Lichtenhagen Dorf: vom Wandel einer Gemeinde durch Nachhaltigkeit

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Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien sind in aller Munde. Was das konkret im Alltag bedeutet, z. B. für eine Kirchengemeinde, habe ich mir in Mecklenburg-Vorpommern angesehen, in Lichtenhagen Dorf etwa 10 km nordwestlich von Rostock. Hier engagieren sich die Gemeinde-Mitglieder in besonderer Weise für den Klimaschutz. In Kooperation mit der Nordkirche hat die Gemeinde Lichtenhagen Dorf 2014 einen spannenden Prozess zur eigenen Neuausrichtung begonnen.

Sanierung der alten Pfarrscheune

Auf Wunsch vieler Bürger*innen in Lichtenhagen Dorf sollte das Gemeindeleben gestärkt und mit neuen Impulsen belebt werden. Und es gab außerdem den Wunsch, neue Räume für Veranstaltungen und zum gegenseitigen Austausch zu schaffen. Beste Voraussetzungen bot dafür die alte Pfarrscheune. Sie sollte saniert und umgenutzt werden. Die Pfarrscheune entstand im Jahr 1895, ist inzwischen denkmalgeschützt und Teil eines Ensembles mit Kirche und Pfarrhaus innerhalb des historischen Dorfkerns von Lichtenhagen. Was der Gemeinde besonders am Herzen lag: Die historische Bausubstanz sollte bei der Sanierung erhalten bleiben, auf ressourcenschonendes Bauen geachtet und ein hoher energetischer Standard umgesetzt werden.

Barrierefreiheit

2015 begannen die Planungen für die Sanierung und Umnutzung der Pfarrscheune. Drei Jahre später 2018 wurde mit einem großen Scheunenfest der Baubeginn gestartet. Immer wieder packten Gemeindemitglieder engagiert mit an und warben Spenden ein. Am 13. September 2020 konnte die Pfarrscheune als neues Kommunikations- und Begegnungszentrum eröffnet werden. Neben den Gemeinderäumen und einer professionell ausgestatteten Küche wurden auch zwei barrierefreie Mietwohnungen eingebaut. Die Pfarrscheune bietet viele verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten für ein gutes Miteinander und für soziale Daseinsvorsorge in einem liebens- und lebenswerten Dorf.

Ausstattung der Pfarrscheune

Die Pfarrscheune bietet multifunktional vielfältige Möglichkeiten der Nutzung. Ein großer Saal  mit 150 m² eignet sich für Veranstaltungen aller Art, drei unterschiedlich große Gruppenräume (25 – 70 m²) für Treffen, Workshops und Seminare mit allen Gruppen und Kreisen in den Gemeinden, mit Chor, Gospelchor, Jugendchor, mit der Grundschule, mit Vereinen aus Lichtenhagen, für regionale kirchenmusikalische Projekte mit Chören aus Rostock und Umgebung. Die Pfarrscheune hat drahtloses Internet „WLAN für alle“ und ist barrierefrei ausgestattet, d. h. rollator- und rollstuhlgerecht, mit Hörschleife und automatischen Eingangstüren. Die hellen und offenen Räume sind klimagerecht gestaltet und besitzen eine sehr gute Energiebilanz.

Themen-Cafés

Auch im Café im Foyer gibt es Treffen zu verschiedenen Themen: Kuchen aus Omas Zeiten, Sammeltassen-Café, Rund um den Apfel. Lesestube und das öffentliche Bücherregal „Geben und Nehmen“ laden zum Schmökern ein, der Welt-Laden bietet Produkte des fairen Handels. In der Pfarrscheune sind Filmabende und Reiseberichte von Gemeindereisen zu erleben, Koch-, Back- und Kartoffelfeste sowie Pflanzentauschbörsen.

Vielfältige Nutzung

Nutzer der Pfarrscheune sind: der Förderverein zur Erhaltung des Kirchenensembles Lichtenhagen e.V., Lichtenhäger Findlingsgarten e.V., Kulturverein Elmenhorst/Lichtenhagen e.V., Förderverein Denkmale Elmenhorst/Lichtenhagen e.V., Schulverein, Grundschule Lichtenhagen: Nutzung des Saales als Schul-Aula, Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

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Podcast Sommercafé

Sommercafé

Im wunderschönen Pfarrgarten zwischen alten Obstbäumen hat sich seit 2016 ein Sommercafé etabliert. Von Juni bis August sorgen viele rührige Ehrenamtliche dafür, dass jeden Donnerstag zwischen 14 und 17 Uhr Menschen aus der Gemeinde und aus dem Dorf einen Platz zum Reden, Austauschen, für Kaffee und Kuchen finden. Inzwischen kommen bis zu 200 Gäste, sogar Touristen finden den idyllischen Ort und sind begeistert von der Offenheit der Gemeindemitglieder. Die Ehrenamtlichen sind mit Seele und Engagement dabei, erzählt Gemeindepädagogin Conny Buck. Sie hat den Überblick über die Kuchen und Torten und nimmt die Anmeldungen der Gäste entgegen. Die Männergruppe baut Tische, Stühle und Pavillons auf, die Frauen sorgen für Kaffee und Kuchen, deren Vielfalt kaum größer sein könnte. Bis zu 40 Blechkuchen, Obst- und Sahnetorten zaubern die freiwilligen Bäcker donnerstags aufs Kuchenbuffet. Das Sommercafé hat neue Verbindungen und Freundschaften ermöglicht als Ort einer offenen Gesellschaft

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Interviews und Filmproduktionen

Ich habe mit den Akteur*innen Interviews geführt und gemeinsam mit dem Kameramann Björn Kempcke mehrere Filme produziert. Seit 1994 ist Anke Kieseler, Pastorin der Kirchengemeinde Lichtenhagen Dorf. Sie erzählt im Interview gemeinsam mit Gemeindepädagogin Conny Buck, wie das Sanierungsprojekt Bewegung in die Gemeinde gebracht hat. Friedrich Heilmann vom Kirchengemeinderat erklärt die bautechnischen Details und gibt einen Überblick über die Haustechnik nach ökologischen Standards.

Den Prozess der Sanierung und Umnutzung hat die Nordkirche mit Herz und Engagement begleitet. Was die Mitarbeiter und Mitglieder unter Nachhaltigkeit, sozialer Teilhabe und Wirtschaftlichkeit verstehen, darüber berichten jetzt Annette Piening, sie ist Klimaschutzmanagerin im Umwelt- und Klimaschutzbüro der Nordkirche und Jörg Stoffregen, Diakon und Referent im Netzwerk Kirche inklusiv. Die Orgelmusik in den Filmen steuerte Andreas Hein, Kantor der Kirchengemeinde Lichtenhagen Dorf.

Links

Bewegen – Pfarrscheine Lichtenhagen Dorf #1: https://youtu.be/cz4VTwfws0M / Nordkirche https://youtu.be/MvphEJHnOME

Wachsen – Pfarrscheine Lichtenhagen Dorf #2: https://youtu.be/dAoQJ-V7nGs / Nordkirche https://youtu.be/jKQs9fYKVpg

Wandeln – Pfarrscheine Lichtenhagen Dorf #3: https://youtu.be/ujVXjH-jBjc / Nordkirche https://youtu.be/EZJs5KuqCY4

Verbinden – Pfarrscheine Lichtenhagen Dorf #4: https://youtu.be/-YrBBXddmGI / Nordkirche https://youtu.be/Ynz9dHv-wuE

Haustechnik – Pfarrscheine Lichtenhagen #5 – nachhaltig und erneuerbar: https://youtu.be/HrFd_FBgxr8  / Nordkirche: https://youtu.be/T8X6BdUooBc)

Kurztrailer – Pfarrscheine Lichtenhagen #6: Was ist Nachhaltigkeit aus Perspektive der Nordkirche: Bauen und Entwicklung von Kirchengemeinden: https://youtu.be/J-p2RmZ2yTU

Nachhaltigkeit aus Perspektive der Nordkirche #7: https://youtu.be/NkLO5Jwf6yE  / Nordkirche: https://youtu.be/IegPCIcQrXQ)

Sommercafé – Ort einer offenen Gesellschaft #8: https://youtu.be/v0YPQkLukGs

 

Netzwerk-Kirche-Inklusiv

Kirche-fuer-Klima

Kirche-MV.de/Lichtenhagen-Dorf

Pfarrscheune/Bautagebuch-2017-2020

Sa Bassa Blanca: Wunderwesen, Kunst und Natur


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Wer auf der Ballearen-Insel Mallorca Ruhe und Inspiration sucht, findet beides – und zwar im Norden in der Nähe von Alcúdia – in der „weißen Bucht“. In einem wunderschönen Park laden Skulpturen und außergewöhnliche Ausstellungsräume mit erlesenen Kunstobjekten zum Wandeln und Staunen ein.

Entdeckungstour

Als Startpunkt für die Entdeckungstour eignet sich die im Norden gelegene Stadt Alcúdia. Sie ist sehenswert dank der neogotischen Kirche Sant Jaume, der restaurierten mittelalterlichen Stadtmauer und der hübschen Altstadt mit ihren charmanten engen Gassen. Vom Rathaus sind es nur knapp 7 km bis zum Museo Sa Bassa Blanca, zu Fuß gut zu bewältigen. Wenn man die Haupteinkaufsstraße passiert, vorbei am Mercadona und der Tankstelle, und sich dann links hält, erreicht man den wenig befahrenen Weg „Cami de S’Alou“. Er ist von Trockenmauern eingefasst und gesäumt von Brombeersträuchern und Mandelbäumen, Feigen- und Zitronenbäume stehen oft unerreichbar hinter den Mauern.

