Ideen und Alternativen für Theater, Kino, Kunst und Musik in (post-)Corona-Zeiten

Ideen und Alternativen für Theater, Kino, Kunst und Musik in (post-)Corona-Zeiten

  © 1to1Concerts (c) LotteDibbern

Corona hat die Kulturwelt in ihre Grundfesten erschüttert: Theater, Clubs, Konzert-, Opern- und Veranstaltungshäuser wurden geschlossen. Musiker, Schauspieler, Sänger und Tänzer erhielten Auftritts- bzw. Tätigkeitsverbote und mit ihnen viele andere Berufsgruppen: GarderobierInnen, RequisiteurInnen, TicketkontrolleurInnen, BühnenarbeiterInnen, KulissenbauerInnen, Bühnen- und ShowtechnikerInnen, Ton-, Video, Bild- und LichttechnikerInnen, VermieterInnen von Veranstaltungsstätten, HausmeisterInnen von Veranstaltungsstätten, Reinigungsdienste, PlakatiererInnen, Securitypersonal, ZuliefererInnen für Bühnentechnik, MitarbeiterInnen in der Veranstaltungsgastronomie, Ticketbüros, KünstlermanagerInnen. Die Zukunft ist ungewiss. Neue Corona-Wellen können die Berufsausübung von Kreativschaffenden und ihren Ermöglichern im Umfeld immer wieder einschränken. Kreative Ideen sind gefragt. Lasst Euch von diesen Beispielen inspirieren! 

Auf Sicht fahren

Spielstätten, Konzert- und Theaterhäuser können derzeit wegen Corona kaum planen. Schauspieler, Comedians, Tänzer, Musiker, Dramaturgen, Regisseure und Kinobetreiber bewegen viele Ideen in ihren Köpfen und im Herzen, wie kulturelle Angebote mit Corona-Abstandsregeln überhaupt möglich sind. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Vieles ist gar nicht so neu. Was daran liegt, dass Theater-Akteure schon immer kreativ, flexibel und innovativ auf äußere Umstände reagiert haben – genau wie andere Kunst- und Kultursparten und die gesamte Kreativbranche auch. Ältere Konzepte werden wiederentdeckt, neue kommen hinzu.

Renaissance für den öffentlicher Raum

Abstandsregeln gelten sowohl in geschlossenen Räumen als auch im Außenbereich. Die gute Nachricht: Der öffentliche Raum erlebt gerade eine längst überfällige Aufwertung. Damit Publikum und Künstler*innen davon im gleicher Weise profitieren, braucht es jetzt rasch ein vielfältiges Konjunkturprogramm, das alle kulturellen Sparten berücksichtigt – sowohl in der Stadt als auch im ländlichen Raum!

 © Kulturspielhaus Rumeln in Duisburg

Widersprüchliche Regelungen

Die unterschiedlichen Abstandsregeln in verschiedenen Bereichen unseres Alltags allerdings sind nicht immer klar nachzuvollziehen. Während Flugzeuge ab Juni 2020 wieder voll besetzt mit mundschutztragenden Passagieren abheben dürfen, sind die Abstandsregeln in Wirtshäuser schon etwas weiter gesetzt. Besonders streng jedoch gelten sie für die Kultur – in Theatern, Konzert- und Opernhäusern und vielen anderen Veranstaltungsräumen und Spielstätten. Für einen direkten Vergleich hat die österreichische Kulturinitiative Kulturretten.org maßstabgetreu einen Veranstaltungssaal, einen Gastronomiebetrieb und einen Airbus A 320 visuell nebeneinander gesetzt. Die anschauliche Grafik lässt die Kulturschaffenden ratlos zurück…

 

 © Kulturretten.org

Wiederentdeckte und neue Ideen für das Theater

Welche Alternativen gibt es also zu Theateraufführungen in mager bestuhlten Räumen und zu betriebswirtschaftlich unrentablen Aufführungen? Mit welchen kreativen und innovativen Ideen können Kulturschaffende den Corona-Beschränkungen begegnen?

  • Freiluft-Theater geht auf die griechisch-römische Antike zurück (z. B. Festival von Epidauros) und wird seit Jahren in Hamburg im „Römischen Garten“ an der Elbe vom Theater N. N. gespielt, auch in diesem Sommer.
  • Theater im öffentlichen Raum in Stadt und Land mit Schnittstellen zwischen Kunst- und Lebenswelten, Lokstoff! Theater im öffentlichen Raum e.V. Stuttgart spielt z. B. im Einrichtungshaus behr LESSHOME: Wohnst Du noch oder teilst Du schon?
  • Stationen-Theater hat die Theatergruppe Rimini Protokoll erprobt: Bei einer simulierten Welt-Klimakonferenz wandern kleinere Besuchergruppen zwischen verschiedenen Orten und werden an lebensecht mit Eis und Wüste inszenierten Stationen von echten Wissenschaftlern über den Klimawandel informiert. Lässt sich vielleicht in leerstehenden Fabrikhallen oder in weitläufigen Museen realisieren. 
  • Autokino-Theater, gab es z. B. 2016 vom Staatstheater Stuttgart vor den Toren der Stadt in Kornwestheim mit Stadion der Weltjugend von René Pollesch. Gezeigt wurde live gespieltes Theater, live gefilmt und für alle sichtbar auf die riesige Bildwand des Autokinos live übertragen. 
  • Drive-in-Theater, gab es gerade als Reaktion auf Corona vom Deutschen Theater in Göttingen: Antje Thomas verlegt Die Methode nach dem Stück »Corpus Delicti« von Juli Zeh in eiine Tiefgarage, die Zuschauer passieren verschiedene Spielstationen in ihrem Auto: Film
  • Theater als Audiospaziergang: das Theater Oberhausen geht akustisch in die Stadt, Regisseurin Paulina Neukampf und Dramaturgin Romi Domkowsky haben Elfride Jelineks Prinzessinnendramen als Audio-Spaziergänge inszeniert – mit berührenden Reflexions- und Anknüpfungspunkten an die aktuelle Corona-Krise. Das Publikum stromert in Zweierteams durch die Stadt.
  • Improvisationstheater als Webinar-Kurs: Die Impro-Schule Clamotta aus Köln bietet coronabedingt Online-Kurse an. Den Teilnehmer*innen bietet sich ein lockerer und gelöster Einstieg, um Herausforderungen und Probleme mit spielerischem Ansatz zu lösen. Corinna Armbruster, Coach und Impro-Trainerin: „Man kann ja dennoch die Ideen des anderen aufnehmen und eine Geschichte entwickeln und die Kreativität des anderen spüren und aufnehmen und so etwas gemeinsam erleben, wenn man zusammen vor dem Computer sitzt.“
  • Die gemeinnützige Theatergenossenschaft Traumschüff bespielt auf der mobilen Bühne eines Katamarans als schwimmendes Wandertheater gezielt den ländlichen Raum. Die Stücke kreisen inhaltlich um Blickwinkeln und Themen der jeweiligen Region. Das Publikum verfolgt das Geschehen in sicherem Abstand vom Ufer bzw. vom Deich aus: Spielplan
  • Aufführungen in Sportstadien im Sommer 2020 geplant von Matthias Lilienthal – Münchner Kammerspiele – im alten Olympiastadion in München vor etwa 650 Zuschauern
  • über die vielfältigen Möglichkeiten des Museumstheaters hat Ursula Pinner-Antoni eine Abschlussarbeit im Rahmen ihrer Vollzeitausbildung zur Theaterpädagogin geschrieben,  z. B. Galerie-Theater mit dem Ensemble der Theaterwerkstatt Heidelberg in der Ausstellung „Zwischen Burg, Stadt und Kathedrale. Leben im Mittelalter“ im Badischen Landesmuseum 2006
  • Theater-Tausch: kleine Theater spielen an in größeren Häusern, z. B. im Gespräch: Theater am Kurfürstendamm spielt im Schauspielhaus Berlin (hier bei Deutschlandfunk Kultur erwähnt); über weitere Beispiele für „Theater unter Corona-Auflagen“ haben Susanne Burkhardt und Elena Philipp mit der Theaterkritikerin Cornelia Fiedler und dem Schauspieler Martin Wuttke gesprochen. Wuttke sagt: „Vielleicht führt das irgendwann dazu – wenn man alle möglichen Erfindungen im öffentlicher Raum oder andere Umgangsformen mit Theater entwickelt hat – dass man mit besonderer Lust irgendwann in die Theater zurückkehrt.“
  • „Wenn die Menschen nicht ins Theater können, muss das Theater eben zu den Menschen. Ins Neubaugebiet und zwar mit großem Tadaa!“ Der Taupunkt e. V. in Chemnitz fördert künstlerische und theaterpädagogische Projekte in theatralen, öffentlichen und sozialen Räumen. Von der Off Bühne Chemnitz-Komplex werden z. B. Neubaublöcke von der Wiese aus bespielt. Zuschauer schauen von eigenen Balkone und Fenster zu. So findet „hygienisches Theater“ für ein Publikum statt, das sonst vermutlich nie ins Theater kommen würde, z. B. sozial Benachteiligte, Flüchtlinge.   
  • Das Theater „Markant“ im niederländischen Uden und das Raumgestaltungsunternehmen „Tausch“ haben gemeinsam eine Corona-Wiedereinstiegsstrategie in Form eines Covid-19-Protokolls für größere Theater entwickelt. „Es umfasst etwa dreißig Maßnahmen zur Risikokontrolle und Kontaminationsvermeidung. Die Methode wurde vom renommierten Prüfinstitut TÜV Nederland auf Machbarkeit und Risiken getestet. Der TÜV Nederland stellt ein Zertifikat aus, wenn ein Theater die Kontrollmaßnahmen zur Verhinderung einer weiteren Verbreitung des Virus nachweislich umsetzen kann. Simuliert werden die Maßnahmen über eine 3D-Animation. Cristian Brander von Tausch sagt: „Die Theater sind geräumig und daher in Bezug auf Umgebung und Kapazität extrem kontrollierbar.“
  • Originelle, hygienische Idee aus Wien: Theater in der Peepshow. Der Wiener Kultursalon Guckloch plant coronakonforme Aufführungen auf einem Podest mit Drehbühne. Musiker*innen, Kabarettist*innen, Schauspieler*innen und Autor*innen sollen das „Kultur-Laufhaus“ einen Abend lang unplugged bespielen. Nach 15 Minuten wechselt das Publikum. Der Kreis ist exklusiv: Maximal 18 Personen dürfen die intimen Performances erleben. Preisempfehlung der Künster*innen: Peepshow-Preise – pro Minute 1 Euro. Ein Teil der Einnahmen wird an Vereine zur Unterstützung von Sexarbeiter*innen gespendet. Den Rest – abzüglich sehr geringer Fixkosten – bekommen die Künstler*innen.
  • Theaterspielen in Plexiglaskabinen, 2016 von Bühnenbildnerin Irina Schicketanz für die Nibelungenfestspiele entwickelt von der Röhm GmbH für „Gold – Der Film der Nibelungen“ – Innovationstransfer: Das Spiel in Plexiglas-Kabinen bzw. vor transparenten Plexiglasscheiben ist übrigens schon lange im Musikbereich verbreitet, z. B. als Segment-Panels verbreitet bei Musikbands, im Theater, Musical und bei Sinfonieorchestern, um den Direktschall zu mindern, z. B. um Streicher und Blechbläser akustisch voneinander abzuschirmen oder auch Schlagzeuger, wie der u. a. Film mit dem Drummer Mike Terrana zeigt.

Kino

Die digitale Plattform #zurückinskino sammelt Ideen von Kinomacher*innen und Fans für das Kino in Coronazeiten und darüber hinaus. Es geht um gegenseitige Hilfe und um den Austausch von strategischen und kreativen Maßnahmen für Kinobetriebe, von Fassadenkino über virtuelle Geistervorstellungen  via Social Media bis zu Gutscheinlieferungen. 

Digitale Projekte in der Kunst

Der Künstlers Manuel Rossner hat für die Galerie König ein jump’n’run Spiel entwickelt, mit dem man durch die Berliner Galerie von Johann König laufen und  auf Tuchfühlung mit den Kunstwerken gehen bzw. sie bewegen kann. Zu sehen sind digitale Skulpturen und Malerei. Der Nutzer durchwandert mit einem weißen Avatar über eine einfache Bildschirmsteuerung die virtuelle Galerie (Film Artmagazin). Sie ist ein Fantasieraum, den es in der realen Welt nicht gibt. Die App ist derzeit nur im –> Apple App-Store erhältlich, die Version für Android soll in Kürze folgen.

