Das Hitzacker-Dorf und KUBA – gemeinsam, interkulturell, nachhaltig

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Hauke Stichling-Pehlke ist vor knapp 30 Jahren ins Wendland gekommen. Ein ehemaliger Großstädter, der sich bewusst für das ländliche Leben in Hitzacker entschieden hat. Sein Studium hat er wegen der eigenen Ungeduld nicht beendet. Er wollte nicht länger Theorien entwickeln, sondern Projekte rasch in die Tat umsetzen. In Hamburg-Wilhelmsburg hat er im zeitlichen Umfeld der Internationalen Bauausstellung IBA ein interkulturelles Seniorenheim gebaut. Seit Winter 2011 können im Veringeck deutsche und türkische Senioren können in Wilhelmsburg gemeinsam unter einem Dach ihren Lebensabend verbringen.

Zukunftsdorf in Hitzacker

Auf diese Erfahrungen baut sein aktuelles Projekt auf. Im Wendland soll ein neues interkulturelles und altersgemischtes Mehrgenerationendorf entstehen: das Hitzacker-Dorf. Am ersten Haus wird gerade gebaut (Sommer 2018). Im Interview betont Hauke Stichling-Pehlke: „Das Hitzacker-Dorf ist kein fertiges Produkt. Es ist eine Idee, die von allen gemeinsam entwickelt und stetig  auch weiterentwickelt werden soll.“

 © MassivKreativ: Hauke Stichling-Pehlke

Verantwortung übernehmen

Um das Hitzacker-Dorf von der Idee in die Tat umzusetzen, gibt es verschiedene Arbeitsgruppen, z. B. für den Bau und die Dorfplanung (Bau), für Büro und Öffentlichkeitsarbeit, für Interkulturelles, Gemeinschaftsbildung und das Gemeinschaftshaus, für Mobilität, Stoffkreisläufe und Solidarität, für Nahrung und Küche, für Kinderbetreuung und Garten, für Finanzen und Fundraising, für Datennetz, IT und Gewerbe.

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Wohnen und Arbeiten

Dabei haben die Akteure auch das wohnortnahe Arbeiten im Blick: Coworking für StartUps, ein Gesundheitszentrum und ein kleines Gewerbegebiet sind geplant. Es wurden basisdemokratische Strukturen mit Vorstand und Aufsichtsrat geschaffen. Einmal pro Woche tagt das Plenum für kleine Entscheidungen, große Themen werden in der Generalversammlung diskutiert. Wie wird z. B. das Thema Nachhaltigkeit im Hitzacker-Dorf umgesetzt? Wie wird Mobilität im Alltag gelebt, was können Carsharing und E-Autos leisten.

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Um die Kosten überschaubar zu halten, werden ausschließlich Mehrfamilienhäuser nach einem Modulsystem gebaut. Pehlke macht auf Nachfrage folgende Beispielrechung auf: Eine vierköpfige Familie erwirbt für den Bau einer 90qm großen Wohnung Genossenschaftsanteile in Höhe von 20.000 € und zahlt nach Fertigstellung des Baus eine Kaltmiete von knapp 6 € pro qm. 12 Häuser sind im Sommer 2018 durchfinanziert, Verträge mit der GLS-Bank geschlossen. Der Bau des ersten Hauses ist gerade gestartet.

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Überraschende Siedlungsgeschichte

Bei der Erschließung des Baugrundes wurden archäologische Fundstellen freigelegt und ergaben, dass die Region schon etwa 300 Jahre vuZ besiedelt wurde. Ein Brennofen, der in einem Meter Tiefe gefunden wurde, lässt darauf schließen, dass die damaligen Bewohner mit der Verhüttung von Raseneisenstein Erz gewonnen und veredelt haben. So wird die Siedlungsgeschichte stetig weiter geschrieben.

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Kulturbahnhof 

Im zweiten Teil des Interviews berichtet Hauke Stichling-Pehlke über den ehemaligen Bahnhof in Hitzacker, der heute KUBA – Kulturbahnhof heißt. Im April 2014 ersteigerte der frisch gegründete Bürgerverein den 174 erbauten Backstein-Bahnhof für 32.000 €. Heute ist KUBA ein Kulturzentrum, das von vielen Künstlern, Kreativen und lokalen Gruppen genutzt wird. Der Verein koordiniert die vielfältigen Aktivitäten und hat derzeit etwa 80 Mitglieder. Auch Jugendliche brüten immer wieder Ideen für KUBA aus, u. a. die Kulturaktie, um den Verein zu unterstützen.

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Hauke Stichling-Pehlke ist optimistisch: Sowohl KUBA als auch das Hitzacker-Dorf zeigen, das sich die Bürger gerne sinnstiftend engagieren und zivilgesellschaftlich Verantwortung übernehmen. Damit zeigen sie Wege auf, wie es zukünftig im Wendland weitergehen kann – mit sozialen Innovationen.

PODCAST-INTERVIEW mit Hauke Stichling-Pehlke

Das Hitzacker-Dorf und KUBA – gemeinsam, interkulturell, nachhaltig

Über mich – Biografie

 

„Kapitalien braucht man auf. Aber die geistige Haltung nicht.“ 

Honoré de Balzac

Was mich antreibt

Haltung, Offenheit und Leidenschaft, Kreativität, Kunst und Kultur sind meine wichtigsten Energiequellen. Sie treiben mich bei all meinen Aktivitäten an. Ich bewege mich gerne in Zwischenräumen – zwischen Sparten, Branchen und  Wirkungskreisen. Ich finde gerne Schnittstellen, um Netzwerke herzustellen – zwischen Themen und Menschen. Ich stelle gerne Fragen und höre forschend zu, um Brücken zu schlagen, Ideen sprudeln zu lassen, Impulse zu geben und alternative Lösungen zu formen. Ich bin gespannt auf Neues und auf Menschen, die wie ich etwas bewegen wollen. Meine aktuellen Themen: Kreativität, Innovation, Zukunft ländlicher Regionen, immaterielle Werte und immaterielles Kulturerbe, oral history, Schnittstellen zwischen analog & digital. Neugierig geworden? Dann sprechen Sie mich an! 

Was ich heute mache

Das Leben ist spannend, wenn es vielschichtig ist! Ich bin daher vielseitig als Wissenschaftsjournalistin, Wissensdesignerin, Medienproduzentin, Verlegerin, Moderatorin, Speakerin, Projekt- und Workshopleiterin unterwegs. Außerdem: Publikationen und Referenzen.

Unser Silberfuchs-Verlag:
Phase 2 – Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung

2018 Konzeption und Realisation des analogen und digitalen Bürgerplattform Elbe505.de als Modellprojekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (Regiobranding) mit Alleinstellungsmerkmalen: Verbindung von (regionalem) Bürgerwissen (Citizen Science), Community-Arbeit, sozialer Teilhabe, Tourismus, Regiobranding, Open Data, Journalismus und Oral History (Bürger-Audio-Interviews). Betreiber des Portals Elbe505.de für die Region „Griese Gegend – Elbe – Wendland“ ist der Landkreis Ludwigslust – Parchim, Fachdienst Regionalmanagement und Europa in enger Zusammenarbeit mit dem Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Realisierung der Plattform erfolgte im Rahmen von FONA mit Akteuren beiderseits der Elbe sowie mit acht Verbundpartnern aus Wissenschaft und Praxis.