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Der Zivilisation entfliehen

Schon der Weg zum Museum entscheidet darüber, wie man dort ankommt. Die Anreise mit dem Auto ist problemlos möglich. Wer wie wir zu Fuß geht, kann die Ruhe bereits Schritt für Schritt in sich aufnehmen. Am ersten Schild „Museo Sa Bassa Blanca-Yannick y ben Jakover“ bzw. der Finca Roque ist der Weg zur guten Hälfte geschafft, von dort sind es noch knapp 3 km. Nach einer scharfen Rechtskurve erreichen wir durch ein kleines Tor für Fußgänger (Autofahrer durch ein großes automatisch öffnendes Elektrotor) den Park. Nach wenigen Schritten entdecken wir die ersten Skulpturen – Tierwesen aus Granit: Stier und Nashorn, Elefant und Kamel, Pferd und Ziegenbock, Hund und Katze, Frosch und Taube. Ein riesiger, fast über die Baumwipfel ragender Krake mutet wie ein Außerirdischer an. Hinter Hecken verstecken sich kleine, kreisförmig angeordnete Wesen und ein Land-Art-Sonnenstelen-Kreis aus riesigen ungleichförmigen Sandsteinen, die an die Megalithen von Stonehenge erinnern. Seitlich führt eine weit geöffnete, strahlend weiße Marmortür scheinbar ins Nirgendwo – bis zum Grabstein „The End“.

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Philosophisches

Überall lauern Gedankenanstöße und Inspirationen. Vorbei an Palmen und Olivenbäumen gelangen wir durch eine terassenförmig angelegte Gasse. Steinplatten erobern unsere Aufmerksamkeit mal mit tiefgründigen, mal mit humorvollen Aufschriften: „no justice, no truth, no reality“, „Andersdenken“, „Ein(-)Stein“. Nach so viel Natur fängt uns schließlich die architektonisch moderne SOKRATES-Halle ein. Stufen führen hinab und eröffnen den Blick in eine moderne Wunderkammer: eine wilde und überraschende Mischung aus ethnologischen Artefakten (Masken und Stauen), tierischen Cyborgs (elektronisch animierter Schmetterling) und moderner Kunst. Ein überdimensionierter goldener Schnuller prangt vor Einsteins Formel für die Relativitätstheorie, Klimakunst-Portraits aus Plastikutensilien fordern unser Gewissen. Spektakulärer Blickfang der SOKRATES-Halle ist ein Kristallvorhang über 4 x 7 Meter, gefertigt aus 10.000 Swarowski-Glasstücken, davor ein fossiles Nashornskelett. Das Rhinozeros soll aus dem späten Pleistozän vor etwa 125.000 bis 80.000 Jahren stammen.

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Alt und Neu

Die Zeiten und Epochen mischen sich überall im „Museo Sa Bassa Blanca“. Ein alter, steinerner Wasserturm beherbergt im Innern eine Plastikinstallation und mahnt einmal mehr das gedankenlose Handeln unserer Wegwerfgesellschaft an. Ein Steinturm im Rosengarten lockt mit einer Klanginstallation, dem Gesang von tibetischen Mönchen. Hier finden vermutlich die letzten Hektiker ganz zu sich. Das strahlend weiße Haupthaus wurde in hispanisch-maurischem Stil errichtet und entstand nach Entwürfen des ägyptischen Architekten Hassan Fathy. Im Karlweis-Flügel ist eine Sammlung mit zeitgenössischer Kunst zu sehen. Besonders sehenswert ist die Mudejar-Kassettendecke im Obergeschoss.

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Stiftung

Initiatoren des Museums und Parks sind das Künstler- und Sammler-Ehepaar Yannick Vu und Ben Jakober sowie der Bankier und Philantrop Georges Coulon Karlweis. Bereits 1993 riefen sie gemeinsam die „Fundación Jakober“ ins Leben. Zunächst wurde ein ehemaliges unterirdisches Wasserreservoir klimatisiert und zum Sammlungsraum „Nins“ umgenutzt, der heute historische Kinderportraits präsentiert. Die kleinen Helden wirken mit ihren erwachsenen Posen befremdlich. Die ungewöhnlichen Gemälde entstanden zwischen dem 16. bis 19. Jahrhundert. Seit 2001 kann das „Museo Sa Bassa Blanca“ besichtigt werden. Im Laufe der Zeit kamen immer weitere Räume, Skulpturen und Kunstwerke hinzu.

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Bildungsanspruch

Durch die Verbindung von Natur, Kunst, Design und Architektur wollen die Initiatoren insbesondere junge Menschen für das Thema Umwelt und Nachhaltigkeit sensibilisieren, Wahrnehmung und Wertschätzung für Natur und Lebewesen stärken. Grundpfeiler der Stiftung ist daher ein Bildungsprogramm, das sich an Schulen und Gruppen mit spezifischen Interessen wendet. Dazu gehört auch die Schärfung der Sinne. Eine besondere Tour (wir haben sie nicht absolviert) zum Aussichtspunkt mit hohen Steinsäulen für maximal 6 Personen muss separat angemeldet werden. Von dort können Besucher über die gesamte Bucht von Alcudia schauen. Unterhalb liegt ein ehemaliger militärischer Beobachtungsposten mit einer Installation der Fotografin Nilu Izadi: einer großen „Camara Oscura“. Ihre Funktionsweise wird auf der Website des Museums MSBB erläutert: „Durch ein kleines Loch in der Wand und ein Objektiv tritt Licht in den verdunkelten Raum. Die Landschaft draußen wird spiegelverkehrt auf eine Art weißen hölzernen Bildschirm, auf einer gekrümmten Wand an die gegenüberliegende Seite des Raumes projiziert.“

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Auszeichnungen

Vielfältig, ganzheitlich, ungewöhnlich, engagiert: Mit diesen Attributen lässt sich das Anliegen der Stiftung Jakober zusammenfassen. Kein Wunder, dass die Initiative mehrfach ausgezeichnet wurde. Die Sammlung Nins gehört inzwischen zum Kulturerbe der Balearen, die Kassettendecke im christlich-maurischen Mudéjar-Stil hat man zum Kulturgut ernannt. Wer jemals im Norden von Mallorca weilt, muss das „Museo Sa Bassa Blanca“ unbedingt gesehen haben, auch wenn es scheinbar am Ende der Welt liegt.

Wie lassen sich kreative Leistungen finanzieren?

 © Siegfried Fries, pixelio.de

Damit Ideenschöpfer und Urheber auch zukünftig (über-)leben können, müssen realistische Finanzierungsmodelle geschaffen werden. Lizenzen haben sich in der Kultur- und Kreativwirtschaft für die meisten Freiberufler und Kleinstunternehmer als nicht tragfähig erwiesen, siehe spotify, audible, youtube, netflix usw. Aus gutem Grund wird der Ruf nach Transferabgaben für bestimmte Technologien lauter, gefordert werden z. B. eine Transaktionssteuer für Kapitalgeschäfte, eine „Robotersteuer“ für die Automatisierung und Digitalisierung von Produktionsprozessen, ebenso eine Steuer für den Einsatz Künstlicher Intelligenz. Der Hintergrund: Lohn- bzw. Erwerbsarbeit wird gegenwärtig höher besteuert als Vermögenseinkommen ohne reale Wertschöpfung. Dazu erklärt Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG: „Wenn Produktivität zukünftig vor allem an Maschinen und die Auswertung von Daten gekoppelt ist, könnte die Besteuerung stärker auf den darauf beruhenden Gewinnen aufbauen und weniger auf der Einkommensteuer des Einzelnen.“ (Höttges 2015).

Wandel der Berufswelt

Existenzängste plagen längst nicht nur Kreative, Musiker, Fotografen, Autoren, Journalisten, Grafiker, Künstler, Designer … Auch klassische Wirtschaftsbranchen sind im Zuge der Digitalisierung von der Vernichtung von Arbeitsplätzen betroffen, z. B. Banken und Versicherungen, Verkehr und Industrie. Und so verwundert es nicht, dass das bedingungslose Grundeinkommen schon in den Vorstandsetagen und im Mittelstand diskutiert und befürwortet wird, z. B. von SAP-Chef Bernd Leukert, Siemens-Chef Joe Kaeser, Telekom-Chef Timotheus Höttges und von Götz Werner, dem Gründer und ehemaligen Geschäftsführer von dm-drogerie markt. Höttges sieht das Grundeinkommen als Antwort auf die Veränderungen in der Arbeitswelt: „Wir müssen unsere Gesellschaft absichern. Deswegen die Idee des Grundeinkommens […] Es könnte eine Lösung sein [… ] in einer Gesellschaft, die sich durch die Digitalisierung grundlegend verändert hat.“ (Höttges 2015)

Wer profitiert, muss zahlen

Solange Menschen von den Ideen Anderer profitieren, ohne dass die Ideenstifter ihre Grundbedürfnisse decken können, wird es keinen sozialen Ausgleich in der Gesellschaft geben. Wenn jeder teilt, was er selbst nicht zum existenziellen Überleben braucht, hat niemand das Gefühl, dass ihm etwas gestohlen wird. Der Philosoph Richard David Precht formuliert es mit Blick auf den sozialen Frieden so: „Wir müssen unseren Begriff von Arbeit neu definieren und so etwas wie ein Grundeinkommen einführen, sonst brechen uns die Binnenmärkte zusammen. Die Wirtschaft kann wohl kaum ein Interesse daran haben, dass es keine Konsumenten mehr gibt oder dass Millionen arbeitslos sind.“ (Precht 2014)

Roboter kaufen keine Roboter

„Autos kaufen keine Autos“, hat Henry Ford einmal gesagt. Auf für die Gegenwart ließe sich sagen: Roboter kaufen keine Roboter. Ohne kreative Inhalte werden die meisten digitalen Plattformen sinnlos. Derzeit profitieren vor allem diejenigen von der Wertschöpfung, die Hoheit über Datenströme besitzen. Doch nur wenn alle Menschen an Wertschöpfungsketten beteiligt werden und vom technologischen Fortschritt profitieren, bleiben Gesellschaften funktionstüchtig und friedlich. Nur dann bleibt Freiraum für Kreativität. Ein Modellversuch in der kanadischen Stadt Dauphin hat gezeigt, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen bedingungslosem Grundeinkommen und verbesserter physischer und mentaler Gesundheit gibt. In dem vierjährigen Untersuchungszeitraum gab es spürbar weniger Arztbesuche aufgrund mentaler Probleme und weniger Diagnosen von psychischen Erkrankungen. Menschen, die ihren Beruf aus Berufung ausüben, sind zufriedener, gesünder und daher für die Volkswirtschaft erstrebenswert.

Arbeit als Lebenssinn?

