Bauer sucht StartUp: Silicon Vilstal erfindet Zukunft auf dem Land

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Wie kann der ländliche Raum zeigen, dass er lebenswert ist und in die Zukunft denkt?  Silicon Vilstal in Niederbayern macht es vor – mit originellen kreativen Ideen.

Heimat für Neues

Nordöstlich von München durchzieht das Vilstal am gleichnamigen Fluss entlang malerisch das nördliche Isar-Inn-Hügelland von Vilsbiburg bis Vilshofen an der Donau. Die Region ist durch Landwirtschaft geprägt und verbindet sich seit einiger Zeit sehr engagiert mit der Kultur- und Kreativbranche. Den BewohnerInnen ist klar geworden, dass von den BewohnerInnen innovative Impulse ausgehen. Sie gründeten die gemeinnützige Mitmachinitiative Silicon Vilstal. Die Initiative fördert entsprechend der eigenen Namensgebung offene gesellschaftliche Innovationen und macht digitale Chancen für ländliche Regionen greifbar. „Heimat für Neues“ – so das Motto.

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Regionales smart machen

Die Initiatoren setzen auf persönliche Begegnungen, z. B. mit dem Silicon Vilstal Festival, ein branchenbergreifendes Mitmachfestival. Es lädt Gründer und Interessierte zum Coworking-Treffen ein. Das Festival wurde von der EU ausgezeichnet als „European Social Economy Region“ Event 2019. Angeboten werden Methodentrainings, Kulturevents, Veranstaltungen, Workshops und konkrete Aktionen zu „smarten“ Themen:

  • Regional mobil: eShuttle-Angebot, eBikes und eScooter zum Ausprobieren
  • Regional erzeugen: Essen&Trinken, Energie, Landwirtschaft
  • Regional machen: Bildung, MINT&Maker, Design, Gründer
  • Regional kreativ: Kultur, Musik, Literatur, Medien

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Tradition trifft Zukunft

Das Festival soll Schubkraft erzeigen, damit anschließend das ganze Jahr über die innovativen Ideen weiter gedeihen können, vor allem zwischen traditioneller Landwirtschaft und digitalen Nomaden. Doch auch andere Branchen und Fachbereiche sind im Vilstal willkommen. Um gut ausgebildete Zielgruppen zu erreichen, haben die Vilstaler einen medienwirksamen Titel für ihre Kampagne gewählt: Bauer sucht Startup. Es ist ein ganzjähriges branchenunabhängiges Coaching- und Coworking-Programm für Startups, Networking, Innovation, Gründergeist und Kreativität. Geworben wird für einen spannenden ländlichen Arbeitsplatz mit Kontakt zu möglichen Kunden, Mentoren und Branchenexperten. Die Gastgeber im Vilstal stellen zeitlich begrenzt kostenlose Räume zum Leben und Arbeiten zur Verfügung und wünschen sich, dass die TeilnehmerInnen im Gegenzug fleißig konzipieren, designen und entwickeln.

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Knotenpunkt Dorf

Um Ideen und Prototypen zu testen, organisiert Silicon Vilstal auf Wunsch „Reality Checks“ und unterstützt Pilotprojekte mit Einzelakteuren, Unternehmen und Institutionen. Mit dem Silicon Vilstal Hub will die Initiative auch überregional sichtbar werden. Dazu haben sich die Macher eine kreative und innovative Messe-Präsentation ausgedacht. Ende Januar 2020 war das Silicon Vilstal mit einem temporären Innovationsraum in der Halle „Lust aufs Land“ auf der „Grünen Woche“ in Berlin zu Gast, einer Sonderausstellung, die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft unterstützt wurde. DesignerInnen aus dem Allgäu und Umgebung hatten Objekte entworfen, die Kinder und Erwachsene in einem Workshop an einem großen Basteltisch selbst bauen konnten, z. B. Bienenwachsschalen, Duftbäume, Bergheustempel oder eine multifunktionale Schaukel. Einfache Anleitungen zum Mitnehmen und Nachbauen waren besonders begehrt.

 © Coworkation Alps e.V. 

Grenzüberschreitende Vernetzung

Die Aktivitäten von Silicon Vilstal reichen inzwischen über die nationalen Ländergrenzen hinweg. Mit Unterstützung des EU-Programms INTERREG bündelt der Verein die Interessen und Expertisen aus Bayern, Österreich und Norditalien von insgesamt 28 Mitgliedern in vier Ländern. Coworkation verbindet Community (Gemeinschaft), Work (Arbeit) und Vacation (Urlaub) umgeben von der spektakulären Kulisse der Alpen. Coworkations bietet organisierte Reisen, kombiniert außergewöhnliche Orte mit einer arbeitsfreundlichen Infrastruktur, Raum für Austausch und Gemeinschaft und Rahmenprogrammen, wie z. B. Wandern, Yoga, Kochen oder Workshops. TeilnehmerInnen können kreative Impulse tanken und Abstand vom Alltag gewinnen, um ihre Lebensqualität und Leistungsfähigkeit zu stärken.

Was ist „Rural Design“

Im März 2021 findet das das Design- und Kulturfestivals “Rural Design” statt. Gesucht und geschaffen wird Design vom Land und fürs Land. Geplant sind Vorträge, Ausstellungen, Workshops – made in Niederbayern als Regionalpartner der MCBW. Im Fokus stehen stehen diese Fragen: Gibt es „ländliches“ Design? Ist es anders als in der Stadt? Was können Design und Architektur für ländliche Regionen bewirken? Was bietet das Land Designern, um dort kreativ zu arbeiten? Mehr Informationen hier: ruraldesign.de

Co Create Cross Innovation: Online-Panel auf der KREATOPIA MV 2020

Cross Innovation in Deutschland 

2009 hat die EU-Kommission das „Europäische Jahr der Kreativität und Innovation“ ausgerufen. Seitdem sind Kreativität und Impulse aus der Kultur- und Kreativbranche stärker in das Blickfeld der klassischen Wirtschaft gerückt. Von 2012 bis 2015 wurde z. B. am Nordkolleg Rendsburg das EU-Projekt „Unternehmen! KulturWirtschaft« realisiert, das ich damals journalistisch begleitet habe mit Interviews und Filmen.
Wie sehen branchenübergreifenden Kokreationen in der Praxis aus? Zuerst denkt man wahrscheinlich an kokreative Produkte, wie z. B. den legendären DeLorean aus dem SciFi-Film „Zurück in die Zukunft“ von der Plattform Lego.Ideas oder die blauen Fruchtgummis von Haribo. Beide Produkte sind in kokreativer Zusammenarbeit über Fan-Plattformen entstanden.

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Was entsteht durch kokreativen Austausch?

Menschen sind kreativer und leistungsstärker, wenn sie auf Kooperation, Kollaboration und Kokreation setzen. Doch warum ist das so? Inwiefern ist kokreatives Arbeiten zukunftsweisend und chancenreicher? Warum ist die Zeit der Alleingänge und der Einzelkämpfer vorbei? Welche Mehrwerte entstehen in kokreativen Prozessen? Mit welchen Methoden und unter welchen Rahmenbedingungen verläuft kokreatives Arbeiten zielführend und erfolgreich? Neben Produkten können durch kokreative Zusammenarbeit auch neue Wertschöpfungsketten und Dienstleistungen, eue Prozesse für Unternehmensabläufe, neue Organisationsformen und kokreative Orte entstehen,  wie z. B. Coworking – und Makerspaces, Fablabs und Repaircafés.

Fast all diese Themen haben wir im Online-Panel gestreift. In der ersten Stunde gab es zwei Kurzimpulse zum Thema Cross Innovation von Lena Hoffstadt vom Verein fint e.V und Raffaela Seitz von der HH Kreativgesellschaft. In der zweiten Stunde kamen vier Tandems aus MV zu Wort: jeweils ein Kreativunternehmen und ein klassisches Unternehmen, die bereits gemeinsam einen Cross Innovation-Prozess durchlaufen haben und in Kurz-Interviews mit mir darüber berichteten.

Cross Innovation Hub der Kreativgesellschaft Hamburg

Der erste IMPULS kam von Raffaela Seitz. Sie konzipiert und organisiert bei der Kreativgesellschaft Hamburg branchenübergreifende Projekte im Cross Innovation Hub. Sie ist ursprünglich Kulturwissenschaftlerin, Kunsthistorikerin, hat auch einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund und bewegt sich daher gern und intensiv an den Schnittstellen von Kunst, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft. Raffaela Seitz stellte die Aktivitäten im Cross Innovation Hub vor, eine Plattform, die dabei hilft, neue Innovationspotenziale in der Zusammenarbeit von Kreativwirtschaft und anderen Branchen zu erschließen. In ihrem Impulsvortrag schilderte Seitz die Potenziale von Cross Innovation mit der Kreativwirtschaft und entsprechende Rahmenbedingungen, gab Einblicke in zwei Best Practice-Formate: das Cross Innovation Lab und das Emergency Lab, in denen jeweils visionäre Kreativschaffende unterschiedlicher Disziplinen mit Unternehmensakteuren der klassischen Wirtschaft (u.a. Vibracoustic, Garz & Fricke und Trailer Lloyd) auf Augenhöhe zusammenarbeiten, um gemeinsam Lösungen für (akute) Geschäftsherausforderungen zu entwickeln. Der Cross Innovation Hub wird vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert.

Kokreative Projekte an der Ostsee und im Südbaltikum

Lena Hoffstadt steuerte den zweiten IMPULS bei. Sie ist als Projektmanagerin bei fint e.V. Rostock tätig. Sie hat einen Masterabschluss in klinischer Psychologie und absolviert berufsbegleitend eine Weiterbildung zur Verhaltenstherapeutin. Bei fint bringt sie Prinzipien der Positiven Psychologie ein und hat dort u. a. das Projekt Creative Traditional Companies Cooperation aktiv mit betreut – kurz „CTCC“ im Rahmen des EU-Interreg-Programmes „Von Gdynia bis nach Neustrelitz – traditionelle Unternehmen und Kreativschaffende aus dem südbaltischen Raum erarbeiten gemeinsam nachhaltige Lösungen“. 

Das South Baltic InterReg EU Projekt “CTCC – Creative Traditional Companies Cooperation” hat sich zum Ziel gesetzt, Kreativschaffende und Unternehmen der Blue und Green Economy grenz- und branchenübergreifend in erfahrungsbasierten Lernformaten zusammenzubringen und kokreativ Lösungen für bestehende Fragestellungen zu entwickeln. Neben Projektpartnern aus Litauen, Schweden, Polen und Dänemark begleitete die Quereinsteiger-Projektmanagerin Lena Hoffstadt von “fint – Gemeinsam Wandel gestalten e.V.” aus Rostock gemeinsam mit der Hochschule Wismar fünf kokreative Tandems in einem anderthalbjährigen Innovationsprozess: vom Kennenlernen und Beschnuppern im gecharterten Reisebus auf dem Weg zu einem CTCC Workshop nach Gdynia über einen Tag eins-zu-eins Jobshadowing bis hin zu fünf Tagen Design Thinking-Innovationswerkstatt in der Basiskulturfabrik in Neustrelitz. 

Lena Hoffstadt hat einen Masterabschluss in klinischer Psychologie der Universität Lübeck und absolviert berufsbegleitend eine Weiterbildung zur Verhaltenstherapeutin. Sie bringt ein besonderes Interesse für Motive, Bedürfnisse und Interaktion von Menschen mit. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf den Prinzipien der Positiven Psychologie. Während ihres Studiums hat sie erste Erfahrungen mit agilen Arbeitsmethoden gemacht. Sie thematisiert, wie Arbeitnehmende und -gebende die Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0 als Chance wahrnehmen und für sich nutzen können. 

Kokreative Projekte aus MV als best practices 

Im 2. Teil des Online-Panels befragte ich in vier Kurzinterviews jeweils ein Kreativunternehmen und ein klassisches Unternehmen, die bereits gemeinsam einen Cross Innovation-Prozess durchlaufen haben: 

1. Kundenservice: durch passende Dienstleistungen zum kundenfreundlichen Produkt – Wie kann Kokreation dabei helfen, das Produktangebot durch passende Dienstleistungen für Kund*innen zu erweitern? Interviews mit: 

Ulf Lunge / Geschäftsführer Lunge Manufaktur Düssin & Lunge Lauf- und Sportschuhe GmbH
Jan Lunge / IT und Kommunikationsdesigner, Online Marketing Rockstars (verhindert)

2. Forschung und Entwicklung: Warum ist Kokreation geeignet, neue Produkte durch Forschung und Entwicklung voranzutreiben? Interviews mit: 

Torsten und Kristina Goertz / Goertz Möbelmanufaktur GmbH Wismar
Dr. Jan Sender / Abteilungsleitung Produktionssysteme und Logistik, Fraunhofer-Institut für Großstrukturen in der Produktionstechnik IGP Rostock


Kristina und Torsten Goertz, Moebelmanufaktur Goertz in Wismar, © Uwe Tölle

3. Neue Geschäftsfelder: Inwiefern können kokreative Methoden helfen, Innovationsprozesse in einem Unternehmen anzustoßen?  Welche kokreativen Räume braucht es dazu? Interviews mit: 

Norbert Olschewski, Stadtwerke Rostock AG
Veronika Busch, fint – Gemeinsam Wandel gestalten

4. Menschen und Organisationen: Wie lässt sich das Potenzial von Mitarbeiter*innen durch kokreative Organisationsentwicklung und Wertschöpfung durch Wertschätzung fördern und entfalten? Interviews mit: 

Mirco Hitzigrath, Upstalsboom Weg, Bereich Kultur und Entwicklung, Upstalsboom Hotel + Freizeit GmbH
Barbara Schneider, Illustratorin, Graphic Recording, Strategische Visualisierung, Training, Visual Facilitators GmbH

Das Panel “Co Create Cross Innovation” mit Antje Hinz aus Sicht der Illustratorin Barbara Schneider (Foto: B. Schneider, https://visualfacilitators.com/de/unternehmen/the-visual-facilitators-team/barbara-schneider/)

LINKS ZUM THEMA CROSS INNOVATION:

Portal MassivKreativ mit Medienbeiträgen, Filmen, Interviews über verschiedene Cross Innovation-Projekte und Künstlerische Interventionen

Cross Innovation Hub und Emergency Lab (digital) der Hamburg Kreativgesellschaft, mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) co-finanziert.

CTCC – Creative Traditional Companies Cooperation, Projektflyer von fint e.V – Gemeinsam Wandel gestalten, CCTC wird gefördert im Rahmen des Interreg South Baltic Programm mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), EU-Projektwebsite

Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg (2012-2015), gefördert wurde das Projekt durch das Ministerium für Justiz, Kultur und Europa des Landes Schleswig-Holstein mit europäischen Mitteln aus dem Zukunftsprogramm Wirtschaft, begleitende Studie zu Cross Innovation und Künstlerischen Interventionen von Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Atelier im IT-Großraumbüro von CommunityArtWorks

Labor für Kunst und Wirtschaft NRW

Kunstbasierte Interventionen in Unternehmen von KalendArt

 

Virtuelle Wunderräume

Für die KREATOPIA 2020 habe ich als Kuratorin das Konzept für die virtuellen Wunderräume entworfen und geeignete kokreative Projekte aus allen 12 Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft in ganz MV ausgewählt. 

