Summer of Pioneers: Wie Großstadt-Nomaden das Land entdecken

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Während die Großstädte über Raumnot klagen, bieten ländliche Regionen Raumwohlstand, die kreative Form des Leerstands. Wittenberge in Brandenburg hat diese Herausforderung in eine Erfolgsgeschichte verwandelt. Wie das dank des „Summer of Pioneers“ gelungen ist, hat mir Regionalentwickler Christian Fenske erzählt. Er setzt auf Kreativität und Coworking. 

Aktivierendes Grundrauschen

Vor einem Jahr gab es den Coworking-Space in der Alten Ölmühle noch gar nicht. Da reiften gerade die ersten Ideen. Wittenberge will kreative Köpfe aus Berlin und anderen Metropolen nach Wittenberge locken – in die Prignitzer Provinz. Prignitz kommt aus dem Slawischen und heißt so viel wie „ungangbares Waldgebiet“. Die Brandenburgische Region ist waldreich, ländlich und leidet unter Abwanderung. Die BewohnerInnen stecken den Kopf jedoch nicht in den Sand. Sie packen die Probleme an und denken voraus, so wie Christian Fenske. Er ist Regionalentwickler im TGZ, dem Technologie- und Gewerbezentrum Prignitz. Fenske ist erster Ansprechpartner für Start-ups, Existenzgründer, Unternehmer und Investoren. Wenn er von Wittenberge spricht, spürt man sofort: Er liebt die Region, die seine Heimat ist. Damit sie auch in Zukunft reizvoll und lebenswert bleibt, sucht er nach neuen Impulsen: „Wir brauchen ein gewisses Grundrauschen, um die kreative Masse zu aktivieren, die hier schon vor Ort ist. Wir wollen die Einheimischen inspirieren und aus ihren heimischen Gefilden rauslocken, damit sie sich mit auswärtigen Kreativen vernetzen.“

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Kreative Beratung

Fenske sucht Rat bei einem kreativen Großstädter, der selbst den Wechsel aufs Land plant. Frederik Fischer war als Tech-Journalist in der Startup-Szene aktiv und hat u. a. den Nachrichten-Aggregator piqd mitgegründet. Doch irgendwann stellt er sich die Sinnfrage. Heute baut er als Gründer der KoDorf-Bewegung neue Dörfer für Großstadtmüde. Die geplanten Siedlungen sollen aus 50 kleinen, hochwertig gestalteten Häusern mit Gemeinschaftsflächen für alle bestehen: Coworking Space, Gemeinschaftsküche, Gästewohnungen, Kino. Das erste KoDorf Wiesenburg entsteht gerade 100 km südwestlich von Berlin. Vier weitere Standorte sind in Vorbereitung. Frederik Fischer wird zum Berater von Fenske und zugleich zum Initiator des ersten Summer of Pioneers in Wittenberge.

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Umgenutzte Industriekultur

Der „Sommer der Pioniere“ ist der erste Testballon, der in Wittenberge Kreative aufs Land holen und ausprobieren will, wie sich Coworking abseits der Großstädte anfühlt. Das Format ist gleichzeitig ein Ansatz, um leerstehende Gebäude neu zu nutzen. In Wittenberge stehen ungenutzte Flächen in der Alten Ölmühle zur Verfügung, ein Industriedenkmal aus solider Backsteinarchitektur, die der Berliner Kaufmann Salomon Herz um das Jahr 1856 bauen ließ. Heute beherbergt das denkmalgeschützte Gebäude – idyllisch am Elbe-Radweg gelegen – eine Erlebnisgastronomie mit Restaurant und Schaubrauhaus im ehemaligen Saatenspeicher und Angebote für Sport, Kultur und Unterhaltung. Der Saugturm wird in der Saison als Strandbar und Café mit Beachvolleyballanlage genutzt. In der Fabrikantenvilla und einem weiteren Speichergebäude ist ein modernes Hotel entstanden. In ein weiteres leerstehendes Gebäude ist im Sommer 2019 der neue Coworking-Space für die kreativen Pioniere eingezogen.

