Kreative Ideen für das Dorf: Rüterberg an der Elbgrenze in Mecklenburg

  © MassivKreativ

Rüterberg hat eine besondere Geschichte: Zu DDR-Zeiten war der kleine Ort an der östlichen Elbgrenze komplett von Grenzanlagen umzäunt und nur über ein kleines Tor passierbar. Bis unerschrockene Bürger einen Tag vor dem Mauerfall am 8. November 1989 die „Dorfrepublik Rüterberg“ ausriefen. Seitdem hat sich einiges im Ort getan, dank kreativer Ideen engagierter Bürger.

Das umzäunte Dorf der DDR

Wegen seiner besonderen Lage hat Rüterberg Geschichte geschrieben. Zu DDR-Zeiten war der kleine Ort von der Außenwelt nahezu abgeschlossen. Die 140 Bewohner konnten nur durch ein Tor in die Außenwelt gelangen, zwischen 5 Uhr morgens und 23 Uhr abends. Nachts blieb das Tor geschlossen. Wer zu spät kam, musste außerhalb des Ortes übernachten. Tagsüber wurde das Tor von Grenzsoldaten streng bewacht. Passkontrollen waren für die Dorfbewohner allgegenwärtig. Besuch musste sechs Wochen vorher angemeldet werden. „Wenn ein Baby schneller auf die Welt kam als geplant, hatten die Eltern das Nachsehen. Sie mussten den Nachwuchs alleine feiern, weil die auswärtigen Gäste so kurzfristig keinen Passierschein bekamen“, erzählt Meinhard Schmechel. Er war von 1981 bis 2004 Bürgermeister von Rüterberg. Selbst bei Todesfällen blieb die Staatsmacht unbarmherzig. Sondergenehmigungen wurden nicht erteilt. So fiel der Kreis der Trauergemeinde in Rüterberg oft kleiner aus als anderswo im Land. 

  © Carola Borchers; Meinhard Schmechel im Interview

Dorfrepublik Rüterberg

„Ich konnte mir meinen Besuch immer aussuchen“, erinnert sich Schmechel augenzwinkernd. Mit Galgenhumor reagierten die Rüterberger häufig auf das abgeschiedene Leben an der Elbgrenze. Spontan passierte hier nichts. Manchmal blieb sogar tagsüber das Tor geschlossen, so dass die Rüterberger nicht pünktlich zur Arbeit kamen. Begründungen lieferte die Staatsmacht nie, Fragen war nicht erwünscht. Doch kurz vor dem Mauerfall wagten die Bürger den Aufstand. 

Wende

Am 8. November 1989 riefen die Rüterberger auf einer Einwohnerversammlung nach dem Vorschlag des Schneidermeisters Hans Rasenberger die „Dorfrepublik Rüterberg“ aus – nach dem Vorbild der Schweiz. Rasenberger hatte sich intensiv mit der Schweizer Geschichte und Verwaltung beschäftigt. Seit 1988 durfte er mit einer Sondergenehmigung Verwandte in Westdeutschland besuchen, reiste auch in die Schweiz und erfuhr dort im Umfeld der Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag vom Rütlischwur. Langsam reifte der Plan, aus Rüterberg eine Dorfrepublik zu machen.  Auf der Einwohnerversammlung verteilte er ein Papier  und schlug darin vor, die Dorfrepublik als Urform der „Direkten Demokratie“ zum Modell für Rüterberg zu machen. So sollte die Basis dafür geschaffen werden,  dass sich die Rüterberger ihre eigenen Gesetze für ihr Dorf schaffen konnten. Die Bürger stimmten geschlossen zu. 