Die Kunstsammlerin Julia Stoschek hat ihre Medienkunstwerke ins Netz gestellt. Bisher sind über 63 film- und videobasierte Werke von 21 Künstlern in voller Länge abrufbar. Insgesamt umfasst die JS-Collection 860 Werke von 282 Künstlern. 

Mit der T-Shirt-Aktion systemrelevant sollen Künstler*innen  unterstützt werden.  Die Hälfte des Erlöses (10 €) geht an die Kunstnothilfe Elinor. Die T-Shirts sind laut Hersteller fair gehandelt: „Wir bedrucken zertifizierte T-Shirts aus 100% Bio-Baumwolle. Jedes Shirt wird auf Bestellung in Deutschland bedruckt.“

AUFRUF: Schickt mir gerne weitere Beispiele für kreative Ideen, um Probleme und Herausforderungen der Corona-Krise zu meistern: kreativ@MassivKreativ.de  

  © Notenmaske, genäht von Sabine Ringel

Plan B für die Musik

Auftritte in Clubs scheinen bislang undenkbar, ebenso in großen Hallen und open-air-Konzerten, wo die Fans dicht gedrängt ihren Musikhelden zujubeln. Stadien anzumieten und nur zu einem Zehntel zu besetzen, können sich wenige Band vorstellen, auch aus atmosphärischen Gründen nicht. Die meisten wollen verständlicherweise lieber kleine Clubs unterstützen, wie der Henning May von der Band „AnnenMayKantereit“ im Web-Chat Wie übersteht der Kulturbetrieb die Corona-Krise erklärt.  Einige Bands haben sich geschlossene Boxen bauen lassen, um ein corona-sicheres Live-Streaming zu ermöglichen. Doch die Trinkgeld-Spenden der Fans können normale Auftrittsgagen nicht ersetzen.

Der Hamburger Pianist Alexander Krichel gab das vielleicht erste Klassikkonzert im Autokino in Iserlohn und spielte Klaviermusik von Beethoven und Liszt. Wie im Autokino üblich wurde die Musik auf einer UKW-Frequenz in die Autos übertragen. Anstelle von Applaus gab es vom Publikum ein lautes Hupen. 

  © 1to1Concerts (c) LotteDibbern

Für Musiker ist die Nähe zum Publikum essenziell, Basis für das gemeinsame Geben und Nehmen. Die Initiative 1to1concerts möchte reale, besonders persönliche Konzerterlebnisse schaffen und dabei dennoch alle geltenden Corona-Schutzmaßnahmen berücksichtigen. Die Idee: 1:1-Begegnungen zwischen Hörer*innen und Musiker*innen, sie dauern etwa 10 Minuten. „Ein eröffnender  Blickkontakt ist der Impuls für ein sehr persönliches Konzert – eine ungewöhnliche, aber für beide Seiten intensive Erfahrung, die Nähe trotz Distanz ermöglicht.“ Wer spielt, welches Instrument und welches Stück man erlebt, bleibt eine Überraschung. Die Spielorte (Beispiele in Berlin) sind vielfältig und erobern durchaus ungewöhnliche Terrains, z. B.  eine leerstehende Fabrikhalle, eine Kunstgalerie, einen ruhigen Hinterhof oder einen Schrebergarten. Private Gastgeber*innen sollen ihre Konzertorte zur Verfügung stellen. Das Konzept wurde bereits 2019 für das thüringische Kammermusikfestival Sommerkonzerte Kloster Volkenroda entwickelt und hat die Hörer*innen tief berührt.

Zum Honorar: „Weder die Künstler*innen noch die Gastgeber*innen erhalten für dieses Projekt eine Gage. Wir bitten Sie allerdings, nach dem Konzert freiwillig eine Spende für den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung zu entrichten. Mit den Geldern werden Musiker*innen und Sänger*innen unterstützt, die durch die coronabedingte Absage aller Konzerte und Aufführungen ihre Einkünfte verloren haben und existentiell bedroht sind. So sorgen Sie gleichzeitig für Ihren Musikgenuss in der Zeit nach der Quarantäne- und Abstandszeit.“

Das kulturelle 1:1-Erlebnis geht auf eine Idee von Thomas Franke zurück, der Mitte der 1990er Jahre mit dem Monolog „Das Modell“ (Theaterstück nach H. P. Lovecrafts Erzählung „Pickmans Modell“) bundesweit für Aufmerksamkeit sorgte. 2001 wurde „Das Modell“ auch für den deutsch-französischen Kultursender arte mit Thomas Franke verfilmt.

Auftritte und Flashmobs im öffentlichen Raum, Garten-, Treppen- und Balkonkonzerte sind in Corona-Zeiten sinnvolle Alternativen zu normalen Konzertsälen. Mit einem „Konjunkturprogramm Kultur“ könnten Bund und Länder all diese open-air-Formate finanziell ermöglichen, so bräuchte auch das Publikum trotz Corona auf kulturelle Angebote nicht verzichten.   

Spendenaktionen sollen in Not geratene Musiker*innen unterstützen, z. B. das Nicht-Festival: Keiner kommt – Alle machen mit! Die Solidaritätsaktion hat sich der Hamburger Lars Meier, Vorstand von MenscHHamburg e.V., ausgedacht. Ihm geht es vor allem um den Erhalt der Subkultur – darum, die Vielfalt der Hamburger Kulturszene zu bewahren. Es können auch Kunstwerke ersteigert werden. Das Clubkombinat sammelt ebenfalls Spendengelder mit der Kampagne Save Our Sounds,  bis 14. Mai kamen rund 175.000 Euro zusammen. 

Wissenschaftler messen Aerosolausstoß

Die Bamberger Symphoniker haben Anfang Mai 2020 Luftströmungsmessungen bei Bläsern und Sängern durchführen lassen, um das Risiko einer Coronavirus-Infektion besser einschätzen zu können. Die Untersuchung fand mit dem Büro Tintschl BioENergie- und Strömungstechnik, dem Freiburger Institut für Musikermedizin am Universitätsklinikum und der Hochschule für Musik Freiburg haben die Bamberger Symphoniker: „Als erstes Zwischenfazit lässt sich
jedoch festhalten, dass in 2 Metern Abstand von den Bläser*innen und Sänger*innen kein Unterschied zur normalen Luftströmung messbar war… Zusätzlich können Plexiglaswände aufgestellt werden, um das Risiko von Tröpfcheninfektionen durch Spuckepartikel bei der Korrepetition von Sänger*innen zu minimieren.“

Auch die Charité hatte am 4. Mai eine ausführliche Untersuchung mit dem Titel Beurteilung der Ansteckungsgefahr mit SARS-CoV-2-Viren beim Singen erstellt. Das Singen in Chören und selbst Gesangsunterricht birgt nach heutigem Kenntnisstand (14. Mai 2020) einige Risiken, wie Medien berichten: NDRNZZ.  

Corona-Kulturstrukturfonds

Damit alternative Aufführungsformen und Experimente überhaupt möglich werden, sollten sie dringend durch finanzielle Unterstützung ermöglicht werden, etwa durch den von Bund und Ländern im Mai 2020 versprochenen „Corona-Kulturstrukturfonds“ – siehe NRW-Kulturrat.

 

Ähnlicher Beitrag: Maskenpflicht und Abstand: Was Corona für die Kultur- und Kreativbranche bedeutet

Summer of Pioneers: Wie Großstadt-Nomaden das Land entdecken

 © MassivKreativ

Während die Großstädte über Raumnot klagen, bieten ländliche Regionen Raumwohlstand, die kreative Form des Leerstands. Wittenberge in Brandenburg hat diese Herausforderung in eine Erfolgsgeschichte verwandelt. Wie das dank des „Summer of Pioneers“ gelungen ist, hat mir Regionalentwickler Christian Fenske erzählt. Er setzt auf Kreativität und Coworking. 

Aktivierendes Grundrauschen

Vor einem Jahr gab es den Coworking-Space in der Alten Ölmühle noch gar nicht. Da reiften gerade die ersten Ideen. Wittenberge will kreative Köpfe aus Berlin und anderen Metropolen nach Wittenberge locken – in die Prignitzer Provinz. Prignitz kommt aus dem Slawischen und heißt so viel wie „ungangbares Waldgebiet“. Die Brandenburgische Region ist waldreich, ländlich und leidet unter Abwanderung. Die BewohnerInnen stecken den Kopf jedoch nicht in den Sand. Sie packen die Probleme an und denken voraus, so wie Christian Fenske. Er ist Regionalentwickler im TGZ, dem Technologie- und Gewerbezentrum Prignitz. Fenske ist erster Ansprechpartner für Start-ups, Existenzgründer, Unternehmer und Investoren. Wenn er von Wittenberge spricht, spürt man sofort: Er liebt die Region, die seine Heimat ist. Damit sie auch in Zukunft reizvoll und lebenswert bleibt, sucht er nach neuen Impulsen: „Wir brauchen ein gewisses Grundrauschen, um die kreative Masse zu aktivieren, die hier schon vor Ort ist. Wir wollen die Einheimischen inspirieren und aus ihren heimischen Gefilden rauslocken, damit sie sich mit auswärtigen Kreativen vernetzen.“

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Kreative Beratung

Fenske sucht Rat bei einem kreativen Großstädter, der selbst den Wechsel aufs Land plant. Frederik Fischer war als Tech-Journalist in der Startup-Szene aktiv und hat u. a. den Nachrichten-Aggregator piqd mitgegründet. Doch irgendwann stellt er sich die Sinnfrage. Heute baut er als Gründer der KoDorf-Bewegung neue Dörfer für Großstadtmüde. Die geplanten Siedlungen sollen aus 50 kleinen, hochwertig gestalteten Häusern mit Gemeinschaftsflächen für alle bestehen: Coworking Space, Gemeinschaftsküche, Gästewohnungen, Kino. Das erste KoDorf Wiesenburg entsteht gerade 100 km südwestlich von Berlin. Vier weitere Standorte sind in Vorbereitung. Frederik Fischer wird zum Berater von Fenske und zugleich zum Initiator des ersten Summer of Pioneers in Wittenberge.

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Umgenutzte Industriekultur

Der „Sommer der Pioniere“ ist der erste Testballon, der in Wittenberge Kreative aufs Land holen und ausprobieren will, wie sich Coworking abseits der Großstädte anfühlt. Das Format ist gleichzeitig ein Ansatz, um leerstehende Gebäude neu zu nutzen. In Wittenberge stehen ungenutzte Flächen in der Alten Ölmühle zur Verfügung, ein Industriedenkmal aus solider Backsteinarchitektur, die der Berliner Kaufmann Salomon Herz um das Jahr 1856 bauen ließ. Heute beherbergt das denkmalgeschützte Gebäude – idyllisch am Elbe-Radweg gelegen – eine Erlebnisgastronomie mit Restaurant und Schaubrauhaus im ehemaligen Saatenspeicher und Angebote für Sport, Kultur und Unterhaltung. Der Saugturm wird in der Saison als Strandbar und Café mit Beachvolleyballanlage genutzt. In der Fabrikantenvilla und einem weiteren Speichergebäude ist ein modernes Hotel entstanden. In ein weiteres leerstehendes Gebäude ist im Sommer 2019 der neue Coworking-Space für die kreativen Pioniere eingezogen.

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Bewerber-Marathon

Im Frühjahr 2019 entwickeln Fischer und Fenske innerhalb weniger Wochen eine Kampagne und schreiben einen Wettbewerb für Kreative aus. Weit mehr Kandidaten als erwartet wollen das Landleben auf Zeit testen. Mit ihrer Bewerbung müssen die Kreativen auch eine Idee einreichen, womit sie das Leben in Wittenberge bereichern wollen. Neben eigenen Aufträgen soll jeder auch ein Projekt in und um Wittenberge realisieren – im Austausch mit Kreativen aus der Region. In Barcamps und weiteren Veranstaltungen wird später diskutiert, was die Region konkret beleben könnte. Die BewerberInnen kommen vor allem aus Großstädten: Berlin, Hamburg und Zürich.

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Vielfältige Persönlichkeiten

22 kreative DigitalarbeiterInnen werden schließlich ausgewählt. Sie erhalten einen Platz im neu eingerichteten Coworking-Space mit Blick aufs Wasser. Die möblierten Wohnungen kosten pauschal 300 Euro, Zimmer 150 Euro im Monat inklusive Nebenkosten, Internet und Coworking-Nutzung. Doch wer sind diese Stadtflüchtigen auf Zeit? Vielfalt ist auf jeden Fall erwünscht, die Professionen sind entsprechend unterschiedlich:  Autoren und Journalisten, Grafiker und Medienproduzenten, PR- und Unternehmensberater, Coaches, Fintechs-Gründer, die Menschen dabei unterstützen, ihre Altersvorsorge mit digitalen Tools selbst zu regeln. Christian Fenske erklärt, welche Mehrwerte die Kreativen nach Wittenberge bringen: „Die kreativen Digitalarbeiter sollen unsere heimischen Kreativen in Wittenberge aktivieren, inspirieren, auch digitale Kompetenzen vermitteln. Wir wollten Leute auf Augenhöhe zusammenbringen, die in der gleichen Gedankenwelt unterwegs sind und den gleichen Arbeitsrhythmus haben.“ Und was treibt die Kreativen aufs Land? Natur, Wasser, Ruhe. In Wittenberge können sie tagsüber produktiv, konzentriert und entspannt arbeiten und abends den Sonnuntergang an der Elbe erleben. „Was gibt es Schöneres?“, sagt Fenske.

