Citizen Science, Amateurwissenschaft und Immaterielles Kulturerbe

 © MassivKreativ

Mücken sammeln (Mückenatlas), Sterne klassifizieren (Galaxy Zoo), Schmetterlinge zählen (Tagfalter-Monitoring), Eiweiße falten (Fold.it): Bürger engagieren sich seit langem mit großer Leidenschaft in der Laienforschung, kurz Bürger- oder Amateurwissenschaft genannt bzw. Citizen Science . Bisher dominieren naturwissenschaftliche Themen. Das muss sich dringend ändern! Die Kultur- und Geisteswissenschaften bieten spannende Experimentierfelder, vor allem das immaterielle Kulturerbe

Chancen und Risiken von Bürgerforschung

Bürgerforschung liegt im Trend. Bildungs- und Forschungsministerin Johanna Wanka lobt Citizen Science als „große Chance für die Wissenschaft – und Gewinn für die vielen freiwillig Engagierten“. Fakt ist: Unzählige Bürgerforscher unterstützen seit Jahren die akademische Wissenschaft mit zeitintensiven Beobachtungen und Untersuchungen. Kritiker mahnen, die ehrenamtlichen Laien dürften nicht zu billigen Arbeitskräften verkommen, es müsse mehr Wertschätzung und mehr Augenhöhe geben (siehe Buchtipps unten Peter Finke).

Citizen Science versus Amateurwissenschaft

Dass im offiziellen Sprachgebrauch von Politik und staatlichen Institutionen der englischsprachige Begriff „Citizen Science“ verwendet wird, statt schlicht von Amateurwissenschaft zu sprechen, macht bereits deutlich, dass sich die Amateurforscher den Modalitäten der Profiwissenschaft anpassen sollen und nicht umgekehrt. Dies gilt vor allem dann, wenn es um die Beantragung von Geldern geht, die ein aufwändiges akademisiertes Verfahren voraussetzt. Lange gab es kaum Mittel für ehrenamtliche Projekte der Amateurforscher. Im Herbst 2016 startete nun das BMBF – das Bundesministerium für Bildung und Forschung – eine Ausschreibung zur Unterstützung von Citizen Science mit einem Gesamtbudget von 4 Millionen Euro. Das Interesse war enorm, 313 Projekte wurden eingereicht. 13 Projekte erhielten eine Förderzusage, leider ausschließlich naturwissenschaftliche Projekte, die sich im „Verbundverfahren“ bewarben (was das genau bedeutet, siehe im übernächsten Absatz), u. a. aus dem Bereich Gesundheitsforschung: siehe BMBF-Pressemitteilung. Auch auf der BMBF-geförderten Plattform Bürger schaffen Wissen sind kultur- und geisteswissenschaftliche Projekte noch stark unterrepräsentiert. Jenseits von Natur und Technik brauchen die vielen engagierten Akteure und Trägergruppen des immaterielles Kulturerbe dringend mehr Anerkennung und Wertschätzung aus Politik und Profiwissenschaft.

Ignorierte Wirtschaftswissenschaften 

Was im BMBF-Programm für Citizen Science ebenso fehlt, sind übrigens wirtschaftswissenschaftliche Projekte, die anhand von Praxisbeispielen alternativen Wirtschaftsmodelle, -kreisläufe (z. B. Talente-Tauschkreis Vorarlberg) und Gemeinwohlökonomie wissenschaftlich untersuchen. Die Gründe liegen auf der Hand: Alle großen politischen Parteien stützen ihre Politik unreflektiert auf Wirtschaftswachstum. Nur die GRÜNEN fordern in ihrem Parteiprogramm zur Bundestagswahl 2017 (S. 44) „eine andere Art des Wirtschafts“. Auch Universitäten sträuben sich, alternative Wirtschaftsmodelle zu vermitteln. Frustrierte Studenten und sensible Wissenschaftler reagieren darauf mit eigenen Netzwerken und neuen Lernplattformen, z. B. exploring economics, postautistische bzw. plurale Ökonomik, Wachstumswende, initiiert von VÖÖ – der Vereinigung für ökologische Ökonomie. Um alternative Wirtschaftstheorien zu vermitteln, werden sogar neue Hochschulen gegründet, wie z. B. Cusanus.    

 © Bürger schaffen Wissen

Förderhürden für Geisteswissenschaften

Sind die Hürden für Bürgerwissenschaftler zu hoch, insbesondere aus den Bereichen Kultur und Geschichte? Erschwerend ist, dass das BMBF nur Verbundvorhaben mit mindestens fünf beteiligten, meist institutionell gebundenen Kooperationspartnern fördert. Die Laienforscher müssen sich zwingend Partner in der klassischen Wissenschaft suchen, denn nur Universitäten und Hochschulen dürfen einen Förderantrag stellen. Der Wissenschaftstheoretiker und Citizen-Science-Experte Peter Finke sieht darin einen „Elite-Basis-Konflikt“, die Hochschulen oben, die Laienforscher unten. Dabei ist Augenhöhe beim Profi-Laien-Mix Voraussetzung für das Gelingen von Citizen Science. Denn: Amateurwissenschaftler stellen andere Fragen, sie forschen an anderen Themen als Profiwissenschaftler, tragen Daten und Fakten mit viel Zeit und Herzblut zusammen. Das ist wichtig und gut so! Profiwissenschaftler müssen mitbekommen, was abseits ihrer Fakultäten und Institute „draußen“ im Alltag passiert.

Dass Amateurwissenschaftler auch mit Profiforschern zusammenarbeiten, ist im Sinne unterschiedlicher Fachkompetenzen sinnvoll und wünschenswert. Haben sich Amateure über Jahrzehnte Spezialwissen angeeignet, verfügen Forscher an den Universitäten über technisches Wissen und Werkzeuge, mit denen sie Daten verarbeiten, auswerten und visualisieren können. Doch Verbundvorhaben bergen von vornherein die Gefahr, dass es die Universitäten und Hochschulen sind, die die Forschungsthemen setzen, und nicht die Laienforscher, dass die Profiwissenschaftler bei Ausschreibungen auf die Laienforscher zugehen, um an Fördertöpfe zu gelangen und nicht umgekehrt. So besteht die Gefahr, dass die Fragen der Bürger auf der Strecke bleiben. Die vom BMBF geschaffenen Fördervoraussetzungen machen Citizen Science bedauerlicherweise zum verlängerten Arm der klassischen Wissenschaft – etwa für zeitintensive Untersuchungen, die Universitäten und Hochschulen aus Budgetgründen nicht leisten können. 