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Bewerber-Marathon

Im Frühjahr 2019 entwickeln Fischer und Fenske innerhalb weniger Wochen eine Kampagne und schreiben einen Wettbewerb für Kreative aus. Weit mehr Kandidaten als erwartet wollen das Landleben auf Zeit testen. Mit ihrer Bewerbung müssen die Kreativen auch eine Idee einreichen, womit sie das Leben in Wittenberge bereichern wollen. Neben eigenen Aufträgen soll jeder auch ein Projekt in und um Wittenberge realisieren – im Austausch mit Kreativen aus der Region. In Barcamps und weiteren Veranstaltungen wird später diskutiert, was die Region konkret beleben könnte. Die BewerberInnen kommen vor allem aus Großstädten: Berlin, Hamburg und Zürich.

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Vielfältige Persönlichkeiten

22 kreative DigitalarbeiterInnen werden schließlich ausgewählt. Sie erhalten einen Platz im neu eingerichteten Coworking-Space mit Blick aufs Wasser. Die möblierten Wohnungen kosten pauschal 300 Euro, Zimmer 150 Euro im Monat inklusive Nebenkosten, Internet und Coworking-Nutzung. Doch wer sind diese Stadtflüchtigen auf Zeit? Vielfalt ist auf jeden Fall erwünscht, die Professionen sind entsprechend unterschiedlich:  Autoren und Journalisten, Grafiker und Medienproduzenten, PR- und Unternehmensberater, Coaches, Fintechs-Gründer, die Menschen dabei unterstützen, ihre Altersvorsorge mit digitalen Tools selbst zu regeln. Christian Fenske erklärt, welche Mehrwerte die Kreativen nach Wittenberge bringen: „Die kreativen Digitalarbeiter sollen unsere heimischen Kreativen in Wittenberge aktivieren, inspirieren, auch digitale Kompetenzen vermitteln. Wir wollten Leute auf Augenhöhe zusammenbringen, die in der gleichen Gedankenwelt unterwegs sind und den gleichen Arbeitsrhythmus haben.“ Und was treibt die Kreativen aufs Land? Natur, Wasser, Ruhe. In Wittenberge können sie tagsüber produktiv, konzentriert und entspannt arbeiten und abends den Sonnuntergang an der Elbe erleben. „Was gibt es Schöneres?“, sagt Fenske.

 Coworking mit Blick auf die Elbe © MassivKreativ

Halbzeit-Bilanz und Erfolgsstrategien

„15 von den 20 Kreativen können sich eine Verlängerung vorstellen“, erzählt Fenske stolz nach nur 3 Monaten. Fünf wollen sich sogar auf Dauer einbringen. Nach so kurzer Zeit ist das ein riesiger Erfolg! „Wir sind eigentlich nach der Halbzeit schon viel weiter, als wir nach sechs Monaten sein wollten, das ist bemerkenswert“, sagt Fenske. Doch was sind die Faktoren, die das Projekt zum Erfolg werden ließen? „Weil das Projekt wirklich alle wollten“, sagt Fenske. Es gibt viele starke Partner am Standort: das Hotel und das Brauhaus, die alte Ölmühle. Der Betreiber hat binnen vier Wochen eine noch leere, im Rohbauzustand verbliebene Etage umgebaut und ausgestattet: mit Fußböden, Einbauten, Bädern, Besprechungsraum, Heizung, Küche, Möblierung, Elektrik, Präsentationstechnik, Beamer und Leinwand. Bei der Ausstattung stand die CoWorkLand-Genossenschaft der Heinrich Böll Stiftung in Kiel beratend zur Seite. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft stellte Zimmer bereit inklusive Möblierungspaketen, Internet kam von einem Breitbandanbieter. Stadt, Stadtverwaltung, städtisches Bauamt und das Technologie- und Gewerbezentrum sind die Treiber, die bis heute alles zusammenhalten.

