Schweine, Landleben und Politik: der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde

 © Jerzy Sawluk, pixelio.de

Seine Schweine und seine Serie „Marundes Landleben“ haben den Cartoonisten und Illustrator Wolf-Rüdiger Marunde  bekannt gemacht. Marunde wurde in Hamburg geboren, ist später in ländlichem Umfeld auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein aufgewachsen und lebt seit 1988 im Wendland. Er hat für viele Print-Magazine gezeichnet, u. a. für Brigitte, Stern und Pardon. Bis heute erscheint ein wöchentlicher Cartoon von ihm in der HÖRZU.

 © MassivKreativ: Wolf-Rüdiger Marunde

Wandler zwischen Stadt und Land

In seinen lebensprallen Zeichnungen und Illustrationen nimmt Marunde häufig Bezug auf das Landleben. Seine Helden und Charaktere stammen  jedoch aus Stadt und Land, häufig Tiere, sehr oft Schweine, aber auch menschliche Zeitgenossen, wie Bauern, Jäger, Großstädter und Umweltaktivisten. Wenn beide Welten aufeinander treffen, ergibt sich „Zündstoff“. Im Interview erzählt Marunde, wie seine künstlerische Arbeiten entstehen, wie er recherchiert, kreative „Feldstudien“ betreibt und wie sein Tagesablauf aussieht.

  © Karl-Heinz Laube, pixelio.de

Themen zwischen Umwelt und Politik

Auch Umwelt und Politik thematisiert Marunde in seinen Arbeiten. Im Interview berichtet er, was für ihn das Besondere am Wendland ist, wie er die Anti-Atomkraft-Bewegung rund um Gorleben erlebt hat, wie die Kulturelle Landpartie – kurz KLP – einst begann und wie er heutige gesellschaftliche Entwicklungen und Probleme sieht. Marunde spricht auch darüber, welche Rolle Künstler in der Gesellschaft spielen, ob und wie sie sich politisch engagieren sollten.

  © MassivKreativ: Wolf-Rüdiger Marunde und Antje Hinz

 

PODCAST-INTERVIEW

Schweine, Landleben und Politik: der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde

Kreative Ideen für das Dorf: Rüterberg an der Elbgrenze in Mecklenburg

  © MassivKreativ

Rüterberg hat eine besondere Geschichte: Zu DDR-Zeiten war der kleine Ort an der östlichen Elbgrenze komplett von Grenzanlagen umzäunt und nur über ein kleines Tor passierbar. Bis unerschrockene Bürger einen Tag vor dem Mauerfall am 8. November 1989 die „Dorfrepublik Rüterberg“ ausriefen. Seitdem hat sich einiges im Ort getan, dank kreativer Ideen engagierter Bürger.

Das umzäunte Dorf der DDR

Wegen seiner besonderen Lage hat Rüterberg Geschichte geschrieben. Zu DDR-Zeiten war der kleine Ort von der Außenwelt nahezu abgeschlossen. Die 140 Bewohner konnten nur durch ein Tor in die Außenwelt gelangen, zwischen 5 Uhr morgens und 23 Uhr abends. Nachts blieb das Tor geschlossen. Wer zu spät kam, musste außerhalb des Ortes übernachten. Tagsüber wurde das Tor von Grenzsoldaten streng bewacht. Passkontrollen waren für die Dorfbewohner allgegenwärtig. Besuch musste sechs Wochen vorher angemeldet werden. „Wenn ein Baby schneller auf die Welt kam als geplant, hatten die Eltern das Nachsehen. Sie mussten den Nachwuchs alleine feiern, weil die auswärtigen Gäste so kurzfristig keinen Passierschein bekamen“, erzählt Meinhard Schmechel. Er war von 1981 bis 2004 Bürgermeister von Rüterberg. Selbst bei Todesfällen blieb die Staatsmacht unbarmherzig. Sondergenehmigungen wurden nicht erteilt. So fiel der Kreis der Trauergemeinde in Rüterberg oft kleiner aus als anderswo im Land. 

  © Carola Borchers; Meinhard Schmechel im Interview

Dorfrepublik Rüterberg

„Ich konnte mir meinen Besuch immer aussuchen“, erinnert sich Schmechel augenzwinkernd. Mit Galgenhumor reagierten die Rüterberger häufig auf das abgeschiedene Leben an der Elbgrenze. Spontan passierte hier nichts. Manchmal blieb sogar tagsüber das Tor geschlossen, so dass die Rüterberger nicht pünktlich zur Arbeit kamen. Begründungen lieferte die Staatsmacht nie, Fragen war nicht erwünscht. Doch kurz vor dem Mauerfall wagten die Bürger den Aufstand. 

Am 8. November 1989 riefen die Rüterberger auf einer Einwohnerversammlung nach dem Vorschlag des Schneidermeisters Hans Rasenberger die „Dorfrepublik Rüterberg“ aus – nach dem Vorbild der Schweiz. Rasenberger hatte sich intensiv mit der Schweizer Geschichte und Verwaltung beschäftigt. Seit 1988 durfte er mit einer Sondergenehmigung Verwandte in Westdeutschland besuchen, reiste auch in die Schweiz und erfuhr dort im Umfeld der Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag vom Rütlischwur. Langsam reifte der Plan, aus Rüterberg eine Dorfrepublik zu machen.  Auf der Einwohnerversammlung verteilte er ein Papier  und schlug darin vor, die Dorfrepublik als Urform der „Direkten Demokratie“ zum Modell für Rüterberg zu machen. So sollte die Basis dafür geschaffen werden,  dass sich die Rüterberger ihre eigenen Gesetze für ihr Dorf schaffen konnten. Die Bürger stimmten geschlossen zu. 

  © MassivKreativ: Elbblick vom Aussichtsturm

„Die Apparatschiks waren ziemlich irritiert und fragten einen Tag später – also am Tag des Mauerfalls am 9. November noch mal nach, ob das Ausrufen der „Dorfrepublik“ wirklich ernst gemeint gewesen sei,“ erinnert sich Bernd Schmechel. „Kurios war, dass wir bereits am 10. November in den Westen reisen durften, aber nach Rüterberg noch immer kein Fremder hinein durfte.“ 

Der Titel „Dorfrepublik“ wurde später offiziell „genehmigt“. Am 14. Juli 1991 erteilte der Innenminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern der Gemeinde das Recht, die Bezeichnung „Dorfrepublik 1961–1989“ (ab 2001 „Dorfrepublik 1967–1989“) auf allen Ortsschildern als Zusatzbezeichnung zu führen. 100 Jugendliche aus 19 Nationen waren anwesend., als der Gemeinde die Urkunde überreicht wurde. Seit 21. Oktober 2002 heißt das Dorf wieder Rüterberg, das außergewöhnliche Schuld steht noch immer am Eingang des Ortes. 

  © Uta Sander; Carmen M. Borchers  im Interview

Rüterberg heute

184 Einwohner leben heute in Rüterberg. 50% Einheimische und 50% Zugezogene, viele aus den alten Bundesländern. Beim Miteinander gibt es noch Luft nach oben, findet Carmen M. Borchers. Sie hat nach der Wende ein traditionelles Klinkerhaus in Rüterberg gekauft und ist quasi als Neubürgerin in den Ort gezogen. Zuvor hatte sie in Hamburg ein bewegtes Berufsleben geführt, war u. a. als Übersetzerin, interkulturelle Trainerin und Bildungscoach tätig. An den Wochenenden zog sie sich zum Auftanken nach Rüterberg zurück, bis sie ihr Domizil ganz nach Rüterberg verlegte.

  © Carmen M. Borchers: Produkte der Elbgoldmanufaktur   

Regionale Köstlichkeiten

Heute erfindet und vermarktet sie heute kleine Delikatessen aus der Natur. Ihre Elbgoldmanufaktur auf der rechten Seite der Klinkerstraße produziert aus eigener „Pflückung“ oder aus der Ernte der Nachbarn Marmeladen, Gelées, Chutneys, Essig-Essenzen, Öle, Liqueure, Kräutersalz und weitere Köstlichkeiten. Borchers sieht es als Hobby. Denn ein neues wichtiges Vorhaben im Ort fordert ihre Aufmerksamkeit. Aus der alten Schule bzw. dem ehemaligen Gasthaus soll ein neues Gemeinschaftshaus werden. 

   © Carmen M. Borchers: Gemeinschaftshaus Rüterberg 

Umnutzung der alten Schule

Gemeinsam mit etwa 50 weiteren MitstreiterInnen, unter ihnen auch Meinhard Schmechel, hat Carmen Borchers einen Verein gegründet, der das Projekt „Gemeinschaftshaus“ zur Chefsache erklärt hat. „Durch das Haus und das gemeinsame, schöpferische Tun sollen alte und neue Rüterberger enger zusammenwachsen“, wünscht sich Borchers, einen Treffpunkt und Raum für kreative Initiativen von und für die Dorfbewohner. Die örtlichen Vereine – Karneval-, Feuerwehr-, Bootsverein und der Förderverein der Tongrube (siehe Artikel unten) – hätten wieder die Möglichkeit, dort Treffen und Veranstaltungen durchzuführen.

Soziales Miteinander

Alle, die im Ort kreativ und kulturell tätig sind, könnten die Räume im Gemeinschaftshaus nutzen, um ihre Arbeiten zu präsentieren und Veranstaltungen, Lesungen, Literarische Salons, Kinovorführungen, Sportkurse und Treffen von Kreativgruppen anzubieten. Borchers fasst das Anliegen des Vereins so zusammen: „Wir glauben, dass wir durch ein Gemeinschaftshaus, an dem alle, Jung und Alt, Einheimische und Zugezogene, Kreative und handwerklich Tätige sich beteiligen können, damit der soziale Zusammenhalt und das Zusammenleben positiv befördert werden. Wir glauben, dass es einen „Ort für alle“ geben sollte, an dem durch ehrenamtliche Mitarbeit das „Gesicht des Dorfes“ noch ein anderes bzw. schöneres Profil bekommen könnte.“ 

  © Carmen M. Borchers: Heimatstube

Geschichte(n) in der Heimatstube

Auch ein kleines Heimatmuseum – die „Heimatstube“ –  soll wiederbelebt werden. Sie zeigt Alltagsgegenstände und historische Zeugnisse aus der Zeit der DDR. Das Museum kann aus Personalgründen im Moment nur stundenweise auf Anfrage geöffnet werden, z. B. wenn Schulkassen anfragen. Die jungen Besucher lauschen dann oft staunend den Zeitzeugen-Schilderungen von Bernd Schmechel. Borchers hofft, dass das Museum bald aktualisiert werden kann, denn die neuere Geschichte von Rüterberg nach 1989 fehlt noch im Museum.

   © Carmen M. Borchers: Heimatstube 

Ein neues Gemeinschaftshaus 

Das neue Nutzungskonzept der Rüterberger liegt schon eine ganze Weile in der Stadtverwaltung von Dömitz. Zu lange, findet Schmechel. Die Ungeduld wächst, nicht nur bei ihm. Die Bürger stehen in den Startlöchern, um die alte Schule gemeinsam zu restaurieren und ihr als Gemeinschaftshaus neues Leben einzuhauchen. Doch die Stadt Dömitz braucht dringend Geld und würde das alte Haus am liebsten verkaufen. Die Rüterberger hingegen hoffen, dass sie ihr Gemeinschaftshaus mit eigenem Nutzungskonzept selbst verwalten und „bespielen“ dürfen. Eine Bearbeitung des Antrags der Rüterberger ist trotz Nachfrage der Rüterberger bislang in Dömitz nicht erfolgt. Der Ausgang ist im Juni 2018 noch offen …

  © Carmen M. Borchers: Gastronomie im Gemeinschaftshaus

   © Carmen M. Borchers: Gastronomie im Gemeinschaftshaus

Sanfter Tourismus  

Viele Rüterberger hoffen, dass sich auch ein neuer, motivierter Pächter für das Gasthaus und die vier Zimmer findet, die ebenfalls in der alten Schule ansässig sind. Eine gut gehende Gastronomie mit Herz ist wichtig! Ziel ist für Rüterberg ein maßvoller Tourismus, der den Charme und die Idylle im Ort bewahrt. Manche wollen einfach nur ihre Ruhe, weiß Borchers. Doch Meinhard Schmechel berichtet: „Schon heute radeln im Sommer zwischen 400 und 500 Besucher durch den Ort. Die Gäste bewundern die einzigartige Natur an der Elbe und würden sich freuen, wenn sie hier auch eine Kleinigkeit essen oder trinken und vielleicht über Nacht bleiben könnten“, sagt Borchers. 

  © Carmen M. Borchers: Kunst aus der Natur

  © Carmen M. Borchers: Kunst aus der Natur

Kunst und Kreatives  

Zu Pfingsten öffnet Carmen M. Borchers ihr Haus für Kunst offen. Sie lädt Künstler in ihr hübsches Klinkerhaus ein, die den Besucher ihre Werke zeigen und über ihr kreatives Schaffen Auskunft geben: „Auf Augenhöhe, ganz unakademisch, so als würde man mit einem Freund oder einer Freundin plaudern“, erzählt Borchers. Fragen sind ausdrücklich erwünscht. So können sich nicht nur Kontakte zwischen Künstlern und Besuchern entwickeln, sondern auch zwischen den Bewohnern  untereinander. Diese Chance könnten die Rüterberger noch stärker nutzen, findet Borchers. Ihr Haus stehe jederzeit offen, bekräftigt sie.  

  © Carmen M. Borchers

Tongrube

Ein idyllisches Refugium für Naturliebhaber ist die ehemalige Tongrube am linken Ortseingang von Rüterberg. Wo früher Ton für das Klinkerwerk gewonnen wurde, hat sich über die Jahre ein kleiner See gebildet, der von den Rüterbergern gerne zum Baden genutzt wird. Der Förderverein Naturschutz Elbetal e.V. hat einen Natur-Erlebnispfad angelegt und mit Informationstafeln versehen.

