Musik: Bridges – Musik verbindet

334720_web_R_K_B_by_A.Rausch_pixelio.de © A. Rausch, Pixelio

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche, Teil 3 – Musik

Künstler und Kreativschaffende aus unterschiedlichen Branchen unterstützen überall in Deutschland Geflüchtete: egal ob im Theater oder auf der Opernbühne, in Film- oder Tonstudios, in Architektur- oder Designwerkstätten, in Kunst-Ateliers oder in multikulturellen Küchen, bei Flashmobs, Tanzperformances oder in Game-, App- und Web-Laboren. Die Beispiele der folgenden 10teiligen Blogreihe zeigen, dass Deutschlands Kreativszene ein starker Innovationsmotor für eine gelungene Integration ist, die Parallelgesellschaften vorbeugt und damit uns allen hilft.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA © Gerhard Helminger, Pixelio

Musik I: Bridges – Musik verbindet

Julia Huk und Isabella Kohls haben in Frankfurt am Main das multikulturelles Orchester Bridges – Musik verbindet ins Leben gerufen – mit geflüchteten Musikern aus aller Welt. Die Stücke werden neu komponiert und auf die Musiker bzw. deren Instrumente abgestimmt. Die Komponisten schauen bei der ersten Probe nach den vorhandenen Instrumentalisten und schreiben die passende Musik für die jeweilige Besetzung. Klänge von klassischen Instrumenten wie Klavier, Geige und Klarinette treffen auf Rhythmen orientalischer Trommeln und Zupfinstrumente, wie die sechssaitige Krar aus Eritrea. Initiatorin Julia Huk spielt selbst Klarinette und sagt: „Die Idee hinter dem Projekt ist, dass wir nicht was für Flüchtlinge, sondern mit ihnen etwas machen wollen. Wir wollen sie kennenlernen, wir wollen zusammen mit ihnen Musik machen.“ – Und darüber Brücken bauen. Das nächste Konzert findet am 19.3.2016 im hr-Sendesaal statt.

Musik II: Orientalisch-westliche Völkerverständigung

Orientalische und die westliche Kultur traffen im September 2015 aufeinander, als das „Syrische Exil-Orchester“ ein Konzert in Bremen gab. Offiziell nennt es sich Syrian Expat Philharmonic Orchestra – kurz SEPO. Gegründet hat es Raed Jazbeh, ein junger syrischer Kontrabassist, der 2013 aus Damaskus flüchtete. Heute lebt er in Bremen und hat von dort aus Kontakt zu syrischen Orchestermusikern in anderen deutschen Städten und europäischen Ländern aufgenommen. Martin Lentz, der sonst das Jugend-Symphonie-Orchester Bremen leitet, unterstützt das Exil-Orchester als Dirigent und mit jungen Musikern aus seinem eigenen Orchester. Lentz sorgte auch für die Programmauswahl, eine Mischung aus orientalischen und westlichen Werken. Die Botschaft für das Publikum beschreibt Raed Jazbeh so: „Der Krieg wird uns nicht stoppen. Wir werden immer Musik machen – egal, wo wir sind.“

251363_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio

Musik III: Singen mit Geflüchteten

Einmal in der Woche am Donnerstag treffen sich in Köln-Ehrenfeld (Helmholtzplatz 11) von 17-18.30 Uhr Geflüchtete, AnwohnerInnen und Interessierte. Jeder ist willkommen, Vorkenntnisse sind nicht nötig. Jeder lernt seine Stimme und neue Menschen kennen. Initiiert und geleitet wird der Kölner WillkommensChor von den Musikstudenten Nicole Lena de Terry und Joachim Geibel.

562379_web_R_K_B_by_Juergen Jotzo_pixelio.de © Jürgen Jotzo, Pixelio

Musik IV: bandboxx – Hamburgs erste mobile Musikschule für Flüchtlingskinder

Zwei Tage pro Woche probt der Musikdozent Thomas Himmel mit Flüchtlingskindern in einer mobilen Musikschule, einem grau-rot-gestreiften Maxi-Container von 4×8 Metern Länge. Er steht in einem Erstaufnahmelager für Geflüchtete in Hamburg und soll den jungen Neubürgern die Eingewöhnung in Deutschland erleichtern. Die musikalische Arbeit wirkt sich positiv auf Gruppenfähigkeit, Sprachentwicklung und Integration aus. Mit Unterstützung von Stiftungen und Sponsoren kann das Konservatorium der Stadt die bandboxx regelmäßig betreiben, die auch als Tonstudio dient. Es ist mit digitaler Aufnahmetechnik, einem 16-Kanal-Mischpult und verschiedenen Musikinstrumenten ausgetstattet, mit E-Gitarre und E-Bass, mit Schlagzeug, Keyboard und Gesangsanlage. Für vier Wochen können Kinder und Jugendliche unter Anleitung von Thomas Himmel eigene Songs komponieren, proben und aufnehmen. Am Ende erhält jeder als Ergebnis und Lohn eine eigene CD.

Markus Menke, Direktor des Hamburger Konservatoriums, schwärmt: „Mit dem Bandprojekt bandboxx stärken die jungen Geflüchteten durch Musik ihr Selbstwertgefühl. Sie finden kreative Ablenkung und Beschäftigung, fördern ihre Fähigkeiten zur Empathie und Konfliktlösung. Es hilft auch gegen die Langeweile.“

484942_web_R_K_B_by_Dieter Schütz_pixelio.de © Dieter Schütz, Pixelio

Musik V: Musik und Gespräche

An jedem 2. Donnerstag im Monat um 20 Uhr laden engagierte Hamburger um den Kulturmanagement-Studenten und Musiker Arne Theophil sowie Social Entrepreneur Steph Klinkenborg musikinteressierte Geflüchtete aus den Unterkünften der Barmbeker Nachbarschaft und aus ganz Hamburg ein. Auf Anregung ihrer Initiative Welcome Music Session ist es gelungen,  dass Hamburger gemeinsam mit Geflüchteten im Kulturzentrum „Zinnschmelze“ Musik machen,  einander zuhören, sich kennen lernen und den Abend genießen. Musikinstrumente können mitgebracht werden. Geplant sind außerdem mobile Musikworkshops für jugendliche Geflüchtete. Die Akteure arbeiten in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater und der Initiative Welcome to Hamburg Barmbek.

 

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche

Teil 1. Prolog: Hilfe aus der Kreativbranche für Geflüchtete

Teil 2. Theater: Neue Heimat auf der Bühne

Teil 3. Musik: Bridges – Musik verbindet

Teil 4. Museum: Mit Kunst gegen den Hass

Teil 5. Kunst und Design: Geschichten aus dem Automaten

Teil 6. Architektur: „Instant Home“ mit Origami-Technik

Teil 7. Web, Apps, Games: Flucht als Selbsterfahrung

Teil 8. Kreatives für Geflüchtete: Kochen, Gärtnern, Flashmobs

Teil 9. Kulturarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Teil 10. Medien für Geflüchtete: Ankommen und Lernen

Teil 11. Bürgeridee: Schulungsprogramme über Monitore für Geflüchtete

Teil 12. Nachlese: Kreative Ideen für Geflüchtete aus der Community

 

Aufruf: Noch mehr kreative Ideen für Geflüchtete gesucht!

Was können Künstler für Geflüchtete tun? In meinem Blog MassivKreativ stelle ich engagierte und nützliche Projekte von Kreativschaffenden vor. Die Liste der guten Beispiele soll weiter wachsen und anderen Mut machen, die ebenfalls Aktivitäten planen! Wenn Sie weitere kreative Projekten für Geflüchtete kennen, die ich bislang nicht erwähnt habe, schicken Sie mir gerne Ihre Infos. Ich sammle sie und berichte in einem neuen Artikel über weitere innovative Projekte.  Infos bitte an mich: massivkreativ2015(at)gmail.com

 

Theater: Neue Heimat auf der Bühne

612400_web_R_K_B_by_olga meier-sander_pixelio.de © Olga Meier-Sander, Pixelio

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche, Teil 2 – Theater

Künstler und Kreativschaffende aus unterschiedlichen Branchen unterstützen überall in Deutschland Geflüchtete: egal ob im Theater oder auf der Opernbühne, in Film- oder Tonstudios, in Architektur- oder Designwerkstätten, in Kunst-Ateliers oder in multikulturellen Küchen, bei Flashmobs, Tanzperformances oder in Game-, App- und Web-Laboren. Die Beispiele der folgenden 10teiligen Blogreihe zeigen, dass Deutschlands Kreativszene ein starker Innovationsmotor für eine gelungene Integration ist, die Parallelgesellschaften vorbeugt und damit uns allen hilft.

70531_web_R_K_B_by_S. Hofschlaeger_pixelio.de © S. Hofschlaeger, Pixelio

Theater I: Neue Heimat auf der Bühne – Hajusom

1999 haben die beiden Theaterpädagoginnen und Regisseurinnen Ella Huck und Dorothea Reinicke die Theatergruppe Hajusom in Hamburg gegründet. Sie bietet unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten in neue große „Familie“. Der Name Hajusom setzt sich aus den Silben von drei jungen Geflüchteten zusammen, die das Projekt mit initiiert haben: HAtice aus Kurdistan, JUSef aus Afghanistan und OMid aus dem Iran. Die Formate und Stücke werden von den Jugendlichen selbst entwickelt und erzählen von persönlichen Erlebnissen, Traumata während und vor der Flucht, kombiniert mit Musik, Gesang und Tanz. „Wir haben kein pädagogisches Konzept, sondern behandeln die Jugendlichen als junge Künstler“, sagt die Leiterin Dorothea Reinicke. Bei Tourneen muss das Ensemble viele Herausforderungen meistern – durch die oft nur befristete Aufenthaltserlaubnis oder Duldung oder durch laufende Asylverfahren mit Residenzpflicht in Hamburg. Kunst und Leben fließen zusammen: Neben der Probenarbeit finden die jungen Geflüchteten auch beim gemeinsamen Kochen und Reden zueinander. Probleme werden mit allen diskutiert. Co-Regisseurin Katalina Götz: „Wir haben keine Leitkultur, wir nehmen das Beste von allem und wollen, dass die Kanten zwischen den einzelnen Kulturen weniger scharf sind.“

680426_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Theater II: Vertreibungsgeschichten Mozart-Opern

Anfang 2014 gibt die Stiftung Heimat aus Syrien geflüchteten Muslimen in einem ehemaligen Franziskanerkloster in Oggelbeuren bei Biberach ein neues Zuhause. Einheimische und Künstler in der oberschwäbischen Gemeinde bewegte nur eine Frage: Wie lassen sich Sprachlosigkeit und kulturelle Barrieren überwinden? Der Verein Zuflucht Kultur e.V. plant eine Begegnung auf der Opernbühne mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. Nach dem Erstprojekt „Cosi fan tutte“ wirken die Geflüchteten nun in „Zaide. Eine Flucht“ mit und planen bereits die nächste Aufführung der Oper „Idomeneo“. Gastspiele fanden und finden in zahlreichen deutschen Städten und auch im Ausland statt, zu politischen Anlässen, u. a. bei der UNO und im Deutschen Bundestag, bei Kongressen, in Museen und im Fernsehen, beim Deutschen Kirchentag und bei Anti-Pegida-Demonstrationen.

