerneffekt für andere

Regionalentwickler Christian Fenske ist zukunftshungrig und hat noch viel vor in Wittenberge. Der Summer of Pioneers ist ein Modellversuch, von dem andere Regionen lernen können, z. B. zum Thema Coworking und Geschäftsmodelle: „Ist das vielleicht auch eine gesellschaftliche Aufgabe?“, fragt Fenske. „Muss vielleicht die Kommune das unterstützen, selbst wenn es nicht wirtschaftlich tragfähig ist. Wir in Wittenberge machen das, weil wir es als hilfreich für unsere hiesige Wirtschaft ansehen. Wir brauchen ein angenehmes Klima. Innenstadt ist vor allem Kultur. Eine tote Innenstadt ist auch eine tote Kultur!“  Inzwischen hat auch die Politik den Mut und Erfolg des kreativen Projektes gewürdigt. Es erhielt eine Anerkennung vom Bundesinnenministerium im Rahmen des Wettbewerbs „Menschen und Erfolge“. Die Stadt ist begeistert von den Ergebnissen und hat wegen weiterer Nachfragen von neuen Kreativen das Projekt um 6 Monate verlängert. Es läuft nun bis Juni 2020 und bekommt weitere Ableger – coronabedingt erst 2021. Dann soll das Coworking-Abenteuer im hessischen Homberg und in Altena in NRW nördlich von Lüdenscheidt weiter ziehen. Darüber hinaus soll das Format im Sommer 2021 auch in Westmecklenburg Station machen – bei den Kreativen von WIR BAUEN ZUKUNFT. Großartige Aussichten!

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PODCAST

 

WirvsVirus-Hackathon: Kokreative Ideen gegen Corona 

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Die Coronavirus-Erkrankung COVID-19 hat viele Menschen zunächst ohnmächtig gemacht. Einige haben ihre Ratlosigkeit rasch in Engagement umgewandelt: in Online-Kampagnen, Online-Seminare, Online-Konferenzen und Ideen, wie z. B. einen grenzenlosen Online-Hackathon. Im bis dahin beispiellosen Nachdenk-Marathon #WirVsVirus wurden vielversprechende Lösungsansätze in der Krise gefunden.

Initialzündung

Die Idee für den Hackathon #WirVsVirus soll innerhalb von einer Woche entstanden sein, erzählt Anna Huppert von Tech4Germany in der virtuellen Pressekonferenz am Sonntag, d. 22. März 2020. Gegen 15 Uhr versammeln sich 40 Journalisten zu einer Videokonferenz und lauschen den Berichten der Organisatoren: Tech4Germany, Code for Germany, Impact Hub Berlin, ProjectTogether, SEND e.V., Initiative D21, Prototype Fund. 

Das Wissen der Vielen

Vom 20.-22. März, während Virologen von einem Beratungstermin zum nächsten hetzen, Politiker unter Hochdruck über Ausgangsbeschränkungen beraten, Notfall- und Hilfsprogrammen schmieden, brüten zeitgleich unzählige hochmotivierte Bürger der Zivilgesellschaft gemeinsam mit Mitarbeitern aus Bundesministerien an Herausforderungen der Corona-Krise. Insgesamt 27.000 Menschen, darunter viele Kreativakteure nicht nur aus Deutschland, suchen nach Lösungen in 15 verschiedenen Handlungsfeldern – quer durch alle Generationen und mit verschiedenen persönlichen und fachlichen Hintergründen. „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.“ Das Zitat von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, dem Vordenker der Genossenschaftsidee, wurde an diesem Wochenende Realität. Zum Beispiel mit der Projektidee small business hero. Bei Hackathon entworfen wurde ein Prototyp für ein digitales Schaufenster, mit denen man beliebig Stadtteile und Produkte foltern kann. Alle beteiligten Ladenbesitzer sollen dabei durch ein Genossenschaftsmodell profitieren.
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Alles virtuell im Netz

Normalerweise sind Hackathons Live-Wettbewerbe, an denen vor allem Computerfreaks zusammen mit weiteren kreativen Köpfen technologische Lösungen und Software-Tools für ein bestimmtes Problem entwickeln und programmieren – innerhalb einer begrenzten Zeit. Doch wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus ist ein direkter persönlicher Kontakt nicht möglich. Der Austausch kann daher nur digital stattfinden. Und das ist anfangs gar nicht so leicht, denn die Bundesregierung als Organisator hatte – ebenso wie die mitveranstaltenden Digitalinitiativen – mit nur 2000 Teilnehmern gerechnet. Als sich mehr als 10 Mal so viele online einloggen wollten, brach zunächst der Server zusammen.

