Jörg Klingohr – Coach, Comedian, Moderator, Unternehmer

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Jörg Klingohr ist in Mecklenburg geboren und will für sein Heimatland Verantwortung tragen. Er ist nach dem Studium der Wirtschaftspsychologie nach MV zurückgekehrt und ist dort in vielen Rollen aktiv: als Coach, Comedian, Moderator und Unternehmer.

Alte Substanz neu belebt

Im Jahr 2000 kauft er symbolisch für eine D-Mark eine alte Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG), baut sie mit viel Herzblut und Engagement zum Bauernhof und Familienhotel um. Den Namen Bauer Korl‘s Golchener Hof lehnt er an seine Kunstfigur Bauer Korl an.

Offenes Ohr

Mit „Bauer Korl“ tourt Jörg Klingohr an Wochenenden als Comedian durch das Mecklenburger platte Land. So lernt er nicht nur viele neue Dörfer, sondern auch die Befindlichkeiten, Sorgen, Nöte, Ängste der BewohnerInnen in Mecklenburg kennen. Was ihm wiederum in seinem Hauptberuf zugute kommt: Als Wirtschaftspsychologie und Coach arbeitet er seit 2002 mit Führungskräften und Mitarbeitern taucht in regionale Wirtschaftskreisläufe ein und trägt Verantwortung für die Gemeinschaft, nicht zuletzt auch in seinem Golchener Hof.

 © Golchener Hof, Jörg Klingohr

Mischnutzung mit vielen Ideen

Er bietet dort viel Raum für Konzerten und Comedy, Hochzeiten und Betriebsfeiern, Tagungen und Seminare, wo er auch als Moderator nachfragt und zuhört. Und die Pläne gehen immer weiter: Neben einem Heuhotel ist 2015 eine soziale Betreuungseinrichtung für Jugendliche entstanden, 2016 die erste Bauernhof-Kita in der Region „De Dörpkinner“ und 2017 eine kleine Bauernhofkirche, die Besuchern und Gästen für Trauungen und innere Einkehr zur Verfügung steht.

  © Jörg Klingohr

Sozialhydrauliker

Was fasziniert Jörg Klingohr am Leben und Arbeiten in Mecklenburg? Auf welche Hürden trifft er bei seinen Unternehmungen? Mit welchen Denkblockaden seiner Mitmenschen in MV wird er konfrontiert? Und was braucht MV, damit es viel mehr murige Raumpioniere wie ihn gibt, die das Bundesland mit viel Energie gestalten? Das frage ich Jörg Klingohr – den Macher mit vielen Talenten, Interessen, der immer ein offenes Ohr hat. Und der sich selbst „Sozialhydrauliker“ nennt.

Podcast-Interview

Links

Golchener Hof: https://www.golchenerhof.de/

Bauer Korl: https://www.golchenerhof.de/veranstaltungen-und-events.html        

wi.ps – Wirtschaftspsychologisches Institut: https://www.wips24.de/profil.html

Soziale Innovationen: neue Lösungen für neue Rahmenbedingungen

 © MassivKreativ

Der Begriff Innovation wurde lange rein technologisch aufgefasst. Erst 2009 nahm die EU das Schlagwort „soziale Innovation“ in ihr Wirtschaftsprogramm „Europa 2020“ auf. Sozialwissenschaftler weisen schon lange darauf hin, dass jeder technischen Innovation meist eine soziale Innovation vorausgeht. Und jede technologische Innovation hat stets auch eine soziale Relevanz. Mobiltelefone und Mikrokredite etwa geben Millionen Menschen in Entwicklungsländern die Chance auf Selbstermächtigung und Selbstständigkeit.

Folgen durchdenken 

Soziale Innovationen bieten Lösungen für neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Bevor technische Lösungen greifen und Prozesse digitalisiert werden können, müssen sie analog im sozialen Kontext durchdacht und betrachtet werden: Welche Folgen hat unser Handeln? Plane ich meine Projekte „gewissen-haft“? Kreativschaffende „erfinden“ und realisieren daher vor allem soziale Innovationen, die dazu führen, das wir anders zusammenleben (WGs, CoLiving), anders arbeiten (CoWorking, digitale Nomaden), anders konsumieren (Teilen), Leistungen anders entlohnen (zahl, was es Dir wert ist) oder anders mit Krisen umgehen (Kurzarbeit statt Kündigung). Häufig werden auf globale Herausforderungen lokale Lösungen gefunden. Soziale Innovationen bringen spürbar positive Effekte, sie wirken funktional, emotional und sozial.

 © Midas Kempcke

Wertschöpfung weiter denken

Durch soziale Innovationen lösen Kreativschaffende Probleme oder Bedürfnisse besser als mit bisher etablierter Praktiken. Sie treten dafür ein, dass der Begriff der wirtschaftlichen Wertschöpfung weiter gefasst wird als bisher. Wertschöpfung muss als Gesamtheit von Gesellschaft, Umwelt und Nachhaltigkeit begriffen werden, indem einerseits Sozialwachstum und Wohlfühleffekte wirtschaftliche Beachtung finden und andererseits bisher kostenfrei genutzte Umweltressourcen eingepreist werden.  

Ländlicher Raum

Lia Mertens hat in ihrer Masterarbeit Förderung der Dorfentwicklung durch soziale Innovationen auf die Bedeutung von nicht-technologischen Innovationen hingewiesen, die gerade im strukturschwachen ländlichen Raum wichtig seien, wo es viele Defizite im Zuge einer schwindenden Daseinsvorsorge zu bearbeiten gelte. Hier böten Impulse von Kreativschaffenden wertvolle Chancen: „Soziale Innovationen sind immateriell geprägt und zielen auf die Verbesserung von sozialen Praktiken ab. Damit soll beispielsweise erreicht werden, dass besser auf Bedürfnisse der Menschen eingegangen werden kann. Durch die Beeinflussung sozialer Praktiken wird auch die Entwicklung einer Gesellschaft stark geprägt. Nicht nur Strukturen werden zum Teil modifiziert, sondern auch ihre ethischen Normen überdacht und beeinflusst…“ (S. 17)

  © Lia Mertens, Masterarbeit S. 18

Entlastung durch Innovationen 

Ein Blick in die Geschichte: Die Erfindung der Waschmaschine brachte den Erwachsenen Entlastung im Haushalt und verschaffte den Kindern indirekt mehr Vorlesezeit. Das Internet erleichterte mit seinen vielfältigen Anwendungen Arbeitsleben und Freizeit. Soziale Innovationen brauchen eine Kultur der Kooperation zwischen Menschen verschiedener Lebensbereiche, zwischen Politik, Wirtschaft, Bildung und Zivilgesellschaft, zwischen unterschiedlichen Disziplinen, Ländern, Geschlechtern und Altersgruppen.

 © TU Dortmund, SI-DRIVE, Studie Soziale Innovationen

Studie zu sozialen Innovationen

Die Sozialforschungsstelle der TU Dortmund hat 2017 die erste globale Studie zu sozialen Innovationen veröffentlicht. Für das Leitprojekt SI-DRIVE wurden mehr als 1.000 Initiativen sozialer Innovation auf allen Kontinenten und in unterschiedlichen Politikfeldern untersucht in den Bereichen Bildung und Lebenslanges Lernen, Beschäftigung, Umwelt und Klimawandel, Energieversorgung, Transport und Mobilität, Gesundheit und Sozialfürsorge sowie Armutsbekämpfung und nachhaltige Entwicklung. Das Fazit: Bürger, Wirtschaft und Staat müssen sich vernetzen, um soziale Innovationen voranzutreiben, z. B. die Kultur des Teilens von Gegenständen, Räumen und Wissen, für mehr Gemeinwohl, Ökologie und Nachhaltigkeit (vgl. Corinna Hesse: zukunft-leben-nachhaltigkeit, Hörbuch und Wissensportal).  

Wann ist eine Erfindung innovativ?

Mit einer Innovation wird eine kreative Idee wirksam, die neue Technologien und soziale Aspekte verbindet. So können neue Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle entstehen, die das Leben Einzelner oder der gesamten Gesellschaft positiv verändern. Kreativität kann bisheriges Handeln und Verhalten wandeln, wie folgende Fallbeispiele zeigen:

Öko-Dorf der Zukunft „ReGen Villages“

Mit etwa 25 Häusern ist ReGen Villages ein Modellprojekt in der Nähe von Almere in den Niederlanden. Es soll ländlichen Regionen eine Perspektive für neue Herausforderungen bieten, wie Ressourcenknappheit, Bevölkerungswachstum, Urbanisierung. Dank neuer Technologien regelt das Dorf in Selbstversorgung völlig unabhängig seine Energie- und Nahrungsmittelproduktion, die Wasserversorgung und Müllentsorgung. Fischzucht wird mit Pflanzenanbau in Hydrokultur kombiniert, die Ausscheidungen der Fische dienen als Dünger. 

 © Jutta Kühl, Pixelio.de

Foodsharing

Gemeinwohlideen trieben die Aktivisten Raphael Fellmer und Marius Diab an. Beide lebten längere Zeit ohne Geld von dem, was andere gespendet oder aussortiert
hatten. Sie versorgten sich und ihre Familien mit weggeworfenen Lebensmitteln und begründeten die soziale Bewegung des foodsharings (Fellmer 2017).

Kreativ gegen Landminen

Tausende Menschen sterben jährlich durch Landminen. Der 14-jährige Inder Harshwardhan Zala möchte das ändern. Er hat eine Drohne mit einem leichten Sprengsatz entwickelt, die knapp über dem Boden fliegend Landminen aufspüren und entschärfen kann. Die indische Regierung unterstützt das Projekt finanziell. Der Junge darf seinen Prototyp gemeinsam mit Ingenieuren weiterentwickeln, bis er in Massenproduktion gehen kann.

 © MassivKreativ

Zahle, was Du willst

Dieses verbreitete Motto setzte bewusst auf Vertrauen. Es soll die Gesellschaft zu mehr Eigenverantwortung und zum Umdenken animieren. Mit variablen Preisen experimentieren neben der Gastronomie (Bier im Hamburger Gängeviertel, Mittagstisch im persischen Restaurant Kish in Frankfurt am Main) auch  Kulturschaffende (Museen in Bremen und Worpswede, CD „Rainbows“ von Radiohead), Tierparks (Allwetterzoo Münster), Handwerker (Frisör Josef Pertl in Landshut) und Dienstleister („Body Angels – mobile Massagen“). Das bedingungslose Grundeinkommen, auch eine soziale Innovation, setzt ebenfalls auf Vertrauen und ein positives Menschenbild. Es verfolgt einen Wandel im Denken der Menschen für mehr Gemeinsinn.

 © Jens Bredehorn, Pixelio.de

Direkt vom Erzeuger

Quijote-Kaffee in Hamburg ist ein Handels- und Sozialunternehmen mit nachhaltigem Konzept. Die biozertifizierten Kaffeebohnen werden direkt bei den Bauern
erworben. Quijote hält persönlichen Kontakt zu ihnen und zahlt doppelt so hohe Abnahmepreise wie normalerweise bei Fair Trade üblich. Und: Bereits vor Beginn der Ernte werden die Kaffeebohnen zinsfrei vorfinanziert mit über 60 % der vereinbarten Abnahmemenge. Zweimal im Jahr reisen die Betreiber auf die Kaffeeplantagen und laden im Gegenzug Mitglieder der Bauernkooperativen für einen Monat nach Hamburg ein. So kann das gegenseitige Vertrauen stetig wachsen.

Blick in die Geschichte

Schon das Mittelalter kannte Innovationen: Die technologische Revolution des Buchdrucks bereitete den Boden für die Reformation und schuf die Voraussetzung
für die massenhafte Verbreitung der Bibel, die Martin Luther (vgl. Corinna Hesse: Luther-Hörbuch) aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzte.

 © Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag

Lernende Teilhabe

Soziale Innovationen müssen in der Mitte der Gesellschaft entstehen: Bürger werden als Akteure der Zivilgesellschaft zu aktuellen Problemen und Wünschen befragt und bei Herausforderungen an Lösungsansätzen beteiligt. Ideen für Innovation und Wandel werden in kurzen Zeitabständen auf ihren Nutzen und ihre positive Wirksamkeit hin überprüft – so wie es das Design Thinking vorsieht. Hier wird in kleinen autarken Teams hierarchiefrei, selbstbestimmt, interdisziplinär in mehrstufigen Prozessen agil zusammengearbeitet, um ein Problem ausfindig zu machen und später zu lösen. Die kreative Methode entstand an der Stanford University in Kalifornien und wurde vom dortigen Hasso-Plattner-Institut weiterentwickelt. Sie hat einen starken Bezug zum Nutzer und gliedert sich in sechs Phasen:

  1. Sachverhalte verstehen und beobachten, z. B. durch Recherchen und Interviews
  2. Probleme exakt definieren
  3. Lösungsansätze finden bzw. Ideen entwickeln
  4. Prototypen entwerfen
  5. Ideen vom Nutzer testen lassen
  6. Lösungsansätze weiter verbessern, ggf. auch mehrfach

Lernen durch Wiederholung

Die wenigsten Herausforderungen lassen sich heute linear lösen. Der Erfolg ist größer, wenn man iterativ vorgeht, d. h. einzelne Prozesse so oft wiederholt, bis man sich der exakten Lösung annähert. Beim „Schleifen drehen“ dürfen Fehler passieren, aus denen gelernt werden kann. Über digitale Plattformen wie openIdeo.com, sicEurope.eu oder synAthina.gr können Bürger gemeinsam regional bzw. überregional Innovationen gemeinsam vorantreiben. Sozialforscher fordern zu Recht, eher systematisch in effektive, kreative und lernende Organisationsformen zu investieren statt direkt in Innovationen.

