Mind the Progress – Kongress zu Kreativität und Digitalisierung

 

 

 

 

© MassivKreativ

Ist es denkbar, dass der DJ-Beruf ausstirbt und von einer Künstlichen Intelligenz, kurz KI, ersetzt wird – in Clubs und auf Festivals? Ist vorstellbar, dass wir auf der Tanzfläche über ein digitales Armband getrackt und mit einer KI vernetzt werden, während der künstliche Watson-DJ in Echtzeit den passenden Beat und Stil in den Saal hineinspielt – abgestimmt auf den Pulsschlag der Tänzer? Inwiefern macht Künstliche Intelligenz der menschlichen Kreativität Konkurrenz? Diesen und weiteren Fragen widmete sich der zweitägige Kongress „Mind the Progress“ in Hamburg.

Kreative Vielfalt durch Digitalisierung

Kreative sind „Pioniere in der Veränderung von Marktsituationen“, lobte Kultursenator Carsten Brosda in seinem Eröffnungsvortrag die Innovationskraft von Kreativen. Und mahnte, viele in Deutschland würden Veränderungen ignorieren bzw. verschlafen. Symbolisch für die Situation kursiere ein Satz über Startups: „In Israel werden sie erfunden, in den USA monetarisiert und in Deutschland reguliert.“ Der Kongress und seine kompetenten Referenten lieferten in vielfältigen Formaten vor allem abwechslungsreiche Beispiele aus den Bereichen Kreativität und Digitalisierung. In Keynotes, Panels, Vorträgen und im Rahmenprogramm konnten die Besucher ihren Blick auf das Thema erweitern. 

 

 

 

 

© MassivKreativ

Was ist Kreativität?

Kreative Produktionsprozesse werden dank Digitalisierung immer bunter und vielfältiger. Virtual Reality, Augmented und Mixed Reality sorgen ebenso wie 3D-Druck für neue Ausdrucksmöglichkeiten. Künstliche Intelligenz, kurz KI, dringt zunehmend in künstlerische Bereiche ein. 

Kreativ zu werden heißt, etwas Neues zu erfinden. Dies gelingt auch, wenn Altes neu kombiniert wird. Ob das Neue auch innovativ ist und einen Mehrwert liefert, entscheiden wir Menschen. Unzählige Berater und Coaches strömen seit Jahren durch Institutionen und Unternehmen, um Mitarbeitern angebliche Geheimtipps für mehr Kreativität zu vermitteln. Dabei ist noch gar nicht geklärt, wie Kreativität überhaupt entsteht. In seiner Keynote sprach Sascha Friesike, ursprünglich  Wirtschaftsingenieur, der jetzt an der VU Universität in Amsterdam lehrt und u. a. in Stanford und St. Gallen forschte, über Herausforderungen, Risiken und Chancen beim digitalen Wandel. Wie verändert sich das Verhältnis von Inhalt und Technologie, Kreativität und Digitalisierung? Inwiefern sind digitale Technologien Medium für kreative Ausdrucksformen? 

Friesike zeigte in seinem Impulsvortrag anhand von Beispielen, dass Transformation nicht durch einen einmaligen Vorgang fertig vollzogen werden kann. Transformation sei ein ständig andauernder, langwieriger Prozess, so Friesike. Die Lösung für unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen sei nicht allein in der Technologie enthalten. Kreative Tätigkeiten erzeugen in erster Linie qualitative und nicht quantitative Ergebnisse durch Lesen, Schreiben, Denken. Anhand von „additiver“ und „subtraktiver“ Kreativität, bei der Dinge ergänzt oder weggelassen werden können, erläuterte Friesike den Prozess der Disruption. Er prognostiziert etwas kühn: Kreativität werde langfristig durch Künstliche Intelligenz ersetzt. Vielleicht protestiert das Publikum gegen diese etwas kühne Thesen nicht aufgrund tropischer Temperaturen im Saal. Was hingegen sicher zu sein scheint: Die Praxis der Arbeit wird sich durch Künstliche Intelligenz stark verändern.

 

 

 

 

© MassivKreativ

Künstliche Intelligenz im Alltag

Was kommt in der Evolution nach dem Menschen? Was könnte dem homo sapiens folgen? Ist es Technologie, also eine Kombination aus Mensch und Maschine? Bleiben wir auf diese Weise die „Krone der Schöpfung“ oder schaffen wir uns mit Künstlicher Intelligenz langfristig selbst ab? Einige Biowissenschaftler vertreten bereits heute den Standpunkt, wir Menschen seien im Grunde nur „biologische Algorithmen“. Darüber schreibt auch der israelische Autor Yuval Harari in seinem Buch «Homo Deus: Eine Geschichte von morgen».

Fakt ist: Künstliche Intelligenz ist bereits tief in unseren Alltag vorgedrungen. Sie ist vielerorts Mitbewohnerin geworden – Stichwort „smart home“. Sie bestimmt unser Konsumverhalten, sie verändert unser Zusammenleben, unsere Arbeitswelt und rüttelt an den Grundfesten unseres Selbstverständnisses. 

In einem Kurzinterview gegenüber der Hamburg Kreativ Gesellschaft erklärt die Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen den Unterschied zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz so:  „Vor allem ist menschliche Intelligenz flexibel. Wir können uns auf immer neue Situationen einstellen. Künstliche Intelligenzen sind Spezialisten. Sie können manche Dinge besser und schneller als der Mensch, dafür aber nichts anderes. Und die menschliche Intelligenz ist auf Engste mit dem menschlichen Körper verbunden, der z.B. regelt, was wir wie wahrnehmen können. Wie intelligent die Künstliche Intelligenz werden kann, ohne sich daran zu orientieren, ist unklar.“

 

 

 

 

© MassivKreativ

Digital Art

Die zweitägige Tagung „Mind the progress“ ließ keine Langeweile aufkommen. Vielfältige Formate sorgten für Abwechslung, auch über kreative Produktionen selbst. Das Smartphone hat unseren Alltag smart gemacht. Immer neue Gadgets bereichern unser smart home und unsere smart city. Heißt smart stets: innovativer, intelligenter, individueller? Inwiefern kann auch die Kunst smarter werden? Im Panel „Digital Art“ sprach Künstlerin Giulia Bowinkel über die Erweiterung von Wahrnehmungserlebnissen durch Virtual Reality und durch die Kombination von Liveperformance und digitaler Animation. Lina Wassong schwärmte über virtuelle Planungs- und Fertigungsverfahren, die ihr als Künstlerin eine ungeahnte Formenvielfalt ermöglichen. Julian Adenauer, Gründer des RETUNE-Festivals, engagiert sich für künstliche Intelligenz im künstlerisch-kreativen Umfeld abseits nutzergetriebener Anwendungen in der Wirtschaft. Er schätzt  dabei vor allem den interdisziplinären Ansatz. Ulrich Schrauth, Initiator und Kurator des Festivals VRHAM! stellte die Immersionskraft von VR-Simulationen im Umfeld des Theaters heraus.

Vielfältige Realitäten: VR – AR – MR

Im Publikum wurde die Frage  nach den Produktionsbedingungen für digitale Kunst gestellt. Julian Adenauer betonte, dass es in den künstlerischen Hochschulen vor allem um Feedback und die Entwicklung qualitativer Kriterien für digitale Kunst gehe. Handwerk und technische Fähigkeiten in Bezug auf Sensorik, 3D, VR usw. würden sich junge Künstler vielfach selbst aneignen. Mit Blick auf die Marktorientierung prognostizierte das Podium einen Wechsel der Sammlergeneration: Jüngere technikaffine Kollektionen würden den Schwerpunkt zukünftig stärker auf innovative und digitale Objekte legen. In einem gesonderten Panel wurden neue Geschäftsmodelle durch digitale Technologien diskutiert, die im Zuge von 3D-Druck, VR, Blockchain u.a. entstehen. 