2018 Interviewfilm „Grenzen überwinden“ (20 Min.) zur Ausstellung „Eingrenzen – Ausgrenzen“ im Grenzhus Schlagsdorf mit InterviewpartnerInnen aus vier Generationen verschiedener Kulturen.  Interviews: Antje Hinz; Kamera, Licht, Ton, Schnitt: Björn Kempcke, Konzeption und Realisation der Ausstellung: Impuls-Design, Filmtrailer 

 2016–2019 Koordination, Zentralredaktion, Konzeptentwicklung und Produktion von Audioguides, Slideshows und Flyern über KulturLandschaftsRouten in fünf Fokusregionen um Hamburg, u. a. in Westmecklenburg, als Leitprojektes im Auftrag der Metropolregion Hamburg

seit 2016 Konzeption eines Ausstellungsprojektes zum lebendigen, immateriellen Kulturerbe der UNESCO in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Büro Impuls-Design

seit 2015 Initiatorin und Betreiberin des multimedialen Medien- und Branchenportals MassivKreativ über die Kultur- und Kreativwirtschaft mit über 100 Artikeln und Filmen über Kreativität und Kulturwandel, Cross Innovation und soziale Innovationen, Künstlerische Interventionen, Regional- und Stadtentwicklung

Impulsvorträge, Kreativ-Workshops, Interviews, Moderationen, Dokumentation von Tagungen und Kongressen, u. a. für IHKs, Wirtschaftsförderungen, Kreativwirtschaft und Universitäten, Bloggerin für das Wirtschaftsmagazin Impulse, hier geht es zu meinen Publikationen

Unser Silberfuchs-Verlag: Phase 1 – Hörbuch-Verlag

2005 Konzeption, Produktions- und Vertriebsplanung des ersten deutschsprachigen Japan-Hörbuchs auf CD über die Kultur und Geschichte Japans – u. a. zum Länderschwerpunkt Japan des Schleswig-Holstein Musik Festivals 2005

2006 Gründung des Silberfuchs-Verlages, Corinna Hesse und Antje Hinz, GbR

2006–2017 Texte, Lektorat, Regie, Produktion, Herausgabe und Vertrieb von Sachhörbüchern: Länderportraits, Hörreisen, Biografien, Alltagskulturgeschichten, Auftragsproduktionen für Unternehmen, Stiftungen, Institutionen. Es entstehen etwa 30 Hörbücher. Ich bin Autorin folgender Hörbücher „Argentinien hören“, „China hören“, „Griechenland hören“, „Japan hören“, „Mexiko hören“, „Russland hören“, „Sefarad hören“ und „Spanien hören“ und lektorierte die Hörbücher „Brasilien hören“, „Finnland hören“, „Indien hören“, „Sinti und Roma hören“, „Türkei hören“ sowie das „Hanse-Hörbuch“.

zahlreiche Nominierungen und Hörbuchpreise, u. a. 2008 Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik, 2012 Bundespreis Kultur- und Kreativpiloten Deutschland

Direkt nach dem Mauerfall…

1990–1995 Magister Artium, Musikwissenschaft, Journalistik, Slawistik, Universität Hamburg, Magisterarbeit über Radiokunst der DDR, Wissenschaftspreis der Stiftung Mitteldeutscher Kulturrat Bonn für Magisterarbeit „Zum Problem der Akustischen Kunst am Beispiel der Hörstücke von Georg Katzer“

1993 Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Schleswig-Holstein Musik Festivalorchester in Salzau; Tourneebegleitung nach Wien, Rimini und Santander

1994–1995 Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für NDR-Kammerkonzerte, Organisation, Programmhefttexte und Layout

1997–1998 Konzeption, Vorbereitung, PR für Medientagung Fernsehen und Verantwortung III – Politik im Fernsehen: Information oder Show in der Hochschule für Musik und Theater Hamburg (Referenten: Klaus Bresser/ZDF; Bernhard Wabnitz/ARD; Klaus Ebert/RTL; Jörg Howe/SAT 1)

1998–2001 freiberufliche Lektorats- und Promotionberatung, Produktmanagement sowie Autorin von CD-Booklet-Texten für den Bereich Klassik der Tonträgerfirma edel (Texte über zeitgenössische Komponisten der ehemaligen DDR)

Bei der ARD…

1993–2005 freiberuflich als ARD-Rundfunkjournalistin, Moderatorin, Feature-Autorin und Reporterin, u. a. für  Deutschlandfunk sowie Deutschlandfunk Kultur (eh. Dradio Kultur) tätig sowie für NDR Kultur, WDR 3 Klassik Forum, Resonanzen, Mosaik, WDR 5 Scala, WDR 5 -Reportage-Reihe Schräge Orte, Starke Plätze, Dradio Kultur Galerie, NDR Info Zwischen Hamburg und Haiti, CD-Tipp der Woche, DLF Corso, BR4 Klassik DoReMikro, HR 2 Domino, SWR2 Dschungel u. s.w., Berichte, Moderationen, Rezensionen, Interviews, Reportagen, Features zu Themen wie Musik, Klassik, Jazz, Kultur, Medien, Reisen, Kinder

Vor dem Mauerfall…

1988/89 Hörfunk-Volontariat in Berlin, Staatliches Komitee für Rundfunk der DDR

1988 Abitur

1970 geboren in Eisleben/Lutherstadt, aufgewachsen in Lübbenau/Spreewald

 

Archäologie und Vampirglaube im Wendland

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Arne Lucke hat viel erlebt und viel von der Welt gesehen. Als Archäologe und Ethnologe hat er zahllose Länder bereist und war an vielfältigen Grabungen beteiligt. Im Wendland war er als Kreisarchäologe tätig und hat den Museumsverbund Lüchow-Danneberg e. V. gegründet. Und: Er ist Experte für Vampirglaube.

Zwischen vielen Kulturen

Arne Lucke zog es immer wieder in die Ferne. Egal mit welcher Kultur er sich beschäftigte, Lucke stellte häufig fest, dass es einen gemeinsamen Nenner gibt: Die Angst vor Untoten und vor Vampiren existiert in nahezu allen Kulturen. Sie werden manchmal auch Teufelssauger („Düwwelsüger“), Wiedergänger oder Nachzehrer genannt. Der Vampirglaube ist wissenschaftlich auf vielfältige Weise belegt – archäologisch, ethnologisch und historisch. 

 © MassivKreativ: der Archäologe Arne Lucke

Vampirglaube

Durch seine vielfältigen Forschungen in verschiedenen  Kulturen wird Arne Lucke über die Jahre zum „Vampir-Experten“. Bei Grabungen im Wendland in Güstritz bei Lüchow stößt er in den 90er Jahren auf ein Slawisches Skelett-Gräberfeld mit über 100 Grabstellen. Die Mehrheit weist eigenartige Besonderheiten auf. Der Kopf ist vom Rumpf des Leichnams getrennt. Steine beschweren das Brustskelett. Einige Tote liegen mit dem Kopf nach unten in der Grabstelle. Einige Grabstellen sind abgebrannt oder verkokelt. Lucke ist sich sicher: Die speziellen Bestattungsrituale weisen auf den im Wendland verbreiteten Vampirglaube hin.

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Hintergründe für den Vampirglaube

Bevor sich früher in der Bevölkerung das Wissen um Infektionskrankheiten verbreiten konnte, versuchten sich die Menschen Todesfälle in der Familie mit „untoten Wiedergängern“ zu erklären. Im Interview erläutert der Archäologe weitere Gründe für den Vampirglaube. Auch ein Zeitenwandel bringe stetig die Angst vor Veränderung mit sich. Die slawischen Wenden seien einst vom Christentum überrollt worden. Heute fürchten sich die Menschen vor Globalisierung, Klimawandel und Digitalisierung. Daher sei gerade wieder eine neue Welle des Vampir-Trends zu spüren, so Lucke.