Fokus auf Naturwissenschaft und Technik

Ein Blick auf die Jury der BMBF-Ausschreibung legt die Vermutung nahe, dass nun auch das Thema Citizen Science von wirtschaftlichen Interessen im Geiste des homo oeconomicus okkupiert wird. Bis auf eine Vertreterin aus der Sozialforschung sind alle anderen Mitglieder der Jury aus dem Umfeld von Naturwissenschaft, Technik und Wirtschaft (VW-Stiftung). Insofern wundert es nicht, dass die eingereichten geistes- und kulturhistorischen Projekte nicht die Gunst der Entscheider erringen konnten. Lediglich zwei sozialwissenschaftliche Projekte erhielten den Zuschlag (Gutes Leben auf dem Land und im Stadtquartier), ansonsten dominieren Natur- und Gesundheitsforschung. Lobenswert ist der interdisziplinäre Ansatz des Naturkundemuseums Berlin, die Nachtigall nicht nur in biologischem Zusammenhang zu erforschen, sondern deren Einfluss auf Musik und Literatur zu untersuchen. Allerdings knüpft die Fragestellung an ein anderes Förderprojekt an, das von der Kulturstiftung des Bundes als vierjährige Modellprojekt Kunst/Natur (2015-2019) im Naturkundemuseum initiiert wurde. KünstlerInnen sollen in Auseinandersetzung mit den Natur-Objekten des Museums neue (Kunst-)Werke entwickeln.

Amateurwissenschaft zu kulturell-historischen Themen

An Aktivitäten von Amateurforschern im geisteswissenschaftlichen Umfeld mangelt es grundsätzlich nicht in Deutschland. In GeschichtswerkstättenWissenschaftsläden, in Vereinen der Denkmalpflege und -Erforschung, in kulturellen Vereinen und Trägergruppen des Immateriellen Kulturerbes (UNESCO) sorgen Amateurforscher für die Aufarbeitung von identitätsstiftendem Wissen und dessen Weitergabe an die nächste Generation. Was Bürgerforscher mit ihrem privaten, intrinsisch motivierten Interesse bewirken können, zeigen Beispiele in der Ahnen- und Namensforschung, in der Hobbyarchäologie (Josef Gens und Bergische Historiker) in Energie-Genossenschaften (Schönau) und in weiteren Spezialgebieten, wie die Glockenkunde und Matthias Claudius

Amateurforscher als Gesellschaftsgestalter

Das Engagement der kreativen Amateurforscher hat eine enorme gesellschaftsgestaltende Kraft. Insbesondere in ländlichen Regionen sorgen deren Aktivitäten für mehr fundiertes Wissen über und eine stärkere Bindung der Bevölkerung an ihre Region. Wenn wir Menschen uns mit unserer Kultur und Geschichte befassen, entwickeln wir folgerichtig auch ein Bewusstsein für unsere unmittelbare Umgebung. Es entsteht eine größere Bereitschaft für eine Kultur des Bleibens. Das Engagement vor Ort vermindert den Trend der Abwanderung insbesondere der jüngeren Generation in Großstädte bzw. sorgt in jüngster Zeit für eine Kehrtwende und die Rückkehr junger Erwachsener in die Heimat. Vielleicht muss die Amateurwissenschaft frei und unabhängig bleiben, um sich ihre Kraft zu erhalten? Aus gutem Grund nannte sie der Schweizer Journalist Alex Reichmuth eine „direkte Demokratie des Geistes“. (Zürcher Weltwoche)

Jugendliche als Laienforscher

Schon Schüler und Jugendliche befassen sich mit ihrer Herkunft, ihrer Umgebung und ihrer Geschichte. Anerkennung für ihr Engagement erhalten Sie bei Wettbewerben. Andere großartige Projekte kämpfen ständig ums Überleben, hangeln sich von einer Projektförderung zur nächsten. Das Hamburger Projekt GESCHICHTOMAT will die Vielfalt jüdischer Geschichte und Kultur in der Hansestadt sichtbar machen. Jugendliche begeben sich in ihrem Stadtteil auf Spurensuche, recherchieren historische Personen, Orte und Ereignisse. Unter fachlicher und medienpädagogischer Begleitung führen sie Interviews mit Experten und Zeitzeugen, besuchen Archive und Museen, filmen, schneiden, fotografieren und schreiben. Alle Beiträge werden auf die Website hochgeladen, so entsteht ein digitaler Stadtplan über das jüdische Leben in Hamburg.

Die Hamburger Körber-Stiftung leitet und koordiniert den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, bei dem Jugendliche regelmäßig historische Themen erforschen können. Dadurch wird zu einen wissenschaftliches Arbeiten gefördert, zu anderen Selbständigkeit und Verantwortung Über 141.000 SchülerInnen haben sich seit 1973 mit mehr als 31.500 Projekten beteiligt. Die Online-Datenbank dokumentiert über 5.200 preisgekrönte Wettbewerbsarbeiten. Auch länderübergreifend können sich junge Menschen für „Geschichte von unten“ engagieren: Das Geschichtsnetzwerk EUSTORY regt jugendliche Europäer zur gemeinsamen Beschäftigung mit aktuellen Fragen europäischer Geschichte an. Das Netzwerk verbindet zivilgesellschaftliche Organisationen aus über 20 Ländern Europas, die nationale Geschichtswettbewerbe durchführen. Im Fokus stehen der grenzüberschreitende Erfahrungsaustausch und die politische Meinungsbildung.  

 © UNESCO IKE

Wissen. Können. Weitergeben!

Beobachten, denken, sammeln, zählen, sortieren, auswerten, kategorisieren – wie in der Profiwissenschaft gehören diese Tätigkeitsfelder auch in den Bereich der Bürgerwissenschaft. Der von der UNESCO propagierte Leitspruch für das immaterielle Kulturerbe lautet: „Wissen. Können. Weitergeben“. Im Umfeld von Vereinen, Trägergruppen und Gemeinschaften des immateriellen Kulturerbes werden Erfahrungen und Erkenntnisse zusammengetragen, praktiziert und geteilt: Handwerkstechniken wie Reetdachdecken (digitale Weitergabe von Wissen?, Herkunft von Reet früher und heute?) und Kenntnisse über Brotkultur  (Brotregister Deutschland – in welcher Region wird Brot gegessen?), traditionelles Wissen wie Kneipp-Kultur und Hebammenwesen (Erforschung und Weiterentwicklung von Wissen und Methoden), Morsen (als Vorläufer der Digitaltechnik) und Genossenschaftsidee (Idee und Praxis im Wandel der Zeit).

