WirvsVirus-Hackathon: Kokreative Ideen gegen Corona 

 © #WirvsVirus

Die Coronavirus-Erkrankung COVID-19 hat viele Menschen zunächst ohnmächtig gemacht. Einige haben ihre Ratlosigkeit rasch in Engagement umgewandelt: in Online-Kampagnen, Webinare und Ideen, wie z. B. einen grenzenlosen Online-Hackathon. Im bis dahin beispiellosen Nachdenk-Marathon #WirVsVirus wurden vielversprechende Lösungsansätze in der Krise gefunden.

Initialzündung

Die Idee für den Hackathon #WirVsVirus soll innerhalb von einer Woche entstanden sein, erzählt Anna Huppert von Tech4Germany in der virtuellen Pressekonferenz am Sonntag, d. 22. März 2020. Gegen 15 Uhr versammeln sich 40 Journalisten zu einer Videokonferenz und lauschen den Berichten der Organisatoren: Tech4Germany, Code for Germany, Impact Hub Berlin, ProjectTogether, SEND e.V., Initiative D21, Prototype Fund. 

Das Wissen der Vielen

Vom 20.-22. März, während Virologen von einem Beratungstermin zum nächsten hetzen, Politiker unter Hochdruck über Ausgangsbeschränkungen beraten, Notfall- und Hilfsprogrammen schmieden, brüten zeitgleich unzählige hochmotivierte Bürger der Zivilgesellschaft gemeinsam mit Mitarbeitern aus Bundesministerien an Herausforderungen der Corona-Krise. Insgesamt 27.000 Menschen, darunter viele Kreativakteure nicht nur aus Deutschland, suchen nach Lösungen in 15 verschiedenen Handlungsfeldern – quer durch alle Generationen und mit verschiedenen persönlichen und fachlichen Hintergründen. „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.“ Das Zitat von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, dem Vordenker der Genossenschaftsidee, wurde an diesem Wochenende Realität. Zum Beispiel mit der Projektidee small business hero. Bei Hackathon entworfen wurde ein Prototyp für ein digitales Schaufenster, mit denen man beliebig Stadtteile und Produkte foltern kann. Alle beteiligten Ladenbesitzer sollen dabei durch ein Genossenschaftsmodell profitieren.
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Alles virtuell im Netz

Normalerweise sind Hackathons Live-Wettbewerbe, an denen vor allem Computerfreaks zusammen mit weiteren kreativen Köpfen technologische Lösungen und Software-Tools für ein bestimmtes Problem entwickeln und programmieren – innerhalb einer begrenzten Zeit. Doch wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus ist ein direkter persönlicher Kontakt nicht möglich. Der Austausch kann daher nur digital stattfinden. Und das ist anfangs gar nicht so leicht, denn die Bundesregierung als Organisator hatte – ebenso wie die mitveranstaltenden Digitalinitiativen – mit nur 2000 Teilnehmern gerechnet. Als sich mehr als 10 Mal so viele online einloggen wollten, brach zunächst der Server zusammen.

Digitales Designen

Nachdem die technischen Probleme am Freitagabend überwunden sind, stürzen sich die Teams online in den Ideendialog. Über den Messenger Slack finden sich die hochmotivierten Ideengeber zusammen: 1924 Ideenstifter führen die Organisatoren auf und 2922 Mentoren, die die Projekte begleiten. Sowohl schriftlich als auch verbal im Chat können die Teilnehmer zeitgleich ihre Vorschläge teilen und diskutieren. Alle Nachrichten erscheinen in Echtzeit. Dokumente und Dateien können von allen Nutzern geteilt, Ideen aufgeschrieben, von anderen geprüft, verändert, modifiziert und weitergegeben werden. Ein Designprozess, der analoge Ideen und digitale Tools zusammenbringt. Suchfunktionen erleichtern es, Inhalte nach Stichworten zu suchen. Bei der Masse an Teilnehmern ist das auch dringend nötig.

Weltrekord

42.968 Teilnehmer hatten sich bis Freitag angemeldet, etwa zwei Drittel steigen dann in den aktiven Prozess ein und halten bis zum Ende durch. Einige schlagen sich sogar die beiden  Nächte um die Ohren, vernachlässigen Nahrungsaufnahme und Körperpflege, beflügelt von der Kraft der Vielen, wie in der virtuellen Pressekonferenz berichtet wird. Der Rekord des bis dahin weltgrößten Hackathons von 2019 auf der russischen Messe „Kazan Expo“ wird locker übertrumpft. Die Initiative der Guinnessworldrecords meldete damals 3.245 Teilnehmer innerhalb von 48 Stunden. #WirVsVirus erreicht einen neuen Weltrekord. Die Bundesregierung ist beeindruckt, allen voran der Schirmherr, Kanzleramtsminister Helge Braun. Digitalministerin Dorothee Bär übermittelt ebenfalls ihren Dank und nutzt in der virtuellen Pressekonferenz – wohl aus Mangel eines eigenen Google-Account (aus Datenschutzgründen?) – den Zugang ihrer Tochter Emilia.

1500 Projektideen

Bereits im Vorfeld hatten etwa 200 Mitarbeiter aus Ministerien und unzählige TeilnehmerInnen Fragen und Herausforderungen eingereicht. Die Vorschläge wurden in Themenbereiche sortiert und die Teilnehmer nach selbst formulierten Fähigkeiten und Interessen konkreten Projekten zugeordnet. 1500 Projektideen und Anwendungen tüfteln Akteure – zum Teil zeitgleich in mehreren Gruppen parallel – im Verlauf des Wochenendes aus. Wissenschaftler haben den Hackathon begleitet und werden ihn im Nachhinein noch weiter auswerten. Organisatoren, Politiker und Experten hatten am Ende die schwierige Aufgabe, die entwickelten Prototypen zu den Projektideen zu sortieren und zu bewerten. Als Grundlage dienten Videos, die die Hackathon-Akteure am Wochenende bzw. kurz danach von ihren Projekten produzieren sollten. Zwei Projekte, die unter die besten 20 kamen:

„Call versus Corona“ will Menschen ohne Internet mit einem „Low Tech-Ansatz“ erreichen, und zwar über eine interaktive Sprachdialog-Technologie. 80% haben auch in Afrika ein Smartphone. So können auch dort Menschen kostenlos informiert werden, um Ansteckungen vorzubeugen. Push-Up Nachrichten werden aufs Handy geschickt, die per Klick zu den kostenlosen Anrufe und Audio-Infos. Das Projekt “Videobesuch“ bietet Senioren in Pflegeheimen die Möglichkeit, Videobesuchstermin zu buchen, das Pflegepersonal stellt das Tablet auf, per Einladungslink können z. B. auch Enkel dazu geschaltet werden.

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Von der Theorie in die Praxis

Die Jury wählte 20 Projekte nach den besten Erfolgsaussichten gegen die Herausforderungen der Corona-Krise aus, sie werden nun gezielt weiterentwickelt. Schade, dass weder ein digitales Bildungs- noch ein Kulturprojekt in die „best of 20“ aufgenommen wurden, dabei sind beide Bereiche gerade in Krisenzeiten absolut systemrelevant! Kleiner Hoffnungsschimmer: Parallel zu den bereits ausgewählten Projekten können sich befristet noch weitere Akteure mit ihren Ideen bewerben und an Lösungen mitarbeiten. Dazu die Organisatoren: „Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, finanzielle Preise am Ende des Hackathons zu vergeben, aber wir werden so viele Projekte (besonders die von der Jury ausgewählten) so gut wie möglich dabei unterstützen, weiter an der ihrer Lösungsidee zu arbeiten. Wir bewerten alle Einreichungen nach den folgenden Kriterien:

Gesellschaftlicher Mehrwert: Wie vielen Menschen hilft die Lösung und wie sehr? Innovationsgrad: Gibt es bereits ähnliche Lösungen (oder nicht)
Fortschritt: Was haben die Hackathon-Akteure in 48 Stunden geschafft?
Verständlichkeit: Wie gut ist die Lösung kommuniziert und dokumentiert?
Skalierbarkeit und Bedarf: Wie viele Menschen profitieren oder sind bereit, dafür zu zahlen?

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Projektbeispiele: Kunst und Kultur

Am Ende geht es aber auch um Geld, um neue Geschäftsmodelle und die Finanzierung der vielversprechendsten Projektideen. Niemand der Teilnehmer möchte, dass gute Ideen nur Theorie bleiben. Auch ohne Geldgeber wollen viele Akteure daher ihre Ideen weiter entwickeln. Für den besonders von Corona betroffenen Bereich der Kultur- und Kreativschaffenden haben Akteure der Branche nach konkreten Lösungsansätzen gesucht, so z. B. YourExhibit – eine Plattform für digitale Messen und Kongresse, ein wohltätiges, virtuelles Musikfestival Daheimdabei, ein Digitaler Museumsführer Cultours und eine Plattform für creative-public-partnership, um öffentliche und private Finanzierer mit Kreativen zu vernetzen.

Plattform für Online-Konzerte und Workshops

Die Fotografin und bildende Künstlerin Susanne Wehr hat mit ihrem Team das Konzept für eine Online-Plattform &kunst entwickelt (siehe Podcast-Interview). Die Idee: „Plattform für Event-Streaming und Online-Festivals: &kunst kreiert lebendiges Erleben und Entdecken von digitalen Veranstaltungen. Durch die bundesweite Vernetzung und Bündelung von Events, Orten und Künstlern schafft die Plattform ein übergreifendes und bisher nicht vorhandenes Angebot aus Livestreaming, vorproduzierten Inhalten und Online-Workshops und -Tutorials.“ Die Jury-Kriterien beschreibt das Team auf der Projektseite des Hackathon so:

  • Gesellschaftlicher Mehrwert: für die vielen kleinen selbstständigen Künstler und Kulturschaffenden, die jetzt am meisten leiden.
  • Innovationskraft: die Plattform bietet mehr als nur Performancekünstlern eine Plattform -> Videostream-Seiten bspw. dringeblieben.de 
  • Skalierbarkeit: von lokalen Festivals bis ganz Deutschland und in die ganze Welt!
  • Fortschritt während des Hackathons: Prototyp
  • Verständlichkeit der Lösung: hopefully 🙂

PODCAST – Interview mit der Künstlerin Susanne Wehr

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Weitere Projektideen und Fragestellungen

Das Team von Jessica Müller hat das Spiel Raumschiff-Coronia für die ganze Familie entwickelt, das ohne Kauf und Lieferwege selbst ausgedruckt werden kann. Katja Kohlstedt entwarf im Team das Projekt Edumentoring, damit 2020 kein verlorenes Bildungsjahr wird!  Es bietet eine Plattform für LehrerInnen, die ihren Unterricht zumindest teilweise digitalisieren möchten, eine Art Wiki-Linksammlung mit Tutorials, Tools, Apps und best practice.  

  • Aus eigener Beobachtung und Betroffenheit heraus, z. B. Kita- und Schulschließung, stellten viele Teilnehmerinnen diese Fragen:
  • Wie können wir gemeinsam die Betreuung unserer Kinderbetreuung in Zeiten von Corona sicherstellen?
  • Wie können wir die Hilfe unter Nachbarn digital organisieren?
  • Wie können wir einen Überblick über aktuelle Zahlen zu Infizierten sichern?
  • Wie können Fakenews und Verschwörungstheorien bekämpft werden?
  • Wie können wir dabei helfen, dass direkt vermarktete Produkte, Obst und Gemüse, auch während der Krise noch zu ihren Kunden finden?

Soziale Ideen und technologische Innovationen

Auch renommierte Unternehmen haben Gelder für die Realisierung von Lösungsansätzen zugesagt und sich bereits während des Hackathons eingebacht. Eine gute Möglichkeit, Talente zu sichten sowie neue Geschäftsmodelle. Viele Ideen sind soziale Innovationen, so z. B. der Vorschlag für feste Zeitfenster am Tag, in denen ausschließlich ältere Menschen bzw. Risikogruppen in den Supermarkt zum Einkaufen gehen. Die meisten Ideen entstanden mit Unterstützung technologischer Tools. Hier beteiligten sich besonders große Unternehmen, u. a. auch Google. Über den Kartendienst Google Maps z. B. konnten Teilnehmerinnen herausfinden, wie wieviele Menschen sich in Restaurants, Sehenswürdigkeiten und an anderen Orte in einer Stadt aufhalten. Ein Vorhaben, was Datenschützer kritisch sehen könnten, auch wenn es in der Corona-Krise helfen kann, Zusammenhänge zwischen Verhaltensweisen und der Ausbreitung des Virus herzustellen. Clara Sahara und ihr Team haben zum Beispiel als Gegenentwurf eine Virus Tracking App entwickelt, die auf Bluetooth-Technologie basiert und keine persönlichen Daten (z. B. Standort) trackt. Von einer offiziellen Seite wird verifiziert, dass jemand infiziert ist. Dann werden alle, die in unmittelbarer Nähe waren, benachrichtigt (mit entsprechenden Handlungsempfehlungen, basierend auf der Risikobewertung).

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Engagement aufrecht erhalten und weitertragen

Trotz der Krise und persönlicher Sorgen trägt die positive Grundstimmung durch das gesamte Wochenende, berichten die Teilnehmer. Die Zusammenarbeit funktioniert deshalb sehr gut, weil alle an Lösungen interessiert sind. Der gemeinsame Wunsch ist, dass alle in der Gesellschaft an der großen Herausforderung und den vielen Unwägbarkeiten wachsen werden – für ein Leben, das endlich nachhaltiger, gesünder, friedlicher und sozialer ist.

 

CORONA-Soforthilfen für Kultur- und Kreativschaffende 

„Kreative Deutschland“ – der Bundesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland hat ein Online-Pad erstellt, das über Soforthilfen für Kultur- und Kreativschaffende aus Bund und Ländern informiert. Es wird laufend aktualisiert.

Mit Padlet erstellt

Segel setzen für Musik und Kultur: Karl Heinrich Wendorf

  ©  kultursegel

Musiker sind Bauchmenschen. Manager sind Kopfmenschen. Auf Karl Heinrich Wendorf trifft beides zu. Er ist zum einen leidenschaftlicher Musiker, zum anderen begeisterter Musikvermittler und Musikmanager. Beim Interview mit ihm ist schnell klar: Er wird dem Musikland Mecklenburg-Vorpommern Aufwind geben und dabei vor allem den Nachwuchs beflügeln. 

Musik als Energiespender

Die Leidenschaft für Musik treibt Wendorf an, egal was er tut: „Als Musiker, Mittler und Manager zugleich fühle ich mich befähigt, Brücken zu bauen und neue Wege zu gehen … und durch Gründergeist und Verantwortungsbereitschaft einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.“ Die Freude beim Musikmachen gepaart mit Organisationstalent bereiten ihm den Nährboden für das strategische Planen von Musikvorhaben. Als Manager versteht er es, musikalische Ereignisse so zu arrangieren, dass die Musik bestmöglich wirken kann. Diese Kombination gibt es selten. Im Profibereich sind die Welten auf und hinter der Bühne getrennt. Doch gerade junge MusikerInnen, die am Anfang ihres Weges stehen, kaum Geld und Kontakte haben, um erste Ideen und Musikprojekte umzusetzen, müssen es selber machen. Was einige KünstlerInnen als Zwang empfinden, wurde bei Karl Heinrich Wendorf zur neuen bzw. zweiten Profession.

