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Warum können die das? Künstler als Gesellschaftsgestalter

Wie und wofür setzen wir unsere Kreativität ein? Bei der Beantwortung dieser Frage geht es vor allem um „innere Haltung“ und um „Gewissenhaftigkeit“. Wir müssen uns über die Folgen unseres Handelns bewusst werden. Kreativität besteht nicht nur in ästhetisch-gestalterischen Kompetenzen.  Künstler:innen und Kreativschaffende sind daher vielseitige Gesellschaftsgestalter.

Reflexion unseres Handelns

Über den Start eines gentechnischen Projektes entscheidet eine Ethikkommission. Bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz, bei Biohacking, transhumanistischen Selbstversuchen und Kryonik-Experimenten steht eine vergleichbare Kontrollinstanz noch aus, obwohl die Konsequenzen derzeit nicht absehbar sind. Sebastian Feucht ist Spezialist für ökointelligente Gestaltung und Vorsitzender des Sustainable Design Center e.V. und prägte den Begriff enkelfähig für zukunftsgerichtetes Design: „Enkelfähige Produkte sind so konzipiert, dass unsere Enkel die gleichen Chancen haben wie wir hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs und hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit.“

Was Künstler:innen und Entrepreneure verbindet

Verantwortungsbewusste Kreativschaffende und Gründer von Sozialunternehmen nutzen Kreativität auf ähnliche Weise wie Künstler. Wirtschaftsprofessor Günter Faltin, Autor des Buches „Kopf schlägt Kapital“, erklärt es so: „Für mich ist der Entrepreneur näher am Künstler als am Business-Administrator, am Verwalter. In der postindustriellen Gesellschaft können wir mit unseren Bedürfnissen mehr von Kunst lernen und uns an ihr orientieren als von einer Ökonomie mit Gewinnmaximierung … Kunst und Kunstbetrachtung können z. B. bei der Produktentwicklung helfen. Man kann an einem Kunstwerk systematisch erklären und erproben, wie man zu den Prinzipien des Entrepreneur-Designs gelangt.“ Wirkprinzipien der Kunst sollten also beherzter auf das Leben und die Gestaltung der Gesellschaft übertragen werden.

Wie Künstler:innen fühlen und denken

Für den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck ist Empathie eine wichtige künstlerische Kompetenz „Ich glaube, dass Menschen, die ein Herz haben, es auch für Mitmenschen haben. Indem Künstler uns in unserer Ganzheit ansprechen, unsere Gefühle und unser Herz, erwachen in uns auch Bestrebungen, die über uns hinausgehen. Das Mitmenschliche ist vielleicht vorpolitisch, wirkt sich aber politisch aus. Zuwendung heißt politisch ‚Solidarität‘. Eines erwächst aus dem anderen, ohne dass der Künstler sagen muss, ich bin ein politischer Aktivist.“

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Warum wir kreative Menschen mit Haltung brauchen

Viele meiner auf MassivKreativ gesammelten Fallbeispiele zeigen Künstler und Kreative als Forscher, Vor- und Querdenker, als Visionäre und Zukunftspioniere, als Aktivisten, nicht zuletzt im Umgang mit Vielfalt. Sie haben die Fähigkeit, gesellschaftsgestaltend zu wirken, weil ihre Kreativität nicht allein in der Kunst gefangen ist. Die Innovationsforscherin Ursula Bertram vergleicht die Haltung von Künstlern mit einer Haut, in die man nach und nach hineinwächst. Dies brauche Zeit, Willen und Ausdauer: „Mit einer künstlerischen Haltung kann man nicht nur Bilder malen, sondern auch andere Prozesse begehen in ganz anderen Fachgebieten. Man kann damit auch in die Wissenschaft, in die Wirtschaft, überall hin … Wenn ich einem Künstler die Bilder wegnehme, dann bleibt das künstlerische Denken übrig und das ist die Essenz, die ich auch auf andere Gebiete anwenden kann …“

Kompetenzen von Künstlern zur Gesellschaftsgestaltung

Kreativität ist eine ständige Begleiterin von Künstler:innen, sie ist innere Triebkraft, häufig Überlebensstrategie und „Daseinsform“, denn – so schreibt der Psychologe Daniel Golemann, „Menschen, die kreativ sind, denken ständig über das Gebiet nach, auf dem sie arbeiten“.
Im Dokumentarfilm Coda spricht der japanische Pianist Ryuichi Sakamoto über die Fähigkeit des Vorausdenkens und Vorhersehens: „Künstler sind wie Kanarienvögel im Bergwerk. Sie spüren das Unheil, bevor es geschieht.“

Transfer von künstlerisch-kreativem Denken in die Gesellschaft

Künstler:innen sollten in vielen Bereichen unserer Gesellschaft zu Beratern werden. Warum? Künstler:innen und Kreativschaffende sind Überlebensstrategen, von denen sich vieles lernen lässt. Mit ihren besonderen Kompetenzen und Methoden können Menschen aus nicht-künstlerischen Bereichen ihre „kreativen Muskeln“ wie in einem KREATIVEN ZIRKELTRAINING stärken. Die von mir zusammengestellte Übersicht vielfältiger Werte, Kompetenzen und Haltungen zeigt im Detail, woran sich die besonderen Fähigkeiten und Eigenschaften von Kreativen festmachen lässt:

  • Offenheit, gedankliche Freiheit, Neugierde, Wissbegierde
  • Freude an Recherchen, den Dingen auf den Grund zu gehen
  • Kompetenz zum (Hinter-)Fragen: Wer fragt, führt!
  • Zuhören können, Interesse an neuen Blickwinkeln
  • Fähigkeit zu Rollen- und Perspektivwechsel
  • Mut, anders und kreativ zu denken, gegen den Strom zu schwimmen, originell und einzigartig zu sein
  • Routinen hinterfragen und Regeln brechen
  • das Undenkbare für machbar halten, Dinge anders machen
  • Bereitschaft zum Risiko, Fehler zu machen, Irrtümer in Kauf zu nehmen
  • Fähigkeit zu nichtlinearem Denken, themenübergreifend, hybrid, interdisziplinär
  • Imagination, Vorstellungskraft in anderen wecken, z. B. durch Storytelling
  • Freude und Interesse am lebenslangen Lernen
  • Offenheit für Vielfalt, für kokreative Netzwerke, interdisziplinäre Kollaborationen, Komplizenschaft
  • Mittelorientierung „Effectuation„: Was kann ich? Wen kenne ich? Mit wem kann ich mich kollaborativ und kokreativ vernetzen, um mein Ziel zu erreichen?
  • spielerische Freude am Ausprobieren, Gamification
  • Erproben von Ungewöhnlichem und Neuem, Cross-Innovation
  • Verantwortungsbewusstsein, Sinnhaftigkeit, Gemeinsinn und Gemeinwohl
  • Empathie, Leidenschaft, Begeisterung, Humor
  • Konzentration, Fokussierung, Überzeugungs- und Willenskraft
  • Fähigkeit zu reflektieren, zu abstrahieren, mit Kritik umzugehen
  • Beharrlichkeit, Ausdauer, Resilienz bei Widerständen und Rückschlägen
  • Experimentierfreude, Improvisationsgeschick, z. B. bei Beschränkungen
  • Inspirationskraft, Motivationskraft, Überzeugungskraft, Willenskraft
  • positive Lebenseinstellung, Zuversicht, Optimismus, kein Hierarchie-Denken
  • Intuition, ergebnisoffenes Denken und Arbeiten, Prozesse statt Pläne
  • Wahrnehmung für Leerstellen und Fehlentwicklungen, soziale Innovationen
  • Geschichten des Gelingens erzählen und damit Mitstreiter finden
  • scheinbar Unwichtiges in den Fokus nehmen und ihm Bedeutung geben

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