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Ursprünge des Vampirglaubes

Im 19. Jahrhundert sorgte der Dracula-Roman vom Bram Stoker dafür, dass das Vampir-Thema von vielen bis heute im rumänischen Transsylvanien verortet wird, erzählt Arne Lucke im Interview. Dabei sei der Vampirglaube universal und uralt, bereits in der Jungsteinzeit um 2500 v.u.Z. verbreitet. Auch im Spreewald und in Mexiko sei er auf verschieden Weise belegt. Durch die Vermischung von heidnischen und christlichen Bräuchen hätten die Mexikaner bis heute ein besonderes Verhältnis zum Tod mit speziellen Bräuchen. Den Tag der Toten (Día de los muertos) feiern sie mit speziellen Süßigkeiten, wie den Skeletten aus Pappmaché und Zucker.

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Experimentelle und moderne Archäologie

Arne Lucke berichtet über die zeitgeschichtliche und experimentelle Archäologie, z. B. über aktuellen Grabungen im ehemaligen Protestcamp in Gorleben. Lucke hat 1980 selbst dort gelebt und gegen Atomcastor-Transporte demonstriert, wie er erzählt. Die historische Archäologie hat er im Wendland in Rundlingsdörfern betrieben und dort in abgebrannten Häusern geforscht.

Arne Lucke ist von Neugier und Interesse an Menschen, Zeiten und Kulturen angetrieben. Seine letzte vierwöchige Reise führte ihn im Frühjahr 2018 in den Iran. Ein wundervolles Land, sagt er, voller gastfreundlicher Menschen mit einer faszinierenden Kultur. Wenn er ins Wendland zurückkehrt, genieße er jedes Mal die Weite der Landschaft und der Natur.

PODCAST-INTERVIEW

Archäologie und Vampirglaube im Wendland

Kreative Karambolagen: Open und Cross Innovation

© ritter-sport.de/blog

Innovationen gelingen, wenn sie als Open-Innovation-Prozesse für externe Akteure geöffnet werden, sowohl interdisziplinär über verschiedene Branchen hinweg als auch nutzerorientiert für Kompetenz- und Wissensträger, für Experten und Anwender. Erfahrungen und Wünsche der Nutzer müssen von Anfang an in die Planung, Gestaltung und Entwicklung von Innovationen einbezogen werden.

Was ist Cross Innovation?

Mit dem Begriff „Cross Innovation“ wird die branchen- bzw. disziplinübergreifende Zusammenarbeit von Kreativschaffenden mit klassischen Wirtschaftsbranchen beschrieben, z. B. mit Unternehmen der Gesundheits- und Automobilwirtschaft, dem Hightechsektor oder dem verarbeitenden Gewerbe. Wenn voneinander unabhängige Lebensbereiche kreativ miteinander in Beziehung gesetzt werden, kann Neues entstehen: Co-Kreationen und cross-sektorale Projekte.

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Komfortzonen verlassen

Wer weiß, was Manager für wunderbare Ideen hätten, wenn sie mal einen Tag im Kindergarten, im Theaterfundus oder im Museumsdepot verbringen würden. Die von mir ausgewählten Fallbeispiele zeigen, warum es wichtig ist, seine Persönlichkeit möglichst vielfältig zu entfalten, sein kreatives Potenzial und seine Talente zu erproben, unterschiedliche Fertigkeiten zu entwickeln und miteinander zu verbinden.

 © Claudia Hautumm, pixelio.de

Musik und Genmedizin

Was sich der Krebsforscher Martin Staege von der Uni Halle ausdachte, klingt verrückt. Er spürt Tumore mit Musik auf: „Man kann die Stärke der Expression von Genen in Tonhöhe und Tonlänge umsetzen, um Melodien zu erzeugen“ (Staege 2016). Staege spielt leidenschaftlich gern Klavier und bemerkte, dass das Ohr falsche Töne sofort identifiziert, dass man aber Fehler in visuellen Darstellungen lange suchen muss. Seine Frage: Würde es über Melodien schneller gelingen, kranke Zellen aufzuspüren? Staege übertrug Notenbilder auf elektronische Abbildungen von Genen. Mit selbst entwickelten Algorithmen gelangte er zu einer völlig neuen Analysemethode – dank seiner kreativen Idee, Musik und Medizin, Naturwissenschaft und Kunst sowie visuelle und akustische Wahrnehmungsmechanismen zu verbinden.

Pharmaindustrie und IT

Die Firma Vitality hat eine intelligente Medikamentendose mit elektronischem Verschluss GlowCap entwickelt. Sie ist mit einer Datenbank verbunden, die ein akustisch-visuelles Signal abgibt und sich öffnet, wenn der richtige Zeitpunkt für die Medikamenteneinnahme gekommen ist. Die korrekte Einnahme konnte von 50 % auf 80 % gesteigert werden.

Julia Lohmann_Oki Naganode_Fotograf Petr Krejci © Julia Lohmann: Installation „Oki Naganode“, Foto: Petr Krejci

Kunst und produzierendes Gewerbe

Künstler und Designer experimentieren für Installationen, Möbel, Mode und Accessoires mit heimischen Naturstoffen. Sie sind Vorreiter der rasant wachsenden Bioökonomie. Die Künstlerin Julia Lohmann verwendet neben Algen auch Papier, Stroh und Löwenzahn. Nun zieht die Automobilindustrie nach. Der Reifenhersteller Continental verarbeitet anstelle von Kautschuk sibirischen Löwenzahn, der ebenfalls über die begehrten gummiartige Eigenschaften ;verfügt.

Crowdsourcing und Lebensmittelbranche

Auf zivilgesellschaftliche Kreativität stützt sich Fruchtgummihersteller Haribo. Auf Anregung der Käufer kommt 2014 eine „Fan-Edition“ mit Goldbären in sechs neuen Geschmacksrichtungen auf den Markt. Der Clou: Auch blaue Fruchtgummibären sind dabei. Und: Der geschmacklose Farbstoff wird aus Algen gewonnen. „Civil bzw. Citizen Creativity“ wird inzwischen on vielen Herstellern genutzt. So entstand das Geschäftsmodell von Innosabi. Auf der gleichnamige Plattform werden gemeinsam mit Kunden im Auftrag von Firmen neue Produkte entwickelt.

 © Haribo-Fanartikel

Marketing und Aktionskunst

Werber, Designer, Games-, Film- und Theaterakteure sind Experten für die Emotionalisierung von Marken und Produkten. Sie inszenieren deren Auftritte bei Messen, Tagungen, Konferenzen und digital für alle Medien. Doch Marken erringen nur dann Aufmerksamkeit, wenn ihre Motivation und innere Haltung authentisch und nachhaltig wirkt. Statt einer normalen Werbekampagne für eine neue Fliegenfalle entwickelten die schon erwähnten Schweizer Künstler Frank und Patrik Riklin für den Bielefelder Biozidhersteller Reckhaus einen Aktionstag zum Fliegenretten. Aus der künstlerischen Intervention entstand ein bis heute anhaltender Unternehmenswandel mit vielen Maßnahmen für mehr Verantwortung im Hinblick auf Umwelt und Nachhaltigkeit.

© Reimar Ott

Produzierendes Gewerbe, Chemie, Medizin

Die Firma Gore hat sich auf wind- und asserabweisende Funktionstextilien spezialisiert. 20 % der regulären Arbeitszeit steht dem Personal für den kreativen Blick über den Tellerrand zur Verfügung. Je nach persönlichen Freizeitinteressen entwickelten die Mitarbeiter aus dem Material neue Produkte für andere Märkte: beschichtete, schmutzabweisende Schalt- und Bremszüge für Fahrräder, länger haltbare Gitarrensaiten, Implantate für die Herz- und Gefäßchirurgie.