  © MassivKreativ: Elbblick vom Aussichtsturm

Erinnerungen

„Die Apparatschiks waren ziemlich irritiert und fragten einen Tag später – also am Tag des Mauerfalls am 9. November noch mal nach, ob das Ausrufen der „Dorfrepublik“ wirklich ernst gemeint gewesen sei,“ erinnert sich Meinhard Schmechel. „Kurios war, dass wir bereits am 10. November in den Westen reisen durften, aber nach Rüterberg noch immer kein Fremder hinein durfte.“ 

Der Titel „Dorfrepublik“ wurde später offiziell „genehmigt“. Am 14. Juli 1991 erteilte der Innenminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern der Gemeinde das Recht, die Bezeichnung „Dorfrepublik 1961–1989“ (ab 2001 „Dorfrepublik 1967–1989“) auf allen Ortsschildern als Zusatzbezeichnung zu führen. 100 Jugendliche aus 19 Nationen waren anwesend, als der Gemeinde die Urkunde überreicht wurde. Seit 21. Oktober 2002 heißt das Dorf wieder Rüterberg, das außergewöhnliche Schild steht noch immer am Eingang des Ortes. 

  © Uta Sander; Carmen M. Borchers  im Interview

Rüterberg heute

184 Einwohner leben heute in Rüterberg. 50% Einheimische und 50% Zugezogene, viele aus den alten Bundesländern. Beim Miteinander gibt es noch Luft nach oben, findet Carmen M. Borchers. Sie hat nach der Wende ein traditionelles Klinkerhaus in Rüterberg gekauft und ist quasi als Neubürgerin in den Ort gezogen. Zuvor hatte sie in Hamburg ein bewegtes Berufsleben geführt, war u. a. als Übersetzerin, interkulturelle Trainerin und Bildungscoach tätig. An den Wochenenden zog sie sich zum Auftanken nach Rüterberg zurück, bis sie ihr Domizil ganz nach Rüterberg verlegte.

  © Carmen M. Borchers: Produkte der Elbgoldmanufaktur   

Regionale Köstlichkeiten

Heute erfindet und vermarktet sie heute kleine Delikatessen aus der Natur. Ihre Elbgoldmanufaktur auf der rechten Seite der Klinkerstraße produziert aus eigener „Pflückung“ oder aus der Ernte der Nachbarn Marmeladen, Gelées, Chutneys, Essig-Essenzen, Öle, Liqueure, Kräutersalz und weitere Köstlichkeiten. Borchers sieht es als Hobby. Denn ein neues wichtiges Vorhaben im Ort fordert ihre Aufmerksamkeit. Aus der alten Schule bzw. dem ehemaligen Gasthaus soll ein neues Gemeinschaftshaus werden. 

   © Carmen M. Borchers: Gemeinschaftshaus Rüterberg 

Umnutzung der alten Schule

Gemeinsam mit etwa 50 weiteren MitstreiterInnen, unter ihnen auch Meinhard Schmechel, hat Carmen Borchers einen Verein gegründet, der das Projekt „Gemeinschaftshaus“ zur Chefsache erklärt hat. „Durch das Haus und das gemeinsame, schöpferische Tun sollen alte und neue Rüterberger enger zusammenwachsen“, wünscht sich Borchers, einen Treffpunkt und Raum für kreative Initiativen von und für die Dorfbewohner. Die örtlichen Vereine – Karneval-, Feuerwehr-, Bootsverein und der Förderverein der Tongrube (siehe Artikel unten) – hätten wieder die Möglichkeit, dort Treffen und Veranstaltungen durchzuführen.

Soziales Miteinander

Alle, die im Ort kreativ und kulturell tätig sind, könnten die Räume im Gemeinschaftshaus nutzen, um ihre Arbeiten zu präsentieren und Veranstaltungen, Lesungen, Literarische Salons, Kinovorführungen, Sportkurse und Treffen von Kreativgruppen anzubieten. Borchers fasst das Anliegen des Vereins so zusammen: „Wir glauben, dass wir durch ein Gemeinschaftshaus, an dem alle, Jung und Alt, Einheimische und Zugezogene, Kreative und handwerklich Tätige sich beteiligen können, damit der soziale Zusammenhalt und das Zusammenleben positiv befördert werden. Wir glauben, dass es einen „Ort für alle“ geben sollte, an dem durch ehrenamtliche Mitarbeit das „Gesicht des Dorfes“ noch ein anderes bzw. schöneres Profil bekommen könnte.“ 