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Vorbild für lebenslanges Lernen

Mit hoher intrinsischer Motivation investieren Laien viel Zeit und Herzblut, um beispielsweise die Geschichte des eigenen Stadtteils oder des Dorfes zu recherchieren, Zeitzeugen zu befragen und regionale kulturelle Bräuche, Rituale, Handwerkstechniken zu erforschen, zu praktizieren und mit neuen Impulsen zu versehen. Erkenntnisse über Megatrends wie Digitalisierung, Demografiewandel, Vielfalt und Coworking fließen ebenso mit ein. Es geht darum, Wissen zu bewahren, mit neuen Methoden (open data) zu aktualisieren und an andere Menschen weiter zu vermitteln. Citizen Science zeigt vorbildhaft, wie lebenslanges Lernen schon heute ohne Zwang oder Einwirkung von außen mit positiver Wirkung für unsere Gesellschaft erfolgreich praktiziert wird, generationenübergreifend in interdisziplinären und transdisziplinären Gruppen. Bürgerwissenschaft stützt sich auf die Weisheit der Vielen.

Citizen Science international

In Großbritannien und Wales arbeiten interessierte Bürger seit längerer Zeit im Rahmen von Community-Archaeology-Projekten an historischen Themen mit. Das Portable Antiquities Scheme (PAS) ermöglicht es Bürgern, archäologische Funde auf einer  Webseite zu melden und die per crowdsourcing gewonnenen Objekte bzw. Erkenntnisse auch selbst auf der gemeinsam geschaffenen Funddatenbank zu nutzen.  In der Plattform micropasts animiert das British Museum Laienforscher auf spielerische Art, neue Informationen über die britische Vergangenheit zu sammeln, z. B. archäologischer Fundorte über Grobinformationen auf Fundkarten oder Fotos zu lokalisieren bzw. alte Handschriften auf hochauflösenden Bildern zu transkribieren. 

 © MassivKreativ

Laien bestimmen Kunstwerke

Nach dem Vorbild naturwissenschaftlicher Pflanzenbestimmung lädt die Plattform ARTigo interessierte Laien dazu ein, Kunstwerke näher zu beschreiben abzugeben. Vorgestellt werden Bilder aus der europäischen und außereuropäischen Kunstgeschichte. Gemeinsam bzw. in Konkurrenz mit einem unbekannten, irgendwo im Internet zugeschalteten Mitspieler können die Laien Beschreibungen eingeben, die später dann zur Suche nach den Werken verwendet werden. Die Begriffe können frei gewählt werden, sich auf Inhalt und Form beziehen oder Atmosphäre und Anmutung der Werke beschreiben. Die Qualitätskontrolle ist erfolgt, wenn die Begriffe von beiden Mitspielern eingeben und akzeptiert werden.

Universität sucht Bürger

Die Westfälische Wilhelms-Universität Münster sucht aktiv Kontakt zu Bürgern. Gemeinsame Radtouren Expedition Münsterland sollen eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft bauen. Dabei soll ein Austauschprozess zwischen Region und Universität angeregt werden – nach dem Motto: die Region nutzen und ihr nützen. Bürger werden aktiv in wissenschaftliche Veranstaltungen einbezogen. Gleichzeitig soll Wissen aus der Universität Münster an die Bevölkerung, an Unternehmen und Kommunen vermittelt werden. Eine engere Zusammenarbeit mit Bürgerforschern pflegt auch die Leuphana Universität Lüneburg mit der Initiative Deutschland-Europa-Welt 2042 und die Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde mit Waldklima-Messstationen und einem Zentralen Ökologischen Labor

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Open Data

Die Wahl geeigneter Instrumente und Technologien ist auch in der Bürgerwissenschaft von Bedeutung. Open data ist ein nützliches Hilfsmittel, um kulturhistorisch relevante Daten zu sammeln und öffentlichkeitswirksam aufzubereiten, z.B. in Grafiken und Animationen. Die englischsprachige Plattform our world in data entstand auf Initiative des deutschen Forschers Max Roser. Sie bereitet zwar in erster Linie Studiendaten aus der Profiwissenschaft mit Grafiken und anderen Visualisierungen auf. Jedoch gibt es auch Datendossiers zu kulturwissenschaftlichen Themen, z. B. zum postmaterialistischen Wertewandel in Europa in den letzten Jahren. So werden Forschungsarbeiten stärker in die Öffentlichkeit gerückt und für ein größeres Publikum greifbar gemacht. 

Auch in Deutschland nimmt das Thema Open Data mit dem Datenjournalismus bzw. der Datenvisualisierung endlich Fahrt auf. Vorreiter sind hier oft Medienhäuser wie ZEIT, Süddeutsche Zeitung, Morgenpost und die Hamburger Datenfreunde GmbH – OpenDataCity, eine Agentur für Datenjournalismus und Datenvisualisierungen. Das Team aus Journalisten, Entwicklern und Visualisierern erstellt alle Applikationen als freie Software und sämtliche Daten als open data für Recherchen und zur Weiterentwicklung zur Verfügung. Inzwischen haben die Stadt Hamburg und  Verwaltungen anderer Städte und Gemeinden Open Data-Portale ins Netz gestellt, ihre Zahl wächst stetig. Ein Datenjournalismus-Katalog gibt Auskunft über die einzelnen Projekte, u. a. über Geschichte, Kultur und Religion. Hier könnten Bürgerwissenschaftler zukünftig stärker einbezogen werden.

Interessante Fragen gibt es zuhauf, z. B. wieviele Musikaufführungen werden im Jahr von Profi-Musikern bestritten und wieviele von Amateurmusikern? Wieviel Gesundheitskosten spart der Staat, weil die Bürger in Chören singen (Chor der Muffligen) oder sich in Vereinen engagieren – ein hervorragendes Therapeutikum gegen Einsamkeit, Depression, Süchte, Ersatzdrogen und Burnout!  