PopUp, Coworking und Vernetzung: der Kreativstandort München

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PopUp und Zwischennutzung ist die Antwort von Kreativschaffenden auf die angespannte Situation im Immobilienmarkt. Insbesondere in München hat der Druck stark zugenommen. Über neue Modelle, Konzepte und Lösungen habe ich mit Jürgen Enninger und Anne Gericke vom Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München gesprochen.

Zwischennutzung

Ein knappes Jahr konnten Kreativschaffende die Büros im „Breakout“ in der zentral gelegenen Bayerstraße 25 nutzen – gerade mal von Februar bis Dezember 2020. Doch genau so ist das Prinzip der Zwischennutzung. In der ehemaligen Bank-Filiale am Münchener Hauptbahnhof heißt es: rasch ankommen, provisorisch einrichten und rasch wieder gehen. Der PopUp-Gedanke kommt der Arbeitsrealität von Kreativen entgegen. Da sie häufig in zeitlich befristeten, örtlich und personell wechselnden Konstellationen arbeiten, ist die Zwischennutzung von Immobilien eine sinnvolle Alternative zu dauerhaft hohen Kosten, wenn man sich langfristig an teure Mietverträge bindet. Mit 2000-Quadratmetern bietet das ehemals leerstehende „Breakout“ in München viel Raum für Gestaltung und Entfaltung. Auf drei Stockwerken bietet es Kultur- und Kreativschaffenden, Start-Ups und Künstler*innen temporär eine Bleibe für wenig Geld: ein Büro gibt es ab 7,50 Euro pro Quadratmeter, ein Platz im Co-Working-Space kostet 150 Euro.

Kreative als Raumentwickler

Ausgehandelt wurde die Zwischennutzung der ehemaligen Bank vom Team des Münchner Stadtmagazins MUCBOOK in Kooperation mit dem Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München. Jürgen Enninger, Leiter des Kompetenzteams, lobt die Zusammenarbeit mit Akteuren der Kreativwirtschaft in der Raumentwicklung: „Kreative haben schon viele neue und innovative Nutzungskonzepte für Immobilien aller Art entwickelt: Coworking, PopUp, Zwischen- und Parallelnutzung, temporäre Nutzungen. Sie bieten Lösungen für komplexe Fragestellungen im Immobilienbereich an. Deswegen kann ich alle Akteure in Städten und Kommunen nur ermutigen, mehr Kreative in die Raumkonzeptentwicklung einzubeziehen.“

Flexibel und agil bleiben

Zwischennutzung ist die Antwort auf die sich ständig ändernde Arbeitssituation in der Kreativwirtschaft, nicht nur in Zeiten wie der Corona-Pandemie: agil und beweglich sein, flexibel auf alles Unvorhersehbare reagieren, was sich nicht planen lässt. Anne Gericke ist im Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft für den Immobilienbereich zuständig. Sie berät und unterstützt die Kreativen bei allen Fragen zur Nutzung von Räumen: „Kreativschaffende in München haben vor allem Bedarf an kleinen, 20-50 qm großen Flächen, die sie langfristig nutzen möchten. Es gibt auch einige, die projektweise etwas suchen, z. B. PopUp-Läden zwischen 6 Wochen und einem Jahr, vor allem aber bezahlbare kleine Raumeinheiten. Bildende Künstler und Designer fragen Räume an, Musiker suchen Probenräume. Architekten weniger. Räume für Filmaufnahmen sind auch sehr gefragt, StartUps, Software, Games. Die Koordinierungsstelle Kreativlabor ist Teil des Immobilienservices im Kompetenzteam, zuständig für Anfragen direkt zum “Kreativlabor”-Areal – dem Teil des Kreativquartiers, der für kreative Nutzungen zur Verfügung steht.

Anne Gericke ist selbst als Schmuckdesignerin kreativ tätig und hat ihren Arbeitsraum über Empfehlungen gefunden: „Im Prinzip hat mir die Nachbarschaft geholfen, d. h. ich habe über Hörensagen von Räumen erfahren und über das eigene persönliche Netzwerk.“

Geschichte des Kompetenzteams in München

Das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München wurde 2014 vom Stadtrat referatsübergreifend initiiert und dient als zentrale Anlaufstelle für alle Akteure der Kreativbranche in München und den Landkreisen der Metropolregion. Das Kompetenzteam ist fest etabliert und wird als Teil der Stadtverwaltung dauerhaft mit einem Jahresbudget von 700.000 Euro finanziert, Miete, Personal mit 8,5 Arbeitsplätzen, Overhead, Projektmittel, Fördermittel inbegriffen.

Jürgen Enninger: „Was den Masterplan für die Kultur- und Kreativwirtschaft angeht: Ja, der Stadtrat hat tatsächlich in einer sehr visionären Entscheidung eine Matrix Organisation in der Verwaltung beschlossen, die die Kulturverwaltung, die Wirtschaftsförderung und die kommunale Liegenschaftsverwaltung in einem Team verbindet unter meiner Leitung. Das ist ein sehr, sehr mutiger Schritt gewesen, weil es die Ressourcen bündelt. Es ist wie so oft: Die Summe ist mehr, als ist die Einzelteile und einen echten Mehrwert für Kreative stiften kann. Offenheit und Toleranz ein zentraler Schlüsselfaktor für die Attraktivität und den Standort unter Fachkräften aller Art, nicht nur aus der Kreativwirtschaft. Das hat der Creative City Index gerade wieder mal festgehalten. Je die vielfältige diverser, desto spannender für die Branche.“

Angebote

Unterstützung gibt das Kompetenzteam den Kreativen in allen wirtschaftlichen Belangen. Es geht auch um mehr Wertschätzung und Sichtbarkeit für kreativwirtschaftliches Arbeiten, um eine niedrigschwellige Beratung, bessere Vernetzung. Inzwischen gibt es vielfältige Beratungsformate, Qualifizierungs- und Vernetzungsveranstaltungen, um Crowdfunding und eben auch um Unterstützung bei der Raumsuche und Zwischennutzungen. Jürgen Enninger: „Wir setzen auf kostenlose Beratungsleistungen, jeder kann kommen. Da geht es um die wirtschaftliche Ausrichtung, um Akquise, Preisbildung, Crowdfunding, Internationalisierung und um das wichtige Thema Netzwerke. Wir versuchen, neue junge Kreative hier in die etablierten Netzwerke reinzubekommen. Wir helfen bei Raumvermittlung auf allen Ebenen, vom Schaufenster am Marienplatz über Design- und PopUpStores bis hin zu längerfristigen Nutzungen.“

Neue Raumkonzepte

Der Standort München ist für Unternehmen generell attraktiv und beliebt, nicht zuletzt wegen der Nähe nach Italien und Österreich. Doch die Mietpreise für Büros in zentraler Lage sind zum Teil exorbitant hoch. Das führt dazu, über neue Raumkonzepte nachzudenken, wie Jürgen Enninger erklärt: „Multi-Codierung, Parallel-Nutzung, Sharing Modelle sind in München ganz stark virulent, weil der Druck so extrem stark ist. Die Wechselwirkungen zwischen München und dem Umland München sind sehr eng. Wir leiten hier in der Metropolregion München zum Beispiel auch den Arbeitskreis Konversionsflächen, wo wir dann versuchen, das gemeinsam mit den Landkreisen zu entwickeln. In der Metropolregion München haben wir Städte wie Ingolstadt, Augsburg, Rosenheim, die im bayerischen Kontext mit zu den größten Städten zählen und damit automatisch enge Wechselwirkungen und Pendelbewegungen erwarten.“ Anne Gericke fügt hinzu: „Ich beobachte, dass der Einzelhandel am Stadtrand von München immer mal wieder Flächen ausschreibt, also Leerstand in Erdgeschossflächen. Da wird dann immer mal wieder von Kreativen ein Konzept zur Zwischennutzung entwickelt.“

Coworking

Bei der Raumentwicklung und Umnutzung sieht Enninger bei Kreativschaffenden eine wichtige Funktion als Vermittler, Vernetzer, Quer- und Vorausdenker. In Bayern sind Kreative z. B. aus dem Architekturbereich als Berater für Kommunen tätig und entwickeln in interdisziplinären Teams neue Nutzungskonzepte: „Kreative haben schon viele neue und innovative Nutzungskonzepte für Immobilien aller Art entwickelt: Coworking, PopUp, Zwischen- und Parallelnutzung, temporäre Nutzungen. Kreative bieten Lösungen für komplexe Fragestellungen im Immobilienbereich an, deswegen kann ich alle Akteure in Städten und Kommunen nur ermutigen, mehr Kreative in die Raumkonzeptentwicklung einzubeziehen.“

Coworking für Jung und Alt

Coworking ist ein Modell, das nicht nur ganz junge Zielgruppen anspricht. Neben den Vorteilen bei den Kosten erweist sich die Zusammenarbeit in gemeinschaftlich genutzten Räumen auch als Keimzellen für Wissensaustausch und Innovationen: „Coworking ist auch etwas für Ältere und alle, die berufliche Neuorientierung suchen, z. B. auch Eltern, die nach der Kindererziehung den Wiedereintritt in die Freiberuflichkeit planen und dann Netzwerke suchen. Die sind dann meist Ende 30.“

Stadt-Land-Vernetzung

Der Großraum München sei schon sehr stark kreativwirtschaftlich vernetzt, so Enninger. In der Verbindung von Stadt und Land sieht er für die kommenden Jahre wachsende Potenzial. Er berichtet über Designer, die auf dem Land wohnen und in der Stadt arbeiten und umgekehrt. Es gibt Coworking-Spaces auf dem Land und Unternehmen, die ganz bewusst Coworking-Spaces im Speckgürtel von München etablieren, damit die Mitarbeiterinnen nicht einpendeln müssen, ein Zugewinn an Zeit und Lebensqualität.

Anne Gericke fügt hinzu: „Der ländliche Raum würde sich auf jeden Fall für StartUps eignen, weil die erfahrungsgemäß im Team sehr konzentriert arbeiten. Bildende Künstler kann ich mir auch gut vorstellen. Wichtig ist es, Synergieeffekte zu nutzen, wie in diesen kleinen organisch gewachsenen Kreativquartieren, die vom Autobastler bis zum Superdesigner sehr diverse Akteure aufnehmen. Die müssen nicht nur aus der Kreativwirtschaft kommen, sondern sinnvoll sind ganz unterschiedliche Nutzer. So dass eine kleine Stadt direkt vor Ort entsteht. Auch eine gute Gastronomie ist das, was immer dazugehört. Es geht auch um kurze Wege. Ein Kreativer sagt zum anderen: Ich bin am Anfang. Ich habe nicht viel Geld, aber ich brauche das und das. Kannst du mir dabei helfen.“

Ländliches Design

Auch die Rural Design Days befassen sich mit dem Austausch zwischen Stadt und Land. Sie sind Ausstellung, Messe und Think Tank in einem und richten sich an Architekten, Designer, Interessierte und Macher vom Land. Eingeladen werden sowohl deutsche als auch internationale Referenten, sie diskutieren über diese Fragen: Gibt es „ländliches“ Design? Ist es anders als in der Stadt? Was können Design und Architektur in ländlichen Regionen bewirken? Was bietet das Land Designern, um dort kreativ zu arbeiten? Die Rural Design Days sind eine regionale Partnerveranstaltung der Munich Creative Business Week, dem größten Designevent Deutschlands.

Co-kreative Kooperationen mit Kommunen

Neben der Leitung des Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München war Enninger von 2016-2020 Sprecher im Netzwerk der öffentlichen Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland Promoting Creative Industries PCI – gemeinsam mit Egbert Rühl von der Hamburg Kreativgesellschaft. Das Netzwerk bündelt Kompetenzen und Interessen von aktuell 39 lokalen und regionalen öffentlichen Förderern der Kultur- und Kreativwirtschaft. Dieser Zusammenschluss stärkt die Branche als Ganzes und erhöht ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Das “PCI” ist ein wichtiger Partner, wenn weitere Programme für die Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft entwickelt werden.

Das PCI will Kommunen noch stärker ermutigen, mehr Kreative in die Raumkonzeptentwicklung einzubeziehen. Wirtschaftsförderern legt Enninger ans Herz, nicht immer nur sehr groß zu denken, z. B. an 200-Mann-Baubetriebe. Die Kreativwirtschaft mit ihren 12 Teilbereichen sei doch erfahrungsgemäß wesentlich kleinteiliger. Entsprechend kleinteiliger ist der Bedarf von Räumen mit etwa 25 bis 50 Quadratmetern für ein bis vier Menschen bzw. Firmen, d. h. es bedarf einer extremen Umstellung eines klassischen Wirtschaftsförderers, damit der nicht immer nur in Masse rechnet.“

Ausblick

Enninger weiß, dass die Kreativwirtschaft ein wichtiger Partner für Kommunen ist und daher auch strategisch und dauerhaft aus Landesmitteln gefördert werden müsse: „Da gibt es sehr spannende Projekte und Beispiele. Die Stadt Heidelberg hat zum Beispiel gerade eine Raumnutzungsagentur gegründet, die auch dieses Thema Zwischennutzungen dauerhaft gemeinsam mit Kultur-und Kreativschaffenden entwickeln soll.“

Podcast

Bewusst enkelfähig leben: Wir bauen Zukunft in Nieklitz

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„Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später.” – soll Reichskanzler Bismarck einst gesagt haben. Ob das Zitat real ist oder nicht (die Quelle lässt sich nicht ermitteln): Die Zeiten ändern sich. Heute bietet die Weite von Westmecklenburg viel Raum für neue Perspektiven, vor allem jedoch innovative Blickwinkel für ein wirklich nachhaltiges, enkelfähiges Leben. Ceylan Rohrbeck gehört zu den neuen Zukunftserbauerinnen der Region. Ich habe mit ihr gesprochen.

Zukunftsgedanken

In Nieklitz in Nordwestmecklenburg auf dem platten Land, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, wird Geschichte geschrieben. Es gibt Zeitreisende, die nicht zurückschauen, sondern vorausblicken, die sich Gedanken machen, welches Leben wir in Zukunft führen wollen, es in vielfältigen Projekten selbst ausprobieren, in die Hände spucken und loslegen. Wir bauen Zukunft heißt das ambitionierte und langfristige Vorhaben, dass 2016 von knapp 20 MitstreiterInnen gegründet wurde. Das ist nur der harte Kern, denn im weiteren Umfeld erreichen die Nieklitzer inzwischen an die 3.000 Mitinteressenten. Doch der Reihe nach….