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Corona-Krise

Wie überall im Land hat die Corona-Krise auch für den „Summer of Pioneers“ einige Reglementierungen erzeugt. Das Projekt läuft weiter – unter Beachtung und Anwendung spezieller Hygiene-Vorschriften. Die Abstände zwischen den Arbeitsplätzen im Coworking Space wurde vergrößert bzw. die Zahl der gleichzeitigen Nutzer begrenzt. Vor allem aber musste der Zugang für die Öffentlichkeit ausgesetzt werden. Mit Öffnung der Bibliotheksstrukturen Anfang Mai 2020 können Interessenten voraussichtlich den Ort wieder besuchen. 

Medienrummel

Was alle Akteure in der Stadt überrascht hat, ist das enorme Interesse der Medien am temporären Gastspiel der Kreativen im neuen Coworking-Space. Nicht nur regional wurde über den „Summer of Pioneers“ berichtet, auch deutschlandweit. Sogar die BBC war zu Besuch. „In der gesamten Berichterstattung, z. B. bei Spiegel online, waren wir sogar mal auf Platz eins“, erzählt Fenske. „Wir haben Anfragen aus der gesamten Republik, sind im Gespräch auf Landes- und Bundesebene. Es vergeht keine Woche, wo nicht mal ein Bürgermeister anruft und fragt: Wie habt ihr das gemacht? Und wir fragen zurück: Wie geht Ihr mit Fördertöpfen um? Auch Hochschulen melden sich, die sich mit Ansiedlungen von Kreativwirtschaft in ländlichen Räumen beschäftigen. Dieser fruchtbare Austausch geht von der Ostseeküste im Norden bis zum Bayerischen Wald. Das ist für alle ein toller Lernprozess.“  

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Digitalsommer Prignitz

Wo andere Städte teure Werbeagenturen mit Kampagnen beauftragen, überzeugt das kreative Projekt in Wittenberge mit Authentizität. Um über die Grenzen von Wittenberge hinaus weitere interessierte Menschen zu erreichen, wurde an das Coworking-Format im August 2019 das Wochenend-Erlebnisformat Digitalsommer Prignitz angedockt. Über 500 interessierte Gäste aus ganz Deutschland erleben hier zahlreiche innovative Veranstaltungen, Workshops und Diskussionen zu neuen digitalen Arbeits- und Lebenswelten im ländlichen Raum sowie Informationen zur Digitalisierung im Touristikbereich, in den Medien und in der Wirtschaft. Austausch ist wichtig, sagt Christian Fenske. Auch er verlässt regelmäßig seine Wittenberger Scholle und sucht nach neuen Impulsen, um sie ggf. auf Wittenberge zu übertragen: „Im Rahmen des Digital Sommers sind wir Wirtschaftsförderer auch ins Wendland, in den Landkreis Ludwigslust-Parchim und in die Altmark gegangen, um uns mit anderen Regionen auszutauschen. Das Kirchturmdenken ist schon lange vorbei, das können wir uns gar nicht mehr erlauben. Aber: viele Sachen, die irgendwo anders funktionieren, funktionieren nicht automatisch überall. Da muss man sich wirklich Zeit nehmen, um das zu analysieren. Oft liegt es an den Menschen, ob die etwas wollen und bewegen oder auch nicht.“

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Substanz aus früheren Zeiten