Rüterberg ist ein Traum für Naturliebhaber und Ausgangspunkt für den Sprung über die Elbe ins Wendland. Den haben schon die Ahnen von Rüterberg gewagt. Das Wappen von Rüterberg zeigt einen Ritter, der einst vom Rüterberg mit seinem Pferd hinüber gesprungen sein soll, um Rüterberg von Räubern zu befreien. Heute kann der Sprung über die Elbe völlig zweckfrei unternommen werden … 

PODCAST-INTERVIEW

Kreative Ideen für das Dorf Rüterberg an der Elbgrenze in Mecklenburg


Mind the Progress – Kongress zu Kreativität und Digitalisierung

 

 

 

 

© MassivKreativ

Ist es denkbar, dass der DJ-Beruf ausstirbt und von einer Künstlichen Intelligenz, kurz KI, ersetzt wird – in Clubs und auf Festivals? Ist vorstellbar, dass wir auf der Tanzfläche über ein digitales Armband getrackt und mit einer KI vernetzt werden, während der künstliche Watson-DJ in Echtzeit den passenden Beat und Stil in den Saal hineinspielt – abgestimmt auf den Pulsschlag der Tänzer? Inwiefern macht Künstliche Intelligenz der menschlichen Kreativität Konkurrenz? Diesen und weiteren Fragen widmete sich der zweitägige Kongress „Mind the Progress“ in Hamburg.

Kreative Vielfalt durch Digitalisierung

Kreative sind „Pioniere in der Veränderung von Marktsituationen“, lobte Kultursenator Carsten Brosda in seinem Eröffnungsvortrag die Innovationskraft von Kreativen. Und mahnte, viele in Deutschland würden Veränderungen ignorieren bzw. verschlafen. Symbolisch für die Situation kursiere ein Satz über Startups: „In Israel werden sie erfunden, in den USA monetarisiert und in Deutschland reguliert.“ Der Kongress und seine kompetenten Referenten lieferten in vielfältigen Formaten vor allem abwechslungsreiche Beispiele aus den Bereichen Kreativität und Digitalisierung. In Keynotes, Panels, Vorträgen und im Rahmenprogramm konnten die Besucher ihren Blick auf das Thema erweitern. 

 

 

 

 

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Was ist Kreativität?

Kreative Produktionsprozesse werden dank Digitalisierung immer bunter und vielfältiger. Virtual Reality, Augmented und Mixed Reality sorgen ebenso wie 3D-Druck für neue Ausdrucksmöglichkeiten. Künstliche Intelligenz, kurz KI, dringt zunehmend in künstlerische Bereiche ein. 

Kreativ zu werden heißt, etwas Neues zu erfinden. Dies gelingt auch, wenn Altes neu kombiniert wird. Ob das Neue auch innovativ ist und einen Mehrwert liefert, entscheiden wir Menschen. Unzählige Berater und Coaches strömen seit Jahren durch Institutionen und Unternehmen, um Mitarbeitern angebliche Geheimtipps für mehr Kreativität zu vermitteln. Dabei ist noch gar nicht geklärt, wie Kreativität überhaupt entsteht. In seiner Keynote sprach Sascha Friesike, ursprünglich  Wirtschaftsingenieur, der jetzt an der VU Universität in Amsterdam lehrt und u. a. in Stanford und St. Gallen forschte, über Herausforderungen, Risiken und Chancen beim digitalen Wandel. Wie verändert sich das Verhältnis von Inhalt und Technologie, Kreativität und Digitalisierung? Inwiefern sind digitale Technologien Medium für kreative Ausdrucksformen? 

Friesike zeigte in seinem Impulsvortrag anhand von Beispielen, dass Transformation nicht durch einen einmaligen Vorgang fertig vollzogen werden kann. Transformation sei ein ständig andauernder, langwieriger Prozess, so Friesike. Die Lösung für unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen sei nicht allein in der Technologie enthalten. Kreative Tätigkeiten erzeugen in erster Linie qualitative und nicht quantitative Ergebnisse durch Lesen, Schreiben, Denken. Anhand von „additiver“ und „subtraktiver“ Kreativität, bei der Dinge ergänzt oder weggelassen werden können, erläuterte Friesike den Prozess der Disruption. Er prognostiziert etwas kühn: Kreativität werde langfristig durch Künstliche Intelligenz ersetzt. Vielleicht protestiert das Publikum gegen diese etwas kühne Thesen nicht aufgrund tropischer Temperaturen im Saal. Was hingegen sicher zu sein scheint: Die Praxis der Arbeit wird sich durch Künstliche Intelligenz stark verändern.

 

 

 

 

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Künstliche Intelligenz im Alltag

Was kommt in der Evolution nach dem Menschen? Was könnte dem homo sapiens folgen? Ist es Technologie, also eine Kombination aus Mensch und Maschine? Bleiben wir auf diese Weise die „Krone der Schöpfung“ oder schaffen wir uns mit Künstlicher Intelligenz langfristig selbst ab? Einige Biowissenschaftler vertreten bereits heute den Standpunkt, wir Menschen seien im Grunde nur „biologische Algorithmen“. Darüber schreibt auch der israelische Autor Yuval Harari in seinem Buch «Homo Deus: Eine Geschichte von morgen».

Fakt ist: Künstliche Intelligenz ist bereits tief in unseren Alltag vorgedrungen. Sie ist vielerorts Mitbewohnerin geworden – Stichwort „smart home“. Sie bestimmt unser Konsumverhalten, sie verändert unser Zusammenleben, unsere Arbeitswelt und rüttelt an den Grundfesten unseres Selbstverständnisses. 

In einem Kurzinterview gegenüber der Hamburg Kreativ Gesellschaft erklärt die Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen den Unterschied zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz so:  „Vor allem ist menschliche Intelligenz flexibel. Wir können uns auf immer neue Situationen einstellen. Künstliche Intelligenzen sind Spezialisten. Sie können manche Dinge besser und schneller als der Mensch, dafür aber nichts anderes. Und die menschliche Intelligenz ist auf Engste mit dem menschlichen Körper verbunden, der z.B. regelt, was wir wie wahrnehmen können. Wie intelligent die Künstliche Intelligenz werden kann, ohne sich daran zu orientieren, ist unklar.“

 

 

 

 

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Digital Art

Die zweitägige Tagung „Mind the progress“ ließ keine Langeweile aufkommen. Vielfältige Formate sorgten für Abwechslung, auch über kreative Produktionen selbst. Das Smartphone hat unseren Alltag smart gemacht. Immer neue Gadgets bereichern unser smart home und unsere smart city. Heißt smart stets: innovativer, intelligenter, individueller? Inwiefern kann auch die Kunst smarter werden? Im Panel „Digital Art“ sprach Künstlerin Giulia Bowinkel über die Erweiterung von Wahrnehmungserlebnissen durch Virtual Reality und durch die Kombination von Liveperformance und digitaler Animation. Lina Wassong schwärmte über virtuelle Planungs- und Fertigungsverfahren, die ihr als Künstlerin eine ungeahnte Formenvielfalt ermöglichen. Julian Adenauer, Gründer des RETUNE-Festivals, engagiert sich für künstliche Intelligenz im künstlerisch-kreativen Umfeld abseits nutzergetriebener Anwendungen in der Wirtschaft. Er schätzt  dabei vor allem den interdisziplinären Ansatz. Ulrich Schrauth, Initiator und Kurator des Festivals VRHAM! stellte die Immersionskraft von VR-Simulationen im Umfeld des Theaters heraus.

Vielfältige Realitäten: VR – AR – MR

Im Publikum wurde die Frage  nach den Produktionsbedingungen für digitale Kunst gestellt. Julian Adenauer betonte, dass es in den künstlerischen Hochschulen vor allem um Feedback und die Entwicklung qualitativer Kriterien für digitale Kunst gehe. Handwerk und technische Fähigkeiten in Bezug auf Sensorik, 3D, VR usw. würden sich junge Künstler vielfach selbst aneignen. Mit Blick auf die Marktorientierung prognostizierte das Podium einen Wechsel der Sammlergeneration: Jüngere technikaffine Kollektionen würden den Schwerpunkt zukünftig stärker auf innovative und digitale Objekte legen. In einem gesonderten Panel wurden neue Geschäftsmodelle durch digitale Technologien diskutiert, die im Zuge von 3D-Druck, VR, Blockchain u.a. entstehen. 

Digitales in Museen und Ausstellungen

Was bedeuten digitale Technologien für Museen und Ausstellungshäuser? Über die Herausforderungen und Fragestellungen berichtete Andreas Hoffmann, Archäologe, Programmleiter Kunst und Kultur der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und Geschäftsführer des Bucerius Kunst Forums. Neben der Offenheit für digitale Objekte muss bei Kuratoren auch die Kenntnis über technische Zusammenhänge und Möglichkeiten digitaler Technologien vorhanden sein. „Brauchen wir neue Museen und Austellungshäuser?“, fragte Andreas Hoffmann und beantwortet die Frage eindeutig mit JA. Kuratoren müssen zu „Beziehungstätern“ werden, wenn sie Orte des Lernens schaffen wollen. Das Publikum wird im Museum zum aktiven Mitgestalter. Das Städel-Museum in Frankfurt ist führend in digitalen Technologien, Hoffmann nannte exemplarisch den Selbsternkurs Kunstgeschichte Online . Einige Hürden seien aus Sicht der Museen noch zu überwinden, vor allem was die Anpassung des Urheberrechts betreffe.

Selbst schöpfen statt zu konsumieren

Immer wichtiger wird in Museen die Interaktion und Teilhabe des Publikums. Für mich persönlich ist dabei entscheidend, dass die Besucher sich in einer Ausstellung selbst entdecken bzw. mehr über sich selbst erfahren können. Was hat Kunst mit mir und meinem Leben zu tun? Welche Antwort gibt die Kunst auf meine Fragen an das Leben? Der Museumsbesuch verschiebt sich, weg vom Prozess des Konsumierens, hin zum Prozess des eigenen kreativen Schöpfens.  Wie könnte solch eine Interaktion in der Praxis aussehen? Hoffmann erwähnt Beispiele wie iSkullApp und das VR-Projekt Modigliani von Tate Modern in London, Googles Tool CREATISM sowie Female Figure von Jordan Wolfson.  Was noch? Besucher könnten eine Eigenkreation an eine virtuelle Leinwand zeichnen, diese Zeichnungen könnten über Algorithmen mit einer Kunst-Datenbank verknüpft werden, z. B. EUROPEANA, so dass der Besucher von seinen eigenen Zeichnungen zu echten Objekten geleitet wird.

 

 

 

 

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Kreative Maschinen

Technikjournalist und Politikberater Mads Pankow referierte darüber, wie originell Technik überhaupt sein kann. Er präsentierte Beispiele, welche kreativen Bereiche KI bereits erobert hat, die bislang eigentlich Künstlern vorbehalten waren bzw. Akteuren aus der Kultur- und Kreativszene. Die selbstlernenden Systeme komponieren, sie dichten und kochen, sie malen und zeichnen. Sie übersetzen, texten Nachrichten und schneiden Videobeiträge, sie stellen Modekollektionen und Themenmagazine zusammen. Sie kombinieren vorhandene Erzählplots und schaffen so neue  Gruselgeschichten und Science-Fiction-Drehbücher.

Mensch versus Künstliche Intelligenz

Kann man bei diesen bewältigten Aufgaben tatsächlich von Kreativität sprechen? Mads Pankow meint, dass neuronale Netze bzw. selbstlernende Systeme genau genommen nicht lernen würden, jedenfalls nicht in menschlichem Sinne , sondern sich an jeweils neue Informationen anpassen. Er erwähnte die von Künstlern erfundene Patent-Software All Prior Art, die alte Patente zu neuen Patenten kombiniert, die aber in der Praxis keinerlei Nutzen haben. IBMs KI Chef Watson stellt aus beliebigen Zutaten eigenständig neue innovative Gerichte zusammen, etwa „African Bird Pepper Meatballs“. Ob das schmeckt, bleibt dem Urteil der Probanden überlassen. Muss man Probleme verstehen, um sie zu lösen? Neuronale Netzte haben keinerlei Bewusstsein über das eigene Tun. Was z. B. in der Medizin verheerende Folgen haben könnte, weil Symptome nicht mit menschlichem Verstand interpretiert werden. 

Menschliche Vielseitigkeit

Während wir Menschen in der Lage sind, vielfältige Herausforderungen zu lösen, können selbstlernende Systeme zumindest im Moment nur ein Problem fokussieren. Kann Künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln? Darüber sprachen Technikphilosoph Mads Pankow, Kognitionswissenschaftler Kai-Uwe Kühnberger, Cognitive-Computing-Experte Johannes Forster, Wissenschaftsjournalistin und Philosophin Manuela Lenzen und Kuratorin Luba Elliott.

Blockchain als Zukunftsmodell

Über neue Geschäftsmodelle in der Kreativwirtschaft diskutierte ein Panel mit Peter Kabel, Andreas Raabe, Daria Suvorova, Dieter Gorny und Egbert Rühl. Wie entwickelt sich der Wert von kreativen Inhalten? Welche Rolle spielt das Urheberrecht, wie lassen sich kreative Inhalte wirksam schützen? Inwiefern kann die Blockchain-Technologie Lösungen bieten?

 

 

 

 

 

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Unternehmen als Medienmarken

Im Schlusspanel ging es um digitale Inhalte von Marken und Unternehmen. Inwiefern lässt sich überhaupt noch sauber zwischen Werbung und Journalismus trennen? Vorgestellt wurde MOIA, ein junges MobilitätsStartUp von VW, das einen Shuttle-on-demand-Dienst entwickelt, um „die Stadt den Menschen zurück zu geben“, so der Marke-Slogan zur neuen Mobilität. Die Agentur „Mann beißt Hund“ berichtet für Unternehmen über Wissenschaft, Bildung und Gesundheit und schätzt dabei vor allem die Interaktion mit dem Nutzer, um Inhalte besser auf deren Bedürfnisse auszurichten. „Territory“, wo u. a. das Lufthansa-Magazin entsteht, arbeitet als Tochterunternehmen von Gruner und Jahr bewusst mit Journalisten und nicht mit Agentur-Textern zusammen. Verschwimmen hier die Grenzen zwischen Journalismus und Unternehmenskommunikation noch mehr? Unabhängig von der Art Urheberschaft zähle am Ende einfach nur eine gute Geschichte, meint Dörte Spengler-Ahrens, Creative Director von Jung von Matt. Grundtenor des Podiums: Journalisten sollten sich stärker auf Vermittlung und Einordnung von Themen konzentrieren, um dem Nutzer Orientierung zwischen seriösen Nachrichten und FakeNews geben. Werber sollten relevante Themen und individuelle Bedürfnisse der Nutzer fokussieren.
 