Digitales in Museen und Ausstellungen

Was bedeuten digitale Technologien für Museen und Ausstellungshäuser? Über die Herausforderungen und Fragestellungen berichtete Andreas Hoffmann, Archäologe, Programmleiter Kunst und Kultur der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und Geschäftsführer des Bucerius Kunst Forums. Neben der Offenheit für digitale Objekte muss bei Kuratoren auch die Kenntnis über technische Zusammenhänge und Möglichkeiten digitaler Technologien vorhanden sein. „Brauchen wir neue Museen und Austellungshäuser?“, fragte Andreas Hoffmann und beantwortet die Frage eindeutig mit JA. Kuratoren müssen zu „Beziehungstätern“ werden, wenn sie Orte des Lernens schaffen wollen. Das Publikum wird im Museum zum aktiven Mitgestalter. Das Städel-Museum in Frankfurt ist führend in digitalen Technologien, Hoffmann nannte exemplarisch den Selbsternkurs Kunstgeschichte Online . Einige Hürden seien aus Sicht der Museen noch zu überwinden, vor allem was die Anpassung des Urheberrechts betreffe.

Selbst schöpfen statt zu konsumieren

Immer wichtiger wird in Museen die Interaktion und Teilhabe des Publikums. Für mich persönlich ist dabei entscheidend, dass die Besucher sich in einer Ausstellung selbst entdecken bzw. mehr über sich selbst erfahren können. Was hat Kunst mit mir und meinem Leben zu tun? Welche Antwort gibt die Kunst auf meine Fragen an das Leben? Der Museumsbesuch verschiebt sich, weg vom Prozess des Konsumierens, hin zum Prozess des eigenen kreativen Schöpfens.  Wie könnte solch eine Interaktion in der Praxis aussehen? Hoffmann erwähnt Beispiele wie iSkullApp und das VR-Projekt Modigliani von Tate Modern in London, Googles Tool CREATISM sowie Female Figure von Jordan Wolfson.  Was noch? Besucher könnten eine Eigenkreation an eine virtuelle Leinwand zeichnen, diese Zeichnungen könnten über Algorithmen mit einer Kunst-Datenbank verknüpft werden, z. B. EUROPEANA, so dass der Besucher von seinen eigenen Zeichnungen zu echten Objekten geleitet wird.

 

 

 

 

© MassivKreativ

Kreative Maschinen

Technikjournalist und Politikberater Mads Pankow referierte darüber, wie originell Technik überhaupt sein kann. Er präsentierte Beispiele, welche kreativen Bereiche KI bereits erobert hat, die bislang eigentlich Künstlern vorbehalten waren bzw. Akteuren aus der Kultur- und Kreativszene. Die selbstlernenden Systeme komponieren, sie dichten und kochen, sie malen und zeichnen. Sie übersetzen, texten Nachrichten und schneiden Videobeiträge, sie stellen Modekollektionen und Themenmagazine zusammen. Sie kombinieren vorhandene Erzählplots und schaffen so neue  Gruselgeschichten und Science-Fiction-Drehbücher.

Mensch versus Künstliche Intelligenz

Kann man bei diesen bewältigten Aufgaben tatsächlich von Kreativität sprechen? Mads Pankow meint, dass neuronale Netze bzw. selbstlernende Systeme genau genommen nicht lernen würden, jedenfalls nicht in menschlichem Sinne , sondern sich an jeweils neue Informationen anpassen. Er erwähnte die von Künstlern erfundene Patent-Software All Prior Art, die alte Patente zu neuen Patenten kombiniert, die aber in der Praxis keinerlei Nutzen haben. IBMs KI Chef Watson stellt aus beliebigen Zutaten eigenständig neue innovative Gerichte zusammen, etwa „African Bird Pepper Meatballs“. Ob das schmeckt, bleibt dem Urteil der Probanden überlassen. Muss man Probleme verstehen, um sie zu lösen? Neuronale Netzte haben keinerlei Bewusstsein über das eigene Tun. Was z. B. in der Medizin verheerende Folgen haben könnte, weil Symptome nicht mit menschlichem Verstand interpretiert werden. 

Menschliche Vielseitigkeit

Während wir Menschen in der Lage sind, vielfältige Herausforderungen zu lösen, können selbstlernende Systeme zumindest im Moment nur ein Problem fokussieren. Kann Künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln? Darüber sprachen Technikphilosoph Mads Pankow, Kognitionswissenschaftler Kai-Uwe Kühnberger, Cognitive-Computing-Experte Johannes Forster, Wissenschaftsjournalistin und Philosophin Manuela Lenzen und Kuratorin Luba Elliott.

Blockchain als Zukunftsmodell

Über neue Geschäftsmodelle in der Kreativwirtschaft diskutierte ein Panel mit Peter Kabel, Andreas Raabe, Daria Suvorova, Dieter Gorny und Egbert Rühl. Wie entwickelt sich der Wert von kreativen Inhalten? Welche Rolle spielt das Urheberrecht, wie lassen sich kreative Inhalte wirksam schützen? Inwiefern kann die Blockchain-Technologie Lösungen bieten?

 

 

 

 

 

© MassivKreativ

Unternehmen als Medienmarken

Im Schlusspanel ging es um digitale Inhalte von Marken und Unternehmen. Inwiefern lässt sich überhaupt noch sauber zwischen Werbung und Journalismus trennen? Vorgestellt wurde MOIA, ein junges MobilitätsStartUp von VW, das einen Shuttle-on-demand-Dienst entwickelt, um „die Stadt den Menschen zurück zu geben“, so der Marke-Slogan zur neuen Mobilität. Die Agentur „Mann beißt Hund“ berichtet für Unternehmen über Wissenschaft, Bildung und Gesundheit und schätzt dabei vor allem die Interaktion mit dem Nutzer, um Inhalte besser auf deren Bedürfnisse auszurichten. „Territory“, wo u. a. das Lufthansa-Magazin entsteht, arbeitet als Tochterunternehmen von Gruner und Jahr bewusst mit Journalisten und nicht mit Agentur-Textern zusammen. Verschwimmen hier die Grenzen zwischen Journalismus und Unternehmenskommunikation noch mehr? Unabhängig von der Art Urheberschaft zähle am Ende einfach nur eine gute Geschichte, meint Dörte Spengler-Ahrens, Creative Director von Jung von Matt. Grundtenor des Podiums: Journalisten sollten sich stärker auf Vermittlung und Einordnung von Themen konzentrieren, um dem Nutzer Orientierung zwischen seriösen Nachrichten und FakeNews geben. Werber sollten relevante Themen und individuelle Bedürfnisse der Nutzer fokussieren.
 
 
 
 
 
 
 

© MassivKreativ

Digitales Geocashing

Auch spielerische Ansätze fanden beim Kongress einen Platz. Medienkünstler Jan Dietrich präsentierte das Hamburger Projekt StreamCaching. 10 akustische Werke wurden mit GPS Koordinaten versehen und quer über die Stadt an 10 Orten verteilt. Das Publikum kann die Tracks mit dem Smartphone finden und direkt vor Ort erleben.

