Neues Kreativcluster im EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

Wenn Europa innovativ bleiben und international weiterhin mitspielen will, sollte „Made in EU“ als neues Label und als Chance gesehen werden. 

EU fokussiert neues Kreativcluster

EU-Kommission hat Ende Juni 2019 eine öffentliche Konsultation zum nächsten EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa (2021-2027) eingeleitet. Das erste Mal existiert in diesem Forschungsrahmenprogramm die Bereitschaft gibt, die Kultur- und Kreativwirtschaft zu fördern, insbesondere das Cluster „CULTURE, CREATIVITY AND INCLUSIVE SOCIETY“. Insgesamt stehen bis zu 100 Mrd. € für die gesamte europäische Innovations- und Forschungspolitik zur Verfügung. Die Kreativwirtschaft könnte hier im deutlich mehrstelligen Millionenbereich profitieren.

Potenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft ganzheitlich nutzen

Fortschritt und Qualität dürfen sich allerdings nicht auf technologische Neuerungen beschränken. Es sollten auch soziale Innovationen und damit das gesamte Potential der Kultur- und Kreativbranche genutzt werden. Acht Aspekte für die SPILLOVER-Diskussion, die ich bereits 2015 gefordert habe und die noch immer mehr Aufmerksamkeit brauchen:

 © MS Artville Festival 2019, Text von „Barbara“, Foto: MassivKreativ

1. Soziale Innovationen als Komplementär 

Die Bedürfnisse der Menschen abzufragen ist keine Kür, sondern Pflicht. Wer heute nur auf neue Technik setzt und dabei den Menschen ignoriert, etwa bei Benutzerfreundlichkeit und Design, wird von Käufern und Nutzern abgestraft. Wer hingegen gezielt soziale Praktiken einsetzt, wer bewusst mit anderen Menschen kommuniziert, wer geistig-kreative Werte anerkennt, wer das interaktive Handeln fokussiert – in Organisationen, Prozessen, Strukturen, in der Anwendung und beim Konsum – treibt soziale Innovationen voran. Soziale Innovationen bereiten den Nährboden für technologische Neuerungen und geben als Treibstoff ungeahnten Innovationsschub. An diesen Tatbestand müssen auch endlich Förderstrukturen angepasst werden, denn Konzepte für soziale Innovationen fallen hier noch durchs Raster. So bleibt das Potential geistiger Ideen aus der Kultur- und Kreativbranche ungenutzt. Weder Gesellschaft noch Wirtschaft kann sich diese Ignoranz auf Dauer leisten!

2. Interdisziplinäre Teams

Wer über Globalisierung und Demografie, über Nachhaltigkeit und Vielfalt nachdenkt, kommt automatisch zu der Erkenntnis, dass es ohne branchenübergreifende, interdisziplinäre Vernetzung nicht mehr geht. In der Kultur- und Kreativwirtschaft gehört Vernetzung zum Alltag. Architekten lenken bei Bauprojekten um die 20 verschiedene Gewerke. Im Theater vermitteln Regisseure sogar zwischen 50 verschiedenen Berufsgruppen: Handwerk und Technik, Kunst und Marketing, Verwaltung und Organisation. In der Gamesbranche verbinden sich Autoren, Konzepter, Programmierer, Grafik- und Sounddesigner in gemeinsamen Think Tanks. Film-Projekte sind ähnlich vielschichtig angelegt. Vermitteln und Querdenken ist für Akteure der Kultur- und Kreativbranche Tagesgeschäft und erfordert eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz. Davon könnten auch Wirtschaft und Politik profitieren, wenn sie nur wollten.

 © Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

3. Forschungscluster: Wert kreativer Ideen

Wenn Unternehmer, NGO-Aktivisten oder Politiker über die Zusammenarbeit mit Kreativen berichten, schwingt viel Anerkennung und Begeisterung mit – über die Professionalität, die Ernsthaftigkeit und den Biss der Kreativen bei der Bewältigung eines Problems. Anders als in anderen Berufen schauen Kreative selten auf die Uhr. Sie testen ihre Ideen und Alternativen so lange aus bis sie die Herausforderung geknackt haben. Selbst wenn sie nicht mehr am Schreibtisch sitzen, suchen sie im Kopf weiterhin nach Lösungen. Leider wird die konzeptionelle Vorarbeit, die Innovationen erst ermöglicht, zu wenig wertgeschätzt. Häufig mangelt es an konkreten Zahlen, die den immensen Anteil geistig-kreativer Vorleistungen am Ertrag belegen. Hier braucht es in Zukunft fachübergreifende Forschungscluster, in denen Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler gemeinsam relevante Zahlen ermitteln.

4. Begegnungsräume

Noch sind es meist die Kreativen, die Kontakt zur Politik und zu Unternehmen suchen, um alternative Denkmustern und andere Perspektiven anzubieten. Doch Kaltakquise ist schwierig. Die Auftraggeber müssen viel Vertrauen aufbringen, um Kreative in sensible interne Prozesse einzubinden. Das Eis muss gebrochen werden. Gebraucht werden Anlässe und Räume, um sich in ungezwungener Atmosphäre zu begegnen und auszutauschen. Beide Seiten merken dann schnell, wie ähnlich sie sich in vielen Punkten sind: Auch Politiker bzw. Unternehmer können kreativ denken und handeln. Auch Künstler bzw. Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten professionell und zuverlässig. Zuweilen spielen „Sprachprobleme“ eine Rolle, wenn sich z. B. ein Programmierer mit einem Designer verständigen muss. An dieser Stelle sind „Intermediäre“ mit Sozialkompetenz gefragt, die beide Welten verstehen und kommunikationsstark zwischen den Akteuren vermitteln können. Hier könnte ein neues Berufsbild für Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft entstehen.

  © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

5. Nische als Chance

97 % der Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft sind Einzelunternehmer und Freiberufler. In einem monopolisierten Markt ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, gehört für sie zum Alltag. Für größere Projekte ist die Vernetzung mit anderen Branchen überlebenswichtig. Davon können Politik, Wirtschaft, Städte und Organisationen lernen. Aus der Not der Beschränkung erwachsen alternative, kreative Ideen, etwa in der Arbeitswelt. Coworking Büros von Kreativen haben ursprünglich den Zweck, Räume, Ressourcen, Fähigkeiten und Wissen zu teilen. Längst nutzen sie auch andere Branchen, weniger aus ökonomischer Motivation heraus, sondern um interdisziplinär an neuen Ideen zu schmieden.

6. Kulturerbe und Identitätsstiftung

Die Globalisierung lässt sich nicht aufhalten. Doch die Bürger pflegen zunehmend selbstbewusst ihre Wurzeln und ihre Identität. Die UNESCO unterstützt den Trend, indem sie dazu aufruft, ergänzend zum materiellen Kulturerbe auch das immaterielle bzw. lebendige Kulturerbe aufzuspüren. Es geht um mehr öffentliche Aufmerksamkeit für Traditionen, Bräuche und Feste, Wissen und Rituale, für Handwerkstechniken und Ausdrucksformen. Sie prägen die Identität der Menschen und schweißen eine Region, Gruppe oder Gemeinschaft zusammen. Lebendiges Kulturerbe wird ständig den veränderten Umständen und Zeiten angepasst und bleibt so aktuell. Es verleiht Selbstbewusstsein, Wohlbefinden und stiftet sozialen Frieden.

  © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

7. Regionalentwicklung und Stadtkultur

Kunst und lebendiges Kulturerbe wirken als Treibstoff auf Städte und Gemeinden, intern als sozialer Kitt und extern als Magnet für den Tourismus. Was wiederum andere Branchen befruchtet und Renditen steigert: für Hotellerie und Gastronomie, Einzelhandel, Nahverkehr und Immobilienbranche. Zukünftig muss es darum gehen, Gemeinschaftsfonds zu bilden. Die Profiteure sollen Mehreinnahmen, die sie durch SPILLOVER-Effekte erzielt haben, in Kunst und Kulturerbe reinvestieren. Akteure der Kultur- und Kreativbranche dürfen nicht länger in die Rolle zeitlich befristeter „Durchlauferhitzer“ gedrängt werden, die zunächst unattraktive Orte beleben und sie durch Gentrifizierung wieder verlassen müssen. Sie brauchen Verlässlichkeit, um Städte, Gemeinden und Gesellschaft nachhaltig beflügeln zu können.

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

8. Vorreiter und Vordenker

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist immer Vorreiter gewesen, wenn es um neue gesellschaftliche Entwicklungen ging. Ein bewusster Umgang mit Energie und Ressourcen, Themen wie Teilhabe, Nachhaltigkeit und Ehrenamt wurden auch von Künstlern in die Gesellschaft hineingetragen. Neue Geschäftmodelle sind daraus entstanden, z. B. Carsharing, Upcyling, neue Wertschöpfungsketten und ganze Branchen wie die Bioökonomie. Auch Begriffe wie Vielfalt und Ehrenamt rücken Künstler mit gezielten Impulsen in unseren Fokus, das Schlagwort „Willkommenskultur“ z. B. hat sich so zu einem bewussten bürgerschaftlichen Engagement und zu echter Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen entwickelt.

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

Wenn Politik und Wirtschaft das Potential der Kultur- und Kreativschaffenden erkennen und nutzen, kann SPILLOVER in Europa wirklich gelingen. So würde das Label „Made in EU“ einen tieferen, identitätsstiftenden Sinn erhalten. Denn: eine Wirtschafts- und Zollunion allein schafft unter den Bürgern keinen europäischen Zusammenhalt.

Zum Hintergrund: Horizont Europa wird final beschlossen von der neuen Kommission und soll Anfang 2021 starten. Hier geht’s zur Konsultation (bis 8.9.2019): https://ec.europa.eu/info/news/have-your-say-future-objectives-eu-funded-research-and-innovation-2019-jun-28_de

Vorausdenken mit 360-Grad-Blick: Was erfolgreiche Prozessbegleitung ausmacht

© MassivKreativ 

Überall in unserer Gesellschaft werden Projekte geplant, modifiziert, realisiert und nach erfolgreichem Abschluss dokumentiert und präsentiert. Doch was braucht es alles, damit ein Projekt gelingen kann? Wir im Silberfuchs-Verlag haben unterschiedliche Erfahrungen mit Erfolgsfaktoren und Stolpersteinen gesammelt und geben Einblick in unsere Prozessbegleitung und unser Projektmanagement. Unser Werkstattbericht aus unserem Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung. Was macht erfolgreiche Prozessbegleitung aus?

Vorausdenken mit 360-Grad-Blick

Ein Projekt wird laut Wortherkunft ‚nach vorn‘ gedacht. Der Begriff Projekt leitet sich ab von proiectum bzw. proiectus – lateinisch ‚nach vorn geworfen‘ (siehe auch „Projektil“). Das deutsche Wort Projekt (Entwurf, Plan, Vorhaben) entstand im späten 17. Jahrhundert im Zusammenhang mit „Architektur“ und „Bauvorhaben“.
In den Wirtschaftswissenschaften ist folgende Definition verbreitet: „Ein Projekt ist ein zielgerichtetes, einmaliges Vorhaben, das aus … abgestimmten, gesteuerten Tätigkeiten mit Anfangs- und Endtermin besteht und durchgeführt wird, um unter Berücksichtigung von Vorgaben bezüglich Zeit, Ressourcen (zum Beispiel Finanzierung bzw. Kosten, Produktions- und Arbeitsbedingungen, Personal und Betriebsmittel) und Qualität ein Ziel zu erreichen.“ (Quelle: „Zeit, Kosten, Umfang: Magisches Dreieck in der Projektsteuerung“ nach Thor Möller, Florian Dörrenberg, Projektmanagement, Oldenbourg Verlag, 2003, S. 22)

Projektmanager

Eine/r muss den Hut aufhaben: Ein erfolgreiches Projekt braucht einen kompetenten Projektmanager. Er/Sie verantwortet die verschiedenen Projektphasen: Initiierung, Planung, Durchführung, Steuerung, Controlling, Evaluation, Abschluss. Er/Sie kommuniziert nach innen und außen, organisiert und strukturiert die Zusammenarbeit mit Projektbeteiligten, den Auftraggebern, den Teammitgliedern, weiteren Netzwerken, Partnern, Stakeholdern und der Öffentlichkeit. Analoge Hilfsmittel sollte er/sie dabei ebenso gut beherrschen wir digitale Tools.

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Prozessbegleitung

Außerhalb klassischer Wirtschaftsbranchen werden Projekte oft von engagierten Akteuren realisiert, die zwar viel Tatkraft und Begeisterung mitbringen, naturgemäß aber über weniger Erfahrungen verfügen. In Vereinen, im Sport, in der Bildung, Kultur, Zivilgesellschaft, im Ehrenamt werden den Projektträgern und Projektmanagern daher häufig Prozessbegleiter an die Seite gestellt. Sie sollen idealerweise über die gesamte Projektdauer Hilfe leisten und Rat geben, vor allem wenn es irgendwo im Projekt hakt: „Prozessbegleiter sind unterstützende Berater in dynamischen Entwicklungsprozessen. Prozesse bedeuten Dynamik, Fortschritt und Veränderung. Ein Begleiter ist Moderator, Vermittler, Coach oder Berater.“ (Quelle: DKJS – Deutsche Kinder- und Jugendstiftung: „Prozessbegleitung“, in: bewegt! Das Magazin der DKJS, Heft 1/2011)

Ein Projektbegleiter fragt nach der „Mission“ des Projektes, nimmt Ziele und Zielgruppen ins Visier, Kooperationspartner und Stakeholder, Terminplanung und Meilensteine, Formaten und Methoden, Akteure und Teammitglieder, Stolpersteinen, Risiken und Erfolgsfaktoren. Er prüft interne und externe Kommunikation, PR und Social Media, Kostenpläne, Dokumentation und Evaluation. 