Smoothfood heißt ein neues Geschäftsmodell, dass Lebensmittelchemie und 3D-Druc verbindet. Impulsgeber ist die Makerszene der TechShops und FabLabs. Die
Firma Biozoon aus Bremerhaven wandelt Lebensmittel in Pulver um und serviert Menschen mit Schluckbeschwerden, die der pürierten Nahrung überdrüssig sind,
zumindest die haptische Illusion von gebratenen Hähnchenkeulen, Kartoffeln und Möhren. Neben Krankenhäusern und Seniorenheimen werden auch Sterneküchen
mit Produkten aus dem 3D-Drucker beliefert, z. B. mit kunstvollen Gelatine-Desserts im kreativen Design von urbanen Wolkenkratzern, Gebirgslandschaften und
Tieren.

 © A. Dreher, pixelio.de

Draußen und Drinnen

Lopifit holt das Fitnessstudio auf die Straße, indem es Fahrrad, Roller und Laufband kombiniert. Statt in die Pedale zu treten, treibt der Nutzer das Gefährt über ein Laufband an und landete damit in arabischen Ländern einen Überraschungserfolg. War das Fahrradfahren in langen Gewändern bisher eher umständlich, bietet das Loopifit nun deutlich mehr Komfort, weil es im Stehen angetrieben wird.

Landwirtschaft und Elektrotechnik

Der US-Amerikaner Philo Farnsworth kombinierte zwei Welten, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen: Landwirtschaft und Physik. Aufgewachsen in armen Verhältnissen einer Mormonenfamilie musste er zu Hause oft bei der Feldarbeit helfen. Beim eintönigen Pflügen des Kartoffelackers sinnierte er häufig über physikalische Fragen. Er wusste: Radiowellen ließen sich über den Äther funken. Und Bilder? Wäre es vielleicht möglich, wie beim Pflügen eines Kartoffelackers Bilder in parallele Zeilen zu zerlegen und so elektronisch zu übertragen?! Farnsworth verfolgte seine Idee weiter. 1927 gelang ihm im Beisein seiner Geldgeber die weltweit erste elektronische Bildübertragung mit einer Elektronenstrahlröhre. Das ihm die Idee ein Konkurrent stahl und als Patent anmeldete, ist eine andere Geschichte …

 © Filmcover Geniale Göttin 

Musik und Waffentechnik

Hedy Lamarr galt in den 30er/40er Jahren als Sexbombe in Hollywood. Sie selbst empfand Schönheit eher als langweilig. Sie war eine blitzgescheite Querdenkerin, tüftelte an mechanischen Musikinstrumenten und an Waffentechnik. Ein typisches Beispiel für Cross Innovation, das die Übertragung von Lösungsansätzen von einem Lebensbereich auf einen anderen greifbar und nachvollziehbar macht. Doch wie gelang ihr das? Weiterlesen: Sexgöttin als Waffenerfinderin: Wie Cross Innovation gelingt

Handwerk, Kunst, Kultur und Widerstand – das Wendland

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Michael Seelig hat im Wendland vieles initiiert, bewegt und vorangebracht. In den 70er Jahren gründete er in Waddeweitz auf einem Resthof den Werkhof Kukate. Gemeinsam mit anderen Akteuren hat er die Kulturelle Landpartie auf den Weg gebracht und sie von Beginn an mitgestaltet. Außerdem ist Seelig Vorstand der Grünen Werkstatt Wendland, ein Kreativ- und Ideenlabor, das soziale Innovationen in der Region vorantreibt.

 © MassivKreativ: Michael Seelig

Weben und Wissen

Michael Seelig erzählt im Interview von den Anfängen seines Werkhofes Kukate, einer fast 200 Jahre alten Hofstelle mit einem Vierständer-Fachwerkhaus und mehreren Nebengebäuden. Er berichtet, wie er das Konzept für das gemeinsame handwerkliche Schaffen mit seiner Frau Inge über die Jahre weiterentwickelt hat. Ihr Schwerpunkt ist das Handweben. In einigen Ländern gehört dieses besondere Handwerk bereits zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Seit 1990 organisiert Inge Seelig in Kukate die Weberklassen als nebenberufliche Ausbildung. Nach 4 Jahren können die TeilnehmerInnen sie mit der Gesellenprüfung abschließen. Auch die Zeitschrift weben+ wird von Inge Seelig herausgegeben. Sie die einzige deutschsprachige Fachzeitschrift für das Handweben.

 © weben+

Werkhof Kukate

In Kukate treffen sich Gleichgesinnte, die eine große Liebe und Begeisterung für das Handwerk teilen. Abseits vom Alltagstreiben können sie sich einer künstlerischen oder handwerklichen Tätigkeit widmen und auch über Nacht bleiben. Kukate beherbergt neben der Webwerkstatt auch eine Töpferei, eine Goldschmiede, eine Tischlerwerkstatt sowie mehrere Räume, die nach Bedarf gestaltet und genutzt werden können.

 © Petra Bork, pixelio.de

Gemeinschaftserlebnis Handwerk

Eine große Gemeinschaftsküche bietet die Möglichkeit der Selbstverpflegung, auch das schmiedet die Gäste des Werkhofes immer wieder aufs Neue zusammen. Nach getaner Arbeit treffen sich die Kreativen zum Essen und Austausch in einem Aufenthaltsraum im Werkstattgebäude oder in der großen Diele mit offenem Kamin. Bei schönem Wetter tauschen sich die Gäste draußen aus – auf einem mit Kopfstein gepflasterten Hof unter alten Kastanienbäumen.

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Die Kulturelle Landpartie

Im zweiten Teil des Interviews erzählt Michael Seelig darüber, wie 1990 die „Wunde.r.punkte“ im Wendland entstanden und wie sich die Kulturelle Landpartie (KLP) über die Jahre stetig weiterentwickelt hat. Jedes Jahr zwischen Himmelfahrt und Pfingsten öffnen die Bewohner im Wendland in über 90 Dörfern ihre Höfe, Häuser und Gärten und laden zu Ausstellungen und Veranstaltungen ein – in den Bereichen Kunst und Kunsthandwerk, Musik, Klangkunst  und Theater, Ökologie und Nachhaltigkeit, Politik und Kabarett, Performance und Tanz, Vorträge, Lesungen und Führungen. Über 800 Künstler sind daran beteiligt.

Widerstand als Keimzelle

Die Wurzeln der Kulturellen Landpartie liegen im politischen Widerstand gegen das Atommüll-Lager Gorleben. Das gelbe X, das Zeichen des Wiederstandes, wurde weit über die Grenzen des Wendlandes hinaus zum Symbol. Zur 30. Kulturellen Landpartie vom 30. Mai bis 10. Juni 2019 lassen sich KünstlerInnen und Kreative wieder in ihren Ateliers und Werkstätten über die Schulter schauen.

 © Michael Seelig mit dem Spiel Super-GAUdi, Foto: MassivKreativ

Podcast-Interview mit Michael Seelig

Handwerk, Kunst, Kultur und Widerstand – die Kulturelle Landpartie im Wendland

Kreative Bürokratie: Bürgern mit gesundem Menschenverstand begegnen

 © Bernd Kasper, Pixelio.de 

Schon mal gehört? Geschichten über Beamte, die aus Frust weiße Blätter kopieren, nie ans Telefon gehen und ständig krank sind?! Doch es soll auch andere Staatsdiener geben, die im Behördendschungel mitdenken, nach kreativen Schlupflöchern suchen und uns Bürgern mit gesundem Menschenverstand unterstützen.

