Frances Livings: Weltenwandlerin zwischen Musik, Poesie, Kunst und Natur
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Frances Livings: Weltenwandlerin zwischen Musik, Poesie, Kunst und Natur

Großbritannien, Deutschland und die USA – diese drei Lebensmittelpunkte haben die Erfahrungswelten und künstlerischen Spielwiesen von Frances Livings auf verschiedene Weise geprägt. Als Sängerin und vocal artist, Songschreiberin, Komponistin, Texterin und Autorin wandelt Frances zwischen den Welten – sowohl geografisch als auch künstlerisch. Das verbindende Element ist ihre Liebe zur Natur, wie mir Frances im Interview erzählte.

PODCAST-INTERVIEW

Kreativität und Vielfalt

Der Zustand von Glücklichsein und Kreativsein hängen für Frances unmittelbar zusammen. „Ich gehe einfach gerne raus, sehe Sachen und mache mir dazu Gedanken. Und daraus entstehen auch manchmal Projekte.“ Wie unterschiedlich die künstlerischen Ergebnisse sein können, zeigt ein Blick auf ihre Website Franceslivings.com. Schillernd wie ein Kaleidoskop eröffnen sich dort vielfältige Inspirationsquellen und daraus resultierende künstlerische Vorhaben und Projekte. Neben Kompositionen und Texten von Songs, Mitschnitten aus eigenen Konzerten, Clips als vocal artist und Veröffentlichungen von Artikeln und Büchern entführt Frances in ihren Blogposts an unterschiedliche Orte, z. B. in öffentliche Parks und Gärten von Los Angeles. Die pulsierende Metropole bot Frances etwa 15 Jahre eine Heimat.

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Inspirationen aus der Natur

Lange vor Corona schreibt Frances 2011 in ihrem Blog über eine gute Lebensqualität, dass das Verweilen in der Natur „zu einer besseren geistigen Gesundheit und psychologischen Entwicklung führt…“. Sie betont: „Meine persönliche Erfahrung ist, dass die Natur, selbst in künstlich angelegten Bereichen, wie in Parks, Emotionen in uns hervorrufen kann, die sonst oft nicht freigesetzt werden.“ In Kalifornien wurde Frances bewusst, wie unterschiedlich nicht nur Stadtbilder, sondern auch Landschaften sein können, wie sehr das Klima bestimmte Aktivitäten behindern oder fördern kann. Ihr wurde klar, wie viel Glück sie in den ersten drei Jahrzehnten ihres Lebens hatte, diese Zeit in sehr grünen, fruchtbaren und geografisch unbedrohten Umgebungen verbracht zu haben – „ohne schwarze Witwenspinnen, Erdbeben, Schlammlawinen.“

Wurzeln

Das Bewusstsein für die Schönheit der Natur ist Frances sozusagen in die Wiege gelegt. Aufgewachsen in England beflügeln Familienausflüge zu interessanten Landgütern, seltsamen Skulpturengärten und weitläufigen Parks früh ihr Interesse für die Geschichte und Kultur englischer Gärten und Parks. Frances Wahrnehmung für natürliche Umgebungen wird geschärft und ihre Beziehung zur Natur, z. B. im berühmten Hyde Park in London. Visuelle Impulse werden durch sinnliche, kulinarische Einflüsse ergänzt, wie Frances erzählt: „Meine Nanna war eine leidenschaftliche Gärtnerin und Köchin, die aus ihren selbst angebauten schwarzen Johannisbeeren Marmelade kochte und aus ihren Äpfeln Kuchen backte und es sogar schaffte, in ihrem großen Garten in Suffolk Feigen und Tabak anzubauen.“ Schon als Kind hat Frances gerne gezeichnet, musiziert, gesungen und gebacken. Beim kreativen Schaffen zehrt sie von ihrer Leidenschaft als Entdeckerin und bewegt sich stets mit offenen Augen durch die Welt.

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Äußeres und Inneres

Weil die Mutter England verlässt, verbringt Frances Ihre Teenager-Zeit in Deutschland. Sie vermisst die hügelige und üppige Landschaft Englands schmerzlich und ebenso die kreativen Inspirationen. „Ich bin in England fürs Schulorchester ausgebildet worden“, erzählt Frances. „Mein erstes Instrument war das Cello. Und ich habe ganz früh mit fünf Jahren schon an der Royal Academy Ballett angefangen und Modern Dance. Dann sind wir nach Deutschland gezogen und mein ganzes kreatives Umfeld ist dadurch komplett zusammengebrochen. Das war für mich eine ganz schlimme, traumatische Zeit.“ Einige dieser Emotionen verarbeitet Frances im noch unvollendeten Werk „Wasteland“, äußere Landschaftsmerkmale werden zu Synonymen für Frances‘ innere Landschaften, die Entfernung von der Familie hinterließ bei ihr ein „Brachland der Gefühle“.

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Umbruch

Beim Umzug ist Frances elf, sie spricht kein Deutsch: „Es waren die späten 70er-Jahre, wo man sogar als Engländer als Ausländer galt, auch wenn man nicht so aussah. Es war schwierig und alles, was Kinder meistens wollen, ist sich anzupassen.“ Schon damals versucht Frances, ihre Gefühle und Eindrucke mit kreativen Mitteln zu verarbeiten. „Ich habe dann gezeichnet, aber im Grunde habe ich auch versucht, mich ein wenig zu verstecken. Und ich habe angefangen, Tagebuch zu schreiben. Ich schreibe seit meinem vierzehnten Lebensjahr Tagebuch, fast täglich.“

Die Form folgt dem Inhalt

Das Studium der Kunstgeschichte führt Frances schließlich nach Hamburg, in eine der grünsten Städte Deutschlands, aber leider auch eine der regenreichsten Gegenden, was Frances dennoch nicht von ausgiebigen Ausflügen und Spaziergängen abhält. Ihre Hunde wollen bewegt werden – bis heute. Nach dem sinnlichen Erfassen der Umgebung im Freien folgt nach der Rückkehr in das häusliche Umfeld für Frances die geistige Verarbeitung, Faktenanreicherung durch Recherche, das Begreifen, das Reflektieren und die Verwandlung aller Eindrücke in eine passende künstlerische Ausdrucksform: „Ich schwanke immer zwischen den Genres, auch ein bisschen je nach Projekt“, erzählt Frances. „Manche Sachen lassen sich nur in einem bestimmten Genre umsetzen. Ich habe Songtexte zum Beispiel manchmal angefangen, aber die passen dann aufgrund ihrer Struktur eigentlich gar nicht in einen Song, wenn sich der Rhythmus zu sehr ändert. Ich hatte zum Beispiel mal etwas über das chinesische Fußbinden geschrieben. Das ist dann aber kein Song, sondern ein längeres Gedicht geworden. Es ist so, als würden die Themen ihr eigenes Genre finden. Und deswegen springe ich da auch so ein bisschen hin und her.“

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Musikalische Erfahrungen

Es folgt ein 15jähriger Aufenthalt in den USA. Diese Zeit nutzt Frances, um ihre musikalische Karriere voranzutreiben. Sie singt in verschiedenen Bandformationen und findet zu ihrem individuellen Stil. „Ich würde sagen, es ist Jazz-Pop. Es ist kein ganz schwieriger ausgetüftelter Jazz. Aber es ist schon so, dass die Akkorde eher untypisch für Pop sind, wo es meistens nur zwei bis drei, vielleicht vier sind, die auch oft sehr repetitiv sind. Wie lässt sich eine harmonische Erweiterung vorantreiben? Damit spiele ich sehr, sehr viel und sehr gerne herum. Ich bastele gerne an expressiven Akkorden.“
In Los Angeles sei es leichter gewesen, fügt Frances hinzu, sich musikalisch auszuprobieren als in Deutschland, das bis heute ein „Angestelltenland“ ist, wie Sascha Lobo kürzlich in einem Artikel feststellte. In den USA sei es einfach normaler, in einem kreative Umfeld tätig zu sein, sich auch mal durchschlagen zu müssen: „Jeder muss irgendwie überleben. Die meisten machen noch einen anderen Job. Viele arbeiten auch an Projekten, denen man hier (in Deutschland) teilweise mit Augenrollen begegnen würde. Aber da ist es ganz normal. Auch dass irgendwie alle um Gelder pitchen. Alle haben ein Buch oder Drehbuch in der Schublade oder sind gerade beim Schreiben daran. Daher war es dort ein bisschen leichter. Und ich muss sagen: Da bin ich auch richtig aus mir herausgekommen.“