Jede/r Geflüchtete bringt sich nach Talent und Neigung in die Inszenierungen ein – vom Bühnenbildbau über Stimm- und Körperarbeit bis zur Konzeption von Texten und der Einbindung traditionell syrischer Lieder. Das von Mozart unvollendete Libretto zur Oper „Zaide“ wurde in enger Zusammenarbeit mit geflohenen Künstlern aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Nigeria neu geschrieben. Es geht dabei um die Flucht aus dem eigenen Land und die damit verbundenen Schwierigkeiten und Konsequenzen. Rollen und Perspektiven werden vertauscht: Plötzlich werden Deutsche zu Bittstellern in einem arabischen Land. Der andere Blickwinkel verhilft zu mehr Empathie: Begegnen wir in Deutschland den Geflüchteten so, wie wir es uns selbst in einem anderen Land wünschen würden?

Der Verein Zuflucht Kultur e.V. entstand unter dem Dach der Stuttgarter Symphoniker, will Mut für ein interkulturelles Miteinander machen. Im „Ensemble Zuflucht“, spielen professionelle Musikern der Münchner Philharmoniker, des Bayerischen Staatsorchesters, der Augsburger Philharmoniker, des Theaters Ulm und der Staatsoper Stuttgart. „Oper ist eine zeitlose Gattung“, sagen die Initiatoren, „die aktueller reagieren kann als manch modernes Medium. Sie schafft Begegnung auf dem Boden der Kunst.“

644155_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Theater III: Bürgergipfel über „Das neue Wir“

Das jährlich im Hamburger Thalia Theater stattfindende internationale Festival Lessingtage nimmt gesellschaftlich relevante Themen in den Fokus. 2016 geht es um den gesellschaftlichen Wandel durch Flüchtlinge. Asylsuchende, Hamburger Bürger und Experten diskutieren im Thalia Theater bei einem Gipfel über „Das neue Wir“. Joachim Lux, Intendant des Thalia Theaters, betont: „Theater kann nicht alle Fragen beantworten, aber es kann sie zumindest stellen und aus möglichst vielen Perspektiven auf das Thema Flucht und Menschlichkeit  blicken.“ Das Thalia Theater hat bereits im letzten Jahr in seiner kleineren Spielstätte in der Gaußstraße ein Flüchtlingscafé eingerichtet. In Elfride Jelinineks Stück „Die „Schutzbefohlenen“ arbeiteten Geflüchtete der Lampedusa-Gruppe auch als Darsteller auf der Bühne.

Auch das Schauspielhaus in Hamburg kooperiert mit Geflüchteten auf der Bühne, z. B. in Karin Beiers Schiff der Träume und richtete zeitweise eine Notunterkunft für Geflüchtete im Foyer des Malersaals ein.

640809_web_R_K_B_by_Didi01_pixelio.de © Didi01, Pixelio

Theater IV: Begegnungen an ungewöhnlichem Ort

Regisseur Olek Witt leitet das Theater der Migranten. Für das Projekt «Herz der Finsternis» hat er Geflüchtete und Schauspieler mit Zuschauern zusammengebracht, allerdings nicht im Theater, sondern bei einer nächtlichen Expedition auf Berliner Gewässern. Geflüchtete und Schauspieler wechseln die Rollen, Grenzen und Räume verschieben sich, Identitäten geraten in Zweifel.

693866_web_R_K_B_by_Th. Reinhardt_pixelio.de © Th. Reinhardt, Pixelio

Theater V: Gemeinsames Lachen und Weinen

Die Berliner Schaubühne brachte mit Flüchtlingen die Inszenierung «Letters Home» auf die Bühne. Die selbstverwaltete Flüchtlingstheatergruppe Refugee Club Impulse zeigte dabei die Erfahrungen von Flüchtlingen in Berlin. Die Gruppe trifft sich mittwochs ab 19 Uhr im JugendtheaterBüro Berlin der Initiative-Grenzen-Los! e.V. in Berlin-Moabit. Mit Theater, Tanz, gemeinsamem Essen, miteinander reden auf Augenhöhe, mit viel Austausch, Lachen und Weinen sollen neue Kräfte entstehen.

702437_web_R_K_B_by_Jörg Brinckheger_pixelio.de © Jörg Brinckheger, Pixelio

Theater VI: Kunst und Obdach im Theater

Amelie Deuflard, der Intendantin von Kampnagel in Hamburg ist es zu verdanken, dass eine temporäre Spielstätte des Kampnagel-Sommerfestivals für Geflüchtete winterfest gemacht wurde. Das Hamburger Künstlerkollektiv Baltic Raw initiierte dort 2015 einen Aktionsraum für Geflüchtete der Lampedusa-Gruppe. Die Ecofavela Lampedusa-Nord ist ein hölzerner Nachbau des umkämpften Hamburger Kulturzentrums „Rote Flora“ im Schanzenviertel und erfüllte die ökologischen Standards eines Passivhauses. Einen Winter lang fungierte die Ecofavela als Unterkunft und Begegnungsraum. Die dort untergebrachten Flüchtlinge der Lampedusa-Gruppe lebten in Hamburg zunächst auf der Straße, bevor ein Teil von ihnen vorübergehend Unterschlupf in der St.-Pauli-Kirche fand. Die Ecofavela auf Kampnagel ermöglichte einen sozialen Dialog auf Augenhöhe zwischen Künstlern und Geflüchteten. Berndt Jasper von Baltic Raw: „Das Projekt ist eine Art soziales Labor, Aktionskunst mit dem Ziel, die Flüchtlinge zu integrieren.“

Theater VII: Ort der Begegnung

Das Theater Vorpommern, die Landeszentrale für politische  Bildung MV und die Bundeszentrale für  politische Bildung bieten ab März 2016 für drei Monate Projekte für alte und neue Nachbarn, für Schüler, für Familien und Erwachsene an:
a)   Neue Nachbarn in Gemeinschaftsunterkünften und alte Nachbarn aus dem deutschen Umfeld können  einen Erlebnistag am Theater Vorpommern unternehmen, um sich im Laufe eines Ausflugs in einem Bus mit 50 Personen näher kennen zu lernen. Das Theater bietet ein gemeinsames Essen, eine Führung hinter die Kulissen des Theaters und einen Aufführungsbesuch. Die Angbeote sind sprachlich niedrigschwellig (z.B. Musical, Ballett, Oper o.ä.). Deutsche Gäste zahlen 6,- € p.P., Neubürger zahlen keine Gebühr. Anfragen an: h.heuer@theater-vorpommern.de (Hans-Dieter Heuer).
b)   Familien und Einzelpersonen können gemeinsam mit ihren neuen Nachbarn imRahmen des Kulturpaten-Projekt eine Vorstellung am Theater besuchen. Die Kartenpreise reduzieren sich auf 6,- €, Flüchtlinge erhalten Freikarten. Eine Voranmeldung ist unbedingt notwendig unter: h.heuer@theater-vorpommern.de (Hans-Dieter Heuer)

 

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche

Teil 1. Prolog: Hilfe aus der Kreativbranche für Geflüchtete

Teil 2. Theater: Neue Heimat auf der Bühne

Teil 3. Musik: Bridges – Musik verbindet

Teil 4. Museum: Mit Kunst gegen den Hass

Teil 5. Kunst und Design: Geschichten aus dem Automaten

Teil 6. Architektur: „Instant Home“ mit Origami-Technik

Teil 7. Web, Apps, Games: Flucht als Selbsterfahrung

Teil 8. Kreatives für Geflüchtete: Kochen, Gärtnern, Flashmobs

Teil 9. Kulturarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Teil 10. Medien für Geflüchtete: Ankommen und Lernen

Teil 11. Bürgeridee: Schulungsprogramme über Monitore für Geflüchtete

Teil 12. Nachlese: Kreative Ideen für Geflüchtete aus der Community

 

Aufruf: Noch mehr kreative Ideen für Geflüchtete gesucht!

Was können Künstler für Geflüchtete tun? In meinem Blog MassivKreativ stelle ich engagierte und nützliche Projekte von Kreativschaffenden vor. Die Liste der guten Beispiele soll weiter wachsen und anderen Mut machen, die ebenfalls Aktivitäten planen! Wenn Sie weitere kreative Projekten für Geflüchtete kennen, die ich bislang nicht erwähnt habe, schicken Sie mir gerne Ihre Infos. Ich sammle sie und berichte in einem neuen Artikel über weitere innovative Projekte.  Infos bitte an mich: massivkreativ2015(at)gmail.com

 

Hilfe für Geflüchtete: Ideen und Impulse aus der Kreativbranche

742236_web_R_K_B_by_Tim Reckmann_pixelio.de © Tim Reckmann, Pixelio

Etwa eine Million Menschen flüchteten im Jahr 2015 nach Deutschland, um Krieg, Gewalt, Verfolgung oder Hunger hinter sich zu lassen. Damit sich die Geflüchteten in der neuen Heimat zurechtfinden, tüfteln deutschlandweit unzählige Künstler und Kreative an innovativen Ideen und hilfreichen Begegnungsprojekten. Die Kreativbranche ist wie so oft Impulsgeber bei der Bewältigung aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen. Einige Projekte stelle ich in einer 10teiligen Serie vor (siehe unten).

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche, Teil 1 – Prolog

In welcher Welt wollen wir leben? Integration gelingt am besten durch direkte Begegnung. Die geflüchteten Neubürger brauchen Kontakt zu Einheimischen, um mit der Sprache und der Kultur in der neuen Heimat in Berührung kommen. Das haben Kreative rasch erkannt und gehandelt – mit viel Eigeninitiative und meist wenig Geld. Mit bemerkenswerten Projekten, sehr nützlichen und originellen Ideen engagieren sich Kreative für den erfolgreichen Neustart der Geflüchteten.