 Coworking mit Blick auf die Elbe © MassivKreativ

Halbzeit-Bilanz und Erfolgsstrategien

„15 von den 20 Kreativen können sich eine Verlängerung vorstellen“, erzählt Fenske stolz nach nur 3 Monaten. Fünf wollen sich sogar auf Dauer einbringen. Nach so kurzer Zeit ist das ein riesiger Erfolg! „Wir sind eigentlich nach der Halbzeit schon viel weiter, als wir nach sechs Monaten sein wollten, das ist bemerkenswert“, sagt Fenske. Doch was sind die Faktoren, die das Projekt zum Erfolg werden ließen? „Weil das Projekt wirklich alle wollten“, sagt Fenske. Es gibt viele starke Partner am Standort: das Hotel und das Brauhaus, die alte Ölmühle. Der Betreiber hat binnen vier Wochen eine noch leere, im Rohbauzustand verbliebene Etage umgebaut und ausgestattet: mit Fußböden, Einbauten, Bädern, Besprechungsraum, Heizung, Küche, Möblierung, Elektrik, Präsentationstechnik, Beamer und Leinwand. Bei der Ausstattung stand die CoWorkLand-Genossenschaft der Heinrich Böll Stiftung in Kiel beratend zur Seite. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft stellte Zimmer bereit inklusive Möblierungspaketen, Internet kam von einem Breitbandanbieter. Stadt, Stadtverwaltung, städtisches Bauamt und das Technologie- und Gewerbezentrum sind die Treiber, die bis heute alles zusammenhalten.

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Corona-Krise

Wie überall im Land hat die Corona-Krise auch für den „Summer of Pioneers“ einige Reglementierungen erzeugt. Das Projekt läuft weiter – unter Beachtung und Anwendung spezieller Hygiene-Vorschriften. Die Abstände zwischen den Arbeitsplätzen im Coworking Space wurde vergrößert bzw. die Zahl der gleichzeitigen Nutzer begrenzt. Vor allem aber musste der Zugang für die Öffentlichkeit ausgesetzt werden. Mit Öffnung der Bibliotheksstrukturen Anfang Mai 2020 können Interessenten voraussichtlich den Ort wieder besuchen. 

Medienrummel

Was alle Akteure in der Stadt überrascht hat, ist das enorme Interesse der Medien am temporären Gastspiel der Kreativen im neuen Coworking-Space. Nicht nur regional wurde über den „Summer of Pioneers“ berichtet, auch deutschlandweit. Sogar die BBC war zu Besuch. „In der gesamten Berichterstattung, z. B. bei Spiegel online, waren wir sogar mal auf Platz eins“, erzählt Fenske. „Wir haben Anfragen aus der gesamten Republik, sind im Gespräch auf Landes- und Bundesebene. Es vergeht keine Woche, wo nicht mal ein Bürgermeister anruft und fragt: Wie habt ihr das gemacht? Und wir fragen zurück: Wie geht Ihr mit Fördertöpfen um? Auch Hochschulen melden sich, die sich mit Ansiedlungen von Kreativwirtschaft in ländlichen Räumen beschäftigen. Dieser fruchtbare Austausch geht von der Ostseeküste im Norden bis zum Bayerischen Wald. Das ist für alle ein toller Lernprozess.“  

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Digitalsommer Prignitz

Wo andere Städte teure Werbeagenturen mit Kampagnen beauftragen, überzeugt das kreative Projekt in Wittenberge mit Authentizität. Um über die Grenzen von Wittenberge hinaus weitere interessierte Menschen zu erreichen, wurde an das Coworking-Format im August 2019 das Wochenend-Erlebnisformat Digitalsommer Prignitz angedockt. Über 500 interessierte Gäste aus ganz Deutschland erleben hier zahlreiche innovative Veranstaltungen, Workshops und Diskussionen zu neuen digitalen Arbeits- und Lebenswelten im ländlichen Raum sowie Informationen zur Digitalisierung im Touristikbereich, in den Medien und in der Wirtschaft. Austausch ist wichtig, sagt Christian Fenske. Auch er verlässt regelmäßig seine Wittenberger Scholle und sucht nach neuen Impulsen, um sie ggf. auf Wittenberge zu übertragen: „Im Rahmen des Digital Sommers sind wir Wirtschaftsförderer auch ins Wendland, in den Landkreis Ludwigslust-Parchim und in die Altmark gegangen, um uns mit anderen Regionen auszutauschen. Das Kirchturmdenken ist schon lange vorbei, das können wir uns gar nicht mehr erlauben. Aber: viele Sachen, die irgendwo anders funktionieren, funktionieren nicht automatisch überall. Da muss man sich wirklich Zeit nehmen, um das zu analysieren. Oft liegt es an den Menschen, ob die etwas wollen und bewegen oder auch nicht.“

 © MassivKreativ

Substanz aus früheren Zeiten

Abwanderung und Demografiewandel sind Themen, die viele Regionen bewegen. Wittenberge hat viel Bevölkerung verloren: 1970 gab es 34.000 EinwohnerInnen, 2018 sind es mit 17.000 nur noch die Hälfte. Im Zuge der Wende ist der einstigen Industriestadt Wittenberge die Industrie abhanden gekommen und mit ihr die Menschen. Einst liefen hier Nähmaschinen und Fahrräder vom Band. Wie es damals war, werden die älteren BewohnerInnen heute wieder öfter gefragt, nach Jahren des Schweigens, als niemand an früheren Zeiten interessiert war. Um einen Austausch zwischen den Generationen, zwischen Alt- und Neubürgern anzuregen, haben die Kreativen einen Stadtsalon eingerichtet – im Safari am Bismarckplatz 6. Hier  berichten die Senioren im Erzählcafé über ihre Arbeit im früheren Singer-Nähmaschinen-Werk und dass sie selbstverständlich mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhren. Damals nicht aus Umweltgründen, sondern weil es zu DDR-Zeiten schlicht kein Auto zu kaufen gab. Neben der alten Industriekultur hat Wittenberge auch hochwertige Wohnsubstanz zu bieten. Es gibt wunderschöne Jugendstilbauten, von denen schon viele neu herausgeputzt und restauriert sind. Doch es gibt noch immer viel zu tun. Die Wittenberger packen alles nach und nach beherzt an.

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Profilbildung mit Kultur

Der erste kreative Ruck ging bereits zur Jahrtausendwende durch den Ort an der Elbe. Als klar war, dass die Region sich neu aufstellen muss, setzten die Stadtentwickler zur Überraschung vieler auf Kultur. Eine ebenso mutige wie visionäre Entscheidung. Das schmucke neoklassizistische Kultur- und Festspielhaus, in den 50er Jahren erbaut und nach der Wende saniert, lädt jeden Tag zu Konzerten und Veranstaltungen ein. Seit 2002 ziehen die Elblandfestspiele jedes Jahr mehr Besucher an. Wittenberge führt damit eine Musiktradition zeitgemäß weiter, die der Berliner Operettenkomponist Paul Lincke aufgebracht hatte. Die Grundlagen für seine späteren Erfolge legte er von 1880-84 mit seiner Ausbildung als Militärmusiker an der Wittenberger „Stadtpfeiferei“ in der Mohrenstraße 14/15. Der Platz vor dem Kultur- und Festspielhaus wurde nach Lincke benannt und eine Büste von ihm aufgestellt.

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Neuer Bevölkerungsschub durch Kreativität

Der „Summer of Pioneers“ führt die kulturellen Traditionen von Wittenberge auf neue, innovative Weise weiter. Christian Fenske: „Die Kreativen bringen einen hohen Faktor an Lebensqualität in eine Region. Das suchen Fachkräfte, die sich neu ansiedeln wollen. Wir alle brauchen einen hohe Freizeitfaktor, ein gesundes Kulturangebot, eine offene Vereinsstruktur. Kreative bringen außerdem frische Ideen, freie Gedanken, Lebensqualität und Innovationsfähigkeit. Die braucht man in einem kleinen und mittelständisch geprägten Unternehmensumfeld.“ Wittenberge spielt dabei die gute Logistik in die Hände, es ist in mehrfacher Hinsicht ein privilegierter Ort. Idyllisch direkt an der Elbe gelegen und auf halber Strecke zwischen den Metropolen Berlin und Hamburg bietet Wittenberge vor allem ein Plus: Es gibt einen Bahnhof, an dem ICE-Züge halten. Für die Redaktion des ZEIT-CAMPUS-Magazins ist das im Februar 2020 Grund genug, um mal in anderer Umgebung die Köpfe rauchen zu lassen. Die JournalistInnen, die sonst in Hamburg und Berlin arbeiten, mieten sich im neuen Coworking-Space in der Alten Ölmühle ein. Und sind ziemlich überrascht, was Wittenberge alles zu bieten hat: unzählige schmucke Jugendstil-Häuser, eine quirlige Innenstadt, ein großes Kultur- und Festspielhaus, Museum, Schwimmhalle, Kino.

 © MassivKreativ

Ausstrahlung auf interessierte Neubürger

Marketingberaterin Esther Schmidt-Bohländer, die vor 2 Jahren aus Hamburg nach Wittenberge zog, beobachtet ein wachsendes Interesse an ihrer neuen Wahlheimat: „Viele auswärtige Freunde interessieren sich tatsächlich für den Coworking-Space hier und nehmen die Gelegenheit vom Summer of Pioneers wahr, mich endlich hier in Wittenberge zu besuchen. Bisher waren alle positiv überrascht, wie schön es hier ist. Ich kenne viele, die gerne aus der Großstadt weg würden… Was für Wittenberge spricht: Hier gibt es leistungsfähiges Internet durch Breitband und Glasfaseranschluss und zentral zwischen Berlin und Hamburg ein ICE-Anschluss: Das ist ganz besonders für eine 17.000 Einwohner Stadt.“ Schon kurz nach ihrer Ankunft hatte Bohländer Ideen, um Wittenberge neu zu beben. Sie kontaktierte Christian Fenske und stieß bei ihm sofort auf offene Ohren. Anknüpfend an ihre beruflichen Erfahrungen in Hamburg bietet sie nun im Stadtsalon  „Safari“ Bierverkostungen an und führt die Teilnehmerinnen mit ihrem Expertenwissen in die Welt  von Hopfen, Malz und Gerste ein. So bereichert jeder Neubürger Wittenberge auf seine besondere Weise.

 © MassivKreativ

Modell mit Lerneffekt für andere

Regionalentwickler Christian Fenske ist zukunftshungrig und hat noch viel vor in Wittenberge. Der Summer of Pioneers ist ein Modellversuch, von dem andere Regionen lernen können, z. B. zum Thema Coworking und Geschäftsmodelle: „Ist das vielleicht auch eine gesellschaftliche Aufgabe?“, fragt Fenske. „Muss vielleicht die Kommune das unterstützen, selbst wenn es nicht wirtschaftlich tragfähig ist. Wir in Wittenberge machen das, weil wir es als hilfreich für unsere hiesige Wirtschaft ansehen. Wir brauchen ein angenehmes Klima. Innenstadt ist vor allem Kultur. Eine tote Innenstadt ist auch eine tote Kultur!“  Inzwischen hat auch die Politik den Mut und Erfolg des kreativen Projektes gewürdigt. Es erhielt eine Anerkennung vom Bundesinnenministerium im Rahmen des Wettbewerbs „Menschen und Erfolge“. Die Stadt ist begeistert von den Ergebnissen und hat wegen weiterer Nachfragen von neuen Kreativen das Projekt um 6 Monate verlängert. Es läuft nun bis Juni 2020 und bekommt weitere Ableger – coronabedingt erst 2021. Dann soll das Coworking-Abenteuer im hessischen Homberg und in Altena in NRW nördlich von Lüdenscheidt weiter ziehen. Darüber hinaus soll das Format im Sommer 2021 auch in Westmecklenburg Station machen – bei den Kreativen von WIR BAUEN ZUKUNFT. Großartige Aussichten!