 © KoSI-Lab

Labore für soziale Innovationen

Deutschlandweit und international arbeiten inzwischen viele Zentren und Labore erfolgreich an sozialen Innovationen, meist interdisziplinär bzw. cross-sektoral mit Akteuren aus Kommunen bzw. öffentlichem Sektor, aus Forschung und Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Innovative Labore für Politik- und Verwaltung gibt es u. a. mit dem GovLab Arnsberg in NRW,  dem GovLabAustria in Wien, dem MindLab im dänischen Kopenhagen und dem britischen Social Innovation Lab Kent.  Labore für bürgerschaftliche Innovationen sind The Innovation Loop, The Australian Centre for Social Innovation, MaRS Solutions Lab und das Laboratoire d’innovation sociale. Geschäftsmodelle mit sozialer und gesellschaftlicher Wirkung verfolgen verschiedene sozialunternehmerische Initiativen, wie z. B. Maison du développement durable, Center for Social Innovation und Midpoint Center for Social Innovation. Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis bieten verschiedene Transfer-Zentren für soziale Innovation, u. a. das Institute without Boundaries, das Tilburg Social Innovation Lab und der schwedische makerspace Sliperiet.

229441_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Förderprogramme

Die EU bzw. der Europäische Sozialfond ESF hat von 2014-2020 ein Programm EaSI zu sozialen Innovationen aufgelegt – mit drei Themen:

In verschiedenen Bundesländern wurden Förderprogramme von sozialen Innovationen aufgegriffen, u. a. in Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Bayern.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung förert in Nordrhein-Westfalen das Projekt KoSI-Lab. Im Fokus steht die modellhafte Entwicklung zweier Labore sozialer Innovation (SI-Lab) in den Dortmund (Neuentwicklung) und Wuppertal (Weiterentwicklung). Im Programm Zukunft der Arbeit fördert das BMBF außerdem, soziale Innovationen durch neue Arbeitsprozesse möglich zu machen (4. Wettbewerbsrunde 2019).

Auch das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung fördert Maßnahmen, die soziale Innovationen vorantreiben, z. B. in der sozialen Dorfentwicklung, u. a. das Projekt Kreative Raumpioniere in MV. Über die Bundeszentrale für politische Bildung fördert das Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat  Aktivitäten im Programm Zusammenhalt durch Teilhabe.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie startete im Dezember 2019 erstmals einen Förderaufruf für digitale und nicht-technische Innovationen. In der ersten Förderrunde sind Ideen für digitale und datengetriebene Geschäftsmodelle und Pionierlösungen (IGP) gefragt.  Ein zweiter Förderaufruf ist im Verlauf des Jahres 2020 geplant, der besonders auf kultur- und kreativwirtschaftliche Innovationen zielt. Ein dritter Aufruf zielt voraussichtlich auf Innovationen mit einer besonders hohen sozialen und gesellschaftlichen „Wirkkraft“.

Ordnungsbehörde für Schöpferisches: Wie wird man kreativ?

  © MassivKreativ: Künstler Daniel Hoernemann

Kreativität ist weniger die Fähigkeit, Probleme zu lösen, sondern eher die Neigung, Fehler aufzuspüren und zu finden – durch ein Zusammenspiel von Erfahrung, Erinnerung, Verantwortung, Wissen, Intuition, Wertschätzung und Emotionen. Routinen und falsche Muster können mit Kreativität und künstlerischen Methoden ebenfalls vor Augen geführt werden.

Kreativität ist kein Privileg künstlerischer Genies. Unter günstigen Bedingungen kann jeder Mensch kreativ werden – nach seinen persönlichen Eigenschaften, Fähigkeiten, Kompetenzen und Neigungen. Kreativität kann überall entstehen: beim Kleiden, Kochen, Dekorieren, Organisieren des Arbeitstages, beim Planen des Urlaubs, beim Sport … Kreativ sind alle, die aus Dingen, aus Wissen, Informationen und Material etwas Neues schaffen. Steve Jobs sagte einmal: „Kreativität heißt, Dinge miteinander zu verbinden.“

  © MassivKreativ

NØRD 2019 

Wie gelangt mehr Kreativität in die Gesellschaft? Beim ersten landesweiten, an sechs Orten parallel stattfindenden Digitalkongress NØRD 2019 in Mecklenburg Vorpommern habe ich gemeinsam mit Künstler Daniel Hoernemann von CommunityArtWorks einen innovativen und kreativen Programmslot gestaltet. Mit der Ordnungsbehörde für Schöpferisches ging es ganz praxisnah um das Format Künstlerische Intervention. Im neuen Digitalen Innovationszentrum im Perzina-Haus stand die Verwaltung im Fokus und die Frage, wie Digitalisierung und Kreativität den Weg in die Zukunft unterstützen können. 

 © MassivKreativ

Ordnungsbehörde für Schöpferisches

Nach der Performance von Daniel Hoernemann mit seiner „Ordnungsbehörde für Schöpferisches“ wollte ich von ihm im Interview wissen: Was können Kunst und kunstbasierte Methoden in der Verwaltung bewirken? Außerdem habe ich Kongress-TeilnehmerInnen gefragt, welche Erfahrungen sie mit Kreativität und Digitalisierung in ihrem Arbeitsumfeld gesammelt haben. Die Intervention begann Daniel Hoernemann mit einigen ungewöhnlichen Fragen an das Publikum…

   © MassivKreativ: Antje Hinz und Künstler Daniel Hoernemann

Geheimnis Kreativität

Was machen kreative Menschen anders? Es sind Menschen, die …

– flüssig, ungewöhnlich, vielschichtig und quer denken, die offen und neugierig sind.
– Defizite und Leerstellen im Alltag entdecken und dazu beitragen, sie zu überwinden.
– Herausforderungen unter verschiedenen Aspekten und Fragestellungen betrachten.
– Analogien herstellen, bestehende Strukturen variieren und weiterentwickeln.
– materielle und immaterielle Dinge assoziativ miteinander verknüpfen.
– aus ungewöhnlichen Kombinationen Neues entstehen lassen.
– Ideen stimmig aufbereiten, verpacken, visualisieren, präsentieren, testen, nachbessern.

 © MassivKreativ: Künstler Daniel Hoernemann

Sichtachsen erweitern

Wer kreativ wird, ändert seine Wahrnehmung. Bestimmte Details werden fokussiert, andere ausgeblendet. Was normalerweise nicht zusammen gehört, kann (neu) miteinander kombiniert werden. Mit Kreativität können wir bestehende Dinge an neue Orte verschieben, gedanklich oder real. Es gibt unzählige Kreativitätsmethoden, die jeder selbst ausprobieren kann.

Scamper-Methode

Um 1957 erfand der Werbefachmann Alex Faickney Osborn die nach ihm benannte Osborne-Methode. Etwa 40 Jahre später überführte sie der Pädagoge Bob Eberle in eine nutzerfreundliche Checkliste – als Akronym mit dem Wort Scamper:

Substitute / ersetzen: Welche Teile der Idee oder des Produkts lassen sich ersetzen?
Combine / kombinieren: Lassen sich Teile oder das Ganze mit anderen Dingen kombinieren?
Adapt / anpassen: Wie lassen sich Elemente aus anderen Bereichen anpassen und in die Idee integrieren?
Magnify / vergrößern: Was könnte vergrößert oder betont werden?
Put / übertragen: Für welche anderen Zwecke lässt sich die Idee noch einsetzen?
Eliminate / entfernen, verkleinern: Was könnte verkleinert oder weglassen werden?
Rearrange, Reverse / neu ordnen, umkehren: Lassen sich Anordnung / Reihenfolge der Teile einer Idee ändern? Lassen sich Teile oder das Ganze umkehren?

 © MassivKreativ

Wechselnde Hüte

Kinder und Schauspieler verkleiden sich, um in andere Rollen zu schlüpfen. Der britische Kognitionswissenschaftler Edward de Bono hat dies übertragen und sechs Denkhüte als besondere Kreativitätstechnik entwickelt. Sechs verschiedenfarbige „Hüte“ können gedanklich durchgespielt und in der Gruppe diskutiert werden. Analog zu den Hüten können auch verschiedenfarbige Karten genutzt werden, auf denen die Teilnehmer je 5 Minuten ihre Argumente notieren:

– der weiße Hut = Objektivität, analytisches Denken, Fakten
– der schwarze Hut = Pessimismus, kritisches Denken, Risiken
– der gelbe Hut = Optimismus, optimistisches Denken, Chancen
– der rote Hut = Emotionen, emotionales Denken, Gefühle
– der blaue Hut = Struktur, ordnendes Denken, Prozess
– der grüne Hut = Kreativität, kreatives Denken, Ideen

 © MassivKreativ

 

Zivilgesellschaftliche Kreativität in ländlichen Regionen

    © Karl-Heinz Liebisch, Pixelio.de 

Ländliche Regionen plagen große Sorgen: Demografiewandel, Abwanderung, Verödung und Globalisierung. Doch statt sich davon überrollen zu lassen, engagieren sich immer mehr Menschen in ihrem Umfeld für die Regionalentwicklung, insbesondere aus der Kultur- und Kreativbranche.  Sie bringen ihr Wissen, ihre Kompetenzen, ihren Mut, ihr Herzblut, ihre Kraft, ihre Kreativität und vor allem viel Zeit ein, um ihr Leben aktiv mitzugestalten. Wer Selbstwirksamkeit spürt, Vertrauen und Wertschätzung von Mitmenschen erfährt, erkennt einen starken Sinn in seinem Tun und ist im Alltag psychisch und physisch gestärkt. Die folgenden Beispiele demonstrieren die Vielfalt: 

Mestlin

Aus einer Bürgerinitiative entstand 2008 in Mecklenburg-Vorpommern der gemeinnützige Verein Denkmal Kultur Mestlin e. V. Die Dorfbewohner wollten das stark überdimensionierte, noch aus DDR-Zeiten stammende Kulturhaus erhalten und in Eigenregie leiten. Die Akteure, darunter viele Künstler, erarbeiteten ein Mischkonzept aus Kino- und Theateraufführungen, Konzerten, Veranstaltungen, Festivals, Schulungen und Ausstellungen. Das Haus bietet heute Arbeitsplätze für Künstler, eine Bühne, verschiedene Seminarräume, Gastronomie und Übernachtungsmöglichkeiten für externe Gäste. Sie kommen, um die besonderen kreativen Angebote vor allem in Nischenbereichen wahrzunehmen, zum Beispiel Behinderte, soziale Randgruppen, Senioren, Jugendliche.

  © M. Grossmann, Pixelio.de 

Rothen

Auch im mecklenburgischen Dorf Rothen ist mit dem Engagement vieler Künstler ein Ort für Kultur, Gewerbe und Kunst entstanden. Ein ehemaliger, heute denkmalgeschützter Kuhstall zieht Touristen mit Konzerten und Veranstaltungen an. Als Publikumsmagnet wirken auch Metallwerkstatt und Bauerngarten. Der Verein Rothener Hof zählt 75 Mitglieder. Die Künstler haben ein enges Netzwerk gebildet, unterstützen sich mit unterschiedlichen Kompetenzen, präsentieren sich gemeinsam auf einer Internetseite sowie auf Kunst- und Kulturmärkten. 

Soziale Dorfentwicklung 

In Mecklenburg-Vorpommern hat Corinna Hesse, Sprecherin von Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft und Verlegerin im Silberfuchs-Verlag, für das nördliche Bundesland den Wettbewerb Soziale Innovationen von kreativen Raumpionieren initiiert. Beworben haben sich 36 zivilgesellschaftliche Projekte zwischen Kreativschaffenden und Bürgern. Ländliche Regionen profitieren von den kreativen Ideen für ein sinnstiftendes Zusammenleben. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hat das Modellvorhaben unterstützt, das die Potenziale von Kreativen stärker nutzen möchte, z. B. für Perspektivwechsel und Querdenken, Mut und Experimentierfreude. Im Fokus stehen auch gesellschaftsgestaltende Prozesse mit künstlerisch-kreativen Methoden, die auf die besonderen Herausforderungen in der Region eingehen. Die besten drei Projekte wurden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und mit Projektmitteln von insgesamt 10.000 Euro unterstützt. Erstplatzierter des Wettbewerbs ist das Projekt im Ort „Rögnitz.Ausbau 3.0“, der seine Zukunft mit der DesignThinking-Methode plant. Die zehn Nominierten berichten im Interview über ihre Zukunftsideen: 

Roadshow – Wanderausstellung Raumpioniere
Mit Unterstützung der Friedrich Ebert Stiftung – Landesbüro MV sowie dem Landesfrauenrat MV entstand eine Wanderausstellung zu den 10 nominierten Projekten im Landeswettbewerb für kreative Raumpioniere. Die RollUps können an interessierte Partner kostenfrei ausgeliehen und gezeigt werden. Die Motive können kostenfrei über ein Download genutzt werden.

Preisverleihung
Am 24. Oktober 2019 fand die Preisverleihung zum Landeswettbewerb Kreative Pioniere statt – im Rahmen des ganztägigen Forums „Business for Future“ im Digitalen Innovationszentrum DIR im Perzina-Haus in Schwerin statt. Eine Keynote zum Thema „Sozial-kreative Innovatoren als Zukunftsmacher in MV“ hielt Projektleiterin Corinna Hesse. Antje Hinz moderierte eine Podiumsdiskussion zum Thema „Perspektiven: Wie können kreative Zukunftsmacher noch bedarfsgerechter gefördert werden“. Hier ein Audio-Mitschnitt, der als Podcast erschienen ist:

Wendland

Das Wendland steht seit über 30 Jahren für seinen unermüdlichen Widerstand gegen die Atomkraft, Castortransporte und Atommülllagerung. Die dünn besiedelte
und von Abwanderung bedrohte Region erprobt zugleich höchst kreative Modelle des Zusammenlebens. Überdurchschnittlich viele Künstler und Kreative gestalten
das soziale Leben aktiv mit. Sie wollen das Aussterben der Dörfer nicht hinnehmen, beleben ihre Regionen neu. Die kreativen Angebote der Ideen- und Innovationsschmiede Grüne Werkstatt Wendland – neuerdings ergänzt vom WendlandLabor, das verstärkt soziale Innovationen vorantreiben will – locken sogar Großstädter aus den Metropolen an, u. a. Designstudenten von künstlerischen Hochschulen. Nicole Servatius erzählt im Podcast ausführlich über das Projekt.