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Veröffentlichungen

Auch in unternehmerischer Hinsicht wagt sich Frances in L.A. an Neues. Sie gründet 2009 die Musikproduktionsfirma Moontraxx und veröffentlicht wenig später die CD Sticky Traxx mit sechs Titeln der 4UrbanArtists. Die Formation ist ein Nebenprojekt für Songs, die Frances in diesem Stil schreibt und aufnimmt, z.B. den Track Urban Survival (2010). Mit all ihren Songs ist sie längst in der digitalen Welt angekommen, neben ihrer eigenen Website präsentiert sie sich auf der Band-Website best-world-jazz-live-band-los-angeles.com/ und ist vertreten auf Plattformen wie Bandcamp, Spotify, Instagram, Soundcloud, LivemusicTravel sowie auf der Community-Plattform Ko-Fi – in etwa vergleichbar mit Patreon, aber nicht mit dem Druck, den Fans auf Knopfdruck etwas liefern zu müssen: „Ich arbeite nicht gut unter Druck. Am Anfang war es ja so eingerichtet, dass man seinen Fans versprechen sollte, einmal die Woche, meinetwegen ein Gedicht oder einen Song zu geben. So arbeitet mein Gehirn nicht, und auch nicht meine Kreativität. Ich weiß nicht genau, wann mich meine Muse küsst.“ Sie möchte nicht immer gleich alles rausgeben, woran sie arbeitet, sagt Frances. Manches brauche Zeit, um zu reifen. Es komme schon vor, dass sie bestimmte Werken auch mal liegenlasse und dann nach einigen Monaten daran weiterarbeite.

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Musikalische Einflüsse

2016 veröffentlicht Frances ihr zweites Soloalbum Ipanema Lounge, eine Sammlung von World Jazz Songs in Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch. Davor erschien ein Album mit Originalmaterial The World I Am Livings In mit ihren Originalsongs in englischer Sprache. Den französischen Klassiker Ma Solitude von Georges Moustaki aus den 1960er Jahren hat Frances sparsam und dennoch fesselnd instrumentiert sowie reharmonisiert mit voluminösen Kontrabass-Klängen und flüssigen Gitarren-Arpeggien: „eine perfekte musikalische Kulisse für den melancholischen Gesang“, findet Frances. Der Chansonnier Moustaki war – so wie Frances auch – ein Grenzgänger. Als Sohn eines griechischen Sefarden im ägyptischen Alexandria geboren, suchte Moustaki in Paris sein Glück, innerlich zerrissen zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen – ein Weltbürger wider Willen.

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Wertschätzung

Frances beschreibt sich selbst als sehr sensibel und emotional, insofern als sie z. B. traurige Umstände oder Ungerechtigkeiten sehr belasten, z. B. die Misshandlungen von Frauen in Afghanistan, die unzureichende Bildung von Kindern in Amerika. Frances schreibt daher auch über Frauenschicksale in Gedichten. Sie ist sich bewusst, dass sie in einer sehr privilegierten weißen Welt aufgewachsen ist: „Ich habe eine tolle Ausbildung genossen. Ich war an der Hamburger Uni, wir mussten nichts dafür zahlen. Ich habe eine Monatskarte (für den öffentlichen Nahverkehr) gehabt.“ Sie weiß all dies zu schätzen, umso mehr, weil die letzte Zeit in Los Angeles finanziell durchaus schwierig war, gerade zuletzt durch Corona, weil Hilfsgelder nur sporadisch kamen und die Leistungen ihrer Krankenversicherung unklar bzw. ungenügend waren.

