Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

© www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

10. Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen im Juni 2019: Nach viel Theorie und Metaebenen am ersten  Tag konnten sich die BesucherInnen am zweiten Tag in verschiedenen Foren an Präsentationen diverser Praxisprojekte abarbeiten und engagiert mitdiskutieren. 

Themen mit dem Stift konserviert

Ausdrücklich erwähnen möchte ich die Zeichnerin bzw. Graphic Recorderin Johanna Benz. Sie hat enorm zum Gelingen des Kongresses beigetragen. In atemberaubendem Tempo brachte sie Meinungen, Thesen, Zitate und auch komplexe Gedankenkonstrukte mit wenigen Strichen und prägnanten Worten auf Papier – pointiert und häufig humorvoll, live vor den Augen des Kongresspublikums, das oft verblüfft und schmunzelnd über die scheinbare Leichtigkeit war.

Am Nachmittag gehörte das Podium verschiedenen Akteuren der Auswärtigen Kulturpolitik und aus dem Themenkomplex Kunst, Umwelt, Digitalisierung, Klima. Ich hätte mir an beiden Tagen gerne gleich mehrere „bioplasmatische Doppelgänger“ gewünscht. Die alle thematisch spannenden, leider aber parallel stattfindenden Foren erschwerten nicht nur mir die Wahl.

© www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Heimat als Marke

Regionalentwickler stehen im Spannungsfeld grundsätzlicher Entscheidungen: Was mache ich neu? Was übernehme bzw. übertrage ich als Modell aus anderen Regionen? Wo muss ich Vorsicht mit Slogans und Narrativa walten lassen, um nicht beliebig und austauschbar zu werden? Wie finden wir für unsere Heimaten authentische Identitäten? Diese Fragen standen im Zentrum des Panels „Heimat als Marke“ und wurden von drei Protagonisten beantwortet. Einig waren sich alle, dass die Themen von innen heraus aus der Selbstbeobachtung gefunden werden sollten. Das Überstülpen von Labels wirke oft beliebig oder einengend.

Land NRW: Hildegard Kaluza – Wandel durch Kultur

Kulturabteilungsleiterin Hildegard Kaluza berichtete von zunächst über die geplante Ruhrkonferenz mit verschiedenen Ministerien, denn auch fachfremde Mitarbeiter würden so ermuntert, sich stärker für Kulturthemen zu engagieren. Exemplarisch stellte Kaluza die Kulturregion Sauerland vor, der es gelungen sei, mit dem Festival Sauerlandherbst breite Zielgruppen anzusprechen und mit einem neuen Brassfestival eine zeitgemäße Verbindung zum Engagement der Schützenvereine zu schaffen. Die Kulturregion Aachen sucht mit einem grenzüberschreitenden Projekt die Nähe zu Europa und lässt etwa 300 Schüler aus verschiedenen Ländern den euregio-Schülerliteraturpreis an einen sorgsam ausgewählten Jugendbuchautor verleihen. Die Region Unna hat ihr Selbstbild aus dem Hellweg heraus im Licht gefunden, u. a. auch in einem und einem Krimifestival.

© www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Kenneth Anders: Oderbruchmuseum und Büro für Landschaftskommunikation

Nachhaltige Regionalentwicklung müsse institutionalisiert und finanziert sein, sagte Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation. Er habe seine Kommune daher vom Sinn und Nutzen eines „Fonds für Identitätspolitik“ überzeugt, in den 20 Cent pro Einwohner und Jahr fließen. Er sprach über die Herausforderung, Identitäten in einem extrem heterogen Raum finden zu müssen, der auch Elemente umfasst, die nicht „produktdienlich“ im Sinne der touristischen Vermarktung seien (Schandflecken). Als Symbol und Logo wurde für den Oderbruch ein Spaten gefunden, mit dem früher das weit verzweigte Bewässerungssystem im Oderbruch ausgehoben wurde.

Volker Gallé: Kulturkoordinator der Stadt Worms

Heimat und Region seien verschieden, so Gallé. Während eine Region oft eine künstliche, politisch entworfene Infrastruktur in sich trage, enthalte Heimat naturgemäß historische Narrative. Gallé, der nicht nur in Rheinhessen als Mundartautor und -liedermacher bekannt ist, präsentierte die Besonderheiten seiner Region, neben Wein u. a. die hochromanische Baukunst, die Nibelungensage, Martin Luther und die jüdische Kultur in Worms. Die Interessen der Kulturakteure und Marketingleute seien oft unterschiedlich: Winzer wollen Wein verkaufen, Touristiker ihre Reisen, Museen ihre Ausstellungen usw. Den Zuzug von Neubürgern sieht Gallé positiv, er sei immer produktiv, etwa wenn alter Häuser von den Neuen restauriert werden und sich aus eigenem Antrieb mit der Kultur und Geschichte ihrer Wahlheimat befassen, Fragen stellen, reflektieren. Die Suche nach Narrativen erfolge oft aus der Not oder aus Konflikten heraus, eine Chance für Reflektion.

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Jugend macht Heimat

Die Moderatoren Arnold Bischinger, Kulturchef des Landkreises Oder-Spree/Burg Beeskow, und Steffen Schuhmann, Kunsthochschule Berlin-Weißensee, gaben ihrerseits kluge Impulse zum Thema Heimat und Selbstfindung, auch im Dialog mit den BesucherInnen. So kam aus dem Publikum die dringende Empfehlung, die junge Generation in die Prozesse zur Identitätsfindung einzubinden. Das Problem: Ganztagsschulen und das verkürzte Abitur G 8 hätten dazu geführt, dass Kinder und Jugendliche spät nach Hause kommen und kaum noch Freizeit haben. Da müsse man sich etwas einfallen lassen. Eine Kongressbesucherin berichtet als best practice über die Initiative Happy Locals, die Jugendliche zu kreativem Handeln aufruft: Mit temporärer Zwischennutzung von Räumen in Brandenburg soll die dortige Clubkultur stärker belebt und befruchtet werden.