 
 
 
 
 
 

© MassivKreativ

Digitales Geocashing

Auch spielerische Ansätze fanden beim Kongress einen Platz. Medienkünstler Jan Dietrich präsentierte das Hamburger Projekt StreamCaching. 10 akustische Werke wurden mit GPS Koordinaten versehen und quer über die Stadt an 10 Orten verteilt. Das Publikum kann die Tracks mit dem Smartphone finden und direkt vor Ort erleben.

Fragen zum Weiterdiskutieren

Einige Fragen bleiben offen: Welche Rolle spielt zukünftig der Mangel an Beschränkung als Voraussetzung für Kreativität? Dies scheint durch digitale Technologien verloren zu gehen, es sei denn der Künstler erlegt sich die Beschränkung aus eigenen Stücken auf. Und: Wenn Künstliche Intelligenz heute schon so viel kann, was bleibt dann eigentlich noch für uns Menschen zu tun? Wo kann KI ganz konkret als kreativer Partner fungieren? Inwiefern gewinnen wir Menschen durch die selbstlernenden Systeme wieder mehr Freiraum und neue Möglichkeiten für unsere eigene kreativen Entfaltung?

Nicht jedes Thema konnte aufgrund der beschränkten Zeit erschöpfend geklärt werden. Doch wie es sich für eine gute Tagung gehört, wurden auch in den Pausengesprächen zwischen den Teilnehmern spannende Fragen diskutiert, die genügend Stoff für einen weiteren Kongress bieten:

1) Wo bleibt der Mensch unersetzlich? Wo kann der Mensch trotz KI vor punkten, mit welchen konkreten menschlichen Fähigkeiten?

2) Wieviel Überraschendes und Unerwartetes kann eine KI liefern? KIs machen Vorschläge auf der Basis von Datenhistorien. Wie lässt sich die berühmte Filterblase vermeiden? Sind Algorithmen in der Lage, mit neuen Vorschlägen bzw. Angeboten zu überraschen? Oder wollen wir Menschen im Grunde gar keine Vielfalt?

3) Warum ist es wichtig, dass wir Entscheidungswege der KI nachvollziehen können? Ein Problem bei den Lernenden Systemen ist ja, dass man häufig nicht nachvollziehen kann, wie die KI zu ihren Lösungen kommt.

4) Sollte sich der Mensch mit Blick auf KI-Konkurrenz zukünftig eher als Spezialist aufstellen oder möglichst vielfältig als Allrounder?

5) Welche Mehrwerte entstehen durch KI: a) Produzenten/Anwender b) Konsumenten

6) Wie realistisch ist die Prognose von Klaus Mainzer, TU München: „Es wird Rechner geben, die nach dem Vorbild natürlicher Nervensysteme gebaut werden … Anstatt mit Siliziumchips würden sie auf der Basis von Molekülen und Enzymen arbeiten und könnten in der Rechenkapazität und organischen Struktur ständig weiter lernen und wachsen.“ Zeitpunkt

7) Könnte sich KI irgendwann intrinsisch über ein „artifizielles Belohnungssystem“ motivieren und welche Folgen hätte das für uns Menschen?

 

Weiterführende Informationen zu Kreativität und Künstlicher Intelligenz von der Open! Konferenz

Warum Künstler und Kreative Unternehmen und Verwaltung helfen können

636070_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio.de

Die Kultur- und Kreativwirtschaft wird als Innovationsmotor und Schlüsselbranche für Transformationsprozesse begriffen. Doch welche Potenziale bieten künstlerische Methoden für die Gesellschaft, für klassische, privatwirtschaftliche Unternehmen und für den öffentlichen Sektor? Und warum genau eignen sich gerade Kreative, um Innovationen anzustoßen? 

Was können Kreative?  

Beim ersten Zusammentreffen mit Kreativen gibt es meist viel Erklärbedarf: Mit welchen Kompetenzen und Fähigkeiten können sich Kreativ-Akteure in branchenübergreifende Entwicklungspartnerschaften einbringen? Anbei einige Beispiele:

570430_web_R_K_B_by_Angela Parszyk_pixelio.de © Angela Parszyk, Pixelio.de

Fragen stellen

Kreative sind Innovationsschürfer. Mit Mut und Offenheit gelingt es ihnen, Routinen in Arbeitsabläufen zu hinterfragen. Kreative sind zwar keine Fachspezialisten, aber sie haben eine enorm wertvolle Kompetenz: Sie stellen Fragen, die Unternehmer oder Mitarbeiter nicht stellen würden, weil sie zu eng mit dem Geschehen verbunden sind oder schlicht Angst vor den Konsequenzen ihrer Fragen haben. Was sagen die Anderen, wenn ich auf Leerstellen hinweise?

Kreative haben einen anderen Blick, weil sie von Außen kommen. Sie wechseln die Perspektive, denken unkonventionell. Das eröffnet neue Horizonte und führt dazu, das „Ungesuchte“ (Serendipity) zu finden. Das schafft die Voraussetzung für Innovationen. Kreative können sich mit Leidenschaft und Empathie in andere Themen und Prozesse hineindenken und haben Vertrauen, die stillste Art von Mut.

228784_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de 228782_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © S. Hofschlaeger, Pixelio.de

Zuhören und Beobachten

Bevor man Probleme lösen kann, muss man sie zunächst einmal finden. Dies gelingt dem, der mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht. Bevor Kreative schöpferisch tätig werden, beobachten sie und hören genau zu. Eine Schlüsselfrage für erfolgreiche Unternehmen ist: Was genau will der Kunde? Wie kann ich ihm helfen und ihm den Alltag erleichtern? Kreative können den Blick dafür schärfen. Sie beobachten, recherchieren, erforschen, befragen, analysieren, entwickeln (prototyping), experimentieren, bessern beständig und ausdauernd nach und präsentieren am Ende das Ergebnis.

Die meisten Neuerungen am Markt, schätzungsweise 90 %, sind keine echten Innovationen, sondern Modifikationen, d. h. Variationen bereits bestehender Produkte und Dienstleistungen bzw. Kombinationen verschiedener Bereiche, wenn z. B. soziale Aufgabenfelder mit digitalen bzw. technologischen Lösungen bearbeitet werden. Wie ermöglicht man z. B. älteren Menschen, so lange wie möglich selbstbestimmt zu Hause zu leben, auch in ländlichen Regionen? Eine „smarte“, d. h. einfach zu bedienende, nutzerfreundliche Technik könnte Senioren Unabhängigkeit und Sicherheit zugleich geben und eine direkte Verbindung zum Arzt oder Supermarkt herstellen.

662785_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio.de

Interdisziplinäres Denken

Seit Jahrhunderten arbeiten Kreative unterschiedlicher Fachbereiche und Spezialisierungen zusammen und inspirieren sich gegenseitig: vor allem in der Architektur und im Theater. Im 15. Jahrhundert holte die Bankiersfamilie der Medici Baumeister, Mathematiker, Statiker, Zeichner, bildende Künstler in die Stadt und ließ sie in interdisziplinären Teams außergewöhnliche Bau- und Kunstwerke schaffen. Das Theater wäre ohne unterschiedliche Berufsgruppen auf und hinter der Bühne undenkbar. Auch im Film befruchten sich die Akteure vor und hinter der Kamera. In der Gamesindustrie entstehen innovative Werke, weil Technik-Enthusiasten wie Programmierer auf Kreativ-Akteure treffen, auf Storyliner, Grafiker, character designer, Animatoren usw.

Fehlerkultur und Resilienz

Probleme gehören zu jedem Schöpfungsakt. Kreative haben gelernt, Herausforderungen zu meistern und sie als Chance statt als Scheitern zu begreifen. Lust am Experiment und am (ergebnis-)offenen Ausgang, die Fähigkeit zur Veränderung und Improvisation treibt Kreative aller Disziplinen an. Überzeugung und Zweifel dienen als Triebkräfte. Rückschläge werfen Kreative meist nur kurzfristig aus der Bahn. Sie haben im Alltag Resilienz erworben, die sie „elastisch“ gegen Schicksalsschläge macht. Eine Fähigkeit, die sich immer mehr Menschen aneignen müssen angesichts rasanter Veränderungen und Herausforderungen in unserer Gesellschaft, in der Brüchen in Lebensläufen und Karrieren Normalität werden. Kreative können beispielhaft zeigen, dass man trotz negativer Erfahrungen wieder aufstehen, neu durchstarten und an sich selbst wachsen kann.

 © MassivKreativ

Hermann Hesse schrieb in seinem Gedicht „Stufen“:

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben…

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“

 © Siegfried Fries, Pixelio.de

Mittelorientierung

Die Mittel sind für Kreative meist beschränkt. Sie haben daher gelernt, sich auf das eigene Potenzial und die persönlichen Kompetenzen zu konzentrieren: Wer ich bin, was weiß ich, wen kenne ich? Mit Kreativität lassen sich nicht alle Probleme lösen, aber doch einige Herausforderungen. Und: Wer über begrenzte Mittel verfügt, ist besonders stark auf auf Wirksamkeit und Resonanz bedacht. Er/Sie feilt an einer Idee, setzt sie um, testet das Ergebnis, bessert hartnäckig, sucht nach Schnittstellen und Möglichkeiten,  Ideen bzw. Werke zu transferieren.

Fachspezifischen Fähigkeiten

Je nach Berufsgruppe und Teilbranche der Kultur- und Kreativwirtschaft besitzen Kreative spezielle Kompetenzen und Fähigkeiten:

  • Designer & Architekten haben gestalterische Fähigkeiten innerhalb konkreter Vorgaben. Ihr partizipatives Design sichert im Idealfall den sozialen Ausgleich, wenn Nutzer mit Folgen ihres Handelns verbunden werden.
  • Musiker können zuhören und im Team interagieren, sie reagieren auf Andere und improvisieren.
  • Darstellende Künstler & Tänzer beherrschen die Bewegung im Raum, können sie wahrnehmen und umsetzen
  • Bildende Künstler & Zeichner können strukturieren, verständlich machen und visualisieren.
  • Journalisten & Kommunikationsdesigner können Themen recherchieren, einordnen, verständlich aufbereiten, wirksam präsentieren und verbreiten.
  • Kulturwissenschaftler können Kulturthemen- und –praktiken historisch erforschen und aktuelle Zusammenhänge herstellen.
  • Psychologen können (unbewusste) emotionale menschliche Mechanismen berücksichtigen.
  • Soziologen können gesellschaftliche Rahmenbedingungen empirisch erforschen und begleiten.
  • Philosophen besitzen die Fähigkeit zum logischen Denken und stellen Zusammenhänge her.

Nackte Zahlen: Welche Schlagkraft hat Kultur versus Sport?

 © MassivKreativ

Über die qualitative Wirkung von Kultur haben Experten und Akteure viel geschrieben. Unzählige Studien* haben bewiesen, wie wichtig und nachhaltig Kultur auf die Persönlichkeitsbildung sowohl bei Kindern wirkt und ebenso auf die Potentialentfaltung bei Jugendlichen und Erwachsenen. Inzwischen beweisen selbst nackte Zahlen eindeutig: Kultur hat Schlagkraft und gesellschaftliche Relevanz, auch in ökonomischer Hinsicht.

Kultur bringt Wohlstand

2015 hat das Münchner ifo Institut für Wirtschaftsforschung dargelegt, dass sich im Umfeld von Opernhäusern mehr hochqualifizierte Arbeitnehmer ansiedeln als an Standorten ohne eine vergleichbare Kulturinstitution. Und nicht nur Eliten profitieren, stellte ifo fest: Übertragungseffekte erhöhen auch das Einkommensniveau insgesamt, wirken „positiv auf die Produktivität und damit das nominale Lohnniveau von ungelernten, qualifizierten und hochqualifizierten Arbeitnehmern.“

 © I-vista, Pixelio.de 

Kultur und Sport gleich auf

Dass Sport und vor allem Fußball in Deutschland die Massen begeistert, ist allgegenwärtig. Verschiedene statistische Erhebungen kommen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis, dass Kultur und Sport in der Gunst der Deutschen gleichauf liegen. Je nachdem, welche Statistiken man heranzieht und was man miteinander vergleicht: Mal hat der Sport und mal die Kultur die Nase vorn. Beide Lebenswelten zu Gegenspielern oder gar Konkurrenten zu erklären, ist wenig sinnvoll. Zumal es in der Kultursparte Musik „einige Datenlücken“ gibt, wie Statistische Bundesamt feststellt (S. 84f).

Gremien und Verbände sollten eher eine gemeinsame Studie in Auftrag geben, inwiefern Sport und Kultur sich gegenseitig befruchten. Die gewonnenen Erkenntnisse könnten genutzt werden, um neue Akteurefür den jeweils anderen Bereich zu gewinnen. Denn: Viele meiner Freunde und Bekannten oder deren Kinder sind sowohl sportlich als auch kulturell aktiv sind, so wie ich auch. So wie schon die Römer wussten: „Mens sana in corpore sano“ – „ein gesunder Geist (lebt) in einem gesunden Körper“. 

 © Christina Schmid, Pixelio.de 

Museum und Fußball

Verschiedene Rahmenbedingungen und Erhebungsverfahren erschweren es, die Zahlen gegeneinander aufzurechnen. Ein Vergleich lohnt dennoch: 

114 Millionen Deutsche besuchen jährlich eines der 5.000 Museen in Deutschland laut Spartenbericht Museen

19 Millionen Deutsche erleben in einem von 36 Profi-Stadien in Deutschland ein Fußballspiel live. Insgesamt gibt es etwa 108 Stadien mit mehr als 15.000 Plätzen.

 © Claudia-Hautumm, Pixelio.de 

Fußball und Musik

Ein Vergleich von Besucherzahlen zwischen Profis der 1. Bundesliga und von beruflich betriebenen Konzerten der Deutschen Musik-, Theater- und Orchesterlandschaft bringt folgende Erkenntnis:

Rund 12,7 Millionen Fans besuchten laut DFB Spiele der ersten Bundesliga in der Saison 2016/17, in der 2. Liga waren es 6,6 Millionen, 1. und 2. Bundeliga zusammen: 19,3 Mill.

