Kreativer Aufbruch in der „geliebten Stadt“ Lübz

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Die Farbe in den Hotelzimmern ist noch frisch. Aufbruch kann man im Landkreis Ludwigslust-Parchim riechen! In der Küche, im großen Tanzsaal und an vielen anderen Orten im ehemaligen Schützenhaus von Lübz wird noch emsig gearbeitet, Schutt abgetragen, neu gekachelt, Elektrik erneuert und immer wieder geputzt und gewienert. Angela Siemon hat sich in ein echtes Abenteuer gestürzt und gemeinsam mit ihrem mann Heinz die frühere Kulturstätte am Rande der Innenstadt übernommen. Ihr Eiscafé SL hat bereits jetzt geöffnet. Gemeinsam mit ihrem engagierten Team begrüßt Siemon Besucher und Gäste sehr herzlich. So auch die etwa 30 Teilnehmenden des KreativLabs von Kreative MV, dem Landesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Kreativakteure verschiedener Teilbranchen sind zum Austausch nach Lübz gekommen, um zu erfahren, wie sich die Stadt entwickelt hat und um ihre aktuellen Kunst- und Kreativprojekte vorzustellen. Bürgermeisterin Astrid Becker und Jan Salomon, Amtsleiter für Stadt- und Gemeindeentwicklung, unterstützen Angela Siemon nach Kräften bei ihren neuen Ideen und Aktivitäten.

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Treffpunkte schaffen

Angela Siemon weiß, wie wichtig ein Treffpunkt für das soziale Miteinander und das gemeinsame Essen und Trinken sind. Deshalb bietet sie verschiedene Köstlichkeiten in ihrem Restaurant und im Eiscafé an. Siemon möchte langfristig nicht nur den Gaumen verwöhnen, sondern auch Kopf und Herz mit vielfältigen Kulturveranstaltungen erfreuen. Das Haus soll zur quirligen Begegnungsstätte für Vereine, Kunsthandwerk und regionale Produkte werden.

Lebendige Zivilgesellschaft

Lübz ist eine „Geliebte Stadt“. Davon zeugt nicht nur ihr westslawischer Name, der auf den Gründer Lubec zurückgeht. Viele der gut 6.000 Bewohner sorgen mit Ideen und Tatkraft dafür, dass die beschaulichen Kleinstadt an der Elde liebenswert bleibt und für Einheimische und Gäste immer etwas zu bieten hat. Lübz liegt etwa 15 Kilometer östlich von Parchim entfernt und 15 Kilometer westlich von Plau am See.

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Vom Kunstspeicher zum Kunstzentrum

Julia Theek gehört zu den kreativen Motoren in Lübz, die zwischen ihren Wohnorten Potsdam und Mecklenburg pendelt. Am Ziegenmarkt in der historischen Altstadt hat sie leerstehende, denkmalgeschützte Geschäftshäuser saniert und mit neuem kreativen Leben gefüllt. Ihr wichtigstes Projekt ist der Lübzer Kunstspeicher. Hier bietet sie gemeinsam mit anderen Künstlern künstlerische Kurse und Workshops an. Bei längerfristigen Aufenthalten können Besucher in 12 Gästezimmern übernachten, die von Künstlern individuell gestaltet wurden. Im KreativLab erzählt Theek, wie sie in engem Austausch mit der Stadt angeregt hat, weitere leerstehende Gebäude im Rahmen eines Künstlersommers neu zu beleben. Nach einer Zwischennutzung sollen Künstlersommerateliers, eine Produzentengalerie, das „Zentrum für Zirkuläre Kunst“, sowie überregionale Upcycling-Projekte entstehen. Eine Schaufensterausstellung ist in der Kirchenstr. 19 und 20 von Mai bis Oktober 2020 zu sehen.

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Radio Lübz

Theeks jüngstes Projekt, das sie gemeinsam mit dem Mehrgenerationenhaus „Mobi“ realisiert, ist der regionale Podcast Radio Lübz. Darin führt sie Interviews mit Einwohner*innen, u. a. mit Bürgermeisterin Astrid Becker, erzählt Neuigkeiten über die Region und deren Geschichte und berichtet über ihre Kunstprojekte. Damit auch weniger technikaffine Einwohner*innen die Podcasts hören können, führt Julia Theek sie hin und wieder im kleinen Lübzer Planetarium auf.

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Mobile Generationen

Für mehr Zusammenhalt in der Region sorgt Angelika Lübcke mit „Mobi“, dem mobilen Mehrgenerationenhaus. „Mobi“ geht auf eine Idee des Jugendfördervereins Parchim-Lübz zurück und ist ein offener Treffpunkt für Besucher*innen aus Lübz und Umgebung. Menschen aller Generationen unabhängig von ihrer Herkunft können gemeinsam ihre Freizeit gestalten, voneinander lernen, sich gegenseitig helfen und sich für die Region engagieren. Lübcke möchte mehrere ehrenamtliche „Dorfkümmerer“ ausbilden, um mit ihnen gemeinsam weitere Angebote für mehr Lebensqualität zu entwickeln, z. B. Nachbarschaftshilfe, Dorfzeitung, Vorträge, Rückenschule und ein Vereinsregister.

Mobi wird mit Fördergeldern aus dem LEADER-Programm finanziert, mit Zuschüssen vom Amt Eldenburg Lübz, der Stadt sowie mit Spenden aus dem Rotary Club Parchim. Es ist eines von 550 Häusern, die über das Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert werden.

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Freiräume entwickeln

Weitere Potentiale der Stadt Lübz möchten Stefanie Raab, Inhaberin von coopolis, Planungsbüro für kooperative Stadtentwicklung in Berlin, und Corinna Hesse vom Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft Westmecklenburg entwickeln, Auftraggeber ist Kreative MV, der Landesverband Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern. Im Rahmen des neuen Projektes „Frei.Raum.MV“ sollen Prototypen für die städtebauliche Beratung von Kommunen zur Ansiedlung Kultur- und Kreativschaffender in Westmecklenburg entstehen. Leerstehende Immobilien sollen nicht verkauft, sondern umgenutzt und sanft saniert werden. Eine Chance bieten u. a. Erbpachtverträge. Auf diese Weise müssen Kommunen ihren wertvollen Stadtraum nicht aus der Hand geben bzw. später wieder teuer dazu kaufen, sondern könnten ihn für nachfolgende Generationen als Allgemeingut erhalten. Neben Ortsbegehungen mit verschiedenen Akteuren geht es im Frei.Raum.Projekt vor allem darum, verschiedenen Akteure und Interessenten miteinander ins Gespräch zu bringen, deren Bedarfe und Wünsche zu klären. 

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Naturbänke aus Granit

Nach dem kreativen Austausch in Lübz ziehen die Teilnehmer des KreativLabs weiter nach Kritzow, Ortsteil Benzin. Auch im Umland sind spannende künstlerische Projekte entstanden. Claudia Ammann lebt und arbeitet als Steinbildhauerin in Kritzow. Ammann hat u. a. in Zusammenarbeit mit dem Stadtbaumeister die Platzgestaltung in Lübz übernommen. Beim KreativLab warb sie für ihr neues Projekt „bancs publics“ (Parkbänke), gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen möchte sie vor dem Schützenhaus Granitsteine aus der Region bearbeiten und hofft auf eine unbürokratische Finanzierung.

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Theater trotz Corona

Ihre Tochter Sophie Maria Ammann lebt und arbeitet gemeinsam mit Alexander Altomirianos als Schauspieler in Berlin. Um den Wirren der Corona-Krise in Berlin zu entfliehen, brechen die beiden im Frühjahr 2020 ihre Zelte in der Hauptstadt ab und ziehen nach Kritzow / OT Benzin. Wie viele andere darstellende Künstler müssen auch sie sich mit Spielverboten bzw. -beschränkungen in geschlossenen Räumen arrangieren. Doch sie finden eine Lösung. Sie gründen das mobile TUR TUR Theater und erfinden das 2-Personen-Stück „Hans im Glück“, eine moderne Interpretation des Grimm’schen Märchens mit Pantomime- und Erklärelementen und vielen improvisierten Requisiten aus dem eigenen Hausstand. Das Stück soll vor allem benachteiligten Gruppen eine Auszeit vom Corona-Alltag bieten. Die beiden Schauspieler touren damit übers Land, spielen vor allem im Freien, auf Wiesen, Parkplätzen, vor Balkons, geben Aufführungen für Kinder, Senioren und Behinderte, die besonders von den Corona-Einschränkungen betroffen sind. Die selten gewordenen Live-Aufführungen werden vom Publikum sehr wertgeschätzt, wie z. B. beim Welziner Kultursommer. Unterstützt durch den Fonds für darstellende Künste „Global Village Ventures“ wollen Ammann und Altomirianos über den Winter ein neues Stück entwickeln.

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Kunst im Industriedenkmal

Der Künstler Ian Wiskow, eigentlich in Stralsund ansässig, möchte den Kunst- und Kulturtourismus in MV auch in Corona-Zeiten beleben und schickt mit ARTmv regionale Kunst auf Reisen. Für vier Wochen im August/September 2020 richtet Wiskow den DESIGN. markt. benzin aus, eine Plattform für das Kunsthandwerk mit Keramik, Glas, Schmuck und Metall. Einmalige Kulisse bietet dabei die historische Ziegelei Benzin, denn das alte Industriedenkmal wurde als Museum und Ausstellungsfläche umgenutzt. Fast 100 Jahre bis zur Wende wurden hier jährlich 1 Million Ziegel gebrannt. Der spektakuläre 60 Meter lange Ringofen für die Serienproduktion ist das Zentrum der kreativen Begegnung werden. 2021 soll ART-MV an mehreren wechselnden Orten stattfinden.

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Nachhaltiger Austausch

Fester Bestandteil eines jeden KreativLabs ist der lebendige und fruchtbare Austausch. Projektleiterin Corinna Hesse fragt und hakt nach:

  • Was braucht Ihr, um kreative Projektentwicklung am Standort MV durchzuführen?
  • Welche Partner, Kooperationen, regionale Bündnisse und Netzwerke sind hilfreich?
  • Welche Chancen sehr Ihr und findet Ihr vor?
  • Welche Hürden gibt es vor Ort und wie lassen sie sich gemeinsam überwinden?
  • Was sind die weiteren Schritte bei Euren Projekten?
  • Wo braucht Ihr Unterstützung bei der Finanzierung?

Fazit: Lübz bietet viel Platz für Ideen und für neue Kreativschaffende, die nach Entfaltungsmöglichkeiten suchen, nach Ateliers und Büros, nach Industriedenkmälern und Probebühnen.

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Informationen über Lübz

Lübz wurde im Jahr 1308 erstmals urkundlich erwähnt, erlebte einen Blütezeit im Mittelalter und einen Wandel bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts: aus der Ackerbürgerstadt wurde eine kleine Industriestadt – mit einer Brauerei, einer Molkerei, einer Zuckerfabrik, einem Elektrizitätswerk und einem Wasserwerk, in der DDR-Zeit kamen ein Milchzuckerwerk mit Molkerei und Käserei hinzu, ein Gemüsekombinat, ein Werk für Getreidewirtschaft, ein Agrochemisches Zentrum (ACZ) und Mineralwollewerke, die seit 1990 Dämmstoffe für das Unternehmen ISOVER produzieren. Wichtigster Arbeitgeber im Ort ist mit über 100 Beschäftigten die Mecklenburgische Brauerei Lübz, seit 2004 gehört sie zum Hamburger bzw. in Kopenhagen ansässigen Carlsberg-Konzern. Transformationen in der Wirtschaft führten vielerorts zu Leerstand, der nun mit Ideen und Impulsen von Kultur- und Kreativschaffenden und durch neue Nutzungskonzepte Schritt für Schritt abgebaut wird.

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Akteure und Projektvorstellungen:

Angela Siemon: Schützenhaus Lübz mit Eiscafé SL und Biergarten

Julia Theek: Upcycling, Radio Lübz, Lübzer Kunstspeicher 

Sophie Maria Ammann, Alexander Altomirianos: TUR TUR Theater (Benzin/Berlin)

Ian Wiskow (Stralsund): ARTmv / DESIGN. markt. benzin

Stefanie Raab und Corinna Hesse: Projektstart FreiRaumMV – kooperative Standortentwicklung in Westmecklenburg

Angelika Lübcke, Projekt „Mobi kommt“: Jugendfördervereins Parchim-Lübz

Claudia Ammann: Projekt „bancs publics“ (Kritzow/Benzin/Lübz)

Zirkuläre Kunst und Radio unter Sternen: die Künstlerin Julia Theek in Lübz

© Julia Theek

Julia Theek gehört zu den kreativen Zukunftstreibern in Lübz im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Mit innovativen Ideen und Konzepten hat die Potsdamer Künstlerin beherzt den Kampf gegen Leerstand aufgenommen. Ihr wichtigstes Projekt ist der Lübzer Kunstspeicher. Am Ziegenmarkt in der historischen Altstadt bezog sie zwei denkmalgeschützte Geschäftshäuser, u. a. ein ehemaliges Kolonialwarenhaus, und einen Speicher, restaurierte das gesamte Ensemble mit viel Herzblut und beachtlichen Eigenmitteln. Ihr Nutzungskonzept als Atelier- und Ausstellungshaus ist durchdacht und vielfältig: Kunst soll hier nicht nur konsumiert werden, sondern auch produziert. Theek hat daher Seminarräume für Workshops und Kunstkurse eingerichtet, eine Druckwerkstatt, ein Billardzimmer, eine Lounge sowie für längerfristige Aufenthalte von Besuchern 12 Gästezimmer geschaffen, die von Künstlern individuell gestaltet wurden. Ausgewählte Räume können für Ausstellungen genutzt werden, für private Feste und Firmenfeiern.

Fluchtpunkt für Großstadtbewohner

Viele Jahre war Julia Theek als Künstlerin in Potsdam aktiv und hat große Ausstellungen in Berlin und anderen Großstädten gestaltet. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass das Leben in den überfüllten Metropolen nicht immer ein Vergnügen ist. Und so lockt sie vor allem in den Sommermonaten großstadtmüde Künstler und andere Interessierte ins Atelierhaus, das von einem verwunschenen Garten am Gerberbach umrahmt wird. Die Künstlerkollegen können in Ruhe und eigenmotiviert an neuen Werken arbeiten oder in der hauseigenen Sommerakademie künstlerische Kurse und Workshops belegen oder selbst anbieten, zu Kunst ist dabei möglichst mit Upcycling verbunden – egal ob  Scratchart, klassischer Malerei und Kalligrafie. Die Künstlerdozenten kommen aus dem ganzen Land und am liebsten aus der Nachbarschaft aus Mecklenburg, Leipzig, Hamburg oder Berlin.

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Stadt neu beleben

Aufbauend auf den Aktivitäten des Lübzer Kunstspeichers möchte die Stadt Lübz ein leer stehendes Quartier am Markt entwickeln. Julia Theek ist überzeugt, dass sich die Innenstadt neu beleben lässt. Ihr Vorschlag: Sie will Sommerateliers für Upcycling-Künstler einrichten, die Produzentengalerie „Zentrum für Zirkuläre Kunst“. Der Begriff kommt aus dem Umfeld der Kreislaufwirtschaft und verfolgt das Ziel, dass Material mehrfach verwendet, also zirkulär kreisen soll (siehe auch cradle to cradle-Bewegung). Theek will entsprechend bereits vorhandene Ressourcen einbinden: Ateliers und Wertstofflager sollen aus ungenutzten Räumen entwickelt sowie Ausstellungen und Workshops angeboten werden.

Synergien

Das „Zentrum für Zirkuläre Kunst“ ist für Kreative deshalb besonders interessant, weil hier eine neuartige Künstlerkolonie entsteht, deren Netzwerke sich potenzieren. Leerstand und trostlose Innenstädte werden von Kreativschaffenden mit Schaufensterausstellungen aufgewertet, damit Einheimischen und Gästen das Flanieren in den Innenstädten wieder Spaß macht. Eine Fensterausstellung ist in der Kirchenstr.19 und 20 von Mai bis Oktober 2020 zu sehen.

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Kokreatives Schaffen

In der kreativen „Lübzer Bande“ werden ortsansässige Künstler, Handwerker und weitere Engagierte gemeinsam zusammenarbeiten. Sie wollen sich mit anderen Initiativen vernetzen, überregionale PopUp-Ausstellungen kreieren und sie im Netz bekannt machen. Julia Theek ist überzeugt, dass sich: Mit interessanten, lebendigen Orten wie dem Kunstspeicher und der Produzentengalerie das kulturelle Leben und der Tourismus in Lübz spürbar beleben lässt. Mit Dr. Gaja Amigoni kuratierte Julia Theek bereits 2014 eine Schaufensterausstellung gleichzeitig in Lübz und am Comer See in Bergamesco.

Upcycling

“Müllvermeidung und eine reflektiertere Haltung zu Konsum sind notwendig“, sagt Julia Theek, dabei muss  Upcycling auchim ländlichen Raum zstattfinden. Das Thema ist inzwischen in vielen Bereichen der Gesellschaft angekommen. Ausrangiertes erhält ein zweites Leben und oft auch eine neue Funktion. Beim kreativen Umnutzen können Künstler und lokale Handwerker, Jugendliche und überhaupt alle Interessierten zusammenarbeiten.. Mit Upcycling wird auch ein jüngeres Publikum erreicht, das im Zuge der Fridays-for-Future-Bewegung klare Vorstellungen von einer nachhaltigen und klimagerechten Zukunft hat. Die verlängerte Nutzungsdauer von Gebrauchsgegenständen und die Müllvermeidung stehen in ganz Europa auf der Agenda. Und: Upcycling kennt keine Einstiegshürden wie die Welt der Kunst. Wer Spaß am Gestalten, Experimentieren, am kreativen Umgang mit ausrangierten Dingen und Objekten und im Bearbeiten von Material hat, für den bietet Upcycling interessante Möglichkeiten „Upcycling ist der globale Name für alte Grundsätze“, erklärt Julia Theek. „Upcycling, Vintage und Shabby chic zeigen das Bedürfnis nach Tradition, nach Geschichte, nach Unikat“. Es gehe darum, alte Patina wertzuschätzen, den Materialwert und seine ästhetische Qualität zu erhalten, erweitert um neue Einsatzmöglichkeiten. Beispiele findet man in ihrem Upcyclingart-Blog. Überregional bietet Theek Vorträge und Seminare zu Recycling und Upcycling an. Auch Firmenberatung gehört zum Portfolio, etwa zur Inszenierung historischer Artefakte, zur Gestaltung digitaler und multimedialer Elemente, die möglichst vielschichtig und nachhaltig sind.  

© Julia Theek

Entschleunigung

Statt im Überangebot der Großstädte zu versinken und nur zu konsumieren bietet der ländliche Raum rundum Lübz Ruhe und Platz zum Atmen, Reflektieren, Gestalten. In Lübz ist alles herrlich entschleunigt. Gäste finden kleinstädtische Gemütlichkeit vor, attraktive Erholungsmöglichkeiten, charmante Cafés und individuelle Restaurants, dazu eine nette solidarische Nachbarschaft. Wer unternehmerischen Mut und Ideen mitbringt, findet finanzierbare Immobilien mit ausreichend Platz für künstlerisches Arbeiten, gestalterische Freiräume und ein potentes Kollegennetzwerk. Das alles schafft Lebensqualität, die Besucher bei zahlreichen Veranstaltungen selbst spüren können, z. B. an den Pfingsttagen zu Kunst offen, beim Turmfest und bei „Kunst heute“. Ortsansässige und Neubürger wissen dies zu schätzen. 


