Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

 © Andreas-Hermsdorf, Pixelio.de 

HEIMAT ist wieder in aller Munde. Vielleicht auch deshalb, weil sich viele nicht mehr ganz sicher sind, was Heimat eigentlich bedeutet. Mehrfach umgedeutet und von unliebsamen Kräften okkupiert suchen Experten und Bürger nach einer zeitgemäßen Definition und Positionsbestimmung.

Heimat – eine wilde Karriere

Unser Verhältnis zur Heimat hat über die Jahrhunderte Höhen und Tiefen erlebt. Während die Romantiker noch von der Heimat schwärmten („Seit ich auf deutsche Erde trat, durchströmen mich Zaubersäfte … Heinrich Heine, 1844: Deutschland. Ein Wintermärchen) haben die Nazis sie völkisch vergöttert und missbraucht. Bildungspolitiker strichen die Heimat-Vermittlung in den 1970er Jahren vorsorglich zumindest formal aus den Lehrplänen und ersetzte „Heimatkunde“ mit „Sachkunde“-Unterricht. Erst seit dem Mauerfall erwärmt die Heimat wieder die Herzen, auf unterschiedliche Weise.

Bei der Fußball-WM werden Patriotismus und Heimatbegeisterung von der Mehrheit unterstützt und toleriert. Dass Wutbürger nun den Heimatbegriff bei ihren Aufmärschen kapern, wird mehrheitlich verurteilt. Deren Heimatliebe ist häufig aus einem Abwehrreflex gegen Neuankömmlinge motiviert ist. Dabei ist Heimat groß genug, dass auch Menschen anderer Herkunft integriert werden können. Ein- und Auswanderung hat es in unserer Welt schon immer gegeben, auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen.   

 © Dieter Schütz, Pixelio.de 

Heimatgeschichten

Heimat-Serien auf dem Bildschirm haben seit vielen Jahren Hochkonjunktur. Sie zeichnen meist ein idyllisches und verklärtes Bild, vor allem wenn es um ländliche oder kleinstädtische Regionen geht. Gezeigt werden Landliebe und „Landlust“, wie im gleichnamigen Magazin so, wie Großstädter sie sich ausmalen.

In Heimat-Romanen ist der Blick schon differenzierter, 2015 etwa in Dörte Hansens Debütroman „Altes Land“, dem 2018 mit „Mittagsstunde“ der Blick in ein fiktives nordfriesisches Straßendorf folgte. Dazwischen kreist Juli Zeh in „Unterleuten“ in Brandenburg um Konflikte zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen. Mariana Lekys erzählt über den Westerwald „ Was man von hier aus sehen kann“. Katrin Seddig nennt ihr Buch schlicht „Das Dorf“, Kollege Andreas Moster bekennt „Wir leben hier, seit wir geboren sind“. Bastian Asdonk schreibt „Mitten im Land“ von der Flucht eines Stadtmüden in die Provinz und Alina Helbing in „Niemand ist bei den Kälbern“ über Auf- und Umbruch in Mecklenburg. Alle schweben irgendwo zwischen Verbundenheit und Distanz.

 © Uschi Dreiucker, Pixelio.de 

Zwischen Pflichtlektüre und Provokation

Wo das neue „Deutschland“-Epos von Rammstein einzuordnen ist, darüber streiten die Kritiker noch. In dem enorm aufwändig produzierte Video zum knapp 10minütigen Song der Band folgen zig Anspielungen auf die deutsche Geschichte und auf diverse Filmblockbuster. Die Szenen sind getränkt in viel Testosteron: Feuer und Waffen, Blut und Gemetzel, Ritter und Nazischergen, die Bandmitglieder selbst an Galgen im KZ, zuletzt Verweise auf RAF und Stasi. Das Ganze immer ironisch gebrochen mit niedlichen Hundewelpen und einer schwarzen „Germania“ – mal in goldener Rüstung, mal mit Pickelhaube oder SS-Uniform (Schauspielerin Ruby Commey). Sieht so deutsche Heimat aus? Zumindest liefert dieses Bild Stoff für Interpretation und Dialoge, wie sie nach der Wende definitiv zu selten geführt wurden und immer noch zu wenig geführt werden. Ob man die Redeversäumnisse um unsere Heimat wieder ausgleichen kann, wird sich zeigen.