Außenperspektive

Zuweilen könnten auch ein Blick über den Tellerrand bzw. ein Perspektivwechsel hilfreich sein. Als Beispiel wurde aus dem Publikum das elbübergreifende Bürgerwissensportal Elbe505.de genannt. Bewohner aus Mecklenburg und aus dem Wendland entwickelten gemeinsam eine Onlineplattform mit Wissenswertem, Fakten und  Geschichten über ihre Region in Texten, Fotos, Interviews und Podcasts. Die jeweils andere Region half, um den Blick für das Besondere und für Alleinstellungsmerkmale zu schärfen. Und: Wenn Burger selbst über ihre (Wahl-)Heimat erzählen, stärkt dies zugleich die Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit nach innen sowie Anerkennung und Wertschätzung von außen.

© www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Wo und was ist Heimat?

In weiteren Foren (siehe Kongress-Programm) ging es um die Narrativa von Heimat: Wer prägt die Geschichten und Bilder unserer Nation, vor allem in den neuen Bundesländern? Auch widerständige Heimat liefert Geschichten, vor allem in Verbindung mit Umweltfragen, etwa das Gorleben-Archiv im Wendland und die Medienberichte aus dem Hambacher Forst. Wie lässt sich Heimat gestalten und was leisten Heimatvereine dabei? Wer vermittelt Heimaten und was leisten Heimat-, Orts-, Regional- und Stadtmuseen dabei? Was können Dritte Orte bewegen? Wo existiert Heimat an utopischen oder virtuellen Räumen? Und welche Rolle spielt Europa in der Heimatdiskussion? Heimaten gibt es viele: geografische, zwischenmenschliche, geistige und virtuelle. Der Schriftsteller Klaus Theweleit hat es einmal so beschrieben: „Ich bin ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen und hatte dann meine neue, meine zweite schleswig-holsteinische Heimat. Als Jugendlicher wurde englische Beat-Musik meine kulturelle Heimat. Ich kenne also mindestens drei verschiedene Heimaten.“

Deutschlandbild in der Außenpolitik

Den geweiteten Blick auf das internationale Panorama präsentierten Vertreter der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Bildungspolitik im Auswärtigen Amt, erläuterte den veränderten Fokus deutscher Auswärtiger Kulturpolitik, berichtet von erhellenden Reisen nach Afrika, von Begegnungen mit afrikanischen Gründern, die dank Drohnen zukünftig Wasser und Pestizide nutzbringender dosieren wollen. Globale Herausforderungen können und müssen gemeinsam gestellt und gelöst werden. Kooperation und Multilateralismus werde nicht aus Selbstzweck betrieben, sondern um etwas zu bewegen. Vor diesem Hintergrund betonte sie: „Unsere Identität setzt sich aus vielen Identitäten zusammen. Heimat gehört einem nicht. Niemand hat sie gepachtet. Sie ist für jeden etwas Persönliches. Heimat ist Geschichte und Identität. Identität ist etwas, was man sein kann, aber nicht, was man zu sein hat.“

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Neue Herausforderungen für die internationale Kulturpolitik?

Heimat suchen – Heimat finden – zu diesem Thema versammelten sich neben dem Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, Andreas Görgen, auf dem Podium internationale Gäste, moderiert von der Kulturmanagerin Sarah Bergh. Anders als in Deutschland kennen andere Länder den Heimatbegriff nicht. Dort spricht man von Vaterland, Mutterland oder Zuhause. Arjun Appadurai, Senior Professor of Anthropology and Globalisation at Hertie School of Governance in Berlin, offenbarte die Position junge InderInnen: Nicht das Sein, sondern das Werden, nicht belonging, sondern becoming. Appadurai erklärt den Hintergrund: Durch die britische Besatzung hätten InderInnen früher oft Ablehnung und Ausschluss erlebt. Statt auf eine kleine, enge Heimat zurückzublicken, fänden jungen InderInnen sie in der Zukunft, in den neuen Netzwerken, in sozialen und mobilen. Dort würden die wichtigen, zukunftsorientierten Themen be- und verhandelt, so Appadurai, nicht nur Jobs und Neue Arbeit, sondern auch Freizeit, Spaß, Liebe, Romantik. Deutschland sollte sich daran beteiligen, neue Plattformen für solche Verbindungen zu schaffen. Deutschland habe die Möglichkeit, sollte sie verantwortungsvoll nutzen und zusammen mit der Welt experimentieren. Andreas Görgen verwies in diesem Zusammenhang auf ein Zitat von Willy Brandt: „Kulturarbeit ist Arbeit an der Weltvernunft.“ In diesem Sinne will das Auswärtige Amt Räume für neue Kooperationen schaffen, u. a. eine Agentur für internationale Museumskultur. Deutschland könne nicht mehr allein bestimmen, was international über das Land nach außen getragen werde.