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Jüngste Projekte

Im „Zentrum für Zirkuläre Kunst“ beschäftigt sich seit 2014 ein vielseitig aufgestelltes Künstlerkollektiv mit dem Aufarbeiten von Fundstücken, mit nachhaltiger Kunst und Designlösungen aus gebrauchten Wertstoffen. In diesem Sommer mussten die Workshops abgesagt werden, aber mit dem Mehrgenerationenhaus und dem Projekt „Mobi kommt“ hat Julia Theek den Podcast Radio Lübz ins Leben gerufen. Die erste Staffel mit 12 Podcasts á 12 Minuten über Regionalgeschichte, Kleinstadtleben, das Zentrum für Zirkuläre Kunst oder Lübzer Bier entstand im Frühsommer. Theek telefonierte z. B. mit der Bürgermeisterin, einem jungen DJ und dem Geschäftsführer der ortsansässigen Lübzer Brauerei. Alle Podcast sind dauerhaft im Internet abrufbar. Im Lübzer Planetarium, das coronabedingt noch geschlossen ist, werden ausgewählte Podcasts bei „Radio unterm Sternenhimmel“ öffentlich vorgespielt, diskutiert und alte und neue Lübzer Geschichten weitergetragen. Sie sollen Mut machen, neue Ideen für die Region zu entwickeln, die schon heute erahnen lassen, wie die Zukunft von Lübz werden kann, kreativ und spannend, lebenswert und gemeinschaftlich.

 

PODCAST

Renaissance der bayerischen Porzellanstraße: Kreative im Fichtelgebirge

 © KÜKO Fichtelgebirge

Die Region im bayerischen Fichtelgebirge kämpft gegen Landflucht, Fachkräftemangel und Leerstand. Um neue Perspektiven zu eröffnen, setzt die dortige Entwicklungsagentur auf die systematische Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Erfolge sind vielversprechend! Ich habe mit ChancenergreiferInnen, MöglichmacherInnen und Weiterdenkerinnen der Region gesprochen.

Kreativwirtschaft als Motor

Der Landkreis Wunsiedel liegt an der bayerischen Porzellanstraße. Nach dem wirtschaftlichen Einbruch in den traditionellen Industrien im Kunsthandwerk und schwierigen wirtschaftlichen Jahren geht es jetzt wieder aufwärts. Die Abwärtsspirale ist gestoppt. Wie das gelungen ist, fasst Thomas Edelmann zusammen, er leitet die Entwicklungsagentur Fichtelgebirge: „Wir haben erkannt: Wir brauchen Kreativschaffende und deren Querdenken für die Fortentwicklung des Landekreises. Daher haben wir mit Kreativen der Region ein Verbundprojekt gestartet. Unser Landkreis Wunsiedel arbeitet eng mit der Künstlerkolonie Fichtelgebirge zusammen. Wir wollen gemeinsam das Thema Kreativwirtschaft nach vorne bringen. Da ist es förderlich, wenn wir die Kräfte bündeln. Weil die Kreativ-Unternehmen häufig klein sind, haben wir zusätzlich die Plattform KÜKO-Fichtelgebirge [=Künstlerkolonie] geschaffen, wo die Akteure der Branche sichtbar werden und sich noch stärker vernetzen können.“

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Netzwerkmanagerin

Die Entwicklungsagentur Fichtelgebirge verfolgt einen breit gefächerten, holistischen Ansatz. Sie kümmert sich nicht nur um Wirtschaftsförderung und Fachkräftesicherung, sondern auch um Regionalmanagement und Digitalisierung, Klimaschutz- und Bildungsthemen sowie um die Sichtbarkeit und Wahrnehmung der Region. Seit Februar 2019 Jahren finanziert die Entwicklungsagentur eine Netzwerkmanagerin im Forum Kreativwirtschaft Fichtelgebirge. Astrid Köppel widmet sich ausschließlich der Kreativwirtschaft und fungiert als Schnittstelle zwischen Landkreis und Kreativ-Akteuren. Sie vernetzt, informiert, vermittelt zwischen Kreativen einerseits und dem Landkreis andererseits sowie gegenüber Wirtschaftspartnern, Banken, Behörden, Gremien und Institutionen und findet überall die richtigen Ansprechpartner. 20% der Kosten für die Netzwerkstelle übernimmt der Landkreis (50.000 € pro Jahr per Kreistagsbeschluss), 80% kommen als Zuschuss aus Mitteln des Regionalmanagements im Freistaat Bayern durch das Bayerische Wirtschaftsministerium. Thomas Edelmann: „Ich empfehle auch anderen Regionen so wie bei uns einen festen Mitarbeiter zu installieren und zu finanzieren, der die Kreativen unterstützt, berät und für ihre Interessen eintritt. Das ist auch politisch betrachtet ein Ausrufezeichen, dass man in diesen Wirtschaftszweig der Kreativschaffenden speziell investiert.“

 © KÜKO Fichtelgebirge

Raumwohlstand

Leerstehende Gebäude machen eine Regionen unattraktiv. Doch sie bieten zugleich auch Freiraum, Raumwohlstand wenn man so will. Es ist eine Frage der Perspektive: Ist das Glas halb leer oder halb voll? Die Kreativen sehen eher die Chancen und Möglichkeiten und haben großartige Ideen für neue Nutzungskonzepte. Mittlerweile werden in ganz Oberfranken entsprechende Investitionen angeregt. Städtebauförderung, Förderung durch das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) sowie Sonderförderprogramme, z. B. die Förderoffensive Nord-Ost Bayern, geben inzwischen auch Geld dazu. Um neue Impulse von Kreativschaffenden zu erhalten, lädt der Landkreis Wunsiedel sie gezielt in die Region ein, wie Sabine Gollner, Vorsitzende im KÜKO e.V. erzählt: „Umworben werden kreative Menschen, die ihren Raum mitgestalten und teilhaben wollen am gesellschaftlichen Wandel. Hier in den kleinen Orten und Gemeinden kann man die Resultate der eigenen Arbeit viel direkter spüren und sehen, was passiert, wenn man sich einbringt. Das ist in den Metropolen sehr viel schwerer. Auf dem Land rufe ich einfach den Bürgermeister an, wenn mir wieder irgendeine Aktion einfällt.“ Gollner weist auch auf den wirtschaftlichen Schneeballeffekt hin. Wenn eine Region nach und nach attraktiver wird, ziehen mehr Menschen dorthin: „Vielleicht können wir hier sogar teilhaben an einer positiven Gentrifizierung: Jetzt günstig ein Haus kaufen und es in einigen Jahren möglicherweise mit Gewinn weiterverkaufen. Dann eventuell weiterziehen und helfen, andere Orte zu beleben. Eine Gentrifizierung, von der auch Kreative profitieren, kann auch im ländlichen Raum funktionieren.“

Sanierung statt Neubau

Bei der Leerstandsverwaltung und einer nachhaltigen Orts- und Stadtentwicklung hilft das cross-sektorale Netzwerk und Portal Freiraumleben.Fichtelgebirge. Leerstehende Immobilien und deren Eigentümer können darüber ausfindig gemacht werden: von Einzelhandelsobjekten in der Innenstadt über ehemalige Gewerbeflächen, Bauernhöfe bis zu gastronomischen Objekten. Kreative vernetzen sich mit Eigentümern, um gemeinsam neue kreative Nutzungskonzepte zu entwickeln. Das Kernteam des Netzwerkes besteht aus geschulten MitarbeiterInnen der Städte, Gemeinden, des Landkreises sowie der gKU Winterling Immobilien und der KÜKO-Künstlerkolonie. Auf der Website verlinkt ist ein Online-Verzeichnis mit Datenbank, die das Auffinden von Kreativen und deren Dienstleistungen erleichtert.

 © Freiraumleben.Fichtelgebirge / KÜKO Fichtelgebirge

Ausstrahlung nach außen

Bau- und Sanierungsprojekte, die bereits erfolgreich realisiert wurden, macht eine Film-Kampagne sichtbar. Sie entstand im Auftrag des Landkreises Wunsiedel, gefördert vom Regionalmanagement Bayern, Bayerisches Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat. Gute Beispiele strahlen über die Region hinaus und ziehen neue Fachkräfte und Kreative an. Sabine Gollner: „Es gibt genug Kreative in der Region, die porträtiert werden können und die Mut und Lust auf die Region machen. Menschen, die zeigen können, hier ist eine andere Art des Arbeitens möglich: weniger Hektik, mehr Freiraum, entspannte Wege und – vor allem – günstiger Arbeits- und Lebensraum. Abgesehen von dem Werbeeffekt nach außen können solche Portraits der Kreativen auch nach innen wirken. Regionale Kreativschaffende werden gestärkt und ermutigt, auch sich selbst sichtbarer zu machen.“

Raumwohlstand auf Reisen

Neben medialen Kampagnen setzte der Landkreis Wunsiedel auch auf Aktionen zum Anfassen, um Menschen von außerhalb auf die Region hinzuweisen und das Thema Raumwohlstand versus Raumknappheit greifbar zu machen. Mit Unterstützung kreativer Berater hat die Entwicklungsagentur ein analoges spielerisches Tool geschaffen: zwei unterschiedlich große transparente Glaswürfel, in die sich Menschen hineinbegeben können. Die Glaswürfel touren durch verschiedene Orte und sorgen auf Marktplätzen für Furore und Aufmerksamkeit von interessierten Neubürgern. Thomas Edelmann ist begeistert, wie gut das Gamification-Tool von den Leuten angenommen wird: „Das ist eine Bildsprache, die die Menschen sofort verstehen. Mit der Kampagne sprechen wir einerseits neue Unternehmen an, die in ihrer Heimatregion keine Expansionschancen mehr zu haben glauben und die sich nach neuen Wirkungsstätten umsehen. Andererseits zielen wir auf Familien, denn wir haben hier im Landkreis einen Naturpark, das ist ein Tourismusgebiet mit hervorragenden Lebensumständen. Und wir richten uns an Kreativschaffende, die nach neuen Flächen suchen, nach einem Büro oder einer kleinen Werkstatt.“

 © Sabine Gollner, KÜKO Fichtelgebirge

Kräfte bündeln im Kreativ-Netzwerk

Sabine Gollner kam im Jahr 2011 mit ihrer Familie nach Bad Berneck. Sie hatte zuvor im britischen Birmingham Architektur studiert und auch einige Jahre in der  Film- und Fernsehproduktion gearbeitet. Im Fichtelgebirge gründet sie mit ihrem britischem Partner ein neues Unternehmen: die Kreativagentur It’s About Time. Sie konzipieren kreative Projekte  speziell für den ländlichen Raum im Bereich Tourismus, Stadt- und Regionalentwicklung mit dem Fokus auf das Fichtelgebirge und Oberfranken. Die Projekte realisieren sie mit Partnern aus dem Netzwerk. Die QR-Tour Bad Berneck & Goldkronach z. B. ist ein europäisch gefördertes Pilotprojekt für Kultur- und Tourismus, das 2016 mit dem ADAC Tourismuspreis Bayern ausgezeichnet wurde. Im November 2011 hat Gollner die Künstlerkolonie-Fichtelgebirge initiiert und ist seitdem  Vorsitzende des Vereins – mit über 130 Mitgliedsunternehmen und Selbstständigen, eine Plattform und ein Netzwerk für Austausch und gegenseitige Inspiration. Das Community building erfolgt über Facebook mit derzeit 875 Abonnenten. Die Kreativen beweisen, dass Kultur die Regionalentwicklung beflügelt, dass sie als Motor und Impulsgeber wirkt. KÜKO initiiert immer wieder neue Kampagnen und Aktionen mit dem Ziel, Kreativschaffende vor allem mit der lokalen Wirtschaft zu verbinden. Ein Film-Clip gibt einen Überblick über die Vielfalt der Kreativschaffenden im Fichtelgebirge.

 © Sabine Gollner, KÜKO Fichtelgebirge

Kreative Traditionen

Astrid Klöppel und Sabine Gollner sind viel in der Region unterwegs. Sie ermutigen Zweifler, eröffnen Perspektiven, werben für Kooperationen und weisen unermüdlich auf den großen Nutzen hin: „Von Kreativen gehen entscheidende Impulse aus, die der ganzen Region gut tun“, sagt Gollner. Das Fichtelgebirge ist schon traditionsgemäß eine Kreativregion – mit einer kulturellen Geschichte voller Porzellan und historischer Baukultur. Ideenreichtum, Gestaltungskraft, handwerkliches und technisches Geschick seiner Bewohner haben die nordbayerische Region wieder auf einen erfolgreichen Kurs gebracht. Das östliche Oberfranken kann zum kreativen Innovationsinkubator werden. Gollner: „Was wir haben sind Geschichte, Kreativität, Zeit, Platz. Wohlstand in vielerlei Hinsicht also. Das alles gilt es jetzt positiv zu vermarkten. Und eine historische Zusammenarbeit: Dass die Landkreise und Städte Hof, Wunsiedel und Bayreuth landkreisübergreifend arbeiten.“

 © KÜKO Fichtelgebirge

Coworking

Gemeinsam mit der Entwicklungsagentur und dem Forum Kreativwirtschaft Fichtelgebirge entwickeln die Kreativen der Künstlerkolonie immer wieder neue Angebote, Formate und Kampagnen – sowohl für die eigene Branche als auch cross-sektoral und interdisziplinär mit anderen Wirtschaftspartnern. In Bad Berneck wurde die Schaltzentrale Bayern eröffnet, ein Coworking-Space, der kreative Kleinstunternehmen fördern und die Wirtschaftskraft der Region stärken soll. Das Konzept wurde von KÜKO im Auftrag des Amts für Ländliche Entwicklung (ALE) entwickelt. Sabine Gollner erklärt die Bedeutung dieser Zusammenarbeit: „Kommunen und Unternehmen in der Region können konkret etwas für die Kreativwirtschaft tun, indem sie Aufträge vergeben. Das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) machte 2016 einen mutigen Schritt, indem das Modellprojekt Coworking-Spaces im ländlichen Raum an unser Netzwerk KÜKO vergeben wurde. Verwaltung und Kreativschaffende nähern sich durch solche Prozesse an, steigern die Wertschätzung und Wahrnehmung der Arbeit auf beiden Seiten.“

Wirkung von außen nach innen

Das Fichtelgebirge bietet unterschiedliche Räume für verschiedene Bedürfnisse: neben dem Freiraum Natur gibt es günstige Wohnungen und Häuser, Ateliers und Büroräume, Ausstellungsflächen und dazu eine gut organisierte kreative Community! Um die vielen Vorteile auch außerhalb der Region bekannter zu machen, initiierte KÜKO eine Kreativ.Bustour nach Wunsiedel. Die Reise-Kampagne brachte viele interessierte Neubürger ins Fichtelgebirge. Heimische Kreativakteure führten die BesucherInnen an einem Wochenende in verborgene Häuser und Orte, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind. Höhepunkt war eine sehenswerte abwechslungsreiche Kunstausstellung der besonderen Art.

Die positive Außendarstellung des Landkreises unterstützen auch inzwischen 24 Botschafter des Fichtelgebirges, engagierte Einheimische, die beruflich viel unterwegs sind. Ihre Reisen und Gespräche nutzen sie, um für das Fichtelgebirge überregional, national und international zu werben. Sie kommunizieren die Potentiale und Schönheiten der Region und vermitteln Kontakte in die Region vermitteln. Die Kampagne wird von der Entwicklungsagentur Wunsiedel betrieben.

  © Stefan Heerdegen, Pixelio.de

Identitätsbildung nach innen

Die Kreativen binden gerne die BewohnerInnen der Region in ihre Aktionen ein, z. B. um wichtige identitätsstiftende Orte im Landkreis zu ermitteln. KÜKO startete dafür ein internationales Artist-in-Residence-Programm, bei dem Künstler von außerhalb auf einheimische BewohnerInnen treffen: Blicke von außen schärfen den Blick nach innen. Die Bad Bernecker fanden über die Kunstaktion heraus, welche Orte ihnen in ihrer Heimat wichtig sind und wie sie ihr Selbstverständnis prägen: die glanzvolle Kurgeschichte, die Kommunikation untereinander, die Natur und die Mobilität. Ausgewählt wurden am Ende ein historisches Wetterhäuschen, eine Kneippstatue, ein Telekom-Hotspot, ein Parkautomat und eine „Knutschbank“. „Wer sind Wir?“ fragte kürzlich auch das Fichtelgebirgsmuseum in Wunsiedel und hatte KÜKO als Partner eingeladen, eine Aktion im Landkreis Bayreuth durchzuführen. Gefördert wurde das Projekt im Fonds Stadtgefährten der Kulturstiftung des Bundes.

Sichtbarkeit und Storytelling

Das Fichtelgebirge hat sympathische und tatkräftige BewohnerInnen, die mit Kopf, Herz und Hand schon viel erreicht haben. Die kreativen Alltagshelden werden in medialen Geschichten präsentiert und bekannt gemacht. Die Medien-Kampagne und das Online-Portal Freiraum für Macher zeigen, was das Fichtelgebirge zu bieten hat: für Chancenergreifer, Möglichmacher, Weiterdenker, Traumverwirklicher, Familiengründer, Naturliebhaber. Es gibt Texte, Fotos und Filme über Stammbürger, Rückkehrer und Neubürger, über ihr Leben, ihre  Arbeit und Freizeit in der Region. Die Kampagne wird vom Landkreis Wunsiedel betrieben und als Projekt gefördert vom Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forst sowie vom Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER).

 © KÜKO Fichtelgebirge

Kreative Produkte als „Erinnermich“

Wenn Touristen Urlaub machen, möchten sie etwas Bleibendes mit nach Hause nehmen, das sie an die Region erinnert: ein kreatives Produkt, dass unverwechselbar ist, dass es nicht überall gibt. Mitglieder des KÜKO-Netzwerks haben neue, kreative Souvenirs für das Fichtelgebirge entwickelt. Im Pop-Up-Store SOUVENIR in Bad Berneck im ehemaligen NKD-Markt im Maintalcenter werden sie temporär zum Verkauf angeboten. Der Ort kombiniert Werkausstellung, Kulturraum und ein Magazin mit utopischen Visionen für die Region. Die Tourismuszentrale Fichtelgebirge sponsert zusammen mit KÜKO die Erstellung von Prototypen von Souvenirs und lobt auch einen Fachpreis aus.

 © KÜKO Fichtelgebirge

Überregionaler Austausch

Die Erfahrungen in der Regionalentwicklung teilt KÜKO gerne mit anderen Kreativnetzwerken in Deutschland, z. B. über Kreative Deutschland, den Bundesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Deutschland e.V., sowie über seine Landesverbände. Vom Austausch profitieren die Kreativen deutschlandweit, auch um gegenüber der Politik. 2019 fand die deutschlandweite Jahreskonferenz des Bundesverbandes in Röslau im Fichtelgebirge statt. Die Filmkampagne Peripher und ganz zentral entstand in Nachbereitung. Sie soll die Sichtbarkeit der kreativen AkteurInnen verbessern und eine mehrwertstiftende Verknüpfung herstellen – zwischen Kreativbranche und anderen Wirtschaftszweigen, ebenso zu Verwaltung, Politik und Fördergebern. Gemeinsam lässt sich besser Druck machen, auch außerhalb von Bayern mit erfolgserprobten Formaten und Modellen, z. B. einer Netzwerkmanagerin für Kreative, die Kultur- und Kreativwirtschaft mehr zu unterstützen. Die Investitionen in der Kreativen wirken sich in jedem Falle positiv auf die Regionalentwicklung aus. Das Fichtelgebirge beweist dies in vielerlei Hinsicht.

KreativLandTransfer: best practice

2020 wurde KÜKO im bundesweiten Programm KreativLandTransfer als best-practice-Projekt ausgewählt, denn: KÜKO ermöglicht mit besonderen Ansätzen kulturelle und lebendige Orte im ländlich Raum und stärkt die Region sozial, wirtschaftlich und kulturell. Die ausgewählten Projekte haben durch ihr herausragendes Engagement Vorbildswirkung für AkteurInnen in ganz Deutschland. In den kommenden Monaten werden sie ein Konzept erstellen, um ihre Erfahrungen an entstehende aussichtsreiche Projekte weiterzugeben. Mit fachlicher und organisatorischer Unterstützung von ExpertInnen und Coaches werden die Kenntnisse zudem in einem virtuellen Lernraum an die NachahmerInnen weitergegeben.