Digitales Designen

Nachdem die technischen Probleme am Freitagabend überwunden sind, stürzen sich die Teams online in den Ideendialog. Über den Messenger Slack finden sich die hochmotivierten Ideengeber zusammen: 1924 Ideenstifter führen die Organisatoren auf und 2922 Mentoren, die die Projekte begleiten. Sowohl schriftlich als auch verbal im Chat können die Teilnehmer zeitgleich ihre Vorschläge teilen und diskutieren. Alle Nachrichten erscheinen in Echtzeit. Dokumente und Dateien können von allen Nutzern geteilt, Ideen aufgeschrieben, von anderen geprüft, verändert, modifiziert und weitergegeben werden. Ein Designprozess, der analoge Ideen und digitale Tools zusammenbringt. Suchfunktionen erleichtern es, Inhalte nach Stichworten zu suchen. Bei der Masse an Teilnehmern ist das auch dringend nötig.

Weltrekord

42.968 Teilnehmer hatten sich bis Freitag angemeldet, etwa zwei Drittel steigen dann in den aktiven Prozess ein und halten bis zum Ende durch. Einige schlagen sich sogar die beiden  Nächte um die Ohren, vernachlässigen Nahrungsaufnahme und Körperpflege, beflügelt von der Kraft der Vielen, wie in der virtuellen Pressekonferenz berichtet wird. Der Rekord des bis dahin weltgrößten Hackathons von 2019 auf der russischen Messe „Kazan Expo“ wird locker übertrumpft. Die Initiative der Guinnessworldrecords meldete damals 3.245 Teilnehmer innerhalb von 48 Stunden. #WirVsVirus erreicht einen neuen Weltrekord. Die Bundesregierung ist beeindruckt, allen voran der Schirmherr, Kanzleramtsminister Helge Braun. Digitalministerin Dorothee Bär übermittelt ebenfalls ihren Dank und nutzt in der virtuellen Pressekonferenz – wohl aus Mangel eines eigenen Google-Account (aus Datenschutzgründen?) – den Zugang ihrer Tochter Emilia.

1500 Projektideen

Bereits im Vorfeld hatten etwa 200 Mitarbeiter aus Ministerien und unzählige TeilnehmerInnen Fragen und Herausforderungen eingereicht. Die Vorschläge wurden in Themenbereiche sortiert und die Teilnehmer nach selbst formulierten Fähigkeiten und Interessen konkreten Projekten zugeordnet. 1500 Projektideen und Anwendungen tüfteln Akteure – zum Teil zeitgleich in mehreren Gruppen parallel – im Verlauf des Wochenendes aus. Wissenschaftler haben den Hackathon begleitet und werden ihn im Nachhinein noch weiter auswerten. Organisatoren, Politiker und Experten hatten am Ende die schwierige Aufgabe, die entwickelten Prototypen zu den Projektideen zu sortieren und zu bewerten. Als Grundlage dienten Videos, die die Hackathon-Akteure am Wochenende bzw. kurz danach von ihren Projekten produzieren sollten. Zwei Projekte, die unter die besten 20 kamen:

„Call versus Corona“ will Menschen ohne Internet mit einem „Low Tech-Ansatz“ erreichen, und zwar über eine interaktive Sprachdialog-Technologie. 80% haben auch in Afrika ein Smartphone. So können auch dort Menschen kostenlos informiert werden, um Ansteckungen vorzubeugen. Push-Up Nachrichten werden aufs Handy geschickt, die per Klick zu den kostenlosen Anrufe und Audio-Infos. Das Projekt “Videobesuch“ bietet Senioren in Pflegeheimen die Möglichkeit, Videobesuchstermin zu buchen, das Pflegepersonal stellt das Tablet auf, per Einladungslink können z. B. auch Enkel dazu geschaltet werden.