Kulturelle Landpartie

Ein Publikumsmagnet für Bürger aus Stadt und Land ist die alljährlich stattfindende Reihe Kulturelle Landpartie sowie weitere Theateraufführungen und Musikfestivals im Wendland. Die Initiative ZuFlucht Wendland plant für 300 Menschen ein interkulturelles Mehrgenerationendorf. Das Hitzacker-Dorf soll Heimat und Arbeitsplätze für Einheimische und Geflüchtete schaffen, ein visionäres Modell mit Vorbildcharakter auch für andere Regionen in Europa. Das Sozialexperiment in dem extrem strukturschwachen Gebiet wächst stetig, vor allem durch das außergewöhnliche Engagement der Bürger. Den organisatorischen und finanziellen Rahmen für die geplanten Wohnungen, Gewerbeflächen,  Läden und Obstplantagen bildet die neu gegründete Genossenschaft Hitzacker Dorf eG iG, die auch das Bauland erworben hat. Hauke Stichling Pehlke erzählt im Podcast ausführlich über das Projekt.

Veranstaltungshinweis

Projekt: Zukunft@Land – Wie realisiere ich meine Projektidee im ländlichen Raum?

Workshop des Kreiskulturrates Ludwigslust-Parchim in Kooperation mit Wir bauen Zukunft eG in Nieklitz, Ceylan Rohrbeck und Nadine Binias, Stadt-Land-Expertin

WANN? 21.11.2019, 15-19 Uhr

WO? Wir bauen Zukunft eG | Holzkruger Str. 1 | 19258 Nieklitz (Gallin), Landkreis Ludwigslust-Parchim in der Metropolregion Hamburg

Bitte bis zum 15.11. anmelden unter diesem Link

Mehr Infos hier

Wie wollen wir morgen leben? Ideen und Geschichten für den urbanen Raum

 © Stefan Landgraf, pixelio.de

„Geht es beim digitalen Wandel um den Menschen oder die Technologie?“, fragte der Stadtforscher und Autor Charles Landry beim „Forum d’Avignon Ruhr 2016“. Die Digitalisierung bringe Befreiung und Einschränkung zugleich, so Landry. Die Smart City soll eine kreative und intelligente Stadt sein, die den Menschen das Zusammenleben erleichtert. 

Machtverhältnisse klären

In Toronto entsteht gerade am östlichen Hafenende ein neues smartes Viertel: Quayside. In einem nicht wirklich transparenten Ausschreibungsverfahren hat Googles Tochterfirma Sidewalk Labs den Zuschlag erhalten, in der heruntergekommenen Hafengegend visionäre Pläne zu entwickeln und umzusetzen. Ziel ist ein hochverdrahtetes, sensorgestütztes Quartier, in dem kaum eine menschliche Regung unbeobachtet bleiben soll.  Noch haben Bürger die Möglichkeit, in Befragungen von SidewalkLab die richtigen Weichen zu stellen und klar zu äußern, was sie nicht wollen, d. h. in welche Bereiche des Lebens privat bleiben sollen.  Durchaus sinnvoll sein können Müllschlucker, die Wertstoffe selbständig trennen. Doch wann und wo Nachbarn Feste feiern, sollte nicht in jedem Falle öffentlich gemacht werden. Kritiker mahnen, nicht jede Information an private Firmen weiterzugeben. Und Städte müssen herausfinden, wie sie den Ausverkauf von Bürgerdaten verhindern.

  © Altstadt für alle

Freiraum in Hamburg

In der Altstadt von Hamburg entsteht im Sommer/Herbst 2019 für drei Monate die erste von BürgerInnen betriebene temporäre Fußgängerzone im deutschsprachigen Raum. Es geht um „Freiräume für Entdeckungen und Erlebnisse, für Kultur, Stadtleben und nachhaltige Mobilität“. Die Kleine Johannisstraße, der größte Teil der Schauenburger Straße und die Parkplätze am Dornbusch werden erstmals Fußgängerzone. Beim Pilotprojekt Altstadt für alle kann jeder mitmachen – in Kooperation mit der Patriotischen Gesellschaft von 1765, der Nordkirche und der Initiative „Hamburg entfesseln“.

 © ADFC

Kolumbien als Vorbild

Kolumbien geht voran: Bogotá ist ein Paradies für Fahrradfahrer. Seit 40 Jahren ist dort jeder Sonntag autofrei. Wovon andere Metropolen träumen, das ist in Bogotá Realität. Bei der Ciclovía (deutsch: Fahrradweg) sind von 7 bis 14 Uhr zahlreiche Straßen in Bogotá gesperrt. Familien und Freunde nutzen den Freiraum zum Spazierengehen, für Bewegung und sportlichen Aktivitäten überall dort, wo an den anderen Tagen Stau herrscht. Erfunden hat den autofreien Sonntag der Architekt Jaime Ortiz. Zusammen mit ein paar Freunden hat er schon 1974 zum ersten Mal zwei Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Anteil an der großen Popularität der Ciclovía hat auch der heutige Radrennstar Nairo Quintana, der unter Kindern und Erwachsenen als Volksheld gilt.

Geschichten des Gelingens 

Wir brauchen konkrete Zukunftsentwürfe und praktische Beispiele für das Gelingen von Projekten. Das Scheitern kann Ansätze liefern, um daraus zu lernen. Der städtische Raum muss mit Kreativität und Leben gefüllt werden, mit sozialem Austausch und fantasievollen Geschichten. Beim „Forum d’Avignon Ruhr“ erzählten  Kreativschaffende aus verschiedenen Zentren Europas von ihren urbanen Projekten des Gelingens:

 © Hartmuth Bendig, pixelio.de

Graffiti

Gigo Propanda wandelt als Street Art-Künstler zwischen seiner Wahlheimat Essen und seiner Geburtsstadt Mostar in Bosnien-Herzegowina. „Ich sehe Graffitis als Mittel, in einer Stadt Gespräche zu erzeugen.“, erklärt er. In den öffentlichen Meinungsaustausch binde er gerne junge, heranwachsende Menschen ein. Daher sei die Kirche ein offener Partner und stelle bereitwillig Flächen zum Sprayen bereit. „So arbeite ich zuweilen im Auftrag von Gott!“, erklärt Propaganda schmunzelnd. Beim Essener Projekt „Bildersturm“ im Rahmen der Lutherdekade diskutiert Propaganda mit Schülern der Gesamtschule Holsterhausen und Mitgliedern der Erlöser-Melanchthon-Gemeinde über die Rolle von Kunst in der Kirche, über das Wahrnehmen, das Sehen und Entdecken des Kirchenraumes. Mit ihren erworbenen Erkenntnissen würden die Schüler aber auch selbst künstlerisch tätig, betont Propaganda.

 © Gigi Propaganda

Viel Zeit hätten in den letzten vier Jahren seine unzähligen Interviews mit syrischen Geflüchteten eingenommen. Die Essenzen ihrer Geschichten sprühe er an Mauern und Wände – in der Tradition des sozialkritischen Muralismus der mexikanischen Revolution.  Er möge vor allem Schriftzüge, so Propaganda: „An diesen urbanen Botschaften kann ich auch als ‚Nichtwisser‘ ablesen, in welchem Stadtteil ich mich befinde bzw. wer dort lebt“.

 © Andrea Damm, pixelio.de

Garten der Begegnung

Der Franzose Sam Khebizi engagiert sich ebenfalls im soziokulturellen Bereich. In Marseille gründet er 1996 die Nonprofit-Organisation Têtes de l’Art („Köpfe der Kunst“) und initiiert in Noailles, einem der ärmsten Stadtviertel Europas, das Festival „Place à l’Art“. Khebizis Team möchte die Bewohner, vor allem Einwanderern aus dem Maghreb und aus Schwarzafrika, aktive am Leben beteiligen und ihnen mehr öffentliche Sichtbarkeit geben. „Nicht das Ziel ist entscheidend, sondern der Weg“, erklärt Khebizi. Oftmals sei er steinig mit vielen Verwaltungs- und Genehmigungsverfahren und vermittelnden Gesprächen zwischen Bewohnern, Politik und Stadtverwaltung, Vereinen, Handwerkern und Bauunternehmen.

Gespräche an der Haustür

Man musste zunächst herausfinden, was die Bewohner von Noailles interessiert, was sie zur Teilhabe motiviert. Wie erreicht man sie besser: mit einem Flyer oder mit direkter Ansprache durch Klopfen an Haustüren? Der ausgebrachte Samen sei inzwischen im „Garten der Begegnungen“ aufgegangen, freut sich Khebizi. Die Bewohner sammeln in ihrem Viertel Materialien und schaffen daraus Neues. Handwerk, Kunst und urban gardening verschmelzen. Die Bürger kommen ins Gespräch. Daraus würde andere, dynamische Dinge entstehen. Wie kann man das Unsichtbare messen?“, fragt sich Khebizi. Das sei beim Evaluieren der Projekte eine große Herausforderung. 

 © Michael Ottersbach, pixelio.de

Medienkunst im öffentlichen Raum

Susa Pop entwickelt als Kuratorin und Designerin vor allem für Festival und Kongresse urbane Projekte, digitale Medien, Medienkunst, Wirtschaft und Wissenschaften verbinden. Es gäbe derzeit ein heftiges Ringen zwischen Werbern und Künstlern, erläutert Pop die aktuelle Situation. „Der öffentliche Raum darf nicht nur kommerziellen Anbietern überlassen werden“, sagt sie. Sie setze sich dafür ein, dass auch Bürgern und Künstler-Communities öffentlich sichtbare Plattformen zur Verfügung stehen.

Wegweisende Entwicklungen würden oftmals „bottom-up“ entstehen – von unten nach oben. Lichtdesigner z. B. verwandeln traditionelle Ladenauslagen in künstlerische Medienschaufenster und vernetzen verschiedene Orte mit digitalen Technologien. Wie wollen wir zukünftig leben?, fragt Susa Pop. Unsere Wünsche und Vorstellungen könnten über Videopaintings und Mediafassaden zeitgleich an unterschiedlichen Orten verbreitet werden. So entstehe Interaktion und Austausch. Pop betont: „Medienkunst hat enorm kreatives Potenzial für die Stadtentwicklung.“

 © 110stefan, pixelio.de

Bürgerplattform in Athen 

Amalia Zepou berichtet als ehemalige Vize-Bürgermeisterin von Athen über die aktuelle Situation in der griechischen Hauptstadt im Zuge der Wirtschaftskrise und der Flüchtlingsströme. Die öffentliche Verwaltung sei zeitweise völlig zusammengebrochen. Mit Eigenengagement und Ideenreichtum hätten Bürger vielerorts Initiativen gegründet, um Lösungen zu finden und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. „Die Plattform synAthina ermöglicht den Austausch der Bürger über ihre Aktivitäten“, erklärt Zepou. Ein leer stehender Kiosk diene als realer Treffpunkt. Über die gleichnamige Website synathina.gr könne sich jeder im Detail informieren: Wieviele Gruppen arbeiten in welchen Stadtvierteln an welchen Aufgaben?

Ein wichtiges Thema sei der Leerstand: Wie lassen sich Gebäude neu beleben? Künstler eröffnen zeitlich befristet Pop-Up-Stores, gestalten Ladenfronten und führen Touristen an die neuen kreativen Orte. Nun prüfe die Stadtverwaltung, welche Projekte das Potenzial hätten, auf andere Standorte übertragen zu werden und mit öffentlichen Geldern unterstützt zu werden. „Kreativität ist bei uns in Südeuropa kein Luxus, sondern das Ergebnis von Armut“, erklärt Zepou, „eine zivilgesellschaftliche Notwendigkeit.“

Umnutzung und Mitsprache

Der Architekt und Stadtforscher Tom Bergevoet plädiert dafür, urbane Räume nicht für die Ewigkeit zu planen. Gebäude sollten nach jeweils aktuellen Anforderungen gestaltet werden, temporär nach dem Pop-up-Prinzip. „Auf Leerstand in der Stadt, vor allem bei Bürogebäuden, muss man mit flexiblen und kreativen Nutzungskonzepten reagieren“, so Bergevoet.

Eine ehemalige Tankstelle in London sei zu einem Kino umgestaltet worden. Improvisation sei gefragt, um Umnutzungen durchdacht zu realisieren. Auch Bürgerwissen sollte einbezogen und Ideen von Bewohnern nach dem Adhocracy-Prinzip berücksichtigt werden. Bergevoet berichtet von seiner Idee, Hochhausfassaden zu Kletterwänden umzugestalten: „Manchmal entwickle ich Architektur-Konzepte, um zu provozieren, herauszufordern und um aufzurütteln.“ 

 

Weiterführende Literatur:

Charles Landry: The Art of City Making 

Charles Landry: The Digitized City 

Neues Kreativcluster im EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

Wenn Europa innovativ bleiben und international weiterhin mitspielen will, sollte „Made in EU“ als neues Label und als Chance gesehen werden. 

EU fokussiert neues Kreativcluster

EU-Kommission hat Ende Juni 2019 eine öffentliche Konsultation zum nächsten EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa (2021-2027) eingeleitet. Das erste Mal existiert in diesem Forschungsrahmenprogramm die Bereitschaft gibt, die Kultur- und Kreativwirtschaft zu fördern, insbesondere das Cluster „CULTURE, CREATIVITY AND INCLUSIVE SOCIETY“. Insgesamt stehen bis zu 100 Mrd. € für die gesamte europäische Innovations- und Forschungspolitik zur Verfügung. Die Kreativwirtschaft könnte hier im deutlich mehrstelligen Millionenbereich profitieren.

Potenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft ganzheitlich nutzen

Fortschritt und Qualität dürfen sich allerdings nicht auf technologische Neuerungen beschränken. Es sollten auch soziale Innovationen und damit das gesamte Potential der Kultur- und Kreativbranche genutzt werden. Acht Aspekte für die SPILLOVER-Diskussion, die ich bereits 2015 gefordert habe und die noch immer mehr Aufmerksamkeit brauchen:

 © MS Artville Festival 2019, Text von „Barbara“, Foto: MassivKreativ

1. Soziale Innovationen als Komplementär 

Die Bedürfnisse der Menschen abzufragen ist keine Kür, sondern Pflicht. Wer heute nur auf neue Technik setzt und dabei den Menschen ignoriert, etwa bei Benutzerfreundlichkeit und Design, wird von Käufern und Nutzern abgestraft. Wer hingegen gezielt soziale Praktiken einsetzt, wer bewusst mit anderen Menschen kommuniziert, wer geistig-kreative Werte anerkennt, wer das interaktive Handeln fokussiert – in Organisationen, Prozessen, Strukturen, in der Anwendung und beim Konsum – treibt soziale Innovationen voran. Soziale Innovationen bereiten den Nährboden für technologische Neuerungen und geben als Treibstoff ungeahnten Innovationsschub. An diesen Tatbestand müssen auch endlich Förderstrukturen angepasst werden, denn Konzepte für soziale Innovationen fallen hier noch durchs Raster. So bleibt das Potential geistiger Ideen aus der Kultur- und Kreativbranche ungenutzt. Weder Gesellschaft noch Wirtschaft kann sich diese Ignoranz auf Dauer leisten!

2. Interdisziplinäre Teams

Wer über Globalisierung und Demografie, über Nachhaltigkeit und Vielfalt nachdenkt, kommt automatisch zu der Erkenntnis, dass es ohne branchenübergreifende, interdisziplinäre Vernetzung nicht mehr geht. In der Kultur- und Kreativwirtschaft gehört Vernetzung zum Alltag. Architekten lenken bei Bauprojekten um die 20 verschiedene Gewerke. Im Theater vermitteln Regisseure sogar zwischen 50 verschiedenen Berufsgruppen: Handwerk und Technik, Kunst und Marketing, Verwaltung und Organisation. In der Gamesbranche verbinden sich Autoren, Konzepter, Programmierer, Grafik- und Sounddesigner in gemeinsamen Think Tanks. Film-Projekte sind ähnlich vielschichtig angelegt. Vermitteln und Querdenken ist für Akteure der Kultur- und Kreativbranche Tagesgeschäft und erfordert eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz. Davon könnten auch Wirtschaft und Politik profitieren, wenn sie nur wollten.

 © Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

3. Forschungscluster: Wert kreativer Ideen

Wenn Unternehmer, NGO-Aktivisten oder Politiker über die Zusammenarbeit mit Kreativen berichten, schwingt viel Anerkennung und Begeisterung mit – über die Professionalität, die Ernsthaftigkeit und den Biss der Kreativen bei der Bewältigung eines Problems. Anders als in anderen Berufen schauen Kreative selten auf die Uhr. Sie testen ihre Ideen und Alternativen so lange aus bis sie die Herausforderung geknackt haben. Selbst wenn sie nicht mehr am Schreibtisch sitzen, suchen sie im Kopf weiterhin nach Lösungen. Leider wird die konzeptionelle Vorarbeit, die Innovationen erst ermöglicht, zu wenig wertgeschätzt. Häufig mangelt es an konkreten Zahlen, die den immensen Anteil geistig-kreativer Vorleistungen am Ertrag belegen. Hier braucht es in Zukunft fachübergreifende Forschungscluster, in denen Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler gemeinsam relevante Zahlen ermitteln.

4. Begegnungsräume

Noch sind es meist die Kreativen, die Kontakt zur Politik und zu Unternehmen suchen, um alternative Denkmustern und andere Perspektiven anzubieten. Doch Kaltakquise ist schwierig. Die Auftraggeber müssen viel Vertrauen aufbringen, um Kreative in sensible interne Prozesse einzubinden. Das Eis muss gebrochen werden. Gebraucht werden Anlässe und Räume, um sich in ungezwungener Atmosphäre zu begegnen und auszutauschen. Beide Seiten merken dann schnell, wie ähnlich sie sich in vielen Punkten sind: Auch Politiker bzw. Unternehmer können kreativ denken und handeln. Auch Künstler bzw. Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten professionell und zuverlässig. Zuweilen spielen „Sprachprobleme“ eine Rolle, wenn sich z. B. ein Programmierer mit einem Designer verständigen muss. An dieser Stelle sind „Intermediäre“ mit Sozialkompetenz gefragt, die beide Welten verstehen und kommunikationsstark zwischen den Akteuren vermitteln können. Hier könnte ein neues Berufsbild für Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft entstehen.

  © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

5. Nische als Chance

97 % der Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft sind Einzelunternehmer und Freiberufler. In einem monopolisierten Markt ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, gehört für sie zum Alltag. Für größere Projekte ist die Vernetzung mit anderen Branchen überlebenswichtig. Davon können Politik, Wirtschaft, Städte und Organisationen lernen. Aus der Not der Beschränkung erwachsen alternative, kreative Ideen, etwa in der Arbeitswelt. Coworking Büros von Kreativen haben ursprünglich den Zweck, Räume, Ressourcen, Fähigkeiten und Wissen zu teilen. Längst nutzen sie auch andere Branchen, weniger aus ökonomischer Motivation heraus, sondern um interdisziplinär an neuen Ideen zu schmieden.

6. Kulturerbe und Identitätsstiftung

Die Globalisierung lässt sich nicht aufhalten. Doch die Bürger pflegen zunehmend selbstbewusst ihre Wurzeln und ihre Identität. Die UNESCO unterstützt den Trend, indem sie dazu aufruft, ergänzend zum materiellen Kulturerbe auch das immaterielle bzw. lebendige Kulturerbe aufzuspüren. Es geht um mehr öffentliche Aufmerksamkeit für Traditionen, Bräuche und Feste, Wissen und Rituale, für Handwerkstechniken und Ausdrucksformen. Sie prägen die Identität der Menschen und schweißen eine Region, Gruppe oder Gemeinschaft zusammen. Lebendiges Kulturerbe wird ständig den veränderten Umständen und Zeiten angepasst und bleibt so aktuell. Es verleiht Selbstbewusstsein, Wohlbefinden und stiftet sozialen Frieden.

  © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

7. Regionalentwicklung und Stadtkultur

Kunst und lebendiges Kulturerbe wirken als Treibstoff auf Städte und Gemeinden, intern als sozialer Kitt und extern als Magnet für den Tourismus. Was wiederum andere Branchen befruchtet und Renditen steigert: für Hotellerie und Gastronomie, Einzelhandel, Nahverkehr und Immobilienbranche. Zukünftig muss es darum gehen, Gemeinschaftsfonds zu bilden. Die Profiteure sollen Mehreinnahmen, die sie durch SPILLOVER-Effekte erzielt haben, in Kunst und Kulturerbe reinvestieren. Akteure der Kultur- und Kreativbranche dürfen nicht länger in die Rolle zeitlich befristeter „Durchlauferhitzer“ gedrängt werden, die zunächst unattraktive Orte beleben und sie durch Gentrifizierung wieder verlassen müssen. Sie brauchen Verlässlichkeit, um Städte, Gemeinden und Gesellschaft nachhaltig beflügeln zu können.

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

8. Vorreiter und Vordenker

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist immer Vorreiter gewesen, wenn es um neue gesellschaftliche Entwicklungen ging. Ein bewusster Umgang mit Energie und Ressourcen, Themen wie Teilhabe, Nachhaltigkeit und Ehrenamt wurden auch von Künstlern in die Gesellschaft hineingetragen. Neue Geschäftmodelle sind daraus entstanden, z. B. Carsharing, Upcyling, neue Wertschöpfungsketten und ganze Branchen wie die Bioökonomie. Auch Begriffe wie Vielfalt und Ehrenamt rücken Künstler mit gezielten Impulsen in unseren Fokus, das Schlagwort „Willkommenskultur“ z. B. hat sich so zu einem bewussten bürgerschaftlichen Engagement und zu echter Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen entwickelt.

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

Wenn Politik und Wirtschaft das Potential der Kultur- und Kreativschaffenden erkennen und nutzen, kann SPILLOVER in Europa wirklich gelingen. So würde das Label „Made in EU“ einen tieferen, identitätsstiftenden Sinn erhalten. Denn: eine Wirtschafts- und Zollunion allein schafft unter den Bürgern keinen europäischen Zusammenhalt.

Zum Hintergrund: Horizont Europa wird final beschlossen von der neuen Kommission und soll Anfang 2021 starten. Hier geht’s zur Konsultation (bis 8.9.2019): https://ec.europa.eu/info/news/have-your-say-future-objectives-eu-funded-research-and-innovation-2019-jun-28_de

Vorausdenken mit 360-Grad-Blick: Was erfolgreiche Prozessbegleitung ausmacht

© MassivKreativ 

Überall in unserer Gesellschaft werden Projekte geplant, modifiziert, realisiert und nach erfolgreichem Abschluss dokumentiert und präsentiert. Doch was braucht es alles, damit ein Projekt gelingen kann? Wir im Silberfuchs-Verlag haben unterschiedliche Erfahrungen mit Erfolgsfaktoren und Stolpersteinen gesammelt und geben Einblick in unsere Prozessbegleitung und unser Projektmanagement. Unser Werkstattbericht aus unserem Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung. Was macht erfolgreiche Prozessbegleitung aus?

Vorausdenken mit 360-Grad-Blick

Ein Projekt wird laut Wortherkunft ‚nach vorn‘ gedacht. Der Begriff Projekt leitet sich ab von proiectum bzw. proiectus – lateinisch ‚nach vorn geworfen‘ (siehe auch „Projektil“). Das deutsche Wort Projekt (Entwurf, Plan, Vorhaben) entstand im späten 17. Jahrhundert im Zusammenhang mit „Architektur“ und „Bauvorhaben“.
In den Wirtschaftswissenschaften ist folgende Definition verbreitet: „Ein Projekt ist ein zielgerichtetes, einmaliges Vorhaben, das aus … abgestimmten, gesteuerten Tätigkeiten mit Anfangs- und Endtermin besteht und durchgeführt wird, um unter Berücksichtigung von Vorgaben bezüglich Zeit, Ressourcen (zum Beispiel Finanzierung bzw. Kosten, Produktions- und Arbeitsbedingungen, Personal und Betriebsmittel) und Qualität ein Ziel zu erreichen.“ (Quelle: „Zeit, Kosten, Umfang: Magisches Dreieck in der Projektsteuerung“ nach Thor Möller, Florian Dörrenberg, Projektmanagement, Oldenbourg Verlag, 2003, S. 22)

Projektmanager

Eine/r muss den Hut aufhaben: Ein erfolgreiches Projekt braucht einen kompetenten Projektmanager. Er/Sie verantwortet die verschiedenen Projektphasen: Initiierung, Planung, Durchführung, Steuerung, Controlling, Evaluation, Abschluss. Er/Sie kommuniziert nach innen und außen, organisiert und strukturiert die Zusammenarbeit mit Projektbeteiligten, den Auftraggebern, den Teammitgliedern, weiteren Netzwerken, Partnern, Stakeholdern und der Öffentlichkeit. Analoge Hilfsmittel sollte er/sie dabei ebenso gut beherrschen wir digitale Tools.

 © MassivKreativ

Prozessbegleitung

Außerhalb klassischer Wirtschaftsbranchen werden Projekte oft von engagierten Akteuren realisiert, die zwar viel Tatkraft und Begeisterung mitbringen, naturgemäß aber über weniger Erfahrungen verfügen. In Vereinen, im Sport, in der Bildung, Kultur, Zivilgesellschaft, im Ehrenamt werden den Projektträgern und Projektmanagern daher häufig Prozessbegleiter an die Seite gestellt. Sie sollen idealerweise über die gesamte Projektdauer Hilfe leisten und Rat geben, vor allem wenn es irgendwo im Projekt hakt: „Prozessbegleiter sind unterstützende Berater in dynamischen Entwicklungsprozessen. Prozesse bedeuten Dynamik, Fortschritt und Veränderung. Ein Begleiter ist Moderator, Vermittler, Coach oder Berater.“ (Quelle: DKJS – Deutsche Kinder- und Jugendstiftung: „Prozessbegleitung“, in: bewegt! Das Magazin der DKJS, Heft 1/2011)

Ein Projektbegleiter fragt nach der „Mission“ des Projektes, nimmt Ziele und Zielgruppen ins Visier, Kooperationspartner und Stakeholder, Terminplanung und Meilensteine, Formaten und Methoden, Akteure und Teammitglieder, Stolpersteinen, Risiken und Erfolgsfaktoren. Er prüft interne und externe Kommunikation, PR und Social Media, Kostenpläne, Dokumentation und Evaluation. 

Blick von außen

Ein solider Plan ist Voraussetzung für den Erfolg eines Projektes. Doch wenn der Mensch ins Spiel kommt, wird es komplexer und komplizierter. Diese Erkenntnis hat zu agilen Methoden in der Projektarbeit geführt. Anstelle von langfristig ausgearbeiteten Plänen werden heute eher kürzere Zielvorhaben entworfen („Sprints“), die im Verlauf des Projektes häufiger angeglichen und auf die aktuellen Rahmenbedingungen abgestimmt werden. Nicht selten ist aktives Konfliktmanagement gefragt, wenn ein Projekt anders verläuft als auf dem Papier geplant. Ein Prozessbegleiter reagiert auf Veränderungen und empfiehlt dem Projektmanager bzw.  den Projektbeteiligten, ihren ursprünglichen Plan darauf abzustimmen. Ein Beispiel aus unserem Regiobranding-Projekt im Bereich Regionalentwickung, Kultur(-landschaft) und Tourismus soll das verdeutlichen.

 © Gerd Altmann auf Pixabay

Wie lässt sich Bürgerwissen generieren

Nach dem Wunsch unseres Auftraggebers, dem Landkreis Ludwigslust-Parchim, sollte das Bürgerwissensportal Elbe505.de in Eigenregie der Bürger entstehen. Von uns, Corinna Hesse und Antje Hinz, als Wissenschaftsjournalistinnen und Medienproduzentinnen mit Workshops für kreatives Schreiben und Storytelling professionalisiert sollten die Bürger eigenständig Texte und Medien über ihre Region erstellen und sich dafür regelmäßig in Arbeitsgruppen treffen. Nachdem die Wissensträger aus Kultur-, Bildungs- und Umweltvereinen sowie weitere Interessenten ausfindig gemacht waren, scheiterten mehrere Versuche, diese Akteure zu gemeinsamen Terminen zusammenzubringen. Die Erkenntnis: Gerade die genannten Berufsgruppen sind auch an Nachmittagen und Abenden in vielen externen Projekten und Gruppen involviert. Ihre Zeit für ehrenamtliches Engagement ist daher stark limitiert.  