Blick von außen

Ein solider Plan ist Voraussetzung für den Erfolg eines Projektes. Doch wenn der Mensch ins Spiel kommt, wird es komplexer und komplizierter. Diese Erkenntnis hat zu agilen Methoden in der Projektarbeit geführt. Anstelle von langfristig ausgearbeiteten Plänen werden heute eher kürzere Zielvorhaben entworfen („Sprints“), die im Verlauf des Projektes häufiger angeglichen und auf die aktuellen Rahmenbedingungen abgestimmt werden. Nicht selten ist aktives Konfliktmanagement gefragt, wenn ein Projekt anders verläuft als auf dem Papier geplant. Ein Prozessbegleiter reagiert auf Veränderungen und empfiehlt dem Projektmanager bzw.  den Projektbeteiligten, ihren ursprünglichen Plan darauf abzustimmen. Ein Beispiel aus unserem Regiobranding-Projekt im Bereich Regionalentwickung, Kultur(-landschaft) und Tourismus soll das verdeutlichen.

 © Gerd Altmann auf Pixabay

Wie lässt sich Bürgerwissen generieren

Nach dem Wunsch unseres Auftraggebers, dem Landkreis Ludwigslust-Parchim, sollte das Bürgerwissensportal Elbe505.de in Eigenregie der Bürger entstehen. Von uns, Corinna Hesse und Antje Hinz, als Wissenschaftsjournalistinnen und Medienproduzentinnen mit Workshops für kreatives Schreiben und Storytelling professionalisiert sollten die Bürger eigenständig Texte und Medien über ihre Region erstellen und sich dafür regelmäßig in Arbeitsgruppen treffen. Nachdem die Wissensträger aus Kultur-, Bildungs- und Umweltvereinen sowie weitere Interessenten ausfindig gemacht waren, scheiterten mehrere Versuche, diese Akteure zu gemeinsamen Terminen zusammenzubringen. Die Erkenntnis: Gerade die genannten Berufsgruppen sind auch an Nachmittagen und Abenden in vielen externen Projekten und Gruppen involviert. Ihre Zeit für ehrenamtliches Engagement ist daher stark limitiert.  

  © Gerd Altmann auf Pixabay

Die Lösung der Herausforderung

Wir standen demnach vor der Frage und Herausforderung, wie wir trotz begrenzter Zeit der Wissensträger dennoch das geplante Bürgerportal mit Inhalten füllen können. Wir beschlossen, die Erfahrungen und Geschichten der Bürger direkt bei ihnen „abzuholen“ – in Form von Audio-Interviews. Eine Kamera erzeugt für viele, insbesondere ältere Menschen oft Unwohlsein, so dass sie sich in ihrem Erzählfluss gehemmt fühlen. Wir setzten die Hürde daher so niedrig wie möglich und entschlossen uns, das Wissen rein mündlich bzw. akustisch aufzuzeichnen. Oral history heißt die authentische Methode der Geschichtswissenschaft, mit der Zeitzeugen bzw. Wissensträger über Ihre Erfahrungen und ihr Wissen befragt werden. Idealerweise sollte das in gewohnter bzw. vertrauter Umgebung stattfinden. Um den Aufwand überschaubar zu halten, luden wir die BürgerInnen u. a. in das Gemeindehaus ein und sorgten mit Getränken und einem kleines Buffet für ein angenehmes Umfeld.

 © Mohamed Hassan from Pixabay 

Konfliktprävention und soziale Kompetenz

Jedes Projekt mit unterschiedlichen vielschichtigen Partnern birgt Risiken. Akteure aus diversen Institutionen und Bereichen verfolgen naturgemäß verschiedene Anliegen und Interessen. Als ProzessbegleiterInnen legen wir unseren Projektleitern immer wieder ans Herz, das Team, die Auftraggeber und die Projektpartner über alle Entscheidungen zu informieren und sie bei Planänderungen mitzunehmen – nicht erst im Nachhinein, sondern im Voraus. Wer präventiv denkt, kann manchen Konflikt vermeiden oder zumindest abmildern.

 © Gerd Altmann auf Pixabay

Die richtigen Fragen stellen

Kompetente Prozessbegleitung verstehen wir vor allem darin, zielführende Fragen zu stellen, die zum Kern der Lösung bzw. zur alternativen Bewältigung führen, z. B. Mit wem könntet ihr (alternativ)  zusammenarbeiten? Wer verfolgt ähnliche Ziele? Mit wem könntet ihr gemeinsame Strukturen nutzen, wenn das Geld knapp ist (siehe Effectuation)? Wen könntet ihr um Rat oder um Hilfe bitten? Was könnt ihr selbst leisten und was nicht? Wo könnten Synergien entstehen? Fragen gehört zu den Kernkompetenzen von Prozessbegleitern. Zielführendes Fragen ist journalistisches Handwerk, das wir von der Pike auf beherrschen: nach unserem Fachstudium, etwa 20jähriger Tätigkeit für verschiedene ARD-Rundfunkanstalten, Deutschlandfunk und über 15 Jahren in unserem Silberfuchs-Verlag

Chamäleon

Ein/e ProzessbegleiterIn muss in den jeweiligen Phasen unterschiedliche Rollen einnehmen. Während er/sie zu Beginn des Projektes vor allem strategische, moderative, vermittelnde Funktionen einnimmt, wird er bzw. sie gegen Ende vertiefende Fragen stellen, um den Verlauf des Projektes zu reflektieren und zu dokumentieren. Im Falle von Folgeprojekten wird es auch darum gehen, an der langfristigen Qualität zu arbeiten – in Bezug auf die Weiterentwicklung von Strukturen, Teams, Kommunikation usw. 

 © Gerd Altmann auf Pixabay

Die innere Haltung entscheidet

Man kann der Welt mit all ihren Hindernissen und Fußangeln nicht entkommen. Aber: Man muss seinen Projektpartnern stets zuhören und gemeinsam mit allen Beteiligten Kompromisse und Lösungen finden. Unsere wichtigsten (imaginären) Begleiter dabei sind: Mut und Offenheit, Wertschätzung und Respekt, die richtige Balance zwischen Flexibilität und Zielstrebigkeit, innere Haltung und Widerstandskraft, Optimismus und Zuversicht, Neugier und Humor.

Bei unserem Tun begleitet uns ein Rat, der wahlweise den Achtsamkeitspraktikern Jon Kabat-Zinn und Joseph Goldstein zugeschrieben wird: „Du kannst die Wellen nicht stoppen, aber du kannst lernen, auf ihnen zu surfen!“   

Unsere Beispielprojekte in der Prozessbegleitung

Vorausdenken mit 360-Grad-Blick: Was uns als erfolgreiche ProzessbegleiterInnen ausmacht

© ZIRP

Kulturregionen in Rheinland-Pfalz / BUGA 2029 – Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz

2019/2020 hat Antje Hinz die Prozessbegleitung für das Projekt Kulturregionen in Rheinland-Pfalz übernommen. Dieser Auftrag beinhaltet strategische Beratung, Moderation von Workshops und Fachtagungen sowie Dokumentation. Mit Blick auf die BUGA 2029 – die Bundesgartenschau im Oberen Mittelrheintal – hat sich im nördlichen Rheinland-Pfalz eine interdisziplinäre Projektgruppe gebildet. Beteiligt sind Akteure aus Kultur, Wirtschaft, Medien, Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung. Antje Hinz unterstützt die Gruppe beim Findungsprozess. Antje Hinz: „Es geht um Identität und Authentizität: Damit der regionale und kulturelle Findungsprozess bei der Bevölkerung emotionale Zustimmung findet, muss von unten wachsen.“

Ziele: Ausfindig gemacht werden sollen regionale Identifikationsfaktoren, z. B. materielles und immaterielles kulturelles Erbe als Basis, neue und junge Kulturformen sowie gemeinsame Zukunftsvorstellungen und Zukunftsgestaltung. „Kulturregion wird im Projekt umfassend verstanden: Kultur stärkt regionale Identität; Kultur als Kooperationsprojekt; Kultur als Instrument der Profilbildung; Kultur als Wirtschaftsfaktor (Tourismus, Kreativwirtschaft).“ Zitat ZIRP – Das Vorhaben ist ein Gemeinschaftsprojekt der Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz ZIRP, der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz und der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz in Mainz.

 © BpB

Miteinander reden – Bundeszentrale für politische Bildung 2019-2020

2019/2020 unterstützen Corinna Hesse und Antje Hinz den Ideenwettbewerb Miteinander reden der Bundeszentrale für politische Bildung und engagieren uns als Prozessbegleiterinnen und Projektmanagerinnen. Deutschlandweit werden 100 Projekte mit Weiterbildungsangeboten für Akteure in ländlichen Räumen gefördert. 
Ergebnisse: Politische Bildung, Demokratie und Gesellschaftsgestaltung
Projekte Antje Hinz: Wir leben Gemeinde / Frei.Raum.MV / WER IST WIR? WIR SIND WER!  Projekt Corinna Hesse: Rögnitz 3.0

 © Kreative MV

Wettbewerb Soziale Dorfentwicklung – Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung

2017-2019 hat Corinna Hesse in Mecklenburg-Vorpommern den Wettbewerb „Raumpioniere: Kreative für MV – MV für Kreative“ initiiert sowie als Prozessbegleiterin und Projektleiterin mit zahlreichen KreativLabs und Coachings der Akteure begleitet. Die Preisverleihung findet am 22.10.2019 statt.
Ziel: Stärkung von Dorfgemeinschaften vor Ort mit künstlerisch-kreativen Methoden stärken
Ergebnis: Entwicklung und Erprobung zukunftsweisender Ideen für Dörfer und Kleinstädte Förderer: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung 
Film: Interviews mit den zehn Projektakteuren

© Ellen Backes, 123Comics

Regiobranding – Landkreise Ludwigslust-Parchim und Lüchow-Dannenberg

2018 waren Corinna Hesse und Antje Hinz als Prozessbegleiterinnen und Medienproduzentinnen für das Bundesforschungsprojekt „Regiobranding“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung tätig. Gemeinsam mit BürgerInnen und Jugendlichen haben wir in zahlreichen Workshops und Interviews verschiedene Fragen erkundet und erprobt:
– Wie können Identität und Bindung der Bevölkerung an ihre Kulturlandschaft intensiviert und gefestigt werden?
– Wie lassen sich Bürgerwissen, Identität und Bindung an die Region im Außenbild des Stadt-Land-Umfeldes verankern und lebendig halten?
– Wie lassen sich kulturelle Alleinstellungsmerkmale für unterschiedliche Regionen – mecklenburgische Griese Gegend und Hannoversches Wendland – unter einem gemeinsam Dach miteinander verbinden?
Ziel: Branding von Stadt-Land-Regionen durch Kulturlandschafts-Charakteristika
Ergebnisse: Bürgerteilhabe, innovatives Bürgerwissensportal ELBE505.de (Betreiber des Portals ist der Landkreis Ludwigslust-Parchim, Fachdienst Regionalmanagement und Europa in enger Zusammenarbeit mit dem Landkreis Lüchow-Dannenberg, mit FONA und Regiobranding): Pressemitteilung

 © Metropolregion Hamburg

Kulturlandschaftsrouten – Metropolregion Hamburg

2016-2018 haben Antje Hinz und Corinna Hesse in einem interdisziplinären und partizipativen Leitprojekt der Metropolregion Hamburg fünf Kulturlandschaftsrouten entwickelt. lm Zentrum ihrer Prozessbegleitung, Zentralredaktion (Audioguides / Flyer) und des Projektmanagements stand die Teilhabe und Zusammenarbeit mit Akteuren aus Verwaltung, Landkreisen, Regionalentwicklung, Wirtschaftsförderung Tourismus, Bildung, Umwelt und Fördervereinen. Die Akteure wurden im Verlauf des Projektes von Hinz und Hesse angeleitet und professionalisiert, touristische Routen für verschiedene Zielgruppen zu entwickeln sowie mediale Produktionen zu entwickeln und zu realisieren.
Ziel: Touristische Inwertsetzung von Kulturlandschaften in der Metropolregion Hamburg
Ergebnisse: fünf Erlebnisrouten Kulturlandschaften zum Hören mit Audioguides, z. B. ManufakTourenroute / Pressemitteilung

  © Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag 

Hörbuchproduktionen – Silberfuchs-Verlag

Von 2005-2017 haben Corinna Hesse und Antje Hinz knapp 30 Sachhörbücher in verschiedenen Reihen im gemeinsam gegründeten Silberfuchs-Verlag produziert. Dazu gehörte das gesamte Spektrum der Verlagsarbeit und Prozessbegleitung: Autorentätigkeit, Redaktion, Regie, Produktion, Lizenzierung, Rechtemanagement, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Vertrieb. Die aufwändige Entstehung der Hörbucher wurde exemplarisch im Fachmagazin image-hifi 4-2012 und 3-2016 beschrieben. Die Hörbücher wurden mit renommierten Preisen ausgezeichnet und für zahlreiche Preise nominiert. Der Silberfuchs-Verlag ist Träger des Bundespreises Kultur- und Kreativpiloten Deutschland für sein Konzept anspruchsvoller und lebendiger Wissensvermittlung.

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

© www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

10. Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen im Juni 2019: Nach viel Theorie und Metaebenen am ersten  Tag konnten sich die BesucherInnen am zweiten Tag in verschiedenen Foren an Präsentationen diverser Praxisprojekte abarbeiten und engagiert mitdiskutieren. 