Der niederländische Historiker Rutger Bregmann macht sich seit längerem darüber Gedanken, wie sich die beiden Hauptprobleme des 21. Jahrhunderts lösen lassen, dass durch die Digitalisierung industrieller Prozesse zunehmend Arbeitsplätze verloren gehen und nicht genügend neue geschaffen werden können. Dadurch stehe einerseits mehr Freizeit zur Verfügung, andererseits wachse im Westen die Kluft von Arm und Reich sowie in der Dritten Welt. Wir alle müssen diese Herausforderungen gesellschaftlich diskutieren und aushandeln.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Im Zuge der Corona-Pandemie ist die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen neu entfacht. Auch Bregmann plädiert für ein universelles Grundeinkommen, ebenso wie die EBI, eine Bürgerinitiative aller 27 Länder der Europäischen Union. Sie strebt 2021/2022 ein Quorum für ein bedingungsloses Grundeinkommen zu erreichen (aktueller Stand nach Ländern aufgeschlüsselt) und fordert die Europäische Kommission auf, aktiv zu werden und Vorschläge für bedingungslose Grundeinkommen in der gesamten EU zu machen. Ein interdisziplinär aufgestelltes Forschungsteam will jetzt in einem 3jährigen Pilotprojekt herausfinden, ob „ein Grundeinkommen das soziale Zusammenleben, die Vertrauenskultur in unserer Gesellschaft fördert“, formuliert Studienleiter Jürgen Schupp, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin) seine Hypothese. In Capital schreibt Autorin Claudia Cornelsen über ihre Erwartungen: „Etwas ohne Rückfrage, ohne Misstrauen, ohne Vertrag, ohne Erwartung geschenkt zu bekommen, das ist neu … Das Bedingungslose Grundeinkommen basiert auf einem positiven Menschenbild mit Eigenverantwortung und intrinsischer Motivation. Statt die Schwachen als autoritärer „Wohlfahrtsstaat“ zu bestrafen, investiert die staatliche „Zutrauensgesellschaft“ in die Stärken ihrer Bürgerinnen und Bürger.“

 © Mensch-Grundeinkommen

Erlebnisausstellung

Das Hamburger Netzwerk Grundeinkommen plant eine Wanderausstellung, um Diskussionen zum Thema breiter in die Gesellschaft hineinzutragen. Unter dem Titel Mensch Grundeinkommen will sie einen setzen Kulturimpuls setzen – mit einer phantasievollen und mobilen Erlebnisausstellung: “Sie soll die Menschen in ganz Europa berühren, inspirieren und zu einer aktiven Auseinandersetzung anregen, um über das Leben, die Arbeit und über die Schaffung eines Bedingungslosen Grundeinkommens nachzudenken.” Die Initiatoren treibt die Überzeugung, dass das Grundeinkommen Sicherheit und Freiheit verspricht und zugleich jeden Einzelnen persönlich und gesellschaftlich herausfordert: “Weder Verheißung des Paradieses noch Weg in die Katastrophe führt es weg vom Müssen und Sollen, hin zum Können und Wollen. Mit unserer Ausstellung möchten wir alle zu einer lebendigen Auseinandersetzung ermuntern.”

 

Buch-Tipp:

Rutger Bregman: Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen
Rowohlt Verlag, Reinbek 2017

 

 

 

Was ist Kreativwirtschaft? Sahnehäubchen oder Hefe im Teig?

Wie kann klassische Wirtschaft von der Zusammenarbeit mit Kreativschaffenden profitieren? In einem Onlineworkshop gab ich praxisnahe Einblicke in gelungene Cross-Innovation-Kooperationen, unternehmerische Fragestellungen, kreative Methoden und künstlerische Interventionen.

Horizont erweitern

Kreative helfen klassischen Unternehmen dabei, den Blick für die eigene Produktpalette zu weiten und passende Dienstleistungen anzubieten. Ich erläuterte das am Beispiel des Unternehmens LUNGE, Anbieter von Laufschuhen. LUNGE betreibt in Hamburg und Berlin die vier größten Laufläden weltweit und gehört zu den wenigen Produzenten, die ihre Schuhe in Deutschland fertigen – in einer Manufaktur in Düssin in Mecklenburg-Vorpommern. Die Gründer und Geschäftsführer Ulf und Lars Lunge bieten ihren Kund*innen neben ihren Produkten auch passgenaue Dienstleistungen an, z. B. die Neubesohlung von Laufschuhen, außerdem eine individuelle Anpassung durch Orthopädie- und Schuhtechniker sowie eine personalisierte datengestützte Laufanalyse. Der Impuls zu diesem erweiterten Angebot kam von einem der Söhne, der als Kommunikationsdesigner und Software-Entwickler tätig ist. Er hatte die Idee, Kund*innen vor dem Kauf der Schuhe in den Läden eine Laufanalyse anzubieten. Die Ergebnisse können vom Kunden digital über einen QR-Code mit nach Hause genommen und jederzeit abgerufen werden. Beim nächsten Besuch stehen die Analysedaten weiterhin zum Vergleich zur Verfügung.

Kreativschaffende als Impulsgeber

In meinem Impulsvortrag stellte ich vor, was Kreativschaffende durch neue Impulse und Perspektiven in Unternehmen bewirken können, “nicht ornamental als Sahnehäubchen, sondern strukturell als Hefe im Teig”. In meinen Praxisbeispielen ging es u. a. um:

● Unternehmenswandel (Insekten retten statt vernichten)
● Unternehmensfusion (Austausch und Wissenstransfer statt Blockade)
● Arbeitskultur und Arbeitsumfeld (Individualität und Stille statt Chaos im Großraumbüro)
● Zeitmanagement (Raum für Reflexion und strategische Entscheidungen statt in zahllosen Sitzungen zu versinken)
● Service (Dienstleistungen ergänzend zu Produkten)
● Mitarbeiterpflege, Nachwuchs- und Fachkräftegewinnung
● Wissenstransfer im Unternehmen (z. B. bei Urlaub, Pensionierung, Krankheit)
● Fehlerkultur, Wertschätzung, Stärkung von Eigenverantwortung unter Mitarbeitenden (Intrapreneurship)

Kreative Kernkompetenzen transferieren

Wenn Kreativen in Krisenzeiten die Aufträge wegbrechen, können neue Geschäftsideen und Tätigkeitsfelder entstehen, berichtete ich von einem Beispiel aus dem medizinischen Bereich. Rund 5% aller Corona-Erkrankten leiden derzeit an Langzeitfolgen. Einige Covid-Patienten erhalten neuerdings Hilfe von professionellen Opernsänger*innen – dank einer Kooperation zwischen dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und der Hamburgischen Staatsoper. Sänger*innen trainieren gemeinsam mit den Patient*innen mit gezielten Atemübungen das Lungenvolumen, das in 2-3 Monaten um 20 % zunehmen kann. Auch Ärzte lernen von den Sängern dazu und wollen nun deren Trainingsmethoden auf Therapieansätze übertragen.

Austausch mit den Workshop-Teilnehmer*innen

Um Innovationen zu ermöglichen, ist es für klassische Unternehmen wichtig, eingefahrene Muster und Routinen zu hinterfragen und Perspektivwechsel zuzulassen. Daraus entspann sich eine lebhafte Diskussion und Fragerunde mit den Teilnehmer*innen, u. a. zu diesen Fragen:

● Warum lohnt sich für klassische Wirtschaftsbranchen die Zusammenarbeit mit Kreativschaffenden?
● In welchen betrieblichen Bereichen und Szenarien können sie wirksam werden?
● Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit die Kooperationen erfolgreich verlaufen?
● Wo und wie spricht man als Kreativer klassische Unternehmen an?
● Wie findet man unternehmerische Herausforderungen und Fragestellungen, die Kreative im Unternehmen mit künstlerischen Methoden bearbeiten können?

Die Teilnehmer*innen berichteten, dass die Welten zwischen klassischen Unternehmen und Kreativen oft noch sehr getrennt voneinander seien. Intermediäre sollten als Brückenbauer agieren, so mein Rat. Sie vermitteln, wenn es Verständnis- bzw. Verständigungsprobleme zwischen Unternehmen und Kreativen gibt. Sie übernehmen auch das Matching und suchen für Unternehmen und deren besondere Fragestellung passende Methoden und Kreative. Die Dauer einer Cross-Innovation-Aktion bzw. künstlerischen Intervention ist von konkreten Fragestellungen, Absprachen und persönlichen Sympathien der Akteur*innen abhängig. Aus einer eher kurz angedachten Zusammenarbeit könne sich durchaus auch ein langfristiges Projekt entwickeln, so meine Erfahrung. Erkenntnisse sollten auf jeden Fall dauerhaft und nachhaltig in den Arbeitsalltag eingebunden werden, damit sie tatsächlich die erwünschte Wirkung zeigen.

Die Diskussion war ebenso fruchtbar wie konstruktiv. Die Teilnehmenden äußerten den Wunsch, den Gedankenaustausch fortzuführen und zukünftig konkrete Konzepte für die Zusammenarbeit mit Unternehmen zu entwickeln.

Szenarien – hier können künstlerische Interventionen und Cross Innovation-Projekte wirksam werden:

● Teamentwicklung: Gemeinschaftsgefühl, Motivation, Unternehmenskultur
● Kommunikation: interner/externer Informationsfluss, Transparenz, Fehlerkultur
● Personalmanagement: Nachwuchsgewinnung, Mitarbeiterpflege
● Strategieplanung: Perspektivwechsel, Innovationen
● Produktentwicklung: Design, Benutzerfreundlichkeit, Innovation
● Wissensökonomie: Digitalisierung, Wettbewerbsfähigkeit
● Gesundheitsmanagement: Diversity, Teilhabe

Die Online-Veranstaltung fand am 10. Juni 2021 als Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft Westmecklenburg und Kreative MV in der Reihe Kreative:Wissen vom FORUM Kreativwirtschaft Fichtelgebirge und dem Verein KüKo – Künstlerkolonie Fichtelgebirge statt.

Kreative Räume und Kreativwirtschaft in Thüringen

 © Ingrid Kranz, Pixelio.de 

Norman Schulz ist als Berater für Kultur- und Kreativwirtschaft viel herumgekommen. Sein Weg nach Thüringen führte ihn über viele Umwege. „Wer vom Weg abkommt, lernt Landschaft kennen.“ Warum das wichtig ist, hat er mir im Interview erzählt.

