Mit Kunst anders denken: Frauke Lietz
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Mit Kunst anders denken: Frauke Lietz

Warum wir uns nicht auf das scheinbar Machbare beschränken sollten

„Jeder Mensch trägt ein Potenzial in sich und ist grundsätzlich für Veränderungen bereit“, sagt die Theologin, Kunst- und Weiterbildungsmanagerin Frauke Lietz. Bis heute fühlt sie sich von der Überzeugung getragen, dass sich Dinge zum richtigen Zeitpunkt fügen und Menschen einer Wellenlänge zueinander finden. Warum für Frauke vor allem Künstlerinnen Zukunftstreiberinnen sind, hat sie mir im Interview erzählt, und das Programm mentoringKUNST vorgestellt.

Weltoffenes Elternhaus

Ihre Wertschätzung für andere Menschen hat biografische Gründe, ebenso wie der Vorschuss an Vertrauen, den sie zunächst jedem entgegenbringt. Frauke Lietz, Jahrgang 1970, wuchs zu DDR-Zeiten in einer oppositionellen Pfarrersfamilie in Mecklenburg-Vorpommern auf. Die Stasi hatte sie unter Dauerbeobachtung. Der Grund: Das Elternhaus gab sich weltoffenen, vor allem Künstler und Intellektuelle gingen hier ein uns aus. Die Begegnungen mit charismatischen und meinungsstarken Menschen waren prägend und hätten ihr den Horizont erweitert, sagt Frauke rückblickend. Dabei gestaltete sich das Erwachsenwerden für sie und ihre Geschwister durchaus steinig. Studienwünsche blieben ihr und ihrer Schwester verwehrt, die Staatsführung bestrafte nicht selten sämtliche Mitglieder aus linienuntreuen Familien kollektiv ab.

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Podcast-interview mit frauke lietz

Wende

Frauke blickt dennoch mit Dankbarkeit zurück. Den Mauerfall und die damit verbundene friedliche Revolution in der DDR sieht sie als zentrale Elemente in ihrem Leben, vor allem die Erfahrung, „dass Dinge, wo man dachte, die ändern sich nie, dass sie sich doch in kurzer Zeit ändern können.“ (Quelle: In die Welt und wieder zurück: Heimatfunde in Mecklenburg, ab ca 2:01:00) Frauke studiert Theologie und arbeitet einige Jahre für die Mecklenburgische Landeskirche. Doch immer häufiger erinnert sie sich an zurückliegende bereichernde Erlebnisse, die sie mit Künstlerinnen hatte. Der Wunsch wächst, sich wieder mehr mit ihnen auszutauschen. Durch einen Zufall kommt Frauke 2006 in das Projekt „Die Kunst von Kunst zu leben“. Es bereitet ihr Freude, mit Menschen zu tun zu haben, die Visionen und Ideen haben. Sie beeindruckt der intrinsische Antrieb von Kreativen, die trotz erschwerter Lebens- und Arbeitsverhältnisse und geringer Einkünfte von ihrem Traum des künstlerischen Daseins nicht ablassen würden.

Zukunftsthemen

Zukunftsfragen haben Frauke Lietz schon immer bewegt. Häufig engagiert sie sich in Initiativen und Gruppen, die sich mit Fragen des gegenwärtigen und zukünftigen Lebens in Mecklenburg-Vorpommern und der Welt auseinandersetzen, nicht zuletzt auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit. Im Jahr 2016 organisiert sie in der Projektgruppe Ästhetik und Nachhaltigkeit ein vielschichtiges Programm mit Ausstellungen, Workshops, Diskussionen und Filmvorführungen. Alle Veranstaltungen beschäftigen sich mit unterschiedlichem Fokus mit Zukunftsfragen, mal regional, mal global. Die Themen reichen vom Umgang mit Ressourcen, Klimawandel, Re- und Upcycling, der Integration von Geflüchteten, den Möglichkeiten der eigenen Mitgestaltung von Leben und Arbeit sowie zum Mehrwert von Kunst für die Entwicklung des Landes MV.

