Kreativität: woher und wohin? Eine Bestandsaufnahme

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2009 hat die EU-Kommission erklärt, bei allen Bürgern „kreative und innovative Fähigkeiten als Schlüsselkompetenzen durch lebenslanges Lernen“ zu fördern und rief das „Europäische Jahr der Kreativität und Innovation“ aus: „Kreativität ist eine menschliche Eigenschaft, die sich in vielen Kontexten manifestiert, angefangen bei Kunst und Design über Handwerk bis hin zum Fortschritt in Wissenschaft und Technik und zu Unternehmertum und sozialer Innovation. Innovation ist die erfolgreiche Umsetzung neuer Ideen, die aus der Kreativität eines Menschen hervorgegangen sind. Die eng miteinander verknüpften Fähigkeiten Kreativität und Innovation kommen daher gleichermaßen dem wirtschaftlichen und sozialen wie auch dem künstlerischen Bereich zugute.“ (EU-Parlament 2008) 

Allzweckwaffe

Wird Kreativität zu inflationär beschworen, als „Universaltherapeutikum“ und allmächtige Problemlöserin missbraucht? Nicht nur Künstler empfinden zuweilen Unbehagen gegenüber ihrer Ökonomisierung und Funktionalisierung. Gedeiht Kreativität nicht vor allem beim zweckfreien Forschen? „Kreativität fängt da an […], wo der Verstand aufhört, das Denken zu behindern“ (Huchler / Jansen 2009, S. 5), konstatieren die Sozialwissenschaftler Andreas Huchler und Stephan A. Jansen. Oder führt uns eher das bewusste Nachdenken über die Welt zu neuen innovativen Erkenntnissen?

  © Dieter Schütz, pixelio.de

Definition

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Doris Rothauer stellt fest: „Es gibt keine einheitliche Definition, keinen Konsens darüber, was Kreativität ist, wie sie entsteht und wie sie wirkt. Sie ist, was ihrer Natur entspricht: nicht planbar, nicht messbar, nicht zuordenbar, nicht auf Knopfdruck abrufbar.“ (Rothauer 2016, S. 32)
Weil wir ständig den Drang haben, unsere Welt zu ordnen, zu strukturieren und zu planen, ist Kreativität abseits der Kunst in den meisten anderen Lebensbereichen eine Herausforderung. Vor allem in konservativen Institutionen, wo Hierarchien häufig spontane und neue Ideen behindern, um so mehr, wenn sie bestehende Strukturen zur Disposition stellen.

Joachim Funke, Professor für Psychologie an der Universität Heidelberg, hat eine Erklärung gefunden, die sich am Markt orientiert: „Kreativität bedeutet das Hervorbringen eines neuen, individuell oder gesellschaftlich nützlichen Produkts. Ein Produkt, das nicht durch Routineverfahren erzeugt werden kann… Kreativität ist ein Erfolgsgeheimnis der Evolution: Schaffe zufällige Mutationen und schaue, was sich bewährt.“ (Jetzt, 11.05.2018).

Alles immer auf Anfang

Am Anfang einer Kreation steht sinnbildlich das leere, weiße Blatt. Für die einen ein Alptraum mit Versagensängsten, für die anderen die Hoffnung auf den großen Wurf. So oder so: Es ist die Geburtsstunde für Künstler und Entrepreneure, die etwas Eigenes „unternehmen“ wollen, und ebenso für Intrapreneure, die als Mitarbeiter eigenverantwortlich tätig sein möchten und es auch dürfen. Kreativ zu werden heißt, weiße Flecken, Leerstellen in unserer Gesellschaft zu erkennen, die andere Menschen nicht sehen, Fragen zu stellen und Lösungsansätze zu finden. Der Psychologe und Autor Frank Berzbach erklärt es so: „Kreative haben die Unzufriedenheit mit dem real Existierenden in ihr Leben eingebaut: wem die bisherigen Lösungen nicht ausreichen, […] wird schöpferisch tätig […] Kreativität wird zur Lebensform, wenn wir nicht aufhören darüber nachzudenken, […] wie wir die Welt besser hinterlassen.“ (Berzbach 2013, S. 21, 165)

 © Irene Lehmann, pixelio.de

Begriffsklärung

Kreativität wurzelt im Schöpferischen, „creare“ bedeutet „schöpfen“: etwas Neues, Originelles, noch nie da Gewesenes. Kreationen entstehen zunächst im Kopf und bahnen sich dann ihren Weg nach außen. Kreativität bedeutet Originalität! Wir sind überrascht und berührt, wenn wir zum allerersten Mal etwas Unerhörtes, Ungesehenes oder Ungefühltes erleben. Kreative Ideen helfen uns dabei, unser alltägliches Tun zu reflektieren, Routinen aufzugeben, Perspektiven zu wechseln.

Wenn wir unsere Sichtachsen ändern, nehmen wir die Welt anders wahr und können uns neuen Dingen öffnen. Neue Inhalte brauchen häufig auch neue Strukturen. Die alten Strukturen über Bord zu werfen und Experimente mit ungewissem Ausgang zu wagen, erfordert Mut. Wer kreativ sein will, muss kühn und furchtlos agieren!

 © Daniel Stricker, pixelio.de

Kreativität als Zukunfts- und Wirtschaftsfaktor

Auf dem Weltwirtschaftsforum 2016 in Davos wurde Kreativität zum drittwichtigsten Faktor der Wirtschaft erklärt. Doch im Alltagsgeschäft überwiegt die Angst vor offenen Prozessen mit ungewissem Ausgang. Jede beherzte Entscheidung erfordert Verantwortung für deren Folgen. Kreativität ist ein unberechenbares Gewächs, ein unkontrollierbarer Freigeist. Einem Projekt bzw. einer Entwicklung freien Lauf zu lassen, so wie Künstler und Kreative es tun, ist für viele Akteure in der Wirtschaft und im öffentlichen Sektor nach wie vor eine Herausforderung. Ein Ziel nicht linear anzupeilen, sondern auch Umwege und Überraschungen zuzulassen, erscheint ungewohnt. Vielleicht fällt es deshalb noch schwer, Kreativität außerhalb von Kunst und abseits der Kultur- und Kreativbranche zu etablieren?

Hartnäckigkeit ist gefragt. Es gibt noch viel zu tun! Kreativschaffende dürfen nicht locker lassen. Sie müssen alle Institutionen und Bereiche der Gesellschaft mit Mut und kreativen Methoden „aufmischen“!

 

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