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Sinnfrage

Ceylan Rohrbeck ist in Berlin aufgewachsen, hat in Potsdam an der Filmhochschule „Konrad Wolf“ Film und Fernsehproduktion studiert und einige Jahre im Filmbereich gearbeitet. Das hieß: Lange, unregelmäßige Arbeitszeiten, oft auch an Wochenenden, wenig Zeit zur Ruhe zu kommen. In der überfüllten und oftmals stressigen Hauptstadt Berlin wächst der Wunsch nach einer Auszeit, einem anderen Leben abseits von Hektik und Konsumzwängen. Doch wie genau könnte so ein Leben aussehen?

Auch Ceylans Cousine Lale will nach ihrem Studium in Berlin zurück in die Mecklenburgische Heimat. Doch was ließe sich dort Sinnvolles machen? Wie könnte man den Lebensunterhalt bestreiten? Kurz zuvor haben die beiden vom Bau eines earth ships in der Zukunftswerkstatt Tempelhof erfahren. Das ist ein Haus, komplett aus Recyclingmaterialien erbaut, wie es der US-amerikanische Architekt und Nachhaltigkeitsexperte Michael Reynolds einst ersann.  Ließe sich so ein Bau auch in Mecklenburg realisieren? Mit dieser Frage traten erste Engagierte aus der Gruppe an den Leiter des Biosphärenreservates Schaalsee, Klaus Jarmatz, heran. Er empfiehlt das ehemalige Zukunftszentrum „Mensch – Natur – Technik – Wissenschaft“ (ZMTW) in Nieklitz im Westen von Mecklenburg.

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Geschichte

In einsamer Idylle zwischen dem Biosphärenreservat Schaalsee, der Flusslandschaft Elbe und weiten Wiesen und Feldern liegt das etwa zehn Hektar große Gelände des ehemaligen Zukunftszentrums von Nieklitz. Zwischen 2000 und 2013 wurde hier ein ökologischer Erlebnispark betrieben. Nach der Idee des enthusiastischen Kieler Biologieprofessors Berndt Heydemann, der später Umweltminister von Schleswig-Holstein war, sollten BesucherInnen an liebevoll gestalteten Exponaten mitten in der Natur mehr über Bionik und Ökotechnologien erfahren. Doch die Besucherzahlen blieben stark hinter den Erwartungen zurück. 2013 stellte das Land MV die finanzielle Förderung ein und der Park verfiel.

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Erstkontakt Nieklitz

Ceylan erzählt mir von ihren Eindrücken, als sie das Gelände im September 2015 zum ersten Mal besucht. „Weil der Park schon fast 3 Jahre geschlossen war, war alles schon total verwildert und gleichzeitig so wunderschön. Wir hatten bis dahin noch nie so ein Stück Natur in Deutschland gesehen. Und es entstanden in unserem Kopf auf einmal ganz viele Visionen, was man da alles machen und umsetzen könnte. Wir haben viel Fotos gemacht und sind dann nach Tempelhof gefahren.“

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Impulsgeber Tempelhof 

Schloss Tempelhof in Süddeutschland zwischen Würzburg und Ulm ist genau genommen eine Zukunftswerkstatt. Mit 50 Freiwilligen aus der ganzen Welt wurde hier das erste „earth ship“ in Deutschland gebaut. Als Teil der Freiwilligen genießt Ceylan die besondere Aufbruchstimmung, führt gemeinsam mit Sebastian Rost von Filming for Change mit den Akteuren Interviews, macht kleine Filme und stößt auf Gleichgesinnte, die wie sie selbst auf der Suche sind. So entsteht die Projektgruppe „Wir bauen Zukunft“, die in den nächsten Monaten auf etwa 20 Personen anwächst. Es wird viel diskutiert und geplant. Man tauscht sich über Wünsche, Ziele und Vorstellungen für ein gutes, sinnstiftendes Leben aus. Anknüpfend an die indigenen Weisheiten der Aborigines findet die Gruppe mit der Methode Dragon Dreaming einen gemeinsamen Nenner für ihr Anliegen: Dienst an der Erde, Aufbau von Gemeinschaft, persönliches Wachstum. Und während das innere Selbstverständnis Gestalt annimmt, steht die nächste Herausforderung an. Könnte der Ökopark im Mecklenburgischen Nieklitz ein geeigneter Ort für das neue Lebenskonzept werden?

 © MassivKreativ

Mecklenburgische Weiten neu bespielt

Kontakte und Freunde in der Region halfen mit den richtigen Ansprechpartnern. Und dann ging alles recht schnell. Mit einem Privatdarlehen konnte die Gruppe das Nieklitzer Gelände kaufen. Im Juni 2016 wurde die Genossenschaft „Wir bauen Zukunft“ eG gegründet, angeschlossen ist außerdem der Verein Ecosphäre e.V. als Träger für gemeinnützige Projekte. So können verschiedene Nutzungsarten abgedeckt werden. In der Öffentlichkeit und gegenüber der einheimischen Bevölkerung setzt die Gruppe von Anfang an auf Transparenz. Sie will den Eindruck vermeiden, dass da kreative Spinner hinter verschlossenen Türen merkwürdige Aktivitäten planen. Im Biosphärenzentrum informieren sie über ihre Pläne und sind offen für neue Ideen und Interessenten. „Wir haben auf unserem neu erworbenen Gelände Tage der offenen Tür veranstaltet, wo wirklich viele Menschen kamen“, erzählt Ceylan, „sowohl Leute von außerhalb als auch aus der Region, die wir schon kannten. Und so waren uns alle sehr wohl gestimmt und haben uns unterstützt, so dass wir einen guten Start haben konnten“.

 Ortsbesichtigung Nieklitz © MassivKreativ

Gewachsenes Selbstverständnis

Inzwischen ist viel passiert. Aus Individuen hat sich ein „Kreativcluster“ gebildet, „mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten“, wie Ceylan erzählt: „Designer, Architekten, Ingenieure, IT-Spezialisten, Tischler, Permakultur-Experten, Soziologen, Coaches, Experten für nachhaltige Landwirtschaft, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit usw.“ Die Gruppe hat sich in ihrem Selbstverständnis konkretisiert und verfestigt. Zwischendurch kamen neue Interessenten, andere gingen wieder. Gemeinschaft ist ohnehin nie fertig. Sie wächst und erweitert sich stetig, auf der Basis gleicher Wertvorstellungen, die in Gruppenprozessen ermittelt wurden, begleitet von professionellen Coaches und Moderatoren. Enorm wichtig, um die Gemeinschaft gut zu entwickeln. Das Wabenhaus (Fotos links)n ist das Herzstück der Zukunftsbauer, dient als Seminarhaus und Coworking-Space (Foto rechts). 

© Wir bauen Zukunft

Anliegen

Ihre Philosophie beschreibt die Gruppe so: „Wir experimentieren, reflektieren, lernen und nutzen transparente und organische Strukturen, sowie die Kraft von Kollaboration und Kreativität. Unsere Themen sind: Kreislaufwirtschaft, Open Source, Nachhaltiges Planen und Bauen, Permakultur Design, Nachhaltiges Unternehmertum, Verantwortungsbewusstes Miteinander.“ Auch neue Forschungsthemen stößt die Gruppe an, etwa Studien- und Masterarbeiten über nachhaltiges Planen und Bauen, Architektur, ökologische Landwirtschaft und über das Ökosystem von Binnengewässern (Limnologie). Auch eine Tinyhouse Siedlung für nachhaltiges Bauen ist in der Realisierung.

 Tinyhouse Nieklitz © MassivKreativ

Lernende Organisation

Die Akteure von „Wir bauen Zukunft“ sind immer in Bewegung – mit dem Körper und dem Kopf. In verschiedenen Arbeitskreisen verfolgen sie genau das Thema weiter, das sie persönlich interessiert, für das sie brennen und weitere Fähigkeiten erwerben möchten. So entwickelt sich die Gruppe stetig weiter und lernt, nicht zuletzt auch über den Austausch mit neuen Leuten von außen. Community Building ist ein wichtiges Thema, das sowohl digital als auch analog vorangetrieben wird. Über die Facebookgruppe werden Veranstaltungen beworben. So wird neues Wissen in die eigene Gruppe geholt und eigene Erfahrungen auch wieder in die Welt hinausgetragen. Gemäß dem „open source“-Gedanken wird hier – wenn man so will – eine wissensbasierte Kreislaufwirtschaft betrieben. Regelmäßig finden Seminare, Workshops, KreativLabs sowie größere Camps statt, in denen sich die TeilnehmerInnen über ihre Ideen, Projekte und Visionen austauschen. Im Februar 2020 ging es um die Gründung eines eigenen Sozial-Unternehmens. Die TeilnehmerInnen wurden unter professioneller Anleitung von der Vision zum Konzept geleitet und zur inneren Haltung: Was bedeutet unternehmerisches und kreatives Handeln für mich und andere?

Ganzheitliches Konzept

Die Akteure von „Wir bauen Zukunft“ arbeiten zeitgleich an vielen kleineren Projekten und haben dabei das große Ganze im Blick, die zukunftsfähige Gesellschaft im Kreislauf und im Gleichgewicht: mit einer autarken Energie-, Wasser- und Abwasserinfrastruktur, mit flexiblen bzw. mobilen Wohneinheiten, wie z. B. Tinyhouses. Sie bauen schon heute eigene Nahrungsmittel an, planen Freizeitangebote, entwickeln neue Technologien und wollen demnächst Kleinserien in ihrer gerade entstehenden Werkstatt produzieren, dem Green Circular Economy FabLab. „Wir planen offene Werkstätten, die verschiedene Zielgruppen nutzen sollen“ sagt Ceylan, „z. B. auch Handwerker in der Region, die sich bei uns einmieten können und an Projekten tüfteln. Wir wollen dabei analoges Handwerk mit digitalem Arbeiter verbinden, damit sich das befruchten kann.“

Kooperationen spielen eine wichtige Rolle. Im November 2019 waren die Nieklitzer Gastgeber für den Kreiskulturrat Ludwigslust-Parchim (KKR LUP). Corinna Hesse und Marion Richter vom KKR sowie Ceylan Rohrbeck luden Interessierte zum Workshop „Zukunft@Land“ ein. Es kamen Menschen zwischen 20 und 60 Jahren zusammen, die ihre Zukunft im ländlichen Raum gern selbst gestalten möchten. Die Initiatoren wollten herausfinden, welche Projektideen welche Unterstützung brauchen: vom Landkreis, aus der Verwaltung, der Bevölkerung sowie von weiteren Partnern und Netzwerken.

 © MassivKreativ
Ceylan Rohrbeck (re) und Corinna Hesse (li) beim KreativLab „Zukunft@Land“

Land lockt Stadt

In Kooperation mit Kreative MV, dem Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft, fand im September 2019 in Nieklitz das KreativLab „New Work Village: mobiles Leben & Arbeiten auf dem Land“ statt – mit Impulsvorträgen über bereits erfolgreiche Projekte. Frederik Fischer berichtete aus Brandenburg über die KoDorf-Bewegung und den Summer of Pioneers in Wittenberge.

Aktuell bewegt Ceylan die Frage, wie Kreative zumindest zeitweise den Weg aus der Großstadt aufs Mecklenburgische Land finden können. Um einen Coworking-Standort wie Nieklitz noch bekannter zu machen, könnte auch die Wirtschaftsförderung des Landes MV helfen, so Ceylan: “Im Augenblick wird ja viel in die Städte investiert, in Schwerin, Rostock und Greifswald. Aber halt noch nicht wirklich ins Land. Wir in Nieklitz arbeiten daran, damit sich daran etwas ändert und dass wir das Vertrauen der Wirtschaftsförderer gewinnen, dass auch mitten auf dem Land ein erfolgreiches Innovationszentrum mit neuem Denken und vielfältigen Menschen und Talenten entstehen kann und eine entsprechende Nachfrage erreicht.“ 

Aufbruchsgeist

Diejenigen, die bereits ein Tages- oder Wochencamp in Nieklitz erlebt haben, sind begeistert, wie der Webdesigner Richard Stickel: „Der Aufbruchsgeist, den ich bei den Akteuren von „Wir bauen Zukunft“ gespürt habe, empfinde ich als sehr anziehend und attraktiv. Da machen junge Leute auf dem blanken Acker etwas Neues und denken voraus. Das finde ich toll und in so einem Umfeld könnte auch ich als Großstädter gut arbeiten.“

Laut einer Emnid-Umfrage (Wohnwünsche der Deutschen) möchte die Mehrheit der Deutschen im ländlichen und kleinstädtischen Raum leben. Doch für viele bleibt es ein Traum. Doch das muss nicht so sein. Der Weg von der „Stadtmüdigkeit zur Landfrische“ ist kürzer als gedacht. Wer Impulse für seine Zukunft auf dem Land braucht, kann sie sich im Westmecklenburgischen Nieklitz holen: Aktuelle Veranstaltungen / Vergangene Veranstaltungen.

Podcast

*enkelfähig (S. 12): Diesen Begriff hat Sebastian Feucht geprägt. Er ist Spezialist für ökointelligente Gestaltung und Vorsitzender des Sustainable Design Center e.V. und nutzt den Begriff für zukunftsgerichtetes Design: „Enkelfähige Produkte sind so konzipiert, dass unsere Enkel die gleichen Chancen haben wie wir hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs und hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit.“

Zukunft kreativ vorausdenken im Digitalen Innovationsraum Schwerin

 © Digitaler Innovationsraum Schwerin, Landeshauptstadt Schwerin

Mascha Thomas-Riekoff ist Kulturproduzentin, Netzwerkerin und Koordinatorin im Digitalen Innovationsraum (DIR) in Schwerin. Im Interview erzählt sie, warum dieser Ort für Mecklenburg-Vorpommern enorm wichtig und zukunftsweisend ist. 

Digitalisierung

Während die meisten EU-Länder die Digitalisierung recht gut gemeistert haben, ringen viele Orte in Deutschland noch immer um die notwendige Infrastruktur. In der Landeshauptstadt Schwerin kann Thomas-Riekoff über das Internet nicht klagen. In ländlichen Regionen sieht es allerdings anders aus. Doch im neuen Digitalen Innovationsraum (DIR) in Schwerin geht es um weit mehr als nur um Infrastruktur. Als Koordinatorin will Thomas-Riekoff im DIR neues agiles Denken vorantreiben und ein zukunftsorientiertes Mindset installieren, das in Mecklenburg-Vorpommern noch ausbaufähig ist.

Interdisziplinäre Kooperationen

Im Herbst 2019 wurde der Digitale Innovationsraum im Herzen Schwerins in der Wismarschen Straße eröffnet. Im Perzina-Haus, einem historischen Gebäude, hatte zuletzt die Bibliothek ihren Sitz. DIR ist kein einzelner Raum, sondern für die neuen Projekte stehen mehrere Bereiche zur Verfügung, wie Thomas-Riekoff erklärt: „Wir haben neben dem großen Saal einen Coworking-Space, einen Meetingraum, einen Seminar- bzw. Design Thinking-Raum. Der Digitale Innovationsraum ist also eine interdisziplinäre Werkstatt und Denkfabrik, in der man Ideen spinnen, spielen und ausprobieren kann. Es können und sollen Akteure aus ganz verschiedenen Bereichen aufeinander treffen, sich gegenseitig inspirieren und beflügeln: Handwerk, Ingenieurs- und Medizintechnik, Landwirtschaft, Verkehr, Mobilität, Verwaltung, Kreativwirtschaft.“

  Mascha Thomas-Riekoff moderiert im DIR (rechts) © MassivKreativ

Gründer Studio

Ein besonderes kokreatives Angebot ist das Gründer Studio. Es bietet interessierten Akteuren nicht nur Zugang zum DIR in Schwerin, sondern zu allen sechs Innovationsräumen in ganz Mecklenburg-Vorpommern mit einem großen Netzwerk und einem Mentorenpool von Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Angeboten werden: ein Gründer-Arbeitsplatz im CoWorking Space, die Gründer-Studio Sprechstunde, das 1:1 Coaching und die kostenlose Teilnahme an allen Gründer Studio-Veranstaltungen und MeetUps.

