Kunst und Design: Geschichten aus dem Automaten

457445_web_R_K_B_by_Rita Köhler_pixelio.de © Rita Köhler, Pixelio

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche, Teil 5 – Kunst und Design

Künstler und Kreativschaffende aus unterschiedlichen Branchen unterstützen überall in Deutschland Geflüchtete: egal ob im Theater oder auf der Opernbühne, in Film- oder Tonstudios, in Architektur- oder Designwerkstätten, in Kunst-Ateliers oder in multikulturellen Küchen, bei Flashmobs, Tanzperformances oder in Game-, App- und Web-Laboren. Die Beispiele der folgenden 10teiligen Blogreihe zeigen, dass Deutschlands Kreativszene ein starker Innovationsmotor für eine gelungene Integration ist, die Parallelgesellschaften vorbeugt und damit uns allen hilft.

685528_web_R_K_B_by_Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM)_pixelio.de © Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft IESM, Pixelio

Kunst I: Aktionsraum für Flüchtlinge

Das Hamburger Künstlerkollektiv Baltic Raw initiierte 2015 auf Kampnagel in Hamburg einen Aktionsraum für Geflüchtete der Lampedusa-Gruppe. Amelie Deuflhard, der Intendantin des Kulturzentrums, ist es zu verdanken, dass eine temporäre Spielstätte des Kampnagel-Sommerfestivals für Geflüchtete winterfest gemacht wurde. Die Ecofavela Lampedusa-Nord ist ein hölzerner Nachbau des umkämpften Hamburger Kulturzentrums „Rote Flora“ im Schanzenviertel und erfüllte die ökologischen Standards eines Passivhauses. Einen Winter lang fungierte es als Unterkunft und Begegnungsraum. Die dort untergebrachten Flüchtlinge der Lampedusa-Gruppe lebten in Hamburg zunächst auf der Straße, bevor ein Teil von ihnen vorübergehend Unterschlupf in der St.-Pauli-Kirche fand. Die Ecofavela auf Kampnagel ermöglichte einen sozialen Dialog auf Augenhöhe zwischen Künstlern und Geflüchteten. Berndt Jasper von Baltic Raw: „Das Kunstprojekt ist eine Art soziales Labor, Aktionskunst mit dem Ziel, die Flüchtlinge zu integrieren.“

683532_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Kunst II: Hotelalltag für Geflüchtete und Reisende

Ein ehemaliges Altenheim der Diakonie im Ausburger Domviertel bringt Geflüchtete, Reisende und Kreative zusammen. Das Grandhotel Cosmopolis ist ein Gesamtkunstwerk, entwickelt von Kreativen, hinter denen der gemeinnützige Verein »Grandhotel Cosmopolis e.V.« steht. Das Haus beherbergt 65 Asylbewerber in kleinen Wohnungen, bietet Reisenden und Gästen in 16 Hotelzimmern eine preiswerte Unterkunft und Künstlern Büroräume, interdisziplinäre Ateliers, eine Bühne für Veranstaltungen und offene Lernwerkstätten, die von allen genutzt werden können.

Im Fokus steht die Teilhabe für alle: Geflüchtete bringen sich und ihre Ideen in den Hotelalltag ein und können Beratungsangebote in Anspruch nehmen. Reisende aus aller Welt befruchten das Haus mit ihren Erfahrungen. Es geht um Perspektivwechsel, um das Nachdenken über den Begriff des Reisens und um die Annäherung zwischen Menschen, ihren Schicksalen, Lebenswelten, Kulturen. Die Café-Bar ist ein interkultureller Treffpunkt, der Küchenbetrieb wird kosmopolitisch organisiert. Die Kreativen setzen Akzente für ein friedliches Zusammenleben in der modernen Stadtgesellschaft, frei nach Joseph Beuys: „Viel interessanter als ein Haufen Gleichgesinnter ist doch eine Gemeinschaft der Ungleichgesinnten.“

Das Grandhotel ist eine Fundgrube berührender Geschichten. Der Design-Professor Mike Loos hat daher gemeinsam mit Studenten der Hochschule Augsburg im Rahmen eines Workshops Comic-Reportagen über Flüchtlinge, Ehrenamtliche und Nachbarn des Cosmopolis erarbeitet. Die „Geschichten aus dem Grandhotel“ sind im Augsburger Wißner-Verlag zum Preis von 12,80 Euro erschienen.

Essen_Geschichten aus dem Kaugummiautomaten © Folkwang Universität der Künste, un-an-vertraut.de

Kunst III: Geschichten aus dem Automaten

Studierende der Folkwang Universität der Künste Essen setzen Kunst als Mittel ein, um nachbarschaftliches Miteinander anzuregen. Sie platzierten einen Kaugummiautomaten neben eine Unterkunft für Geflüchtete. Dreht man am Rad, spukt der Automat jedoch keinen Kaugummi aus, sondern eine Holzkugel mit einer Geschichte im Inneren, einer Geschichte aus der Heimat der Geflüchteten. Beim Lauschen der Geschichten kann sich die Bevölkerung den neuen Nachbarn behutsam nähern. Das Kunstprojekt bietet einen vorurteilsfreien Weg, sich auf seine Mitmenschen einzulassen. Mitinitiator Torben Körschkes berät auch gern mit Tipps, wie Interessierte Kontakt zu Flüchtlingen und Hilfsorganisationen aufbauen können.