Kreative Bürokratie

Damit es zukünftig mehr beherzte Beamte gibt und sie im Behördenalltag mehr Ermutigung und Methodik erfahren, fand Anfang September 2018 in Berlin  das „Festival für Kreative Bürokratie“ statt –  das Creative Bureaucracy Festival. Der Begriff „Kreative Bürokratie “ entstand nach dem gleichlautenden Buch The Creative Bureaucracy von Charles Landry und Margie Caust. Es soll ein aktuelles Programm speziell für Beamte entwickelt werden. Das Programm soll dazu beitragen, dass Mitarbeiter aus der Verwaltung auf eine Vielzahl von Methoden und Werkzeugen zugreifen können, um neue Herausforderungen und Probleme zu lösen. Im Vordergrund steht dabei vor allem, den richtigen und motivierenden Umgang mit Mitarbeitern zu finden. Jeder – egal aus welcher Hierarchie – soll in Veränderungsprozessen mitgenommen werden: EntscheidungsträgerInnen ebenso wie MitarbeiterInnen auf Service-Ebene. 

 © Didi01, Pixelio.de 

Veränderungen durch kreativen Austausch

Beim Berliner Kongress kamen kreative Beamte mit Institutionen zusammen, die den öffentlichen Sektor bei der Realisierung von Innovationen unterstützen, außerdem Bürger, die den öffentlichen Sektor in Nichtregierungsorganisationen (NGOs) mitgestalten und neugierige, offene Menschen der Zivilgesellschaft. Die Themen waren und sind vielfältig: Digitalisierung, Transparenz und Partizipation, Bildung, Gesundheit und Mobilität, Arbeit, Wohnen und Sicherheit. Mit gelungenen Praxisbeispielen wurden die Teilnehmer motiviert, anhand von Fehlern („Fuck Up Night“) konnten sie lernen. Die Erkenntnis: eine Bürokratie, die von uns Bürgern als willkürlich, undurchsichtig und gängelnd wahrgenommen wird, kann mit Geduld und Gestaltungswillen positiv verändert werden. Und zwar so, dass Verwaltung die freie Entfaltung der Bürger befördert und sie nicht in einem Dickicht an Vorschriften erstickt.

 © Gerhard FrassaPixelio.de

Amt für unlösbare Aufgaben

Wie gelingt es nun konkret, Wertschätzung, Menschlichkeit und Humor in die Verwaltung hineinzutragen? Wie können Beamte zu einer verständlichen Sprache im Umgang mit unsBürgern finden? Diese Fragen haben sich vier Kreativschaffende gestellt und das Amt für unlösbare Aufgaben gegründet: Stadtentwickler Matthias Burgbacher, Designforscherin Andrea Augsten, Theaterregisseurin Leonie Pichler und Musikmanagerin Julia Wartmann. Mit Perspektivwechsel und einem Augenzwinkern wollen sie dem Alltag und den Vorurteile im öffentlichen Sektor begegnen, etwa so: „Das Gegenteil von Bürokratie ist Willkür.“  Matthias Burgbacher erklärt, dass man Bürokratie ja nicht abschaffen, sie aber auf jeden Fall freundlicher machen könne. Work in progress … Teilhabe verringert geistige Einbahnstraßen,  weckt Phantasie, Toleranz und erhöht die Akzeptanz von Entscheidungen, wie weitere Beispiele zeigen …

 © M. Großmann, Pixelio.de 

Hamburg

Hamburg rief 2016 in Kooperation mit der HafenCity Universität und dem MediaLab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Beteiligungsprojekt
Finding Places zu 34 Workshops auf. An einem interaktiven Stadtmodell konnten Bürger geeignete Orte für neue Flüchtlingsunterkünfte benennen. Eine Bürgerbeteiligung mit Lerneffekt, denn vielen wurde zum ersten Mal bewusst, wieviele Bestimmungen und Vorschriften im städtischen Raum zu beachten sind. 

Rostock

In Rostock übernahmen im September 2015 kurzerhand die Bürger das Ruder, als die Verwaltung mit den ankommenden Flüchtlingen überfordert war. Anfangs gab
es Widerwillen gegen das bürgerliche Engagement, dann doch Anerkennung von Senator Steffen Bockhahn für die kreativen Ideen: „Ohne die Zivilgesellschaft hätten wir es damals nicht geschafft.“ (Böttcher 2016) Akteure vom Verein „Rostock hilft“ und vom Kreativzentrum projekt:raum haben die Aktionen maßgeblich getragen, logistisch über digitale Einsatzlisten und Facebook organisiert und viele kreative Programme für Geflüchtete entwickelt, wie „Kochen über den Tellerrand“.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Bonn

Im Viktoriakarree in Bonn stoppte ein Bürgerbegehren den Verkauf von Grundstücken an einen Investor, der dort eine Shopping-Mall bauen wollte. Daraufhin richtete das Künstlerteam CommunityArtWorks mit Daniel und Jennifer Hoernemann gemeinsam mit Architekten und Stadtentwicklern ein Bürger-Atelier in der Innenstadt ein. Dort begleitet CommunityArtWorks ein Bürgerbeteiligungsverfahren und schafft über künstlerisches Wahrnehmen, Denken und Handeln Raum für Kreativität und Fehlerkultur. Das Künstlerteam bearbeitet seit langem gesellschaftliche und unternehmerische Herausforderungen mit künstlerischen Methoden und Interventionen im öffentlichen Raum. Es greift mit dem „Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen“ aktiv in Prozesse ein, fördert Kommunikation und Reflexion.

 © CommunityArtWorks

Dänemark

Im dänischen Kopenhagen haben Wirtschafts-, Finanz- und Justizministerium das Innovationslabor MindLab gegründet, das noch bis Ende 2018 aktiv ist. Die Mitarbeiter sollen den Alltag in der Metropole lebenswerter und kreativer machen. Sie begleiten Bürger bei Behördengängen und ermitteln deren Probleme beim Ausfüllen von Formularen. Sie hören den Bürgern zu und fragen direkt nach, was verbessert werden kann. 130 Projekte haben die Vordenker landesweit angestoßen, in den Bereichen Mobilität, Bildung und Wissensmanagement, bei der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt und der Müllvermeidung: Grüne Fußabdrücke auf Bürgersteigen, die den Weg zu Mülleimern zeigen, halfen dabei, den Abfall auf Straßen um beachtliche 40 Prozent zu reduzieren.

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Großbritannien

Regierungen engagieren immer häufiger „Mitarbeiter für Verhaltenseinblicke“, um mit der Nudge-Methode das Verhalten der Bürger auf vorhersagbare Weise zu beeinflussen (vgl. Richard H. Thaler/Cass R. Sunstein: Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt. 2017, S. 26-27), „The Behavioural Insights Teams“ agieren abseits von Verboten, Geboten oder ökonomischen Anreizen. Die US-amerikanische Regierung testete dies 2008 unter Barack Obama, die britische Regierung 2010 unter David Cameron und ebenso die Bundesregierung unter Angela Merkel. Die vom Staat eingesetzten Psychologen sollen Bürger mit kleinen „Anstupsern“ animieren, sich besser zu verhalten: Energie zu sparen, Steuern zu zahlen, für das Alter vorzusorgen, sich gesünder zu ernähren. Die Briten gehen derzeit der Frage nach, wie sich Gewissenhaftigkeit, Verantwortung, Motivation, Kreativität und Offenheit am besten unterstützen lassen. 

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Österreich und Schweiz

In Österreich erarbeiten Akteure aus Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft im GovLab übergreifende Lösungsansätze. Die Erkenntnisse werden über Prototypen an andere Bürger weitergegeben. In der Schweiz unterstützt das gemeinnützige „Staatslabor“ die öffentliche Verwaltung mit innovativen Lösungen. In die Modellprojekte sollen Bevölkerungsgruppen eingebunden werden, die in der Schweiz nicht über Stimm- und Wahlrecht verfügen.

