Segel setzen für Musik und Kultur: Karl Heinrich Wendorf

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Musiker sind Bauchmenschen. Manager sind Kopfmenschen. Auf Karl Heinrich Wendorf trifft beides zu. Er ist zum einen leidenschaftlicher Musiker, zum anderen begeisterter Musikvermittler und Musikmanager. Beim Interview mit ihm ist schnell klar: Er wird dem Musikland Mecklenburg-Vorpommern Aufwind geben und dabei vor allem den Nachwuchs beflügeln. 

Musik als Energiespender

Die Leidenschaft für Musik treibt Wendorf an, egal was er tut: „Als Musiker, Mittler und Manager zugleich fühle ich mich befähigt, Brücken zu bauen und neue Wege zu gehen … und durch Gründergeist und Verantwortungsbereitschaft einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.“ Die Freude beim Musikmachen gepaart mit Organisationstalent bereiten ihm den Nährboden für das strategische Planen von Musikvorhaben. Als Manager versteht er es, musikalische Ereignisse so zu arrangieren, dass die Musik bestmöglich wirken kann. Diese Kombination gibt es selten. Im Profibereich sind die Welten auf und hinter der Bühne getrennt. Doch gerade junge MusikerInnen, die am Anfang ihres Weges stehen, kaum Geld und Kontakte haben, um erste Ideen und Musikprojekte umzusetzen, müssen es selber machen. Was einige KünstlerInnen als Zwang empfinden, wurde bei Karl Heinrich Wendorf zur neuen bzw. zweiten Profession.

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Not und Tugend

Schon als Wendorf an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin Posaune studiert, wird ihm rasch klar, dass kulturelle Vorhaben im Zweifel selbst organisiert werden müssen, will man nicht Jahre auf deren Realisierung warten. Weitere künstlerische und pädagogische Impulse erhält der junge Musiker an der Universität der Künste Berlin und der Guildhall School of Music and Drama in London. Wendorf ist Grenzgänger zwischen den Stilen, absolviert Projekte mit klassischer Musik, mit Alter Musik und Jazz. Bereits in Schulzeiten feiert er Erfolge als Jugend musiziert-Bundespreisträger, wirkt im Landesjugendorchester Mecklenburg-Vorpommern und im Bundesjazzorchester mit. Konzertreisen führen ihn u. a. nach Großbritannien, Spanien, Polen, nach Syrien und in die USA.

Doppelrolle: Musiker und Manager

Dann gehört Wendorf um das Jahr 2010 herum gemeinsam mit zwei weiteren jungen Musikern zu den Mitgründern der jungen norddeutschen philharmonie (jnp). In diesem Orchester finden Studierende aus norddeutschen Musikhochschulen projektweise zusammen, realisieren innovative, energiegeladene Konzerte und kreative Veranstaltungsformate. Wendorf gestaltet ungewöhnliche Auftritte und Programme aktiv mit. Eine erste Spielwiese, hier kann er vieles ausprobieren. Flache Hierarchien und viele Teilhabemöglichkeiten bieten hervorragende Voraussetzungen.

 Funkhaus Nalepastr. © Antje Hinz, MassivKreativ

Erste Projekte

Wendorf organisiert u. a. ein jnp-Mini-Festival mit auf dem Areal des alten (Ost-)Berliner Funkhauses in der Nalepastrasse, ein Konzert im Mehr! Theater am Großmarkt in Hamburg und ist Musikvermittler für den „Symphonic Mob MV“ im Rahmen eines Sommerprojektes. Er initiiert eine Crowdfunding-Kampagne für das Jugendorchester und einen Flashmob für die Bewerbung. Wertvolle Erfahrungen, von denen er bei der späteren Gründung seines gemeinnützigen Unternehmens kultursegel enorm profitiert. Dazu später mehr. Zunächst zu den Anfängen.

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Heimatverbundenheit

Wendorf ist waschechter Mecklenburger, 1989 in Lübz geboren und in Schwerin aufgewachsen. Er besucht hier die Musik- und Kunstschule „Ataraxia“  und das Goethe-Musikgymnasium. Das Musikstudium führt ihn zunächst nach Berlin, in Hamburg sattelt er an der Hochschule für Musik und Theater ein Masterstudium für Kultur- und Medienmanagement auf. Doch es zieht ihn zurück in die Heimat – sowohl gedanklich als auch organisatorisch. Als Dramaturg und Projektleiter realisiert er für die „Festspiele Mecklenburg-Vorpommern“ und die „Tage Alter Musik Schwerin“ neue Konzert-Formate und erreicht neue Zielgruppen.

