Altes bewahren, Neues wagen – Architektur im Wendland

 © MassivKreativ

Ralf Pohlmann ist Neuschöpfer, Bewahrer und Erneuerer. Als Architekt baut er im Wendland neue Gebäude, vor allem Schulen, und er saniert alte Bausubstanz, z. B. historische Hallenhäuser mit Fachwerk. Oberstes Gebot für ihn ist, den besonderen Geist der alten Gebäude zu erhalten.

Eisenbahnbrücke bei Dömitz

Zu den aktuellen Projekten von Ralf Pohlmann zählt die alte Eisenbahnbrücke bei Dömitz, die früher Mecklenburg und Niedersachsen verband. Heute gibt es nur noch den westlichen Teil der Elbbrücke nahe des niedersächsischen Örtchens Kaltenhof. Er steht inzwischen unter Denkmalschutz. Erbaut wurde die ursprünglich 986 Meter lange Brücke zwischen 1870 und 1873 von der Berlin-Hamburger Eisenbahngesellschaft. Am Ende des 2. Weltkrieges haben die Alliierten sie bei einem Luftangriff nahezu zerstört. Es blieben nur Überreste auf dem westlichen Teil der Elbe in Niedersachsen: 16 Brückenbögen mit dem zugehörigen Brückenkopf.

 ©  Von Dömitz_Eisenbahnbrücke_ReiKi_01.jpg: R.Kirchner CC BY-SA 3.0 

Skywalk durch die Elbtalaue

Das Foto zeigt die historische Eisenbahnbrücke bei Hochwasser. Normalerweise stehen die Brückenpfeiler in der Elbtalaue auf trockenem Untergrund. 2010 ersteigerte der niederländische Unternehmer Toni Bienemann das Bauwerk aus dem ehemaligen Besitz der Deutschen Bahn. Gemeinsam mit dem Freundeskreis Dömitzer Eisenbahnbrücke plant er, aus dem alten Industriedenkmal einen „Skywalk“ zu machen. Auf dem Natur-Laufsteg sollen Besucher tagsüber die Weite des Elbblicks genießen und nachts in den endlosen Sternenhimmel blicken. Weil die Brücke inmitten des Biosphärenreservats Niedersächsische Elbtalaue liegt, können Naturliebhaber von hier aus auch Tiere beobachten und sich an Pflanzen erfreuen.

 © MassivKreativ: Blick von Rüterberg auf die Elbtalaue

Altes bewahren, Neues wagen

Im Interview berichtet Architekt Ralf Pohlmann über Herausforderungen bei der Sanierung der Eisenbahnbrücke. Er beschreibt die Besonderheiten des einzigartigen Industriedenkmals: ein wehrhaft gestaltetes Brückenhaus mit 16 Flutbrückenbögen. Pohlmann gibt einen Überblick über weitere spannende Sanierungsprojekte im Wendland, u. a. über die Wiederherstellung und Umnutzung des alten vierstöckigen Fachwerk-Kornspeichers in Gartow, der schon im 16. Jahrhundert erbaut wurde.
Zuletzt erzählt er, wie seiner Meinung nach eine moderne, zeitgemäße Schule aussehen muss, um Kindern und Jugendlichen eine inspirierende Lernumgebung zu bieten.

PODCAST-INTERVIEW

Architektur im Wendland

Architektur: „Instant Home“ mit Origami-Technik

709747_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche, Teil 6 – Architektur

Künstler und Kreativschaffende aus unterschiedlichen Branchen unterstützen überall in Deutschland Geflüchtete: egal ob im Theater oder auf der Opernbühne, in Film- oder Tonstudios, in Architektur- oder Designwerkstätten, in Kunst-Ateliers oder in multikulturellen Küchen, bei Flashmobs, Tanzperformances oder in Game-, App- und Web-Laboren. Die Beispiele der folgenden 10teiligen Blogreihe zeigen, dass Deutschlands Kreativszene ein starker Innovationsmotor für eine gelungene Integration ist, die Parallelgesellschaften vorbeugt und damit uns allen hilft.

Instant-Haus_TU Darmstadt_Prof-Ariel Auslender_Innenansicht © TU-Darmstadt, Projektleitung: Prof. Ariel Auslender

Instant-Haus_TU Darmstadt_Prof-Ariel Auslender_Entwurf Leila Chu_Foto_Sandra Junker © TU-Darmstadt, Entwurf: Leila Chu, Foto: Sandra Junker