Erfindergeist und Kreativität helfen dabei, Grenzen zu überschreiten, Horizonte zu erweitern, Wissen auf neue und andere Bereiche zu übertragen, mit Menschen über ihre Bedürfnisse zu sprechen und so zu neuen Ideen zu gelangen. Frank Berzbach, Psychologe und Autor schreibt in seinem Buch Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen: „Kreative haben die Unzufriedenheit mit dem real Existierenden in ihr Leben eingebaut: Wem die bisherigen Lösungen nicht ausreichen, … wird schöpferisch tätig … Kreativität wird zur Lebensform, wenn wir nicht aufhören darüber nachzudenken, … wie wir die Welt besser hinterlassen.“

 © Hartmuth Bendig, Pixelio

Egal ob im Theater oder auf der Opernbühne, in Film- oder Tonstudios, in Architektur- oder Designwerkstätten, in Kunst-Ateliers und in multikulturellen Küchen, bei App-, Game- oder Websiten-Programmierern, bei Flashmobs und Tanzperformances: Die Beispiele der folgenden 10teiligen Blogreihe zeigen, dass Deutschlands Kreativbranche ein starker Innovationsmotor für eine gelungene Integration ist, die Parallelgesellschaften vorbeugt und damit nicht nur den Geflüchteten hilft, sondern uns allen!

Wir alle können und sollten unser Potential stärker für gesellschaftlich relevante Dinge nutzen. Der Designer Florian Pfeffer hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben – mit 100 sehr weisen Ideen für strukturelles Design: To do: Die neue Rolle der Gestaltung in einer veränderten Welt. Er hat darin einen sehr wichtigen Satz gesagt: „Die Einbeziehung von Nutzern in die Gestaltung durch partizipatives Design kann den sozialen Ausgleich in einer Gesellschaft befördern. So können wir uns mit den Folgen unseres Handelns verbinden statt uns von ihnen abzukapseln.

Sam Pitroda, Telekommunikationsingenieur, Erfinder, Unternehmer und Vorsitzender des National Innovation Council India (Nationaler Innovationsrat Indien) hat es ähnlich aus anderem Blickwinkel formuliert: Die besten Köpfe der Welt arbeiten dort, wo sie keiner braucht – an den Problemen der Reichen. Der große Wandel (in Indien) besteht darin, diese Köpfe dort zu platzieren, wo sie an den Problemen der Armen arbeiten.“

Wie soll unsere Zukunft aussehen? Chandran Nair, der 2005 in Hongkong das Global Institute For Tomorrow gründete, einen Thinktank, der ökonomisches Denken mit sozialem Engagement verbindet, hat darauf geantwortet: „Wir brauchen einen neuen Wissenskanon, in dem es um Gemeinwohl geht … Weniger Autorennen und mehr Tanzwettbewerbe!“

 

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche

Teil 1. Prolog: Hilfe aus der Kreativbranche für Geflüchtete

Teil 2. Theater: Neue Heimat auf der Bühne

Teil 3. Musik: Bridges – Musik verbindet

Teil 4. Museum: Mit Kunst gegen den Hass

Teil 5. Kunst und Design: Geschichten aus dem Automaten

Teil 6. Architektur: „Instant Home“ mit Origami-Technik

Teil 7. Web, Apps, Games: Flucht als Selbsterfahrung

Teil 8. Kreatives für Geflüchtete: Kochen, Gärtnern, Flashmobs

Teil 9. Kulturarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Teil 10. Medien für Geflüchtete: Ankommen und Lernen

Teil 11. Bürgeridee: Schulungsprogramme über Monitore für Geflüchtete

Teil 12. Nachlese: Kreative Ideen für Geflüchtete aus der Community

 

Aufruf: Noch mehr kreative Ideen für Geflüchtete gesucht!

Was können Kreative und Künstler für Geflüchtete tun? In meinem Blog MassivKreativ stelle ich engagierte und nützliche Projekte von Kreativschaffenden vor. Die Liste der guten Beispiele soll weiter wachsen und anderen Mut machen, die ebenfalls Aktivitäten planen! Wenn Sie weitere kreative Projekten für Geflüchtete kennen, die ich bislang nicht erwähnt habe, schicken Sie mir gerne Ihre Infos. Ich sammle sie und berichte in einem neuen Artikel über weitere hilfreicheProjekte.  Infos bitte an mich: massivkreativ2015(at)gmail.com

Jede/r von uns kann und sollte Geflüchteten in einem Bereich helfen, der ihr/m liegt und ihr/m Spaß macht. So lassen sich eigene Glücksmomente mit anderen teilen. Ich spiele leidenschaftlich gerne Tischtennis und habe in meinem Sportclub, dem USC Paloma Hamburg, gemeinsam mit anderen Spielern ein regelmäßiges Tischtennistraining für Gefüchtete ins Leben gerufen – unter dem Dach der Hamburger Initiative Welcome-to-Barmbek.

Sympathische Videobotschaften für Social Media

© Björn Kempcke, BusinessMedien

Klassische Imagefilme sind aufwendig und kosten viel Geld. Doch es geht auch anders. Ich berichte über ein innovatives Filmprojekt, das dank kreativer Ideen auch für kleine Firmen finanzierbar wurde.

Vor 5 Jahren gründete die Journalistin Sylvia Karasch das Portal „Bei-Uns-In-Neuwulmstorf.de“, um Bürgern in der gleichnamigen Gemeinde in Niedersachsen eine Stimme zu geben: ein Serviceportal, das über Ereignisse im Ort informiert und auf dem Geschäftsleute und Unternehmen für ihre Produkte und Dienstleistungen werben können – mit Texten, Fotos und neuerdings auch mit kurzen Webfilmen und einer App.

Innovative Konzeptidee

Die Mischung aus Information und Reklame kommt bei den rund 23.000 Bürgern gut an. Das Portal verzeichnet bis zu 300 Seitenaufrufe pro Tag – mit steigender Tendenz, seit Karasch zusätzlich den Videojournalisten Björn Kempcke und den App- und Website-Experten Hannes Wirtz hinzugeholt hat. Karasch erklärt: „Zusammen haben wir die Idee entwickelt, engagierte Bürger in jeweils zweieinhalb Minuten zu Wort kommen zu lassen bzw. die von ihnen geleiteten Firmen oder Institutionen zu portraitieren – zu einem Preis unter 1.000 €.“

© Hannes Wirtz: Videojournalist Björn Kempcke

Charmante Filmportraits

Neben dem Preis hat die Auftraggeber vor allem das Konzept überzeugt. Im Film kommen Geschäftsleute und Bürger in jeweils zweieinhalb Minuten zu Wort und portraitierten die von ihnen geleitete Firma oder Institution selbst. Björn Kempcke traf pro Tag bis zu drei Protagonisten in ihrer gewohnten Umgebung und befragte sie in kurzen Interviews über ihren Werdegang, ihren Berufsalltag, über Mitarbeiter, Kunden und Partner, über das, was sie täglich antreibt.
Die so entstandenen elf Kurzfilme wurden mit kleinen Zwischenmoderationen bei einem Spaziergang durch den Ort mit Thomas Grambow, dem 1. stellvertretenden Bürgermeister der Gemeinde, zu einem gemeinsamen Film verbunden. Über ein Kapitelmenü lassen sich die Portraits einzeln anwählen. Wer mag, kann sich den gesamten Film wie eine informative Stadtführung durch Neu Wulmstorf anschauen. Man lernt dabei Geschäftsführer, Handwerker, Ärzte, Apotheker, Markt- und Pflegeleiterinnen kennen, ebenso das ehrenamtliche Team des Sozialkaufhauses, den Shantychor, und man erfährt vom Vizebürgermeister auch etwas über die Geschichte des Ortes. Eingeleitet wird der Film mit einem kleinen Grußwort von Sylvia Karasch.

Still Hartmann Elektrotechnik_GF_Willi NeumannFoto Dennys Bull Physio © Björn Kempcke, BusinessMedien

Akteure im Neu Wulmstorf-Film: Hartmann-Elektrotechnik, Geschäftsführer Willi-Neumann (li) sowie Dennys Bull und sein Physiopraxis-Team (re)

Gemeinsam werben

Die Mischung aus Information und Reklame kommt gut an. Dank der gemeinsamen Werbung aller Akteure wurde der Webfilm innerhalb von 2 Monaten über 1700 mal angeklickt. Über das Portal und über youtube kann der Film auch auf den Websites der portraitierten Firmen und Institutionen eingebettet sowie auf Facebook geteilt werden. Björn Kempcke erklärt: „Ich finde es wichtig und zugleich charmant, die Kräfte auf diese Weise zu bündeln. Wenn alle an einem Strang ziehen, kann der erwünschte Werbeeffekt leichter erzielt werden.“

Karten-Widget als Sahnehäubchen

Hannes Wirtz hat für die Aktion als Sahnehäubchen ein mediales Zusatzangebot entwickelt. Er ist Mitbegründer der Audio-Plattform, -Community und -App „audioguideMe“. Sie bietet auf dem Smartphone tausende kleine Geschichten und wird an den Orten ihrer Handlung erzählt. Wirtz hat für Neu Wulmstorf ein Spezial-Widget entwickelt, das jeder Filmakteur auf seine Website stellen kann. Das interaktive Bedienfenster zeigt eine Landkarte – in dem Fall von Neu Wulmstorf – mit kleinen Ortsmarkierungen. Wenn man die Markierungen bzw. Pins anklickt, kann man sich kurze Audio-Ausschnitte aus den Film-Interviews anhören. „Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich sehr berührt, wie sympathisch die Protagonisten rüberkommen“, erzählt Hannes Wirtz begeistert.

Audioguiode-me-Neu Wulmstorf-WidgetAudioguiode-me-Neu Wulmstorf-Mobile © audioguideMe

Es sind gerade die O-Töne, die dieses Projekt wirkungsvoller und überzeugender machen als künstliche Werbetexte. Professionelle Sprecher spulen häufig austauschbare Slogans seelenlos herunter. Engagierte Gewerbetreibende und Bürger hingegen präsentieren ihre eigenen, kleinen Geschichten, die auch für den Zusammenhalt der Gemeinde stehen, für eine Interessengemeinschaft im besten Sinne. Sympathische Videobotschaften für Social Media strahlen Leidenschaft, Authentizität und Herz aus.

In Neu Wulmstorf ist übrigens schon ein neuer Film in Planung. 23.000 Bürger und 1.000 Gewerbetreibenden der Region freuen sich auf möglichst viele Fortsetzungen. Inzwischen hat Björn Kempcke auch ein Video über die Flüchtlinge in der Gemeinde sowie über deren Unterstützer und Helfer im Treffpunkt „Courage“ produziert. Auf sein Honorar hat er verzichtet: „Ich möchte damit zeigen, dass Neu Wulmstorf eine echte Willkommenskultur hat.“


© Björn Kempcke: Die Akteure und Initiatoren des „Courage“ waren für den NDR-Hörerpreis nominiert.

Vielseitig aufgestellt

Björn Kempcke betreut seit 1998 auch die Ton- und Onlinemedien-Seminare an der Akademie für Publizistik. Als Dozent für Crossmedia-Journalismus verrät er die Tricks und Kniffe bei Aufnahme und Schnitt von O-Tönen und Interviews. Seit 25 Jahren ist er als Mediendesigner und Mediendozent, Toningenieur und Musiker tätig. Er betreibt u. a. als Crossmedia-Journalist das regionale Info- und Onlineportal Netzwerk Norddeutschland (bei-uns-in-neuwulmstorf.de/netzwerk-norddeutschland/). Zu seinen Auftraggebern gehören klein- und mittelständische Unternehmen, Verlage (u. a. silberfuchs-verlag.de/ sowie www.massivkreativ.de/, Agenturen (u. a. pilot), Rundfunkanstalten (u. a. NDR), Museen, Theater, Musikfestivals (u. a. VoovFestival) und verschiedene Musikbands (u. a. Komitee für Unterhaltungskunst: Rio Reiser-Cover). Björn Kempcke realisiert u. a. Business-Medien, zugeschnitten auf die gewünschte Zielgruppe: Bewegtbild- und Filmproduktionen, Videointerviews, 360-Grad-Panorama-Aufnahmen und virtuelle Rundgänge, Fotos, Slideshows, Stop-Motion, Musik-Clips, Sounddesign, klingende Visitenkarten, Audioguides (u. a. für die Metropolregion Hamburg), Jingle-,  Audio- und Hörbuchproduktionen sowie Vertonungen für Erklärtrickfilme. Björn Kempcke studierte in Hamburg Musikwissenschaften und absolvierte ebenfalls in Hamburg die School of Audio Engineering (SAE).

Hilfe zur Selbsthilfe

Auch das UnperfektHaus in Essen unterstützt klein- und mittelständische Unternehmer bei ihren medialen Aktivitäten und ermöglicht ihnen, mit überschaubarem Budget in der Social-Media-Welt mitzuspielen. Initiator Gerhard Schröder möchte „mediale Starthilfe“ geben. Er bietet Seminare und Veranstaltungen über Social Media an sowie Einführungskurse in das Fotografieren und Filmen. Gerade hat er eine VideoLabAcademy ins Leben gerufen. Bei kostenlosen Info- und Netzwerkabenden informiert er die Teilnehmer über das Thema „Virale Unternehmenskommunikation via Video“. „Dabei geht es nicht um einen langen teuren Imagefilm, sondern um mehrere kurze Webvideos, Clips für youtube, Instagram, Facebook, die über mehrere Wochen stetig im Netz veröffentlicht werden.“ Inhaltlich ist in diesen „Micro-Stücken“ vieles möglich: Rundgang durch die Firma, Interview mit dem Chef, ein Stellenanzeigen-Video mit einem Aufruf an neue Bewerber, Videos mit Produkterklärungen und Bedienungsanleitungen, also klassische Ratgeber-Inhalte zur Kundenbindung. „Das Interesse an dem Thema ist beim Mittelstand sehr groß“, sagt Schröder.

Suchen Sie sich in Ihrem Ort oder Ihrer Gemeinde Gleichgesinnte. Planen auch Sie das nächste Werbeprojekt gemeinsam mit anderen Unternehmen. Nutzen Sie die Kraft vieler Mitstreiter, um die virale Verbreitung zu steigern. So erreichen Sie mehr als ein Einzelkämpfer.

Inspirationstipps:

  • Audio-App und -Community mit Geschichten zum Hören: audioguide.me

 

Science Fiction und Magic Mirror: Strategische Zukunftsplanung für Unternehmen

alles-mv-de-workshop-kreativprozesse-manuela-heberer © Manuela Heberer, alles-mv.de

Wie soll man sich mit Dingen auskennen, die es bisher noch nicht gab? Strategische Zukunftsplanung im Unternehmen hängt stark von der eigenen Vorstellungskraft ab. 20 Unternehmer in Mecklenburg ließen sich von Akteuren aus der Kreativbranche strategisch und fantasievoll in die Zukunft beamen.

„Eine gute Frage ist der beste Anstoß zu mehr Kreativität.“ – hat der Werbekaufmann Michael Hahn einmal gesagt. Wie generiert Ihr Unternehmen neue Ideen? Wer bringt sie im Unternehmen mit wieviel Raum und Zeit  ein? Wieviele Ideen werden tatsächlich in den Unternehmensalltag implementiert? Woran scheitert ggf. die Realisierung?

Orientierung durch Wollfäden

Inspirierende Fragen eingebettet in künstlerisch-kreative Aktionen – nach diesem Rezept wurden die Zutaten für den Tages-Workshop „kreativprozesse.unternehmen.zukunft“ in Schwerin gemischt. Drei Künstler und vier Kreativschaffende der Innovationswerkstatt projekt:raum vom Rostocker Community-Zentrum „Warnow Valley“ hatten Firmen aus der Region zum visionären Vorausdenken eingeladen. 20 Unternehmer kamen, die meisten aus dem Netzwerk Zukunftsmacher MV. Die Mitglieder wollen im Wettbewerb um die besten Fachkräfte auch kreative Methoden ausprobieren. Etwa so: Kommunikationswege im Unternehmen lassen sich auch mit roten Wollfäden an Flurdecken plastisch vor Augen führen. Für solch ungewöhnliche Ideen nutzen Unternehmen Impulse von außen, z.B. aus der Kreativbranche.

alles-mv-de_workshop-kreativprozesse-lichtperformance-manuela-heberer © Manuela Heberer, alles-mv.de

Berührungspunkte erkunden

„Ich habe den Workshop mit Spannung erwartet, weil wir aufgrund unserer Ausrichtung eher wenig kreativ ist“, erklärt Martina Fregin ihre Motivation zur Teilnahme. Die Geschäftsführerin eines Unternehmens für Klima- und Lüftungstechnik in Bützow war dann aber überrascht, wie viele Berührungspunkte sie bereits zur Kreativbranche hatte, ohne sich darüber bewusst zu sein. Denn neben Musikern und Künstlern repräsentieren auch Architekten, Grafiker und Journalisten die elf Teilbranchen, wie Workshop-Organisatorin Teresa Trabert mit einer originellen literarischen Lesung klar machte. Nach einer Aufwärmphase und Impulsbeiträgen zum Thema Innovation von Unternehmensberaterin Veronika Schubring wurden die Unternehmer selbst kreativ. Drei Workshops standen zur Auswahl: Effectuation: Mit Science Fiction strategisch die Zukunft planen, Magic Mirror: Die eigene Marke als performative Lichtinstallation gestalten und Experience Design: Mit Musik die eigene Unternehmenskultur schaffen.

Mit Comics junge Zielgruppen erreichen

In 20 Sekunden ein Huhn und ein Raumschiff aufs Papier zu bringen, ist schon eine Herausforderung. Aber wie bitteschön visualisiert man den Begriff „Zeitdruck“? Grafiker und Animationskünstler Lennart Langanki, ist klar, dass er seine Teilnehmer damit ins Schwitzen bringt. Am Ende ist er vollauf zufrieden, weil wirklich jedem ein nachvollziehbares Zukunftsszenario gelungen ist. Frank Martens-Jung, Projektleiter für Entwicklung und Vertrieb im Rostocker Wasser- und Abwasserunternehmen OEWA hat vor allem jüngere Zielgruppen im Blick: „Wenn ich unsere Unternehmensziele mit Comics nach außen trage, erreiche ich damit sowohl potentielle Nachwuchskräfte als auch jüngere Kunden.“

Außendarstellung mit Bewegung und Projektion

Matthias Kaulmann ist Prokurist beim Schweriner Energieerzeuger naturwind gmbh mit etwa 30 Mitarbeitern. Kaulmann wagte die Herausforderung „Magic Mirror“, um sein Unternehmen mit eigenen Körperbewegungen bei einer Lichtperformance darzustellen. Dabei stand er zunächst vor der Frage, mit welchen Mitteln er seine Firma wirkungsvoll präsentieren soll: Wie erscheint das Außenbild meines Unternehmens in den Augen anderer? Wie entscheidend sind sinnliche Eindrücke für Innovation und Identifikation?
Mit der „X-Box One Kinect-Technologie“ wurde über Infrarot das Improvisationstheater der Teilnehmer in bunte Leinwandbilder verwandelt, die menschliche Bewegungen wie in einem magischen Spiegel zeigte. Die anderen Teilnehmer sollten die Bilder interpretieren und diskutieren. „Ich war überrascht, dass meine ruhigen Bewegungen auf Andere bei der Vorführung tatsächlich vertrauensvoll wirkten“, so Kaulmann. „Genau das wollen wir in unserem Unternehmen auch erreichen. Wir arbeiten langfristig und nachhaltig. Vertrauen zu schaffen, liegt uns daher besonders am Herzen.“
Gerade die gegenseitigen Rückmeldungen empfanden die Unternehmer als besonders wertvoll, auch Kaulmann: „Über den künstlerischen und spielerischen Ansatz wollte ich herausfinden, wie unser Unternehmen nach außen wirkt und wo es steht.“

Teambildung mit Musik

Wie klingt die eigene Unternehmenskultur? Im Musik-Workshop konnten die Teilnehmer Parallelen zwischen einem Firmenteam und einem Orchester erleben. Überall müssen Menschen einander zuhören und sich engagiert einbringen, wenn im Zusammenklang ein gutes Ergebnis entstehen soll. Um es selbst auszuprobieren, wählte jeder Teilnehmer einen typischen Alltagsgegenstand aus seinem beruflichen Umfeld: Quietschende Textmarker, klappernde Schreibtastaturen und Hackenschuhe, Telefonklingeln und Türklopfen, schellende Türgongs und Computersignale, waberndes Gemurmel. Unter Leitung des Musikers Tobias Wolff mischten sich die Klänge zu einer „Sinfonie des Alltags“. „Ein wertvoller Blick über den Tellerrand“, meint Gastgeber Kevin Friedersdorf, Geschäftsführer der Schweriner Webagentur Mandarin Medien. Und steuerte selbst einen Perspektivwechsel bei, in dem er die Büroklangwelt mit Froschquaken anreicherte – direkt aus dem benachbarten Teich.

Vorsätze

„Wir sind doch alle kreativer als wir dachten“, resümieren die Teilnehmer am Ende einhellig. Viele nehmen sich vor, die fantasievollen und innovativen Impulse aus dem Workshop nachhaltig in den Firmenalltag zu überführen. Auch den Kollegen wollen sie vom Workshop erzählen. Einige planen schon die nächste Aktion mit den Rostocker Kreativen im eigenen Unternehmen, wie z. B. Matthias Kaulmann von der naturwind GmbH.

Journalistin Manuela Heberer vom Onlinemagazin alles-mv.de hat den Workshop begleitet und hofft, dass auch andere Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern „die Begeisterung und den Enthusiasmus der Akteure spüren und erfahren können, was Kreativität im Menschen bewirkt. Unsere Region ist stark von Abwanderung geprägt. Künstler können den Menschen die Augen öffnen – für ihr Lebensumfeld, ihre Firma, ihre Mitmenschen. Und dafür, dass es sich lohnt, hier in Mecklenburg-Vorpommern zu bleiben.“

Inspirationstipps:

• Unternehmer-Netzwerk Zukunftsmacher MV

• Rostocker Innovationswerkstatt von Künstlern und Kreativakteuren: projekt:raum

• Coworking- und Community-Zentrum in Rostock: Warnow Valley

• Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern: Kreative MV

• Medienportal mit Berichten aus Mecklenburg-Vorpommern: alles-mv.de

Fehlerkultur: So helfen Kreative

629220_original_R_K_B_by_Gaby Stein_pixelio.de © Gaby Stein, Pixelio

Fehler passieren jedem. Aber Künstler hinterfragen sie auf besondere Art. Deswegen sollten sich Unternehmer mit ihnen zusammentun. Das Gefühl, perfekt sein zu müssen, lähmt ganze Firmenetagen. Es soll Unternehmen geben, in denen Mitarbeiter aus Angst vor Fehlern und Jobverlust gar keine Entscheidungen mehr treffen. Unsere Welt ist so komplex geworden, dass sich Fehler kaum vermeiden lassen. Eine Null-Fehler-Toleranz ist weltfremd. Mit Vermeidungsangst wäre der Astronaut Neil Armstrong sicher nie auf dem Mond gelandet. Der Dichter Friedrich Dürenmatt bemerkte in einem Vortrag: „Vielleicht ist das Scheitern des Versuchs Einsteins, eine allgemeine Feldtheorie aufzustellen, für die Physik sein wichtigster Beitrag.“

Resilienz: nach Fehler wieder aufstehen
Irren ist menschlich. Trotzdem macht keiner gerne Fehler. Auch, wer sein Bestes gibt, ist vor Fehlern nicht gefeit. Entscheidend ist die Offenheit und Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen, sich nicht entmutigen zu lassen. Jeder kennt Höhen und Tiefen im beruflichen Alltag. Wer Niederlagen von vornherein einkalkuliert, den wird ein Rückschlag nicht völlig aus der Bahn werfen. Psychische Widerstandsfähigkeit kann trainiert werden und wird immer wichtiger, um Krisen erfolgreich zu meistern.

Screenshot_Emerge_4 © PatientZero Games

Neugierde als Triebkraft
Krampfhaftes Streben nach Perfektion macht betriebsblind. Manchmal hilft es sogar, nicht alles zu wissen, wie in interdisziplinären Projekten. Nachfragen führen zu ungewöhnlichen Erklärungen, anderen und neuen Lösungsansätzen. Die Spannung zwischen Nichtkönnen und Können kann zur produktiven Triebkraft werden. Wer bereit ist, sich mit Leidenschaft in fremde und neue Szenarien hineinzudenken und sich mit anderen Experten auszutauschen, kann dazulernen. So hat es auch das Hamburger Startup „PatientZero Games“ um Arne Klingenberg, Fabian Jäger und Georg Treml gemacht. Das Dreierteam mit zwei Informatikern bzw. Games-Programmierer und einem Grafikerdesigner entwickelt derzeit das Serious Game EMERGE. Das PC-Spiel simuliert typische Szenarien in der Notaufnahme eines Krankenhauses unter realistischen Bedingungen.

EMERGE_Screenshot2 © PatientZero Games

„Am Anfang war das medizinische Metier noch ziemlich fremd für uns“, erklärt sein Kollege Fabian Jäger. „Dass wir fachliche Unterstützung von Medizinern des Universitätskrankenhauses Eppendorf und der Universitätsmedizin Göttingen erhalten, ist ideal. Man lernt viel voneinander.“ Berufsanfänger können mit der Software die reibungslose Aufnahme eines Patienten üben, ihm Fragen zu seinem Befinden zu stellen, die Akten sorgfältig auszufüllen, einen Überblick über Medikamente, Röntgenbilder zu erhalten sowie Kenntnisse über frühere Krankheiten und Untersuchungen zu erlangen. „Die ersten Reaktionen der angehende Mediziner, Studenten und Assistenz-Ärzte sind durchgehend positiv, ebenso auf Messen, berichtet Fabian Jäger. EMERGE wurde u. a. auf der Lerntec, der CeBIT und der Fachmesse für Medizintechnik „conhIT – Connecting Healthcare IT vorgestellt.

EMERGE_Screenshot1 © PatientZero Games

Mangel im Gespräch erkannt
Die Idee zu EMERGE stammt unter anderem von dem Göttinger Medizindidaktiker und Kardiologen Prof. Dr. Tobias Raupach. In Gesprächen mit dem jungen Team um Klingenberg beklagte Raupach, dass die meisten Medizinstudiengänge keine Lerneinheiten zum Zeit- und Stressmanagement vorsehen. Das Startup „PatientZero Games“ nahm diese wichtige Information sofort auf, um vor allem medizinischen Berufsanfängern zu helfen, die häufig doppelt gefordert sind: Sie haben wenig trainierte fachliche Fähigkeiten und müssen bei ihren Handlungen ständig Prioritäten setzen.
Im Rahmen seiner Masterarbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg entwarf Klingenberg die ersten Szenarien und realisierte dann gemeinsam mit dem Grafikdesigner Georg Treml und dem Informatiker Fabian Jäger einen Prototyp. Seit gut anderthalb Jahren wird er weiterentwickelt. In Göttingen und Hamburg wird EMERGE bereits bei den Projektpartnern eingesetzt. Jäger hofft, „dass sich weitere Krankenhäuser in Deutschland beteiligen, damit immer neue Szenarien und Krankheitsbilder hinzukommen.“

Künstler hinterfragen Fehler
Gewohnheiten über Bord werfen, Modelle und Prozesse hinterfragen: Hier setzen auch die kreativen Aktionen im Rahmen Künstlerischer Interventionen an. Künstler gehen für eine befristete Zeit in Unternehmen oder Organisationen und bearbeiten eine konkrete unternehmerische Fragestellung. Lena Mäusezahl, Leiterin der Initiative „Unternehmen! KulturWirtschaft“ am Nordkolleg Rendsburg begleitet die Künstlerischen Interventionen als Vermittlerin zwischen Wirtschaft und Kreativen. Gerade im Gesundheitsbereich sieht sie sinnvolle Kooperationen: „Viele Fehler passieren in Stresssituationen und im Kommunikationsprozess. Künstler können dem Krankenhauspersonal im Rahmen einer Künstlerischen Intervention gefährliche Routinen vor Augen führen, Perspektivwechsel anregen und einen Zwischenraum für Kommunikation bieten. Das kann zu mehr Aufmerksamkeit und Verständnis führen, z. B. für die Einhaltung der Hygienevorschriften.“

Perspektivwechsel im Krankenbett
Wie fühlt sich ein Patient mit akuten Schmerzen, wenn er ins Krankenhaus eingeliefert wird? Für derartige Überlegungen bleibt dem Personal kaum Zeit angesichts des enormen Drucks, in Windeseile lebenswichtige Entscheidungen treffen zu müssen. Dabei sind Emotionen für die Genesung und das Wohlbefinden der Patienten enorm wichtig. Das Herzzentrum des Klinikums Oldenburg hat sich von einem Künstlerteam bei der Gestaltung neuer Räumlichkeiten unterstützen lassen, begleitet von der Kreativ-Initiative 3×3 des Künstlers Peer Holthuizen. Das interdisziplinäre Kreativteam animierte die Mitarbeiter zum Perspektivwechsel und legte sie in ein fahrbares Krankenbett. Was sehen Patienten, wenn sie liegend durch die Gänge geschoben werden? Was fühlen sie, wenn grelles Licht, kahle Wände und schrille Geräusche auf sie einwirken? Die Künstler entwickelten kein oberflächliches ornamentales Design, sondern brachten funktionale Anforderungen mit dem Wohlbefinden der Patienten in Einklang. Ein integrierter Wandelgang mit warmen Lichteffekten entstand, interaktive Informationen zur Orientierung des Patienten und die Idee für einen persönlichen Ansprechpartner im Haus, der den Klinikalltag weniger anonym machen soll.

Fazit
Mehr Mut zum Risiko, mehr Offenheit für Kritik, mehr Ehrlichkeit bei Fehlern. Manchmal hilft ein fachfremder Blick von außen, um nicht betriebsblind zu werden und Routinefehlern unnötig ausgeliefert zu sein. Nicht alles zu wissen, kann ein Vorteil sein. Es braucht Mut, gewohnte Abläufe zu hinterfragen, mit Leidenschaft und Offenheit nach neue Lösungsansätzen zu suchen. Akteure aus der Kultur- und Kreativbranche bringen diese Eigenschaften mit. Lassen Sie sich von ihnen über die Schulter schauen und kreativ beraten!

Inspirationstipps:

• Simulationsspiel EMERGE: Notaufnahme im Krankenhaus und Startup

Animationsvideo über EMERGE

Innovationsprojekt im Klinikum Oldenburg

• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg

Filminterview mit Lena Mäusezahl, die zwischen Unternehmern und Künstlern vermittelt

• Ralf Caspary (Hg.): Nur wer Fehler macht, kommt weiter: Wege zu einer neuen Lernkultur. Herder Verlag 2008, darin: Fehlerkultur als Unternehmensressource, S. 135 – 153

Kreativwirtschaft auf Erfolgskurs

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Deutschland ist ein Land der Klein- und Kleinstunternehmen. Nur knapp 1 Prozent der Firmen beschäftigt mehr als 250 Mitarbeiter. Rund 93 Prozent von insgesamt 5 Millionen Unternehmen sind Selbstständige, Einzelpersonengesellschaften und Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern. Um das eigene Potential effektiv einzusetzen und die Konkurrenz überschaubar zu halten, muss ein Einzelkämpfer genau überlegen, welche Produkte oder Serviceleistungen er anbietet.

Profilschärfe und Vernetzung
In der Kultur- und Kreativwirtschaft sind 97 % der Akteure Einzelunternehmer und Freiberufler. In einem monopolisierten Markt ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, gehört für sie zum Alltag. Zugleich ist die Vernetzung mit Spezialisten anderer Branchen überlebenswichtig, insbesondere wenn man den Auftragszuschlag für größere Projekte erhalten will. In der Gamesbranche verbinden sich Autoren, Konzepter, Programmierer, Psychologen, Grafik- und Sounddesigner in gemeinsamen Think Tanks. Film-Projekte sind ähnlich vielschichtig angelegt. „Wenn ein Ingenieur oder Programmierer sich mit einem Autor oder Designer verständigt, gibt es zuweilen „Sprachprobleme“, weiß Roland Weiniger, „aber die lassen sich rasch überwinden.“ Als Leiter des gemeinnützigen PIAGET-Instituts in Nürnberg ist Weiniger Experte für branchenübergreifende Projekte. Sein Team überträgt Spielmechanismen auf andere Bereiche, wie Wirtschaft, Gesundheit und lebenslanges Lernen. Wenn es einmal hakt, vermitteln geeignete Intermediäre zwischen den Akteuren, die vor allem kommunikationsstark und sozialkompetent sind.

Erfolgreich trotz kleiner Budgets
Kleinunternehmen haben meist nur überschaubare Budgets. Doch gerade aus der Not der Beschränkung erwachsen alternative, kreative Ideen, etwa in der Arbeitswelt. Coworking Büros von Kreativen hatten ursprünglich den Zweck, Räume und Ressourcen, aber auch Fähigkeiten und Wissen zu teilen. Längst arbeiten auch Unternehmen klassischer Branchen so, weniger aus ökonomischer Motivation heraus, sondern um interdisziplinär an neuen Ideen zu schmieden.

Vordenker für Trends
„Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist immer Vorreiter gewesen, wenn es um neue gesellschaftliche Entwicklungen gegangen ist“, sagt Frank Fischer, Leiter der Initiative „Kultur- und Kreativwirtschaft“ der Bundesregierung, die beim Ministerium für Wirtschaft und Energie angesiedelt ist. Ein bewusster Umgang mit Energie und Ressourcen, nachhaltiges Handeln, Vielfalt und die Kultur des Teilens wurde vor allem von Künstlern in die Gesellschaft hineingetragen. Neue Geschäftmodelle sind daraus entstanden, z. B. Carsharing, Upcyling, neue Wertschöpfungsketten und Branchen wie die Bio-Ökonomie.

Volkswirtschaftliche Fakten
Die Initiative „Kultur- und Kreativwirtschaft“ der Bundesregierung ist im Jahr 2007 angetreten, um der kreativen Branche stärker Gesicht und Gewicht zu geben. Durch innovative Veranstaltungsformate und Wettbewerbe soll auch die klassische Wirtschaft auf neue Kreativunternehmer und innovative Geschäftideen aufmerksam werden. Die volkswirtschaftlichen Daten beeindrucken: „Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist bei der Bruttowertschöpfung vergleichbar mit anderen großen Branchen, wie der Automobilindustrie und der chemischen Industrie“, erklärt Fischer. „Nach dem Monitoring-Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums hat die Branche 2014 einen Gesamtumsatz von 146,3 Mrd. Euro erzielt.“ Ihr Umsatz wächst seit 2009 jährlich um etwa 2,2 %. Die Branche ist vielfältig: Zur Kulturwirtschaft zählen Darstellende Kunst, Musik-, Buch-, Kunst-, Presse- und Architekturmarkt, ebenso Film-, Rundfunk-, und Designwirtschaft, zu den Kreativbranchen der Werbemarkt sowie die Software- und Games-Industrie.

Befruchtungseffekte nutzen
Sogar die EU setzt seit 2012 darauf, die Kreativbranche als Motor für Wachstum und Beschäftigung zu nutzen und will geeignete Projekte unterstützen: ”Durch ihre Schnittstellenposition zwischen Kunst, Wirtschaft und Technologie ist die Kultur- und Kreativwirtschaft dafür prädestiniert, Spillover-Effekte in andere Branchen anzustoßen.“ *
Spillover meint Wechselwirkungen und Übertragungseffekte zwischen verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft: Wirtschaft, Politik, Kultur, Wissenschaft, Stadtentwicklung. Alles soll sich gegenseitig befruchten. Die große Herausforderung, so Frank Fischer, bestehe in nächster Zeit darin, die Kreativen nicht nur untereinander zu vernetzen, sondern sie stärker mit den Branchen der klassischen Wirtschaft zu verbinden. Von der Zusammenarbeit können alle nur profitieren.

Reihe: Von der Kultur- und Kreativwirtschaft zur Nachahmung empfohlen
Gelungene Projekte sprechen für sich: Zukünftig stelle ich Ihnen konkrete Praxisbeispiele vor: interdisziplinäre Innovationsprojekte zwischen Akteuren der Kultur- und Kreativbranche sowie klein- und mittelständischen Untenehmen der klassischen Wirtschaft.
Themen sind: Digitalisierung und Industrie 4.0, Kundenservice, Design und Verpackung, lebenslanges Lernen und Gamification, Produkterweiterung und Unternehmenswandel, Marketing und Außendarstellung, interne und externe Kommunikation, Demografiewandel und Vielfalt, Personalführung, Logistik und Social Media, Nachhaltigkeit und Fehlerkultur.

Schreiben Sie mir, wenn Sie bereits erfolgreiche Vernetzungsprojekte kennen oder selbst daran beteiligt waren. Ich stelle die innovativen, interdisziplinären Vorhaben gerne vor! massivkreativ2015@gmail.com

Quellen und Inspirationstipps:

● Initiative Kultur- und Kreativ-Wirtschaft der Bundesregierung beim BMWi

● Video-Interview mit Frank Fischer, Leiter der Initiative „Kultur- und Kreativwirtschaft“ der Bundesregierung, am 14.7.2015, Autorin: Antje Hinz: www.massivkreativ.de/kreativquoten

PIAGET-Institut Nürnberg, interdisziplinärer Verbund von außeruniversitären Forschungseinrichtungen:

● Monitoring-Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums über die Kultur- und Kreativwirtschaft, 2014

Die Kultur- und Kreativwirtschaft als Motor für Wachstum und Beschäftigung in der EU unterstützen /* COM/2012/0537 final */ – MITTEILUNG DER KOMMISSION AN DAS EUROPÄISCHE PARLAMENT, DEN RAT, DEN EUROPÄISCHEN WIRTSCHAFTS- UND SOZIALAUSSCHUSS UND DEN AUSSCHUSS DER REGIONEN:

Zu diesen interdisziplinären Think Tanks und Kreativ-Netzwerken können Sie Kontakt aufnehmen:

KREATIVE DEUTSCHLAND: überregionales Netzwerk und Plattform, getragen von den Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft, hier finden Sie Kontakte und Ansprechpartner zu regionalen Netzwerken der Kreativbranche

KULTURGILDE: Verband, Interessenvertretung und Plattform für Kreativnetze und Verbundprojekte der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland

BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen. Kreative Nachwuchskräfte erarbeiten unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze

● Das INNOVATIONSLABOR – Virtueller Innovationsinkubator für technologiebasierte Verwertungs- und Geschäftsideen, Projekt von „Der Innovationsstandort e.V.“, koordiniert von der Stadt und der Wirtschaftsförderung Dortmund

UnperfektHaus Essen: Spielwiese für Kreativität, Innovation und Simulation

© MassivKreativ

Die spielerische Fassade lockt die Besucher schon weitem an: Eine riesige Kugelbahn aus gelben und grünen Plastikröhren an der Fassade lässt Ungewöhnliches erahnen. Das „UnperfektHaus“ in Essen bietet auf fünf Etagen und 5.000 Quadratmetern Einfallsreichtum pur: Künstler-Ateliers und Werkstätten, Spiele-Etage mit Carrera-Bahn, Flipper, Billard und Dart, multifunktionale Coworking Spaces, wie man sie aus den Beta-Häusern der Großstädte kennt. Überall schillert viel Unternehmergeist und Kreativität, findet sich Anregendes für Leib und Seele, Augen und Ohren, Herz und Hirn. Café und Restaurant im Erdgeschoss bieten den kulinarischen Rahmen für fruchtbare Gespräche. Im Wintergarten versammelt sich Unternehmen zu Veranstaltungen und Seminaren. Für den Weitblick und neue Horizonte laden zwei Dachterrassen ein.

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Unternehmergeist und Kreativität
Gründer Reinhard Wiesemann möchte Menschen zusammenbringen, die normalerweise nicht aufeinander treffen würden: All das können Gäste zu einem günstigen Komplettpreis nutzen, der sich nach der Aufenthaltsdauer im Haus und sonstigen Wünschen bemisst. Wer bis zu 5 Stunden bleibt, das Buffet nutzen möchte inkl. einer Flatrate für Softgetränke, zahlt z.B. 19,90 €. Schnelles WLAN gehört im ganzen Haus zur kostenfreien Grundausstattung, ebenso Flipcharts und Moderatorenkoffer bei Seminaren. Wer ein Seminar für seine Firma bucht, kann alle Angebote im Haus kostenfrei mitnutzen und den Künstlern jederzeit über die Schulter schauen. Überall schillert viel Unternehmergeist und Kreativität, findet sich Anregendes für Leib und Seele, Augen und Ohren, Herz und Hirn. Café und Restaurant im Erdgeschoss bieten den kulinarischen Rahmen für fruchtbare Gespräche. Im Wintergarten versammelt sich Unternehmen zu Veranstaltungen und Seminaren. Für den Weitblick und neue Horizonte laden zwei Dachterrassen ein.

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Treffpunkt für unterschiedliche Akteure
Wiesemann ließ ein ehemaliges Franziskanerkloster aus den 50er Jahren nach seinen Ideen umbauen. Er sieht sich als Brückenbauer und bereitet den Nährboden für Begegnungen zwischen Menschen, die normalerweise nicht aufeinander treffen würden: etablierte Firmen und Start-Ups, Wirtschaft und Kultur, Business und Ehrenamt, Kunst und Kommerz. Innovation entsteht, wenn sich Menschen verschiedener Lebenswelten begegnen und einander inspirieren. Klein- und Mittelständler tagen hier, große Energieversorger und Verbände, wie die Deutsche Gesellschaft für Hauswirtschaft.

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Kreativer Tagungsort
„Das UnperfektHaus lädt zum Freidenken ein“, schwärmt Marie-Jo Goldmann, Trainingskoordinatorin des Kosmetikunternehmens LUSH, das hier regelmäßig Schulungen und Produktpräsentationen abhält. „Statt steriler Tagungsräume im Hotel bietet das UnperfektHaus eine entspannte und fruchtbare Location, viele Räume für unterschiedlichste Bedürfnisse.“ Kleine Nischen und Rückzugsorte ermöglichen auch vertrauliche Gespräche, z. B. vor der Kulisse eines idyllisch gemalten Sonnenuntergangs.
Bis zu 500 Personen können bei Feiern und Events im Haus versorgt werden. Vor Messen der Automobil- und Spielebranche in Essen finden Warm-Ups im Unperfekthaus statt. Dann tauschen sich über 300 Hersteller, Experten und Multiplikatoren über neue Produkte und Trends aus. Initiator Roland Weiniger und Mitbegründer des Verbandes SpieleGilde ist überzeugt: „Viele der Gäste kommen wegen der bunten Atmosphäre in diese Kreativoase.“

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Simulationsort für Geschäftsbeziehungen
Stephan Lampel engagiert sich als Netzwerker im UnperfektHaus. Er lädt Gründer, Klein- und Mittelständler zu Informationsveranstaltungen und Barcamps ein, zu Kreativitätsworkshops, Themenwochen und Diskussionen über Arbeitswelten und Wissenstransfer. „Jeder Unternehmer, der einen neuen Geschäftspartner näher kennen lernen möchte, sollte ihn im UnperfektHaus treffen“, empfiehlt Lampel. „Da findet sich sofort Gesprächsstoff. Die Ateliers, die kreativen Objekte und die Gespräche mit den Künstlern bieten viele Anknüpfungspunkte, so dass man von seinem Gegenüber eine Menge erfährt –über dessen Geschmack, Werte und Visionen. Diesen inspirierenden Rahmen findet man nirgendwo sonst“, sagt Lampel.

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Ideale Bedingungen
Jeder Gast kann sich auf allen Ebenen an den Getränke jederzeit frei bedienen, ebenso am Buffet im Erdgeschoss. Für Firmenveranstaltungen ein unschlagbarer Vorteil: „Das lässt mich ruhiger schlafen, weil ich in unserem Zeitplan nicht so streng an Essenszeiten gebunden bin wie z.B. in einem Hotel“, sagt Marie-Jo Goldmann von LUSH. „Es gibt hier veganes und vegetarisches Essen, sogar Sonderwünsche zu Motto-Parties wie Zuckerwatte und gebrannten Mandeln werden von den Mitarbeitern organisiert.“

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Irritation und Freiraum
Der Name des Hauses soll bewusst irritieren. „Zuviel Perfektion lähmt die Gesellschaft“, erklärt Wiesemann. „Das UnperfektHaus ist der Kontrast zu dem, was Geschäftsleute verständlicherweise im Alltag leben müssen. Perfektion führt aber oft auf eingefahrene Schienen, wenn man nicht ab und an ausbricht.“
Wiesemann und sein Team bieten Raum für Gedanken, Perspektivwechsel und Projekte, die nicht immer zu Ende gedacht sein müssen. Neue Ideen brauchen Raum für Simulationen, um Vorhaben modellhaft auszuprobieren und ruinöse Fehler zu vermeiden. „Wenn die Gesellschaft keinen Freiraum zur Erprobung lässt, gibt es nach der Finanzkrise noch weitere Krisen in Bereichen, in denen wir uns zu sicher sind und nur auf eine Denkweise setzen“, fürchtet Wiesemann.

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UnperfektHOTEL
Bei allem Freigeist: Business braucht Komfort. Wiesemann hat daher direkt angrenzend das UnperfektHOTEL geschaffen. Während das UnperfektHaus das Kreative und Ungeplante zelebriert, wird im Hotel nichts dem Zufall überlassen: Zimmer mit komfortabler Ausstattung, wie sie Geschäftsleute aus normalen Tagungshotels kennen, und besonderen Extras, wie einer Regendusche und Schilfgras-Tapeten. Die Business-Zimmer haben Konferenztische und 55″-Monitore, Kosten ab 159 €, normale Einzelzimmer lassen sich ab 79 € buchen.
Teams und Seminargruppen mit bis zu 14 Personen, die eine familiäre WG-Atmosphäre suchen, können im WG-Hotel unterkommen. Der Kühlschrank wird vom Personal gefüllt, Sonderwünsche gerne berücksichtigt. Auf der Website lobt ein Firmengast: „Es hat uns großen Spaß gemacht, zusammen zu kochen und zu essen. Wir hatten in dieser schönen Atmosphäre viele gute Gespräche, die in einer anderen Umgebung gar nicht möglich gewesen wären.“

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Neues wagen in einzigartiger Umgebung
„Die Gäste schätzen Räume, die nicht immer „brav“ sind“, weiß Wiesemann. Gleichgesinnte und Unterstützer sorgen dafür, dass das Haus zum Ankerplatz großer und kleiner Akteure wird. Das UnperfektHaus wurde für sein Konzept mehrfach ausgezeichnet: mit dem Innovationspreis vom Netz innovativer Bürger, dem 2. Preis beim N.I.C.E. Award – dem europäischen Wettbewerb für die besten Spillover-Projekte zwischen Kultur und Wirtschaft, als Botschafter von proRuhrgebiet, mit dem Kulturpreis 2007 und dem Senfkornpreis der katholischen Kirche.

Rauskommen, sich frischen Wind um die Nase wehen lassen und nebenher Inspirationen von Kreativen und Jungunternehmern erhalten: Genau diese Mischung bietet das UnperfektHaus. Die Ateliers der Künstler stehen jedem Besucher offen. Meine Empfehlung: Nutzen Sie als Gast die Chance und kommen Sie ins Gespräch! Lernen Sie eine faszinierende Branche und charmante Projekte kennen. Über das VideoLab für Mittelständler berichte ich hier in Kürze.

Inspirationstipps:

● UnperfektHaus in Essen: www.unperfekthaus.de

● Rundgang durch das UnperfektHaus und das UnperfektHOTEL sowie Filminterview mit Mitarbeiter Daniel R. Buchwald über die Aktivitäten, das Selbstverständnis und die Visionen der einzigartigen Kreativoase: www.massivkreativ.de/kreativquartiere/

● komfortable Hotelzimmer als privater Rückzugsort: www.unperfektHOTEL.de

● gemütliche Unterkunft für Teams und Gruppen: www.wg-hotel.de

Medienfassaden und Space Cocktails: Innovative Impulse für die Wirtschaft

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© Antje Hinz, Ausstellung der WFB_BRENNEREI next generation lab am 24.9.2015

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      Telefon-Interview-Brennerei-Andrea-Kuhfuß_geschnitten_Teil-2-klein

Der Innovationsdruck für Unternehmen steigt. Die Produktzyklen werden immer kürzer, der Markt verlangt ständig nach neuen Fabrikaten und Dienstleistungen. Innovationen lassen sich selten aus der täglichen Arbeitsroutine heraus generieren, sagt Andrea Kuhfuß von BRENNEREI next generation lab, einem interdisziplinären Innovationsprojekt der Wirtschaftsförderung Bremen in Zusammenarbeit mit Absolventen kreativer und künstlerischer Studiengänge. Ich habe mit ihr und mit Andreas Heyer, dem Vorsitzenden Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen, gesprochen.

Marktausbau durch kreative Produkterweiterung

Wovon viele Unternehmen träumen, ist der ONLYGLASS GmbH aus dem niedersächsischen Verden gelungen. Das Familienunternehmen hat sich auf Glasveredelung spezialisiert. Mit Blick auf den internationalen Markt suchte Geschäftsführer Reinhard Cordes vor einigen Jahren gezielt nach einem Alleinstellungsmerkmal. Bei einer Reise nach New York fielen ihm auf dem Time Square die riesigen Reklametafeln auf, die die historischen Fassaden verdecken und verunstalten. Eine Alternative aus Glas wäre viel besser, dachte Cordes damals, zumal Glasfassaden im Städtebau topaktuell sind. Seine Idee lässt ihn nicht mehr los. Über vier Jahre entwickelt ONLYGLASS gemeinsam mit Partnern aus Hochschulen in Braunschweig, Hamburg und Aachen/Jülich eine neue Medienfassade mit LED-Technik. Senkrecht angeordnete Leuchtdioden werden in den Zwischenraum von Isolierglasscheiben integriert. Der große Vorteil: Die Medienfassaden sind transparent, der Blick aus dem Fenster wird nicht getrübt. Das Zusammenspiel der bunten LEDs reguliert ein Computer.

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© Christian O. Bruch: Opening Klubhaus / fact+film: Mitarbeiter / Christoph Sodemann: Kind

Think Tank für Unternehmen

ONLYGLASS forscht nicht nur nach neuen Technologien. In einem Think Tank der Wirtschaftsförderung Bremen finden die Glasexperten kreative Vordenker. Im Rahmen des Stipendiatenprogramms „BRENNEREI next generation lab“ tüfteln acht sorgsam von einer Jury ausgewählte Absolventen künstlerisch-kreativer Studiengänge an einer konkreten unternehmerischen Fragestellung. Sechs Monate dauert eine Projektphase. Für ONLYGLASS ermitteln die jungen Kreativen alternative Einsatzmöglichkeiten ihrer Produkte: Welcher erweiterte Markt lässt sich mit den neuen Medienfassaden erschließen? Umgangssprache unter den Stipendiaten englisch, sie stammen aus der ganzen Welt. Die meisten haben Kommunikations- und Design-Studiengänge absolviert und stellen sich hoch motiviert der doppelten Herausforderung: einerseits in einem interdisziplinären Umfeld zu arbeiten, andererseits reale Szenarien aus der Wirtschaft zu fokussieren. Unter Anleitung von Mentoren und Experten und im Dialog mit den Auftraggebern von ONLYGLASS erarbeiten die jungen Absolventen innovative Lösungsvorschläge.

Die Wurzeln

Vorgänger des interdisziplinären Stipendiatenprogramms ist das Designlabor Bremerhaven, angetreten im Jahr 2000, um Nachwuchskräfte aus designorientierten Disziplinen zu professionalisieren und gleichzeitig innovative Impulse in die Wirtschaft zu tragen. Seit 2012 wird dieses Vorhaben nun von „BRENNEREI next generation lab“ realisiert, aktuell arbeiten die Stipendiaten am sechsten und siebten Kooperationsprojekt. Von der Initiative der Wirtschaftsförderung Bremen profitieren alle Partner. Unternehmen zahlen an den Think Tank einmalig 12.500 € und erhalten für wenig Geld innovative Impulse für neue unternehmerische Ansätze. An die Stipendiaten fließt ein monatliches Honorar von 1.580 € brutto angelehnt an den Mindestlohn. Der eigentliche Gewinn für die jungen Kreativen liegt im Zugewinn an Erkenntnissen. Sie sammeln Erfahrungen im Team, im Prozess- und Projektmanagement, in der Konzeptentwicklung und der Kommunikation.

© WFB_BRENNEREI next generation lab

Praxisnahes, branchenübergreifendes Arbeiten

Andreas Heyer, Vorsitzender Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen erklärt den großen Erfolg des Programms in dessen besonderer Konzeption: „Normalerweise holen sich die Unternehmen ihre Beratung und Begleitung von außen – also immer nach einem bestimmten Muster und aus einer typischen Branche. Im Rahmen unseres Stipendiatenprogramms stellen wir bewusst interdisziplinäre Teams aus branchenfernen Fachrichtungen zusammen. Unsere Absolventen eröffnen Sichtweisen und Blickwinkel, die in der Unternehmenslandschaft bisher gar nicht vorhanden waren. Ein Absolvent aus der Kulturwirtschaft sieht die IT-Branche aus einem ganz anderen Blickwinkel als eine IT-spezifische Beratungsagentur. Das ist der große Mehrwert, dass hier andere Denkmuster zum Tragen kommen.“

Nachwuchsgewinnung

Die unkonventionellen Ideen der jungen Kreativen haben viele Unternehmer überrascht. Vor allem deren unbändige Energie empfinden sie als sehr inspirierend und nehmen die besondere Atmosphäre gern in die Unternehmen mit. Hinzu kommt ein weiterer Mehrwert, betont Heyer: „In einem praxisnahen Umfeld treten die Firmen sehr früh in den Dialog mit jungen Absolventen ein und können sich langfristig geeigneten Nachwuchs sichern. Für die jungen Absolventen ist das Programm ein Anreiz, ihre berufliche Zukunft in Bremen zu planen.“

Kreative Methoden und Vermittlung

Forschen, Analysieren, Experimentieren, Entwickeln, Präsentieren. Etwa 60 Stunden innerhalb des Programms sind für den fachlichen Input von Mentoren vorgesehen. „Wir diskutieren sehr intensiv über mögliche Ideen, wir visualisieren sie in Form von Grafiken oder 3D-Modellen und präsentieren sie unseren Wirtschaftspartnern“, erklärt die Projektleiterin und Innovationsmanagerin Andrea Kuhfuß die Arbeitsweise im Think Tank. Der halbjährige Prozess läuft ergebnisoffen ab. Kreativität braucht Freiraum. Manchmal stellt sich heraus, dass die anfangs formulierte Fragestellung nicht zum gewünschten Ziel führt. Um eine praktikable Lösung zu finden, muss dann ein anderer Weg eingeschlagen werden. Kuhfuß sorgt mit Kommunikationsstärke und sozialer Kompetenz für die notwendige Offenheit und das Vertrauen zwischen Wirtschaft und Stipendiaten. Eine überaus wichtige Funktion!

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Kundenbefragungen auf Augenhöhe

Neben Brainstorming und DesignThinking gehören klassische Internet-Recherchen und Befragungen zum gängigen Handwerk. In diesem Jahr kooperiert „BRENNEREI next generation lab“ mit dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum. Geklärt werden soll die Frage, welchen Nutzen die Raumfahrt für den Bürger hat: „Die Luft- und Raumfahrt ist eine sehr wissenschaftlich-theoretische Branche“, erklärt Andrea Kuhfuß. „Dafür muss der Bürger erst mal emotionalisiert werden. Das geht am besten, indem man das Gespräch mit ihm sucht und ihn bei den Erfahrungen abholt, die er aus dem Alltag kennt.“ Handstaubsauger, Infrarot-Fieberthermometer, kratzfeste Brillengläser, Gel-Einlagen für Schuhe, schnurlose batteriebetriebene Werkzeuge, Wasserfilter – all das ist ursprünglich für Astronauten erfunden worden. Um Barrieren zu überwinden und Antworten zu erhalten, kreierten die Stipendiaten einen Begegnungsort, eine originelle Cosmo-Lounge. Jedem auskunftsfreudigem Bürger wird dort ein Space-Cocktail spendiert. Die Ergebnisse der Befragungen sollen in eine Publikation münden.

© WFB_BRENNEREI next generation lab

Markterweiterung durch Perspektivwechsel

Auch für ONLYGLASS entwickelten die Stipendiaten eine Broschüre als Werbemittel für potentielle Kunden. Darin wird exemplarisch dargestellt, dass Medienfassaden nicht nur als Reklamefläche genutzt werden können, sondern darüber hinaus als innovative Fassadenbeleuchtung und urbanes Kommunikationsmittel – von Architekten, Stadtplanern, Fotografen, Filmemachern und Künstlern. „Die Stipendiaten haben bei uns im Unternehmen einen Perspektivwechsel angeregt – im Hinblick auf die Vermarktungsvielfalt unserer Medienfassaden“, schwärmt ONLYGLASS-Product-Manager Ralf Krüßel über das interdisziplinäre Arbeiten. Andrea Kuhfuß ergänzt: „Innovation braucht Kollaboration, Professionalisierung sowie interdisziplinäres Denken und Handeln. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, können sehr spannende Dinge entstehen.“ ONLYGLASS lässt gerade in das sechsstöckige Klubhaus St. Pauli in Hamburg seine neue Medienfassade einbauen. Zum Reeperbahnfestival Ende September 2015 soll sie mit Videoinstallationen bespielt werden.

Kommunikation und soziale Innovationen

Neben technologischen Fragen müssen Unternehmen heute auch soziale Herausforderungen meistern, etwa in der Personalentwicklung, im Gesundheits- und Wissensmanagement, in der Organisation und Kommunikation. Wer beim Kundenservice und Verbraucherschutz glänzen will, muss die Klaviatur des verbalen Austauschs beherrschen. Um im Falle eines Produktrückrufs die Kommunikation zwischen Unternehmen, Verbrauchern und Behörden zu verbessern, hat „BRENNEREI next generation lab“ in Kooperation mit der Software-Unternehmen „consider it GmbH“ den Prototyp für eine übergreifende Internet-Plattform entwickelt. Als praktische Gebrauchsanleitung produzierten die Stipendiaten einen Erklärtrickfilm.

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Logistik, IT, Digitalisierung, Industrie 4.0 *

Auch das aktuelle Stipendiatenprogramm fokussiert das Thema Kommunikation: In Zusammenarbeit mit „Bremen digitalmedia“ wird die Frage geklärt, wie sich der Kontakt zwischen IT und Logistik intensivieren lässt. Die jungen Kreativen brüten derzeit an einem innovativen Veranstaltungsformat, das Akteure aus der Logistik, IT, Wissenschaft und Gestaltung in einen fruchtbaren Austausch bringt. Die Ergebnisse der Think Tanks werden jeweils in der BRENNEREI präsentiert. Im kreativen Milieu der ehemaligen “Alten Schnapsfabrik“ in Bremen lädt die Wirtschaftsförderung Bremen regelmäßig zu Innovationsforen und Innovationswerkstätten ein. Dabei kommen zwischen sechs und zehn Unternehmensvertreter aus verschiedenen, sich befruchtenden Branchen in kleinen Workshop-Formaten zusammen – oft zu Clusterthemen, wie Luft- und Raumfahrt, Maritime Wirtschaft und Logistik, Windenergie. Es geht um Wissens- und Technologietransfer mit Blick auf die Megatrends demografischer Wandel, Globalisierung, Digitalisierung. Andreas Heyer erläutert diesen Ansatz am Beispiel von „Industrie 4.0“: „Bei diesem Thema reichen klassische Gedankenmuster nicht mehr aus. Da muss man einfach interdisziplinär denken und integrativ schauen, welche Akteure, welche Fähigkeiten und Branchen hier kooperieren und sich gegenseitig befruchten und vernetzen können.“
Die eher traditionelle Branche Logistik, so Heyer, tausche sich zunehmend über das Thema Social Media aus, um in der Öffentlichkeitsarbeit und im Beziehungsmanagement gegenüber Kunden besser aufgestellt zu sein. Unter professioneller und interdisziplinärer Anleitung entwickeln die Unternehmensvertreter sehr intensiv und praxisnah arbeitsfähige Ideen und Modelle, die tatsächlich im Arbeitsalltag umgesetzt werden. Im Idealfall bilden die Teilnehmer Netzwerke, aus denen heraus gemeinsam Projekte akquiriert und realisiert werden. *

Auszeichnung und Zukunftspläne

BRENNEREI next generation lab ist ein Labor für interdisziplinäre Entwicklungsprozesse. Das europaweit einmalige Projekt wurde 2014 in der Kategorie „Investitionen in Unternehmenskompetenzen“ mit dem Europäischen Unternehmensförderpreis ausgezeichnet. Ausgelobt in den 28 Mitgliedstaaten der EU sowie in Island, Norwegen, Serbien und der Türkei, würdigt der Award Projekte, die sich um Unternehmergeist und Unternehmertum verdient gemacht haben. Seit 2006 beteiligten sich europaweit mehr als 2.000 Projekte und Initiativen.
Andreas Heyer und Andrea Kuhfuß möchten das Stipendiatenprogramm gern verstetigen, d.h. unabhängig von einer Förderung aufstellen. Das setzt bei den Unternehmen das Bewusstsein voraus, dass sie den (Mehr-)Wert von interdisziplinären Teams anerkennen und vergleichbare Preise dafür zahlen wie für eine Personal- oder Unternehmensberatung. Heyer ist optimistisch und setzt auf Empfehlungsmarketing: „Je deutlicher wir die Erfolge am Markt zeigen, um so mehr Unternehmen lassen sich zum Mitmachen motivieren. Reden über Beispiele und Erfolge – das ist der richtige Weg!“

Inspirationstipps:

BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der Wirtschaftsförderung Bremen GmbH, in dem kreative Nachwuchskräfte unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze erarbeiten.

* Donnerstag, 17. September 2015, 10 – 18 Uhr
TRANSPORTALE – eintägiger interaktiver Workshop über die digitale Zukunft der Logistik.
Kooperation mit Bremen digitalmedia, Future Lab IT und Logistik; Interessenten aus den Bereichen IT, Logistik, Wissenschaft und Gestaltung entwickeln nach zwei Impulsvorträgen in interaktiven Workshops neue Geschäftsideen auf der Grundlage von Business-, Technologie- und sozialen Trends. Impulsvorträge von Prof. Rolf Drechsler (DFKI, Bremen) und Stephan Hürholz (The Exponentials, London).
Anmeldungen bis zum 9. September unter info@brennerei-lab.de
Ort: Weser Tower, 21. OG, Am Weser-Terminal 1, 28217 Bremen

Do, 24. September 2015, 18 Uhr
ABSCHLUSSPRÄSENTATION der interdisziplinären Stipendiatenprojekte 2015
– Bremen digitalmedia: Wie kann der Kontakt zwischen IT und Logistik intensiviert werden?
– Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt: Welchen Nutzen hat die Raumfahrt für den Bürger?
Ort: Alte Schnapsfabrik (Karton und BRENNEREI), Osterstrasse 28 – 29, 28199 Bremen

WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH

Klub Dialog e.V.: Veranstaltungsforum der Wirtschaftsförderung Bremen an wechselnden Orten, fünf kreative Bühnengäste präsentieren in jeweils sieben Minuten ihre Ideen, Projekte und Unternehmen

Film über das Arbeiten in interdisziplinären kreativen Teams am Beispiel der ONLYGLASS GmbH

Informationsfilm über das Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH

Beispielprojekte von BRENNEREI next generation lab mit Projektpartnern HEC Software, Bürgerpark Bremen und ONLYGLASS

Informationsfilm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie über Best Practice aus der Kultur- und Kreativwirtschaft am Beispiel von BRENNEREI next generation lab

Erklärfilm zum branchenübergreifendem Internetportal über Produktrückrufe „Pinco and the Product Recalls“

Förderpreis für innovative und interdisziplinäre Projekte zwischen Wirtschaft und Kreativbranchen