Sexgöttin als Waffenerfinderin: Wie Cross Innovation gelingt

 © Filmcover Geniale Göttin 

Hedy Lamarr galt in den 30er/40er Jahren als Sexbombe in Hollywood. Sie selbst empfand Schönheit als langweilig. Lamarr war eine blitzgescheite Querdenkerin, tüftelte an mechanischen Musikinstrumenten und an Waffentechnik. Ein typisches Beispiel für Cross Innovation: Lösungsansätze werden von einem Lebensbereich auf einen anderen übertragen. Doch wie gelang Lamarr das?

Begeisterung für Technik

„Jedes Mädchen kann glamourös sein. Du musst nur still stehen und dumm dreinschauen.“ – Hedy Lamarr zog ihre Energie nicht aus ihrer Schönheit, sondern aus ihrer Begeisterung für Fortschritt und Technik. In den 20er Jahren tüftelte sie gemeinsam mit dem Musik-Utopisten und Komponisten George Antheil daran, bis zu 16 selbstspielende Klaviere (Pianolas) zu synchronisieren. Es gelang ihnen mit Hilfe von Lochstreifen. Die gleichzeitig ablaufenden Klavierrollen waren die Basis für Antheils bahnbrechendes Werk Ballet Mécanique. Was dahinter steckt, beschreibt er in seinem Buch „Bad Boy of Music“: „Meine Absicht war es, dem Zeitalter, in dem ich lebte, sowohl die Schönheit wie auch die Gefahr seiner unbewussten mechanischen Philosophie und Ästhetik klarzumachen …“

 © Pianola mit Lochstreifen

Der Mensch wird ersetzt

So wie heute über den Einsatz künstlicher Intelligenz in Bereichen diskutiert wird, die bisher dem Menschen vorbehalten, so standen die 20er Jahre ganz im Zeichen der Automatisierung. In der Musik verblüfften z. B. die neuen selbstspielenden Klaviere mit aberwitzigen musikalischen Abläufen, Tempi und Rhythmen, die ein Mensch am Klavier nie hätte meistern können.

Cross Innovation

Auch Hedy Lamarr ließ sich von den neuen technischen Möglichkeiten in Bann ziehen. Aber nicht nur im Bereich von Musik und Kultur. Sie war eine Vor- und Querdenkerin, die das Zeitgeschehen um sie herum genau wahrnahm. Eine Voraussetzung dafür, dass Cross Innovation entstehen kann, indem eine Idee von einem Lebensbereich in einen völlig anderen übertragen wird, offen und interdisziplinär sozusagen.

Offen für Weltprobleme

Hedy Lamarr stammte aus einer jüdischen Familie. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten heiratete sie einem österreichischen Waffenfabrikanten, der später auch mit Deutschland Geschäfte machte. Lamarr verließ ihn 1937 und bezog im 2. Weltkrieg gegen den Nationalsozialismus klar Position, indem sie sich auf die Seite der Alliierten stellte. Unter den historischen Eindrücken kam die Tüftlerin auf die Idee, ihre Erkenntnisse im Kampf gegen die Nazis zu nutzen. Gemeinsam mit Antheil entwickelt sie um 1940 ein Verfahren, um die Lochstreifen der selbstspielenden Klaviere als Steuerelement auf Torpedotechnik zu übertragen.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Vom Pianola zum Torpedo

Da Torpedos über Funk gesteuert werden, sind sie über fest stehende Frequenzen leicht ausfindig zu machen, auch für Feinde. Lamarr und Antheil wussten bereits, dass identische Lochstreifen gleichzeitige Frequenzwechsel zwischen Sender und Empfänger ermöglichen. Wie wäre es also, wenn man die wechselnden Frequenzen der Pianola-Fernsteuerung auf die Torpedo-Technik übertragen würde? Mit dieser Funkfernsteuerung wären die Torpedos nicht mehr so leicht zu verfolgen, zu stören und damit für die Nazis auch schwerer anzugreifen. Monatelang entwickelten die beiden Kreativen ihre Idee weiter. Unterstützend kam möglicherweise der glückliche Umstand hinzu, dass Lamarr als Ex-Frau eines Waffenherstellers über geheime Informationen in der Funktechnik verfügte.

 © Pianola-Rolle

Patent und Weiterentwicklung

Schließlich half ein Professor für Elektrotechnik am California Institute of Technology den beiden dabei, das Patent zur Anmeldung vorzubereiten. Im August 1942 wurde das Verfahren zwar vom Patentamt bewilligt, aber seiner ursprünglichen Form nicht eingesetzt. Das Prinzip des gleichzeitigen Frequenzwechsels wurde jedoch stetig weiterentwickelt. Es fand Eingang in die Schiffstechnik der US-Navy und in den Bereich der Kommunikation. Heute wird das Prinzip u. a. für WLAN- und Bluetooth-Verbindungen genutzt, die auf Frequenzsprünge nach einem bestimmten Zufallsmuster setzen.

Späte und posthume Ehrungen

1997 erhielt Hedy Lamarr gemeinsam mit dem bereits 1959 gestorbenen George Antheil den Pioneer Award der Electronic Frontier Foundation EFF. 2014 wurde sie posthum in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen. In Deutschland, Österreich und in der Schweiz wird an ihrem Geburtstag am 9. November der Tag der Erfinder gefeiert. Reich und berühmt wurde Lamarr mit ihrer Erfindung übrigens nicht. Sie starb im Jahr 2000 in Florida. Auf ihren Wunsch hin verstreuten ihre Kinder die Hälfte ihrer Asche im nördlichen Wienerwald am Stadtrand von Wien. Die restliche Asche wurde 2014 in einer Urne auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet (in Gruppe 33 G, Grab Nr. 80). 2018 erzählt der  Dokumentarfilm Geniale Göttin (Regie: Alexandra Dean) noch einmal ihre Geschichte. Eine späte Würdigung für eine Vordenkerin für Cross Innovation.

 © als Cover-Girl im Magazin Invention &Technology  

 

Weitere bemerkenswerte Beispiele für Cross Innovation in diesem Artikel (folgt in Kürze):

Kreative Karambolagen: Open und Cross Innovation

Altes bewahren, Neues wagen – Architektur im Wendland

 © MassivKreativ

Ralf Pohlmann ist Neuschöpfer, Bewahrer und Erneuerer. Als Architekt baut er im Wendland neue Gebäude, vor allem Schulen, und er saniert alte Bausubstanz, z. B. historische Hallenhäuser mit Fachwerk. Oberstes Gebot für ihn ist, den besonderen Geist der alten Gebäude zu erhalten.

Eisenbahnbrücke bei Dömitz

Zu den aktuellen Projekten von Ralf Pohlmann zählt die alte Eisenbahnbrücke bei Dömitz, die früher Mecklenburg und Niedersachsen verband. Heute gibt es nur noch den westlichen Teil der Elbbrücke nahe des niedersächsischen Örtchens Kaltenhof. Er steht inzwischen unter Denkmalschutz. Erbaut wurde die ursprünglich 986 Meter lange Brücke zwischen 1870 und 1873 von der Berlin-Hamburger Eisenbahngesellschaft. Am Ende des 2. Weltkrieges haben die Alliierten sie bei einem Luftangriff nahezu zerstört. Es blieben nur Überreste auf dem westlichen Teil der Elbe in Niedersachsen: 16 Brückenbögen mit dem zugehörigen Brückenkopf.

 ©  Von Dömitz_Eisenbahnbrücke_ReiKi_01.jpg: R.Kirchner CC BY-SA 3.0 

Skywalk durch die Elbtalaue

Das Foto zeigt die historische Eisenbahnbrücke bei Hochwasser. Normalerweise stehen die Brückenpfeiler in der Elbtalaue auf trockenem Untergrund. 2010 ersteigerte der niederländische Unternehmer Toni Bienemann das Bauwerk aus dem ehemaligen Besitz der Deutschen Bahn. Gemeinsam mit dem Freundeskreis Dömitzer Eisenbahnbrücke plant er, aus dem alten Industriedenkmal einen „Skywalk“ zu machen. Auf dem Natur-Laufsteg sollen Besucher tagsüber die Weite des Elbblicks genießen und nachts in den endlosen Sternenhimmel blicken. Weil die Brücke inmitten des Biosphärenreservats Niedersächsische Elbtalaue liegt, können Naturliebhaber von hier aus auch Tiere beobachten und sich an Pflanzen erfreuen.

 © MassivKreativ: Blick von Rüterberg auf die Elbtalaue

Altes bewahren, Neues wagen

Im Interview berichtet Architekt Ralf Pohlmann über Herausforderungen bei der Sanierung der Eisenbahnbrücke. Er beschreibt die Besonderheiten des einzigartigen Industriedenkmals: ein wehrhaft gestaltetes Brückenhaus mit 16 Flutbrückenbögen. Pohlmann gibt einen Überblick über weitere spannende Sanierungsprojekte im Wendland, u. a. über die Wiederherstellung und Umnutzung des alten vierstöckigen Fachwerk-Kornspeichers in Gartow, der schon im 16. Jahrhundert erbaut wurde.
Zuletzt erzählt er, wie seiner Meinung nach eine moderne, zeitgemäße Schule aussehen muss, um Kindern und Jugendlichen eine inspirierende Lernumgebung zu bieten.

PODCAST-INTERVIEW

Architektur im Wendland

Verwertungsrechte: Was passiert mit Rundfunkbeiträgen nach ihrer Ausstrahlung?

 © magicpen, pixelio.de

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten produzieren tagtäglich hunderte audiovisuelle Beiträge: Interviews und Reportagen, Bilder und Texte, Audios und Filme. Sie schaffen immense Schätze für unser kulturelles Gedächtnis. Doch was passiert mit den Beiträgen nach ihrer Ausstrahlung? Wie können die Beiträge langfristig erhalten und verwendet werden? Wie und in welcher Form können die bereits ausgestrahlten Texte, Töne, Bilder und Filme später von den Akteuren sinnvoll genutzt werden?

Kostenlose Mitarbeit in gebührenfinanzierten Beiträgen 

Wer einmal als „Otto-Norma-Verbraucher“ an einem journalistischen Fernsehbeitrag mitgewirkt hat weiß, dass die Reporter und Kamerateams die Film-Akteure oft stundenlang beschäftigen, bis die Interviews und bunten Bilder über die Protagonisten „im Kasten“ sind. Geld erhalten die Porträtierten nicht dafür. Auch Experten stellen ihr Fachwissen und ihre Expertise kostenlos in Hörfunk- oder Fernsehinterviews zur Verfügung. Hinterher dürfen sie die Beiträge jedoch nicht kostenfrei für eigene Zwecke, wie z. B. die eigene Website, nutzen. Sie müssten bezahlen, wollten sie sie auf ihrer Website nutzen. Doch gerade für junge Firmengründer, Künstler oder Musiker stellt das eine Hürde dar.

Inhaltliche Vielfalt durch Bürgerbeteiligung

Gerade junge Startups, Freiberufler und Einzelunternehmer, Künstler und Kreative tragen mit ihren beruflichen oder ehrenamtlichen Aktivitäten zur thematischen Vielfalt der Rundfunkprogramme bei. Sie investieren viel Zeit, wenn sie als Partner an Interviews, Filmen und Beiträgen mitwirken und dafür keine Vergütung erhalten. Man könnte meinen, dass sie als Ausgleich für den Aufwand ihre eigenen Portraits und Interviews wenigstens kostenfrei für Werbe- und Marketingzwecke nutzen können. Doch weit gefehlt: Nutzung kosten und nicht zu knapp. Gerade junge Startups, Künstler und Kreative können sich das aber nicht leisten.

 © Carmen M. Borchers: Elbgoldmanufaktur

Verwertung nach der Ausstrahlung?

Warum verschwinden die Beiträge in den Archiven bzw. hinter Mediatheken. Warum dürfen die Beiträge nicht von den Portraitierten und Experten für die eigene Website oder für die Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden? Warum sollen bzw. müssen die medial Porträtierten für die Beiträge Geld bezahlen, wenn sie sie für eigene Zwecke nutzen wollen? Dabei haben sie bereits viel Zeit investiert, damit die Beiträge überhaupt entstehen konnten. 

  © Günter Z., pixelio.de

Die medialen Produktionen kosten viel Geld. Die notwendigen Budgets werden aus Rundfunkgebühren der Bürger finanziert, also von uns allen. Es waren beträchtliche Rundfunkgebühren der Bürger nötig, um einen TV-Journalisten, einen Kameramann, einen Tonmann, einen Cutter für den Schnitt, einen verantwortlichen Redakteur und einen TV-Moderator im Studio zu finanzieren, damit der Beitrag  realisiert und ausgestrahlt werden konnte. Wäre da nicht eine kostenfreie Zweitverwertung wünschenswert, die einen Mehrwert für alle Beteiligten schafft. Warum darf der Handwerker, der junge Startup-Gründer, der Künstler oder die Musikband den Bericht nicht kostenfrei auf die eigene Website oder den Social Media-Kanal stellen? Warum verlangen die Rundfunkanstalten dafür eine teure Lizenz, obwohl der Beitrag doch bereits finanziert ist? 

Beispiel: TV-Portrait einer Musikband

Eine Band hat wochenlang auf eigenes Risiko ein Clubkonzert organisiert. Die Musiker haben Stücke komponiert, Texte geschrieben, geprobt, den Club mit Licht- und Livetechnikern gemietet, Flyer entworfen und drucken lassen, Pressemitteilungen geschrieben und an die Medien verschickt, Journalisten eingeladen und hinterher telefoniert. Schließlich kündigt sich ein Fernsehjournalist mit Kamerateam für einen Vorbericht an. Die Musiker nehmen sich Zeit für Vorgespräche, ein Interview im Radiostudio und einen halbtägigen Drehtermin im Club, damit es viele bunte Bilder gibt. Der Beitrag wird eine Stunde vor Konzertbeginn in einem TV-Magazin ausgestrahlt und könnte zumindest Kurzentschlossene noch erreichen, um zum Konzert in den Club zu kommen. 

 © Komitee für Unterhaltungskunst

Zweitverwertung im Sinne der Akteure und Bürger

Rückblickend haben die Musiker viel Zeit für den Beitrag investiert und es waren beträchtliche Rundfunkgebühren der Bürger nötig, um einen Journalisten, einen Kamermann, einen Tonmann, einen Cutter für den Schnitt, einen verantwortlichen Redakteur und einen TV-Moderator im Studio zu finanzieren, damit der Beitrag  realisiert und ausgestrahlt werden konnte. Wäre da nicht eine kostenfreie Zweitverwertung wünschenswert, die einen Mehrwert für alle Beteiligten schafft. Warum darf die Band den Bericht nicht kostenfrei auf ihre Website oder ihre Social Media-Kanäle stellen? Warum verlangen die Rundfunkanstalten dafür eine teure Lizenz, obwohl der Beitrag doch bereits finanziert ist? 

Beachtung von Verwertungs- bzw. Persönlichkeitsrechten

Die Produktion der Beiträge ist bereits aus Rundfunkgebühren bezahlt! Warum also müssen die Protagonisten der medialen Beiträge nochmals zahlen? An Verwertungs- bzw. Persönlichkeitsrechten kann es nicht liegen. Mit den Richtlinien der neuen EU-Datenschutzverordnung muss sich ohnehin jeder Bürger auseinandersetzen, der eine Website betreibt oder sich in den sozialen Netzwerken bewegt. Der Bürger ist längst mündig und trägt Verantwortung für sein Tun!

Förderung von Gründern, von Kultur- und Kreativwirtschaft

Warum gibt es kein Entgegenkommen der Rundfunkanstalten, fragt man sich? Warum muss für eine nachgelagerte Nutzung nochmals bezahlt werden? Die Beiträge wurden doch bereits aus den Gebühren der Bürger finanziert. Es wäre eine mehr als sinnvolle Förderung von Kunst, Kultur, Kreativwirtschaft und Gründerwesen, wenn die Protagonisten bereits produzierte und finanzierte mediale Beiträge auf ihren Kanälen ausstrahlen dürften.

 © Bernd Kasper, pixelio.de

Vorschlag: Mehrfachnutzung ermöglichen durch öffentliche Datenbank

Die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sollten alle bereits ausgestrahlten Beiträge auf einer öffentlichen Datenbank zugänglich machen – im Sinne eines kollektiven Gedächtnisses. In Zeiten von Digitalisierung sollte das kein Problem mehr sein! Es wäre wünschenswert, wenn jeder Bürger auf die Beiträge zugreifen und für eigenen Zwecke nutzen könnte. Vorausgesetzt natürlich, dass dabei keine Persönlichkeitsrechte und keine Werke anderer Urheber verletzt werden (Autoren, Dichter, Komponisten usw.). Jeder Bürger trägt dafür selbst Verantwortung. 

Vordenker-Kongress

Kürzlich ist ein Kongress in Bern in der Schweiz dieser Frage nachgegangen. Das Memoriav Kolloquium 2018 hat unter dem Thema REPLAY: TV- UND RADIODOKUMENTE NACH DER AUSSTRAHLUNG #CMK2018 die Archivierung–, Nutzung und Vermittlung von Fernseh- und Radioarchiven in den Fokus gerückt und gefragt: Wie sind Rundfunkbeiträge zugänglich? Wie und wofür kann man sie nutzen? Wie wirken sich die aktuellen technischen und politischen Veränderungen bei der Medienproduktion auf diese Fragen aus?

Das Memoriav Kolloquium findet traditionell im Rahmen des Welttages des audiovisuellen Erbes statt und steht unter der Schirmherrschaft der Schweizerischen UNESCO-Kommission. Kooperationspartner des diesjährigen Kolloquiums ist die SRG SSR – ein Verein, der allen offen steht. Dieser Verein betreibt das öffentliche, unabhängige Medienhaus SRG, das in vier Sprachregionen audiovisuelle Angebote produziert und verbreitet und hierfür 6000 Mitarbeitende beschäftigt.

Ideenlabor und Impulsgeber: die Grüne Werkstatt Wendland

 © MassivKreativ

Die Grüne Werkstatt Wendland versteht sich als Plattform und Prototyp in einem, als kreatives Ideenlabor und Impulsgeber für das Wendland. Das Projektbüro ist im ehemaligen Alten Postamt in Lüchow untergebracht, kurz Postlab genannt. Ein engagierter Kreis von Ehrenamtlichen entwickelt und koordiniert neue Vorhaben, die jeweils über Projektförderungen finanziert werden. Dabei stehen Fragestellungen im Zentrum, die die Region in besonderer Weise voranbringen sollen, z. B. 

Welche Ausstellungskonzepte würden mehr Besucher in ein regionales Museum ziehen?
Wie könnte man Lüchow als lebendige Einkaufsstadt attraktiver gestalten?
Wie sehen Produkte aus, die Jugendliche motivieren, neue Fähigkeiten zu erlernen?
Was lässt sich aus den MDF-Plattenresten der Firma Werkhaus herstellen?
Wie bringt man ‚krummes‘ Gemüse aus dem Wendland auf den Markt?
Wie möchte ich leben? Wie möchte ich arbeiten? Wie können wir die Welt besser, schöner und gerechter machen?“

und so weiter … 

Gemeinsam stark für die Region

Hinter der grünen Werkstatt steht ein kleiner gemeinnütziger Verein, der Netzwerke zwischen Hochschulen, Schulen, Verwaltungen und regionaler Wirtschaft initiiert und so die Region stärkt. Zu den Initiatoren der Grünen Werkstatt gehören Bürger, Vertreter der Kreisverwaltung Lüchow-Dannenberg und der Wirtschaftsförderung, ferner Künstler, Handwerker und Unternehmer.

Mitdenken und Mithandeln

Die Grüne Werkstatt Wendland beschreibt sich selbst als Treffpunkt für Menschen, die für ihre Projekte Mitdenkende, Mitmachende und Ermöglichende suchen. Als Platz für Freischaffende und Firmengründende, die nicht allein arbeiten wollen, sondern sich austauschen möchten. Als Raum für Menschen, die etwas bewegen und darüber mit anderen diskutieren wollen. Als gute Adresse für Wendländer auf Zeit, die an ihren Ideen arbeiten wollen. Als Ort, an dem man gut Kaffee trinken und Ideen ausbrüten kann. Die Aktion Willkommenstrunk  zum Beispiel erfand eine kreative Gruppe um Webdesignerin Simone Walter: Geflüchtete und Einheimische ernteten 2015 gemeinsam Äpfel und pressten daraus Saft. Der Verkaufserlös kam den Geflüchteten zugute.

 © MassivKreativ

Junge Designer und regionale Unternehmen 

Nicole Servatius übernahm direkt nach ihrem Studium an der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim die Leitung des Projektbüros der Grünen Werkstatt. In Design Camps brachte sie junge Design-Studenten und Absolventen mit lokalen Unternehmen zusammen, die gemeinsam neue maßgeschneiderte Produkte und Geschäftsmodelle entwickelten. Viele junge Menschen aus der Stadt haben auf diese Weise  das Leben und Arbeiten auf dem Lande kennen und lieben gelernt.

Kreative Köpfe und Ideen

Was treibt die Menschen im Wendland an? Wovon träumen sie? Diese Fragen hatten auch die Akteure der Grünen Werkstatt und entwickelten dazu das Buch Wendland im Wandel. 20 Protagonisten dieses Buches erzählen beispielhaft ihre Geschichten und Taten, erklären ihre Lebenskonzepte und Ihr Schaffen im Alltag. Einige von ihnen haben ihre Kindheit im Wendland verbracht und sind später nach Ausbildung oder Studium bewusst wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Andere haben sich nach einem (Vor-)Leben in der Großstadt bewusst für das Wendland entschieden. Die Schilderungen der unterschiedlichen Lebenswege sollen auch andere Bürger ermutigen, das Leben und die Zukunft der einzigartigen Region aktiv mitzugestalten. 

 © Buch der Grünen Werkstatt

Projekte und Vorhaben

Im Interview berichtet Nicole Servatius über weitere Projekte der grünen Werkstatt, z. B. über Ausstellungen junger Designerinnen im Wendland und im Museum Wustrow, z. B. „Museum öffne Dich“ und „Stadt Land Flucht“ und über „Leben auf dem Lande –  Wohnen auf großen Höfen“. Sie stellt ihre neue Tätigkeit als Leiterin der Stabsstelle Regionale Entwicklungsprozesse des Landkreises Lüchow-Dannenberg vor und das  im Juli 2018 gestartete zweijährige Projekt „WendLandLabor“ des Landkreises Lüchow Dannenberg – ein Projekt für soziale Innovationen. Nicole Servatius übernimmt dafür koordinierende Aufgaben, Christof Jens leitet die operativen Geschäfte. Servatius spricht über Synergie-Effekte für die Grüne Werkstatt, über junge Fachkräfte für die Region, über Chancen, Potentiale und den besonderen Charme des Wendlands.

 © MassivKreativ: Nicole Servatius

PODCAST-INTERVIEW

Ideenlabor und Impulsgeber: die Grüne Werkstatt Wendland