Über 18,2 Millionen Menschen besuchten in einer Saison Klassikkonzerte in Deutschland, wie das Statistische Bundesamt 2017 in seinen Spartenbericht Musik bilanzierte bzw. der Deutsche Orchesterverein DOV ausgerechnet hat (Quelle: Tagesspiegel

Der Deutsche Bühnenverein e. V. erhebt jährlich Daten von 142 öffentlichen Theatern, 130 Orchestern (inkl. der Rundfunkorchester), 225 Privattheatern sowie 76 Festspielen. Verbindet man alle Zahlen, setzte sich das Klassik-Publikum demnach folgendermaßen zusammen:

  1. 5,2 Mio. Menschen besuchten Klassikkonzerte der öffentlich finanzierten Orchester und Rundfunkklangkörper
  2. 5,4 Mio. Menschen hörten klassische Konzerte bei über 200 Musikfestivals im Klassiksegment, d. h. Konzert, Oper/Operette, Kirchenmusik. Insgesamt besuchten 32 Mio. Menschen über 500 Musikfestivals aller Stile und Sparten.
  3. 7,6 Mio. Besucher erlebten laut Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins eine Vorstellung aus Oper, Operette, Tanz und Musical in den Stadt- und Staatstheatern.

Musik und Fußball sind beim Live-Publikum gleichauf, wenn man berücksichtigt, dass beim Fußball Daten ab dritten Liga abwärts fehlen, ebenso wie bei der Sparte Musik Besucherzahlen für die unzählige Laienkonzerte in Kirchen, für die vielen musikpädagogischen Veranstaltungen in privaten und öffentlichen Musikschulen, Hochschulen und Universitäten sowie die Aufführungen von Projektorchestern gar nicht erhoben werden.

 © Kurt Michel, Pixelio.de 

Aktiv in Sport und Kultur

So viel zum Konsum. Auch bei der aktiven Beschäftigung der Bundesbürger sind Kultur und Sport gleichauf: Rund 9,5 Millionen Menschen, das sind etwa 13,5 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren, sollen regelmäßig in ihrer Freizeit beim instrumentalen Laienmusizieren aktiv sein, so die Ergebnisse der Verbrauchs- und Medienanalyse VuMA, die 2014 im Auftrag von ARD und ZDF beauftragt wurde. Andere Untersuchungen, wie die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA), der Freizeit-Monitor der Stiftung für Zukunftsfragen und die Gesellschaft für Konsumforschung GfK kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Laut Musikinformationszentrum MIZ gab es 2013/14 rund 3,7 Millionen aktive und fördernde Mitglieder in den Instrumental- und Chorverbänden. Aktivitäten von Laien im Bereich Kunst, Tanz, Theater, Fotografie, Film wurden statistisch bisher nicht professionell erforscht.

 © S. Hofschlaeger, Pixelio.de 

Vereine

Fast jeder zweite Bundesbürger ist Mitglied in einem von mehr als 600.000 Vereinen in Deutschland. Das hat der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft herausgefunden, der regelmäßig „Zivilgesellschaft in Zahlen“ erforscht und den ZiviZ-Survey 2017 in Auftrag gegeben hat. Es ist die einzige repräsentative Befragung von 6.300 gemeinnützige Organisationen, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Bertelsmann Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung Mercator. Laut Studie beschäftigen sich zwei von drei Vereinen mit Sport, Kultur oder Freizeit.

Mit 91.000 Turn- und Sportvereinen ist der Bereich Sport mit etwa 22 Prozent der größte Organisationsbereich, knapp gefolgt vom Bereich Kultur und Bildung mit von 21,7 Prozent, hier sind Menschen in mehr als 130.000 Fördervereinen aktiv. Was Zivis ebenfalls herausfand: Je größer die Vereinsdichte umso größer sind auch der materielle Wohlstand und der Sozialindex in der Region.    

 © knipseline, Pixelio.de 

Fußballbund versus Musikrat

Der Deutsche Fußball-Bund DFB hat seit der Spielzeit 2016/2017 erstmals mehr als 7 Millionen Mitglieder. Doppelt so viele Menschen, nämlich 14 Millionen, verbindet der Deutsche Musikrat unter seinem Dach, ordentliche, beratende, fördernde und Ehrenmitglieder eingeschlossen.

Zum Vergleich: Die Gesamtmitgliederzahl aller deutschen Sportvereine lag im Jahr 2017 bei 23,8 Millionen. Organisiert wird der Sport in Deutschland in rund Laut Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände e.V. und Musikinformationszentrum MIZ gibt es in Deutschland 13.500 Musikvereine.

Widerspruch

2014 hat die Deutsche UNESCO-Kommission die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft auf die Liste des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO gesetzt, jetzt wird sie auch für die internationale UNESCO-Liste nominiert. Über die Aufnahme soll im Winter 2019 entschieden werden. Denn: Deutschland verfügt über die weltweit höchste Theaterdichte und eine der höchsten Orchesterdichten weltweit. Noch! Gerald Mertes, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung DOV, sieht die aktuelle Situation der Theater- und Orchesterlandschaft kritisch: „Gleichzeitig schrumpft dieser Schatz weiter. Dieser Widerspruch ist den Musikern und der Öffentlichkeit nicht vermittelbar. Viele Kollegen verzichten für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze immer noch auf einen Teil der ganz normalen Tarifbezahlung. Lohnverzicht ist aber keine Dauerlösung. Deshalb muss diese Lücke geschlossen werden.“ (Quelle: DOV)

 © Didi01, Pixelio.de 

Fußball trifft Kultur

Vor 10 Jahren hat die Litcam, die gemeinnützige Frankfurt Book Fair Literacy Campaign, die Initiative Fußball trifft Kultur ins Leben gerufen. Die DFL Stiftung ist seit 2012 bundesweite Kooperationspartnerin. Sie unterstützt das Projekt finanziell und beratend. Kernidee des Projektes: die Kombination aus Fußballtraining, Förderunterricht und kulturellen Aktivitäten. Es soll das soziale und kommunikative Verhalten der Kinder verbessern, ihre Motivation zum Lernen stärken und Interesse für kulturelle Themen. Neben Stadionbesuchen erleben die Kinder Ausflüge in Museen, Lesungen und Themenworkshops. Inzwischen gibt es 21 Projektgruppen an 14 Standorten, u. a. in Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Frankfurt, Gelsenkirchen, Hamburg, Herne, Mainz, Neuötting, Nürnberg, Stuttgart und Würzburg, zuletzt entstand ein neuer Standort in Köln. Das Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet.

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Quellen und Statistische Erhebungen:

Spartenbericht Museen, Bibliotheken und Archive (2017)

Spartenbericht Musikfestivals und Musikfestspiele in Deutschland (2017)

Spartenbericht Musik (2016)

ifo-Studie: CESifo Working Paper No. 5183 von Oliver Falck, Michael Fritsch, Stephan Heblich und Anne Otto: Music in the Air: Estimating the Social Return to Cultural Amenities (2015)

 

* Studien zur Wirkungsweise von Kultur:

Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen, Rat kulturelle Bildung (2017)

Kunst und Gut, Publikation Arbeitskreis niedersächsischer Kulturverbände (akku) Hannover (2016)

Bildungsprozesse in Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Projekten (2015-2017): Die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Bildungsprozesse in der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit (JuArt)“ der Universitäten Kassel und Marburg zeigen, dass kulturpädagogische Angebote nicht nur künstlerische Fähigkeiten vermitteln, sondern ebenso das soziale Selbstkonzept der befragten Kinder und Jugendlichen stärken und positiven Einfluss auf die Selbstwahrnehmung und auf Reflexions- und Kritikfähigkeit haben.

Kultur wirkt, mit Evaluation Außenbeziehungen nachhaltiger gestalten, Goethe-Institut (2016)

Kunst und Kultur im Dorf: Sinnstifter, Motor, Resonator

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Früher war das Leben im Dorf von harter körperlicher Arbeit geprägt. Vieles wird inzwischen von Maschinen und digitaler Technologie erledigt. Heute durchdringen die Dörfer Wissens- und Kopfarbeit(er), ebenso wie in Städten und Metropolen. Während urbane Regionen über Platzmangel und überteuerte Immobilien- und Mietpreise klagen, gibt es in ländlichen Regionen viel Freiraum für Neubürger, für ihre Ideen und Konzepte. Vor allem Künstler und Kreative finden hier eine neue Heimat. Dass sie dort sehr viel bewegen, zeigen inzwischen zahlreiche Praxisbeispiele, Wettbewerbe und Bücher.

Ländliche Werte

Im Dorf gibt es alles – Land, Raum, Werkstätten, Rohstoffe, Wissen, Fähigkeiten, Arbeitsmittel, Maschinen, Geräte, immer öfter auch ein funktionierender Internetanschluss, also alles ebenso wie in der Stadt. Und noch viel mehr, denn darüber hinaus kann sich das Dorf noch vieler immaterieller Werte rühmen, die man in der Stadt eher selten findet: Beziehungen, Hilfsbereitschaft, Vertrauen, Höflichkeit, Bescheidenheit, Geduld, Idealismus, Freiheit, Identität, Neugier, Engagement, Ideen, Selbstgestaltungswille.

Wettbewerb „Kreative für MV – MV für Kreative“

In Mecklenburg-Vorpommern ist 2018 ein landesweiter Wettbewerb gestartet, der die soziale Dorfentwicklung und Innovationen im ländlichen Raum beflügeln soll. Er findet auf Initiative des Netzwerkes Kreative MV unter aktiver Mitwirkung kreativer Raumpioniere statt und wird durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert (Projektträger: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung/BLE). Dabei sollen bereits bestehende kreative Projekte und Initiativen zur sozialen Dorfentwicklung ausfindig gemacht oder neue Initiativen angeregt werden – zwischen Kreativen und alteingesessenen Bürgern. Gemeinsam werden Talente und Synergien ermittelt, Ideen gesammelt und Prototypen gestaltet, im Idealfall auch soziale Innovationen realisiert. 

 © Kreative MV

Strukturveränderungen

Zugegeben – der Wille zur Eigenverantwortung ist manchem Dorfbewohner zwischenzeitlich etwas abhanden gekommen. Durch die Gebietsreform wurden seit den 70er Jahren „250.000 Sitze in Gemeindeparlamenten abgebaut und 16.000 ländliche Gemeinden aufgelöst“, schreibt Andrea Baier im Buch „Kunst und Dorf“ in ihrem Artikel über den ökonomischen und gesellschaftlichen Mehrwert des Dorfes, (S. 238). Die Folge: Viele Dörfer werden nun von oben herab regiert, von Städtern etliche Kilometer entfernt, die von den Bedingungen vor Ort wenig Ahnung haben. Lebensnotwendige Institutionen und Strukturen sind weggespart worden, u. a.  Nahverkehr, Schulen, Post, Lebensmittelläden, Arztpraxen, Gemeinde- und Gasthäuser, Sporttreffpunkte. Politikverdrossenheit lässt dann nicht mehr lange auf sich warten.

 © Robert Thurn, Pixelio.de

Künstler als Impulsgeber

Wo früher noch Ehrenamtliche aktiv waren, ziehen sich viele ins Privatleben zurück. Künstler und Kreative wollen Rückzügler neu mobilisieren und motivieren begegnen. Sie haben sich bewusst für das Landleben entschieden und möchten Altbürger – sowohl die resignierten als auch die engagierten – an ihren Ideen und Projekten teilhaben lassen. Dorfbewohner sollen nicht nur Konsumenten sein, sondern kreative und selbstbewusste Mitgestalter des eigenen Umfelds. Dass das Vorhaben aufgeht, zeigt u. a. der Künstler Rolf Wicker im vielseitigen Sammelband Kunst und Dorf von Brita Polzer. Es soll hier als Beispiel für viele andere partizipative Projekte aus dem Buch vorgestellt werden.

Die kleinste, größte Kunsthalle Deutschlands

Auf nur 20 Quadratmetern richtete Rolf Wicker 2009 im ehemaligen Pförtnerhäuschen des DDR-Kreisbetriebs für Landtechnik die temporäre Kunsthalle Lelkendorf ein – in der Mitte von Mecklenburg-Vorpommern. Lelkendorf hat rund 400 Einwohner, die Rechnung von Wickert war also folgendermaßen: Jeder Quadratmeter Ausstellungsfläche gehört 20 Einwohnern. Damit hatte Lelkendorf nicht nur die kleinste Kunsthalle Deutschlands, sondern bemessen an seinen Einwohnern zugleich auch die größte Kunsthalle im Land.

Rund um die Uhr geöffnet

Der Platznot begegnete Wickert mit einer kreativen Idee: Besucher konnten die Kunsthalle nicht betreten, aber rund um die Uhr von außen hineinsehen. Über einen Bewegungsmelder schaltete sich die Beleuchtung automatisch ein. Ein halbes Jahr zeigten 7 herausragende, international tätige Künstler ihre Arbeiten – stets abgestimmt auf die besondere Situation vor Ort. Wickert ging von Anfang an auf Augenhöhe und bezog die Menschen im Ort in organisatorische und praktische Abläufe rund um die Kunsthalle ein. So kam er rasch ins Gespräch und erfuhr von den Sorgen und Nöten der Einwohnern, z. B. die hohe Arbeitslosigkeit nach der Wende, damit verbunden die zusammenbrechende Infrastruktur und die zunehmenden sozialen Spannungen. Die meisten Einwohner zogen sich zurück. Mit der temporären Kunsthalle endete die Sprachlosigkeit. Die Bürger hatten wieder einen Ort, um sich zu treffen und Stoff, über den sie reden konnten. 

Die Kunsthalle war Teil des Projektes Kunst fürs Dorf – Dörfer für Kunst der Stiftung Deutsche Kulturlandschaft, bei dem die Gemeinde Lelkendorf und Wickert durch eine unabhängige Jurys ausgewählt wurden. Einige Projekte wurden von arte filmisch begleitet.

 © Verlag Scheidegger-Spiess

Das Dorf gestern und heute

Neben dem Künstler Rolf Wicker hat die Herausgeberin des Buches „Kunst und Dorf“ Brita Polzer, die selbst als Künstlerin und Kunstdozentin tätig ist, knapp 50 KünstlerInnen, KuratorInnen, KunsthistorikerInnen, AnthropologInnen und andere Kulturschaffende mobilisiert. Sie widmen sich aus unterschiedlichen Perspektiven und mit spannenden Kompetenzen künstlerischen Dorfprojekten. Polzer hatte 2011 bereits ein Symposium zum Thema initiiert. Ihr Ansatz als Herausgeberin ist umfassend und zeigt Projekte, die mit Qualitätsansprüchen internationaler zeitgenössischer Kunst locker mithalten können. Polzer teilt das Buch in vier Kapitel:

1) Kunst und Dorf heute: hier werden 8 Praxisbeispiele vorgestellt

2) Kunst und Dorf gestern: drei AutorInnen beleuchten Malerei in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR, die Künstlerkolonie im Wallis um 1900 sowie die legendären Künstlerkolonien in Worpswede, Barbizón und Monte Verità.