Abwanderung und Demografiewandel sind Themen, die viele Regionen bewegen. Wittenberge hat viel Bevölkerung verloren: 1970 gab es 34.000 EinwohnerInnen, 2018 sind es mit 17.000 nur noch die Hälfte. Im Zuge der Wende ist der einstigen Industriestadt Wittenberge die Industrie abhanden gekommen und mit ihr die Menschen. Einst liefen hier Nähmaschinen und Fahrräder vom Band. Wie es damals war, werden die älteren BewohnerInnen heute wieder öfter gefragt, nach Jahren des Schweigens, als niemand an früheren Zeiten interessiert war. Um einen Austausch zwischen den Generationen, zwischen Alt- und Neubürgern anzuregen, haben die Kreativen einen Stadtsalon eingerichtet – im Safari am Bismarckplatz 6. Hier  berichten die Senioren im Erzählcafé über ihre Arbeit im früheren Singer-Nähmaschinen-Werk und dass sie selbstverständlich mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhren. Damals nicht aus Umweltgründen, sondern weil es zu DDR-Zeiten schlicht kein Auto zu kaufen gab. Neben der alten Industriekultur hat Wittenberge auch hochwertige Wohnsubstanz zu bieten. Es gibt wunderschöne Jugendstilbauten, von denen schon viele neu herausgeputzt und restauriert sind. Doch es gibt noch immer viel zu tun. Die Wittenberger packen alles nach und nach beherzt an.

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Profilbildung mit Kultur

Der erste kreative Ruck ging bereits zur Jahrtausendwende durch den Ort an der Elbe. Als klar war, dass die Region sich neu aufstellen muss, setzten die Stadtentwickler zur Überraschung vieler auf Kultur. Eine ebenso mutige wie visionäre Entscheidung. Das schmucke neoklassizistische Kultur- und Festspielhaus, in den 50er Jahren erbaut und nach der Wende saniert, lädt jeden Tag zu Konzerten und Veranstaltungen ein. Seit 2002 ziehen die Elblandfestspiele jedes Jahr mehr Besucher an. Wittenberge führt damit eine Musiktradition zeitgemäß weiter, die der Berliner Operettenkomponist Paul Lincke aufgebracht hatte. Die Grundlagen für seine späteren Erfolge legte er von 1880-84 mit seiner Ausbildung als Militärmusiker an der Wittenberger „Stadtpfeiferei“ in der Mohrenstraße 14/15. Der Platz vor dem Kultur- und Festspielhaus wurde nach Lincke benannt und eine Büste von ihm aufgestellt.

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Neuer Bevölkerungsschub durch Kreativität

Der „Summer of Pioneers“ führt die kulturellen Traditionen von Wittenberge auf neue, innovative Weise weiter. Christian Fenske: „Die Kreativen bringen einen hohen Faktor an Lebensqualität in eine Region. Das suchen Fachkräfte, die sich neu ansiedeln wollen. Wir alle brauchen einen hohe Freizeitfaktor, ein gesundes Kulturangebot, eine offene Vereinsstruktur. Kreative bringen außerdem frische Ideen, freie Gedanken, Lebensqualität und Innovationsfähigkeit. Die braucht man in einem kleinen und mittelständisch geprägten Unternehmensumfeld.“ Wittenberge spielt dabei die gute Logistik in die Hände, es ist in mehrfacher Hinsicht ein privilegierter Ort. Idyllisch direkt an der Elbe gelegen und auf halber Strecke zwischen den Metropolen Berlin und Hamburg bietet Wittenberge vor allem ein Plus: Es gibt einen Bahnhof, an dem ICE-Züge halten. Für die Redaktion des ZEIT-CAMPUS-Magazins ist das im Februar 2020 Grund genug, um mal in anderer Umgebung die Köpfe rauchen zu lassen. Die JournalistInnen, die sonst in Hamburg und Berlin arbeiten, mieten sich im neuen Coworking-Space in der Alten Ölmühle ein. Und sind ziemlich überrascht, was Wittenberge alles zu bieten hat: unzählige schmucke Jugendstil-Häuser, eine quirlige Innenstadt, ein großes Kultur- und Festspielhaus, Museum, Schwimmhalle, Kino.