  © Carmen M. Borchers: Heimatstube

Geschichte(n) in der Heimatstube

Auch ein kleines Heimatmuseum – die „Heimatstube“ –  soll wiederbelebt werden. Sie zeigt Alltagsgegenstände und historische Zeugnisse aus der Zeit der DDR. Das Museum kann aus Personalgründen im Moment nur stundenweise auf Anfrage geöffnet werden, z. B. wenn Schulkassen anfragen. Die jungen Besucher lauschen dann oft staunend den Zeitzeugen-Schilderungen von Meinhard Schmechel. Borchers hofft, dass das Museum bald aktualisiert werden kann, denn die neuere Geschichte von Rüterberg nach 1989 fehlt noch im Museum.

   © Carmen M. Borchers: Heimatstube 

Ein neues Gemeinschaftshaus 

Das neue Nutzungskonzept der Rüterberger liegt schon eine ganze Weile in der Stadtverwaltung von Dömitz. Zu lange, findet Schmechel. Die Ungeduld wächst, nicht nur bei ihm. Die Bürger stehen in den Startlöchern, um die alte Schule gemeinsam zu restaurieren und ihr als Gemeinschaftshaus neues Leben einzuhauchen. Doch die Stadt Dömitz braucht dringend Geld und würde das alte Haus am liebsten verkaufen. Die Rüterberger hingegen hoffen, dass sie ihr Gemeinschaftshaus mit eigenem Nutzungskonzept selbst verwalten und „bespielen“ dürfen. Eine Bearbeitung des Antrags der Rüterberger ist trotz Nachfrage der Rüterberger bislang in Dömitz nicht erfolgt. Der Ausgang ist im Juni 2018 noch offen …

  © Carmen M. Borchers: Gastronomie im Gemeinschaftshaus

   © Carmen M. Borchers: Gastronomie im Gemeinschaftshaus

Sanfter Tourismus  

Viele Rüterberger hoffen, dass sich auch ein neuer, motivierter Pächter für das Gasthaus und die vier Zimmer findet, die ebenfalls in der alten Schule ansässig sind. Eine gut gehende Gastronomie mit Herz ist wichtig! Ziel ist für Rüterberg ein maßvoller Tourismus, der den Charme und die Idylle im Ort bewahrt. Manche wollen einfach nur ihre Ruhe, weiß Borchers. Doch Meinhard Schmechel berichtet: „Schon heute radeln im Sommer zwischen 400 und 500 Besucher durch den Ort. Die Gäste bewundern die einzigartige Natur an der Elbe und würden sich freuen, wenn sie hier auch eine Kleinigkeit essen oder trinken und vielleicht über Nacht bleiben könnten“, sagt Borchers. 

  © Carmen M. Borchers: Kunst aus der Natur

  © Carmen M. Borchers: Kunst aus der Natur

Kunst und Kreatives  

Zu Pfingsten öffnet Carmen M. Borchers ihr Haus für Kunst offen. Sie lädt Künstler in ihr hübsches Klinkerhaus ein, die den Besucher ihre Werke zeigen und über ihr kreatives Schaffen Auskunft geben: „Auf Augenhöhe, ganz unakademisch, so als würde man mit einem Freund oder einer Freundin plaudern“, erzählt Borchers. Fragen sind ausdrücklich erwünscht. So können sich nicht nur Kontakte zwischen Künstlern und Besuchern entwickeln, sondern auch zwischen den Bewohnern  untereinander. Diese Chance könnten die Rüterberger noch stärker nutzen, findet Borchers. Ihr Haus stehe jederzeit offen, bekräftigt sie.  