Neue brisante Themen

Was die akademische Wissenschaft erforscht, hängt auch von Finanzmitteln und Budgets ab. Was nicht im Interesse von Wirtschaft und Politik liegt, wird nicht erforscht. Bürgerwissenschaftler könnten als Vorreiter jene Themen sichtbar machen, um die die klassische Forschung der Universitäten und Institute einen Bogen macht. Ein Beispiel: Künstler und Kreative suchen seit langem nach einer Möglichkeit, Nutzen und Wirksamkeit ihrer Arbeit nachzuweisen und sichtbar zu machen – im Hinblick auf Regional- und Stadtentwicklung, Gesundheitskosten, Arbeitslosigkeit, höhere Steuereinnahmen durch neue Wertschöpfungsketten, die durch Kreativschaffende initiiert sind. 

Laut European Health Forum Gastein (2013) erzeugen z. B. Angstkrankheiten in Europa jährliche Kosten von fast 1 Billion Euro, Alkoholismus kostet die Kassen 150 Mrd. Euro, 60.000 Suizide etwa 100 Mrd. Euro, auch Suchtkrankheiten verursachen stetig hohen volkswirtschaftlichen Schaden. Die Beschäftigung mit Kunst und Kultur würde als sinnstiftendes und daher wirksames Gegenmittel enorm hohe Kosten einsparen.  

Volkswirtschaftlicher Wert von Kultur und Kunst

Künstler haben schon oft brachliegende, verödete Regionen neu belebt. Sie sorgen mit ihren Aktivitäten nachhaltig für mehr Attraktivität vor Ort, was die Kultur des Bleibens bzw. Zuzugs neuer Bevölkerungsgruppen stärkt. Sie wirken als Brückenbauer und Intermediäre, nicht zuletzt bei der Integration von Geflüchteten. Sie regen die Kommunikation unter Bürgern und die Gründung und Erhaltung von Vereinen an, verbinden sie mit Verwaltung und Politik und initiieren kreative, innovative und kollaborative Projekte vor Ort, um Strukturen zu erneuern oder zu revitalisieren, z. B. im Zuge von KreativLabs wie in Mecklenburg-Vorpommern.  Dies hat einen enormen gesellschaftlichen und auch ökonomischen Wert, der bislang aber nicht in Zahlen erhoben oder durch systematische Beobachtung und Zählung registriert wird. Hier könnte Bürgerwissenschaft einen enorm innovativen Beitrag leisten. ZIVIS weit regelmäßig in Studien nach, dass der soziale Zusammenhalt und Wohlstand in Regionen mit der höchsten Vereinsdichte am größten ist.

Kreative und Stadtrendite

Wie könnten Bürgerwissenschaftler durch open data nachweisen, dass Künstler und Kreative enorm zur Steigerung von Stadtrendite beitragen? Fakt ist: Sie beleben unattraktive Zonen und Industriebrachen mit ihren kreativen Angeboten und Aktionen, wovon zunächst neue Cafés und Restaurants profitieren, die sich nach und nach ansiedeln. Durch die wachsende Attraktivität erzielt später die Immobilienbranche höhere Gewinne, ebenso Hotellerie, Gastronomie, Nahverkehr, Einzelhandel usw. Wenn Mieten und Kosten steigen (Gentrifizierung), müssen Kreative oft weichen. Ggf. könnten Mietenspiegel und branchenspezifische Umsatzregister und deren datenjournalistische Aufbereitung die Wertsteigerung bzw. das Wachstum der Stadtrendite sichtbar machen. Ziel wäre es, aus den nachweisbaren Mehreinnahmen einen „creative fund“ zu speisen, um die Kreativen als Anschubmotoren und Urheber der Wertschöpfungsketten an den Gewinnen zu beteiligen.

Naturstudie – Kulturstudie

Die ambitionierten Helmholtz-Studie Naturkapital Deutschland beziffert erstmals den Wert von Natur in Fakten und Zahlen. Sie fragte z. B.: Welchen ökonomischen Wert hat ein Moor? Es bindet u. a. Stickoxide, die üblicherweise mit hohem finanziellen Aufwand in technischen Verfahren aus Luft und Wasser entfernt werden müssten. Vielleicht ließe sich solch ein Ansatz übertragen, damit auch Kultur entsprechend wertgeschätzt bzw. damit der volkswirtschaftliche Nutzen der Leistungen von Künstlern und Kreativschaffenden beziffert werden kann?! Welche sozialen Einsparungen wären möglich, wenn Menschen mit Hilfe von Kunst und Kultur ihr Potenzial erproben und in geeignete Berufe finden könnten und dies vor Arbeitslosigkeit, Unzufriedenheit, Krankheit, Burnout bewahrt?! Zusammenhänge, die offensichtlich sind, aber meines Wissens bislang noch nicht in validen Untersuchungen dargestellt wurden. 

Mehr Sichtbarkeit

Citizen Science im Umfeld von Kultur und Geschichte braucht dringend mehr Sichtbarkeit. Dazu können digitale Plattformen wie Bürger schaffen Wissen ebenso beitragen wie Workshops, Kongresse, Aktionstage, Online-Befragungen und Ausstellungen. Zentrale Anlaufstelle für alle Aktivitäten rund um das Europäische Kulturerbejahr 2018 ist das Webportal sharingheritage.de – eine Informationsquelle, die darstellt, was, wann und wo etwas im Rahmen des Jahres passiert. Alle Mitmacher – egal ob große geförderte Leuchtturmprojekte oder zivilgesellschaftlich Engagierte auf lokaler Ebene – können sich präsentieren und vernetzen.

  © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Buch-Tipps

Peter Finke: CITIZEN SCIENCE. Das unterschätzte Wissen der Laien, Oekom Verlag 2014.

Peter Finke (Hg.): Freie Bürger, freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeiturm. Originalbeiträge von 36 Autorinnen und Autoren. Oekom Verlag 2015.

Citizen Science-Podcast der Forschergeist-Reihe des Deutschen Stifterverbandes von Tim Prilove im Gespräch mit Peter Finke

James Surowiecki: Die Weisheit der Vielen. Warum Gruppen klüger sind als Einzelne und wie wir das kollektive Wissen für unser wirtschaftliches, soziales und politisches Handeln nützen können. Bertelsmann 2005.