Bewegung

Gemeinsam mit Gleichgesinnten konnte Frauke in den letzten Jahren im Kulturbereich einiges bewegen. Kunst- und Kulturräte werden in den Landkreisen installiert, die der Szene und ihren Interessen und Belangen mehr Gehör verschaffen. Im ständigen Austausch mit Politiker:innen und engagierten Mitarbeiter:innen der Verwaltung konnten Frauke neue kulturpolitische Leitlinien in der Landespolitik von MV festschreiben. „Die Situation hat sich für die Kultur tatsächlich verbessert“, findet Frauke. Sie engagierte sich im Zukunftsrat des Landes MV, der von September 2020 bis März 2021 eingesetzt war, zu Themen, die schon ihr Vater Heiko Lietz als Theologe zu DDR-Zeiten gesetzt hatte: Umbau der Wirtschaft, Berücksichtigung von ökologischen Standards, Nachhaltigkeit mit den 17 Zielen der UN-Agenda 2030 und seit der Wende mehr Gerechtigkeit im sozialen Bereich.

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Mehr Power für Künstler:innen

Seit 2006 ist Frauke als Kunst- und Weiterbildungsmanagerin in die Förderung von Künstler:innen involviert, zunächst in das Projekt Die Kunst von Kunst zu leben, von November 2015 bis August 2020 in drei Durchgängen des Nachfolge-Vorhabens mentoringKUNST in der Trägerschaft des Frauenbildungsnetzes MV. Aktuell wird die Künstlerinnenförderung in MV mit mentoringKUNST 2020 bis vorerst 2025 unter dem Dach des Künstlerbundes Mecklenburg-Vorpommern weitergeführt – von Frauke entwickelt und bis Juni 2022 unter ihrer Leitung. Nach wie vor geht es darum, Künstlerinnen darin zu unterstützen, dass sie künftig von ihrer Tätigkeit besser leben können. Gefördert wird das Programm mentoringKUNST aus Mitteln des Landes und dem Europäischen Sozialfonds ESF.

Zielgruppen

Die Angebote richten sich im Wesentlichen an professionelle Künstler:innen aus dem Bereich Bildende Kunst und auch an Autor:innen, die Anspruch auf Leistungen der Künstlersozialkasse haben. Hierzu zählen u. a. auch die Bereiche Darstellende Kunst, Musik, Literatur und Publizistik. Neben der Stärkung der Künstler:innen selbst, 12-14 Plätze gibt es pro etwa 2jährigem Durchgang, sollen auch die Strukturen insgesamt im künstlerisch-kreativen Bereich verbessert werden, z. B. die Ausstellungsmöglichkeiten, die Rahmenbedingungen, etwa Transportkostenübernahme und Versicherung, mehr erschwingliche Atelierräume, eine bessere Zusammenarbeit mit Galerien und Galeristen und vor allem eine angemessene Ausstellungsvergütung. Nur wenige Künstler:innen können bislang ausschließlich vom Verkauf ihrer Kunstwerken leben.

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Module und Formate

Die Formate im Programm sind individuell gestaltet und werden getragen durch den direkten Austausch, z. B. in 1:1-Beratungen in Tandems zwischen erfahrenen Künstlerinnen und Autorinnen. Sie geben als Mentorinnen ihr berufliches Wissen und ihre Erfahrungen an kreative Neu- oder Quereinsteigerinnen weiter. Flankiert werden die Beratungen von einem Fachprogramm mit Grundlagenwissen. Hier werden die Teilnehmer:innen untereinander vernetzt und professionalisiert, im Rahmen von Trainings, Workshops, Seminaren, Exkursionen. Neben Gesprächen und der Begutachtung des eigenen Portfolios geht es maßgeblich um die Selbstvermarktung: Wo schlummern verborgene Geschäftsmodelle, ohne sich als Künstler:in verbiegen zu müssen? Wie präsentiere ich mich am Markt? Zu welchen Partner, Galerien, Verlagen, Medien usw. sollte ich in Kontakt treten? Wie organisiere und verwalte ich meine Arbeit? Wie achte ich auf Rechte und Lizenzen? Welche Rolle spielen Versicherungen und Altersvorsorge? 