Architektur I: „Instant Home“ mit Origami-Technik

Die TU Darmstadt hat in einem ein faltbares Haus aus Wellpappe entwickelt, das Flüchtlinge temporär beherbergen soll. Das Projekt entstand in einem interdisziplinären Team der Fachbereiche Chemie, Architektur und Maschinenbau. Eine Beschichtung aus Wachs garantiert, dass das Instant Home wetterfest, zu 100% ökologisch und nach etwa 1jähriger Nutzung kompostierbar ist. Bett, Tisch und Regal im Inneren sind ebenfalls aus Wellpappe. Sie werden gleich mit eingefaltet und sorgen für zusätzliche Stabilität. Kosten pro Haus etwa 2.000 €. Die Suche nach Geldgebern für die Serienproduktion läuft. zum Filmbeitrag

More than Shelters_01_Antje Hinz More than Shelters_01_Domo_Antje Hinz © Fotos: Antje Hinz

Architektur II: Modulunterkünfte für mehr Menschenwürde

Der Künstler Daniel Kerber hat sich intensiv mit dem Thema Mensch und Raum beschäftigt. Er hat viele Länder bereist und vor allem in Flüchtlingslagern geforscht. Seine Erlebnisse und Erfahrungen mündeten in dem Wunsch, in den Camps menschenwürdigere Unterkünfte zu schaffen. Denn: Fast 60 Millionen Menschen leben heute in Flüchtlingslagern – durchschnittlich bis zu 12 Jahren. 2012 hat Kerber das Sozialunternehmen morethanshelters gegründet. In seinem interdisziplinärem Team aus Architekten, Designern, Ingenieuren, Sozialwissenschaftlern und Politologen ist querdenken ausdrücklich erwünscht. Sein Design- und Architekturbüro hat das langlebige, modulare Zeltsystem „Domo“ entwickelt. Es soll die Geflüchteten ermutigen soll, ihre Zukunft aktiv zu gestalten.

Die Geflüchteten können die mobilen Unterkünfte an klimatische Bedingungen und kulturelle Gewohnheiten anpassen. „Domo“ ist multifunktionell: Großfamilien können z. B. die Ein- und Ausgänge mehrerer Zelte miteinander verbinden. Materialien können individuell an die Region angepasst werden: „Wenn es vor Ort geeignete Materialien gibt, nehmen wir natürlich diese.“ sagt Kerber. „Planen könnten durch Wellblechplatten ersetzt werden, wie sie in Slums oft zum Hüttenbau verwendet werden.“ Darüber hinaus hat Kerbers Team atmungsaktive Stoffe entwickelt, die auch Hitze erträglich machen. Bisher stehen die Unterkünfte in Flüchtlingscamps in Jordanien, Nepal, auf der griechischen Insel Lesbos. In einem Hamburger Flüchtlingscamp wird ein „Domo“ als offene Begegnungsstätte und Teestube genutzt. Der Name kommt übrigens aus dem Esperanto und heißt „Zuhause“.

472643_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de446977_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Architektur III: Willkommensarchitektur

Architekt Jörg Friedrich beklagt den provisorischen Charakter von Zeltstädten, Baracken und Turnhallen. Statt „Blechkistenarchitektur“ sollten Flüchtlingsunterkünfte heute als langfristige „Willkommensarchitektur“ konzipiert werden. Wo heute Geflüchtete leben, können morgen Studenten oder Menschen mit geringem Einkommen ein Zuhause finden. Zusammen mit seinen Studenten der Leibniz-Universität Hannover hat er sich über nachhaltige Alternativen Gedanken gemacht. Sein Vorschlag ist eine Mischnutzung in kleineren Quartieren, in Schrebergarten-Siedlungen und in aufgesetzten Modulen auf Parkhäusern. Friedrich hat ermittelt, dass z. B. in Hannover 40 % der zentrumnahen Parkhäuser nicht belegt sind und beste Voraussetzungen bieten: Sie sind angeschlossen an alle öffentlichen Verkehrsmittel, an Schulen, Universitäten und Einkaufsbereiche. Auch ein Blick in die Geschichte hilft, so Friedrich: Das schleswig-holsteinische Friedrichstadt entstand im 17. Jahrhundert völlig neu für Geflüchtete aus den Niederlanden. Heute leben in dem denkmalgeschützten Ort 20.000 Einwohner. Mehr über Wohnmodelle für Geflüchtete im Buch Refugees Welcome, erschienen im Jovis-Verlag.

648345_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Architektur IV: WIR – Wohnprojekt Bunte Mischung

Das Wohnprojekt in der Friedensallee 128 in Hamburg-Altona ist noch in der Konzeptionsphase. 15 %, also etwa jede 7. Wohnung soll an eine geflüchtete Familie vergeben werden. Der Plan: Alteingesessene und Neubürger, Männer, Frauen und Kinder, Junge und Alte, Menschen mit und ohne Behinderung wollen hier ihre Idee von einem sinnerfüllten Leben gemeinsamen in die Tat umsetzen – unabhängig von Berufs-, Lebens- und Herkunftswelten. Im Wohnprojekt WIR – Bunte Mischung sollen Kleingewerbe und Wohnungen nebeneinander entstehen und so Arbeitsplätze geschaffen werden, die den Menschen nach durchlittener Kriegs-, Hunger- und Fluchttraumatisierung ihre Würde zurückgeben: Wohnen und Arbeiten in Sicherheit und ohne Angst und Verfolgung.