  © Carmen M. Borchers

Tongrube

Ein idyllisches Refugium für Naturliebhaber ist die ehemalige Tongrube am linken Ortseingang von Rüterberg. Wo früher Ton für das Klinkerwerk gewonnen wurde, hat sich über die Jahre ein kleiner See gebildet, der von den Rüterbergern gerne zum Baden genutzt wird. Der Förderverein Naturschutz Elbetal e.V. hat einen Natur-Erlebnispfad angelegt und mit Informationstafeln versehen.

Rüterberg ist ein Traum für Naturliebhaber und Ausgangspunkt für den Sprung über die Elbe ins Wendland. Den haben schon die Ahnen von Rüterberg gewagt. Das Wappen von Rüterberg zeigt einen Ritter, der einst vom Rüterberg mit seinem Pferd hinüber gesprungen sein soll, um Rüterberg von Räubern zu befreien. Heute kann der Sprung über die Elbe völlig zweckfrei unternommen werden … 

PODCAST-INTERVIEW

Kreative Ideen für das Dorf Rüterberg an der Elbgrenze in Mecklenburg


Kunst und Kultur im Dorf: Sinnstifter, Motor, Resonator

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Früher war das Leben im Dorf von harter körperlicher Arbeit geprägt. Vieles wird inzwischen von Maschinen und digitaler Technologie erledigt. Heute durchdringen die Dörfer Wissens- und Kopfarbeit(er), ebenso wie in Städten und Metropolen. Während urbane Regionen über Platzmangel und überteuerte Immobilien- und Mietpreise klagen, gibt es in ländlichen Regionen viel Freiraum für Neubürger, für ihre Ideen und Konzepte. Vor allem Künstler und Kreative finden hier eine neue Heimat. Dass sie dort sehr viel bewegen, zeigen inzwischen zahlreiche Praxisbeispiele, Wettbewerbe und Bücher.

Ländliche Werte

Im Dorf gibt es alles – Land, Raum, Werkstätten, Rohstoffe, Wissen, Fähigkeiten, Arbeitsmittel, Maschinen, Geräte, immer öfter auch ein funktionierender Internetanschluss, also alles ebenso wie in der Stadt. Und noch viel mehr, denn darüber hinaus kann sich das Dorf noch vieler immaterieller Werte rühmen, die man in der Stadt eher selten findet: Beziehungen, Hilfsbereitschaft, Vertrauen, Höflichkeit, Bescheidenheit, Geduld, Idealismus, Freiheit, Identität, Neugier, Engagement, Ideen, Selbstgestaltungswille.

Wettbewerb „Kreative für MV – MV für Kreative“

In Mecklenburg-Vorpommern ist 2018 ein landesweiter Wettbewerb gestartet, der die soziale Dorfentwicklung und Innovationen im ländlichen Raum beflügeln soll. Er findet auf Initiative des Netzwerkes Kreative MV unter aktiver Mitwirkung kreativer Raumpioniere statt und wird durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert (Projektträger: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung/BLE). Dabei sollen bereits bestehende kreative Projekte und Initiativen zur sozialen Dorfentwicklung ausfindig gemacht oder neue Initiativen angeregt werden – zwischen Kreativen und alteingesessenen Bürgern. Gemeinsam werden Talente und Synergien ermittelt, Ideen gesammelt und Prototypen gestaltet, im Idealfall auch soziale Innovationen realisiert. 

 © Kreative MV

Strukturveränderungen

Zugegeben – der Wille zur Eigenverantwortung ist manchem Dorfbewohner zwischenzeitlich etwas abhanden gekommen. Durch die Gebietsreform wurden seit den 70er Jahren „250.000 Sitze in Gemeindeparlamenten abgebaut und 16.000 ländliche Gemeinden aufgelöst“, schreibt Andrea Baier im Buch „Kunst und Dorf“ in ihrem Artikel über den ökonomischen und gesellschaftlichen Mehrwert des Dorfes, (S. 238). Die Folge: Viele Dörfer werden nun von oben herab regiert, von Städtern etliche Kilometer entfernt, die von den Bedingungen vor Ort wenig Ahnung haben. Lebensnotwendige Institutionen und Strukturen sind weggespart worden, u. a.  Nahverkehr, Schulen, Post, Lebensmittelläden, Arztpraxen, Gemeinde- und Gasthäuser, Sporttreffpunkte. Politikverdrossenheit lässt dann nicht mehr lange auf sich warten.