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Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Mit einem Musik- und Politikstudium im Gepäck und dem konkreten Plan, doch nicht Musiker werden zu wollen, studierte Norman Schulz zunächst Kulturmanagement. Er war zunächst im Ruhrgebiet tätig, später in Oberbayern. Als Ansprechpartner im Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes lernte er die Branche gleich in sechs verschiedenen Bundesländern kennen, in Hessen und Rheinland-Pfalz sowie im Norden in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Seit 2014 leitet er nun THAK, die Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft. Er sagt: „Thüringen hat Pioniergeist bewiesen im Prozess Kreativwirtschaftsförderung. Ihn gemeinsam mit hochmotivierten Mitstreitern weiter voranzutreiben, das ist meine Aufgabe in der THAK.“

Digitaler Wandel und Innovation

In der Selbstbeschreibung der THAK heißt es: „Kreativität ist eine wichtige Ressource für Innovation und für die Gestaltung des digitalen Wandels. Das Ziel der Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft ist es, mit ihren Qualifizierungs- und Vernetzungsangeboten diese Ressource im Freistaat sichtbar und wirtschaftlich nutzbar zu machen. Dafür aktivieren und begleiten wir Netzwerkinitiativen, laden zum Erfahrungsaustausch ein und schaffen Anlässe für Begegnungen zwischen Kreativschaffenden mit Lösungskompetenzen für unternehmerische Herausforderungen und potenziellen Kunden.“

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Masterplan für Thüringen

Norman Schulz ist wichtig, die Qualität der Kreativleistungen in Thüringen noch sichtbarer zu machen und insbesondere dem thüringischen Mittelstand den Zugang zu den Kreativschaffenden zu erleichtern, zu verbreitern und für eine Zusammenarbeit zu sensibilisieren: „Wir schmieden dafür Kontakte mit Clustern und den Branchenverbänden.“ Partner sind z. B. die Thüringer Tourismus GmbH. Es gibt Veranstaltungen, in denen kreative Dienstleister auf Anbieter aus dem Tourismus und dem Gastgewerbe treffen. Zunächst müsse man Vertrauen zueinander aufbauen, um dann auch gemeinsam an den Herausforderungen zu arbeiten und Thüringen noch ein Stück weit attraktiver zu machen: „Wir haben da viel mit Kreativ-, Werbe- und Kommunikationsagenturen zu tun. Wir arbeiten mit Designern, Software-Entwicklern und technologiegetriebenen Akteuren, die AR (Augmented Reality) und VR (Virtual Reality) anbieten. Aber auch analoge Kompetenzen wie Storytelling sind sehr wichtig.

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Räume innovativ entwickeln

Zu den Vorreitern kreativer Raumentwicklung gehört Lars Lewandowski. Mit seinem Label Vintagewerft sorgt er für außergewöhnliche Wohnräume, Läden- und Bürokonzepte. Der gebürtige Eisenacher hat sich auf auf Interieur-Design mit Industrie-Charme spezialisiert, er baut für Coworking-Spaces, wie das KrämerLoft oder die Kreativtankstelle in Erfurt, in Jena das Del Corazon und das Kombinat01, der Redwing-Store in Leipzig, das Café Bohne Traube am Erfurter Domplatz und Pack’s Ein – Der Unverpackt-Laden in Eisenach. Sein jüngstes Projekt ein neuer Eisladen Oma Lilo in Erfurt. Altes wird mit Neuem verbunden. Die Möbelstücke und die Einrichtung stammen größtenteils vom Flohmarkt wurden liebevoll restauriert und ausgebessert! Upcycling ist längst Trend und zudem nachhaltig. Lars Lewandowski: „“Ich liebe die Geschichte hinter den Dingen und gehe daher auch gerne auf Flohmärkte. Ich finde es sehr bedauerlich, wenn Sachen achtlos weggeworfen werden, aus denen Neues entstehen kann. Diesen Zyklus möchte ich durch meine Arbeit stoppen. Beige mediterrane Kacheln an den Wänden geben das Gefühl von Süden und Urlaub, aber auch, als würde man bei Oma in der Küche sitzen.“

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Coworking auf dem Land

Auch abseits der Städte seit einiges zu tun, sagt Norman Schulz: „Vor allem in ländlichen Räumen sind noch viele unerkannte Potenziale, die erschlossen werden sollten.“ THAK fördert daher die Vernetzung von Kreativschaffenden u. a. auch durch Coworking auf dem Land. Die gemeinschaftliche Zusammenarbeit in Coworking Spaces wirkt nicht erst seit der Corona-Pandemie als Verheißung. Räume, Ressourcen und Wissen, weniger Pendelzeit, Erholung, Beruf und Privatleben trennen, das sind nur einige der Vorteile. Dennoch: „Coworking-Space-Angebote gibt es im ländlichen Raum Thüringens im bundesweiten Vergleich noch recht wenig“, sagt Schulz. THAK lädt daher Experten der neuen bundesweiten Genossenschaft CoWorkLand eG ein und informiert, welche Geschäftsmodelle für Gründungsinteressierte möglich und passend sind.

Rückkehrer

Die THAK spricht gezielt auch junge Menschen an und möchte sie zum Bleiben in Thüringen gewinnen, z. B. Absolventen aus den Medien und den kulturaffinen Bereichen, etwa von der TU Ilmenau oder auch von der Bauhaus-Universität in Weimar: „Es ist ja so, dass die Jungen tatsächlich erst mal in die große weite Welt wollen. Was ich persönlich auch ganz okay finde, weil man sich weiterentwickelt und mit den ganzen Erfahrungen im Gepäck wieder zurück nach Thüringen kommen kann.“ Etwas unter Rückkehrern etwas nachzuhelfen, gibt es so eine Art Thüringer „Gründer-Prämie“, d. h. Beratungsunterstützung, ganz viel Netzwerkarbeit, auch finanzielle Angebote und zielführende Möglichkeiten, um an Kapital zu kommen. „Wir haben so etwas wie die Thüringer Investor Days, die von der Stiftung für Technologie und Innovation in Thüringen durchgeführt werden.“

Sogwirkung

Neben dem Thema Finanzierung ist für Gründer aber auch der menschliche Aspekt entscheidend. Norman Schulz hat die Erfahrung gemacht, dass Kreative Kreative anziehen. Es ist natürlich attraktiver, nicht in einen leeren Raum hineinzugehen, sondern an andere anzudocken und von ihnen ggf. auch Unterstützung bei der Umsetzung neuer Ideen zu bekommen. Schulz sagt: „Wo schon spannende Menschen unterwegs sind, die offen und tolerant sind und Andersdenkende nicht als störend empfinden, da siedeln sich auch andere Kreative gerne an.“

 

PODCAST-Interview mit Norman Schulz

Lokaljournalismus im Aufwind: Kreativquartier Schwerin-Görries

 alles-mv.de

Schon während der Diplomarbeit wird Manuela Heberer klar: Die reine Wissenschaft ist nichts für mich. Heberer entdeckt den Journalismus für sich und findet den Quereinstieg über „learning by doing“. Sie jobbt im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, schreibt Artikel für die Thüringer Allgemeine, steigt dort intensiver mit einem Praktikum ein und schließt dann ein Volontariat in der Pressestelle der Hochschule an. Hier erhält sie eine Redakteursausbildung: „Das passte ganz gut, weil wir uns natürlich schon im Studium ganz viel mit Wissenschaftsthemen beschäftigt hatten. Durch mein Biologiestudium wusste ich natürlich auch, wie Wissenschaftler so ticken und wie Wissenschaftskommunikation geht. Das ist ein ganz wichtiges Thema heute, die Wissenschaft aus dem elitären Elfenbein herauszubringen und in die Öffentlichkeit zu tragen. 

Vielfältige Medienformate

Folgerichtig gründet Heberer 2012 ihr Medien-Startup alles-mv. Unter diesem „Dach“ realisiert sie vielfältige Formate, vor allem das Online-Magazin VielSehn mit Reportagen, Porträts und Ideen über engagierte Menschen, die in MV etwas bewegen. „Ich möchte damit die Vielfalt im Nordosten Deutschlands sichtbar machen und einen Gegenpol zu den gängigen Klischees setzen“, sagt Heberer. Spannende Gespräche bereitet sie für ihren Podcast Erste Generation auf. Auch die Lesereihe MV liest soll als Podcast und ebenso live in Kooperation mit der Hörspiel- und Begegnungsscheune Cramon langfristig weiter wachsen. Ein beliebtes Service-Angebot ist ihr Veranstaltungskalender Wohin Ihr wollt, der von vielen Mecklenburger gern genutzt wird. Auch der Natur fühlt sich Heberer verbunden, seit 2012 verantwortet sie die Redaktion für den Naturschutzbund in MV.

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Vielsehn – Geschichten aus der Region

„VielSehn“ ist als Selbstverständnis von Heberer zu verstehen. Naheliegend, dass es zum Titel ihres gleichnamigen Online-Magazins wurde, das Themen, Menschen und deren Vorhaben in der Mecklenburgischen Seenplatte sichtbar macht: „Wir machen uns auf die Suche nach den Menschen, die dort leben, den Unternehmen, die dort wirtschaften, den Initiativen, die sich dort engagieren, nach all denjenigen, die in der Region etwas bewegen. Es gibt also viel zu sehen!“ Kokreative Partnerin beim VielSehn-Magazin ist die Grafikerin Antje Siggelkow. Ihre gemeinsame Mission: professionelle Gestaltung und Design verbunden mit journalistischem Handwerk. Lokaljournalismus ist aktuell im Aufwind, auch in MV. Hier weht einiges an Gründergeist, häufig angefacht, weil engagierte Menschen Leerstellen erkennen und einfach machen. Aus Unzufriedenheit über Berichterstattung der Neubrandenburger Tageszeitung “Nordkurier” haben Heberers Kollegen vom Katapult-Magazin in Greifswald mit dem umtriebigen Chefredakteur Benjamin Fredrich gerade die Regionalzeitung Katapult MV auf den Weg gebracht. In nur vier Tagen kamen 19.000 € zusammen, damit können nun fünf Redakteure und Grafikerinnen pro Monat finanziert werden, um zunächst aus Greifswald und Stralsund zu berichten. Je nach Entwicklung des Zuspruchs und der Abonnentenzahl sollen weitere Büros in MV folgen.    

Aus eigenem Antrieb

In MV lässt sich noch Neuland beackern. Diese Erkenntnis treibt auch Heberer an. Wer mutig ist und langen Atem hat, kann viel bewegen. Die Anfänge waren 2012 mühsam, aber auch erfüllend, weil es keine Vorlagen gab: „Ich wollte damals einfach ein Medium haben, wo ich Beiträge über Themen schreiben kann, die ich sonst nicht lese oder vielleicht auch sonst in den etablierten Medien nicht unterbekomme als freie Journalistin. Themen, die ich mir selber suche und umsetze. Heberers Berichterstattung wird von den Portraitierten und den Protagonisten begeistert und dankbar aufgenommen. Sie beobachtet immer wieder, wie schwer es kleine Akteur*innen und Unternehmer*innen haben, weil sie nicht die Kapazitäten haben, in die Öffentlichkeit zu gehen. „Klar, die pflegen ihren Facebook- und Instagram-Account und haben meistens auch einen Online-Shop. Aber für Öffentlichkeitsarbeit, also dass man rausgeht und von sich erzählt, dafür bleibt dann oft gar keine Zeit. Und daher freuen sich die Leute dann umso mehr, wenn mal jemand vorbeikommt, Fragen stellt und das dann in einem entsprechenden Rahmen auch veröffentlicht wird. Ich merke an der Resonanz und am Zuspruch bei den Lesern: Das sind wirklich Themen, die wollen die Leute wirklich lesen.“

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Mecklenburgische Seenplatte

Der aktuelle Wirkungsradius ist für Heberer wegen des VielSehn-Magazins vor allem die Mecklenburgische Seenplatte. Der größte Landkreis Deutschlands erstreckt sich über 5.000 Quadratkilometer und bietet eine Fülle spannender Geschichten und Orte: von der Müritzregion im Südwesten über die Feldberger Seenlandschaft bis an die Uckermark im Osten, das Trebeltal um Demmin und das Peenetal bei Loitz im Norden. Eine wunderschöne und vielfältige Region mit Flüssen und Seen, mit viel Freiraum und viel Land. Das lässt nicht nur Touristen schwärmen, auch Einheimische wie Heberer wissen die Natur und die zauberhaften Orte zu schätzen. Durch ihre Online-Artikel möchte sie ihre Erlebnisse in herrlicher Umgebung mit anderen teilen: „Ziel ist es, die Vielfalt zu zeigen, um auch potenzielle Zuzügler von der Region zu überzeugen. Von den Menschen, der Kultur und der Lebensart.“    

Lebensmotto

„VielSehn“ ist zu einem  Lebensmotto von Manuela Heberer geworden. Als Journalistin ist sie viel unterwegs, hat Augen und Ohren stets nah an den Menschen, ihren Geschichten und ihren Vorhaben. Heberer ist überzeugte Mecklenburgerin. Sie wurde in der Landeshauptstadt Schwerin geboren, arbeitet und lebt hier glücklich mit ihren Kindern und ihrem Ehemann. Die Dauerliebe zu Mecklenburg wurde nur kurz unterbrochen – von einem Gastspiel in Thüringen für ihr Biologiestudium und ihr Volontariat. Mecklenburg ist für Heberer Heimat durch und durch: „Hier bin ich zu Hause, hier fühle ich mich wohl, hier komme ich mit den Menschen am besten klar.“

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Kreativquartier Schwerin-Görries

Visionäre Ideen entstehen in kreativer Umgebung. Schon seit 2012 arbeitet Heberer etwas außerhalb der Landeshauptstadt – im Kreativquartier Schwerin-Görries an einem geschichtsträchtigen Ort. Vor etwa 100 Jahren haben findige Köpfe hier einen Flugplatz mit angeschlossener Flugschule eröffnet. Die beiden Weltkriege haben allerdings die zivile Luftfahrt beendet. Das Rollfeld wurde zum Gewerbegebiet, das sogar einen Anschluss an die Regionalbahn hatte. Übrig geblieben sind zwei Gebäude: die ehemalige Flugschule im Bauhausstil, und das Offizierskasino. Hier ist das Herzstück des Kreativquartiers untergebracht. Hier entwickelt Heberer in ihrem Büro ihre Medienformate neben weiteren Kreativschaffenden, Künstler*innen, Freiberufler*innen. Außerdem arbeiten hier Handwerker und proben hier Musiker*innen, weit genug entfernt vom benachbarten Wohngebiet im Stadtteil Görries. So steht auch der nächtlichen Nutzung nichts entgegen – was auch die angrenzenden Clubs und Theaterprobenräume zu schätzen wissen. Zwischen ehemaligen Textilfabriken und Autohäusern genießen Clubkultur und Graffitikunst den vorhandenen Freiraum, um sich zu entfalten und zu verwirklichen. Das Kreativquartier wird immer weiter ausgebaut und findet Stück für Stück neue Bewohner*innen. Aber: Platz für weitere kreative Macher, für Tüftler und Visionäre ist noch vorhanden.

Ideale Bedingungen am Stadtrand  

Heberer ist nicht nur Journalistin und Gründerin, sondern auch Raumpionierin. Gemeinsam mit ihrem Vater will sie weitere kreative Köpfe in das Kreativquartier nach Schwerin-Görries locken. Sie ist überzeugt: „Gerade die Lage in der Peripherie mit Parkplätzen vor der Tür und guter Verkehrsanbindung bietet mir gute Voraussetzungen. Schon viele Jahre kenne ich das Quartier und habe mir immer vorgestellt, dass hier ein Ort entsteht, an dem viele verschiedene Freelancer, Unternehmen, Kreativschaffende unter einem Dach arbeiten und sich gegenseitig austauschen, vernetzen und vielleicht sogar gemeinsam Projekte durchführen. Das Quartier bietet dafür ganz vielfältige, vielleicht sogar ungeahnte Möglichkeiten und wartet auf Mitgestalter.“

Der Boden in Schwerin-Görries ist bereitet: für visionäre und mutige Macher, für Kunst und Handwerk, für digitale Startups und Werbeagenturen, für Design- und Architekturbüros, für Vereine und Bildungsangebote, für Clubs und Gastronomie.

PODCAST

 

 

Analog denken, digital gestalten: der Medienkünstler Christian Riekoff

 © Studio Riekoff

Computerkunst auf dem Land? Geht das überhaupt? Ich habe mit dem Mediendesigner Christian Riekoff über das Leben zwischen Stadt und Land gesprochen, über seine aktuellen Arbeiten und Auftraggeber.

Vom Dorf in die Großstadt

Viele Jahre hat der Mediendesigner Christian Riekoff in dem kleinen Mecklenburgischen Dorf Alt Zachun südlich des Schweriner Sees gelebt und dort sein Studio Riekoff betrieben. Doch seine Auftraggeber sitzen in den Metropolen: Berlin, Singapur, Toronto. Also steigt Riekoff morgens auf dem Mini-Bahnhof in Sülstorf in den Zug und findet sich Stunden später in der Hektik der Großstädte wieder. Ein Wechsel, wie er krasser kaum sein kann. Doch andererseits genießt Riekoff auch beide Welten: hier die Ruhe und Natur, dort das pulsierende Leben mit bunten Lichtern und Farben. „Wie viele Fassaden z. B. in Berlin kreativ gestaltet sind, was da draußen passiert, wie viele Plakate da hängen, wie viele Ausstellungen und Workshops es dort gibt und wie viele Leute man dort auf kreativer Ebene trifft“, zählt Riekoff auf und vergleicht: „Da gibt es hier in Mecklenburg doch noch ganz schön Nachholbedarf, auch vom Essen her kulinarisch viel mehr Vielfalt.“

In die Welt hinaus

Riekoff hat die weite Welt kennengelernt: Seine Arbeiten werden auf internationalen Ausstellungen gezeigt, auf dem Sónar-Festival in Barcelona und der transmediale in Berlin. Er hat Installationen für den Flughafen in Singapur gestaltet, wie z. B. “Kinetic Rain” mit 608 Regentropfen aus leichtem, mit Kupfer bedecktem Aluminium, die an dünnen Stahlseilen über Rolltreppen aufgehängt sind. Jeder Tropfen wird in einer 15-minütigen, rechnerisch entworfenen Choreographie von einem computergesteuerten Motor scheinbar schwebend bewegt. Für das Contemporary Art Centre im spanischen Cordoba kreierte er eine 100 Meter lange Licht- und Medienfassade direkt am Río Guadalquivir. Für einen Personentunnel im Schweizerischen Winterthur entwickelt Riekoff eine 45 Meter lange, farblich changierende Lichtwand, die sich in Echtzeitbespielung durch die Programmierung verschiedener Zeitzyklen wie Jahreszeiten, Sonnen-, Mondphasen ständig verändert.

Werdegang

„Eigentlich wollte ich immer Grafik Design studieren, habe aber keinen Studienplatz bekommen“, erzählt Riekoff. Notgedrungen habe er dann Medien-Informatik studiert, mit der Vorstellung, er könne damit dann sicher auch noch so etwas wie Webseiten machen. Beim Programmieren entdeckt er, dass man dabei auch Kunst erschaffen kann: „Man schreibt Algorithmen und diese Algorithmen malen dann Bilder, erstellen Grafiken und Animationen. Ich habe gemerkt, dass das etwas ist, was mir ganz gut liegt. Mathe und Physik fielen mir in der Schule leicht und zur Kunst hatte ich einen abstrakteren Bezug, der sich aus Streetart und Graffiti heraus speiste. Das hat dann irgendwie ganz gut zusammengepasst.“ Riekoff sattelt zusätzlich an der Universität der Künste ein Studium in „Experimenteller Mediengestaltung“ auf. Der Doppelabschluss als  ausgebildeter Ingenieur in Informatik und ausgebildeter Künstler an einer Kunsthochschule wurde zur idealen Grundlage, um dann als Medienkünstler und Computerdesigner zu arbeiten.

In Deutschland

Für das Deutsche Salzmuseum Lüneburg entwickelte Riekoff mit einem Kreativteam eine virtuelle Reise zu den wichtigsten Salzhandelsrouten zwischen Ländern und Kontinenten. Auf einer Weltkarte sind 34 sensorempfindliche Salzkristalle verteilt. Bei Berührung emittieren Millionen von Salzpartikeln je nach der Menge an Vorkommen in den jeweiligen Regionen über die Weltkarte, rutschen quasi an den Bergkämmen nach unten und fließen schließlich in die Meere. Bei Berührung beginnen die Kristalle zu glühen und verschmelzen zu einem Informationsfenster, über das der Besucher Texte, Bilder und Filme zum Thema abrufen kann.

Im Fokus seiner Arbeit stehen aktuell interaktive Installationen, generative Systeme und Physical Computing. Dabei verbindet er Programmierfähigkeiten mit Designkompetenzen. Neben der Arbeit an freien und kommerziellen Projekten lehrt Riekoff nun selbst Computational Design an seiner ehemaligen Universität der Künste Berlin und gibt Workshops an weiteren Universitäten.

Vom Kopf in den Computer

Anfragen für Aufträge erreichten Riekoff unter anderem aus der Autostadt in Wolfsburg und aus Bonn. Für das Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 sollte das Geburtshaus des Komponisten neue Impulse erhalten. Im kleinen, dunklen Geburtszimmer, in dem bisher nur eine Büste von Beethoven stand, positioniert Riekoff einen Spiegel und kombiniert ihn mit einem Partiturblatt. Mit Hilfe eines Computer-Algorithmus‘ überführt er Beethovens Notenschrift in ein Textzitat. Vier Wochen hat Riekoff über dieser Idee gebrütet. Auch wenn sich die technischen Möglichkeiten gerade für Medienkünstler immer wieder ändern, geht der digitalen Arbeit am Computer stets die vorbereitende „analoge“ Kopfarbeit voraus. Für den Nutzer bzw. Besucher bleibt diese Ebene meist unsichtbar und damit auch ihr Aufwand und Wert.  

Lichtinstallation für die Region

Infolge privater Veränderungen lebt Riekoff inzwischen in Schwerin. Kein Problem, zumindest in der Landeshauptstadt ist das Internet schnell und stabil. Auf dem platten Land in den Dörfern allerdings ist das noch immer ein Riesenproblem. Noch immer kommen Riekoffs Auftraggeber vor allem aus den Großstädten. Dabei würde er gerne öfter etwas für seine unmittelbare Umgebung tun. Ein einziges Mal war das bisher möglich. Im Rahmen eines Wettbewerbs in Westmecklenburg entstand die Idee, leerstehende Geschäfte mit Licht neu zu inszenieren und damit aufzuwerten. Riekoff nutzt abstrakte Formen und Fragmente von konkreten Bildern, um den leerstehenden Läden Impulse für neue Nutzungskonzepte zu geben. Und er spielt mit der Magie des Kaleidoskops: So wie das Bild eines Kaleidoskops beim Betrachten variiert, so verändert sich auch der Nutzen in den Läden der Mecklenburgische Altstädte.

Neue Perspektiven durch Lichtkunst

Riekoff möchte mit seiner Kunst etwas bewirken, auch auf soziale Missstände aufmerksam machen, die er in seiner neuen Wahlheimat Schwerin beobachtet, „z. B. zwischen der Platte und dem Marienplatz. Meine Idee ist, eine Lichtbrücke zu bauen mit einem Laserstrahl, der vom Schweriner Fernsehturm vom Dreesch bis zum Dom leuchtet, damit die Spaltung bzw. der Versuch einer Verbindung für alle sichtbar wird. Das wäre für mich so ein Startpunkt, um hier in der Region künstlerisch etwas anzuschieben, besonders in der Wahrnehmung und im Denken der Bewohner.“

PODCAST

Bauer sucht StartUp: Silicon Vilstal erfindet Zukunft auf dem Land

 © Silicon Vilstal

Wie kann der ländliche Raum zeigen, dass er lebenswert ist und in die Zukunft denkt?  Silicon Vilstal in Niederbayern macht es vor – mit originellen kreativen Ideen.

Heimat für Neues

Nordöstlich von München durchzieht das Vilstal am gleichnamigen Fluss entlang malerisch das nördliche Isar-Inn-Hügelland von Vilsbiburg bis Vilshofen an der Donau. Die Region ist durch Landwirtschaft geprägt und verbindet sich seit einiger Zeit sehr engagiert mit der Kultur- und Kreativbranche. Den BewohnerInnen ist klar geworden, dass von den BewohnerInnen innovative Impulse ausgehen. Sie gründeten die gemeinnützige Mitmachinitiative Silicon Vilstal. Die Initiative fördert entsprechend der eigenen Namensgebung offene gesellschaftliche Innovationen und macht digitale Chancen für ländliche Regionen greifbar. „Heimat für Neues“ – so das Motto.

 © Silicon Vilstal

Regionales smart machen

Die Initiatoren setzen auf persönliche Begegnungen, z. B. mit dem Silicon Vilstal Festival, ein branchenbergreifendes Mitmachfestival. Es lädt Gründer und Interessierte zum Coworking-Treffen ein. Das Festival wurde von der EU ausgezeichnet als „European Social Economy Region“ Event 2019. Angeboten werden Methodentrainings, Kulturevents, Veranstaltungen, Workshops und konkrete Aktionen zu „smarten“ Themen:

  • Regional mobil: eShuttle-Angebot, eBikes und eScooter zum Ausprobieren
  • Regional erzeugen: Essen&Trinken, Energie, Landwirtschaft
  • Regional machen: Bildung, MINT&Maker, Design, Gründer
  • Regional kreativ: Kultur, Musik, Literatur, Medien

 © Silicon Vilstal

Tradition trifft Zukunft

Das Festival soll Schubkraft erzeigen, damit anschließend das ganze Jahr über die innovativen Ideen weiter gedeihen können, vor allem zwischen traditioneller Landwirtschaft und digitalen Nomaden. Doch auch andere Branchen und Fachbereiche sind im Vilstal willkommen. Um gut ausgebildete Zielgruppen zu erreichen, haben die Vilstaler einen medienwirksamen Titel für ihre Kampagne gewählt: Bauer sucht Startup. Es ist ein ganzjähriges branchenunabhängiges Coaching- und Coworking-Programm für Startups, Networking, Innovation, Gründergeist und Kreativität. Geworben wird für einen spannenden ländlichen Arbeitsplatz mit Kontakt zu möglichen Kunden, Mentoren und Branchenexperten. Die Gastgeber im Vilstal stellen zeitlich begrenzt kostenlose Räume zum Leben und Arbeiten zur Verfügung und wünschen sich, dass die TeilnehmerInnen im Gegenzug fleißig konzipieren, designen und entwickeln. 

 © Silicon Vilstal

Knotenpunkt Dorf

Um Ideen und Prototypen zu testen, organisiert Silicon Vilstal auf Wunsch „Reality Checks“ und unterstützt Pilotprojekte mit Einzelakteuren, Unternehmen und Institutionen. Mit dem Silicon Vilstal Hub will die Initiative auch überregional sichtbar werden. Dazu haben sich die Macher eine kreative und innovative Messe-Präsentation ausgedacht. Ende Januar 2020 war das Silicon Vilstal mit einem temporären Innovationsraum in der Halle „Lust aufs Land“ auf der „Grünen Woche“ in Berlin zu Gast, einer Sonderausstellung, die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft unterstützt wurde. DesignerInnen aus dem Allgäu und Umgebung hatten Objekte entworfen, die Kinder und Erwachsene in einem Workshop an einem großen Basteltisch selbst bauen konnten, z. B. Bienenwachsschalen, Duftbäume, Bergheustempel oder eine multifunktionale Schaukel. Einfache Anleitungen zum Mitnehmen und Nachbauen waren besonders begehrt.

Was ist „Rural Design“

Im März 2021 fand das Design- und Kulturfestivals “Rural Design” statt. Gesucht wurde Design vom Land und fürs Land. Es fanden Vorträge, Ausstellungen, Workshops – made in Niederbayern – statt, als Regionalpartner der MCBW. Im Fokus standen diese Fragen: Gibt es „ländliches“ Design? Ist es anders als in der Stadt? Was können Design und Architektur für ländliche Regionen bewirken? Was bietet das Land Designern, um dort kreativ zu arbeiten? Mehr Informationen hier: ruraldesign.de

 

Co Create Cross Innovation: Online-Panel auf der KREATOPIA MV 2020

Cross Innovation in Deutschland 

2009 hat die EU-Kommission das „Europäische Jahr der Kreativität und Innovation“ ausgerufen. Seitdem sind Kreativität und Impulse aus der Kultur- und Kreativbranche stärker in das Blickfeld der klassischen Wirtschaft gerückt. Von 2012 bis 2015 wurde z. B. am Nordkolleg Rendsburg das EU-Projekt „Unternehmen! KulturWirtschaft« realisiert, das ich damals journalistisch begleitet habe mit Interviews und Filmen.
Wie sehen branchenübergreifenden Kokreationen in der Praxis aus? Zuerst denkt man wahrscheinlich an kokreative Produkte, wie z. B. den legendären DeLorean aus dem SciFi-Film „Zurück in die Zukunft“ von der Plattform Lego.Ideas oder die blauen Fruchtgummis von Haribo. Beide Produkte sind in kokreativer Zusammenarbeit über Fan-Plattformen entstanden.

© MassivKreativ

Was entsteht durch kokreativen Austausch?

Menschen sind kreativer und leistungsstärker, wenn sie auf Kooperation, Kollaboration und Kokreation setzen. Doch warum ist das so? Inwiefern ist kokreatives Arbeiten zukunftsweisend und chancenreicher? Warum ist die Zeit der Alleingänge und der Einzelkämpfer vorbei? Welche Mehrwerte entstehen in kokreativen Prozessen? Mit welchen Methoden und unter welchen Rahmenbedingungen verläuft kokreatives Arbeiten zielführend und erfolgreich? Neben Produkten können durch kokreative Zusammenarbeit auch neue Wertschöpfungsketten und Dienstleistungen, eue Prozesse für Unternehmensabläufe, neue Organisationsformen und kokreative Orte entstehen,  wie z. B. Coworking – und Makerspaces, Fablabs und Repaircafés.

Fast all diese Themen haben wir im Online-Panel gestreift. In der ersten Stunde gab es zwei Kurzimpulse zum Thema Cross Innovation von Lena Hoffstadt vom Verein fint e.V und Raffaela Seitz von der HH Kreativgesellschaft. In der zweiten Stunde kamen vier Tandems aus MV zu Wort: jeweils ein Kreativunternehmen und ein klassisches Unternehmen, die bereits gemeinsam einen Cross Innovation-Prozess durchlaufen haben und in Kurz-Interviews mit mir darüber berichteten.

Cross Innovation Hub der Kreativgesellschaft Hamburg

Der erste IMPULS kam von Raffaela Seitz. Sie konzipiert und organisiert bei der Kreativgesellschaft Hamburg branchenübergreifende Projekte im Cross Innovation Hub. Sie ist ursprünglich Kulturwissenschaftlerin, Kunsthistorikerin, hat auch einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund und bewegt sich daher gern und intensiv an den Schnittstellen von Kunst, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft. Raffaela Seitz stellte die Aktivitäten im Cross Innovation Hub vor, eine Plattform, die dabei hilft, neue Innovationspotenziale in der Zusammenarbeit von Kreativwirtschaft und anderen Branchen zu erschließen. In ihrem Impulsvortrag schilderte Seitz die Potenziale von Cross Innovation mit der Kreativwirtschaft und entsprechende Rahmenbedingungen, gab Einblicke in zwei Best Practice-Formate: das Cross Innovation Lab und das Emergency Lab, in denen jeweils visionäre Kreativschaffende unterschiedlicher Disziplinen mit Unternehmensakteuren der klassischen Wirtschaft (u.a. Vibracoustic, Garz & Fricke und Trailer Lloyd) auf Augenhöhe zusammenarbeiten, um gemeinsam Lösungen für (akute) Geschäftsherausforderungen zu entwickeln. Der Cross Innovation Hub wird vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert.

Kokreative Projekte an der Ostsee und im Südbaltikum

Lena Hoffstadt steuerte den zweiten IMPULS bei. Sie ist als Projektmanagerin bei fint e.V. Rostock tätig. Sie hat einen Masterabschluss in klinischer Psychologie und absolviert berufsbegleitend eine Weiterbildung zur Verhaltenstherapeutin. Bei fint bringt sie Prinzipien der Positiven Psychologie ein und hat dort u. a. das Projekt Creative Traditional Companies Cooperation aktiv mit betreut – kurz „CTCC“ im Rahmen des EU-Interreg-Programmes „Von Gdynia bis nach Neustrelitz – traditionelle Unternehmen und Kreativschaffende aus dem südbaltischen Raum erarbeiten gemeinsam nachhaltige Lösungen“. 

Das South Baltic InterReg EU Projekt “CTCC – Creative Traditional Companies Cooperation” hat sich zum Ziel gesetzt, Kreativschaffende und Unternehmen der Blue und Green Economy grenz- und branchenübergreifend in erfahrungsbasierten Lernformaten zusammenzubringen und kokreativ Lösungen für bestehende Fragestellungen zu entwickeln. Neben Projektpartnern aus Litauen, Schweden, Polen und Dänemark begleitete die Quereinsteiger-Projektmanagerin Lena Hoffstadt von “fint – Gemeinsam Wandel gestalten e.V.” aus Rostock gemeinsam mit der Hochschule Wismar fünf kokreative Tandems in einem anderthalbjährigen Innovationsprozess: vom Kennenlernen und Beschnuppern im gecharterten Reisebus auf dem Weg zu einem CTCC Workshop nach Gdynia über einen Tag eins-zu-eins Jobshadowing bis hin zu fünf Tagen Design Thinking-Innovationswerkstatt in der Basiskulturfabrik in Neustrelitz. 

Lena Hoffstadt hat einen Masterabschluss in klinischer Psychologie der Universität Lübeck und absolviert berufsbegleitend eine Weiterbildung zur Verhaltenstherapeutin. Sie bringt ein besonderes Interesse für Motive, Bedürfnisse und Interaktion von Menschen mit. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf den Prinzipien der Positiven Psychologie. Während ihres Studiums hat sie erste Erfahrungen mit agilen Arbeitsmethoden gemacht. Sie thematisiert, wie Arbeitnehmende und -gebende die Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0 als Chance wahrnehmen und für sich nutzen können. 

Kokreative Projekte aus MV als best practices 

Im 2. Teil des Online-Panels befragte ich in vier Kurzinterviews jeweils ein Kreativunternehmen und ein klassisches Unternehmen, die bereits gemeinsam einen Cross Innovation-Prozess durchlaufen haben: 

1. Kundenservice: durch passende Dienstleistungen zum kundenfreundlichen Produkt – Wie kann Kokreation dabei helfen, das Produktangebot durch passende Dienstleistungen für Kund*innen zu erweitern? Interviews mit: 

Ulf Lunge / Geschäftsführer Lunge Manufaktur Düssin & Lunge Lauf- und Sportschuhe GmbH
Jan Lunge / IT und Kommunikationsdesigner, Online Marketing Rockstars (verhindert)

2. Forschung und Entwicklung: Warum ist Kokreation geeignet, neue Produkte durch Forschung und Entwicklung voranzutreiben? Interviews mit: 

Torsten und Kristina Goertz / Goertz Möbelmanufaktur GmbH Wismar
Dr. Jan Sender / Abteilungsleitung Produktionssysteme und Logistik, Fraunhofer-Institut für Großstrukturen in der Produktionstechnik IGP Rostock


Kristina und Torsten Goertz, Moebelmanufaktur Goertz in Wismar, © Uwe Tölle

3. Neue Geschäftsfelder: Inwiefern können kokreative Methoden helfen, Innovationsprozesse in einem Unternehmen anzustoßen?  Welche kokreativen Räume braucht es dazu? Interviews mit: 

Norbert Olschewski, Stadtwerke Rostock AG
Veronika Busch, fint – Gemeinsam Wandel gestalten

4. Menschen und Organisationen: Wie lässt sich das Potenzial von Mitarbeiter*innen durch kokreative Organisationsentwicklung und Wertschöpfung durch Wertschätzung fördern und entfalten? Interviews mit: 

Mirco Hitzigrath, Upstalsboom Weg, Bereich Kultur und Entwicklung, Upstalsboom Hotel + Freizeit GmbH
Barbara Schneider, Illustratorin, Graphic Recording, Strategische Visualisierung, Training, Visual Facilitators GmbH

Das Panel “Co Create Cross Innovation” mit Antje Hinz aus Sicht der Illustratorin Barbara Schneider (Foto: B. Schneider, https://visualfacilitators.com/de/unternehmen/the-visual-facilitators-team/barbara-schneider/)

LINKS ZUM THEMA CROSS INNOVATION:

Portal MassivKreativ mit Medienbeiträgen, Filmen, Interviews über verschiedene Cross Innovation-Projekte und Künstlerische Interventionen

Cross Innovation Hub und Emergency Lab (digital) der Hamburg Kreativgesellschaft, mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) co-finanziert.

CTCC – Creative Traditional Companies Cooperation, Projektflyer von fint e.V – Gemeinsam Wandel gestalten, CCTC wird gefördert im Rahmen des Interreg South Baltic Programm mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), EU-Projektwebsite

Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg (2012-2015), gefördert wurde das Projekt durch das Ministerium für Justiz, Kultur und Europa des Landes Schleswig-Holstein mit europäischen Mitteln aus dem Zukunftsprogramm Wirtschaft, begleitende Studie zu Cross Innovation und Künstlerischen Interventionen von Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Atelier im IT-Großraumbüro von CommunityArtWorks

Labor für Kunst und Wirtschaft NRW

Kunstbasierte Interventionen in Unternehmen von KalendArt

 

Virtuelle Wunderräume

Für die KREATOPIA 2020 habe ich als Kuratorin das Konzept für die virtuellen Wunderräume entworfen und geeignete kokreative Projekte aus allen 12 Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft in ganz MV ausgewählt. 

PopUp, Coworking und Vernetzung: der Kreativstandort München

©MassivKreativ


PopUp und Zwischennutzung ist die Antwort von Kreativschaffenden auf die angespannte Situation im Immobilienmarkt. Insbesondere in München hat der Druck stark zugenommen. Über neue Modelle, Konzepte und Lösungen habe ich mit Jürgen Enninger und Anne Gericke vom Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München gesprochen.

Zwischennutzung

Ein knappes Jahr konnten Kreativschaffende die Büros im „Breakout“ in der zentral gelegenen Bayerstraße 25 nutzen – gerade mal von Februar bis Dezember 2020. Doch genau so ist das Prinzip der Zwischennutzung. In der ehemaligen Bank-Filiale am Münchener Hauptbahnhof heißt es: rasch ankommen, provisorisch einrichten und rasch wieder gehen. Der PopUp-Gedanke kommt der Arbeitsrealität von Kreativen entgegen. Da sie häufig in zeitlich befristeten, örtlich und personell wechselnden Konstellationen arbeiten, ist die Zwischennutzung von Immobilien eine sinnvolle Alternative zu dauerhaft hohen Kosten, wenn man sich langfristig an teure Mietverträge bindet. Mit 2000-Quadratmetern bietet das ehemals leerstehende „Breakout“ in München viel Raum für Gestaltung und Entfaltung. Auf drei Stockwerken bietet es Kultur- und Kreativschaffenden, Start-Ups und Künstler*innen temporär eine Bleibe für wenig Geld: ein Büro gibt es ab 7,50 Euro pro Quadratmeter, ein Platz im Co-Working-Space kostet 150 Euro.

Kreative als Raumentwickler

Ausgehandelt wurde die Zwischennutzung der ehemaligen Bank vom Team des Münchner Stadtmagazins MUCBOOK in Kooperation mit dem Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München. Jürgen Enninger, Leiter des Kompetenzteams, lobt die Zusammenarbeit mit Akteuren der Kreativwirtschaft in der Raumentwicklung: „Kreative haben schon viele neue und innovative Nutzungskonzepte für Immobilien aller Art entwickelt: Coworking, PopUp, Zwischen- und Parallelnutzung, temporäre Nutzungen. Sie bieten Lösungen für komplexe Fragestellungen im Immobilienbereich an. Deswegen kann ich alle Akteure in Städten und Kommunen nur ermutigen, mehr Kreative in die Raumkonzeptentwicklung einzubeziehen.“

Flexibel und agil bleiben

Zwischennutzung ist die Antwort auf die sich ständig ändernde Arbeitssituation in der Kreativwirtschaft, nicht nur in Zeiten wie der Corona-Pandemie: agil und beweglich sein, flexibel auf alles Unvorhersehbare reagieren, was sich nicht planen lässt. Anne Gericke ist im Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft für den Immobilienbereich zuständig. Sie berät und unterstützt die Kreativen bei allen Fragen zur Nutzung von Räumen: „Kreativschaffende in München haben vor allem Bedarf an kleinen, 20-50 qm großen Flächen, die sie langfristig nutzen möchten. Es gibt auch einige, die projektweise etwas suchen, z. B. PopUp-Läden zwischen 6 Wochen und einem Jahr, vor allem aber bezahlbare kleine Raumeinheiten. Bildende Künstler und Designer fragen Räume an, Musiker suchen Probenräume. Architekten weniger. Räume für Filmaufnahmen sind auch sehr gefragt, StartUps, Software, Games. Die Koordinierungsstelle Kreativlabor ist Teil des Immobilienservices im Kompetenzteam, zuständig für Anfragen direkt zum “Kreativlabor”-Areal – dem Teil des Kreativquartiers, der für kreative Nutzungen zur Verfügung steht.

Anne Gericke ist selbst als Schmuckdesignerin kreativ tätig und hat ihren Arbeitsraum über Empfehlungen gefunden: „Im Prinzip hat mir die Nachbarschaft geholfen, d. h. ich habe über Hörensagen von Räumen erfahren und über das eigene persönliche Netzwerk.“

Geschichte des Kompetenzteams in München

Das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München wurde 2014 vom Stadtrat referatsübergreifend initiiert und dient als zentrale Anlaufstelle für alle Akteure der Kreativbranche in München und den Landkreisen der Metropolregion. Das Kompetenzteam ist fest etabliert und wird als Teil der Stadtverwaltung dauerhaft mit einem Jahresbudget von 700.000 Euro finanziert, Miete, Personal mit 8,5 Arbeitsplätzen, Overhead, Projektmittel, Fördermittel inbegriffen.

Jürgen Enninger: „Was den Masterplan für die Kultur- und Kreativwirtschaft angeht: Ja, der Stadtrat hat tatsächlich in einer sehr visionären Entscheidung eine Matrix Organisation in der Verwaltung beschlossen, die die Kulturverwaltung, die Wirtschaftsförderung und die kommunale Liegenschaftsverwaltung in einem Team verbindet unter meiner Leitung. Das ist ein sehr, sehr mutiger Schritt gewesen, weil es die Ressourcen bündelt. Es ist wie so oft: Die Summe ist mehr, als ist die Einzelteile und einen echten Mehrwert für Kreative stiften kann. Offenheit und Toleranz ein zentraler Schlüsselfaktor für die Attraktivität und den Standort unter Fachkräften aller Art, nicht nur aus der Kreativwirtschaft. Das hat der Creative City Index gerade wieder mal festgehalten. Je die vielfältige diverser, desto spannender für die Branche.“

Angebote

Unterstützung gibt das Kompetenzteam den Kreativen in allen wirtschaftlichen Belangen. Es geht auch um mehr Wertschätzung und Sichtbarkeit für kreativwirtschaftliches Arbeiten, um eine niedrigschwellige Beratung, bessere Vernetzung. Inzwischen gibt es vielfältige Beratungsformate, Qualifizierungs- und Vernetzungsveranstaltungen, um Crowdfunding und eben auch um Unterstützung bei der Raumsuche und Zwischennutzungen. Jürgen Enninger: „Wir setzen auf kostenlose Beratungsleistungen, jeder kann kommen. Da geht es um die wirtschaftliche Ausrichtung, um Akquise, Preisbildung, Crowdfunding, Internationalisierung und um das wichtige Thema Netzwerke. Wir versuchen, neue junge Kreative hier in die etablierten Netzwerke reinzubekommen. Wir helfen bei Raumvermittlung auf allen Ebenen, vom Schaufenster am Marienplatz über Design- und PopUpStores bis hin zu längerfristigen Nutzungen.“

Neue Raumkonzepte

Der Standort München ist für Unternehmen generell attraktiv und beliebt, nicht zuletzt wegen der Nähe nach Italien und Österreich. Doch die Mietpreise für Büros in zentraler Lage sind zum Teil exorbitant hoch. Das führt dazu, über neue Raumkonzepte nachzudenken, wie Jürgen Enninger erklärt: „Multi-Codierung, Parallel-Nutzung, Sharing Modelle sind in München ganz stark virulent, weil der Druck so extrem stark ist. Die Wechselwirkungen zwischen München und dem Umland München sind sehr eng. Wir leiten hier in der Metropolregion München zum Beispiel auch den Arbeitskreis Konversionsflächen, wo wir dann versuchen, das gemeinsam mit den Landkreisen zu entwickeln. In der Metropolregion München haben wir Städte wie Ingolstadt, Augsburg, Rosenheim, die im bayerischen Kontext mit zu den größten Städten zählen und damit automatisch enge Wechselwirkungen und Pendelbewegungen erwarten.“ Anne Gericke fügt hinzu: „Ich beobachte, dass der Einzelhandel am Stadtrand von München immer mal wieder Flächen ausschreibt, also Leerstand in Erdgeschossflächen. Da wird dann immer mal wieder von Kreativen ein Konzept zur Zwischennutzung entwickelt.“

Coworking

Bei der Raumentwicklung und Umnutzung sieht Enninger bei Kreativschaffenden eine wichtige Funktion als Vermittler, Vernetzer, Quer- und Vorausdenker. In Bayern sind Kreative z. B. aus dem Architekturbereich als Berater für Kommunen tätig und entwickeln in interdisziplinären Teams neue Nutzungskonzepte: „Kreative haben schon viele neue und innovative Nutzungskonzepte für Immobilien aller Art entwickelt: Coworking, PopUp, Zwischen- und Parallelnutzung, temporäre Nutzungen. Kreative bieten Lösungen für komplexe Fragestellungen im Immobilienbereich an, deswegen kann ich alle Akteure in Städten und Kommunen nur ermutigen, mehr Kreative in die Raumkonzeptentwicklung einzubeziehen.“

Coworking für Jung und Alt

Coworking ist ein Modell, das nicht nur ganz junge Zielgruppen anspricht. Neben den Vorteilen bei den Kosten erweist sich die Zusammenarbeit in gemeinschaftlich genutzten Räumen auch als Keimzellen für Wissensaustausch und Innovationen: „Coworking ist auch etwas für Ältere und alle, die berufliche Neuorientierung suchen, z. B. auch Eltern, die nach der Kindererziehung den Wiedereintritt in die Freiberuflichkeit planen und dann Netzwerke suchen. Die sind dann meist Ende 30.“

Stadt-Land-Vernetzung

Der Großraum München sei schon sehr stark kreativwirtschaftlich vernetzt, so Enninger. In der Verbindung von Stadt und Land sieht er für die kommenden Jahre wachsende Potenzial. Er berichtet über Designer, die auf dem Land wohnen und in der Stadt arbeiten und umgekehrt. Es gibt Coworking-Spaces auf dem Land und Unternehmen, die ganz bewusst Coworking-Spaces im Speckgürtel von München etablieren, damit die Mitarbeiterinnen nicht einpendeln müssen, ein Zugewinn an Zeit und Lebensqualität.

Anne Gericke fügt hinzu: „Der ländliche Raum würde sich auf jeden Fall für StartUps eignen, weil die erfahrungsgemäß im Team sehr konzentriert arbeiten. Bildende Künstler kann ich mir auch gut vorstellen. Wichtig ist es, Synergieeffekte zu nutzen, wie in diesen kleinen organisch gewachsenen Kreativquartieren, die vom Autobastler bis zum Superdesigner sehr diverse Akteure aufnehmen. Die müssen nicht nur aus der Kreativwirtschaft kommen, sondern sinnvoll sind ganz unterschiedliche Nutzer. So dass eine kleine Stadt direkt vor Ort entsteht. Auch eine gute Gastronomie ist das, was immer dazugehört. Es geht auch um kurze Wege. Ein Kreativer sagt zum anderen: Ich bin am Anfang. Ich habe nicht viel Geld, aber ich brauche das und das. Kannst du mir dabei helfen.“

Ländliches Design

Auch die Rural Design Days befassen sich mit dem Austausch zwischen Stadt und Land. Sie sind Ausstellung, Messe und Think Tank in einem und richten sich an Architekten, Designer, Interessierte und Macher vom Land. Eingeladen werden sowohl deutsche als auch internationale Referenten, sie diskutieren über diese Fragen: Gibt es „ländliches“ Design? Ist es anders als in der Stadt? Was können Design und Architektur in ländlichen Regionen bewirken? Was bietet das Land Designern, um dort kreativ zu arbeiten? Die Rural Design Days sind eine regionale Partnerveranstaltung der Munich Creative Business Week, dem größten Designevent Deutschlands.

Co-kreative Kooperationen mit Kommunen

Neben der Leitung des Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München war Enninger von 2016-2020 Sprecher im Netzwerk der öffentlichen Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland Promoting Creative Industries PCI – gemeinsam mit Egbert Rühl von der Hamburg Kreativgesellschaft. Das Netzwerk bündelt Kompetenzen und Interessen von aktuell 39 lokalen und regionalen öffentlichen Förderern der Kultur- und Kreativwirtschaft. Dieser Zusammenschluss stärkt die Branche als Ganzes und erhöht ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Das “PCI” ist ein wichtiger Partner, wenn weitere Programme für die Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft entwickelt werden.

Das PCI will Kommunen noch stärker ermutigen, mehr Kreative in die Raumkonzeptentwicklung einzubeziehen. Wirtschaftsförderern legt Enninger ans Herz, nicht immer nur sehr groß zu denken, z. B. an 200-Mann-Baubetriebe. Die Kreativwirtschaft mit ihren 12 Teilbereichen sei doch erfahrungsgemäß wesentlich kleinteiliger. Entsprechend kleinteiliger ist der Bedarf von Räumen mit etwa 25 bis 50 Quadratmetern für ein bis vier Menschen bzw. Firmen, d. h. es bedarf einer extremen Umstellung eines klassischen Wirtschaftsförderers, damit der nicht immer nur in Masse rechnet.“

Ausblick

Enninger weiß, dass die Kreativwirtschaft ein wichtiger Partner für Kommunen ist und daher auch strategisch und dauerhaft aus Landesmitteln gefördert werden müsse: „Da gibt es sehr spannende Projekte und Beispiele. Die Stadt Heidelberg hat zum Beispiel gerade eine Raumnutzungsagentur gegründet, die auch dieses Thema Zwischennutzungen dauerhaft gemeinsam mit Kultur-und Kreativschaffenden entwickeln soll.“

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