 © kultursegel: geplante Kultur- und Musikakademie Schloss Gadebusch

Leerstelle erkannt

Auch seine Masterarbeit dreht sich um das Musikland MV: Da es das einzige Bundesland ohne eine musikalische Fort- und Weiterbildungsstätte ist, entwickelt Wendorf Strategien für die Gründung einer eigenen Landesmusikakademie in MV. Seit der ersten Bestandsaufnahme ist viel passiert. Wendorf hat inzwischen viele Unterstützer und Befürworter für seine Idee gefunden und sogar einen Ort: Schloss Gadebusch im Nordwesten von Mecklenburg-Vorpommern soll der Akademie als Heimat dienen. Nach den Wirren der Wende lagen die bedeutenden historischen Gebäude u. a. aus der Zeit der Renaissance viele Jahre im Dornröschenschlaf. Gemeinsam mit Vertretern der Stadt und des Schlossfördervereins möchte Wendorf dem Ort neues Leben einhauchen. Und eine wichtige Rolle in dem multifunktional geplanten Kultur- und Bildungsort soll dabei eben eine Akademie der musikalisch-kulturellen Bildung spielen.

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Breite Unterstützung

Neben ideeller Unterstützung gibt es seit 2019 finanzielle Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds und seit 2020 aus dem Programm LandKULTUR des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft weitere Mittel in Höhe von knapp 100.000 Euro. Damit können erste Inhalte, Markenbildung und Veranstaltungstechnik finanziert werden. „Ich habe eine ganz, ganz große Motivation und Energie gespürt“, erzählt Wendorf glücklich, „dass die Stadt Gadebusch ihr Schloss als Identifikationspunkt zurückholen und ihn gemeinsam mit mir und der Stadtbevölkerung weiterentwickeln möchte. Gadebusch ist ja Eigentümerin des Schlosses und nun gleichzeitig auch Bauherrin. Glücklicherweise sind alle immer offen für Gespräche, auch der Bürgermeister Arne Schlien. Und so war für mich klar, ich packe da gerne als inhaltlicher Projektentwickler mit an, investiere meine Zeit und gebe dort Ressourcen rein. Ohne dieses aktive Netzwerk hätte ich mich sicher nicht engagiert.“

Potenzial Rückkehrer

Karl Heinrich Wendorf ist genau der Typ Rückkehrer, den Mecklenburg dringend braucht: hervorragend ausgebildet, weitläufig und weltoffen mit umfassenden Erfahrungen in Musikpraxis und Management, ausgestattet mit wertvollen Kontakten in die Kultur- und Klassikszene, in Pädagogik und Bildung und vor allem mit weitreichender sozialer Kompetenz und Herzensbildung. Man spürt sofort, dass Wendorf für seine Heimat und seine Sache brennt. Er ist einer, der sich engagiert, anpackt, oft bis an eigene Grenzen geht und zuweilen auch darüber hinaus, weil es kein anderer machen kann oder weil es kein Geld gibt, um andere zu honorieren: „Ich betrachte MV oft als „Wilden Westen“ im positiven Sinne; wenn du hier ein Ziel angehst und voll dahinterstehst, dann kannst du es auch erreichen! Und zwar deshalb, weil viel Gestaltungsraum da ist. Dies setzt aber voraus, dass du mit großer Leidenschaft in Vorleistung gehst. Um für uns Kreative bessere Bedingungen zu schaffen, wäre viel gewonnen, wenn der Kulturbereich insgesamt einen höheren Stellenwert bekäme – sowohl in der Politik, als auch in der Gesellschaft.“