PODCAST

Standortpotentiale: 10 Mehrwerte von Kultur- und Kreativwirtschaft

 © Antje Hinz, MassivKreativ

Die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft erzielen durch ihr vielseitiges Wirken positive Effekte für die Wirtschaft und Standortentwicklung:

  1. sie sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor (Wertschöpfung, Umsatz)
  2. sie schaffen Arbeitsplätze, u. a. für Start-ups
  3. sie ziehen Fachkräfte an: mit innovativen Leistungen und kreativem Mindset
  4. sie beleben von Abwanderung bedrohte Regionen neu
  5. sie bewahren mit neuen (Um-)Nutzungskonzepten alte Immobilien und Werte
  6. sie denken wirtschaftliche Entwicklungen und Veränderungen voraus
  7. sie bringen durch digitale, agile Arbeitsmethoden und Innovationen zur Wirtschaft
  8. sie vernetzen sich cross-sektoral mit Wirtschaft, Verwaltung, Zivilgesellschaft
  9. sie sind hervorragende Kommunikatoren für neues Wissen, PR und Marketing
  10. sie bringen positive Impulse für die Unternehmenskultur
  11. sie sorgen mit Kreativität für ein offenes, tolerantes und lebenswertes Umfeld

 © Antje Hinz, MassivKreativ

Die positiven Effekte der Kultur- und Kreativwirtschaft gehen weit über die direkten Wertschöpfungsbeiträge hinaus. Sie wirken nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch, sozial, gesellschaftlich, kulturell. Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat eine Vorreiterfunktion für andere Wirtschaftsbereiche. Sie ist Vermittler zwischen Branchen und Arbeitsmethoden („new work“) und Treiber von Cross Innovation.

Inwiefern ist eine öffentliche Förderung und Investition in die KKW sinnvoll?

Zitate – Investionen in die Kultur- und Kreativwirtschaft zahlen sich wirtschaftlich aus [1] : 

„Die Kreativbranche hat ein hohes Potential gerade für Regionen im Strukturwandel.“
Walter Winter, Referent für Kreativwirtschaft im saarländischen Ministerium für Wirtschaft und Vorsitzender des Länderarbeitskreises Kultur- und Kreativwirtschaft.

„Ich empfehle so wie bei uns einen festen Mitarbeiter zu installieren und zu finanzieren, der die Kreativen unterstützt, berät und für ihre Interessen eintritt. Das ist auch politisch betrachtet ein Ausrufezeichen, dass man in diesen Wirtschaftszweig speziell investiert.“ Thomas Edelmann, Entwicklungsagentur Fichtelgebirge

„Gerade die kleinteilige Kreativbranche braucht einen Netzwerkmanager. Kleinstbetriebe haben wenig Zeit, sich über Förderprogramme oder neue Entwicklungen im Umland zu informieren oder herumzufahren. Dafür braucht es eine zukunftsorientierte Wirtschaftsförderstruktur und vor allem Personal. Das müssen die richtigen Leute sein, die den ländlichen Raum mögen, Kleinstunternehmen kennen und kommunikativ stark sind.“ Claudia Muntschick, Beraterin Ostsachsen, „Kreatives Sachsen“

“Kreative inspirieren nach innen und außen mit frischen Ideen, digitalen Kompetenzen, agilen Arbeitsmethoden, freien Gedanken, Lebensqualität und Innovationsfähigkeit. Die braucht man in einem kleinen und mittelständisch geprägten Unternehmensumfeld. Und das suchen auch Fachkräfte, die sich neu ansiedeln wollen.“
Christian Fenske, Technologie und Gewerbezentrum Wittenberge

„Die Kultur- und Kreativwirtschaft trägt zu Wertschöpfung und Beschäftigung im Land bei, schafft Arbeitsplätze und Einkommen. Jetzt sollen die Potentiale der Branche noch stärker erschlossen werden.“
Harry Glawe, Minister für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit in Mecklenburg-Vorpommern zur Vorstellung des Branchenberichtes KKW in MV 2016 [1]

[1]  Zitate aus der Studie: Strategiekonzept (2020) Standortoffensive Westmecklenburg: Wirtschaftsförderung 4.0 durch Kultur- und Kreativwirtschaft, Veröffentlichung: September 2020

[2] Die Kultur- und Kreativwirtschaft KKW in MV  

 © Antje Hinz, MassivKreativ

CoWorkLand: Mit Coworking gegen Landflucht – eine Initiative der Böll-Stiftung SH

 © MassivKreativ (Wir bauen Zukunft, Nieklitz)

Coworking ist in Großstädten ein gut gehendes Geschäftsmodell. Doch wie ist es auf dem Land? Bei einem Feldversuch hat die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein herausgefunden, dass gemeinschaftliches Arbeiten auch dort Interessenten findet. Ich habe mit Ulrich Bähr, dem Initiator und inzwischen auch geschäftsführenden Vorstand von „CoWorkLand“, gesprochen.

CoCreative Feldforschung

Alles beginnt als Experiment: Im Sommer 2018 startet die Heinrich-Böll-Stiftung in Schleswig-Holstein einen Testballon: eine Prototyping-Tour mit Coworking-Spaces. Mehrere Monate touren die Initiatoren um Ulrich Bähr durch den Osten Schleswig-Holsteins. Sie bringen mobile temporäre PopUp-Arbeitsplätze in städtische und ländliche Regionen und wollen herausfinden, welche Orte für Coworker attraktiv sind (und welche weniger). Ausgebaute Frachtcontainer bieten jeweils bis zu acht internetfähige Arbeitsplätze und zusätzlich freie Arbeitsgelegenheiten auf einer Terrasse.

 © CoWorkLand

Was Coworker suchen

Die Container machen Station an Gutshöfen, Stränden, Seeufern und öffentlichen Plätzen. Einige logistische Voraussetzungen müssen vor Ort vorhanden sein: schnelles Internet, Strom, Toiletten und Wasser, dazu guter Kaffee, schöne Ausblicke und vor allem: nette, offene, interessante Leute. Auf ihrer Reise mit den mobilen Arbeitsplätzen erfahren die MitarbeiterInnen der Stiftung, was genau die Coworker suchen. Kollaboration, Konzentration, Kommunikation, Austausch – diese Wünsche nennen die Nutzer von Coworking-Spaces am häufigsten – neben dem Bedarf am Arbeitsraum selbst. Ulrich Bähr: „Den meisten Coworkern geht es nicht unbedingt um Platz oder Arbeitsraum, sondern um sozialen Anschluss, darum sich zu vernetzen.“

Unterschiede in Stadt und Land

Bei der Auswahl der Orte, an denen die Container aufgebaut wurden, leisten Kreativschaffende vor Ort wertvolle Unterstützung. Bähr ist mit ihnen in ständigem Austausch. Partizipative Zusammenarbeit mit Akteuren bzw. Kokreation wird immer wichtiger, wenn Projekte gelingen sollen, insbesondere wenn sie Neuland betreten. Nach gut einem Jahr haben Bähr und seine MitarbeiterInnen wertvolle Einblicke in die konkreten Wünsche und Bedürfnisse erhalten: „Konzepte für Coworking-Spaces innerhalb einer Stadt lassen sich eher übertragen als auf dem Land. Während das Mindset der Coworker in der Stadt relativ ähnlich ist, sind die Kulturen auf dem Land wegen der Menschen eher unterschiedlich.“ Doch egal ob in der Stadt oder auf dem Land, Coworking beflügelt Innovationen.

 © MassivKreativ

Alter und Berufe der Coworker

Auch demografische und branchenspezifische Erfahrungen können die Initiatoren sammeln. Wie alt sind die Coworker und welchen berufen gehen sie nach? Ulrich Bähr: „In den Städten waren es vor allem junge Leute aus einem kreativen Umfeld. Auf dem Land treffen sich eher ältere Zielgruppe ist um die 30 bis 50 Jahre. Die Coworker dort kamen aus sehr vielfältigen Branchen, Handwerker, Steuerberater, Lehrer, sogar Soldaten.“ Der große Reiz und Vorteil von gemeinschaftlichem Arbeiten besteht darin, dass Menschen mit ihren Kompetenzen und Fähigkeiten sich gegenseitig ergänzen. Der eine kann das, was der andere nicht kann und dringend braucht. Diverse, heterogene Teams sind erfolgreicher als homogene Gruppen. Im Rahmen von CoWorkLand gab es in dieser Hinsicht einige gute Beispiele. Eine Erfolgsgeschichte hat Ulrich Bähr miterlebt: „Ein Pensionär aus München kam erwartungsvoll zu CoWorkLand. Er hatte dort gerade sein Sanitätshaus aufgegeben, war in ein kleines Dorf bei Kiel gezogen und wollte nun einen Onlineshop für Rollstühle aufbauen. Er traf in unserem Coworking-Space zufällig auf einen etwa 30 Jahre jüngeren Mann aus einem anderen Dorf, der gerade einen Onlineshop für orthopädische Kissen aufbaute. Es gab Synergien und beiden taten sich zusammen. Eine schöner Kooperation, gewachsen auf einem Acker hinterm Deich am Schönberger Strand bei Kiel.“

 © CoWorkLand

Coworking zur Dorfbelebung

Ulrich Bähr führt viele Gespräche. Er erfährt, dass gerade auf dem Land der Bedarf an Austausch groß ist. Durch Abwanderung und Demografiewandel haben sich traditionelle Treffpunkte häufig aufgelöst. Gespräche und Dialoge bleiben auf der Strecke und damit der soziale Kit, die Basis für unser Zusammenleben. Wenn die Menschen nur noch zum Schlafen in die Dörfer kommen und alle anderen Dinge – Arbeit, Einkauf, Freizeit – an anderen Orten gelebt werden, ist das Dorf tot. BewohnerInnen im ländlichen Raum haben das längst erkannt. Coworking-Spaces  könnten eine Lösung sein. Doch wo und wie lassen  sie sich erfolgreich betreiben? Olaf Bähr: „In manchen Dörfern wohnen schon Kreative, da denken die Leute vorwärts. In anderen Dörfern ist alles noch sehr, sehr konservativ. Gut geeignet für einen Coworking-Space ist die sogenannte „neue Dorfmitte“, wo es bereits einen Hofladen gibt, eine Kita, ein Restaurant, ein Hotel oder auch eine Arztpraxis. Dort können multifunktionale hybride Orte entstehen, die eine vielfältige Versorgungsfunktion übernehmen.“

Genossenschaft

Gudrun Neuper, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, begleitet das Coworking-Projekt ehrenamtlich. Sie sagt: „Kein Coworking Space auf dem Land gleicht dem anderen, überall ist es anders. Aber stets ist die Kreativwirtschaft ein fruchtbarer Teil davon.“ Die mobilen Container wirken als Impuls und Initialzündung. So könne man zunächst Interesse und Bedarfe klären und erste Impulse setzen. Die Nachfrage war so groß, dass die Böll-Stiftung mit der CoWorkLand eG nun eine Genossenschaft gegründet hat, die ein organisatorisches Dach für die Initiatoren und Betreiber von Coworking-Spaces bietet. Seit 2019 sind über 50 von Schleswig-Holstein bis Bayern entstanden. Neupers wichtigste Erkenntnis: „Was man für das Gelingen unbedingt braucht, sind bereits gewachsene Netzwerke und Communities vor Ort und die Bereitschaft der Gemeinden, Wirtschaftsförderer und Regionalentwickler, die Communities und die Coworking-Projekte bei ihren Vorhaben zu unterstützen.“ 

So finden sich immer mehr couragierte Akteure, die das Experiment wagen und einen eigenen Coworking-Space aufbauen bzw. betreiben wollen. Doch die meisten haben immensen Beratungsbedarf. Die Fragen der Coworker von morgen ähneln sich: Welche Rechtsform soll ich wählen? Welches Personal brauche ich? Wie regele ich Buchhaltung und Steuern? Welche Versicherungen sind nötig? Wie komme ich an Fördermittel? „Es gibt eine Menge Hürden, die die Leute überwinden müssen“, weiß Ulrich Bähr. „Da wir nach einem halben Jahr 50 solcher Akteure hatten, haben wir gesagt: OK. Ihr konzentriert euch auf die Dinge vor Ort, die Coworkings zu gestalten. Und wir gründen eine Genossenschaft, um genau die organisatorisch-verwaltenden Themen zentral zu bearbeiten und Euch damit zu unterstützen. Inzwischen sind wir ein Netzwerk von fast 50 GenossInnen.“

 © CoWorkLand

Solidarprinzip

Im Februar 2019 wird CoWorkLand zum gemeinschaftlichen Dach unter Federführung der Heinrich-Böll-Stiftung. Das genossenschaftliche Denken entspricht voll und ganz dem Selbstverständnis und den Werten der Stiftung. Im Fokus stehen das Solidarprinzip sowie eine nachhaltige und gemeinwohlorientierte Unternehmensführung, getreu dem Motto: „Einer für alle, und alle für einen“. Die weltumspannende Idee der Genossenschaft begeistert weltweit bereits 800 Millionen Mitglieder in über hundert Ländern. Und sie hat nochmals Auftrieb bekommen, seit die UNESCO Ende 2016 beschlossen hat, die Genossenschaftsidee als immaterielles Weltkulturerbe anzuerkennen. Hierzulande ist die Idee eng mit ihren Gründungsvätern Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich-Wilhelm Raiffeisen verbunden und Teil unserer Erinnerungskultur.

 © MassivKreativ

Empowerment

CoWorkLand unterstützt in der Genossenschaft kreative und innovativ denkende und handelnde Mitglieder. Es ist ein Netzwerk entstanden, das Gründer und Selbstständige inspiriert und professionalisiert, eigene Coworking-Spaces auf dem Land zu entwickeln, damit die BewohnerInnen möglichst an vielen Orten im ländlichen Raum ortsunabhängig arbeiten können. Am besten an Orten, die bereits da sind und an denen es passt: im Gasthaus, im Dorfladen, in der Scheune.

Im Sommer 2020 gibt es etwa 26 aktive CoWorking-Spaces im CoWorkLand, u. a. Cobaas in Preetz, Cocina Coworking-Kitchen in Kiel, MS39 in Soltau, Tiny House PopUp-Campus in der Hafencity in Hamburg, Westerwerk in Itzehoe und Wir bauen Zukunft in Nieklitz in Mecklenburg-Vorpommern. Ständig kommen neue Orte hinzu. Ein wichtiger Baustein der Genossenschaft sind Tageskurse mit Coachings , die das nötige Wissen und Rüstzeug vermitteln. CoWorkLand unterstützt seine Mitglieder bei der Gründung und beim Betrieb von Coworking-Spaces auf allen Ebenen, hilft z. B. auch beim überregionalen Marketing, bei der Buchhaltung mit einer  Abrechnungsplattform und berät zum Thema Förderung. Ulrich Bähr: “Gerade im ländlichen Raum sehen wir zur Zeit keine geeigneten Förderprogramme. Es gibt nur alte Förderprogramme, die auf die neuen Orte nicht passen. Wenn diese neuen Coworking-Orte entstehen, brauchen sie weniger investive Förderungen, sondern vor allem Betriebsmittel für das normale Auskommen… Zusätzlich vernetzen wir die Coworker zum Wissensaustausch untereinander und bieten ihnen Qualifizierungskurse an, z. B. zum Community Management.“

 © MassivKreativ  (Wir bauen Zukunft, Nieklitz)

Mehrfachnutzen: alle profitieren

CoWorking auf dem Land ist in mehrfacher Hinsicht zukunftsorientiert. Mit der Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten sorgt es für gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land. Coworking auf dem Land schützt das Klima, weil die DorfbewohnerInnen nicht jeden Tag in ein Büro in der Stadt fahren müssen. So gewinnen die Menschen Lebenszeit und Lebensqualität, können Familie und Beruf besser vereinbaren. Zusätzlich werden Straßen und Verkehr entlastet. Mit den Coworking-Spaces gelangen digitale Kompetenzen aufs Land, die gerade ältere Menschen dringend brauchen, wenn sie nicht mehr mobil sind und ihre Versorgung z. B. über Handy und Computer regeln müssen. Ihre Fragen im Umgang mit Geräten und Software können die digitalen Nomaden in den Coworking-Spaces leicht beantworten.

Coworking wirkt so als Türöffner für den alltäglichen sozialen Austausch, von dem alle profitieren: digitale Nomaden, Freiberufler, Start-up-Gründer und Senioren vor Ort. Jeder profitiert vom Wissen der anderen. Ältere Menschen können jüngeren Coworkern mit Lebenserfahrung helfen, wertvolle Kontakte in die Gemeinde vermitteln sowie lohnenswerte Orte für Ausflüge und Freizeit empfehlen. Die digitalen Knotenpunkte in den Coworking-Spaces helfen dabei, durch persönlichen analogen Austausch neue Gemeinschaften zu bilden, sich gegenseitig zu helfen und zu inspirieren. Ländliche Ortskerne könnten wiederbelebt werden. Wo Menschen arbeiten, siedeln sich auch Familien, Kitas, Läden, Restaurants, Cafés und Vereine an. Coworking Spaces werden zu Keimzellen kreativen Unternehmertums.

 © MassivKreativ

Bildung, Medien, Nachhaltigkeit

Die spannenden Verbindungslinien zwischen analog und digital beschäftigen Ulrich Bähr schon sehr lange. Er ist ursprünglich als „Digitalisierer“ zur Heinrich-Böll-Stiftung nach Kiel gekommen. Nach dem Studium der Medienwissenschaft ist er einige Jahre bei Volkswagen tätig. Um die Jahrtausendwende sind die Berührungsängste gegenüber digitalen Bildungsangeboten noch groß. Bähr experimentierte zur Frage, wie sich Mobilität und Medienkompetenz für Jugendliche verbinden lassen. Wenig später machte sich Bähr selbständig, arbeitete weiterhin für VW, aber auch für andere Kunden. Im Fokus stehen: Bildung, neue Medien, Internet, vor allem auch Nachhaltigkeit. Seine Kunden sind Greenpeace, der WWF, Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung, Bundesrat, viele Landesparlamente. Der Weg zur Bildungsstiftung in Kiel ist geebnet, denn auch die Böll-Stiftung sucht in dieser Zeit nach neuen Formaten und Methoden für die Vermittlung. Im Juni 2016 übernimmt Ulrich Bähr bei der Stiftung die Projektleitung „Digitalisierung & ländliche Räume“.

Analog und digital

Das partizipative Denken, das CoWorkLand auszeichnet, treibt Bähr schon damals um: „Es gibt ja viele Methoden aus dem Dunstkreis der „Neuen Arbeit, d. h. dass man Inhalte gemeinsam erstellt und nicht mehr diese top-down-orientierte Lehrer-Schüler- Position einnimmt. Es ging also um die Frage, ob man Formate mit prozessualen CoCreationen auch für eine Bildungsinstitution fruchtbar machen kann.“ Bei der Verständigung über Schnittstellen zwischen analogen und digitalen Lernformaten rückt auch das Thema städtischer und ländlicher Räume in den Fokus. Und so reift die Idee, ein urbanes Thema in die Provinz zu tragen. CoWorkLand ist innerhalb kürzester Zeit zur Erfolgsgeschichte geworden. Was in der Stadt als Spielwiese für junge Kreative entstanden ist, wird auf dem Land als analoge Andockstation weitergedacht, über die sich sich persönliche Kontakte zwischen den Generationen, zwischen Alt- und Neubürgern entwickeln. So hilft Coworking auch dabei, dem Trend der Landflucht entgegenzuwirken.

 © MassivKreativ

Ausblick: Studie und Kongress

Derzeit untersucht die Bertelsmann-Stiftung in einer zweiteiligen Studie, welche weiteren Wirkeffekte durch Coworking noch entstehen können. Austausch und Teilhabe gehört zu den Voraussetzungen von erfolgreichem gemeinschaftlichen Arbeiten. In diesem Sinne wird auch der Kongress Coworking auf dem Land dazu beitragen, dass weitere Ideen entstehen und partizipative Projekte vorangetrieben werden. Vom 21.4. – 23.4.2020 lädt die „dvs Vernetzungsstelle“ zu einer Kooperationsveranstaltung ein – gemeinsam mit CoWorkLand und Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, der Akademie für die Ländlichen Räume Schleswig-Holsteins e. V. sowie dem Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein. Am ersten Tag sind Vorträgen und Workshops im Atelierhaus auf dem Anscharcampus in Kiel zu erleben, ein Ökosystem von KünstlerInnen, DesignerInnen und anderen Kreativen sowie engagierten Menschen für Nachhaltigkeit und Inklusion, weitere Impulse liefert der Muthesius Transferpark. Am zweiten Tag des Kongresses führt eine Bustour zu spannenden Coworking Spaces der Region.