Kultur- und Kreativwirtschaft im DIR

Eine tragende Rolle sollen Kreative im DIR spielen, sagt Thomas-Riekoff. „Ihre agilen und kreativen Arbeitsmethoden sind hier im DIR ein sehr wichtiger Baustein, den die Region noch viel stärker braucht.“ Kreative haben eine Schnittstellenfunktion. Ihre große Kompetenz besteht darin, sich in Wünsche und Bedürfnisse sehr verschiedener Nutzer und Branchen hineinzudenken und mit den Akteuren anderer Fachgebiete und Branchen passgenaue Lösungsansätze zu finden. Genau diese Art von cross-sektoralen und kokreativen Kooperationen sollen im DIR angesiedelt werden.

Erfahrungsschatz

Bei ihren Planungen im DIR kann Mascha Thomas-Riekoff auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Als Managerin und Kulturproduzentin hat sie Projekte mit unterschiedlichen Akteuren geplant, abgeleitet und umgesetzt. Während des Studiums für Kulturarbeit an der Fachhochschule spezialisiert sie sich auf Ausstellungsmanagement und und wagt sich direkt nach dem Studium in die Selbständigkeit. Gemeinsam mit Silvana de Hillerin gründet Thomas-Riekoff die Agentur “Balestra Berlin” für „Idea Engineering & Cultural Management“. Sie entwickelt u. a. die Lichtkunst-Raum-Installation kubik entwickelt, die als temporäre Diskothek durch die ganze Welt tourt. Auch heute noch leuchtet kubik gerade irgendwo auf dieser Welt und war an insgesamt 30 Orten.

 © Mascha Thomas-Riekoff 

Kulturproduzentin

In der Zeit bei Balestra Berlin initiiert Thomas-Riekoff vielfältige Ausstellungs- und Kulturformate und übernimmt in Personalunion unterschiedliche Aufgaben. Sie erklärt ihre Rolle: „Ich bin keine Kuratorin oder Regisseurin, sondern ich bin eben Kulturproduzentin – verantwortlich für Budgetierung, Finanzierung, Planung, Koordination der technischen Umsetzung, Personalführung bis hin zur Bewerbung der Projekte.“ So vielfältig wie die Aufgaben sind auch die Tätigkeitsfelder von Thomas-Riekoff: Medienkunst, Ausstellungsproduktion und Stadtentwicklung. Ihre Leidenschaft gilt vor allem der Verwirklichung von ästhetisch anspruchsvollen Kulturprojekten, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wie z. B. auf der dOCUMENTA (13) in Kassel oder im Wikinger Museum in dänischen Jelling.

 Mascha Thomas-Riekoff moderiert im DIR (rechts) © MassivKreativ

Neue Chancen nutzen

Dass die gebürtige Münchnerin ihren gut dotierten und anspruchsvollen Job in Berlin aufgegeben hat und nach Schwerin gezogen ist, hat familiäre Gründe. Der Wechsel bedeutete für sie finanziell große Einbußen. Andererseits denkt Thomas Rieckoff nach positiv und nach vorn: „MV ist für mich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man sehr vieles noch gestalten kann, was anderswo z. B. wegen verfestigter Strukturen nicht möglich ist. Die Kreativen bringen eine enormen Gestaltungswillen mit nach MV, weil es ihnen nicht ausreicht, dass sie alleine an ihrem Rechner im Homeoffice sitzen. Sie streben nach einem sinnstiftenden, lebenswerten Leben. Das entsteht nur, wenn man in Kontakt mit anderen Bewohnern tritt und Strukturen aufbaut. Und deshalb entwickeln Kreative auch neue Geschäftsmodelle für mehr Lebensqualität.“

 historischer Saal im DIR © MassivKreativ

Wissenstransfer aus Berlin nach Schwerin

Für Mecklenburg und speziell für die Landeshauptstadt Schwerin ist die Kulturproduzentin Mascha Thomas-Riekoff ein Hauptgewinn. Bereits bei den Vorplanungen zum neuen Digitalen Innovationsraum hat sie der Stadt mit ihren Erfahrungen aus der Hauptstadt beratend zur Seite gestanden, Argumente und Positionen gesammelt und Überzeugungsarbeit geleistet, wenn es Skepsis gab. Thomas-Riekoff hat das Konzept für DIR entwickelt, das sie folgendermaßen erläutert: „DIR soll die Innovationskraft von Wirtschaft und Wissenschaft vorantreiben. Er ist eine Kombination aus Think Tank, Coworking, Werkstatt, Treffpunkt und Ort des Austauschs zwischen privaten Fachhochschulen und Studienzentren im Verbund mit der IHK, der Handwerkskammer, mit Unternehmerverbänden, StartUps, GründerInnen, Freiberuflern, IT-Interessierten und vor allem auch mit Akteuren der Kreativwirtschaft. Alle Akteure sollen gemeinsam frische Geschäftsideen entwickeln sowie Geschäftsmodelle mit digitalen und analogen Ansätzen. Auch Schüler, Studenten und interessierte Bürger sind eingeladen, um sich hier über die digitale Zukunft zu informieren und auszutauschen, digitale Technik zu erleben und auszuprobieren. Es entsteht ein Begegnungsort für Veranstaltungen und Formate, die über die Region hinaus strahlen.“

Ministerium und Stadt als Träger

DIR wird vom Ministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung Mecklenburg-Vorpommern finanziert und von der Stadt Schwerin getragen. Mascha Thomas-Riekoff ist bei der Stadt Schwerin angestellt, zunächst zeitlich befristet. Doch sie ist überzeugt, dass DIR eine Zukunft hat bzw. auch braucht, um die BewohnerInnen des Bundeslandes MV fit zu machen für die kommenden Herausforderungen. Neben dem DIR in Schwerin sind fünf weitere digitale Zentren als Ideenschmieden entstanden: in Rostock, Stralsund, Wismar, Neubrandenburg und Greifswald. Ihre Aktivitäten werden auf der eigenen Website digitalesmv präsentiert.

 © MassivKreativ

Treiber der digitalen Transformation

Zum Auftakt fand im November 2019 an allen sechs Zentren erstmals der landesweite Kongress NØRD statt. Neben Technologien und neuen Anwendungsfeldern ging es auch um ethische Fragen und um soziale Innovationen im Hinblick auf die Digitalisierung. Im DIR in Schwerin stand das Thema „Digitaler Wandel trifft Verwaltung“ im Fokus. Erkenntnis: Nicht allen Menschen fällt es leicht, bei technischen Veränderungen, wie der Einführung neuer Software Schritt zu halten. Hier können andere Perspektiven und innovative, künstlerisch-kreative Methoden wertvolle Unterstützung leisten. Dies demonstrierte der Künstler Daniel Hoernemann (siehe Foto), der im Interview mit mir seine Ordnungsbehörde für Schöpferisches vorstellte.

 © MassivKreativ

DIR als Think Tank

Der Digitale Innovationsraum ist ein Ort, der vielfältiges Wissen verschiedener Akteure sammelt, der sie aufeinandertreffen lässt, verbindet und in Austausch bringt. An Hochschulstandorten soll die Arbeit der sechs Digitalen Innovationsräume eng mit der Wissenschaft verknüpft werden. In Schwerin liegt der Fokus wie erwähnt auf der engen Kooperation mit der Kultur- und Kreativwirtschaft. Unter dem Dach des DIR hat auch der neu gegründete Verein Kreative MV eine Heimat gefunden – der Landesbranchenverband Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern e.V., der als Netzwerk bereits seit 2013 aktiv war. Vereinsvorsitzende Corinna Hesse hat für DIR eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, u. a. in Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer Schwerin. FORUM Business for Future soll über neue gesellschaftliche Problemfelder und Trends informieren und passende Akteure zum Finden von Lösungsansätzen zusammenbringen: Stadt- und Landentwicklung, Mobilität, Gesundheit, Umwelt, Nachhaltigkeit usw.  

© Veranstaltung im DIR, MassivKreativ

Digitale Nomaden für neue Dörfer

Zum Auftakt der FORUM-Reihe fand im Oktober 2019 der Thementag „Sozial-kreative Innovationen als Impulse für die Regionalentwicklung zwischen Stadt & Land“ statt, dessen Höhepunkt die Preisverleihung im Landeswettbewerb für kreative Raumpioniere MV war, verbunden mit einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion mit Bundes- und Landespolitikern. Dabei ging es um die Frage, welche Rolle das Ineinandergreifen von sozialer, kultureller, ökonomischer und ökologisch nachhaltiger Wertschöpfung (Value Balancing) spielt? Wie prägen die digitalen Nomaden heute neue „urbane Dörfer“, in denen städtische und ländliche Milieus verschmelzen? Welche Methoden nutzen kreative Regionalentwicklerinnen und -entwickler? Und wie können kreative Pioniere wirksam von Kommunen, Wirtschaftsförderern sowie durch Bundes- und Landesförderprogramme unterstützt werden. Im Rahmen des FORUMS wurden in einer Ausstellung und in Filmportraits best-practice-Projekte vorgestellt sowie eine wissenschaftliche Studie, die die Effekte der Projekte auf die Regionalentwicklung zeigte.

Magnet für neue Fachkräfte

Mascha Thomas-Riekoff hofft, dass die Impulse durch Kreativschaffende im DIR andere gut ausgebildete Neubürger nach Mecklenburg bringen kann: „DIR wird gerade durch die Kooperation mit Kreativen und mit innovativen Formaten auch hochqualifizierte Fachkräfte bzw. Rückkehrer nach MV locken, die interdisziplinär mit vielseitigen Teilbranchen der Kreativbranche neue Geschäftsmodelle entwickeln wollen. Über den ersten erfrischenden Austausch mit Kreativen kann sich bei Fachkräften der Wunsch entwickeln, sich dauerhaft in MV niederzulassen.“

 © MassivKreativ

Transformationen und Kreativivität

Ein Experiementierfeld für Unternehmen, Verwaltung, Bildung und Bürgerschaft soll das Transformationslabor werden bzw. das Format “Reallabor Smart City”, um in kokreativ und gemeinsam an Innovationen zu arbeiten, Chancen und Potentiale zu nutzen. 

Die Kulturproduzentin Thomas-Riekoff muss noch häufig erklären, warum künstlerisch-kreative Methoden wirksam sind und welche konkreten Effekte sie haben. Mit ihrer optimistischen und leidenschaftlichen Art gelingt es ihr, Zweifler zu überzeugen und Skeptiker mitzunehmen im Prozess der Digitalisierung, in dem eben nicht nur technische Belange mitgedacht werden müssen. Was bringt also die Zusammenarbeit mit Kreativen? Thomas-Riekoff: „Innovationsfördernd ist das besondere Denken von Kreativen und das Potential, das sie durch ihre Methodiken und Arbeitsweisen in sich tragen und an andere Branchen in Thinktanks weitergeben können. Bevor ein Grafiker z. B. ein Logo für ein Unternehmen entwickelt, muss er erst mal analysieren, was die Firma ausmacht, was deren Kernkompetenz und Alleinstellungsmerkmal am Markt ist. Und dazu ist auch Perspektivwechsel nötig, der zeigt, dass Kreative noch ganz andere Produkte und Dienstleistungen entwickeln können, die weit über ein Logo hinausgehen.“

Intermediär

Noch muss Thomas-Riekoff einiges an Vermittlungsarbeit leisten. Aber genau das ist eine ihrer wichtigsten Aufgaben im DIR: immer wieder geduldig erklären, helfen, unterstützen, Brücken bauen zwischen den noch sehr unterschiedlichen Welten der kreativen Branchen und der klassischen Wirtschaft. Damit die frischen innovativen Köpfe sich in MV willkommen und wertgeschätzt fühlen, muss die BewohnerInnen im Land Mecklenburg-Vorpommern offener werden, findet Thomas-Riekoff: „Sie müssen spüren, dass ihre Ideen und Expertise gefragt sind. Und dass die Alteingesessenen gespannt sind auf das, was Kreative mitbringen. Wirtschaftsförderer sollten den Kreativen die Freiräume in MV noch aktiver zeigen und anbieten – sowohl im Hinblick auf Immobilien als auch in ideeller Hinsicht. Und sie mit anderen Kreativen und kooperativen Alteingesessenen vernetzen, die schon da sind. Der Freiraum darf nicht als (geistige) Leere herausstellen.“

PODCAST

Kreativer Aufbruch in der “geliebten Stadt” Lübz

© MassivKreativ

Die Farbe in den Hotelzimmern ist noch frisch. Aufbruch kann man im Landkreis Ludwigslust-Parchim riechen! In der Küche, im großen Tanzsaal und an vielen anderen Orten im ehemaligen Schützenhaus von Lübz wird noch emsig gearbeitet, Schutt abgetragen, neu gekachelt, Elektrik erneuert und immer wieder geputzt und gewienert. Angela Siemon hat sich in ein echtes Abenteuer gestürzt und gemeinsam mit ihrem mann Heinz die frühere Kulturstätte am Rande der Innenstadt übernommen. Ihr Eiscafé SL hat bereits jetzt geöffnet. Gemeinsam mit ihrem engagierten Team begrüßt Siemon Besucher und Gäste sehr herzlich. So auch die etwa 30 Teilnehmenden des KreativLabs von Kreative MV, dem Landesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Kreativakteure verschiedener Teilbranchen sind zum Austausch nach Lübz gekommen, um zu erfahren, wie sich die Stadt entwickelt hat und um ihre aktuellen Kunst- und Kreativprojekte vorzustellen. Bürgermeisterin Astrid Becker und Jan Salomon, Amtsleiter für Stadt- und Gemeindeentwicklung, unterstützen Angela Siemon nach Kräften bei ihren neuen Ideen und Aktivitäten.

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Treffpunkte schaffen

Angela Siemon weiß, wie wichtig ein Treffpunkt für das soziale Miteinander und das gemeinsame Essen und Trinken sind. Deshalb bietet sie verschiedene Köstlichkeiten in ihrem Restaurant und im Eiscafé an. Siemon möchte langfristig nicht nur den Gaumen verwöhnen, sondern auch Kopf und Herz mit vielfältigen Kulturveranstaltungen erfreuen. Das Haus soll zur quirligen Begegnungsstätte für Vereine, Kunsthandwerk und regionale Produkte werden.