Themen mit dem Stift konserviert

Ausdrücklich erwähnen möchte ich die Zeichnerin bzw. Graphic Recorderin Johanna Benz. Sie hat enorm zum Gelingen des Kongresses beigetragen. In atemberaubendem Tempo brachte sie Meinungen, Thesen, Zitate und auch komplexe Gedankenkonstrukte mit wenigen Strichen und prägnanten Worten auf Papier – pointiert und häufig humorvoll, live vor den Augen des Kongresspublikums, das oft verblüfft und schmunzelnd über die scheinbare Leichtigkeit war.

Am Nachmittag gehörte das Podium verschiedenen Akteuren der Auswärtigen Kulturpolitik und aus dem Themenkomplex Kunst, Umwelt, Digitalisierung, Klima. Ich hätte mir an beiden Tagen gerne gleich mehrere „bioplasmatische Doppelgänger“ gewünscht. Die alle thematisch spannenden, leider aber parallel stattfindenden Foren erschwerten nicht nur mir die Wahl.

© www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Heimat als Marke

Regionalentwickler stehen im Spannungsfeld grundsätzlicher Entscheidungen: Was mache ich neu? Was übernehme bzw. übertrage ich als Modell aus anderen Regionen? Wo muss ich Vorsicht mit Slogans und Narrativa walten lassen, um nicht beliebig und austauschbar zu werden? Wie finden wir für unsere Heimaten authentische Identitäten? Diese Fragen standen im Zentrum des Panels „Heimat als Marke“ und wurden von drei Protagonisten beantwortet. Einig waren sich alle, dass die Themen von innen heraus aus der Selbstbeobachtung gefunden werden sollten. Das Überstülpen von Labels wirke oft beliebig oder einengend.

Land NRW: Hildegard Kaluza – Wandel durch Kultur

Kulturabteilungsleiterin Hildegard Kaluza berichtete von zunächst über die geplante Ruhrkonferenz mit verschiedenen Ministerien, denn auch fachfremde Mitarbeiter würden so ermuntert, sich stärker für Kulturthemen zu engagieren. Exemplarisch stellte Kaluza die Kulturregion Sauerland vor, der es gelungen sei, mit dem Festival Sauerlandherbst breite Zielgruppen anzusprechen und mit einem neuen Brassfestival eine zeitgemäße Verbindung zum Engagement der Schützenvereine zu schaffen. Die Kulturregion Aachen sucht mit einem grenzüberschreitenden Projekt die Nähe zu Europa und lässt etwa 300 Schüler aus verschiedenen Ländern den euregio-Schülerliteraturpreis an einen sorgsam ausgewählten Jugendbuchautor verleihen. Die Region Unna hat ihr Selbstbild aus dem Hellweg heraus im Licht gefunden, u. a. auch in einem und einem Krimifestival.

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Kenneth Anders: Oderbruchmuseum und Büro für Landschaftskommunikation

Nachhaltige Regionalentwicklung müsse institutionalisiert und finanziert sein, sagte Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation. Er habe seine Kommune daher vom Sinn und Nutzen eines „Fonds für Identitätspolitik“ überzeugt, in den 20 Cent pro Einwohner und Jahr fließen. Er sprach über die Herausforderung, Identitäten in einem extrem heterogen Raum finden zu müssen, der auch Elemente umfasst, die nicht „produktdienlich“ im Sinne der touristischen Vermarktung seien (Schandflecken). Als Symbol und Logo wurde für den Oderbruch ein Spaten gefunden, mit dem früher das weit verzweigte Bewässerungssystem im Oderbruch ausgehoben wurde.

Volker Gallé: Kulturkoordinator der Stadt Worms

Heimat und Region seien verschieden, so Gallé. Während eine Region oft eine künstliche, politisch entworfene Infrastruktur in sich trage, enthalte Heimat naturgemäß historische Narrative. Gallé, der nicht nur in Rheinhessen als Mundartautor und -liedermacher bekannt ist, präsentierte die Besonderheiten seiner Region, neben Wein u. a. die hochromanische Baukunst, die Nibelungensage, Martin Luther und die jüdische Kultur in Worms. Die Interessen der Kulturakteure und Marketingleute seien oft unterschiedlich: Winzer wollen Wein verkaufen, Touristiker ihre Reisen, Museen ihre Ausstellungen usw. Den Zuzug von Neubürgern sieht Gallé positiv, er sei immer produktiv, etwa wenn alter Häuser von den Neuen restauriert werden und sich aus eigenem Antrieb mit der Kultur und Geschichte ihrer Wahlheimat befassen, Fragen stellen, reflektieren. Die Suche nach Narrativen erfolge oft aus der Not oder aus Konflikten heraus, eine Chance für Reflektion.

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Jugend macht Heimat

Die Moderatoren Arnold Bischinger, Kulturchef des Landkreises Oder-Spree/Burg Beeskow, und Steffen Schuhmann, Kunsthochschule Berlin-Weißensee, gaben ihrerseits kluge Impulse zum Thema Heimat und Selbstfindung, auch im Dialog mit den BesucherInnen. So kam aus dem Publikum die dringende Empfehlung, die junge Generation in die Prozesse zur Identitätsfindung einzubinden. Das Problem: Ganztagsschulen und das verkürzte Abitur G 8 hätten dazu geführt, dass Kinder und Jugendliche spät nach Hause kommen und kaum noch Freizeit haben. Da müsse man sich etwas einfallen lassen. Eine Kongressbesucherin berichtet als best practice über die Initiative Happy Locals, die Jugendliche zu kreativem Handeln aufruft: Mit temporärer Zwischennutzung von Räumen in Brandenburg soll die dortige Clubkultur stärker belebt und befruchtet werden.

Außenperspektive

Zuweilen könnten auch ein Blick über den Tellerrand bzw. ein Perspektivwechsel hilfreich sein. Als Beispiel wurde aus dem Publikum das elbübergreifende Bürgerwissensportal Elbe505.de genannt. Bewohner aus Mecklenburg und aus dem Wendland entwickelten gemeinsam eine Onlineplattform mit Wissenswertem, Fakten und  Geschichten über ihre Region in Texten, Fotos, Interviews und Podcasts. Die jeweils andere Region half, um den Blick für das Besondere und für Alleinstellungsmerkmale zu schärfen. Und: Wenn Burger selbst über ihre (Wahl-)Heimat erzählen, stärkt dies zugleich die Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit nach innen sowie Anerkennung und Wertschätzung von außen.

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Wo und was ist Heimat?

In weiteren Foren (siehe Kongress-Programm) ging es um die Narrativa von Heimat: Wer prägt die Geschichten und Bilder unserer Nation, vor allem in den neuen Bundesländern? Auch widerständige Heimat liefert Geschichten, vor allem in Verbindung mit Umweltfragen, etwa das Gorleben-Archiv im Wendland und die Medienberichte aus dem Hambacher Forst. Wie lässt sich Heimat gestalten und was leisten Heimatvereine dabei? Wer vermittelt Heimaten und was leisten Heimat-, Orts-, Regional- und Stadtmuseen dabei? Was können Dritte Orte bewegen? Wo existiert Heimat an utopischen oder virtuellen Räumen? Und welche Rolle spielt Europa in der Heimatdiskussion? Heimaten gibt es viele: geografische, zwischenmenschliche, geistige und virtuelle. Der Schriftsteller Klaus Theweleit hat es einmal so beschrieben: „Ich bin ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen und hatte dann meine neue, meine zweite schleswig-holsteinische Heimat. Als Jugendlicher wurde englische Beat-Musik meine kulturelle Heimat. Ich kenne also mindestens drei verschiedene Heimaten.“

Deutschlandbild in der Außenpolitik

Den geweiteten Blick auf das internationale Panorama präsentierten Vertreter der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Bildungspolitik im Auswärtigen Amt, erläuterte den veränderten Fokus deutscher Auswärtiger Kulturpolitik, berichtet von erhellenden Reisen nach Afrika, von Begegnungen mit afrikanischen Gründern, die dank Drohnen zukünftig Wasser und Pestizide nutzbringender dosieren wollen. Globale Herausforderungen können und müssen gemeinsam gestellt und gelöst werden. Kooperation und Multilateralismus werde nicht aus Selbstzweck betrieben, sondern um etwas zu bewegen. Vor diesem Hintergrund betonte sie: „Unsere Identität setzt sich aus vielen Identitäten zusammen. Heimat gehört einem nicht. Niemand hat sie gepachtet. Sie ist für jeden etwas Persönliches. Heimat ist Geschichte und Identität. Identität ist etwas, was man sein kann, aber nicht, was man zu sein hat.“

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Neue Herausforderungen für die internationale Kulturpolitik?

Heimat suchen – Heimat finden – zu diesem Thema versammelten sich neben dem Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, Andreas Görgen, auf dem Podium internationale Gäste, moderiert von der Kulturmanagerin Sarah Bergh. Anders als in Deutschland kennen andere Länder den Heimatbegriff nicht. Dort spricht man von Vaterland, Mutterland oder Zuhause. Arjun Appadurai, Senior Professor of Anthropology and Globalisation at Hertie School of Governance in Berlin, offenbarte die Position junge InderInnen: Nicht das Sein, sondern das Werden, nicht belonging, sondern becoming. Appadurai erklärt den Hintergrund: Durch die britische Besatzung hätten InderInnen früher oft Ablehnung und Ausschluss erlebt. Statt auf eine kleine, enge Heimat zurückzublicken, fänden jungen InderInnen sie in der Zukunft, in den neuen Netzwerken, in sozialen und mobilen. Dort würden die wichtigen, zukunftsorientierten Themen be- und verhandelt, so Appadurai, nicht nur Jobs und Neue Arbeit, sondern auch Freizeit, Spaß, Liebe, Romantik. Deutschland sollte sich daran beteiligen, neue Plattformen für solche Verbindungen zu schaffen. Deutschland habe die Möglichkeit, sollte sie verantwortungsvoll nutzen und zusammen mit der Welt experimentieren. Andreas Görgen verwies in diesem Zusammenhang auf ein Zitat von Willy Brandt: „Kulturarbeit ist Arbeit an der Weltvernunft.“ In diesem Sinne will das Auswärtige Amt Räume für neue Kooperationen schaffen, u. a. eine Agentur für internationale Museumskultur. Deutschland könne nicht mehr allein bestimmen, was international über das Land nach außen getragen werde.

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Multiperspektivische Fragen und Antworten

„Beziehungen entstehen aus Differenzen, aber Kunst hilft, die Differenzen zu verstehen.“ Genau in diesem Sinne agiert Bonaventure Soh Bejeng Ndikung an seiner Wirkungsstätte SAVVY Contemporary in Berlin-Neukölln. Der unabhängige, nicht kommerzielle Projektraum versteht sich seit 2010 als „Labor der intellektuellen, künstlerischen und kulturellen Ideenentwicklung und des Ideenaustauschs“ für internationale bildende und darstellende Kunstschaffende und Kuratoren. Im Mittelpunkt von SAVVY steht der Diskurs über aktuelle Fragen und Themen aus den Bereichen Kunst, Wissenschaft, Soziologie oder Philosophie. Gründer und künstlerischer Leiter Ndikung sieht sich als Wanderer zwischen Welten und Ländern: „Home is where the music is“ – Zuhause ist dort, wo die Musik ist.“ Viele Staaten, wie z. B. sein Geburtsland Kamerun, seien Fiktion, oft nur künstlich von Besatzungsmächten geschaffen. Er plädiert für das Entkoppeln von Land, Heimat und Sprache. Das Nachdenken über Heimat empfindet er als Zeitverschwendung. Heimat sei in ständigem Wandel begriffen. Daher käme es darauf an, dass sich jeder für jeden im sich veränderlichen Weltgeschehen verantwortlich fühle.

Themenwechsel fernab des Geburtslandes

Auch für andere auf dem Podium ist Heimat eine Kopfgeburt. „Ich frage mich gar nicht was Heimat für mich ist. Heimat sollte nicht permanent um sich selbst kreisen“, stimmt Aino Laberenz zu. Sie ist Geschäftsführerin des Operndorfs Afrika, das einst Christoph Schlingensief gründete. Sie ist zugleich Kostüm- und Bühnenbildnerin. Sie arbeite im Operndorf, weil sie dort neue Blickwinkel auf Themen erhalte, die es so in Deutschland nicht gäbe, weil solche Probleme hierzulande gar nicht existierten.

Und dennoch: Heimat ist wichtig

Warum trotz allem die Auseinandersetzung mit Heimat wichtig sei, erläuterte Géraldine Schwarz, Journalistin und Dokumentarfilmerin mit deutschen und französischen Heimaterfahrungen: „Wenn populistische Parteien so viel Erfolg haben mit dem Okkupieren des Heimatbegriffes, gibt es offenbar ein universelles Bedürfnis nach Heimat.“ Die „Gelbwesten“ in Frankreich seien eine Reaktion auf enttäuschte Heimatverbundenheit und die Spaltung von Stadt und Land. Das individuelle Bedürfnis nach Heimat solle ihrer Meinung nach nicht pauschal verleugnet werden, so Schwarz. Sie betont aber, dass jeder seine eigene Sicht auf Heimat haben solle und dürfe. Ihr Aufruf: Gemeinsame Nenner in den europäischen Erinnerungen finden, um zu einer europäischen Identität zu gelangen.