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Ausstrahlung auf interessierte Neubürger

Marketingberaterin Esther Schmidt-Bohländer, die vor 2 Jahren aus Hamburg nach Wittenberge zog, beobachtet ein wachsendes Interesse an ihrer neuen Wahlheimat: „Viele auswärtige Freunde interessieren sich tatsächlich für den Coworking-Space hier und nehmen die Gelegenheit vom Summer of Pioneers wahr, mich endlich hier in Wittenberge zu besuchen. Bisher waren alle positiv überrascht, wie schön es hier ist. Ich kenne viele, die gerne aus der Großstadt weg würden… Was für Wittenberge spricht: Hier gibt es leistungsfähiges Internet durch Breitband und Glasfaseranschluss und zentral zwischen Berlin und Hamburg ein ICE-Anschluss: Das ist ganz besonders für eine 17.000 Einwohner Stadt.“ Schon kurz nach ihrer Ankunft hatte Bohländer Ideen, um Wittenberge neu zu beben. Sie kontaktierte Christian Fenske und stieß bei ihm sofort auf offene Ohren. Anknüpfend an ihre beruflichen Erfahrungen in Hamburg bietet sie nun im Stadtsalon  „Safari“ Bierverkostungen an und führt die Teilnehmerinnen mit ihrem Expertenwissen in die Welt  von Hopfen, Malz und Gerste ein. So bereichert jeder Neubürger Wittenberge auf seine besondere Weise.

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Modell mit Lerneffekt für andere

Regionalentwickler Christian Fenske ist zukunftshungrig und hat noch viel vor in Wittenberge. Der Summer of Pioneers ist ein Modellversuch, von dem andere Regionen lernen können, z. B. zum Thema Coworking und Geschäftsmodelle: „Ist das vielleicht auch eine gesellschaftliche Aufgabe?“, fragt Fenske. „Muss vielleicht die Kommune das unterstützen, selbst wenn es nicht wirtschaftlich tragfähig ist. Wir in Wittenberge machen das, weil wir es als hilfreich für unsere hiesige Wirtschaft ansehen. Wir brauchen ein angenehmes Klima. Innenstadt ist vor allem Kultur. Eine tote Innenstadt ist auch eine tote Kultur!“  Inzwischen hat auch die Politik den Mut und Erfolg des kreativen Projektes gewürdigt. Es erhielt eine Anerkennung vom Bundesinnenministerium im Rahmen des Wettbewerbs „Menschen und Erfolge“. Die Stadt ist begeistert von den Ergebnissen und hat wegen weiterer Nachfragen von neuen Kreativen das Projekt um 6 Monate verlängert. Es läuft nun bis Juni 2020 und bekommt weitere Ableger – coronabedingt erst 2021. Dann soll das Coworking-Abenteuer im hessischen Homberg und in Altena in NRW nördlich von Lüdenscheidt weiter ziehen. Darüber hinaus soll das Format im Sommer 2021 auch in Westmecklenburg Station machen – bei den Kreativen von WIR BAUEN ZUKUNFT. Großartige Aussichten!

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PODCAST

 
Konfetti und Kerosin: So wird lebenslanges Lernen zum Vergnügen

Konfetti und Kerosin: So wird lebenslanges Lernen zum Vergnügen

 © Jörg Brinckheger, Pixelio.de  

Unsere Arbeitswelt hat sich gewandelt. Sie wird sich in den nächsten Jahren noch rasanter und tiefgreifender verändern. Wir alle müssen auf Laufenden bleiben, neue Informationen aufnehmen, dazulernen. Einige empfinden das als Druck und Last. Doch das lebenslange Lernen kann ein anregendes Vergnügen sein, wenn wir es neugierig, offen und angstfrei angehen.

Angst als Innovationsbremse

Warum verschließen sich viele Menschen dem Wandel? Weil sie Veränderungen fürchten. Unbekanntes macht Angst, Unwissenheit lähmt. Das Fazit kann nur lauten: Möglichst viele Informationen über neue Entwicklungen sammeln, damit Unbekanntes bekannter wird. Und: Offen über Ängste sprechen, am besten mit Menschen, die Veränderungen häufig erfahren und sie nicht als Last, sondern als Bereicherung erleben.

 © Lisa Spreckelmeyer, Pixelio.de

Unsicherheiten annehmen

„Wie schaffst Du es nur, gelassen zu sein, ohne am Monatsanfang zu wissen, was Du am Monatsende in Deiner Lohntüte hast?“, werde ich häufig von Freunden in einem Angestellten-Verhältnis gefragt. Sie meinen schlaflose Nächte angesichts dieser Unsicherheit zu haben. Ich wäre unehrlich, wenn ich behaupten würde, dass mich gar keine Existenzängste beschleichen. Dennoch erlebe ich das äußerst selten. Mein Vertrauen überwiegt, in meinem Umfeld ständig spannende Menschen zu treffen, mit denen neue Projekte entstehen, die meine zukünftigen Honorare sichern. Resilienz, also die innere Widerstandsfähigkeit, lässt sich trainieren! Das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen, die Gewissheit, neue Fähigkeiten und Kenntnisse erwerben zu können (und zu wollen), senken die persönliche Anfälligkeit gegenüber Krisen. Und stärken die eigene Motivation, ständig Neues zu lernen.

Motivationsrezepte

Meine Motivation, neues Wissen und neue Impulse zu erlangen, entsteht wie beim Kochen. Erst mal hineinschmecken, ausprobieren, testen, verfeinern, improvisieren, wieder probieren, nachwürzen. Die Basisprodukte für neues Wissen erhalte ich meist bei Abend-Vorträgen, bei Tagungen, Konferenzen, Messen und Labs. Ich wähle Megatrends und Fokusthemen aus, z. B. Innovation, Zukunft, Kreativität, Coworking, Gamification, Digitalisierung, Neue Arbeit, Demografie- und Kulturwandel, Regiobranding usw.

Verabreden Sie sich mit anderen, Ihnen bislang unbekannten Leuten zum Essen und tauschen Sie sich gezielt über neue Themen aus. Beim gemeinsamen Essen können Sie mit den richtigen Fragen Informationen erhalten, die Sie sonst nirgendwo oder nur auf kostenintensiven Kongressen bekommen würden. Kein Wunder, dass schon die Wissenschaft das Fachgebiet Kommensalität (Commensality: gemeinsames Essen) erforscht. Im Juni 2017 startete Kevin Kniffin eine Studie an der Cornell University’s Dyson School of Business. Die App Never Eat Alone und die Plattform Workwell können dabei helfen, den richtigen Partner für das gemeinsame Essen zu finden.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Medialer Supermarkt

Was ich bei Veranstaltungen höre, sehe und erlebe, das lese und recherchiere ich nach, gehe tiefer ins Detail. Im medialen Supermarkt prüfe ich neue Informationen nach: über Bücher, gedruckte und digitale Artikel, über youtube-Filme, Podcasts, Newsletter, google alerts, Informationen aus sozialen Netzwerken. Manches rückt sich zurecht, manches muss ich durch mehr Recherche intensivieren. Die neu erworbenen Informationen, Zitate, Erkenntnisse, Gedankenflieger, Ideen sammle ich in digitalen Zettelkästen auf Evernote bzw. One Note. So kann ich meine Notizen jederzeit bequem nach Suchworten durchforsten und habe von überall aus mobilen Zugriff.

Kerosin durch analoge Mischmaschinen

Querverbindungen zwischen Themen bilden sich oft durch persönliche Gespräche. Ich treffe einen mir bis dahin unbekannten Menschen, höre ihm zu und dann macht es plötzlich klick, so als würde Kerosin Gedankenströme heftig zum Sieden bringen. Unterschiedliche Informationen vermischen sich. Eine alte Information wird mit einer neuen vernetzt. Es entstehen Verbindungen, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Die Fäden laufen überraschend zusammen und alles macht einen Sinn. Übrigens das Erfolgsrezept für Netzwerke.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Konfetti an kreativen und beseelten Orten

Besondere Zutaten für meine „Lernsuppe“ hole ich mir bei kreativen Ausflügen, Reisen, Exkursionen an ungewöhnliche Orte. Das kann ein neuer Coworking Space von Kollegen oder Bekannten sein, ein kleines unabhängiges Theater, ein Künstleratelier, die Werkstatt eines Handwerkers, ein Museum, eine Ausstellung, ein neu eröffnetes Geschäft mit handgemachten Dingen, ein Industriedenkmal, ein brachliegender, verwunschener Ort, die Natur, das Meer … Ideen kommen seltener am Schreibtisch. Wenn ich meinen Körper bewege, mobilisiere ich auch meinen Geist!

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Corporate Volunteering

Wechseln Sie einen Tag lang (oder länger) Ihren Arbeitsplatz, entweder innerhalb Ihres eigenen Unternehmens oder mit anderen Branchen. Sie erhalten Einblicke in neue Bereiche, was sich nicht nur auf fachliche Kompetenzen und Eigenverantwortung positiv auswirkt, sondern auch Empathie-Fähigkeiten stärkt. Zum Jobtausch eignen sich besonders kreative und soziale Arbeitswelten (Beispiele und Kontakte siehe unten).

Citizen Science

Engagieren Sie sich in Ihrem regionalen Umfeld, um aktiv Spezialwissen zu erschließen, dem die Profi-Wissenschaft keine Aufmerksameit schenkt. Bürgerwissen = Citizen Science liegt voll im Trend. In Geschichtswerkstätten, Umwelt- und Naturvereinen oder auf Online-Plattformen können Sie sich vernetzen, je nach eigenem Interesse intrinsisch motiviert als Laienforscher echtes Spezialwissen erschließen und an andere Menschen weitergeben. 

10 Tipps, wie lebenslanges Lernen zum Vergnügen wird und wie Sie Ihre Mitarbeiter dazu motivieren können:

Verlassen Sie ihre gewohnten Routine-Boxen und nehmen Sie Ihre Scheuklappen ab! Erweitern Sie Ihren Horizont und erobern Sie sich neue Biotope! Und so geht es:

1) Kaufen Sie sich einmal im Monat eine neue Zeitschrift, die sie sonst nicht lesen – aus einem Fachbereich, der Ihnen weitgehend fremd ist! So stoßen Sie auf neue Themen, die für Ihr Geschäfts- oder Tätigkeitsfeld neue Anregungen bieten kann. Legen Sie sie für Ihre Mitarbeiter in der Kantine oder in der Kaffeeküche aus.

2) Abonnieren Sie Newsletter (z.B. google Alert), die sie regelmäßig über neue Entwicklungen informieren, die für Ihren Beruf oder Fachbereich spannend sein könnten! Hinterlegen Sie die besten für Ihre Mitarbeiter im Intranet Ihrer Firma.

3) Tragen Sie sich in digitale und analoge Netzwerke, Gruppen, Communities ein, um neue Menschen kennen zu lernen und innovative Themen zu durchdringen! 

4) Besuchen Sie Vorträge zu Themen, die für Sie neu sind! Verbinden Sie sich dort mit Menschen, die Sie anregend und inspirierend finden. Interesse, Sympathie und persönliche Bindung sind die Haupttriebkräfte für lebenslanges Lernen.

5) Besuchen Sie Tagungen, Konferenzen, Messen, auf denen Sie Neues erfahren und interessante Menschen, Vordenker, Visionäre treffen können. Auch Schüler- und Absolventenmessen sind spannend, um mit dem potentiellen Nachwuchskräften in Kontakt zu kommen und deren favorisierten Themen in Erfahrung zu bringen. Entsenden Sie sowohl neugierige als auch skeptische Mitarbeiter als Innovationsscouts zu Veranstaltungen, damit sie Neuigkeiten zurück ins Unternehmen bringen und Kollegen davon berichten.