© Björn Kempcke, MassivKreativ

Neuanfang

Erschüttert über das unerträgliche politischen Gebaren der Trump-Regierung und erschöpft von den Auswirkungen der Krisen um Corona und Klima kehrt Frances im Herbst 2020 nach Hamburg zurück. Sie knüpft an frühere Beziehungen an, die sie sich in der Hansestadt aufgebaut hatte. Die Corona-Beschränkungen machen das Ankommen und den Neuanfang nicht leicht, aber kreative Ideen wachsen in Gedanken immer weiter.

In kreativen Netzwerken und Teams arbeitet Frances auch in Auftragsproduktionen mit. Im Herbst 2021 übersetzt Frances Texte für Audioguides über die Schlossgärten und -Parks in Schwerin und Hohenzieritz an der Mecklenburger Seenplatte. Anfang 2022 folgen dafür die Sprachaufnahmen im Tonstudio. Auftraggeber sind die Staatlichen Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern.

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Emotionen

Eine konkrete oder bewusste Mission treibt Frances nicht an. Sie möchte ihre Mitmenschen für Schönes sensibilisieren, für materielle Dinge, wie Kunststücke – menschengemacht oder aus der Natur. Und für immaterielle Dinge, die sie selbst hervorbringt und damit für menschliche Empfindungen sorgt, die nicht zwangsläufig Frohsinn verbreiten müssen: „Mein erstes Soloalbum wurde in der Hinsicht kritisiert, dass es viel zu traurig sei. Aber das hat sich einfach so ergeben, das waren einfach die Erlebnisse der letzten Jahre. Ich bin keine Konzeptkünstlerin. Also ich überlege mir jetzt nicht ein großes Konzept und arbeitet daraufhin, sondern ich lasse mich von meinen Eindrücken und den daraus entstehenden Emotionen leiten. Insofern bin ich wohl eher Impressionist.“

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Rolle von Kunst in der Gesellschaft

Wie sieht Frances ihre Rolle als Künstler:in in der Gesellschaft? Inwiefern können Künstler:innen zur Gesundheit und zum Wohlbefinden einer Gesellschaft beitragen können: „Es gibt (in der Kunst) kein Richtig und kein Falsch, sondern so viel dazwischen. Es gibt so viele Möglichkeiten, Dinge anders zu machen, eine andere Sicht zu haben. Man sollte öfter fragen: Warum ging das denn jetzt nicht? Versuchen wir das doch mal anders.“
Flexibilität sei das, was die Mehrheitsgesellschaft von Künstler:innen lernen kann, so Frances, dass und wie man sich auf neue Situationen einstellen kann, dass man sich nicht nur unreflektiert an Neues anpassen sollte, sondern erst mal die richtigen Fragen stellt und zum Nachdenken anregt. Nicht einfach nur so weiter machen wie bisher, nur weil es früher so war und gut lief. Künstler:innen „können einfach den Horizont ein bisschen erweitern. Ich würde vor allem gerne junge Mädchen ermutigen, die vielleicht in schwierigen Umständen sind und gerne künstlerisch und kreativ sein wollen und ihnen zeigen, was alles möglich ist.“

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DANKE!

Dieser Beitrag – bestehend aus Recherchen, Podcast-Interview und Artikel – entstand in der von mir konzipierten Themenreihe „K-Power – Kreatives Zirkeltraining“ im Zukunfts- und Stipendienprogramm der VG WORT im Rahmen von NEUSTART KULTUR, initiiert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM).

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