 © Robert Thurn, Pixelio.de

Künstler als Impulsgeber

Wo früher noch Ehrenamtliche aktiv waren, ziehen sich viele ins Privatleben zurück. Künstler und Kreative wollen Rückzügler neu mobilisieren und motivieren begegnen. Sie haben sich bewusst für das Landleben entschieden und möchten Altbürger – sowohl die resignierten als auch die engagierten – an ihren Ideen und Projekten teilhaben lassen. Dorfbewohner sollen nicht nur Konsumenten sein, sondern kreative und selbstbewusste Mitgestalter des eigenen Umfelds. Dass das Vorhaben aufgeht, zeigt u. a. der Künstler Rolf Wicker im vielseitigen Sammelband Kunst und Dorf von Brita Polzer. Es soll hier als Beispiel für viele andere partizipative Projekte aus dem Buch vorgestellt werden.

Die kleinste, größte Kunsthalle Deutschlands

Auf nur 20 Quadratmetern richtete Rolf Wicker 2009 im ehemaligen Pförtnerhäuschen des DDR-Kreisbetriebs für Landtechnik die temporäre Kunsthalle Lelkendorf ein – in der Mitte von Mecklenburg-Vorpommern. Lelkendorf hat rund 400 Einwohner, die Rechnung von Wickert war also folgendermaßen: Jeder Quadratmeter Ausstellungsfläche gehört 20 Einwohnern. Damit hatte Lelkendorf nicht nur die kleinste Kunsthalle Deutschlands, sondern bemessen an seinen Einwohnern zugleich auch die größte Kunsthalle im Land.

Rund um die Uhr geöffnet

Der Platznot begegnete Wickert mit einer kreativen Idee: Besucher konnten die Kunsthalle nicht betreten, aber rund um die Uhr von außen hineinsehen. Über einen Bewegungsmelder schaltete sich die Beleuchtung automatisch ein. Ein halbes Jahr zeigten 7 herausragende, international tätige Künstler ihre Arbeiten – stets abgestimmt auf die besondere Situation vor Ort. Wickert ging von Anfang an auf Augenhöhe und bezog die Menschen im Ort in organisatorische und praktische Abläufe rund um die Kunsthalle ein. So kam er rasch ins Gespräch und erfuhr von den Sorgen und Nöten der Einwohnern, z. B. die hohe Arbeitslosigkeit nach der Wende, damit verbunden die zusammenbrechende Infrastruktur und die zunehmenden sozialen Spannungen. Die meisten Einwohner zogen sich zurück. Mit der temporären Kunsthalle endete die Sprachlosigkeit. Die Bürger hatten wieder einen Ort, um sich zu treffen und Stoff, über den sie reden konnten. 

Die Kunsthalle war Teil des Projektes Kunst fürs Dorf – Dörfer für Kunst der Stiftung Deutsche Kulturlandschaft, bei dem die Gemeinde Lelkendorf und Wickert durch eine unabhängige Jurys ausgewählt wurden. Einige Projekte wurden von arte filmisch begleitet.