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Kunst und Heimat Erde

Die letzte Diskussionsrunde beim KUPOGE-Kongress galt unserem Heimatplaneten, der immer mehr in Gefahr gerät. Die KUPOGE widmete bereits die letzte Ausgabe ihrer Publikationsreihe „Kulturpolitische Mitteilungen“ dem Thema Klimagerechte Kulturpolitik. Da die Akteure in Politik und Wirtschaft auf Fakten und Erkenntnisse der Wissenschaftler nicht konsequent genug reagieren, deren Vorschläge (z. B. Tempolimit) ignorieren oder zu langsam umsetzen, werden die Proteste von jungen Menschen immer lauter. Kurz vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause blockierten am Freitagnachmittag Jugendliche der Fridays for Future-Bewegung die Ausgänge im Parlament unter dem Motto: Die Arbeit ist nicht getan, daher Nachsitzen für die Politiker! Ob Michelle Müntefering wohl aus diesem Grund verspätet zum Kongress kam?

Kunst fördert Empathie

Nicola Bramkamp, die als Moderatorin die widerstreitenden Meinungen im Panel äußerst klug und charmant dirigierte, leitet das Festivals SaveTheWorld und die Runde mit einer richtigen Erkenntnis ein: „Erst wenn der Mensch empathisch ist, beginnt er zu handeln. Mit künstlerischen Mitteln lassen sich Herausforderungen anders spiegeln und ungewöhnliche Antworten finden.“ Über diesen Weg wurde der junge Fridays for Future-Aktivist Gustav S. Strunz für das Klimathema sensibilisiert – bei einem Theaterabend der Gruppe Rimini-Protokoll, der einen Klimagipfel simuliert. Seine Mitstreiterin Lilli C. Pape bestätigte, dass die Mitwirkung in einer Theatergruppe und auf Kongressen ihr für ihre Auftritte und Reden in der Fridays for Future-Bewegung Sicherheit geben würden.

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Klima und Kultur als gemeinsames Thema

Politik und kulturpolitische Finanzierung muss dringend themenorientiert verfolgt werden – über alle Parteien, Ministerien und Branchen hinweg. Diese Erkenntnis und Forderung ist vielleicht das wichtigste Fazit des KUPOGE-Bundeskongresses. Kuratorin Adrienne Goehler vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, engagiert sich daher für einen ressortübergreifenden Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit, der aus verschiedenen Ministerien gespeist werden soll, um das Bewusstsein für Kunst und Klimapolitik zu stärken. Es brauche zeitgemäße Fördermittel für aktuelle Themen und Herausforderungen.  

Immer mehr Künstler wollen sinnstiftend arbeiten und erheben daher den Anspruch, zukunftsorientierte Projekte und Werke zu schaffen, die aktuelle Herausforderungen bearbeiten, wie in der Wanderausstellung Zur Nachahmung empfohlen. Kultur werde heute zwar ernster genommen, aber die Förderinstrumente hinken noch immer hinterher.“ Göhler kritisierte in diesem Zusammenhang auch den permanenten Zwang zur Innovation. Kunst, Industrie und Wissenschaft sollten sich stärker begegnen und dafür brauche es neue Möglichkeitsräume. 

 © MassivKreativ: Nao-Roboterdame INA

Digitalisierung frisst den Planeten

Große Uneinigkeit herrschte zum Thema „Ressourcenverbrauch und Digitalisierung“ zwischen dem Projektleiter Lemgo Digital vom Fraunhofer IOSB-INA, Jens-Peter Seick, und Jörg Sommer, Vorstand der Deutschen Umweltstiftung. Trotz bemerkenswerter Keynote der Nao-Roboterdame INA wehte ihrem Erfinder auch aus dem Publikum ein rauer Wind entgegen und die Frage, wieviel Energie und Ressourcen die Digitalisierung noch verschlingen werde. Sommer plädierte für mehr Verzicht und Beschränkung auf das Wesentliche und beklagte das rasante Tempo technischer Entwicklungen. Der Mensch und die Kunst kämen mit ihren ethischen Überlegungen kaum hinterher. Die Fridays for Future-Aktivisten Gustav und Lilli sehen die Auseinandersetzung pragmatisch: Digitalisierung gäbe es schon seit 100 Jahren. Ihrer Generation ginge es nicht um entweder/oder, nicht um  Verzicht oder Verschwendung, sondern darum, wie Gustav sagt, „in den richtigen Dingen schneller und in anderen langsamer werden, z. B. durch einen schnellen Kohleausstieg ein entschleunigtes Leben zu führen. Man muss nicht das Optimum herausholen, sondern erst mal anfangen und die großen Ziele auf kleine für jeden herunterbrechen … Es geht nicht nur um den Klimawandel, sondern auch um die Forderung, die Umweltzerstörung durch Kohleabbau und Fracking zu stoppen. Fridays for Future arbeitet insofern auch gegen die Zerstörung unserer Heimat.“ Zu ihrem Verständnis von Heimat befragt, sagt Lilli: „Fridays for Future versteht sich als globale Bewegung, insofern ist für uns die Welt unsere Heimat.

FAZIT: Es geht nur noch gemeinsam

Heimat bedeutet tägliche Verabredungen zu treffen mit Dialogen von Mensch zu Mensch. Heimat ist die „Kultur“ unseres Zusammenlebens, die Basis für unsere Gemeinschaft. Gemeinsinn und WIR-Gefühl gelingen am besten durch gemeinsame Aktivitäten, z. B. sinnstiftende Ziele zu verfolgen – durch soziales und ehrenamtliches Engagement, durch kulturelle, sportliche und wissensvermittelnde Erlebnisse, durch nachhaltige Projekte für unsere Zivilgesellschaft. Heimat ist und bleibt „Gemeinsame Sache“.

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Bruchstellen von Heimat

Doch genau hier liegt das Problem. Die Vermächtnisstudie der ZEIT hat herausgefunden: „das Wir-Gefühl übersetzt sich nicht in Engagement außerhalb des Freundes- und Bekanntenkreises. Dafür fehlt es an Vertrauen untereinander, an der Basis für ein gelebtes Wir. Nur ein Viertel der Befragten hat viel Vertrauen in die Mitmenschen, 40 Prozent haben wenig. Auch hier sind jene mit geringer Bildung besonders skeptisch. Außerdem glaubt nur ein Viertel, dass auch den Mitmenschen ein „Wir-Gefühl“ wichtig ist. Ein Misstrauensvotum.“

Kultur des Machens stärken

Zur Vertrauensbildung kann Kultur sehr viel beitragen. Gemeinsame kulturelle Projekte, gemeinsame künstlerische Erfahrungen schmieden zusammen. Wir sollten nicht immer alles bis ins Detail durchplanen und mehrfach abwägen wie bisher. Wir sollten einfach mehr ausprobieren, mehr Modellprojekte wagen, grundsätzlich mutiger sein. Erst mal machen und danach evaluieren, um Erkenntnisse aus gelungenen Projekten auf andere Bereiche zu übertragen.

Heimathymne

Heimat weckt bei vielen Gemeinschaftsgefühle. Daher wurde – nicht beim Bundeskongress aber immer mal wieder zu anderen Gelegenheiten – auch über unsere Nationalhymne diskutiert. Manche Ostdeutsche wünschen sich die „Kinderhymne“ von Brecht, die Lothar de Maizière am Rande der Gespräche um den Einigungsvertrag dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble auf der Geige vorgespielt haben soll. „Das Land habe drängendere Probleme als Gefühle und Musik“, so die sinngemäße Antwort damals von Schäuble. Vor dem Hintergrund, dass viele sich mehr und mehr als EU- bzw. Weltbürger sehen, wäre zu diskutieren, ob wir überhaupt noch eine Nationalhymne brauchen. Möglicherweise wird unser aktuelles Heimat- bzw. Weltverständnis, wie schon andere Autoren vor mir spekuliert haben, durch einen ganz anderen Song viel besser ausgedrückt: mit John Lennons Imagine etwa.

Heimat als Nichtort und Utopie

Ist Heimat also doch nur eine Kopfgeburt, wie auf einem Kongresspanel festgestellt wurde. Ist Heimat eine Illusion? Der Jurist Bernhard Schlink, der den Roman „Der Vorleser“ schrieb und nach dem Mauerfall die Arbeitsgruppe „Neue Verfassung der DDR“ des Runden Tisches beraten hat, hat die verschiedenen Dimensionen des Heimatbegriffs zusammengeführt:  „So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder einen Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort. Heimat ist Utopie.“ (Buch: Bernhard Schlink – Heimat als Utopie).

 

Mehr zum Thema:

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

 

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Heimat-Zitate

„Heimat ist dort, wo man sich nicht erklären muss.“ Johann Gottfried von Herder

„Heimat ist der Ort, wo ich mich erklären kann und darf.“ Alexander Koch, Die Neuen Auftraggeber (… wo mir Raum gegeben und wo mir zugehört wird.)

„Heimat sind die Menschen, die wir verstehen und die uns verstehen.“ Max Frisch

„Heimat ist Heimweh und Sehnen nach allen Weiten.“ Peter Hille

„Heimat ist etwas, was ich mache.“ Beate Mitzscherlich

„Heimat ist Raum für kennen, bekannt und anerkannt sein.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

„Heimat ist kein ein Zustandsbegriff, Heimat ist ein Korrespondenzbegriff als Pendant zur Globalisierung.“ Klaus Kufeld

„Heimat weist in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit. Heimat ist der Ort, den wir als Gesellschaft erst erschaffen .. an dem das ‚WIR‘ Bedeutung bekommt.“ Frank-Walter Steinmeier

„Heimat ist polyphon!“ Mark Terkissidis

„Heimat ist nicht ein Ort, wo man lebt, sondern die Art, wie man lebt.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

„Heimat ist Ersatzhandlung für mangelnde Zugehörigkeit.“ Armin Nassehi

„Der Begriff Heimat hat einen Pelz an und riecht an einigen Stellen streng.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

 „Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft, Heimat ist nicht Liebe – Heimat ist Friede.“ Paul Keller, Schriftsteller

„Freundschaft, das ist wie Heimat.“ Kurt Tucholsky, Schloß Gripsholm, 3. Kapitel

„Heimat ist der Duft unserer Erinnerungen.“ Anke Maggauer-Kirsche, deutsche Lyrikerin

„Warum liebt man die Heimat? … deswegen: das Brot schmeckt da besser, die Stimmen schallen da kräftiger, der Boden begeht sich da leichter.“ Bertolt Brecht, Aus: Der Kaukasische Kreidekreis

„Gibt’s kein höheres Übel doch als den Verlust der Heimat.“ Euripides

„Ein feiges Volk hat keine Heimat.“ Aus Ungarn

„Heimat und Vaterland sind etwas grundsätzlich anderes.“ Unbekannt

„Die Scheinwelt ist die Heimat vieler.“ Ulvi Gündüz, Dichter und Autor

„Eine gute Erinnerung ist eine innere Heimat.“ Esther Klepgen, Autorin

„Heimat ist nicht der Ort, sondern die Gemeinschaft der Gefühle.“ Unbekannt

„Licht und Dunkelheit: zwischen den Gegensätzen findet sich Heimat.“ Ernst Ferstl, österreichischer Dichter

„Wer seine Heimat nicht im eigenen Kopf findet, findet sie nirgendwo.“ Helmut Glaßl, Aphoristiker

„Heimat(-politik) ist als gemeinsame Gestaltungsaufgabe zu verstehen … Heimat heißt auch Zukunft und Verständnis, gesellschaftliche Veränderungen anzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Denn Heimat war und ist immer auch ein Raum sozialer Beziehungen, Ausgleich und Einbindung – Integration. So verstanden ist Heimat Lebensmöglichkeit und nicht nur Herkunftsnachweis. Heimat ist nicht Kulisse, sondern Element aktiver Auseinandersetzung.“ – Deutscher Bundestag 25.07.2018

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

 © Kulturpolitische Gesellschaft

Beim 10. Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen im Juni 2019 wurde das Thema Heimat/en in nahezu allen Variationen, Perspektiven und Interpretationen „durchdekliniert. Die engagierten und oft hitzigen Debatten zeigten einerseits, dass die Veranstalter – neben der KUPOGE auch die Bundeszentrale für politische Bildung und der Deutsche Städtetag – das Thema klug gewählt hatten, selbst wenn einige Referenten und Podiumsgäste versicherten, dass sie mit dem Heimatbegriff nichts anfangen können. 

Theorie und Praxis

Zwei volle Tage diskutierten die Experten in einem dichtgedrängten Programm, das die Auswahl der Panels oft schwer machte. Nach offiziellen Grußworten wurden am Tag 1 vor allem Theorien, Modelle und Metaebenen des Heimatbegriffes diskutiert. Der Vormittag von Tag 2 stand im Zeichen vieler Praxisprojekte, präsentiert von „Heimatakteuren“ aus ländlichen Regionen. Der Nachmittag rückte die gewandelte Auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik ins Blickfeld und den Themenkomplex „Kunst und Klima“ (siehe auch „Kulturpolitische Mitteilungen“ zum Thema Klimagerechte Kulturpolitik. )

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HEIMATen liegen in der Luft

Er sei zunächst skeptisch gewesen, als das Thema Heimat an ihn herangetragen worden sei, bekannte Gastgeber Thomas Krüger offen, seit 2000 Präsident der Bundeszentrale für politischen Bildung. Doch HEIMATen sei(en) zweifellos in der Gesellschaft präsent – nicht erst seit der „Angliederung“ des Heimatressorts an das Bundesministerium für Inneres und Bau. Immerhin ist die Bundeszentrale für politische Bildung dem Innen- bzw. Heimatministerium zugeordnet. Insofern gehöre der Dialog über HEIMATen verpflichtend zu den Aufgaben seiner Bundeszentrale, so Krüger. Heimat verstehe er als „kulturpolitische Herausforderung, die man nicht den Falschen überlassen dürfe“, mahnte er mit Blick auf rechtspopulistische oder gar rechtsextreme Kräfte in Deutschland. Durch Globalisierung und Neoliberalismus erlebt die Sehnsucht nach Heimat eine Renaissance. Krüger führte als ersten Impuls vier Sichtweisen auf den Heimatbegriff auf:

Welche Heimat-Betrachtungen gibt es?