Fragen zum Weiterdiskutieren

Einige Fragen bleiben offen: Welche Rolle spielt zukünftig der Mangel an Beschränkung als Voraussetzung für Kreativität? Dies scheint durch digitale Technologien verloren zu gehen, es sei denn der Künstler erlegt sich die Beschränkung aus eigenen Stücken auf. Und: Wenn Künstliche Intelligenz heute schon so viel kann, was bleibt dann eigentlich noch für uns Menschen zu tun? Wo kann KI ganz konkret als kreativer Partner fungieren? Inwiefern gewinnen wir Menschen durch die selbstlernenden Systeme wieder mehr Freiraum und neue Möglichkeiten für unsere eigene kreativen Entfaltung?

Nicht jedes Thema konnte aufgrund der beschränkten Zeit erschöpfend geklärt werden. Doch wie es sich für eine gute Tagung gehört, wurden auch in den Pausengesprächen zwischen den Teilnehmern spannende Fragen diskutiert, die genügend Stoff für einen weiteren Kongress bieten:

1) Wo bleibt der Mensch unersetzlich? Wo kann der Mensch trotz KI vor punkten, mit welchen konkreten menschlichen Fähigkeiten?

2) Wieviel Überraschendes und Unerwartetes kann eine KI liefern? KIs machen Vorschläge auf der Basis von Datenhistorien. Wie lässt sich die berühmte Filterblase vermeiden? Sind Algorithmen in der Lage, mit neuen Vorschlägen bzw. Angeboten zu überraschen? Oder wollen wir Menschen im Grunde gar keine Vielfalt?

3) Warum ist es wichtig, dass wir Entscheidungswege der KI nachvollziehen können? Ein Problem bei den Lernenden Systemen ist ja, dass man häufig nicht nachvollziehen kann, wie die KI zu ihren Lösungen kommt.

4) Sollte sich der Mensch mit Blick auf KI-Konkurrenz zukünftig eher als Spezialist aufstellen oder möglichst vielfältig als Allrounder?

5) Welche Mehrwerte entstehen durch KI: a) Produzenten/Anwender b) Konsumenten

6) Wie realistisch ist die Prognose von Klaus Mainzer, TU München: „Es wird Rechner geben, die nach dem Vorbild natürlicher Nervensysteme gebaut werden … Anstatt mit Siliziumchips würden sie auf der Basis von Molekülen und Enzymen arbeiten und könnten in der Rechenkapazität und organischen Struktur ständig weiter lernen und wachsen.“ Zeitpunkt

7) Könnte sich KI irgendwann intrinsisch über ein „artifizielles Belohnungssystem“ motivieren und welche Folgen hätte das für uns Menschen?

 

Weiterführende Informationen zu Kreativität und Künstlicher Intelligenz von der Open! Konferenz

Ist trotz/dank Digitalisierung ein gutes Leben möglich?

 © Cristine Lietz, pixelio.de

Die Digitalbranche hat es geschafft: Sie steht seit Ende 2016 auf Platz 1 der Arbeitgeber – noch vor dem Maschinenbau und der Automobilindustrie.  Wer das Suchwort „Digitalisierung“ bei google eingibt, erhält nahezu 10 Millionen Link-Vorschläge. Beim Schlagwort „CSR = Corporate Social Responsibility“ sind es sogar 165 Millionen Einträge. „CSR und Digitalisierung“ – zwei vielschichtige Themen, denen sich nun mit Dr. Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer ein sehr gut vernetztes Herausgeber-Team in einem fast 1200-Seiten starken Buch umfassend gewidmet hat. Ich habe mir vor allem die Verbindungslinien zur Kultur- und Kreativwirtschaft angesehen.

360-Grad-Blick

Unsere Welt wird immer komplexer, Spezialgebiete fächern sich mehr und mehr auf. Publikationen widmen sich zunehmend Detailthemen. Was heute fehlt, ist der Blick aufs Ganze. Vor diesem Hintergrund kann das neue, reichhaltige Buch „CSR und Digitalisierung“ nicht genug gelobt werden. Hildebrandt und Landhäußer ist das Meisterstück gelungen, über fast drei Jahre mehr als 128 Autoren (inkl. Vor- und Grußworten) mobilisieren zu können, die ihre Gedanken und ihr Wissen über Digitalisierung und CSR in bislang noch nie dagewesener Vielschichtigkeit dargelegt haben.

Fragen stellen

Was positiv auffällt, ist die vierseitige Fragenliste zum Auftakt des Buches. Vor Transformationen und Innovationen stehen immer Fragen, die richtig gestellt und beantwortet werden wollen. Fragen sind Motor, Triebkraft und Impulsquelle für neue Entwicklungen. Fragen motivieren uns, den Dingen auf den Grund zu gehen. Muss es so bleiben wie bisher? Warum haben wir es so gemacht? Geht es nicht auch anders? Wie sieht ein Problem oder eine Herausforderung aus, wenn ich eine andere Perspektive oder Sichtachse einnehme? Es geht nicht nur um Technologie, sondern auch um Verantwortung und Wertefragen: „Wie kann der Sehnsucht nach verlässlichen Strukturen in instabilen Zeiten begegnet werden? Weshalb ist WISSENSKULTUR wichtiger als Wissensbeschaffung?“ 

Künstler als Vordenker

Für Kreativschaffende gehören Fragen zum Alltagsgeschäft. Ihr Handwerk sieht vor, Dinge aus anderem Blickwinkel zu betrachten und mutig zu sein, Herausforderungen gegen Routinen einmal anders zu meistern. Nur so sind neue Einsichten möglich. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die einführenden Gedanken zum Buch von einem Illustrator kommen – Raimund Frey. Er reflektiert seinen Arbeitsalltag, nimmt die Vogelperspektive ein und stellt dabei beobachtend fest, dass seine Arbeitswelt einer Kommandozentrale gleiche, von der aus er sein Universum dirigiere: „Zeichen- und Textprogramm, Projektordner, Zeiterfassung, Rechnungstellung, Projektmanagement-Software, Musikprogramm, E-Mails… Das soll nicht wertend sein, obwohl man sich über die positiven und negativen Aspekte auslassen könnte“, schreibt Frey (S. XXI-XXIII)

Vorworte

Konsequenterweise hat der kreative Pionier und Vordenker seinen Platz vor einer Reihe honoriger Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft  gefunden, von denen hier nur einige erwähnt seien: Wolfgang Schäuble, Julia Klöckner, Fredmund Malik, Jörg Asmussen, Timotheus Höttges (der sich übrigens im Zuge der Digitalisierung für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausspricht) und Schauspielerin Valerie Niehaus, die in ihrem Beitrag über die „Kunst des Denkens“ reflektiert (siehe Initiative Auf ein Wort).

 © Cristine Lietz, pixelio.de

Vielschichtige Themen

Das Mammutwerk taucht tief in Digitalisierung und CSR ein und beleuchtet nahezu sämtliche Bereiche der Gesellschaft, neben viel Technologie auch unsere persönliche und „unternehmerische Verantwortung für Gesellschaft und Soziales“ = CSR, die uns alle fordert. Und so gibt es neben Begeisterung auch einige zögernde, reflektierende und mahnende Stimmen zur Digitalisierung. Der  Kommunikationswissenschaftler Christian Hoffmeister warnt vor der „Die MacGoogleisierung als neue Religion, … nachdem die alten Religionen v. a. in unseren westlichen Gesellschaften an Überzeugungskraft und Akzeptanz verloren haben“ (S. 67).

Der Untertitel des Buches ist bewusst gewählt: „Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft“. So bunt die Autorenschaft in jeweiliger thematischer Abhängigkeit zusammengesetzt ist, so bestrebt ist deren Bemühen, die geschilderten Aspekte verständlich darzustellen. Um diese Teilaspekte geht es:

  • Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
  • Innovation und Technologie
  • Mobilität
  • Handel und Konsumgüter – Fülle des Lebens
  • Arbeit, Management und Leadership
  • Die Zukunft von Marketing und Vertrieb
  • Medien und Kommunikation
  • Gesundheit und Sport
  • Bildung, Kultur und (Lebens-)wissenschaften

… , aus denen ich nun einige Teilbereiche mit Verbindungen zur Kultur- und Kreativwirtschaft herausgreifen möchte.

Künstliche Intelligenz

Christoph Keese, Executive Vice President der Axel Springer SE (Societas Europaea) beginnt sein Vorwort mit harscher Kritik: Deutschland habe das digitale Zeitalter „mit einem Fehlstart begonnen … Keine zukunftsweisende Technologie erlebte hier ihren Durchbruch.“ (S. LIII)  Doch vielleicht spricht gerade für Deutschland und Europa, Risiken technologischer Innovationen lieber einmal mehr abzuschätzen und zu hinterfragen, als Reaktion auf die ungebremste Euphorie im Silicon Valley. Längst warnen auch US-amerikanische Vordenker vor den Folgen der rasanten Entwicklung selbstlernender Systeme und Künstlicher Intelligenz, u. a. Stephen Hawking, Bill Gates und Elon Musk. Herausgeber Werner Landhäußer schreibt daher in seinem Vorwort: „Wirklich gefährlich wird der Innovationsdrang im Digitalisierungsbereich, wenn er sich mit Allmachtsphantasien verbindet.“ (S. XII) Neue Technologien müssen schon aus ethischen Gründen gesamtgesellschaftlich diskutiert werden, hier gehören  IT-Experten, Philosophen, Juristen, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft dringend an einen Tisch.

Augmented und Virtual Reality

Prof. Dr. Anett Mehler-Bicher und Lothar Steiger von der Hochschule Mainz erläutern die Unterschiede zwischen Augmented und Virtual Reality. Dabei geht es den Entwicklungsstand aus technischer Sicht, um Chancen und Verantwortung im Hinblick auf psychische Aspekte von Computerspielen, um Geschäftsmodelle und einen Ausblick (S. 127f).

Versandhandel

Der Junggründer Johannes Crepon möchte „mit Innovation das Historische erhalten“. Er betreibt dafür als Geschäftsführer der Velocity Automotive GmbH in München einen europaweiten digitalen Versandhandel und importiert Reproduktions-, Ersatz- und Tuningteile für amerikanische Fahrzeuge aus den USA. Er schreibt im  Buch darüber, „wie Technologie und das Vernetzen das Restaurieren von Oldtimern erleichtert“ (S. 157f).

Reisebegleiter

Wenn Sie Kreuzfahrten lieben, wurden Sie vielleicht schon mal von einem Androiden an Bord begrüßt. Auch wenn Ihnen dabei nicht ganz wohl war: Reiseexperte Christian Smart ist überzeugt, dass der Einsatz humanoider Roboter und digitaler Technologien im Tourismus unaufhaltsam ist und warum sie das Reisen entspannter und kundenorientierter machen (S. 171f).

WillkommensApp

Viola Klein gründete das Softwareunternehmen Saxonia Systeme GmbH und setzt ihre Kompetenzen auch für gemeinnützige Zwecke ein, u. a. entwickelte ihr Unternehmen eine Welcome-to-Dresden-App für Geflüchtete, 20 weitere Städte und Landkreise haben das Konzept bereits übernommen (S. 347f) (vgl. hierzu: Medien für Geflüchtete).

Blockchain

Mit der Blockchain-Technologie beschäftigen sich Tina Düring und Hagen Fisbeck, beides Experten für Geschäftsmodellentwicklung und Digitalisierungsstrategien. Beide sagen einen Wandel in der Marken- und Vertrauensbildung voraus und hoffen zukünftig durch mehr Transparenz auf ethisch korrekteres Wirtschaften als bisher. Blockchain soll dafür neue Wege und neue Wertschöpfungsketten ohne unnötige Intermediäre (Zwischenhändler) eröffnen (S. 449f). 

Maßschuhe

Das Verhältnis von traditionellem Handwerk und Digitalisierung beschreibt Kirstin Hennemann. Sie wechselte nach ihrem Studium für Politik und Germanistik das Fach und entschied sich bewusst für das Handwerk: „Werde, der du bist!“ („Pythische Oden“ von Pindar, um 500 v. Chr.). Gemeinsam mit Gabriele Braun betreibt sie in Berlin-Prenzlauer Berg die nachhaltige Maßschuhmacherei Braun & Hennemann und setzt dabei auf Design und Schönheit handgemachter Schuhe. Das Schuhhandwerk ist eines der ältesten Gewerbe der Welt, insgesamt 300 Arbeitsschritte umfasst die Herstellung eines Maßschuhes, wie Hennemann erklärt. Daher steht sie der Eigenvermessung des Kunden mithilfe digitaler Tools kritisch gegenüber: „Bei individuellen Maßschuhen funktionieren keine vorgefertigte Teile oder Stanzeisen. Man könnte mehr Technik einsetzen, die aber nicht zu einer Verbesserung des Produktes führen würde. Einem Maßschuhkunden, der ein wirklich individuelles Paar Schuhe mit eigenem Gehgefühl sucht, würden ein Paar Maßschuhe per Scanner nicht helfen.“ (S. 525f)

Greifbare und erlebbare Werte

Auf den rückkehrenden Wunsch nach greifbaren Dingen und Werten gehen Herausgeberin Dr. Alexandra Hildebrandt und Autorin Claudia Silber ein. Abstrakte Vorgänge wie die Digitalisierung und damit entstehende gesellschaftliche Veränderungen sind zuweilen schwer verständlich und schwer fassbar. In einer Welt, die zunehmend fremdbestimmt und entmaterialisiert wird, sehnen sich viele nach Orientierung und Halt, nach Identität und Stabilität, nach Gestaltungsfreiheit und eigenem Einfluss. Was kann jeder z. B. in seiner Alltagspraxis dazu beitragen, bewusst und nachhaltig zu leben?

Hildebrandt und Silber nennen Kreative und „Ökopioniere als mutige Vordenker und Vorreiter von grundlegender Bedeutung für gesellschaftliche Veränderungsprozesse.“ (S. 556f) und berichten über wichtige haptische Gegenstände im Alltag von Künstlern und Kreativschaffenden, nennen den amerikanischen Bestsellerautor John Irving, den französischen Philosophen und Essayisten Paul Valéry, den Filmregisseur Helmut Dietl und den Sängers der norwegischen Popband a-ha, Morten Harket. Jeder von uns möchte Selbstwirksamkeit spüren, Dinge berühren, gestalten und verändern. Hände haben eine grundlegende Bedeutung, weil sie – wie Morten Harket schreibt, „nicht nur Werkzeug, sondern auch Sinnesorgan sind, die der ganzheitlichen Weltwahrnehmung dienen. Durch sie wird die Welt sinnlich und motorisch buchstäblich be-griffen, was wiederum dazu führt, besser und aufmerksamer über sie nachdenken zu können.“ (S. 558) Welche gegenständlichen Dinge sind es, die unserem Leben Sinn geben? Hildebrandt und Silber führen u. a. auf:

  • Briefe, weil sie Menschen nachhaltig verbinden
  • Fahrräder als Symbol persönlicher Freiheit
  • Lampen als Symbole des Erkennens und einer leuchtenden Zukunft
  • Notizbücher als Gedankenstützen und Erinnerungshilfen
  • Stifte als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und Gestaltungsfreiheit
  • Uhr als Symbol unserer wertvollsten Ressource zeit
  • Vogelhaus als Symbol für “Nestbau“, „unsere heile Welt“, Verantwortung und Nachhaltigkeit

Analoge Multitalente

Ein Loblied auf das Schreiben mit „Stift und Papier“ singt der Informatiker und selbsterklärte Notizbuchfanatiker Christian Mähler (S. 1051 f). Mit der Handschrift gehe nicht nur eine Kulturtechnik verloren, sondern auch eine Lernmethode, Textverständnis, Kreativität, Qualität, Gedächtnistraining, strukturiertes Nachdenken, ferner Entschleunigung, Ästhetik und Haptik.