 © Verlag Scheidegger-Spiess

Das Dorf gestern und heute

Neben dem Künstler Rolf Wicker hat die Herausgeberin des Buches „Kunst und Dorf“ Brita Polzer, die selbst als Künstlerin und Kunstdozentin tätig ist, knapp 50 KünstlerInnen, KuratorInnen, KunsthistorikerInnen, AnthropologInnen und andere Kulturschaffende mobilisiert. Sie widmen sich aus unterschiedlichen Perspektiven und mit spannenden Kompetenzen künstlerischen Dorfprojekten. Polzer hatte 2011 bereits ein Symposium zum Thema initiiert. Ihr Ansatz als Herausgeberin ist umfassend und zeigt Projekte, die mit Qualitätsansprüchen internationaler zeitgenössischer Kunst locker mithalten können. Polzer teilt das Buch in vier Kapitel:

1) Kunst und Dorf heute: hier werden 8 Praxisbeispiele vorgestellt

2) Kunst und Dorf gestern: drei AutorInnen beleuchten Malerei in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR, die Künstlerkolonie im Wallis um 1900 sowie die legendären Künstlerkolonien in Worpswede, Barbizón und Monte Verità.

3) Das Dorf – von Autarkie und Klassengesellschaft zu Hüslipest und Raumpionieren

  • Mit Hüslipest bezeichnen die Schweizer den Zuzug von Städtern aufs Land und ihre Nachfrage nach Einfamilienhäusern
  • Raumpioniere ist das deutsche Pendant, zugezogene „Fremde“ aus den Städten, die den ländlichen Freiraum und Leerstand (um-)nutzen, leerstehende Gebäude restaurieren, neue Wertschöpfungsketten initiieren, neben anderen Lebensweisen auch neuen Ideen mitbringen. Alteingessene begegnen Raumpioniere anfangs (oder immer) mit Skepsis und Zurückhaltung
  • In diesem Kapitel stellt das atelier havelblick im Artikel „Was macht das Dorf mit der Kunst?“ die interessante Frage, ob Kunst von der Politik vereinnahmt und instrumentalisiert wird, indem man sie damit beauftragt, strukturelle, kommunikative und soziale Probleme vor Ort zu lösen oder zumindest Lösungsansätze zu finden. Die Antwort der beiden AutorInnen ist deutlich: Kunst auf dem Lande müsse mehr sein als „der Landbevölkerung zur Besänftigung des demografischen Wandels liebevoll dekorierte Hüpfburgen zu bauen … [und auch] mehr als „ästhetisch angereicherte Sozialarbeit“. Das Land biete eine „Fülle an Motiven und Material, die es auf interdisziplinäre, kritische und intelligente Weise künstlerisch zu transformieren gilt.“ (S. 244)

4) Zwanzig Dorfprojekte: hier werden kompakt auf jeweils zwei Seiten Projekte aus der Schweiz, aus Österreich und Deutschland, Tschechien, Ungarn und China vorgestellt.

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Quelle: Brita Polzer (Hg.): Kunst und Dorf. Scheidegger & Spiess, Zürich 2013. 

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 © Transcript-Verlag

Kulturpolitik im ländlichen Raum

Ländliche Räume sind in den letzten Jahren stärker in den Blick der Öffentlichkeit  gelangt. Globalisierung, demografischer Wandel, Abwanderung, Digitalisierung – all das verlangt nach anderen Perspektiven für neue Herausforderungen. Initiiert vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim haben Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Direktor und Inhaber des UNESCO-Chair »Cultural Policy for the Arts in Development«, seine Kollegin Beate Kegler und Daniela Koss, Fachbereichsleiterin für Theater und Soziokultur der Stiftung Niedersachsen, einen Sammelband mit verschiedenen Autorenbeiträgen herausgegeben: Vital Village: Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Herausforderung. Das Buch ist komplett zweisprachig erschienen – in deutsch  und englisch. 25 Autoren werfen einen Blick auf die Entwicklung ländlicher Räume – mit drei übergeordneten Aspekten:

  • Wissenschaftliche Betrachtungen zum Thema
  • Praxisbeispiele aus Deutschland und Europa
  • Kulturpolitische Perspektiven  

Die dargestellten Praxisbeispiele aus Deutschland und verschiedenen europäischen Ländern (z. B. Polen, Dänemark, Großbritannien, Niederlande, Lettland, Zypern) demonstrieren, dass vor allem Kulturakteure (über-)lebenswichtige Anregungen für das sich verändernde Zusammenleben geben. Kunst und Künste sind der Nährboden für nachhaltige, weiterführende Impulse. Einige Projekte seien hier kurz erwähnt, wer mehr erfahren möchte, kann den Links nachgehen:

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Quelle:

Wolfgang Schneider, Beate Kegler, Daniela Koß (Hg.) Vital Village: Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Herausforderung / Development of Rural Areas as a Challenge for Cultural Policy. Komplett zweisprachig deutsch/englisch. Transcript Verlag 2017. (Wissenschaftliche Betrachtungen zum Thema, Praxisbeispiele aus Deutschland und Europa sowie Kulturpolitische Perspektiven).  

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Weitere Bücher zum Thema:

Kunst fürs Dorf – Dörfer für Kunst 2013, hg. von Deutsche Stiftung Kulturlandschaft, Verlag der Kunst Dresden Ingwert Paulsen 2014

Kunst fürs Dorf – Dörfer für Kunst 2011, hg. von Deutsche Stiftung Kulturlandschaft, Verlag der Kunst Dresden Ingwert Paulsen 2012

Neue Lebenswelten: Das Dorf ist kreativ und innovativ

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Was früher Bürde und Einengung war, gilt heute als neuer Freiraum und Luxus: das Leben auf dem Lande. Immer mehr Menschen kehren dem urbanen Leben bewusst den Rücken. Meine Verlagskollegin Corinna Hesse ist 2010 von Hamburg ins mecklenburgische Tüschow umgezogen, ein winziges Örtchen mit 12 Häusern im Altkreis Ludwigslust. Seitdem genießt sie die Idylle und nutzt den Freiraum, das Dorfleben aktiv und kreativ zu gestalten. Ein Gastbeitrag von Corinna Hesse.

Vom Potenzial ländlicher Räume

Der digitale Wandel bringt es mit sich, dass Menschen dort arbeiten können, wo sie leben möchten – und nicht umgekehrt. Tüschow ist für mich der schönste Ort der Welt. Ein Paradies am Naturschutzgebiet Schaalelauf, mit totaler Stille und üppigstem Sternenhimmel. Ein Dorf mit 28 Einwohnern und einem schmucken Herrenhaus. Die Internetleistung ist passabel, naja: ausbaufähig. Im Mobilfunknetz ist allerdings noch sehr viel Luft nach oben. Die „Kreativquote“ ist dennoch hoch: 21% der Einwohner arbeiten in kreativen Berufen, selbständig oder als Kleinunternehmer. Mein Mann als Musikjournalist und ich als Kultur-Verlegerin sind zwei davon. Alle Kreativen hier sind Stadtflüchtige. Sie verbinden den Wunsch nach einer (für sie selbst) sinnstiftenden beruflichen Tätigkeit mit einer neuen Idee von Lebensqualität – der Idee, dass der Mensch vielleicht doch nachhaltig in Einklang mit der Natur leben kann anstatt die Ressourcen unseres Planeten dauerhaft zu zerstören.

 Herrenhaus Tüschow © kallebu

Verändern oder Bewahren

Die Erkenntnis wächst in Politik und Verwaltung, dass in der kreativen Gestaltung des Wandels in ländlichen Räumen ein riesiges Potenzial liegt. Natürlich sind die Beharrungskräfte in einem Dorf stark: Es gibt auch Bewohner, die sich nach den „guten alten Zeiten“ zurücksehnen. Doch der Wandel ist längst da und lässt sich nicht aufhalten. Also: Wollen wir ihn aktiv gestalten oder lassen wir uns von der digitalen, globalisierten Welt überrollen? Zum Wandel gehört auch, dass wir uns überlegen, was wir bewahren wollen. Was uns etwas „wert“ ist. Und vielleicht ist Beharrungsvermögen manchmal auch ganz gut und das Neue nicht um jeden Preis besser als das Alte? 

  Solardächer sind auch in Dörfern längst selbstverständlich, wie auf dem Passivhaus von Corinna Hesse. © kallebu

peer to peer: voneinander lernen

Alteingesessene und Zugezogene lernen hier viel voneinander. Ich zum Beispiel bewundere die Alt-Tüschowaner für ihre handwerklichen und gärtnerischen Fähigkeiten. Und von uns Kreativen lernen die Alt-Tüschowaner vielleicht, dass Innovationen durchaus ihren Reiz haben, wenn man sie selbst gestalten kann. Es ist extrem spannend zu beobachten, wie produktiv das freundschaftliche Zusammenspiel der heterogen Sozialisierten im engen Radius eines Dorfes wirken kann.

 © Jerzy Sawluk, Pixelio.de 

Hilfe zur Selbsthilfe: bürgerschaftliches Engagement

Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass der Staat eine Full-Service-Agentur ist. Das brauchen wir nicht, aber wir brauchen auch keine Bevormundung und schablonenhaft fixierte Entwicklungskonzepte. Die Dorfbewohner in Tüschow sind stolz auf ihre gestalterischen Kompetenzen: Mit vereinter Kraft haben sie nach der Wende eine Brücke über die Schaale gebaut, die lächerlich wenig gekostet hat. Obwohl „unsere“ Brücke sicherlich noch viele Jahrzehnte halten wird, wäre diese Art der bürgerschaftlichen Selbsthilfe heute nicht mehr möglich. Sicherheitsvorschriften, Bauauflagen…

Experimentierfeld für kreative Raumpioniere

Mein Vorschlag für eine kreative Regionalentwicklung wäre, mehr Freiräume für die Gestaltungskraft der Einwohner zu schaffen und kreative Raumpioniere mehr zu unterstützen. Vorbild für eine neue Art von regionaler Verwaltung ist der Gärtner: Er sorgt für guten Boden und ausreichend Wasser. Aber das Wachsen überlässt er den Pflanzen selbst. Wachstum lässt sich nicht erzwingen. Und Überdüngung führt selten zu nachhaltigem Erfolg. In der Natur gibt es kein ewiges Wachstum, nur ewige Wandlung. Aber wenn wir uns vom Paradigma des ewigen Wachstums endlich verabschieden, können wir das Dorf zu einem Experimentierfeld machen, um herauszufinden, was das Leben lebenswert macht.

  © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Plädoyer fürs Dorf: Vorzüge realer Realitäten

Für mich persönlich war der größte „Verlust“ im Dorfleben übrigens nicht, dass man hier nicht asiatisch Essengehen kann oder das nächste Kino weit weg ist. Eine sonnenwarm gepflückte, vollreife Erdbeere hat die Aromen derart optimiert, dass Sterneköche vor Neid erblassen. Und das abendliche künstlerische Lichtspiel im tausendfach variierten Grün und die jahreszeitlich wechselnden Duftkulissen im Garten fluten die Sinne, so dass ich die „reale“ Realität der virtuellen allemal vorziehe. Nein, der größte Verlust war, dass vor drei Jahren die Nachtigall ausblieb, die uns die ersten Frühlinge hier in Tüschow mit ihrem bezaubernden Gesang verwöhnt hat. Die industrielle Landwirtschaft forderte ihren Tribut. In der Stadt hätte man es vielleicht nicht mal bemerkt.

 © kallebu 

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Corinna Hesse ist geschäftsführende Mitgesellschafterin im Silberfuchs-Verlag und setzt sich als Sprecherin der Kreative MV – dem Netzwerk für Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern – und Vorstandsmitglied der Kreative Deutschland – Bundesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft – in zahlreichen Projekten für die kreative Gestaltung des ländlichen Raums ein. Sie ist Pionier einer Neuen Ländlichkeit.

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Weiterführende Informationen in diesem Artikel: 

Kreative als Atemspender für ländliche Regionen – Wettbewerb für soziale Innovationen in ländlichen Räumen in Mecklenburg-Vorpommern „Kreative für MV – MV für Kreative“ (2017-2019)