  © #WirvsVirus

Von der Theorie in die Praxis

Die Jury wählte 20 Projekte nach den besten Erfolgsaussichten gegen die Herausforderungen der Corona-Krise aus, sie werden nun gezielt weiterentwickelt. Schade, dass weder ein digitales Bildungs- noch ein Kulturprojekt in die „best of 20“ aufgenommen wurden, dabei sind beide Bereiche gerade in Krisenzeiten absolut systemrelevant! Kleiner Hoffnungsschimmer: Parallel zu den bereits ausgewählten Projekten können sich befristet noch weitere Akteure mit ihren Ideen bewerben und an Lösungen mitarbeiten. Dazu die Organisatoren: „Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, finanzielle Preise am Ende des Hackathons zu vergeben, aber wir werden so viele Projekte (besonders die von der Jury ausgewählten) so gut wie möglich dabei unterstützen, weiter an der ihrer Lösungsidee zu arbeiten. Wir bewerten alle Einreichungen nach den folgenden Kriterien:

Gesellschaftlicher Mehrwert: Wie vielen Menschen hilft die Lösung und wie sehr? Innovationsgrad: Gibt es bereits ähnliche Lösungen (oder nicht)
Fortschritt: Was haben die Hackathon-Akteure in 48 Stunden geschafft?
Verständlichkeit: Wie gut ist die Lösung kommuniziert und dokumentiert?
Skalierbarkeit und Bedarf: Wie viele Menschen profitieren oder sind bereit, dafür zu zahlen?

  © #WirvsVirus

Projektbeispiele: Kunst und Kultur

Am Ende geht es aber auch um Geld, um neue Geschäftsmodelle und die Finanzierung der vielversprechendsten Projektideen. Niemand der Teilnehmer möchte, dass gute Ideen nur Theorie bleiben. Auch ohne Geldgeber wollen viele Akteure daher ihre Ideen weiter entwickeln. Für den besonders von Corona betroffenen Bereich der Kultur- und Kreativschaffenden haben Akteure der Branche nach konkreten Lösungsansätzen gesucht, so z. B. YourExhibit – eine Plattform für digitale Messen und Kongresse, ein wohltätiges, virtuelles Musikfestival Daheimdabei, ein Digitaler Museumsführer Cultours und eine Plattform für creative-public-partnership, um öffentliche und private Finanzierer mit Kreativen zu vernetzen.

Plattform für Online-Konzerte und Workshops

Die Fotografin und bildende Künstlerin Susanne Wehr hat mit ihrem Team das Konzept für eine Online-Plattform &kunst entwickelt (siehe Podcast-Interview). Die Idee: „Plattform für Event-Streaming und Online-Festivals: &kunst kreiert lebendiges Erleben und Entdecken von digitalen Veranstaltungen. Durch die bundesweite Vernetzung und Bündelung von Events, Orten und Künstlern schafft die Plattform ein übergreifendes und bisher nicht vorhandenes Angebot aus Livestreaming, vorproduzierten Inhalten und Online-Workshops und -Tutorials.“ Die Jury-Kriterien beschreibt das Team auf der Projektseite des Hackathon so:

  • Gesellschaftlicher Mehrwert: für die vielen kleinen selbstständigen Künstler und Kulturschaffenden, die jetzt am meisten leiden.
  • Innovationskraft: die Plattform bietet mehr als nur Performancekünstlern eine Plattform -> Videostream-Seiten bspw. dringeblieben.de 
  • Skalierbarkeit: von lokalen Festivals bis ganz Deutschland und in die ganze Welt!
  • Fortschritt während des Hackathons: Prototyp
  • Verständlichkeit der Lösung: hopefully 🙂

PODCAST – Interview mit der Künstlerin Susanne Wehr

  © #WirvsVirus

Weitere Projektideen und Fragestellungen

Das Team von Jessica Müller hat das Spiel Raumschiff-Coronia für die ganze Familie entwickelt, das ohne Kauf und Lieferwege selbst ausgedruckt werden kann. Katja Kohlstedt entwarf im Team das Projekt Edumentoring, damit 2020 kein verlorenes Bildungsjahr wird!  Es bietet eine Plattform für LehrerInnen, die ihren Unterricht zumindest teilweise digitalisieren möchten, eine Art Wiki-Linksammlung mit Tutorials, Tools, Apps und best practice.  