629475_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Kunst IV: Kreativprojekt mit Handwerk

In Molfsee bei Kiel bietet der Verein Create Future für soziale Start-up-Projekte und interkulturelle Bildung e.V. Geflüchteten Projekte zum kreativen Gestalten an. Sie können an Wochenenden an Workshops im Malen, Bildhauen und Schweißen teilnehmen. In einem speziellen Workshop können Geflüchtete gemeinsam mit der Kieler Bevölkerung umweltfreundliche Regale fertigen. Aus gebrauchtem Holz und alten Seilen stellen sie Hängeregale her, aus alten Segeln und Paletten Outdoormöbel. Mit den Verkaufserlösen werden Projekte für Geflüchtete in Kiel unterstützt und Kreativworkshops für neue Teilnehmer.

20150920_122745 © Antje Hinz, MassivKreativ

20150920_122805 © Antje Hinz, MassivKreativ

Kunst V: Ausstellung mit Designkonzepten für Geflüchtete

Designxport ist ein Aktionsraum für Design in Hamburg, der sich als Schnittstelle zwischen Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft versteht und aktuelle Themen aufgreift. Im Frühjahr 2016 zeigt das Zentrum Konzepte für Geflüchtete von internationalen Designern: „Migration matters – Design Innovation matters for Refugees“.

„Designer können zwar die komplexen Probleme von Menschen auf der Flucht nicht lösen, jedoch viel zur Erleichterung ihrer Situation beitragen,“ – sagt Richard van der Laken, Grafikdesigner aus Amsterdam sowie Gründer und Direktor der internationalen Designkonferenz „What Design Can Do“.

Die Ausstellung bei „designxport“ präsentiert sieben Konzepte von Designern aus den Niederlanden, Italien, Großbritannien, Schweden und Japan.

  • Ein Multimediajournalist, ein Künstler und ein Fotograf aus Amsterdam dokumentieren mit dem Projekt Refugee Republic das Alltagsleben in dem syrischen Flüchtlingslager „Camp Domiz“. Ihr Mittel ist eine interaktiven Website mit Zeichnungen, Fotos und Texten.
  • Eine italienische Designerin hinterfragt die Bedeutung der Staatsbürgerschaft. Mit ihrem Projekt Unconditional Universal überträgt das Konzept des sharings auf ein weltweites Netzwerk zum Teilen des Passes. Es soll Menschen verschiedener Nationen ermöglichen, ihre Staatsbürgerrechte anderen nach Bedarf im Tausch zur Verfügung zu stellen.
  • Die schwierigen Bedingungen in Flüchtlingslagern dokumentiert das Projekt Better Shelter. Sieben schwedische Designern haben mit dem UNHCR Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen und der IKEA-Stiftung ein Notunterkunftshaus geschaffen, das ohne Werkzeuge aus einem flachen Karton heraus aufgebaut werden kann. Es hat eine Lebensdauer von drei Jahren und wird vom UNHCR bereits weltweit eingesetzt. Elektrizität erhält das Haus über eine eingebaute Solarzelle.
  •  Weitere Projekte der Ausstellung thematisieren Überlebenstipps in Notsituationen, z. B. wärmende Schutzkleidung, Beschaffungsquellen für Ausweispapiere und nachhaltige Wasserversorgung in Flüchtlingscamps.

Ausstellungseröffnung: Donnerstag, 28. Januar 2016 um 19 Uhr bei designxport Hamburg (bis 12. März 2016). Migration Matters, Design Column #11 ist ein Projekt von Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam (Niederlande), 2015.

Begleitend zur Ausstellung ist die Fotoserie „Auf der Flucht“ des Hamburger Designers Malte Metag zu sehen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit More Than Shelters. 2015 erreichten viele tausende Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Afrika die griechische Insel Lesbos, die nur wenige Kilometer vor der türkischen Küste liegt. Wie viele Menschen dabei ertranken ist nicht genau zu beziffern. Die, die es geschafft haben, hoffen auf Asyl in Europa und eine Zukunft in Frieden.

Hinweis: Ausführlich berichte ich über More Than Shelters und weitere menschenwürdige Wohnprojekte und Wohnideen für Geflüchtete in Teil 6 der Blogreihe am Mo, d. 25.1.2016: Teil 6. Architektur: „Instant Home“ mit Origami-Technik.

 

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche

Teil 1. Prolog: Hilfe aus der Kreativbranche für Geflüchtete

Teil 2. Theater: Neue Heimat auf der Bühne

Teil 3. Musik: Bridges – Musik verbindet

Teil 4. Museum: Mit Kunst gegen den Hass

Teil 5. Kunst und Design: Geschichten aus dem Automaten

Teil 6. Architektur: „Instant Home“ mit Origami-Technik

Teil 7. Web, Apps, Games: Flucht als Selbsterfahrung

Teil 8. Kreatives für Geflüchtete: Kochen, Gärtnern, Flashmobs

Teil 9. Kulturarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Teil 10. Medien für Geflüchtete: Ankommen und Lernen

Teil 11. Bürgeridee: Schulungsprogramme über Monitore für Geflüchtete

Teil 12. Nachlese: Kreative Ideen für Geflüchtete aus der Community

 

Aufruf: Noch mehr kreative Ideen für Geflüchtete gesucht!

Was können Künstler für Geflüchtete tun? In meinem Blog MassivKreativ stelle ich engagierte und nützliche Projekte von Kreativschaffenden vor. Die Liste der guten Beispiele soll weiter wachsen und anderen Mut machen, die ebenfalls Aktivitäten planen! Wenn Sie weitere kreative Projekten für Geflüchtete kennen, die ich bislang nicht erwähnt habe, schicken Sie mir gerne Ihre Infos. Ich sammle sie und berichte in einem neuen Artikel über weitere innovative Projekte.  Infos bitte an mich: massivkreativ2015(at)gmail.com

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