 © MassivKreativ

PODCAST

 

Wie wollen wir morgen leben? Ideen und Geschichten für den urbanen Raum

 © Stefan Landgraf, pixelio.de

„Geht es beim digitalen Wandel um den Menschen oder die Technologie?“, fragte der Stadtforscher und Autor Charles Landry beim „Forum d’Avignon Ruhr 2016“. Die Digitalisierung bringe Befreiung und Einschränkung zugleich, so Landry. Die Smart City soll eine kreative und intelligente Stadt sein, die den Menschen das Zusammenleben erleichtert. 

Machtverhältnisse klären

In Toronto entsteht gerade am östlichen Hafenende ein neues smartes Viertel: Quayside. In einem nicht wirklich transparenten Ausschreibungsverfahren hat Googles Tochterfirma Sidewalk Labs den Zuschlag erhalten, in der heruntergekommenen Hafengegend visionäre Pläne zu entwickeln und umzusetzen. Ziel ist ein hochverdrahtetes, sensorgestütztes Quartier, in dem kaum eine menschliche Regung unbeobachtet bleiben soll.  Noch haben Bürger die Möglichkeit, in Befragungen von SidewalkLab die richtigen Weichen zu stellen und klar zu äußern, was sie nicht wollen, d. h. in welche Bereiche des Lebens privat bleiben sollen.  Durchaus sinnvoll sein können Müllschlucker, die Wertstoffe selbständig trennen. Doch wann und wo Nachbarn Feste feiern, sollte nicht in jedem Falle öffentlich gemacht werden. Kritiker mahnen, nicht jede Information an private Firmen weiterzugeben. Und Städte müssen herausfinden, wie sie den Ausverkauf von Bürgerdaten verhindern.

  © Altstadt für alle

Freiraum in Hamburg

In der Altstadt von Hamburg entsteht im Sommer/Herbst 2019 für drei Monate die erste von BürgerInnen betriebene temporäre Fußgängerzone im deutschsprachigen Raum. Es geht um „Freiräume für Entdeckungen und Erlebnisse, für Kultur, Stadtleben und nachhaltige Mobilität“. Die Kleine Johannisstraße, der größte Teil der Schauenburger Straße und die Parkplätze am Dornbusch werden erstmals Fußgängerzone. Beim Pilotprojekt Altstadt für alle kann jeder mitmachen – in Kooperation mit der Patriotischen Gesellschaft von 1765, der Nordkirche und der Initiative „Hamburg entfesseln“.

 © ADFC

Kolumbien als Vorbild

Kolumbien geht voran: Bogotá ist ein Paradies für Fahrradfahrer. Seit 40 Jahren ist dort jeder Sonntag autofrei. Wovon andere Metropolen träumen, das ist in Bogotá Realität. Bei der Ciclovía (deutsch: Fahrradweg) sind von 7 bis 14 Uhr zahlreiche Straßen in Bogotá gesperrt. Familien und Freunde nutzen den Freiraum zum Spazierengehen, für Bewegung und sportlichen Aktivitäten überall dort, wo an den anderen Tagen Stau herrscht. Erfunden hat den autofreien Sonntag der Architekt Jaime Ortiz. Zusammen mit ein paar Freunden hat er schon 1974 zum ersten Mal zwei Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Anteil an der großen Popularität der Ciclovía hat auch der heutige Radrennstar Nairo Quintana, der unter Kindern und Erwachsenen als Volksheld gilt.

Geschichten des Gelingens 

Wir brauchen konkrete Zukunftsentwürfe und praktische Beispiele für das Gelingen von Projekten. Das Scheitern kann Ansätze liefern, um daraus zu lernen. Der städtische Raum muss mit Kreativität und Leben gefüllt werden, mit sozialem Austausch und fantasievollen Geschichten. Beim „Forum d’Avignon Ruhr“ erzählten  Kreativschaffende aus verschiedenen Zentren Europas von ihren urbanen Projekten des Gelingens:

 © Hartmuth Bendig, pixelio.de

Graffiti

Gigo Propanda wandelt als Street Art-Künstler zwischen seiner Wahlheimat Essen und seiner Geburtsstadt Mostar in Bosnien-Herzegowina. „Ich sehe Graffitis als Mittel, in einer Stadt Gespräche zu erzeugen.“, erklärt er. In den öffentlichen Meinungsaustausch binde er gerne junge, heranwachsende Menschen ein. Daher sei die Kirche ein offener Partner und stelle bereitwillig Flächen zum Sprayen bereit. „So arbeite ich zuweilen im Auftrag von Gott!“, erklärt Propaganda schmunzelnd. Beim Essener Projekt „Bildersturm“ im Rahmen der Lutherdekade diskutiert Propaganda mit Schülern der Gesamtschule Holsterhausen und Mitgliedern der Erlöser-Melanchthon-Gemeinde über die Rolle von Kunst in der Kirche, über das Wahrnehmen, das Sehen und Entdecken des Kirchenraumes. Mit ihren erworbenen Erkenntnissen würden die Schüler aber auch selbst künstlerisch tätig, betont Propaganda.

 © Gigi Propaganda

Viel Zeit hätten in den letzten vier Jahren seine unzähligen Interviews mit syrischen Geflüchteten eingenommen. Die Essenzen ihrer Geschichten sprühe er an Mauern und Wände – in der Tradition des sozialkritischen Muralismus der mexikanischen Revolution.  Er möge vor allem Schriftzüge, so Propaganda: „An diesen urbanen Botschaften kann ich auch als ‚Nichtwisser‘ ablesen, in welchem Stadtteil ich mich befinde bzw. wer dort lebt“.

 © Andrea Damm, pixelio.de

Garten der Begegnung

Der Franzose Sam Khebizi engagiert sich ebenfalls im soziokulturellen Bereich. In Marseille gründet er 1996 die Nonprofit-Organisation Têtes de l’Art („Köpfe der Kunst“) und initiiert in Noailles, einem der ärmsten Stadtviertel Europas, das Festival „Place à l’Art“. Khebizis Team möchte die Bewohner, vor allem Einwanderern aus dem Maghreb und aus Schwarzafrika, aktive am Leben beteiligen und ihnen mehr öffentliche Sichtbarkeit geben. „Nicht das Ziel ist entscheidend, sondern der Weg“, erklärt Khebizi. Oftmals sei er steinig mit vielen Verwaltungs- und Genehmigungsverfahren und vermittelnden Gesprächen zwischen Bewohnern, Politik und Stadtverwaltung, Vereinen, Handwerkern und Bauunternehmen.

Gespräche an der Haustür

Man musste zunächst herausfinden, was die Bewohner von Noailles interessiert, was sie zur Teilhabe motiviert. Wie erreicht man sie besser: mit einem Flyer oder mit direkter Ansprache durch Klopfen an Haustüren? Der ausgebrachte Samen sei inzwischen im „Garten der Begegnungen“ aufgegangen, freut sich Khebizi. Die Bewohner sammeln in ihrem Viertel Materialien und schaffen daraus Neues. Handwerk, Kunst und urban gardening verschmelzen. Die Bürger kommen ins Gespräch. Daraus würde andere, dynamische Dinge entstehen. Wie kann man das Unsichtbare messen?“, fragt sich Khebizi. Das sei beim Evaluieren der Projekte eine große Herausforderung. 

 © Michael Ottersbach, pixelio.de

Medienkunst im öffentlichen Raum

Susa Pop entwickelt als Kuratorin und Designerin vor allem für Festival und Kongresse urbane Projekte, digitale Medien, Medienkunst, Wirtschaft und Wissenschaften verbinden. Es gäbe derzeit ein heftiges Ringen zwischen Werbern und Künstlern, erläutert Pop die aktuelle Situation. „Der öffentliche Raum darf nicht nur kommerziellen Anbietern überlassen werden“, sagt sie. Sie setze sich dafür ein, dass auch Bürgern und Künstler-Communities öffentlich sichtbare Plattformen zur Verfügung stehen.

Wegweisende Entwicklungen würden oftmals „bottom-up“ entstehen – von unten nach oben. Lichtdesigner z. B. verwandeln traditionelle Ladenauslagen in künstlerische Medienschaufenster und vernetzen verschiedene Orte mit digitalen Technologien. Wie wollen wir zukünftig leben?, fragt Susa Pop. Unsere Wünsche und Vorstellungen könnten über Videopaintings und Mediafassaden zeitgleich an unterschiedlichen Orten verbreitet werden. So entstehe Interaktion und Austausch. Pop betont: „Medienkunst hat enorm kreatives Potenzial für die Stadtentwicklung.“

 © 110stefan, pixelio.de

Bürgerplattform in Athen 

Amalia Zepou berichtet als ehemalige Vize-Bürgermeisterin von Athen über die aktuelle Situation in der griechischen Hauptstadt im Zuge der Wirtschaftskrise und der Flüchtlingsströme. Die öffentliche Verwaltung sei zeitweise völlig zusammengebrochen. Mit Eigenengagement und Ideenreichtum hätten Bürger vielerorts Initiativen gegründet, um Lösungen zu finden und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. „Die Plattform synAthina ermöglicht den Austausch der Bürger über ihre Aktivitäten“, erklärt Zepou. Ein leer stehender Kiosk diene als realer Treffpunkt. Über die gleichnamige Website synathina.gr könne sich jeder im Detail informieren: Wieviele Gruppen arbeiten in welchen Stadtvierteln an welchen Aufgaben?

Ein wichtiges Thema sei der Leerstand: Wie lassen sich Gebäude neu beleben? Künstler eröffnen zeitlich befristet Pop-Up-Stores, gestalten Ladenfronten und führen Touristen an die neuen kreativen Orte. Nun prüfe die Stadtverwaltung, welche Projekte das Potenzial hätten, auf andere Standorte übertragen zu werden und mit öffentlichen Geldern unterstützt zu werden. „Kreativität ist bei uns in Südeuropa kein Luxus, sondern das Ergebnis von Armut“, erklärt Zepou, „eine zivilgesellschaftliche Notwendigkeit.“

Umnutzung und Mitsprache

Der Architekt und Stadtforscher Tom Bergevoet plädiert dafür, urbane Räume nicht für die Ewigkeit zu planen. Gebäude sollten nach jeweils aktuellen Anforderungen gestaltet werden, temporär nach dem Pop-up-Prinzip. „Auf Leerstand in der Stadt, vor allem bei Bürogebäuden, muss man mit flexiblen und kreativen Nutzungskonzepten reagieren“, so Bergevoet.

Eine ehemalige Tankstelle in London sei zu einem Kino umgestaltet worden. Improvisation sei gefragt, um Umnutzungen durchdacht zu realisieren. Auch Bürgerwissen sollte einbezogen und Ideen von Bewohnern nach dem Adhocracy-Prinzip berücksichtigt werden. Bergevoet berichtet von seiner Idee, Hochhausfassaden zu Kletterwänden umzugestalten: „Manchmal entwickle ich Architektur-Konzepte, um zu provozieren, herauszufordern und um aufzurütteln.“ 

 

Weiterführende Literatur:

Charles Landry: The Art of City Making 

Charles Landry: The Digitized City 

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken

 ©Andreas Hermsdorf, Pixelio.de 

Wer sind wir? Wie wollen wir leben. Und wie sehen wir unsere Heimat? Diese Fragen werden gegenwärtig wieder häufiger gestellt – nicht erst im Umfeld der bevorstehenden Jubiläumsjahre „30 Jahre Mauerfall“ und „30 Jahre Einheit“. 

Was denken Bürger?

Vermächtnis kommt von Vermachen. Neben der erbrechtlichen Auslegung geht es neben materiellen auch um ideelle Werte, die nach dem Tod hinterlassen bzw. übertragen werden sollen. Und so erkundet die Wochenzeitung DIE ZEIT in  ihrer aktuellen Vermächtnisstudie gemeinsam mit infas – dem Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bonn – sowie dem WBZ – dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: „Was wollen wir nachfolgenden Generationen gerne mit auf den Weg geben? Was ist uns wichtig?“

 © Juergen Jotzo, Pixelio.de 

Zuflucht bei Mitmenschen

Neben dem Befinden über unser Wir-Gefühl und unser Verhältnis zu Fortschritt (technisch und sozial) haben 200 Wissenschaftler in Deutschland 2070 Menschen für die Studie auch zum Thema Heimat befragt. 89 Prozent der Befragten ist Heimat wichtig, aber nur knapp die Hälfte definiert Heimat über Kultur. Wirkliche Heimat finden Menschen bei anderen Menschen, wo sie sich geborgen fühlen: 80 Prozent bei Familie und Lebenspartner, 68 Prozent bei Freunden und Bekannten.