1) eine kritische, die danach fragt, wer zur Heimat gehöre und wer nicht – ungeachtet der Entheimatung von Menschen

2) eine inklusive, die eine Heimat für Viele für möglich hält

3) eine romantische, die sich „mit Mehltau im Stadium der Unschuld“ bewege (Sehnsucht nach heiler Welt)

4) eine postutopische, die erst mit dem Untergang der DDR begonnen hätte  (Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit, nach dem „Früher“)

Proust-Effekt

Wie man Heimat sehe, gehe häufig mit sehr persönlichen Erlebnissen und Gefühlen, einher, so Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien. Das könnten auch Sinneseindrücke sein, wie sie am Beispiel von Marcel-Proust anführt. In seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ erinnert sich der Erzähler beim Geschmack des Gebäckstück „Petite Madeleine“ – getunkt in Lindenblütentee –  schlagartig an die Vergangenheit, konkret an Stadt und Gärten von Combray. Heimaten seien also Erfahrungsräume.

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Das Eigene und das Fremde

Einerseits könnten mit dem Mangel an Heimat Identitäten verloren gehen. In Zeiten der Globalisierung wachse das Bedürfnis nach Heimat und Zugehörigkeit, was durchaus verständlich sei. Dennoch, und das war Konsens in Berlin, dürfe die Deutungshoheit von Heimat nicht den Rechtsextremen überlassen werden. Grütters betonte, wie wichtig es sei, auf gleichwertige Lebensverhältnisse ländlichen Regionen zu achten und den „Wert von immateriellen Kulturformen als Spiegel regionaler Besonderheiten und gemeinsamer Herkunft sichtbar zu machen. Nur wer das Eigene kennt und wertschätzt, kann auch dem Anderen und Fremden Raum geben, ohne sich bedroht zu fühlen.“ – so Grütters.

Heimat in der Kulturpolitik

Der Heimatbegriff birgt viel politische Macht. Da es Menschen mit und viele ohne Heimat gibt, kann der Begriff dazu führen, dass Menschen Grenzen ziehen:  zwischen denen, die  dazugehören und denen, die ausgeschlossen werden. Genau das kritisiert Bilgin Ayata, Assistenzprofessorin für Politische Soziologie an der Universität Basel. Zunächst präsentierte Ayata einen historischen Abriss darüber, wie der Heimatbegriff in der Geschichte verwendet wurde und zeigte auch Beispiele aus Deutschlands Kolonialzeit. Ayata bewertet den Heimatbegriff generell skeptisch, umso mehr in der Kulturpolitik. Es gehe dabei oft um Ausschluss und nicht um Zugehörigkeit. Als Beleg führt sie u. a. das wütende Buch „Eure Heimat ist unser Albtraum“ an, herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah. Vierzehn AutorInnen schreiben darin kritisch über persönlichen Erlebnisse und Beziehungen zur „Heimat Deutschland“ und die immer wiederkehrende Frage: „Wann geht’s zurück in die Heimat?“, obwohl ihre Heimat doch nachweislich Deutschland sei. Statt über HEIMATen zu diskutieren, forderte Ayata daher, gegen mangelnde Pluralisierung kulturpolitischer Einrichtungen anzugehen.

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Heimat als Sehnsuchtsort

Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a.D., beginnt seine überaus positive Interpretation von Heimat mit Zitaten des Filmregisseurs Wim Wenders: „Heimatgefühle, Heimatfilm, Heimatliebe, Heimatschutz … Jetzt auch noch ein „Heimatminister“! Ojemine!“ Und dennoch, so Wenders, Heimat sei ein Wort, das man gegen all die verteidigen muss, die damit Schindluder getrieben haben. Oder noch tun. Als Argument dafür, dass Heimat allen Bürgern in Deutschland wichtig sei, führte Thierse eine Allensbach-Studie an, nach der Heimatverbundenheit in allen Parteilagern gleich verteilt sei. „Ängste sind soziale und politische Realitäten, auf die wir reagieren müssen“, so Thierse. Dies nutze die AfD aus. Deutschland sei in zwei Zivilgesellschaften geteilt. Das hoheitliche Ringen um den Heimatbegriff sei eine „Reaktion auf die Enteignung der Lebenswelten“ (Oskar Negt). Soziologisch betrachtet sei jeder sozial Entwurzelte in gewisser Weise heimatlos. Zeitgemäße Heimatpolitik, so Thierse, müsse Leerstellen für die Gestaltung des sozialen Lebens lassen und all denen Freiraum geben, die heimisch werden wollen. Dafür stünden in unserer Gesellschaft viele „Räume von Gemeinschaftlichkeit“ zur Verfügung: Vereine, Verbände, das Ehrenamt und auch soziale Netzwerke.

Heimat inklusiv verstanden

In die anschließende Diskussion, moderiert von Vladimir Balzer, brachten sich zusätzlich Schriftstellerin Thea Dorn und der Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby ein, der auch als Präsidiumsmitglied im Bund Heimat und Umwelt in Deutschland e.V. (BHU) sprach, bekräftigte Ayata ihre Position, man solle den Heimatbegriff nur privat und nicht im politischen Zusammenhang verwenden, es sei ein „irrationaler Begriff, der die politische Diskussion in die falsche Richtung führt.“ Mit dieser Position war sie auf dem Podium allein. Trotz rassistischer Anfeindungen fühle er sich in Halle seit vielen Jahren heimisch, so Diaby, und knüpfe dies vor allem an seine Frau, Kinder und Freunde. Er warb dafür, Heimat positiv zu besetzen, indem der Begriff inklusiv gedeutet und mit Leben gefüllt werde. Kommunen seien die Heimat der Menschen. Thea Dorn warb um Toleranz, bei Zugezogenen und Neubürgern (woher auch immer) keine Assimilation einzufordern, sondern den Anderen so sein zu lassen, wir er ist.

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Es gab auch Konsens auf dem Podium: Kulturpolitik müsse zum Gespräch einladen und Angebote zur Teilhabe schaffen, damit Menschen sich wiederfinden und identifizieren können. Eine Kongressbesucherin aus dem Publikum berichtete daraufhin von einer entsprechenden Anfrage an das Heimat- und Innenministerium – mit ihrer Erkenntnis, dass es dort keine Schnittmengen zur interkulturellen Arbeit gäbe. Enttäuschung herrsche auch darüber, dass Ausgrenzung und Rassismus im Alltag zu wenig diskutiert werde. Fazit: Wer Hindernisse im Alltag empfindet, sieht den Heimatbegriff kritisch.

Wem dient Heimat in der Postmoderne?

Ist Heimat nun ein Kampfbegriff von Populisten oder eine kulturelle Ressource der offenen Gesellschaft? Dazu hielt Dirk Baecker eine Keynote, Professor für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke. Er referierte über Wechselspiele zwischen „group und grid“ (Gruppe und Netzwerk), Heimat und Fremde und die Frage, wie mit Gruppen mit einem Menschen umgeht, der das Netzwerk verlässt und in der Fremde nach neuen Impulsen sucht. Darf dieser Mensch zurückkehren oder nicht? Ist die Ursprungsgruppe offen für das, was der Zurückgekehrte aus der Fremde an Erkenntnissen und neuen Impulsen mitbringt? Wie wir uns für und gegen Netzwerke entscheiden, hat Auswirkungen auf Zugehörigkeit und Zuordnung, so Baecker.

Das Soziale und das Globale

Anschließend diskutierte Moderator Peter Grabowski in einer Podiumsrunde über diese Fragen: Welche Rolle spielt der „Sand unter den Sohlen“, die soziale Herkunft, für das eigene Heimatgefühl? Welchen sozialen Prozessen bin ich dabei ausgesetzt. Wie lassen sich Differenzen überwinden? Wie versucht Kulturpolitik hier zu intervenieren? Cornelia Koppetsch, Professorin für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt,  sieht Heimat als Möglichkeit der individuellen Aneignung kritisch: „Das klappt in bildungsbürgerlichen Gruppen, aber nicht in den abgehängten Gruppen … Wir können den Heimatbegriff nicht einfach so formen. Wenn Wahlbindungen nicht mehr funktionieren, werde ich auf meine Ursprungsheimat zurückgeworfen.“ Beate Mitzscherlich, Professorin für Pflegeforschung an der Westsächsischen Hochschule Zwickau, hat sich mit psychologischen Aspekten befasst, u. a. ist sie in der „Heimatpflege für alte Menschen“ aktiv: „Heimat ist etwas, was ich mache.“

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Regina Römhild, Professorin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin, sieht Widersprüche zwischen Heimat und Globalisierung. Verschiedene Gruppen in Europa verwenden unterschiedliche Heimatkonstrukte – je nach transnationalen Verflechtungen, Grenzziehungsprozessen, Alltagskulturen. Daher gäbe es „multiple Heimaten“: „Die moderne Gesellschaft ist immer geopolitisch verankert. Im Nationalstaat beanspruchen Gruppen die Heimat für sich, aber es gäbe jetzt eine Gegenbewegung seitens subkultureller Akteure“, so Römhild. Tobias J. Knoblich, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V., berichtet über Fremdheitserfahrungen in der DDR nach der Wende. Das übermächtige Eindringen von Entscheidungskräften aus dem Westen wurde von den Bürgern der ehemaligen DDR „als Kolonialisierung begriffen. Die neuen Vorgesetzten sprachen eine andere Sprache. Die neue Funktionselite produzierte Fremde in der eigenen Heimat“, so Knoblich.

Heimat: Politisch oder privat?

Das vorweggenommene Fazit des Kongresses kam aus dem Publikum: „Heimat funktioniert offenbar nicht als politisches Großkonstrukt, sondern lediglich als individuelles, regionales und privates Modell.“

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Probleme mit dem Kulturbegriff

Es mag an der Unschärfe des Kulturbegriffes liegen, dass laut ZEIT-Vermächtnisstudie nicht mal die Hälfte der befragten Bürger Heimat mit Kultur verbindet. Die meisten denken an Hochkultur, weniger an unser Zusammenleben, also nicht an das, was uns als Alltagskultur umgibt, z. B. unser Genossenschaftswesen, unsere Brot- und Gartenkultur, der Rheinische Karneval ebenso wie der jüngere interkulturelle „Karneval der Kulturen“, das Singen und Tanzen, plattdeutsch, friesisch und sorbisch, all das – was die UNESCO als immaterielles Kulturerbe bezeichnet. Dazu gehört übrigens auch Poetry-Slam: Slam-Poet Jean-Philippe Kindler näherte sich mit einer wortakrobatischen Darbietung dem Thema Heimat inspirierend und humorvoll.

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Macht Kultur Heimaten?

Als hätte die Kulturpolitische Gesellschaft bei der Ankündigung ihrer Jahrestagung die Ergebnisse der ZEIT-Vermächtnisstudie schon gekannt, hat sie dem Motto ihres 10. Bundeskongresses ein Fragezeichen angefügt: KULTUR.MACHT.HEIMATen WIRKLICH? – zumindest im 3. Panel am ersten Kongresstag. Vladmir Balzer diskutierte darüber mit Akteuren aus der „praktischen Heimatarbeit“. Ein Film der Projektleiterin für Recherche und Konzeption im Lenzburger Stapferhaus in der Schweiz, Sonja Enz, bestätigte, wie persönlich und verschieden Assoziationen zur Heimat sind. Im Riesenrad auf einer Kirmes berichten Menschen aus der Schweiz und aus vielen anderen Ländern, dass Heimat für sie Freunde, Familie, bestimmte  Gerüche, spezielles Essen, Natur, Umwelt und Musik bedeuten.

Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation und Programmleiter im Oderbruchmuseum Altraft in Bad Freienwalde, berichtete über Selbstbeschreibungen seiner Region in verschiedenen Formaten: 50-100 Interviews mit Bewohnern pro Jahr über die eigenen Identität, aus denen sich Führungen der Akteure zu besonderen Orten in der Region ergeben könnten. Als Ergebnis kann auch ein Theaterstück entstehen, wie „Die kluge Bauerntochter“. Es gibt den Bauern der Region eine Stimme und einen künstlerischen Raum. Der leidgeprüfte Bauer sagt z. B. auf der Bühne: „Brot wäre viel teurer ohne Gyphosat, ich habe keinen Urlaub, bei mir geht es 24 Stunden durch.“ Probleme werden durch das Theater gespiegelt.

Eleonora Hummel findet ihre Heimat in der deutschen Sprache, der russischen fühlt sie sich mittlerweile entfremdet. Sie stammt ursprünglich aus  Kasachstan, ihre Eltern sind Wolgadeutsche. Ausgehend von diesen Wurzeln schreibt sie ihren Roman Hummel ihren Roman Die Wandelbaren (erscheint im Herbst 2019) über das Deutsche Theater in Kasachstan, das 1949 erst zerstört und später an anderem Ort wieder aufgebaut wurde.

Für Mark Terkessidis ist Heimat polyphon! Mit seinem Heimatlieder-Projekt gibt er den jungen Leuten der zweiten migrantischen Generation eine Plattform. „Die neue Folklore ist nicht homogen, die Bandbreite ist enorm, je nach Kultur, Land oder Musiker“, sagt Terkessidis. Sie reicht von vietnamesischem Quanggo-Gesang über griechisch- byzantinische Gesänge, osmanische Kunstmusik bis zu kubanischer Folklore. All das wurde in Deutschland in einen neuen Kontext gebracht, wurde durch Remix in neue Formen überführt, erklärte Terkessidis.

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Heimat-Reflexionen am Abend

In der Akademie der Künste präsentierten Musiker aus Vietnam, Kuba und Marokko sowie Terkessidis‘ Mitstreiter Jochen Kühling den KongressbesucherInnen einige musikalische Kostproben der „Heimatlieder aus Deutschland“. Zuvor gab eine szenische Lesung noch mal Stoff zur geistigen Auseinandersetzung. Die Autoren Georg Seeßlen und Markus Metz präsentierten ihr Hörstück „Der kritische Heimat-Abend“ in elf Kapiteln“, z. B. Heimat als Inszenierung, Heimat als Utopie, als Ort der Freiheit und Gerechtigkeit, als Besitz und Eroberung, als Trennung zwischen Heimatlichem und Fremdem.

 

Weitere Infos zum Thema

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken

 ©Andreas Hermsdorf, Pixelio.de 

Wer sind wir? Wie wollen wir leben. Und wie sehen wir unsere Heimat? Diese Fragen werden gegenwärtig wieder häufiger gestellt – nicht erst im Umfeld der bevorstehenden Jubiläumsjahre „30 Jahre Mauerfall“ und „30 Jahre Einheit“. 

Was denken Bürger?

Vermächtnis kommt von Vermachen. Neben der erbrechtlichen Auslegung geht es neben materiellen auch um ideelle Werte, die nach dem Tod hinterlassen bzw. übertragen werden sollen. Und so erkundet die Wochenzeitung DIE ZEIT in  ihrer aktuellen Vermächtnisstudie gemeinsam mit infas – dem Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bonn – sowie dem WBZ – dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: „Was wollen wir nachfolgenden Generationen gerne mit auf den Weg geben? Was ist uns wichtig?“

 © Juergen Jotzo, Pixelio.de 

Zuflucht bei Mitmenschen

Neben dem Befinden über unser Wir-Gefühl und unser Verhältnis zu Fortschritt (technisch und sozial) haben 200 Wissenschaftler in Deutschland 2070 Menschen für die Studie auch zum Thema Heimat befragt. 89 Prozent der Befragten ist Heimat wichtig, aber nur knapp die Hälfte definiert Heimat über Kultur. Wirkliche Heimat finden Menschen bei anderen Menschen, wo sie sich geborgen fühlen: 80 Prozent bei Familie und Lebenspartner, 68 Prozent bei Freunden und Bekannten.

Gegenentwurf zur Digitalisierung

Das Bekenntnis zur Heimat ist indirekt ein Lob auf den direkten „analogen“ Austausch zwischen Menschen. Das mehrheitliche Heimatverständnis ist auch als Reaktion auf die Digitalisierung zu verstehen, die viele Beziehungen im Familien- und Freundeskreis verändert hat. Wie oft dominiert das Handy gemeinsame Gespräche, Treffen, Abendessen…

 © Jens Bredehorn, Pixelio.de 

Heimat ist ein Gefühl

59 Prozent verbinden Heimat mit Deutschland, weniger als die Hälfte mit einer gemeinsamen Religion. Auch Deutsche mit Migrationshintergrund sehen das so und bestätigen die Mehrheitsmeinung: Heimat ist Geborgenheit.

Ganz Deutschland hat Sehnsucht nach Zusammenhalt. Statt Karriere und Aufstieg suchen die Deutschen nun mehr nach „Sinn und Solidarität“, wünschen sich mehr Zeit für Kinder, Freunde und Freizeit. Der Wunsch nach WIR und Geborgenheit ist übrigens noch größer bei Menschen, die sich vor Kriminalität, Terror und Ausländern fürchten und eine geringe Bildung haben.

Was Experten denken

Die Meinung von ExpertInnen zum Thema Heimat stand Ende Juni 2019 im Fokus – beim 10. Bundeskongress der Kulturpolitischen  Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen. Darüber berichte ich in den nächsten beiden Artikeln.:

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

 

Weiteres zum Thema

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

 

 

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

 © Andreas Hermsdorf, Pixelio.de 

HEIMAT ist wieder in aller Munde. Vielleicht auch deshalb, weil sich viele nicht mehr ganz sicher sind, was Heimat eigentlich bedeutet. Mehrfach umgedeutet und von unliebsamen Kräften okkupiert suchen Experten und Bürger nach einer zeitgemäßen Definition und Positionsbestimmung.

Heimat – eine wilde Karriere

Unser Verhältnis zur Heimat hat über die Jahrhunderte Höhen und Tiefen erlebt. Während die Romantiker noch von der Heimat schwärmten („Seit ich auf deutsche Erde trat, durchströmen mich Zaubersäfte … Heinrich Heine, 1844: Deutschland. Ein Wintermärchen) haben die Nazis sie völkisch vergöttert und missbraucht. Bildungspolitiker strichen die Heimat-Vermittlung in den 1970er Jahren vorsorglich zumindest formal aus den Lehrplänen und ersetzte „Heimatkunde“ mit „Sachkunde“-Unterricht. Erst seit dem Mauerfall erwärmt die Heimat wieder die Herzen, auf unterschiedliche Weise.

Bei der Fußball-WM werden Patriotismus und Heimatbegeisterung von der Mehrheit unterstützt und toleriert. Dass Wutbürger nun den Heimatbegriff bei ihren Aufmärschen kapern, wird mehrheitlich verurteilt. Deren Heimatliebe ist häufig aus einem Abwehrreflex gegen Neuankömmlinge motiviert ist. Dabei ist Heimat groß genug, dass auch Menschen anderer Herkunft integriert werden können. Ein- und Auswanderung hat es in unserer Welt schon immer gegeben, auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen.   

 © Dieter Schütz, Pixelio.de 

Heimatgeschichten

Heimat-Serien auf dem Bildschirm haben seit vielen Jahren Hochkonjunktur. Sie zeichnen meist ein idyllisches und verklärtes Bild, vor allem wenn es um ländliche oder kleinstädtische Regionen geht. Gezeigt werden Landliebe und „Landlust“, wie im gleichnamigen Magazin so, wie Großstädter sie sich ausmalen.

In Heimat-Romanen ist der Blick schon differenzierter, 2015 etwa in Dörte Hansens Debütroman „Altes Land“, dem 2018 mit „Mittagsstunde“ der Blick in ein fiktives nordfriesisches Straßendorf folgte. Dazwischen kreist Juli Zeh in „Unterleuten“ in Brandenburg um Konflikte zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen. Mariana Lekys erzählt über den Westerwald „ Was man von hier aus sehen kann“. Katrin Seddig nennt ihr Buch schlicht „Das Dorf“, Kollege Andreas Moster bekennt „Wir leben hier, seit wir geboren sind“. Bastian Asdonk schreibt „Mitten im Land“ von der Flucht eines Stadtmüden in die Provinz und Alina Helbing in „Niemand ist bei den Kälbern“ über Auf- und Umbruch in Mecklenburg. Alle schweben irgendwo zwischen Verbundenheit und Distanz.

 © Uschi Dreiucker, Pixelio.de 

Sachbücher zur Heimat

Naturgemäß objektiver und faktenorientierter beschäftigt sich das Genre Sachbuch mit dem Heimatthema. Bereits 2011 erschien „Die deutsche Seele“ von Thea Dorn und Richard Wagner, eine alphabetische Reise durch das deutsche Gemüts- und Innenleben. 62 Stichwörter von „Abendbrot“ bis „Zerrissenheit“. Die Autoren erkennen zum Beispiel einen Widerspruch zwischen der Sehnsucht nach Freiheit einerseits, die sich im Tempolimit auf deutschen Autobahnen zeigt, sowie strenger Disziplin, Fleiß und Pflichtbewusstsein andererseits. Ambivalenz manifestiere sich auch in deutscher Kultur, in der Musik von Bachs etwa, die Gefühlseruptionen mit strengem Kontrapunkt verbindet. Ordnung und Chaos fließen also im Deutschsein zusammen. 
In ihrem aktuellen Buch „deutsch, nicht dumpf“ beantwortet Thea Dorn u. a. die Frage, was denn „deutsche Kultur“ sei – auch angesichts der vielfältigen regionalen Kulturen in Deutschland. Dorns Antwort: Man müsse sicher auf dem Boden der eigenen kulturellen Tradition stehen. Nur auf dieser Basis könne man Neues suchen und Fremdes genießen. Zu viele Einflüsse würden das eigene Selbstverständnis überfordern, so Dorn. Aufgeklärter Patriotismus und kosmopolitisches Dasein sollten sich demnach die Waage halten.

Dunja Hayali schaut in Ihrem Buch „Haymatland“ eher nach vorn als zurück: Wie wollen wir zusammenleben? Sie führt Werte auf, die überall in der Welt gelten – im Herkunftsland ihrer Eltern im Irak ebenso wie in Deutschland: Vertrauen, Ehrlichkeit, Loyalität. Vor diesem Hintergrund wirbt sie für Verständnis, dass Menschen mehr als eine Heimat haben können.

Deutschland hat mehr als nur eine Identität, sagt Peter Siebenmorgen in seinem Buch „Deutsch sein“. Unser Land trage eine „düstere Vergangenheit“ und eine  (hoffentlich) „lichte Gegenwart“ in sich. Der Politikwissenschaftler und Journalist sieht die deutsche Nation pragmatisch als „Zufallsgemeinschaft“. Unabhängig von den Wurzeln jedes Einzelnen würden sich die meisten im Land ohnehin nicht persönlich kennen. Das gemeinsame Bindeglied sei im Kern daher nichts anderes „als die Liebe zu Fremden“. Das „Deutsch sein“ könne man sich nicht aussuchen, in welche Tradition man sich stelle, das habe jeder selber in der Hand. „Deutsch sein“ könne und sollte daher schlicht heißen, „sich den guten Traditionen verpflichtet zu fühlen, sich in deren Dienst zu stellen und sie fortzuführen“. 

Zwischen Pflichtlektüre und Provokation

Wie das neue „Deutschland“-Epos von Rammstein zu interpretieren und einzuordnen ist, darüber streiten viele noch. In dem enorm aufwändig produzierte Video zum knapp 10minütigen Song der Band folgen zig Anspielungen auf die deutsche Geschichte und auf diverse Filmblockbuster. Die Szenen sind getränkt in viel Testosteron: Feuer und Waffen, Blut und Gemetzel, Ritter und Nazischergen, die Bandmitglieder selbst an Galgen im KZ, zuletzt Verweise auf RAF und Stasi. Das Ganze immer ironisch gebrochen mit niedlichen Hundewelpen und einer schwarzen „Germania“ – mal in goldener Rüstung, mal mit Pickelhaube oder SS-Uniform (Schauspielerin Ruby Commey). Sieht so deutsche Heimat aus? Zumindest liefert dieses Bild Stoff für Interpretation und Dialoge, wie sie nach der Wende definitiv zu selten geführt wurden und immer noch zu wenig geführt werden. Ob man die Redeversäumnisse um unsere Heimat wieder ausgleichen kann, wird sich zeigen.

Heimat gestern und heute

Heimat hat sich für viele verändert, nicht nur im Osten. Heimatgefühle sind immer an Zeitabschnitte gebunden, an die Kindheit, die irgendwann endet, an ein soziales Gefüge, das sich verändert. Menschen gehen im Laufe der Zeit, neue kommen hinzu und damit auch verschiedene Lebensentwürfe, andere Meinungen, neue Ideen. Heimat bleibt nie gleich, nicht so, wie sie immer war, auch wenn sich das einige wünschen.

 © Jutta Rotter, Pixelio.de 

Heimat verändert sich

Der 1994 geborene Autor Lukas Rietzschel hat versucht, gewachsenes Unbehagen, Wut und Aggression in der ostdeutschen Heimat historisch herzuleiten: gesellschaftliche Umbrüche, zerrissene Biografien, Ignoranz. In seinem Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ zeigt er, wie zwei Brüder in der sächsischen Provinz auf die neue Zeit mit neuen Mitbürgern reagieren, unterschiedlich, blindwütig, resigniert, und wie sie am Ende vor Veränderungen kapitulieren.

Diffuse Angst

Im Dokumentarfilm „Kleine Germanen“ von Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh, einer Mischung aus realen Szenen und animierten Zeichnungen, mahnt der Großvater seine Enkelin: „Wir müssen unsere schöne Heimat beschützen!“ „Wovor?“ – fragt das Mädchen. „Vor dem Fremden“. Das Mädchen weiß nicht, wie sie sich „das Fremde“ vorzustellen hat, Sie hatte noch keinen Kontakt mit Fremden. Doch die Warnung des Großvaters lässt sie eine diffuse Angst vor dem Fremden entwickeln und vor Veränderung im Allgemeinen.

 © Lutz Stallknecht, Pixelio.de 

Gesinnungsdebatte Heimat

Was und wie Heimat zu sein hat, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Die Doku „Kleine Germanen“ zeigt die völkische Wunschvorstellung der Neuen Rechten auf Wahlkampfplakaten der NPD: „Deutsche Kinder braucht das Land. Aus Liebe zur Heimat.“ Höchste Zeit, dass das Thema Heimat von demokratischen Kräften zurückerobert und im Sinne einer offenen Gesellschaft gesehen wird. Die Politik hat es immer wieder mühsam mit Überlegungen zur „Leitkultur“ versucht, um heimat zu definieren und verbindliche Re­geln für un­ser­ Zu­sam­men­le­ben zu formulieren (siehe Bundestagswahl 2002). Mit diesem Ziel wurde 2018 wohl auch das Heimatministerium an das Innenministerium angegliedert.