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Multiperspektivische Fragen und Antworten

„Beziehungen entstehen aus Differenzen, aber Kunst hilft, die Differenzen zu verstehen.“ Genau in diesem Sinne agiert Bonaventure Soh Bejeng Ndikung an seiner Wirkungsstätte SAVVY Contemporary in Berlin-Neukölln. Der unabhängige, nicht kommerzielle Projektraum versteht sich seit 2010 als „Labor der intellektuellen, künstlerischen und kulturellen Ideenentwicklung und des Ideenaustauschs“ für internationale bildende und darstellende Kunstschaffende und Kuratoren. Im Mittelpunkt von SAVVY steht der Diskurs über aktuelle Fragen und Themen aus den Bereichen Kunst, Wissenschaft, Soziologie oder Philosophie. Gründer und künstlerischer Leiter Ndikung sieht sich als Wanderer zwischen Welten und Ländern: „Home is where the music is“ – Zuhause ist dort, wo die Musik ist.“ Viele Staaten, wie z. B. sein Geburtsland Kamerun, seien Fiktion, oft nur künstlich von Besatzungsmächten geschaffen. Er plädiert für das Entkoppeln von Land, Heimat und Sprache. Das Nachdenken über Heimat empfindet er als Zeitverschwendung. Heimat sei in ständigem Wandel begriffen. Daher käme es darauf an, dass sich jeder für jeden im sich veränderlichen Weltgeschehen verantwortlich fühle.

Themenwechsel fernab des Geburtslandes

Auch für andere auf dem Podium ist Heimat eine Kopfgeburt. „Ich frage mich gar nicht was Heimat für mich ist. Heimat sollte nicht permanent um sich selbst kreisen“, stimmt Aino Laberenz zu. Sie ist Geschäftsführerin des Operndorfs Afrika, das einst Christoph Schlingensief gründete. Sie ist zugleich Kostüm- und Bühnenbildnerin. Sie arbeite im Operndorf, weil sie dort neue Blickwinkel auf Themen erhalte, die es so in Deutschland nicht gäbe, weil solche Probleme hierzulande gar nicht existierten.

Und dennoch: Heimat ist wichtig

Warum trotz allem die Auseinandersetzung mit Heimat wichtig sei, erläuterte Géraldine Schwarz, Journalistin und Dokumentarfilmerin mit deutschen und französischen Heimaterfahrungen: „Wenn populistische Parteien so viel Erfolg haben mit dem Okkupieren des Heimatbegriffes, gibt es offenbar ein universelles Bedürfnis nach Heimat.“ Die „Gelbwesten“ in Frankreich seien eine Reaktion auf enttäuschte Heimatverbundenheit und die Spaltung von Stadt und Land. Das individuelle Bedürfnis nach Heimat solle ihrer Meinung nach nicht pauschal verleugnet werden, so Schwarz. Sie betont aber, dass jeder seine eigene Sicht auf Heimat haben solle und dürfe. Ihr Aufruf: Gemeinsame Nenner in den europäischen Erinnerungen finden, um zu einer europäischen Identität zu gelangen.

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Kunst und Heimat Erde

Die letzte Diskussionsrunde beim KUPOGE-Kongress galt unserem Heimatplaneten, der immer mehr in Gefahr gerät. Die KUPOGE widmete bereits die letzte Ausgabe ihrer Publikationsreihe „Kulturpolitische Mitteilungen“ dem Thema Klimagerechte Kulturpolitik. Da die Akteure in Politik und Wirtschaft auf Fakten und Erkenntnisse der Wissenschaftler nicht konsequent genug reagieren, deren Vorschläge (z. B. Tempolimit) ignorieren oder zu langsam umsetzen, werden die Proteste von jungen Menschen immer lauter. Kurz vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause blockierten am Freitagnachmittag Jugendliche der Fridays for Future-Bewegung die Ausgänge im Parlament unter dem Motto: Die Arbeit ist nicht getan, daher Nachsitzen für die Politiker! Ob Michelle Müntefering wohl aus diesem Grund verspätet zum Kongress kam?

Kunst fördert Empathie

Nicola Bramkamp, die als Moderatorin die widerstreitenden Meinungen im Panel äußerst klug und charmant dirigierte, leitet das Festivals SaveTheWorld und die Runde mit einer richtigen Erkenntnis ein: „Erst wenn der Mensch empathisch ist, beginnt er zu handeln. Mit künstlerischen Mitteln lassen sich Herausforderungen anders spiegeln und ungewöhnliche Antworten finden.“ Über diesen Weg wurde der junge Fridays for Future-Aktivist Gustav S. Strunz für das Klimathema sensibilisiert – bei einem Theaterabend der Gruppe Rimini-Protokoll, der einen Klimagipfel simuliert. Seine Mitstreiterin Lilli C. Pape bestätigte, dass die Mitwirkung in einer Theatergruppe und auf Kongressen ihr für ihre Auftritte und Reden in der Fridays for Future-Bewegung Sicherheit geben würden.

© www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Klima und Kultur als gemeinsames Thema

Politik und kulturpolitische Finanzierung muss dringend themenorientiert verfolgt werden – über alle Parteien, Ministerien und Branchen hinweg. Diese Erkenntnis und Forderung ist vielleicht das wichtigste Fazit des KUPOGE-Bundeskongresses. Kuratorin Adrienne Goehler vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, engagiert sich daher für einen ressortübergreifenden Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit, der aus verschiedenen Ministerien gespeist werden soll, um das Bewusstsein für Kunst und Klimapolitik zu stärken. Es brauche zeitgemäße Fördermittel für aktuelle Themen und Herausforderungen.  

Immer mehr Künstler wollen sinnstiftend arbeiten und erheben daher den Anspruch, zukunftsorientierte Projekte und Werke zu schaffen, die aktuelle Herausforderungen bearbeiten, wie in der Wanderausstellung Zur Nachahmung empfohlen. Kultur werde heute zwar ernster genommen, aber die Förderinstrumente hinken noch immer hinterher.“ Göhler kritisierte in diesem Zusammenhang auch den permanenten Zwang zur Innovation. Kunst, Industrie und Wissenschaft sollten sich stärker begegnen und dafür brauche es neue Möglichkeitsräume. 