Gegenentwurf zur Digitalisierung

Das Bekenntnis zur Heimat ist indirekt ein Lob auf den direkten „analogen“ Austausch zwischen Menschen. Das mehrheitliche Heimatverständnis ist auch als Reaktion auf die Digitalisierung zu verstehen, die viele Beziehungen im Familien- und Freundeskreis verändert hat. Wie oft dominiert das Handy gemeinsame Gespräche, Treffen, Abendessen…

 © Jens Bredehorn, Pixelio.de 

Heimat ist ein Gefühl

59 Prozent verbinden Heimat mit Deutschland, weniger als die Hälfte mit einer gemeinsamen Religion. Auch Deutsche mit Migrationshintergrund sehen das so und bestätigen die Mehrheitsmeinung: Heimat ist Geborgenheit.

Ganz Deutschland hat Sehnsucht nach Zusammenhalt. Statt Karriere und Aufstieg suchen die Deutschen nun mehr nach „Sinn und Solidarität“, wünschen sich mehr Zeit für Kinder, Freunde und Freizeit. Der Wunsch nach WIR und Geborgenheit ist übrigens noch größer bei Menschen, die sich vor Kriminalität, Terror und Ausländern fürchten und eine geringe Bildung haben.

Was Experten denken

Die Meinung von ExpertInnen zum Thema Heimat stand Ende Juni 2019 im Fokus – beim 10. Bundeskongress der Kulturpolitischen  Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen. Darüber berichte ich in den nächsten beiden Artikeln.:

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

 

Weiteres zum Thema

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

 

 

Das Hitzacker-Dorf und KUBA – gemeinsam, interkulturell, nachhaltig

 © MassivKreativ

Hauke Stichling-Pehlke ist vor knapp 30 Jahren ins Wendland gekommen. Ein ehemaliger Großstädter, der sich bewusst für das ländliche Leben in Hitzacker entschieden hat. Sein Studium hat er wegen der eigenen Ungeduld nicht beendet. Er wollte nicht länger Theorien entwickeln, sondern Projekte rasch in die Tat umsetzen. In Hamburg-Wilhelmsburg hat er im zeitlichen Umfeld der Internationalen Bauausstellung IBA ein interkulturelles Seniorenheim gebaut. Seit Winter 2011 können im Veringeck deutsche und türkische Senioren können in Wilhelmsburg gemeinsam unter einem Dach ihren Lebensabend verbringen.

Zukunftsdorf in Hitzacker

Auf diese Erfahrungen baut sein aktuelles Projekt auf. Im Wendland soll ein neues interkulturelles und altersgemischtes Mehrgenerationendorf entstehen: das Hitzacker-Dorf. Am ersten Haus wird gerade gebaut (Sommer 2018). Im Interview betont Hauke Stichling-Pehlke: „Das Hitzacker-Dorf ist kein fertiges Produkt. Es ist eine Idee, die von allen gemeinsam entwickelt und stetig  auch weiterentwickelt werden soll.“

 © MassivKreativ: Hauke Stichling-Pehlke

Verantwortung übernehmen

Um das Hitzacker-Dorf von der Idee in die Tat umzusetzen, gibt es verschiedene Arbeitsgruppen, z. B. für den Bau und die Dorfplanung (Bau), für Büro und Öffentlichkeitsarbeit, für Interkulturelles, Gemeinschaftsbildung und das Gemeinschaftshaus, für Mobilität, Stoffkreisläufe und Solidarität, für Nahrung und Küche, für Kinderbetreuung und Garten, für Finanzen und Fundraising, für Datennetz, IT und Gewerbe.

 © MassivKreativ

Wohnen und Arbeiten

Dabei haben die Akteure auch das wohnortnahe Arbeiten im Blick: Coworking für StartUps, ein Gesundheitszentrum und ein kleines Gewerbegebiet sind geplant. Es wurden basisdemokratische Strukturen mit Vorstand und Aufsichtsrat geschaffen. Einmal pro Woche tagt das Plenum für kleine Entscheidungen, große Themen werden in der Generalversammlung diskutiert. Wie wird z. B. das Thema Nachhaltigkeit im Hitzacker-Dorf umgesetzt? Wie wird Mobilität im Alltag gelebt, was können Carsharing und E-Autos leisten.

 © Kurt F. Domnik, pixelio.de

Um die Kosten überschaubar zu halten, werden ausschließlich Mehrfamilienhäuser nach einem Modulsystem gebaut. Pehlke macht auf Nachfrage folgende Beispielrechung auf: Eine vierköpfige Familie erwirbt für den Bau einer 90qm großen Wohnung Genossenschaftsanteile in Höhe von 20.000 € und zahlt nach Fertigstellung des Baus eine Kaltmiete von knapp 6 € pro qm. 12 Häuser sind im Sommer 2018 durchfinanziert, Verträge mit der GLS-Bank geschlossen. Der Bau des ersten Hauses ist gerade gestartet.

 © MassivKreativ

Überraschende Siedlungsgeschichte

Bei der Erschließung des Baugrundes wurden archäologische Fundstellen freigelegt und ergaben, dass die Region schon etwa 300 Jahre vuZ besiedelt wurde. Ein Brennofen, der in einem Meter Tiefe gefunden wurde, lässt darauf schließen, dass die damaligen Bewohner mit der Verhüttung von Raseneisenstein Erz gewonnen und veredelt haben. So wird die Siedlungsgeschichte stetig weiter geschrieben.

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Kulturbahnhof 

Im zweiten Teil des Interviews berichtet Hauke Stichling-Pehlke über den ehemaligen Bahnhof in Hitzacker, der heute KUBA – Kulturbahnhof heißt. Im April 2014 ersteigerte der frisch gegründete Bürgerverein den 174 erbauten Backstein-Bahnhof für 32.000 €. Heute ist KUBA ein Kulturzentrum, das von vielen Künstlern, Kreativen und lokalen Gruppen genutzt wird. Der Verein koordiniert die vielfältigen Aktivitäten und hat derzeit etwa 80 Mitglieder. Auch Jugendliche brüten immer wieder Ideen für KUBA aus, u. a. die Kulturaktie, um den Verein zu unterstützen.

 © MassivKreativ

Hauke Stichling-Pehlke ist optimistisch: Sowohl KUBA als auch das Hitzacker-Dorf zeigen, das sich die Bürger gerne sinnstiftend engagieren und zivilgesellschaftlich Verantwortung übernehmen. Damit zeigen sie Wege auf, wie es zukünftig im Wendland weitergehen kann – mit sozialen Innovationen.

PODCAST-INTERVIEW mit Hauke Stichling-Pehlke

Das Hitzacker-Dorf und KUBA – gemeinsam, interkulturell, nachhaltig

Kreative Karambolagen: Open und Cross Innovation

© ritter-sport.de/blog

Innovationen gelingen, wenn sie als Open-Innovation-Prozesse für externe Akteure geöffnet werden, sowohl interdisziplinär über verschiedene Branchen hinweg als auch nutzerorientiert für Kompetenz- und Wissensträger, für Experten und Anwender. Erfahrungen und Wünsche der Nutzer müssen von Anfang an in die Planung, Gestaltung und Entwicklung von Innovationen einbezogen werden.

Was ist Cross Innovation?

Mit dem Begriff „Cross Innovation“ wird die branchen- bzw. disziplinübergreifende Zusammenarbeit von Kreativschaffenden mit klassischen Wirtschaftsbranchen beschrieben, z. B. mit Unternehmen der Gesundheits- und Automobilwirtschaft, dem Hightechsektor oder dem verarbeitenden Gewerbe. Wenn voneinander unabhängige Lebensbereiche kreativ miteinander in Beziehung gesetzt werden, kann Neues entstehen: Co-Kreationen und cross-sektorale Projekte.

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Komfortzonen verlassen

Wer weiß, was Manager für wunderbare Ideen hätten, wenn sie mal einen Tag im Kindergarten, im Theaterfundus oder im Museumsdepot verbringen würden. Die von mir ausgewählten Fallbeispiele zeigen, warum es wichtig ist, seine Persönlichkeit möglichst vielfältig zu entfalten, sein kreatives Potenzial und seine Talente zu erproben, unterschiedliche Fertigkeiten zu entwickeln und miteinander zu verbinden.

 © Claudia Hautumm, pixelio.de

Musik und Genmedizin

Was sich der Krebsforscher Martin Staege von der Uni Halle ausdachte, klingt verrückt. Er spürt Tumore mit Musik auf: „Man kann die Stärke der Expression von Genen in Tonhöhe und Tonlänge umsetzen, um Melodien zu erzeugen“ (Staege 2016). Staege spielt leidenschaftlich gern Klavier und bemerkte, dass das Ohr falsche Töne sofort identifiziert, dass man aber Fehler in visuellen Darstellungen lange suchen muss. Seine Frage: Würde es über Melodien schneller gelingen, kranke Zellen aufzuspüren? Staege übertrug Notenbilder auf elektronische Abbildungen von Genen. Mit selbst entwickelten Algorithmen gelangte er zu einer völlig neuen Analysemethode – dank seiner kreativen Idee, Musik und Medizin, Naturwissenschaft und Kunst sowie visuelle und akustische Wahrnehmungsmechanismen zu verbinden.

Pharmaindustrie und IT

Die Firma Vitality hat eine intelligente Medikamentendose mit elektronischem Verschluss GlowCap entwickelt. Sie ist mit einer Datenbank verbunden, die ein akustisch-visuelles Signal abgibt und sich öffnet, wenn der richtige Zeitpunkt für die Medikamenteneinnahme gekommen ist. Die korrekte Einnahme konnte von 50 % auf 80 % gesteigert werden.

Julia Lohmann_Oki Naganode_Fotograf Petr Krejci © Julia Lohmann: Installation „Oki Naganode“, Foto: Petr Krejci

Kunst und produzierendes Gewerbe

Künstler und Designer experimentieren für Installationen, Möbel, Mode und Accessoires mit heimischen Naturstoffen. Sie sind Vorreiter der rasant wachsenden Bioökonomie. Die Künstlerin Julia Lohmann verwendet neben Algen auch Papier, Stroh und Löwenzahn. Nun zieht die Automobilindustrie nach. Der Reifenhersteller Continental verarbeitet anstelle von Kautschuk sibirischen Löwenzahn, der ebenfalls über die begehrten gummiartige Eigenschaften ;verfügt.

Crowdsourcing und Lebensmittelbranche

Auf zivilgesellschaftliche Kreativität stützt sich Fruchtgummihersteller Haribo. Auf Anregung der Käufer kommt 2014 eine „Fan-Edition“ mit Goldbären in sechs neuen Geschmacksrichtungen auf den Markt. Der Clou: Auch blaue Fruchtgummibären sind dabei. Und: Der geschmacklose Farbstoff wird aus Algen gewonnen. „Civil bzw. Citizen Creativity“ wird inzwischen on vielen Herstellern genutzt. So entstand das Geschäftsmodell von Innosabi. Auf der gleichnamige Plattform werden gemeinsam mit Kunden im Auftrag von Firmen neue Produkte entwickelt.

 © Haribo-Fanartikel

Marketing und Aktionskunst

Werber, Designer, Games-, Film- und Theaterakteure sind Experten für die Emotionalisierung von Marken und Produkten. Sie inszenieren deren Auftritte bei Messen, Tagungen, Konferenzen und digital für alle Medien. Doch Marken erringen nur dann Aufmerksamkeit, wenn ihre Motivation und innere Haltung authentisch und nachhaltig wirkt. Statt einer normalen Werbekampagne für eine neue Fliegenfalle entwickelten die schon erwähnten Schweizer Künstler Frank und Patrik Riklin für den Bielefelder Biozidhersteller Reckhaus einen Aktionstag zum Fliegenretten. Aus der künstlerischen Intervention entstand ein bis heute anhaltender Unternehmenswandel mit vielen Maßnahmen für mehr Verantwortung im Hinblick auf Umwelt und Nachhaltigkeit.

© Reimar Ott

Produzierendes Gewerbe, Chemie, Medizin

Die Firma Gore hat sich auf wind- und asserabweisende Funktionstextilien spezialisiert. 20 % der regulären Arbeitszeit steht dem Personal für den kreativen Blick über den Tellerrand zur Verfügung. Je nach persönlichen Freizeitinteressen entwickelten die Mitarbeiter aus dem Material neue Produkte für andere Märkte: beschichtete, schmutzabweisende Schalt- und Bremszüge für Fahrräder, länger haltbare Gitarrensaiten, Implantate für die Herz- und Gefäßchirurgie.

