Wie lassen sich kreative Leistungen finanzieren?

 © Siegfried Fries, pixelio.de

Damit Ideenschöpfer und Urheber auch zukünftig (über-)leben können, müssen realistische Finanzierungsmodelle geschaffen werden. Lizenzen haben sich in der Kultur- und Kreativwirtschaft für die meisten Freiberufler und Kleinstunternehmer als nicht tragfähig erwiesen, siehe spotify, audible, youtube, netflix usw. Aus gutem Grund wird der Ruf nach Transferabgaben für bestimmte Technologien lauter, gefordert werden z. B. eine Transaktionssteuer für Kapitalgeschäfte, eine „Robotersteuer“ für die Automatisierung und Digitalisierung von Produktionsprozessen, ebenso eine Steuer für den Einsatz Künstlicher Intelligenz. Der Hintergrund: Lohn- bzw. Erwerbsarbeit wird gegenwärtig höher besteuert als Vermögenseinkommen ohne reale Wertschöpfung. Dazu erklärt Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG: „Wenn Produktivität zukünftig vor allem an Maschinen und die Auswertung von Daten gekoppelt ist, könnte die Besteuerung stärker auf den darauf beruhenden Gewinnen aufbauen und weniger auf der Einkommensteuer des Einzelnen.“ (Höttges 2015).

Wandel der Berufswelt

Existenzängste plagen längst nicht nur Kreative, Musiker, Fotografen, Autoren, Journalisten, Grafiker, Künstler, Designer … Auch klassische Wirtschaftsbranchen sind im Zuge der Digitalisierung von der Vernichtung von Arbeitsplätzen betroffen, z. B. Banken und Versicherungen, Verkehr und Industrie. Und so verwundert es nicht, dass das bedingungslose Grundeinkommen schon in den Vorstandsetagen und im Mittelstand diskutiert und befürwortet wird, z. B. von SAP-Chef Bernd Leukert, Siemens-Chef Joe Kaeser, Telekom-Chef Timotheus Höttges und von Götz Werner, dem Gründer und ehemaligen Geschäftsführer von dm-drogerie markt. Höttges sieht das Grundeinkommen als Antwort auf die Veränderungen in der Arbeitswelt: „Wir müssen unsere Gesellschaft absichern. Deswegen die Idee des Grundeinkommens […] Es könnte eine Lösung sein [… ] in einer Gesellschaft, die sich durch die Digitalisierung grundlegend verändert hat.“ (Höttges 2015)

Wer profitiert, muss zahlen

Solange Menschen von den Ideen Anderer profitieren, ohne dass die Ideenstifter ihre Grundbedürfnisse decken können, wird es keinen sozialen Ausgleich in der Gesellschaft geben. Wenn jeder teilt, was er selbst nicht zum existenziellen Überleben braucht, hat niemand das Gefühl, dass ihm etwas gestohlen wird. Der Philosoph Richard David Precht formuliert es mit Blick auf den sozialen Frieden so: „Wir müssen unseren Begriff von Arbeit neu definieren und so etwas wie ein Grundeinkommen einführen, sonst brechen uns die Binnenmärkte zusammen. Die Wirtschaft kann wohl kaum ein Interesse daran haben, dass es keine Konsumenten mehr gibt oder dass Millionen arbeitslos sind.“ (Precht 2014)

Roboter kaufen keine Roboter

„Autos kaufen keine Autos“, hat Henry Ford einmal gesagt. Auf für die Gegenwart ließe sich sagen: Roboter kaufen keine Roboter. Ohne kreative Inhalte werden die meisten digitalen Plattformen sinnlos. Derzeit profitieren vor allem diejenigen von der Wertschöpfung, die Hoheit über Datenströme besitzen. Doch nur wenn alle Menschen an Wertschöpfungsketten beteiligt werden und vom technologischen Fortschritt profitieren, bleiben Gesellschaften funktionstüchtig und friedlich. Nur dann bleibt Freiraum für Kreativität. Ein Modellversuch in der kanadischen Stadt Dauphin hat gezeigt, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen bedingungslosem Grundeinkommen und verbesserter physischer und mentaler Gesundheit gibt. In dem vierjährigen Untersuchungszeitraum gab es spürbar weniger Arztbesuche aufgrund mentaler Probleme und weniger Diagnosen von psychischen Erkrankungen. Menschen, die ihren Beruf aus Berufung ausüben, sind zufriedener, gesünder und daher für die Volkswirtschaft erstrebenswert.

Arbeit als Lebenssinn?

Der niederländische Historiker Rutger Bregmann macht sich seit längerem darüber Gedanken, wie sich die beiden Hauptprobleme des 21. Jahrhunderts lösen lassen, dass durch die Digitalisierung industrieller Prozesse zunehmend Arbeitsplätze verloren gehen und nicht genügend neue geschaffen werden können. Dadurch stehe einerseits mehr Freizeit zur Verfügung, andererseits wachse im Westen die Kluft von Arm und Reich sowie in der Dritten Welt. Wir alle müssen diese Herausforderungen gesellschaftlich diskutieren und aushandeln.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Im Zuge der Corona-Pandemie ist die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen neu entfacht. Auch Bregmann plädiert für ein universelles Grundeinkommen, ebenso wie die EBI, eine Bürgerinitiative aller 27 Länder der Europäischen Union. Sie strebt 2021/2022 ein Quorum für ein bedingungsloses Grundeinkommen zu erreichen (aktueller Stand nach Ländern aufgeschlüsselt) und fordert die Europäische Kommission auf, aktiv zu werden und Vorschläge für bedingungslose Grundeinkommen in der gesamten EU zu machen. Ein interdisziplinär aufgestelltes Forschungsteam will jetzt in einem 3jährigen Pilotprojekt herausfinden, ob „ein Grundeinkommen das soziale Zusammenleben, die Vertrauenskultur in unserer Gesellschaft fördert“, formuliert Studienleiter Jürgen Schupp, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin) seine Hypothese. In Capital schreibt Autorin Claudia Cornelsen über ihre Erwartungen: „Etwas ohne Rückfrage, ohne Misstrauen, ohne Vertrag, ohne Erwartung geschenkt zu bekommen, das ist neu … Das Bedingungslose Grundeinkommen basiert auf einem positiven Menschenbild mit Eigenverantwortung und intrinsischer Motivation. Statt die Schwachen als autoritärer „Wohlfahrtsstaat“ zu bestrafen, investiert die staatliche „Zutrauensgesellschaft“ in die Stärken ihrer Bürgerinnen und Bürger.“

 © Mensch-Grundeinkommen

Erlebnisausstellung

Das Hamburger Netzwerk Grundeinkommen plant eine Wanderausstellung, um Diskussionen zum Thema breiter in die Gesellschaft hineinzutragen. Unter dem Titel Mensch Grundeinkommen will sie einen setzen Kulturimpuls setzen – mit einer phantasievollen und mobilen Erlebnisausstellung: “Sie soll die Menschen in ganz Europa berühren, inspirieren und zu einer aktiven Auseinandersetzung anregen, um über das Leben, die Arbeit und über die Schaffung eines Bedingungslosen Grundeinkommens nachzudenken.” Die Initiatoren treibt die Überzeugung, dass das Grundeinkommen Sicherheit und Freiheit verspricht und zugleich jeden Einzelnen persönlich und gesellschaftlich herausfordert: “Weder Verheißung des Paradieses noch Weg in die Katastrophe führt es weg vom Müssen und Sollen, hin zum Können und Wollen. Mit unserer Ausstellung möchten wir alle zu einer lebendigen Auseinandersetzung ermuntern.”

 

Buch-Tipp:

Rutger Bregman: Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen
Rowohlt Verlag, Reinbek 2017

 

 

 

Was ist Kreativwirtschaft? Sahnehäubchen oder Hefe im Teig?

Wie kann klassische Wirtschaft von der Zusammenarbeit mit Kreativschaffenden profitieren? In einem Onlineworkshop gab ich praxisnahe Einblicke in gelungene Cross-Innovation-Kooperationen, unternehmerische Fragestellungen, kreative Methoden und künstlerische Interventionen.

Horizont erweitern

Kreative helfen klassischen Unternehmen dabei, den Blick für die eigene Produktpalette zu weiten und passende Dienstleistungen anzubieten. Ich erläuterte das am Beispiel des Unternehmens LUNGE, Anbieter von Laufschuhen. LUNGE betreibt in Hamburg und Berlin die vier größten Laufläden weltweit und gehört zu den wenigen Produzenten, die ihre Schuhe in Deutschland fertigen – in einer Manufaktur in Düssin in Mecklenburg-Vorpommern. Die Gründer und Geschäftsführer Ulf und Lars Lunge bieten ihren Kund*innen neben ihren Produkten auch passgenaue Dienstleistungen an, z. B. die Neubesohlung von Laufschuhen, außerdem eine individuelle Anpassung durch Orthopädie- und Schuhtechniker sowie eine personalisierte datengestützte Laufanalyse. Der Impuls zu diesem erweiterten Angebot kam von einem der Söhne, der als Kommunikationsdesigner und Software-Entwickler tätig ist. Er hatte die Idee, Kund*innen vor dem Kauf der Schuhe in den Läden eine Laufanalyse anzubieten. Die Ergebnisse können vom Kunden digital über einen QR-Code mit nach Hause genommen und jederzeit abgerufen werden. Beim nächsten Besuch stehen die Analysedaten weiterhin zum Vergleich zur Verfügung.

Kreativschaffende als Impulsgeber

In meinem Impulsvortrag stellte ich vor, was Kreativschaffende durch neue Impulse und Perspektiven in Unternehmen bewirken können, “nicht ornamental als Sahnehäubchen, sondern strukturell als Hefe im Teig”. In meinen Praxisbeispielen ging es u. a. um:

● Unternehmenswandel (Insekten retten statt vernichten)
● Unternehmensfusion (Austausch und Wissenstransfer statt Blockade)
● Arbeitskultur und Arbeitsumfeld (Individualität und Stille statt Chaos im Großraumbüro)
● Zeitmanagement (Raum für Reflexion und strategische Entscheidungen statt in zahllosen Sitzungen zu versinken)
● Service (Dienstleistungen ergänzend zu Produkten)
● Mitarbeiterpflege, Nachwuchs- und Fachkräftegewinnung
● Wissenstransfer im Unternehmen (z. B. bei Urlaub, Pensionierung, Krankheit)
● Fehlerkultur, Wertschätzung, Stärkung von Eigenverantwortung unter Mitarbeitenden (Intrapreneurship)

Kreative Kernkompetenzen transferieren

Wenn Kreativen in Krisenzeiten die Aufträge wegbrechen, können neue Geschäftsideen und Tätigkeitsfelder entstehen, berichtete ich von einem Beispiel aus dem medizinischen Bereich. Rund 5% aller Corona-Erkrankten leiden derzeit an Langzeitfolgen. Einige Covid-Patienten erhalten neuerdings Hilfe von professionellen Opernsänger*innen – dank einer Kooperation zwischen dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und der Hamburgischen Staatsoper. Sänger*innen trainieren gemeinsam mit den Patient*innen mit gezielten Atemübungen das Lungenvolumen, das in 2-3 Monaten um 20 % zunehmen kann. Auch Ärzte lernen von den Sängern dazu und wollen nun deren Trainingsmethoden auf Therapieansätze übertragen.

Austausch mit den Workshop-Teilnehmer*innen

Um Innovationen zu ermöglichen, ist es für klassische Unternehmen wichtig, eingefahrene Muster und Routinen zu hinterfragen und Perspektivwechsel zuzulassen. Daraus entspann sich eine lebhafte Diskussion und Fragerunde mit den Teilnehmer*innen, u. a. zu diesen Fragen:

● Warum lohnt sich für klassische Wirtschaftsbranchen die Zusammenarbeit mit Kreativschaffenden?
● In welchen betrieblichen Bereichen und Szenarien können sie wirksam werden?
● Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit die Kooperationen erfolgreich verlaufen?
● Wo und wie spricht man als Kreativer klassische Unternehmen an?
● Wie findet man unternehmerische Herausforderungen und Fragestellungen, die Kreative im Unternehmen mit künstlerischen Methoden bearbeiten können?

Die Teilnehmer*innen berichteten, dass die Welten zwischen klassischen Unternehmen und Kreativen oft noch sehr getrennt voneinander seien. Intermediäre sollten als Brückenbauer agieren, so mein Rat. Sie vermitteln, wenn es Verständnis- bzw. Verständigungsprobleme zwischen Unternehmen und Kreativen gibt. Sie übernehmen auch das Matching und suchen für Unternehmen und deren besondere Fragestellung passende Methoden und Kreative. Die Dauer einer Cross-Innovation-Aktion bzw. künstlerischen Intervention ist von konkreten Fragestellungen, Absprachen und persönlichen Sympathien der Akteur*innen abhängig. Aus einer eher kurz angedachten Zusammenarbeit könne sich durchaus auch ein langfristiges Projekt entwickeln, so meine Erfahrung. Erkenntnisse sollten auf jeden Fall dauerhaft und nachhaltig in den Arbeitsalltag eingebunden werden, damit sie tatsächlich die erwünschte Wirkung zeigen.

Die Diskussion war ebenso fruchtbar wie konstruktiv. Die Teilnehmenden äußerten den Wunsch, den Gedankenaustausch fortzuführen und zukünftig konkrete Konzepte für die Zusammenarbeit mit Unternehmen zu entwickeln.

Szenarien – hier können künstlerische Interventionen und Cross Innovation-Projekte wirksam werden:

● Teamentwicklung: Gemeinschaftsgefühl, Motivation, Unternehmenskultur
● Kommunikation: interner/externer Informationsfluss, Transparenz, Fehlerkultur
● Personalmanagement: Nachwuchsgewinnung, Mitarbeiterpflege
● Strategieplanung: Perspektivwechsel, Innovationen
● Produktentwicklung: Design, Benutzerfreundlichkeit, Innovation
● Wissensökonomie: Digitalisierung, Wettbewerbsfähigkeit
● Gesundheitsmanagement: Diversity, Teilhabe

Die Online-Veranstaltung fand am 10. Juni 2021 als Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft Westmecklenburg und Kreative MV in der Reihe Kreative:Wissen vom FORUM Kreativwirtschaft Fichtelgebirge und dem Verein KüKo – Künstlerkolonie Fichtelgebirge statt.

Kreative Räume und Kreativwirtschaft in Thüringen

 © Ingrid Kranz, Pixelio.de 

Norman Schulz ist als Berater für Kultur- und Kreativwirtschaft viel herumgekommen. Sein Weg nach Thüringen führte ihn über viele Umwege. „Wer vom Weg abkommt, lernt Landschaft kennen.“ Warum das wichtig ist, hat er mir im Interview erzählt.

© THAK

Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Mit einem Musik- und Politikstudium im Gepäck und dem konkreten Plan, doch nicht Musiker werden zu wollen, studierte Norman Schulz zunächst Kulturmanagement. Er war zunächst im Ruhrgebiet tätig, später in Oberbayern. Als Ansprechpartner im Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes lernte er die Branche gleich in sechs verschiedenen Bundesländern kennen, in Hessen und Rheinland-Pfalz sowie im Norden in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Seit 2014 leitet er nun THAK, die Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft. Er sagt: „Thüringen hat Pioniergeist bewiesen im Prozess Kreativwirtschaftsförderung. Ihn gemeinsam mit hochmotivierten Mitstreitern weiter voranzutreiben, das ist meine Aufgabe in der THAK.“

Digitaler Wandel und Innovation

In der Selbstbeschreibung der THAK heißt es: „Kreativität ist eine wichtige Ressource für Innovation und für die Gestaltung des digitalen Wandels. Das Ziel der Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft ist es, mit ihren Qualifizierungs- und Vernetzungsangeboten diese Ressource im Freistaat sichtbar und wirtschaftlich nutzbar zu machen. Dafür aktivieren und begleiten wir Netzwerkinitiativen, laden zum Erfahrungsaustausch ein und schaffen Anlässe für Begegnungen zwischen Kreativschaffenden mit Lösungskompetenzen für unternehmerische Herausforderungen und potenziellen Kunden.“

© THAK

Masterplan für Thüringen

Norman Schulz ist wichtig, die Qualität der Kreativleistungen in Thüringen noch sichtbarer zu machen und insbesondere dem thüringischen Mittelstand den Zugang zu den Kreativschaffenden zu erleichtern, zu verbreitern und für eine Zusammenarbeit zu sensibilisieren: „Wir schmieden dafür Kontakte mit Clustern und den Branchenverbänden.“ Partner sind z. B. die Thüringer Tourismus GmbH. Es gibt Veranstaltungen, in denen kreative Dienstleister auf Anbieter aus dem Tourismus und dem Gastgewerbe treffen. Zunächst müsse man Vertrauen zueinander aufbauen, um dann auch gemeinsam an den Herausforderungen zu arbeiten und Thüringen noch ein Stück weit attraktiver zu machen: „Wir haben da viel mit Kreativ-, Werbe- und Kommunikationsagenturen zu tun. Wir arbeiten mit Designern, Software-Entwicklern und technologiegetriebenen Akteuren, die AR (Augmented Reality) und VR (Virtual Reality) anbieten. Aber auch analoge Kompetenzen wie Storytelling sind sehr wichtig.

© THAK

Räume innovativ entwickeln

Zu den Vorreitern kreativer Raumentwicklung gehört Lars Lewandowski. Mit seinem Label Vintagewerft sorgt er für außergewöhnliche Wohnräume, Läden- und Bürokonzepte. Der gebürtige Eisenacher hat sich auf auf Interieur-Design mit Industrie-Charme spezialisiert, er baut für Coworking-Spaces, wie das KrämerLoft oder die Kreativtankstelle in Erfurt, in Jena das Del Corazon und das Kombinat01, der Redwing-Store in Leipzig, das Café Bohne Traube am Erfurter Domplatz und Pack’s Ein – Der Unverpackt-Laden in Eisenach. Sein jüngstes Projekt ein neuer Eisladen Oma Lilo in Erfurt. Altes wird mit Neuem verbunden. Die Möbelstücke und die Einrichtung stammen größtenteils vom Flohmarkt wurden liebevoll restauriert und ausgebessert! Upcycling ist längst Trend und zudem nachhaltig. Lars Lewandowski: „“Ich liebe die Geschichte hinter den Dingen und gehe daher auch gerne auf Flohmärkte. Ich finde es sehr bedauerlich, wenn Sachen achtlos weggeworfen werden, aus denen Neues entstehen kann. Diesen Zyklus möchte ich durch meine Arbeit stoppen. Beige mediterrane Kacheln an den Wänden geben das Gefühl von Süden und Urlaub, aber auch, als würde man bei Oma in der Küche sitzen.“

© MassivKreativ

Coworking auf dem Land

Auch abseits der Städte seit einiges zu tun, sagt Norman Schulz: „Vor allem in ländlichen Räumen sind noch viele unerkannte Potenziale, die erschlossen werden sollten.“ THAK fördert daher die Vernetzung von Kreativschaffenden u. a. auch durch Coworking auf dem Land. Die gemeinschaftliche Zusammenarbeit in Coworking Spaces wirkt nicht erst seit der Corona-Pandemie als Verheißung. Räume, Ressourcen und Wissen, weniger Pendelzeit, Erholung, Beruf und Privatleben trennen, das sind nur einige der Vorteile. Dennoch: „Coworking-Space-Angebote gibt es im ländlichen Raum Thüringens im bundesweiten Vergleich noch recht wenig“, sagt Schulz. THAK lädt daher Experten der neuen bundesweiten Genossenschaft CoWorkLand eG ein und informiert, welche Geschäftsmodelle für Gründungsinteressierte möglich und passend sind.

Rückkehrer

Die THAK spricht gezielt auch junge Menschen an und möchte sie zum Bleiben in Thüringen gewinnen, z. B. Absolventen aus den Medien und den kulturaffinen Bereichen, etwa von der TU Ilmenau oder auch von der Bauhaus-Universität in Weimar: „Es ist ja so, dass die Jungen tatsächlich erst mal in die große weite Welt wollen. Was ich persönlich auch ganz okay finde, weil man sich weiterentwickelt und mit den ganzen Erfahrungen im Gepäck wieder zurück nach Thüringen kommen kann.“ Etwas unter Rückkehrern etwas nachzuhelfen, gibt es so eine Art Thüringer „Gründer-Prämie“, d. h. Beratungsunterstützung, ganz viel Netzwerkarbeit, auch finanzielle Angebote und zielführende Möglichkeiten, um an Kapital zu kommen. „Wir haben so etwas wie die Thüringer Investor Days, die von der Stiftung für Technologie und Innovation in Thüringen durchgeführt werden.“

Sogwirkung

Neben dem Thema Finanzierung ist für Gründer aber auch der menschliche Aspekt entscheidend. Norman Schulz hat die Erfahrung gemacht, dass Kreative Kreative anziehen. Es ist natürlich attraktiver, nicht in einen leeren Raum hineinzugehen, sondern an andere anzudocken und von ihnen ggf. auch Unterstützung bei der Umsetzung neuer Ideen zu bekommen. Schulz sagt: „Wo schon spannende Menschen unterwegs sind, die offen und tolerant sind und Andersdenkende nicht als störend empfinden, da siedeln sich auch andere Kreative gerne an.“

 

PODCAST-Interview mit Norman Schulz

Lokaljournalismus im Aufwind: Kreativquartier Schwerin-Görries

 alles-mv.de

Schon während der Diplomarbeit wird Manuela Heberer klar: Die reine Wissenschaft ist nichts für mich. Heberer entdeckt den Journalismus für sich und findet den Quereinstieg über „learning by doing“. Sie jobbt im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, schreibt Artikel für die Thüringer Allgemeine, steigt dort intensiver mit einem Praktikum ein und schließt dann ein Volontariat in der Pressestelle der Hochschule an. Hier erhält sie eine Redakteursausbildung: „Das passte ganz gut, weil wir uns natürlich schon im Studium ganz viel mit Wissenschaftsthemen beschäftigt hatten. Durch mein Biologiestudium wusste ich natürlich auch, wie Wissenschaftler so ticken und wie Wissenschaftskommunikation geht. Das ist ein ganz wichtiges Thema heute, die Wissenschaft aus dem elitären Elfenbein herauszubringen und in die Öffentlichkeit zu tragen. 

Vielfältige Medienformate

Folgerichtig gründet Heberer 2012 ihr Medien-Startup alles-mv. Unter diesem „Dach“ realisiert sie vielfältige Formate, vor allem das Online-Magazin VielSehn mit Reportagen, Porträts und Ideen über engagierte Menschen, die in MV etwas bewegen. „Ich möchte damit die Vielfalt im Nordosten Deutschlands sichtbar machen und einen Gegenpol zu den gängigen Klischees setzen“, sagt Heberer. Spannende Gespräche bereitet sie für ihren Podcast Erste Generation auf. Auch die Lesereihe MV liest soll als Podcast und ebenso live in Kooperation mit der Hörspiel- und Begegnungsscheune Cramon langfristig weiter wachsen. Ein beliebtes Service-Angebot ist ihr Veranstaltungskalender Wohin Ihr wollt, der von vielen Mecklenburger gern genutzt wird. Auch der Natur fühlt sich Heberer verbunden, seit 2012 verantwortet sie die Redaktion für den Naturschutzbund in MV.

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Vielsehn – Geschichten aus der Region

„VielSehn“ ist als Selbstverständnis von Heberer zu verstehen. Naheliegend, dass es zum Titel ihres gleichnamigen Online-Magazins wurde, das Themen, Menschen und deren Vorhaben in der Mecklenburgischen Seenplatte sichtbar macht: „Wir machen uns auf die Suche nach den Menschen, die dort leben, den Unternehmen, die dort wirtschaften, den Initiativen, die sich dort engagieren, nach all denjenigen, die in der Region etwas bewegen. Es gibt also viel zu sehen!“ Kokreative Partnerin beim VielSehn-Magazin ist die Grafikerin Antje Siggelkow. Ihre gemeinsame Mission: professionelle Gestaltung und Design verbunden mit journalistischem Handwerk. Lokaljournalismus ist aktuell im Aufwind, auch in MV. Hier weht einiges an Gründergeist, häufig angefacht, weil engagierte Menschen Leerstellen erkennen und einfach machen. Aus Unzufriedenheit über Berichterstattung der Neubrandenburger Tageszeitung “Nordkurier” haben Heberers Kollegen vom Katapult-Magazin in Greifswald mit dem umtriebigen Chefredakteur Benjamin Fredrich gerade die Regionalzeitung Katapult MV auf den Weg gebracht. In nur vier Tagen kamen 19.000 € zusammen, damit können nun fünf Redakteure und Grafikerinnen pro Monat finanziert werden, um zunächst aus Greifswald und Stralsund zu berichten. Je nach Entwicklung des Zuspruchs und der Abonnentenzahl sollen weitere Büros in MV folgen.    

Aus eigenem Antrieb

In MV lässt sich noch Neuland beackern. Diese Erkenntnis treibt auch Heberer an. Wer mutig ist und langen Atem hat, kann viel bewegen. Die Anfänge waren 2012 mühsam, aber auch erfüllend, weil es keine Vorlagen gab: „Ich wollte damals einfach ein Medium haben, wo ich Beiträge über Themen schreiben kann, die ich sonst nicht lese oder vielleicht auch sonst in den etablierten Medien nicht unterbekomme als freie Journalistin. Themen, die ich mir selber suche und umsetze. Heberers Berichterstattung wird von den Portraitierten und den Protagonisten begeistert und dankbar aufgenommen. Sie beobachtet immer wieder, wie schwer es kleine Akteur*innen und Unternehmer*innen haben, weil sie nicht die Kapazitäten haben, in die Öffentlichkeit zu gehen. „Klar, die pflegen ihren Facebook- und Instagram-Account und haben meistens auch einen Online-Shop. Aber für Öffentlichkeitsarbeit, also dass man rausgeht und von sich erzählt, dafür bleibt dann oft gar keine Zeit. Und daher freuen sich die Leute dann umso mehr, wenn mal jemand vorbeikommt, Fragen stellt und das dann in einem entsprechenden Rahmen auch veröffentlicht wird. Ich merke an der Resonanz und am Zuspruch bei den Lesern: Das sind wirklich Themen, die wollen die Leute wirklich lesen.“

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Mecklenburgische Seenplatte

Der aktuelle Wirkungsradius ist für Heberer wegen des VielSehn-Magazins vor allem die Mecklenburgische Seenplatte. Der größte Landkreis Deutschlands erstreckt sich über 5.000 Quadratkilometer und bietet eine Fülle spannender Geschichten und Orte: von der Müritzregion im Südwesten über die Feldberger Seenlandschaft bis an die Uckermark im Osten, das Trebeltal um Demmin und das Peenetal bei Loitz im Norden. Eine wunderschöne und vielfältige Region mit Flüssen und Seen, mit viel Freiraum und viel Land. Das lässt nicht nur Touristen schwärmen, auch Einheimische wie Heberer wissen die Natur und die zauberhaften Orte zu schätzen. Durch ihre Online-Artikel möchte sie ihre Erlebnisse in herrlicher Umgebung mit anderen teilen: „Ziel ist es, die Vielfalt zu zeigen, um auch potenzielle Zuzügler von der Region zu überzeugen. Von den Menschen, der Kultur und der Lebensart.“    

Lebensmotto

„VielSehn“ ist zu einem  Lebensmotto von Manuela Heberer geworden. Als Journalistin ist sie viel unterwegs, hat Augen und Ohren stets nah an den Menschen, ihren Geschichten und ihren Vorhaben. Heberer ist überzeugte Mecklenburgerin. Sie wurde in der Landeshauptstadt Schwerin geboren, arbeitet und lebt hier glücklich mit ihren Kindern und ihrem Ehemann. Die Dauerliebe zu Mecklenburg wurde nur kurz unterbrochen – von einem Gastspiel in Thüringen für ihr Biologiestudium und ihr Volontariat. Mecklenburg ist für Heberer Heimat durch und durch: „Hier bin ich zu Hause, hier fühle ich mich wohl, hier komme ich mit den Menschen am besten klar.“

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Kreativquartier Schwerin-Görries

Visionäre Ideen entstehen in kreativer Umgebung. Schon seit 2012 arbeitet Heberer etwas außerhalb der Landeshauptstadt – im Kreativquartier Schwerin-Görries an einem geschichtsträchtigen Ort. Vor etwa 100 Jahren haben findige Köpfe hier einen Flugplatz mit angeschlossener Flugschule eröffnet. Die beiden Weltkriege haben allerdings die zivile Luftfahrt beendet. Das Rollfeld wurde zum Gewerbegebiet, das sogar einen Anschluss an die Regionalbahn hatte. Übrig geblieben sind zwei Gebäude: die ehemalige Flugschule im Bauhausstil, und das Offizierskasino. Hier ist das Herzstück des Kreativquartiers untergebracht. Hier entwickelt Heberer in ihrem Büro ihre Medienformate neben weiteren Kreativschaffenden, Künstler*innen, Freiberufler*innen. Außerdem arbeiten hier Handwerker und proben hier Musiker*innen, weit genug entfernt vom benachbarten Wohngebiet im Stadtteil Görries. So steht auch der nächtlichen Nutzung nichts entgegen – was auch die angrenzenden Clubs und Theaterprobenräume zu schätzen wissen. Zwischen ehemaligen Textilfabriken und Autohäusern genießen Clubkultur und Graffitikunst den vorhandenen Freiraum, um sich zu entfalten und zu verwirklichen. Das Kreativquartier wird immer weiter ausgebaut und findet Stück für Stück neue Bewohner*innen. Aber: Platz für weitere kreative Macher, für Tüftler und Visionäre ist noch vorhanden.

Ideale Bedingungen am Stadtrand  

Heberer ist nicht nur Journalistin und Gründerin, sondern auch Raumpionierin. Gemeinsam mit ihrem Vater will sie weitere kreative Köpfe in das Kreativquartier nach Schwerin-Görries locken. Sie ist überzeugt: „Gerade die Lage in der Peripherie mit Parkplätzen vor der Tür und guter Verkehrsanbindung bietet mir gute Voraussetzungen. Schon viele Jahre kenne ich das Quartier und habe mir immer vorgestellt, dass hier ein Ort entsteht, an dem viele verschiedene Freelancer, Unternehmen, Kreativschaffende unter einem Dach arbeiten und sich gegenseitig austauschen, vernetzen und vielleicht sogar gemeinsam Projekte durchführen. Das Quartier bietet dafür ganz vielfältige, vielleicht sogar ungeahnte Möglichkeiten und wartet auf Mitgestalter.“

Der Boden in Schwerin-Görries ist bereitet: für visionäre und mutige Macher, für Kunst und Handwerk, für digitale Startups und Werbeagenturen, für Design- und Architekturbüros, für Vereine und Bildungsangebote, für Clubs und Gastronomie.

PODCAST

 

 

Analog denken, digital gestalten: der Medienkünstler Christian Riekoff

 © Studio Riekoff

Computerkunst auf dem Land? Geht das überhaupt? Ich habe mit dem Mediendesigner Christian Riekoff über das Leben zwischen Stadt und Land gesprochen, über seine aktuellen Arbeiten und Auftraggeber.

Vom Dorf in die Großstadt

Viele Jahre hat der Mediendesigner Christian Riekoff in dem kleinen Mecklenburgischen Dorf Alt Zachun südlich des Schweriner Sees gelebt und dort sein Studio Riekoff betrieben. Doch seine Auftraggeber sitzen in den Metropolen: Berlin, Singapur, Toronto. Also steigt Riekoff morgens auf dem Mini-Bahnhof in Sülstorf in den Zug und findet sich Stunden später in der Hektik der Großstädte wieder. Ein Wechsel, wie er krasser kaum sein kann. Doch andererseits genießt Riekoff auch beide Welten: hier die Ruhe und Natur, dort das pulsierende Leben mit bunten Lichtern und Farben. „Wie viele Fassaden z. B. in Berlin kreativ gestaltet sind, was da draußen passiert, wie viele Plakate da hängen, wie viele Ausstellungen und Workshops es dort gibt und wie viele Leute man dort auf kreativer Ebene trifft“, zählt Riekoff auf und vergleicht: „Da gibt es hier in Mecklenburg doch noch ganz schön Nachholbedarf, auch vom Essen her kulinarisch viel mehr Vielfalt.“

In die Welt hinaus

Riekoff hat die weite Welt kennengelernt: Seine Arbeiten werden auf internationalen Ausstellungen gezeigt, auf dem Sónar-Festival in Barcelona und der transmediale in Berlin. Er hat Installationen für den Flughafen in Singapur gestaltet, wie z. B. “Kinetic Rain” mit 608 Regentropfen aus leichtem, mit Kupfer bedecktem Aluminium, die an dünnen Stahlseilen über Rolltreppen aufgehängt sind. Jeder Tropfen wird in einer 15-minütigen, rechnerisch entworfenen Choreographie von einem computergesteuerten Motor scheinbar schwebend bewegt. Für das Contemporary Art Centre im spanischen Cordoba kreierte er eine 100 Meter lange Licht- und Medienfassade direkt am Río Guadalquivir. Für einen Personentunnel im Schweizerischen Winterthur entwickelt Riekoff eine 45 Meter lange, farblich changierende Lichtwand, die sich in Echtzeitbespielung durch die Programmierung verschiedener Zeitzyklen wie Jahreszeiten, Sonnen-, Mondphasen ständig verändert.

Werdegang

„Eigentlich wollte ich immer Grafik Design studieren, habe aber keinen Studienplatz bekommen“, erzählt Riekoff. Notgedrungen habe er dann Medien-Informatik studiert, mit der Vorstellung, er könne damit dann sicher auch noch so etwas wie Webseiten machen. Beim Programmieren entdeckt er, dass man dabei auch Kunst erschaffen kann: „Man schreibt Algorithmen und diese Algorithmen malen dann Bilder, erstellen Grafiken und Animationen. Ich habe gemerkt, dass das etwas ist, was mir ganz gut liegt. Mathe und Physik fielen mir in der Schule leicht und zur Kunst hatte ich einen abstrakteren Bezug, der sich aus Streetart und Graffiti heraus speiste. Das hat dann irgendwie ganz gut zusammengepasst.“ Riekoff sattelt zusätzlich an der Universität der Künste ein Studium in „Experimenteller Mediengestaltung“ auf. Der Doppelabschluss als  ausgebildeter Ingenieur in Informatik und ausgebildeter Künstler an einer Kunsthochschule wurde zur idealen Grundlage, um dann als Medienkünstler und Computerdesigner zu arbeiten.

In Deutschland

Für das Deutsche Salzmuseum Lüneburg entwickelte Riekoff mit einem Kreativteam eine virtuelle Reise zu den wichtigsten Salzhandelsrouten zwischen Ländern und Kontinenten. Auf einer Weltkarte sind 34 sensorempfindliche Salzkristalle verteilt. Bei Berührung emittieren Millionen von Salzpartikeln je nach der Menge an Vorkommen in den jeweiligen Regionen über die Weltkarte, rutschen quasi an den Bergkämmen nach unten und fließen schließlich in die Meere. Bei Berührung beginnen die Kristalle zu glühen und verschmelzen zu einem Informationsfenster, über das der Besucher Texte, Bilder und Filme zum Thema abrufen kann.

Im Fokus seiner Arbeit stehen aktuell interaktive Installationen, generative Systeme und Physical Computing. Dabei verbindet er Programmierfähigkeiten mit Designkompetenzen. Neben der Arbeit an freien und kommerziellen Projekten lehrt Riekoff nun selbst Computational Design an seiner ehemaligen Universität der Künste Berlin und gibt Workshops an weiteren Universitäten.

Vom Kopf in den Computer

Anfragen für Aufträge erreichten Riekoff unter anderem aus der Autostadt in Wolfsburg und aus Bonn. Für das Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 sollte das Geburtshaus des Komponisten neue Impulse erhalten. Im kleinen, dunklen Geburtszimmer, in dem bisher nur eine Büste von Beethoven stand, positioniert Riekoff einen Spiegel und kombiniert ihn mit einem Partiturblatt. Mit Hilfe eines Computer-Algorithmus‘ überführt er Beethovens Notenschrift in ein Textzitat. Vier Wochen hat Riekoff über dieser Idee gebrütet. Auch wenn sich die technischen Möglichkeiten gerade für Medienkünstler immer wieder ändern, geht der digitalen Arbeit am Computer stets die vorbereitende „analoge“ Kopfarbeit voraus. Für den Nutzer bzw. Besucher bleibt diese Ebene meist unsichtbar und damit auch ihr Aufwand und Wert.  

Lichtinstallation für die Region

Infolge privater Veränderungen lebt Riekoff inzwischen in Schwerin. Kein Problem, zumindest in der Landeshauptstadt ist das Internet schnell und stabil. Auf dem platten Land in den Dörfern allerdings ist das noch immer ein Riesenproblem. Noch immer kommen Riekoffs Auftraggeber vor allem aus den Großstädten. Dabei würde er gerne öfter etwas für seine unmittelbare Umgebung tun. Ein einziges Mal war das bisher möglich. Im Rahmen eines Wettbewerbs in Westmecklenburg entstand die Idee, leerstehende Geschäfte mit Licht neu zu inszenieren und damit aufzuwerten. Riekoff nutzt abstrakte Formen und Fragmente von konkreten Bildern, um den leerstehenden Läden Impulse für neue Nutzungskonzepte zu geben. Und er spielt mit der Magie des Kaleidoskops: So wie das Bild eines Kaleidoskops beim Betrachten variiert, so verändert sich auch der Nutzen in den Läden der Mecklenburgische Altstädte.

Neue Perspektiven durch Lichtkunst

Riekoff möchte mit seiner Kunst etwas bewirken, auch auf soziale Missstände aufmerksam machen, die er in seiner neuen Wahlheimat Schwerin beobachtet, „z. B. zwischen der Platte und dem Marienplatz. Meine Idee ist, eine Lichtbrücke zu bauen mit einem Laserstrahl, der vom Schweriner Fernsehturm vom Dreesch bis zum Dom leuchtet, damit die Spaltung bzw. der Versuch einer Verbindung für alle sichtbar wird. Das wäre für mich so ein Startpunkt, um hier in der Region künstlerisch etwas anzuschieben, besonders in der Wahrnehmung und im Denken der Bewohner.“

PODCAST

Bauer sucht StartUp: Silicon Vilstal erfindet Zukunft auf dem Land

 © Silicon Vilstal

Wie kann der ländliche Raum zeigen, dass er lebenswert ist und in die Zukunft denkt?  Silicon Vilstal in Niederbayern macht es vor – mit originellen kreativen Ideen.

Heimat für Neues

Nordöstlich von München durchzieht das Vilstal am gleichnamigen Fluss entlang malerisch das nördliche Isar-Inn-Hügelland von Vilsbiburg bis Vilshofen an der Donau. Die Region ist durch Landwirtschaft geprägt und verbindet sich seit einiger Zeit sehr engagiert mit der Kultur- und Kreativbranche. Den BewohnerInnen ist klar geworden, dass von den BewohnerInnen innovative Impulse ausgehen. Sie gründeten die gemeinnützige Mitmachinitiative Silicon Vilstal. Die Initiative fördert entsprechend der eigenen Namensgebung offene gesellschaftliche Innovationen und macht digitale Chancen für ländliche Regionen greifbar. „Heimat für Neues“ – so das Motto.

 © Silicon Vilstal

Regionales smart machen

Die Initiatoren setzen auf persönliche Begegnungen, z. B. mit dem Silicon Vilstal Festival, ein branchenbergreifendes Mitmachfestival. Es lädt Gründer und Interessierte zum Coworking-Treffen ein. Das Festival wurde von der EU ausgezeichnet als „European Social Economy Region“ Event 2019. Angeboten werden Methodentrainings, Kulturevents, Veranstaltungen, Workshops und konkrete Aktionen zu „smarten“ Themen:

  • Regional mobil: eShuttle-Angebot, eBikes und eScooter zum Ausprobieren
  • Regional erzeugen: Essen&Trinken, Energie, Landwirtschaft
  • Regional machen: Bildung, MINT&Maker, Design, Gründer
  • Regional kreativ: Kultur, Musik, Literatur, Medien

 © Silicon Vilstal

Tradition trifft Zukunft

Das Festival soll Schubkraft erzeigen, damit anschließend das ganze Jahr über die innovativen Ideen weiter gedeihen können, vor allem zwischen traditioneller Landwirtschaft und digitalen Nomaden. Doch auch andere Branchen und Fachbereiche sind im Vilstal willkommen. Um gut ausgebildete Zielgruppen zu erreichen, haben die Vilstaler einen medienwirksamen Titel für ihre Kampagne gewählt: Bauer sucht Startup. Es ist ein ganzjähriges branchenunabhängiges Coaching- und Coworking-Programm für Startups, Networking, Innovation, Gründergeist und Kreativität. Geworben wird für einen spannenden ländlichen Arbeitsplatz mit Kontakt zu möglichen Kunden, Mentoren und Branchenexperten. Die Gastgeber im Vilstal stellen zeitlich begrenzt kostenlose Räume zum Leben und Arbeiten zur Verfügung und wünschen sich, dass die TeilnehmerInnen im Gegenzug fleißig konzipieren, designen und entwickeln. 

 © Silicon Vilstal

Knotenpunkt Dorf

Um Ideen und Prototypen zu testen, organisiert Silicon Vilstal auf Wunsch „Reality Checks“ und unterstützt Pilotprojekte mit Einzelakteuren, Unternehmen und Institutionen. Mit dem Silicon Vilstal Hub will die Initiative auch überregional sichtbar werden. Dazu haben sich die Macher eine kreative und innovative Messe-Präsentation ausgedacht. Ende Januar 2020 war das Silicon Vilstal mit einem temporären Innovationsraum in der Halle „Lust aufs Land“ auf der „Grünen Woche“ in Berlin zu Gast, einer Sonderausstellung, die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft unterstützt wurde. DesignerInnen aus dem Allgäu und Umgebung hatten Objekte entworfen, die Kinder und Erwachsene in einem Workshop an einem großen Basteltisch selbst bauen konnten, z. B. Bienenwachsschalen, Duftbäume, Bergheustempel oder eine multifunktionale Schaukel. Einfache Anleitungen zum Mitnehmen und Nachbauen waren besonders begehrt.

Was ist „Rural Design“

Im März 2021 fand das Design- und Kulturfestivals “Rural Design” statt. Gesucht wurde Design vom Land und fürs Land. Es fanden Vorträge, Ausstellungen, Workshops – made in Niederbayern – statt, als Regionalpartner der MCBW. Im Fokus standen diese Fragen: Gibt es „ländliches“ Design? Ist es anders als in der Stadt? Was können Design und Architektur für ländliche Regionen bewirken? Was bietet das Land Designern, um dort kreativ zu arbeiten? Mehr Informationen hier: ruraldesign.de

 

Co Create Cross Innovation: Online-Panel auf der KREATOPIA MV 2020

Cross Innovation in Deutschland 

2009 hat die EU-Kommission das „Europäische Jahr der Kreativität und Innovation“ ausgerufen. Seitdem sind Kreativität und Impulse aus der Kultur- und Kreativbranche stärker in das Blickfeld der klassischen Wirtschaft gerückt. Von 2012 bis 2015 wurde z. B. am Nordkolleg Rendsburg das EU-Projekt „Unternehmen! KulturWirtschaft« realisiert, das ich damals journalistisch begleitet habe mit Interviews und Filmen.
Wie sehen branchenübergreifenden Kokreationen in der Praxis aus? Zuerst denkt man wahrscheinlich an kokreative Produkte, wie z. B. den legendären DeLorean aus dem SciFi-Film „Zurück in die Zukunft“ von der Plattform Lego.Ideas oder die blauen Fruchtgummis von Haribo. Beide Produkte sind in kokreativer Zusammenarbeit über Fan-Plattformen entstanden.

© MassivKreativ

Was entsteht durch kokreativen Austausch?

Menschen sind kreativer und leistungsstärker, wenn sie auf Kooperation, Kollaboration und Kokreation setzen. Doch warum ist das so? Inwiefern ist kokreatives Arbeiten zukunftsweisend und chancenreicher? Warum ist die Zeit der Alleingänge und der Einzelkämpfer vorbei? Welche Mehrwerte entstehen in kokreativen Prozessen? Mit welchen Methoden und unter welchen Rahmenbedingungen verläuft kokreatives Arbeiten zielführend und erfolgreich? Neben Produkten können durch kokreative Zusammenarbeit auch neue Wertschöpfungsketten und Dienstleistungen, eue Prozesse für Unternehmensabläufe, neue Organisationsformen und kokreative Orte entstehen,  wie z. B. Coworking – und Makerspaces, Fablabs und Repaircafés.

Fast all diese Themen haben wir im Online-Panel gestreift. In der ersten Stunde gab es zwei Kurzimpulse zum Thema Cross Innovation von Lena Hoffstadt vom Verein fint e.V und Raffaela Seitz von der HH Kreativgesellschaft. In der zweiten Stunde kamen vier Tandems aus MV zu Wort: jeweils ein Kreativunternehmen und ein klassisches Unternehmen, die bereits gemeinsam einen Cross Innovation-Prozess durchlaufen haben und in Kurz-Interviews mit mir darüber berichteten.

Cross Innovation Hub der Kreativgesellschaft Hamburg

Der erste IMPULS kam von Raffaela Seitz. Sie konzipiert und organisiert bei der Kreativgesellschaft Hamburg branchenübergreifende Projekte im Cross Innovation Hub. Sie ist ursprünglich Kulturwissenschaftlerin, Kunsthistorikerin, hat auch einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund und bewegt sich daher gern und intensiv an den Schnittstellen von Kunst, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft. Raffaela Seitz stellte die Aktivitäten im Cross Innovation Hub vor, eine Plattform, die dabei hilft, neue Innovationspotenziale in der Zusammenarbeit von Kreativwirtschaft und anderen Branchen zu erschließen. In ihrem Impulsvortrag schilderte Seitz die Potenziale von Cross Innovation mit der Kreativwirtschaft und entsprechende Rahmenbedingungen, gab Einblicke in zwei Best Practice-Formate: das Cross Innovation Lab und das Emergency Lab, in denen jeweils visionäre Kreativschaffende unterschiedlicher Disziplinen mit Unternehmensakteuren der klassischen Wirtschaft (u.a. Vibracoustic, Garz & Fricke und Trailer Lloyd) auf Augenhöhe zusammenarbeiten, um gemeinsam Lösungen für (akute) Geschäftsherausforderungen zu entwickeln. Der Cross Innovation Hub wird vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert.

Kokreative Projekte an der Ostsee und im Südbaltikum

Lena Hoffstadt steuerte den zweiten IMPULS bei. Sie ist als Projektmanagerin bei fint e.V. Rostock tätig. Sie hat einen Masterabschluss in klinischer Psychologie und absolviert berufsbegleitend eine Weiterbildung zur Verhaltenstherapeutin. Bei fint bringt sie Prinzipien der Positiven Psychologie ein und hat dort u. a. das Projekt Creative Traditional Companies Cooperation aktiv mit betreut – kurz „CTCC“ im Rahmen des EU-Interreg-Programmes „Von Gdynia bis nach Neustrelitz – traditionelle Unternehmen und Kreativschaffende aus dem südbaltischen Raum erarbeiten gemeinsam nachhaltige Lösungen“. 

Das South Baltic InterReg EU Projekt “CTCC – Creative Traditional Companies Cooperation” hat sich zum Ziel gesetzt, Kreativschaffende und Unternehmen der Blue und Green Economy grenz- und branchenübergreifend in erfahrungsbasierten Lernformaten zusammenzubringen und kokreativ Lösungen für bestehende Fragestellungen zu entwickeln. Neben Projektpartnern aus Litauen, Schweden, Polen und Dänemark begleitete die Quereinsteiger-Projektmanagerin Lena Hoffstadt von “fint – Gemeinsam Wandel gestalten e.V.” aus Rostock gemeinsam mit der Hochschule Wismar fünf kokreative Tandems in einem anderthalbjährigen Innovationsprozess: vom Kennenlernen und Beschnuppern im gecharterten Reisebus auf dem Weg zu einem CTCC Workshop nach Gdynia über einen Tag eins-zu-eins Jobshadowing bis hin zu fünf Tagen Design Thinking-Innovationswerkstatt in der Basiskulturfabrik in Neustrelitz. 

Lena Hoffstadt hat einen Masterabschluss in klinischer Psychologie der Universität Lübeck und absolviert berufsbegleitend eine Weiterbildung zur Verhaltenstherapeutin. Sie bringt ein besonderes Interesse für Motive, Bedürfnisse und Interaktion von Menschen mit. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf den Prinzipien der Positiven Psychologie. Während ihres Studiums hat sie erste Erfahrungen mit agilen Arbeitsmethoden gemacht. Sie thematisiert, wie Arbeitnehmende und -gebende die Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0 als Chance wahrnehmen und für sich nutzen können. 

Kokreative Projekte aus MV als best practices 

Im 2. Teil des Online-Panels befragte ich in vier Kurzinterviews jeweils ein Kreativunternehmen und ein klassisches Unternehmen, die bereits gemeinsam einen Cross Innovation-Prozess durchlaufen haben: 

1. Kundenservice: durch passende Dienstleistungen zum kundenfreundlichen Produkt – Wie kann Kokreation dabei helfen, das Produktangebot durch passende Dienstleistungen für Kund*innen zu erweitern? Interviews mit: 

Ulf Lunge / Geschäftsführer Lunge Manufaktur Düssin & Lunge Lauf- und Sportschuhe GmbH
Jan Lunge / IT und Kommunikationsdesigner, Online Marketing Rockstars (verhindert)

2. Forschung und Entwicklung: Warum ist Kokreation geeignet, neue Produkte durch Forschung und Entwicklung voranzutreiben? Interviews mit: 

Torsten und Kristina Goertz / Goertz Möbelmanufaktur GmbH Wismar
Dr. Jan Sender / Abteilungsleitung Produktionssysteme und Logistik, Fraunhofer-Institut für Großstrukturen in der Produktionstechnik IGP Rostock


Kristina und Torsten Goertz, Moebelmanufaktur Goertz in Wismar, © Uwe Tölle

3. Neue Geschäftsfelder: Inwiefern können kokreative Methoden helfen, Innovationsprozesse in einem Unternehmen anzustoßen?  Welche kokreativen Räume braucht es dazu? Interviews mit: 

Norbert Olschewski, Stadtwerke Rostock AG
Veronika Busch, fint – Gemeinsam Wandel gestalten

4. Menschen und Organisationen: Wie lässt sich das Potenzial von Mitarbeiter*innen durch kokreative Organisationsentwicklung und Wertschöpfung durch Wertschätzung fördern und entfalten? Interviews mit: 

Mirco Hitzigrath, Upstalsboom Weg, Bereich Kultur und Entwicklung, Upstalsboom Hotel + Freizeit GmbH
Barbara Schneider, Illustratorin, Graphic Recording, Strategische Visualisierung, Training, Visual Facilitators GmbH

Das Panel “Co Create Cross Innovation” mit Antje Hinz aus Sicht der Illustratorin Barbara Schneider (Foto: B. Schneider, https://visualfacilitators.com/de/unternehmen/the-visual-facilitators-team/barbara-schneider/)

LINKS ZUM THEMA CROSS INNOVATION:

Portal MassivKreativ mit Medienbeiträgen, Filmen, Interviews über verschiedene Cross Innovation-Projekte und Künstlerische Interventionen

Cross Innovation Hub und Emergency Lab (digital) der Hamburg Kreativgesellschaft, mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) co-finanziert.

CTCC – Creative Traditional Companies Cooperation, Projektflyer von fint e.V – Gemeinsam Wandel gestalten, CCTC wird gefördert im Rahmen des Interreg South Baltic Programm mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), EU-Projektwebsite

Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg (2012-2015), gefördert wurde das Projekt durch das Ministerium für Justiz, Kultur und Europa des Landes Schleswig-Holstein mit europäischen Mitteln aus dem Zukunftsprogramm Wirtschaft, begleitende Studie zu Cross Innovation und Künstlerischen Interventionen von Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Atelier im IT-Großraumbüro von CommunityArtWorks

Labor für Kunst und Wirtschaft NRW

Kunstbasierte Interventionen in Unternehmen von KalendArt

 

Virtuelle Wunderräume

Für die KREATOPIA 2020 habe ich als Kuratorin das Konzept für die virtuellen Wunderräume entworfen und geeignete kokreative Projekte aus allen 12 Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft in ganz MV ausgewählt. 

PopUp, Coworking und Vernetzung: der Kreativstandort München

©MassivKreativ


PopUp und Zwischennutzung ist die Antwort von Kreativschaffenden auf die angespannte Situation im Immobilienmarkt. Insbesondere in München hat der Druck stark zugenommen. Über neue Modelle, Konzepte und Lösungen habe ich mit Jürgen Enninger und Anne Gericke vom Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München gesprochen.

Zwischennutzung

Ein knappes Jahr konnten Kreativschaffende die Büros im „Breakout“ in der zentral gelegenen Bayerstraße 25 nutzen – gerade mal von Februar bis Dezember 2020. Doch genau so ist das Prinzip der Zwischennutzung. In der ehemaligen Bank-Filiale am Münchener Hauptbahnhof heißt es: rasch ankommen, provisorisch einrichten und rasch wieder gehen. Der PopUp-Gedanke kommt der Arbeitsrealität von Kreativen entgegen. Da sie häufig in zeitlich befristeten, örtlich und personell wechselnden Konstellationen arbeiten, ist die Zwischennutzung von Immobilien eine sinnvolle Alternative zu dauerhaft hohen Kosten, wenn man sich langfristig an teure Mietverträge bindet. Mit 2000-Quadratmetern bietet das ehemals leerstehende „Breakout“ in München viel Raum für Gestaltung und Entfaltung. Auf drei Stockwerken bietet es Kultur- und Kreativschaffenden, Start-Ups und Künstler*innen temporär eine Bleibe für wenig Geld: ein Büro gibt es ab 7,50 Euro pro Quadratmeter, ein Platz im Co-Working-Space kostet 150 Euro.

Kreative als Raumentwickler

Ausgehandelt wurde die Zwischennutzung der ehemaligen Bank vom Team des Münchner Stadtmagazins MUCBOOK in Kooperation mit dem Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München. Jürgen Enninger, Leiter des Kompetenzteams, lobt die Zusammenarbeit mit Akteuren der Kreativwirtschaft in der Raumentwicklung: „Kreative haben schon viele neue und innovative Nutzungskonzepte für Immobilien aller Art entwickelt: Coworking, PopUp, Zwischen- und Parallelnutzung, temporäre Nutzungen. Sie bieten Lösungen für komplexe Fragestellungen im Immobilienbereich an. Deswegen kann ich alle Akteure in Städten und Kommunen nur ermutigen, mehr Kreative in die Raumkonzeptentwicklung einzubeziehen.“

Flexibel und agil bleiben

Zwischennutzung ist die Antwort auf die sich ständig ändernde Arbeitssituation in der Kreativwirtschaft, nicht nur in Zeiten wie der Corona-Pandemie: agil und beweglich sein, flexibel auf alles Unvorhersehbare reagieren, was sich nicht planen lässt. Anne Gericke ist im Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft für den Immobilienbereich zuständig. Sie berät und unterstützt die Kreativen bei allen Fragen zur Nutzung von Räumen: „Kreativschaffende in München haben vor allem Bedarf an kleinen, 20-50 qm großen Flächen, die sie langfristig nutzen möchten. Es gibt auch einige, die projektweise etwas suchen, z. B. PopUp-Läden zwischen 6 Wochen und einem Jahr, vor allem aber bezahlbare kleine Raumeinheiten. Bildende Künstler und Designer fragen Räume an, Musiker suchen Probenräume. Architekten weniger. Räume für Filmaufnahmen sind auch sehr gefragt, StartUps, Software, Games. Die Koordinierungsstelle Kreativlabor ist Teil des Immobilienservices im Kompetenzteam, zuständig für Anfragen direkt zum “Kreativlabor”-Areal – dem Teil des Kreativquartiers, der für kreative Nutzungen zur Verfügung steht.

Anne Gericke ist selbst als Schmuckdesignerin kreativ tätig und hat ihren Arbeitsraum über Empfehlungen gefunden: „Im Prinzip hat mir die Nachbarschaft geholfen, d. h. ich habe über Hörensagen von Räumen erfahren und über das eigene persönliche Netzwerk.“

Geschichte des Kompetenzteams in München

Das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München wurde 2014 vom Stadtrat referatsübergreifend initiiert und dient als zentrale Anlaufstelle für alle Akteure der Kreativbranche in München und den Landkreisen der Metropolregion. Das Kompetenzteam ist fest etabliert und wird als Teil der Stadtverwaltung dauerhaft mit einem Jahresbudget von 700.000 Euro finanziert, Miete, Personal mit 8,5 Arbeitsplätzen, Overhead, Projektmittel, Fördermittel inbegriffen.

Jürgen Enninger: „Was den Masterplan für die Kultur- und Kreativwirtschaft angeht: Ja, der Stadtrat hat tatsächlich in einer sehr visionären Entscheidung eine Matrix Organisation in der Verwaltung beschlossen, die die Kulturverwaltung, die Wirtschaftsförderung und die kommunale Liegenschaftsverwaltung in einem Team verbindet unter meiner Leitung. Das ist ein sehr, sehr mutiger Schritt gewesen, weil es die Ressourcen bündelt. Es ist wie so oft: Die Summe ist mehr, als ist die Einzelteile und einen echten Mehrwert für Kreative stiften kann. Offenheit und Toleranz ein zentraler Schlüsselfaktor für die Attraktivität und den Standort unter Fachkräften aller Art, nicht nur aus der Kreativwirtschaft. Das hat der Creative City Index gerade wieder mal festgehalten. Je die vielfältige diverser, desto spannender für die Branche.“

Angebote

Unterstützung gibt das Kompetenzteam den Kreativen in allen wirtschaftlichen Belangen. Es geht auch um mehr Wertschätzung und Sichtbarkeit für kreativwirtschaftliches Arbeiten, um eine niedrigschwellige Beratung, bessere Vernetzung. Inzwischen gibt es vielfältige Beratungsformate, Qualifizierungs- und Vernetzungsveranstaltungen, um Crowdfunding und eben auch um Unterstützung bei der Raumsuche und Zwischennutzungen. Jürgen Enninger: „Wir setzen auf kostenlose Beratungsleistungen, jeder kann kommen. Da geht es um die wirtschaftliche Ausrichtung, um Akquise, Preisbildung, Crowdfunding, Internationalisierung und um das wichtige Thema Netzwerke. Wir versuchen, neue junge Kreative hier in die etablierten Netzwerke reinzubekommen. Wir helfen bei Raumvermittlung auf allen Ebenen, vom Schaufenster am Marienplatz über Design- und PopUpStores bis hin zu längerfristigen Nutzungen.“

Neue Raumkonzepte

Der Standort München ist für Unternehmen generell attraktiv und beliebt, nicht zuletzt wegen der Nähe nach Italien und Österreich. Doch die Mietpreise für Büros in zentraler Lage sind zum Teil exorbitant hoch. Das führt dazu, über neue Raumkonzepte nachzudenken, wie Jürgen Enninger erklärt: „Multi-Codierung, Parallel-Nutzung, Sharing Modelle sind in München ganz stark virulent, weil der Druck so extrem stark ist. Die Wechselwirkungen zwischen München und dem Umland München sind sehr eng. Wir leiten hier in der Metropolregion München zum Beispiel auch den Arbeitskreis Konversionsflächen, wo wir dann versuchen, das gemeinsam mit den Landkreisen zu entwickeln. In der Metropolregion München haben wir Städte wie Ingolstadt, Augsburg, Rosenheim, die im bayerischen Kontext mit zu den größten Städten zählen und damit automatisch enge Wechselwirkungen und Pendelbewegungen erwarten.“ Anne Gericke fügt hinzu: „Ich beobachte, dass der Einzelhandel am Stadtrand von München immer mal wieder Flächen ausschreibt, also Leerstand in Erdgeschossflächen. Da wird dann immer mal wieder von Kreativen ein Konzept zur Zwischennutzung entwickelt.“

Coworking

Bei der Raumentwicklung und Umnutzung sieht Enninger bei Kreativschaffenden eine wichtige Funktion als Vermittler, Vernetzer, Quer- und Vorausdenker. In Bayern sind Kreative z. B. aus dem Architekturbereich als Berater für Kommunen tätig und entwickeln in interdisziplinären Teams neue Nutzungskonzepte: „Kreative haben schon viele neue und innovative Nutzungskonzepte für Immobilien aller Art entwickelt: Coworking, PopUp, Zwischen- und Parallelnutzung, temporäre Nutzungen. Kreative bieten Lösungen für komplexe Fragestellungen im Immobilienbereich an, deswegen kann ich alle Akteure in Städten und Kommunen nur ermutigen, mehr Kreative in die Raumkonzeptentwicklung einzubeziehen.“

Coworking für Jung und Alt

Coworking ist ein Modell, das nicht nur ganz junge Zielgruppen anspricht. Neben den Vorteilen bei den Kosten erweist sich die Zusammenarbeit in gemeinschaftlich genutzten Räumen auch als Keimzellen für Wissensaustausch und Innovationen: „Coworking ist auch etwas für Ältere und alle, die berufliche Neuorientierung suchen, z. B. auch Eltern, die nach der Kindererziehung den Wiedereintritt in die Freiberuflichkeit planen und dann Netzwerke suchen. Die sind dann meist Ende 30.“

Stadt-Land-Vernetzung

Der Großraum München sei schon sehr stark kreativwirtschaftlich vernetzt, so Enninger. In der Verbindung von Stadt und Land sieht er für die kommenden Jahre wachsende Potenzial. Er berichtet über Designer, die auf dem Land wohnen und in der Stadt arbeiten und umgekehrt. Es gibt Coworking-Spaces auf dem Land und Unternehmen, die ganz bewusst Coworking-Spaces im Speckgürtel von München etablieren, damit die Mitarbeiterinnen nicht einpendeln müssen, ein Zugewinn an Zeit und Lebensqualität.

Anne Gericke fügt hinzu: „Der ländliche Raum würde sich auf jeden Fall für StartUps eignen, weil die erfahrungsgemäß im Team sehr konzentriert arbeiten. Bildende Künstler kann ich mir auch gut vorstellen. Wichtig ist es, Synergieeffekte zu nutzen, wie in diesen kleinen organisch gewachsenen Kreativquartieren, die vom Autobastler bis zum Superdesigner sehr diverse Akteure aufnehmen. Die müssen nicht nur aus der Kreativwirtschaft kommen, sondern sinnvoll sind ganz unterschiedliche Nutzer. So dass eine kleine Stadt direkt vor Ort entsteht. Auch eine gute Gastronomie ist das, was immer dazugehört. Es geht auch um kurze Wege. Ein Kreativer sagt zum anderen: Ich bin am Anfang. Ich habe nicht viel Geld, aber ich brauche das und das. Kannst du mir dabei helfen.“

Ländliches Design

Auch die Rural Design Days befassen sich mit dem Austausch zwischen Stadt und Land. Sie sind Ausstellung, Messe und Think Tank in einem und richten sich an Architekten, Designer, Interessierte und Macher vom Land. Eingeladen werden sowohl deutsche als auch internationale Referenten, sie diskutieren über diese Fragen: Gibt es „ländliches“ Design? Ist es anders als in der Stadt? Was können Design und Architektur in ländlichen Regionen bewirken? Was bietet das Land Designern, um dort kreativ zu arbeiten? Die Rural Design Days sind eine regionale Partnerveranstaltung der Munich Creative Business Week, dem größten Designevent Deutschlands.

Co-kreative Kooperationen mit Kommunen

Neben der Leitung des Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München war Enninger von 2016-2020 Sprecher im Netzwerk der öffentlichen Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland Promoting Creative Industries PCI – gemeinsam mit Egbert Rühl von der Hamburg Kreativgesellschaft. Das Netzwerk bündelt Kompetenzen und Interessen von aktuell 39 lokalen und regionalen öffentlichen Förderern der Kultur- und Kreativwirtschaft. Dieser Zusammenschluss stärkt die Branche als Ganzes und erhöht ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Das “PCI” ist ein wichtiger Partner, wenn weitere Programme für die Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft entwickelt werden.

Das PCI will Kommunen noch stärker ermutigen, mehr Kreative in die Raumkonzeptentwicklung einzubeziehen. Wirtschaftsförderern legt Enninger ans Herz, nicht immer nur sehr groß zu denken, z. B. an 200-Mann-Baubetriebe. Die Kreativwirtschaft mit ihren 12 Teilbereichen sei doch erfahrungsgemäß wesentlich kleinteiliger. Entsprechend kleinteiliger ist der Bedarf von Räumen mit etwa 25 bis 50 Quadratmetern für ein bis vier Menschen bzw. Firmen, d. h. es bedarf einer extremen Umstellung eines klassischen Wirtschaftsförderers, damit der nicht immer nur in Masse rechnet.“

Ausblick

Enninger weiß, dass die Kreativwirtschaft ein wichtiger Partner für Kommunen ist und daher auch strategisch und dauerhaft aus Landesmitteln gefördert werden müsse: „Da gibt es sehr spannende Projekte und Beispiele. Die Stadt Heidelberg hat zum Beispiel gerade eine Raumnutzungsagentur gegründet, die auch dieses Thema Zwischennutzungen dauerhaft gemeinsam mit Kultur-und Kreativschaffenden entwickeln soll.“

Podcast

Bewusst enkelfähig leben: Wir bauen Zukunft in Nieklitz

 © MassivKreativ

„Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später.” – soll Reichskanzler Bismarck einst gesagt haben. Ob das Zitat real ist oder nicht (die Quelle lässt sich nicht ermitteln): Die Zeiten ändern sich. Heute bietet die Weite von Westmecklenburg viel Raum für neue Perspektiven, vor allem jedoch innovative Blickwinkel für ein wirklich nachhaltiges, enkelfähiges* Leben. Ceylan Rohrbeck gehört zu den neuen Zukunftserbauerinnen der Region. Ich habe mit ihr gesprochen.

Zukunftsgedanken

In Nieklitz in Nordwestmecklenburg auf dem platten Land, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, wird Geschichte geschrieben. Es gibt Zeitreisende, die nicht zurückschauen, sondern vorausblicken, die sich Gedanken machen, welches Leben wir in Zukunft führen wollen, es in vielfältigen Projekten selbst ausprobieren, in die Hände spucken und loslegen. Wir bauen Zukunft heißt das ambitionierte und langfristige Vorhaben, dass 2016 von knapp 20 MitstreiterInnen gegründet wurde. Das ist nur der harte Kern, denn im weiteren Umfeld erreichen die Nieklitzer inzwischen an die 3.000 Mitinteressenten. Doch der Reihe nach….

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Sinnfrage

Ceylan Rohrbeck ist in Berlin aufgewachsen, hat in Potsdam an der Filmhochschule „Konrad Wolf“ Film und Fernsehproduktion studiert und einige Jahre im Filmbereich gearbeitet. Das hieß: Lange, unregelmäßige Arbeitszeiten, oft auch an Wochenenden, wenig Zeit zur Ruhe zu kommen. In der überfüllten und oftmals stressigen Hauptstadt Berlin wächst der Wunsch nach einer Auszeit, einem anderen Leben abseits von Hektik und Konsumzwängen. Doch wie genau könnte so ein Leben aussehen?

Auch Ceylans Cousine Lale will nach ihrem Studium in Berlin zurück in die Mecklenburgische Heimat. Doch was ließe sich dort Sinnvolles machen? Wie könnte man den Lebensunterhalt bestreiten? Kurz zuvor haben die beiden vom Bau eines earth ships in der Zukunftswerkstatt Tempelhof erfahren. Das ist ein Haus, komplett aus Recyclingmaterialien erbaut, wie es der US-amerikanische Architekt und Nachhaltigkeitsexperte Michael Reynolds einst ersann.  Ließe sich so ein Bau auch in Mecklenburg realisieren? Mit dieser Frage traten erste Engagierte aus der Gruppe an den Leiter des Biosphärenreservates Schaalsee, Klaus Jarmatz, heran. Er empfiehlt das ehemalige Zukunftszentrum „Mensch – Natur – Technik – Wissenschaft“ (ZMTW) in Nieklitz im Westen von Mecklenburg.

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Geschichte

In einsamer Idylle zwischen dem Biosphärenreservat Schaalsee, der Flusslandschaft Elbe und weiten Wiesen und Feldern liegt das etwa zehn Hektar große Gelände des ehemaligen Zukunftszentrums von Nieklitz. Zwischen 2000 und 2013 wurde hier ein ökologischer Erlebnispark betrieben. Nach der Idee des enthusiastischen Kieler Biologieprofessors Berndt Heydemann, der später Umweltminister von Schleswig-Holstein war, sollten BesucherInnen an liebevoll gestalteten Exponaten mitten in der Natur mehr über Bionik und Ökotechnologien erfahren. Doch die Besucherzahlen blieben stark hinter den Erwartungen zurück. 2013 stellte das Land MV die finanzielle Förderung ein und der Park verfiel.

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Erstkontakt Nieklitz

Ceylan erzählt mir von ihren Eindrücken, als sie das Gelände im September 2015 zum ersten Mal besucht. „Weil der Park schon fast 3 Jahre geschlossen war, war alles schon total verwildert und gleichzeitig so wunderschön. Wir hatten bis dahin noch nie so ein Stück Natur in Deutschland gesehen. Und es entstanden in unserem Kopf auf einmal ganz viele Visionen, was man da alles machen und umsetzen könnte. Wir haben viele Fotos gemacht und sind dann nach Tempelhof gefahren.“

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Impulsgeber Tempelhof 

Schloss Tempelhof in Süddeutschland zwischen Würzburg und Ulm ist genau genommen eine Zukunftswerkstatt. Mit 50 Freiwilligen aus der ganzen Welt wurde hier das erste earth ship in Deutschland gebaut. Als Teil der Freiwilligen genießt Ceylan die besondere Aufbruchstimmung, führt gemeinsam mit Sebastian Rost von Filming for Change mit den Akteuren Interviews, macht kleine Filme und stößt auf Gleichgesinnte, die wie sie selbst auf der Suche sind. So entsteht die Projektgruppe „Wir bauen Zukunft“, die in den nächsten Monaten auf etwa 20 Personen anwächst. Es wird viel diskutiert und geplant. Man tauscht sich über Wünsche, Ziele und Vorstellungen für ein gutes, sinnstiftendes Leben aus. Anknüpfend an die indigenen Weisheiten der Aborigines findet die Gruppe mit der Methode Dragon Dreaming einen gemeinsamen Nenner für ihr Anliegen: Dienst an der Erde, Aufbau von Gemeinschaft, persönliches Wachstum. Und während das innere Selbstverständnis Gestalt annimmt, steht die nächste Herausforderung an. Könnte der Ökopark im Mecklenburgischen Nieklitz ein geeigneter Ort für das neue Lebenskonzept werden?

 © MassivKreativ

Mecklenburgische Weiten neu bespielt

Kontakte und Freunde in der Region halfen mit den richtigen Ansprechpartnern. Und dann ging alles recht schnell. Mit einem Privatdarlehen konnte die Gruppe das Nieklitzer Gelände kaufen. Im Juni 2016 wurde die Genossenschaft „Wir bauen Zukunft“ eG gegründet, angeschlossen ist außerdem der Verein Ecosphäre e.V. als Träger für gemeinnützige Projekte. So können verschiedene Nutzungsarten abgedeckt werden. In der Öffentlichkeit und gegenüber der einheimischen Bevölkerung setzt die Gruppe von Anfang an auf Transparenz. Sie will den Eindruck vermeiden, dass da kreative Spinner hinter verschlossenen Türen merkwürdige Aktivitäten planen. Im Biosphärenzentrum informieren sie über ihre Pläne und sind offen für neue Ideen und Interessenten. „Wir haben auf unserem neu erworbenen Gelände Tage der offenen Tür veranstaltet, wo wirklich viele Menschen kamen“, erzählt Ceylan, „sowohl Leute von außerhalb als auch aus der Region, die wir schon kannten. Und so waren uns alle sehr wohl gestimmt und haben uns unterstützt, so dass wir einen guten Start haben konnten“.

 Ortsbesichtigung Nieklitz © MassivKreativ

Gewachsenes Selbstverständnis

Inzwischen ist viel passiert. Aus Individuen hat sich ein „Kreativcluster“ gebildet, „mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten“, wie Ceylan erzählt: „Designer, Architekten, Ingenieure, IT-Spezialisten, Tischler, Permakultur-Experten, Soziologen, Coaches, Experten für nachhaltige Landwirtschaft, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit usw.“ Die Gruppe hat sich in ihrem Selbstverständnis konkretisiert und verfestigt. Zwischendurch kamen neue Interessenten, andere gingen wieder. Gemeinschaft ist ohnehin nie fertig. Sie wächst und erweitert sich stetig, auf der Basis gleicher Wertvorstellungen, die in Gruppenprozessen ermittelt wurden, begleitet von professionellen Coaches und Moderatoren. Enorm wichtig, um die Gemeinschaft gut zu entwickeln. Das Wabenhaus ist das Herzstück der Zukunftsbauer, dient als Seminarhaus und Coworking-Space. 

© Wir bauen Zukunft

Anliegen

Ihre Philosophie beschreibt die Gruppe so: „Wir experimentieren, reflektieren, lernen und nutzen transparente und organische Strukturen, sowie die Kraft von Kollaboration und Kreativität. Unsere Themen sind: Kreislaufwirtschaft, Open Source, Nachhaltiges Planen und Bauen, Permakultur Design, Nachhaltiges Unternehmertum, Verantwortungsbewusstes Miteinander.“ Auch neue Forschungsthemen stößt die Gruppe an, etwa Studien- und Masterarbeiten über nachhaltiges Planen und Bauen, Architektur, ökologische Landwirtschaft und über das Ökosystem von Binnengewässern (Limnologie). Auch eine Tinyhouse Siedlung für nachhaltiges Bauen ist in der Realisierung.

 Tinyhouse Nieklitz © MassivKreativ

Lernende Organisation

Die Akteure von „Wir bauen Zukunft“ sind immer in Bewegung – mit dem Körper und dem Kopf. In verschiedenen Arbeitskreisen verfolgen sie genau das Thema weiter, das sie persönlich interessiert, für das sie brennen und weitere Fähigkeiten erwerben möchten. So entwickelt sich die Gruppe stetig weiter und lernt, nicht zuletzt auch über den Austausch mit neuen Leuten von außen. Community Building ist ein wichtiges Thema, das sowohl digital als auch analog vorangetrieben wird. Über die Facebookgruppe werden Veranstaltungen beworben. So wird neues Wissen in die eigene Gruppe geholt und eigene Erfahrungen auch wieder in die Welt hinausgetragen. Gemäß dem „open source“-Gedanken wird hier – wenn man so will – eine wissensbasierte Kreislaufwirtschaft betrieben. Regelmäßig finden Seminare, Workshops, KreativLabs sowie größere Camps statt, in denen sich die TeilnehmerInnen über ihre Ideen, Projekte und Visionen austauschen. Im Februar 2020 ging es um die Gründung eines eigenen Sozial-Unternehmens. Die TeilnehmerInnen wurden unter professioneller Anleitung von der Vision zum Konzept geleitet und zur inneren Haltung: Was bedeutet unternehmerisches und kreatives Handeln für mich und andere?

Ganzheitliches Konzept

Die Akteure von „Wir bauen Zukunft“ arbeiten zeitgleich an vielen kleineren Projekten und haben dabei das große Ganze im Blick, die zukunftsfähige Gesellschaft im Kreislauf und im Gleichgewicht: mit einer autarken Energie-, Wasser- und Abwasserinfrastruktur, mit flexiblen bzw. mobilen Wohneinheiten, wie z. B. Tinyhouses. Sie bauen schon heute eigene Nahrungsmittel an, planen Freizeitangebote, entwickeln neue Technologien und wollen demnächst Kleinserien in ihrer gerade entstehenden Werkstatt produzieren, dem Green Circular Economy FabLab. „Wir planen offene Werkstätten, die verschiedene Zielgruppen nutzen sollen“ sagt Ceylan, „z. B. auch Handwerker in der Region, die sich bei uns einmieten können und an Projekten tüfteln. Wir wollen dabei analoges Handwerk mit digitalem Arbeiter verbinden, damit sich das befruchten kann.“

Kooperationen spielen eine wichtige Rolle. Im November 2019 waren die Nieklitzer Gastgeber für den Kreiskulturrat Ludwigslust-Parchim (KKR LUP). Corinna Hesse und Marion Richter vom KKR sowie Ceylan Rohrbeck luden Interessierte zum Workshop Zukunft@Land“ ein. Es kamen Menschen zwischen 20 und 60 Jahren zusammen, die ihre Zukunft im ländlichen Raum gern selbst gestalten möchten. Die Initiatoren wollten herausfinden, welche Projektideen welche Unterstützung brauchen: vom Landkreis, aus der Verwaltung, der Bevölkerung sowie von weiteren Partnern und Netzwerken.

 © MassivKreativ
Ceylan Rohrbeck (re) und Corinna Hesse (li) beim KreativLab „Zukunft@Land“

Land lockt Stadt

In Kooperation mit Kreative MV, dem Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft, fand im September 2019 in Nieklitz das KreativLab „New Work Village: mobiles Leben & Arbeiten auf dem Land“ statt – mit Impulsvorträgen über bereits erfolgreiche Projekte. Frederik Fischer berichtete aus Brandenburg über die KoDorf-Bewegung und den Summer of Pioneers in Wittenberge.

Aktuell bewegt Ceylan die Frage, wie Kreative zumindest zeitweise den Weg aus der Großstadt aufs Mecklenburgische Land finden können. Um einen Coworking-Standort wie Nieklitz noch bekannter zu machen, könnte auch die Wirtschaftsförderung des Landes MV helfen, so Ceylan: “Im Augenblick wird ja viel in die Städte investiert, in Schwerin, Rostock und Greifswald. Aber halt noch nicht wirklich ins Land. Wir in Nieklitz arbeiten daran, damit sich daran etwas ändert und dass wir das Vertrauen der Wirtschaftsförderer gewinnen, dass auch mitten auf dem Land ein erfolgreiches Innovationszentrum mit neuem Denken und vielfältigen Menschen und Talenten entstehen kann und eine entsprechende Nachfrage erreicht.“ 

Aufbruchsgeist

Diejenigen, die bereits ein Tages- oder Wochencamp in Nieklitz erlebt haben, sind begeistert, wie der Webdesigner Richard Stickel: „Der Aufbruchsgeist, den ich bei den Akteuren von „Wir bauen Zukunft“ gespürt habe, empfinde ich als sehr anziehend und attraktiv. Da machen junge Leute auf dem blanken Acker etwas Neues und denken voraus. Das finde ich toll und in so einem Umfeld könnte auch ich als Großstädter gut arbeiten.“

Laut einer Emnid-Umfrage (Wohnwünsche der Deutschen) möchte die Mehrheit der Deutschen im ländlichen und kleinstädtischen Raum leben. Doch für viele bleibt es ein Traum. Doch das muss nicht so sein. Der Weg von der „Stadtmüdigkeit zur Landfrische“ ist kürzer als gedacht. Wer Impulse für seine Zukunft auf dem Land braucht, kann sie sich im Westmecklenburgischen Nieklitz holen: Aktuelle Veranstaltungen / Vergangene Veranstaltungen.

Podcast

*enkelfähig (S. 12): Diesen Begriff hat Sebastian Feucht geprägt. Er ist Spezialist für ökointelligente Gestaltung und Vorsitzender des Sustainable Design Center e.V. und nutzt den Begriff für zukunftsgerichtetes Design: „Enkelfähige Produkte sind so konzipiert, dass unsere Enkel die gleichen Chancen haben wie wir hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs und hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit.“

Zukunft kreativ vorausdenken im Digitalen Innovationszentrum Schwerin

 © DIZ Schwerin, Landeshauptstadt Schwerin

Mascha Thomas-Riekoff ist Kulturproduzentin, Netzwerkerin und Koordinatorin im Digitalen Innovationszentrum (DIZ) in Schwerin, der bis Ende 2020 noch Innovationsraum hieß. Im Interview erzählt sie, warum dieser Ort für Mecklenburg-Vorpommern enorm wichtig und zukunftsweisend ist. 

Digitalisierung

Während die meisten EU-Länder die Digitalisierung recht gut gemeistert haben, ringen viele Orte in Deutschland noch immer um die notwendige Infrastruktur. In der Landeshauptstadt Schwerin kann Thomas-Riekoff über das Internet nicht klagen. In ländlichen Regionen sieht es allerdings anders aus. Doch im neuen Digitalen Innovationszentrum (DIZ) in Schwerin geht es um weit mehr als nur um Infrastruktur. Als Koordinatorin will Thomas-Riekoff im DIZ neues agiles Denken vorantreiben und ein zukunftsorientiertes Mindset installieren, das in Mecklenburg-Vorpommern noch ausbaufähig ist.

Interdisziplinäre Kooperationen

Im Herbst 2019 wurde das Digitale Innovationszentrum im Herzen Schwerins in der Wismarschen Straße eröffnet. Im Perzina-Haus, einem historischen Gebäude, hatte zuletzt die Bibliothek ihren Sitz. DIR ist kein einzelner Raum, sondern für die neuen Projekte stehen mehrere Bereiche zur Verfügung, wie Thomas-Riekoff erklärt: „Wir haben neben dem großen Saal einen Coworking-Space, einen Meetingraum, einen Seminar- bzw. Design Thinking-Raum. Das Digitale Innovationszentrum ist also eine interdisziplinäre Werkstatt und Denkfabrik, in der man Ideen spinnen, spielen und ausprobieren kann. Es können und sollen Akteure aus ganz verschiedenen Bereichen aufeinander treffen, sich gegenseitig inspirieren und beflügeln: Handwerk, Ingenieurs- und Medizintechnik, Landwirtschaft, Verkehr, Mobilität, Verwaltung, Kreativwirtschaft.“

  Mascha Thomas-Riekoff moderiert im DIR (rechts) © MassivKreativ

Gründer Studio

Ein besonderes kokreatives Angebot ist das Gründer Studio. Es bietet interessierten Akteuren nicht nur Zugang zum DIR in Schwerin, sondern zu allen sechs Innovationsräumen in ganz Mecklenburg-Vorpommern mit einem großen Netzwerk und einem Mentorenpool von Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Angeboten werden: ein Gründer-Arbeitsplatz im CoWorking Space, die Gründer-Studio Sprechstunde, das 1:1 Coaching und die kostenlose Teilnahme an allen Gründer Studio-Veranstaltungen und MeetUps.

Kultur- und Kreativwirtschaft im DIR

Eine tragende Rolle sollen Kreative im DIR spielen, sagt Thomas-Riekoff. „Ihre agilen und kreativen Arbeitsmethoden sind hier im DIR ein sehr wichtiger Baustein, den die Region noch viel stärker braucht.“ Kreative haben eine Schnittstellenfunktion. Ihre große Kompetenz besteht darin, sich in Wünsche und Bedürfnisse sehr verschiedener Nutzer und Branchen hineinzudenken und mit den Akteuren anderer Fachgebiete und Branchen passgenaue Lösungsansätze zu finden. Genau diese Art von cross-sektoralen und kokreativen Kooperationen sollen im DIR angesiedelt werden.

Erfahrungsschatz

Bei ihren Planungen im DIR kann Mascha Thomas-Riekoff auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Als Managerin und Kulturproduzentin hat sie Projekte mit unterschiedlichen Akteuren geplant, abgeleitet und umgesetzt. Während des Studiums für Kulturarbeit an der Fachhochschule spezialisiert sie sich auf Ausstellungsmanagement und und wagt sich direkt nach dem Studium in die Selbständigkeit. Gemeinsam mit Silvana de Hillerin gründet Thomas-Riekoff die Agentur “Balestra Berlin” für „Idea Engineering & Cultural Management“. Sie entwickelt u. a. die Lichtkunst-Raum-Installation kubik entwickelt, die als temporäre Diskothek durch die ganze Welt tourt. Auch heute noch leuchtet kubik gerade irgendwo auf dieser Welt und war an insgesamt 30 Orten.

 © Mascha Thomas-Riekoff 

Kulturproduzentin

In der Zeit bei Balestra Berlin initiiert Thomas-Riekoff vielfältige Ausstellungs- und Kulturformate und übernimmt in Personalunion unterschiedliche Aufgaben. Sie erklärt ihre Rolle: „Ich bin keine Kuratorin oder Regisseurin, sondern ich bin eben Kulturproduzentin – verantwortlich für Budgetierung, Finanzierung, Planung, Koordination der technischen Umsetzung, Personalführung bis hin zur Bewerbung der Projekte.“ So vielfältig wie die Aufgaben sind auch die Tätigkeitsfelder von Thomas-Riekoff: Medienkunst, Ausstellungsproduktion und Stadtentwicklung. Ihre Leidenschaft gilt vor allem der Verwirklichung von ästhetisch anspruchsvollen Kulturprojekten, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wie z. B. auf der dOCUMENTA (13) in Kassel oder im Wikinger Museum in dänischen Jelling.

Mascha Thomas-Riekoff moderiert im DIZ (rechts) © MassivKreativ

Neue Chancen nutzen

Dass die gebürtige Münchnerin ihren gut dotierten und anspruchsvollen Job in Berlin aufgegeben hat und nach Schwerin gezogen ist, hat familiäre Gründe. Der Wechsel bedeutete für sie finanziell große Einbußen. Andererseits denkt Thomas Riekoff nach positiv und nach vorn: „MV ist für mich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man sehr vieles noch gestalten kann, was anderswo z. B. wegen verfestigter Strukturen nicht möglich ist. Die Kreativen bringen eine enormen Gestaltungswillen mit nach MV, weil es ihnen nicht ausreicht, dass sie alleine an ihrem Rechner im Homeoffice sitzen. Sie streben nach einem sinnstiftenden, lebenswerten Leben. Das entsteht nur, wenn man in Kontakt mit anderen Bewohnern tritt und Strukturen aufbaut. Und deshalb entwickeln Kreative auch neue Geschäftsmodelle für mehr Lebensqualität.“

 historischer Saal im DIR © MassivKreativ

Wissenstransfer aus Berlin nach Schwerin

Für Mecklenburg und speziell für die Landeshauptstadt Schwerin ist die Kulturproduzentin Mascha Thomas-Riekoff ein Hauptgewinn. Bereits bei den Vorplanungen zum neuen Digitalen Innovationszentrum hat sie der Stadt mit ihren Erfahrungen aus der Hauptstadt beratend zur Seite gestanden, Argumente und Positionen gesammelt und Überzeugungsarbeit geleistet, wenn es Skepsis gab. Thomas-Riekoff hat das Konzept für DIR entwickelt, das sie folgendermaßen erläutert: „DIR soll die Innovationskraft von Wirtschaft und Wissenschaft vorantreiben. Er ist eine Kombination aus Think Tank, Coworking, Werkstatt, Treffpunkt und Ort des Austauschs zwischen privaten Fachhochschulen und Studienzentren im Verbund mit der IHK, der Handwerkskammer, mit Unternehmerverbänden, StartUps, GründerInnen, Freiberuflern, IT-Interessierten und vor allem auch mit Akteuren der Kreativwirtschaft. Alle Akteure sollen gemeinsam frische Geschäftsideen entwickeln sowie Geschäftsmodelle mit digitalen und analogen Ansätzen. Auch Schüler, Studenten und interessierte Bürger sind eingeladen, um sich hier über die digitale Zukunft zu informieren und auszutauschen, digitale Technik zu erleben und auszuprobieren. Es entsteht ein Begegnungsort für Veranstaltungen und Formate, die über die Region hinaus strahlen.“

Ministerium und Stadt als Träger

DIR wird vom Ministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung Mecklenburg-Vorpommern finanziert und von der Stadt Schwerin getragen. Mascha Thomas-Riekoff ist bei der Stadt Schwerin angestellt, zunächst zeitlich befristet. Doch sie ist überzeugt, dass DIR eine Zukunft hat bzw. auch braucht, um die BewohnerInnen des Bundeslandes MV fit zu machen für die kommenden Herausforderungen. Neben dem DIR in Schwerin sind fünf weitere digitale Zentren als Ideenschmieden entstanden: in Rostock, Stralsund, Wismar, Neubrandenburg und Greifswald. Ihre Aktivitäten werden auf der eigenen Website digitalesmv präsentiert.

 © MassivKreativ

Treiber der digitalen Transformation

Zum Auftakt fand im November 2019 an allen sechs Zentren erstmals der landesweite Kongress NØRD statt. Neben Technologien und neuen Anwendungsfeldern ging es auch um ethische Fragen und um soziale Innovationen im Hinblick auf die Digitalisierung. Im DIR in Schwerin stand das Thema „Digitaler Wandel trifft Verwaltung“ im Fokus. Erkenntnis: Nicht allen Menschen fällt es leicht, bei technischen Veränderungen, wie der Einführung neuer Software Schritt zu halten. Hier können andere Perspektiven und innovative, künstlerisch-kreative Methoden wertvolle Unterstützung leisten. Dies demonstrierte der Künstler Daniel Hoernemann (siehe Foto), der im Interview mit mir seine Ordnungsbehörde für Schöpferisches vorstellte.

 © MassivKreativ

DIR als Think Tank

Das Digitale Innovationszentrum ist ein Ort, der vielfältiges Wissen verschiedener Akteure sammelt, der sie aufeinandertreffen lässt, verbindet und in Austausch bringt. An Hochschulstandorten soll die Arbeit der sechs Digitalen Innovationszentren eng mit der Wissenschaft verknüpft werden. In Schwerin liegt der Fokus wie erwähnt auf der engen Kooperation mit der Verwaltung. Außerdem soll es um Problemfelder und Trends gehen und wie man passende Akteure zum Ermitteln von Lösungsansätzen zusammenbringt: Stadt- und Landentwicklung, Mobilität, Gesundheit, Umwelt, Nachhaltigkeit usw.  

© Veranstaltung im DIR, MassivKreativ

Digitale Nomaden für neue Dörfer

Zum Auftakt der FORUM-Reihe fand im Oktober 2019 der Thementag „Sozial-kreative Innovationen als Impulse für die Regionalentwicklung zwischen Stadt & Land“ statt, dessen Höhepunkt die Preisverleihung im Landeswettbewerb für kreative Raumpioniere MV war, verbunden mit einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion mit Bundes- und Landespolitikern. Dabei ging es um die Frage, welche Rolle das Ineinandergreifen von sozialer, kultureller, ökonomischer und ökologisch nachhaltiger Wertschöpfung (Value Balancing) spielt? Wie prägen die digitalen Nomaden heute neue „urbane Dörfer“, in denen städtische und ländliche Milieus verschmelzen? Welche Methoden nutzen kreative Regionalentwicklerinnen und -entwickler? Und wie können kreative Pioniere wirksam von Kommunen, Wirtschaftsförderern sowie durch Bundes- und Landesförderprogramme unterstützt werden. Im Rahmen des FORUMS wurden in einer Ausstellung und in Filmportraits best-practice-Projekte vorgestellt sowie eine wissenschaftliche Studie, die die Effekte der Projekte auf die Regionalentwicklung zeigte.

Magnet für neue Fachkräfte

Mascha Thomas-Riekoff hofft, dass die Impulse durch Kreativschaffende im DIR andere gut ausgebildete Neubürger nach Mecklenburg bringen kann: „DIR wird gerade durch die Kooperation mit Kreativen und mit innovativen Formaten auch hochqualifizierte Fachkräfte bzw. Rückkehrer nach MV locken, die interdisziplinär mit vielseitigen Teilbranchen der Kreativbranche neue Geschäftsmodelle entwickeln wollen. Über den ersten erfrischenden Austausch mit Kreativen kann sich bei Fachkräften der Wunsch entwickeln, sich dauerhaft in MV niederzulassen.“

 © MassivKreativ

Transformationen 

Ein Experiementierfeld für Unternehmen, Verwaltung, Bildung und Bürgerschaft soll das Transformationslabor werden bzw. das Format “Reallabor Smart City”, um in kokreativ und gemeinsam an Innovationen zu arbeiten, Chancen und Potentiale zu nutzen. 

Die Kulturproduzentin Thomas-Riekoff muss noch häufig erklären, warum künstlerisch-kreative Methoden wirksam sind und welche konkreten Effekte sie haben. Mit ihrer optimistischen und leidenschaftlichen Art gelingt es ihr, Zweifler zu überzeugen und Skeptiker mitzunehmen im Prozess der Digitalisierung, in dem eben nicht nur technische Belange mitgedacht werden müssen. Was bringt also die Zusammenarbeit mit Kreativen? Thomas-Riekoff: „Innovationsfördernd ist das besondere Denken von Kreativen und das Potential, das sie durch ihre Methodiken und Arbeitsweisen in sich tragen und an andere Branchen in Thinktanks weitergeben können. Bevor ein Grafiker z. B. ein Logo für ein Unternehmen entwickelt, muss er erst mal analysieren, was die Firma ausmacht, was deren Kernkompetenz und Alleinstellungsmerkmal am Markt ist. Und dazu ist auch Perspektivwechsel nötig, der zeigt, dass Kreative noch ganz andere Produkte und Dienstleistungen entwickeln können, die weit über ein Logo hinausgehen.“

Intermediär

Noch muss Thomas-Riekoff einiges an Vermittlungsarbeit leisten. Aber genau das ist eine ihrer wichtigsten Aufgaben im DIR: immer wieder geduldig erklären, helfen, unterstützen, Brücken bauen zwischen den noch sehr unterschiedlichen Welten der kreativen Branchen und der klassischen Wirtschaft. Damit die frischen innovativen Köpfe sich in MV willkommen und wertgeschätzt fühlen, muss die BewohnerInnen im Land Mecklenburg-Vorpommern offener werden, findet Thomas-Riekoff: „Sie müssen spüren, dass ihre Ideen und Expertise gefragt sind. Und dass die Alteingesessenen gespannt sind auf das, was Kreative mitbringen. Wirtschaftsförderer sollten den Kreativen die Freiräume in MV noch aktiver zeigen und anbieten – sowohl im Hinblick auf Immobilien als auch in ideeller Hinsicht. Und sie mit anderen Kreativen und kooperativen Alteingesessenen vernetzen, die schon da sind. Der Freiraum darf nicht als (geistige) Leere herausstellen.“

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