 © MassivKreativ: Nao-Roboterdame INA

Digitalisierung frisst den Planeten

Große Uneinigkeit herrschte zum Thema „Ressourcenverbrauch und Digitalisierung“ zwischen dem Projektleiter Lemgo Digital vom Fraunhofer IOSB-INA, Jens-Peter Seick, und Jörg Sommer, Vorstand der Deutschen Umweltstiftung. Trotz bemerkenswerter Keynote der Nao-Roboterdame INA wehte ihrem Erfinder auch aus dem Publikum ein rauer Wind entgegen und die Frage, wieviel Energie und Ressourcen die Digitalisierung noch verschlingen werde. Sommer plädierte für mehr Verzicht und Beschränkung auf das Wesentliche und beklagte das rasante Tempo technischer Entwicklungen. Der Mensch und die Kunst kämen mit ihren ethischen Überlegungen kaum hinterher. Die Fridays for Future-Aktivisten Gustav und Lilli sehen die Auseinandersetzung pragmatisch: Digitalisierung gäbe es schon seit 100 Jahren. Ihrer Generation ginge es nicht um entweder/oder, nicht um  Verzicht oder Verschwendung, sondern darum, wie Gustav sagt, „in den richtigen Dingen schneller und in anderen langsamer werden, z. B. durch einen schnellen Kohleausstieg ein entschleunigtes Leben zu führen. Man muss nicht das Optimum herausholen, sondern erst mal anfangen und die großen Ziele auf kleine für jeden herunterbrechen … Es geht nicht nur um den Klimawandel, sondern auch um die Forderung, die Umweltzerstörung durch Kohleabbau und Fracking zu stoppen. Fridays for Future arbeitet insofern auch gegen die Zerstörung unserer Heimat.“ Zu ihrem Verständnis von Heimat befragt, sagt Lilli: „Fridays for Future versteht sich als globale Bewegung, insofern ist für uns die Welt unsere Heimat.

FAZIT: Es geht nur noch gemeinsam

Heimat bedeutet tägliche Verabredungen zu treffen mit Dialogen von Mensch zu Mensch. Heimat ist die „Kultur“ unseres Zusammenlebens, die Basis für unsere Gemeinschaft. Gemeinsinn und WIR-Gefühl gelingen am besten durch gemeinsame Aktivitäten, z. B. sinnstiftende Ziele zu verfolgen – durch soziales und ehrenamtliches Engagement, durch kulturelle, sportliche und wissensvermittelnde Erlebnisse, durch nachhaltige Projekte für unsere Zivilgesellschaft. Heimat ist und bleibt „Gemeinsame Sache“.

  © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Bruchstellen von Heimat

Doch genau hier liegt das Problem. Die Vermächtnisstudie der ZEIT hat herausgefunden: „das Wir-Gefühl übersetzt sich nicht in Engagement außerhalb des Freundes- und Bekanntenkreises. Dafür fehlt es an Vertrauen untereinander, an der Basis für ein gelebtes Wir. Nur ein Viertel der Befragten hat viel Vertrauen in die Mitmenschen, 40 Prozent haben wenig. Auch hier sind jene mit geringer Bildung besonders skeptisch. Außerdem glaubt nur ein Viertel, dass auch den Mitmenschen ein „Wir-Gefühl“ wichtig ist. Ein Misstrauensvotum.“

Kultur des Machens stärken

Zur Vertrauensbildung kann Kultur sehr viel beitragen. Gemeinsame kulturelle Projekte, gemeinsame künstlerische Erfahrungen schmieden zusammen. Wir sollten nicht immer alles bis ins Detail durchplanen und mehrfach abwägen wie bisher. Wir sollten einfach mehr ausprobieren, mehr Modellprojekte wagen, grundsätzlich mutiger sein. Erst mal machen und danach evaluieren, um Erkenntnisse aus gelungenen Projekten auf andere Bereiche zu übertragen.

Heimathymne

Heimat weckt bei vielen Gemeinschaftsgefühle. Daher wurde – nicht beim Bundeskongress aber immer mal wieder zu anderen Gelegenheiten – auch über unsere Nationalhymne diskutiert. Manche Ostdeutsche wünschen sich die „Kinderhymne“ von Brecht, die Lothar de Maizière am Rande der Gespräche um den Einigungsvertrag dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble auf der Geige vorgespielt haben soll. „Das Land habe drängendere Probleme als Gefühle und Musik“, so die sinngemäße Antwort damals von Schäuble. Vor dem Hintergrund, dass viele sich mehr und mehr als EU- bzw. Weltbürger sehen, wäre zu diskutieren, ob wir überhaupt noch eine Nationalhymne brauchen. Möglicherweise wird unser aktuelles Heimat- bzw. Weltverständnis, wie schon andere Autoren vor mir spekuliert haben, durch einen ganz anderen Song viel besser ausgedrückt: mit John Lennons Imagine etwa.

Heimat als Nichtort und Utopie

Ist Heimat also doch nur eine Kopfgeburt, wie auf einem Kongresspanel festgestellt wurde. Ist Heimat eine Illusion? Der Jurist Bernhard Schlink, der den Roman „Der Vorleser“ schrieb und nach dem Mauerfall die Arbeitsgruppe „Neue Verfassung der DDR“ des Runden Tisches beraten hat, hat die verschiedenen Dimensionen des Heimatbegriffs zusammengeführt:  „So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder einen Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort. Heimat ist Utopie.“ (Buch: Bernhard Schlink – Heimat als Utopie).

 

Mehr zum Thema:

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

 

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Heimat-Zitate

„Heimat ist dort, wo man sich nicht erklären muss.“ Johann Gottfried von Herder

„Heimat ist der Ort, wo ich mich erklären kann und darf.“ Alexander Koch, Die Neuen Auftraggeber (… wo mir Raum gegeben und wo mir zugehört wird.)