PODCAST

CoWorkation: Erholen und Arbeiten am Schweriner See in Bad Kleinen

 © links: Mühlenquartier Bad Kleinen, Kreative-MV, rechts: Olga Meier-Sander, pixelio.de

EINLADUNG: Erholen und Arbeiten in Bad Kleinen vom 22.-29. Juli 2020

In diesen Corona-wirren Zeiten brauchen viele von Euch und uns dringend positive Impulse. Kommt zum CoWorkation an den Schweriner See und Ihr werdet eine großartige Zeit haben: Erholen und vielleicht auch ein wenig Arbeiten auf der Wiese vor dem Mühlenquartier Bad Kleinen – das alles in idyllischer Umgebung nur wenige Meter zum See. Ihr könnt tatkräftige Menschen treffen, die etwas bewegen wollen, Inspiration und Austausch finden, Pläne und Projekte und auftanken für die 2. Hälfte dieses verrückten Jahres. Henry Miller hat mal gesagt: „Leben ist das, was wir daraus machen.“ Nach dieser Maxime machen wir CoWorkation gemeinsam zu einer unvergesslichen Zeit.

Eine Woche CoWorkation – angeregt durch Kreative MV – bietet der Heimatverein Bad Kleinen, der Eigentümer des Mühlenquartiers Bad Kleinencoopolis und ein ganzes Netzwerk lokaler Kreativer aus MV eine Woche CoWorkation im Mühlenquartier, Corinna Hesse, Kreative MV / Silberfuchs-Verlag, Antje Hinz, MassivKreativ. Zusätzlich organisieren wir in Kooperation mit dem Verein Dambecker Seen e.V. für Sonntag den 26.07.2020 von 14-18 Uhr einen Kreativmarkt. Die Basis- und Infrastruktur steht, weitere Unterstützungsangebote sind herzlich willkommen!

 WAS? CoWorkation – Erholen und Arbeiten auf der Wiese vor dem „Mühlenquartier Bad Kleinen“
 WANN: Mi, 22.7.2020 14:00 Uhr – Mi, 29.7.2020 14:00 Uhr
 WO? Mühlenquartier Bad Kleinen | Uferweg 5, 23996 Bad Kleinen |
Übernachtung im selbst mitgebrachten Zelt  für 10 €/Nacht/Zelt / ALTERNATIV werden bei Ulis Kinderland günstige Übernachtungsmöglichkeiten (20€/Bett/Nacht incl. Frühstück) bereitstehen
 WAS GIBT ES VOR ORT? Zeltwiese, Außendusche, WCs mit fließend Wasser, CoWorking Space mit WLAN im historischen Walzenstuhlboden, Badestrand und Supermarkt in 250 m Entfernung
 WAS GIBT ES VOR ORT NICHT?  Alles was Ihr NICHT mitbringt, ist auch NICHT da.
 Anmeldung bis zum 22.07.2020 (zwingend nötig wegen Corona): ANMELDEFORMULAR
 Weitere Informationen: Website Kreative MV
 Rückfragen: Stefanie Raab, coopolis, Tel.  0178 – 760 32 44   E-Mail: raab@coopolis.de

 © MassivKreativ

Planungsstand am 26.6.2020

HINTERGRUND: Im Mühlenquartier Bad Kleinen entstehen auf 6.000 m² Fläche ein Gewerbequartier mit Büros, Produktionshallen, Ateliers, Museum, Veranstaltungssaal und Bistro, umgeben von einer Parklandschaft am Schweriner See. Im KreativLab am 11.06.2020 haben wir erkundet, wie der Freiraum für innovative Kooperationen zwischen Kreativunternehmen, DesignerInnen, ZukunftsgestalterInnen, ImmobilieneigentümerInnen und regionaler Wirtschaft genutzt werden kann. Stefanie Raab von coopolis gab im Ideenpitch eine kleine Einführung zum Thema „CoWorkation in Bad Kleinen 2020“ und im anschließenden Workshop Raum, diese Ideen zu konkretisieren. Leerstand ist eine Ressource für regionale Entwicklungsprozesse, die mithilfe der Kultur und der Kreativwirtschaft erschlossen werden kann. Gerade in der Folge der Coronazeit gibt es einen besonderen Bedarf für CoWorkation- Angebote. Viele Kreative sind dringend erholungsbedürftig, haben aktuell aber weder Zeit noch Geld für Urlaub. Darum haben infolge des Zusammentreffens Kreative, Immobilieneigentümer und Leute aus Bad Kleinen und Umgebung gemeinsam entschieden, eine CoWorkation n Bad Kleinen auf die Beine zu stellen. Im Wesentlichen bieten wir eine (einfache) Unterkunft mit etwas Infrastruktur und einen PopUp- CoWorking Space in einer tollen Umgebung. Oder, um es in Menschen auszudrücken, Gastgeber, Gäste und Gemeinschaft. Da am Standort Mühlenquartier in den kommenden Jahren ein kreativer Quartiersentwicklungsprozess ansteht, machte es Sinn, gemeinsam bereits für diesen Sommer ein entsprechendes Angebot auf die Beine zu stellen, und es hat sich eine bunte Gruppe Engagierter zusammengefunden – und jetzt sieht es ganz so aus, als ob wir das auch hinbekommen.

Beteiligte Akteure am CoWorkation vom 22.-29. Juli 2020

Angeregt durch Kreative MV, sind nun aktiv in die Vorbereitung eingebunden: Hans Kreher + Andreas Kelch / Heimatverein Bad Kleinen, Egon Flemming, Eigentümer Mühlenquartier Bad Kleinen, Stefanie Raab, coopolis GmbH. Weiter gibt es folgende Unterstützungsangebote: Ulis Kinderland in Galentin, Corinna Hesse, Kreative MV / Silberfuchs-Verlag, Antje Hinz, MassivKreativ unterstützt im Vorfeld mit Öffentlichkeitsarbeit und Social Media. Josefine Peters / Verein Dambecker Seen e.V. unterstützen bei der Organisation des Kreativmarktes. Die Basisstruktur steht, weitere Unterstützungsangebote sind herzlich willkommen!

TERMIN: Mittwoch, 22.07.2020 ab 14:00 Uhr – Mittwoch, 29.07.2020 ab 14:00 Uhr

 © MassivKreativ

UNTERKUNFT: Es gibt zwei verschiedene Unterkunftmöglichkeiten:

  1. Auf der Zeltwiese unweit des Bahnhofs direkt im Mühlenquartier kann man für einen Teilnehmerbeitrag von 10 € / Nacht und Zelt unterkommen. Selbstversorgung, Basis- Infrastruktur aus Außendusche, WC Container mit fließend Wasser und dem Co Working Space im Walzenstuhlboden des Mühlengebäudes sind vorhanden. Der Badestrand, die Marina und der nächste EDEKA Laden sind jeweils ca. 200 m zu Fuss.
  2. Für Menschen, die nicht zelten wollen, gibt es in Ulis Kinderland in Galentin für 20 € / Nacht und Person Übernachtung incl. Frühstück. Auf der Webseite kann man sich die Übernachtungsangebote anschauen: HIERZum Mühlenquartier kommt man zu Fuß und mit dem Fahrrad über den Uferweg (Strecke 2,9 km, 10 bzw. 35 Minuten), die Autostrecke ist mit 3,2 km auch nur unwesentlich länger. Das Thema CoWorking wird sich auf jeden Fall im Mühlengebäude (Walzenstuhlboden) abspielen.

VERANSTALTER: Der Heimatverein Bad Kleinen tritt offiziell als Veranstalter auf. Der Eigentümer Egon Flemming als Grundstückseigentümer und Stefanie Raab von coopolis als Kooperationspartner, die jedoch fest vereinbarte Zusagen, die hier auch protokolliert sind, verbindlich einhalten. Egon Flemming kümmert sich um die Bereitstellung dieser Basis- Infrastruktur.

VERSICHERUNG: Hans Kreher + Andreas Kelch schließen im Namen des Vereins die bereits recherchierte Veranstalterhaftpflichtversicherung ab, die Kosten sollen möglichst über die Teilnehmerbeiträge wieder eingenommen werden. Der Eigentümer Egon Flemming hat zusätzlich eine Eigentümerhaftpflichtversicherung.

GENEHMIGUNG: Das Einholen der notwendigen Genehmigungen liegt in der Verantwortung des Veranstalters (Hans Kreher / Andreas Kelch).

INFRASTRUKTUR: Als Basis- Infrastruktur wird benötigt: (Draussen-)Dusche / Toilette / Spüle. Evtl. noch eine Kühlmöglichkeit, schließlich wird es warm sein. Das könnte aber schon ein Hygieneproblem verursachen. Gekocht wird bei Bedarf auf Campingkochern individuell. WLAN: Muss im CoWorking Space stabil zur Verfügung stehen, wird, evtl. reicht ein Verstärker für das vorhandene WLAN, alternativ per Cube. Egon Flemming kümmert sich um die Bereitstellung dieser Basis- Infrastruktur.

TEILNEHMERBEITRÄGE UND ZAHLUNG: Der Teilnehmerbeitrag beträgt 10 €/Nacht/Zelt bzw. 20 €/Nacht/Bett. Die Zahlung der Teilnehmerbeiträge erfolgt an die Gastgeber, Herrn Flemming und Ulis Kinderland direkt.

ANMELDUNG VON TEILNEHMENDEN: Die Anmeldung erfolgt über dieses Formular, welches Stefanie Raab einrichtet und verwaltet. Die Anmeldestände werden dann jeweils an die Veranstalter und Gastgeber (Hans Kreher, Andreas Kelch, Egon Flemming und Ulis Kinderland) weitergegeben, die sammeln bei ihren jeweiligen Gästen auch die Teilnehmergebühren ein.

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PROGRAMM: Es sollte max. 1 Programmpunkt pro Tag angeboten werden, entweder nachmittags oder abends, aber um 22:00 Uhr sollte Ruhe sein, damit die Zeltgäste auch schlafen können. Folgende weiteren Programmpunkte sind geplant:

Mi. 22.07.2020 19:00 Uhr  Walzenstuhlboden: Willkommen, Vorstellung des Mühlenquartiers (Egon Flemming, Stefanie Raab)

Do. 23.07.2020 14:00 Uhr  Wanderung nach Willigrad, den Sommersitz der Herzöge von Mecklenburg. (Hans Kreher /Andreas Kelch (?)

Fr. 24.07.2020 19:00 Uhr  Kinoabend in Kooperation mit dem Filmclub Güstrow. Dokumentarfilm zur Mühle, Beamer und Leinwand im CoWorking Space auf dem Walzenstuhlboden. (Andreas Kelch)

Sa. 25.07.2020 14:00 Uhr  Urban sketching mit Hans Kreher, Stefanie Raab bringt Skizzenblöcke und Zeichenmaterial mit. (Hans Kreher / Stefanie Raab)

So. 26.07.2020 14 – 18 Uhr  Kreativmarkt. Er wird organisiert von Hans Kreher / Andreas Kelch vom Heimatverein Bad Kleinen und Josefine Peters / Johanna Kirsch vom Verein Dörfergemeinschaft Dambecker Seen e.V. (verein-dambecker-seen.de). Für den Kreativmarkt, das regionale Ereignis, sollte extra Werbung gemacht werden (Plakat, Pressemitteilung, online), die 2 Wochen vor dem Kreativmarkt steht (deadline: Montag, 13.07.2020). Nach Abschluss Kreativmarkt ab 19 Uhr kleine Begegnung der Heimatvereine und der Gäste.

Mo. 27.07.2020 14-18 Uhr  Ausflug „Die Kreative Szene in Schwerin“ – Stefanie Raab + Kreative MV

Di. 28.07.2020 19 Uhr  Abschlussevent: Gemeinsam soll diese erste CoWorkation reflektiert, und die Learnings dokumentiert werden. Auch in Hinsicht darauf, dass das sicher nicht das letzte Zusammentreffen von Kreativen auf dem Mühlengelände war, wenn der angestrebte kreative Quartiersentwicklungsprozess fortgesetzt wird. Moderation + Dokumentation: Stefanie Raab.

Mi. 29.07.2020   Abreise bis 14:00 Uhr

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Auftakt Regionalentwicklung: KreativLab im Mühlenquartier in Bad Kleinen

 © Kreative MV

Land in Sicht – so der Titel des KreativLabs im Mühlenquartier in Bad Kleinen im Juni 2020. Im Fokus standen temporäre Coworking-Formate und innovative Geschäftsideen. Idyllisch und zugleich verkehrsgünstig zwischen Schwerin und Wismar liegt Bad Kleinen, ein lebens- und liebenswerter Ort am Nordufer des Schweriner Sees im Landkreis Nordwest-Mecklenburg. Die Kleinstadt mit rund 3.000 Einwohnern blickt zugleich auf eine traditionsreiche Geschichte zurück. Einer der größten Mühlenbetriebe in Norddeutschland war hier von 1915-1993 aktiv. Das Familienunternehmen Janssen wurde zu einem der wichtigsten Mehlproduzenten in Deutschland. Bis zu 20.000 Tonnen Mehl pro Jahr konnten dank Eisenbahnlinie und Bahnhof quer durchs Land transportiert werden. Der Bahnhof bietet noch heute direkten Anschluss in die Metropolen Berlin, Hamburg und Rostock.

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Zwischen Tradition und Zukunft: Herzensprojekt Mühle

Auf dem ehemaligen Gewerbegelände der Mühle wird nun Zukunft geschrieben – auf einer Fläche von etwa 6.000 m². Die denkmalgeschützten Industriebauten sollen revitalisiert werden, erzählt Hans Kreher, ehemaliger Bürgermeister und Vorsitzender im Entwicklungsausschuss der Gemeinde Bad Kleinen: „Das Mühlenquartier ist ein absolutes Herzensprojekt.“

Nach der Wende lag die Mühle viele Jahre brach. Finanz- und Immobilienmakler Egon Flemming erwarb das Gelände, um es aus dem Dornröschenschlag zu wecken. Aus dem mecklenburgischen Torgelow ist er aus Liebe zu seiner Frau nach Bad Kleinen gezogen, die in ihre Geburtsstadt zurückkehren wollte. Flemming hat große Pläne: Im ehemaligen Gewerbequartier der alten Mühle sind Lofts für die Dienstleistungswirtschaft geplant: Büros, Produktionshallen, Ateliers, ein Mühlenmuseum, ein Veranstaltungssaal und ein Bistro sind geplant, außerdem Miet- und Ferienwohnungen. Im 9-geschossigen Kornspeicher sollen Eigentumswohnungen entstehen. Das Souterrain soll zu einem Schwimmbad mit Wellness & Spa ausgebaut werden. Zum Abschluss der Quartiersentwicklung ist geplant, den Mühlenpark behutsam zu bebauen – mit einem zweieinhalbgeschossiges Gebäude-Ensemble aus Neubau-Mietwohnungen und Mietreihenhäuser. Egon Flemming betont: „Für die Umsetzung der vielfältigen Ideen sind Fördermittelgeber aus Kreis, Land und Politik gefragt und ebenso visionäre Ideen der Kreativschaffenden, um eine nachhaltige Entwicklung des Mühlenquartiers zu gewährleisten und dessen spätere Vermarktung. Kreative können zur Revitalisierung einen wichtigen Beitrag leisten, sie geben der Regionalentwicklung wertvolle Impulse.“ Das haben übrigens viele ähnliche Vorhaben in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt (Landeswettbewerb Kreative Raumpioniere).

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Coworkation auf der Mühlenwiese

Der Start ist bereits für Ende Juli 2020 geplant – bei einem einwöchigen sommerlichen Coworkation: Coworking und Vacation, d. h. gemeinschaftliches Arbeiten verbunden mit ein wenig Erholung bzw. Urlaub. Kreativschaffende sollen die ersten sein, um die Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten im Grünen und am Wasser auszutesten. Wie genau das gelingen kann, wurde beim KreativLab am 11. Juni 2020 ausgelotet. Kreativakteure, Wirtschaftsförderer, Kommunal- und Gemeindevertreter, Touristiker und Regjonalentwickler aus anderen Bundesländern trafen sich zu einem lebendigen und fruchtbaren Austausch.

Initiiert und eingeladen hatte Corinna Hesse, Silberfuchs-Verlag / Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung aus dem Landkreis Ludwigslust-Parchim – in Kooperation mit Kreative MV , dem neu gegründeten Landesverband Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. 

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Raumwohlstand, WLAN und guter Kaffee

Stefanie Raab von Coopolis, Planungsbüro für kooperative Stadtentwicklung Berlin, erfragte in ihrem Impulsvortrag und im anschließenden Workshop, welche logistischen Voraussetzungen für die Coworkation-Woche geschaffen werden müssten: niedrigschwellig, kooperativ, gemeinsam solle sie sein mit Vorteilen und Nutzen für beide Seiten: Eigentümer Egon Flemming macht so den Standort bekannt, die Kreativen kombinieren Arbeit und Freizeit in idyllischer Umgebung. Sie kommen aus den umliegenden Metropolen, schlagen ihre Zelte auf der grünen Wiese auf, entdecken neugierig die Region, knüpfen Kontakte und Netzwerke mit Gleichgesinnten, entwickeln gemeinsame Ideen und Projekte, planen Ausflüge, finden Inspiration und tanken Kraft für neue kreative Vorhaben. Idealerweise erzählen sie anderen Daheimgebliebenen von ihren Erlebnissen und empfehlen Bad Kleinen als kreativen, lebenswerten Ort weiter. Für Coworkation braucht es gar nicht so viel, sagt Stefanie Raab: „Die Botschaft aus Bad Kleinen ins Umland sollte heißen: Herzlich willkommen. Wir bieten Euch Raumwohlstand, WLAN, Kaffee, Toiletten und Duschen. Bringt Ihr Eure Zelt und Eure Ideen mit und wir erleben gemeinsam einen wunderschönen Sommer.“

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Design Camp Bad Kleinen 2021: Zukunft im Blick

Im kommenden Jahr könnten schon weitere Kreative folgen. Im Sommer 2021 soll im Mühlenquartier Bad Kleinen ein Design-Camp stattfinden, bei dem neue Geschäftsmodelle und unternehmerische Vorhaben entwickelt werden – ko-kreativ mit regionalen Handwerksfirmen und weiteren Unternehmen, mit Kreativschaffenden aus dem Umland und den Metropolen Hamburg und Berlin. In einem weiteren Impulsvortrag und im zweiten Workshop des Tages gaben die beiden bereits erfahrenen Design-Camp-Veranstalter, Michael Seligund Nicole Servatius, ihre Erfahrungen und Hinweise aus der Grünen Werkstatt Wendland im Landkreis Lüchow-Dannenberg weiter. Die Akteure haben passgenaue Vernetzungsformate entwickelt: Frühstückstreffen am Morgen für die Freiberufler und für Berufstätige Austauschtreffen am Abend.

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Menschen, die etwas bewegen wollen

Die ältere Generation kommt von allein ins Wendland, erzählt Selig. Die Immobilienpreise sind explodiert, aber günstige Mietwohnungen für junge Menschen fehlen. Um Lösungen für dieses Problem zu finden, veranstaltete die Grüne Werkstatt 2019 das Tiny Living Festival: mobile Häuschen für leerstehende Höfe. Die Rahmenbedingungen sind überall anders, sagt Hans Kreher: „Mietwohnungen für junge Menschen haben wir in Bad Kleinen zur Genüge. Viele unserer Plattenbauten stehen leer.“  Seelig betont: Netzwerke lassen sich nur durch persönliche Kontakte herstellen. Die Vorhaben müssen erklärt und um Vertrauen geworben werden. Das gilt für die Studierenden in kreativen Fachbereichen an Hochschulen ebenso wie für die regionalen Unternehmen. Michael Seelig: „Man braucht jemanden, der das alles koordiniert. Ohne persönliche Ansprache funktioniert gar nichts“. Und sein wichtigster Rat: „Es ist nicht die Immobilie, die die Regionalentwicklung vorantreibt. Es sind gleichgesinnte Menschen, die gemeinsam etwas bewegen wollen.“ 

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Coworking und Communities auf dem Land

Gudrun Neuper von der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein berichtete in ihrem Impulsvortrag über Erfahrungen mit Coworking Spaces im ländlichen Raum. Die Vorteile: weniger Pendlerverkehr, weniger Schadstoffausstoß, mehr Zeit für Privates, lebendige Impulse für das Leben und die Gemeinschaft in den Dorfzentren. „Kein Coworking Space auf dem Land gleicht dem anderen, überall ist es anders. Aber stets ist die Kreativwirtschaft ein fruchtbarer Teil davon“, sagt Neuper. Die Initialzündung gibt die Böll-Stiftung oft mit einem  mobilen Container mit 10 bis 15 Arbeitsplätzen. So könne man zunächst Interesse und Bedarfe klären und erste Impulse setzen, so Neuper. Die Nachfrage war so groß, dass die Böll-Stiftung mit der CoWorkLand eG eine Genossenschaft gegründet hat, die ein organisatorisches Dach für die Initiatoren und Betreiber von Coworking-Spaces bietet. Seit 2019 sind über 50 von Schleswig-Holstein bis Bayern entstanden. Gudrun Neupers wichtigste Erkenntnis: „Was man für das Gelingen unbedingt braucht, sind bereits gewachsene Netzwerke und Communities vor Ort und die Bereitschaft der Gemeinden, Wirtschaftsförderer und Regionalentwickler, die Communities und die Coworking-Projekte bei ihren Vorhaben zu unterstützen.“  

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Nachhaltige, kokreative Mode

Jedes KreativLab bietet stets auch Gelegenheit für Ideenpitches, so auch in Bad Kleinen. Modesignerin Sarah Bürger präsentierte ihr neues Projekt House of All, eine Plattform für nachhaltige Mode. Etwa zwei Jahre erforschte sie grundlegende Fragen: Was ist eigentlich Mode? Warum brauchen wir sie? Ihre Antwort:  „Kleidung reflektiert unser Inneres, unser individuelles Sein und unsere Resonanzerfahrung mit anderen. Je schnelllebiger die Zeit, um so schneller wollen wir unser Outfit wechseln.“ Das habe allerdings schlechte Folgen für unsere Umwelt. Billig produzierte Kleidung werde 2-3 Mal getragen und danach weggeworfen. Bürgers Lösung: „Kleidung muss darf kein Luxus sein, sondern ein Kulturgut. Es muss nachhaltig und regional hergestellt werden.“ Da Baumwolle in unseren Regionen nicht wachse, sollten einheimische und nachwachsenden Rohstoffen verwendet werden, wie z. B. Hanf.
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Neben den Rohstoffen hat sich Bürger auch eingehend mit dem Herstellungsprozess beschäftigt. Kleidung soll kokreativ in sogenannten „Pods of Commons“ realisiert und produziert werden, einer Form des gemeinschaftsbasierten Wirtschaftens. Jede/r aus der Community trägt das bei, was er/sie am besten kann, sowohl von den Fähigkeiten als auch finanziell. Ideen, Entwürfe und Design-Leistungen sollen im persönlichen Austausch in regionalen Gruppen erstellt werden oder überregional über eine digitale Plattform. Über ein Modulsystem können so einzelne Bestandteile bzw. Designelemente eines Kleidungsstücks bereitgestellt und nach eigenen Vorstellungen und Wünschen kombiniert werden. Sind die Designs erstellt, werden die Kleidungsstücke in lokalen FabLabs und Schneidereien aus heimischen langlebigen Stoffen produziert. Die Herstellung erfolgt in Kleinserien in genau so hoher Stückzahl, wie es Abnehmer gibt: „production on demand“. Da für diese Art der Fertigung die Basiskosten sehr hoch sind (eine Jacke würde etwa 700 € kosten), wird das Kleidungsstück nach etwa 2 Jahren in den Kreislauf zurückgegeben, so dass sie ein anderer aus der Community nutzen und tragen kann. Da die Stoffe und die Herstellung qualitativ hochwertig sind, können die Kleidungsstücke wenn nötig repariert und mehrfach in Umlauf gebracht werden.

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Nachhaltiges Akustikdesign

Innenarchitektin Anke Schneider plant ihre Geschäftsidee im Austausch mit vielen Experten und im Rahmen eines Förderungsprogrammes für Gründer*innen vom INNOVATIONPORT Wismar, einer Einrichtung der Hochschule Wismar bzw. der Forschungs-GmbH Wismar. Der Innovationsport ist unter dem Dach von digitalesMV einer von insgesamt sechs digitalen Innovations- und Kreativräumen für Gründer, Kreativschaffende, Unternehmen und Wissenschaftler. Anke Schneider genießt hier vor allem die interdisziplinäre Vernetzung und fachliche Begleitung. Schon im Rahmen ihres Studiums in Wismar hat sich Anke Schneider auf das Thema Akustikdesign spezialisiert. Aktuell entwickelt sie maßgeschneiderte multifunktionale Akustikabsorber aus heimischen, nachhaltigen Rohstoffe. Erste vielversprechende Erfahrungen konnte sie bereits mit Ostseegras sammeln. Beim Ideenpitch erläuterte Schneider, dass ihr nicht nur klangliche Aspekte am Herzen liegen, sondern dass ihr Akustikdesign zugleich auch visuelle, sensorische und atmosphärische Ambientefragen berücksichtigt. Auch eine Onlineplattform mit Akustik-App ist mit Beratung von der Technischen Hochschule Lübeck geplant.  

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Wir drucken Dich

Die Grafikerinnen Manja Graaf und Lena präsentierten aktuelle Arbeiten und Ideen ihrer DRUCKKAMMER Greifswald. In ihrer Siebdruck-Werkstatt stellen sie mit großer Leidenschaft Infomaterial zur Politik- und Umweltbildung her und geben ihr Wissen auch weiter, u. a. mit einem Druck-Tutorial. Darin erklären sie drei verschiedene Techniken, die man für das Erstellen von Aufklebern, Shirts, Plakate etc. nutzen kann: Siebdruck, Stempeln,  Tetrapackdruck. Gerade wird die Druckkammer neu gestaltet und soll am 15.10.2020 mit verschiedenen Aktionen der Öffentlichkeit vorgestellt werden. 

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Erzählte Geschichten aus MV

Journalistin Manuela Heberer ist seit 2011 als freiberufliche Journalistin und Medienmacherin in MV aktiv: „Meine Leidenschaft ist es, im Land unterwegs zu sein, dabei die vielen, zum Teil noch verborgenen Geschichten aufzuspüren und diese für euch erlebbar zu machen.“ Gemeinsam mit Grafikdesignerin Antje Siggelkow trägt sie ihre Begegnungen in  dem frisch im Frühjahr gestarteten Online-Magazin Vielsehn in die Öffentlichkeit. Heberer sprach über die vielfältigen Aspekte von Grafik, Web- und Content-Design und stellte auch ihr neues akustische Projekt vor, das gemeinsam mit Judith Kenk entsteht: Erste Generation über die Menschen, die in den 1980er Jahren in MV geboren sind.

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Freies Theater und Architektur-Sanierung

Die Welt des freien Theaters präsentierten Theaterregisseur und Maskenbauer Lars Maué sowie Kostüm- und Maskenbildnerin Johanna Kanka-Maué. Sie stellten u. a. ihr generationsübergreifendes Projekt Freiheit und Glaube vor: vier Inszenierungen mit 40 Masken, fünf Großfiguren, 90 Kostüme und über 350 Aktiven und Akteuren: Das große Fest- und Theaterwochenende im September 2017 statt und erinnerte an das 500. Jubiläum der Reformation. Beide engagieren sich u. a. auch im Verein „ Kulturmühle Wismar e.V.“ und die Erhaltung der Bausubstanz der historischen Mühle. Für historische Sanierungsprojekte setzt sich auch Architektin Sophie Wagner aus Dassow  ein und berichtete über Planungs- und Beteiligungsprozesse gemeinsam mit Nutzern.

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Ortserkundung mit Egon Flemming und Burkhard Steinhagen

Tief hinab und hoch hinaus: Fachkundig geführt von Eigentümer Egon Flemming konnten die Teilnehmer des KreativLabs in corona-sicherem Abstand das weitläufige Gelände und die historischen Gebäude des Mühlenquartiers Bad Kleinen erkunden. Unterstützt wurde er von Burkhard Steinhagen, der sich als junger Mann mit Ferienjobs in der Mühle sein erstes Moped verdiente Er zeigte die noch verbliebenen Artefakte: Mehlrutschen, Mehlzellen, Beutelkammern und Trichter und erzählte lebendig von der Industriegeschichte. Im Verwaltungs- und Verkaufsbüro konnten die Besucher die wechselvolle Geschichte anhand historischer Fotos nachvollziehen und mit einem Imagefilm Mühlenquartier Bad Kleinen eine Zeitreise in die Zukunft des Ortes unternehmen.

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Lokaler Netzwerkaufbau

Wie sich Wohnen, Arbeiten, Erholen in Bad Kleinen mit urbaner Lebensqualität in Reichweite anfühlt, konnte an diesem Tag auf vielseitige Weise erprobt werden. Das KreativLab war einmal mehr Impulsgeber für den lokalen Netzwerkaufbau. Dass die Region die Kreativität wirkungsvoll beflügelt, ist übrigens bereits bewiesen: Nur wenige Kilometer westlich von Bad Kleinen, im Ortsteil Wendisch Rambow, ist Till Lindemann aufgewachsen, der Sänger und Textdichter der Band Rammstein.

Das KreativLab in Bad Kleinen wird gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung im Programm Miteinander reden.

  © Miteinander reden

Kreatives Sachsen: Innovationsgeist versprühen und Industriebrachen retten

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Claudia Muntschick ist deutschlandweit unterwegs, um historische Bausubstanz zu retten, vor allem Industriebrachen. Als Beraterin für Regionalentwicklung sowie Kultur- und Kreativwirtschaft setzt sie sich vor allem für die Neubelebung leerstehender Gebäude ein. Welches Potenzial sie in den alten Bauten sieht und wieviel Kreativschaffende in Sachsen bewegen, hat sie mir im Interview erzählt. 

Revitalisierung alter Bausubstanz

Schon während ihres Architekturstudiums hat sich Claudia Muntschick mit Arbeitsräumen für Kreativschaffende beschäftigt, damals noch unbewusst. Um die Jahrtausendwende war der Begriff Kreativwirtschaft noch nicht so verbreitet wie heute. Doch schon damals trieb Muntschick ein Bauchgefühl, dass es ziemlich bald neue, originelle Arbeitsräume brauchen wird. In ihrer Diplomarbeit erforschte sie, wie sich größere Industriebrachen heterogen und kleinteilig nutzen lassen. Das Thema hat sie später im Masterstudium an der TU Dresden nochmal vertieft. „Wenn man sich Industriegeschichte von Sachsen anguckt: Da haben sich Leute unterschiedlichster Gewerke in einem Raum zusammengefunden – eben in den Manufakturen der Zeit“, erklärt Muntschick. „Da hat jeder den Arbeitsschritt absolviert, den er am besten konnte. Daraus entstand dann das Produkt in einer größeren Mengen und dadurch eine Wertschöpfungskette, die allen gedient hat. So ähnlich funktioniert das heute einem Coworking-Space, dass man aufgrund des Wissens und der Interdisziplinarität zusammenkommt, um unterschiedliche Arbeitsfelder und Projekte abzudecken.“

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Raumentwicklung wird Thema

Nach Abschluss des Studiums gründet sie ein Büro und stellt fest, dass es größeren Bedarf zur Raumentwicklung gibt. Wie können mehrere Kleinstunternehmen größere Industrieflächen nutzen, dabei die Gebäude erhalten und gleichzeitig neue wirtschaftliche Impulse setzen? Zu dieser Zeit entdeckt auch die Politik das Thema Raumentwicklung. 2012 erscheint ein großer Bericht, wie die Kultur und Kreativwirtschaft in Sachsen aufgestellt ist, 2012 folgt ein Report über Dresden. „Die Szene war gut untersucht, aber es gab eine große Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der kreativen Akteure selbst und der seitens der klassischen Wirtschaft. Wenn man von Kreativwirtschaft außerhalb der eigenen Branche spricht, wird man von Fachfremden rasch in der bildenden Kunst verortet. Dabei ist die Kreativbranche in ihrem Mix von 11 Teilbranchen ja wesentlich breiter aufgestellt. Muntschick spürt Aufklärungsbedarf und wird Beraterin im Sächsischen Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft KREATIVES SACHSEN, speziell für die für die Region Ostsachsen.

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Kreativstandort Sachsen

Seit 2017 fördert der Freistaat Sachsen dauerhaft das Sächsische Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft mit 500.000 pro Jahr, vorerst bis 2021. Es ist die zentrale Anlaufstelle für kreative Akteure und Multiplikatoren und wird getragen vom Landesverbandes der Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen e. V.. Er erbringt zusätzliche Eigenleistungen in Höhe von 5.000 Euro pro Jahr. Aktuell arbeiten 7 feste MitarbeiterInnen im Projekt mit Standorten in Chemnitz, Dresden und Leipzig. Die Aufgaben sind vielfältig. Die landesweite Plattform stärkt branchenübergreifend die Vernetzung der Akteure, verleiht der Branche Sichtbarkeit und hilft Einzelakteuren und Unternehmen, sich am Markt zu etablieren, bietet Vor-Ort-Beratungen sowie teilmarktspezifsche gründungs- und wachstumsbezogene Qualifzierungsleistungen in ganz Sachsen an.

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Kooperationen mit Wirtschaft und Wissenschaft

Erfolgsbewährt ist inzwischen die enge Zusammenarbeit mit Akteuren aus Wirtschafts- und Kulturförderung, Stadt- und Regionalentwicklung, Fördereinrichtungen, Verbänden, Netzwerken, Kammern und Hochschulen, insbesondere den Kunsthochschulen. „Zu den Wirtschaftsförderungen in den einzelnen Städten haben wir sehr guten Kontakt und regelmäßige Jour fixe Leipzig, Chemnitz, Dresden“, erzählt Muntschick. In Chemnitz haben wir Projekte mit der dort ansässigen Wirtschaftsförderung entwickelt, ebenso in Leipzig. In Dresden haben wir einen städtischen Kreativwirtschaftsverband, der sogar einen Dienstleistungsvertrag mit der Stadt abgeschlossen hat. Im ländlichen Raum ist es so, dass wir von den Mittelstädten direkt angesprochen werden. Sie sagen: Wir haben hier Immobilien, die möchten wir gerne mit euch Kreativen gemeinsam entwickeln.“

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Schöne Aussichten

Muntschick hat in Sachsen Formate entwickelt, in denen Regionalentwicker Arbeitsräume der Zukunft für Investoren und Kreative vorstellen, z. B. brachliegende Industriebauten, Manufakturen, Ladengeschäfte, Gasthöfen und Gehöften. Gerade in mittleren und kleinen Städten gibt es zahlreiche Gebäude und Räume, die sich für die Nutzung durch kreative UnternehmerInnen eignen und als Motor für Strukturwandels wirken können. Muntschick ist wichtig, dass Kreative bei der Nachnutzer von Immobilien bereits vor Beginn der echten Planungsphase eingebunden werden. Für den Austausch eignen sich Workshops am besten, sagt sie: „Da sollten Eigentümer, Nutzer und im besten Fall noch Stadtverwaltung auf Augenhöhe zusammenkommen und diesen Prozess gemeinsam gestalten. Das ist sehr wichtig und wertvoll. Was mich auch immer wieder sehr fasziniert, ist die Tatsache, dass gerade Akteure der Kultur und Kreativwirtschaft denkmalpflegerisch sorgsam und richtig mit diesen Gebäuden umgehen. Da wird alles erhalten und nachgenutzt, was da ist. Und das sorgt dann eben wiederum auch für diese authentischen Räume, in denen sich Kreative wohl fühlen. Kein einziger Kreativer möchte in einem sterilen Gewerbegebiet oder Gewerbezentrum arbeiten.“

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Best practice für Umnutzung

Der von Landflucht geplagte Ort Nebelschütz in Ostsachsen z. B. erlebte dank ökologischer Erneuerung eine Renaissance. Erste Impulse erhielt der Ort durch den Umbau eines Fachwerkhauses zur Herberge zur Selbstversorger für Wanderer und einer Scheune zu Künstlerateliers. Ein stillgelegter Steinbruch wird als Kräutergarten und Skulpturenpark genutzt. Kreative Kleinbetriebe sorgen für Arbeitsplätze: eine Polstermöbelreparatur, ein IT-Dienstleister, ein Töpferhof, eine Bau- und Möbeltischlerei. Im Gewerbegebiet sind Logistik- und Recycling-Unternehmen, Firmen für Metallbearbeitung, Brandschutz und Containerbau ansässig. Ein neuer Dorfladen wird vom Pächter des Sportlerheim am Fußballplatz betrieben. Auch junge Gründer kamen, die heute Ökolandbau betreiben. Alle Projekte entstanden partizipativ mit Bürgern und Kreativen. Mit rund 1200 Einwohnern ist Nebelschütz heute etwa wieder so groß wie zum Mauerfall und liegt mit etwa drei Kindern pro Familie deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Finanzielle Hilfe leistete ein Förderprogramm des Amtes für Ländliche Neuordnung für die Erstellung von Dorfentwicklungsplänen.

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Kompetente Köpfe gefragt

Claudia Muntschick freut sich, wie viel schon passiert ist im Bereich Umnutzung von Leerstand. Ohne engagierte Experten wie sie geht es jedoch nicht: „Gerade die kleinteilige Kreativbranche braucht Netzwerkmanager. Kleinstbetriebe haben wenig Zeit, sich über Förderprogramme oder neue Entwicklungen im Umland zu informieren oder herumzufahren. Dafür braucht es eine zukunftsorientierte Wirtschaftsförderstruktur und vor allem Personal. Das müssen die richtigen Leute sein, die den ländlichen Raum mögen, Kleinstunternehmen kennen und kommunikativ stark sind.“ Sie berichtet von gleichgesinnten Mitstreitern, die Neubürger bzw. Rückkehrer in ländliche Regionen holen wollen und ihnen gerade am Anfang umfassende Beratung bieten. Die Raumpioniere Oberlausitz berichten z. B. in einem Blog mit authentischen Geschichten über Menschen, die den Schritt aufs Land schon gewagt haben. Sie sollen anderen Menschen Mut machen, ebenfalls aufs Land zu ziehen wollen. Die Raumpioniere  Oberlausitz vermitteln Kontakte und bieten Netzwerkveranstaltungen. Die Servicestelle Heimat berät Interessierte zusätzlich zu Fragen rundum das Wohnen und Arbeiten im ländlichen Raum und organisiert auch Rückkehrertage.

Erfolgserprobte Kampagnen

Dank der Netzwerk- und Beratungsarbeit von Kreatives Sachen ist in dem östlichen Bundesland in den letzten Jahren viel passiert. Im Austausch mit Politik, Wirtschaftsförderung und Verwaltung wurden erfolgreiche Anschubprojekte initiiert, z. B. der Ideenwettbewerb simul+. Im Fokus stehen hier Ideen und innovative Konzepte, die den gemeinschaftlichen Zusammenhalt stärken und die Lebensbedingungen im ländlichen Raum im Freistaates Sachsen verbessern. Im November 2019 sind insgesamt 362 Beiträge eingegangen. Das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft vergibt Preise in Höhe von 5.000 Euro bis 400.000 Euro. „Dieser Wettbewerb ist für die Kreativen hervorragend geeignet, weil sie häufig an der Schnittstelle zwischen Wirtschaftsförderung, Kulturförderung, Regionalförderung agieren“, erklärt Muntschick. „ Mit dem Preisgeld können Kreative sofort loslegen, ohne komplizierte Instrumentarien berücksichtigen zu müssen. Für die Einzelakteure ist es immer ein ziemlicher hoher Aufwand neben ihrer eigentlichen Arbeit noch Förderanträge zu schreibe. Und da ist so ein Wettbewerb schon mal ein schönes Beispiel, dass es auch ohne viel Bürokratie geht… Bei den EU-LEADER-Programmen im Regionalmanagement werden meist nur investive Maßnahmen gefördert, Ideenkonzepte hingegen seltener oder in Anteilen. Wir arbeiten gemeinsam auch mit anderen Kreativverbänden daran, dies zu ändern. Denn soziale und geistige Innovationen sollten in Zukunft viel stärker in den Fokus gerückt werden.“

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Tourismus und Kreativwirtschaft

Ein weiteres überaus erfolgreiches Format ist der Ideenwettbewerb für Tourismus So geht sächsisch. Insgesamt 224 Vorschläge wurden hier 2019 eingereicht unter dem Motto: „Deine Idee für Deine Region“. Eine Jury aus Vertretern des Landestourismusverbandes Sachsen e.V., von KREATIVES SACHSEN, von der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen, der Sächsischen Staatskanzlei, dem ADAC Sachsen und dem Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft Arbeit und Verkehr hat daraus 30 Vorschläge ausgewählt und die Ideengeber zu drei regional stattfindenden Ideenwerkstätten eingeladen. Aus diesen Ideen wiederum wählte die Jury die sieben besten Konzepte aus und prämierte sie mit Preisgeldern der Sächsischen Staatskanzlei in Höhe von 50.000 Euro. Der ADAC Sachsen stiftete zusätzlich einen Sonderpreis in Höhe von 5.000 Euro. Die umgesetzten Ideen werden 2021 auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) „Partnerland Sachsen“ präsentiert.