Kristin Oswald & René Smolarski (Hg.): Bürger Künste Wissenschaft. Citizen Science in Kultur und Geisteswissenschaften. Computus Verlag 2016, Download

Interview mit der Projektleiterin der Online-Plattform „Bürger schaffen Wissen“ im Deutschlandfunk: Meistens reicht ein Smartphone 

Netzwerke und Online-Plattformen

 

Konfetti und Kerosin: So wird lebenslanges Lernen zum Vergnügen

Konfetti und Kerosin: So wird lebenslanges Lernen zum Vergnügen

 © Jörg Brinckheger, Pixelio.de  

Unsere Arbeitswelt hat sich gewandelt. Sie wird sich in den nächsten Jahren noch rasanter und tiefgreifender verändern. Wir alle müssen auf Laufenden bleiben, neue Informationen aufnehmen, dazulernen. Einige empfinden das als Druck und Last. Doch das lebenslange Lernen kann ein anregendes Vergnügen sein, wenn wir es neugierig, offen und angstfrei angehen.

Angst als Innovationsbremse

Warum verschließen sich viele Menschen dem Wandel? Weil sie Veränderungen fürchten. Unbekanntes macht Angst, Unwissenheit lähmt. Das Fazit kann nur lauten: Möglichst viele Informationen über neue Entwicklungen sammeln, damit Unbekanntes bekannter wird. Und: Offen über Ängste sprechen, am besten mit Menschen, die Veränderungen häufig erfahren und sie nicht als Last, sondern als Bereicherung erleben.

 © Lisa Spreckelmeyer, Pixelio.de

Unsicherheiten annehmen

„Wie schaffst Du es nur, gelassen zu sein, ohne am Monatsanfang zu wissen, was Du am Monatsende in Deiner Lohntüte hast?“, werde ich häufig von Freunden in einem Angestellten-Verhältnis gefragt. Sie meinen schlaflose Nächte angesichts dieser Unsicherheit zu haben. Ich wäre unehrlich, wenn ich behaupten würde, dass mich gar keine Existenzängste beschleichen. Dennoch erlebe ich das äußerst selten. Mein Vertrauen überwiegt, in meinem Umfeld ständig spannende Menschen zu treffen, mit denen neue Projekte entstehen, die meine zukünftigen Honorare sichern. Resilienz, also die innere Widerstandsfähigkeit, lässt sich trainieren! Das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen, die Gewissheit, neue Fähigkeiten und Kenntnisse erwerben zu können (und zu wollen), senken die persönliche Anfälligkeit gegenüber Krisen. Und stärken die eigene Motivation, ständig Neues zu lernen.

Motivationsrezepte

Meine Motivation, neues Wissen und neue Impulse zu erlangen, entsteht wie beim Kochen. Erst mal hineinschmecken, ausprobieren, testen, verfeinern, improvisieren, wieder probieren, nachwürzen. Die Basisprodukte für neues Wissen erhalte ich meist bei Abend-Vorträgen, bei Tagungen, Konferenzen, Messen und Labs. Ich wähle Megatrends und Fokusthemen aus, z. B. Innovation, Zukunft, Kreativität, Coworking, Gamification, Digitalisierung, Neue Arbeit, Demografie- und Kulturwandel, Regiobranding usw.

Verabreden Sie sich mit anderen, Ihnen bislang unbekannten Leuten zum Essen und tauschen Sie sich gezielt über neue Themen aus. Beim gemeinsamen Essen können Sie mit den richtigen Fragen Informationen erhalten, die Sie sonst nirgendwo oder nur auf kostenintensiven Kongressen bekommen würden. Kein Wunder, dass schon die Wissenschaft das Fachgebiet Kommensalität (Commensality: gemeinsames Essen) erforscht. Im Juni 2017 startete Kevin Kniffin eine Studie an der Cornell University’s Dyson School of Business. Die App Never Eat Alone und die Plattform Workwell können dabei helfen, den richtigen Partner für das gemeinsame Essen zu finden.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Medialer Supermarkt

Was ich bei Veranstaltungen höre, sehe und erlebe, das lese und recherchiere ich nach, gehe tiefer ins Detail. Im medialen Supermarkt prüfe ich neue Informationen nach: über Bücher, gedruckte und digitale Artikel, über youtube-Filme, Podcasts, Newsletter, google alerts, Informationen aus sozialen Netzwerken. Manches rückt sich zurecht, manches muss ich durch mehr Recherche intensivieren. Die neu erworbenen Informationen, Zitate, Erkenntnisse, Gedankenflieger, Ideen sammle ich in digitalen Zettelkästen auf Evernote bzw. One Note. So kann ich meine Notizen jederzeit bequem nach Suchworten durchforsten und habe von überall aus mobilen Zugriff.

Kerosin durch analoge Mischmaschinen

Querverbindungen zwischen Themen bilden sich oft durch persönliche Gespräche. Ich treffe einen mir bis dahin unbekannten Menschen, höre ihm zu und dann macht es plötzlich klick, so als würde Kerosin Gedankenströme heftig zum Sieden bringen. Unterschiedliche Informationen vermischen sich. Eine alte Information wird mit einer neuen vernetzt. Es entstehen Verbindungen, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Die Fäden laufen überraschend zusammen und alles macht einen Sinn. Übrigens das Erfolgsrezept für Netzwerke.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Konfetti an kreativen und beseelten Orten

Besondere Zutaten für meine „Lernsuppe“ hole ich mir bei kreativen Ausflügen, Reisen, Exkursionen an ungewöhnliche Orte. Das kann ein neuer Coworking Space von Kollegen oder Bekannten sein, ein kleines unabhängiges Theater, ein Künstleratelier, die Werkstatt eines Handwerkers, ein Museum, eine Ausstellung, ein neu eröffnetes Geschäft mit handgemachten Dingen, ein Industriedenkmal, ein brachliegender, verwunschener Ort, die Natur, das Meer … Ideen kommen seltener am Schreibtisch. Wenn ich meinen Körper bewege, mobilisiere ich auch meinen Geist!

  © MassivKreativ

Corporate Volunteering

Wechseln Sie einen Tag lang (oder länger) Ihren Arbeitsplatz, entweder innerhalb Ihres eigenen Unternehmens oder mit anderen Branchen. Sie erhalten Einblicke in neue Bereiche, was sich nicht nur auf fachliche Kompetenzen und Eigenverantwortung positiv auswirkt, sondern auch Empathie-Fähigkeiten stärkt. Zum Jobtausch eignen sich besonders kreative und soziale Arbeitswelten (Beispiele und Kontakte siehe unten).

Citizen Science

Engagieren Sie sich in Ihrem regionalen Umfeld, um aktiv Spezialwissen zu erschließen, dem die Profi-Wissenschaft keine Aufmerksameit schenkt. Bürgerwissen = Citizen Science liegt voll im Trend. In Geschichtswerkstätten, Umwelt- und Naturvereinen oder auf Online-Plattformen können Sie sich vernetzen, je nach eigenem Interesse intrinsisch motiviert als Laienforscher echtes Spezialwissen erschließen und an andere Menschen weitergeben. 

10 Tipps, wie lebenslanges Lernen zum Vergnügen wird und wie Sie Ihre Mitarbeiter dazu motivieren können:

Verlassen Sie ihre gewohnten Routine-Boxen und nehmen Sie Ihre Scheuklappen ab! Erweitern Sie Ihren Horizont und erobern Sie sich neue Biotope! Und so geht es:

1) Kaufen Sie sich einmal im Monat eine neue Zeitschrift, die sie sonst nicht lesen – aus einem Fachbereich, der Ihnen weitgehend fremd ist! So stoßen Sie auf neue Themen, die für Ihr Geschäfts- oder Tätigkeitsfeld neue Anregungen bieten kann. Legen Sie sie für Ihre Mitarbeiter in der Kantine oder in der Kaffeeküche aus.

2) Abonnieren Sie Newsletter (z.B. google Alert), die sie regelmäßig über neue Entwicklungen informieren, die für Ihren Beruf oder Fachbereich spannend sein könnten! Hinterlegen Sie die besten für Ihre Mitarbeiter im Intranet Ihrer Firma.

3) Tragen Sie sich in digitale und analoge Netzwerke, Gruppen, Communities ein, um neue Menschen kennen zu lernen und innovative Themen zu durchdringen! 

4) Besuchen Sie Vorträge zu Themen, die für Sie neu sind! Verbinden Sie sich dort mit Menschen, die Sie anregend und inspirierend finden. Interesse, Sympathie und persönliche Bindung sind die Haupttriebkräfte für lebenslanges Lernen.

5) Besuchen Sie Tagungen, Konferenzen, Messen, auf denen Sie Neues erfahren und interessante Menschen, Vordenker, Visionäre treffen können. Auch Schüler- und Absolventenmessen sind spannend, um mit dem potentiellen Nachwuchskräften in Kontakt zu kommen und deren favorisierten Themen in Erfahrung zu bringen. Entsenden Sie sowohl neugierige als auch skeptische Mitarbeiter als Innovationsscouts zu Veranstaltungen, damit sie Neuigkeiten zurück ins Unternehmen bringen und Kollegen davon berichten.

6) Besuchen Sie Ausstellungen, Theater- und Konzertaufführungen von jungen Künstlern. Kommen sie mit ihnen ins Gespräch, stellen Sie ihnen Fragen. Künstler erspüren stets sehr früh gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen und reagieren darauf in ihren Werken. Diskutieren Sie über Themen wie Innovation, Digitalisierung, Werte, Zukunft usw. Sie werden neue Impulse für Ihr eigenes Denken und Handeln erhalten.

7) Erobern Sie sich so oft es geht neue ungewöhnliche Orte und Berufswelten.  Tauschen Sie tageweise mit anderen Menschen Ihren Job. So kommen Sie ungeplant mit Themen und Menschen zusammen, auf die Sie normalerweise nicht treffen würden. Gleichzeitig bietet sich Ihnen die großartige Chance, das „Ungesuchte“ zu finden (Serendipity-Effekt), die Voraussetzung, um innovative Impulse zu erhalten. Kostengünstiger geht es nicht!

8) Planen Sie als Gastgeber Innovations- und Kreativabende in Ihrem Unternehmen. Laden Sie sich interessante Multiplikatoren, Referenten und Künstler ein, um gemeinsam über gesellschaftlich relevante Themen zu diskutieren. Der Austausch wird Sie und Ihre Mitarbeiter auf neue Ideen und Zukunftsstrategien bringen.

9) Mieten Sie sich tageweise in einen CoworkingSpace von Kreativschaffenden oder von Start-Ups ein. Beobachten Sie, wie Ihre Mitstreiter arbeiten, wie sie sich neues Wissen aneignen und sich vernetzen. Sprechen Sie mit ihnen über Megatrends und Zukunftsstrategien.

10) Beteiligen Sie sich an Corporate VolunteeringProjekten oder in Bürgerwissen-Vereinen (Citizen Science) in Ihrer Region. Zeigen Sie soziales Engagement und kommen mit Menschen in Ihrer Umgebung ins Gespräch. So erfahren, welche Themen ihnen unter den Nägeln brennen und erhalten Inspirationen für Ihre Geschäfts- und Tätigkeitsbereiche.

 © S. Hofschlaeger, Pixelio.de

Impulse für Lebenslanges Lernen und Corporate Volunteering 

  • 5 Redner á 555 Sekunden: Vorträge und Impulsabende der Rednergilde Hamburg 
  • Vortragsreihe 12 Minuten: spannende Themen präzise auf den Punkt gebracht mit anschließendem Networking in verschiedenen Städten, bei youtube: 12min.me 
  • Veranstaltungen, Konferenzen, Labs vom Querdenker-Club
  • Branchenübergreifende KreativLabs und Innovationswerkstätten von Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern
  • DesignXport präsentiert Vorträge über Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft
  • Hamburg Kreativ Gesellschaft bietet vielfältige Netzwerkveranstaltungen und ein Jobshadowing-Programm an
  • Seitenwechsel ist ein Jobtausch-Programm der Patriotischen Gesellschaft Hamburg: Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung arbeiten eine Woche lang als Praktikanten in einer sozialen Institution (Erfahrungsberichte)
  • Freiwilligenagenturen in ganz Deutschland
  • ehrenamtliche Freiwilligenprojekte in Hamburg, häufig im Hinblick auf Bildungsförderung für Schüler und junge Menschen
  • Webportal Feel Good At Work informiert über das ehrenamtliches Engagement von Mitarbeitern in Unternehmen
  • Vermittlungsplattform Sozialgewinnt der Diakonie Düsseldorf, hier können Unternehmen nach aktuellen Projekten und Erfahrungsberichten für Corporate Volunteering suchen.
  • Webplattform Planetvalue koordiniert ehrenamtliche Aktionstage für die Wirtschaft
Wir. Echt. Bunt: Unser immaterielles Kulturerbe

Wir. Echt. Bunt: Unser immaterielles Kulturerbe

© MassivKreativ, Antje Hinz

Unsere Welt ist global und virtuell geworden. Doch digitale Erlebnisräume können echte, reale Erfahrungen in einer Gemeinschaft nicht ersetzen. Ohne sie wird unser Leben schnell öde und sinnentleert. Weltweit wird nun nach „lebendigen“ kulturellen Praktiken und Ausdrucksformen gesucht, nach gemeinschaftlichen Erlebnissen, unserem „immateriellen Kulturerbe“.

Traditionelles Wissen weitergeben

Die Sicherheiten in unserem Leben schwinden. Was gestern innovativ war, ist heute veraltet. Was morgen kommt, ist nicht vorhersehbar. In einer Welt voller Ungewissheiten suchen wir nach Bodenhaftung und Stabilität, nach Gemeinschaft und Selbstvergewisserung. Doch unsere Gesellschaft ist technikverliebt. Nichttechnologische Ideen und handgemachte Leistungen werden unterschätzt. Traditionelles Wissen gerät aus dem Blickfeld. Kreative Leistungen und Konzeptideen werden selten vergütet, aber umso häufiger ohne Erlaubnis und schlechtes Gewissen kopiert. Soziales und ehrenamtliches Engagement wird gern gesehen, aber zu wenig wertgeschätzt (siehe weiter unten Citizen Science).

© Sylvia-Verena Michel, Pixelio
UNESCO-Siegel „Immaterielles Kulturerbe“ für das jährliche friesische Biikebrennen am 21. Februar

Initiative der UNESCO

Zur gesellschaftlichen Bewusstseinsförderung hat die UNESCO 2003 das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes (IKE) verabschiedet. Die Konvention soll dazu beitragen, das weltweit vorhandene traditionelle Wissen und Können zu erhalten. Mehr als 160 Staaten sind der Konvention inzwischen beigetreten. Bereits 1982 heißt es in der Deklaration der UNESCO-Weltkonferenz über Kulturpolitik in Mexico City: „Kultur kann in ihrem weitesten Sinn als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen.“ 
Im bundesdeutschen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes stehen derzeit knapp 100 Einträge und zahlreiche Erhaltungsprogramme (Gute Praxis-Beispiele). Jedes Jahr kommen weitere Kulturformen hinzu, so wird das Verzeichnis stetig wachsen und die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und aus Deutschland sichtbar machen. Verschiedene staatliche Akteure der jeweiligen Bundesländer und die Deutsche UNESCO-Kommission entscheiden in einem mehrstufigen Verfahren über neue eingereichte Anträge. Sie zeigen unseren Alltag in allen Facetten, z. B. das Hebammenhandwerk, das Mecklenburger Tonnenabschlagen, die Alltagskultur im Hamburger Stadtteil St. Pauli und die deutsche Friedhofskultur.

© Ruth Rudolph, Pixelio

Ergänzung zum materiellen Weltkulturerbe

Im englischen Sprachraum ist das „immaterielle Kulturerbe“ weniger sperrig. Hier heißt es „intangible cultural heritage“ = „unberührbares Kulturerbe“. Ergänzend zum „berührbaren“ bzw. „materiellen“ Kulturerbe, wie z. B. den Bauwerken Kölner Dom, den Pyramiden und dem Tadsch Mahal, geht es der UNESCO auch um nichtmaterielle Leistungen. In die deutsche Liste schafften es bis 2015 u. a. die Brotkultur, das Morsen und Reetdachdecken, der rheinische Karneval, das friesische Biikebrennen sowie sorbische Feste und Bräuche, Falknerei, Singen im Amateurchor und moderner Ausdruckstanz.
Im März hat Deutschland seine erste Nominierung für das internationale Verzeichnis der UNESCO eingereicht, für die sogenannte Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit: die Idee und Praxis der Genossenschaft. Gewürdigt werden alle Facetten des gemeinschaftlichen, demokratischen Entscheidens und Zusammenlebens, von denen es hierzulande vielfältige Beispiele gibt: Wohnungsbau- und Konsumgenossenschaften (z. B. REWE), Medien (z. B. taz), Bankgenossenschaften (z. B. Raiffeisen), Handwerker-, Land- und Forstwirtschaftsgenossenschaften, Energieversorger (Greenpeace energy), Krankenhäuser, Kulturzentren, Künstler- und Schülergenossenschaften.

Spiegelbild unserer Kultur

Die UNESCO möchte langfristig und nachhaltig unterschiedliche kulturelle Praktiken und Ausdrucksformen schützen: Traditionen, Rituale, Darstellungen, Wissen und Fertigkeiten. Um das begehrte UNESCO-Siegel können sich Musik- und Gesangsformen bewerben, Erzählungen und Dialekte, Tänze und Feste, Wein- und Gartenkultur, traditionelle Heilmethoden, Bau- und Handwerkstechniken sowie Gemeinschaften, die sich für die Verbindung von Kulturtraditionen und Natur engagieren. Ein konkreter Appell gegen Ignoranz und Vergessen ist darüber hinaus die „Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes“. Über Ziele und Sinn der UNESCO-Initiative sowie über das Siegel habe ich mit Benjamin Hanke gesprochen, Referent für das immateriellen Kulturerbe bei der Deutschen UNESCO-Kommission.

Traditionen und Werte als Lebenselixier

Warum brauchen wir überhaupt noch Traditionen und entsprechende Praktiken? Welchen Nutzen haben sie für uns? Während Bauwerke restauriert und konserviert werden, muss Immaterielles Kulturerbe lebendig bleiben und sich wandeln. Es wird von Gemeinschaften in sozialer Balance geschaffen. Sie sind Labore für eine zukunftsfähige Gesellschaft und für gemeinschaftliches, nachhaltiges Handeln! In einem Mikrokosmos leben die Akteure vor, was unseren Alltag lebenswert macht: Teilhabe, Geborgenheit, Sinnstiftung, Identität, Wertschätzung, Würde, Vertrauen, Empathie, Kommunikation, Austausch, Gemeinsinn, Selbstbestimmung, Hilfsbereitschaft, Engagement, Kontinuität, Motivation, Freude, Lebendigkeit, Vielfalt, Toleranz, Entfaltung und Entwicklung.