Konkrete Maßnahmen werden in diesen Wochen noch geplant – inklusive Einheitsfeier zum Jubiläum „30 Jahre Friedliche Revolution, 30 Jahre Deutsche Einheit“ 2019/20. Spätestens dann sollte sichtbar werden, wie dynamisch und vielfältig die Heimat in Deutschland ist und schon immer war. Angela Merkels emotionale Assoziation zu Deutschland ist übrigens mit solider Stabilität verknüpft – im Sinne von „Qualität made in Germany“, 2004 sagte sie „: „Ich denke an dichte Fenster! Kein anderes Land kann so dichte und so schöne Fenster bauen.“ (Quelle: Wikiquote)

 © Dieter Schütz, Pixelio.de 

Dialog über den Heimatbegriff

Wenn Politiker schweigen bzw. sich winden, springen Kreative und Kulturakteure ein. Der Rheinland-Pfälzische Kultursommer 2019 hat sich das Motto Heimat(en) auf die Fahnen geschrieben – mit Veranstaltungen, Gesprächen, Diskurs und Austausch. Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg rückt im Juni 2019 Heimat und Identität ins Zentrum seiner aktuellen Fotoausstellung Here We Are Today. Bereits im März 2018 richtete der Westfälische Heimatbund seinen ersten NRW-Heimatkongress aus. 

Ende 2018 schaltete sich die Kulturpolitische Gesellschaft KUPOGE mit ihrer Publikationsreihe „Kulturpolitischen Mitteilungen“ in die Identitätsdebatte ein und widmete Heft 163 IV/2018 dem Thema Kulturpolitik für ländliche Räume. Der Deutsche Kulturrat wiederum näherte sich in ihrem Magazin Politik & Kultur im  März 2019 dem Themenschwerpunkt unter dem Motto Heimat – Kunst. Im Juni 2019 nahm die KUPOGE das Thema nochmals intensiv mit ihrem 10. Bundeskongress unter die Lupe: KULTUR.MACHT.HEIMATen. Wie einerseits die Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken (siehe ZEIT-Vermächtnisstudie) und andererseits die ExpertInnen, RednerInnen, PodiumsteilnehmerInnen und Gäste beim KUPOGE-Bundeskongress – darüber berichte ich in meinen nächsten Blogbeiträgen:

Weiteres zum Thema:

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

 

 

Warum wir für unser Handeln Geschichten und Visionen brauchen

 © Angelina Ströbel, Pixelio.de 

Die meisten von uns wollen Teil von etwas Großem sein. Das zeigen aktuell viele engagierte Jugendliche, Wissenschaftler und weitere Unterstützer in der Fridays for FutureBewegung. Wir sehnen uns danach, etwas Sinnstiftendes zu tun oder daran mitzuwirken. Unsere Motivation wächst, wenn wir uns vorstellen, wie bzw. wie viel besser unser Leben in Zukunft aussehen könnte. Dabei helfen uns neben sachlichen Fakten (z. B. gegen das Ignorieren des Klimawandels) gerade auch Utopien und Geschichten, die unsere Vorstellungskraft wecken und unser Handeln beflügeln.

Status Quo überprüfen

Kreative Ideen entstehen, wenn wir unsere Gegenwart auf den Prüfstein stellen. Unsere Unzufriedenheit mit Bestehendem ist der Treibstoff für Veränderungen, für neue Erfindungen, (Kunst-)Werke und Geschäftsmodelle. Wenn wir unsere Ideen als Geschichten in die Welt hinaustragen, fordern wir andere zur Auseinandersetzung auf. Wie ist es heute? Wie können wir es in Zukunft besser machen? Bevor realen Projekte zum Schutz unserer Meere starten konnten, hatten junge Menschen einen Traum: Das Meer vom Müll zu befreien. Sie beobachteten das Meer, entwickelten Pläne, träumten „Was wäre wenn…? und formulierten ihren Traum in der Öffentlichkeit. Viele Meeresvisionäre gingen so vor, u. a.  The Ocean Clean UpThe Seabin ProjectHealthy Seas, die Seekuh vom Verein One Earth – One Ocean, „Fishing for Litter“ von KIMO  und dem deutschen NABU sowie Pacific Garbage Screening (PGS) von der deutschen Architektin Marcella Hansch.

 © Pacific Garbage Screening – schwimmende Plattform zur Müllentnahme

Keimzellen für gute Geschichten

Was die Genres Buch, Film, Theater, Oper, Game mit Popularität nährt, macht als „Superfood“ auch Marken, Produkte, Unternehmen und Entrepreneure gewichtiger. Wir brauchen kreative Geschichten, um unser komplexes Leben kritisch zu betrachten, um Position zu beziehen, unser Tun zu reflektieren und uns zu identifizieren. Storytelling heißt es neudeutsch.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de 

Vorausdenken

Aus Zeiten nüchterner Realpolitik stammt das Zitat von Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“(Schmidt 2010). Eine glatte Fehleinschätzung! Visionen sind keine Krankheit, sondern die Kunst, das vorauszusehen, was andere noch nicht sehen. Visionen  zeigen uns unsere Wünsche, wie wir künftig leben wollen. Wir begreifen, was einmal sein kann. Indem wir unsere Visionen in Geschichten verpacken und weitererzählen, ermutigen wir uns zum Engagement! Geschichten motivieren uns, verleihen uns Flügel, in kleinen Projekten und großen Prozessen. Politik und Wirtschaft, Bildung und Kultur können davon enorm profitieren, im Sinne von Joseph Beuys: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden, sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“

Zukunftsentwürfe

Pablo Picasso sagte einmal: „Alles, was Du Dir vorstellen kannst, ist real.“ In diesem Sinne spornte John F. Kennedy 1961 eine ganze Nation an, „Wir haben uns entschlossen, einen Menschen zum Mond zu schicken und ihn wieder sicher zur Erde zurück zu bringen.“ (Kennedy 1961).“ Eine klare Botschaft, eine Geschichte mit einem Ziel, das Vorfreude auf die Zukunft weckt. „Geschichten sind das stärkste Medium der Menschheitsgeschichte“ (Welzer 2016), bestätigt der Soziologe Harald Welzer.

Motor für unsere Motivation

Geschichten wirken auf Hirn und Herz, sprechen uns rational an und binden auch unsere Emotionen und unsere Ethik ein. Visionäre Geschichten befähigen uns, nicht nur in kurzatmigen Wahlperioden zu denken, sondern unsere Zukunft nachhaltig zu planen, über das Hier und Jetzt hinauszuwachsen. Sie helfen uns dabei, Durststrecken zu überstehen, Rückschläge und Widerstände zu überwinden.

Was man sich nicht vorstellen kann, wird vermutlich nicht eintreten: „Man springt nur so weit, wie man im Kopf schon ist“, erklärt Skisprung-Weltmeister Jens Weißflog den Zusammenhang. Kein Spitzensportler oder Spitzenmusiker könnte das Über-Sich-Hinauswachsen und das kräftezehrende Trainings- und Übungsprogramm bewältigen, wenn er nicht das zukünftige Glücksgefühl auf dem Siegerpodest vor Augen oder den Publikumsapplaus im Ohr hätte. Eine Kraft, die uns enormen Antrieb und Halt geben kann.

Geschichten des Gelingens von heute

Wir brauchen nicht nur Geschichten von der Zukunft. Wir brauchen auch Geschichten von heute, von bereits geglückten Projekten, die uns kleine Schritte auf dem Weg zur großen Vision zeigen, wie sie der konstruktive Journalismus zeigt, repräsentiert u. a. durch das enorm-Magazin, perspective daily, die Podcast-Reihe NDR Info Perspektiven, das Futurzwei-Magazin und TRAFO (machen, deuten, träumen) – der Zukunftsalmanach von Futurzwei. Jede Vision braucht einen konkreten Weg, ein Wie, auf welche Weise und mit welchen Aktivitäten wir eine menschliche und lebenswerte Gesellschaft gestalten können.

Die medialen Kanäle dürfen nicht von entmutigenden Fehlentwicklungen, Katastrophen und Tragödien verstopft werden. Es muss Raum bleiben für Geschichten über bereits gelungene Beispiele und Modelle einer friedlichen, gerechten und offenen Gesellschaft mit Gemeinwohl und Demokratie, mit Chancengerechtigkeit, und Naturschutz und eingepreisten Umweltkosten in ökonomischen Kalkulationen. Dafür brauchen wir Kreativität, Gestaltungswillen und Vorbilder, Freiheit und Mut.

 © Uta Thien Seitz, Pixelio.de 

Agieren oder reagieren

Fragen wir uns also selbst, was wir wollen: agieren oder reagieren? Wollen wir Spielmacher sein oder Spielball? Wollen wir unser Leben eigenständig formen oder fremdgesteuert und getrieben werden? Wie wir diese Frage beantworten, beeinflusst maßgeblich unsere Zufriedenheit und unser emotionales Wohl. Freiheit ist die Abwesenheit von Angst! Und wer prägt die Geschichten und Bilder unserer Heimat, vor allem die Zukunft in den ländlichen Regionen und den neuen Bundesländern? Davon erzähle ich in meinem nächsten Blogartikel.

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Spekulative Arbeit: Welchen Wert hat das Immaterielle?

 © Von Glitschka, No!Spec/CreativePro.com

Was ist uns eine kreative Idee wert? Was kostet ein Ideen-Konzept, das (noch) nicht fassbar ist? Fakt ist: Ein Kreativer investiert dafür viele Stunden Recherche und gedankliche Vorarbeit. Dennoch werden Konzepte von Auftraggebern meist pro bono vorausgesetzt. Warum eigentlich?

Vorschussarbeit auf eigenes Risiko

Bevor ein Auftrag erteilt und ein Projekt finanziert wird, brauchen Auftraggeber Ideen, Konzepte, Kostenpläne – für Architektur-, Design-, Wissens-, Kultur- und  Kunstprojekte, für Ausstellungen und Publikationen, für Kreativ-Workshops und Kulturveranstaltungen. Das ist nachvollziehbar, denn wer will schon die Katze im Sack kaufen.

Unverständlich ist jedoch, dass Konzepte fast nie honoriert werden. Anders als in anderen Branchen wird von Kreativen oft kostenfreie Arbeit erwartet.  Vorschussarbeit, die der Kreative auf eigenes Risiko leistet. Spekulative Arbeit also, von der die Kreativen nicht wissen, ob sie sie jemals vergütet bekommen. Inakzeptabel, zumal zusätzlich die Gefahr besteht, dass die Ideenkonzepte von den Auftraggebern selbst realisiert oder an andere Kreative übertragen werden, die die Konzepte dann zu Dumpingpreisen realisieren. Beispiele aus der Praxis gibt es zuhauf!

Loriots Erfahrung mit spekulativer Arbeit

Über das Thema „Spekulative Arbeit“ ist schon viel und oft geschrieben worden. Es ist so alt, seit es Künstler gibt.  Schon 1950 berichtete Loriot wütend an seinen Vater: „Ich habe von der Kurverwaltung Norderney die Aufforderung erhalten, ein Werbezeichen für das Kurbad zu entwerfen. Ich soll zunächst ‚kostenlos und unverbindlich‘ Skizzen einreichen – mit der Aussicht, dass bei Gefallen eine davon erworben würde. Also ein ganz unklares, lächerliches Ansinnen. Ich gehe doch auch nicht in einen Fleischerladen, hake mir eine Wurst ab, esse sie auf und sage dann, sie schmeckt mir nicht!“ (Spaeth 2016

Immaterielle Vermögenwerte und Markterschließung

Das Finanzamt misst immaterielle Werte übrigens steuerlich mit zweierlei Maß. Warum es bestimmte immaterielle Vermögenswerte anerkennt und andere nicht, erschließt sich mir nicht immer ganz schlüssig. So können forschende, industrielle Unternehmen z. B. Ausgaben für Probebohrungen und Gebietserschließungen kostenmindernd in ihre Steuerbilanzen einbringen.

Wenn Kreativschaffende immateriell in die Markterschließung investieren, können sie dies nicht geltend machen. Das Finanzamt erkennt das nicht an. Warum eigentlich nicht? Recherchen und Konzepte dienen doch ebenfalls der Erkundung des Marktumfeldes und sind Voraussetzung für ein erfolgreiches Projekt. Ohne ein stimmiges Konzept bleiben auch Fördergelder verwehrt. 

Diese steuerliche Benachteiligung wiegt um so schwerer, weil Konzepte nur selten bezahlt bzw. vergütet werden. Auch die meist aufwändigen Antragsverfahren zur Generierung von (staatlichen) Fördergeldern müssen von den Antragstellern ohne Vergütung absolviert werden. In der Kreativbranche ist dies Alltag. Warum ist das in diesen Branchen so und in anderen nicht? Welcher Unternehmensberater würde kostenfrei Konzepte erstellen? Welcher Rechtsanwalt oder Steuerberater würde ohne Honorar Klienten beraten? 

Perspektivwechsel

Was spekulative Arbeit in anderen Branchen bedeuten würde, zeigt ein kurzer unterhaltsamer (englischsprachiger) Filmclip von Frank Zulu bzw. seiner Agentur Zulu Alpha Kilos: 

Künstlerhonorare

Auch wenn diese Vergleiche für manche hinken mögen, führt gerade der Perspektivwechsel zur erhellenden Erkenntnis, wie auch folgende kleine Geschichte des Bloggers Thomas Breuss zeigt (Breuss 2015):

Die Anfrage: „Wir sind ein kleines Restaurant und suchen auf diesem Wege Musiker, die bei uns spielen wollen, um bekannt zu werden. Wir können zwar keine Gage zahlen, aber wenn die Musik bei unseren Gästen ankommt, können wir an den Wochenenden Tanzveranstaltungen anbieten. Wenn Sie also bekannt werden möchten, melden Sie sich bei uns.“

Die Antwort: „Wir sind eine Gruppe Musiker, die in einem recht großen Haus wohnt. Wir suchen ein Restaurant, das gelegentlich bei uns Catering macht, um bekannt zu werden. Wir haben zwar kein Geld, aber wenn allen Ihr Essen schmeckt, können wir das gern regelmäßig machen. Das wäre eine gute Reklame für Ihr Restaurant. Melden Sie sich gerne bei uns.“

Dass solche Anfragen Alltag sind, zeigt folgende Reklame des Berufsverbandes bildender Künstler Berlin, der für die Belange seiner Mitglieder so warb:
„Ich bin ein Künstler. Das bedeutet nicht, dass ich umsonst arbeite. Meine Rechnungen muss ich bezahlen wie Sie auch. Danke für Ihr Verständnis!“

 © soundpool-records.com

Selbsterfahrung

Mich selbst erreichen immer wieder Anfragen für kostenfreie Texte, Konzepte, Vorträge u. ä. Meist kommen sie von Veranstaltern oder von festangestellten Mitarbeitern aus Behörden, Kommunen, Verlagen und Vereinen. Ich betone das deshalb, weil ein Selbständiger nie auf die Idee käme, einen anderen Selbständigen bitten würde, ohne Honorar zu arbeiten. Stellen Sie sich andererseits einmal vor, man würde einen Festangestellten bitten, ohne Lohn zu arbeiten…

Kürzlich schickte mir ein Dachverband mit 8 Millionen! Mitgliedern in Deutschland eine Anfrage. Man bat mich im Erstkontakt um einen vierseitigen Magazinartikel mit viel fachlichen Expertise. Ich bekundete zunächst mein grundsätzliches Interesse und erkundigte mich nach dem Honorar. Erst auf meine Nachfrage hin, teilte man mir mit, dass es kein Honorar gäbe (s.u.). Autoren würden ihren Beitrag „als persönliche Unterstützung eines gemeinsamen Anliegens“ honorarfrei zur Verfügung stellen. Ich lehnte ab und verwies in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens. Nur unter dieser Voraussetzung könne ich solche honorafreien Anfragen leisten. Solange es das BGE nicht gibt, muss ich als selbständige Unternehmerin mein Einkommen mit bezahlten Aufträgen finanzieren. 

Weiteres Praxisbeispiel 

Während ich diesen Artikel schreiben, entdecke ich in den sozialen Medien einen Wettbewerbsaufruf für die künstlerische Gestaltung einer Hausfassade eines öffentlich geförderten Vereins. Da heißt es: „Zu gestalten sind 174 x 60 cm große Flächen, die sich in unsere Hausfassade integrieren. Dafür werden PVC Platten mit den Kunstwerken in den dafür vorgesehenen Nischen befestigt. Unter allen Einsendungen werden neun Kunstwerke für die Gestaltung der Fassade ausgewählt. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie unseren Aufruf teilen könnten und freuen uns auf die Einreichungen.“ Auf die Nachfrage, welches Honorar für die Teilnahme am Wettbewerb gezahlt werde bzw. wie hoch ist das Preisgeld für den/die Gewinner/in sein, kam diese Antwort: „Es gibt tatsächlich keinen materiellen Gewinn. Die KünstlerInnen erhalten eine Fläche im öffentlichen Raum zur freien Gestaltung und haben zudem die Möglichkeit, etwas Gutes zu tun und einem soziokulturellen Zentrum dabei zu helfen, dass an dessen Fassade statt „XY“ coole Kunst zu sehen gibt. Das klingt erstmal nicht viel, soll aber KünstlerInnen zu Beteiligung und Mitgestaltung … anregen.“

 © bbk berlin e.V.

Umdenken

Unsere Gesellschaft braucht generell ein anderes Verhältnis im Umgang  mit Ideen und immateriellen Werten. Nicht alles lässt sich beziffern und hat dennoch einen Wert: Was kosten Vertrauen, Zufriedenheit, ein Lächeln, ein Dankeschön?  Welchen Preis haben Freiheit und Wissen, Gesundheit und soziale Bindung, Wertschätzung und Vertrauen, Liebe und Freundschaft, Arbeitskraft und Resilienz? Wie beziffert man den Wert des Immateriellen?  Werte bemessen sich nach Emotionen. Das zeigen Marken ebenso wie die Preise am Kunstmarkt und an der Börse. Mehr Psychologie als Berechnung.

Der Wirtschaftsjournalist Wolf Lotter plädiert für ein generelles Umdenken. Nach der Industriegesellschaft brauche es in der Wissensgesellschaft eine „Ideenwirtschaft der Vielfalt“, deren Schlüsselbegriff Qualität sei, denn: „Ideenleistungen sind keine Frage der Stechuhr.“ (Lotter 2009, S. 12) 

Immaterielles neu bewerten

Immaterielle Werte sind zudem häufig subjektiv und können nur über Umwege gemessen werden: Follower, Klickzahlen, Seitenimpressionen, Voraussagen, Bewertungen durch Ratingagenturen oder Kunstexperten. Werte hängen stark mit Vertrauen, Glaubwürdigkeit und einem guten Gefühl zusammen, mit der „Frage nach dem Warum“ (vgl. Sinek 2014). Wer erklären kann, wofür die eigene Organisation oder Institution steht, ohne dabei quantitativ messbare Kriterien anzuführen, wie Preis oder Funktion, ist auf dem richtigen Weg. Nicht das Was entscheidet, sondern das Warum! Das Warum deutet auf innere, biografische und emotionale Schubkräfte und zeigt, welcher Sinn im Mittelpunkt des eigenen Tuns steht.

Geld mag ein probates Mittel sein, um Produkte oder Dienstleistungen zu bewerten. Die wirklich wichtigen Werte können nicht mit Geld bemessen werden. Ohne emotionalen Wohlstand zählt materielles Vermögen wenig. Nur weil jemand viel Geld verdient, heißt das nicht, dass er auch Werte erzeugt (siehe Hedgefonds, Rohstoffwetten). Im Umkehrschluss: Wenn jemand nur wenig Geld für seien Arbeit erhält (siehe KindergärtnerInnen, (Alten-)PflegerInnen, FriseurInnen), bedeutet das nicht zwingend, dass er/sie keine oder nur geringe Werte schafft.

Initiative für faire Arbeitsbedingungen

Für angemessene Honorare und faire Arbeitsbedingungen engagiert sich u. a. die Initiative artbutfair. Sie ist Dach für drei gemeinnützige Vereinen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Sitz des deutschen Vereins ist Hamburg. Auch der Deutsche Kulturrat unterstützt die Initiative (Kurzdarstellung auf S. 5), die Missstände in der Praxis sichtbar machen will, Veranstaltungen ausrichtet und auf Austausch setzt. 

Erklär-Trickfilm – Was ist spekulative Arbeit?

Hutsalon, Kürschnerei, Kreativ-Hof und Schmiede in Mecklenburg-Schwerin

 © Albrecht E. Arnold, Pixelio.de

Podcast MK 39: Manufakturen Teil 4 im Garten-und Seenland Mecklenburg-Schwerin

Der Hutsalon Rieger in Schwerin

Fein herausgeputzt: Sagen Sie bloß nicht „Hutmacher“. Damit outen Sie sich als kompletter Dilettant. Genoveva Rieger und ihre Tochter Marie-Antonett sind „Putzmacherinnen“. http://hutsalon-rieger.de

Die Kürschnerei Götz Weidner in Schwerin

Ein Pelz fürs Leben: Wer bei der Kürschnerei an reiche, alte Damen in schweren, langen Pelzmänteln denkt, erlebt im Atelier von Götz Weidner in Schwerin eine Überraschung. Flauschig, leicht und kurz geschnitten sind die Jacken in der Auslage. http://www.weidner-pelze.de

Der Rothener Hof

Selbermachen als Wertschätzung: Am Anfang war der Kuhstall. Ein architektonisch reizvolles Gebäude, zu schade, um es verfallen zu lassen. Und so gründete sich im Jahr 2000 in Rothen ein Verein, um den Kuhstall zu erhalten und wieder zu beleben. Heute sind dort sieben verschiedene Werkstätten angesiedelt, und jeder Handwerker besetzt eine besondere Nische. Eine Metallwerkstatt, eine Möbeltischlerei, eine Druckerei mit Handpressen, eine Obst-Mosterei und eine Gaststätte bilden die Gemeinschaft im Rothener Hof. Wirtschaftlich gesehen, ein „Mikro-Cluster“, der perfekt ineinander greift und immer weiter wächst. 2009 eröffnete die Glas- und Medienkünstlerin Daniela Melzig ihr Atelier. Achim Behrens ist von Haus aus eigentlich Tischler. http://www.rothenerhof.de

Die Schmiede Radsack in Stresdorf

Familienbetrieb der Zukunft: Tradition bedeutet, das Althergebrachte nicht nur kommenden Generationen zu überliefern, sondern immer weiter zu entwickeln und neuen Bedürfnissen anzupassen. Manchmal entsteht daraus wie im Handumdrehen ein neuer Geschäftszweig. So war es in der Schmiede Radsack in Stresdorf bei Gadebusch. Birger und Coco Radsack suchten eigentlich nur nach einer Unterbringung für ihren Praktikanten. Herausgekommen sind schließlich hochmoderne mobile Wohnungen, neudeutsch: Tiny houses genannt.

https://www.schmiede-radsack.de

Die Interviews führte meine Verlagskollegin Corinna Hesse. Sie hat mit den kreativen Machern gesprochen – über das Handwerk, über das Leben, über die Zukunft.

Besuchen Sie mit uns 16 Manufakturen (Beitragsreihe und Podcast in vier Teilen) und ihre schöpferischen Inhaber.

Teil 1: Mode- und Möbeldesign, Goldschmiede, Buchdruck: Kunst-Handwerker in Mecklenburg-Schwerin

Teil 2: Holzbildhauerei, Taschenmanufaktur, Uhren, Kindermöbel: Kunst-Handwerker in Mecklenburg-Schwerin

Teil 3: Porzellan- und Textilmanufaktur, Gravur-Atelier: Kunst-Handwerker in Mecklenburg-Schwerin

Teil 4: Hutsalon, Kürschnerei, Kreativ-Hof und Schmiede: Kunst-Handwerker in Mecklenburg-Schwerin

Kulturlandschaften im Norden

Die ManufakTouren-Route entstand für die Metropolregion Hamburg im Rahmen des Leitprojektes KulturLandschaftsRouten (2016-2018). Entwickelt wurden insgesamt fünf neue Erlebnisrouten sowie Hörgeschichten mit je 15 bis 20 Tracks pro Region, die zu Hause oder per Smartphone auch unterwegs gehört werden können.

 

Porzellan- und Textilmanufaktur, Graveur-Atelier in Mecklenburg-Schwerin

 © Kurt Michel, Pixelio.de

Podcast MK 38: Manufakturen Teil 3 im Garten-und Seenland Mecklenburg-Schwerin

Die erste Mecklenburgische Porzellanmanufaktur in Sukow

Gefäße aus Licht: Um aus Tonerde das „weiße Gold“ herzustellen, braucht es Geduld. Die Werkstatt von Kerstin Behrens in Sukow ist zweigeteilt. Die erste Abteilung ist der „Manschraum“. Hier wird die Porzellanmasse zusammengerührt und gebrannt. Dann beginnt Kerstin Behrens im lichtdurchfluteten Atelier zu malen. Vor dem ersten Pinselstrich allerdings kommt eine Art Ritual. http://porzellan-manufaktur.de

Die Manufaktur Basthorst

Filzen als Philosophie: Wer die Textilgestalterin Claudia Stark in ihrer Manufaktur Basthorst bei Crivitz besucht, gewinnt zunächst vor allem eins: Zeit!
https://claudia-stark.jimdo.com/werkstatt-laden

Die Graveurmeisterin Carola Frericks in Schwerin

In der Tiefe glänzend: Ein Frauenberuf, der auf die Knochen geht. Wenn Carola Frericks in ihrem Atelier in der Schweriner Münzstraße den Stichel in das Metall treibt, dann ist das Schwerstarbeit. http://www.gravur-manufaktur.de

 Die Interviews führte meine Verlagskollegin Corinna Hesse. Sie hat mit den kreativen Machern gesprochen – über das Handwerk, über das Leben, über die Zukunft.

Besuchen Sie mit uns 16 Manufakturen (Beitragsreihe und Podcast in vier Teilen) und ihre schöpferischen Inhaber.

Teil 1: Mode- und Möbeldesign, Goldschmiede, Buchdruck: Kunst-Handwerker in Mecklenburg-Schwerin

Teil 2: Holzbildhauerei, Taschenmanufaktur, Uhren, Kindermöbel: Kunst-Handwerker in Mecklenburg-Schwerin

Teil 3: Porzellan- und Textilmanufaktur, Gravur-Atelier: Kunst-Handwerker in Mecklenburg-Schwerin

Teil 4: Hutsalon, Kürschnerei, Kreativ-Hof und Schmiede: Kunst-Handwerker in Mecklenburg-Schwerin

 

Kulturlandschaften im Norden

Die ManufakTour-Route entstand für die Metropolregion Hamburg im Rahmen des Leitprojektes KulturLandschaftsRouten (2016-2018). Entwickelt wurden insgesamt fünf neue Erlebnisrouten sowie Hörgeschichten mit je 15 bis 20 Tracks pro Region, die zu Hause oder per Smartphone auch unterwegs gehört werden können.