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Standortfaktor Kreativwirtschaft

Verschiedene sächsische Städte, wie Görlitz und Moritzburg, sind immer wieder Kulisse für historische und moderne Filme und bieten so reizvolle Anziehungspunkte für Drehort- und Kulturtourismus. Sachsen trumpft auch mit einer lebendigen Festivalkultur, mit kultur- und kreativwirtschaftlichen Messen und vielfältigen Produkten, z. B. mit Kunsthandwerk und dem Musikinstrumentenbau. Für Claudia Muntschick sehen die Entwicklungen vielversprechend aus: „Egal ob in der Tourismuswirtschaft, der Automobilwirtschaft oder im Maschinenbau, alle brauchen in Zukunft Innovationsprozesse hinsichtlich ihrer Produkte und vor allem ihrer Unternehmensführung und der kollaborativen Zusammenarbeit. Da können wir Kreative viele Lösungen anbieten.“

Cross Innovation

Im Jahr 2020 wird KREATIVES SACHSEN das Thema Cross Innovation besonders in den Fokus rücken. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass durch Kooperationen, Wissens-Transfers und besondere Austausch- und Vermittlungsformate bereits viele cross-innovative Projekte in Sachsen entstanden sind. Der Koalitionsvertrag für den Freistaat Sachsen sieht für die Jahre 2019-24 folgendes vor: „Wir wollen das Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft in Abstimmung mit den regionalen Branchenverbänden auch zu einem Kompetenzzentrum für Cross Innovation  als Begleiter des Strukturwandels und als sektorenübergreifenden Treiber für die Digitalisierung strukturell ausbauen, weiterentwickeln und langfristig fördern.“

PODCAST

 
Ideen und Alternativen für Theater, Kino, Kunst und Musik in (post-)Corona-Zeiten

Ideen und Alternativen für Theater, Kino, Kunst und Musik in (post-)Corona-Zeiten

  © 1to1Concerts (c) LotteDibbern

Corona hat den Kulturbetrieb und die Kulturwelt in ihren Grundfesten erschüttert: Theater, Clubs, Konzert-, Opern- und Veranstaltungshäuser wurden geschlossen. Musiker, Schauspieler, Sänger und Tänzer erhielten Auftritts- bzw. Tätigkeitsverbote und mit ihnen viele andere Berufsgruppen: GarderobierInnen, RequisiteurInnen, TicketkontrolleurInnen, BühnenarbeiterInnen, KulissenbauerInnen, Bühnen- und ShowtechnikerInnen, Ton-, Video, Bild- und LichttechnikerInnen, VermieterInnen von Veranstaltungsstätten, HausmeisterInnen von Veranstaltungsstätten, Reinigungsdienste, PlakatiererInnen, Securitypersonal, ZuliefererInnen für Bühnentechnik, MitarbeiterInnen in der Veranstaltungsgastronomie, Ticketbüros, KünstlermanagerInnen.

Die Zukunft ist ungewiss. Neue Corona-Wellen können die Berufsausübung von Kreativschaffenden und ihren Ermöglichern im Umfeld immer wieder einschränken. Kreative Ideen für einen hygienekonformen Kulturbetrieb sind gefragt und Strategien im Umgang mit pandemiebedingten Auflagen. Lasst Euch von diesen Beispielen inspirieren! 

Auf Sicht fahren

Spielstätten, Konzert- und Theaterhäuser können derzeit wegen Corona kaum planen. Schauspieler, Comedians, Tänzer, Musiker, Dramaturgen, Regisseure und Kinobetreiber bewegen viele Ideen in ihren Köpfen und im Herzen, wie kulturelle Angebote mit Corona-Abstandsregeln überhaupt möglich sind. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Vieles ist gar nicht so neu. Was daran liegt, dass Theater-Akteure schon immer kreativ, flexibel und innovativ auf äußere Umstände reagiert haben – genau wie andere Kunst- und Kultursparten und die gesamte Kreativbranche auch. Ältere Konzepte werden wiederentdeckt, neue kommen hinzu.

 © Kulturspielhaus Rumeln in Duisburg

Renaissance für den öffentlichen Raum

Abstandsregeln gelten sowohl in geschlossenen Räumen als auch im Außenbereich. Doch im Freien ist die Ansteckungsgefahr für Covid-19 wesentlich geringer als in geschlossenen Räumen. Der öffentliche Raum erlebt daher gerade eine längst überfällige Aufwertung – sowohl in der Stadt als auch im ländlichen Raum! Viele Akteure der Kultur- und Kreativbranche haben daher Aufführungskonzepte für den open air-Bereich entwickelt – sowohl in der Stadt als auch im ländlichen Raum!

Ganz neu ist sind kulturelle Darbietungen an frischer Luft natürlich nicht. Schon in der Antike waren Theateraufführungen in Amphitheatern beliebt, später dann im höfischen und bürgerlichen Umfeld in Parks und an öffentlichen Plätzen. Corona hat das Theater an die Orte in freier Natur zurückgeholt. Fußgängerzonen, Marktplätze, verkehrsbefreite Straßen und Stadien wurden in diesem Sommer zu neuen Spielwiesen für Künstler und Kreative, für Musiker, Schauspieler, Kabarettisten, Tänzer und Kleinkünstler.

Musikfest-Trecker 

Die Orientierung in den öffentlichen Raum hat einen positiven Nebeneffekt. Kultur und Kunst verlassen ihre etablierten Bereiche und wenden sich dadurch auch neuen Zielgruppen zu, die sie normalerweise nicht erreichen. Das Schleswig-Holstein Musik Festival war mit seinen die »Musikfesten auf dem Lande« naturgemäß schon immer im ländlichen Raum. Doch häufig reiste ein Publikum aus großstädtischen Ballungsräumen an, um die Konzerte in Gutshöfen und Scheunen zu erleben. Im Coronasommer kam die Musik nun direkt zu den Dorfbewohnern. Ein ländlich-nostalgisch geschmückter SHMF-Musikfest-Trecker brachte die Klänge zu Menschen in Schleswig-Holstein, die normalerweise nicht zu Konzertgängern gehören. Der Anhänger wurde zum mobilen Podium verwandelt, das in Gemeinden, Dörfern und Städten Station machte und kurze Ständchen gab – auf Marktplätzen und Promenaden, vor Senioren- und Pflegeheimen sowie vor Krankenhäusern. Mit dabei waren die Künstler vom Duo Aliada, Die Couchies, Well Trio, Giovanni Weiss & Sandro Roy mit Band sowie Helene Blum & Harald Haugaard Band. Ein echter „Sommer der Möglichkeiten“.

 © SHMF, Musikfest-Trecker in Dithmarschen: Trio Well

Singende Menschen in geschlossenen Räumen erzeugen viel Aerosol, wie wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben (Charité Berlin / LMU München). Daher haben viele Gesangsensembles anfangs den digitalen Austausch per Webmeeting gesucht und die Ergebnisse aufgezeichnet, wie z. B. der Chor MixTape Rostock mit der Quarantäne-Version „Dreaming of You“ von The Coral.

Singen an frischer Luft

Fernproben im virtuellen Raum können das persönliche Miteinander jedoch nur bedingt ersetzen. Viele Sänger und Chöre treffen sich daher im Sommer 2020 alternativ im Freien – auch dort natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln. Sowohl bei Laienchören als auch in professionellen Gesangsensembles sprechen sich die verschiedenen Möglichkeiten rasch herum: in Stadien und Parkhäusern, in Parks und auf der Wiese, auf Schulhöfen und zwischen Häuserblocks. Auch Wandern und Singen wird zu einer Option. Passendes Repertoire hat u. a. Felix Mendelssohn Bartholdy komponiert: seine jeweils sechs „Lieder im Freien zu singen“ op, 41, op. 48 und 59.  Schon immer beliebt war das gemeinsame Singen am Strand, in diesem Jahr lauschen die Zuhörer im Strandkorb oder im Schiff. Mit Bootskulttour brachte Heiligenhafen-Touristik im Spätsommer maritime Kultur aufs Schiff, die MS SEHO, u. a. mit der Kaperfahrt mit den Coverpiraten und den Comedians Benni Stark und Berhane².

© SHMF, Strandkorbkonzert Axel Nickolaus 2

Widersprüchliche Regelungen

Die unterschiedlichen Abstandsregeln in verschiedenen Bereichen unseres Alltags allerdings sind nicht immer klar nachzuvollziehen. Während Flugzeuge ab Juni 2020 wieder voll besetzt mit mundschutztragenden Passagieren abheben dürfen, sind die Abstandsregeln in Wirtshäuser schon etwas weiter gesetzt. Besonders streng jedoch gelten sie für die Kultur – in Theatern, Konzert- und Opernhäusern und vielen anderen Veranstaltungsräumen und Spielstätten. Für einen direkten Vergleich hat die österreichische Kulturinitiative Kulturretten.org maßstabgetreu einen Veranstaltungssaal, einen Gastronomiebetrieb und einen Airbus A 320 visuell nebeneinander gesetzt. Die anschauliche Grafik lässt die Kulturschaffenden ratlos zurück…

 

 © Kulturretten.org

Wiederentdeckte und neue Ideen für das Theater

Welche Alternativen gibt es also zu Theateraufführungen in mager bestuhlten Räumen und zu betriebswirtschaftlich unrentablen Aufführungen? Mit welchen kreativen und innovativen Ideen können Kulturschaffende den Corona-Beschränkungen begegnen?

  • Um den Wirren der Corona-Krise in Berlin zu entfliehen, brechen die beiden Schauspieler Sophie Maria Ammann und Alexander Altomirianos im Frühjahr 2020 ihre Zelte in der Hauptstadt ab und ziehen nach Kritzow / OT Benzin. Wie viele andere darstellende Künstler müssen auch sie sich mit Spielverboten bzw. -beschränkungen in geschlossenen Räumen arrangieren. Doch sie finden eine Lösung. Sie gründen das mobile TUR TUR Theater und erfinden das 2-Personen-Stück „Hans im Glück“, eine moderne Interpretation des Grimm’schen Märchens mit Pantomime- und Erklärelementen und vielen improvisierten Requisiten aus dem eigenen Hausstand. Das Stück soll vor allem benachteiligten Gruppen eine Auszeit vom Corona-Alltag bieten. Die beiden Schauspieler touren damit übers Land, spielen vor allem im Freien, auf Wiesen, Parkplätzen, vor Balkons, geben Aufführungen für Kinder, Senioren und Behinderte, die besonders von den Corona-Einschränkungen betroffen sind. Die selten gewordenen Live-Aufführungen werden vom Publikum sehr wertgeschätzt, wie z. B. beim Welziner Kultursommer. Unterstützt durch den Fonds für darstellende Künste „Global Village Ventures“ wollen Ammann und Altomirianos über den Winter ein neues Stück entwickeln.
  • Ein Montag ohne Party? Undenkbar! Deshalb erfanden Rostocker Studenten bereits vor 10 Jahren mit dem Montagsbalkon das Feiern am Wochenbeginn. 2018 belebte Wolfgang Schmiedt, Komponist, Produzent und Regisseur, das Konzept wieder. Seitdem findet der Montagsbalkon über dem Café Central in der Kröpeliner Tor Vorstadt (KTV) statt. Ab 21 Uhr können Schaulustige kleine Shows für 15 bis 20 Minuten erleben. In der Corona-Krise Ende März wurden sie zu besonders kostbaren Events. Ab Mai hatte der gesundheitliche Schutz Vorrang. Mit der „Aktion Aufatmen“ traten verschiedene Künstler*innen fortan unter freiem Himmel an unterschiedlichen Orten in Rostock auf.
  • Freiluft-Theater geht auf die griechisch-römische Antike zurück (z. B. Festival von Epidauros) und wird seit Jahren in Hamburg im „Römischen Garten“ an der Elbe vom Theater N. N. gespielt, auch in diesem Sommer.
  • Die gemeinnützige Theatergenossenschaft Traumschüff bespielt auf der mobilen Bühne eines Katamarans als schwimmendes Wandertheater gezielt den ländlichen Raum. Die Stücke kreisen inhaltlich um Blickwinkeln und Themen der jeweiligen Region. Das Publikum verfolgt das Geschehen in sicherem Abstand vom Ufer bzw. vom Deich aus: Spielplan
  • Theater im öffentlichen Raum in Stadt und Land mit Schnittstellen zwischen Kunst- und Lebenswelten, Lokstoff! Theater im öffentlichen Raum e.V. Stuttgart spielt z. B. im Einrichtungshaus behr LESSHOME: Wohnst Du noch oder teilst Du schon?
  • Stationen-Theater hat die Theatergruppe Rimini Protokoll erprobt: Bei einer simulierten Welt-Klimakonferenz wandern kleinere Besuchergruppen zwischen verschiedenen Orten und werden an lebensecht mit Eis und Wüste inszenierten Stationen von echten Wissenschaftlern über den Klimawandel informiert. Lässt sich vielleicht in leerstehenden Fabrikhallen oder in weitläufigen Museen realisieren. 
  • Autokino-Theater, gab es z. B. 2016 vom Staatstheater Stuttgart vor den Toren der Stadt in Kornwestheim mit Stadion der Weltjugend von René Pollesch. Gezeigt wurde live gespieltes Theater, live gefilmt und für alle sichtbar auf die riesige Bildwand des Autokinos live übertragen. 
  • Drive-in-Theater, gab es gerade als Reaktion auf Corona vom Deutschen Theater in Göttingen: Antje Thomas verlegt Die Methode nach dem Stück »Corpus Delicti« von Juli Zeh in eiine Tiefgarage, die Zuschauer passieren verschiedene Spielstationen in ihrem Auto: Film
  • Theater als Audiospaziergang: das Theater Oberhausen geht akustisch in die Stadt, Regisseurin Paulina Neukampf und Dramaturgin Romi Domkowsky haben Elfride Jelineks Prinzessinnendramen als Audio-Spaziergänge inszeniert – mit berührenden Reflexions- und Anknüpfungspunkten an die aktuelle Corona-Krise. Das Publikum stromert in Zweierteams durch die Stadt.
  • Improvisationstheater als Online-Seminar: Die Impro-Schule Clamotta aus Köln bietet coronabedingt Online-Kurse an. Den Teilnehmer*innen bietet sich ein lockerer und gelöster Einstieg, um Herausforderungen und Probleme mit spielerischem Ansatz zu lösen. Corinna Armbruster, Coach und Impro-Trainerin: „Man kann ja dennoch die Ideen des anderen aufnehmen und eine Geschichte entwickeln und die Kreativität des anderen spüren und aufnehmen und so etwas gemeinsam erleben, wenn man zusammen vor dem Computer sitzt.“
  • Aufführungen in Sportstadien im Sommer 2020 geplant von Matthias Lilienthal – Münchner Kammerspiele – im alten Olympiastadion in München vor etwa 650 Zuschauern
  • über die vielfältigen Möglichkeiten des Museumstheaters hat Ursula Pinner-Antoni eine Abschlussarbeit im Rahmen ihrer Vollzeitausbildung zur Theaterpädagogin geschrieben,  z. B. Galerie-Theater mit dem Ensemble der Theaterwerkstatt Heidelberg in der Ausstellung „Zwischen Burg, Stadt und Kathedrale. Leben im Mittelalter“ im Badischen Landesmuseum 2006
  • Theater-Tausch: kleine Theater spielen an in größeren Häusern, z. B. im Gespräch: Theater am Kurfürstendamm spielt im Schauspielhaus Berlin (hier bei Deutschlandfunk Kultur erwähnt); über weitere Beispiele für „Theater unter Corona-Auflagen“ haben Susanne Burkhardt und Elena Philipp mit der Theaterkritikerin Cornelia Fiedler und dem Schauspieler Martin Wuttke gesprochen. Wuttke sagt: „Vielleicht führt das irgendwann dazu – wenn man alle möglichen Erfindungen im öffentlicher Raum oder andere Umgangsformen mit Theater entwickelt hat – dass man mit besonderer Lust irgendwann in die Theater zurückkehrt.“
  • „Wenn die Menschen nicht ins Theater können, muss das Theater eben zu den Menschen. Ins Neubaugebiet und zwar mit großem Tadaa!“ Der Taupunkt e. V. in Chemnitz fördert künstlerische und theaterpädagogische Projekte in theatralen, öffentlichen und sozialen Räumen. Von der Off Bühne Chemnitz-Komplex werden z. B. Neubaublöcke von der Wiese aus bespielt. Zuschauer schauen von eigenen Balkone und Fenster zu. So findet „hygienisches Theater“ für ein Publikum statt, das sonst vermutlich nie ins Theater kommen würde, z. B. sozial Benachteiligte, Flüchtlinge.   
  • Das Theater „Markant“ im niederländischen Uden und das Raumgestaltungsunternehmen „Tausch“ haben gemeinsam eine Corona-Wiedereinstiegsstrategie in Form eines Covid-19-Protokolls für größere Theater entwickelt. „Es umfasst etwa dreißig Maßnahmen zur Risikokontrolle und Kontaminationsvermeidung. Die Methode wurde vom renommierten Prüfinstitut TÜV Nederland auf Machbarkeit und Risiken getestet. Der TÜV Nederland stellt ein Zertifikat aus, wenn ein Theater die Kontrollmaßnahmen zur Verhinderung einer weiteren Verbreitung des Virus nachweislich umsetzen kann. Simuliert werden die Maßnahmen über eine 3D-Animation. Cristian Brander von Tausch sagt: „Die Theater sind geräumig und daher in Bezug auf Umgebung und Kapazität extrem kontrollierbar.“
  • Originelle, hygienische Idee aus Wien: Theater in der Peepshow. Der Wiener Kultursalon Guckloch plant coronakonforme Aufführungen auf einem Podest mit Drehbühne. Musiker*innen, Kabarettist*innen, Schauspieler*innen und Autor*innen sollen das „Kultur-Laufhaus“ einen Abend lang unplugged bespielen. Nach 15 Minuten wechselt das Publikum. Der Kreis ist exklusiv: Maximal 18 Personen dürfen die intimen Performances erleben. Preisempfehlung der Künster*innen: Peepshow-Preise – pro Minute 1 Euro. Ein Teil der Einnahmen wird an Vereine zur Unterstützung von Sexarbeiter*innen gespendet. Den Rest – abzüglich sehr geringer Fixkosten – bekommen die Künstler*innen.
  • Theaterspielen in Plexiglaskabinen, 2016 von Bühnenbildnerin Irina Schicketanz für die Nibelungenfestspiele entwickelt von der Röhm GmbH für „Gold – Der Film der Nibelungen“ – Innovationstransfer: Das Spiel in Plexiglas-Kabinen bzw. vor transparenten Plexiglasscheiben ist übrigens schon lange im Musikbereich verbreitet, z. B. als Segment-Panels verbreitet bei Musikbands, im Theater, Musical und bei Sinfonieorchestern, um den Direktschall zu mindern, z. B. um Streicher und Blechbläser akustisch voneinander abzuschirmen oder auch Schlagzeuger, wie der u. a. Film mit dem Drummer Mike Terrana zeigt.

Kino

Die digitale Plattform #zurückinskino sammelt Ideen von Kinomacher*innen und Fans für das Kino in Coronazeiten und darüber hinaus. Es geht um gegenseitige Hilfe und um den Austausch von strategischen und kreativen Maßnahmen für Kinobetriebe, von Fassadenkino über virtuelle Geistervorstellungen  via Social Media bis zu Gutscheinlieferungen. 