Breiter aufstellen

Die immensen Corona-Einschränkungen im Sektor von Kultur und Tourismus haben die Situation von Künstler:innen und Kreativschaffenden zusätzlich erschwert. Im Förderprogramm „mentoringKunst“ können Künstler:innen daher auch ausloten, welche zusätzlichen Tätigkeitsfelder und Einnahmequellen sie mobilisieren können, z. B. durch private Workshops oder Kurse, Lehrtätigkeiten an Hochschulen, Vermittlungskurse an Schulen, etwa im Bundesprogramm „Kultur macht stark“, Führungen und weitere Aktivitäten. Synergien sollen ebenfalls ermittelt werden – zwischen Kunst und Kultur einerseits, Wirtschaft und Kulturtourismus andererseits. Welche Mehrwerte schaffen Kunst und Kultur für die Regionalentwicklung und den (Kultur-)Tourismus?

Absolventinnen

Damit das Vorhaben nachhaltig wirkt, hat Frauke Lietz für mentoringKUNST ein Alumnaeprogramm entwickelt. Es richtet sich an mittlerweile mehr als 50 Absolventinnen (= Alumnae) der zurückliegenden Durchgänge. Absolventinnen können auf diese Weise in Kontakt bleiben, an Veranstaltungen des aktuellen mentoringKUNST-Jahrgangs teilnehmen und zu selbst gewählten Inhalten und Vorhaben zusammenzuarbeiten. In einem Sonderprogramm stand im vierten mentoringKUNST-Jahrgang von 2020-22 das Crossmentoring im Fokus, d. h. Künstler:innen traten in Austausch mit Unternehmerinnen nicht-künstlerischer Wirtschaftssektoren, eine Kooperation mit Peggy Hildebrand, der Landeskoordinatorin der Servicestelle „Aufstieg in Unternehmen – Mentoring für Frauen in der Wirtschaft in M-V“.

Kunst & Wirtschaft

Bereits in den Vorjahren gab es Modell- und Pilotversuche mit „Wirtschaft trifft Kunst – Kunst trifft Wirtschaft“. Frauke Lietz erinnert sich: „Da haben Tandems künstlerisch miteinander gearbeitet, d. h. jede Partnerin hat eine Leinwand im A3-Format bemalt, die dann nach einer gewissen Zeit an die andere Tandempartnerin übergeben und von ihr weitergemalt wurde. Das war zum Teil auch irritierend. Im Nachgang gab es dazu eine Reflexion. Wie haben sich die PartnerInnen gegenseitig wahrgenommen? Wie haben sie Ideen der anderen fortgeführt? Die Kommunikation über das kreative Schaffen war besonders interessant, und in jedem Fall aber befruchtend.“

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Prozesse statt Pläne

Inwiefern können Künstler:innen ihre besonderen Fähigkeiten auch in andere Bereiche der Gesellschaft einbringen: Wirtschaft und Verwaltung, in Politik, Wissenschaft, Bildung und Zivilgesellschaft? Unsere Arbeitswelt ist von tiefgreifenden Veränderungen durchdrungen. Angstfreies und vernetztes Denken, Perspektivwechsel, Arbeit in kokreativen Teams und Mut zum Ausprobieren müssen viele in nichtkünstlerischen Berufen erst noch erlernen und einüben. Künstler:innen konnten hier als Coaches Unterstützung leisten. Für sie ist es Alltag, sich trotz unsicherer Rahmenbedingungen immer wieder zu hinterfragen, sich neu zu erfinden, zu motivieren und zu behaupten. In der klassischen Wirtschaft wolle man immer genau wissen: „Was machen wir bis wann und was kommt dabei heraus“, während Künstlerinnen meist ergebnisoffen arbeiten, ähnlich wie Forscherinnen auch.