3) Das Dorf – von Autarkie und Klassengesellschaft zu Hüslipest und Raumpionieren

  • Mit Hüslipest bezeichnen die Schweizer den Zuzug von Städtern aufs Land und ihre Nachfrage nach Einfamilienhäusern
  • Raumpioniere ist das deutsche Pendant, zugezogene „Fremde“ aus den Städten, die den ländlichen Freiraum und Leerstand (um-)nutzen, leerstehende Gebäude restaurieren, neue Wertschöpfungsketten initiieren, neben anderen Lebensweisen auch neuen Ideen mitbringen. Alteingessene begegnen Raumpioniere anfangs (oder immer) mit Skepsis und Zurückhaltung
  • In diesem Kapitel stellt das atelier havelblick im Artikel „Was macht das Dorf mit der Kunst?“ die interessante Frage, ob Kunst von der Politik vereinnahmt und instrumentalisiert wird, indem man sie damit beauftragt, strukturelle, kommunikative und soziale Probleme vor Ort zu lösen oder zumindest Lösungsansätze zu finden. Die Antwort der beiden AutorInnen ist deutlich: Kunst auf dem Lande müsse mehr sein als „der Landbevölkerung zur Besänftigung des demografischen Wandels liebevoll dekorierte Hüpfburgen zu bauen … [und auch] mehr als „ästhetisch angereicherte Sozialarbeit“. Das Land biete eine „Fülle an Motiven und Material, die es auf interdisziplinäre, kritische und intelligente Weise künstlerisch zu transformieren gilt.“ (S. 244)

4) Zwanzig Dorfprojekte: hier werden kompakt auf jeweils zwei Seiten Projekte aus der Schweiz, aus Österreich und Deutschland, Tschechien, Ungarn und China vorgestellt.

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Quelle: Brita Polzer (Hg.): Kunst und Dorf. Scheidegger & Spiess, Zürich 2013. 

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 © Transcript-Verlag

Kulturpolitik im ländlichen Raum

Ländliche Räume sind in den letzten Jahren stärker in den Blick der Öffentlichkeit  gelangt. Globalisierung, demografischer Wandel, Abwanderung, Digitalisierung – all das verlangt nach anderen Perspektiven für neue Herausforderungen. Initiiert vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim haben Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Direktor und Inhaber des UNESCO-Chair »Cultural Policy for the Arts in Development«, seine Kollegin Beate Kegler und Daniela Koss, Fachbereichsleiterin für Theater und Soziokultur der Stiftung Niedersachsen, einen Sammelband mit verschiedenen Autorenbeiträgen herausgegeben: Vital Village: Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Herausforderung. Das Buch ist komplett zweisprachig erschienen – in deutsch  und englisch. 25 Autoren werfen einen Blick auf die Entwicklung ländlicher Räume – mit drei übergeordneten Aspekten:

  • Wissenschaftliche Betrachtungen zum Thema
  • Praxisbeispiele aus Deutschland und Europa
  • Kulturpolitische Perspektiven  

Die dargestellten Praxisbeispiele aus Deutschland und verschiedenen europäischen Ländern (z. B. Polen, Dänemark, Großbritannien, Niederlande, Lettland, Zypern) demonstrieren, dass vor allem Kulturakteure (über-)lebenswichtige Anregungen für das sich verändernde Zusammenleben geben. Kunst und Künste sind der Nährboden für nachhaltige, weiterführende Impulse. Einige Projekte seien hier kurz erwähnt, wer mehr erfahren möchte, kann den Links nachgehen:

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Quelle:

Wolfgang Schneider, Beate Kegler, Daniela Koß (Hg.) Vital Village: Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Herausforderung / Development of Rural Areas as a Challenge for Cultural Policy. Komplett zweisprachig deutsch/englisch. Transcript Verlag 2017. (Wissenschaftliche Betrachtungen zum Thema, Praxisbeispiele aus Deutschland und Europa sowie Kulturpolitische Perspektiven).  

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Weitere Bücher zum Thema:

Kunst fürs Dorf – Dörfer für Kunst 2013, hg. von Deutsche Stiftung Kulturlandschaft, Verlag der Kunst Dresden Ingwert Paulsen 2014

Kunst fürs Dorf – Dörfer für Kunst 2011, hg. von Deutsche Stiftung Kulturlandschaft, Verlag der Kunst Dresden Ingwert Paulsen 2012

spokenwork: Poetry-Slam bei der BTC AG Oldenburg

 © Foto: Katarina Plener, BTC AG

Was kann ein IT-Consulting-Unternehmen von einem Slam-Poeten lernen? Wie wirkt Poetry-Slam auf die Unternehmenskultur? Wieviel Mut und Risikobereitschaft braucht der Vorstand, um mit Kollegen an einem Poetry-Slam-Workshop teilzunehmen, eigene Texte zu schreiben und sie in einem öffentlichen Wettbewerb im Unternehmen zu präsentieren? Wie reagieren die Kollegen im Publikum?  

Kunst in der Organisationsentwicklung

Nele Tiemeyer arbeitet seit September 2017 im Bereich Mitarbeiterdialog der BTC Business Technology Consulting AG im niedersächsischen Oldenburg westlich von Bremen. Sie hatte die Idee, mit einem künstlerischen Projekt frischen Wind in das IT-Beratungsunternehmen zu bringen. Im Poetry-Slam sieht Tiemeyer ein geeignetes Format, „weil man eine Geschichte erzählen und Zukunftsszenarien entwickeln kann“, wie sie sagt. Sie engagiert den norddeutschen Slam-Poeten Björn Högsdal, den sie von einer früherer Zusammenarbeit im Projekt Unternehmen! KulturWirtschaft 2012-2015 am Nordkolleg Rendsburg kennt. Högsdal würde ein idealer Workshopleiter sein, weil er kreatives Schreiben an unterschiedliche Persönlichkeiten vermitteln kann.

 © Foto: Katarina Plener, BTC AG

 Slam-Poet Björn Högsdal im Workshop und auf der Bühne

Mut für Neues

Im Herbst 2017 wird #spokenwork im Intranet und über Mund-zu-Mund-Propaganda bei der BTC breit angekündigt – bereichsübergreifend , damit sich verschiedene Hierarchieebenen mischen. Björn Högsdal präsentiert den MitarbeiterInnen seinen kreativen Workshop in einem kurzen Vorabvideo. Nele Tiemeyer  und Lena Mäusezahl aus dem Mitarbeiterdialog sprechen die KollegInnen direkt an: „Poetry-Slam – wäre das nicht etwas für Dich? Mal etwas Neues ausprobieren, kreatives Schreiben, und dann ein wenig Risiko wagen, an eigene Grenzen gehen und über sich hinauswachsen?“ Einige Kollegen winken schnell ab. Kreatives Schreiben ginge ja noch! Aber den eigenen Text bei der Adventsfeier Ende November vor versammelter Mannschaft vortragen – wie bei einem echten Poetry-Slam? Dafür fehlte dann doch der Mut. Doch einige aus dem BTC-Team stellen sich der Herausforderung.

Literarischer Aufbruch 2018

Neun Mitarbeiter am Stammsitz in Oldenburg und vier am Standort Berlin wagen es einen Tag lang, aus eigenen Gedanken zum Unternehmen eine Geschichte zu machen und dabei mit Worten zu jonglieren. Das Motto: Literarischer Aufbruch 2018 – ein Ausblick auf das neue Jahr mit Ideen, Wünschen, Zweifeln, Hoffnungen, mit Lob und Kritik der Mitarbeiter von BTC. „spokenwork war meine Assoziation zu spoken word“, so Nele Tiemeyer, „als Möglichkeit und Chance, Dinge offen vor Kollegen auszusprechen, die man immer schon mal sagen wollte.“

 © Foto: Nele Tiemeyer, BTC AG

WarmUp

Ann Cathrin Bach, Mitarbeiterin im Bereich Führungskräfteentwicklung, ist dankbar für den lockerer Start des Workshops. Schließlich muss man erst Vertrauen fassen, sich mit der ungewohnt kreativen Situation anfreunden. Björn Högsdal beginnt mit einer Assoziationsübung, Begriffe zum Stichwort Winter sammeln.  Gemein nur, dass genau diese Begriffe im ersten Testgedicht nicht verwendet werden dürfen. Für Björn Högsdal ist diese Fingerübung ebenso wichtig wie für die Teilnehmer. Er gewinnt so ein Gespür für die Persönlichkeiten, mit denen er es zu tun hat, für ihre Ernsthaftigkeit, ihren Humor, ihre Interessen. „Sprache und Literatur ist Beschäftigung mit Gedanken! Jeder kann schreiben“, so Högsdal, „wenn er sich auf das konzentriert, was ihm wichtig ist. Das Talent zum Schreiben macht nur 10-20% aus, alles andere ist Routine und Handwerk.“ Folgerichtig geht es im Workshop auch um Informationen über das Format. Was zeichnet  einen gelungenen Vortrag beim Poetry-Slam aus? Wie findet man Themen und Ideen? Wie entwickelt man eine Geschichte?  

 © Foto: Nele Tiemeyer, BTC AG

Kunst als Mittler

Auch die beiden Vorstände im Unternehmen, Dr. Jörg Ritter und Dirk Thole, nehmen am Workshop teil. Sie wollen selbst erleben, was es heißt, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Dirk Thole sieht #spokenwork als „Chance, Persönlichkeiten und Mitarbeiter im Unternehmen weiterzuentwickeln, neue Reize zu setzen, neue Stufen zu erreichen, um Kunden noch besser helfen zu können. Es geht um positive Effekte für alle.“ 

Kunst sei ein Medium, so Thole, um Mitarbeitern Offenheit und Mut zu zeigen, ihnen Chancen des Ausprobierens zu bieten. Thole ist überrascht, dass er als Zahlenmensch und Betriebswirtschaftler durch den Workshop eine kreative Ader ins sich entdeckt. Er schreibt eine Weihnachtsgeschichte, äußert darin Wünsche für sein Unternehmen, die ein Christkind am Ende tatsächlich erfüllt. Thole ist überzeugt: „Jeder Mensch kann mehr als er selbst glaubt, man hat nichts zu verlieren, sondern man kann sich nur weiterentwickeln.“

Nele Tiemeyer, die schon Erfahrungen mit Künstlerischen Interventionen und Kunst in der Organisationsentwicklung sammeln konnte, fügt hinzu: „Kunst in Organisationen liefert eine neue Perspektive, die Teil der Organisation wird. Kunst ist eine andere Form des Tätigseins für Mitarbeiter. Durch künstlerische Methoden entstehen neue Ergebnisse.“

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Über Fehler reden

Die Fehlerkultur bei BTC hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Früher, so Thole, wollte sich niemand die Blöße geben, etwas nicht zu wissen oder einen Fehler zuzugeben. Heute kommuniziere der Vorstand offen und zeige damit, dass Fragen und gegenseitige Hilfe alle im Team voranbringen. Wenn er selber etwas nicht wisse, würde er dies unumwunden als Frage in die Runde geben. Wenn eine/r der KollegInnen dann eine Antwort weiß, sei das nicht nur inhaltlich hilfreich, sondern auch eine schöne Bestätigung für die/den MitarbeiterIn, um Rat gefragt worden zu sein. 

Ann Cathrin Bach erwähnt ausdrücklich den solidarischen und positiven Austausch mit den Kollegen im Workshop, jeder konnte fragen, Meinungen erbitten und erhielt Rat . „Diese Erfahrung lässt sich hervorragend auf den Arbeitsalltag übertragen“, sagt Bach. Björn Högsdal bestätigt, dass niemand im Workshop eingeschüchtert war. Hierarchien seien ja auch abhängig von Kompetenzen: „Im Workshop ist jeder auf sich selbst zurückgeworfen, jeder ist in neuem Umfeld auf gleicher Ebene.“ Die Interaktion in der Gruppe sei für jeden hilfreich, auf neue Gedanken zu kommen, sich neue Inspirationen zu geben.

Lerneffekte und Vielfalt

Neben positiven Teamerfahrungen hat Ann Cathrin Bach auch auf handwerklich-praktische Ebene hilfreiche Methoden der Kommunikation aus dem  Workshop mitgenommen, z. B. sprachliche Gestaltungsmittel zu aktivieren, eine wirksame Bildsprache zu nutzen, um Menschen in ihrem Umfeld anders zu erreichen und stärker zu motivieren. Ihren Text spinnt sie um das Thema Vielfalt mit Blick auf das umfangreiche Portfolio von BTC, das insbesondere für neue Mitarbeiter eine Herausforderung darstellt. „Bauchladen“ sei im Grunde eine verkürzte Beschreibung dafür, was BTC ausmacht. Ihren Text sieht sie als Anstoß dafür, die umfangreichen Angebote Ihres Unternehmens nach außen hin bewusster zu kommunizieren.  (siehe Podcast unten:  Kapitelmarke  ab 35:23)

Gelebte Vielfalt zeichnet BTC aus, die Mitarbeiter stammen aus 25 Herkunftsländern. Sowohl inhaltlich als auch stilistisch vielfältig sind die Textbeiträge im Workshop. Thole resümiert: „Poetry Slam bietet Raum für Kritik, Ironie, Sarkasmus in positivem Sinne, um Punkte transparent zu machen.“ Björn Högsdal lobt  begeistert das hohe Niveau und die Vielfalt der Texte. 

Ungewöhnliche Adventsfeier

Ein Bild wird Thole für immer im Kopf behalten: Wie sich bei der Adventsfeier unzählige Mitarbeiter, so viele wie noch nie, dicht gedrängt in der Innenhalle von BTC versammeln und mit selbst gebastelten Plakaten den Kollegen zujubeln. Jeder Beitrag wird mit viel Applaus bedacht.  Thole empfindet eine positive Anspannung bei seinem Bühnenauftritt, vergisst dabei sogar seine Vorstandsposition. Doch beim Applaus denkt er plötzlich darüber nach, wieviele Mitarbeiter wohl nur deshalb länger klatschen, weil er der Vorstand ist. Reflexion ist auch eine Erfahrung.