  © Gerd Altmann auf Pixabay

Die Lösung der Herausforderung

Wir standen demnach vor der Frage und Herausforderung, wie wir trotz begrenzter Zeit der Wissensträger dennoch das geplante Bürgerportal mit Inhalten füllen können. Wir beschlossen, die Erfahrungen und Geschichten der Bürger direkt bei ihnen „abzuholen“ – in Form von Audio-Interviews. Eine Kamera erzeugt für viele, insbesondere ältere Menschen oft Unwohlsein, so dass sie sich in ihrem Erzählfluss gehemmt fühlen. Wir setzten die Hürde daher so niedrig wie möglich und entschlossen uns, das Wissen rein mündlich bzw. akustisch aufzuzeichnen. Oral history heißt die authentische Methode der Geschichtswissenschaft, mit der Zeitzeugen bzw. Wissensträger über Ihre Erfahrungen und ihr Wissen befragt werden. Idealerweise sollte das in gewohnter bzw. vertrauter Umgebung stattfinden. Um den Aufwand überschaubar zu halten, luden wir die BürgerInnen u. a. in das Gemeindehaus ein und sorgten mit Getränken und einem kleines Buffet für ein angenehmes Umfeld.

 © Mohamed Hassan from Pixabay 

Konfliktprävention und soziale Kompetenz

Jedes Projekt mit unterschiedlichen vielschichtigen Partnern birgt Risiken. Akteure aus diversen Institutionen und Bereichen verfolgen naturgemäß verschiedene Anliegen und Interessen. Als ProzessbegleiterInnen legen wir unseren Projektleitern immer wieder ans Herz, das Team, die Auftraggeber und die Projektpartner über alle Entscheidungen zu informieren und sie bei Planänderungen mitzunehmen – nicht erst im Nachhinein, sondern im Voraus. Wer präventiv denkt, kann manchen Konflikt vermeiden oder zumindest abmildern.

 © Gerd Altmann auf Pixabay

Die richtigen Fragen stellen

Kompetente Prozessbegleitung verstehen wir vor allem darin, zielführende Fragen zu stellen, die zum Kern der Lösung bzw. zur alternativen Bewältigung führen, z. B. Mit wem könntet ihr (alternativ)  zusammenarbeiten? Wer verfolgt ähnliche Ziele? Mit wem könntet ihr gemeinsame Strukturen nutzen, wenn das Geld knapp ist (siehe Effectuation)? Wen könntet ihr um Rat oder um Hilfe bitten? Was könnt ihr selbst leisten und was nicht? Wo könnten Synergien entstehen? Fragen gehört zu den Kernkompetenzen von Prozessbegleitern. Zielführendes Fragen ist journalistisches Handwerk, das wir von der Pike auf beherrschen: nach unserem Fachstudium, etwa 20jähriger Tätigkeit für verschiedene ARD-Rundfunkanstalten, Deutschlandfunk und über 15 Jahren in unserem Silberfuchs-Verlag

Chamäleon

Ein/e ProzessbegleiterIn muss in den jeweiligen Phasen unterschiedliche Rollen einnehmen. Während er/sie zu Beginn des Projektes vor allem strategische, moderative, vermittelnde Funktionen einnimmt, wird er bzw. sie gegen Ende vertiefende Fragen stellen, um den Verlauf des Projektes zu reflektieren und zu dokumentieren. Im Falle von Folgeprojekten wird es auch darum gehen, an der langfristigen Qualität zu arbeiten – in Bezug auf die Weiterentwicklung von Strukturen, Teams, Kommunikation usw. 

 © Gerd Altmann auf Pixabay

Die innere Haltung entscheidet

Man kann der Welt mit all ihren Hindernissen und Fußangeln nicht entkommen. Aber: Man muss seinen Projektpartnern stets zuhören und gemeinsam mit allen Beteiligten Kompromisse und Lösungen finden. Unsere wichtigsten (imaginären) Begleiter dabei sind: Mut und Offenheit, Wertschätzung und Respekt, die richtige Balance zwischen Flexibilität und Zielstrebigkeit, innere Haltung und Widerstandskraft, Optimismus und Zuversicht, Neugier und Humor.

Bei unserem Tun begleitet uns ein Rat, der wahlweise den Achtsamkeitspraktikern Jon Kabat-Zinn und Joseph Goldstein zugeschrieben wird: „Du kannst die Wellen nicht stoppen, aber du kannst lernen, auf ihnen zu surfen!“   

Unsere Beispielprojekte in der Prozessbegleitung

Vorausdenken mit 360-Grad-Blick: Was uns als erfolgreiche ProzessbegleiterInnen ausmacht

© ZIRP

Kulturregionen in Rheinland-Pfalz / BUGA 2029 – Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz

2019/2020 hat Antje Hinz die Prozessbegleitung für das Projekt Kulturregionen in Rheinland-Pfalz übernommen. Dieser Auftrag beinhaltet strategische Beratung, Moderation von Workshops und Fachtagungen sowie Dokumentation. Mit Blick auf die BUGA 2029 – die Bundesgartenschau im Oberen Mittelrheintal – hat sich im nördlichen Rheinland-Pfalz eine interdisziplinäre Projektgruppe gebildet. Beteiligt sind Akteure aus Kultur, Wirtschaft, Medien, Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung. Antje Hinz unterstützt die Gruppe beim Findungsprozess. Antje Hinz: „Es geht um Identität und Authentizität: Damit der regionale und kulturelle Findungsprozess bei der Bevölkerung emotionale Zustimmung findet, muss von unten wachsen.“

Ziele: Ausfindig gemacht werden sollen regionale Identifikationsfaktoren, z. B. materielles und immaterielles kulturelles Erbe als Basis, neue und junge Kulturformen sowie gemeinsame Zukunftsvorstellungen und Zukunftsgestaltung. „Kulturregion wird im Projekt umfassend verstanden: Kultur stärkt regionale Identität; Kultur als Kooperationsprojekt; Kultur als Instrument der Profilbildung; Kultur als Wirtschaftsfaktor (Tourismus, Kreativwirtschaft).“ Zitat ZIRP – Das Vorhaben ist ein Gemeinschaftsprojekt der Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz ZIRP, der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz und der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz in Mainz.

 © BpB

Miteinander reden – Bundeszentrale für politische Bildung 2019-2020

2019/2020 unterstützen Corinna Hesse und Antje Hinz den Ideenwettbewerb Miteinander reden der Bundeszentrale für politische Bildung und engagieren uns als Prozessbegleiterinnen und Projektmanagerinnen. Deutschlandweit werden 100 Projekte mit Weiterbildungsangeboten für Akteure in ländlichen Räumen gefördert. 
Ergebnisse: Politische Bildung, Demokratie und Gesellschaftsgestaltung
Projekte Antje Hinz: Wir leben Gemeinde / Frei.Raum.MV / WER IST WIR? WIR SIND WER!  Projekt Corinna Hesse: Rögnitz 3.0

 © Kreative MV

Wettbewerb Soziale Dorfentwicklung – Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung

2017-2019 hat Corinna Hesse in Mecklenburg-Vorpommern den Wettbewerb „Raumpioniere: Kreative für MV – MV für Kreative“ initiiert sowie als Prozessbegleiterin und Projektleiterin mit zahlreichen KreativLabs und Coachings der Akteure begleitet. Die Preisverleihung findet am 22.10.2019 statt.
Ziel: Stärkung von Dorfgemeinschaften vor Ort mit künstlerisch-kreativen Methoden stärken
Ergebnis: Entwicklung und Erprobung zukunftsweisender Ideen für Dörfer und Kleinstädte Förderer: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung 
Film: Interviews mit den zehn Projektakteuren

© Ellen Backes, 123Comics

Regiobranding – Landkreise Ludwigslust-Parchim und Lüchow-Dannenberg

2018 waren Corinna Hesse und Antje Hinz als Prozessbegleiterinnen und Medienproduzentinnen für das Bundesforschungsprojekt „Regiobranding“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung tätig. Gemeinsam mit BürgerInnen und Jugendlichen haben wir in zahlreichen Workshops und Interviews verschiedene Fragen erkundet und erprobt:
– Wie können Identität und Bindung der Bevölkerung an ihre Kulturlandschaft intensiviert und gefestigt werden?
– Wie lassen sich Bürgerwissen, Identität und Bindung an die Region im Außenbild des Stadt-Land-Umfeldes verankern und lebendig halten?
– Wie lassen sich kulturelle Alleinstellungsmerkmale für unterschiedliche Regionen – mecklenburgische Griese Gegend und Hannoversches Wendland – unter einem gemeinsam Dach miteinander verbinden?
Ziel: Branding von Stadt-Land-Regionen durch Kulturlandschafts-Charakteristika
Ergebnisse: Bürgerteilhabe, innovatives Bürgerwissensportal ELBE505.de (Betreiber des Portals ist der Landkreis Ludwigslust-Parchim, Fachdienst Regionalmanagement und Europa in enger Zusammenarbeit mit dem Landkreis Lüchow-Dannenberg, mit FONA und Regiobranding): Pressemitteilung

 © Metropolregion Hamburg

Kulturlandschaftsrouten – Metropolregion Hamburg

2016-2018 haben Antje Hinz und Corinna Hesse in einem interdisziplinären und partizipativen Leitprojekt der Metropolregion Hamburg fünf Kulturlandschaftsrouten entwickelt. lm Zentrum ihrer Prozessbegleitung, Zentralredaktion (Audioguides / Flyer) und des Projektmanagements stand die Teilhabe und Zusammenarbeit mit Akteuren aus Verwaltung, Landkreisen, Regionalentwicklung, Wirtschaftsförderung Tourismus, Bildung, Umwelt und Fördervereinen. Die Akteure wurden im Verlauf des Projektes von Hinz und Hesse angeleitet und professionalisiert, touristische Routen für verschiedene Zielgruppen zu entwickeln sowie mediale Produktionen zu entwickeln und zu realisieren.
Ziel: Touristische Inwertsetzung von Kulturlandschaften in der Metropolregion Hamburg
Ergebnisse: fünf Erlebnisrouten Kulturlandschaften zum Hören mit Audioguides, z. B. ManufakTourenroute / Pressemitteilung

  © Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag 

Hörbuchproduktionen – Silberfuchs-Verlag

Von 2005-2017 haben Corinna Hesse und Antje Hinz knapp 30 Sachhörbücher in verschiedenen Reihen im gemeinsam gegründeten Silberfuchs-Verlag produziert. Dazu gehörte das gesamte Spektrum der Verlagsarbeit und Prozessbegleitung: Autorentätigkeit, Redaktion, Regie, Produktion, Lizenzierung, Rechtemanagement, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Vertrieb. Die aufwändige Entstehung der Hörbucher wurde exemplarisch im Fachmagazin image-hifi 4-2012 und 3-2016 beschrieben. Die Hörbücher wurden mit renommierten Preisen ausgezeichnet und für zahlreiche Preise nominiert. Der Silberfuchs-Verlag ist Träger des Bundespreises Kultur- und Kreativpiloten Deutschland für sein Konzept anspruchsvoller und lebendiger Wissensvermittlung.

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

© www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

10. Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen im Juni 2019: Nach viel Theorie und Metaebenen am ersten  Tag konnten sich die BesucherInnen am zweiten Tag in verschiedenen Foren an Präsentationen diverser Praxisprojekte abarbeiten und engagiert mitdiskutieren. 

Themen mit dem Stift konserviert

Ausdrücklich erwähnen möchte ich die Zeichnerin bzw. Graphic Recorderin Johanna Benz. Sie hat enorm zum Gelingen des Kongresses beigetragen. In atemberaubendem Tempo brachte sie Meinungen, Thesen, Zitate und auch komplexe Gedankenkonstrukte mit wenigen Strichen und prägnanten Worten auf Papier – pointiert und häufig humorvoll, live vor den Augen des Kongresspublikums, das oft verblüfft und schmunzelnd über die scheinbare Leichtigkeit war.

Am Nachmittag gehörte das Podium verschiedenen Akteuren der Auswärtigen Kulturpolitik und aus dem Themenkomplex Kunst, Umwelt, Digitalisierung, Klima. Ich hätte mir an beiden Tagen gerne gleich mehrere „bioplasmatische Doppelgänger“ gewünscht. Die alle thematisch spannenden, leider aber parallel stattfindenden Foren erschwerten nicht nur mir die Wahl.

© www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Heimat als Marke

Regionalentwickler stehen im Spannungsfeld grundsätzlicher Entscheidungen: Was mache ich neu? Was übernehme bzw. übertrage ich als Modell aus anderen Regionen? Wo muss ich Vorsicht mit Slogans und Narrativa walten lassen, um nicht beliebig und austauschbar zu werden? Wie finden wir für unsere Heimaten authentische Identitäten? Diese Fragen standen im Zentrum des Panels „Heimat als Marke“ und wurden von drei Protagonisten beantwortet. Einig waren sich alle, dass die Themen von innen heraus aus der Selbstbeobachtung gefunden werden sollten. Das Überstülpen von Labels wirke oft beliebig oder einengend.

Land NRW: Hildegard Kaluza – Wandel durch Kultur

Kulturabteilungsleiterin Hildegard Kaluza berichtete von zunächst über die geplante Ruhrkonferenz mit verschiedenen Ministerien, denn auch fachfremde Mitarbeiter würden so ermuntert, sich stärker für Kulturthemen zu engagieren. Exemplarisch stellte Kaluza die Kulturregion Sauerland vor, der es gelungen sei, mit dem Festival Sauerlandherbst breite Zielgruppen anzusprechen und mit einem neuen Brassfestival eine zeitgemäße Verbindung zum Engagement der Schützenvereine zu schaffen. Die Kulturregion Aachen sucht mit einem grenzüberschreitenden Projekt die Nähe zu Europa und lässt etwa 300 Schüler aus verschiedenen Ländern den euregio-Schülerliteraturpreis an einen sorgsam ausgewählten Jugendbuchautor verleihen. Die Region Unna hat ihr Selbstbild aus dem Hellweg heraus im Licht gefunden, u. a. auch in einem und einem Krimifestival.