Heimat gestern und heute

Heimat hat sich für viele verändert, nicht nur im Osten. Heimatgefühle sind immer an Zeitabschnitte gebunden, an die Kindheit, die irgendwann endet, an ein soziales Gefüge, das sich verändert. Menschen gehen im Laufe der Zeit, neue kommen hinzu und damit auch verschiedene Lebensentwürfe, andere Meinungen, neue Ideen. Heimat bleibt nie gleich, nicht so, wie sie immer war, auch wenn sich das einige wünschen.

 © Jutta Rotter, Pixelio.de 

Heimat verändert sich

Der 1994 geborene Autor Lukas Rietzschel hat versucht, gewachsenes Unbehagen, Wut und Aggression in der ostdeutschen Heimat historisch herzuleiten: gesellschaftliche Umbrüche, zerrissene Biografien, Ignoranz. In seinem Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ zeigt er, wie zwei Brüder in der sächsischen Provinz auf die neue Zeit mit neuen Mitbürgern reagieren, unterschiedlich, blindwütig, resigniert, und wie sie am Ende vor Veränderungen kapitulieren.

Diffuse Angst

Im Dokumentarfilm „Kleine Germanen“ von Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh, einer Mischung aus realen Szenen und animierten Zeichnungen, mahnt der Großvater seine Enkelin: „Wir müssen unsere schöne Heimat beschützen!“ „Wovor?“ – fragt das Mädchen. „Vor dem Fremden“. Das Mädchen weiß nicht, wie sie sich „das Fremde“ vorzustellen hat, Sie hatte noch keinen Kontakt mit Fremden. Doch die Warnung des Großvaters lässt sie eine diffuse Angst vor dem Fremden entwickeln und vor Veränderung im Allgemeinen.

 © Lutz Stallknecht, Pixelio.de 

Gesinnungsdebatte Heimat

Was und wie Heimat zu sein hat, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Die Doku „Kleine Germanen“ zeigt die völkische Wunschvorstellung der Neuen Rechten auf Wahlkampfplakaten der NPD: „Deutsche Kinder braucht das Land. Aus Liebe zur Heimat.“ Höchste Zeit, dass das Thema Heimat von demokratischen Kräften zurückerobert und im Sinne einer offenen Gesellschaft gesehen wird. Die Politik hat es immer wieder mühsam mit Überlegungen zur „Leitkultur“ versucht, um verbindliche Re­geln für un­ser­ Zu­sam­men­le­ben zu formulieren. Mit diesem Ziel wurde 2018 wohl auch das Heimatministerium an das Innenministerium angegliedert. Konkrete Maßnahmen werden in diesen Wochen noch geplant – inklusive Einheitsfeier zum Jubiläum „30 Jahre Friedliche Revolution, 30 Jahre Deutsche Einheit“ 2019/20. Spätestens dann sollte sichtbar werden, wie dynamisch und vielfältig die Heimat in Deutschland ist und schon immer war.

 © Dieter Schütz, Pixelio.de 

Dialog über den Heimatbegriff

Wenn Politiker schweigen bzw. sich winden, springen Kreative und Kulturakteure ein. Der Rheinland-Pfälzische Kultursommer 2019 hat sich das Motto Heimat(en) auf die Fahnen geschrieben – mit Veranstaltungen, Gesprächen, Diskurs und Austausch. Bereits im März 2018 richtete der Westfälische Heimatbund seinen ersten NRW-Heimatkongress aus. Anfang 2019 schaltete sich die Kulturpolitische Gesellschaft KUPOGE in die Identitätsdebatte ein. In ihrem Magazin Politik & Kultur (März 2019) widmete sie einen Themenschwerpunkt dem Motto Heimat – Kunst. Im Juni 2019 ließ sie einen Bundeskongress folgen KULTUR.MACHT.HEIMATen. Wie die Redner, Podiumsteilnehmer und Gäste die Frage nach der Heimat beantworten, darüber berichte ich im nächsten Blogbeitrag.

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger und Experten in Deutschland darüber denken 

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