Schnittmengen

Frauke Lietz hat Schnittmengen beim Zusammentreffen von Künstler:innen mit Unternehmer:innen aus klein- und mittelständischen Unternehmen beobachtet – im Rahmen von künstlerischen Workshops und Impuls-Vorträgen: „Das weiße Blatt – als sprichwörtliches Symbol für Offenheit, zugleich aber auch für Unsicherheit – war etwas, auf das sich nach einiger Zeit auch die Unternehmerinnen einlassen konnten. Da sind interessante Annäherungen entstanden: das gegenseitige Austarieren von unterschiedlichen Arbeitserfahrungen“. Stringenz und Planbarkeit werde im Wirtschaftsleben mehr und mehr in Frage gestellt, zuletzt auch durch Corona. Unternehmerinnen bestätigen, dass mehr in Prozessen in kurzen Etappen gedacht und gearbeitet werden müsse. Einige „Unbekannte“ im Projektverlauf mussten in Kauf genommen werden und Methoden mehrmals angepasst werden. Künstlerinnen hatten erkannt, dass sie diesbezüglich spezifische Kompetenzen und eine „innere Gelassenheit“ besitzen, die sie als Erfahrungswerte in andere Bereiche der Wirtschaft und der Gesellschaft einbringen können.   

Lern- und Aha-Effekte

Die Branchen sind unterschiedlich, aus denen die nicht-künstlerischen Tandempartnerinnen stammten: vom Softwareunternehmen über Klimatechnik, Umweltunternehmen bis zur Unternehmensberatung und Coaching. Was erhoffen sich diese Unternehmerinnen vom Austausch? „Einige sind neugierig, wie Künstler:innen an ungewisse Prozesse herangehen, andere sind an der künstlerischen Gestaltung interessiert“, sagt Frauke Lietz, „einfach mal die Chance zu bekommen, durch direkten Austausch Einblick in die Welt einer Künstlerin zu bekommen und das in einem überschaubaren Zeitrahmen ohne dauerhafte Verpflichtung. Und einige erhofften sich auch künstlerische bzw. gestalterische Impulse für das eigene Unternehmen – im Hinblick auf Außenwirkung, Präsentation, Design.“

Die Welt anders träumen

„Künstlerinnen haben eine besondere Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen und ihre Erkenntnisse in die Gesellschaft hineinzutragen“, sagt Frauke. Dieser innere Antrieb sei für sie so essenziell, dass sie sagen, ich kann nur Künstler sein, trotz aller Nachteile und Unsicherheiten, die dieser Beruf mit sich bringt. Es sei eine Notwendigkeit, der eigenen Wahrnehmung eine Gestalt zu geben, so Frauke. Dieser innere Drang gibt Künstlerinnen auch ein Stück Freiheit, die Dinge konsequent zu Ende zu denken, konsequent nach außen zu tragen und auf Irritation zu setzen. Hier sieht Frauke Berührungspunkte zur theologischen Welt, die ja auch mit der 4. Dimension arbeite: „Wir sehen, wie die Dinge sind. Aber aus der Wahrnehmung, die über das Alltägliche hinausgeht, wagen wir uns, die Welt neu zu träumen.“

Undenkbares wird möglich

Wahrnehmung und Imagination, also die innere Vorstellungskraft, zeichnet Künstlerinnen aus und macht sie für die Gesellschaft so wertvoll, das Undenkbare für möglich zu halten. „Das ist, was mir in meinem Leben sehr wichtig ist“, betont Frauke, „nicht bei den Gegebenheiten stehen zu bleiben, sondern zu sagen, es geht alles auch ganz anders, wie beim Mauerfall. Das ist meine persönliche Motivation, warum ich so gerne mit Künstlerinnen zusammenarbeite. Ich muss mich nicht auf das scheinbar Machbare beschränken.“ Auch deshalb initiiert und gestaltet sie bis heute Kunst-, Kultur- und Demokratie-Projekte, um die ungenutzten Potentiale des Ostens zu fördern und sichtbar zu machen.

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DANKE!

Dieser Beitrag – bestehend aus Recherchen, Podcast-Interview und Artikel – entstand in der von mir konzipierten Themenreihe „K-Power – Kreatives Zirkeltraining“ im Zukunfts- und Stipendienprogramm der VG WORT im Rahmen von NEUSTART KULTUR, initiiert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM).

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