© www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Kenneth Anders: Oderbruchmuseum und Büro für Landschaftskommunikation

Nachhaltige Regionalentwicklung müsse institutionalisiert und finanziert sein, sagte Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation. Er habe seine Kommune daher vom Sinn und Nutzen eines „Fonds für Identitätspolitik“ überzeugt, in den 20 Cent pro Einwohner und Jahr fließen. Er sprach über die Herausforderung, Identitäten in einem extrem heterogen Raum finden zu müssen, der auch Elemente umfasst, die nicht „produktdienlich“ im Sinne der touristischen Vermarktung seien (Schandflecken). Als Symbol und Logo wurde für den Oderbruch ein Spaten gefunden, mit dem früher das weit verzweigte Bewässerungssystem im Oderbruch ausgehoben wurde.

Volker Gallé: Kulturkoordinator der Stadt Worms

Heimat und Region seien verschieden, so Gallé. Während eine Region oft eine künstliche, politisch entworfene Infrastruktur in sich trage, enthalte Heimat naturgemäß historische Narrative. Gallé, der nicht nur in Rheinhessen als Mundartautor und -liedermacher bekannt ist, präsentierte die Besonderheiten seiner Region, neben Wein u. a. die hochromanische Baukunst, die Nibelungensage, Martin Luther und die jüdische Kultur in Worms. Die Interessen der Kulturakteure und Marketingleute seien oft unterschiedlich: Winzer wollen Wein verkaufen, Touristiker ihre Reisen, Museen ihre Ausstellungen usw. Den Zuzug von Neubürgern sieht Gallé positiv, er sei immer produktiv, etwa wenn alter Häuser von den Neuen restauriert werden und sich aus eigenem Antrieb mit der Kultur und Geschichte ihrer Wahlheimat befassen, Fragen stellen, reflektieren. Die Suche nach Narrativen erfolge oft aus der Not oder aus Konflikten heraus, eine Chance für Reflektion.

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Jugend macht Heimat

Die Moderatoren Arnold Bischinger, Kulturchef des Landkreises Oder-Spree/Burg Beeskow, und Steffen Schuhmann, Kunsthochschule Berlin-Weißensee, gaben ihrerseits kluge Impulse zum Thema Heimat und Selbstfindung, auch im Dialog mit den BesucherInnen. So kam aus dem Publikum die dringende Empfehlung, die junge Generation in die Prozesse zur Identitätsfindung einzubinden. Das Problem: Ganztagsschulen und das verkürzte Abitur G 8 hätten dazu geführt, dass Kinder und Jugendliche spät nach Hause kommen und kaum noch Freizeit haben. Da müsse man sich etwas einfallen lassen. Eine Kongressbesucherin berichtet als best practice über die Initiative Happy Locals, die Jugendliche zu kreativem Handeln aufruft: Mit temporärer Zwischennutzung von Räumen in Brandenburg soll die dortige Clubkultur stärker belebt und befruchtet werden.

Außenperspektive

Zuweilen könnten auch ein Blick über den Tellerrand bzw. ein Perspektivwechsel hilfreich sein. Als Beispiel wurde aus dem Publikum das elbübergreifende Bürgerwissensportal Elbe505.de genannt. Bewohner aus Mecklenburg und aus dem Wendland entwickelten gemeinsam eine Onlineplattform mit Wissenswertem, Fakten und  Geschichten über ihre Region in Texten, Fotos, Interviews und Podcasts. Die jeweils andere Region half, um den Blick für das Besondere und für Alleinstellungsmerkmale zu schärfen. Und: Wenn Burger selbst über ihre (Wahl-)Heimat erzählen, stärkt dies zugleich die Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit nach innen sowie Anerkennung und Wertschätzung von außen.

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Wo und was ist Heimat?

In weiteren Foren (siehe Kongress-Programm) ging es um die Narrativa von Heimat: Wer prägt die Geschichten und Bilder unserer Nation, vor allem in den neuen Bundesländern? Auch widerständige Heimat liefert Geschichten, vor allem in Verbindung mit Umweltfragen, etwa das Gorleben-Archiv im Wendland und die Medienberichte aus dem Hambacher Forst. Wie lässt sich Heimat gestalten und was leisten Heimatvereine dabei? Wer vermittelt Heimaten und was leisten Heimat-, Orts-, Regional- und Stadtmuseen dabei? Was können Dritte Orte bewegen? Wo existiert Heimat an utopischen oder virtuellen Räumen? Und welche Rolle spielt Europa in der Heimatdiskussion? Heimaten gibt es viele: geografische, zwischenmenschliche, geistige und virtuelle. Der Schriftsteller Klaus Theweleit hat es einmal so beschrieben: „Ich bin ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen und hatte dann meine neue, meine zweite schleswig-holsteinische Heimat. Als Jugendlicher wurde englische Beat-Musik meine kulturelle Heimat. Ich kenne also mindestens drei verschiedene Heimaten.“

Deutschlandbild in der Außenpolitik

Den geweiteten Blick auf das internationale Panorama präsentierten Vertreter der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Bildungspolitik im Auswärtigen Amt, erläuterte den veränderten Fokus deutscher Auswärtiger Kulturpolitik, berichtet von erhellenden Reisen nach Afrika, von Begegnungen mit afrikanischen Gründern, die dank Drohnen zukünftig Wasser und Pestizide nutzbringender dosieren wollen. Globale Herausforderungen können und müssen gemeinsam gestellt und gelöst werden. Kooperation und Multilateralismus werde nicht aus Selbstzweck betrieben, sondern um etwas zu bewegen. Vor diesem Hintergrund betonte sie: „Unsere Identität setzt sich aus vielen Identitäten zusammen. Heimat gehört einem nicht. Niemand hat sie gepachtet. Sie ist für jeden etwas Persönliches. Heimat ist Geschichte und Identität. Identität ist etwas, was man sein kann, aber nicht, was man zu sein hat.“

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Neue Herausforderungen für die internationale Kulturpolitik?

Heimat suchen – Heimat finden – zu diesem Thema versammelten sich neben dem Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, Andreas Görgen, auf dem Podium internationale Gäste, moderiert von der Kulturmanagerin Sarah Bergh. Anders als in Deutschland kennen andere Länder den Heimatbegriff nicht. Dort spricht man von Vaterland, Mutterland oder Zuhause. Arjun Appadurai, Senior Professor of Anthropology and Globalisation at Hertie School of Governance in Berlin, offenbarte die Position junge InderInnen: Nicht das Sein, sondern das Werden, nicht belonging, sondern becoming. Appadurai erklärt den Hintergrund: Durch die britische Besatzung hätten InderInnen früher oft Ablehnung und Ausschluss erlebt. Statt auf eine kleine, enge Heimat zurückzublicken, fänden jungen InderInnen sie in der Zukunft, in den neuen Netzwerken, in sozialen und mobilen. Dort würden die wichtigen, zukunftsorientierten Themen be- und verhandelt, so Appadurai, nicht nur Jobs und Neue Arbeit, sondern auch Freizeit, Spaß, Liebe, Romantik. Deutschland sollte sich daran beteiligen, neue Plattformen für solche Verbindungen zu schaffen. Deutschland habe die Möglichkeit, sollte sie verantwortungsvoll nutzen und zusammen mit der Welt experimentieren. Andreas Görgen verwies in diesem Zusammenhang auf ein Zitat von Willy Brandt: „Kulturarbeit ist Arbeit an der Weltvernunft.“ In diesem Sinne will das Auswärtige Amt Räume für neue Kooperationen schaffen, u. a. eine Agentur für internationale Museumskultur. Deutschland könne nicht mehr allein bestimmen, was international über das Land nach außen getragen werde.

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Multiperspektivische Fragen und Antworten

„Beziehungen entstehen aus Differenzen, aber Kunst hilft, die Differenzen zu verstehen.“ Genau in diesem Sinne agiert Bonaventure Soh Bejeng Ndikung an seiner Wirkungsstätte SAVVY Contemporary in Berlin-Neukölln. Der unabhängige, nicht kommerzielle Projektraum versteht sich seit 2010 als „Labor der intellektuellen, künstlerischen und kulturellen Ideenentwicklung und des Ideenaustauschs“ für internationale bildende und darstellende Kunstschaffende und Kuratoren. Im Mittelpunkt von SAVVY steht der Diskurs über aktuelle Fragen und Themen aus den Bereichen Kunst, Wissenschaft, Soziologie oder Philosophie. Gründer und künstlerischer Leiter Ndikung sieht sich als Wanderer zwischen Welten und Ländern: „Home is where the music is“ – Zuhause ist dort, wo die Musik ist.“ Viele Staaten, wie z. B. sein Geburtsland Kamerun, seien Fiktion, oft nur künstlich von Besatzungsmächten geschaffen. Er plädiert für das Entkoppeln von Land, Heimat und Sprache. Das Nachdenken über Heimat empfindet er als Zeitverschwendung. Heimat sei in ständigem Wandel begriffen. Daher käme es darauf an, dass sich jeder für jeden im sich veränderlichen Weltgeschehen verantwortlich fühle.

Themenwechsel fernab des Geburtslandes

Auch für andere auf dem Podium ist Heimat eine Kopfgeburt. „Ich frage mich gar nicht was Heimat für mich ist. Heimat sollte nicht permanent um sich selbst kreisen“, stimmt Aino Laberenz zu. Sie ist Geschäftsführerin des Operndorfs Afrika, das einst Christoph Schlingensief gründete. Sie ist zugleich Kostüm- und Bühnenbildnerin. Sie arbeite im Operndorf, weil sie dort neue Blickwinkel auf Themen erhalte, die es so in Deutschland nicht gäbe, weil solche Probleme hierzulande gar nicht existierten.

Und dennoch: Heimat ist wichtig

Warum trotz allem die Auseinandersetzung mit Heimat wichtig sei, erläuterte Géraldine Schwarz, Journalistin und Dokumentarfilmerin mit deutschen und französischen Heimaterfahrungen: „Wenn populistische Parteien so viel Erfolg haben mit dem Okkupieren des Heimatbegriffes, gibt es offenbar ein universelles Bedürfnis nach Heimat.“ Die „Gelbwesten“ in Frankreich seien eine Reaktion auf enttäuschte Heimatverbundenheit und die Spaltung von Stadt und Land. Das individuelle Bedürfnis nach Heimat solle ihrer Meinung nach nicht pauschal verleugnet werden, so Schwarz. Sie betont aber, dass jeder seine eigene Sicht auf Heimat haben solle und dürfe. Ihr Aufruf: Gemeinsame Nenner in den europäischen Erinnerungen finden, um zu einer europäischen Identität zu gelangen.

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Kunst und Heimat Erde

Die letzte Diskussionsrunde beim KUPOGE-Kongress galt unserem Heimatplaneten, der immer mehr in Gefahr gerät. Die KUPOGE widmete bereits die letzte Ausgabe ihrer Publikationsreihe „Kulturpolitische Mitteilungen“ dem Thema Klimagerechte Kulturpolitik. Da die Akteure in Politik und Wirtschaft auf Fakten und Erkenntnisse der Wissenschaftler nicht konsequent genug reagieren, deren Vorschläge (z. B. Tempolimit) ignorieren oder zu langsam umsetzen, werden die Proteste von jungen Menschen immer lauter. Kurz vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause blockierten am Freitagnachmittag Jugendliche der Fridays for Future-Bewegung die Ausgänge im Parlament unter dem Motto: Die Arbeit ist nicht getan, daher Nachsitzen für die Politiker! Ob Michelle Müntefering wohl aus diesem Grund verspätet zum Kongress kam?

Kunst fördert Empathie

Nicola Bramkamp, die als Moderatorin die widerstreitenden Meinungen im Panel äußerst klug und charmant dirigierte, leitet das Festivals SaveTheWorld und die Runde mit einer richtigen Erkenntnis ein: „Erst wenn der Mensch empathisch ist, beginnt er zu handeln. Mit künstlerischen Mitteln lassen sich Herausforderungen anders spiegeln und ungewöhnliche Antworten finden.“ Über diesen Weg wurde der junge Fridays for Future-Aktivist Gustav S. Strunz für das Klimathema sensibilisiert – bei einem Theaterabend der Gruppe Rimini-Protokoll, der einen Klimagipfel simuliert. Seine Mitstreiterin Lilli C. Pape bestätigte, dass die Mitwirkung in einer Theatergruppe und auf Kongressen ihr für ihre Auftritte und Reden in der Fridays for Future-Bewegung Sicherheit geben würden.

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Klima und Kultur als gemeinsames Thema

Politik und kulturpolitische Finanzierung muss dringend themenorientiert verfolgt werden – über alle Parteien, Ministerien und Branchen hinweg. Diese Erkenntnis und Forderung ist vielleicht das wichtigste Fazit des KUPOGE-Bundeskongresses. Kuratorin Adrienne Goehler vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, engagiert sich daher für einen ressortübergreifenden Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit, der aus verschiedenen Ministerien gespeist werden soll, um das Bewusstsein für Kunst und Klimapolitik zu stärken. Es brauche zeitgemäße Fördermittel für aktuelle Themen und Herausforderungen.  

Immer mehr Künstler wollen sinnstiftend arbeiten und erheben daher den Anspruch, zukunftsorientierte Projekte und Werke zu schaffen, die aktuelle Herausforderungen bearbeiten, wie in der Wanderausstellung Zur Nachahmung empfohlen. Kultur werde heute zwar ernster genommen, aber die Förderinstrumente hinken noch immer hinterher.“ Göhler kritisierte in diesem Zusammenhang auch den permanenten Zwang zur Innovation. Kunst, Industrie und Wissenschaft sollten sich stärker begegnen und dafür brauche es neue Möglichkeitsräume. 

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Digitalisierung frisst den Planeten

Große Uneinigkeit herrschte zum Thema „Ressourcenverbrauch und Digitalisierung“ zwischen dem Projektleiter Lemgo Digital vom Fraunhofer IOSB-INA, Jens-Peter Seick, und Jörg Sommer, Vorstand der Deutschen Umweltstiftung. Trotz bemerkenswerter Keynote der Nao-Roboterdame INA wehte ihrem Erfinder auch aus dem Publikum ein rauer Wind entgegen und die Frage, wieviel Energie und Ressourcen die Digitalisierung noch verschlingen werde. Sommer plädierte für mehr Verzicht und Beschränkung auf das Wesentliche und beklagte das rasante Tempo technischer Entwicklungen. Der Mensch und die Kunst kämen mit ihren ethischen Überlegungen kaum hinterher. Die Fridays for Future-Aktivisten Gustav und Lilli sehen die Auseinandersetzung pragmatisch: Digitalisierung gäbe es schon seit 100 Jahren. Ihrer Generation ginge es nicht um entweder/oder, nicht um  Verzicht oder Verschwendung, sondern darum, wie Gustav sagt, „in den richtigen Dingen schneller und in anderen langsamer werden, z. B. durch einen schnellen Kohleausstieg ein entschleunigtes Leben zu führen. Man muss nicht das Optimum herausholen, sondern erst mal anfangen und die großen Ziele auf kleine für jeden herunterbrechen … Es geht nicht nur um den Klimawandel, sondern auch um die Forderung, die Umweltzerstörung durch Kohleabbau und Fracking zu stoppen. Fridays for Future arbeitet insofern auch gegen die Zerstörung unserer Heimat.“ Zu ihrem Verständnis von Heimat befragt, sagt Lilli: „Fridays for Future versteht sich als globale Bewegung, insofern ist für uns die Welt unsere Heimat.

FAZIT: Es geht nur noch gemeinsam

Heimat bedeutet tägliche Verabredungen zu treffen mit Dialogen von Mensch zu Mensch. Heimat ist die „Kultur“ unseres Zusammenlebens, die Basis für unsere Gemeinschaft. Gemeinsinn und WIR-Gefühl gelingen am besten durch gemeinsame Aktivitäten, z. B. sinnstiftende Ziele zu verfolgen – durch soziales und ehrenamtliches Engagement, durch kulturelle, sportliche und wissensvermittelnde Erlebnisse, durch nachhaltige Projekte für unsere Zivilgesellschaft. Heimat ist und bleibt „Gemeinsame Sache“.

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Bruchstellen von Heimat

Doch genau hier liegt das Problem. Die Vermächtnisstudie der ZEIT hat herausgefunden: „das Wir-Gefühl übersetzt sich nicht in Engagement außerhalb des Freundes- und Bekanntenkreises. Dafür fehlt es an Vertrauen untereinander, an der Basis für ein gelebtes Wir. Nur ein Viertel der Befragten hat viel Vertrauen in die Mitmenschen, 40 Prozent haben wenig. Auch hier sind jene mit geringer Bildung besonders skeptisch. Außerdem glaubt nur ein Viertel, dass auch den Mitmenschen ein „Wir-Gefühl“ wichtig ist. Ein Misstrauensvotum.“

Kultur des Machens stärken

Zur Vertrauensbildung kann Kultur sehr viel beitragen. Gemeinsame kulturelle Projekte, gemeinsame künstlerische Erfahrungen schmieden zusammen. Wir sollten nicht immer alles bis ins Detail durchplanen und mehrfach abwägen wie bisher. Wir sollten einfach mehr ausprobieren, mehr Modellprojekte wagen, grundsätzlich mutiger sein. Erst mal machen und danach evaluieren, um Erkenntnisse aus gelungenen Projekten auf andere Bereiche zu übertragen.

Heimathymne

Heimat weckt bei vielen Gemeinschaftsgefühle. Daher wurde – nicht beim Bundeskongress aber immer mal wieder zu anderen Gelegenheiten – auch über unsere Nationalhymne diskutiert. Manche Ostdeutsche wünschen sich die „Kinderhymne“ von Brecht, die Lothar de Maizière am Rande der Gespräche um den Einigungsvertrag dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble auf der Geige vorgespielt haben soll. „Das Land habe drängendere Probleme als Gefühle und Musik“, so die sinngemäße Antwort damals von Schäuble. Vor dem Hintergrund, dass viele sich mehr und mehr als EU- bzw. Weltbürger sehen, wäre zu diskutieren, ob wir überhaupt noch eine Nationalhymne brauchen. Möglicherweise wird unser aktuelles Heimat- bzw. Weltverständnis, wie schon andere Autoren vor mir spekuliert haben, durch einen ganz anderen Song viel besser ausgedrückt: mit John Lennons Imagine etwa.

Heimat als Nichtort und Utopie

Ist Heimat also doch nur eine Kopfgeburt, wie auf einem Kongresspanel festgestellt wurde. Ist Heimat eine Illusion? Der Jurist Bernhard Schlink, der den Roman „Der Vorleser“ schrieb und nach dem Mauerfall die Arbeitsgruppe „Neue Verfassung der DDR“ des Runden Tisches beraten hat, hat die verschiedenen Dimensionen des Heimatbegriffs zusammengeführt:  „So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder einen Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort. Heimat ist Utopie.“ (Buch: Bernhard Schlink – Heimat als Utopie).

 

Mehr zum Thema:

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

 

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Heimat-Zitate

„Heimat ist dort, wo man sich nicht erklären muss.“ Johann Gottfried von Herder

„Heimat ist der Ort, wo ich mich erklären kann und darf.“ Alexander Koch, Die Neuen Auftraggeber (… wo mir Raum gegeben und wo mir zugehört wird.)

„Heimat sind die Menschen, die wir verstehen und die uns verstehen.“ Max Frisch

„Heimat ist Heimweh und Sehnen nach allen Weiten.“ Peter Hille

„Heimat ist etwas, was ich mache.“ Beate Mitzscherlich

„Heimat ist Raum für kennen, bekannt und anerkannt sein.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

„Heimat ist kein ein Zustandsbegriff, Heimat ist ein Korrespondenzbegriff als Pendant zur Globalisierung.“ Klaus Kufeld

„Heimat weist in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit. Heimat ist der Ort, den wir als Gesellschaft erst erschaffen .. an dem das ‚WIR‘ Bedeutung bekommt.“ Frank-Walter Steinmeier

„Heimat ist polyphon!“ Mark Terkissidis

„Heimat ist nicht ein Ort, wo man lebt, sondern die Art, wie man lebt.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

„Heimat ist Ersatzhandlung für mangelnde Zugehörigkeit.“ Armin Nassehi

„Der Begriff Heimat hat einen Pelz an und riecht an einigen Stellen streng.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

 „Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft, Heimat ist nicht Liebe – Heimat ist Friede.“ Paul Keller, Schriftsteller

„Freundschaft, das ist wie Heimat.“ Kurt Tucholsky, Schloß Gripsholm, 3. Kapitel

„Heimat ist der Duft unserer Erinnerungen.“ Anke Maggauer-Kirsche, deutsche Lyrikerin

„Warum liebt man die Heimat? … deswegen: das Brot schmeckt da besser, die Stimmen schallen da kräftiger, der Boden begeht sich da leichter.“ Bertolt Brecht, Aus: Der Kaukasische Kreidekreis

„Gibt’s kein höheres Übel doch als den Verlust der Heimat.“ Euripides

„Ein feiges Volk hat keine Heimat.“ Aus Ungarn

„Heimat und Vaterland sind etwas grundsätzlich anderes.“ Unbekannt

„Die Scheinwelt ist die Heimat vieler.“ Ulvi Gündüz, Dichter und Autor

„Eine gute Erinnerung ist eine innere Heimat.“ Esther Klepgen, Autorin

„Heimat ist nicht der Ort, sondern die Gemeinschaft der Gefühle.“ Unbekannt

„Licht und Dunkelheit: zwischen den Gegensätzen findet sich Heimat.“ Ernst Ferstl, österreichischer Dichter

„Wer seine Heimat nicht im eigenen Kopf findet, findet sie nirgendwo.“ Helmut Glaßl, Aphoristiker

„Heimat(-politik) ist als gemeinsame Gestaltungsaufgabe zu verstehen … Heimat heißt auch Zukunft und Verständnis, gesellschaftliche Veränderungen anzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Denn Heimat war und ist immer auch ein Raum sozialer Beziehungen, Ausgleich und Einbindung – Integration. So verstanden ist Heimat Lebensmöglichkeit und nicht nur Herkunftsnachweis. Heimat ist nicht Kulisse, sondern Element aktiver Auseinandersetzung.“ – Deutscher Bundestag 25.07.2018

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

 © Kulturpolitische Gesellschaft

Beim 10. Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen im Juni 2019 wurde das Thema Heimat/en in nahezu allen Variationen, Perspektiven und Interpretationen „durchdekliniert. Die engagierten und oft hitzigen Debatten zeigten einerseits, dass die Veranstalter – neben der KUPOGE auch die Bundeszentrale für politische Bildung und der Deutsche Städtetag – das Thema klug gewählt hatten, selbst wenn einige Referenten und Podiumsgäste versicherten, dass sie mit dem Heimatbegriff nichts anfangen können. 

Theorie und Praxis

Zwei volle Tage diskutierten die Experten in einem dichtgedrängten Programm, das die Auswahl der Panels oft schwer machte. Nach offiziellen Grußworten wurden am Tag 1 vor allem Theorien, Modelle und Metaebenen des Heimatbegriffes diskutiert. Der Vormittag von Tag 2 stand im Zeichen vieler Praxisprojekte, präsentiert von „Heimatakteuren“ aus ländlichen Regionen. Der Nachmittag rückte die gewandelte Auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik ins Blickfeld und den Themenkomplex „Kunst und Klima“ (siehe auch „Kulturpolitische Mitteilungen“ zum Thema Klimagerechte Kulturpolitik. )

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HEIMATen liegen in der Luft

Er sei zunächst skeptisch gewesen, als das Thema Heimat an ihn herangetragen worden sei, bekannte Gastgeber Thomas Krüger offen, seit 2000 Präsident der Bundeszentrale für politischen Bildung. Doch HEIMATen sei(en) zweifellos in der Gesellschaft präsent – nicht erst seit der „Angliederung“ des Heimatressorts an das Bundesministerium für Inneres und Bau. Immerhin ist die Bundeszentrale für politische Bildung dem Innen- bzw. Heimatministerium zugeordnet. Insofern gehöre der Dialog über HEIMATen verpflichtend zu den Aufgaben seiner Bundeszentrale, so Krüger. Heimat verstehe er als „kulturpolitische Herausforderung, die man nicht den Falschen überlassen dürfe“, mahnte er mit Blick auf rechtspopulistische oder gar rechtsextreme Kräfte in Deutschland. Durch Globalisierung und Neoliberalismus erlebt die Sehnsucht nach Heimat eine Renaissance. Krüger führte als ersten Impuls vier Sichtweisen auf den Heimatbegriff auf:

Welche Heimat-Betrachtungen gibt es?

1) eine kritische, die danach fragt, wer zur Heimat gehöre und wer nicht – ungeachtet der Entheimatung von Menschen

2) eine inklusive, die eine Heimat für Viele für möglich hält

3) eine romantische, die sich „mit Mehltau im Stadium der Unschuld“ bewege (Sehnsucht nach heiler Welt)

4) eine postutopische, die erst mit dem Untergang der DDR begonnen hätte  (Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit, nach dem „Früher“)

Proust-Effekt

Wie man Heimat sehe, gehe häufig mit sehr persönlichen Erlebnissen und Gefühlen, einher, so Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien. Das könnten auch Sinneseindrücke sein, wie sie am Beispiel von Marcel-Proust anführt. In seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ erinnert sich der Erzähler beim Geschmack des Gebäckstück „Petite Madeleine“ – getunkt in Lindenblütentee –  schlagartig an die Vergangenheit, konkret an Stadt und Gärten von Combray. Heimaten seien also Erfahrungsräume.

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Das Eigene und das Fremde

Einerseits könnten mit dem Mangel an Heimat Identitäten verloren gehen. In Zeiten der Globalisierung wachse das Bedürfnis nach Heimat und Zugehörigkeit, was durchaus verständlich sei. Dennoch, und das war Konsens in Berlin, dürfe die Deutungshoheit von Heimat nicht den Rechtsextremen überlassen werden. Grütters betonte, wie wichtig es sei, auf gleichwertige Lebensverhältnisse ländlichen Regionen zu achten und den „Wert von immateriellen Kulturformen als Spiegel regionaler Besonderheiten und gemeinsamer Herkunft sichtbar zu machen. Nur wer das Eigene kennt und wertschätzt, kann auch dem Anderen und Fremden Raum geben, ohne sich bedroht zu fühlen.“ – so Grütters.

Heimat in der Kulturpolitik

Der Heimatbegriff birgt viel politische Macht. Da es Menschen mit und viele ohne Heimat gibt, kann der Begriff dazu führen, dass Menschen Grenzen ziehen:  zwischen denen, die  dazugehören und denen, die ausgeschlossen werden. Genau das kritisiert Bilgin Ayata, Assistenzprofessorin für Politische Soziologie an der Universität Basel. Zunächst präsentierte Ayata einen historischen Abriss darüber, wie der Heimatbegriff in der Geschichte verwendet wurde und zeigte auch Beispiele aus Deutschlands Kolonialzeit. Ayata bewertet den Heimatbegriff generell skeptisch, umso mehr in der Kulturpolitik. Es gehe dabei oft um Ausschluss und nicht um Zugehörigkeit. Als Beleg führt sie u. a. das wütende Buch „Eure Heimat ist unser Albtraum“ an, herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah. Vierzehn AutorInnen schreiben darin kritisch über persönlichen Erlebnisse und Beziehungen zur „Heimat Deutschland“ und die immer wiederkehrende Frage: „Wann geht’s zurück in die Heimat?“, obwohl ihre Heimat doch nachweislich Deutschland sei. Statt über HEIMATen zu diskutieren, forderte Ayata daher, gegen mangelnde Pluralisierung kulturpolitischer Einrichtungen anzugehen.