Identität und Kontinuität

Die Trägergemeinschaften, die immaterielles Kulturerbe schaffen, sind Treibhäuser für das WIR-Gefühl. Es sind zugleich Lern-, Erfahrungs- und Erlebnisorte sowie Erkenntnis-Labore für die aktuellen Herausforderungen. Es geht um grundlegende gesellschaftliche Fragestellungen: Welche Wurzeln haben wir? Welche Identität-(en) tragen wir in uns? Was prägt uns? Welche Werte sind uns wichtig? Welches Wissen möchten wir weitergeben?

Bürger schaffen Wissen: Citizen Science

Engagierte Bürger leisten als forschende Laien einen enormen Beitrag für unsere Gesellschaft. In Geschichtswerkstätten, Wissenschaftsläden, in Vereinen und Trägergruppen, sorgen Sie für die Aufarbeitung und Weitergabe von Wissen, um das sich die staatlich finanzierte Profi-Wissenschaft nicht kümmert. Mit hoher intrinsischer Motivation investieren Laien enorm viel Zeit und Herzblut,  um beispielsweise Vögel in ihrer Region zu zählen, Pflanzen der Umgebung zu bestimmen, die Geschichte des eigenen Stadtteils zu recherchieren, Zeitzeugen zu befragen und der nächsten Generation das erworbene Wissen zu vermitteln und weiterzugeben. Citizen Science zeigt vorbildhaft, wie lebenslanges Lernen schon heute Zwang oder Einwirkung von außen mit großer Wirkung erfolgreich praktiziert wird. Die Plattform Bürger schaffen Wissen zeigt ausgewählte Beispiele, wobei naturwissenschaftliche Projekte die Plattform zu Unrecht dominieren. Hier müssten die vielen kulturellen und geisteswissenschaftlichen Bürgerprojekte in Deutschland dringend nachgetragen werden!

© Rainer Sturm, Pixelio
UNESCO-Siegel „Immaterielles Kulturerbe“ für die deutsche Brotkultur und das Bäckerhandwerk

UNESCO-Bewerbungsverfahren

Damit eine Bewerbung für die Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland erfolgreich verläuft, müssen konkrete Kriterien erfüllt werden. Der Antragsteller muss Mitglied einer sogenannten Trägergemeinschaft sein, die das Kulturerbe aktiv ausübt. Nur im fruchtbaren Klima gegenseitiger Wertschätzung können Ideen wachsen und gedeihen. Mit viel Zeit, Konzentration und Ausdauer perfektionieren die Akteure Fähigkeiten und Können. Mit Sachverstand und Leidenschaft geben sie ihr besonderes Wissen an neue Akteure weiter. Sie inspirieren einander, sorgen dafür, dass die Ausdrucksformen von einer Generation an die nächste weitergegeben. Das Erbe lebt von den Menschen, die es stetig neu gestalten und auch weiterentwickelt. In der Schweiz ist daher die Formulierung „lebendiges Erbe“ verbreitet.

Vielfalt

Die Gemeinschaft muss allen Menschen offen stehen, als Zeichen dafür, dass „Wir. Echt. Bunt“ sind und unser immaterielles Kulturerbe unsere „gemeinsame Sache“ ist. Der freie Zugang zur kulturellen Tradition ist wesentlich – ungeachtet der Herkunft, Religion, und Weltanschauung. In den Trägergemeinschaften sollen sich Generationen und Geschlechter, Minderheiten und Benachteiligte, Kulturen und Religionen mischen.
Das Schützenwesen wurde zunächst nicht in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, weil es die christliche Tradition überbetonte und einem Bürger muslimischen Glaubens die Teilhabe verweigerte. Inzwischen wurde diese Entscheidung von den Schützen korrigiert und die Zusage für das Siegel von der UNESCO im zweiten Durchgang doch noch vergeben. Ausgrenzung und andere Verstöße gegen internationale Menschenrechtsübereinkünfte werden von der UNESCO abgestraft.
Längst bereichern auch migrantische und transkulturelle Einflüsse das Alltagsleben in Deutschland. Sie bringen neue Impulse in die Diskussion um Heimat, Vertreibung und den Umgang mit der Natur. Das deutsche Verzeichnis soll nicht nur „deutsches“ Kulturerbe abbilden, sondern möglichst vielfältige Identitäten, Wissens- und Ausdrucksformen in unserem Land. 

Sorbische junge Frau_Spreewald 2008 140Schloss_Lübbenau_Kahn_Spreewald 2008 197 © MassivKreativ, Antje Hinz: Auch die Feste und Bräuche der Sorben im Spreewald wurden in die UNESCO-Liste aufgenommen.

© MassivKreativ, Björn Kempcke: 360-Grad-Ansicht des Spreewaldortes Lehde mit Freilichtmuseum (dafür direkt auf das Foto klicken)

Qualitätssiegel und Inwertsetzung: Fluch oder Segen

Städte und Gemeinden buhlen überall um zahlungskräftige Touristen. „Regiobranding“ ist in aller Munde. Städtische Akteure, lokale Verbände, Vereine und Initiativen suchen eifrig nach Wegen, um Heimat „in Werte“ zu setzen. Und so wird immaterielles Kulturerbe auch zum Standortfaktor. Die UNESCO verleiht an erfolgreiche Bewerber für die Liste ein Siegel, mit dem sie für nicht-kommerzielle Zwecke werben dürfen.

Offene Fragen

Die UNESCO ist sich der Gefahren bewusst und bleibt mit den Trägergemeinschaften im Gespräch. Sie wird aufmerksam beobachten, wer vom Siegel profitiert. Sollte es tatsächlich zu Kommerzialisierung und Massentourismus führen, zu Romantisierung und Qualitätsverlust, wird das Siegel auch wieder aberkannt, so die klare Ankündigung. Die Entscheidung könnte im Ernstfall schwer fallen, denn die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz, Kitsch und Kultur sind fließend. Die Praxis wird zeigen, ob die Trägergemeinschaften mit ihrem bürgerschaftlichen Engagement unabhängig und selbstbestimmt bleiben können. 

Quellen und Inspirationstipps:

In Planung in Kooperation mit der Deutschen UNESCO-Kommission:

Wanderausstellung „Gemeinsame Sache: Unser Immaterielles Kulturerbe“

Inhaltliche Konzeption: Antje Hinz, Silberfuchs-Verlag

Szenografie: Sven Klomp, Impuls-Design

Projektleitung: Annette Hasselmann,  Impuls-Design