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Zukunft Mecklenburg

Noch lebt der umtriebige Wendorf in Berlin. Doch seine Zukunft plant er in Mecklenburg, wenn bestimmte Voraussetzungen stimmen: „Ich  beschäftige mich zurzeit intensiv damit, wie ein Leben zwischen Stadt und Land aussehen kann und welche Perspektiven geschaffen werden müssten, um Kreativen im Garten der Metropolen langfristig gute Rahmenbedingungen zu ermöglichen. Ich brauche diese befruchtenden Impulse aus beiden Regionen und denke, dass ist ein Zukunftsmodell, dass Kreative ihre Inspirationen und Expertise aus der Stadt aufs Land bringen. Noch brauche ich die Jobs in Berlin, aber wenn sich die Lage in MV positiv entwickelt, kann ich mir gut vorstellen, mich dauerhaft wieder in Mecklenburg niederzulassen.“

kultursegel

Um seine ambitionierten Pläne zu verwirklichen, hat Wendorf als organisatorischen Überbau das gemeinnützige Unternehmen kultursegel gegründet. Wer auf der Website surft, merkt rasch, wieviele strategische Überlegungen hier eingeflossen sind. Kein konzeptioneller Schnellschuss, sondern gut durchdachtes Storytelling. kultursegel möchte Menschen und Projekte beflügeln. Wendorf nimmt dazu (Auf-)Wind von anderen auf, vernetzt sich und gewinnt so zusätzlich an Fahrtwind. Gespeist von Kooperativem, co-kreativem Denken, Handeln und von Erfahrungen seiner bisherigen Projekte hat Wendorf verstanden, dass die gemeinsame Kraft vieler kultureller Mitstreiter weiter führt als Eigenbrödlerei, Ellenbogen und Missgunst, die andernorts dem Gelingen wichtiger kultureller Projekte im Weg stehen. Im März 2020 wurde kultursegel für den Innovation Award von Classical:NEXT nominiert.

 © kultursegel

Aufwind

Seine Begeisterung für Musik und sein Wissen gibt Karl Heinrich Wendorf gemeinsam mit MusikerkollegInnnen und Gleichgesinnten vor allem auch an den Nachwuchs weiter, an SchülerInnen, u. a. mit dem Blechbläserensemble „die blechlotsen“ im kultursegel-Projekt „brass up your life“. Weitere Modellprojekte sind die 5-tägigen musikalisch-kulturellen Entdeckungsreisen „cooltour [kultur]“ für Grundschulklassen und eine „Mobile Musikwerkstatt“.

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Kulturpädagogische Inhalte und Projekte finden in Schulen oft zu selten statt. Wendorf setzt sich gerade deshalb dafür ein, denn Kinder brauchen speziell Musik für die Persönlichkeitsentwicklung. Sie sind nicht zuletzt das Publikum von morgen. Seine gemeinnützige GmbH kultursegel braucht daher stetig weitere Unterstützer, wie Wendorf auf seiner Website schreibt: „Neben finanziellen Zuwendungen freuen wir uns über Sachspenden sowie Ihre ideelle und ehrenamtliche Unterstützung. Als gemeinnützige Organisation können wir Zuwendungsbestätigungen ausstellen. Geben Sie uns Aufwind und unterstützen Sie die Ideen der gemeinnützigen Institution kultursegel wie den Aufbau einer Kultur- und Musikakademie in Mecklenburg-Vorpommern z. B. mit folgenden Möglichkeiten: “leichter Zug” – 50 Euro / “frische Brise” – 100 Euro / “starker Wind” – 250 Euro.“ Hier unterstützen!

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Soziale Innovationen

Auch an seiner ehemaligen Studienstätte, der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin, engagiert er sich für Musikmanagement und Musikvermittlung und zwar mit Blick auf sein Herzensthema: „Cultural Entrepreneurship“, also kulturelles Unternehmertum. In einem StartUp-Seminar hilft Wendorf den Studierenden, eigene künstlerische Träume, Visionen und Ideen zu entfalten und ermutigt sie zur Realisierung: „Neben digitalen Geschäftsmodellen haben Kreative auch herausragende „analoge Ideen“, also für soziale Innovationen mit Lösungsansätzen für Herausforderungen in Mobilität, Demografie, Bildung usw. Dieses Potenzial muss dringend weiter gehoben und genutzt werden.“ Sein letzter Appell richtet sich an Landespolitiker und Landesentwickler in seiner Heimat: „Ein Problem sehe ich im Umgang mit gemeinnützigen und sozialen Unternehmen. Sie erfahren in Mecklenburg noch keine Unterstützung durch Gründerprogramme. Die Handelskammern und Wirtschaftsförderungen fühlen sich für Sozialunternehmen nicht zuständig. Das muss sich dringend ändern.“

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