An vielen Orten ist das Autokino wiederauferstanden bzw. wurde vielerorts wiederbelebt. In Abwandlung fanden vereinzelt auch Musik- und Theateraufführungen im Freien statt, quasi als „dive-in“. Das Publikum saß mit Abstand hygienekonform im eigenen Auto.

Hygienekonformes Catering

Beim diesjährigen Windros-Festival im Freilichtmuseum Schwerin-Mueß gab es gewohnt viel Folkmusik aus Mecklenburg-Vorpommern, organisiert und kuratiert vom Zentrum für Traditionelle Musik am Freilichtmuseum. Coronabedingt durfte es leider weder Tänze noch Gesang geben, dafür aber neben Musik in Bauernkaten und Scheunen auch viele open air-Darbietungen auf der Wiese! Für das leibliche Wohl hatten Veranstalter einen besonderen hygienekonformen Plan ausgetüftelt: Getränke und Snacks wurden per Bollerwagen auf der Dorfstraße gereicht.

Kunst im Industriedenkmal

Der Künstler Ian Wiskow, eigentlich in Stralsund ansässig, möchte den Kunst- und Kulturtourismus in MV auch in Corona-Zeiten beleben und schickt mit ARTmv regionale Kunst auf Reisen. Für vier Wochen im August/September 2020 richtet Wiskow den DESIGN. markt. benzin aus, eine Plattform für das Kunsthandwerk mit Keramik, Glas, Schmuck und Metall. Einmalige Kulisse bietet dabei die historische Ziegelei Benzin, denn das alte Industriedenkmal wurde als Museum und Ausstellungsfläche umgenutzt. Fast 100 Jahre bis zur Wende wurden hier jährlich 1 Million Ziegel gebrannt. Der spektakuläre 60 Meter lange Ringofen für die Serienproduktion ist das Zentrum der kreativen Begegnung werden. 2021 soll ART-MV an mehreren wechselnden Orten stattfinden.

Digitale Projekte in der Kunst

Der Künstlers Manuel Rossner hat für die Galerie König ein jump’n’run Spiel entwickelt, mit dem man durch die Berliner Galerie von Johann König laufen und  auf Tuchfühlung mit den Kunstwerken gehen bzw. sie bewegen kann. Zu sehen sind digitale Skulpturen und Malerei. Der Nutzer durchwandert mit einem weißen Avatar über eine einfache Bildschirmsteuerung die virtuelle Galerie (Film Artmagazin). Sie ist ein Fantasieraum, den es in der realen Welt nicht gibt. Die App ist derzeit nur im –> Apple App-Store erhältlich, die Version für Android soll in Kürze folgen.

Die Kunstsammlerin Julia Stoschek hat ihre Medienkunstwerke ins Netz gestellt. Bisher sind über 63 film- und videobasierte Werke von 21 Künstlern in voller Länge abrufbar. Insgesamt umfasst die JS-Collection 860 Werke von 282 Künstlern. 

Mit der T-Shirt-Aktion systemrelevant sollen Künstler*innen  unterstützt werden.  Die Hälfte des Erlöses (10 €) geht an die Kunstnothilfe Elinor. Die T-Shirts sind laut Hersteller fair gehandelt: „Wir bedrucken zertifizierte T-Shirts aus 100% Bio-Baumwolle. Jedes Shirt wird auf Bestellung in Deutschland bedruckt.“

AUFRUF: Schickt mir gerne weitere Beispiele für kreative Ideen, um Probleme und Herausforderungen der Corona-Krise zu meistern: kreativ@MassivKreativ.de  

  © Notenmaske, genäht von Sabine Ringel

Plan B für die Musik

Auftritte in Clubs scheinen bislang undenkbar, ebenso in großen Hallen und open-air-Konzerten, wo die Fans dicht gedrängt ihren Musikhelden zujubeln. Stadien anzumieten und nur zu einem Zehntel zu besetzen, können sich wenige Band vorstellen, auch aus atmosphärischen Gründen nicht. Die meisten wollen verständlicherweise lieber kleine Clubs unterstützen, wie Henning May von der Band „AnnenMayKantereit“ im Web-Chat erklärt: Wie übersteht der Kulturbetrieb die Corona-Krise. Einige Bands haben sich geschlossene Boxen bauen lassen, um ein corona-sicheres Live-Streaming zu ermöglichen. Doch die Trinkgeld-Spenden der Fans können normale Auftrittsgagen nicht ersetzen.

Der Hamburger Pianist Alexander Krichel gab das vielleicht erste Klassikkonzert im Autokino in Iserlohn und spielte Klaviermusik von Beethoven und Liszt. Wie im Autokino üblich wurde die Musik auf einer UKW-Frequenz in die Autos übertragen. Anstelle von Applaus gab es vom Publikum ein lautes Hupen. 

  © 1to1Concerts (c) LotteDibbern

Für Musiker ist die Nähe zum Publikum essenziell, Basis für das gemeinsame Geben und Nehmen. Die Initiative 1to1concerts möchte reale, besonders persönliche Konzerterlebnisse schaffen und dabei dennoch alle geltenden Corona-Schutzmaßnahmen berücksichtigen. Die Idee: 1:1-Begegnungen zwischen Hörer*innen und Musiker*innen, sie dauern etwa 10 Minuten. „Ein eröffnender  Blickkontakt ist der Impuls für ein sehr persönliches Konzert – eine ungewöhnliche, aber für beide Seiten intensive Erfahrung, die Nähe trotz Distanz ermöglicht.“ Wer spielt, welches Instrument und welches Stück man erlebt, bleibt eine Überraschung. Die Spielorte (Beispiele in Berlin) sind vielfältig und erobern durchaus ungewöhnliche Terrains, z. B.  eine leerstehende Fabrikhalle, eine Kunstgalerie, einen ruhigen Hinterhof oder einen Schrebergarten. Private Gastgeber*innen sollen ihre Konzertorte zur Verfügung stellen. Das Konzept wurde bereits 2019 für das thüringische Kammermusikfestival Sommerkonzerte Kloster Volkenroda entwickelt und hat die Hörer*innen tief berührt.

Zum Honorar: „Weder die Künstler*innen noch die Gastgeber*innen erhalten für dieses Projekt eine Gage. Wir bitten Sie allerdings, nach dem Konzert freiwillig eine Spende für den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung zu entrichten. Mit den Geldern werden Musiker*innen und Sänger*innen unterstützt, die durch die coronabedingte Absage aller Konzerte und Aufführungen ihre Einkünfte verloren haben und existentiell bedroht sind. So sorgen Sie gleichzeitig für Ihren Musikgenuss in der Zeit nach der Quarantäne- und Abstandszeit.“

Das kulturelle 1:1-Erlebnis geht auf eine Idee von Thomas Franke zurück, der Mitte der 1990er Jahre mit dem Monolog „Das Modell“ (Theaterstück nach H. P. Lovecrafts Erzählung „Pickmans Modell“) bundesweit für Aufmerksamkeit sorgte. 2001 wurde „Das Modell“ auch für den deutsch-französischen Kultursender arte mit Thomas Franke verfilmt.

Auftritte und Flashmobs im öffentlichen Raum, Garten-, Treppen- und Balkonkonzerte sind in Corona-Zeiten sinnvolle Alternativen zu normalen Konzertsälen. Mit einem „Konjunkturprogramm Kultur“ könnten Bund und Länder all diese open-air-Formate finanziell ermöglichen, so bräuchte auch das Publikum trotz Corona auf kulturelle Angebote nicht verzichten.   

Spendenaktionen sollen in Not geratene Musiker*innen unterstützen, z. B. das Nicht-Festival: Keiner kommt – Alle machen mit! Die Solidaritätsaktion hat sich der Hamburger Lars Meier, Vorstand von MenscHHamburg e.V., ausgedacht. Ihm geht es vor allem um den Erhalt der Subkultur – darum, die Vielfalt der Hamburger Kulturszene zu bewahren. Es können auch Kunstwerke ersteigert werden. Das Clubkombinat sammelt ebenfalls Spendengelder mit der Kampagne Save Our Sounds,  bis 14. Mai kamen rund 175.000 Euro zusammen. 

Weitere Beispiele für coronabedingte Ideen und Lösungen in der Veranstaltungs- sowie Kultur- und Kreativbranche: HIER

Tanz

Feste tanzen MV – dazu hatte im Sommer die Fachstelle Tanz in ganz MV aufgerufen. Es entstand ein rauschendes Fest der kollektiven Bewegung an verschiedenen Orten – u. a. in Wismar, Neustrelitz, Putbus, Rostock und Stralsund. Aus Mitschnitten entsteht ein Film von allen Tanzaktionen. In Neustrelitz gingen junge Nachwuchstalente vom Tanzhaus der dortigen Deutschen Tanzkompanie auf die Straße. Sie überraschten mit einer Art Flashmob, einer spontanen Tanzeinlage an verschiedenen Orten: auf dem Markt, am Glambecker See und auf dem Hof der Tanzkompanie. Zu erleben waren HipHop- und ein Menuett in barocken Kostümen.

Singen an frischer Luft

Das digitale Miteinander kann Liveproben jedoch nur bedingt ersetzen. Viele Sänger und Chöre proben daher alternativ im Freien – auch dort natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln. Sowohl bei Laienchören als auch in professionellen Gesangsensembles sprechen sich die verschiedenen Möglichkeiten rasch herum: in Stadien und Parkhäusern, in Parks und auf der Wiese, auf Schulhöfen und zwischen Häuserblocks. Auch Wandern und Singen wird zu einer Option, das gemeinsame Singen in den Dünen oder am Strand, während die Zuhörer im Strandkorb sitzen. Mit Bootskulttour brachte Heiligenhafen-Touristik im Spätsommer maritime Kultur aufs Schiff, die MS SEHO, u. a. mit der Kaperfahrt mit den Coverpiraten und den Comedians Benni Stark und Berhane².

Wissenschaftler messen Aerosolausstoß

Die Bamberger Symphoniker haben Anfang Mai 2020 Luftströmungsmessungen bei Bläsern und Sängern durchführen lassen, um das Risiko einer Coronavirus-Infektion besser einschätzen zu können. Die Untersuchung fand mit dem Büro Tintschl BioENergie- und Strömungstechnik, dem Freiburger Institut für Musikermedizin am Universitätsklinikum und der Hochschule für Musik Freiburg haben die Bamberger Symphoniker: „Als erstes Zwischenfazit lässt sich
jedoch festhalten, dass in 2 Metern Abstand von den Bläser*innen und Sänger*innen kein Unterschied zur normalen Luftströmung messbar war… Zusätzlich können Plexiglaswände aufgestellt werden, um das Risiko von Tröpfcheninfektionen durch Spuckepartikel bei der Korrepetition von Sänger*innen zu minimieren.“

Auch die Charité hatte am 4. Mai eine ausführliche Untersuchung mit dem Titel Beurteilung der Ansteckungsgefahr mit SARS-CoV-2-Viren beim Singen erstellt. Das Singen in Chören und selbst Gesangsunterricht birgt nach heutigem Kenntnisstand (14. Mai 2020) einige Risiken, wie Medien berichten: NDRNZZ.  

Corona-Kulturstrukturfonds

Die Universitätsmedizin Halle (Saale) hat in der wissenschaftlichen Studie RESTART-19 das ausgehende Ansteckungsrisiko mit COVID-19 simuliert, das von Hallen-Großveranstaltungen ausgeht. Dazu wurde eine Konzertveranstaltung in drei verschiedenen Szenarien mit insgesamt 4000 Probanden in der QUARTERBACK Immobilien ARENA nachgestellt. 

 

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Maskenpflicht und Abstand: Was Corona für die Kultur- und Kreativbranche bedeutet

 © TV Boy

Ein unsichtbares Virus legt unsere Welt lahm. Was den meisten erst Wochen später bewusst wird, greift ein Künstler prophetisch in einem Street Art auf: Er verordnet der Mona Lisa einen Mundschutz. Wird die Maske Kunst und Kultur schützen? Oder wird sie deren Träger und Akteure ersticken? Beides ist zum jetzigen Zeitpunkt offen. Klar ist: Künstler sind gerade in Krisenzeiten Seismografen und Impulsgeber für den Wandel in unserer Gesellschaft.

Kunst als Corona-Seismograf

4. März 2020: Es ist der Tag, an dem Spanien seinen ersten Todesfall meldet – infolge von Corona bzw. Covid-19. Ich bin in Barcelona. An einer Hauswand der Plaça de Sant Jaume entdecke ich eine Adaption der Mona Lisa, ein Street Art mit Mundschutz und Mobiltelefon. Das Bild ist nicht mehr ganz vollständig, schon etwa 3 bis 4 Wochen alt. Viele halten inne, fotografieren und spüren wie ich ein indifferentes Unbehagen. Das Street Art Befindlichkeiten auf, die unbestimmt in der Luft liegen. Wenige Wochen später ist der Lock Down Realität und mit ihm die tiefen Einschnitte in unser soziales, gesellschaftliches, kulturelles und wirtschaftliches Leben. Der Mundschutz ist inzwischen zum Sinnbild der Corona-Krise geworden. Ein zweischneidiges Hilfsmittel: Einerseits schützt es uns vor dem Virus, andererseits schottet es uns vor unseren Mitmenschen ab. Unsere Mimik lässt sich nur noch erahnen.

 © MassivKreativ: genäht von Sabine Ringel

Mobile Word Congress

Schon seit Ende Januar 2020 sind maskierte Menschen in den Medien präsent, doch der tödliche Hot Spot in China scheint noch in sicherer Entfernung. Das wird sich bald ändern. Aus Furcht vor der Ausbreitung des Virus sagen die Organisatoren am 12. Februar in Barcelona die Mobilfunkmesse „Mobile Word Congress“ ab, schweren Herzens. Rund 100.000 Besucher und 2.800 Aussteller hatten sich angemeldet. Die Messe ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, jedes Jahr bringt sie zwischen 400 bis 500 Millionen Euro in die Stadt. Als große Unternehmen aus Japan und Deutschland ihre Teilnahme absagen, u. a. die Telekom, ziehen die Veranstalter die Reißleine.

World Mobile Virus

Nach anfänglicher Sorglosigkeit und Überzeugung, es handle sich um ein rein chinesisches Problem, war die Angst Woche für Woche gewachsen. Mitte Februar 2020 gibt der Street Art Künstler TV Boy ihr ein Gesicht: die Mona Lisa. Unter dem Eindruck der abgesagten Mobilfunkmesse nennt er sein Straßenwandbild World Mobile Virus und übt Kritik an unserem unersättlichen mobilen Lebensstil. Vor allem die inflationären Reisen helfen dem Virus bei seiner Verbreitung. In Deutschland erfolgt der Lock Down am 11. März abrupt. Von einem Tag auf den anderen ist alles anders, für jeden, aber besonders für die freiberuflichen bzw. selbständigen Kunst- und Kreativschaffenden. Ihnen wird ein Tätigkeitsverbot auferlegt. Musiker, Sänger, Schauspieler und viele andere (siehe letzter Absatz) trifft es sofort und besonders hart. Sämtliche Live-Veranstaltungen werden auf ungewisse Zeit ausgesetzt oder abgesagt. Für das eng verwobene Wirtschaftsgeflecht der Branche hat dies schwerwiegende Folgen.

 © MassivKreativ

Lock Down für Kunst und Kultur

Nicht nur die „Lebenskünstler“, die von der Hand in den Mund leben, stürzt der Lock Down in Not. Auch die kreative Mittelschicht muss erkennen, dass es rasch an die Existenz geht. Umso mehr, weil das von der Bundesregierung rasend schnell verkündete Hilfspaket mit 50 Milliarden Euro die meisten Selbstständigen und Freiberufler nicht erreicht. Aus dieser „Soforthilfe“ des Bundes (einmalig bis zu 9.000 € für drei Monate) dürfen z. B. nur Betriebskosten geltend gemacht werden, wie Mieten, Strom, Telefon und Leasing. Doch diese Ausgaben sind bei Freiberuflern eher gering, so dass diese Soforthilfe nur von wenigen Kreativen abgerufen und genutzt werden darf. 

 © MassivKreativ: kulturelle Leere

Immaterielle Betriebsmittel

Was Politik und Verwaltung noch immer vermittelt werden muss: Solo-Selbständige in der Kulturszene haben „spezielle“ Betriebsmittel – abseits von Maschinen, Autos, Gewerbebüros usw. Die Betriebsmittel von Kreativen sind immaterieller Art: es geht um den eigenen Kopf und den Körper, aus dem die kreativen Leistungen entstehen, z. B. Ideen, Entwürfe, Konzepte, die auf „handwerklichen“, künstlerisch-kreativen und spielerischen Fähigkeiten basieren und dem Publikum vielschichtige kulturelle Erlebnisse ermöglichen. Ohne Unterstützung und Investitionen in diese „immateriellen Betriebsmittel“ können Kreativschaffende weder existieren noch schöpferisch tätig werden.

 © Frida Kahlo-Motiv, genäht von Sabine Ringel

Das „Kapital“ von Solo-Selbständigen  

Anders als die Bundespolitiker verstehen die Vertreter in den Bundesländern die Lebensrealität der Selbständigen besser. Sie setzen sich dafür ein, dass aus der Soforthilfe des Bundes auch Lebenshaltungskosten gedeckt werden können, so z. B. Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann: „Es auf eine Sachkostenentschädigung zu begrenzen, erscheint mir nicht sinnvoll…Das Kapital der Soloselbständigen ist deren Arbeits- und Leistungsfähigkeit, also ihre physische Existenz, dass sie überhaupt da sind.“ (ab 1:01:17 NDR Info-Redezeit). Doch der Bund bleibt hart (Stand: 12.5.2020) und beschränkt die Soforthilfe weiterhin auf die Betriebskosten. Für Lebenshaltungskosten bieten einige wenige Bundesländer Pauschalsummen an (in Berlin 5.000 € und in NRW 2.000 €, allerdings sind die Töpfe nach wenigen Tagen aufgebraucht, viele gehen leer aus. Hamburg kann bis zuletzt 2.500 € auszahlen). Doch auch diese Summen reichen für die lange Phase des verordneten Tätigkeitsverbotes nicht aus.

Fazit zu den Hilfsprogrammen

Andreas Lutz, Vorsitzender vom Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. – VGSD – zieht am 10. Mai 2020 ein trübes Fazit zu den Corona-Soforthilfen, was ursprünglich von Politik und Verwaltung zugesagt und was davon (nicht) umgesetzt wurde: „Mein Urteil heute ist nicht ohne Bitterkeit: Ich sehe zentrale Versprechen – wie die auf den Verzicht der Vermögensprüfung – als gebrochen, selbst bei der Vergabe der Soforthilfe des Bundes hat der Staat ein unvorstellbares Maß an Rechtsunsicherheit geschaffen, so dass sich bis heute viele Betroffene nicht getraut haben, diese Hilfe zu beantragen. Statt die zum Schutz der Gesamtbevölkerung entstandenen Schäden solidarisch zu teilen, wurden die Selbstständigen damit weitgehend allein gelassen. Statt eines kraftvollen Signals, den von der Krise am meisten Betroffenen unbürokratisch zu helfen, bleibt bei uns der Eindruck, Erwerbstätige dritter Klasse zu sein, für die gut genug ist, was man Angestellten nicht zumuten möchte.“ (Quelle VGSD)

 © Kreative Deutschland

Künstler in Hartz IV abgedrängt

Die Bundespolitik verweist für die Sicherung des Existenzminimums auf das Jobcenter. Doch auch hier gibt es Hürden, insbesondere für den kreativen Mittelstand, der die guten Einkommensjahre verantwortungsbewusst zur Vorsorge genutzt hat. Das zum Sozialschutzpaket umgemünzte „Hartz IV“ können die meisten nicht in Anspruch nehmen, weil die mühsam angesparten Rücklagen für die Altersvorsorge (wenn sie in Aktien oder Bargeld investiert wurden und über 60.000 € bzw. bei Partnerschaften / „Bedarfsgemeinschaften“ über 90.000 € liegen ) erst aufgebraucht werden müssen (Mehr Infos zur Untauglichkeit des Corona-Sozialschutzpaketes für Kreativschaffende).