  • Aus eigener Beobachtung und Betroffenheit heraus, z. B. Kita- und Schulschließung, stellten viele Teilnehmerinnen diese Fragen:
  • Wie können wir gemeinsam die Betreuung unserer Kinderbetreuung in Zeiten von Corona sicherstellen?
  • Wie können wir die Hilfe unter Nachbarn digital organisieren?
  • Wie können wir einen Überblick über aktuelle Zahlen zu Infizierten sichern?
  • Wie können Fakenews und Verschwörungstheorien bekämpft werden?
  • Wie können wir dabei helfen, dass direkt vermarktete Produkte, Obst und Gemüse, auch während der Krise noch zu ihren Kunden finden?

Soziale Ideen und technologische Innovationen

Auch renommierte Unternehmen haben Gelder für die Realisierung von Lösungsansätzen zugesagt und sich bereits während des Hackathons eingebacht. Eine gute Möglichkeit, Talente zu sichten sowie neue Geschäftsmodelle. Viele Ideen sind soziale Innovationen, so z. B. der Vorschlag für feste Zeitfenster am Tag, in denen ausschließlich ältere Menschen bzw. Risikogruppen in den Supermarkt zum Einkaufen gehen. Die meisten Ideen entstanden mit Unterstützung technologischer Tools. Hier beteiligten sich besonders große Unternehmen, u. a. auch Google. Über den Kartendienst Google Maps z. B. konnten Teilnehmerinnen herausfinden, wie wieviele Menschen sich in Restaurants, Sehenswürdigkeiten und an anderen Orte in einer Stadt aufhalten. Ein Vorhaben, was Datenschützer kritisch sehen könnten, auch wenn es in der Corona-Krise helfen kann, Zusammenhänge zwischen Verhaltensweisen und der Ausbreitung des Virus herzustellen. Clara Sahara und ihr Team haben zum Beispiel als Gegenentwurf eine Virus Tracking App entwickelt, die auf Bluetooth-Technologie basiert und keine persönlichen Daten (z. B. Standort) trackt. Von einer offiziellen Seite wird verifiziert, dass jemand infiziert ist. Dann werden alle, die in unmittelbarer Nähe waren, benachrichtigt (mit entsprechenden Handlungsempfehlungen, basierend auf der Risikobewertung).

  © #WirvsVirus

Engagement aufrecht erhalten und weitertragen

Trotz der Krise und persönlicher Sorgen trägt die positive Grundstimmung durch das gesamte Wochenende, berichten die Teilnehmer. Die Zusammenarbeit funktioniert deshalb sehr gut, weil alle an Lösungen interessiert sind. Der gemeinsame Wunsch ist, dass alle in der Gesellschaft an der großen Herausforderung und den vielen Unwägbarkeiten wachsen werden – für ein Leben, das endlich nachhaltiger, gesünder, friedlicher und sozialer ist.

 

CORONA-Soforthilfen für Kultur- und Kreativschaffende 

„Kreative Deutschland“ – der Bundesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland hat ein Online-Pad erstellt, das über Soforthilfen für Kultur- und Kreativschaffende aus Bund und Ländern informiert. Es wird laufend aktualisiert.

Mit Padlet erstellt
 

Segel setzen für Musik und Kultur: Karl Heinrich Wendorf

  ©  kultursegel

Musiker sind Bauchmenschen. Manager sind Kopfmenschen. Auf Karl Heinrich Wendorf trifft beides zu. Er ist zum einen leidenschaftlicher Musiker, zum anderen begeisterter Musikvermittler und Musikmanager. Beim Interview mit ihm ist schnell klar: Er wird dem Musikland Mecklenburg-Vorpommern Aufwind geben und dabei vor allem den Nachwuchs beflügeln. 