Lebendige Zivilgesellschaft

Lübz ist eine „Geliebte Stadt“. Davon zeugt nicht nur ihr westslawischer Name, der auf den Gründer Lubec zurückgeht. Viele der gut 6.000 Bewohner sorgen mit Ideen und Tatkraft dafür, dass die beschaulichen Kleinstadt an der Elde liebenswert bleibt und für Einheimische und Gäste immer etwas zu bieten hat. Lübz liegt etwa 15 Kilometer östlich von Parchim entfernt und 15 Kilometer westlich von Plau am See.

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Vom Kunstspeicher zum Kunstzentrum

Julia Theek gehört zu den kreativen Motoren in Lübz, die zwischen ihren Wohnorten Potsdam und Mecklenburg pendelt. Am Ziegenmarkt in der historischen Altstadt hat sie leerstehende, denkmalgeschützte Geschäftshäuser saniert und mit neuem kreativen Leben gefüllt. Ihr wichtigstes Projekt ist der Lübzer Kunstspeicher. Hier bietet sie gemeinsam mit anderen Künstlern künstlerische Kurse und Workshops an. Bei längerfristigen Aufenthalten können Besucher in 12 Gästezimmern übernachten, die von Künstlern individuell gestaltet wurden. Im KreativLab erzählt Theek, wie sie in engem Austausch mit der Stadt angeregt hat, weitere leerstehende Gebäude im Rahmen eines Künstlersommers neu zu beleben. Nach einer Zwischennutzung sollen Künstlersommerateliers, eine Produzentengalerie, das „Zentrum für Zirkuläre Kunst“, sowie überregionale Upcycling-Projekte entstehen. Eine Schaufensterausstellung ist in der Kirchenstr. 19 und 20 von Mai bis Oktober 2020 zu sehen.

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Radio Lübz

Theeks jüngstes Projekt, das sie gemeinsam mit dem Mehrgenerationenhaus „Mobi“ realisiert, ist der regionale Podcast Radio Lübz. Darin führt sie Interviews mit Einwohner*innen, u. a. mit Bürgermeisterin Astrid Becker, erzählt Neuigkeiten über die Region und deren Geschichte und berichtet über ihre Kunstprojekte. Damit auch weniger technikaffine Einwohner*innen die Podcasts hören können, führt Julia Theek sie hin und wieder im kleinen Lübzer Planetarium auf.

© Radio Lübz, MassivKreativ

Mobile Generationen

Für mehr Zusammenhalt in der Region sorgt Angelika Lübcke mit „Mobi“, dem mobilen Mehrgenerationenhaus. „Mobi“ geht auf eine Idee des Jugendfördervereins Parchim-Lübz zurück und ist ein offener Treffpunkt für Besucher*innen aus Lübz und Umgebung. Menschen aller Generationen unabhängig von ihrer Herkunft können gemeinsam ihre Freizeit gestalten, voneinander lernen, sich gegenseitig helfen und sich für die Region engagieren. Lübcke möchte mehrere ehrenamtliche „Dorfkümmerer“ ausbilden, um mit ihnen gemeinsam weitere Angebote für mehr Lebensqualität zu entwickeln, z. B. Nachbarschaftshilfe, Dorfzeitung, Vorträge, Rückenschule und ein Vereinsregister.

Mobi wird mit Fördergeldern aus dem LEADER-Programm finanziert, mit Zuschüssen vom Amt Eldenburg Lübz, der Stadt sowie mit Spenden aus dem Rotary Club Parchim. Es ist eines von 550 Häusern, die über das Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert werden.

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Freiräume entwickeln

Weitere Potentiale der Stadt Lübz möchten Stefanie Raab, Inhaberin von coopolis, Planungsbüro für kooperative Stadtentwicklung in Berlin, und Corinna Hesse vom Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft Westmecklenburg entwickeln, Auftraggeber ist Kreative MV, der Landesverband Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern. Im Rahmen des neuen Projektes „Frei.Raum.MV” sollen Prototypen für die städtebauliche Beratung von Kommunen zur Ansiedlung Kultur- und Kreativschaffender in Westmecklenburg entstehen. Leerstehende Immobilien sollen nicht verkauft, sondern umgenutzt und sanft saniert werden. Eine Chance bieten u. a. Erbpachtverträge. Auf diese Weise müssen Kommunen ihren wertvollen Stadtraum nicht aus der Hand geben bzw. später wieder teuer dazu kaufen, sondern könnten ihn für nachfolgende Generationen als Allgemeingut erhalten. Neben Ortsbegehungen mit verschiedenen Akteuren geht es im Frei.Raum.Projekt vor allem darum, verschiedenen Akteure und Interessenten miteinander ins Gespräch zu bringen, deren Bedarfe und Wünsche zu klären. 

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Naturbänke aus Granit

Nach dem kreativen Austausch in Lübz ziehen die Teilnehmer des KreativLabs weiter nach Kritzow, Ortsteil Benzin. Auch im Umland sind spannende künstlerische Projekte entstanden. Claudia Ammann lebt und arbeitet als Steinbildhauerin in Kritzow. Ammann hat u. a. in Zusammenarbeit mit dem Stadtbaumeister die Platzgestaltung in Lübz übernommen. Beim KreativLab warb sie für ihr neues Projekt „bancs publics“ (Parkbänke), gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen möchte sie vor dem Schützenhaus Granitsteine aus der Region bearbeiten und hofft auf eine unbürokratische Finanzierung.

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Theater trotz Corona

Ihre Tochter Sophie Maria Ammann lebt und arbeitet gemeinsam mit Alexander Altomirianos als Schauspieler in Berlin. Um den Wirren der Corona-Krise in Berlin zu entfliehen, brechen die beiden im Frühjahr 2020 ihre Zelte in der Hauptstadt ab und ziehen nach Kritzow / OT Benzin. Wie viele andere darstellende Künstler müssen auch sie sich mit Spielverboten bzw. -beschränkungen in geschlossenen Räumen arrangieren. Doch sie finden eine Lösung. Sie gründen das mobile TUR TUR Theater und erfinden das 2-Personen-Stück „Hans im Glück“, eine moderne Interpretation des Grimm’schen Märchens mit Pantomime- und Erklärelementen und vielen improvisierten Requisiten aus dem eigenen Hausstand. Das Stück soll vor allem benachteiligten Gruppen eine Auszeit vom Corona-Alltag bieten. Die beiden Schauspieler touren damit übers Land, spielen vor allem im Freien, auf Wiesen, Parkplätzen, vor Balkons, geben Aufführungen für Kinder, Senioren und Behinderte, die besonders von den Corona-Einschränkungen betroffen sind. Die selten gewordenen Live-Aufführungen werden vom Publikum sehr wertgeschätzt, wie z. B. beim Welziner Kultursommer. Unterstützt durch den Fonds für darstellende Künste „Global Village Ventures“ wollen Ammann und Altomirianos über den Winter ein neues Stück entwickeln.

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Kunst im Industriedenkmal

Der Künstler Ian Wiskow, eigentlich in Stralsund ansässig, möchte den Kunst- und Kulturtourismus in MV auch in Corona-Zeiten beleben und schickt mit ARTmv regionale Kunst auf Reisen. Für vier Wochen im August/September 2020 richtet Wiskow den DESIGN. markt. benzin aus, eine Plattform für das Kunsthandwerk mit Keramik, Glas, Schmuck und Metall. Einmalige Kulisse bietet dabei die historische Ziegelei Benzin, denn das alte Industriedenkmal wurde als Museum und Ausstellungsfläche umgenutzt. Fast 100 Jahre bis zur Wende wurden hier jährlich 1 Million Ziegel gebrannt. Der spektakuläre 60 Meter lange Ringofen für die Serienproduktion ist das Zentrum der kreativen Begegnung werden. 2021 soll ART-MV an mehreren wechselnden Orten stattfinden.

© MassivKreativ

© MassivKreativ

© MassivKreativ

Nachhaltiger Austausch

Fester Bestandteil eines jeden KreativLabs ist der lebendige und fruchtbare Austausch. Projektleiterin Corinna Hesse fragt und hakt nach:

  • Was braucht Ihr, um kreative Projektentwicklung am Standort MV durchzuführen?
  • Welche Partner, Kooperationen, regionale Bündnisse und Netzwerke sind hilfreich?
  • Welche Chancen sehr Ihr und findet Ihr vor?
  • Welche Hürden gibt es vor Ort und wie lassen sie sich gemeinsam überwinden?
  • Was sind die weiteren Schritte bei Euren Projekten?
  • Wo braucht Ihr Unterstützung bei der Finanzierung?

Fazit: Lübz bietet viel Platz für Ideen und für neue Kreativschaffende, die nach Entfaltungsmöglichkeiten suchen, nach Ateliers und Büros, nach Industriedenkmälern und Probebühnen.

© MassivKreativ

Informationen über Lübz

Lübz wurde im Jahr 1308 erstmals urkundlich erwähnt, erlebte einen Blütezeit im Mittelalter und einen Wandel bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts: aus der Ackerbürgerstadt wurde eine kleine Industriestadt – mit einer Brauerei, einer Molkerei, einer Zuckerfabrik, einem Elektrizitätswerk und einem Wasserwerk, in der DDR-Zeit kamen ein Milchzuckerwerk mit Molkerei und Käserei hinzu, ein Gemüsekombinat, ein Werk für Getreidewirtschaft, ein Agrochemisches Zentrum (ACZ) und Mineralwollewerke, die seit 1990 Dämmstoffe für das Unternehmen ISOVER produzieren. Wichtigster Arbeitgeber im Ort ist mit über 100 Beschäftigten die Mecklenburgische Brauerei Lübz, seit 2004 gehört sie zum Hamburger bzw. in Kopenhagen ansässigen Carlsberg-Konzern. Transformationen in der Wirtschaft führten vielerorts zu Leerstand, der nun mit Ideen und Impulsen von Kultur- und Kreativschaffenden und durch neue Nutzungskonzepte Schritt für Schritt abgebaut wird.

© MassivKreativ

Akteure und Projektvorstellungen:

Angela Siemon: Schützenhaus Lübz mit Eiscafé SL und Biergarten

Julia Theek: Upcycling, Radio Lübz, Lübzer Kunstspeicher 

Sophie Maria Ammann, Alexander Altomirianos: TUR TUR Theater (Benzin/Berlin)

Ian Wiskow (Stralsund): ARTmv / DESIGN. markt. benzin

Stefanie Raab und Corinna Hesse: Projektstart FreiRaumMV – kooperative Standortentwicklung in Westmecklenburg

Angelika Lübcke, Projekt „Mobi kommt“: Jugendfördervereins Parchim-Lübz

Claudia Ammann: Projekt „bancs publics“ (Kritzow/Benzin/Lübz)

Zirkuläre Kunst und Radio unter Sternen: die Künstlerin Julia Theek in Lübz

© Julia Theek

Julia Theek gehört zu den kreativen Zukunftstreibern in Lübz im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Mit innovativen Ideen und Konzepten hat die Potsdamer Künstlerin beherzt den Kampf gegen Leerstand aufgenommen. Ihr wichtigstes Projekt ist der Lübzer Kunstspeicher. Am Ziegenmarkt in der historischen Altstadt bezog sie zwei denkmalgeschützte Geschäftshäuser, u. a. ein ehemaliges Kolonialwarenhaus, und einen Speicher, restaurierte das gesamte Ensemble mit viel Herzblut und beachtlichen Eigenmitteln. Ihr Nutzungskonzept als Atelier- und Ausstellungshaus ist durchdacht und vielfältig: Kunst soll hier nicht nur konsumiert werden, sondern auch produziert. Theek hat daher Seminarräume für Workshops und Kunstkurse eingerichtet, eine Druckwerkstatt, ein Billardzimmer, eine Lounge sowie für längerfristige Aufenthalte von Besuchern 12 Gästezimmer geschaffen, die von Künstlern individuell gestaltet wurden. Ausgewählte Räume können für Ausstellungen genutzt werden, für private Feste und Firmenfeiern.

Fluchtpunkt für Großstadtbewohner

Viele Jahre war Julia Theek als Künstlerin in Potsdam aktiv und hat große Ausstellungen in Berlin und anderen Großstädten gestaltet. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass das Leben in den überfüllten Metropolen nicht immer ein Vergnügen ist. Und so lockt sie vor allem in den Sommermonaten großstadtmüde Künstler und andere Interessierte ins Atelierhaus, das von einem verwunschenen Garten am Gerberbach umrahmt wird. Die Künstlerkollegen können in Ruhe und eigenmotiviert an neuen Werken arbeiten oder in der hauseigenen Sommerakademie künstlerische Kurse und Workshops belegen oder selbst anbieten, zu Kunst ist dabei möglichst mit Upcycling verbunden – egal ob  Scratchart, klassischer Malerei und Kalligrafie. Die Künstlerdozenten kommen aus dem ganzen Land und am liebsten aus der Nachbarschaft aus Mecklenburg, Leipzig, Hamburg oder Berlin.

 © MassivKreativ

Stadt neu beleben

Aufbauend auf den Aktivitäten des Lübzer Kunstspeichers möchte die Stadt Lübz ein leer stehendes Quartier am Markt entwickeln. Julia Theek ist überzeugt, dass sich die Innenstadt neu beleben lässt. Ihr Vorschlag: Sie will Sommerateliers für Upcycling-Künstler einrichten, die Produzentengalerie „Zentrum für Zirkuläre Kunst“. Der Begriff kommt aus dem Umfeld der Kreislaufwirtschaft und verfolgt das Ziel, dass Material mehrfach verwendet, also zirkulär kreisen soll (siehe cradle to cradle-Bewegung – siehe Michael Braungart und das von ihm entwickelte Cradle to Cradle-Prinzip). Theek will entsprechend bereits vorhandene Ressourcen einbinden: Ateliers und Wertstofflager sollen aus ungenutzten Räumen entwickelt sowie Ausstellungen und Workshops angeboten werden.

Synergien

Das Zentrum für Zirkuläre Kunst (ZZK) ist für Kreative deshalb besonders interessant, weil hier eine neuartige Künstlerkolonie entsteht, deren Netzwerke sich potenzieren. Leerstand und trostlose Innenstädte werden von Kreativschaffenden mit Schaufensterausstellungen aufgewertet, damit Einheimischen und Gästen das Flanieren in den Innenstädten wieder Spaß macht. Eine Fensterausstellung ist in der Kirchenstr.19 und 20 von Mai bis Oktober 2020 zu sehen.

Das ZZK möchte nachhaltige Prozesse anstoßen und erforschen, die Öffentlichkeit sensibilisieren und Aufmerksamkeit für kreatives Upcycling generieren. Im Frühjahr 2021 wird daher der Upcycling- Kunstpreis upc ausgeschrieben. Ausgezeichnet werden kreative Einzelprojekte aus Alltagsgegenständen, die die Kluft zwischen Leben und Kunst zu überwinden helfen und die Faszination für bereits gebrauchtes Material steigern. Damit reiht sich der Preis und das Engagement des ZZK in die weltweite Upcycling-Bewegung ein, die ressourcensparende und zirkuläre Prozesse vorantreiben will und mit dem ökologischen Gedanken verbindet, vorhandene Dinge länger und anders zu nutzen. 