Dem haptischen Papier huldigt auch Autorin Miriam Dovermann mit ihrer Retrozeitschrift Vintage Flaneur, das sie ein „Magazin für Retro Lifestyle und Mode und ein Leben mit Nostalgie“ nennt. Trotz der Sympathie für das gedruckte Magazin bekennt sie: „Ohne das Internet … würde der Vintage Flaneur nicht existieren. Keine Bank gibt Gründern eines Verlags für eine Zeitschrift in diesen Zeiten einen Kredit. Ohne die sozialen Medien wäre das Projekt so von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen … YouTube-Videos und Blogs zur Unterstützung von Inhalten durch Filme und Musik, der privatisierte Kontakt zu Kunden über die sozialen Medien, weltweiter Handel durch Onlineshops, digitale Zeitungen, die nicht knicken und keine Ressourcen fressen, Link Building . . . Da handeln ganze Bücher von. Die andere Seite ist möglicherweise die spannendere: Was kann eigentlich eine Zeitschrift, was das Internet nicht kann?“  Dovermann findet diese Antwort: „Aus dem Weltall von Informationen, die das Internet und auch die Bücher dieser Welt versammeln, treffen sie [die Zeitschriften] eine Auswahl.“ (S. 1067)

Die Kunst des (Unternehmens)Wandels

Angeregt von den Konzeptkünstlern Patrik und Frank Riklin hat der Bielefelder Biozid-Hersteller Hans-Dietrich Reckhaus seinen persönlichen Erkenntnisprozess auf sein Unternehmen übertragen. Durch die künstlerische Intervention Fliegen retten in Deppendorf wurde ihm die Bedeutung und  Verantwortung für Insekten bewusst, so dass er sein Handeln überdachte und änderte. Reckhaus schafft heute Ausgleichsflächen für Insekten auf seinem Firmendach, führte ein Produkt-Gütesiegel für Insektenbekämpfung mit ökologischem Ausgleich ein und regt mit seiner Initiative Insect Respect sowie landesweiten Vorträgen die Diskussion darüber an, wie Unternehmen und Gesellschaft zur Förderung der Biodiversität beitragen können, , unterstützt von der Nachhaltigkeitsexpertin und Autorin Tina Teucher

Über seine Zusammenarbeit mit den beiden Künstlern sagt Reckhaus rückblickend: „Ich war immer offen für innovative Dinge, wollte etwas bewegen, aber mir fehlte das Werkzeug dazu.“ Die künstlerischen Methoden der Riklin-Brüder eröffneten ihm für die Transformation neue Horizonte und Wege, z. B. Perspektiven zu wechseln und mutig zu sein, gewohnte Dinge infrage zu stellen. So wurde Reckhaus vom Insektenvernichter zum Insektenretter. Für seinen Unternehmenswandel wurde er mehrfach ausgezeichnet. (S. 575f)

Zusammenarbeit und Arbeit 4.0

Die Zukunft ist unwägbar geworden, was im Begriff VUCA/VUKA seinen  Niederschlag findet. Statt langfristiger Planungen werden heute in agilen Teams kleine und überschaubare Lösungen in kurzen Projektphasen erarbeitet. Wie Führungskräfte darauf reagieren sollten, formulieren Herbert Schober-Ehmer, Dr. Susanne Ehmer und Dr. Doris Regele (S. 667f). Wie sich Manager mit Bürgern über neue Herausforderungen und Methoden der Bewältigung austauschen können, stellen die beiden Change Agents und Dialogexperten Clemens Brandstetter und Florian Junge am Beispiel der Plattform managerfragen.org vor. Transparenz, Dialogkultur und Wissensteilhabe werden so gefördert.

Künstlerin, Kulturkomplizin und cradle-to-cradle-Anhängerin Daniela Röcker schreibt in diesem Zusammenhang über neue Führungsstrategien, Mitbestimmung, Augenhöhe, Demokratie und erfolgserprobte Formen der Zusammenarbeit: „Nicht Konkurrenz treibt Menschen zu besseren Leistungen an, sondern Kooperation in Kombination mit Wettbewerb. Das Potenzial der Kooperation ist in allen sozialen Wesen bereits in den Genen angelegt und sichert unser Überleben.“ (S. 636) Sie zitiert Richard Sennett, der darin „gesellschaftsbildendes Handwerk“ zur Entwicklung von Empathie sieht, die „intelligentere Form des Umgangs miteinander, wie Röcker schreibt: „Im empathischen Dialog nimmt man den Unterschied zwischen sich und dem/der anderen wahr und wertschätzt diesen, indem man achtsam und aufmerksam zuhört.“ Röcker erläutert außerdem künstlerische Interventionen in systemischer Beratung und Coaching (S. 642f). Sie stellt klar, dass diese besondere Methode nicht zur Lösung eines konkreten  Problems geeignet sei, sondern vielmehr ergebnisoffen angelegt sei. Ziel ist es, Aktionsräume zu eröffnen, erstarrte Verhaltensmuster, Routinen und Rituale zu erkennen, die richtigen Fragen zu stellen, zu reflektieren und damit die wahren Probleme zu identifizieren.

Vitra: Kultur als Kapital

Unternehmensberater Tim Leberecht stellt das Schweizer Unternehmen Vitra vor – als Beispiel konsequent gelebter Unternehmenskultur. Vitra baut erstklassige Möbel und Läden für Institutionen weltweit, neben Firmen u. a. auch für den Deutschen Bundestag, die Tate Modern Gallery und den Flughafen in Dubai. Der Erfolg des Unternehmens fußt maßgeblich auf den Leistungen seiner Designer und Architekten, die nicht nur als Produktgestalter gelten, sondern als originäre Urheber und Autoren gesehen werden. Dieses Selbstverständnis hat der ehemalige Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzende Rolf Fehlbaum so formuliert (S. 648): „Wenn man ein Design-Unternehmen leitet, ist man ein Romantiker, weil man ja glaubt, dass man durch Gestaltung die Welt formt und gute Dinge für sie bereithält … wir glauben fest daran.“

Vitra setzte auf Qualität, Handwerk, Vielfalt und schätzt den Wert von Kunst und Kultur. Es ist ein ganzheitliches „kulturelles Produkt“, davon kündet auch das Vitra Design Museum auf dem Gelände des Unternehmens in Weil am Rhein. Jedes Jahr kommen mehr als 300.000 Besucher auf den Vitra Campus. Das Museum zeigt nicht nur Produkte, sondern greift in seinen Ausstellungen auch aktuelle Themen auf, wie z. B. Hello Robot: Design zwischen Mensch und Maschine. Vitra wird damit zur Sinnfabrik. Während die USA vor allem disruptiven Geschäftsmodelle hervorgebracht hat, stehen Mittelständler aus Europa als „Hidden Champion“ für Emotionen, Qualität, „Seele, Aura und Substanz“, so Leberecht. Er fordert: „Mit einem Wort: Kultur.“

Soziale Innovation vs. technologische Innovation

Berater Andreas Zeuch hat sich in seinem Buch Alle Macht für niemand eingängig mit dem Thema Unternehmensdemokratie befasst und dazu viele Geschäftsführer befragt. Was passiert, wenn Mitarbeiter mehr Eigenverantwortung erhalten, wenn siemitbestimmen und mitgestalten können? Zeuch erläutert, warum Digitalisierung und eine erfolgreiche Digitalwirtschaft nur dann gelingen können, wenn vor der Technologie die sozialen Fragen des Miteinanders überdacht und erneuert wurden. Er zeigt dies am Beispiel eines Callcenters und der entscheidenden Frage: Service oder Kontrolle? „Solange es trotz digitaler Transformation weiter zentrale Top-down-Entscheidungen gibt, können die vielen Vorteile eines digitalisierten Unternehmens gar nicht zum Tragen kommen. Wenn beispielsweise Echtzeitfeedback von Kunden für Mitarbeiter eines Callcenters erst zur Führungsetage läuft, dort ausgewertet und dann an die eigentlichen Adressaten gesendet wird, ist wertvolle Zeit verloren gegangen. In der alten Welt stellt sich die Frage, worum es eigentlich geht: maximal schnelle Verbesserung des Service oder Kontrolle?“ (S.727)

Sozialunternehmen

Die Gründerkultur ist in den letzten Jahren  durch zahlreiche neue Sozialunternehmen bereichert worden. Sie haben zahlreiche soziale Innovationen auf den Weg gebracht bzw. gute Ideen für ein besseres Leben. Joana Breidenbach und Theresa Filipović von betterplace.org stellen dies am Beispiel verschiedener Projektdatenbanken und Spenderplattformen dar.

Plattformökonomie

Dieter Gorny beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld menschliche und künstliche Kreativität. Er fragt, was passiert, wenn ein selbstlernendes System „mit sämtlichen Daten historischen künstlerischen Schaffens und allen bekannten Techniken „gefüttert“ wird mit dem Auftrag, etwas Neues daraus zu schaffen? Wo liegt dann die Grenze (zu) authentisch
menschlich geschaffener „neuer“ Kunst?“ (S. 1137). Gorny leitet den Bundesverband der Deutschen Musikindustrie sowie ecce – das European Centre for Creative Economy und wurde 2015 zum „Beauftragten für Kreative und Digitale Ökonomie“ im Bundeswirtschaftsministerium ernannt. Er sorgt sich um persönliche Daten, Urheberrechte, Marktmonopolisierung, Wertvorstellungen, Rahmenbedingungen der Plattformökonomien. Gorny mahnt, dass „der Endnutzer sich gemäß den jeweiligen Datenschutzerklärungen oder Nutzungsbedingungen bereit erklärt, dass die mit ihm verbundenen oder von ihm ausgelösten Daten durch diese Dienste äußerst umfangreich weiterverwendet werden können (vgl. z. B. Google Datenschutzerklärung und Nutzungsbedingungen, YouTube Nutzungsbedingungen et al.).“ (S. 1137).

Gorny hinterfragt: „Wem kommen die jeweiligen Entwicklungen langfristig wirtschaftlich zugute? Welche Verwirklichungschancen ermöglichen sie dem Einzelnen? … Was sind die notwendigen Schlüsse für unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft?“ Aufhorchen lässt schließlich Gornys Erkenntnis: „Vielleicht macht die digitale Strategie 2025 des Bundeswirtschaftsministeriums mit ihren entsprechenden Programmpunkten richtige Schritte in Richtung einer dem Menschen dienenden Ökonomie (BMWi 2016). Jedenfalls gilt es, die einstigen Paradigmen des reinen Wirtschaftswachstums wenigstens zu hinterfragen.“ (S. 1140).

Digitalisierung und das „gute Leben“

Das Buch schließt mit Gedanken von Dr. Ina Schmidt zur „Frage nach dem „guten Leben“ – von Platon zur Moderne“. Die Kulturwissenschaftlerin umreißt Antike und Beginn des modernen Individualismus, beschreibt analoge Parallelwelten, das ständige Abwägen zwischen Sinnvollem und Machbarem. Fortschritt gelte nur im Sinne von „Erleichterung, Komfort, Gesundheit, also eine Entwicklung im Dienste eines „guten Lebens“, in dem uns technische Geräte helfen, menschliche Bedürfnisse einfacher und bequemer, oft auch schneller zu erfüllen.“ (S. 1162) Schmidt ruft dazu auf, bewusst und „sehr lebendig zwischen „Off- und Online“-Modus hin und her zu wechseln. Zentral dabei bleibt, dass wir wissen, wo wir sind und wohin wir wann wechseln können bzw. wollen.“ Schmidt fügt aber auch hinzu, das klinge einfacher, als es ist.

Jeder von uns, so Schmidt, habe die Qual und die „Freiheit der Selbstbegrenzung“. Genau das mache uns Menschen aus: „Die Fähigkeit mit Unsicherheit, mit Widersprüchen, Zufällen und Erschütterungen umzugehen. Um uns dieser wertvollen Qualität bewusst zu bleiben bzw. wieder zu werden, brauchen wir ein Umdenken, in dem der Mensch der Quantität technischer Möglichkeiten ein „Mehr“ an Qualität entgegensetzt.“ (S. 1166) Martin Heidegger hat in den 50er Jahren die Balance zwischen „besinnlichem Nachdenken“ und „rechnendem Denken“ als Strategie gegen „zunehmende Gedankenlosigkeit“ und „Flucht vor dem Denken“ genannt („Aufsatz zur Gelassenheit“).

Geschäftsmodelle?

Keine/r der AutorInnen erhielt ein Honorar, was ich an dieser Stelle deshalb erwähne, um zu zeigen, dass das Thema Digitalisierung seine Licht- und Schattenseiten und ebenso Gewinner und Verlierer hat. Wenn nicht einmal ein Digitalisierungsexperte wie der Springer Gabler Verlag ein Geschäftsmodell gefunden hat, um anspruchsvolle fachliche und journalistische Arbeit zu honorieren bzw. zu refinanzieren, dann zeigt dies auch einen Teil der Problematik. 

FAZIT

Das allumspannende Netzwerk der Digitalisierung ist nicht mehr aufzulösen. Aber: Digitalisierung muss nicht überall Anwendung finden. Neben virtuellen Realitäten brauchen wir immer auch reale, greifbare Welten. Umso mehr, weil digitale Systeme in Fragen der Sicherheit noch hinterherhinken. Ehemals in sich geschlossene Kreisläufe sind auf das Internet der Dinge mit seiner Vernetzung nicht eingestellt. Wenn wir die Schlagadern unseres Lebens, wie Wasser, Energie, Verkehr, Krankenhäuser, dem digitalen Netz anschließen, müssen wir in Kauf nehmen, dass sie mit krimineller Energie lahmgelegt werden. Oder wir entscheiden uns bewusst dafür, dass manche Bereiche, wie die Vergabe von Medikamenten, in den Händen von uns Menschen bleiben.

Quintessenz des Buches ist für mich ein Zitat von a-ha-Sänger Morten Harket, das Hildebrandt und Silber in ihrem Artikel (S. 559) anführen. Harket: „Wir entscheiden, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen – sonst wird es hinter unserem Rücken für uns entschieden“ (Harket 2016, S. 200). Oder – wie Joseph Beuys sagte: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“

_____________

Quellen:

Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer (Hg): CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft (Management-Reihe Corporate Social Responsibility). Springer Gabler 2017.

Morten Harket: My Take On Me. Edel Germany GmbH, Hamburg 2016.

Trends und Szenarien zum Thema Digitalisierung bis 2020 – Studie zur Kreativwirtschaft in NRW

_____________

Die HerausgeberInnen

Dr. Alexandra Hildebrandt, Jahrgang 1970, ist Publizistin, Herausgeberin und Nachhaltigkeitsexpertin. Sie studierte von 1991 bis 1997 Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. An der Universität Bamberg wurde sie im Jahr 2000 zum Dr. phil. promoviert. Von 2000 bis 2005 leitete sie die interne Kommunikation des internationalen Baustoffherstellers HeidelbergCement in Zentraleuropa West. Von 2006 bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik bei Arcandor (ehemalige KarstadtQuelle AG). Beim Deutschen Fußball-Bund e. V. (DFB) war sie von 2010 bis 2013 Mitglied in der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs CSR-Manager (IHK). Hildebrandt ist Mitinitiatorin der Initiative „Gesichter der Nachhaltigkeit“ und der Veranstaltungsreihe Burgthanner Dialoge. Sie bloggt regelmäßig für die Huffington Post, ist Co-Publisherin der Zeitschrift REVUE. Magazine for the Next Society und gab in der CSR-Reihe bei SpringerGabler die Bände CSR und Sportmanagement (2014) und CSR und Energiewirtschaft (2015, mit Werner Landhäußer) heraus.

Werner Landhäußer, geboren 1957 in Karlsruhe, ist geschäftsführender Gesellschafter der Mader GmbH & Co. KG mit Sitz in Leinfelden-Echterdingen. Zusammen mit Kollegen übernahm er das Unternehmen mit einem klassischen Management-Buy-out aus einem internationalen Konzern. Mader ist derzeit der einzige Anbieter, der nachhaltige Gesamtkonzepte für eine energieeffiziente Drucklufterzeugung und -nutzung anbietet. Nachhaltige, werteorientierte Unternehmensführung ist seit jeher seine Vision. Nach langjähriger Konzerntätigkeit schätzt Landhäußer heute die kurzen Entscheidungswege und offene Kommunikationskultur in einem mittelständischen Unternehmen. Die strategische Weiterentwicklung von Mader hin zu einem sozialen, ökologisch und ökonomisch erfolgreichen Unternehmen steuert er gemeinsam mit Peter Maier, ebenfalls geschäftsführender Gesellschafter, und Manja Hies, Geschäftsführerin. Werner Landhäußer ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Im Jahr 2015 gab er in der CSR-Reihe im Verlag Springer Gabler das Buch CSR und Energiewirtschaft (mit Alexandra Hildebrandt) heraus.

Warum wir eine Kultur des Fragens brauchen

 © Tony Hegewald, pixelio.de

Als Wissensdesignerin und Wissenschaftsjournalistin gehört das Fragenstellen zu meinem Alltagsgeschäft. Fragen sind der Motor und Treiber für meine Arbeit. Ich brenne darauf, Antworten zu finden, im eigenen medialen Recherche-Prozess und in unzähligen Gesprächen mit Wissensträgern und Experten, mit Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten und Zufallsbekanntschaften.

Fragen und Zuhören 

Umso mehr wundere ich mich im täglichen Miteinander, dass viele meiner Mitmenschen eher selten Fragen stellen, lieber selber reden und damit genau genommen Antworten geben, nach denen keiner gefragt hat. Sie lassen damit Chancen verstreichen, Neues und Wissenswertes zu erfahren, Unerhörtes und Interessantes, Spannendes und Emotionales, Wichtiges und Merkwürdiges, Reizvolles oder gar epochal Innovatives. Neue Ideen und Projekte entstehen nur dann, wenn wir Fragen stellen, wenn wir aufmerksam bzw. „aktiv“ zuhören. Ich engagiere mich daher dafür, eine Kultur des Fragens zu etablieren und Menschen im Zuhören zu schulen. Meeting würden nachhaltigere Ergebnisse bringen, wenn sie im Dunkeln stattfinden und Mitarbeiter auf diese Weise fokussierter zuhören würden. 

Mut und Offenheit gefragt

Warum fragen wir nicht häufiger bzw. auch hartnäckiger, wenn wir keine befriedigende Antwort erhalten? Dafür gibt es wohl mehrere Gründe. Etwas wissen zu wollen und immer weiter zu hinterfragen, ist nicht immer willkommen. Viele fühlen sich durch Fragen verunsichert, zuweilen sogar persönlich angegriffen. Fragen zweifeln gefestigte Standpunkte an und erkennen Routinen nicht an. Fragen können als Kritik empfunden werden und Streit auslösen. In jedem Fall stören Fragen die Ruhe und Harmonie. Sie können anstrengend sein, Antworten übrigens auch, wenn wir mit Fakten oder Meinungen konfrontiert werden, die unser Weltbild ins Wanken bringen oder gar erschüttern. Sei’s drum: Wagen Sie es, häufiger und intensiver zu fragen, Ihr Mut wird sich auszahlen!

 © Antje Hinz, MassivKreativ

Neugierde und Ideen wecken

Fragen bringen Ideen und Veränderung. Sie stiften zum Nachdenken an – über Gegebenheiten und Themen, über die man bislang noch nie nachgedacht  hat. Das Städel-Museum in Frankfurt eröffnet seinen Webkurs Kunstgeschichte Online / Welcome to Art History Online daher bewusst mit Fragen, die der Schauspieler Sebastian Blomberg der Online-Community herausfordernd stellt:  

  • Was verbirgt sich hinter diesem Chaos?
  • Bin ich jetzt Teil des Kunstwerks?
  • Warum stehen die Texte nicht neben, sondern auf dem Bild?
  • Wieso ist es Kunst, wenn jemand ein Kunstwerk abfotografiert?
  • Wovon handelt dieses Bild?
  • Warum soll das jetzt moderne Kunst sein?
  • Darf man Bilder auch kopfüber hängen?
  • Kann eine Plastik inkontinent sein?
  • Ist moderne Kunst nur etwas für Experten?
  • Wie lange verweilt ein Besucher vor einem Kunstwerk?

Na – was glauben Sie, wie lange ein Besucher statistisch vor einem Kunstwerk steht? 11 Sekunden. Hätten Sie es gewusst? Haben Sie sich diese Frage jemals gestellt? Wieviele Fragen stellen Sie sich so an einem Tag: eine, fünf oder eher gar keine? Fragen eröffnen einen größeren Horizont als Antworten, zu denen man keine Fragen gestellt hat. Und Fragen schulen die Kompetenz zum aktiven Zuhören. 

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Von Kindern lernen

Im populären Eröffnungssong der Sesamstraße heißt es: „Der, die, das. Wer, wie, was. Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt bleibt dumm. 1000 Tolle Sachen, die gibt es überall zu sehen. Manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen.“ Der Drang, tiefer zu bohren, um mehr zu sehen, besser zu verstehen und Neues zu erkennen, ist naturgemäß in uns verankert, zumindest wenn wir Kinder sind. Warum verlieren dann viele von uns mit zunehmendem Alter das Verlangen zu fragen? Sind Kinder mutiger als Erwachsene? Oder führen negative Erfahrungen dazu, dass wir irgendwann aufhören zu fragen? Manche Menschen möchten sich keine Blöße geben, weil sie glauben, durch Fragen würden sie Wissenslücken oder Unkenntnis demonstrieren. Dabei ist es längst kein Geheimnis mehr: Wer fragt, der führt! … Und wird nicht gegen den eigenen Willen von anderen geführt…. TED-Film: Adora Svitak – Was Erwachsene von Kindern lernen können

Von Frisören lernen

Was zeichnet Ihrer Meinung nach einen guten Frisör aus? Ist es lediglich der akkurate oder trendige Haarschnitt oder auch das intensives Gespräch? Fähige Frisöre haben in der Regel eine ausgeprägte Fragekompetenz und eine hervorragende Merkfähigkeit. Wo treffen Sie sonst auf einen Menschen, der Ihnen längere Zeit bereitwillig  zuhört und die Namen ihrer Familienmitglieder und Freunde immer parat hat?!

Leerstellen finden

„Eine Frage ist eine Äußerung, mit der der Sprecher oder Schreiber eine Antwort zur Beseitigung einer Wissens- oder Verständnislücke herausfordert“, heißt es bei Wikipedia. (Ausnahme: rhetorische Fragen). Eine Frage führt also dazu, dass Leerstellen gefüllt werden. Weil es unzählige Leerstellen in unserer Gesellschaft gibt, sollten wir eigentlich unentwegt Fragen stellen, um den richtigen Antworten bzw. Problemlösungen für Herausforderungen auf die Spur zu kommen. Täglich mindestens 44 Fragen zu stellen, wie bei einer Art Ideen-Fitnesstraining, empfiehlt Martin Gaedt in seinem Buch Rock your Idea. Am Ende stellt er selbst viele Fragen, die Bandbreite reicht von praxisnah, kreativ, provokant bis zu verrückt.  

Verbindungen schaffen

Der dänische Kurzfilm All That We Share, eigentlich als Eigenwerbung für den dänischen Fernsehsender TV2 entstanden, wurde deshalb millionenfach geteilt, weil er eine spannende Frage stellt: „Was verbindet Menschen?“ Dem Augenschein nach sind es oft Äußerlichkeiten. Stellt man jedoch qualitative Fragen, entstehen unverhoffte Verbindungen zwischen Menschen, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte: Wer war der Klassenclown? Wer hat vor etwas Angst? Wer ist bisexuell? Mit den richtigen Fragen lassen sich Verbindungen zu Mitmenschen finden, auf die man sonst nie kommen würde. Also – nur Mut: Suchen Sie nach Verbindungen – mit einer gut durchdachten Frage!

Wie wir Informationen aufnehmen

Forscher haben in verschiedenen Studien ermittelt, wie wir Informationen aufnehmen und welche Informationen bei uns „hängenbleiben“. Je nach Lerntyp (visuell, auditiv, haptisch-taktil, olfaktorisch) variieren die Prozentzahlen: 10% beim Lesen, 20% beim Hören, 30% beim Sehen, 50% beim Hören und Sehen, 70% beim Erklären (Theorie & Wissen) und 90% beim Anwenden (Theorie & Praxis = Können).

© MassivKreativ

Doch wie viele Dinge im Leben, lässt sich auch die Aufnahme von Informationen und damit das Zuhören trainieren. Wenn Sie demnächst einen Freund oder eine Freundin treffen, probieren Sie doch mal aus, ihrem Gesprächspartner ausschließlich zuzuhören und erst selbst zu reden, wenn eine Gegenfrage kommt. „Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“ (Galileo Galilei).

© ediathome, pixelio.de

Wie fragt man richtig?

An langweiligen Interviews merkt man immer wieder, dass das Fragen nicht so ganz einfach ist. Es liegt nämlich nicht unbedingt am befragten Interviewpartner, wenn die Antworten uns nicht vom Hocker reißen. Nur die richtige Frage führt zur richtigen Antwort. Die Qualität der Antwort bzw. des Nachdenkens über die Antwort hängt wesentlich von der Formulierung der Frage ab. Der US-amerikanische Innovationsforscher und Journalist Warren Berger setzt in seinem Buch Die Kunst des klugen Fragens beim „Wieso? Weshalb? Warum?“ an. Er zeigt anhand vieler Beispiele, wie man erst dann zum Kern vieler Probleme vordringt, wenn man die richtigen Fragen stellt. Erfolgreiche Methoden der Gesprächsführung vermittelt auch Vera F. Birkenbihl als Expertin für gehirngerechtes Lernen und Arbeiten in ihrem Buch Fragetechnik … schnell trainiert. Es gibt verschiedene Frage-Typen:

Offene Fragen lassen dem Befragten viel Raum für seine Erwiderung, z. B. „Wie kam es dazu, dass Du dieses Rezept entdeckt hast?

Geschlossene Fragen fordern kurze, eindeutige Antworten, z. B. „Bist Du satt?“  ja / nein

Alternativfragen geben die Antworten schon vor, z. B. „Möchtest Du lieber Kuchen oder Schokolade essen?“

Suggestive Fragen geben die vermeintlich richtige Antwort in der Frage vor, z. B: „Meinst Du wirklich, dass ich die süße Marmelade noch mehr zuckern soll?“

Rhetorische Fragen erwarten keine Antwort, z. B: „Muss mir das schmecken?“

Den größten Erkenntnisgewinn bieten in der Regel offene Fragen, die dem Befragten viel Raum zum Antworten ermöglichen. Offenheit fördert die Kommunikation. Geschlossene Fragen schaffen Fakten und klare Verhältnisse. Es kommt also darauf an, was Sie in Erfahrung bringen wollen. In der journalistischen Praxis haben sich für die klassische Nachricht die sechs W-Fragen durchgesetzt: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? – in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit.  Auch das PAKKO-Schema kann Ihnen helfen: Fragen Sie: persönlich, aktivierend, kurz, konkret und offen. Wie auch immer Sie sich entscheiden, ich bin fest überzeugt:

Eine lebendige Kultur mit klugem Fragen und aktivem Zuhören würde in unserem Leben vieles positiv verändern!!!

 © Bernd Sterzl, pixelio.de

So können Sie selbst eine Kultur des Fragens fördern:

Wie können wir uns die Neugierde und den Mut zum Fragenstellen erhalten oder wieder zurück erobern? Wie so oft: durch vielfältige Erfahrungen:

  • Gehen Sie mit offenen Augen durch die Welt und suchen Sie bewusst nach Irritationen: warum ist das so? Könnte das nicht auch anders sein? Könnte man es auch anders machen? Auf welche Weise könnte man das anders machen? Wer könnte daran mitwirken? Könnte ich selbst daran mitwirken, mit welchen Mitteln? Und was könnte sich dadurch verändern? Und plötzlich eröffnen sich in Ihrem Leben völlig neue Perspektiven …
  • Treffen Sie möglichst oft andere und neue Menschen, die Ihnen neue Impulse geben können. Fragen Sie ihnen Löcher in den Bauch und zwar so lange, bis sie wirklich eine befriedigende Antwort erhalten haben. Antworten Sie ehrlich, wenn jemand zurückfragt.
  • Gehen Sie an kreative Orte, ins Theater, besuchen Sie Ausstellungen und Museen und tauschen Sie sich über Ihre Erlebnisse, Eindrücke und Empfindungen aus. Fragen Sie nach, auch wenn es nicht auf alles eine Antwort gibt? Kunst fordert Irritation heraus, muss aber nicht immer eine Antwort geben.
  • Kooperieren Sie mit Künstlern und Kreativen. Bilden Sie Jobtandems, begleiten Sie sich gegenseitig in Ihrem Arbeitsalltag. Stellen Sie sich gegenseitig Fragen über Strukturen, Strategien, Wissenstransfer, tauschen Sie sich aus über neue Ideen und wertvolle Kontakte. Regionale Kreativvnetzwerke helfen Ihnen, geeignete Partner für den Austausch und den Blick über den Tellerrand zu finden.
  • Spielen Sie mit Kindern! Beobachten Sie, auf welche Weise Kinder Herausforderungen meistern! Fragen Sie Kinder, was ihnen wichtig ist. Hören Sie ihnen zu und haken Sie ggf. nach, wenn sie etwas nicht verstehen. Der Dramatiker und Dramatiker und Oscar-Preisträger George B. Shaw sagte einmal: „Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden. Vielmehr werden wir alt, weil wir zu spielen aufhören.“