 ©  kultursegel

Not und Tugend

Schon als Wendorf an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin Posaune studiert, wird ihm rasch klar, dass kulturelle Vorhaben im Zweifel selbst organisiert werden müssen, will man nicht Jahre auf deren Realisierung warten. Weitere künstlerische und pädagogische Impulse erhält der junge Musiker an der Universität der Künste Berlin und der Guildhall School of Music and Drama in London. Wendorf ist Grenzgänger zwischen den Stilen, absolviert Projekte mit klassischer Musik, mit Alter Musik und Jazz. Bereits in Schulzeiten feiert er Erfolge als Jugend musiziert-Bundespreisträger, wirkt im Landesjugendorchester Mecklenburg-Vorpommern und im Bundesjazzorchester mit. Konzertreisen führen ihn u. a. nach Großbritannien, Spanien, Polen, nach Syrien und in die USA.

Doppelrolle: Musiker und Manager

Dann gehört Wendorf um das Jahr 2010 herum gemeinsam mit zwei weiteren jungen Musikern zu den Mitgründern der jungen norddeutschen philharmonie (jnp). In diesem Orchester finden Studierende aus norddeutschen Musikhochschulen projektweise zusammen, realisieren innovative, energiegeladene Konzerte und kreative Veranstaltungsformate. Wendorf gestaltet ungewöhnliche Auftritte und Programme aktiv mit. Eine erste Spielwiese, hier kann er vieles ausprobieren. Flache Hierarchien und viele Teilhabemöglichkeiten bieten hervorragende Voraussetzungen.

 Funkhaus Nalepastr. © Antje Hinz, MassivKreativ

Erste Projekte

Wendorf organisiert u. a. ein jnp-Mini-Festival mit auf dem Areal des alten (Ost-)Berliner Funkhauses in der Nalepastrasse, ein Konzert im Mehr! Theater am Großmarkt in Hamburg und ist Musikvermittler für den „Symphonic Mob MV“ im Rahmen eines Sommerprojektes. Er initiiert eine Crowdfunding-Kampagne für das Jugendorchester und einen Flashmob für die Bewerbung. Wertvolle Erfahrungen, von denen er bei der späteren Gründung seines gemeinnützigen Unternehmens kultursegel enorm profitiert. Dazu später mehr. Zunächst zu den Anfängen.

 ©  kultursegel

Heimatverbundenheit

Wendorf ist waschechter Mecklenburger, 1989 in Lübz geboren und in Schwerin aufgewachsen. Er besucht hier die Musik- und Kunstschule „Ataraxia“  und das Goethe-Musikgymnasium. Das Musikstudium führt ihn zunächst nach Berlin, in Hamburg sattelt er an der Hochschule für Musik und Theater ein Masterstudium für Kultur- und Medienmanagement auf. Doch es zieht ihn zurück in die Heimat – sowohl gedanklich als auch organisatorisch. Als Dramaturg und Projektleiter realisiert er für die „Festspiele Mecklenburg-Vorpommern“ und die „Tage Alter Musik Schwerin“ neue Konzert-Formate und erreicht neue Zielgruppen.

 © kultursegel: geplante Kultur- und Musikakademie Schloss Gadebusch

Leerstelle erkannt

Auch seine Masterarbeit dreht sich um das Musikland MV: Da es das einzige Bundesland ohne eine musikalische Fort- und Weiterbildungsstätte ist, entwickelt Wendorf Strategien für die Gründung einer eigenen Landesmusikakademie in MV. Seit der ersten Bestandsaufnahme ist viel passiert. Wendorf hat inzwischen viele Unterstützer und Befürworter für seine Idee gefunden und sogar einen Ort: Schloss Gadebusch im Nordwesten von Mecklenburg-Vorpommern soll der Akademie als Heimat dienen. Nach den Wirren der Wende lagen die bedeutenden historischen Gebäude u. a. aus der Zeit der Renaissance viele Jahre im Dornröschenschlaf. Gemeinsam mit Vertretern der Stadt und des Schlossfördervereins möchte Wendorf dem Ort neues Leben einhauchen. Und eine wichtige Rolle in dem multifunktional geplanten Kultur- und Bildungsort soll dabei eben eine Akademie der musikalisch-kulturellen Bildung spielen.

 ©  kultursegel

Breite Unterstützung

Neben ideeller Unterstützung gibt es seit 2019 finanzielle Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds und seit 2020 aus dem Programm LandKULTUR des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft weitere Mittel in Höhe von knapp 100.000 Euro. Damit können erste Inhalte, Markenbildung und Veranstaltungstechnik finanziert werden. „Ich habe eine ganz, ganz große Motivation und Energie gespürt“, erzählt Wendorf glücklich, „dass die Stadt Gadebusch ihr Schloss als Identifikationspunkt zurückholen und ihn gemeinsam mit mir und der Stadtbevölkerung weiterentwickeln möchte. Gadebusch ist ja Eigentümerin des Schlosses und nun gleichzeitig auch Bauherrin. Glücklicherweise sind alle immer offen für Gespräche, auch der Bürgermeister Arne Schlien. Und so war für mich klar, ich packe da gerne als inhaltlicher Projektentwickler mit an, investiere meine Zeit und gebe dort Ressourcen rein. Ohne dieses aktive Netzwerk hätte ich mich sicher nicht engagiert.“

Potenzial Rückkehrer

Karl Heinrich Wendorf ist genau der Typ Rückkehrer, den Mecklenburg dringend braucht: hervorragend ausgebildet, weitläufig und weltoffen mit umfassenden Erfahrungen in Musikpraxis und Management, ausgestattet mit wertvollen Kontakten in die Kultur- und Klassikszene, in Pädagogik und Bildung und vor allem mit weitreichender sozialer Kompetenz und Herzensbildung. Man spürt sofort, dass Wendorf für seine Heimat und seine Sache brennt. Er ist einer, der sich engagiert, anpackt, oft bis an eigene Grenzen geht und zuweilen auch darüber hinaus, weil es kein anderer machen kann oder weil es kein Geld gibt, um andere zu honorieren: „Ich betrachte MV oft als „Wilden Westen“ im positiven Sinne; wenn du hier ein Ziel angehst und voll dahinterstehst, dann kannst du es auch erreichen! Und zwar deshalb, weil viel Gestaltungsraum da ist. Dies setzt aber voraus, dass du mit großer Leidenschaft in Vorleistung gehst. Um für uns Kreative bessere Bedingungen zu schaffen, wäre viel gewonnen, wenn der Kulturbereich insgesamt einen höheren Stellenwert bekäme – sowohl in der Politik, als auch in der Gesellschaft.“

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Zukunft Mecklenburg

Noch lebt der umtriebige Wendorf in Berlin. Doch seine Zukunft plant er in Mecklenburg, wenn bestimmte Voraussetzungen stimmen: „Ich  beschäftige mich zurzeit intensiv damit, wie ein Leben zwischen Stadt und Land aussehen kann und welche Perspektiven geschaffen werden müssten, um Kreativen im Garten der Metropolen langfristig gute Rahmenbedingungen zu ermöglichen. Ich brauche diese befruchtenden Impulse aus beiden Regionen und denke, dass ist ein Zukunftsmodell, dass Kreative ihre Inspirationen und Expertise aus der Stadt aufs Land bringen. Noch brauche ich die Jobs in Berlin, aber wenn sich die Lage in MV positiv entwickelt, kann ich mir gut vorstellen, mich dauerhaft wieder in Mecklenburg niederzulassen.“

kultursegel

Um seine ambitionierten Pläne zu verwirklichen, hat Wendorf als organisatorischen Überbau das gemeinnützige Unternehmen kultursegel gegründet. Wer auf der Website surft, merkt rasch, wieviele strategische Überlegungen hier eingeflossen sind. Kein konzeptioneller Schnellschuss, sondern gut durchdachtes Storytelling. kultursegel möchte Menschen und Projekte beflügeln. Wendorf nimmt dazu (Auf-)Wind von anderen auf, vernetzt sich und gewinnt so zusätzlich an Fahrtwind. Gespeist von Kooperativem, co-kreativem Denken, Handeln und von Erfahrungen seiner bisherigen Projekte hat Wendorf verstanden, dass die gemeinsame Kraft vieler kultureller Mitstreiter weiter führt als Eigenbrödlerei, Ellenbogen und Missgunst, die andernorts dem Gelingen wichtiger kultureller Projekte im Weg stehen. Im März 2020 wurde kultursegel für den Innovation Award von Classical:NEXT nominiert.

 © kultursegel

Aufwind

Seine Begeisterung für Musik und sein Wissen gibt Karl Heinrich Wendorf gemeinsam mit MusikerkollegInnnen und Gleichgesinnten vor allem auch an den Nachwuchs weiter, an SchülerInnen, u. a. mit dem Blechbläserensemble „die blechlotsen“ im kultursegel-Projekt „brass up your life“. Weitere Modellprojekte sind die 5-tägigen musikalisch-kulturellen Entdeckungsreisen „cooltour [kultur]“ für Grundschulklassen und eine „Mobile Musikwerkstatt“.

  ©  kultursegel

Kulturpädagogische Inhalte und Projekte finden in Schulen oft zu selten statt. Wendorf setzt sich gerade deshalb dafür ein, denn Kinder brauchen speziell Musik für die Persönlichkeitsentwicklung. Sie sind nicht zuletzt das Publikum von morgen. Seine gemeinnützige GmbH kultursegel braucht daher stetig weitere Unterstützer, wie Wendorf auf seiner Website schreibt: „Neben finanziellen Zuwendungen freuen wir uns über Sachspenden sowie Ihre ideelle und ehrenamtliche Unterstützung. Als gemeinnützige Organisation können wir Zuwendungsbestätigungen ausstellen. Geben Sie uns Aufwind und unterstützen Sie die Ideen der gemeinnützigen Institution kultursegel wie den Aufbau einer Kultur- und Musikakademie in Mecklenburg-Vorpommern z. B. mit folgenden Möglichkeiten: “leichter Zug” – 50 Euro / “frische Brise” – 100 Euro / “starker Wind” – 250 Euro.“ Hier unterstützen!

 ©  kultursegel

Soziale Innovationen

Auch an seiner ehemaligen Studienstätte, der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin, engagiert er sich für Musikmanagement und Musikvermittlung und zwar mit Blick auf sein Herzensthema: „Cultural Entrepreneurship“, also kulturelles Unternehmertum. In einem StartUp-Seminar hilft Wendorf den Studierenden, eigene künstlerische Träume, Visionen und Ideen zu entfalten und ermutigt sie zur Realisierung: „Neben digitalen Geschäftsmodellen haben Kreative auch herausragende „analoge Ideen“, also für soziale Innovationen mit Lösungsansätzen für Herausforderungen in Mobilität, Demografie, Bildung usw. Dieses Potenzial muss dringend weiter gehoben und genutzt werden.“ Sein letzter Appell richtet sich an Landespolitiker und Landesentwickler in seiner Heimat: „Ein Problem sehe ich im Umgang mit gemeinnützigen und sozialen Unternehmen. Sie erfahren in Mecklenburg noch keine Unterstützung durch Gründerprogramme. Die Handelskammern und Wirtschaftsförderungen fühlen sich für Sozialunternehmen nicht zuständig. Das muss sich dringend ändern.“

PODCAST

Community Building, Audience Development und Outreach: die Kultur ringt um ihre Zukunft

 © Bernd Sterzl, Pixelio.de 

Ist es nun folgerichtig oder ernüchternd: Obwohl Kulturinstitutionen mit immer mehr Angeboten aufwarten, werden neue Nutzergruppen eher zögerlich erreicht. Bislang bemühen sich nur wenige Kulturanbieter wirklich aktiv um andere, bislang vernachlässigte Zielgruppen. Zu viele tun das, was und wie sie es schon immer getan haben. Dabei sollten längst alle Institutionen weitaus engagierter und kreativer um neue, andere Nutzergruppen ringen, es geht doch um die eigene Zukunft. Ein Querschnitt durch neue Publikationen, aktuelle Publikums- und Besuchervorhaben und erhellende Erkenntnisse.

Wer nutzt Kulturangebote?

Es sind vor allem die älteren, klassisch Kulturinteressierten, die unsere Konzert- und Theatersäle, unsere Ausstellungen und Museen füllen. Das Interesse an Kultur ist in den letzten Jahren gewachsen. Doch es gibt ein Problem: Die (andere) Hälfte der Bevölkerung findet hierzulande kaum oder nur selten Zugang zu öffentlich finanzierten Kulturangeboten.

 © Reinhold Kiss, Pixelio.de 

Studien über Nichtnutzer

In den vergangenen Jahren sind Wissenschaftler immer mal wieder der Frage nachgegangen, warum es so viele Menschen gibt, die kulturelle Angebote gar nicht nutzen. Die Gründe sind vielfältig: fehlende Zeit, fehlendes finanzielles Budget, kein passendes inhaltliches Angebot, mangelndes Interesse, fehlendes Vorwissen, fehlende Begleitung. Diese Erkenntnisse sind durchaus wertvoll. Kulturinstitutionen können darauf reagieren und gezielt an diese Erkenntnisse anknüpfen. (Quelle: Untersuchung des Studiengangs Kulturpädagogik und -management der Hochschule Niederrhein, 2014/15)

Neue Strategien

Musikalische und kulturelle Angebote sollten nicht allein aus bewährten Programmen heraus geplant werden. Die Zeiten haben sich geändert und damit auch Bedürfnisse und Wünsche der Nutzer. Kulturinstitutionen müssen ihre Angebote mehr durch die Brille der Zielgruppen sehen: durch die der altbewährten Zielgruppen, für die auch nicht alles gleicht bleibt (Zeitbudget) und die der neuen Zielgruppen, die bisher noch nicht erreicht wurden. Kurzum: Der Kulturbetrieb steht den 50% Nichtnutzern keineswegs hilflos gegenüber. Kurze Schnupperangebote im öffentlichen Raum an gut frequentierten städtischen (und ländlichen) Treffpunkten sowie an ungewöhnlichen Orten können zu Schlüsselerlebnissen werden, um bei kulturellen Nichtnutzern Interesse zu wecken und den Funken der Begeisterung nachhaltig zu entfachen.

© Michael Großs, Pixelio.de 

Marktrecherche

Zunächst einmal lohnt es immer, sich über erfolgserprobte Projekte zu informieren, mit denen neue Publikumsschichten gewonnen wurden, entweder direkt in den Institutionen, in Konzert-/ Theater- und Opernhäusern, in Galerien, Museen und anderen Kulturproduzenten. Auch auf Fachtagungen und Kongressen informieren Kulturanbieter regelmäßig über gelingende und gelungene Pilotprojekte. Der Buchmarkt bietet eine reichhaltige Auswahl an Studien und Publikationen, die über neue Ansätze bei der Gewinnung von (neuen) Nutzergruppen berichten. Die Experten sind sich im Grunde einig: es ist eine Querschnittsaufgabe, an der alle Fachbereiche und Abteilungen einer Kulturinstitution mitwirken müssen, nicht auf Anweisung aus der Leitungsebene, sondern aus Zuneigung zum Publikum und aus innerer Überzeugung.