Musik als Energiespender

Die Leidenschaft für Musik treibt Wendorf an, egal was er tut: „Als Musiker, Mittler und Manager zugleich fühle ich mich befähigt, Brücken zu bauen und neue Wege zu gehen … und durch Gründergeist und Verantwortungsbereitschaft einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.“ Die Freude beim Musikmachen gepaart mit Organisationstalent bereiten ihm den Nährboden für das strategische Planen von Musikvorhaben. Als Manager versteht er es, musikalische Ereignisse so zu arrangieren, dass die Musik bestmöglich wirken kann. Diese Kombination gibt es selten. Im Profibereich sind die Welten auf und hinter der Bühne getrennt. Doch gerade junge MusikerInnen, die am Anfang ihres Weges stehen, kaum Geld und Kontakte haben, um erste Ideen und Musikprojekte umzusetzen, müssen es selber machen. Was einige KünstlerInnen als Zwang empfinden, wurde bei Karl Heinrich Wendorf zur neuen bzw. zweiten Profession.

 ©  kultursegel

Not und Tugend

Schon als Wendorf an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin Posaune studiert, wird ihm rasch klar, dass kulturelle Vorhaben im Zweifel selbst organisiert werden müssen, will man nicht Jahre auf deren Realisierung warten. Weitere künstlerische und pädagogische Impulse erhält der junge Musiker an der Universität der Künste Berlin und der Guildhall School of Music and Drama in London. Wendorf ist Grenzgänger zwischen den Stilen, absolviert Projekte mit klassischer Musik, mit Alter Musik und Jazz. Bereits in Schulzeiten feiert er Erfolge als Jugend musiziert-Bundespreisträger, wirkt im Landesjugendorchester Mecklenburg-Vorpommern und im Bundesjazzorchester mit. Konzertreisen führen ihn u. a. nach Großbritannien, Spanien, Polen, nach Syrien und in die USA.

Doppelrolle: Musiker und Manager

Dann gehört Wendorf um das Jahr 2010 herum gemeinsam mit zwei weiteren jungen Musikern zu den Mitgründern der jungen norddeutschen philharmonie (jnp). In diesem Orchester finden Studierende aus norddeutschen Musikhochschulen projektweise zusammen, realisieren innovative, energiegeladene Konzerte und kreative Veranstaltungsformate. Wendorf gestaltet ungewöhnliche Auftritte und Programme aktiv mit. Eine erste Spielwiese, hier kann er vieles ausprobieren. Flache Hierarchien und viele Teilhabemöglichkeiten bieten hervorragende Voraussetzungen.

 Funkhaus Nalepastr. © Antje Hinz, MassivKreativ

Erste Projekte

Wendorf organisiert u. a. ein jnp-Mini-Festival mit auf dem Areal des alten (Ost-)Berliner Funkhauses in der Nalepastrasse, ein Konzert im Mehr! Theater am Großmarkt in Hamburg und ist Musikvermittler für den „Symphonic Mob MV“ im Rahmen eines Sommerprojektes. Er initiiert eine Crowdfunding-Kampagne für das Jugendorchester und einen Flashmob für die Bewerbung. Wertvolle Erfahrungen, von denen er bei der späteren Gründung seines gemeinnützigen Unternehmens kultursegel enorm profitiert. Dazu später mehr. Zunächst zu den Anfängen.

 ©  kultursegel

Heimatverbundenheit

Wendorf ist waschechter Mecklenburger, 1989 in Lübz geboren und in Schwerin aufgewachsen. Er besucht hier die Musik- und Kunstschule „Ataraxia“  und das Goethe-Musikgymnasium. Das Musikstudium führt ihn zunächst nach Berlin, in Hamburg sattelt er an der Hochschule für Musik und Theater ein Masterstudium für Kultur- und Medienmanagement auf. Doch es zieht ihn zurück in die Heimat – sowohl gedanklich als auch organisatorisch. Als Dramaturg und Projektleiter realisiert er für die „Festspiele Mecklenburg-Vorpommern“ und die „Tage Alter Musik Schwerin“ neue Konzert-Formate und erreicht neue Zielgruppen.

 © kultursegel: geplante Kultur- und Musikakademie Schloss Gadebusch

Leerstelle erkannt

Auch seine Masterarbeit dreht sich um das Musikland MV: Da es das einzige Bundesland ohne eine musikalische Fort- und Weiterbildungsstätte ist, entwickelt Wendorf Strategien für die Gründung einer eigenen Landesmusikakademie in MV. Seit der ersten Bestandsaufnahme ist viel passiert. Wendorf hat inzwischen viele Unterstützer und Befürworter für seine Idee gefunden und sogar einen Ort: Schloss Gadebusch im Nordwesten von Mecklenburg-Vorpommern soll der Akademie als Heimat dienen. Nach den Wirren der Wende lagen die bedeutenden historischen Gebäude u. a. aus der Zeit der Renaissance viele Jahre im Dornröschenschlaf. Gemeinsam mit Vertretern der Stadt und des Schlossfördervereins möchte Wendorf dem Ort neues Leben einhauchen. Und eine wichtige Rolle in dem multifunktional geplanten Kultur- und Bildungsort soll dabei eben eine Akademie der musikalisch-kulturellen Bildung spielen.

 ©  kultursegel

Breite Unterstützung

Neben ideeller Unterstützung gibt es seit 2019 finanzielle Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds und seit 2020 aus dem Programm LandKULTUR des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft weitere Mittel in Höhe von knapp 100.000 Euro. Damit können erste Inhalte, Markenbildung und Veranstaltungstechnik finanziert werden. „Ich habe eine ganz, ganz große Motivation und Energie gespürt“, erzählt Wendorf glücklich, „dass die Stadt Gadebusch ihr Schloss als Identifikationspunkt zurückholen und ihn gemeinsam mit mir und der Stadtbevölkerung weiterentwickeln möchte. Gadebusch ist ja Eigentümerin des Schlosses und nun gleichzeitig auch Bauherrin. Glücklicherweise sind alle immer offen für Gespräche, auch der Bürgermeister Arne Schlien. Und so war für mich klar, ich packe da gerne als inhaltlicher Projektentwickler mit an, investiere meine Zeit und gebe dort Ressourcen rein. Ohne dieses aktive Netzwerk hätte ich mich sicher nicht engagiert.“

Potenzial Rückkehrer

Karl Heinrich Wendorf ist genau der Typ Rückkehrer, den Mecklenburg dringend braucht: hervorragend ausgebildet, weitläufig und weltoffen mit umfassenden Erfahrungen in Musikpraxis und Management, ausgestattet mit wertvollen Kontakten in die Kultur- und Klassikszene, in Pädagogik und Bildung und vor allem mit weitreichender sozialer Kompetenz und Herzensbildung. Man spürt sofort, dass Wendorf für seine Heimat und seine Sache brennt. Er ist einer, der sich engagiert, anpackt, oft bis an eigene Grenzen geht und zuweilen auch darüber hinaus, weil es kein anderer machen kann oder weil es kein Geld gibt, um andere zu honorieren: „Ich betrachte MV oft als „Wilden Westen“ im positiven Sinne; wenn du hier ein Ziel angehst und voll dahinterstehst, dann kannst du es auch erreichen! Und zwar deshalb, weil viel Gestaltungsraum da ist. Dies setzt aber voraus, dass du mit großer Leidenschaft in Vorleistung gehst. Um für uns Kreative bessere Bedingungen zu schaffen, wäre viel gewonnen, wenn der Kulturbereich insgesamt einen höheren Stellenwert bekäme – sowohl in der Politik, als auch in der Gesellschaft.“

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Zukunft Mecklenburg

Noch lebt der umtriebige Wendorf in Berlin. Doch seine Zukunft plant er in Mecklenburg, wenn bestimmte Voraussetzungen stimmen: „Ich  beschäftige mich zurzeit intensiv damit, wie ein Leben zwischen Stadt und Land aussehen kann und welche Perspektiven geschaffen werden müssten, um Kreativen im Garten der Metropolen langfristig gute Rahmenbedingungen zu ermöglichen. Ich brauche diese befruchtenden Impulse aus beiden Regionen und denke, dass ist ein Zukunftsmodell, dass Kreative ihre Inspirationen und Expertise aus der Stadt aufs Land bringen. Noch brauche ich die Jobs in Berlin, aber wenn sich die Lage in MV positiv entwickelt, kann ich mir gut vorstellen, mich dauerhaft wieder in Mecklenburg niederzulassen.“

kultursegel

Um seine ambitionierten Pläne zu verwirklichen, hat Wendorf als organisatorischen Überbau das gemeinnützige Unternehmen kultursegel gegründet. Wer auf der Website surft, merkt rasch, wieviele strategische Überlegungen hier eingeflossen sind. Kein konzeptioneller Schnellschuss, sondern gut durchdachtes Storytelling. kultursegel möchte Menschen und Projekte beflügeln. Wendorf nimmt dazu (Auf-)Wind von anderen auf, vernetzt sich und gewinnt so zusätzlich an Fahrtwind. Gespeist von Kooperativem, co-kreativem Denken, Handeln und von Erfahrungen seiner bisherigen Projekte hat Wendorf verstanden, dass die gemeinsame Kraft vieler kultureller Mitstreiter weiter führt als Eigenbrödlerei, Ellenbogen und Missgunst, die andernorts dem Gelingen wichtiger kultureller Projekte im Weg stehen. Im März 2020 wurde kultursegel für den Innovation Award von Classical:NEXT nominiert.

 © kultursegel

Aufwind

Seine Begeisterung für Musik und sein Wissen gibt Karl Heinrich Wendorf gemeinsam mit MusikerkollegInnnen und Gleichgesinnten vor allem auch an den Nachwuchs weiter, an SchülerInnen, u. a. mit dem Blechbläserensemble „die blechlotsen“ im kultursegel-Projekt „brass up your life“. Weitere Modellprojekte sind die 5-tägigen musikalisch-kulturellen Entdeckungsreisen „cooltour [kultur]“ für Grundschulklassen und eine „Mobile Musikwerkstatt“.

  ©  kultursegel

Kulturpädagogische Inhalte und Projekte finden in Schulen oft zu selten statt. Wendorf setzt sich gerade deshalb dafür ein, denn Kinder brauchen speziell Musik für die Persönlichkeitsentwicklung. Sie sind nicht zuletzt das Publikum von morgen. Seine gemeinnützige GmbH kultursegel braucht daher stetig weitere Unterstützer, wie Wendorf auf seiner Website schreibt: „Neben finanziellen Zuwendungen freuen wir uns über Sachspenden sowie Ihre ideelle und ehrenamtliche Unterstützung. Als gemeinnützige Organisation können wir Zuwendungsbestätigungen ausstellen. Geben Sie uns Aufwind und unterstützen Sie die Ideen der gemeinnützigen Institution kultursegel wie den Aufbau einer Kultur- und Musikakademie in Mecklenburg-Vorpommern z. B. mit folgenden Möglichkeiten: “leichter Zug” – 50 Euro / “frische Brise” – 100 Euro / “starker Wind” – 250 Euro.“ Hier unterstützen!

 ©  kultursegel

Soziale Innovationen

Auch an seiner ehemaligen Studienstätte, der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin, engagiert er sich für Musikmanagement und Musikvermittlung und zwar mit Blick auf sein Herzensthema: „Cultural Entrepreneurship“, also kulturelles Unternehmertum. In einem StartUp-Seminar hilft Wendorf den Studierenden, eigene künstlerische Träume, Visionen und Ideen zu entfalten und ermutigt sie zur Realisierung: „Neben digitalen Geschäftsmodellen haben Kreative auch herausragende „analoge Ideen“, also für soziale Innovationen mit Lösungsansätzen für Herausforderungen in Mobilität, Demografie, Bildung usw. Dieses Potenzial muss dringend weiter gehoben und genutzt werden.“ Sein letzter Appell richtet sich an Landespolitiker und Landesentwickler in seiner Heimat: „Ein Problem sehe ich im Umgang mit gemeinnützigen und sozialen Unternehmen. Sie erfahren in Mecklenburg noch keine Unterstützung durch Gründerprogramme. Die Handelskammern und Wirtschaftsförderungen fühlen sich für Sozialunternehmen nicht zuständig. Das muss sich dringend ändern.“

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