 © sumanley, Pixabay

Petitionen

Unter Kreativen regt sich starker Unmut, als klar wird, dass die entgangenen Honorare nicht mal ansatzweise ersetzt bzw. kompensiert werden. Sechs Petitionen machen die Runde, in denen Kreative und andere Selbständige wirksamere Soforthilfen fordern bzw. alternativ das Bedingungslose Grundeinkommen. Fast 1 Million Menschen unterzeichnen die Petitionen. Die openpetition des Sächsischen Countertenors David Erler trifft den Nerv vieler Kreativschaffender. Bis Mitte Mai 2020 unterzeichnen knapp 300.000 Menschen seinen Aufruf „Hilfen für Freiberufler und Künstler während des Corona-Shutdowns“. Visuell begleitet wird die Kampagne von der Mona Lisa mit Mundschutz, inspiriert von TV Boy nun in abgewandelter Form als Montage des Originals von Leonardo da Vinci unter dem Namen „sumanley“. Das Bild erscheint inzwischen wie eine Anklage. Mit dem von der Politik angepriesenen „Sozialschutzpaket“ (ALG2/Hartz IV) wollen sich die Kreativen nicht abspeisen lassen und dem eigenen Erstickungstod nicht untätig zusehen. In den sozialen Netzwerken erklären sie der Politik wieder und wieder, warum ALG2 nicht zu den Lebens- und Arbeitsrealitäten von Kreativschaffenden passt. Einer Initiative gelingt als ePetition Grundeinkommen 108191 mit über 176.000 Stimmen sogar der Einzug in den Deutschen Bundestag, wo nun in Kürze über das Grundeinkommen diskutiert werden muss.

 © genäht von Sabine Ringel

Corona als Lackmustest für Defizite

Covid-19 stellt gerade vieles in unserer Gesellschaft in Frage, vor allem unser Verhältnis zur Umwelt und unsere bisherige Wirtschaft. Die Corona-Krise fördert Mängel zutage, die schon lange vor Beginn der Pandemie hätten diskutiert werden müssen. Auch in der Kultur- und Kreativbranche gibt es Defizite. Sie zeigen sich in den oft prekären Arbeits- und Einkommensverhältnissen, in den exzessiven Reisen durch häufig wechselnde Auftrittsorte, in übermäßigem Energieverbrauch beim Gaming, Streaming und an Filmsets, Müll bei großen Musikfestivals, in umweltschädlichem Material sowie zu hohem Wasser- und Papierverbrauch im Industriedesign, im Messe-, Theater, Bühnenbau und in der Kunstproduktion u.a.m. (siehe auch Kultur Öko-Test). Andererseits vermag gerade die Kunst auf vielfältige Weise, uns auf Defizite aufmerksam zu machen und unser Handeln zu hinterfragen. Ein Widerspruch? Oder liegt im Zweifeln und Infragestellen gerade ihre große Kraft?

 © StephenKing April 3, 2020 

Kreativschaffende als Vordenker in der Corona-Krise

Kultur ist der Resonanzkörper für unsere Gesellschaft. Wir brauchen im Leben Widerhall und Reflexion, Zustimmung und Widerspruch, Horizontwechsel und Perspektiverweiterung. Das alles ist ohne Kunst und Kultur undenkbar! Künstler und Kreative sind Sinnstifter, Trostspender, Vordenker und Hoffnungsträger, besonders in Krisenzeiten. Musik und Filme, Bücher und Hörbücher, Tanz und Theater, Kunstwerke und Medien – all das hat immer, aber umso mehr in Quarantäne-Zeiten einen ganz besonderen Wert und sorgt sozusagen für „antivirale Effekte“, wie der Autor Stephen King am 3. April auf seinem Twitter-Account mit Nachdruck anmerkt (siehe Abbildung oben). Kunst und Kultur sind demokratierelevant und für die Gedankenhygiene überlebensnotwendig, um zuversichtlich und resilient zu bleiben.

Carsten Brosda beschreibt es so: Kultur zeigt „die Dimension des Sinns unserer Gesellschaft und unseres Zusammenlebens … Ich nehme eine unfassbare Leidenschaft von vielen Menschen im kulturellen Leben wahr und glaube auch, dass dieses Erleben des Verlustes (von Kultur durch Corona) ein Bewusstsein schaffen kann, das uns dabei hilft, dass wir in der Zeit danach die Verfügbarkeit von Kunst nicht so selbstverständlich erachten, wie wir es vielleicht vorher getan haben. Und damit auch nicht so nachlässig mit ihr umgehen. Sondern stärker ins Bewusstsein rufen, dass es eine gesellschaftliche Verantwortung ist, die Rahmenbedingungen für die Freiheit von Kunst und Kulturproduktion tatsächlich dauerhaft zu gewährleisten.“ (Quelle: DLF Kultur, Audioskript)

 © Kreative Deutschland

Agiles, kreatives und leidenschaftliches Handeln in der Corona-Krise

Obwohl viele Kreative um das eigene Überleben kämpfen, richten sie ihre Aufmerksamkeit sofort auf Problemstellungen der Corona-Krise und suchen nach Lösungsansätzen. Hier einige großartige Beispiele:

  • Kreative im sächsischen Augustusburg im Erzgebirge (ab 6:00) beraten in Bürger zum Thema Digitalisierung und entwickeln im Auftrag des Bürgermeisters eine Stadt-App für den Informationsaustausch – Deutschland.
  • Abwrackprämien für Websites statt für Autos (siehe oben): Der Bundesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft „Kreative Deutschland“ entwickelt eine Slogan-Kampagne. „Wir sind überzeugt: wir brauchen jetzt neue Rezepte.“ Die Kreativbranche hat viele Ideen, wie es besser geht und möchte sie zusammen mit Unternehmen, Verbänden, Politik, Verwaltung, Stiftungen, Bildung und Zivilgesellschaft realisieren.   
  • Das Theater „Markant“ im niederländischen Uden und das Raumgestaltungsunternehmen „Tausch“ haben gemeinsam eine Corona-Wiedereinstiegsstrategie in Form eines Covid-19-Protokolls für größere Theater entwickelt. Damit könnten größere Theater eine Auslastung bis zu 70 % erreichen. „Es umfasst etwa dreißig Maßnahmen zur Risikokontrolle und Kontaminationsvermeidung. Die Methode wurde vom renommierten Prüfinstitut TÜV Nederland auf Machbarkeit und Risiken getestet. Der TÜV Nederland stellt ein Zertifikat aus, wenn ein Theater die Kontrollmaßnahmen zur Verhinderung einer weiteren Verbreitung des Virus nachweislich umsetzen kann. Die beigefügte 3D-Animation zeigt einen vom TÜV Niederlande zertifizierten Plan.“
  • Prominente StreetArt-Künstler*innen in Kalifornien lassen ihre Motive auf T-Shirts drucken. Die Erlöse gehen an notleidende Künstler*innen und an Obdachlose:   Auch in Deutschland können Künstler*innen durch den Kauf von T-Shirts unterstützt werden. Die Hälfte des Erlöses (10 €) geht an die Kunstnothilfe Elinor. Die T-Shirts sind laut Hersteller fair gehandelt: „Wir bedrucken zertifizierte T-Shirts aus 100% Bio-Baumwolle. Jedes Shirt wird auf Bestellung in Deutschland bedruckt.“ Hier bestellen
  • DULSBERG LATE NIGHT: Um mit seinen Schüler*innen während der Schulschließung verbunden zu sein und ihnen einen persönlichen Ankerpunkt zu geben, „erfindet“ der Hamburger Schulleiter Björn Lengwenus eine allabendliche youtube-Show. Sechs Wochen vom 23.3.-4.5.2020 steht jeder Abend unter einem anderen Motto. Die Sendungen werden immer kreativer und bunter. Mit viel Spaß und Leidenschaft bringen sich die Schüler*innen selbst ein – mit Ideen, Texten, Bildern, Fotos, Handyclips und Filmbeiträgen. In Live-Telefonaten erzählen sie aus ihren Kinder- und Jugendzimmern, wie ihr Tag verlief, von ihren Sorgen, Ängsten und Problemen, von ihren Freuden und Erfolgen, natürlich auch über das digitale Homeschooling. Es gibt eingespielte Grüße und Statements über Videobotschaften aus anderen Städten und aus aller Welt. Als „Show- und Headmaster“ wird Schulleiter Lengwenus von den Filmemachern Ole Schwarz, Martin D`Costa und Matthias Vogel der Kulturagenten Hamburg unterstützt. Dank ihrer Hilfe gibt es auch Filmberichte aus dem Stadtteil Dulsberg, mit dem die Schule immer in einem engen Austausch ist, mit den Bewohner*innen, mit Kultur- und Freizeitorten, mit Sportclubs, mit Unternehmen und anderen Institutionen. Genau so sieht es Björn Lengwenus: „Schule besteht nicht nur aus blankem Lernen!“ – sondern aus vielfältigen Lebens- und Alltagserfahrungen, aus Begegnungen, Gesprächen, Mitmenschen und ganz viel Kultur. Die Schule lebt vor, wie Schule sein sollte: ein Ort des lebendigen Lebens, der Teilhabe, der Wertschätzung, der Solidarität. Die Schule Alter Teichweg wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. von der Hamburger Handelskammer als „Beste Ganztagsschule Hamburgs“ und mit dem Hamburger Bildungspreis für das Projekt Filmfabrik Dulsberg. An der Schule lernen auch fast 300 Schüler*innen der angegliederten Eliteschule des Sports.
  • AFRIKA, Simbabwe: Künstler unterschiedlichster Sparten präsentieren auf der Plattform Moto-Republik ihre gemeinsamen kokreativen Auftritte über Facebook, z. B. Rapper und Filmemacher, Tänzer und Illustratoren, Poetry Slammer und DJanes. Besonders populär ist die „Bang Bang Comedy Game Show“. Alle KünstlerInnen erhalten Gagen für ihre digitalen Auftritte, finanziert über Simbabwes größte Kreativorganisation Magamba („Helden“) in der Hauptstadt Harare, die seit 2007 junge Menschen im Land inspirieren möchte, den Wandel im Land voranzutreiben (Film). Auch ein allmonatlicher Kunsthandwerkermarkt Hustler’s Market wurde ins Netz transferiert, die Produkte online gekauft und nach Hause geliefert werden. Besonders innovativ ist das datenjournalistische Projekt Open Parly, das Parlamentsdaten über soziale Medien, Technik, Apps, Online- und Offline-Plattformen zusammenführt, damit BürgerInnen mit Politikern in Austausch treten können. Bei den Moto Hacks Open werden neue bürgernahe technische Lösungen entwickelt, damit Bürger auf der Basis öffentlicher Daten fundierte Entscheidungen treffen können. EIN VORBILD FÜR DEUTSCHLAND…
    Vielen Dank an Leonie March von Weltreporter & Riffreporter für die inspirierenden Berichte aus Simbabwe bei Deutschlandfunk Kultur über die dortige Comedy-Szene und die Aktivitäten von Kreativen während der Corona-Quarantäne.

AUFRUF: Schickt mir gerne weitere Beispiele für kreative Ideen, um Probleme und Herausforderungen der Corona-Krise zu meistern: kreativ@MassivKreativ.de  

 © genäht von Sabine Ringel

Kulturelle Aufarbeitung von Corona, kollektives Gedächtnis

Das Museum Europäischer Kulturen (MEK) Berlin ruft unter dem Hashtag #CollectingCorona  Menschen in ganz Europa auf, persönliche Eindrücke, Gedanken und Zeugnisse einzureichen, um für künftige Generationen zu dokumentieren, wie sich der Umgang mit der Pandemie für Europäer*innen anfühlt.

Auch das Corona-Archiv der Universitäten Hamburg, Bochum und Gießen und der Körber-Stiftung sammelt als Public-History-Projekt Erlebnisse, Geschichten, Objekte und Artefakte zum Thema.

Die Schutzmasken sind rasch zu einem Mode-Accessoir geworden: Maskenpflicht zur Maskenkür machen. Das Deutsche Textilmuseum Krefeld will Corona-Schutzmasken prämieren und dokumentieren. Wer mitmachen will, kann ein Porträtfotos von sich mit einer selbst genähten oder gestalteten Maske per Mail an textilmuseum@krefeld.de

 © genäht von Sabine Ringel

Über die Schöpferin der abgebildeten Masken

Sabine Ringel steht stellvertretend für tausende kreative Nähkünstler*innen, die quasi über Nacht und aus dem Nichts mit viel Herzblut unzählige Masken gefertigt haben. Sabine Ringel nähte auf Bestellung und auch völlig selbstlos aus sozialem Engagement heraus, um Lücken auszugleichen und um Risikogruppen zu helfen. Für eine Seniorenresidenz in Niedersachsen spendete sie „Snutenpullis“, damit die Bewohner bald wieder Besuch empfangen können. Einer Musikband schenkte sie „Noten-Masken“ (Foto siehe oben). Einer Hamburger Firma überließ sie kürzlich ihre kompletten Restbestände und konnte den MitarbeiterInnen so über einen Masken-Engpass hinweghelfen. Danke, liebe Sabine, für Dein großartiges Engagement und dafür, dass die Deine kreativen Werke hier zeigen darf! 

Der StreetArt-Künstler und Schöpfer von „World Mobile Virus“

Die Mona Lisa mit Mundschutz stammt von dem Street Art-Künstler TV Boy alias Salvatore Benintende. Er wurde 1980 in Palermo geboren, wächst in Mailand auf, wo er bereits mit sechzehn Jahren beginnt auf der Straße zu malen. „Die Straße ist seit 1996 mein Museum“ sagt er. 2004 zieht er nach Barcelona, eröffnet ein Atelier und ruft die „Urban Pop Art“-Bewegung ins Leben. Seit 2008 tritt er als TV-Boy in Erscheinung. Ab 2011 entwickelt er eine neue Serie von urbanen Werken mit zeitgenössischen Politikern, historischen und öffentlichen Persönlichkeiten, die er neu interpretiert. 2017 erlangt er mit dem lebensgroßen Wandgemälde Love is Blind  große Popularität, das einen Kuss zwischen Messi und Ronaldo darstellt und wenige Tage vor dem San-Jordi-Tag und dem „Clasico“-Tag in Passeig de Gracia 1 angebracht wurde. Im Mai 2017, wenige Tage vor dem Treffen zwischen Trump und Papst Franziskus, erscheint in Rom ein weiteres städtisches Kunstwerk, ein Kuss zwischen einem teuflischen Trim und einem engelsgleichen Papst mit dem Titel „Das Gute vergibt das Böse“. Seitdem nennt ihn die Presse den „Graffitikünstler der unmöglichen Küsse“. Angela Merkel und Martin Schulz zeigt er als Hipster-Liebespaar, die durch die Straßen Berlins spazieren. Unter dem Eindruck von Corona entstehen 2020 World Mobile Virus und Love in the Time of Covid 19.

Impulsgeber für die Post-Corona-Zeit

Künstler und Kreative sind Betroffene und Leidtragende der Corona-Krise, aber ebenso kreative Problemlöser für die Zeit während der Krise sowie Vordenker und Impulsgeber für die Zeit danach. Genau deshalb sollten Politiker Künstlern und Kulturschaffenden aufmerksam zuhören. Sie finden nicht nur die richtigen Bilder, Worte, Bewegungen, Klänge, für das was unbegreiflich ist, wie Shakespeares Hamlet sagt: „Die Zeit ist aus den Fugen geraten!“ Sie finden zum anderen aber auch Ideen, Kreativität, Visionen, Vorschläge und Auswege aus Fehlentwicklungen, die sich in Zukunft nicht mehr wiederholen sollen.

AUFRUF an die Politik

Liebe Politiker*innen, wir möchten die Zukunft der Kultur gemeinsam mit Ihnen kokreativ denken, planen und entwickeln. Kultur- und Kreativschaffende aus allen Sparten und allen Kulturinstitutionen möchten und werden Ihnen als Diskussionsgrundlage passende Vorschläge und Strategien liefern, um
1) gemeinsam Masterpläne für Wiedereinstiegsszenarien in das Kulturleben zu entwickeln (unter Beachtung von Schutzmaßnahmen) und
2) um längerfristig zu sinnvollen Maßnahmen für ein Konjunkturprogramm für Kunst, Kultur und Kreativität zu gelangen. Dafür ist auch ein Kultur-Investitionsfonds nötig, wie vom Deutschen Kulturrat (und seinen Sektionen, z. B. Deutscher Musikrat) vorgeschlagen. Vorschläge für ein nachhaltiges  Konjunkturprogramm für die Kultur- und Kreativwirtschaft entwickelt das PCI – Promoting Creative Industries – das Netzwerk von 39 lokalen un regionalen öffentlicher Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland – gemeinsam mit dem Bundesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Kreative Deutschland. Es geht dabei um Ideen, wo und wie Finanzmittel zur Unterstützung der Szene sinnvoll eingesetzt werden sollten – für Projekte, für Kopfarbeit und Strukturen, für Hardware und Software. Zukunftspläne darf und sollte Politik nicht im Alleingang aufstellen. Es braucht dazu fachliche Unterstützung aus der Kultur.

Liebe Politiker*innen: Holen Sie Künstler, Kultur- und Kreativschaffende, ihre Netzwerke und Verbände an einen Runden Tisch!

Durch Corona vom Tätigkeitsverbot betroffene freie Berufsgruppen, insbesondere Kreative:

  • Autor*innen
  • Betreiber*innen von Fahrgeschäften / Losbuden / Marktbeschicker*innen
  • Bühnen-, Licht- und Tontechniker*innen
  • Comedians / Kabarett*innen
  • DJs, DJanes
  • Filmkünstler*innen, Filmemacher*innen, Kameraleute
  • Fotograf*innen
  • Freelancer*innen der Eventbranche
  • Grafiker*innen, Designer*innen
  • Honorarlehrer*innen an Musikschule / VHS / Erwachsenenbildung
  • Journalist*innen, die nicht tagesaktuell arbeiten
  • Kleinkünstler*innen / Entertainer*innen
  • Komponist*innen
  • Kunsthistoriker*innen in Museen und Ausstellungen
  • Lehrkräfte für Integrationskurse / Politische Bildung / DAZ / Sprachlehrer*innen
  • Mitarbeiter*innen der Sicherheitsbranche (Absicherung v. Events, Konzerten u.ä.)
  • Mitarbeiter*innen in (gemeinnützigen) Vereinen
  • Mitarbeiter*innen in Clubs, Konzerthäusern, Theatern
  • Mitarbeiter*innen in der kulturellen Bildung für Erwachsene, Kinder und Jugendliche
  • Mitarbeiter*innen in Museen, Gedenkstätten
  • Musiker*innen
  • Musikpädagog*innen
  • Organisator*innen, die in Eigeninitative Events aller Art veranstalten
  • Puppenspieler*innen
  • Regisseur*innen
  • Restaurator*innen
  • Sänger*innen
  • Schauspieler*innen
  • Servicepersonal für Gastronomie in der Eventbranche
  • Stagemanager*innen
  • Tänzer*innen, Choreograph*innen, Tanzlehrer*innen
  • Veranstalter*innen von Festivals
  • Veranstaltungstechniker*innen
  • Zirkusartist*innen und -pädagog*innen
  • Schausteller*innen
  • ….

Und viele weitere freiberuflich und soloselbständig Tätige:

  • Näher*innen, u. a. auch die von Mundschutzmasken
  • Dozent*innen für Erste Hilfe, Notfalltraining, Brandschutz, 
  • Fahrlehrer*innen
  • Frisör*innen
  • Gastronomie- und Hotelmitarbeiter*innen
  • Mitarbeiter*innen im Gesundheitssektor: Osteopathie, Heilpraktiker, Fußpflege, Yoga, Physiotherapeuthen, psychologische Berater*innen…
  • Mitarbeiter*innen im sozialer Bereich, Jugendschutz, im Coaching
  • Mitarbeiter*innen für Haushaltwaren-, Kosmetik-, Textil- und ähnlichen Branchen (in Kaufhäusern)
  • Übungsleiter*innen Sport, für Erlebnispädagogik, Gesundheitstraining, Lehrkräfte Tai Chi/Qi-Gong
  • Vermieter*innen von Tourbussen