  © MassivKreativ

Kokreatives Schaffen

In der kreativen „Lübzer Bande“ werden ortsansässige Künstler, Handwerker und weitere Engagierte gemeinsam zusammenarbeiten. Sie wollen sich mit anderen Initiativen vernetzen, überregionale PopUp-Ausstellungen kreieren und sie im Netz bekannt machen. Julia Theek ist überzeugt, dass sich: Mit interessanten, lebendigen Orten wie dem Kunstspeicher und der Produzentengalerie das kulturelle Leben und der Tourismus in Lübz spürbar beleben lässt. Mit Dr. Gaja Amigoni kuratierte Julia Theek bereits 2014 eine Schaufensterausstellung gleichzeitig in Lübz und am Comer See in Bergamesco.

Upcycling

“Müllvermeidung und eine reflektiertere Haltung zu Konsum sind notwendig“, sagt Julia Theek, dabei muss  Upcycling auchim ländlichen Raum zstattfinden. Das Thema ist inzwischen in vielen Bereichen der Gesellschaft angekommen. Ausrangiertes erhält ein zweites Leben und oft auch eine neue Funktion. Beim kreativen Umnutzen können Künstler und lokale Handwerker, Jugendliche und überhaupt alle Interessierten zusammenarbeiten.. Mit Upcycling wird auch ein jüngeres Publikum erreicht, das im Zuge der Fridays-for-Future-Bewegung klare Vorstellungen von einer nachhaltigen und klimagerechten Zukunft hat. Die verlängerte Nutzungsdauer von Gebrauchsgegenständen und die Müllvermeidung stehen in ganz Europa auf der Agenda. Und: Upcycling kennt keine Einstiegshürden wie die Welt der Kunst. Wer Spaß am Gestalten, Experimentieren, am kreativen Umgang mit ausrangierten Dingen und Objekten und im Bearbeiten von Material hat, für den bietet Upcycling interessante Möglichkeiten „Upcycling ist der globale Name für alte Grundsätze“, erklärt Julia Theek. „Upcycling, Vintage und Shabby chic zeigen das Bedürfnis nach Tradition, nach Geschichte, nach Unikat“. Es gehe darum, alte Patina wertzuschätzen, den Materialwert und seine ästhetische Qualität zu erhalten, erweitert um neue Einsatzmöglichkeiten. Beispiele findet man in ihrem Upcyclingart-Blog. Überregional bietet Theek Vorträge und Seminare zu Recycling und Upcycling an. Auch Firmenberatung gehört zum Portfolio, etwa zur Inszenierung historischer Artefakte, zur Gestaltung digitaler und multimedialer Elemente, die möglichst vielschichtig und nachhaltig sind.  

© Julia Theek

Entschleunigung

Statt im Überangebot der Großstädte zu versinken und nur zu konsumieren bietet der ländliche Raum rundum Lübz Ruhe und Platz zum Atmen, Reflektieren, Gestalten. In Lübz ist alles herrlich entschleunigt. Gäste finden kleinstädtische Gemütlichkeit vor, attraktive Erholungsmöglichkeiten, charmante Cafés und individuelle Restaurants, dazu eine nette solidarische Nachbarschaft. Wer unternehmerischen Mut und Ideen mitbringt, findet finanzierbare Immobilien mit ausreichend Platz für künstlerisches Arbeiten, gestalterische Freiräume und ein potentes Kollegennetzwerk. Das alles schafft Lebensqualität, die Besucher bei zahlreichen Veranstaltungen selbst spüren können, z. B. an den Pfingsttagen zu Kunst offen, beim Turmfest und bei „Kunst heute“. Ortsansässige und Neubürger wissen dies zu schätzen. 


© Radio Lübz / MassivKreativ

Jüngste Projekte

Im „Zentrum für Zirkuläre Kunst“ beschäftigt sich seit 2014 ein vielseitig aufgestelltes Künstlerkollektiv mit dem Aufarbeiten von Fundstücken, mit nachhaltiger Kunst und Designlösungen aus gebrauchten Wertstoffen. In diesem Sommer mussten die Workshops abgesagt werden, aber mit dem Mehrgenerationenhaus und dem Projekt „Mobi kommt“ hat Julia Theek den Podcast Radio Lübz ins Leben gerufen. Die erste Staffel mit 12 Podcasts á 12 Minuten über Regionalgeschichte, Kleinstadtleben, das Zentrum für Zirkuläre Kunst oder Lübzer Bier entstand im Frühsommer. Theek telefonierte z. B. mit der Bürgermeisterin, einem jungen DJ und dem Geschäftsführer der ortsansässigen Lübzer Brauerei. Alle Podcast sind dauerhaft im Internet abrufbar. Im Lübzer Planetarium, das coronabedingt noch geschlossen ist, werden ausgewählte Podcasts bei „Radio unterm Sternenhimmel“ öffentlich vorgespielt, diskutiert und alte und neue Lübzer Geschichten weitergetragen. Sie sollen Mut machen, neue Ideen für die Region zu entwickeln, die schon heute erahnen lassen, wie die Zukunft von Lübz werden kann, kreativ und spannend, lebenswert und gemeinschaftlich.

 

PODCAST

Renaissance der bayerischen Porzellanstraße: Kreative im Fichtelgebirge

 © KÜKO Fichtelgebirge

Die Region im bayerischen Fichtelgebirge kämpft gegen Landflucht, Fachkräftemangel und Leerstand. Um neue Perspektiven zu eröffnen, setzt die dortige Entwicklungsagentur auf die systematische Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Erfolge sind vielversprechend! Ich habe mit ChancenergreiferInnen, MöglichmacherInnen und Weiterdenkerinnen der Region gesprochen.

Kreativwirtschaft als Motor

Der Landkreis Wunsiedel liegt an der bayerischen Porzellanstraße. Nach dem wirtschaftlichen Einbruch in den traditionellen Industrien im Kunsthandwerk und schwierigen wirtschaftlichen Jahren geht es jetzt wieder aufwärts. Die Abwärtsspirale ist gestoppt. Wie das gelungen ist, fasst Thomas Edelmann zusammen, er leitet die Entwicklungsagentur Fichtelgebirge: „Wir haben erkannt: Wir brauchen Kreativschaffende und deren Querdenken für die Fortentwicklung des Landekreises. Daher haben wir mit Kreativen der Region ein Verbundprojekt gestartet. Unser Landkreis Wunsiedel arbeitet eng mit der Künstlerkolonie Fichtelgebirge zusammen. Wir wollen gemeinsam das Thema Kreativwirtschaft nach vorne bringen. Da ist es förderlich, wenn wir die Kräfte bündeln. Weil die Kreativ-Unternehmen häufig klein sind, haben wir zusätzlich die Plattform KÜKO-Fichtelgebirge [=Künstlerkolonie] geschaffen, wo die Akteure der Branche sichtbar werden und sich noch stärker vernetzen können.“

 © KÜKO Fichtelgebirge

Netzwerkmanagerin

Die Entwicklungsagentur Fichtelgebirge verfolgt einen breit gefächerten, holistischen Ansatz. Sie kümmert sich nicht nur um Wirtschaftsförderung und Fachkräftesicherung, sondern auch um Regionalmanagement und Digitalisierung, Klimaschutz- und Bildungsthemen sowie um die Sichtbarkeit und Wahrnehmung der Region. Seit Februar 2019 Jahren finanziert die Entwicklungsagentur eine Netzwerkmanagerin im Forum Kreativwirtschaft Fichtelgebirge. Astrid Köppel widmet sich ausschließlich der Kreativwirtschaft und fungiert als Schnittstelle zwischen Landkreis und Kreativ-Akteuren. Sie vernetzt, informiert, vermittelt zwischen Kreativen einerseits und dem Landkreis andererseits sowie gegenüber Wirtschaftspartnern, Banken, Behörden, Gremien und Institutionen und findet überall die richtigen Ansprechpartner. 20% der Kosten für die Netzwerkstelle übernimmt der Landkreis (50.000 € pro Jahr per Kreistagsbeschluss), 80% kommen als Zuschuss aus Mitteln des Regionalmanagements im Freistaat Bayern durch das Bayerische Wirtschaftsministerium. Thomas Edelmann: „Ich empfehle auch anderen Regionen so wie bei uns einen festen Mitarbeiter zu installieren und zu finanzieren, der die Kreativen unterstützt, berät und für ihre Interessen eintritt. Das ist auch politisch betrachtet ein Ausrufezeichen, dass man in diesen Wirtschaftszweig der Kreativschaffenden speziell investiert.“

 © KÜKO Fichtelgebirge

Raumwohlstand

Leerstehende Gebäude machen eine Regionen unattraktiv. Doch sie bieten zugleich auch Freiraum, Raumwohlstand wenn man so will. Es ist eine Frage der Perspektive: Ist das Glas halb leer oder halb voll? Die Kreativen sehen eher die Chancen und Möglichkeiten und haben großartige Ideen für neue Nutzungskonzepte. Mittlerweile werden in ganz Oberfranken entsprechende Investitionen angeregt. Städtebauförderung, Förderung durch das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) sowie Sonderförderprogramme, z. B. die Förderoffensive Nord-Ost Bayern, geben inzwischen auch Geld dazu. Um neue Impulse von Kreativschaffenden zu erhalten, lädt der Landkreis Wunsiedel sie gezielt in die Region ein, wie Sabine Gollner, Vorsitzende im KÜKO e.V. erzählt: „Umworben werden kreative Menschen, die ihren Raum mitgestalten und teilhaben wollen am gesellschaftlichen Wandel. Hier in den kleinen Orten und Gemeinden kann man die Resultate der eigenen Arbeit viel direkter spüren und sehen, was passiert, wenn man sich einbringt. Das ist in den Metropolen sehr viel schwerer. Auf dem Land rufe ich einfach den Bürgermeister an, wenn mir wieder irgendeine Aktion einfällt.“ Gollner weist auch auf den wirtschaftlichen Schneeballeffekt hin. Wenn eine Region nach und nach attraktiver wird, ziehen mehr Menschen dorthin: „Vielleicht können wir hier sogar teilhaben an einer positiven Gentrifizierung: Jetzt günstig ein Haus kaufen und es in einigen Jahren möglicherweise mit Gewinn weiterverkaufen. Dann eventuell weiterziehen und helfen, andere Orte zu beleben. Eine Gentrifizierung, von der auch Kreative profitieren, kann auch im ländlichen Raum funktionieren.“

Sanierung statt Neubau

Bei der Leerstandsverwaltung und einer nachhaltigen Orts- und Stadtentwicklung hilft das cross-sektorale Netzwerk und Portal Freiraumleben.Fichtelgebirge. Leerstehende Immobilien und deren Eigentümer können darüber ausfindig gemacht werden: von Einzelhandelsobjekten in der Innenstadt über ehemalige Gewerbeflächen, Bauernhöfe bis zu gastronomischen Objekten. Kreative vernetzen sich mit Eigentümern, um gemeinsam neue kreative Nutzungskonzepte zu entwickeln. Das Kernteam des Netzwerkes besteht aus geschulten MitarbeiterInnen der Städte, Gemeinden, des Landkreises sowie der gKU Winterling Immobilien und der KÜKO-Künstlerkolonie. Auf der Website verlinkt ist ein Online-Verzeichnis mit Datenbank, die das Auffinden von Kreativen und deren Dienstleistungen erleichtert.

 © Freiraumleben.Fichtelgebirge / KÜKO Fichtelgebirge

Ausstrahlung nach außen

Bau- und Sanierungsprojekte, die bereits erfolgreich realisiert wurden, macht eine Film-Kampagne sichtbar. Sie entstand im Auftrag des Landkreises Wunsiedel, gefördert vom Regionalmanagement Bayern, Bayerisches Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat. Gute Beispiele strahlen über die Region hinaus und ziehen neue Fachkräfte und Kreative an. Sabine Gollner: „Es gibt genug Kreative in der Region, die porträtiert werden können und die Mut und Lust auf die Region machen. Menschen, die zeigen können, hier ist eine andere Art des Arbeitens möglich: weniger Hektik, mehr Freiraum, entspannte Wege und – vor allem – günstiger Arbeits- und Lebensraum. Abgesehen von dem Werbeeffekt nach außen können solche Portraits der Kreativen auch nach innen wirken. Regionale Kreativschaffende werden gestärkt und ermutigt, auch sich selbst sichtbarer zu machen.“

Raumwohlstand auf Reisen

Neben medialen Kampagnen setzte der Landkreis Wunsiedel auch auf Aktionen zum Anfassen, um Menschen von außerhalb auf die Region hinzuweisen und das Thema Raumwohlstand versus Raumknappheit greifbar zu machen. Mit Unterstützung kreativer Berater hat die Entwicklungsagentur ein analoges spielerisches Tool geschaffen: zwei unterschiedlich große transparente Glaswürfel, in die sich Menschen hineinbegeben können. Die Glaswürfel touren durch verschiedene Orte und sorgen auf Marktplätzen für Furore und Aufmerksamkeit von interessierten Neubürgern. Thomas Edelmann ist begeistert, wie gut das Gamification-Tool von den Leuten angenommen wird: „Das ist eine Bildsprache, die die Menschen sofort verstehen. Mit der Kampagne sprechen wir einerseits neue Unternehmen an, die in ihrer Heimatregion keine Expansionschancen mehr zu haben glauben und die sich nach neuen Wirkungsstätten umsehen. Andererseits zielen wir auf Familien, denn wir haben hier im Landkreis einen Naturpark, das ist ein Tourismusgebiet mit hervorragenden Lebensumständen. Und wir richten uns an Kreativschaffende, die nach neuen Flächen suchen, nach einem Büro oder einer kleinen Werkstatt.“

 © Sabine Gollner, KÜKO Fichtelgebirge

Kräfte bündeln im Kreativ-Netzwerk

Sabine Gollner kam im Jahr 2011 mit ihrer Familie nach Bad Berneck. Sie hatte zuvor im britischen Birmingham Architektur studiert und auch einige Jahre in der  Film- und Fernsehproduktion gearbeitet. Im Fichtelgebirge gründet sie mit ihrem britischem Partner ein neues Unternehmen: die Kreativagentur It’s About Time. Sie konzipieren kreative Projekte  speziell für den ländlichen Raum im Bereich Tourismus, Stadt- und Regionalentwicklung mit dem Fokus auf das Fichtelgebirge und Oberfranken. Die Projekte realisieren sie mit Partnern aus dem Netzwerk. Die QR-Tour Bad Berneck & Goldkronach z. B. ist ein europäisch gefördertes Pilotprojekt für Kultur- und Tourismus, das 2016 mit dem ADAC Tourismuspreis Bayern ausgezeichnet wurde. Im November 2011 hat Gollner die Künstlerkolonie-Fichtelgebirge initiiert und ist seitdem  Vorsitzende des Vereins – mit über 130 Mitgliedsunternehmen und Selbstständigen, eine Plattform und ein Netzwerk für Austausch und gegenseitige Inspiration. Das Community building erfolgt über Facebook mit derzeit 875 Abonnenten. Die Kreativen beweisen, dass Kultur die Regionalentwicklung beflügelt, dass sie als Motor und Impulsgeber wirkt. KÜKO initiiert immer wieder neue Kampagnen und Aktionen mit dem Ziel, Kreativschaffende vor allem mit der lokalen Wirtschaft zu verbinden. Ein Film-Clip gibt einen Überblick über die Vielfalt der Kreativschaffenden im Fichtelgebirge.

 © Sabine Gollner, KÜKO Fichtelgebirge

Kreative Traditionen

Astrid Klöppel und Sabine Gollner sind viel in der Region unterwegs. Sie ermutigen Zweifler, eröffnen Perspektiven, werben für Kooperationen und weisen unermüdlich auf den großen Nutzen hin: „Von Kreativen gehen entscheidende Impulse aus, die der ganzen Region gut tun“, sagt Gollner. Das Fichtelgebirge ist schon traditionsgemäß eine Kreativregion – mit einer kulturellen Geschichte voller Porzellan und historischer Baukultur. Ideenreichtum, Gestaltungskraft, handwerkliches und technisches Geschick seiner Bewohner haben die nordbayerische Region wieder auf einen erfolgreichen Kurs gebracht. Das östliche Oberfranken kann zum kreativen Innovationsinkubator werden. Gollner: „Was wir haben sind Geschichte, Kreativität, Zeit, Platz. Wohlstand in vielerlei Hinsicht also. Das alles gilt es jetzt positiv zu vermarkten. Und eine historische Zusammenarbeit: Dass die Landkreise und Städte Hof, Wunsiedel und Bayreuth landkreisübergreifend arbeiten.“

 © KÜKO Fichtelgebirge

Coworking

Gemeinsam mit der Entwicklungsagentur und dem Forum Kreativwirtschaft Fichtelgebirge entwickeln die Kreativen der Künstlerkolonie immer wieder neue Angebote, Formate und Kampagnen – sowohl für die eigene Branche als auch cross-sektoral und interdisziplinär mit anderen Wirtschaftspartnern. In Bad Berneck wurde die Schaltzentrale Bayern eröffnet, ein Coworking-Space, der kreative Kleinstunternehmen fördern und die Wirtschaftskraft der Region stärken soll. Das Konzept wurde von KÜKO im Auftrag des Amts für Ländliche Entwicklung (ALE) entwickelt. Sabine Gollner erklärt die Bedeutung dieser Zusammenarbeit: „Kommunen und Unternehmen in der Region können konkret etwas für die Kreativwirtschaft tun, indem sie Aufträge vergeben. Das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) machte 2016 einen mutigen Schritt, indem das Modellprojekt Coworking-Spaces im ländlichen Raum an unser Netzwerk KÜKO vergeben wurde. Verwaltung und Kreativschaffende nähern sich durch solche Prozesse an, steigern die Wertschätzung und Wahrnehmung der Arbeit auf beiden Seiten.“

Wirkung von außen nach innen

Das Fichtelgebirge bietet unterschiedliche Räume für verschiedene Bedürfnisse: neben dem Freiraum Natur gibt es günstige Wohnungen und Häuser, Ateliers und Büroräume, Ausstellungsflächen und dazu eine gut organisierte kreative Community! Um die vielen Vorteile auch außerhalb der Region bekannter zu machen, initiierte KÜKO eine Kreativ.Bustour nach Wunsiedel. Die Reise-Kampagne brachte viele interessierte Neubürger ins Fichtelgebirge. Heimische Kreativakteure führten die BesucherInnen an einem Wochenende in verborgene Häuser und Orte, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind. Höhepunkt war eine sehenswerte abwechslungsreiche Kunstausstellung der besonderen Art.

Die positive Außendarstellung des Landkreises unterstützen auch inzwischen 24 Botschafter des Fichtelgebirges, engagierte Einheimische, die beruflich viel unterwegs sind. Ihre Reisen und Gespräche nutzen sie, um für das Fichtelgebirge überregional, national und international zu werben. Sie kommunizieren die Potentiale und Schönheiten der Region und vermitteln Kontakte in die Region vermitteln. Die Kampagne wird von der Entwicklungsagentur Wunsiedel betrieben.

  © Stefan Heerdegen, Pixelio.de

Identitätsbildung nach innen

Die Kreativen binden gerne die BewohnerInnen der Region in ihre Aktionen ein, z. B. um wichtige identitätsstiftende Orte im Landkreis zu ermitteln. KÜKO startete dafür ein internationales Artist-in-Residence-Programm, bei dem Künstler von außerhalb auf einheimische BewohnerInnen treffen: Blicke von außen schärfen den Blick nach innen. Die Bad Bernecker fanden über die Kunstaktion heraus, welche Orte ihnen in ihrer Heimat wichtig sind und wie sie ihr Selbstverständnis prägen: die glanzvolle Kurgeschichte, die Kommunikation untereinander, die Natur und die Mobilität. Ausgewählt wurden am Ende ein historisches Wetterhäuschen, eine Kneippstatue, ein Telekom-Hotspot, ein Parkautomat und eine „Knutschbank“. „Wer sind Wir?“ fragte kürzlich auch das Fichtelgebirgsmuseum in Wunsiedel und hatte KÜKO als Partner eingeladen, eine Aktion im Landkreis Bayreuth durchzuführen. Gefördert wurde das Projekt im Fonds Stadtgefährten der Kulturstiftung des Bundes.

Sichtbarkeit und Storytelling

Das Fichtelgebirge hat sympathische und tatkräftige BewohnerInnen, die mit Kopf, Herz und Hand schon viel erreicht haben. Die kreativen Alltagshelden werden in medialen Geschichten präsentiert und bekannt gemacht. Die Medien-Kampagne und das Online-Portal Freiraum für Macher zeigen, was das Fichtelgebirge zu bieten hat: für Chancenergreifer, Möglichmacher, Weiterdenker, Traumverwirklicher, Familiengründer, Naturliebhaber. Es gibt Texte, Fotos und Filme über Stammbürger, Rückkehrer und Neubürger, über ihr Leben, ihre  Arbeit und Freizeit in der Region. Die Kampagne wird vom Landkreis Wunsiedel betrieben und als Projekt gefördert vom Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forst sowie vom Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER).

 © KÜKO Fichtelgebirge

Kreative Produkte als „Erinnermich“

Wenn Touristen Urlaub machen, möchten sie etwas Bleibendes mit nach Hause nehmen, das sie an die Region erinnert: ein kreatives Produkt, dass unverwechselbar ist, dass es nicht überall gibt. Mitglieder des KÜKO-Netzwerks haben neue, kreative Souvenirs für das Fichtelgebirge entwickelt. Im Pop-Up-Store SOUVENIR in Bad Berneck im ehemaligen NKD-Markt im Maintalcenter werden sie temporär zum Verkauf angeboten. Der Ort kombiniert Werkausstellung, Kulturraum und ein Magazin mit utopischen Visionen für die Region. Die Tourismuszentrale Fichtelgebirge sponsert zusammen mit KÜKO die Erstellung von Prototypen von Souvenirs und lobt auch einen Fachpreis aus.

 © KÜKO Fichtelgebirge

Überregionaler Austausch

Die Erfahrungen in der Regionalentwicklung teilt KÜKO gerne mit anderen Kreativnetzwerken in Deutschland, z. B. über Kreative Deutschland, den Bundesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Deutschland e.V., sowie über seine Landesverbände. Vom Austausch profitieren die Kreativen deutschlandweit, auch um gegenüber der Politik. 2019 fand die deutschlandweite Jahreskonferenz des Bundesverbandes in Röslau im Fichtelgebirge statt. Die Filmkampagne Peripher und ganz zentral entstand in Nachbereitung. Sie soll die Sichtbarkeit der kreativen AkteurInnen verbessern und eine mehrwertstiftende Verknüpfung herstellen – zwischen Kreativbranche und anderen Wirtschaftszweigen, ebenso zu Verwaltung, Politik und Fördergebern. Gemeinsam lässt sich besser Druck machen, auch außerhalb von Bayern mit erfolgserprobten Formaten und Modellen, z. B. einer Netzwerkmanagerin für Kreative, die Kultur- und Kreativwirtschaft mehr zu unterstützen. Die Investitionen in der Kreativen wirken sich in jedem Falle positiv auf die Regionalentwicklung aus. Das Fichtelgebirge beweist dies in vielerlei Hinsicht.

KreativLandTransfer: best practice

2020 wurde KÜKO im bundesweiten Programm KreativLandTransfer als best-practice-Projekt ausgewählt, denn: KÜKO ermöglicht mit besonderen Ansätzen kulturelle und lebendige Orte im ländlich Raum und stärkt die Region sozial, wirtschaftlich und kulturell. Die ausgewählten Projekte haben durch ihr herausragendes Engagement Vorbildswirkung für AkteurInnen in ganz Deutschland. In den kommenden Monaten werden sie ein Konzept erstellen, um ihre Erfahrungen an entstehende aussichtsreiche Projekte weiterzugeben. Mit fachlicher und organisatorischer Unterstützung von ExpertInnen und Coaches werden die Kenntnisse zudem in einem virtuellen Lernraum an die NachahmerInnen weitergegeben.

PODCAST

Standortpotentiale: 10 Mehrwerte von Kultur- und Kreativwirtschaft

 © Antje Hinz, MassivKreativ

Die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft erzielen durch ihr vielseitiges Wirken positive Effekte für die Wirtschaft und Standortentwicklung:

  1. sie sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor (Wertschöpfung, Umsatz)
  2. sie schaffen Arbeitsplätze, u. a. für Start-ups
  3. sie ziehen Fachkräfte an: mit innovativen Leistungen und kreativem Mindset
  4. sie beleben von Abwanderung bedrohte Regionen neu
  5. sie bewahren mit neuen (Um-)Nutzungskonzepten alte Immobilien und Werte
  6. sie denken wirtschaftliche Entwicklungen und Veränderungen voraus
  7. sie bringen durch digitale, agile Arbeitsmethoden und Innovationen zur Wirtschaft
  8. sie vernetzen sich cross-sektoral mit Wirtschaft, Verwaltung, Zivilgesellschaft
  9. sie sind hervorragende Kommunikatoren für neues Wissen, PR und Marketing
  10. sie bringen positive Impulse für die Unternehmenskultur
  11. sie sorgen mit Kreativität für ein offenes, tolerantes und lebenswertes Umfeld

 © Antje Hinz, MassivKreativ

Die positiven Effekte der Kultur- und Kreativwirtschaft gehen weit über die direkten Wertschöpfungsbeiträge hinaus. Sie wirken nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch, sozial, gesellschaftlich, kulturell. Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat eine Vorreiterfunktion für andere Wirtschaftsbereiche. Sie ist Vermittler zwischen Branchen und Arbeitsmethoden („new work“) und Treiber von Cross Innovation.

Inwiefern ist eine öffentliche Förderung und Investition in die KKW sinnvoll?

Zitate – Investionen in die Kultur- und Kreativwirtschaft zahlen sich wirtschaftlich aus [1] : 

„Die Kreativbranche hat ein hohes Potential gerade für Regionen im Strukturwandel.“
Walter Winter, Referent für Kreativwirtschaft im saarländischen Ministerium für Wirtschaft und Vorsitzender des Länderarbeitskreises Kultur- und Kreativwirtschaft.

„Ich empfehle so wie bei uns einen festen Mitarbeiter zu installieren und zu finanzieren, der die Kreativen unterstützt, berät und für ihre Interessen eintritt. Das ist auch politisch betrachtet ein Ausrufezeichen, dass man in diesen Wirtschaftszweig speziell investiert.“ Thomas Edelmann, Entwicklungsagentur Fichtelgebirge

„Gerade die kleinteilige Kreativbranche braucht einen Netzwerkmanager. Kleinstbetriebe haben wenig Zeit, sich über Förderprogramme oder neue Entwicklungen im Umland zu informieren oder herumzufahren. Dafür braucht es eine zukunftsorientierte Wirtschaftsförderstruktur und vor allem Personal. Das müssen die richtigen Leute sein, die den ländlichen Raum mögen, Kleinstunternehmen kennen und kommunikativ stark sind.“ Claudia Muntschick, Beraterin Ostsachsen, „Kreatives Sachsen“

“Kreative inspirieren nach innen und außen mit frischen Ideen, digitalen Kompetenzen, agilen Arbeitsmethoden, freien Gedanken, Lebensqualität und Innovationsfähigkeit. Die braucht man in einem kleinen und mittelständisch geprägten Unternehmensumfeld. Und das suchen auch Fachkräfte, die sich neu ansiedeln wollen.“
Christian Fenske, Technologie und Gewerbezentrum Wittenberge

„Die Kultur- und Kreativwirtschaft trägt zu Wertschöpfung und Beschäftigung im Land bei, schafft Arbeitsplätze und Einkommen. Jetzt sollen die Potentiale der Branche noch stärker erschlossen werden.“
Harry Glawe, Minister für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit in Mecklenburg-Vorpommern zur Vorstellung des Branchenberichtes KKW in MV 2016 [1]

[1]  Zitate aus der Studie: Strategiekonzept (2020) Standortoffensive Westmecklenburg: Wirtschaftsförderung 4.0 durch Kultur- und Kreativwirtschaft, Veröffentlichung: September 2020

[2] Die Kultur- und Kreativwirtschaft KKW in MV  

 © Antje Hinz, MassivKreativ

CoWorkLand: Mit Coworking gegen Landflucht – eine Initiative der Böll-Stiftung SH

 © MassivKreativ (Wir bauen Zukunft, Nieklitz)

Coworking ist in Großstädten ein gut gehendes Geschäftsmodell. Doch wie ist es auf dem Land? Bei einem Feldversuch hat die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein herausgefunden, dass gemeinschaftliches Arbeiten auch dort Interessenten findet. Ich habe mit Ulrich Bähr, dem Initiator und inzwischen auch geschäftsführenden Vorstand von „CoWorkLand“, gesprochen.

CoCreative Feldforschung

Alles beginnt als Experiment: Im Sommer 2018 startet die Heinrich-Böll-Stiftung in Schleswig-Holstein einen Testballon: eine Prototyping-Tour mit Coworking-Spaces. Mehrere Monate touren die Initiatoren um Ulrich Bähr durch den Osten Schleswig-Holsteins. Sie bringen mobile temporäre PopUp-Arbeitsplätze in städtische und ländliche Regionen und wollen herausfinden, welche Orte für Coworker attraktiv sind (und welche weniger). Ausgebaute Frachtcontainer bieten jeweils bis zu acht internetfähige Arbeitsplätze und zusätzlich freie Arbeitsgelegenheiten auf einer Terrasse.

 © CoWorkLand

Was Coworker suchen

Die Container machen Station an Gutshöfen, Stränden, Seeufern und öffentlichen Plätzen. Einige logistische Voraussetzungen müssen vor Ort vorhanden sein: schnelles Internet, Strom, Toiletten und Wasser, dazu guter Kaffee, schöne Ausblicke und vor allem: nette, offene, interessante Leute. Auf ihrer Reise mit den mobilen Arbeitsplätzen erfahren die MitarbeiterInnen der Stiftung, was genau die Coworker suchen. Kollaboration, Konzentration, Kommunikation, Austausch – diese Wünsche nennen die Nutzer von Coworking-Spaces am häufigsten – neben dem Bedarf am Arbeitsraum selbst. Ulrich Bähr: „Den meisten Coworkern geht es nicht unbedingt um Platz oder Arbeitsraum, sondern um sozialen Anschluss, darum sich zu vernetzen.“

Unterschiede in Stadt und Land

Bei der Auswahl der Orte, an denen die Container aufgebaut wurden, leisten Kreativschaffende vor Ort wertvolle Unterstützung. Bähr ist mit ihnen in ständigem Austausch. Partizipative Zusammenarbeit mit Akteuren bzw. Kokreation wird immer wichtiger, wenn Projekte gelingen sollen, insbesondere wenn sie Neuland betreten. Nach gut einem Jahr haben Bähr und seine MitarbeiterInnen wertvolle Einblicke in die konkreten Wünsche und Bedürfnisse erhalten: „Konzepte für Coworking-Spaces innerhalb einer Stadt lassen sich eher übertragen als auf dem Land. Während das Mindset der Coworker in der Stadt relativ ähnlich ist, sind die Kulturen auf dem Land wegen der Menschen eher unterschiedlich.“ Doch egal ob in der Stadt oder auf dem Land, Coworking beflügelt Innovationen.

 © MassivKreativ

Alter und Berufe der Coworker

Auch demografische und branchenspezifische Erfahrungen können die Initiatoren sammeln. Wie alt sind die Coworker und welchen berufen gehen sie nach? Ulrich Bähr: „In den Städten waren es vor allem junge Leute aus einem kreativen Umfeld. Auf dem Land treffen sich eher ältere Zielgruppe ist um die 30 bis 50 Jahre. Die Coworker dort kamen aus sehr vielfältigen Branchen, Handwerker, Steuerberater, Lehrer, sogar Soldaten.“ Der große Reiz und Vorteil von gemeinschaftlichem Arbeiten besteht darin, dass Menschen mit ihren Kompetenzen und Fähigkeiten sich gegenseitig ergänzen. Der eine kann das, was der andere nicht kann und dringend braucht. Diverse, heterogene Teams sind erfolgreicher als homogene Gruppen. Im Rahmen von CoWorkLand gab es in dieser Hinsicht einige gute Beispiele. Eine Erfolgsgeschichte hat Ulrich Bähr miterlebt: „Ein Pensionär aus München kam erwartungsvoll zu CoWorkLand. Er hatte dort gerade sein Sanitätshaus aufgegeben, war in ein kleines Dorf bei Kiel gezogen und wollte nun einen Onlineshop für Rollstühle aufbauen. Er traf in unserem Coworking-Space zufällig auf einen etwa 30 Jahre jüngeren Mann aus einem anderen Dorf, der gerade einen Onlineshop für orthopädische Kissen aufbaute. Es gab Synergien und beiden taten sich zusammen. Eine schöner Kooperation, gewachsen auf einem Acker hinterm Deich am Schönberger Strand bei Kiel.“

 © CoWorkLand

Coworking zur Dorfbelebung

Ulrich Bähr führt viele Gespräche. Er erfährt, dass gerade auf dem Land der Bedarf an Austausch groß ist. Durch Abwanderung und Demografiewandel haben sich traditionelle Treffpunkte häufig aufgelöst. Gespräche und Dialoge bleiben auf der Strecke und damit der soziale Kit, die Basis für unser Zusammenleben. Wenn die Menschen nur noch zum Schlafen in die Dörfer kommen und alle anderen Dinge – Arbeit, Einkauf, Freizeit – an anderen Orten gelebt werden, ist das Dorf tot. BewohnerInnen im ländlichen Raum haben das längst erkannt. Coworking-Spaces  könnten eine Lösung sein. Doch wo und wie lassen  sie sich erfolgreich betreiben? Olaf Bähr: „In manchen Dörfern wohnen schon Kreative, da denken die Leute vorwärts. In anderen Dörfern ist alles noch sehr, sehr konservativ. Gut geeignet für einen Coworking-Space ist die sogenannte „neue Dorfmitte“, wo es bereits einen Hofladen gibt, eine Kita, ein Restaurant, ein Hotel oder auch eine Arztpraxis. Dort können multifunktionale hybride Orte entstehen, die eine vielfältige Versorgungsfunktion übernehmen.“

Genossenschaft

Gudrun Neuper, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, begleitet das Coworking-Projekt ehrenamtlich. Sie sagt: „Kein Coworking Space auf dem Land gleicht dem anderen, überall ist es anders. Aber stets ist die Kreativwirtschaft ein fruchtbarer Teil davon.“ Die mobilen Container wirken als Impuls und Initialzündung. So könne man zunächst Interesse und Bedarfe klären und erste Impulse setzen. Die Nachfrage war so groß, dass die Böll-Stiftung mit der CoWorkLand eG nun eine Genossenschaft gegründet hat, die ein organisatorisches Dach für die Initiatoren und Betreiber von Coworking-Spaces bietet. Seit 2019 sind über 50 von Schleswig-Holstein bis Bayern entstanden. Neupers wichtigste Erkenntnis: „Was man für das Gelingen unbedingt braucht, sind bereits gewachsene Netzwerke und Communities vor Ort und die Bereitschaft der Gemeinden, Wirtschaftsförderer und Regionalentwickler, die Communities und die Coworking-Projekte bei ihren Vorhaben zu unterstützen.“ 

So finden sich immer mehr couragierte Akteure, die das Experiment wagen und einen eigenen Coworking-Space aufbauen bzw. betreiben wollen. Doch die meisten haben immensen Beratungsbedarf. Die Fragen der Coworker von morgen ähneln sich: Welche Rechtsform soll ich wählen? Welches Personal brauche ich? Wie regele ich Buchhaltung und Steuern? Welche Versicherungen sind nötig? Wie komme ich an Fördermittel? „Es gibt eine Menge Hürden, die die Leute überwinden müssen“, weiß Ulrich Bähr. „Da wir nach einem halben Jahr 50 solcher Akteure hatten, haben wir gesagt: OK. Ihr konzentriert euch auf die Dinge vor Ort, die Coworkings zu gestalten. Und wir gründen eine Genossenschaft, um genau die organisatorisch-verwaltenden Themen zentral zu bearbeiten und Euch damit zu unterstützen. Inzwischen sind wir ein Netzwerk von fast 50 GenossInnen.“

 © CoWorkLand

Solidarprinzip

Im Februar 2019 wird CoWorkLand zum gemeinschaftlichen Dach unter Federführung der Heinrich-Böll-Stiftung. Das genossenschaftliche Denken entspricht voll und ganz dem Selbstverständnis und den Werten der Stiftung. Im Fokus stehen das Solidarprinzip sowie eine nachhaltige und gemeinwohlorientierte Unternehmensführung, getreu dem Motto: „Einer für alle, und alle für einen“. Die weltumspannende Idee der Genossenschaft begeistert weltweit bereits 800 Millionen Mitglieder in über hundert Ländern. Und sie hat nochmals Auftrieb bekommen, seit die UNESCO Ende 2016 beschlossen hat, die Genossenschaftsidee als immaterielles Weltkulturerbe anzuerkennen. Hierzulande ist die Idee eng mit ihren Gründungsvätern Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich-Wilhelm Raiffeisen verbunden und Teil unserer Erinnerungskultur.

 © MassivKreativ

Empowerment

CoWorkLand unterstützt in der Genossenschaft kreative und innovativ denkende und handelnde Mitglieder. Es ist ein Netzwerk entstanden, das Gründer und Selbstständige inspiriert und professionalisiert, eigene Coworking-Spaces auf dem Land zu entwickeln, damit die BewohnerInnen möglichst an vielen Orten im ländlichen Raum ortsunabhängig arbeiten können. Am besten an Orten, die bereits da sind und an denen es passt: im Gasthaus, im Dorfladen, in der Scheune.

Im Sommer 2020 gibt es etwa 26 aktive CoWorking-Spaces im CoWorkLand, u. a. Cobaas in Preetz, Cocina Coworking-Kitchen in Kiel, MS39 in Soltau, Tiny House PopUp-Campus in der Hafencity in Hamburg, Westerwerk in Itzehoe und Wir bauen Zukunft in Nieklitz in Mecklenburg-Vorpommern. Ständig kommen neue Orte hinzu. Ein wichtiger Baustein der Genossenschaft sind Tageskurse mit Coachings , die das nötige Wissen und Rüstzeug vermitteln. CoWorkLand unterstützt seine Mitglieder bei der Gründung und beim Betrieb von Coworking-Spaces auf allen Ebenen, hilft z. B. auch beim überregionalen Marketing, bei der Buchhaltung mit einer  Abrechnungsplattform und berät zum Thema Förderung. Ulrich Bähr: “Gerade im ländlichen Raum sehen wir zur Zeit keine geeigneten Förderprogramme. Es gibt nur alte Förderprogramme, die auf die neuen Orte nicht passen. Wenn diese neuen Coworking-Orte entstehen, brauchen sie weniger investive Förderungen, sondern vor allem Betriebsmittel für das normale Auskommen… Zusätzlich vernetzen wir die Coworker zum Wissensaustausch untereinander und bieten ihnen Qualifizierungskurse an, z. B. zum Community Management.“

 © MassivKreativ  (Wir bauen Zukunft, Nieklitz)

Mehrfachnutzen: alle profitieren

CoWorking auf dem Land ist in mehrfacher Hinsicht zukunftsorientiert. Mit der Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten sorgt es für gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land. Coworking auf dem Land schützt das Klima, weil die DorfbewohnerInnen nicht jeden Tag in ein Büro in der Stadt fahren müssen. So gewinnen die Menschen Lebenszeit und Lebensqualität, können Familie und Beruf besser vereinbaren. Zusätzlich werden Straßen und Verkehr entlastet. Mit den Coworking-Spaces gelangen digitale Kompetenzen aufs Land, die gerade ältere Menschen dringend brauchen, wenn sie nicht mehr mobil sind und ihre Versorgung z. B. über Handy und Computer regeln müssen. Ihre Fragen im Umgang mit Geräten und Software können die digitalen Nomaden in den Coworking-Spaces leicht beantworten.

Coworking wirkt so als Türöffner für den alltäglichen sozialen Austausch, von dem alle profitieren: digitale Nomaden, Freiberufler, Start-up-Gründer und Senioren vor Ort. Jeder profitiert vom Wissen der anderen. Ältere Menschen können jüngeren Coworkern mit Lebenserfahrung helfen, wertvolle Kontakte in die Gemeinde vermitteln sowie lohnenswerte Orte für Ausflüge und Freizeit empfehlen. Die digitalen Knotenpunkte in den Coworking-Spaces helfen dabei, durch persönlichen analogen Austausch neue Gemeinschaften zu bilden, sich gegenseitig zu helfen und zu inspirieren. Ländliche Ortskerne könnten wiederbelebt werden. Wo Menschen arbeiten, siedeln sich auch Familien, Kitas, Läden, Restaurants, Cafés und Vereine an. Coworking Spaces werden zu Keimzellen kreativen Unternehmertums.

 © MassivKreativ

Bildung, Medien, Nachhaltigkeit

Die spannenden Verbindungslinien zwischen analog und digital beschäftigen Ulrich Bähr schon sehr lange. Er ist ursprünglich als „Digitalisierer“ zur Heinrich-Böll-Stiftung nach Kiel gekommen. Nach dem Studium der Medienwissenschaft ist er einige Jahre bei Volkswagen tätig. Um die Jahrtausendwende sind die Berührungsängste gegenüber digitalen Bildungsangeboten noch groß. Bähr experimentierte zur Frage, wie sich Mobilität und Medienkompetenz für Jugendliche verbinden lassen. Wenig später machte sich Bähr selbständig, arbeitete weiterhin für VW, aber auch für andere Kunden. Im Fokus stehen: Bildung, neue Medien, Internet, vor allem auch Nachhaltigkeit. Seine Kunden sind Greenpeace, der WWF, Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung, Bundesrat, viele Landesparlamente. Der Weg zur Bildungsstiftung in Kiel ist geebnet, denn auch die Böll-Stiftung sucht in dieser Zeit nach neuen Formaten und Methoden für die Vermittlung. Im Juni 2016 übernimmt Ulrich Bähr bei der Stiftung die Projektleitung “Digitalisierung & ländliche Räume”.

Analog und digital

Das partizipative Denken, das CoWorkLand auszeichnet, treibt Bähr schon damals um: „Es gibt ja viele Methoden aus dem Dunstkreis der „Neuen Arbeit, d. h. dass man Inhalte gemeinsam erstellt und nicht mehr diese top-down-orientierte Lehrer-Schüler- Position einnimmt. Es ging also um die Frage, ob man Formate mit prozessualen CoCreationen auch für eine Bildungsinstitution fruchtbar machen kann.“ Bei der Verständigung über Schnittstellen zwischen analogen und digitalen Lernformaten rückt auch das Thema städtischer und ländlicher Räume in den Fokus. Und so reift die Idee, ein urbanes Thema in die Provinz zu tragen. CoWorkLand ist innerhalb kürzester Zeit zur Erfolgsgeschichte geworden. Was in der Stadt als Spielwiese für junge Kreative entstanden ist, wird auf dem Land als analoge Andockstation weitergedacht, über die sich sich persönliche Kontakte zwischen den Generationen, zwischen Alt- und Neubürgern entwickeln. So hilft Coworking auch dabei, dem Trend der Landflucht entgegenzuwirken.

 © MassivKreativ

Ausblick: Studie und Kongress

Derzeit untersucht die Bertelsmann-Stiftung in einer zweiteiligen Studie, welche weiteren Wirkeffekte durch Coworking noch entstehen können. Austausch und Teilhabe gehört zu den Voraussetzungen von erfolgreichem gemeinschaftlichen Arbeiten. In diesem Sinne wird auch der Kongress Coworking auf dem Land dazu beitragen, dass weitere Ideen entstehen und partizipative Projekte vorangetrieben werden. Vom 21.4. – 23.4.2020 lädt die „dvs Vernetzungsstelle“ zu einer Kooperationsveranstaltung ein – gemeinsam mit CoWorkLand und Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, der Akademie für die Ländlichen Räume Schleswig-Holsteins e. V. sowie dem Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein. Am ersten Tag sind Vorträgen und Workshops im Atelierhaus auf dem Anscharcampus in Kiel zu erleben, ein Ökosystem von KünstlerInnen, DesignerInnen und anderen Kreativen sowie engagierten Menschen für Nachhaltigkeit und Inklusion, weitere Impulse liefert der Muthesius Transferpark. Am zweiten Tag des Kongresses führt eine Bustour zu spannenden Coworking Spaces der Region.

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