225258_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio

Architektur V: Um- und Mischnutzung eines Berliner Hochhauskomplexes

Berlin – Alexanderplatz: Noch immer stehen hier alten Gebäude leer, seit 2008 z. B. das ehemalige Haus der Statistik an der Otto-Braun-Straße. Künstlervereinigungen, Stiftungen und Vereine haben jetzt ein innovatives Konzept für eine Mischnutzung vorgelegt: Etwa die Hälfte des Hochhauskomplexes soll zum Wohnort für etwa 1000 Geflüchtete werden, in einem Viertel des Hauses Arbeitsräume, Ateliers und Galerien für „Berliner und geflüchtete Kulturschaffende“ entstehen. Geflüchtete und Künstler können miteinander leben und arbeiten: Geplant sind Bildungs- und Integrationsprojekte für Geflüchtete sowie der Bau von Kultur- und Begegnungsstätten.

Berlins Atelierbeauftragter Florian Schmidt formuliert das Vorhaben so: „Es geht uns um bezahlbaren Wohnraum und eine ganz andere Integration und Aufnahme von Flüchtlingen. Wir brauchen nicht nur Marken und Kommerz in der Innenstadt.“ Zu den Konzeptplanern gehören die Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser, das Zentrum für Kunst und Urbanistik, das Martinswerk Berlin e.V., die Stiftung Zukunft Berlin und die Belius-Stiftung.

Eine öffentliche Vernetzungs- und Informationsveranstaltung zur Entwicklung des Hauses der Statistik als Zentrum für Geflüchtete – Soziales – Kunst – Kreative findet statt – am Do, d. 28.1.2016, 10-13:30 Uhr
Ort: ZK/U (Zentrum für Kunst und Urbanistik), Siemensstraße 27, 10551 Berlin,  Anmeldung bis zum 26.1.2016.
Haus der Statistik © Initiative Haus der Statistik

 

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche

Teil 1. Prolog: Hilfe aus der Kreativbranche für Geflüchtete

Teil 2. Theater: Neue Heimat auf der Bühne

Teil 3. Musik: Bridges – Musik verbindet

Teil 4. Museum: Mit Kunst gegen den Hass

Teil 5. Kunst: Geschichten aus dem Automaten

Teil 6. Architektur: „Instant Home“ mit Origami-Technik

Teil 7. Web, Apps, Games: Flucht als Selbsterfahrung

Teil 8. Kreatives für Geflüchtete: Kochen, Gärtnern, Flashmobs

Teil 9. Kulturarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Teil 10. Medien für Geflüchtete: Ankommen und Lernen

Teil 11. Bürgeridee: Schulungsprogramme über Monitore für Geflüchtete

Teil 12. Nachlese: Kreative Ideen für Geflüchtete aus der Community

 

Aufruf: Noch mehr kreative Ideen für Geflüchtete gesucht!

Was können Künstler für Geflüchtete tun? In meinem Blog MassivKreativ stelle ich engagierte und nützliche Projekte von Kreativschaffenden vor. Die Liste der guten Beispiele soll weiter wachsen und anderen Mut machen, die ebenfalls Aktivitäten planen! Wenn Sie weitere kreative Projekten für Geflüchtete kennen, die ich bislang nicht erwähnt habe, schicken Sie mir gerne Ihre Infos. Ich sammle sie und berichte in einem neuen Artikel über weitere innovative Projekte.  Infos bitte an mich: massivkreativ2015(at)gmail.com

 

Künstler fördern Stadtentwicklung: Interview mit Dieter Gorny (1/2)

© MassivKreativ

Welchen Anteil haben Künstler an der Stadtrendite?
Im Interview habe ich mit Dieter Gorny über Impulse von Künstlern auf die Stadtentwicklung und Stadtplanung gesprochen. Nach welchen Kriterien sollte der Wert eines Ortes bzw. einer Region bemessen werden? Inwiefern beflügeln Künstler mit ihren (Inter-)Aktionen nicht nur die Immobilienbranche, sondern auch Gastronomie und Hotellerie, Einzelhandel, Verkehr und das soziale Miteinander in einer Stadt? Wie können kreative Wertschöpfungen im soziokulturellen Bereich honoriert werden? Und wie können Künstler letztlich auch an der Wertsteigerung von Stadtrendite beteiligt werden? Wichtige Fragen für die creative cities von morgen …

Dieter Gorny ist Geschäftsführer des Europäischen Zentrums für Kreativwirtschaft (ecce) in Dortmund.