Smoothfood heißt ein neues Geschäftsmodell, dass Lebensmittelchemie und 3D-Druc verbindet. Impulsgeber ist die Makerszene der TechShops und FabLabs. Die
Firma Biozoon aus Bremerhaven wandelt Lebensmittel in Pulver um und serviert Menschen mit Schluckbeschwerden, die der pürierten Nahrung überdrüssig sind,
zumindest die haptische Illusion von gebratenen Hähnchenkeulen, Kartoffeln und Möhren. Neben Krankenhäusern und Seniorenheimen werden auch Sterneküchen
mit Produkten aus dem 3D-Drucker beliefert, z. B. mit kunstvollen Gelatine-Desserts im kreativen Design von urbanen Wolkenkratzern, Gebirgslandschaften und
Tieren.

 © A. Dreher, pixelio.de

Draußen und Drinnen

Lopifit holt das Fitnessstudio auf die Straße, indem es Fahrrad, Roller und Laufband kombiniert. Statt in die Pedale zu treten, treibt der Nutzer das Gefährt über ein Laufband an und landete damit in arabischen Ländern einen Überraschungserfolg. War das Fahrradfahren in langen Gewändern bisher eher umständlich, bietet das Loopifit nun deutlich mehr Komfort, weil es im Stehen angetrieben wird.

Landwirtschaft und Elektrotechnik

Der US-Amerikaner Philo Farnsworth kombinierte zwei Welten, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen: Landwirtschaft und Physik. Aufgewachsen in armen Verhältnissen einer Mormonenfamilie musste er zu Hause oft bei der Feldarbeit helfen. Beim eintönigen Pflügen des Kartoffelackers sinnierte er häufig über physikalische Fragen. Er wusste: Radiowellen ließen sich über den Äther funken. Und Bilder? Wäre es vielleicht möglich, wie beim Pflügen eines Kartoffelackers Bilder in parallele Zeilen zu zerlegen und so elektronisch zu übertragen?! Farnsworth verfolgte seine Idee weiter. 1927 gelang ihm im Beisein seiner Geldgeber die weltweit erste elektronische Bildübertragung mit einer Elektronenstrahlröhre. Das ihm die Idee ein Konkurrent stahl und als Patent anmeldete, ist eine andere Geschichte …

 © Filmcover Geniale Göttin 

Musik und Waffentechnik

Hedy Lamarr galt in den 30er/40er Jahren als Sexbombe in Hollywood. Sie selbst empfand Schönheit eher als langweilig. Sie war eine blitzgescheite Querdenkerin, tüftelte an mechanischen Musikinstrumenten und an Waffentechnik. Ein typisches Beispiel für Cross Innovation, das die Übertragung von Lösungsansätzen von einem Lebensbereich auf einen anderen greifbar und nachvollziehbar macht. Doch wie gelang ihr das? Weiterlesen: Sexgöttin als Waffenerfinderin: Wie Cross Innovation gelingt

Sexgöttin als Waffenerfinderin: Wie Cross Innovation gelingt

 © Filmcover Geniale Göttin 

Hedy Lamarr galt in den 30er/40er Jahren als Sexbombe in Hollywood. Sie selbst empfand Schönheit als langweilig. Lamarr war eine blitzgescheite Querdenkerin, tüftelte an mechanischen Musikinstrumenten und an Waffentechnik. Ein typisches Beispiel für Cross Innovation: Lösungsansätze werden von einem Lebensbereich auf einen anderen übertragen. Doch wie gelang Lamarr das?

Begeisterung für Technik

„Jedes Mädchen kann glamourös sein. Du musst nur still stehen und dumm dreinschauen.“ – Hedy Lamarr zog ihre Energie nicht aus ihrer Schönheit, sondern aus ihrer Begeisterung für Fortschritt und Technik. In den 20er Jahren tüftelte sie gemeinsam mit dem Musik-Utopisten und Komponisten George Antheil daran, bis zu 16 selbstspielende Klaviere (Pianolas) zu synchronisieren. Es gelang ihnen mit Hilfe von Lochstreifen. Die gleichzeitig ablaufenden Klavierrollen waren die Basis für Antheils bahnbrechendes Werk Ballet Mécanique. Was dahinter steckt, beschreibt er in seinem Buch „Bad Boy of Music“: „Meine Absicht war es, dem Zeitalter, in dem ich lebte, sowohl die Schönheit wie auch die Gefahr seiner unbewussten mechanischen Philosophie und Ästhetik klarzumachen …“

 © Pianola mit Lochstreifen

Der Mensch wird ersetzt

So wie heute über den Einsatz künstlicher Intelligenz in Bereichen diskutiert wird, die bisher dem Menschen vorbehalten, so standen die 20er Jahre ganz im Zeichen der Automatisierung. In der Musik verblüfften z. B. die neuen selbstspielenden Klaviere mit aberwitzigen musikalischen Abläufen, Tempi und Rhythmen, die ein Mensch am Klavier nie hätte meistern können.

Cross Innovation

Auch Hedy Lamarr ließ sich von den neuen technischen Möglichkeiten in Bann ziehen. Aber nicht nur im Bereich von Musik und Kultur. Sie war eine Vor- und Querdenkerin, die das Zeitgeschehen um sie herum genau wahrnahm. Eine Voraussetzung dafür, dass Cross Innovation entstehen kann, indem eine Idee von einem Lebensbereich in einen völlig anderen übertragen wird, offen und interdisziplinär sozusagen.

Offen für Weltprobleme

Hedy Lamarr stammte aus einer jüdischen Familie. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten heiratete sie einem österreichischen Waffenfabrikanten, der später auch mit Deutschland Geschäfte machte. Lamarr verließ ihn 1937 und bezog im 2. Weltkrieg gegen den Nationalsozialismus klar Position, indem sie sich auf die Seite der Alliierten stellte. Unter den historischen Eindrücken kam die Tüftlerin auf die Idee, ihre Erkenntnisse im Kampf gegen die Nazis zu nutzen. Gemeinsam mit Antheil entwickelt sie um 1940 ein Verfahren, um die Lochstreifen der selbstspielenden Klaviere als Steuerelement auf Torpedotechnik zu übertragen.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Vom Pianola zum Torpedo

Da Torpedos über Funk gesteuert werden, sind sie über fest stehende Frequenzen leicht ausfindig zu machen, auch für Feinde. Lamarr und Antheil wussten bereits, dass identische Lochstreifen gleichzeitige Frequenzwechsel zwischen Sender und Empfänger ermöglichen. Wie wäre es also, wenn man die wechselnden Frequenzen der Pianola-Fernsteuerung auf die Torpedo-Technik übertragen würde? Mit dieser Funkfernsteuerung wären die Torpedos nicht mehr so leicht zu verfolgen, zu stören und damit für die Nazis auch schwerer anzugreifen. Monatelang entwickelten die beiden Kreativen ihre Idee weiter. Unterstützend kam möglicherweise der glückliche Umstand hinzu, dass Lamarr als Ex-Frau eines Waffenherstellers über geheime Informationen in der Funktechnik verfügte.

 © Pianola-Rolle

Patent und Weiterentwicklung

Schließlich half ein Professor für Elektrotechnik am California Institute of Technology den beiden dabei, das Patent zur Anmeldung vorzubereiten. Im August 1942 wurde das Verfahren zwar vom Patentamt bewilligt, aber seiner ursprünglichen Form nicht eingesetzt. Das Prinzip des gleichzeitigen Frequenzwechsels wurde jedoch stetig weiterentwickelt. Es fand Eingang in die Schiffstechnik der US-Navy und in den Bereich der Kommunikation. Heute wird das Prinzip u. a. für WLAN- und Bluetooth-Verbindungen genutzt, die auf Frequenzsprünge nach einem bestimmten Zufallsmuster setzen.

Späte und posthume Ehrungen

1997 erhielt Hedy Lamarr gemeinsam mit dem bereits 1959 gestorbenen George Antheil den Pioneer Award der Electronic Frontier Foundation EFF. 2014 wurde sie posthum in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen. In Deutschland, Österreich und in der Schweiz wird an ihrem Geburtstag am 9. November der Tag der Erfinder gefeiert. Reich und berühmt wurde Lamarr mit ihrer Erfindung übrigens nicht. Sie starb im Jahr 2000 in Florida. Auf ihren Wunsch hin verstreuten ihre Kinder die Hälfte ihrer Asche im nördlichen Wienerwald am Stadtrand von Wien. Die restliche Asche wurde 2014 in einer Urne auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet (in Gruppe 33 G, Grab Nr. 80). 2018 erzählt der  Dokumentarfilm Geniale Göttin (Regie: Alexandra Dean) noch einmal ihre Geschichte. Eine späte Würdigung für eine Vordenkerin für Cross Innovation.

 © als Cover-Girl im Magazin Invention &Technology  

 

Weitere bemerkenswerte Beispiele für Cross Innovation in diesem Artikel (folgt in Kürze):

Kreative Karambolagen: Open und Cross Innovation

Verwertungsrechte: Was passiert mit Rundfunkbeiträgen nach ihrer Ausstrahlung?

  © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der ARD produzieren tagtäglich hunderte audiovisuelle Beiträge: Interviews und Reportagen, Bilder und Texte, Audios und Filme. Sie schaffen immense Schätze für unser kulturelles Gedächtnis. Doch was passiert mit den Beiträgen nach ihrer Ausstrahlung? Wie können die Beiträge langfristig erhalten und verwendet werden? Wie und in welcher Form können die bereits ausgestrahlten Texte, Töne, Bilder und Filme später von den Akteuren sinnvoll genutzt werden?

Kostenlose Mitarbeit in gebührenfinanzierten Beiträgen 

Wer einmal als „Otto-Norma-Verbraucher“ an einem journalistischen Fernsehbeitrag mitgewirkt hat weiß, dass die Reporter und Kamerateams die Film-Akteure oft stundenlang beschäftigen, bis die Interviews und bunten Bilder über die Protagonisten „im Kasten“ sind. Geld erhalten die Porträtierten nicht dafür. Auch Experten stellen ihr Fachwissen und ihre Expertise kostenlos in Hörfunk- oder Fernsehinterviews zur Verfügung. Hinterher dürfen sie die Beiträge jedoch nicht kostenfrei für eigene Zwecke, wie z. B. die eigene Website, nutzen. Sie müssten bezahlen, wollten sie sie auf ihrer Website nutzen. Doch für junge Firmengründer, Künstler oder Musiker stellt das eine Hürde dar.

Inhaltliche Vielfalt durch Bürgerbeteiligung

Gerade junge Startups, Freiberufler und Einzelunternehmer, Künstler und Kreative tragen mit ihren beruflichen oder ehrenamtlichen Aktivitäten zur thematischen Vielfalt der Rundfunkprogramme bei. Sie investieren viel Zeit, wenn sie als Partner an Interviews, Filmen und Beiträgen mitwirken und dafür keine Vergütung erhalten. Man könnte meinen, dass sie als Ausgleich für den Aufwand ihre eigenen Portraits und Interviews wenigstens kostenfrei für Werbe- und Marketingzwecke nutzen können. Doch weit gefehlt: Nutzung kosten und nicht zu knapp. Gerade junge Startups, Künstler und Kreative können sich das aber nicht leisten.

 © Carmen M. Borchers: Elbgoldmanufaktur

Verwertung nach der Ausstrahlung?

Warum verschwinden die Beiträge in den Archiven bzw. hinter Mediatheken. Warum dürfen die Beiträge nicht von den Portraitierten und Experten für die eigene Website oder für die Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden? Warum sollen bzw. müssen die medial Porträtierten für die Beiträge Geld bezahlen, wenn sie sie für eigene Zwecke nutzen wollen? Dabei haben sie bereits viel Zeit investiert, damit die Beiträge überhaupt entstehen konnten. Das Portal iRights.info hat dazu im Oktober 2019 Rabea Limbach in einem sehr aufschlussreichen Interview ausführlich befragt, u. a. ob es nicht bedauerlich sei, „dass aufgrund der rechtlichen Schwierigkeiten so viel wertvolles Archivgut verschlossen bleibt…“. Limbach, wissenschaftliche Dokumentarin beim Deutsches Rundfunkarchiv antwortet darauf: „Aus meiner Sicht geht es in dem ganzen Urheberrechtsdiskurs in Deutschland sehr viel um die Rechte des Einzelnen und zu wenig um die Interessen der Gemeinschaft. Wir haben einen beitragsgeförderten Rundfunk und ich persönlich bin der Überzeugung, dass die Gesellschaft bessere Möglichkeiten haben müsste, auf die Produktionen zuzugreifen.“ Im weiteren Verlauf erläutert Rabea Limbach ausführlich die Probleme und Schwierigkeiten. 