6) Besuchen Sie Ausstellungen, Theater- und Konzertaufführungen von jungen Künstlern. Kommen sie mit ihnen ins Gespräch, stellen Sie ihnen Fragen. Künstler erspüren stets sehr früh gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen und reagieren darauf in ihren Werken. Diskutieren Sie über Themen wie Innovation, Digitalisierung, Werte, Zukunft usw. Sie werden neue Impulse für Ihr eigenes Denken und Handeln erhalten.

7) Erobern Sie sich so oft es geht neue ungewöhnliche Orte und Berufswelten.  Tauschen Sie tageweise mit anderen Menschen Ihren Job. So kommen Sie ungeplant mit Themen und Menschen zusammen, auf die Sie normalerweise nicht treffen würden. Gleichzeitig bietet sich Ihnen die großartige Chance, das „Ungesuchte“ zu finden (Serendipity-Effekt), die Voraussetzung, um innovative Impulse zu erhalten. Kostengünstiger geht es nicht!

8) Planen Sie als Gastgeber Innovations- und Kreativabende in Ihrem Unternehmen. Laden Sie sich interessante Multiplikatoren, Referenten und Künstler ein, um gemeinsam über gesellschaftlich relevante Themen zu diskutieren. Der Austausch wird Sie und Ihre Mitarbeiter auf neue Ideen und Zukunftsstrategien bringen.

9) Mieten Sie sich tageweise in einen CoworkingSpace von Kreativschaffenden oder von Start-Ups ein. Beobachten Sie, wie Ihre Mitstreiter arbeiten, wie sie sich neues Wissen aneignen und sich vernetzen. Sprechen Sie mit ihnen über Megatrends und Zukunftsstrategien.

10) Beteiligen Sie sich an Corporate VolunteeringProjekten oder in Bürgerwissen-Vereinen (Citizen Science) in Ihrer Region. Zeigen Sie soziales Engagement und kommen mit Menschen in Ihrer Umgebung ins Gespräch. So erfahren, welche Themen ihnen unter den Nägeln brennen und erhalten Inspirationen für Ihre Geschäfts- und Tätigkeitsbereiche.

 © S. Hofschlaeger, Pixelio.de

Impulse für Lebenslanges Lernen und Corporate Volunteering 

  • 5 Redner á 555 Sekunden: Vorträge und Impulsabende der Rednergilde Hamburg 
  • Vortragsreihe 12 Minuten: spannende Themen präzise auf den Punkt gebracht mit anschließendem Networking in verschiedenen Städten, bei youtube: 12min.me 
  • Veranstaltungen, Konferenzen, Labs vom Querdenker-Club
  • Branchenübergreifende KreativLabs und Innovationswerkstätten von Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern
  • DesignXport präsentiert Vorträge über Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft
  • Hamburg Kreativ Gesellschaft bietet vielfältige Netzwerkveranstaltungen und ein Jobshadowing-Programm an
  • Seitenwechsel ist ein Jobtausch-Programm der Patriotischen Gesellschaft Hamburg: Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung arbeiten eine Woche lang als Praktikanten in einer sozialen Institution (Erfahrungsberichte)
  • Freiwilligenagenturen in ganz Deutschland
  • ehrenamtliche Freiwilligenprojekte in Hamburg, häufig im Hinblick auf Bildungsförderung für Schüler und junge Menschen
  • Webportal Feel Good At Work informiert über das ehrenamtliches Engagement von Mitarbeitern in Unternehmen
  • Vermittlungsplattform Sozialgewinnt der Diakonie Düsseldorf, hier können Unternehmen nach aktuellen Projekten und Erfahrungsberichten für Corporate Volunteering suchen.
  • Webplattform Planetvalue koordiniert ehrenamtliche Aktionstage für die Wirtschaft