Interdisziplinär denken

Innovation entsteht durch die (neue) Kombination vorhandener Dinge und vorhandenen Wissens all jener Akteure, die in einer Institution tätig sind. Sämtliche zentralen künstlerischen Bereiche sollten in den Strategieprozess zur Publikumsgewinnung eingebunden werden. Wissen und Erfahrungen müssen zunächst einmal erfragt, gesichtet, sortiert, strukturiert und schließlich neu, überraschend und originell miteinander verbunden werden. Dazu braucht es viele verschiedene Köpfe, Mitdenker und Perspektiven. Doch eben nicht nur in den Kulturinstitutionen selbst. Gehört werden müssen vor allem die (neuen) Ziel- und Nutzergruppen.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Audiance Development nur zweite Wahl?

Irene Knava, Organisations- und Managementberaterin aus Österreich, hat sich intensiv mit dem Thema Publikumsbindung im Kulturbereich beschäftigt, u. a. in ihrem Buch „Audiancing Diversity 4.0. Transformation im digitalen Wandel gestalten und Wirkkraft durch Vielfalt verstärken“. Sie sieht audiance development nur als zweite Wahl, denn: Damit werde Kontakt zum Publikum erst dann aufgenommen, wenn es bereits den Weg in die Kulturinstitution gefunden habe. Viel zu spät, findet Knava. Audiance Development wird meist als Synonym für kulturelle Bildung verstanden, für Education, (Kultur-/Museums-/Musik-/Theater-)Pädagogik und Vermittlung, die in der Regel in den kulturellen Institutionen selbst stattfindet.

 © Facultas

Community statt Audiance

Knava plädiert vielmehr dafür, statt „Audiance Development“ von Anfang an „Community Building“ zu betreiben. Es sei wirksamer, Publikumsgruppen neu aufzubauen. Die Kulturinstitutionen müssen sie dafür direkt an den Orten aufsuchten, an denen sie sich normalerweise bewegen, sowohl digital in sozialen Netzwerken als auch analog an öffentlichen Plätzen, im Nahverkehr, in Einkaufszentren, in Parks, Jugendtreffs usw. Die Zielgruppen müssen stets bei jenen Themen abgeholt werden, die ihrer Lebenswirklichkeit entsprechen: Gesellschaft, Persönlichkeitsentwicklung, Schule, Beruf, Umwelt, Natur, Politik, Freizeit, Sport, Essen, Einkaufen usw. Knava fragt nach „geeigneten Kontaktpunkten mit dem Publikum“ und setzt sie in einer aufschlussreichen Grafik in Beziehung (S. 15). 

 © bluefeeling, Pixelio.de 

Mit Audiance Development erreicht die Kulturinstitution nur ein „bekanntes“ bzw. „zufälliges“ Publikum, das bereits im eigenen Haus präsent sind. Das Audiance-Publikum nutzt fremdgestaltete Angebote der Kulturinstitution und ist damit Konsument, was zwar eine wohlwollende, aber dennoch nur lose Bindung an die Kulturinstitution erzeugt. Audiance Development heißt: Angebote für jemanden gestalten (top down).

Mit Community Building wird ein komplett anderer Ansatz verfolgt. Die Zusammenarbeit erfolgt in co-creativ/ko-kreativ Teilhabe, d. h. Angebote werden mit der Zielgruppe gemeinsam entwickelt und gestaltet (bottom up). Damit erreicht die Kulturinstitution eine neue Zielgruppe. Die Community wird völlig neu aufgebaut und an ihren üblichen Aufenthaltsorten aufgesucht. Die Institution verlässt also ihre eigenen Räume und Spielstätten und befragt die neue Zielgruppe nach ihren Wünschen und Bedarfen, Problemen und Schmerzpunkten (Methode Design Thinking) und entwickelt gemeinsam mit der Zielgruppe neue, innovative Formate und Angebote. Die Community ist Produzent, was sie sehr eng an die Kulturinstitution bindet und zugleich ein tieferes Verständnis für die Themen der Kulturinstitution schafft.

 © myself, Pixelio.de 

Knava stellt klar heraus die Vorteile heraus, wenn die Wünsche der Zielgruppen von Anfang im Fokus stehen: „Community Building ermöglicht eine vollkommen neue Art des Lernens … auch für den Kulturbetrieb. Lernen meint hier kognitives Wissen, neue Denkanstöße, Erfahrungen und Reflexion, Sinnstiftung und Herzensbildung, quality time im Zusammensein mit anderen Menschen“, außerdem Identifikation und Selbstwirksamkeit.

Die Autorin weist in ihrem Buch darauf hin, dass es vor allem die Kulturinstitutionen selbst sind, die ihr Denken und Handeln verändern müssen. Dieser institutionelle Kulturwandel ist ein Prozess, der über sämtliche Hierarchieebenen hinweg von allen MitarbeiterInnen mitgetragen werden müsse. Knava erläutert den Wandel als strategischen Prozess und stellt verschiedene Schritte und Methoden vor, damit Institutionen den Wandel beginnen können. Zentrale Themen dabei sind: Gleichberechtigung und Teilhabe von Menschen verschiedener kultureller und sozialer Herkunft, auch mit körperlichen und geistigen Einschränkungen.

Förder- und Freundeskreise für Kultur

Was aber wollen die Zielgruppen wirklich? Dieser Frage widmen sich zunehmend auch Förder- und Freundeskreise von kulturellen Institutionen. Der Umgang mit den Mitgliedern habe sich in den letzten Jahren entscheidend verändert, schreiben die Herausgeberinnen im „Handbuch Förder- und Freundeskreise in der Kultur“, Andrea Hausmann von der Pädagogische Hochschule Ludwigsburg und Antonia Liegel von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Statt nur „von oben verordnete“ Angebote zu konsumieren wollen sich die Mitglieder heute viel stärker als früher „von unten“ mit eigenen Ideen einbringen.

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Junge Freundeskreise

In den Freundeskreisen geht es nicht mehr nur um Mitgliedsbeiträge, Fundraising, Spenden, Geld und vergünstigten bzw. kostenlosen Zutritt zu Konzert- und Opernhäusern, Theatern und Museen, sondern mehr und mehr um Inhalte. Das gilt besonders für Junge Freundeskreise, über die Autorin Ksenia Weber im Handbuch schreibt (S. 115-119). Weber hat dem überaus erfolgreichen Jungen Freundeskreis der Kunsthalle Hamburg (bereits 2001 gegründet) wichtige Impulse gegeben. Er zählt inzwischen über 3.000 Freunde bei Facebook. Darüber hinaus war Ksenia Weber Sprecherin der „Jungen Initiativen“ im Bundesverband der Fördervereine Deutscher Museen für bildende Kunst, eine Weiterentwicklung der 2005 gegründeten Bundesinitiative „Junge Freunde Kunstmuseen“. Weber hat einige Handbücher mit initiiert, u. a. die Reihe So macht man sich Junge Freunde. Ihre Vorhaben führt aktuell Jacqueline Wolter weiter, sowohl an der Hamburger Kunsthalle als auch im Bundesverband. Ksenia Weber ist jetzt beim Deutscher Museumsbund in Berlin tätig und arbeitet ehrenamtlich für den jungen Freundeskreis „Jung und Artig“ im Förderverein Berlinische Galerie.

 © Julian Rokitta, Pixelio.de

Strategische Profilentwicklung

Die junge Generation möchte beteiligt und gefragt werden, bevor sie sich engagiert. Wird das von Kulturinstitutionen berücksichtigt, dann gelingt auch der Aufbau einer kunst- und kulturinteressierten Community. Annette Welling erläutert im „Handbuch Förder- und Freundeskreise in der Kultur“, wie eine erfolgreiche Strategie für die Bildung eines Freundeskreises entwickelt werden sollte – mit Leitbild, Mission und Vision. Sie erklärt, welche Schritte gegangen, welche Hindernisse überwunden und welche Meilensteine erreicht werden müssen, um ein zielführendes Profil für einen Freundeskreis zu entwickeln. Autorin Gesa Birnkraut berichtet in ihrem Artikel über Stolperfallen und Missverständnisse, die bei der Einbindung von Ehrenamtlichen lauern und wie sie vermieden bzw. überwunden werden können, damit die Zusammenarbeit zwischen Kulturinstitution einerseits sowie Förder- und Freundeskreis andererseits erfolgreich verlaufen kann.

Theorie und Praxis

Die Herausgeberinnen haben ein kompetentes Autorenteam zusammengestellt, die Theorie und Praxis von Fördervereinen und Freundeskreisen beleuchten. Die Themen sind vielfältig. Es geht um organisatorische, steuerliche und juristische Aspekte, um Management und Finanzierung, um Bildung und Vermittlung, um Marketing und Kulturwirtschaft, um Kulturpolitik und Wirtschaftswissenschaft, kurzum: um Rahmenbedingungen, Akteure und Management. Im Schlusskapitel geben Verantwortliche aus Freundeskreisen direkt Einblick in ihren Praxisalltag. Vorgestellt werden die Fördervereine, Freundeskreise und Junge Freundeskreise von Museen und Orchestern, z. B. der Berliner Philharmoniker, des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, der Berlinischen Galerie, des Theaters und der Philharmonie Essen. Das sehr gut strukturierte und zwischen Wissenschaft und Praxis ausgewogene Buch sei allen ausdrücklich empfohlen, die in die Arbeit von Freundeskreisen involviert sind, egal ob hauptamtlich oder ehrenamtlich tätig.  

 © Allitera 

Klassische Musik für junge Zielgruppen

Julia Kirn hat sich ebenfalls intensiv mit Teilhabe bzw. partizipativen Prozessen beschäftigt – im Rahmen ihrer Dissertation und dem daraus resultierenden Buch „Klassische Musik in den Lebenswelten Jugendlicher und junger Erwachsener“. Die Arbeit im Fach Musikwissenschaft entstand im Rahmen des interdisziplinären Promotionsprogramms ProArt und wurde gefördert durch ein Stipendium des Elitenetzwerks Bayern. Zu Beginn zitiert Kirn das Ergebnis einer Forsa-Umfrage, die die Körber Stiftung 2013 in Auftrag gegeben hat. Demnach ist klassische Musik für 84 % der Befragten zwischen 18 und 29 Jahren ein wichtiges, relevantes Kulturgut und -erbe. Allerdings: Nur jeder Zehnte in dieser Altersgruppe unter 30 Jahren hatte im Vorjahr ein Konzert besucht.

Verdienstvoll sind in jedem Fall die im Zweijahresturnus stattfindenden Fachkongresse der Körber Stiftung The Art of Music Education mit internationaler Expertenbeteiligung. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, warum es keine partizipativen Klassikkongresse mit Beteiligung junger Zielgruppen gibt, wo sie über ihre Bedürfnisse und Wünsche öffentlich sprechen können. Junge Erwachsene haben klare Vorstellungen und Ideen, wie klassische Musik ihre Lebenswirklichkeit abbilden müsste bzw. mit welchen Themen sie sich in klassischer Musik wiederfinden könnten. Eine partizipative Plattform wäre zielführend, auf der junge Erwachsene analoge und digitale Formate entwerfen können, um gleichaltrige Zielgruppen an klassische Musik heranzuführen und zu begeistern! Vielleicht wäre die re:publica ein geeignetes Forum! Laut Jugendkulturbarometer haben 80 % der 14-24jährigen noch nie ein Konzert besucht. Was resultiert aus diesem Ergebnis?

 © Norbert Roemers, Pixelio.de

Direkt am Ohr der Zielgruppe

Orchester und Konzerthäuser stehen in der Pflicht, gerade jüngeren Menschen mehr Einstiegserlebnisse mit klassische Musik anzubieten und sich dabei weitaus besser als bisher auf deren Themen und Lebenswirklichkeiten einzustellen. Wir erinnern uns noch einmal an die Gründe, die Nichtkulturnutzer nennen: fehlende Zeit, fehlendes finanzielles Budget, kein passendes inhaltliches Angebot, mangelndes Interesse, fehlendes Vorwissen, fehlende Begleitung. Auf diese Fakten können Kulturanbieter passgenau reagieren, wenn sie die jungen Zielgruppen ins Boot holen und direkt nach ihren Wünschen befragen. Laden Sie junge Menschen in Teams bzw. bereits untereinander bekannten peer groups zu Workshops ein (gemeinsam macht mehr Spaß) und entwerfen sie mit ihnen auf Augenhöhe passgenaue, attraktiv Angebote und Formate, z. B. (eigene Vorschläge):
a) fehlende Zeit: kurze Schnupperangebote in ungezwungener Atmosphäre
b) fehlendes Vorwissen: kurze Impulsvorträge von Studierenden für Gleichaltrige in reizvollen kreativen Räumen (after work listening)
c) fehlendes inhaltliches Angebot: Lebensrealitäten der jungen Zielgruppen aufgreifen und auf ihre Alltagsthemen eingehen (z.B. cut, copy, paste bei Bach)
d) mangelndes Interesse: junge Zielgruppen an ihren sozialen Austauschorten aufsuchen und an deren Erfahrungswelten anknüpfen, z.B. Sport, Freizeit, (Miss-)Erfolge, Berufswahl…
e) fehlende Begleitung: bei allen Angeboten Tandem-Besuche bzw. Buddy-/Patenmodelle anbieten 
f) fehlendes Budget: zu hohe Ticketpreise nennen in der Forsa-Umfrage 47 % der Jugendlichen zwischen 18 und 29 Jahren; hier sollten Kulturanbieter direkt an junge Leute kommunizieren, dass es auch günstige Angebote gibt

Bedürfnisse klären

Die Wünsche der Zielgruppen lassen sich entweder im direkten Austausch mit den jungen Zielgruppen ermitteln oder mit Umfragen, die anonym beantwortet werden können. Julia Kirn hat für ihre Dissertation 12 qualitative Leitfadeninterviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 24 Jahren geführt. Außerdem hat sie die Ergebnisse eines Online-Fragebogens ausgewertet, den 61 Befragte der Plattform „Kulturnetzwerker e.V.“ beantwortet haben, darunter sowohl Kulturversierte als auch Kulturneulinge unter 30 Jahren.

 © Tim Reckmann, Pixelio.de 

Übergangs- und Umbruchphasen nutzen

Julia Kirn hat durch ihre Untersuchungen festgestellt, dass ein besonders großes Potenzial für klassische Musik in den Lebensphasen liegt, die von biografischen Umbrüchen und Neuanfängen geprägt sind, z. B. nach dem Abitur, während eines Praxis- oder Auslandsjahres, beim Beginn einer Ausbildung oder eines Studiums, beim Auszug in die eigenen vier Wände, beim Antritt des ersten Jobs u.ä. Maßgeblich sind Begegnungen mit neuen Menschen, die Perspektivwechsel und Impulse für eine neue bzw. andere Freizeitgestaltung geben können.

 © Dieter Schütz, Pixelio.de

Typologie von Klassiknutzern

Interessant ist schließlich, welche verschiedenen Typologien an Klassik(nicht-)nutzern die Autorin als Fazit ihrer Befragungen und Untersuchungen definiert:
a) die Traditionellen, deren gesamte Kindheit und Jugend von klassischer Musik geprägt war und die den Kontakt zur Klassik nie verloren haben
b) die Neu- und Wiedereinsteiger bzw. Rückkehrer, die in ihrer Kindheit mit klassischer Musik in Berührung kamen, vielleicht auch ein Instrument erlernt haben, dann in der Pubertät aber den Kontakt verloren und erst wieder im jungen Erwachsenenalter mit neuen Impulsen zur Klassik zurückfanden oder eben als junge Erwachsene erstmalig ihr Interesse zu klassischer Musik entdeckt haben.
c) die Entfremdeten, die im Gegensatz zu den Rückkehrern keine neuen Anknüpfungspunkte an klassische Musik gefunden und ihr daher den Rücken gekehrt haben

Am interessantesten sind die Entfremdeten und die Neueinsteiger. An welchem Punkt haben sich die Entfremdeten abgewendet? Und was genau hat das Interesse der Neueinsteiger an klassischer Musik geweckt? Hier gibt es vermutlich viel Potential, dass es noch zu entdecken und zu heben gilt.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Kanäle für die Nutzung

Kirn erwähnt eine Befragung unter 3.800 Jugendliche von Bernd Schorb (Klangraum Internet, 2012) zitiert, nach der 35 % noch oft auf Stereoanlage bzw. CD-Player zurückgreifen, 68 % den PC offline, 64% PC online, 65 % den mp3 Player und 34 % das Mobiltelefon dürfte sich diese Zahl inzwischen deutlich zugunsten der Streaming-Anbieter (Spotify, youtube, grammofy…) verlagert haben. Was wiederum dafür spricht, jungen Zielgruppen kuratierte Playlisten anzubieten, die Konzerthäuser und Orchester selbst zusammenstellen könnten oder von Protagonisten, die als Leitfiguren und Influencer in der jungen Zielgruppe anerkannt sind, so wie es in der Pop- und Mainstreammusik schon längst üblich ist. Selbst ein Politiker wie Barack Obama hat sich als Kurator einer Playlist mit „Hits zur Ferienzeit“ gewinnen lassen.

 © Rödi, Pixelio.de 

Motive für die Nutzung

In diesem Zusammenhang ist auch interessant, aus welcher Motivation heraus junge Menschen klassische Musik hören. Kirn hat E-Musik offene junge Menschen zwischen 14-29 Jahren befragt, warum sie klassische Musik im Radio hören, und erhielt folgende Antworten:

78 % angenehme (akustische) Begleitung („Klangtapete“)
62 % neue Stücke und Einspielungen kennenlernen
56 % Abwechslung und Überraschung
45 % Anregungen und Hinweise zur klassischen Musik
44 % aus Gewohnheit

Wie geht es weiter?

Julia Kirns hat in ihrer ebenso erkenntnisreichen Untersuchung Motivationen für die Nutzung klassischer Musik erfragt und erhoben, außerdem mediale Rezeptionsmechanismen und soziale Einflüsse ermittelt, die Jugendliche und junge Erwachsene in ihren Lebenswelten umgeben. Will man junge Menschen erreichen, muss man diese Aspekte in der Kulturpraxis viel stärker in den Blick nehmen und als Konsequenz der Studie in den direkten Austausch mit jungen Menschen kommen. Dialog und Co Creation auf Augenhöhe – daran führt kein Weg vorbei. Auch die MusikerInnen sind in diesem Prozess gefragt. Wenn es zukünftig neue Konzertmodule, innovative mediale Vermittlungsformate und Dialoggespräche geben soll, müssen auch Musiker stärker in die Vermittlungs- und Kommunikationsarbeit einsteigen.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Formate – best practice

Einige Kunsthallen, Museen, Orchester, Klangkörper und Ensembles haben sich schon auf den Weg gemacht, um sich mit Freundes- und Förderkreisen und mit innovativen Formaten stärker auf die Wünsche, Interessen und Herausforderungen der jungen Zielgruppen einzustellen. Besonders gelungene Beispiele werde ich in Kürze in einem speziellen Blogartikel vorstellen.

 © Waxmann 

Publikumsgewinnung in Museen

Auch andere Kulturanbieter stehen vor der Herausforderung, ihre Besucherzahlen zu steigern, indem sie neue, nichttraditionelle Besuchergruppen identifizieren und gezielt ansprechen. In Museen wird dafür der Begriff „Outreach“ (Erweiterung) verwendet. Den vielfältigen Aspekten um dieses Thema in Theorie und Praxis nähert sich die verdienstvolle und vielschichtige Publikation „Museen und Outreach: Outreach als strategisches Diversity-Instrument“ erschienen. Die drei Autorinnen Ivana Scharf, Dagmar Wunderlich und Julia Heisig waren als führende Köpfe und als eingespieltes Team für die gemeinnützigen MUTIK GmbH tätig, die sich um die Vielfalt der kulturellen Bildung verdient gemacht hat, um in Schulen auch Kinder mit bildungsfernerem Hintergrund kulturelle, ästhetische und persönlichkeitsprägende Erfahrungen zu ermöglichen. Bedauerlicherweise wurde die Förderung von MUTIK durch die Mercator Stiftung Ende 2019 eingestellt.

Scharf hatte bereits ab 2011 die Outreach-Initiative on.tour entwickelt, mit der das Jüdische Museum in Berliner Schulen ging und später mit der ersten Outreach-Abteilung in einem deutschen Museum überhaupt auch landesweit Angebote an Schulen machte. Als Weiterführung entstand in Kooperation mit dem Bundesverband Museumspädagogik e.V. für das BMBF-Förderprogramm „Kultur macht stark“ die MuseobilBox. Neben den analogen Museumsboxen werden im Buch auch digitale Outreach-Formate vorgestellt, Webseiten, Social Media-Kanäle, Apps, digitale Sammlungen, MOOCs und digitale Strategien verschiedener Museen, ebenfalls mobile und temporäre Museen. Ein historischer Abriss über die Entwicklung von Outreach macht das Buch zu einer einschlägigen Publikation mit einem perspektivenreichen Überblick über Theorie und Praxis.

 © Sabine Meyer, Pixelio.de

Diversität und Besuchergruppen

Das Fokus- und Herzensthema der Autorinnen der hervorragenden Outreach-Publikation ist Vielfalt bzw. Diversität. Scharf, Wunderlich und Heisig schreiben auf Ihrem Themenblog Museum-Outreach.de: „Outreach bezieht sich auf Museumsaktivitäten, die für ein neues, nichttraditionelles Publikum entwickelt werden, egal ob diese im Museum oder an einem anderen Ort stattfinden.“ Und so engagieren sie sich dafür, alle jene Besuchergruppen anzusprechen, die unsere gesamte Gesellschaft abbilden: alle Bewohner eines Ortes, alle Altersgruppen, alle sozialen Schichten, alle Bildungshintergründe, alle Kulturen und Religionen, auch Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen. Und sie suchen nach Ansätzen, wie dies in der kuratorischen Arbeit gelingen kann, z. B. mit neuen Narrativen und innovativen Fragestellungen.

Augenhöhe und Teilhabe

Die Autorinnen machen zugleich deutlich, dass Outreach althergebrachte Führungs- und  Personalstrukturen aufbricht und Arbeitsweisen verändert, auch das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Über Inhalte und Themen wird nicht mehr hoheitlich entschieden, sondern demokratisch in bestem Sinne gemeinsam mit allen potentiellen bzw. neuen Besuchergruppen, die sich aus klugen und menschenfreundlichen Partnerschaften und Allianzen auf Augenhöhe bilden. Auch wenn Scharf, Wunderlich und Heisig einen anderen Begriff nutzen als Irene Knava in ihrem Buch: Outreach und Community Building haben viele Schnittstellen, vor allem im Hinblick auf Teilhabe und Augenhöhe. Sowohl Knava als auch Scharf, Wunderlich und Heisig grenzen sich klar vom Audiance Development ab: „Outreach ist Involvieren (Knava: „mit jemandem“), Audiance Development ist Adressieren (Knava: „für jemanden“) .“

 © Egon Häbich, Pixelio.de

Bücher und Links zum Thema:

Andrea Hausmann / Antonia Liegel (2018): Handbuch Förder- und Freundeskreise in der Kultur. Rahmenbedingungen, Akteure und Management. Transcript.

Julia Kirn (2016): Klassische Musik in den Lebenswelten Jugendlicher und junger Erwachsener. Die Bedeutung von sozialen Einflussfaktoren, medialen Inhalten und motivationalen Bedürfnissen. Allitera.

Irene Knava (2019): Audiencing Diversity 4.0. Transformation im digitalen Wandel gestalten und Wirkkraft durch Vielfalt verstärken. Facultas.

Irene Knava: Pimp your Profile! Audience Development zwischen Diversität und Digitalisierung. in: KM. Das Magazin von Kultur Management Network Nr. 148 | September 2019, S. 16 KM Kulturmanagement Network GmbH

Annette Welling (2015): Förder- und Freundeskreise in der Kultur in Deutschland. Typologie und Strategieentwicklungsmodell. Dissertation im Promotionsstudiengang Kultur- und Medienmanagement des Instituts KMM der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.

Ivana Scharf, Dagmar Wunderlich, Julia Heisig (2018): Museen und Outreach: Outreach als strategisches Diversity-Instrument. Waxmann; außerdem Artikel Outreach sowie Website Museum-Outreach.

Bundesverbandes der Fördervereine Deutscher Museen für bildende Kunst e.V. (2018): So macht man sich Junge Freunde. Handbuch der Jungen Freunde in deutschen Museen.

Manuel Bräuhofer, Astrid Segert (Brainworker, 2013): Audience Development: MigrantInnen als Publikum? Status quo in (Hoch-)Kultureinrichtungen in Österreich. Studie in Kooperation mit dem Institut für Höhere Studien Wien (IHS).

Krüerke, Paul (2014): Yoga im Abendkleid? Zur Interdependenz von Audience Development und Markenstrategie im klassischen Konzertbetrieb, in: Baumgarth, Carsten; Höhne, Steffen; Ziegler, Ralph P. (Hg.): Kulturbranding IV. Konzepte, Erkenntnisse und Perspektiven zur Marke im Kulturbereich, S. 173-185.

Mandel, Birgit (2012): Audience Development als Aufgabe von Kulturmanagementforschung, in: Bekmeier-Feuerhahn, Sigrid; van den Berg, Karen u.a. (Hg.): Zukunft Publikum (= Jahrbuch für Kulturmanagement, Bd. 4), S. 15–27.

Mandel, Birgit (Hg.) (2013): Interkulturelles Audience Development. Zukunftsstrategien für öffentlich geförderte Kultureinrichtungen.

Renz, Thomas (2016): Nicht-Besucherforschung: Die Förderung kultureller Teilhabe durch Audience Development.

Christian Holst (Hg.): Kultur in Interaktion. Co-Creation im Kultursektor. Springer Gabler 2019.

Europeana Foundation (2019) (Hg.), Harry Verwayen, Julia Fallon, Julia Schellenberg, Panagiotis Kyrou: Impact Playbook for Museums, Libraries, Archives and Galleries (Handbuch Wirkmessung, Erfolgsfaktoren, Museumsbesucher.

Borwick, Doug (2012): Building Communities, Not Audiences. The Future of the Arts in the United States. Winston-Salem, NC: ArtsEngaged.

Falk, John H. (2009): Identity and the Museum Visitor Experience.

Simon, Nina (2016): The Art of Relevance. Sannta Cruz, CA: Museum 2.0.

 

Ein Labor auf dem Land: Wie das Wendland kreative Köpfe anlockt

 © Andreas Hermsdorf, Pixelio.de 

Wie holt eine Kommune kreative Köpfe aus der Stadt aufs Land? Der Landkreis Lüchow im Niedersächsischen Wendland hat dazu sehr erfolgreiche Projekte entwickelt, u. a. mit dem Wendlandlabor. Ich habe mit den Akteuren gesprochen.

Austausch über den Tellerrand

Das Wendlandlabor ist ein Netzwerk für kreative und unternehmerische Innovation auf dem Land. Es steht in engem Kontakt mit Hochschulen aus den umliegenden Metropolen, realisiert unterschiedliche Veranstaltungsformate für die Kreativwirtschaft und bringt Kreative mit regionalen Unternehmen zusammen. Ziel ist vor allem, Wissen und Technologien zwischen Stadt und Land auszutauschen.

 © Wendlandlabor

Klinkenputzen

Christof Jens leitet das Wendlandlabor und weiß, dass es einen langen Atem braucht, um beide Welten in cross-sektoralen Projekten zusammenzuführen. Vor allem Klinkenputzen und persönliche Überzeugungsarbeit gehöre dazu, sagt er. Bei traditionellen Unternehmen gäbe es zuweilen Berührungsängste, wenn man sagt, wir wollen etwas gemeinsam mit der Kreativwirtschaft machen. Da muss man dann erst mal mit guten Beispielen erklären, dass gerade in der Kooperation zwischen Kreativwirtschaft und traditionellen Unternehmen auch ein Mehrwert entstehen kann. Christof Jens: „Ich sage dann z.B., dass ein Designer niemand ist, der ein Objekt nur schön macht, sondern dass Designer Menschen sind, die sich funktionale und sehr praxisnahe Gedanken machen, also: Wie wird das Produkt eingesetzt? Welche Ressourcen habe ich zu Verfügung?“

 © Wendlandlabor

Vermitteln

Christof Jens ist Intermediär. Er vermittelt zwischen den Welten und muss auf beiden Seiten starres Denken aufbrechen. Er weiß, dass es zuweilen auch Vorbehalte bei den Kreativen gegenüber traditionellen bzw. klassischen Unternehmen gibt. Doch je mehr gelungene cross-sektorale Projekte zustande kommen, umso mehr Beweise gibt es für deren Erfolg.

Wendland Design Spring 2019

Im letzten Jahr hat das Wendlandlabor ein 10-wöchiges Workshop-Programm Wendland Spring Design initiiert für Studierende aus kreativen Studiengängen umliegender Hochschulen mit Wendländischen Unternehmen. Ihre Fragestellungen bearbeiteten die Studierenden in kleinen interdisziplinären Teams von 2-3 Personen und erarbeiteten eine kreative Lösung. Für den metallverarbeitenden Betrieb sollten die Studierenden eine Möglichkeit finden, die Münzzählmaschinen besser zu vermarkten bzw. anders zu nutzen. Der Verlag der Lokalzeitung, die einmal am Tag jedes Dorf anfährt und bislang nur Zeitungen mitnimmt, wollte wissen, was er alternativ noch mit transportieren könnte und welche Geschäftszweige sich daraus entwickeln lassen? Ein Immobilien- und Tourismusentwickler suchte Ideen für eine Begegnungsstätte mit zwischen Touristen und jungen Menschen. Er wollte Grundstücke kaufen und dafür ein Konzept haben. Alle drei regionale Unternehmen brauchten frischen Input von außen und bekamen ihn über die Kreativen.

 © Harry Hautumm, Pixelio.de 

Erfahrungen nutzen

Das Format Wendland Spring Design baut auf Erfahrungen der Grünen Werkstatt Wendland auf. In StarterCamps suchten Design-Studenten und lokale Handwerker gemeinsam nach Lösungen für regionale Herausforderungen. Von 2012-2017 nahmen ca. 250 Studierende teil. Daraus wurden 250 Botschafter, die das Wendland an ihrer Hochschule und in ihrem Freundeskreis bekanntmachen. Viele von ihnen sagen: „Wenn Land, dann Wendland!“: „Unser Job im Wendlandlabor ist es, eine Schnittstelle zu bilden zwischen der Kreativwirtschaft, den Studierenden und den Unternehmen“, sagt Christof Jens. „Und da reale und gedankliche Räume zu schaffen, in denen diese unterschiedlichen Gruppen sich treffen und innovativ zusammenarbeiten können…“

 © Wendlandlabor

Prototyping Woche

Ein anderes Format ist die 100² | Prototypenwoche, die nun zum zweiten Mal vom 23.-28.3.2020 stattfindet. Meldet Euch bei Interesse rasch an. Madeline Jost ist im Wendlandlabor für Kommunikation & Öffentlichkeitsarbeit zuständig: „Wir freuen uns, wenn noch mehr Interessierte auf dieses innovative und kreative Projekt aufmerksam werden.“ Erneut sind EntwicklerInnen, HochschulabsolventInnen und StartUps zur Teilnahme eingeladen. Bis zu fünf Teams können ihre Ideen weiterentwickeln und erhalten Unterstützung beim Bau ihres ersten, funktionstüchtigen Prototypens. Den Ideengebern steht für die Prototypenwoche ein Entwicklungsbudget von bis zu 1.000 Euro. zur Verfügung, das sie in Material und/oder Maschinenlaufzeit umsetzen können.

 © Wendlandlabor, Madeline Jost: RiMaTec Geschäftsführer Andreas Ressel unterstützt die Prototyper mit KnowHow 

Das Projekt ist auf Nachhaltigkeit angelegt. Die Kooperation von RiMaTec und Wendlandlabor soll längerfristig laufen, u. a.  mit dem unternehmensintegrierter 100². Wie schon im vergangenen Jahr stellt das metallverarbeitende Unternehmen RiMaTec Räumlichkeiten und fachliche Expertise zur Verfügung. Zusätzlich sind interdisziplinäre Coaches als Ansprechpartner*innen und Berater*innen vor Ort. Nicht zögern, wenn Ihr interessiert seid, neue kreative Lösungen für spannende Herausforderungen der Regionalwirtschaft im Wendland zu entwickeln und meldet Euch an: MAIL: info@wendlandlabor.de

Mehrwert

Im Wendland sind vor allem traditionelle Unternehmen aktiv: im Handwerk, in der Logistik, in der Lebensmittelindustrie. Um diese Unternehmen innovationsstärker zu machen, braucht man kreativen Input, den die Unternehmen von sich aus nicht leisten können. „Die meisten Unternehmen können keine eigene Entwicklungsabteilung finanzieren, um etwa neue Geschäftsmodelle zu entwickeln“, erklärt Christoph Jens. Deswegen ist so ein Austausch mit der Kreativwirtschaft und das Fördern und Ansiedeln der Kreativwirtschaft auch für die regionalen Unternehmen wichtig.“

Finanzierung

Das WendlandLabor ist ein gefördertes Projekt über den Europäischen Sozialfonds zum Themenbereich „Soziale Innovationen“, das bis Ende Juni 2020 läuft. Christof Jens ist aktuell dabei zu klären, wie sich die Netzwerkarbeit verstetigen und die Förderung auf andere bzw. breitere Schultern verteilen lässt.

Im Wendland unterstützt der Landkreis Lüchow-Dannenberg die Ideen von Kreativschaffenden aktiv aus verschiedenen Institutionen heraus: der Stabsstelle Regionale Entwicklungsprozesse des Landkreises Lüchow-Dannenberg, der Agentur Wendlandleben, die vor allem als Informations- und Anlaufstelle für Rückkehrer und Neubürger wirkt, und dem dem Think Tank „Grüne Werkstatt Wendland“. Alle Institutionen sind räumlich gemeinsam unter einem Dach in der alten Poststelle von Lüchow angesiedelt, dem heutigen Coworking-Space „PostLab“. Das Wendlandlabor schließt insbesondere die Lücke fehlender Universitäten und Hochschulen in der Region und steigert das regionale InnovationsPotential. Das Wendland konnte sich dank der Aktivitäten der Kreativakteure (u. a. auch beim landesweiten Festival „Kulturelle Landpartie“) ein überregional wirksames Image und Standortprofil als kreative Region erarbeiten.

 © MassivKreativ

Weitere erfolgserprobte Formate

Auf STIPPVISITE bei… ist ein regionales Exkursionsformat des Wendlandlabors an jedem letzten Dienstag im Monat zu einem kreativen Arbeitsplatz im Wendland mit einer Einführung in die Arbeits- & Lebenswelt des kreativen Gastgebers „Hosts des Monats“ und einem lockeren Snack & Schnack in seiner Wirkungsstätte, z. B. eine Werkstatt, ein Atelier, ein Ausstellungsraum und ähnliches: hier

Netzwerk-Formate der Grünen Werkstatt Beratungsstunde für NetzwerkerInnen und CoworkerInnen jeden 1. Mittwoch im Monat, Offenes Netzwerkfrühstück für Kreative, IT-ler, Neu-Wendländer usw. jeden 3. Donnerstag im Monat, Reparatur-Café mit Fachleuten und interessierten Laien jeden 2. Samstag im Monat, 10 – 13 Uhr, Wendland-Einmaleins – ein Info- und Kennenlernabend für Neubürger an wechselnden Termine: hier

Bewohner von morgen

Das Wendlandlabor initiiert vor allem temporäre Projekte mit Kreativen. Langfristiges Ziel ist jedoch, die Kreativen dauerhaft aufs Land zu ziehen. Wie das gelingen kann, darüber macht sich das Christof Jens natürlich auch Gedanken. Einen Masterplan oder ein Geheimrezept gäbe es nicht, meint er, aber: „Wir probieren viele kleine Maßnahmen aus und passen sie dann an die Rahmenbedingungen und an die Bedarfe der Menschen an, die uns immer Rückmeldung geben auf das, was wir tun. Das ist auch immer so ein ständiger Studierprozess für alle. Der Name Wendlandlabor macht das ja auch deutlich: testen, Erfahrungen sammeln, modifizieren. Zum Glück haben wir ein relativ offenes Konzept bei der Förderung und daher die Möglichkeit, ein bisschen auszuprobieren. Von fünf, sechs guten Ideen funktioniert oft nur eine wirklich.“ 

 © Wendlandlabor, Madeline Jost: Gewinner Stefan Gantner,Prototyping 2019

Willkommensagentur

Wichtiger Partner bei der dauerhaften Ansiedlung von Kreativen und Fachkräften überhaupt ist die Agentur „Wendlandleben“. Sie informiert über Arbeit, Bildung, Leben und Freizeit in der Region und macht Lust auf die Menschen, die schon da sind. Kreative, tatkräftige und engagierte Bewohner kann man auf dem Portal in den Wendland-Stories in Form von Portraits und Interviews kennenlernen. Was ist eigentlich das Geheimrezept für eine gute Hofgemeinschaft in dem kleinen Dorf Prießeck? Dort fand übrigens im Sommer 2019 das erste Tiny Living Festival statt. Alles drehte sich dort um die kleinen mobilen Häuschen. Das Festival war Kongress, Messe, Ausstellung mit Fachgesprächen und Musik. Akteure der Nachhaltigkeitsszene aus der ganzen Republik kamen und fragten: Wie wohnen wir zukünftig? Wie können wir den Ansprüchen der Menschen und der Umwelt gerecht werden? Welche Entwicklungen und welche Technik gibt es?

Ansiedlungsaktion Tiny Houses

Initiator des Festivals ist Michael Selig, er ist ein typischer Bewohner im Wendland, weil immer engagiert. Seite Idee: Mit „Land auf Probe“ sollen Kreative testen, Tiny Houses auf aussterbenden Höfen im Wendland aufzustellen. Mit der „Haus-im-Haus“ Idee können Innenhöfe als Stellflächen benutzt werden, ebenso ausgediente kommunale Anlagen oderCamping-/Sportplätze. Auch Christof Jens vom Wendlandlabor weiß: „Es gibt die Neuankömmlinge, die erst mal probehalber aufs Land gehen wollen, also nur temporär. Die möchten noch ein bisschen schnuppern und finden  unterschiedliche Mietmöglichkeiten, auch Tiny Houses, interessant.“

Hinweis für andere Regionen

Wiederkehrer bzw. jene, die schon Erfahrungen vom Land mitbringen, suchen eher nach eigenem Wohnraum, sagt Jens. Und er gibt noch einen Rat: Regionalentwickler sollten sich von dem Vorhaben verabschieden, ausschließlich junge Menschen ansiedeln und ansprechen zu wollen. Studierende, die mitten im Studium sind, hätten noch nicht den Kopf frei für eine längerfristige Lebensplanung. Eine geeignetere Zielgruppe seien jene Menschen, die schon eine Weile gearbeitet haben, die aus den Städten kommen, die eine Familie gegründet haben und den nächsten Schritt machen möchten. Am Ende berichtet der Projektleiter vom Wendlandlabor zufrieden: „Im Umfeld der Grünen Werkstatt sind aus unterschiedlichen Veranstaltungen acht oder neun junge Menschen entweder direkt im Wendland geblieben oder später ins Wendland zurückgekehrt.“ Ein Beispiel ist Regionalentwicklerin Nicole Servatius, die jetzt beim Landkreis Lüchow-Dannenberg tätig ist.

Podcast 

Ausflugstipp

Kulturelle Landpartie Das landesweite Kultur- und Kunst-Festival zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist seit vielen Jahren ein Aushängeschild für das Wendland, eine Erlebnis- und Leistungsschau der Kreativakteure an über 120 Orten im Wendland. Es zieht jedes Jahr bis zu 60.000 Besucher an und ist für das Tourismusmarketing ein wesentlicher Standortfaktor: https://www.kulturelle-landpartie.de/

Jörg Klingohr – Coach, Comedian, Moderator, Unternehmer

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Jörg Klingohr ist in Mecklenburg geboren und will für sein Heimatland Verantwortung tragen. Er ist nach dem Studium der Wirtschaftspsychologie nach MV zurückgekehrt und ist dort in vielen Rollen aktiv: als Coach, Comedian, Moderator und Unternehmer.

Alte Substanz neu belebt

Im Jahr 2000 kauft er symbolisch für eine D-Mark eine alte Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG), baut sie mit viel Herzblut und Engagement zum Bauernhof und Familienhotel um. Den Namen Bauer Korl‘s Golchener Hof lehnt er an seine Kunstfigur Bauer Korl an.

Offenes Ohr

Mit „Bauer Korl“ tourt Jörg Klingohr an Wochenenden als Comedian durch das Mecklenburger platte Land. So lernt er nicht nur viele neue Dörfer, sondern auch die Befindlichkeiten, Sorgen, Nöte, Ängste der BewohnerInnen in Mecklenburg kennen. Was ihm wiederum in seinem Hauptberuf zugute kommt: Als Wirtschaftspsychologie und Coach arbeitet er seit 2002 mit Führungskräften und Mitarbeitern taucht in regionale Wirtschaftskreisläufe ein und trägt Verantwortung für die Gemeinschaft, nicht zuletzt auch in seinem Golchener Hof.

 © Golchener Hof, Jörg Klingohr

Mischnutzung mit vielen Ideen

Er bietet dort viel Raum für Konzerten und Comedy, Hochzeiten und Betriebsfeiern, Tagungen und Seminare, wo er auch als Moderator nachfragt und zuhört. Und die Pläne gehen immer weiter: Neben einem Heuhotel ist 2015 eine soziale Betreuungseinrichtung für Jugendliche entstanden, 2016 die erste Bauernhof-Kita in der Region „De Dörpkinner“ und 2017 eine kleine Bauernhofkirche, die Besuchern und Gästen für Trauungen und innere Einkehr zur Verfügung steht.

  © Jörg Klingohr

Sozialhydrauliker

Was fasziniert Jörg Klingohr am Leben und Arbeiten in Mecklenburg? Auf welche Hürden trifft er bei seinen Unternehmungen? Mit welchen Denkblockaden seiner Mitmenschen in MV wird er konfrontiert? Und was braucht MV, damit es viel mehr murige Raumpioniere wie ihn gibt, die das Bundesland mit viel Energie gestalten? Das frage ich Jörg Klingohr – den Macher mit vielen Talenten, Interessen, der immer ein offenes Ohr hat. Und der sich selbst „Sozialhydrauliker“ nennt.

Podcast-Interview

Links

Golchener Hof: https://www.golchenerhof.de/

Bauer Korl: https://www.golchenerhof.de/veranstaltungen-und-events.html        

wi.ps – Wirtschaftspsychologisches Institut: https://www.wips24.de/profil.html

Soziale Innovationen: neue Lösungen für neue Rahmenbedingungen

 © MassivKreativ

Der Begriff Innovation wurde lange rein technologisch aufgefasst. Erst 2009 nahm die EU das Schlagwort „soziale Innovation“ in ihr Wirtschaftsprogramm „Europa 2020“ auf. Sozialwissenschaftler weisen schon lange darauf hin, dass jeder technischen Innovation meist eine soziale Innovation vorausgeht. Und jede technologische Innovation hat stets auch eine soziale Relevanz. Mobiltelefone und Mikrokredite etwa geben Millionen Menschen in Entwicklungsländern die Chance auf Selbstermächtigung und Selbstständigkeit.

Folgen durchdenken 

Soziale Innovationen bieten Lösungen für neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Bevor technische Lösungen greifen und Prozesse digitalisiert werden können, müssen sie analog im sozialen Kontext durchdacht und betrachtet werden: Welche Folgen hat unser Handeln? Plane ich meine Projekte „gewissen-haft“? Kreativschaffende „erfinden“ und realisieren daher vor allem soziale Innovationen, die dazu führen, das wir anders zusammenleben (WGs, CoLiving), anders arbeiten (CoWorking, CoWorkation, digitale Nomaden), anders konsumieren (Teilen), Leistungen anders entlohnen (zahl, was es Dir wert ist) oder anders mit Krisen umgehen (Kurzarbeit statt Kündigung). Häufig werden auf globale Herausforderungen lokale Lösungen gefunden. Soziale Innovationen bringen spürbar positive Effekte, sie wirken funktional, emotional und sozial.

 © Midas Kempcke

Wertschöpfung weiter denken

Durch soziale Innovationen lösen Kreativschaffende Probleme oder Bedürfnisse besser als mit bisher etablierter Praktiken. Sie treten dafür ein, dass der Begriff der wirtschaftlichen Wertschöpfung weiter gefasst wird als bisher und sorgen für eine wirtschaftliche Wertschöpfung, die soziale, ökonomische, kreative und ökologische Aspekte (z. B. value balancing, Sozialwachstum, Wohlfühleffekte) umfasst, Vorbild für ein zukunftsfähiges Wirtschaften im 21. Jahrhundert. Wertschöpfung muss als Gesamtheit von Gesellschaft, Umwelt und Nachhaltigkeit begriffen werden, indem einerseits Sozialwachstum und Wohlfühleffekte wirtschaftliche Beachtung finden und andererseits bisher kostenfrei genutzte Umweltressourcen eingepreist werden.  