Gebührenfinanzierte Beiträge

Trotz aller Argumente und rechtlichen Herausforderungen: Die medialen Produktionen kosten viel Geld. Die notwendigen Budgets werden aus Rundfunkgebühren der Bürger finanziert, also von uns allen. Es waren beträchtliche Rundfunkgebühren der Bürger nötig, um einen TV-Journalisten, einen Kameramann, einen Tonmann, einen Cutter für den Schnitt, einen verantwortlichen Redakteur und einen TV-Moderator im Studio zu finanzieren, damit der Beitrag  realisiert und ausgestrahlt werden konnte. Wäre da nicht eine kostenfreie Zweitverwertung wünschenswert, die einen Mehrwert für alle Beteiligten schafft. Warum darf der Handwerker, der junge Startup-Gründer, der Künstler oder die Musikband den Bericht nicht kostenfrei auf die eigene Website oder den Social Media-Kanal stellen? Warum verlangen die Rundfunkanstalten dafür eine teure Lizenz, obwohl der Beitrag doch bereits finanziert ist? 

Beispiel: TV-Portrait einer Musikband

Eine Band hat wochenlang auf eigenes Risiko ein Clubkonzert organisiert. Die Musiker haben Stücke komponiert, Texte geschrieben, geprobt, den Club mit Licht- und Livetechnikern gemietet, Flyer entworfen und drucken lassen, Pressemitteilungen geschrieben und an die Medien verschickt, Journalisten eingeladen und hinterher telefoniert. Schließlich kündigt sich ein Fernsehjournalist mit Kamerateam für einen Vorbericht an. Die Musiker nehmen sich Zeit für Vorgespräche, ein Interview im Radiostudio und einen halbtägigen Drehtermin im Club, damit es viele bunte Bilder gibt. Der Beitrag wird eine Stunde vor Konzertbeginn in einem TV-Magazin ausgestrahlt und könnte zumindest Kurzentschlossene noch erreichen, um zum Konzert in den Club zu kommen. 

 © Komitee für Unterhaltungskunst

Zweitverwertung im Sinne der Akteure und Bürger

Rückblickend haben die Musiker viel Zeit für den Beitrag investiert und es waren beträchtliche Rundfunkgebühren der Bürger nötig, um einen Journalisten, einen Kamermann, einen Tonmann, einen Cutter für den Schnitt, einen verantwortlichen Redakteur und einen TV-Moderator im Studio zu finanzieren, damit der Beitrag  realisiert und ausgestrahlt werden konnte. Wäre da nicht eine kostenfreie Zweitverwertung wünschenswert, die einen Mehrwert für alle Beteiligten schafft. Warum darf die Band den Bericht nicht kostenfrei auf ihre Website oder ihre Social Media-Kanäle stellen? Warum verlangen die Rundfunkanstalten dafür eine teure Lizenz, obwohl der Beitrag doch bereits finanziert ist? 

Beachtung von Verwertungs- bzw. Persönlichkeitsrechten

Die Produktion der Beiträge ist bereits aus Rundfunkgebühren bezahlt! Warum also müssen die Protagonisten der medialen Beiträge nochmals zahlen? An Verwertungs- bzw. Persönlichkeitsrechten kann es nicht liegen. Mit den Richtlinien der neuen EU-Datenschutzverordnung muss sich ohnehin jeder Bürger auseinandersetzen, der eine Website betreibt oder sich in den sozialen Netzwerken bewegt. Der Bürger ist längst mündig und trägt Verantwortung für sein Tun!

Förderung von Gründern, von Kultur- und Kreativwirtschaft

Warum gibt es kein Entgegenkommen der Rundfunkanstalten, fragt man sich? Warum muss für eine nachgelagerte Nutzung nochmals bezahlt werden? Die Beiträge wurden doch bereits aus den Gebühren der Bürger finanziert. Es wäre eine mehr als sinnvolle Förderung von Kunst, Kultur, Kreativwirtschaft und Gründerwesen, wenn die Protagonisten bereits produzierte und finanzierte mediale Beiträge auf ihren Kanälen ausstrahlen dürften.

Mehrfachnutzung ermöglichen auf einer Wissensplattform

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sollten alle bereits ausgestrahlten und gebührenfinanzierten Beiträge auf einer öffentlichen Wissensplattform zugänglich machen – für das lebenslange Lernen aller Bürger. In Zeiten, das sich die Arbeitswelt radikal ändert, müssen Bürger ihr Wissen stetig erweitern! Daher  wäre es wünschenswert, wenn jede/r BürgerIn auf die Rundfunkbeiträge zugreifen und kostenfrei nutzen könnte. Es wäre ein gutes Beispiel für eine zivilgesellschaftliche Plattformökonomie – im Sinne eines kollektiven Gedächtnisses. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Beachtet werden muss dabei natürlich, dass keine Persönlichkeitsrechte und keine Werke anderer Urheber verletzt werden (Autoren, Dichter, Komponisten usw.). Jeder Bürger trägt dafür selbst Verantwortung. 

Vordenker-Kongress

Kürzlich ist ein Kongress in Bern in der Schweiz dieser Frage nachgegangen. Das Memoriav Kolloquium 2018 hat unter dem Thema REPLAY: TV- UND RADIODOKUMENTE NACH DER AUSSTRAHLUNG #CMK2018 die Archivierung–, Nutzung und Vermittlung von Fernseh- und Radioarchiven in den Fokus gerückt und gefragt: Wie sind Rundfunkbeiträge zugänglich? Wie und wofür kann man sie nutzen? Wie wirken sich die aktuellen technischen und politischen Veränderungen bei der Medienproduktion auf diese Fragen aus?

Das Memoriav Kolloquium findet traditionell im Rahmen des Welttages des audiovisuellen Erbes statt und steht unter der Schirmherrschaft der Schweizerischen UNESCO-Kommission. Kooperationspartner des diesjährigen Kolloquiums ist die SRG SSR – ein Verein, der allen offen steht. Dieser Verein betreibt das öffentliche, unabhängige Medienhaus SRG, das in vier Sprachregionen audiovisuelle Angebote produziert und verbreitet und hierfür 6000 Mitarbeitende beschäftigt.

 

Schweine, Landleben und Politik: der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde

 © Jerzy Sawluk, pixelio.de

Seine Schweine und seine Serie „Marundes Landleben“ haben den Cartoonisten und Illustrator Wolf-Rüdiger Marunde  bekannt gemacht. Marunde wurde in Hamburg geboren, ist später in ländlichem Umfeld in Schleswig-Holstein aufgewachsen und lebt seit 1988 im Wendland. Er hat für viele Print-Magazine gezeichnet, u. a. für Brigitte, Stern und Pardon. Bis heute erscheint ein wöchentlicher Cartoon von ihm in der HÖRZU.

 © MassivKreativ: Wolf-Rüdiger Marunde

Wandler zwischen Stadt und Land

In seinen lebensprallen Zeichnungen und Illustrationen nimmt Marunde häufig Bezug auf das Landleben. Seine Helden und Charaktere stammen  jedoch aus Stadt und Land, häufig Tiere, sehr oft Schweine, aber auch menschliche Zeitgenossen, wie Bauern, Jäger, Großstädter und Umweltaktivisten. Wenn beide Welten aufeinander treffen, ergibt sich „Zündstoff“. Im Interview erzählt Marunde, wie seine künstlerische Arbeiten entstehen, wie er recherchiert, kreative „Feldstudien“ betreibt und wie sein Tagesablauf aussieht.

  © Karl-Heinz Laube, pixelio.de

Themen zwischen Umwelt und Politik

Auch Umwelt und Politik thematisiert Marunde in seinen Arbeiten. Im Interview berichtet er, was für ihn das Besondere am Wendland ist, wie er die Anti-Atomkraft-Bewegung rund um Gorleben erlebt hat, wie die Kulturelle Landpartie – kurz KLP – einst begann und wie er heutige gesellschaftliche Entwicklungen und Probleme sieht. Marunde spricht auch darüber, welche Rolle Künstler in der Gesellschaft spielen, ob und wie sie sich politisch engagieren sollten.

  © MassivKreativ: Wolf-Rüdiger Marunde und Antje Hinz

 

PODCAST-INTERVIEW

Schweine, Landleben und Politik: der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde

Mind the Progress – Kongress zu Kreativität und Digitalisierung

 

 

 

 

© MassivKreativ

Ist es denkbar, dass der DJ-Beruf ausstirbt und von einer Künstlichen Intelligenz, kurz KI, ersetzt wird – in Clubs und auf Festivals? Ist vorstellbar, dass wir auf der Tanzfläche über ein digitales Armband getrackt und mit einer KI vernetzt werden, während der künstliche Watson-DJ in Echtzeit den passenden Beat und Stil in den Saal hineinspielt – abgestimmt auf den Pulsschlag der Tänzer? Inwiefern macht Künstliche Intelligenz der menschlichen Kreativität Konkurrenz? Diesen und weiteren Fragen widmete sich der zweitägige Kongress „Mind the Progress“ in Hamburg.

Kreative Vielfalt durch Digitalisierung

Kreative sind „Pioniere in der Veränderung von Marktsituationen“, lobte Kultursenator Carsten Brosda in seinem Eröffnungsvortrag die Innovationskraft von Kreativen. Und mahnte, viele in Deutschland würden Veränderungen ignorieren bzw. verschlafen. Symbolisch für die Situation kursiere ein Satz über Startups: „In Israel werden sie erfunden, in den USA monetarisiert und in Deutschland reguliert.“ Der Kongress und seine kompetenten Referenten lieferten in vielfältigen Formaten vor allem abwechslungsreiche Beispiele aus den Bereichen Kreativität und Digitalisierung. In Keynotes, Panels, Vorträgen und im Rahmenprogramm konnten die Besucher ihren Blick auf das Thema erweitern. 

 

 

 

 

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Was ist Kreativität?

Kreative Produktionsprozesse werden dank Digitalisierung immer bunter und vielfältiger. Virtual Reality, Augmented und Mixed Reality sorgen ebenso wie 3D-Druck für neue Ausdrucksmöglichkeiten. Künstliche Intelligenz, kurz KI, dringt zunehmend in künstlerische Bereiche ein. 

Kreativ zu werden heißt, etwas Neues zu erfinden. Dies gelingt auch, wenn Altes neu kombiniert wird. Ob das Neue auch innovativ ist und einen Mehrwert liefert, entscheiden wir Menschen. Unzählige Berater und Coaches strömen seit Jahren durch Institutionen und Unternehmen, um Mitarbeitern angebliche Geheimtipps für mehr Kreativität zu vermitteln. Dabei ist noch gar nicht geklärt, wie Kreativität überhaupt entsteht. In seiner Keynote sprach Sascha Friesike, ursprünglich  Wirtschaftsingenieur, der jetzt an der VU Universität in Amsterdam lehrt und u. a. in Stanford und St. Gallen forschte, über Herausforderungen, Risiken und Chancen beim digitalen Wandel. Wie verändert sich das Verhältnis von Inhalt und Technologie, Kreativität und Digitalisierung? Inwiefern sind digitale Technologien Medium für kreative Ausdrucksformen? 

Friesike zeigte in seinem Impulsvortrag anhand von Beispielen, dass Transformation nicht durch einen einmaligen Vorgang fertig vollzogen werden kann. Transformation sei ein ständig andauernder, langwieriger Prozess, so Friesike. Die Lösung für unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen sei nicht allein in der Technologie enthalten. Kreative Tätigkeiten erzeugen in erster Linie qualitative und nicht quantitative Ergebnisse durch Lesen, Schreiben, Denken. Anhand von „additiver“ und „subtraktiver“ Kreativität, bei der Dinge ergänzt oder weggelassen werden können, erläuterte Friesike den Prozess der Disruption. Er prognostiziert etwas kühn: Kreativität werde langfristig durch Künstliche Intelligenz ersetzt. Vielleicht protestiert das Publikum gegen diese etwas kühne Thesen nicht aufgrund tropischer Temperaturen im Saal. Was hingegen sicher zu sein scheint: Die Praxis der Arbeit wird sich durch Künstliche Intelligenz stark verändern.

 

 

 

 

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Künstliche Intelligenz im Alltag

Was kommt in der Evolution nach dem Menschen? Was könnte dem homo sapiens folgen? Ist es Technologie, also eine Kombination aus Mensch und Maschine? Bleiben wir auf diese Weise die „Krone der Schöpfung“ oder schaffen wir uns mit Künstlicher Intelligenz langfristig selbst ab? Einige Biowissenschaftler vertreten bereits heute den Standpunkt, wir Menschen seien im Grunde nur „biologische Algorithmen“. Darüber schreibt auch der israelische Autor Yuval Harari in seinem Buch «Homo Deus: Eine Geschichte von morgen».

Fakt ist: Künstliche Intelligenz ist bereits tief in unseren Alltag vorgedrungen. Sie ist vielerorts Mitbewohnerin geworden – Stichwort „smart home“. Sie bestimmt unser Konsumverhalten, sie verändert unser Zusammenleben, unsere Arbeitswelt und rüttelt an den Grundfesten unseres Selbstverständnisses. 

In einem Kurzinterview gegenüber der Hamburg Kreativ Gesellschaft erklärt die Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen den Unterschied zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz so:  „Vor allem ist menschliche Intelligenz flexibel. Wir können uns auf immer neue Situationen einstellen. Künstliche Intelligenzen sind Spezialisten. Sie können manche Dinge besser und schneller als der Mensch, dafür aber nichts anderes. Und die menschliche Intelligenz ist auf Engste mit dem menschlichen Körper verbunden, der z.B. regelt, was wir wie wahrnehmen können. Wie intelligent die Künstliche Intelligenz werden kann, ohne sich daran zu orientieren, ist unklar.“

 

 

 

 

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Digital Art

Die zweitägige Tagung „Mind the progress“ ließ keine Langeweile aufkommen. Vielfältige Formate sorgten für Abwechslung, auch über kreative Produktionen selbst. Das Smartphone hat unseren Alltag smart gemacht. Immer neue Gadgets bereichern unser smart home und unsere smart city. Heißt smart stets: innovativer, intelligenter, individueller? Inwiefern kann auch die Kunst smarter werden? Im Panel „Digital Art“ sprach Künstlerin Giulia Bowinkel über die Erweiterung von Wahrnehmungserlebnissen durch Virtual Reality und durch die Kombination von Liveperformance und digitaler Animation. Lina Wassong schwärmte über virtuelle Planungs- und Fertigungsverfahren, die ihr als Künstlerin eine ungeahnte Formenvielfalt ermöglichen. Julian Adenauer, Gründer des RETUNE-Festivals, engagiert sich für künstliche Intelligenz im künstlerisch-kreativen Umfeld abseits nutzergetriebener Anwendungen in der Wirtschaft. Er schätzt  dabei vor allem den interdisziplinären Ansatz. Ulrich Schrauth, Initiator und Kurator des Festivals VRHAM! stellte die Immersionskraft von VR-Simulationen im Umfeld des Theaters heraus.

Vielfältige Realitäten: VR – AR – MR

Im Publikum wurde die Frage  nach den Produktionsbedingungen für digitale Kunst gestellt. Julian Adenauer betonte, dass es in den künstlerischen Hochschulen vor allem um Feedback und die Entwicklung qualitativer Kriterien für digitale Kunst gehe. Handwerk und technische Fähigkeiten in Bezug auf Sensorik, 3D, VR usw. würden sich junge Künstler vielfach selbst aneignen. Mit Blick auf die Marktorientierung prognostizierte das Podium einen Wechsel der Sammlergeneration: Jüngere technikaffine Kollektionen würden den Schwerpunkt zukünftig stärker auf innovative und digitale Objekte legen. In einem gesonderten Panel wurden neue Geschäftsmodelle durch digitale Technologien diskutiert, die im Zuge von 3D-Druck, VR, Blockchain u.a. entstehen. 

Digitales in Museen und Ausstellungen

Was bedeuten digitale Technologien für Museen und Ausstellungshäuser? Über die Herausforderungen und Fragestellungen berichtete Andreas Hoffmann, Archäologe, Programmleiter Kunst und Kultur der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und Geschäftsführer des Bucerius Kunst Forums. Neben der Offenheit für digitale Objekte muss bei Kuratoren auch die Kenntnis über technische Zusammenhänge und Möglichkeiten digitaler Technologien vorhanden sein. „Brauchen wir neue Museen und Austellungshäuser?“, fragte Andreas Hoffmann und beantwortet die Frage eindeutig mit JA. Kuratoren müssen zu „Beziehungstätern“ werden, wenn sie Orte des Lernens schaffen wollen. Das Publikum wird im Museum zum aktiven Mitgestalter. Das Städel-Museum in Frankfurt ist führend in digitalen Technologien, Hoffmann nannte exemplarisch den Selbsternkurs Kunstgeschichte Online . Einige Hürden seien aus Sicht der Museen noch zu überwinden, vor allem was die Anpassung des Urheberrechts betreffe.

Selbst schöpfen statt zu konsumieren

Immer wichtiger wird in Museen die Interaktion und Teilhabe des Publikums. Für mich persönlich ist dabei entscheidend, dass die Besucher sich in einer Ausstellung selbst entdecken bzw. mehr über sich selbst erfahren können. Was hat Kunst mit mir und meinem Leben zu tun? Welche Antwort gibt die Kunst auf meine Fragen an das Leben? Der Museumsbesuch verschiebt sich, weg vom Prozess des Konsumierens, hin zum Prozess des eigenen kreativen Schöpfens.  Wie könnte solch eine Interaktion in der Praxis aussehen? Hoffmann erwähnt Beispiele wie iSkullApp und das VR-Projekt Modigliani von Tate Modern in London, Googles Tool CREATISM sowie Female Figure von Jordan Wolfson.  Was noch? Besucher könnten eine Eigenkreation an eine virtuelle Leinwand zeichnen, diese Zeichnungen könnten über Algorithmen mit einer Kunst-Datenbank verknüpft werden, z. B. EUROPEANA, so dass der Besucher von seinen eigenen Zeichnungen zu echten Objekten geleitet wird.

 

 

 

 

© MassivKreativ

Kreative Maschinen

Technikjournalist und Politikberater Mads Pankow referierte darüber, wie originell Technik überhaupt sein kann. Er präsentierte Beispiele, welche kreativen Bereiche KI bereits erobert hat, die bislang eigentlich Künstlern vorbehalten waren bzw. Akteuren aus der Kultur- und Kreativszene. Die selbstlernenden Systeme komponieren, sie dichten und kochen, sie malen und zeichnen. Sie übersetzen, texten Nachrichten und schneiden Videobeiträge, sie stellen Modekollektionen und Themenmagazine zusammen. Sie kombinieren vorhandene Erzählplots und schaffen so neue  Gruselgeschichten und Science-Fiction-Drehbücher.

Mensch versus Künstliche Intelligenz

Kann man bei diesen bewältigten Aufgaben tatsächlich von Kreativität sprechen? Mads Pankow meint, dass neuronale Netze bzw. selbstlernende Systeme genau genommen nicht lernen würden, jedenfalls nicht in menschlichem Sinne , sondern sich an jeweils neue Informationen anpassen. Er erwähnte die von Künstlern erfundene Patent-Software All Prior Art, die alte Patente zu neuen Patenten kombiniert, die aber in der Praxis keinerlei Nutzen haben. IBMs KI Chef Watson stellt aus beliebigen Zutaten eigenständig neue innovative Gerichte zusammen, etwa „African Bird Pepper Meatballs“. Ob das schmeckt, bleibt dem Urteil der Probanden überlassen. Muss man Probleme verstehen, um sie zu lösen? Neuronale Netzte haben keinerlei Bewusstsein über das eigene Tun. Was z. B. in der Medizin verheerende Folgen haben könnte, weil Symptome nicht mit menschlichem Verstand interpretiert werden. 

Menschliche Vielseitigkeit

Während wir Menschen in der Lage sind, vielfältige Herausforderungen zu lösen, können selbstlernende Systeme zumindest im Moment nur ein Problem fokussieren. Kann Künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln? Darüber sprachen Technikphilosoph Mads Pankow, Kognitionswissenschaftler Kai-Uwe Kühnberger, Cognitive-Computing-Experte Johannes Forster, Wissenschaftsjournalistin und Philosophin Manuela Lenzen und Kuratorin Luba Elliott.

Blockchain als Zukunftsmodell

Über neue Geschäftsmodelle in der Kreativwirtschaft diskutierte ein Panel mit Peter Kabel, Andreas Raabe, Daria Suvorova, Dieter Gorny und Egbert Rühl. Wie entwickelt sich der Wert von kreativen Inhalten? Welche Rolle spielt das Urheberrecht, wie lassen sich kreative Inhalte wirksam schützen? Inwiefern kann die Blockchain-Technologie Lösungen bieten?

 

 

 

 

 

© Ute Zimmermann, Pixelio.de / MassivKreativ

Unternehmen als Medienmarken

Im Schlusspanel ging es um digitale Inhalte von Marken und Unternehmen. Inwiefern lässt sich überhaupt noch sauber zwischen Werbung und Journalismus trennen? Vorgestellt wurde MOIA, ein junges MobilitätsStartUp von VW, das einen Shuttle-on-demand-Dienst entwickelt, um „die Stadt den Menschen zurück zu geben“, so der Marke-Slogan zur neuen Mobilität. Die Agentur „Mann beißt Hund“ berichtet für Unternehmen über Wissenschaft, Bildung und Gesundheit und schätzt dabei vor allem die Interaktion mit dem Nutzer, um Inhalte besser auf deren Bedürfnisse auszurichten. „Territory“, wo u. a. das Lufthansa-Magazin entsteht, arbeitet als Tochterunternehmen von Gruner und Jahr bewusst mit Journalisten und nicht mit Agentur-Textern zusammen. Verschwimmen hier die Grenzen zwischen Journalismus und Unternehmenskommunikation noch mehr? Unabhängig von der Art Urheberschaft zähle am Ende einfach nur eine gute Geschichte, meint Dörte Spengler-Ahrens, Creative Director von Jung von Matt. Grundtenor des Podiums: Journalisten sollten sich stärker auf Vermittlung und Einordnung von Themen konzentrieren, um dem Nutzer Orientierung zwischen seriösen Nachrichten und FakeNews geben. Werber sollten relevante Themen und individuelle Bedürfnisse der Nutzer fokussieren.
 
 
 
 
 
 
 

© MassivKreativ

Digitales Geocashing

Auch spielerische Ansätze fanden beim Kongress einen Platz. Medienkünstler Jan Dietrich präsentierte das Hamburger Projekt StreamCaching. 10 akustische Werke wurden mit GPS Koordinaten versehen und quer über die Stadt an 10 Orten verteilt. Das Publikum kann die Tracks mit dem Smartphone finden und direkt vor Ort erleben.

Fragen zum Weiterdiskutieren

Einige Fragen bleiben offen: Welche Rolle spielt zukünftig der Mangel an Beschränkung als Voraussetzung für Kreativität? Dies scheint durch digitale Technologien verloren zu gehen, es sei denn der Künstler erlegt sich die Beschränkung aus eigenen Stücken auf. Und: Wenn Künstliche Intelligenz heute schon so viel kann, was bleibt dann eigentlich noch für uns Menschen zu tun? Wo kann KI ganz konkret als kreativer Partner fungieren? Inwiefern gewinnen wir Menschen durch die selbstlernenden Systeme wieder mehr Freiraum und neue Möglichkeiten für unsere eigene kreativen Entfaltung?

Nicht jedes Thema konnte aufgrund der beschränkten Zeit erschöpfend geklärt werden. Doch wie es sich für eine gute Tagung gehört, wurden auch in den Pausengesprächen zwischen den Teilnehmern spannende Fragen diskutiert, die genügend Stoff für einen weiteren Kongress bieten:

1) Wo bleibt der Mensch unersetzlich? Wo kann der Mensch trotz KI vor punkten, mit welchen konkreten menschlichen Fähigkeiten?

2) Wieviel Überraschendes und Unerwartetes kann eine KI liefern? KIs machen Vorschläge auf der Basis von Datenhistorien. Wie lässt sich die berühmte Filterblase vermeiden? Sind Algorithmen in der Lage, mit neuen Vorschlägen bzw. Angeboten zu überraschen? Oder wollen wir Menschen im Grunde gar keine Vielfalt?

3) Warum ist es wichtig, dass wir Entscheidungswege der KI nachvollziehen können? Ein Problem bei den Lernenden Systemen ist ja, dass man häufig nicht nachvollziehen kann, wie die KI zu ihren Lösungen kommt.

4) Sollte sich der Mensch mit Blick auf KI-Konkurrenz zukünftig eher als Spezialist aufstellen oder möglichst vielfältig als Allrounder?

5) Welche Mehrwerte entstehen durch KI: a) Produzenten/Anwender b) Konsumenten

6) Wie realistisch ist die Prognose von Klaus Mainzer, TU München: „Es wird Rechner geben, die nach dem Vorbild natürlicher Nervensysteme gebaut werden … Anstatt mit Siliziumchips würden sie auf der Basis von Molekülen und Enzymen arbeiten und könnten in der Rechenkapazität und organischen Struktur ständig weiter lernen und wachsen.“ Zeitpunkt

7) Könnte sich KI irgendwann intrinsisch über ein „artifizielles Belohnungssystem“ motivieren und welche Folgen hätte das für uns Menschen?

 

Weiterführende Informationen zu Kreativität und Künstlicher Intelligenz von der Open! Konferenz