Ann Cathrin Bach hat eine Doppelrolle, steht auf der Bühne und sitzt im Publikum. Auch sie spürt eine gewisse Aufregung, fühlt sich aber zugleich getragen von der begeisterter Atmosphäre im Saal und der Anerkennung, die ihr Kollegen für Ihren Text und ihre Präsentation spenden. Es bleibe bei ihr eine positive Grundstimmung vom Poetry-Slam zurück, eine Begeisterung, die nachwirkt. Das Ziel, bei der Adventsfeier Aufbruchsstimmung für 2018 zu erzeugen, ist ganz klar aufgegangen, meint Nele Tiemeyer. 

  Interview bei BTC (von links: Björn Högsdal, Dirk Thole, Nele Tiemeyer, Ann Cathrin Bach, Antje Hinz © Foto: Katarina Plener, BTC AG

Ausblick: Was Kunst bewegt

Als Ermutigung für andere Mitarbeiter werden nun kurze Filme der Poetry-Präsentationen ins Intranet oder auf die Yammer-Plattform gestellt. Kollegen können dort die angesprochenen Themen aufgreifen, kommentieren, durchdenken, weiterentwickeln. Thole sieht im Poetry-Slam-Projekt viel Potential, um Dinge besser zu machen – immer mit Blick nach vorn. Die Texte sind eine Art Gedächtnisstütze, um sich brachliegenden Herausforderungen bei BTC konsequenter zu widmen.

Dinge neu oder bewusst anders zu machen, genau das können Kunst und speziell das Format Poetry-Slam anstoßen: „Wir brauchen Kreativität, um Innovationen zu fördern, um am IT-Markt, der sich rasant verändert, weiterhin mithalten zu können.“ Menschen hätten ja auch Emotionen und dürften nicht immer nur auf der sachlogischen Ebene agieren und angesprochen werden. „Kunst verbindet! Wir brauchen Kunst bei BTC als verbindendes Element, weil bei uns Teamarbeit sehr stark im Vordergrund steht.“

Nele Tiemeyer ist erleichtert und zufrieden: „Die Erfahrungen mit #spokenwork bei BTC und die positiven Reaktionen haben mich im Team Mitarbeiterdialog bestärkt, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen, weil er viel Potential hat.“


Das Podcast-Interview über #spokenwork wurde unterstützt von BTC.

BTC Business Technology Consulting AG Oldenburg ist eines der führenden IT-Consulting-Unternehmen in Deutschland, gegründet im Jahr 2000 mit dem Ziel, Kunden aus den Branchen Energie, Industrie, Telekommunikation und Öffentlichem Sektor ganzheitlich zu beraten: im Bereich Software und IT. BTC bietet vielfältige Dienstleistungen an: von Prozessberatung über Systemintegration bis hin zum Betrieb von IT-Systemen, der Entwicklung von Softwareprodukten und Social Workplace – Beratung in der Arbeitswelt 4.0. Über 1.600 Mitarbeiter arbeiten in 8 Niederlassungen in Deutschland und an 8 Standorten weltweit, u. a. in der Schweiz, in Japan, in Polen, Frankreich, Rumänien und in der Türkei. 

Der Mensch steht bei der BTC AG immer im Mittelpunkt – als Kunde, Partner und als Mitarbeiter. Das Motto von BTC heißt: „Menschen beraten“. Es ist Basis für eine partnerschaftlich geprägte Unternehmenskultur, die auf Fairness, Wertschätzung und Gleichbehandlung setzt. Was das mit dem Projekt #spokenwork zu tun hat, ist im Podcast zu hören. 

Glaubwürdig, authentisch, sympathisch: Mit Podcasts voll im Trend

 © MassivKreativ 

Podcasts liegen im Trend und erleben gerade eine Renaissance – nach der ersten Welle von Audio-Produktionen großer Radio- und Fernsehsender um 2010. Podcast ist ein Medienformat, das ausschließlich zum Hören für das Internet entwickelt wurde. Podcasts erscheinen oft als Reihe, d. h. als regelmäßig veröffentlichte Audiobeiträge zu einem bestimmten Thema. Interessierte Hörer bzw. Nutzer können sie kostenlos abonnieren und jederzeit auf dem Smartphone, Tablet oder PC abrufen. Einige Podcasts haben inzwischen mehr ­Hörer als bekannte Radiosender in Deutschland. Bei der „Online Marketing Rockstars“-Konferenz wurden Podcasts zum neuen Online-Trend erklärt.

Nutzerzahlen

Laut einer aktuellen Studie von ARD und ZDF (2017) hat die online-Audionutzung im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen. Rund 45 Millionen Menschen ab 14 Jahren nutzen Audiowelten im Internet. Zwei Drittel der Erwachsenen haben schon Audios im Web abgerufen, das sind 11 Prozent mehr gegenüber dem Vorjahr. 80 Prozent der 14- bis 29-Jährigen nutzen mindestens wöchentlich eine Audioanwendung im Internet.

Nutzer nach Alter und Geschlecht

Die konkreten Zahlen: 13,1 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren nutzt regelmäßig Audiopodcasts, davon 9 Prozent Frauen und 17,4 Prozent Männer. In der Altersgruppe 14-29 Jahre sind es 26,5 Prozent, 30-49 Jahre 16,2 Prozent, 50-69 Jahre 8,3 Prozent und über 70 Jahre 0,5 Prozent. Audios von zeitversetzten Radiosendungen wurden bei der Studie separat erfasst. Zum Vergleich: Sie werden von 15,7 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren genutzt.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Beliebte Themen

Im Vorfeld der Online-Innovationskonferenz  scoopcamp 2018  führte statista im Auftrag von nextMedia.Hamburg im Mai 2018 eine repräsentative Studie zur Podcastnutzung durch. Immer mehr private Nutzer hören demnach Podcasts: 51 Prozent der Deutschen haben bereits einen Podcast gehört, 11 Prozent haben dies zukünftig vor. Thematisch setzen die Nutzer vor allem auf Unterhaltung (54%), Wissenschaft und  Weiterbildung (49%), Politik und Wirtschaft (46 %), Interviews und Talkrunden (37%), Technik (33%). 

 © nextmedia-hamburg.de

Zielgruppen und Nutzerverhalten

Die Nutzer von Podcast sind gebildet, neugierig  offen und interessiert. Ihre Verweildauer und Aufmerksamkeitsspanne liegt mit bis zu drei Stunden Zuhördauer weit über der von Film- und Video-Nutzern bei youtube oder Vimeo. Die Herausforderungen unserer Welt sind komplexer geworden, sie benötigen daher auch eine ausführlichere Darstellung. Die längere Spieldauer von Podcasts ermöglicht es, Inhalte und Botschaften detailliert darzustellen und nicht nur Ausschnitte der Realität wiederzugeben, wie in unserer schnelllebigen Medienwelt oft üblich. Podcast sind ein hervorragendes Tool für das lebenslange Lernen.

Corporate Podcast

Inzwischen hat auch die Wirtschaft das Thema Podcast für sich entdeckt, nicht zuletzt um jüngere, digitale Zielgruppen zu erreichen und Menschen, die beruflich viel unterwegs sind. Mit Podcasts können Unternehmen Geschichten erzählen, die sich über andere Medien nicht transportieren lassen. Über Stimmen lassen sich Emotionen transportieren, die extrem wichtig sind, damit Inhalte vom Hörer wahrgenommen und erinnert werden.

Beispiele für Unternehmens-Podcasts

Regelmäßig werden Podcasts von Mercedes-Benz, Telekom, Microsoft Deutschland, BMW, Edeka, TUI – Mein Schiff, DFB, brandeinsMagazin, Spiegel Online, Zeit Online, made in germany – das Wirtschaftsmagazin der Deutschen Welle, WuV – Werben und Verkaufen sowie viele unabhängig produzierte Podcasts zu agilem Arbeiten, Coaching, IT und Digitalisierung, CSR, Kreativität, Innovation, Kommunikation, Management, eCommerce, Personalentwicklung, Führung, StartUp- und Unternehmenskultur  u.a.m. Auch in der Politik hat sich Podcast als Medium längst etabliert, wie die Reihe von Kanzlerin Angela Merkel zeigt.

Zielgruppenspezifische Ansprache

Podcasts können die Kundenbindung stärken, wenn sie den Bedarf der Zielgruppe treffen. Über eine Abo-Funktion wird der Hörer unkompliziert über jede neue Folge informiert, kann sie abrufbar und auf dem Smartphone/Tablet/PC speichern. Abonnenten können eine engere Beziehung zu Unternehmen und Marken aufbauen. Firmen erhalten direkten Zugang genau zu der Zielgruppe, die sich für die Themen des Podcasts und das Unternehmen interessiert. Der Streuverlust bei Abonnenten ist gering und die Relevanz hoch.

Themen für Corporate Podcasts

Firmen können Podcasts u. a. für ihr recruiting nutzen, um neue Fachkräfte und Nachwuchs aufmerksam zu machen und für das Unternehmen zu gewinnen. Denkbar sind Interviews mit Mitarbeitern über Teamgeist im Unternehmen, Förderung von Nachwuchs und High Potentials, Vielfalt, Innovationen, besondere Marketingaktionen, Nachhaltigkeit und CSR, Digitalisierung, Corporate Volunteering, Engagement in der Region am Unternehmenssitz, Förderung von Kunst und Kultur. Interviews mit Kunden über deren Zufriedenheit mit besonderen Dienstleistungen oder mit dem Kundenservice des Unternehmens dienen als erfolgreiche Tools zur Kundenbindung.

Auch für die interne Kommunikation sowie für die Aus- und Weiterbildung sind Podcasts ein hervorragendes Medium. Kurze knackige Audio-Lektionen lassen sich rasch anfertigen, um Neuerungen im Unternehmen zu verkünden oder Mitarbeiter im Sinne des lebenslangen Lernens fortzubilden. Vorteilhaft ist auch die Produktion von Reportagen über Veranstaltungen, Messen, Events oder einen Tag der offenen Tür.

  © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de 

Mobiles Medium

Podcasts sind das ideale Medium für Nutzer, die mobil und viel unterwegs sind. Denn Audios können im Auto, in der Bahn, im öffentlichen Nahverkehr und im Flugzeug gehört werden, ebenso in der Freizeit: beim Joggen oder im Fitnessstudio, zu Hause, in der Küche, im Wohnzimmer oder abends vor dem Einschlafen.

Unverfälscht ohne Schnitt

Podcast-Interviews werden nicht geschnitten oder nachträglich „geschönt“. Sie sind zu 100 Prozent authentisch, weil Äußerungen nicht im Schnitt zurechtgebogen werden, wie es oft bei Imagefilmen geschieht. Die Inhalte und Botschaften der Gesprächspartner werden 1:1 unverfälscht zum Empfänger bzw. Nutzer geschickt.

Authentizität und persönliche Ansprache

Das Fachmagazin WuV – Werben und Verkaufen erklärt im Frühjahr 2017, warum Podcast ein charmantes und nachhaltiges Medium für Unternehmen und Marken ist. Vorteile bieten vor allem Sichtbarkeit und Reichweite, die erfolgreichsten Episoden würden über 150.000 Mal angehört. Im Vergleich zu Videos/Filmen erreichen Podcasts die Aufmerksamkeit der Nutzer einfacher und schneller, weil sich das Hören mit anderen Tätigkeiten kombinieren lässt. Ein Plus für Nutzer mit ständiger Zeitknappheit. Zuhören ist weniger anstrengend als selbst zu lesen. Das gesprochene Wort wirkt sehr persönlich. Naturgemäß hören wir gerne Geschichten von anderen Menschen, wenn sie mit angenehmer Stimme erzählt werden. Im Vergleich zu aufwändigen Filmproduktionen ist Podcast ein vergleichsweise günstig herzustellendes Medium.

Werbespots in Podcast

In Amerika nutzt u. a. der Matratzen-Hersteller Casper Podcasts als wichtigen Werbehebel. Kurze Audio-Werbespots, zielgruppengerecht an den Anfang von deutschsprachigen Podcasts platziert, haben Casper auch zum Siegeszug in Deutschland verholfen. Podcastwerbung ist in Deutschland noch Neuland, wie WuV berichtet: „Von den 50 erfolgreichsten unabhängigen Shows wird nicht einmal ein Viertel vermarktet. Eine Platzierung im Podcast kostet zwischen 1.000 und 3.000 Euro. Zum Vergleich: Bucht man einen Instagram-Post bei einem Influencer mit 100.000 Follower kostet dieser im Schnitt 1500 Euro. Ein Podcast, der nicht einfach übersehen wird und dessen Moderator nicht noch für 3 weitere Produkte am gleichen Tag wirbt, hat also einen ähnlichen Preis.

Vielfalt

Podcasts gibt es inzwischen zu unzähligen Themen: Wirtschaft, Politik und Finanzen, Bildung und Forschung, Gesundheit und Medizin, Management und Marketing, IT und Digitalisierung, Internet und Netzwelt, Astronomie und Weltwissen, Sex und Sport, Medien und Kultur, Kunst und Museen, Comedy und Unterhaltung und zur Kultur-und Kreativwirtschaft, z. B. MassivKreativ

  © MassivKreativ

Podcast-Verzeichnisse

Einen guten Überblick über Podcasts geben verschiedene Podcast-Verzeichnissen. Nach der Produktion müssen neue Podcast-Reihen dort angemeldet werden, damit die Verzeichnisse auf den Podcast verweisen und neue Folgen und Informationen automatisch aus dem sogenannten Podcast-Feed übernehmen und aktualisieren. Zu den bekanntesten deutschsprachigen Podcastverzeichnissen gehören u.a. iTunes Connect, fydd-HoersuppePodcast.de, Podster.de, PodList.de, Podcast.at, PodcasterInnen-Liste

Upload und Audiostreaming

Als Upload-Plattformen eignen sich neben speziellen Hostern auch Soundcloud, MixlrVoiceRepublic und YouTube, wo Audios mit Standbildern zu Filmen gewandelt später auch bei Facebook hochgeladen werden können. Musikplattformen wie Spotify, Deezer u. ä. entscheiden eigenständig über die Aufnahme neuer Podcasts. Was bei Video bereits Standard ist, kommt langsam auch im Audio-Bereich. Facebook hat angekündigt, nach FacebookLive für Videostreaming bald auch Audio-Livestreams ins Netzwerk zu integrieren. Mixlr und VoiceRepublic ermöglichen es bereits heute.

Auffindbarkeit und Sichtbarkeit

Podcast-Produzenten investieren zum einen in gute Aufnahmetechnik, zum anderen aber auch viel Zeit, um die Containersysteme beim Hosting mit ausführlichen Informationen zu füllen. Klug gewählte thematische Tags sowie Infotexte für Kapitelmarken, die jede Minute den Inhalt des Podcasts beschreiben, geben dem Hörer Orientierung über die im Podcast besprochenen Inhalte. Sie gewährleisten darüber hinaus die Auffindbarkeit und Sichtbarkeit des Podcasts über die Google-Suche. Häufig werden Podcasts zusammen mit ergänzenden Sendungsnotizen zur aktuellen Episode veröffentlicht. Diese sogenannten „Shownotes“ können neben einem beschreibenden Text auch Bilder und Links zu den besprochenen Themen enthalten.

Wissenschaft, Bildung, Stiftungen

Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen sowie Stiftungen setzen vermehrt auf die Verbreitung von Audio-Informationen, u. a. das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit FONA, Bertelsmann-Stiftung, Körber-Stiftung, Mercator-Stiftung, Heinrich-Böll-Stiftung, Stiftung entrepreneurship, Toepfer-Stiftung, Stiftung Warentest, Helmholtz-Gesellschaft, Helmholtz-Zentrum Potsdam, Fraunhofer-Gesellschaft sowie die erfolgreiche Interviewreihe Forschergeist von Tim Pritlove für den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft sowie Raumzeit mit Unterstützung des Zeiss-Großplanetariums in Berlin. Pritlove gilt als Pionier der deutschen Szene, der nicht nur Podcasts produzierten, sondern auch aktiv an der Software- und Toolentwicklung für Podcasts mitwirkt.

Geschichte

Die ersten Erfolge feiern Podcast-Serien in den USA und Großbritannien, über 20% der US-Amerikaner hören mindestens einen Podcast pro Monat. Die spannende Podcast-Reihe Serial wurden mit über 5 Millionen Abrufen zu einem Blockbuster, in dem es um Nachforschungen in einem Mordfall geht. In Deutschland wurde der Fluchtkunst-Fall #kunstjagd zu einem preisgekrönten Publikumserfolg und u. a. in der Kategorie „Beste Innovation“ für den Deutschen Radiopreis nominiert. Die transmediale Spurensuche mit eingebundener Podcast-Reihe machte Zuhörer, Zuschauer und Leser zum Teil des Recherche-Teams. Der NDR sorgte 2017 für Schlagzeilen mit investigativen Podcasts über die Paradise Papers.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Live

Die aktive Podcast-Community organisiert auch Live-Events mit Podcasts, z. B. regionale MeetUps und Veranstaltungen sowie die jährliche Konferenz SUBSCRIBE, die aus dem Podlove-Podcaster-Workshop hervorgegangen ist. Am 15. November 2017 fand in Hamburg die erste Podcast-Nacht in der Elbphilharmonie statt. Die Besucher  erlebten live die Aufzeichnung mehrerer Podcasts, präsentiert von Gastgeber Philipp Westermeyer von den Online Marketing Rockstars, einer der erfolgreichsten Podcastreihen in Deutschland. Mit dabei waren am Abend u. a. Internetunternehmer Frank Thelen und Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis.

Cäsar und Cleopatra: Warum Dreamteams und Innovationswerkstätten erfolgreich sind

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Cäsar und Cleopatra, Asterix und Obelix, Goethe und Humboldt, Sherlock Holmes und Dr. Watson: Dreamteams gibt es im Sport und im Film, auf der Bühne, in der Musik und im wahren Leben. Sie sind deshalb erfolgreich, weil Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Talenten zu besseren Lösungen gelangen als ein Mensch allein. Dieses Erfolgsrezept gilt auch für Innovationswerkstätten, in denen die Akteure neue Lösungen für alten Branchen finden.

Dreamteams mit Vielfalt

Ideen gemeinsam diskutieren, abwägen, hinterfragen, modifizieren, weiterentwickeln und dabei immer den Nutzer bzw. Kunden im Blick behalten – seine Wünsche aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Genau das passiert in den neuen multidisziplinären Innovationswerkstätten, die gerade vielerorts in Deutschland entstehen und Zukunftsideen ganz real in die Tat umsetzen. Kreativschaffende verschiedener Bereiche treffen mit Mitarbeitern aus klassischen Wirtschaftsbranchen zusammen und suchen gemeinsam nach Lösungen. Jede/r kann spezielle Fähigkeiten und Kompetenzen einbringen, die sich aneinander reiben oder sich sinnvoll ergänzen, wie zwei beispielhafte Innovationswerkstätten aus Mecklenburg-Vorpommern, Dresden, Hannover, Brandenburg und Bayern zeigen.

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Innovationswerkstatt in Mecklenburg-Vorpommern

Das Netzwerk „Kreative MV“ richtete im Mai 2017 unter Leitung von Veronika Schubring und Teresa Trabert eine Innovationswerkstatt aus – im mecklenburgischen Neustrelitz im Kulturzentrum Alte Kachelofenfabrik. 15 Kreative trafen auf 5 verschiedene regionale Unternehmen im Bundesland: die mwh Hirsch Steuerberatungsgesellschaft Neustrelitz, naturwind Schwerin GmbH, Stadtwerke Rostock, HNP Mikrosysteme Schwerin und Trebing & Himstedt Prozessautomatisierung GmbH.

Die Kreativ-Schaffenden waren vielseitig aufgestellt, sie kamen aus allen Teilbranchen der Kreativwirtschaft: ein Fotograf, ein Opernsänger, eine Dekorateurin, eine Nachhaltigkeitsexpertin, eine Industriedesignerin, eine Bildhauerin, eine Grenzgängerin, eine Künstlerin, ein Künstler, eine Projektmanagerin, ein Gestalter, ein Architekt, ein Musiker, ein Interaktionsdesigner und ein Kreativpilot (Auszeichnung des Bundes).

Strategie

Jedes Unternehmen entsendete jeweils zwei Führungs- oder Nachwuchskräfte, die mit jeweils 3 Kreativen an der Fragestellung arbeiteten. Alle Fragen waren strategisch angelegt und fokussierten das Alleinstellungsmerkmal bzw. das zukünftige Geschäftsmodell des Unternehmens im Umfeld von Digitalisierung und weiterer Mega-Trends einschließlich Gesetzesänderungen.

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Design Thinking

Unter Anleitung erfahrener Coaches lernten alle Teilnehmer die Design Thinking-Methode kennen. Die kreative Methode wurde vom Hasso-Plattner-Institut entwickelt. Sie hat einen starken Bezug zum Nutzer (bzw. Kunden, Anwender) und gliedert sich in bis zu sechs Phasen:

  • Sachverhalt verstehen und beobachten, z. B. durch Recherchen und Interviews
  • Problem bzw. Fragestellung exakt definieren
  • Lösungsansätze finden bzw. Ideen entwickeln
  • Prototypen entwerfen
  • Ideen bzw. Prototypen vom Nutzer testen lassen, Rückmeldungen erhalten
  • Lösungsansätze weiter verbessern, ggf. auch mehrfach (iterativ)

Die interdisziplinären Teams der Innovationswerkstatt Neustrelitz erarbeiteten eine Woche lang konkrete Prototypen. Sie wurden am Ende vor öffentlichem Publikum präsentiert, später auch im jeweiligen Unternehmen. Hier sollten nun die angedachten Lösungsansätze weiter verfolgt, umgesetzt und genutzt werden. Bei einem Alumni-Treffen sechs Monate nach Ende der Innovationswerkstatt können die Teilnehmer nochmals Erfahrungen austauschen und weitere Schritte beraten.

Nachhaltigkeit und Ergebnisse

Die Innovationswerkstatt hat drei Ziele erreicht: sie hat den branchenübergreifenden Innovationstransfer ermöglicht, zur tiefen Vernetzung der Kreativunternehmen beigetragen und gleichzeitig die zukunftsorientierte Unternehmens- und Regionalentwicklung unterstützt.

Sie soll nun ein festes Format für interessierte Unternehmen sowie für die Wirtschafts- und Regionalentwicklung werden. Und: Sie soll auch in der Verwaltung und in weiteren Institutionen zum Einsatz kommen, die langfristig und nachhaltig innovationsfähiger werden wollen. Auch Behörden sind heutzutage auf Partnerschaften angewiesen, die nicht mehr hierarchisch sondern auf Augenhöhe gepflegt werden. 

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Stimmen der Teilnehmer

Die mwh Hirsch Steuerberatungsgesellschaft Neustrelitz entwickelte z. B. zwei neue Produkte mit Mehrwert, die zur Mandantenbindung beitragen sollen. Auch die anderen Unternehmen entwickelten Prototypen für neue innovative Produkte und Dienstleitungen. Das Fazit fiel durchweg positiv aus:

Mitarbeitende sind kreativ gefordert (Kommunikation, Verkauf, Vertrieb), und wenn viele aus unserem Unternehmen auf dasselbe Wissen zurückgreifen können, erhöht das nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern motiviert. Und motivierte Mitarbeitende sind die effizientesten….

Die Innovationswerkstatt war wie eine Unternehmensberatung – in kreativ-kompetenter Atmosphäre mit drallem Zeitplan, der dennoch unterm Strich super Erfolge erzielte.“

Sie [die Kreativen] bringen die Ideen und Perspektiven eines Außenstehenden mit und gewährleisten so, dass man sich nicht verrennt oder ein wichtiger Aspekt vergessen wird.

Alle im Team haben gezeigt, dass Arbeiten unter ständigem Zeitdruck kreativ und sehr effektiv sein kann und auch noch Spaß macht.“ (Quelle: Kreative MV – Abschlussbericht Innovationswerkstatt).

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Innovationswerkstatt in Dresden

Das Innovationsforum und Netzwerk PRIME ist eine gemeinsame Initiative des Branchenverbandes der Dresdner Kultur- und Kreativwirtschaft e.V. Wir gestalten Dresden, dem Materialforschungsverbund Dresden e.V. und der Wissensarchitektur der Technischen Universität Dresden. Das Netzwerk hilft dabei, geeignete Kooperationsthemen und Partner zu finden, es begleitet Innovationsprozesse und gewährleistet ein umfassendes Netzwerk, das allen Teilnehmenden zur Verfügung steht. Zu den Projektbeispielen

InnovationsLab in Hannover

Während es in der Küche nur einen Koch geben sollte, brauchen Kreativ- und Innovationsprozesse in Laboren mehrere Köpfe mit möglichst vielseitigen Kompetenzen. Im Hanno[Lab]  finden sie branchenübergreifend zusammen, erleben und erlernen gemeinsam Theorie und Praxis sowie Methoden des Designthinkings. In interdisziplinären Projektgruppen entstehen überragende Ideen, Konzepte und Produkte. Den Beweis liefert das Zukunfts-Gestaltungs-Camp Hanno[Lab] an. Es wird regelmäßig vom kre|H|tiv Netzwerk inintiiert – in Kooperation mit Nexster, dem Entrepreneurshipcenter der Hochschule Hannover. .

Innovationswerkstatt in Brandenburg

In Brandenburg fand zwischen 2013 und 2015 das Modell- und Förderprojekt COBRA statt. COBRA steht für Collaborative Labour Opportunities in Brandenburg und wurde aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Teilnehmer des Projektes waren einerseits lokal ansässige Unternehmen und andererseits Absolventen kreativer und gestalterischer Studiengänge aus Brandenburg (z. B. Architekten, Designer, Mediengestalter und Kommunikationsdesigner etc.) sowie junge Existenzgründer und Soloselbstständige mit kreativem Hintergrund.

Innovationsprojekt in Sachsen-Anhalt

Wood4Life ist Netzwerk aus kreativen Handwerkern, Designer, Marketingfachleuten, Fertigungs- und Vertriebsspezialisten. Es möchte neuartige kundenspezifische, individuell konzipierter Innenausbaulösungen für Wohn- und Küchenlandschaften entwickeln und vermarkten. Die branchenübergreifende Innovationsprozesse sollen zu mehr Wettbewerbsfähigkeit der beteiligten Unternehmen führen. Das Projekt wird unterstützt durch das Cross Innovation – Programm zur Förderung von Netzwerken zur Verbesserung des Marktzuganges für Unternehmen der Kreativwirtschaft und des kreativen Handwerks des Wirtschaftsministeriums Sachsen-Anhalt.

Vorbildprojekte

Welche Erfahrungen gibt es in Deutschland bereits mit Innovationswerkstätten. Wie verlaufen interdisziplinäre Projekte in der Praxis? Vorbildprojekte bzw. best practice dienen als wichtige Türöffner, entweder in Form von Kurzfilmen oder Gastauftritten von Akteuren erfahrener Dreamteams (siehe Willkommenstrunk – Grüne Werkstatt Wendland). Auf diese Weise können sich neue potentielle Projektpartner besser vorstellen, was auf sie zukommt.

Kreativer Ort für kreative Ideen

Lösungen setzen die richtigen Fragestellungen voraus. Am Anfang des Innovationsprozesses stand stets eine konkrete, praxisrelevante und regional basierte Aufgabe eines lokalen Produktions- und Dienstleistungsunternehmen. Beteiligt waren sowohl handwerklich Traditionsbetriebe als auch technologieintensive Firmen. Jeweils für eine Woche im Mai und im September 2014 kamen die Kooperationspartner, Unternehmen und Kreative, in die „Stadt der Tuche und Hüte“ in die Niederlausitz – nach Guben in die ehemalige Hutfabrik. Der Ort bietet eine besondere und kreative Atmosphäre für eine konzentrierte und intensive Zusammenarbeit.

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Sprints und Etappen

Anknüpfend an agile Arbeitsmethoden sollten die Kooperationspartner in kurzer Zeit zum Ziel gelangen, konkret in einwöchigen Workshops. Sie gliederten sich in folgende Etappen:

  • Unternehmensbesuche: Kennenlernen des Unternehmens und der Fragestellung
  • unter Anwendung von Design Thinking-Methoden wurden die Problem- und Fragestellungen zugespitzt und verfeinert
  • Entwicklung von Lösungsentwürfen und Prototypen
  • Lösungsansätze gemeinsam mit Partnern diskutiert, reflektiert, weiterentwickelt
  • Präsentation der Lösungsansätze vor Partnern und einer breiten Öffentlichkeit

Garnhersteller Trevira

Trevira ist aus dem eh. VEB Chemiefaserwerk hervorgegangen und fertigt heute Garne und Filamente, z. B. für Funktionskleidung, für Heimtextilien, schwer entflammbare Teppiche und Vorhänge für die Automobilindustrie, für Hotels und Kreuzfahrtschiffe. Vor den jungen Kreativen stand die Herausforderung, neue Formate für Innovationsentwicklung der Firma zu kreieren. Kunden und Partnern sollten dabei kollaborativ einbezogen werden. Nach der Projektwoche und im Verlauf des nachfolgenden Sommersemesters präsentierten die  Kreativen die Idee einer Innovationsschatzsuche und das Format der Technology-Days.

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Metallbau Dulitz

Dulitz stellt in vierter Generation großflächige Fassadenteile aus Glas- und Aluminiumplatten in verschiedenen Farben und Stärken her. In enger Kollaboration mit dem Gubener Traditionsunternehmen tüftelte das Berliner Designerduo LALUPO an Ideen, aus Materialresten neue Produkte herzustellen, u. a. Wandhaken in verschiedenen Farben. Funktionalität haben die Designer gleich mitgedacht: Die haken kommen flach aus der Maschine und können so praktikabel und effizient an den Kunden verschickt werden kann. Mit einer zusätzlichen Stanzung kann der Kunde den Haken in die richtige Position biegen.

Vorteile für alle

Innovation lebt vom Austausch. Die lokalen Betriebe, die oft in mehreren Generationen am Markt agieren, erhalten neben Wertschätzung für Ihre Arbeit neue Impulse von jungen Kreativen. Die öffentliche Präsentation der Prototypen dienen als Motivationsschub, damit  die Kooperationspartner auch nach Projektende weiter an ihren Ideen arbeiten. Die neuen und frischen Ideen haben Vorbildwirkung, gerade in strukturschwachen Regionen.

Auch die Studenten und Absolventen profitieren. Sie arbeiten an echten Praxisbeispielen, könne ihre Ideen erproben und erhalten direkte Rückmeldung von den Unternehmen. Sie setzen sich mit Abläufen und Rahmenbedingungen in Unternehmen auseinander, der knappe Zeitrahmen simuliert alltagsreale Vorgaben. Sie befassen sich mit Kundenwünschen und lernen unterschiedliche Materialien, Werkzeuge, Arbeitsmethoden und Produkte kennen. Sie probieren sich aus, experimentieren und sammeln wertvolle Erfahrungen.

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Kommunikation

Das Modellprojekt sprach sich rasch herum und sorgte in Guben und Umgebung für Gesprächsstoff zwischen den Bürgern, bewirkte Interesse, regionale Verbundenheit sowie Sinn- und Identitätsstiftung. Eingebunden in das Projekt waren lokale Medien und die  Wirtschaftsförderung der Brandenburger Niederlausitz, ein wichtiger und Brückenbauer zwischen Kreativen und Unternehmen.

Nachhaltigkeit

COBRA versteht sich als regionale Projektbörse. Akteure werden weiterhin aktiv, wenn es neue Nachfragen und Herausforderungen von regionalen Unternehmen gibt. Im November und Dezember 2015 fand im Kultur- und Kreativwirtschaftsstandort Oranienwerk die Innovationswerkstatt “TRIEBWERK” statt und führte erneut Kreativwirtschaft und regionalen Mittelstand zusammen. 

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Ideenlabore in Bayern

Auch im Süden Deutschland wagen interdisziplinäre Teams den „Blick über den Tellerrand“. Das Netzwerk bayernkreativ organisiert Ideenlabore und sucht Kreative, die gemeinsam mit Unternehmern, Technologie- und Branchenfachleuten sowie Wissenschaftlern interdisziplinäre Lösungsansätze für aktuelle Herausforderungen einer Branche erarbeiten möchten.

Das Projekt startet am 26. September 2017 in Aschaffenburg mit dem Ideenlabor ZukunftHandel in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer. Am 8. November 2017 folgt in Neu-Ulm in Kooperation mit den Wirtschaftsförderungen der Städte Neu-Ulm und Ulm, der IHK Schwaben und dem Club der Industrie das Ideenlabor Zukunft Papier-(Industrie) aus. 

Kundennah testen

Das JOSEPHS® in Nürnberg ist eine Tochterfirma der renommierten Fraunhofer-Gesellschaft. Günstig gelegen in der Innenstadt können Nutzer Produkte und Dienstleitungen auf fünf sogenannten „Testinseln“ ausprobieren und erproben. Unternehmen und Organisationen erhalten auf diese Weise rasch Feedback von Kunden bzw. Co-Creatoren einholen. Die wissenschaftlich ausgewerteten Informationen können dann direkt berücksichtigt werden und helfen, Produkte anwenderfreundlich zu verbessern.

Geplante JOSEPHS®-Themeninseln bis Ende 2018

  • Megatrends / 01. Dezember 2017 – 27. Februar 2018
  • Arbeit 4.0 / 02. März 2018 – 29. Mai 2018
  • Nachhaltigkeit / 01. Juni 2018 – 28. August 2018
  • Informationsgesellschaft / 31. August 2018 – 27. November 2018

 

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art meets science II: Riffe stricken, Humboldt und Goethe loben und Paläokunst

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kunst und Natur, Kultur- und Geisteswissenschaften haben viele Jahrzehnte ein getrenntes Dasein gefristet. Jede Disziplin pflegte und vertiefte ihr Spezialwissen für sich allein. Das war nicht immer so, wie u. a. Humboldt, Goethe und wissbegierige Monarchen zeigen.

In den Wunderkammern der Monarchen und Fürsten lagen früher Exponate aus Kunst und Naturwissenschaft direkt nebeneinander. Im großartigen Kunsthistorischen Museum Wien  und auch im neuen Weltmuseum Wien kann man das noch heute sehen: Trophäen von Archäologen und Biologen von Expeditionen, bei denen früher stets auch Künstler mitreisten, um die exotischen Neuentdeckungen in Bildern festzuhalten. Der Universalgelehrte Alexander von Humboldt z. B. beherrschte das naturwissenschaftliche Forschen ebenso präzise wie das kunstvolle Zeichnen. Etwa 1500 Skizzen und kolorierte Blätter sind von ihm überliefert und zeigen Details exotischer Pflanzen und Tiere (vgl. Lubrich, O.: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk. Berlin 2014).

 © Verlag Lambert Schneider

Bildhungrig

Erst seit jüngerer Zeit führen Kunst, Natur-, Kultur- und Geisteswissenschaften ein getrenntes Dasein. Bedauerlich, dass jede Disziplin ihr Spezialwissen für sich allein pflegt und vertieft. Doch langsam kommen sich die Forschungs- und Lehrgebiete wieder näher – wegen unseres unstillbaren Hungers nach Sicht- und Greifbarem, der in digitalen Zeitalter noch mehr wächst. Je abstrakter die Naturwissenschaft umso bildbedürftiger wird sie.

In der Paläo-Kunst bzw. Paläo-Art gehen Kunst und Wissenschaft eine fruchtbare Synthese ein. Künstler recherchieren in einschlägigen Fachmagazinen, um auf dem Laufenden zu bleiben und neue Erkenntnisse in ihren Zeichnungen aufzugreifen. Gezielte Fragen treiben sie an: Kann ein Tier mit dieser Körperform jagen? Sind die Gliedmaßen eher an eine Fortbewegung im Sand oder im Sumpf angepasst? Federn oder Fell? Wenn Fragen nicht beantwortet werden können, helfen nur Mut und Kreativität. Paläokünstler Frederik Spindler sagt: „Ich habe mir das Wissen nach und nach angelesen und Kongresse besucht.“ Auf der Online-Plattform Deviantart tauscht er sich mit Wissenschaftlern und anderen Künstlern aus.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Visualisierung von Erkenntnissen

Damit Wissenschaft und Kunst zu Dreamteams werden, wurde an der Universität Zürich der Studiengang Bachelor Scientific Visualization ins Leben gerufen, um wissenschaftliche Sachverhalte bildlich darzustellen. Die Fachhochschule Potsdam hat im Fachbereich Design die Studien­gänge Interface-, Kommunikations- und Produktdesign verzahnt. Als Designer hat Roman Grasy den Brückenschlag zur Biologie und Medizin gesucht. Seine Masterarbeit The Organ Generator: Computer Aided Biology Design beschäftigt sich mit 3D Bioprinting synthetischer Gefäßsysteme. Zunächst werden abstrakte Gefäßstrukturen nach biologischen Regelwerken modelliert, um sie dann mit lebendigen Zellen zu drucken. So können z.B. Medikamentenwirkstoffe an biologischen Simulationsmodellen getestet werden, was Tierversuche überflüssig macht.

Vielfältige Kompetenzen verbinden

Hochschulen und Universitäten brauchen verschiedene Partner: kompetente Wissenschaftsjournalisten einerseits, die der breiten Öffentlichkeit neue Erkenntnisse vermitteln und Datenjournalisten, Grafik-, Medien- und Kommunikationsdesigner andererseits, die Abstraktes mit Modellen, Infografiken und Erklärtrickfilmen verständlich visualisieren, zum Beispiel zum komplexen Thema Nachhaltigkeit. Für eine direkte Auftragserteilung an freiberufliche Kreative fehlt den Universitären allerdings oft das Geld. Bürgern bleiben daher oft wichtige Erkenntnisse vorenthalten, die mit viel Spezialwissen erstellt und meist auch mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden. Dabei wird es in unserer alternden Gesellschaft zunehmend wichtig, neue Forschungsergebnisse an den mündigen Patienten zu bringen, nicht zuletzt über neue Medien, interdisziplinäre und kreative Methoden.

 © zukunft.leben.nachhaltigkeit, Silberfuchs-Verlag

Wissen inszenieren

Wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich auch auf der Bühne im Rahmen eines Science Slam inszenieren. Das sind mehrere kurze Vorträge hintereinander mit unterhaltsamen Zusätzen, wie z. B.  Animation oder Comic-Zeichnung, Experiment, Tanz oder Gesang. Hauptsache verständlich, kurzweilig, humorvoll und aus anderer Perspektive präsentiert. Originelle Fragen transportieren ein Thema mühelos von einem Bereich in einen anderen: Wie schmecken Klänge? Haben Bakterien eine Lieblingsfarbe? Was fühlt ein Blatt? Wer wäre ich vor 100 Jahren gewesen und wer würde ich in 100 Jahren sein? Die Themen stammen aus allen Bereichen: Natur- und Geisteswissenschaft, Praxis und Theorie.

Kreative Kollaboration

Der Wissenszuwachs hat eine enorme Beschleunigung erfahren. Die Spezialgebiete haben sich stetig differenziert. Universalgelehrte wie Leonardo da Vinci, Gottfried Wilhelm Leibniz, Johann Wolfgang von Goethe oder Alexander von Humboldt wird es kaum mehr geben. Was umso mehr dafür spricht, dass die Disziplinen den direkten Austausch suchen, um  Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen. Inspiration und Horizonterweiterung geben Erfindergeist und Motivation einen enormen Schub. Die Kunsthistorikerin Andrea Wulf beschreibt in ihrem Buch Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur (S. 47-63), dass Goethe die produktivsten Schreibphasen an seinem Faust unmittelbar nach Treffen mit Alexander von Humboldt gehabt habe. Die packenden Schilderungen seiner Forschungsreisen ließen Goethe über Erkenntnisstreben, Macht und deren Folgen reflektieren. Das Ergebnis: die literarische Innovation „Doktor Faust“.

 © Randomhouse/Bertelsmann

Spillover im Museum

An alte Seilschaften zwischen Kunst, Sammeln und Forschen knüpft das Naturkundemuseum in Berlin an. Mit künstlerischen Interventionen setzen sich Kultur- und Kreativakteure in einem vierjährigen Modellprojekt und in verschiedenen Sparten mit Naturthemen und Exponaten in den Räumen des Museums auseinander. Sie intervenieren, greifen ein, spiegeln ihre Perspektiven mit Klangkunst und Musik, Poesie und Literatur, Malerei und Installation. Das schärft die Wahrnehmung und das Empfinden der Besucher, Naturwissenschaft mit allen Sinnen zu erfassen, wie Künstler Ólafur Elíasson es 2016 bei der Verleihung des Zukunftspreises formuliert: „Wissenschaft bedeutet auch, mit dem Herz und nicht nur mit dem Verstand zu forschen.“

Handarbeit und Mathematik

Künstlerische Ästhetik, Mathematik und Naturwissenschaften verbinden die australischen Zwillingsschwestern Christine und Margaret Wertheim in ihrem Institute for Figuring in Los Angeles. 2012 initiierten sie ein partizipatives, grenz-, generationen- und geschlechterübergreifendes Handarbeitsprojekt: Männer und Frauen, Kinder und Senioren, über 700 Mitwirkende aus Deutschland, Dänemark, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz häkelten gemeinsam ein wollenes Korallenriff – The Föhr Reef – eine Aktion des Museums „Kunst der Westküste“ in Alkersum auf der Insel Föhr. Neben Fingerfertigkeit erhielten die Akteure über die Vorlagen der Handarbeitstechnik Einblick in mathematische Muster sowie thematisch in meeresbiologische Aspekte. Weltweit sind bereits über 20 gehäkelte Korallenriffe entstanden.

  © Föhr Reef: Institute for Figuring, Alyssa Gorelick

Kunst als Botschafter

2014 zeigte das internationale State Festival in Berlin, dass Kunst und Musik helfen können, Denk- und Forschungsergebnisse wirksam nach außen zu kommunizieren. Praktiziert wurde das in Gesprächsforen, interaktiven Workshops, in Kurzfilmen, Performances von Künstlern und Live-Experimente von Wissenschaftlern. Das Festivalthema „Zeit“ bildete den Rahmen für das Kernthema: der kreative Zusammenprall beider Welten Wissenschaft und Kunst. Und die Frage: Welche ästhetischen Qualitäten geben Kunst und Musik Substanz und befähigen sie, Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen zu finden? Wird die wachsende Komplexität der Welt und des Denkens greifbarer, wenn man Denkweisen und Weltsichten von Wissenschaft und Kunst zusammenbringt. John Gorman, Chef der Science Gallery in Dublin sehnt eine „dritte Kultur“ herbei. Er nennt sie arts science und hofft, dass sie zu einer weltweiten Bewegung wird.

 

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