Ländlicher Raum

Lia Mertens hat in ihrer Masterarbeit Förderung der Dorfentwicklung durch soziale Innovationen auf die Bedeutung von nicht-technologischen Innovationen hingewiesen, die gerade im strukturschwachen ländlichen Raum wichtig seien, wo es viele Defizite im Zuge einer schwindenden Daseinsvorsorge zu bearbeiten gelte. Hier böten Impulse von Kreativschaffenden wertvolle Chancen: „Soziale Innovationen sind immateriell geprägt und zielen auf die Verbesserung von sozialen Praktiken ab. Damit soll beispielsweise erreicht werden, dass besser auf Bedürfnisse der Menschen eingegangen werden kann. Durch die Beeinflussung sozialer Praktiken wird auch die Entwicklung einer Gesellschaft stark geprägt. Nicht nur Strukturen werden zum Teil modifiziert, sondern auch ihre ethischen Normen überdacht und beeinflusst…“ (S. 17)

  © Lia Mertens, Masterarbeit S. 18

Entlastung durch Innovationen 

Ein Blick in die Geschichte: Die Erfindung der Waschmaschine brachte den Erwachsenen Entlastung im Haushalt und verschaffte den Kindern indirekt mehr Vorlesezeit. Das Internet erleichterte mit seinen vielfältigen Anwendungen Arbeitsleben und Freizeit. Soziale Innovationen brauchen eine Kultur der Kooperation zwischen Menschen verschiedener Lebensbereiche, zwischen Politik, Wirtschaft, Bildung und Zivilgesellschaft, zwischen unterschiedlichen Disziplinen, Ländern, Geschlechtern und Altersgruppen.

 © TU Dortmund, SI-DRIVE, Studie Soziale Innovationen

Studie zu sozialen Innovationen

Die Sozialforschungsstelle der TU Dortmund hat 2017 die erste globale Studie zu sozialen Innovationen veröffentlicht. Für das Leitprojekt SI-DRIVE wurden mehr als 1.000 Initiativen sozialer Innovation auf allen Kontinenten und in unterschiedlichen Politikfeldern untersucht in den Bereichen Bildung und Lebenslanges Lernen, Beschäftigung, Umwelt und Klimawandel, Energieversorgung, Transport und Mobilität, Gesundheit und Sozialfürsorge sowie Armutsbekämpfung und nachhaltige Entwicklung. Das Fazit: Bürger, Wirtschaft und Staat müssen sich vernetzen, um soziale Innovationen voranzutreiben, z. B. die Kultur des Teilens von Gegenständen, Räumen und Wissen, für mehr Gemeinwohl, Ökologie und Nachhaltigkeit (vgl. Corinna Hesse: zukunft-leben-nachhaltigkeit, Hörbuch und Wissensportal).  

Wann ist eine Erfindung innovativ?

Mit einer Innovation wird eine kreative Idee wirksam, die neue Technologien und soziale Aspekte verbindet. So können neue Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle entstehen, die das Leben Einzelner oder der gesamten Gesellschaft positiv verändern. Kreativität kann bisheriges Handeln und Verhalten wandeln, wie folgende Fallbeispiele zeigen:

Öko-Dorf der Zukunft „ReGen Villages“

Mit etwa 25 Häusern ist ReGen Villages ein Modellprojekt in der Nähe von Almere in den Niederlanden. Es soll ländlichen Regionen eine Perspektive für neue Herausforderungen bieten, wie Ressourcenknappheit, Bevölkerungswachstum, Urbanisierung. Dank neuer Technologien regelt das Dorf in Selbstversorgung völlig unabhängig seine Energie- und Nahrungsmittelproduktion, die Wasserversorgung und Müllentsorgung. Fischzucht wird mit Pflanzenanbau in Hydrokultur kombiniert, die Ausscheidungen der Fische dienen als Dünger. 

 © Jutta Kühl, Pixelio.de

Foodsharing

Gemeinwohlideen trieben die Aktivisten Raphael Fellmer und Marius Diab an. Beide lebten längere Zeit ohne Geld von dem, was andere gespendet oder aussortiert
hatten. Sie versorgten sich und ihre Familien mit weggeworfenen Lebensmitteln und begründeten die soziale Bewegung des foodsharings (Fellmer 2017).

Kreativ gegen Landminen

Tausende Menschen sterben jährlich durch Landminen. Der 14-jährige Inder Harshwardhan Zala möchte das ändern. Er hat eine Drohne mit einem leichten Sprengsatz entwickelt, die knapp über dem Boden fliegend Landminen aufspüren und entschärfen kann. Die indische Regierung unterstützt das Projekt finanziell. Der Junge darf seinen Prototyp gemeinsam mit Ingenieuren weiterentwickeln, bis er in Massenproduktion gehen kann.

 © MassivKreativ

Zahle, was Du willst

Dieses verbreitete Motto setzte bewusst auf Vertrauen. Es soll die Gesellschaft zu mehr Eigenverantwortung und zum Umdenken animieren. Mit variablen Preisen experimentieren neben der Gastronomie (Bier im Hamburger Gängeviertel, Mittagstisch im persischen Restaurant Kish in Frankfurt am Main) auch  Kulturschaffende (Museen in Bremen und Worpswede, CD „Rainbows“ von Radiohead), Tierparks (Allwetterzoo Münster), Handwerker (Frisör Josef Pertl in Landshut) und Dienstleister („Body Angels – mobile Massagen“). Das bedingungslose Grundeinkommen, auch eine soziale Innovation, setzt ebenfalls auf Vertrauen und ein positives Menschenbild. Es verfolgt einen Wandel im Denken der Menschen für mehr Gemeinsinn.

 © Jens Bredehorn, Pixelio.de

Direkt vom Erzeuger

Quijote-Kaffee in Hamburg ist ein Handels- und Sozialunternehmen mit nachhaltigem Konzept. Die biozertifizierten Kaffeebohnen werden direkt bei den Bauern
erworben. Quijote hält persönlichen Kontakt zu ihnen und zahlt doppelt so hohe Abnahmepreise wie normalerweise bei Fair Trade üblich. Und: Bereits vor Beginn der Ernte werden die Kaffeebohnen zinsfrei vorfinanziert mit über 60 % der vereinbarten Abnahmemenge. Zweimal im Jahr reisen die Betreiber auf die Kaffeeplantagen und laden im Gegenzug Mitglieder der Bauernkooperativen für einen Monat nach Hamburg ein. So kann das gegenseitige Vertrauen stetig wachsen.

Blick in die Geschichte

Schon das Mittelalter kannte Innovationen: Die technologische Revolution des Buchdrucks bereitete den Boden für die Reformation und schuf die Voraussetzung
für die massenhafte Verbreitung der Bibel, die Martin Luther (vgl. Corinna Hesse: Luther-Hörbuch) aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzte.

 © Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag

Lernende Teilhabe

Soziale Innovationen müssen in der Mitte der Gesellschaft entstehen: Bürger werden als Akteure der Zivilgesellschaft zu aktuellen Problemen und Wünschen befragt und bei Herausforderungen an Lösungsansätzen beteiligt. Ideen für Innovation und Wandel werden in kurzen Zeitabständen auf ihren Nutzen und ihre positive Wirksamkeit hin überprüft – so wie es das Design Thinking vorsieht. Hier wird in kleinen autarken Teams hierarchiefrei, selbstbestimmt, interdisziplinär in mehrstufigen Prozessen agil zusammengearbeitet, um ein Problem ausfindig zu machen und später zu lösen. Die kreative Methode entstand an der Stanford University in Kalifornien und wurde vom dortigen Hasso-Plattner-Institut weiterentwickelt. Sie hat einen starken Bezug zum Nutzer und gliedert sich in sechs Phasen:

  1. Sachverhalte verstehen und beobachten, z. B. durch Recherchen und Interviews
  2. Probleme exakt definieren
  3. Lösungsansätze finden bzw. Ideen entwickeln
  4. Prototypen entwerfen
  5. Ideen vom Nutzer testen lassen
  6. Lösungsansätze weiter verbessern, ggf. auch mehrfach

Lernen durch Wiederholung

Die wenigsten Herausforderungen lassen sich heute linear lösen. Der Erfolg ist größer, wenn man iterativ vorgeht, d. h. einzelne Prozesse so oft wiederholt, bis man sich der exakten Lösung annähert. Beim „Schleifen drehen“ dürfen Fehler passieren, aus denen gelernt werden kann. Über digitale Plattformen wie openIdeo.com, sicEurope.eu oder synAthina.gr können Bürger gemeinsam regional bzw. überregional Innovationen gemeinsam vorantreiben. Sozialforscher fordern zu Recht, eher systematisch in effektive, kreative und lernende Organisationsformen zu investieren statt direkt in Innovationen.

 © KoSI-Lab

Labore für soziale Innovationen

Deutschlandweit und international arbeiten inzwischen viele Zentren und Labore erfolgreich an sozialen Innovationen, meist interdisziplinär bzw. cross-sektoral mit Akteuren aus Kommunen bzw. öffentlichem Sektor, aus Forschung und Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Innovative Labore für Politik- und Verwaltung gibt es u. a. mit dem GovLab Arnsberg in NRW,  dem GovLabAustria in Wien, dem MindLab im dänischen Kopenhagen und dem britischen Social Innovation Lab Kent.  Labore für bürgerschaftliche Innovationen sind The Innovation Loop, The Australian Centre for Social Innovation, MaRS Solutions Lab und das Laboratoire d’innovation sociale. Geschäftsmodelle mit sozialer und gesellschaftlicher Wirkung verfolgen verschiedene sozialunternehmerische Initiativen, wie z. B. Maison du développement durable, Center for Social Innovation und Midpoint Center for Social Innovation. Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis bieten verschiedene Transfer-Zentren für soziale Innovation, u. a. das Institute without Boundaries, das Tilburg Social Innovation Lab und der schwedische makerspace Sliperiet. In Mecklenburg-Vorpommern gab es 2017-2019 ein Projekt zur sozialen Dorfentwicklung im Rahmen des Landeswettbewerbs Kreative Raumpioniere in MV

229441_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Förderprogramme

Die EU bzw. der Europäische Sozialfond ESF hat von 2014-2020 ein Programm EaSI zu sozialen Innovationen aufgelegt – mit drei Themen:

In verschiedenen Bundesländern wurden Förderprogramme von sozialen Innovationen aufgegriffen, u. a. in Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Bayern.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung förert in Nordrhein-Westfalen das Projekt KoSI-Lab. Im Fokus steht die modellhafte Entwicklung zweier Labore sozialer Innovation (SI-Lab) in den Dortmund (Neuentwicklung) und Wuppertal (Weiterentwicklung). Im Programm Zukunft der Arbeit fördert das BMBF außerdem, soziale Innovationen durch neue Arbeitsprozesse möglich zu machen (4. Wettbewerbsrunde 2019).

Auch das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung fördert Maßnahmen, die soziale Innovationen vorantreiben, z. B. in der sozialen Dorfentwicklung, wie das Projekt Kreative Raumpioniere in MV. Über die Bundeszentrale für politische Bildung fördert das Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat  Aktivitäten im Programm Zusammenhalt durch Teilhabe.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie startete im Dezember 2019 erstmals einen Förderaufruf für digitale und nicht-technische Innovationen. In der ersten Förderrunde sind Ideen für digitale und datengetriebene Geschäftsmodelle und Pionierlösungen (IGP) gefragt.  Ein zweiter Förderaufruf ist im Verlauf des Jahres 2020 geplant, der besonders auf kultur- und kreativwirtschaftliche Innovationen zielt. Ein dritter Aufruf zielt voraussichtlich auf Innovationen mit einer besonders hohen sozialen und gesellschaftlichen „Wirkkraft“.

Ordnungsbehörde für Schöpferisches: Wie wird man kreativ?

  © MassivKreativ: Künstler Daniel Hoernemann

Kreativität ist weniger die Fähigkeit, Probleme zu lösen, sondern eher die Neigung, Fehler aufzuspüren und zu finden – durch ein Zusammenspiel von Erfahrung, Erinnerung, Verantwortung, Wissen, Intuition, Wertschätzung und Emotionen. Routinen und falsche Muster können mit Kreativität und künstlerischen Methoden ebenfalls vor Augen geführt werden.

Kreativität ist kein Privileg künstlerischer Genies. Unter günstigen Bedingungen kann jeder Mensch kreativ werden – nach seinen persönlichen Eigenschaften, Fähigkeiten, Kompetenzen und Neigungen. Kreativität kann überall entstehen: beim Kleiden, Kochen, Dekorieren, Organisieren des Arbeitstages, beim Planen des Urlaubs, beim Sport … Kreativ sind alle, die aus Dingen, aus Wissen, Informationen und Material etwas Neues schaffen. Steve Jobs sagte einmal: „Kreativität heißt, Dinge miteinander zu verbinden.“

  © MassivKreativ

NØRD 2019 

Wie gelangt mehr Kreativität in die Gesellschaft? Beim ersten landesweiten, an sechs Orten parallel stattfindenden Digitalkongress NØRD 2019 in Mecklenburg Vorpommern habe ich gemeinsam mit Künstler Daniel Hoernemann von CommunityArtWorks einen innovativen und kreativen Programmslot gestaltet. Mit der Ordnungsbehörde für Schöpferisches ging es ganz praxisnah um das Format Künstlerische Intervention. Im neuen Digitalen Innovationszentrum im Perzina-Haus stand die Verwaltung im Fokus und die Frage, wie Digitalisierung und Kreativität den Weg in die Zukunft unterstützen können. 

 © MassivKreativ

Ordnungsbehörde für Schöpferisches

Nach der Performance von Daniel Hoernemann mit seiner „Ordnungsbehörde für Schöpferisches“ wollte ich von ihm im Interview wissen: Was können Kunst und kunstbasierte Methoden in der Verwaltung bewirken? Außerdem habe ich Kongress-TeilnehmerInnen gefragt, welche Erfahrungen sie mit Kreativität und Digitalisierung in ihrem Arbeitsumfeld gesammelt haben. Die Intervention begann Daniel Hoernemann mit einigen ungewöhnlichen Fragen an das Publikum…

   © MassivKreativ: Antje Hinz und Künstler Daniel Hoernemann

Geheimnis Kreativität

Was machen kreative Menschen anders? Es sind Menschen, die …

– flüssig, ungewöhnlich, vielschichtig und quer denken, die offen und neugierig sind.
– Defizite und Leerstellen im Alltag entdecken und dazu beitragen, sie zu überwinden.
– Herausforderungen unter verschiedenen Aspekten und Fragestellungen betrachten.
– Analogien herstellen, bestehende Strukturen variieren und weiterentwickeln.
– materielle und immaterielle Dinge assoziativ miteinander verknüpfen.
– aus ungewöhnlichen Kombinationen Neues entstehen lassen.
– Ideen stimmig aufbereiten, verpacken, visualisieren, präsentieren, testen, nachbessern.

 © MassivKreativ: Künstler Daniel Hoernemann

Sichtachsen erweitern

Wer kreativ wird, ändert seine Wahrnehmung. Bestimmte Details werden fokussiert, andere ausgeblendet. Was normalerweise nicht zusammen gehört, kann (neu) miteinander kombiniert werden. Mit Kreativität können wir bestehende Dinge an neue Orte verschieben, gedanklich oder real. Es gibt unzählige Kreativitätsmethoden, die jeder selbst ausprobieren kann.

Scamper-Methode

Um 1957 erfand der Werbefachmann Alex Faickney Osborn die nach ihm benannte Osborne-Methode. Etwa 40 Jahre später überführte sie der Pädagoge Bob Eberle in eine nutzerfreundliche Checkliste – als Akronym mit dem Wort Scamper:

Substitute / ersetzen: Welche Teile der Idee oder des Produkts lassen sich ersetzen?
Combine / kombinieren: Lassen sich Teile oder das Ganze mit anderen Dingen kombinieren?
Adapt / anpassen: Wie lassen sich Elemente aus anderen Bereichen anpassen und in die Idee integrieren?
Magnify / vergrößern: Was könnte vergrößert oder betont werden?
Put / übertragen: Für welche anderen Zwecke lässt sich die Idee noch einsetzen?
Eliminate / entfernen, verkleinern: Was könnte verkleinert oder weglassen werden?
Rearrange, Reverse / neu ordnen, umkehren: Lassen sich Anordnung / Reihenfolge der Teile einer Idee ändern? Lassen sich Teile oder das Ganze umkehren?

 © MassivKreativ

Wechselnde Hüte

Kinder und Schauspieler verkleiden sich, um in andere Rollen zu schlüpfen. Der britische Kognitionswissenschaftler Edward de Bono hat dies übertragen und sechs Denkhüte als besondere Kreativitätstechnik entwickelt. Sechs verschiedenfarbige „Hüte“ können gedanklich durchgespielt und in der Gruppe diskutiert werden. Analog zu den Hüten können auch verschiedenfarbige Karten genutzt werden, auf denen die Teilnehmer je 5 Minuten ihre Argumente notieren:

– der weiße Hut = Objektivität, analytisches Denken, Fakten
– der schwarze Hut = Pessimismus, kritisches Denken, Risiken
– der gelbe Hut = Optimismus, optimistisches Denken, Chancen
– der rote Hut = Emotionen, emotionales Denken, Gefühle
– der blaue Hut = Struktur, ordnendes Denken, Prozess
– der grüne Hut = Kreativität, kreatives Denken, Ideen

 © MassivKreativ

 

Zivilgesellschaftliche Kreativität in ländlichen Regionen

    © Karl-Heinz Liebisch, Pixelio.de 

Ländliche Regionen plagen große Sorgen: Demografiewandel, Abwanderung, Verödung und Globalisierung. Doch statt sich davon überrollen zu lassen, engagieren sich immer mehr Menschen in ihrem Umfeld für die Regionalentwicklung, insbesondere aus der Kultur- und Kreativbranche.  Sie bringen ihr Wissen, ihre Kompetenzen, ihren Mut, ihr Herzblut, ihre Kraft, ihre Kreativität und vor allem viel Zeit ein, um ihr Leben aktiv mitzugestalten. Wer Selbstwirksamkeit spürt, Vertrauen und Wertschätzung von Mitmenschen erfährt, erkennt einen starken Sinn in seinem Tun und ist im Alltag psychisch und physisch gestärkt. Die folgenden Beispiele demonstrieren die Vielfalt: 

Mestlin

Aus einer Bürgerinitiative entstand 2008 in Mecklenburg-Vorpommern der gemeinnützige Verein Denkmal Kultur Mestlin e. V. Die Dorfbewohner wollten das stark überdimensionierte, noch aus DDR-Zeiten stammende Kulturhaus erhalten und in Eigenregie leiten. Die Akteure, darunter viele Künstler, erarbeiteten ein Mischkonzept aus Kino- und Theateraufführungen, Konzerten, Veranstaltungen, Festivals, Schulungen und Ausstellungen. Das Haus bietet heute Arbeitsplätze für Künstler, eine Bühne, verschiedene Seminarräume, Gastronomie und Übernachtungsmöglichkeiten für externe Gäste. Sie kommen, um die besonderen kreativen Angebote vor allem in Nischenbereichen wahrzunehmen, zum Beispiel Behinderte, soziale Randgruppen, Senioren, Jugendliche.

  © M. Grossmann, Pixelio.de 

Rothen

Auch im mecklenburgischen Dorf Rothen ist mit dem Engagement vieler Künstler ein Ort für Kultur, Gewerbe und Kunst entstanden. Ein ehemaliger, heute denkmalgeschützter Kuhstall zieht Touristen mit Konzerten und Veranstaltungen an. Als Publikumsmagnet wirken auch Metallwerkstatt und Bauerngarten. Der Verein Rothener Hof zählt 75 Mitglieder. Die Künstler haben ein enges Netzwerk gebildet, unterstützen sich mit unterschiedlichen Kompetenzen, präsentieren sich gemeinsam auf einer Internetseite sowie auf Kunst- und Kulturmärkten. 

Soziale Dorfentwicklung 

In Mecklenburg-Vorpommern hat Corinna Hesse, Sprecherin von Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft und Verlegerin im Silberfuchs-Verlag, für das nördliche Bundesland den Wettbewerb Soziale Innovationen von kreativen Raumpionieren initiiert. Beworben haben sich 36 zivilgesellschaftliche Projekte zwischen Kreativschaffenden und Bürgern. Ländliche Regionen profitieren von den kreativen Ideen für ein sinnstiftendes Zusammenleben. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hat das Modellvorhaben unterstützt, das die Potenziale von Kreativen stärker nutzen möchte, z. B. für Perspektivwechsel und Querdenken, Mut und Experimentierfreude. Im Fokus stehen auch gesellschaftsgestaltende Prozesse mit künstlerisch-kreativen Methoden, die auf die besonderen Herausforderungen in der Region eingehen. Die besten drei Projekte wurden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und mit Projektmitteln von insgesamt 10.000 Euro unterstützt. Erstplatzierter des Wettbewerbs ist das Projekt im Ort „Rögnitz.Ausbau 3.0“, der seine Zukunft mit der DesignThinking-Methode plant. Die zehn Nominierten berichten im Interview über ihre Zukunftsideen: 

Roadshow – Wanderausstellung Raumpioniere
Mit Unterstützung der Friedrich Ebert Stiftung – Landesbüro MV sowie dem Landesfrauenrat MV entstand eine Wanderausstellung zu den 10 nominierten Projekten im Landeswettbewerb für kreative Raumpioniere. Die RollUps können an interessierte Partner kostenfrei ausgeliehen und gezeigt werden. Die Motive können kostenfrei über ein Download genutzt werden.

Preisverleihung
Am 24. Oktober 2019 fand die Preisverleihung zum Landeswettbewerb Kreative Pioniere statt – im Rahmen des ganztägigen Forums „Business for Future“ im Digitalen Innovationszentrum DIR im Perzina-Haus in Schwerin statt. Eine Keynote zum Thema „Sozial-kreative Innovatoren als Zukunftsmacher in MV“ hielt Projektleiterin Corinna Hesse. Antje Hinz moderierte eine Podiumsdiskussion zum Thema „Perspektiven: Wie können kreative Zukunftsmacher noch bedarfsgerechter gefördert werden“. Hier ein Audio-Mitschnitt, der als Podcast erschienen ist:

Wendland

Das Wendland steht seit über 30 Jahren für seinen unermüdlichen Widerstand gegen die Atomkraft, Castortransporte und Atommülllagerung. Die dünn besiedelte
und von Abwanderung bedrohte Region erprobt zugleich höchst kreative Modelle des Zusammenlebens. Überdurchschnittlich viele Künstler und Kreative gestalten
das soziale Leben aktiv mit. Sie wollen das Aussterben der Dörfer nicht hinnehmen, beleben ihre Regionen neu. Die kreativen Angebote der Ideen- und Innovationsschmiede Grüne Werkstatt Wendland – neuerdings ergänzt vom WendlandLabor, das verstärkt soziale Innovationen vorantreiben will – locken sogar Großstädter aus den Metropolen an, u. a. Designstudenten von künstlerischen Hochschulen. Nicole Servatius erzählt im Podcast ausführlich über das Projekt.

Kulturelle Landpartie

Ein Publikumsmagnet für Bürger aus Stadt und Land ist die alljährlich stattfindende Reihe Kulturelle Landpartie sowie weitere Theateraufführungen und Musikfestivals im Wendland. Die Initiative ZuFlucht Wendland plant für 300 Menschen ein interkulturelles Mehrgenerationendorf. Das Hitzacker-Dorf soll Heimat und Arbeitsplätze für Einheimische und Geflüchtete schaffen, ein visionäres Modell mit Vorbildcharakter auch für andere Regionen in Europa. Das Sozialexperiment in dem extrem strukturschwachen Gebiet wächst stetig, vor allem durch das außergewöhnliche Engagement der Bürger. Den organisatorischen und finanziellen Rahmen für die geplanten Wohnungen, Gewerbeflächen,  Läden und Obstplantagen bildet die neu gegründete Genossenschaft Hitzacker Dorf eG iG, die auch das Bauland erworben hat. Hauke Stichling Pehlke erzählt im Podcast ausführlich über das Projekt.

Veranstaltungshinweis

Projekt: Zukunft@Land – Wie realisiere ich meine Projektidee im ländlichen Raum?

Workshop des Kreiskulturrates Ludwigslust-Parchim in Kooperation mit Wir bauen Zukunft eG in Nieklitz, Ceylan Rohrbeck und Nadine Binias, Stadt-Land-Expertin

WANN? 21.11.2019, 15-19 Uhr

WO? Wir bauen Zukunft eG | Holzkruger Str. 1 | 19258 Nieklitz (Gallin), Landkreis Ludwigslust-Parchim in der Metropolregion Hamburg

Bitte bis zum 15.11. anmelden unter diesem Link

Mehr Infos hier

Wie wollen wir morgen leben? Ideen und Geschichten für den urbanen Raum

 © Stefan Landgraf, pixelio.de

„Geht es beim digitalen Wandel um den Menschen oder die Technologie?“, fragte der Stadtforscher und Autor Charles Landry beim „Forum d’Avignon Ruhr 2016“. Die Digitalisierung bringe Befreiung und Einschränkung zugleich, so Landry. Die Smart City soll eine kreative und intelligente Stadt sein, die den Menschen das Zusammenleben erleichtert. 

Machtverhältnisse klären

In Toronto entsteht gerade am östlichen Hafenende ein neues smartes Viertel: Quayside. In einem nicht wirklich transparenten Ausschreibungsverfahren hat Googles Tochterfirma Sidewalk Labs den Zuschlag erhalten, in der heruntergekommenen Hafengegend visionäre Pläne zu entwickeln und umzusetzen. Ziel ist ein hochverdrahtetes, sensorgestütztes Quartier, in dem kaum eine menschliche Regung unbeobachtet bleiben soll.  Noch haben Bürger die Möglichkeit, in Befragungen von SidewalkLab die richtigen Weichen zu stellen und klar zu äußern, was sie nicht wollen, d. h. in welche Bereiche des Lebens privat bleiben sollen.  Durchaus sinnvoll sein können Müllschlucker, die Wertstoffe selbständig trennen. Doch wann und wo Nachbarn Feste feiern, sollte nicht in jedem Falle öffentlich gemacht werden. Kritiker mahnen, nicht jede Information an private Firmen weiterzugeben. Und Städte müssen herausfinden, wie sie den Ausverkauf von Bürgerdaten verhindern.

  © Altstadt für alle

Freiraum in Hamburg

In der Altstadt von Hamburg entsteht im Sommer/Herbst 2019 für drei Monate die erste von BürgerInnen betriebene temporäre Fußgängerzone im deutschsprachigen Raum. Es geht um „Freiräume für Entdeckungen und Erlebnisse, für Kultur, Stadtleben und nachhaltige Mobilität“. Die Kleine Johannisstraße, der größte Teil der Schauenburger Straße und die Parkplätze am Dornbusch werden erstmals Fußgängerzone. Beim Pilotprojekt Altstadt für alle kann jeder mitmachen – in Kooperation mit der Patriotischen Gesellschaft von 1765, der Nordkirche und der Initiative „Hamburg entfesseln“.

 © ADFC

Kolumbien als Vorbild

Kolumbien geht voran: Bogotá ist ein Paradies für Fahrradfahrer. Seit 40 Jahren ist dort jeder Sonntag autofrei. Wovon andere Metropolen träumen, das ist in Bogotá Realität. Bei der Ciclovía (deutsch: Fahrradweg) sind von 7 bis 14 Uhr zahlreiche Straßen in Bogotá gesperrt. Familien und Freunde nutzen den Freiraum zum Spazierengehen, für Bewegung und sportlichen Aktivitäten überall dort, wo an den anderen Tagen Stau herrscht. Erfunden hat den autofreien Sonntag der Architekt Jaime Ortiz. Zusammen mit ein paar Freunden hat er schon 1974 zum ersten Mal zwei Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Anteil an der großen Popularität der Ciclovía hat auch der heutige Radrennstar Nairo Quintana, der unter Kindern und Erwachsenen als Volksheld gilt.

Geschichten des Gelingens 

Wir brauchen konkrete Zukunftsentwürfe und praktische Beispiele für das Gelingen von Projekten. Das Scheitern kann Ansätze liefern, um daraus zu lernen. Der städtische Raum muss mit Kreativität und Leben gefüllt werden, mit sozialem Austausch und fantasievollen Geschichten. Beim „Forum d’Avignon Ruhr“ erzählten  Kreativschaffende aus verschiedenen Zentren Europas von ihren urbanen Projekten des Gelingens:

 © Hartmuth Bendig, pixelio.de

Graffiti

Gigo Propanda wandelt als Street Art-Künstler zwischen seiner Wahlheimat Essen und seiner Geburtsstadt Mostar in Bosnien-Herzegowina. „Ich sehe Graffitis als Mittel, in einer Stadt Gespräche zu erzeugen.“, erklärt er. In den öffentlichen Meinungsaustausch binde er gerne junge, heranwachsende Menschen ein. Daher sei die Kirche ein offener Partner und stelle bereitwillig Flächen zum Sprayen bereit. „So arbeite ich zuweilen im Auftrag von Gott!“, erklärt Propaganda schmunzelnd. Beim Essener Projekt „Bildersturm“ im Rahmen der Lutherdekade diskutiert Propaganda mit Schülern der Gesamtschule Holsterhausen und Mitgliedern der Erlöser-Melanchthon-Gemeinde über die Rolle von Kunst in der Kirche, über das Wahrnehmen, das Sehen und Entdecken des Kirchenraumes. Mit ihren erworbenen Erkenntnissen würden die Schüler aber auch selbst künstlerisch tätig, betont Propaganda.

 © Gigi Propaganda

Viel Zeit hätten in den letzten vier Jahren seine unzähligen Interviews mit syrischen Geflüchteten eingenommen. Die Essenzen ihrer Geschichten sprühe er an Mauern und Wände – in der Tradition des sozialkritischen Muralismus der mexikanischen Revolution.  Er möge vor allem Schriftzüge, so Propaganda: „An diesen urbanen Botschaften kann ich auch als ‚Nichtwisser‘ ablesen, in welchem Stadtteil ich mich befinde bzw. wer dort lebt“.

 © Andrea Damm, pixelio.de

Garten der Begegnung

Der Franzose Sam Khebizi engagiert sich ebenfalls im soziokulturellen Bereich. In Marseille gründet er 1996 die Nonprofit-Organisation Têtes de l’Art („Köpfe der Kunst“) und initiiert in Noailles, einem der ärmsten Stadtviertel Europas, das Festival „Place à l’Art“. Khebizis Team möchte die Bewohner, vor allem Einwanderern aus dem Maghreb und aus Schwarzafrika, aktive am Leben beteiligen und ihnen mehr öffentliche Sichtbarkeit geben. „Nicht das Ziel ist entscheidend, sondern der Weg“, erklärt Khebizi. Oftmals sei er steinig mit vielen Verwaltungs- und Genehmigungsverfahren und vermittelnden Gesprächen zwischen Bewohnern, Politik und Stadtverwaltung, Vereinen, Handwerkern und Bauunternehmen.

Gespräche an der Haustür

Man musste zunächst herausfinden, was die Bewohner von Noailles interessiert, was sie zur Teilhabe motiviert. Wie erreicht man sie besser: mit einem Flyer oder mit direkter Ansprache durch Klopfen an Haustüren? Der ausgebrachte Samen sei inzwischen im „Garten der Begegnungen“ aufgegangen, freut sich Khebizi. Die Bewohner sammeln in ihrem Viertel Materialien und schaffen daraus Neues. Handwerk, Kunst und urban gardening verschmelzen. Die Bürger kommen ins Gespräch. Daraus würde andere, dynamische Dinge entstehen. Wie kann man das Unsichtbare messen?“, fragt sich Khebizi. Das sei beim Evaluieren der Projekte eine große Herausforderung. 

 © Michael Ottersbach, pixelio.de

Medienkunst im öffentlichen Raum

Susa Pop entwickelt als Kuratorin und Designerin vor allem für Festival und Kongresse urbane Projekte, digitale Medien, Medienkunst, Wirtschaft und Wissenschaften verbinden. Es gäbe derzeit ein heftiges Ringen zwischen Werbern und Künstlern, erläutert Pop die aktuelle Situation. „Der öffentliche Raum darf nicht nur kommerziellen Anbietern überlassen werden“, sagt sie. Sie setze sich dafür ein, dass auch Bürgern und Künstler-Communities öffentlich sichtbare Plattformen zur Verfügung stehen.

Wegweisende Entwicklungen würden oftmals „bottom-up“ entstehen – von unten nach oben. Lichtdesigner z. B. verwandeln traditionelle Ladenauslagen in künstlerische Medienschaufenster und vernetzen verschiedene Orte mit digitalen Technologien. Wie wollen wir zukünftig leben?, fragt Susa Pop. Unsere Wünsche und Vorstellungen könnten über Videopaintings und Mediafassaden zeitgleich an unterschiedlichen Orten verbreitet werden. So entstehe Interaktion und Austausch. Pop betont: „Medienkunst hat enorm kreatives Potenzial für die Stadtentwicklung.“

 © 110stefan, pixelio.de

Bürgerplattform in Athen 

Amalia Zepou berichtet als ehemalige Vize-Bürgermeisterin von Athen über die aktuelle Situation in der griechischen Hauptstadt im Zuge der Wirtschaftskrise und der Flüchtlingsströme. Die öffentliche Verwaltung sei zeitweise völlig zusammengebrochen. Mit Eigenengagement und Ideenreichtum hätten Bürger vielerorts Initiativen gegründet, um Lösungen zu finden und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. „Die Plattform synAthina ermöglicht den Austausch der Bürger über ihre Aktivitäten“, erklärt Zepou. Ein leer stehender Kiosk diene als realer Treffpunkt. Über die gleichnamige Website synathina.gr könne sich jeder im Detail informieren: Wieviele Gruppen arbeiten in welchen Stadtvierteln an welchen Aufgaben?

Ein wichtiges Thema sei der Leerstand: Wie lassen sich Gebäude neu beleben? Künstler eröffnen zeitlich befristet Pop-Up-Stores, gestalten Ladenfronten und führen Touristen an die neuen kreativen Orte. Nun prüfe die Stadtverwaltung, welche Projekte das Potenzial hätten, auf andere Standorte übertragen zu werden und mit öffentlichen Geldern unterstützt zu werden. „Kreativität ist bei uns in Südeuropa kein Luxus, sondern das Ergebnis von Armut“, erklärt Zepou, „eine zivilgesellschaftliche Notwendigkeit.“

Umnutzung und Mitsprache

Der Architekt und Stadtforscher Tom Bergevoet plädiert dafür, urbane Räume nicht für die Ewigkeit zu planen. Gebäude sollten nach jeweils aktuellen Anforderungen gestaltet werden, temporär nach dem Pop-up-Prinzip. „Auf Leerstand in der Stadt, vor allem bei Bürogebäuden, muss man mit flexiblen und kreativen Nutzungskonzepten reagieren“, so Bergevoet.

Eine ehemalige Tankstelle in London sei zu einem Kino umgestaltet worden. Improvisation sei gefragt, um Umnutzungen durchdacht zu realisieren. Auch Bürgerwissen sollte einbezogen und Ideen von Bewohnern nach dem Adhocracy-Prinzip berücksichtigt werden. Bergevoet berichtet von seiner Idee, Hochhausfassaden zu Kletterwänden umzugestalten: „Manchmal entwickle ich Architektur-Konzepte, um zu provozieren, herauszufordern und um aufzurütteln.“ 

 

Weiterführende Literatur:

Charles Landry: The Art of City Making 

Charles Landry: The Digitized City 

Neues Kreativcluster im EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

Wenn Europa innovativ bleiben und international weiterhin mitspielen will, sollte „Made in EU“ als neues Label und als Chance gesehen werden. 

EU fokussiert neues Kreativcluster

EU-Kommission hat Ende Juni 2019 eine öffentliche Konsultation zum nächsten EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa (2021-2027) eingeleitet. Das erste Mal existiert in diesem Forschungsrahmenprogramm die Bereitschaft gibt, die Kultur- und Kreativwirtschaft zu fördern, insbesondere das Cluster „CULTURE, CREATIVITY AND INCLUSIVE SOCIETY“. Insgesamt stehen bis zu 100 Mrd. € für die gesamte europäische Innovations- und Forschungspolitik zur Verfügung. Die Kreativwirtschaft könnte hier im deutlich mehrstelligen Millionenbereich profitieren.

Potenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft ganzheitlich nutzen

Fortschritt und Qualität dürfen sich allerdings nicht auf technologische Neuerungen beschränken. Es sollten auch soziale Innovationen und damit das gesamte Potential der Kultur- und Kreativbranche genutzt werden. Acht Aspekte für die SPILLOVER-Diskussion, die ich bereits 2015 gefordert habe und die noch immer mehr Aufmerksamkeit brauchen:

 © MS Artville Festival 2019, Text von „Barbara“, Foto: MassivKreativ

1. Soziale Innovationen als Komplementär 

Die Bedürfnisse der Menschen abzufragen ist keine Kür, sondern Pflicht. Wer heute nur auf neue Technik setzt und dabei den Menschen ignoriert, etwa bei Benutzerfreundlichkeit und Design, wird von Käufern und Nutzern abgestraft. Wer hingegen gezielt soziale Praktiken einsetzt, wer bewusst mit anderen Menschen kommuniziert, wer geistig-kreative Werte anerkennt, wer das interaktive Handeln fokussiert – in Organisationen, Prozessen, Strukturen, in der Anwendung und beim Konsum – treibt soziale Innovationen voran. Soziale Innovationen bereiten den Nährboden für technologische Neuerungen und geben als Treibstoff ungeahnten Innovationsschub. An diesen Tatbestand müssen auch endlich Förderstrukturen angepasst werden, denn Konzepte für soziale Innovationen fallen hier noch durchs Raster. So bleibt das Potential geistiger Ideen aus der Kultur- und Kreativbranche ungenutzt. Weder Gesellschaft noch Wirtschaft kann sich diese Ignoranz auf Dauer leisten!

2. Interdisziplinäre Teams

Wer über Globalisierung und Demografie, über Nachhaltigkeit und Vielfalt nachdenkt, kommt automatisch zu der Erkenntnis, dass es ohne branchenübergreifende, interdisziplinäre Vernetzung nicht mehr geht. In der Kultur- und Kreativwirtschaft gehört Vernetzung zum Alltag. Architekten lenken bei Bauprojekten um die 20 verschiedene Gewerke. Im Theater vermitteln Regisseure sogar zwischen 50 verschiedenen Berufsgruppen: Handwerk und Technik, Kunst und Marketing, Verwaltung und Organisation. In der Gamesbranche verbinden sich Autoren, Konzepter, Programmierer, Grafik- und Sounddesigner in gemeinsamen Think Tanks. Film-Projekte sind ähnlich vielschichtig angelegt. Vermitteln und Querdenken ist für Akteure der Kultur- und Kreativbranche Tagesgeschäft und erfordert eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz. Davon könnten auch Wirtschaft und Politik profitieren, wenn sie nur wollten.

 © Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

3. Forschungscluster: Wert kreativer Ideen

Wenn Unternehmer, NGO-Aktivisten oder Politiker über die Zusammenarbeit mit Kreativen berichten, schwingt viel Anerkennung und Begeisterung mit – über die Professionalität, die Ernsthaftigkeit und den Biss der Kreativen bei der Bewältigung eines Problems. Anders als in anderen Berufen schauen Kreative selten auf die Uhr. Sie testen ihre Ideen und Alternativen so lange aus bis sie die Herausforderung geknackt haben. Selbst wenn sie nicht mehr am Schreibtisch sitzen, suchen sie im Kopf weiterhin nach Lösungen. Leider wird die konzeptionelle Vorarbeit, die Innovationen erst ermöglicht, zu wenig wertgeschätzt. Häufig mangelt es an konkreten Zahlen, die den immensen Anteil geistig-kreativer Vorleistungen am Ertrag belegen. Hier braucht es in Zukunft fachübergreifende Forschungscluster, in denen Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler gemeinsam relevante Zahlen ermitteln.

4. Begegnungsräume

Noch sind es meist die Kreativen, die Kontakt zur Politik und zu Unternehmen suchen, um alternative Denkmustern und andere Perspektiven anzubieten. Doch Kaltakquise ist schwierig. Die Auftraggeber müssen viel Vertrauen aufbringen, um Kreative in sensible interne Prozesse einzubinden. Das Eis muss gebrochen werden. Gebraucht werden Anlässe und Räume, um sich in ungezwungener Atmosphäre zu begegnen und auszutauschen. Beide Seiten merken dann schnell, wie ähnlich sie sich in vielen Punkten sind: Auch Politiker bzw. Unternehmer können kreativ denken und handeln. Auch Künstler bzw. Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten professionell und zuverlässig. Zuweilen spielen „Sprachprobleme“ eine Rolle, wenn sich z. B. ein Programmierer mit einem Designer verständigen muss. An dieser Stelle sind „Intermediäre“ mit Sozialkompetenz gefragt, die beide Welten verstehen und kommunikationsstark zwischen den Akteuren vermitteln können. Hier könnte ein neues Berufsbild für Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft entstehen.

  © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

5. Nische als Chance

97 % der Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft sind Einzelunternehmer und Freiberufler. In einem monopolisierten Markt ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, gehört für sie zum Alltag. Für größere Projekte ist die Vernetzung mit anderen Branchen überlebenswichtig. Davon können Politik, Wirtschaft, Städte und Organisationen lernen. Aus der Not der Beschränkung erwachsen alternative, kreative Ideen, etwa in der Arbeitswelt. Coworking Büros von Kreativen haben ursprünglich den Zweck, Räume, Ressourcen, Fähigkeiten und Wissen zu teilen. Längst nutzen sie auch andere Branchen, weniger aus ökonomischer Motivation heraus, sondern um interdisziplinär an neuen Ideen zu schmieden.

6. Kulturerbe und Identitätsstiftung

Die Globalisierung lässt sich nicht aufhalten. Doch die Bürger pflegen zunehmend selbstbewusst ihre Wurzeln und ihre Identität. Die UNESCO unterstützt den Trend, indem sie dazu aufruft, ergänzend zum materiellen Kulturerbe auch das immaterielle bzw. lebendige Kulturerbe aufzuspüren. Es geht um mehr öffentliche Aufmerksamkeit für Traditionen, Bräuche und Feste, Wissen und Rituale, für Handwerkstechniken und Ausdrucksformen. Sie prägen die Identität der Menschen und schweißen eine Region, Gruppe oder Gemeinschaft zusammen. Lebendiges Kulturerbe wird ständig den veränderten Umständen und Zeiten angepasst und bleibt so aktuell. Es verleiht Selbstbewusstsein, Wohlbefinden und stiftet sozialen Frieden.

  © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

7. Regionalentwicklung und Stadtkultur

Kunst und lebendiges Kulturerbe wirken als Treibstoff auf Städte und Gemeinden, intern als sozialer Kitt und extern als Magnet für den Tourismus. Was wiederum andere Branchen befruchtet und Renditen steigert: für Hotellerie und Gastronomie, Einzelhandel, Nahverkehr und Immobilienbranche. Zukünftig muss es darum gehen, Gemeinschaftsfonds zu bilden. Die Profiteure sollen Mehreinnahmen, die sie durch SPILLOVER-Effekte erzielt haben, in Kunst und Kulturerbe reinvestieren. Akteure der Kultur- und Kreativbranche dürfen nicht länger in die Rolle zeitlich befristeter „Durchlauferhitzer“ gedrängt werden, die zunächst unattraktive Orte beleben und sie durch Gentrifizierung wieder verlassen müssen. Sie brauchen Verlässlichkeit, um Städte, Gemeinden und Gesellschaft nachhaltig beflügeln zu können.

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

8. Vorreiter und Vordenker

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist immer Vorreiter gewesen, wenn es um neue gesellschaftliche Entwicklungen ging. Ein bewusster Umgang mit Energie und Ressourcen, Themen wie Teilhabe, Nachhaltigkeit und Ehrenamt wurden auch von Künstlern in die Gesellschaft hineingetragen. Neue Geschäftmodelle sind daraus entstanden, z. B. Carsharing, Upcyling, neue Wertschöpfungsketten und ganze Branchen wie die Bioökonomie. Auch Begriffe wie Vielfalt und Ehrenamt rücken Künstler mit gezielten Impulsen in unseren Fokus, das Schlagwort „Willkommenskultur“ z. B. hat sich so zu einem bewussten bürgerschaftlichen Engagement und zu echter Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen entwickelt.

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

Wenn Politik und Wirtschaft das Potential der Kultur- und Kreativschaffenden erkennen und nutzen, kann SPILLOVER in Europa wirklich gelingen. So würde das Label „Made in EU“ einen tieferen, identitätsstiftenden Sinn erhalten. Denn: eine Wirtschafts- und Zollunion allein schafft unter den Bürgern keinen europäischen Zusammenhalt.

Zum Hintergrund: Horizont Europa wird final beschlossen von der neuen Kommission und soll Anfang 2021 starten. Hier geht’s zur Konsultation (bis 8.9.2019): https://ec.europa.eu/info/news/have-your-say-future-objectives-eu-funded-research-and-innovation-2019-jun-28_de