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Heimat als Sehnsuchtsort

Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a.D., beginnt seine überaus positive Interpretation von Heimat mit Zitaten des Filmregisseurs Wim Wenders: „Heimatgefühle, Heimatfilm, Heimatliebe, Heimatschutz … Jetzt auch noch ein „Heimatminister“! Ojemine!“ Und dennoch, so Wenders, Heimat sei ein Wort, das man gegen all die verteidigen muss, die damit Schindluder getrieben haben. Oder noch tun. Als Argument dafür, dass Heimat allen Bürgern in Deutschland wichtig sei, führte Thierse eine Allensbach-Studie an, nach der Heimatverbundenheit in allen Parteilagern gleich verteilt sei. „Ängste sind soziale und politische Realitäten, auf die wir reagieren müssen“, so Thierse. Dies nutze die AfD aus. Deutschland sei in zwei Zivilgesellschaften geteilt. Das hoheitliche Ringen um den Heimatbegriff sei eine „Reaktion auf die Enteignung der Lebenswelten“ (Oskar Negt). Soziologisch betrachtet sei jeder sozial Entwurzelte in gewisser Weise heimatlos. Zeitgemäße Heimatpolitik, so Thierse, müsse Leerstellen für die Gestaltung des sozialen Lebens lassen und all denen Freiraum geben, die heimisch werden wollen. Dafür stünden in unserer Gesellschaft viele „Räume von Gemeinschaftlichkeit“ zur Verfügung: Vereine, Verbände, das Ehrenamt und auch soziale Netzwerke.

Heimat inklusiv verstanden

In die anschließende Diskussion, moderiert von Vladimir Balzer, brachten sich zusätzlich Schriftstellerin Thea Dorn und der Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby ein, der auch als Präsidiumsmitglied im Bund Heimat und Umwelt in Deutschland e.V. (BHU) sprach, bekräftigte Ayata ihre Position, man solle den Heimatbegriff nur privat und nicht im politischen Zusammenhang verwenden, es sei ein „irrationaler Begriff, der die politische Diskussion in die falsche Richtung führt.“ Mit dieser Position war sie auf dem Podium allein. Trotz rassistischer Anfeindungen fühle er sich in Halle seit vielen Jahren heimisch, so Diaby, und knüpfe dies vor allem an seine Frau, Kinder und Freunde. Er warb dafür, Heimat positiv zu besetzen, indem der Begriff inklusiv gedeutet und mit Leben gefüllt werde. Kommunen seien die Heimat der Menschen. Thea Dorn warb um Toleranz, bei Zugezogenen und Neubürgern (woher auch immer) keine Assimilation einzufordern, sondern den Anderen so sein zu lassen, wir er ist.

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Es gab auch Konsens auf dem Podium: Kulturpolitik müsse zum Gespräch einladen und Angebote zur Teilhabe schaffen, damit Menschen sich wiederfinden und identifizieren können. Eine Kongressbesucherin aus dem Publikum berichtete daraufhin von einer entsprechenden Anfrage an das Heimat- und Innenministerium – mit ihrer Erkenntnis, dass es dort keine Schnittmengen zur interkulturellen Arbeit gäbe. Enttäuschung herrsche auch darüber, dass Ausgrenzung und Rassismus im Alltag zu wenig diskutiert werde. Fazit: Wer Hindernisse im Alltag empfindet, sieht den Heimatbegriff kritisch.

Wem dient Heimat in der Postmoderne?

Ist Heimat nun ein Kampfbegriff von Populisten oder eine kulturelle Ressource der offenen Gesellschaft? Dazu hielt Dirk Baecker eine Keynote, Professor für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke. Er referierte über Wechselspiele zwischen „group und grid“ (Gruppe und Netzwerk), Heimat und Fremde und die Frage, wie mit Gruppen mit einem Menschen umgeht, der das Netzwerk verlässt und in der Fremde nach neuen Impulsen sucht. Darf dieser Mensch zurückkehren oder nicht? Ist die Ursprungsgruppe offen für das, was der Zurückgekehrte aus der Fremde an Erkenntnissen und neuen Impulsen mitbringt? Wie wir uns für und gegen Netzwerke entscheiden, hat Auswirkungen auf Zugehörigkeit und Zuordnung, so Baecker.

Das Soziale und das Globale

Anschließend diskutierte Moderator Peter Grabowski in einer Podiumsrunde über diese Fragen: Welche Rolle spielt der „Sand unter den Sohlen“, die soziale Herkunft, für das eigene Heimatgefühl? Welchen sozialen Prozessen bin ich dabei ausgesetzt. Wie lassen sich Differenzen überwinden? Wie versucht Kulturpolitik hier zu intervenieren? Cornelia Koppetsch, Professorin für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt,  sieht Heimat als Möglichkeit der individuellen Aneignung kritisch: „Das klappt in bildungsbürgerlichen Gruppen, aber nicht in den abgehängten Gruppen … Wir können den Heimatbegriff nicht einfach so formen. Wenn Wahlbindungen nicht mehr funktionieren, werde ich auf meine Ursprungsheimat zurückgeworfen.“ Beate Mitzscherlich, Professorin für Pflegeforschung an der Westsächsischen Hochschule Zwickau, hat sich mit psychologischen Aspekten befasst, u. a. ist sie in der „Heimatpflege für alte Menschen“ aktiv: „Heimat ist etwas, was ich mache.“

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Regina Römhild, Professorin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin, sieht Widersprüche zwischen Heimat und Globalisierung. Verschiedene Gruppen in Europa verwenden unterschiedliche Heimatkonstrukte – je nach transnationalen Verflechtungen, Grenzziehungsprozessen, Alltagskulturen. Daher gäbe es „multiple Heimaten“: „Die moderne Gesellschaft ist immer geopolitisch verankert. Im Nationalstaat beanspruchen Gruppen die Heimat für sich, aber es gäbe jetzt eine Gegenbewegung seitens subkultureller Akteure“, so Römhild. Tobias J. Knoblich, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V., berichtet über Fremdheitserfahrungen in der DDR nach der Wende. Das übermächtige Eindringen von Entscheidungskräften aus dem Westen wurde von den Bürgern der ehemaligen DDR „als Kolonialisierung begriffen. Die neuen Vorgesetzten sprachen eine andere Sprache. Die neue Funktionselite produzierte Fremde in der eigenen Heimat“, so Knoblich.

Heimat: Politisch oder privat?

Das vorweggenommene Fazit des Kongresses kam aus dem Publikum: „Heimat funktioniert offenbar nicht als politisches Großkonstrukt, sondern lediglich als individuelles, regionales und privates Modell.“

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Probleme mit dem Kulturbegriff

Es mag an der Unschärfe des Kulturbegriffes liegen, dass laut ZEIT-Vermächtnisstudie nicht mal die Hälfte der befragten Bürger Heimat mit Kultur verbindet. Die meisten denken an Hochkultur, weniger an unser Zusammenleben, also nicht an das, was uns als Alltagskultur umgibt, z. B. unser Genossenschaftswesen, unsere Brot- und Gartenkultur, der Rheinische Karneval ebenso wie der jüngere interkulturelle „Karneval der Kulturen“, das Singen und Tanzen, plattdeutsch, friesisch und sorbisch, all das – was die UNESCO als immaterielles Kulturerbe bezeichnet. Dazu gehört übrigens auch Poetry-Slam: Slam-Poet Jean-Philippe Kindler näherte sich mit einer wortakrobatischen Darbietung dem Thema Heimat inspirierend und humorvoll.

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Macht Kultur Heimaten?

Als hätte die Kulturpolitische Gesellschaft bei der Ankündigung ihrer Jahrestagung die Ergebnisse der ZEIT-Vermächtnisstudie schon gekannt, hat sie dem Motto ihres 10. Bundeskongresses ein Fragezeichen angefügt: KULTUR.MACHT.HEIMATen WIRKLICH? – zumindest im 3. Panel am ersten Kongresstag. Vladmir Balzer diskutierte darüber mit Akteuren aus der „praktischen Heimatarbeit“. Ein Film der Projektleiterin für Recherche und Konzeption im Lenzburger Stapferhaus in der Schweiz, Sonja Enz, bestätigte, wie persönlich und verschieden Assoziationen zur Heimat sind. Im Riesenrad auf einer Kirmes berichten Menschen aus der Schweiz und aus vielen anderen Ländern, dass Heimat für sie Freunde, Familie, bestimmte  Gerüche, spezielles Essen, Natur, Umwelt und Musik bedeuten.

Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation und Programmleiter im Oderbruchmuseum Altraft in Bad Freienwalde, berichtete über Selbstbeschreibungen seiner Region in verschiedenen Formaten: 50-100 Interviews mit Bewohnern pro Jahr über die eigenen Identität, aus denen sich Führungen der Akteure zu besonderen Orten in der Region ergeben könnten. Als Ergebnis kann auch ein Theaterstück entstehen, wie „Die kluge Bauerntochter“. Es gibt den Bauern der Region eine Stimme und einen künstlerischen Raum. Der leidgeprüfte Bauer sagt z. B. auf der Bühne: „Brot wäre viel teurer ohne Gyphosat, ich habe keinen Urlaub, bei mir geht es 24 Stunden durch.“ Probleme werden durch das Theater gespiegelt.

Eleonora Hummel findet ihre Heimat in der deutschen Sprache, der russischen fühlt sie sich mittlerweile entfremdet. Sie stammt ursprünglich aus  Kasachstan, ihre Eltern sind Wolgadeutsche. Ausgehend von diesen Wurzeln schreibt sie ihren Roman Hummel ihren Roman Die Wandelbaren (erscheint im Herbst 2019) über das Deutsche Theater in Kasachstan, das 1949 erst zerstört und später an anderem Ort wieder aufgebaut wurde.

Für Mark Terkessidis ist Heimat polyphon! Mit seinem Heimatlieder-Projekt gibt er den jungen Leuten der zweiten migrantischen Generation eine Plattform. „Die neue Folklore ist nicht homogen, die Bandbreite ist enorm, je nach Kultur, Land oder Musiker“, sagt Terkessidis. Sie reicht von vietnamesischem Quanggo-Gesang über griechisch- byzantinische Gesänge, osmanische Kunstmusik bis zu kubanischer Folklore. All das wurde in Deutschland in einen neuen Kontext gebracht, wurde durch Remix in neue Formen überführt, erklärte Terkessidis.

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Heimat-Reflexionen am Abend

In der Akademie der Künste präsentierten Musiker aus Vietnam, Kuba und Marokko sowie Terkessidis‘ Mitstreiter Jochen Kühling den KongressbesucherInnen einige musikalische Kostproben der „Heimatlieder aus Deutschland“. Zuvor gab eine szenische Lesung noch mal Stoff zur geistigen Auseinandersetzung. Die Autoren Georg Seeßlen und Markus Metz präsentierten ihr Hörstück „Der kritische Heimat-Abend“ in elf Kapiteln“, z. B. Heimat als Inszenierung, Heimat als Utopie, als Ort der Freiheit und Gerechtigkeit, als Besitz und Eroberung, als Trennung zwischen Heimatlichem und Fremdem.

 

Weitere Infos zum Thema

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken

 ©Andreas Hermsdorf, Pixelio.de 

Wer sind wir? Wie wollen wir leben. Und wie sehen wir unsere Heimat? Diese Fragen werden gegenwärtig wieder häufiger gestellt – nicht erst im Umfeld der bevorstehenden Jubiläumsjahre „30 Jahre Mauerfall“ und „30 Jahre Einheit“. 

Was denken Bürger?

Vermächtnis kommt von Vermachen. Neben der erbrechtlichen Auslegung geht es neben materiellen auch um ideelle Werte, die nach dem Tod hinterlassen bzw. übertragen werden sollen. Und so erkundet die Wochenzeitung DIE ZEIT in  ihrer aktuellen Vermächtnisstudie gemeinsam mit infas – dem Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bonn – sowie dem WBZ – dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: „Was wollen wir nachfolgenden Generationen gerne mit auf den Weg geben? Was ist uns wichtig?“

 © Juergen Jotzo, Pixelio.de 

Zuflucht bei Mitmenschen

Neben dem Befinden über unser Wir-Gefühl und unser Verhältnis zu Fortschritt (technisch und sozial) haben 200 Wissenschaftler in Deutschland 2070 Menschen für die Studie auch zum Thema Heimat befragt. 89 Prozent der Befragten ist Heimat wichtig, aber nur knapp die Hälfte definiert Heimat über Kultur. Wirkliche Heimat finden Menschen bei anderen Menschen, wo sie sich geborgen fühlen: 80 Prozent bei Familie und Lebenspartner, 68 Prozent bei Freunden und Bekannten.

Gegenentwurf zur Digitalisierung

Das Bekenntnis zur Heimat ist indirekt ein Lob auf den direkten „analogen“ Austausch zwischen Menschen. Das mehrheitliche Heimatverständnis ist auch als Reaktion auf die Digitalisierung zu verstehen, die viele Beziehungen im Familien- und Freundeskreis verändert hat. Wie oft dominiert das Handy gemeinsame Gespräche, Treffen, Abendessen…

 © Jens Bredehorn, Pixelio.de 

Heimat ist ein Gefühl

59 Prozent verbinden Heimat mit Deutschland, weniger als die Hälfte mit einer gemeinsamen Religion. Auch Deutsche mit Migrationshintergrund sehen das so und bestätigen die Mehrheitsmeinung: Heimat ist Geborgenheit.

Ganz Deutschland hat Sehnsucht nach Zusammenhalt. Statt Karriere und Aufstieg suchen die Deutschen nun mehr nach „Sinn und Solidarität“, wünschen sich mehr Zeit für Kinder, Freunde und Freizeit. Der Wunsch nach WIR und Geborgenheit ist übrigens noch größer bei Menschen, die sich vor Kriminalität, Terror und Ausländern fürchten und eine geringe Bildung haben.

Was Experten denken

Die Meinung von ExpertInnen zum Thema Heimat stand Ende Juni 2019 im Fokus – beim 10. Bundeskongress der Kulturpolitischen  Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen. Darüber berichte ich in den nächsten beiden Artikeln.:

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

 

Weiteres zum Thema

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT