
Eine Schnecke am Mikrofon
Wie durch Kokreation Magie entsteht
Ich sitze im Tonstudio und bin völlig verblüfft. Björn Kempcke, unser Toningenieur, spielt mir gerade sein Sounddesign für unseren neuen Audioguide für das Staatliche Museum Schwerin vor, für den Track zu Marcel Duchamps Frühwerk „Akt, eine Treppe herabsteigend„. Knirschender Sand, metallene Klänge. Übereinander geschichtete Geräusche, die sich agil und dynamisch verdichten. Ich höre nicht einfach nur Klänge – ich höre, dass sich Björn so tief in das Kunstwerk hineingedacht hat, dass daraus eine völlig neue akustische Ebene entsteht (Track 5.1.).
„Wie bist du darauf gekommen?“, frage ich. Björn schmunzelt. Er hat verstanden, dass Duchamp in seinem Treppenakt die Bewegung eines Menschen in zwanzig Schritte zerlegt, die sich überlagern. Wie in Zeitlupe. Und genau das spiegelt er jetzt akustisch – er schichtet Klänge übereinander, lässt sie ineinanderfließen, schafft Bewegung durch Sound.



Kokreation durch Miteinander reden und Zuhören
Was mich an diesem Moment fasziniert: Björn illustriert nicht einfach nur einen Text. Er hat unsere Autorentexte gelesen, hat verfolgt, wie wir immer wieder mit den Kuratorinnen und Kuratoren gesprochen und nachgefragt haben. Wie uns Schritt für Schritt interessante Details erschlossen haben: über Kunstwerke und Objekte, über eine Entstehungsgeschichte oder eine künstlerische Lebensgeschichte. Wie wir in den Quellen recherchiert haben, um thematische Querverbindungen zum Hier und Jetzt zu finden. Wie wir uns mit Besucher:innen-Forschung befasst haben, um (kunst-)historisches Wissen mit der Lebenswirklichkeit der Besucherinnen und Besucher zu verbinden, um an deren Erfahrungen anzuknüpfen, das Publikum „abzuholen“, wie man so schön sagt. Zuletzt bearbeiten und modifizieren wir die Texte für die Hörfassungen. Björn verfolgt aufmerksam, wie z. B. die verschiedenen Objekte für Erwachsene erklärt werden und wie die Autorinnen der Kinder-Audioguides wissbegierige Figuren (junge neugierige Füchse) in Dialogen interagieren lassen und ein informatives und spritziges Hörspiel entwickeln. All das wird für Björn zur Inspirationsquelle für sein Sounddesign, insbesondere für die Kunstwerke der Moderne – z. B. im Rundgang „Farbe-Licht-Raum“ (Track 7.1.).



Wenn Stille zur Kunst wird
In die Gedankenwelt von Marcel Duchamp hat sich Björn zusammen mit uns Autor:innen vertieft und sich draußen in der Natur auf die Suche nach Klangquellen begeben. Er hat Zäune und Steine aufgenommen, die klingen. Sand, der knirscht. Wasser, das plätschert. Und eine SCHNECKE, die ihm zufällig vor das Mikrofon kroch. Die Schnecke war vermutlich kein Zufall – sondern Vorsehung! Ich habe diesen glücklichen Moment auf einem Foto festgehalten. Wir lächeln beide still ins uns hinein. Uns wird klar: Auch das ist Teil unserer Arbeitsweise. Die Schnecke erinnert uns daran, dass im Audioguide auch Stille und Langsamkeit ihren Platz brauchen. Damit die Hörerinnen und Hörer Gelegenheit zum Durchatmen bekommen, zum Überdenken und „Verdauen“ der Informationen. Stille schafft Raum für Reflexion und neue Aufmerksamkeit. Sie ist kein völliges Schweigen, sondern eine besondere Form von Klang. Sie ermöglicht das bewusste Hören und Erleben der normalen Umgebungsgeräusche, die Besucherinnen und Besucher ja auch im Museum aufnehmen.
Das Sounddesign von Björn ist eine tiefgründige Einladung, das Hören und die Definition von Musik neu zu denken, wie zum Farblicht-Kunstwerk „Flowers No. 7“ von Hiroyuki Masuyama. Der japanische Künstler montiert Fotos einer Wiesenlandschaft aus allen vier Jahreszeiten zusammen. Um das Thema Zeitlosigkeit akustisch umzusetzen, spielt Björn die Xun-Flöte, eine Art „Okarina“ – eine eiförmige Gefäßflöte aus Ton, die seit rund 7.000 Jahren existiert und zu den ältesten Musikinstrumenten Chinas zählt (Track 7.2.).


links: Björn Kempcke und Antje Hinz im Regieraum / rechts: chinesische XUN-Flöte
parallele Ebenen
Unser Audioguide-Projekt für das Staatliche Museum Schwerin ist ein Paradebeispiel dafür, wie Kokreativität funktioniert. Alle bringen ihre Expertise und ihre Leidenschaft ein: Susanne Rühling, Wissenschaftliche Projektkoordinatorin der Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen M-V, die Museumspädagoginnen im Staatlichen Museum Schwerin, Heike Kramer und Birgit Baumgart, die Kuratorinnen und Kuratoren. Und natürlich unser kreatives Projektteam bei MassivKreativ – alle tauschen sich aus, nehmen Anteil an den Ideen der anderen. Niemand arbeitet isoliert. Auch das Kunstwerk „Brausende Hochrufe“ von Hans Ticha im Rundgang „Ostdeutsche Moderne“ regt uns zum regen Austausch an (Track 6.2.).



Ideen entstehen durch Inspiration
Wenn unsere Autorinnen der Kinderaudioguides, Annette Hasselmann und Johanna Wieland, neugierige Füchse erfinden, inspiriert das die Übersetzerin Frances Livings ebenso wie den Leiter des Tonstudios Helge Stroemer, außerdem Susanne Rühling bei der Musikauswahl und Björn Kempcke beim Sounddesign. Die Sprecherinnen und Sprecher im Tonstudio nehmen diese Energie auf. Sie sprechen die Sachtexte und Zitate nicht einfach nur ein, sie leben sie – mit Leib und Seele, mit Kopf und Herz – und wachsen über sich hinaus: sie zetern, säuseln, flüstern, singen, pfeifen, brüllen, schweigen. Ein großes Geschenk für mich als Audioregisseurin.






Birte Kretschmer (li: Sprecherin dt./engl.) und Frances Livings (re: Sprecherin, Übersetzerin engl.),
Peter Kaempfe (li: Sprecher dt) und Martin Heckmann (re: Sprecher dt./engl.) sowie
Helge Stroemer (Tonstudio) und Katja Brügger (re: Sprecherin dt.)
Wilde Tiere: Magie dank thereminvox
Ein Publikumsmagnet im Schweriner Museum ist der Saal mit den Menagerien, mit lebensgroßen sagenhaften und wilden Tieren. Der flämische Künstler Maerten de Vos malte im Jahr 1572 ein Einhorn. Eine Steilvorlage für die Autorinnen des Kinder-Audioguides. Unser Toningenieur Björn wählt neben dem Klavier das Thereminvox aus und muss einige Stunden extra üben, um dem elektronischen Instrument – „magische“ Klänge zu entlocken (erfunden 1919 von Lew Theremin, am Ende von Track 03 zu hören). Björn kombiniert das Thereminvox (siehe Foto) mit dem Kinderlied „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“.

Sprecher:innen (deutsch): Katja Brügger (Nashorn Clara), Peter Kaempfe (Freddy), Birte Kretschmer (Sophie), Frances Livings (Einhorn)
Sprecher:innen (englisch): Martin Heckmann (Nashorn Clara & Freddy), Birte Kretschmer (Sophie), Frances Livings (Einhorn)
Blickfang im Saal der Menagerien ist das Rhinozeros Clara. Der französische Hofmaler Jean-Baptiste Oudry hat es in Lebensgröße auf der Leinwand festgehalten. Das beeindruckende Geschöpf sorgte 1749 auf einem Jahrmarkt in Paris für Aufsehen. Björn simuliert den Klang eines Megafons und zieht die Besucher:innen damit direkt in das Marktgeschehen von St.-Germain-des-Prés hinein (Track 3.3.).
Sprecher:innen (deutsch): Katja Brügger, Peter Kaempfe
Sprecher:innen (englisch): Martin Heckmann und Frances Livings
Als Projektleiterin, Autorin der Audioguides für Erwachsene und als Audio-Regisseurin freue ich mich, dass dieses spannende Medienprojekt nun zur Wiederöffnung im Staatlichen Museum Schwerin auf offene Ohren trifft. Die von Susanne Rühling fachkundig ausgewählte Musik für die älteren Objekte und Werke sorgt für akustische Zeitbezüge. Ein herzliches Dankeschön an alle Musikerinnen und Musiker der Musica Instrumentalis Schwerin unter Leitung von Stefan Fischer sowie Dr. Ralf Gehler und Merit Zloch.

Manuskripte für Audio-Regisseurin und Toningenieur
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Wiedereröffnung
Am 30. Oktober 2025 wurde das Staatliche Museum Schwerin wiedereröffnet. Nun können Besucherinnen und Besucher mit unseren Audioguide (für Erwachsene und Kinder, in deutscher und englischer Sprache sowie auch barrierefrei in Einfacher Sprache) durch die Ausstellungen wandeln und hoffentlich spüren, was passiert, wenn ein Team wirklich kokreativ arbeitet: Es entsteht mehr als die Summe der Einzelteile. Es entsteht Magie.
NUTZUNG der Medien-App
Die Medien-App „Staatliches Museum Schwerin“ mit Audios, Texten, Fotos und Filmen kann bei Google Play Store bzw. App Store unter dem Namen SSGK M-V heruntergeladen werden und vor Ort im Museum genutzt werden. Die Audioguides gibt es für Erwachsene und Kinder in deutscher und englischer Sprache sowie in Einfacher Sprache. In der Medien-App ist darüber hinaus ein Audioguide über den „Schlossgarten Schwerin“ verfügbar, der ebenfalls von MassivKreativ produziert wurde.