„Heimat sind die Menschen, die wir verstehen und die uns verstehen.“ Max Frisch

„Heimat ist Heimweh und Sehnen nach allen Weiten.“ Peter Hille

„Heimat ist etwas, was ich mache.“ Beate Mitzscherlich

„Heimat ist Raum für kennen, bekannt und anerkannt sein.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

„Heimat ist kein ein Zustandsbegriff, Heimat ist ein Korrespondenzbegriff als Pendant zur Globalisierung.“ Klaus Kufeld

„Heimat weist in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit. Heimat ist der Ort, den wir als Gesellschaft erst erschaffen .. an dem das ‚WIR‘ Bedeutung bekommt.“ Frank-Walter Steinmeier

„Heimat ist polyphon!“ Mark Terkissidis

„Heimat ist nicht ein Ort, wo man lebt, sondern die Art, wie man lebt.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

„Heimat ist Ersatzhandlung für mangelnde Zugehörigkeit.“ Armin Nassehi

„Der Begriff Heimat hat einen Pelz an und riecht an einigen Stellen streng.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

 „Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft, Heimat ist nicht Liebe – Heimat ist Friede.“ Paul Keller, Schriftsteller

„Freundschaft, das ist wie Heimat.“ Kurt Tucholsky, Schloß Gripsholm, 3. Kapitel

„Heimat ist der Duft unserer Erinnerungen.“ Anke Maggauer-Kirsche, deutsche Lyrikerin

„Warum liebt man die Heimat? … deswegen: das Brot schmeckt da besser, die Stimmen schallen da kräftiger, der Boden begeht sich da leichter.“ Bertolt Brecht, Aus: Der Kaukasische Kreidekreis

„Gibt’s kein höheres Übel doch als den Verlust der Heimat.“ Euripides

„Ein feiges Volk hat keine Heimat.“ Aus Ungarn

„Heimat und Vaterland sind etwas grundsätzlich anderes.“ Unbekannt

„Die Scheinwelt ist die Heimat vieler.“ Ulvi Gündüz, Dichter und Autor

„Eine gute Erinnerung ist eine innere Heimat.“ Esther Klepgen, Autorin

„Heimat ist nicht der Ort, sondern die Gemeinschaft der Gefühle.“ Unbekannt

„Licht und Dunkelheit: zwischen den Gegensätzen findet sich Heimat.“ Ernst Ferstl, österreichischer Dichter

„Wer seine Heimat nicht im eigenen Kopf findet, findet sie nirgendwo.“ Helmut Glaßl, Aphoristiker

„Heimat(-politik) ist als gemeinsame Gestaltungsaufgabe zu verstehen … Heimat heißt auch Zukunft und Verständnis, gesellschaftliche Veränderungen anzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Denn Heimat war und ist immer auch ein Raum sozialer Beziehungen, Ausgleich und Einbindung – Integration. So verstanden ist Heimat Lebensmöglichkeit und nicht nur Herkunftsnachweis. Heimat ist nicht Kulisse, sondern Element aktiver Auseinandersetzung.“ – Deutscher Bundestag 25.07.2018

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

 © Kulturpolitische Gesellschaft

Beim 10. Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen im Juni 2019 wurde das Thema Heimat/en in nahezu allen Variationen, Perspektiven und Interpretationen „durchdekliniert. Die engagierten und oft hitzigen Debatten zeigten einerseits, dass die Veranstalter – neben der KUPOGE auch die Bundeszentrale für politische Bildung und der Deutsche Städtetag – das Thema klug gewählt hatten, selbst wenn einige Referenten und Podiumsgäste versicherten, dass sie mit dem Heimatbegriff nichts anfangen können. 

Theorie und Praxis

Zwei volle Tage diskutierten die Experten in einem dichtgedrängten Programm, das die Auswahl der Panels oft schwer machte. Nach offiziellen Grußworten wurden am Tag 1 vor allem Theorien, Modelle und Metaebenen des Heimatbegriffes diskutiert. Der Vormittag von Tag 2 stand im Zeichen vieler Praxisprojekte, präsentiert von „Heimatakteuren“ aus ländlichen Regionen. Der Nachmittag rückte die gewandelte Auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik ins Blickfeld und den Themenkomplex „Kunst und Klima“ (siehe auch „Kulturpolitische Mitteilungen“ zum Thema Klimagerechte Kulturpolitik. )

  © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

HEIMATen liegen in der Luft

Er sei zunächst skeptisch gewesen, als das Thema Heimat an ihn herangetragen worden sei, bekannte Gastgeber Thomas Krüger offen, seit 2000 Präsident der Bundeszentrale für politischen Bildung. Doch HEIMATen sei(en) zweifellos in der Gesellschaft präsent – nicht erst seit der „Angliederung“ des Heimatressorts an das Bundesministerium für Inneres und Bau. Immerhin ist die Bundeszentrale für politische Bildung dem Innen- bzw. Heimatministerium zugeordnet. Insofern gehöre der Dialog über HEIMATen verpflichtend zu den Aufgaben seiner Bundeszentrale, so Krüger. Heimat verstehe er als „kulturpolitische Herausforderung, die man nicht den Falschen überlassen dürfe“, mahnte er mit Blick auf rechtspopulistische oder gar rechtsextreme Kräfte in Deutschland. Durch Globalisierung und Neoliberalismus erlebt die Sehnsucht nach Heimat eine Renaissance. Krüger führte als ersten Impuls vier Sichtweisen auf den Heimatbegriff auf:

Welche Heimat-Betrachtungen gibt es?

1) eine kritische, die danach fragt, wer zur Heimat gehöre und wer nicht – ungeachtet der Entheimatung von Menschen

2) eine inklusive, die eine Heimat für Viele für möglich hält

3) eine romantische, die sich „mit Mehltau im Stadium der Unschuld“ bewege (Sehnsucht nach heiler Welt)

4) eine postutopische, die erst mit dem Untergang der DDR begonnen hätte  (Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit, nach dem „Früher“)

Proust-Effekt

Wie man Heimat sehe, gehe häufig mit sehr persönlichen Erlebnissen und Gefühlen, einher, so Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien. Das könnten auch Sinneseindrücke sein, wie sie am Beispiel von Marcel-Proust anführt. In seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ erinnert sich der Erzähler beim Geschmack des Gebäckstück „Petite Madeleine“ – getunkt in Lindenblütentee –  schlagartig an die Vergangenheit, konkret an Stadt und Gärten von Combray. Heimaten seien also Erfahrungsräume.

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Das Eigene und das Fremde

Einerseits könnten mit dem Mangel an Heimat Identitäten verloren gehen. In Zeiten der Globalisierung wachse das Bedürfnis nach Heimat und Zugehörigkeit, was durchaus verständlich sei. Dennoch, und das war Konsens in Berlin, dürfe die Deutungshoheit von Heimat nicht den Rechtsextremen überlassen werden. Grütters betonte, wie wichtig es sei, auf gleichwertige Lebensverhältnisse ländlichen Regionen zu achten und den „Wert von immateriellen Kulturformen als Spiegel regionaler Besonderheiten und gemeinsamer Herkunft sichtbar zu machen. Nur wer das Eigene kennt und wertschätzt, kann auch dem Anderen und Fremden Raum geben, ohne sich bedroht zu fühlen.“ – so Grütters.

Heimat in der Kulturpolitik

Der Heimatbegriff birgt viel politische Macht. Da es Menschen mit und viele ohne Heimat gibt, kann der Begriff dazu führen, dass Menschen Grenzen ziehen:  zwischen denen, die  dazugehören und denen, die ausgeschlossen werden. Genau das kritisiert Bilgin Ayata, Assistenzprofessorin für Politische Soziologie an der Universität Basel. Zunächst präsentierte Ayata einen historischen Abriss darüber, wie der Heimatbegriff in der Geschichte verwendet wurde und zeigte auch Beispiele aus Deutschlands Kolonialzeit. Ayata bewertet den Heimatbegriff generell skeptisch, umso mehr in der Kulturpolitik. Es gehe dabei oft um Ausschluss und nicht um Zugehörigkeit. Als Beleg führt sie u. a. das wütende Buch „Eure Heimat ist unser Albtraum“ an, herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah. Vierzehn AutorInnen schreiben darin kritisch über persönlichen Erlebnisse und Beziehungen zur „Heimat Deutschland“ und die immer wiederkehrende Frage: „Wann geht’s zurück in die Heimat?“, obwohl ihre Heimat doch nachweislich Deutschland sei. Statt über HEIMATen zu diskutieren, forderte Ayata daher, gegen mangelnde Pluralisierung kulturpolitischer Einrichtungen anzugehen.

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Heimat als Sehnsuchtsort

Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a.D., beginnt seine überaus positive Interpretation von Heimat mit Zitaten des Filmregisseurs Wim Wenders: „Heimatgefühle, Heimatfilm, Heimatliebe, Heimatschutz … Jetzt auch noch ein „Heimatminister“! Ojemine!“ Und dennoch, so Wenders, Heimat sei ein Wort, das man gegen all die verteidigen muss, die damit Schindluder getrieben haben. Oder noch tun. Als Argument dafür, dass Heimat allen Bürgern in Deutschland wichtig sei, führte Thierse eine Allensbach-Studie an, nach der Heimatverbundenheit in allen Parteilagern gleich verteilt sei. „Ängste sind soziale und politische Realitäten, auf die wir reagieren müssen“, so Thierse. Dies nutze die AfD aus. Deutschland sei in zwei Zivilgesellschaften geteilt. Das hoheitliche Ringen um den Heimatbegriff sei eine „Reaktion auf die Enteignung der Lebenswelten“ (Oskar Negt). Soziologisch betrachtet sei jeder sozial Entwurzelte in gewisser Weise heimatlos. Zeitgemäße Heimatpolitik, so Thierse, müsse Leerstellen für die Gestaltung des sozialen Lebens lassen und all denen Freiraum geben, die heimisch werden wollen. Dafür stünden in unserer Gesellschaft viele „Räume von Gemeinschaftlichkeit“ zur Verfügung: Vereine, Verbände, das Ehrenamt und auch soziale Netzwerke.

Heimat inklusiv verstanden

In die anschließende Diskussion, moderiert von Vladimir Balzer, brachten sich zusätzlich Schriftstellerin Thea Dorn und der Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby ein, der auch als Präsidiumsmitglied im Bund Heimat und Umwelt in Deutschland e.V. (BHU) sprach, bekräftigte Ayata ihre Position, man solle den Heimatbegriff nur privat und nicht im politischen Zusammenhang verwenden, es sei ein „irrationaler Begriff, der die politische Diskussion in die falsche Richtung führt.“ Mit dieser Position war sie auf dem Podium allein. Trotz rassistischer Anfeindungen fühle er sich in Halle seit vielen Jahren heimisch, so Diaby, und knüpfe dies vor allem an seine Frau, Kinder und Freunde. Er warb dafür, Heimat positiv zu besetzen, indem der Begriff inklusiv gedeutet und mit Leben gefüllt werde. Kommunen seien die Heimat der Menschen. Thea Dorn warb um Toleranz, bei Zugezogenen und Neubürgern (woher auch immer) keine Assimilation einzufordern, sondern den Anderen so sein zu lassen, wir er ist.

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Es gab auch Konsens auf dem Podium: Kulturpolitik müsse zum Gespräch einladen und Angebote zur Teilhabe schaffen, damit Menschen sich wiederfinden und identifizieren können. Eine Kongressbesucherin aus dem Publikum berichtete daraufhin von einer entsprechenden Anfrage an das Heimat- und Innenministerium – mit ihrer Erkenntnis, dass es dort keine Schnittmengen zur interkulturellen Arbeit gäbe. Enttäuschung herrsche auch darüber, dass Ausgrenzung und Rassismus im Alltag zu wenig diskutiert werde. Fazit: Wer Hindernisse im Alltag empfindet, sieht den Heimatbegriff kritisch.

Wem dient Heimat in der Postmoderne?

Ist Heimat nun ein Kampfbegriff von Populisten oder eine kulturelle Ressource der offenen Gesellschaft? Dazu hielt Dirk Baecker eine Keynote, Professor für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke. Er referierte über Wechselspiele zwischen „group und grid“ (Gruppe und Netzwerk), Heimat und Fremde und die Frage, wie mit Gruppen mit einem Menschen umgeht, der das Netzwerk verlässt und in der Fremde nach neuen Impulsen sucht. Darf dieser Mensch zurückkehren oder nicht? Ist die Ursprungsgruppe offen für das, was der Zurückgekehrte aus der Fremde an Erkenntnissen und neuen Impulsen mitbringt? Wie wir uns für und gegen Netzwerke entscheiden, hat Auswirkungen auf Zugehörigkeit und Zuordnung, so Baecker.

Das Soziale und das Globale

Anschließend diskutierte Moderator Peter Grabowski in einer Podiumsrunde über diese Fragen: Welche Rolle spielt der „Sand unter den Sohlen“, die soziale Herkunft, für das eigene Heimatgefühl? Welchen sozialen Prozessen bin ich dabei ausgesetzt. Wie lassen sich Differenzen überwinden? Wie versucht Kulturpolitik hier zu intervenieren? Cornelia Koppetsch, Professorin für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt,  sieht Heimat als Möglichkeit der individuellen Aneignung kritisch: „Das klappt in bildungsbürgerlichen Gruppen, aber nicht in den abgehängten Gruppen … Wir können den Heimatbegriff nicht einfach so formen. Wenn Wahlbindungen nicht mehr funktionieren, werde ich auf meine Ursprungsheimat zurückgeworfen.“ Beate Mitzscherlich, Professorin für Pflegeforschung an der Westsächsischen Hochschule Zwickau, hat sich mit psychologischen Aspekten befasst, u. a. ist sie in der „Heimatpflege für alte Menschen“ aktiv: „Heimat ist etwas, was ich mache.“

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Regina Römhild, Professorin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin, sieht Widersprüche zwischen Heimat und Globalisierung. Verschiedene Gruppen in Europa verwenden unterschiedliche Heimatkonstrukte – je nach transnationalen Verflechtungen, Grenzziehungsprozessen, Alltagskulturen. Daher gäbe es „multiple Heimaten“: „Die moderne Gesellschaft ist immer geopolitisch verankert. Im Nationalstaat beanspruchen Gruppen die Heimat für sich, aber es gäbe jetzt eine Gegenbewegung seitens subkultureller Akteure“, so Römhild. Tobias J. Knoblich, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V., berichtet über Fremdheitserfahrungen in der DDR nach der Wende. Das übermächtige Eindringen von Entscheidungskräften aus dem Westen wurde von den Bürgern der ehemaligen DDR „als Kolonialisierung begriffen. Die neuen Vorgesetzten sprachen eine andere Sprache. Die neue Funktionselite produzierte Fremde in der eigenen Heimat“, so Knoblich.

Heimat: Politisch oder privat?

Das vorweggenommene Fazit des Kongresses kam aus dem Publikum: „Heimat funktioniert offenbar nicht als politisches Großkonstrukt, sondern lediglich als individuelles, regionales und privates Modell.“

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Probleme mit dem Kulturbegriff

Es mag an der Unschärfe des Kulturbegriffes liegen, dass laut ZEIT-Vermächtnisstudie nicht mal die Hälfte der befragten Bürger Heimat mit Kultur verbindet. Die meisten denken an Hochkultur, weniger an unser Zusammenleben, also nicht an das, was uns als Alltagskultur umgibt, z. B. unser Genossenschaftswesen, unsere Brot- und Gartenkultur, der Rheinische Karneval ebenso wie der jüngere interkulturelle „Karneval der Kulturen“, das Singen und Tanzen, plattdeutsch, friesisch und sorbisch, all das – was die UNESCO als immaterielles Kulturerbe bezeichnet. Dazu gehört übrigens auch Poetry-Slam: Slam-Poet Jean-Philippe Kindler näherte sich mit einer wortakrobatischen Darbietung dem Thema Heimat inspirierend und humorvoll.

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Macht Kultur Heimaten?

Als hätte die Kulturpolitische Gesellschaft bei der Ankündigung ihrer Jahrestagung die Ergebnisse der ZEIT-Vermächtnisstudie schon gekannt, hat sie dem Motto ihres 10. Bundeskongresses ein Fragezeichen angefügt: KULTUR.MACHT.HEIMATen WIRKLICH? – zumindest im 3. Panel am ersten Kongresstag. Vladmir Balzer diskutierte darüber mit Akteuren aus der „praktischen Heimatarbeit“. Ein Film der Projektleiterin für Recherche und Konzeption im Lenzburger Stapferhaus in der Schweiz, Sonja Enz, bestätigte, wie persönlich und verschieden Assoziationen zur Heimat sind. Im Riesenrad auf einer Kirmes berichten Menschen aus der Schweiz und aus vielen anderen Ländern, dass Heimat für sie Freunde, Familie, bestimmte  Gerüche, spezielles Essen, Natur, Umwelt und Musik bedeuten.

Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation und Programmleiter im Oderbruchmuseum Altraft in Bad Freienwalde, berichtete über Selbstbeschreibungen seiner Region in verschiedenen Formaten: 50-100 Interviews mit Bewohnern pro Jahr über die eigenen Identität, aus denen sich Führungen der Akteure zu besonderen Orten in der Region ergeben könnten. Als Ergebnis kann auch ein Theaterstück entstehen, wie „Die kluge Bauerntochter“. Es gibt den Bauern der Region eine Stimme und einen künstlerischen Raum. Der leidgeprüfte Bauer sagt z. B. auf der Bühne: „Brot wäre viel teurer ohne Gyphosat, ich habe keinen Urlaub, bei mir geht es 24 Stunden durch.“ Probleme werden durch das Theater gespiegelt.

Eleonora Hummel findet ihre Heimat in der deutschen Sprache, der russischen fühlt sie sich mittlerweile entfremdet. Sie stammt ursprünglich aus  Kasachstan, ihre Eltern sind Wolgadeutsche. Ausgehend von diesen Wurzeln schreibt sie ihren Roman Hummel ihren Roman Die Wandelbaren (erscheint im Herbst 2019) über das Deutsche Theater in Kasachstan, das 1949 erst zerstört und später an anderem Ort wieder aufgebaut wurde.

Für Mark Terkessidis ist Heimat polyphon! Mit seinem Heimatlieder-Projekt gibt er den jungen Leuten der zweiten migrantischen Generation eine Plattform. „Die neue Folklore ist nicht homogen, die Bandbreite ist enorm, je nach Kultur, Land oder Musiker“, sagt Terkessidis. Sie reicht von vietnamesischem Quanggo-Gesang über griechisch- byzantinische Gesänge, osmanische Kunstmusik bis zu kubanischer Folklore. All das wurde in Deutschland in einen neuen Kontext gebracht, wurde durch Remix in neue Formen überführt, erklärte Terkessidis.

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Heimat-Reflexionen am Abend

In der Akademie der Künste präsentierten Musiker aus Vietnam, Kuba und Marokko sowie Terkessidis‘ Mitstreiter Jochen Kühling den KongressbesucherInnen einige musikalische Kostproben der „Heimatlieder aus Deutschland“. Zuvor gab eine szenische Lesung noch mal Stoff zur geistigen Auseinandersetzung. Die Autoren Georg Seeßlen und Markus Metz präsentierten ihr Hörstück „Der kritische Heimat-Abend“ in elf Kapiteln“, z. B. Heimat als Inszenierung, Heimat als Utopie, als Ort der Freiheit und Gerechtigkeit, als Besitz und Eroberung, als Trennung zwischen Heimatlichem und Fremdem.

 

Weitere Infos zum Thema

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken

 ©Andreas Hermsdorf, Pixelio.de 

Wer sind wir? Wie wollen wir leben. Und wie sehen wir unsere Heimat? Diese Fragen werden gegenwärtig wieder häufiger gestellt – nicht erst im Umfeld der bevorstehenden Jubiläumsjahre „30 Jahre Mauerfall“ und „30 Jahre Einheit“. 

Was denken Bürger?

Vermächtnis kommt von Vermachen. Neben der erbrechtlichen Auslegung geht es neben materiellen auch um ideelle Werte, die nach dem Tod hinterlassen bzw. übertragen werden sollen. Und so erkundet die Wochenzeitung DIE ZEIT in  ihrer aktuellen Vermächtnisstudie gemeinsam mit infas – dem Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bonn – sowie dem WBZ – dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: „Was wollen wir nachfolgenden Generationen gerne mit auf den Weg geben? Was ist uns wichtig?“

 © Juergen Jotzo, Pixelio.de 

Zuflucht bei Mitmenschen

Neben dem Befinden über unser Wir-Gefühl und unser Verhältnis zu Fortschritt (technisch und sozial) haben 200 Wissenschaftler in Deutschland 2070 Menschen für die Studie auch zum Thema Heimat befragt. 89 Prozent der Befragten ist Heimat wichtig, aber nur knapp die Hälfte definiert Heimat über Kultur. Wirkliche Heimat finden Menschen bei anderen Menschen, wo sie sich geborgen fühlen: 80 Prozent bei Familie und Lebenspartner, 68 Prozent bei Freunden und Bekannten.

Gegenentwurf zur Digitalisierung

Das Bekenntnis zur Heimat ist indirekt ein Lob auf den direkten „analogen“ Austausch zwischen Menschen. Das mehrheitliche Heimatverständnis ist auch als Reaktion auf die Digitalisierung zu verstehen, die viele Beziehungen im Familien- und Freundeskreis verändert hat. Wie oft dominiert das Handy gemeinsame Gespräche, Treffen, Abendessen…

 © Jens Bredehorn, Pixelio.de 

Heimat ist ein Gefühl

59 Prozent verbinden Heimat mit Deutschland, weniger als die Hälfte mit einer gemeinsamen Religion. Auch Deutsche mit Migrationshintergrund sehen das so und bestätigen die Mehrheitsmeinung: Heimat ist Geborgenheit.

Ganz Deutschland hat Sehnsucht nach Zusammenhalt. Statt Karriere und Aufstieg suchen die Deutschen nun mehr nach „Sinn und Solidarität“, wünschen sich mehr Zeit für Kinder, Freunde und Freizeit. Der Wunsch nach WIR und Geborgenheit ist übrigens noch größer bei Menschen, die sich vor Kriminalität, Terror und Ausländern fürchten und eine geringe Bildung haben.

Was Experten denken

Die Meinung von ExpertInnen zum Thema Heimat stand Ende Juni 2019 im Fokus – beim 10. Bundeskongress der Kulturpolitischen  Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen. Darüber berichte ich in den nächsten beiden Artikeln.:

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

 

Weiteres zum Thema

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT