Zukunft kreativ vorausdenken im Digitalen Innovationsraum Schwerin

 © Digitaler Innovationsraum Schwerin, Landeshauptstadt Schwerin

Mascha Thomas-Riekoff ist Kulturproduzentin, Netzwerkerin und Koordinatorin im Digitalen Innovationsraum (DIR) in Schwerin. Im Interview erzählt sie, warum dieser Ort für Mecklenburg-Vorpommern enorm wichtig und zukunftsweisend ist. 

Digitalisierung

Während die meisten EU-Länder die Digitalisierung recht gut gemeistert haben, ringen viele Orte in Deutschland noch immer um die notwendige Infrastruktur. In der Landeshauptstadt Schwerin kann Thomas-Riekoff über das Internet nicht klagen. In ländlichen Regionen sieht es allerdings anders aus. Doch im neuen Digitalen Innovationsraum (DIR) in Schwerin geht es um weit mehr als nur um Infrastruktur. Als Koordinatorin will Thomas-Riekoff im DIR neues agiles Denken vorantreiben und ein zukunftsorientiertes Mindset installieren, das in Mecklenburg-Vorpommern noch ausbaufähig ist.

Interdisziplinäre Kooperationen

Im Herbst 2019 wurde der Digitale Innovationsraum im Herzen Schwerins in der Wismarschen Straße eröffnet. Im Perzina-Haus, einem historischen Gebäude, hatte zuletzt die Bibliothek ihren Sitz. DIR ist kein einzelner Raum, sondern für die neuen Projekte stehen mehrere Bereiche zur Verfügung, wie Thomas-Riekoff erklärt: „Wir haben neben dem großen Saal einen Coworking-Space, einen Meetingraum, einen Seminar- bzw. Design Thinking-Raum. Der Digitale Innovationsraum ist also eine interdisziplinäre Werkstatt und Denkfabrik, in der man Ideen spinnen, spielen und ausprobieren kann. Es können und sollen Akteure aus ganz verschiedenen Bereichen aufeinander treffen, sich gegenseitig inspirieren und beflügeln: Handwerk, Ingenieurs- und Medizintechnik, Landwirtschaft, Verkehr, Mobilität, Verwaltung, Kreativwirtschaft.“

  Mascha Thomas-Riekoff moderiert im DIR (rechts) © MassivKreativ

Gründer Studio

Ein besonderes kokreatives Angebot ist das Gründer Studio. Es bietet interessierten Akteuren nicht nur Zugang zum DIR in Schwerin, sondern zu allen sechs Innovationsräumen in ganz Mecklenburg-Vorpommern mit einem großen Netzwerk und einem Mentorenpool von Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Angeboten werden: ein Gründer-Arbeitsplatz im CoWorking Space, die Gründer-Studio Sprechstunde, das 1:1 Coaching und die kostenlose Teilnahme an allen Gründer Studio-Veranstaltungen und MeetUps.

Kultur- und Kreativwirtschaft im DIR

Eine tragende Rolle sollen Kreative im DIR spielen, sagt Thomas-Riekoff. „Ihre agilen und kreativen Arbeitsmethoden sind hier im DIR ein sehr wichtiger Baustein, den die Region noch viel stärker braucht.“ Kreative haben eine Schnittstellenfunktion. Ihre große Kompetenz besteht darin, sich in Wünsche und Bedürfnisse sehr verschiedener Nutzer und Branchen hineinzudenken und mit den Akteuren anderer Fachgebiete und Branchen passgenaue Lösungsansätze zu finden. Genau diese Art von cross-sektoralen und kokreativen Kooperationen sollen im DIR angesiedelt werden.

Erfahrungsschatz

Bei ihren Planungen im DIR kann Mascha Thomas-Riekoff auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Als Managerin und Kulturproduzentin hat sie Projekte mit unterschiedlichen Akteuren geplant, abgeleitet und umgesetzt. Während des Studiums für Kulturarbeit an der Fachhochschule spezialisiert sie sich auf Ausstellungsmanagement und und wagt sich direkt nach dem Studium in die Selbständigkeit. Gemeinsam mit Silvana de Hillerin gründet Thomas-Riekoff die Agentur „Balestra Berlin“ für „Idea Engineering & Cultural Management“. Sie entwickelt u. a. die Lichtkunst-Raum-Installation kubik entwickelt, die als temporäre Diskothek durch die ganze Welt tourt. Auch heute noch leuchtet kubik gerade irgendwo auf dieser Welt und war an insgesamt 30 Orten.

 © Mascha Thomas-Riekoff 

Kulturproduzentin

In der Zeit bei Balestra Berlin initiiert Thomas-Riekoff vielfältige Ausstellungs- und Kulturformate und übernimmt in Personalunion unterschiedliche Aufgaben. Sie erklärt ihre Rolle: „Ich bin keine Kuratorin oder Regisseurin, sondern ich bin eben Kulturproduzentin – verantwortlich für Budgetierung, Finanzierung, Planung, Koordination der technischen Umsetzung, Personalführung bis hin zur Bewerbung der Projekte.“ So vielfältig wie die Aufgaben sind auch die Tätigkeitsfelder von Thomas-Riekoff: Medienkunst, Ausstellungsproduktion und Stadtentwicklung. Ihre Leidenschaft gilt vor allem der Verwirklichung von ästhetisch anspruchsvollen Kulturprojekten, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wie z. B. auf der dOCUMENTA (13) in Kassel oder im Wikinger Museum in dänischen Jelling.

 Mascha Thomas-Riekoff moderiert im DIR (rechts) © MassivKreativ

Neue Chancen nutzen

Dass die gebürtige Münchnerin ihren gut dotierten und anspruchsvollen Job in Berlin aufgegeben hat und nach Schwerin gezogen ist, hat familiäre Gründe. Der Wechsel bedeutete für sie finanziell große Einbußen. Andererseits denkt Thomas Rieckoff nach positiv und nach vorn: „MV ist für mich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man sehr vieles noch gestalten kann, was anderswo z. B. wegen verfestigter Strukturen nicht möglich ist. Die Kreativen bringen eine enormen Gestaltungswillen mit nach MV, weil es ihnen nicht ausreicht, dass sie alleine an ihrem Rechner im Homeoffice sitzen. Sie streben nach einem sinnstiftenden, lebenswerten Leben. Das entsteht nur, wenn man in Kontakt mit anderen Bewohnern tritt und Strukturen aufbaut. Und deshalb entwickeln Kreative auch neue Geschäftsmodelle für mehr Lebensqualität.“

 historischer Saal im DIR © MassivKreativ

Wissenstransfer aus Berlin nach Schwerin

Für Mecklenburg und speziell für die Landeshauptstadt Schwerin ist die Kulturproduzentin Mascha Thomas-Riekoff ein Hauptgewinn. Bereits bei den Vorplanungen zum neuen Digitalen Innovationsraum hat sie der Stadt mit ihren Erfahrungen aus der Hauptstadt beratend zur Seite gestanden, Argumente und Positionen gesammelt und Überzeugungsarbeit geleistet, wenn es Skepsis gab. Thomas-Riekoff hat das Konzept für DIR entwickelt, das sie folgendermaßen erläutert: „DIR soll die Innovationskraft von Wirtschaft und Wissenschaft vorantreiben. Er ist eine Kombination aus Think Tank, Coworking, Werkstatt, Treffpunkt und Ort des Austauschs zwischen privaten Fachhochschulen und Studienzentren im Verbund mit der IHK, der Handwerkskammer, mit Unternehmerverbänden, StartUps, GründerInnen, Freiberuflern, IT-Interessierten und vor allem auch mit Akteuren der Kreativwirtschaft. Alle Akteure sollen gemeinsam frische Geschäftsideen entwickeln sowie Geschäftsmodelle mit digitalen und analogen Ansätzen. Auch Schüler, Studenten und interessierte Bürger sind eingeladen, um sich hier über die digitale Zukunft zu informieren und auszutauschen, digitale Technik zu erleben und auszuprobieren. Es entsteht ein Begegnungsort für Veranstaltungen und Formate, die über die Region hinaus strahlen.“

Ministerium und Stadt als Träger

DIR wird vom Ministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung Mecklenburg-Vorpommern finanziert und von der Stadt Schwerin getragen. Mascha Thomas-Riekoff ist bei der Stadt Schwerin angestellt, zunächst zeitlich befristet. Doch sie ist überzeugt, dass DIR eine Zukunft hat bzw. auch braucht, um die BewohnerInnen des Bundeslandes MV fit zu machen für die kommenden Herausforderungen. Neben dem DIR in Schwerin sind fünf weitere digitale Zentren als Ideenschmieden entstanden: in Rostock, Stralsund, Wismar, Neubrandenburg und Greifswald. Ihre Aktivitäten werden auf der eigenen Website digitalesmv präsentiert.

 © MassivKreativ

Treiber der digitalen Transformation

Zum Auftakt fand im November 2019 an allen sechs Zentren erstmals der landesweite Kongress NØRD statt. Neben Technologien und neuen Anwendungsfeldern ging es auch um ethische Fragen und um soziale Innovationen im Hinblick auf die Digitalisierung. Im DIR in Schwerin stand das Thema „Digitaler Wandel trifft Verwaltung“ im Fokus. Erkenntnis: Nicht allen Menschen fällt es leicht, bei technischen Veränderungen, wie der Einführung neuer Software Schritt zu halten. Hier können andere Perspektiven und innovative, künstlerisch-kreative Methoden wertvolle Unterstützung leisten. Dies demonstrierte der Künstler Daniel Hoernemann (siehe Foto), der im Interview mit mir seine Ordnungsbehörde für Schöpferisches vorstellte.

 © MassivKreativ

DIR als Think Tank

Der Digitale Innovationsraum ist ein Ort, der vielfältiges Wissen verschiedener Akteure sammelt, der sie aufeinandertreffen lässt, verbindet und in Austausch bringt. An Hochschulstandorten soll die Arbeit der sechs Digitalen Innovationsräume eng mit der Wissenschaft verknüpft werden. In Schwerin liegt der Fokus wie erwähnt auf der engen Kooperation mit der Kultur- und Kreativwirtschaft. Unter dem Dach des DIR hat auch der neu gegründete Verein Kreative MV eine Heimat gefunden – der Landesbranchenverband Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern e.V., der als Netzwerk bereits seit 2013 aktiv war. Vereinsvorsitzende Corinna Hesse hat für DIR eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, u. a. in Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer Schwerin. FORUM Business for Future soll über neue gesellschaftliche Problemfelder und Trends informieren und passende Akteure zum Finden von Lösungsansätzen zusammenbringen: Stadt- und Landentwicklung, Mobilität, Gesundheit, Umwelt, Nachhaltigkeit usw.  

© Veranstaltung im DIR, MassivKreativ

Digitale Nomaden für neue Dörfer

Zum Auftakt der FORUM-Reihe fand im Oktober 2019 der Thementag „Sozial-kreative Innovationen als Impulse für die Regionalentwicklung zwischen Stadt & Land“ statt, dessen Höhepunkt die Preisverleihung im Landeswettbewerb für kreative Raumpioniere MV war, verbunden mit einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion mit Bundes- und Landespolitikern. Dabei ging es um die Frage, welche Rolle das Ineinandergreifen von sozialer, kultureller, ökonomischer und ökologisch nachhaltiger Wertschöpfung (Value Balancing) spielt? Wie prägen die digitalen Nomaden heute neue „urbane Dörfer“, in denen städtische und ländliche Milieus verschmelzen? Welche Methoden nutzen kreative Regionalentwicklerinnen und -entwickler? Und wie können kreative Pioniere wirksam von Kommunen, Wirtschaftsförderern sowie durch Bundes- und Landesförderprogramme unterstützt werden. Im Rahmen des FORUMS wurden in einer Ausstellung und in Filmportraits best-practice-Projekte vorgestellt sowie eine wissenschaftliche Studie, die die Effekte der Projekte auf die Regionalentwicklung zeigte.

Magnet für neue Fachkräfte

Mascha Thomas-Riekoff hofft, dass die Impulse durch Kreativschaffende im DIR andere gut ausgebildete Neubürger nach Mecklenburg bringen kann: „DIR wird gerade durch die Kooperation mit Kreativen und mit innovativen Formaten auch hochqualifizierte Fachkräfte bzw. Rückkehrer nach MV locken, die interdisziplinär mit vielseitigen Teilbranchen der Kreativbranche neue Geschäftsmodelle entwickeln wollen. Über den ersten erfrischenden Austausch mit Kreativen kann sich bei Fachkräften der Wunsch entwickeln, sich dauerhaft in MV niederzulassen.“

 © MassivKreativ

Transformationen und Kreativivität

Ein Experiementierfeld für Unternehmen, Verwaltung, Bildung und Bürgerschaft soll das Transformationslabor werden bzw. das Format „Reallabor Smart City“, um in kokreativ und gemeinsam an Innovationen zu arbeiten, Chancen und Potentiale zu nutzen. 

Die Kulturproduzentin Thomas-Riekoff muss noch häufig erklären, warum künstlerisch-kreative Methoden wirksam sind und welche konkreten Effekte sie haben. Mit ihrer optimistischen und leidenschaftlichen Art gelingt es ihr, Zweifler zu überzeugen und Skeptiker mitzunehmen im Prozess der Digitalisierung, in dem eben nicht nur technische Belange mitgedacht werden müssen. Was bringt also die Zusammenarbeit mit Kreativen? Thomas-Riekoff: „Innovationsfördernd ist das besondere Denken von Kreativen und das Potential, das sie durch ihre Methodiken und Arbeitsweisen in sich tragen und an andere Branchen in Thinktanks weitergeben können. Bevor ein Grafiker z. B. ein Logo für ein Unternehmen entwickelt, muss er erst mal analysieren, was die Firma ausmacht, was deren Kernkompetenz und Alleinstellungsmerkmal am Markt ist. Und dazu ist auch Perspektivwechsel nötig, der zeigt, dass Kreative noch ganz andere Produkte und Dienstleistungen entwickeln können, die weit über ein Logo hinausgehen.“

Intermediär

Noch muss Thomas-Riekoff einiges an Vermittlungsarbeit leisten. Aber genau das ist eine ihrer wichtigsten Aufgaben im DIR: immer wieder geduldig erklären, helfen, unterstützen, Brücken bauen zwischen den noch sehr unterschiedlichen Welten der kreativen Branchen und der klassischen Wirtschaft. Damit die frischen innovativen Köpfe sich in MV willkommen und wertgeschätzt fühlen, muss die BewohnerInnen im Land Mecklenburg-Vorpommern offener werden, findet Thomas-Riekoff: „Sie müssen spüren, dass ihre Ideen und Expertise gefragt sind. Und dass die Alteingesessenen gespannt sind auf das, was Kreative mitbringen. Wirtschaftsförderer sollten den Kreativen die Freiräume in MV noch aktiver zeigen und anbieten – sowohl im Hinblick auf Immobilien als auch in ideeller Hinsicht. Und sie mit anderen Kreativen und kooperativen Alteingesessenen vernetzen, die schon da sind. Der Freiraum darf nicht als (geistige) Leere herausstellen.“

PODCAST

Ein Labor auf dem Land: Wie das Wendland kreative Köpfe anlockt

 © Andreas Hermsdorf, Pixelio.de 

Wie holt eine Kommune kreative Köpfe aus der Stadt aufs Land? Der Landkreis Lüchow im Niedersächsischen Wendland hat dazu sehr erfolgreiche Projekte entwickelt, u. a. mit dem Wendlandlabor. Ich habe mit den Akteuren gesprochen.

Austausch über den Tellerrand

Das Wendlandlabor ist ein Netzwerk für kreative und unternehmerische Innovation auf dem Land. Es steht in engem Kontakt mit Hochschulen aus den umliegenden Metropolen, realisiert unterschiedliche Veranstaltungsformate für die Kreativwirtschaft und bringt Kreative mit regionalen Unternehmen zusammen. Ziel ist vor allem, Wissen und Technologien zwischen Stadt und Land auszutauschen.

 © Wendlandlabor

Klinkenputzen

Christof Jens leitet das Wendlandlabor und weiß, dass es einen langen Atem braucht, um beide Welten in cross-sektoralen Projekten zusammenzuführen. Vor allem Klinkenputzen und persönliche Überzeugungsarbeit gehöre dazu, sagt er. Bei traditionellen Unternehmen gäbe es zuweilen Berührungsängste, wenn man sagt, wir wollen etwas gemeinsam mit der Kreativwirtschaft machen. Da muss man dann erst mal mit guten Beispielen erklären, dass gerade in der Kooperation zwischen Kreativwirtschaft und traditionellen Unternehmen auch ein Mehrwert entstehen kann. Christof Jens: „Ich sage dann z.B., dass ein Designer niemand ist, der ein Objekt nur schön macht, sondern dass Designer Menschen sind, die sich funktionale und sehr praxisnahe Gedanken machen, also: Wie wird das Produkt eingesetzt? Welche Ressourcen habe ich zu Verfügung?“

 © Wendlandlabor

Vermitteln

Christof Jens ist Intermediär. Er vermittelt zwischen den Welten und muss auf beiden Seiten starres Denken aufbrechen. Er weiß, dass es zuweilen auch Vorbehalte bei den Kreativen gegenüber traditionellen bzw. klassischen Unternehmen gibt. Doch je mehr gelungene cross-sektorale Projekte zustande kommen, umso mehr Beweise gibt es für deren Erfolg.

Wendland Design Spring 2019

Im letzten Jahr hat das Wendlandlabor ein 10-wöchiges Workshop-Programm Wendland Spring Design initiiert für Studierende aus kreativen Studiengängen umliegender Hochschulen mit Wendländischen Unternehmen. Ihre Fragestellungen bearbeiteten die Studierenden in kleinen interdisziplinären Teams von 2-3 Personen und erarbeiteten eine kreative Lösung. Für den metallverarbeitenden Betrieb sollten die Studierenden eine Möglichkeit finden, die Münzzählmaschinen besser zu vermarkten bzw. anders zu nutzen. Der Verlag der Lokalzeitung, die einmal am Tag jedes Dorf anfährt und bislang nur Zeitungen mitnimmt, wollte wissen, was er alternativ noch mit transportieren könnte und welche Geschäftszweige sich daraus entwickeln lassen? Ein Immobilien- und Tourismusentwickler suchte Ideen für eine Begegnungsstätte mit zwischen Touristen und jungen Menschen. Er wollte Grundstücke kaufen und dafür ein Konzept haben. Alle drei regionale Unternehmen brauchten frischen Input von außen und bekamen ihn über die Kreativen.

 © Harry Hautumm, Pixelio.de 

Erfahrungen nutzen

Das Format Wendland Spring Design baut auf Erfahrungen der Grünen Werkstatt Wendland auf. In StarterCamps suchten Design-Studenten und lokale Handwerker gemeinsam nach Lösungen für regionale Herausforderungen. Von 2012-2017 nahmen ca. 250 Studierende teil. Daraus wurden 250 Botschafter, die das Wendland an ihrer Hochschule und in ihrem Freundeskreis bekanntmachen. Viele von ihnen sagen: „Wenn Land, dann Wendland!“: „Unser Job im Wendlandlabor ist es, eine Schnittstelle zu bilden zwischen der Kreativwirtschaft, den Studierenden und den Unternehmen“, sagt Christof Jens. „Und da reale und gedankliche Räume zu schaffen, in denen diese unterschiedlichen Gruppen sich treffen und innovativ zusammenarbeiten können…“

 © Wendlandlabor

Prototyping Woche

Ein anderes Format ist die 100² | Prototypenwoche, die nun zum zweiten Mal vom 23.-28.3.2020 stattfindet. Meldet Euch bei Interesse rasch an. Madeline Jost ist im Wendlandlabor für Kommunikation & Öffentlichkeitsarbeit zuständig: „Wir freuen uns, wenn noch mehr Interessierte auf dieses innovative und kreative Projekt aufmerksam werden.“ Erneut sind EntwicklerInnen, HochschulabsolventInnen und StartUps zur Teilnahme eingeladen. Bis zu fünf Teams können ihre Ideen weiterentwickeln und erhalten Unterstützung beim Bau ihres ersten, funktionstüchtigen Prototypens. Den Ideengebern steht für die Prototypenwoche ein Entwicklungsbudget von bis zu 1.000 Euro. zur Verfügung, das sie in Material und/oder Maschinenlaufzeit umsetzen können.

 © Wendlandlabor, Madeline Jost: RiMaTec Geschäftsführer Andreas Ressel unterstützt die Prototyper mit KnowHow 

Das Projekt ist auf Nachhaltigkeit angelegt. Die Kooperation von RiMaTec und Wendlandlabor soll längerfristig laufen, u. a.  mit dem unternehmensintegrierter 100². Wie schon im vergangenen Jahr stellt das metallverarbeitende Unternehmen RiMaTec Räumlichkeiten und fachliche Expertise zur Verfügung. Zusätzlich sind interdisziplinäre Coaches als Ansprechpartner*innen und Berater*innen vor Ort. Nicht zögern, wenn Ihr interessiert seid, neue kreative Lösungen für spannende Herausforderungen der Regionalwirtschaft im Wendland zu entwickeln und meldet Euch an: MAIL: info@wendlandlabor.de

Mehrwert

Im Wendland sind vor allem traditionelle Unternehmen aktiv: im Handwerk, in der Logistik, in der Lebensmittelindustrie. Um diese Unternehmen innovationsstärker zu machen, braucht man kreativen Input, den die Unternehmen von sich aus nicht leisten können. „Die meisten Unternehmen können keine eigene Entwicklungsabteilung finanzieren, um etwa neue Geschäftsmodelle zu entwickeln“, erklärt Christoph Jens. Deswegen ist so ein Austausch mit der Kreativwirtschaft und das Fördern und Ansiedeln der Kreativwirtschaft auch für die regionalen Unternehmen wichtig.“

Finanzierung

Das WendlandLabor ist ein gefördertes Projekt über den Europäischen Sozialfonds zum Themenbereich „Soziale Innovationen“, das bis Ende Juni 2020 läuft. Christof Jens ist aktuell dabei zu klären, wie sich die Netzwerkarbeit verstetigen und die Förderung auf andere bzw. breitere Schultern verteilen lässt.

Im Wendland unterstützt der Landkreis Lüchow-Dannenberg die Ideen von Kreativschaffenden aktiv aus verschiedenen Institutionen heraus: der Stabsstelle Regionale Entwicklungsprozesse des Landkreises Lüchow-Dannenberg, der Agentur Wendlandleben, die vor allem als Informations- und Anlaufstelle für Rückkehrer und Neubürger wirkt, und dem dem Think Tank „Grüne Werkstatt Wendland“. Alle Institutionen sind räumlich gemeinsam unter einem Dach in der alten Poststelle von Lüchow angesiedelt, dem heutigen Coworking-Space „PostLab“. Das Wendlandlabor schließt insbesondere die Lücke fehlender Universitäten und Hochschulen in der Region und steigert das regionale InnovationsPotential. Das Wendland konnte sich dank der Aktivitäten der Kreativakteure (u. a. auch beim landesweiten Festival „Kulturelle Landpartie“) ein überregional wirksames Image und Standortprofil als kreative Region erarbeiten.

 © MassivKreativ

Weitere erfolgserprobte Formate

Auf STIPPVISITE bei… ist ein regionales Exkursionsformat des Wendlandlabors an jedem letzten Dienstag im Monat zu einem kreativen Arbeitsplatz im Wendland mit einer Einführung in die Arbeits- & Lebenswelt des kreativen Gastgebers „Hosts des Monats“ und einem lockeren Snack & Schnack in seiner Wirkungsstätte, z. B. eine Werkstatt, ein Atelier, ein Ausstellungsraum und ähnliches: hier

Netzwerk-Formate der Grünen Werkstatt Beratungsstunde für NetzwerkerInnen und CoworkerInnen jeden 1. Mittwoch im Monat, Offenes Netzwerkfrühstück für Kreative, IT-ler, Neu-Wendländer usw. jeden 3. Donnerstag im Monat, Reparatur-Café mit Fachleuten und interessierten Laien jeden 2. Samstag im Monat, 10 – 13 Uhr, Wendland-Einmaleins – ein Info- und Kennenlernabend für Neubürger an wechselnden Termine: hier

Bewohner von morgen

Das Wendlandlabor initiiert vor allem temporäre Projekte mit Kreativen. Langfristiges Ziel ist jedoch, die Kreativen dauerhaft aufs Land zu ziehen. Wie das gelingen kann, darüber macht sich das Christof Jens natürlich auch Gedanken. Einen Masterplan oder ein Geheimrezept gäbe es nicht, meint er, aber: „Wir probieren viele kleine Maßnahmen aus und passen sie dann an die Rahmenbedingungen und an die Bedarfe der Menschen an, die uns immer Rückmeldung geben auf das, was wir tun. Das ist auch immer so ein ständiger Studierprozess für alle. Der Name Wendlandlabor macht das ja auch deutlich: testen, Erfahrungen sammeln, modifizieren. Zum Glück haben wir ein relativ offenes Konzept bei der Förderung und daher die Möglichkeit, ein bisschen auszuprobieren. Von fünf, sechs guten Ideen funktioniert oft nur eine wirklich.“ 

 © Wendlandlabor, Madeline Jost: Gewinner Stefan Gantner,Prototyping 2019

Willkommensagentur

Wichtiger Partner bei der dauerhaften Ansiedlung von Kreativen und Fachkräften überhaupt ist die Agentur „Wendlandleben“. Sie informiert über Arbeit, Bildung, Leben und Freizeit in der Region und macht Lust auf die Menschen, die schon da sind. Kreative, tatkräftige und engagierte Bewohner kann man auf dem Portal in den Wendland-Stories in Form von Portraits und Interviews kennenlernen. Was ist eigentlich das Geheimrezept für eine gute Hofgemeinschaft in dem kleinen Dorf Prießeck? Dort fand übrigens im Sommer 2019 das erste Tiny Living Festival statt. Alles drehte sich dort um die kleinen mobilen Häuschen. Das Festival war Kongress, Messe, Ausstellung mit Fachgesprächen und Musik. Akteure der Nachhaltigkeitsszene aus der ganzen Republik kamen und fragten: Wie wohnen wir zukünftig? Wie können wir den Ansprüchen der Menschen und der Umwelt gerecht werden? Welche Entwicklungen und welche Technik gibt es?

Ansiedlungsaktion Tiny Houses

Initiator des Festivals ist Michael Selig, er ist ein typischer Bewohner im Wendland, weil immer engagiert. Seite Idee: Mit „Land auf Probe“ sollen Kreative testen, Tiny Houses auf aussterbenden Höfen im Wendland aufzustellen. Mit der „Haus-im-Haus“ Idee können Innenhöfe als Stellflächen benutzt werden, ebenso ausgediente kommunale Anlagen oderCamping-/Sportplätze. Auch Christof Jens vom Wendlandlabor weiß: „Es gibt die Neuankömmlinge, die erst mal probehalber aufs Land gehen wollen, also nur temporär. Die möchten noch ein bisschen schnuppern und finden  unterschiedliche Mietmöglichkeiten, auch Tiny Houses, interessant.“

Hinweis für andere Regionen

Wiederkehrer bzw. jene, die schon Erfahrungen vom Land mitbringen, suchen eher nach eigenem Wohnraum, sagt Jens. Und er gibt noch einen Rat: Regionalentwickler sollten sich von dem Vorhaben verabschieden, ausschließlich junge Menschen ansiedeln und ansprechen zu wollen. Studierende, die mitten im Studium sind, hätten noch nicht den Kopf frei für eine längerfristige Lebensplanung. Eine geeignetere Zielgruppe seien jene Menschen, die schon eine Weile gearbeitet haben, die aus den Städten kommen, die eine Familie gegründet haben und den nächsten Schritt machen möchten. Am Ende berichtet der Projektleiter vom Wendlandlabor zufrieden: „Im Umfeld der Grünen Werkstatt sind aus unterschiedlichen Veranstaltungen acht oder neun junge Menschen entweder direkt im Wendland geblieben oder später ins Wendland zurückgekehrt.“ Ein Beispiel ist Regionalentwicklerin Nicole Servatius, die jetzt beim Landkreis Lüchow-Dannenberg tätig ist.

Podcast 

Ausflugstipp

Kulturelle Landpartie Das landesweite Kultur- und Kunst-Festival zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist seit vielen Jahren ein Aushängeschild für das Wendland, eine Erlebnis- und Leistungsschau der Kreativakteure an über 120 Orten im Wendland. Es zieht jedes Jahr bis zu 60.000 Besucher an und ist für das Tourismusmarketing ein wesentlicher Standortfaktor: https://www.kulturelle-landpartie.de/

Soziale Innovationen: neue Lösungen für neue Rahmenbedingungen

 © MassivKreativ

Der Begriff Innovation wurde lange rein technologisch aufgefasst. Erst 2009 nahm die EU das Schlagwort „soziale Innovation“ in ihr Wirtschaftsprogramm „Europa 2020“ auf. Sozialwissenschaftler weisen schon lange darauf hin, dass jeder technischen Innovation meist eine soziale Innovation vorausgeht. Und jede technologische Innovation hat stets auch eine soziale Relevanz. Mobiltelefone und Mikrokredite etwa geben Millionen Menschen in Entwicklungsländern die Chance auf Selbstermächtigung und Selbstständigkeit.

Folgen durchdenken 

Soziale Innovationen bieten Lösungen für neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Bevor technische Lösungen greifen und Prozesse digitalisiert werden können, müssen sie analog im sozialen Kontext durchdacht und betrachtet werden: Welche Folgen hat unser Handeln? Plane ich meine Projekte „gewissen-haft“? Kreativschaffende „erfinden“ und realisieren daher vor allem soziale Innovationen, die dazu führen, das wir anders zusammenleben (WGs, CoLiving), anders arbeiten (CoWorking, CoWorkation, digitale Nomaden), anders konsumieren (Teilen), Leistungen anders entlohnen (zahl, was es Dir wert ist) oder anders mit Krisen umgehen (Kurzarbeit statt Kündigung). Häufig werden auf globale Herausforderungen lokale Lösungen gefunden. Soziale Innovationen bringen spürbar positive Effekte, sie wirken funktional, emotional und sozial.

 © MassivKreativ

Wertschöpfung weiter denken

Durch soziale Innovationen lösen Kreativschaffende Probleme oder Bedürfnisse besser als mit bisher etablierter Praktiken. Sie treten dafür ein, dass der Begriff der wirtschaftlichen Wertschöpfung weiter gefasst wird als bisher und sorgen für eine wirtschaftliche Wertschöpfung, die soziale, ökonomische, kreative und ökologische Aspekte (z. B. value balancing, Sozialwachstum, Wohlfühleffekte) umfasst, Vorbild für ein zukunftsfähiges Wirtschaften im 21. Jahrhundert. Wertschöpfung muss als Gesamtheit von Gesellschaft, Umwelt und Nachhaltigkeit begriffen werden, indem einerseits Sozialwachstum und Wohlfühleffekte wirtschaftliche Beachtung finden und andererseits bisher kostenfrei genutzte Umweltressourcen eingepreist werden.  

Ländlicher Raum

Lia Mertens hat in ihrer Masterarbeit Förderung der Dorfentwicklung durch soziale Innovationen auf die Bedeutung von nicht-technologischen Innovationen hingewiesen, die gerade im strukturschwachen ländlichen Raum wichtig seien, wo es viele Defizite im Zuge einer schwindenden Daseinsvorsorge zu bearbeiten gelte. Hier böten Impulse von Kreativschaffenden wertvolle Chancen: „Soziale Innovationen sind immateriell geprägt und zielen auf die Verbesserung von sozialen Praktiken ab. Damit soll beispielsweise erreicht werden, dass besser auf Bedürfnisse der Menschen eingegangen werden kann. Durch die Beeinflussung sozialer Praktiken wird auch die Entwicklung einer Gesellschaft stark geprägt. Nicht nur Strukturen werden zum Teil modifiziert, sondern auch ihre ethischen Normen überdacht und beeinflusst…“ (S. 17)

  © Lia Mertens, Masterarbeit S. 18

Entlastung durch Innovationen 

Ein Blick in die Geschichte: Die Erfindung der Waschmaschine brachte den Erwachsenen Entlastung im Haushalt und verschaffte den Kindern indirekt mehr Vorlesezeit. Das Internet erleichterte mit seinen vielfältigen Anwendungen Arbeitsleben und Freizeit. Soziale Innovationen brauchen eine Kultur der Kooperation zwischen Menschen verschiedener Lebensbereiche, zwischen Politik, Wirtschaft, Bildung und Zivilgesellschaft, zwischen unterschiedlichen Disziplinen, Ländern, Geschlechtern und Altersgruppen.

 © TU Dortmund, SI-DRIVE, Studie Soziale Innovationen

Studie zu sozialen Innovationen

Die Sozialforschungsstelle der TU Dortmund hat 2017 die erste globale Studie zu sozialen Innovationen veröffentlicht. Für das Leitprojekt SI-DRIVE wurden mehr als 1.000 Initiativen sozialer Innovation auf allen Kontinenten und in unterschiedlichen Politikfeldern untersucht in den Bereichen Bildung und Lebenslanges Lernen, Beschäftigung, Umwelt und Klimawandel, Energieversorgung, Transport und Mobilität, Gesundheit und Sozialfürsorge sowie Armutsbekämpfung und nachhaltige Entwicklung. Das Fazit: Bürger, Wirtschaft und Staat müssen sich vernetzen, um soziale Innovationen voranzutreiben, z. B. die Kultur des Teilens von Gegenständen, Räumen und Wissen, für mehr Gemeinwohl, Ökologie und Nachhaltigkeit (vgl. Corinna Hesse: zukunft-leben-nachhaltigkeit, Hörbuch und Wissensportal).  

Wann ist eine Erfindung innovativ?

Mit einer Innovation wird eine kreative Idee wirksam, die neue Technologien und soziale Aspekte verbindet. So können neue Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle entstehen, die das Leben Einzelner oder der gesamten Gesellschaft positiv verändern. Kreativität kann bisheriges Handeln und Verhalten wandeln, wie folgende Fallbeispiele zeigen:

Öko-Dorf der Zukunft „ReGen Villages“

Mit etwa 25 Häusern ist ReGen Villages ein Modellprojekt in der Nähe von Almere in den Niederlanden. Es soll ländlichen Regionen eine Perspektive für neue Herausforderungen bieten, wie Ressourcenknappheit, Bevölkerungswachstum, Urbanisierung. Dank neuer Technologien regelt das Dorf in Selbstversorgung völlig unabhängig seine Energie- und Nahrungsmittelproduktion, die Wasserversorgung und Müllentsorgung. Fischzucht wird mit Pflanzenanbau in Hydrokultur kombiniert, die Ausscheidungen der Fische dienen als Dünger. 

 © Jutta Kühl, Pixelio.de

Foodsharing

Gemeinwohlideen trieben die Aktivisten Raphael Fellmer und Marius Diab an. Beide lebten längere Zeit ohne Geld von dem, was andere gespendet oder aussortiert
hatten. Sie versorgten sich und ihre Familien mit weggeworfenen Lebensmitteln und begründeten die soziale Bewegung des foodsharings (Fellmer 2017).

Kreativ gegen Landminen

Tausende Menschen sterben jährlich durch Landminen. Der 14-jährige Inder Harshwardhan Zala möchte das ändern. Er hat eine Drohne mit einem leichten Sprengsatz entwickelt, die knapp über dem Boden fliegend Landminen aufspüren und entschärfen kann. Die indische Regierung unterstützt das Projekt finanziell. Der Junge darf seinen Prototyp gemeinsam mit Ingenieuren weiterentwickeln, bis er in Massenproduktion gehen kann.

 © MassivKreativ

Zahle, was Du willst

Dieses verbreitete Motto setzte bewusst auf Vertrauen. Es soll die Gesellschaft zu mehr Eigenverantwortung und zum Umdenken animieren. Mit variablen Preisen experimentieren neben der Gastronomie (Bier im Hamburger Gängeviertel, Mittagstisch im persischen Restaurant Kish in Frankfurt am Main) auch  Kulturschaffende (Museen in Bremen und Worpswede, CD „Rainbows“ von Radiohead), Tierparks (Allwetterzoo Münster), Handwerker (Frisör Josef Pertl in Landshut) und Dienstleister („Body Angels – mobile Massagen“). Das bedingungslose Grundeinkommen, auch eine soziale Innovation, setzt ebenfalls auf Vertrauen und ein positives Menschenbild. Es verfolgt einen Wandel im Denken der Menschen für mehr Gemeinsinn.

 © Jens Bredehorn, Pixelio.de

Direkt vom Erzeuger

Quijote-Kaffee in Hamburg ist ein Handels- und Sozialunternehmen mit nachhaltigem Konzept. Die biozertifizierten Kaffeebohnen werden direkt bei den Bauern
erworben. Quijote hält persönlichen Kontakt zu ihnen und zahlt doppelt so hohe Abnahmepreise wie normalerweise bei Fair Trade üblich. Und: Bereits vor Beginn der Ernte werden die Kaffeebohnen zinsfrei vorfinanziert mit über 60 % der vereinbarten Abnahmemenge. Zweimal im Jahr reisen die Betreiber auf die Kaffeeplantagen und laden im Gegenzug Mitglieder der Bauernkooperativen für einen Monat nach Hamburg ein. So kann das gegenseitige Vertrauen stetig wachsen.

Blick in die Geschichte

Schon das Mittelalter kannte Innovationen: Die technologische Revolution des Buchdrucks bereitete den Boden für die Reformation und schuf die Voraussetzung
für die massenhafte Verbreitung der Bibel, die Martin Luther (vgl. Corinna Hesse: Luther-Hörbuch) aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzte.

 © Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag

Lernende Teilhabe

Soziale Innovationen müssen in der Mitte der Gesellschaft entstehen: Bürger werden als Akteure der Zivilgesellschaft zu aktuellen Problemen und Wünschen befragt und bei Herausforderungen an Lösungsansätzen beteiligt. Ideen für Innovation und Wandel werden in kurzen Zeitabständen auf ihren Nutzen und ihre positive Wirksamkeit hin überprüft – so wie es das Design Thinking vorsieht. Hier wird in kleinen autarken Teams hierarchiefrei, selbstbestimmt, interdisziplinär in mehrstufigen Prozessen agil zusammengearbeitet, um ein Problem ausfindig zu machen und später zu lösen. Die kreative Methode entstand an der Stanford University in Kalifornien und wurde vom dortigen Hasso-Plattner-Institut weiterentwickelt. Sie hat einen starken Bezug zum Nutzer und gliedert sich in sechs Phasen:

  1. Sachverhalte verstehen und beobachten, z. B. durch Recherchen und Interviews
  2. Probleme exakt definieren
  3. Lösungsansätze finden bzw. Ideen entwickeln
  4. Prototypen entwerfen
  5. Ideen vom Nutzer testen lassen
  6. Lösungsansätze weiter verbessern, ggf. auch mehrfach

Lernen durch Wiederholung

Die wenigsten Herausforderungen lassen sich heute linear lösen. Der Erfolg ist größer, wenn man iterativ vorgeht, d. h. einzelne Prozesse so oft wiederholt, bis man sich der exakten Lösung annähert. Beim „Schleifen drehen“ dürfen Fehler passieren, aus denen gelernt werden kann. Über digitale Plattformen wie openIdeo.com, sicEurope.eu oder synAthina.gr können Bürger gemeinsam regional bzw. überregional Innovationen gemeinsam vorantreiben. Sozialforscher fordern zu Recht, eher systematisch in effektive, kreative und lernende Organisationsformen zu investieren statt direkt in Innovationen.

 © KoSI-Lab

Labore für soziale Innovationen

Deutschlandweit und international arbeiten inzwischen viele Zentren und Labore erfolgreich an sozialen Innovationen, meist interdisziplinär bzw. cross-sektoral mit Akteuren aus Kommunen bzw. öffentlichem Sektor, aus Forschung und Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Innovative Labore für Politik- und Verwaltung gibt es u. a. mit dem GovLab Arnsberg in NRW,  dem GovLabAustria in Wien, dem MindLab im dänischen Kopenhagen und dem britischen Social Innovation Lab Kent.  Labore für bürgerschaftliche Innovationen sind The Innovation Loop, The Australian Centre for Social Innovation, MaRS Solutions Lab und das Laboratoire d’innovation sociale. Geschäftsmodelle mit sozialer und gesellschaftlicher Wirkung verfolgen verschiedene sozialunternehmerische Initiativen, wie z. B. Maison du développement durable, Center for Social Innovation und Midpoint Center for Social Innovation. Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis bieten verschiedene Transfer-Zentren für soziale Innovation, u. a. das Institute without Boundaries, das Tilburg Social Innovation Lab und der schwedische makerspace Sliperiet. In Mecklenburg-Vorpommern gab es 2017-2019 ein Projekt zur sozialen Dorfentwicklung im Rahmen des Landeswettbewerbs Kreative Raumpioniere in MV

229441_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Förderprogramme

Die EU bzw. der Europäische Sozialfond ESF hat von 2014-2020 ein Programm EaSI zu sozialen Innovationen aufgelegt – mit drei Themen:

In verschiedenen Bundesländern wurden Förderprogramme von sozialen Innovationen aufgegriffen, u. a. in Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Bayern.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung förert in Nordrhein-Westfalen das Projekt KoSI-Lab. Im Fokus steht die modellhafte Entwicklung zweier Labore sozialer Innovation (SI-Lab) in den Dortmund (Neuentwicklung) und Wuppertal (Weiterentwicklung). Im Programm Zukunft der Arbeit fördert das BMBF außerdem, soziale Innovationen durch neue Arbeitsprozesse möglich zu machen (4. Wettbewerbsrunde 2019).

Auch das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung fördert Maßnahmen, die soziale Innovationen vorantreiben, z. B. in der sozialen Dorfentwicklung, wie das Projekt Kreative Raumpioniere in MV. Über die Bundeszentrale für politische Bildung fördert das Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat  Aktivitäten im Programm Zusammenhalt durch Teilhabe.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie startete im Dezember 2019 erstmals einen Förderaufruf für digitale und nicht-technische Innovationen. In der ersten Förderrunde sind Ideen für digitale und datengetriebene Geschäftsmodelle und Pionierlösungen (IGP) gefragt.  Ein zweiter Förderaufruf ist im Verlauf des Jahres 2020 geplant, der besonders auf kultur- und kreativwirtschaftliche Innovationen zielt. Ein dritter Aufruf zielt voraussichtlich auf Innovationen mit einer besonders hohen sozialen und gesellschaftlichen „Wirkkraft“.

Wie wollen wir morgen leben? Ideen und Geschichten für den urbanen Raum

 © Stefan Landgraf, pixelio.de

„Geht es beim digitalen Wandel um den Menschen oder die Technologie?“, fragte der Stadtforscher und Autor Charles Landry beim „Forum d’Avignon Ruhr 2016“. Die Digitalisierung bringe Befreiung und Einschränkung zugleich, so Landry. Die Smart City soll eine kreative und intelligente Stadt sein, die den Menschen das Zusammenleben erleichtert. 

Machtverhältnisse klären

In Toronto entsteht gerade am östlichen Hafenende ein neues smartes Viertel: Quayside. In einem nicht wirklich transparenten Ausschreibungsverfahren hat Googles Tochterfirma Sidewalk Labs den Zuschlag erhalten, in der heruntergekommenen Hafengegend visionäre Pläne zu entwickeln und umzusetzen. Ziel ist ein hochverdrahtetes, sensorgestütztes Quartier, in dem kaum eine menschliche Regung unbeobachtet bleiben soll.  Noch haben Bürger die Möglichkeit, in Befragungen von SidewalkLab die richtigen Weichen zu stellen und klar zu äußern, was sie nicht wollen, d. h. in welche Bereiche des Lebens privat bleiben sollen.  Durchaus sinnvoll sein können Müllschlucker, die Wertstoffe selbständig trennen. Doch wann und wo Nachbarn Feste feiern, sollte nicht in jedem Falle öffentlich gemacht werden. Kritiker mahnen, nicht jede Information an private Firmen weiterzugeben. Und Städte müssen herausfinden, wie sie den Ausverkauf von Bürgerdaten verhindern.

  © Altstadt für alle

Freiraum in Hamburg

In der Altstadt von Hamburg entsteht im Sommer/Herbst 2019 für drei Monate die erste von BürgerInnen betriebene temporäre Fußgängerzone im deutschsprachigen Raum. Es geht um „Freiräume für Entdeckungen und Erlebnisse, für Kultur, Stadtleben und nachhaltige Mobilität“. Die Kleine Johannisstraße, der größte Teil der Schauenburger Straße und die Parkplätze am Dornbusch werden erstmals Fußgängerzone. Beim Pilotprojekt Altstadt für alle kann jeder mitmachen – in Kooperation mit der Patriotischen Gesellschaft von 1765, der Nordkirche und der Initiative „Hamburg entfesseln“.

 © ADFC

Kolumbien als Vorbild

Kolumbien geht voran: Bogotá ist ein Paradies für Fahrradfahrer. Seit 40 Jahren ist dort jeder Sonntag autofrei. Wovon andere Metropolen träumen, das ist in Bogotá Realität. Bei der Ciclovía (deutsch: Fahrradweg) sind von 7 bis 14 Uhr zahlreiche Straßen in Bogotá gesperrt. Familien und Freunde nutzen den Freiraum zum Spazierengehen, für Bewegung und sportlichen Aktivitäten überall dort, wo an den anderen Tagen Stau herrscht. Erfunden hat den autofreien Sonntag der Architekt Jaime Ortiz. Zusammen mit ein paar Freunden hat er schon 1974 zum ersten Mal zwei Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Anteil an der großen Popularität der Ciclovía hat auch der heutige Radrennstar Nairo Quintana, der unter Kindern und Erwachsenen als Volksheld gilt.

Geschichten des Gelingens 

Wir brauchen konkrete Zukunftsentwürfe und praktische Beispiele für das Gelingen von Projekten. Das Scheitern kann Ansätze liefern, um daraus zu lernen. Der städtische Raum muss mit Kreativität und Leben gefüllt werden, mit sozialem Austausch und fantasievollen Geschichten. Beim „Forum d’Avignon Ruhr“ erzählten  Kreativschaffende aus verschiedenen Zentren Europas von ihren urbanen Projekten des Gelingens:

 © Hartmuth Bendig, pixelio.de

Graffiti

Gigo Propanda wandelt als Street Art-Künstler zwischen seiner Wahlheimat Essen und seiner Geburtsstadt Mostar in Bosnien-Herzegowina. „Ich sehe Graffitis als Mittel, in einer Stadt Gespräche zu erzeugen.“, erklärt er. In den öffentlichen Meinungsaustausch binde er gerne junge, heranwachsende Menschen ein. Daher sei die Kirche ein offener Partner und stelle bereitwillig Flächen zum Sprayen bereit. „So arbeite ich zuweilen im Auftrag von Gott!“, erklärt Propaganda schmunzelnd. Beim Essener Projekt „Bildersturm“ im Rahmen der Lutherdekade diskutiert Propaganda mit Schülern der Gesamtschule Holsterhausen und Mitgliedern der Erlöser-Melanchthon-Gemeinde über die Rolle von Kunst in der Kirche, über das Wahrnehmen, das Sehen und Entdecken des Kirchenraumes. Mit ihren erworbenen Erkenntnissen würden die Schüler aber auch selbst künstlerisch tätig, betont Propaganda.

 © Gigi Propaganda

Viel Zeit hätten in den letzten vier Jahren seine unzähligen Interviews mit syrischen Geflüchteten eingenommen. Die Essenzen ihrer Geschichten sprühe er an Mauern und Wände – in der Tradition des sozialkritischen Muralismus der mexikanischen Revolution.  Er möge vor allem Schriftzüge, so Propaganda: „An diesen urbanen Botschaften kann ich auch als ‚Nichtwisser‘ ablesen, in welchem Stadtteil ich mich befinde bzw. wer dort lebt“.

 © Andrea Damm, pixelio.de

Garten der Begegnung

Der Franzose Sam Khebizi engagiert sich ebenfalls im soziokulturellen Bereich. In Marseille gründet er 1996 die Nonprofit-Organisation Têtes de l’Art („Köpfe der Kunst“) und initiiert in Noailles, einem der ärmsten Stadtviertel Europas, das Festival „Place à l’Art“. Khebizis Team möchte die Bewohner, vor allem Einwanderern aus dem Maghreb und aus Schwarzafrika, aktive am Leben beteiligen und ihnen mehr öffentliche Sichtbarkeit geben. „Nicht das Ziel ist entscheidend, sondern der Weg“, erklärt Khebizi. Oftmals sei er steinig mit vielen Verwaltungs- und Genehmigungsverfahren und vermittelnden Gesprächen zwischen Bewohnern, Politik und Stadtverwaltung, Vereinen, Handwerkern und Bauunternehmen.

Gespräche an der Haustür

Man musste zunächst herausfinden, was die Bewohner von Noailles interessiert, was sie zur Teilhabe motiviert. Wie erreicht man sie besser: mit einem Flyer oder mit direkter Ansprache durch Klopfen an Haustüren? Der ausgebrachte Samen sei inzwischen im „Garten der Begegnungen“ aufgegangen, freut sich Khebizi. Die Bewohner sammeln in ihrem Viertel Materialien und schaffen daraus Neues. Handwerk, Kunst und urban gardening verschmelzen. Die Bürger kommen ins Gespräch. Daraus würde andere, dynamische Dinge entstehen. Wie kann man das Unsichtbare messen?“, fragt sich Khebizi. Das sei beim Evaluieren der Projekte eine große Herausforderung. 

 © Michael Ottersbach, pixelio.de

Medienkunst im öffentlichen Raum

Susa Pop entwickelt als Kuratorin und Designerin vor allem für Festival und Kongresse urbane Projekte, digitale Medien, Medienkunst, Wirtschaft und Wissenschaften verbinden. Es gäbe derzeit ein heftiges Ringen zwischen Werbern und Künstlern, erläutert Pop die aktuelle Situation. „Der öffentliche Raum darf nicht nur kommerziellen Anbietern überlassen werden“, sagt sie. Sie setze sich dafür ein, dass auch Bürgern und Künstler-Communities öffentlich sichtbare Plattformen zur Verfügung stehen.

Wegweisende Entwicklungen würden oftmals „bottom-up“ entstehen – von unten nach oben. Lichtdesigner z. B. verwandeln traditionelle Ladenauslagen in künstlerische Medienschaufenster und vernetzen verschiedene Orte mit digitalen Technologien. Wie wollen wir zukünftig leben?, fragt Susa Pop. Unsere Wünsche und Vorstellungen könnten über Videopaintings und Mediafassaden zeitgleich an unterschiedlichen Orten verbreitet werden. So entstehe Interaktion und Austausch. Pop betont: „Medienkunst hat enorm kreatives Potenzial für die Stadtentwicklung.“

 © 110stefan, pixelio.de

Bürgerplattform in Athen 

Amalia Zepou berichtet als ehemalige Vize-Bürgermeisterin von Athen über die aktuelle Situation in der griechischen Hauptstadt im Zuge der Wirtschaftskrise und der Flüchtlingsströme. Die öffentliche Verwaltung sei zeitweise völlig zusammengebrochen. Mit Eigenengagement und Ideenreichtum hätten Bürger vielerorts Initiativen gegründet, um Lösungen zu finden und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. „Die Plattform synAthina ermöglicht den Austausch der Bürger über ihre Aktivitäten“, erklärt Zepou. Ein leer stehender Kiosk diene als realer Treffpunkt. Über die gleichnamige Website synathina.gr könne sich jeder im Detail informieren: Wieviele Gruppen arbeiten in welchen Stadtvierteln an welchen Aufgaben?

Ein wichtiges Thema sei der Leerstand: Wie lassen sich Gebäude neu beleben? Künstler eröffnen zeitlich befristet Pop-Up-Stores, gestalten Ladenfronten und führen Touristen an die neuen kreativen Orte. Nun prüfe die Stadtverwaltung, welche Projekte das Potenzial hätten, auf andere Standorte übertragen zu werden und mit öffentlichen Geldern unterstützt zu werden. „Kreativität ist bei uns in Südeuropa kein Luxus, sondern das Ergebnis von Armut“, erklärt Zepou, „eine zivilgesellschaftliche Notwendigkeit.“

Umnutzung und Mitsprache

Der Architekt und Stadtforscher Tom Bergevoet plädiert dafür, urbane Räume nicht für die Ewigkeit zu planen. Gebäude sollten nach jeweils aktuellen Anforderungen gestaltet werden, temporär nach dem Pop-up-Prinzip. „Auf Leerstand in der Stadt, vor allem bei Bürogebäuden, muss man mit flexiblen und kreativen Nutzungskonzepten reagieren“, so Bergevoet.

Eine ehemalige Tankstelle in London sei zu einem Kino umgestaltet worden. Improvisation sei gefragt, um Umnutzungen durchdacht zu realisieren. Auch Bürgerwissen sollte einbezogen und Ideen von Bewohnern nach dem Adhocracy-Prinzip berücksichtigt werden. Bergevoet berichtet von seiner Idee, Hochhausfassaden zu Kletterwänden umzugestalten: „Manchmal entwickle ich Architektur-Konzepte, um zu provozieren, herauszufordern und um aufzurütteln.“ 

 

Weiterführende Literatur:

Charles Landry: The Art of City Making 

Charles Landry: The Digitized City 

Kreative Karambolagen: Open und Cross Innovation

© ritter-sport.de/blog

Innovationen gelingen, wenn sie als Open-Innovation-Prozesse für externe Akteure geöffnet werden, sowohl interdisziplinär über verschiedene Branchen hinweg als auch nutzerorientiert für Kompetenz- und Wissensträger, für Experten und Anwender. Erfahrungen und Wünsche der Nutzer müssen von Anfang an in die Planung, Gestaltung und Entwicklung von Innovationen einbezogen werden.

Was ist Cross Innovation?

Mit dem Begriff „Cross Innovation“ wird die branchen- bzw. disziplinübergreifende Zusammenarbeit von Kreativschaffenden mit klassischen Wirtschaftsbranchen beschrieben, z. B. mit Unternehmen der Gesundheits- und Automobilwirtschaft, dem Hightechsektor oder dem verarbeitenden Gewerbe. Wenn voneinander unabhängige Lebensbereiche kreativ miteinander in Beziehung gesetzt werden, kann Neues entstehen: Co-Kreationen und cross-sektorale Projekte.

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Komfortzonen verlassen

Wer weiß, was Manager für wunderbare Ideen hätten, wenn sie mal einen Tag im Kindergarten, im Theaterfundus oder im Museumsdepot verbringen würden. Die von mir ausgewählten Fallbeispiele zeigen, warum es wichtig ist, seine Persönlichkeit möglichst vielfältig zu entfalten, sein kreatives Potenzial und seine Talente zu erproben, unterschiedliche Fertigkeiten zu entwickeln und miteinander zu verbinden.

 © Claudia Hautumm, pixelio.de

Musik und Genmedizin

Was sich der Krebsforscher Martin Staege von der Uni Halle ausdachte, klingt verrückt. Er spürt Tumore mit Musik auf: „Man kann die Stärke der Expression von Genen in Tonhöhe und Tonlänge umsetzen, um Melodien zu erzeugen“ (Staege 2016). Staege spielt leidenschaftlich gern Klavier und bemerkte, dass das Ohr falsche Töne sofort identifiziert, dass man aber Fehler in visuellen Darstellungen lange suchen muss. Seine Frage: Würde es über Melodien schneller gelingen, kranke Zellen aufzuspüren? Staege übertrug Notenbilder auf elektronische Abbildungen von Genen. Mit selbst entwickelten Algorithmen gelangte er zu einer völlig neuen Analysemethode – dank seiner kreativen Idee, Musik und Medizin, Naturwissenschaft und Kunst sowie visuelle und akustische Wahrnehmungsmechanismen zu verbinden.

Pharmaindustrie und IT

Die Firma Vitality hat eine intelligente Medikamentendose mit elektronischem Verschluss GlowCap entwickelt. Sie ist mit einer Datenbank verbunden, die ein akustisch-visuelles Signal abgibt und sich öffnet, wenn der richtige Zeitpunkt für die Medikamenteneinnahme gekommen ist. Die korrekte Einnahme konnte von 50 % auf 80 % gesteigert werden.

Julia Lohmann_Oki Naganode_Fotograf Petr Krejci © Julia Lohmann: Installation „Oki Naganode“, Foto: Petr Krejci

Kunst und produzierendes Gewerbe

Künstler und Designer experimentieren für Installationen, Möbel, Mode und Accessoires mit heimischen Naturstoffen. Sie sind Vorreiter der rasant wachsenden Bioökonomie. Die Künstlerin Julia Lohmann verwendet neben Algen auch Papier, Stroh und Löwenzahn. Nun zieht die Automobilindustrie nach. Der Reifenhersteller Continental verarbeitet anstelle von Kautschuk sibirischen Löwenzahn, der ebenfalls über die begehrten gummiartige Eigenschaften ;verfügt.

Crowdsourcing und Lebensmittelbranche

Auf zivilgesellschaftliche Kreativität stützt sich Fruchtgummihersteller Haribo. Auf Anregung der Käufer kommt 2014 eine „Fan-Edition“ mit Goldbären in sechs neuen Geschmacksrichtungen auf den Markt. Der Clou: Auch blaue Fruchtgummibären sind dabei. Und: Der geschmacklose Farbstoff wird aus Algen gewonnen. „Civil bzw. Citizen Creativity“ wird inzwischen on vielen Herstellern genutzt. So entstand das Geschäftsmodell von Innosabi. Auf der gleichnamige Plattform werden gemeinsam mit Kunden im Auftrag von Firmen neue Produkte entwickelt.

 © Haribo-Fanartikel

Marketing und Aktionskunst

Werber, Designer, Games-, Film- und Theaterakteure sind Experten für die Emotionalisierung von Marken und Produkten. Sie inszenieren deren Auftritte bei Messen, Tagungen, Konferenzen und digital für alle Medien. Doch Marken erringen nur dann Aufmerksamkeit, wenn ihre Motivation und innere Haltung authentisch und nachhaltig wirkt. Statt einer normalen Werbekampagne für eine neue Fliegenfalle entwickelten die schon erwähnten Schweizer Künstler Frank und Patrik Riklin für den Bielefelder Biozidhersteller Reckhaus einen Aktionstag zum Fliegenretten. Aus der künstlerischen Intervention entstand ein bis heute anhaltender Unternehmenswandel mit vielen Maßnahmen für mehr Verantwortung im Hinblick auf Umwelt und Nachhaltigkeit.

© Reimar Ott

Produzierendes Gewerbe, Chemie, Medizin

Die Firma Gore hat sich auf wind- und asserabweisende Funktionstextilien spezialisiert. 20 % der regulären Arbeitszeit steht dem Personal für den kreativen Blick über den Tellerrand zur Verfügung. Je nach persönlichen Freizeitinteressen entwickelten die Mitarbeiter aus dem Material neue Produkte für andere Märkte: beschichtete, schmutzabweisende Schalt- und Bremszüge für Fahrräder, länger haltbare Gitarrensaiten, Implantate für die Herz- und Gefäßchirurgie.

Smoothfood heißt ein neues Geschäftsmodell, dass Lebensmittelchemie und 3D-Druc verbindet. Impulsgeber ist die Makerszene der TechShops und FabLabs. Die
Firma Biozoon aus Bremerhaven wandelt Lebensmittel in Pulver um und serviert Menschen mit Schluckbeschwerden, die der pürierten Nahrung überdrüssig sind,
zumindest die haptische Illusion von gebratenen Hähnchenkeulen, Kartoffeln und Möhren. Neben Krankenhäusern und Seniorenheimen werden auch Sterneküchen
mit Produkten aus dem 3D-Drucker beliefert, z. B. mit kunstvollen Gelatine-Desserts im kreativen Design von urbanen Wolkenkratzern, Gebirgslandschaften und
Tieren.

 © A. Dreher, pixelio.de

Draußen und Drinnen

Lopifit holt das Fitnessstudio auf die Straße, indem es Fahrrad, Roller und Laufband kombiniert. Statt in die Pedale zu treten, treibt der Nutzer das Gefährt über ein Laufband an und landete damit in arabischen Ländern einen Überraschungserfolg. War das Fahrradfahren in langen Gewändern bisher eher umständlich, bietet das Loopifit nun deutlich mehr Komfort, weil es im Stehen angetrieben wird.

Landwirtschaft und Elektrotechnik

Der US-Amerikaner Philo Farnsworth kombinierte zwei Welten, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen: Landwirtschaft und Physik. Aufgewachsen in armen Verhältnissen einer Mormonenfamilie musste er zu Hause oft bei der Feldarbeit helfen. Beim eintönigen Pflügen des Kartoffelackers sinnierte er häufig über physikalische Fragen. Er wusste: Radiowellen ließen sich über den Äther funken. Und Bilder? Wäre es vielleicht möglich, wie beim Pflügen eines Kartoffelackers Bilder in parallele Zeilen zu zerlegen und so elektronisch zu übertragen?! Farnsworth verfolgte seine Idee weiter. 1927 gelang ihm im Beisein seiner Geldgeber die weltweit erste elektronische Bildübertragung mit einer Elektronenstrahlröhre. Das ihm die Idee ein Konkurrent stahl und als Patent anmeldete, ist eine andere Geschichte …

 © Filmcover Geniale Göttin 

Musik und Waffentechnik

Hedy Lamarr galt in den 30er/40er Jahren als Sexbombe in Hollywood. Sie selbst empfand Schönheit eher als langweilig. Sie war eine blitzgescheite Querdenkerin, tüftelte an mechanischen Musikinstrumenten und an Waffentechnik. Ein typisches Beispiel für Cross Innovation, das die Übertragung von Lösungsansätzen von einem Lebensbereich auf einen anderen greifbar und nachvollziehbar macht. Doch wie gelang ihr das? Weiterlesen: Sexgöttin als Waffenerfinderin: Wie Cross Innovation gelingt

Kreative Bürokratie: Bürgern mit gesundem Menschenverstand begegnen

 © Bernd Kasper, Pixelio.de 

Schon mal gehört? Geschichten über Beamte, die aus Frust weiße Blätter kopieren, nie ans Telefon gehen und ständig krank sind?! Doch es soll auch andere Staatsdiener geben, die im Behördendschungel mitdenken, nach kreativen Schlupflöchern suchen und uns Bürgern mit gesundem Menschenverstand unterstützen.

Kreative Bürokratie

Damit es zukünftig mehr beherzte Beamte gibt und sie im Behördenalltag mehr Ermutigung und Methodik erfahren, fand Anfang September 2018 in Berlin  das „Festival für Kreative Bürokratie“ statt –  das Creative Bureaucracy Festival. Der Begriff „Kreative Bürokratie “ entstand nach dem gleichlautenden Buch The Creative Bureaucracy von Charles Landry und Margie Caust. Es soll ein aktuelles Programm speziell für Beamte entwickelt werden. Das Programm soll dazu beitragen, dass Mitarbeiter aus der Verwaltung auf eine Vielzahl von Methoden und Werkzeugen zugreifen können, um neue Herausforderungen und Probleme zu lösen. Im Vordergrund steht dabei vor allem, den richtigen und motivierenden Umgang mit Mitarbeitern zu finden. Jeder – egal aus welcher Hierarchie – soll in Veränderungsprozessen mitgenommen werden: EntscheidungsträgerInnen ebenso wie MitarbeiterInnen auf Service-Ebene. 

 © Didi01, Pixelio.de 

Veränderungen durch kreativen Austausch

Beim Berliner Kongress kamen kreative Beamte mit Institutionen zusammen, die den öffentlichen Sektor bei der Realisierung von Innovationen unterstützen, außerdem Bürger, die den öffentlichen Sektor in Nichtregierungsorganisationen (NGOs) mitgestalten und neugierige, offene Menschen der Zivilgesellschaft. Die Themen waren und sind vielfältig: Digitalisierung, Transparenz und Partizipation, Bildung, Gesundheit und Mobilität, Arbeit, Wohnen und Sicherheit. Mit gelungenen Praxisbeispielen wurden die Teilnehmer motiviert, anhand von Fehlern („Fuck Up Night“) konnten sie lernen. Die Erkenntnis: eine Bürokratie, die von uns Bürgern als willkürlich, undurchsichtig und gängelnd wahrgenommen wird, kann mit Geduld und Gestaltungswillen positiv verändert werden. Und zwar so, dass Verwaltung die freie Entfaltung der Bürger befördert und sie nicht in einem Dickicht an Vorschriften erstickt.

 © Gerhard FrassaPixelio.de

Amt für unlösbare Aufgaben

Wie gelingt es nun konkret, Wertschätzung, Menschlichkeit und Humor in die Verwaltung hineinzutragen? Wie können Beamte zu einer verständlichen Sprache im Umgang mit unsBürgern finden? Diese Fragen haben sich vier Kreativschaffende gestellt und das Amt für unlösbare Aufgaben gegründet: Stadtentwickler Matthias Burgbacher, Designforscherin Andrea Augsten, Theaterregisseurin Leonie Pichler und Musikmanagerin Julia Wartmann. Mit Perspektivwechsel und einem Augenzwinkern wollen sie dem Alltag und den Vorurteile im öffentlichen Sektor begegnen, etwa so: „Das Gegenteil von Bürokratie ist Willkür.“  Matthias Burgbacher erklärt, dass man Bürokratie ja nicht abschaffen, sie aber auf jeden Fall freundlicher machen könne. Work in progress … Teilhabe verringert geistige Einbahnstraßen,  weckt Phantasie, Toleranz und erhöht die Akzeptanz von Entscheidungen, wie weitere Beispiele zeigen …

 © M. Großmann, Pixelio.de 

Hamburg

Hamburg rief 2016 in Kooperation mit der HafenCity Universität und dem MediaLab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Beteiligungsprojekt
Finding Places zu 34 Workshops auf. An einem interaktiven Stadtmodell konnten Bürger geeignete Orte für neue Flüchtlingsunterkünfte benennen. Eine Bürgerbeteiligung mit Lerneffekt, denn vielen wurde zum ersten Mal bewusst, wieviele Bestimmungen und Vorschriften im städtischen Raum zu beachten sind. 

Rostock

In Rostock übernahmen im September 2015 kurzerhand die Bürger das Ruder, als die Verwaltung mit den ankommenden Flüchtlingen überfordert war. Anfangs gab
es Widerwillen gegen das bürgerliche Engagement, dann doch Anerkennung von Senator Steffen Bockhahn für die kreativen Ideen: „Ohne die Zivilgesellschaft hätten wir es damals nicht geschafft.“ (Böttcher 2016) Akteure vom Verein „Rostock hilft“ und vom Kreativzentrum projekt:raum haben die Aktionen maßgeblich getragen, logistisch über digitale Einsatzlisten und Facebook organisiert und viele kreative Programme für Geflüchtete entwickelt, wie Kochen über den Tellerrand.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Bonn

Im Viktoriakarree in Bonn stoppte ein Bürgerbegehren den Verkauf von Grundstücken an einen Investor, der dort eine Shopping-Mall bauen wollte. Daraufhin richtete das Künstlerteam CommunityArtWorks mit Daniel und Jennifer Hoernemann gemeinsam mit Architekten und Stadtentwicklern ein Bürger-Atelier in der Innenstadt ein. Dort begleitet CommunityArtWorks ein Bürgerbeteiligungsverfahren und schafft über künstlerisches Wahrnehmen, Denken und Handeln Raum für Kreativität und Fehlerkultur. Das Künstlerteam bearbeitet seit langem gesellschaftliche und unternehmerische Herausforderungen mit künstlerischen Methoden und Interventionen im öffentlichen Raum. Es greift mit dem „Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen“ aktiv in Prozesse ein, fördert Kommunikation und Reflexion.

 © CommunityArtWorks

Dänemark

Im dänischen Kopenhagen haben Wirtschafts-, Finanz- und Justizministerium das Innovationslabor MindLab gegründet, das noch bis Ende 2018 aktiv ist. Die Mitarbeiter sollen den Alltag in der Metropole lebenswerter und kreativer machen. Sie begleiten Bürger bei Behördengängen und ermitteln deren Probleme beim Ausfüllen von Formularen. Sie hören den Bürgern zu und fragen direkt nach, was verbessert werden kann. 130 Projekte haben die Vordenker landesweit angestoßen, in den Bereichen Mobilität, Bildung und Wissensmanagement, bei der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt und der Müllvermeidung: Grüne Fußabdrücke auf Bürgersteigen, die den Weg zu Mülleimern zeigen, halfen dabei, den Abfall auf Straßen um beachtliche 40 Prozent zu reduzieren.

 © neurolle RolfPixelio.de

Großbritannien

Regierungen engagieren immer häufiger „Mitarbeiter für Verhaltenseinblicke“, um mit der Nudge-Methode das Verhalten der Bürger auf vorhersagbare Weise zu beeinflussen (vgl. Richard H. Thaler/Cass R. Sunstein: Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt. 2017, S. 26-27), „The Behavioural Insights Teams“ agieren abseits von Verboten, Geboten oder ökonomischen Anreizen. Die US-amerikanische Regierung testete dies 2008 unter Barack Obama, die britische Regierung 2010 unter David Cameron und ebenso die Bundesregierung unter Angela Merkel. Die vom Staat eingesetzten Psychologen sollen Bürger mit kleinen „Anstupsern“ animieren, sich besser zu verhalten: Energie zu sparen, Steuern zu zahlen, für das Alter vorzusorgen, sich gesünder zu ernähren. Die Briten gehen derzeit der Frage nach, wie sich Gewissenhaftigkeit, Verantwortung, Motivation, Kreativität und Offenheit am besten unterstützen lassen. 

 © neurolle RolfPixelio.de

Österreich und Schweiz

In Österreich erarbeiten Akteure aus Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft im GovLab übergreifende Lösungsansätze. Die Erkenntnisse werden über Prototypen an andere Bürger weitergegeben. In der Schweiz unterstützt das gemeinnützige Staatslabor die öffentliche Verwaltung mit innovativen Lösungen. In die Modellprojekte sollen Bevölkerungsgruppen eingebunden werden, die in der Schweiz nicht über Stimm- und Wahlrecht verfügen.

Sexgöttin als Waffenerfinderin: Wie Cross Innovation gelingt

 © Filmcover Geniale Göttin 

Hedy Lamarr galt in den 30er/40er Jahren als Sexbombe in Hollywood. Sie selbst empfand Schönheit als langweilig. Lamarr war eine blitzgescheite Querdenkerin, tüftelte an mechanischen Musikinstrumenten und an Waffentechnik. Ein typisches Beispiel für Cross Innovation: Lösungsansätze werden von einem Lebensbereich auf einen anderen übertragen. Doch wie gelang Lamarr das?

Begeisterung für Technik

„Jedes Mädchen kann glamourös sein. Du musst nur still stehen und dumm dreinschauen.“ – Hedy Lamarr zog ihre Energie nicht aus ihrer Schönheit, sondern aus ihrer Begeisterung für Fortschritt und Technik. In den 20er Jahren tüftelte sie gemeinsam mit dem Musik-Utopisten und Komponisten George Antheil daran, bis zu 16 selbstspielende Klaviere (Pianolas) zu synchronisieren. Es gelang ihnen mit Hilfe von Lochstreifen. Die gleichzeitig ablaufenden Klavierrollen waren die Basis für Antheils bahnbrechendes Werk Ballet Mécanique. Was dahinter steckt, beschreibt er in seinem Buch „Bad Boy of Music“: „Meine Absicht war es, dem Zeitalter, in dem ich lebte, sowohl die Schönheit wie auch die Gefahr seiner unbewussten mechanischen Philosophie und Ästhetik klarzumachen …“

 © Pianola mit Lochstreifen

Der Mensch wird ersetzt

So wie heute über den Einsatz künstlicher Intelligenz in Bereichen diskutiert wird, die bisher dem Menschen vorbehalten, so standen die 20er Jahre ganz im Zeichen der Automatisierung. In der Musik verblüfften z. B. die neuen selbstspielenden Klaviere mit aberwitzigen musikalischen Abläufen, Tempi und Rhythmen, die ein Mensch am Klavier nie hätte meistern können.

Cross Innovation

Auch Hedy Lamarr ließ sich von den neuen technischen Möglichkeiten in Bann ziehen. Aber nicht nur im Bereich von Musik und Kultur. Sie war eine Vor- und Querdenkerin, die das Zeitgeschehen um sie herum genau wahrnahm. Eine Voraussetzung dafür, dass Cross Innovation entstehen kann, indem eine Idee von einem Lebensbereich in einen völlig anderen übertragen wird, offen und interdisziplinär sozusagen.

Offen für Weltprobleme

Hedy Lamarr stammte aus einer jüdischen Familie. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten heiratete sie einem österreichischen Waffenfabrikanten, der später auch mit Deutschland Geschäfte machte. Lamarr verließ ihn 1937 und bezog im 2. Weltkrieg gegen den Nationalsozialismus klar Position, indem sie sich auf die Seite der Alliierten stellte. Unter den historischen Eindrücken kam die Tüftlerin auf die Idee, ihre Erkenntnisse im Kampf gegen die Nazis zu nutzen. Gemeinsam mit Antheil entwickelt sie um 1940 ein Verfahren, um die Lochstreifen der selbstspielenden Klaviere als Steuerelement auf Torpedotechnik zu übertragen.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Vom Pianola zum Torpedo

Da Torpedos über Funk gesteuert werden, sind sie über fest stehende Frequenzen leicht ausfindig zu machen, auch für Feinde. Lamarr und Antheil wussten bereits, dass identische Lochstreifen gleichzeitige Frequenzwechsel zwischen Sender und Empfänger ermöglichen. Wie wäre es also, wenn man die wechselnden Frequenzen der Pianola-Fernsteuerung auf die Torpedo-Technik übertragen würde? Mit dieser Funkfernsteuerung wären die Torpedos nicht mehr so leicht zu verfolgen, zu stören und damit für die Nazis auch schwerer anzugreifen. Monatelang entwickelten die beiden Kreativen ihre Idee weiter. Unterstützend kam möglicherweise der glückliche Umstand hinzu, dass Lamarr als Ex-Frau eines Waffenherstellers über geheime Informationen in der Funktechnik verfügte.

 © Pianola-Rolle

Patent und Weiterentwicklung

Schließlich half ein Professor für Elektrotechnik am California Institute of Technology den beiden dabei, das Patent zur Anmeldung vorzubereiten. Im August 1942 wurde das Verfahren zwar vom Patentamt bewilligt, aber seiner ursprünglichen Form nicht eingesetzt. Das Prinzip des gleichzeitigen Frequenzwechsels wurde jedoch stetig weiterentwickelt. Es fand Eingang in die Schiffstechnik der US-Navy und in den Bereich der Kommunikation. Heute wird das Prinzip u. a. für WLAN- und Bluetooth-Verbindungen genutzt, die auf Frequenzsprünge nach einem bestimmten Zufallsmuster setzen.

Späte und posthume Ehrungen

1997 erhielt Hedy Lamarr gemeinsam mit dem bereits 1959 gestorbenen George Antheil den Pioneer Award der Electronic Frontier Foundation EFF. 2014 wurde sie posthum in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen. In Deutschland, Österreich und in der Schweiz wird an ihrem Geburtstag am 9. November der Tag der Erfinder gefeiert. Reich und berühmt wurde Lamarr mit ihrer Erfindung übrigens nicht. Sie starb im Jahr 2000 in Florida. Auf ihren Wunsch hin verstreuten ihre Kinder die Hälfte ihrer Asche im nördlichen Wienerwald am Stadtrand von Wien. Die restliche Asche wurde 2014 in einer Urne auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet (in Gruppe 33 G, Grab Nr. 80). 2018 erzählt der  Dokumentarfilm Geniale Göttin (Regie: Alexandra Dean) noch einmal ihre Geschichte. Eine späte Würdigung für eine Vordenkerin für Cross Innovation.

 © als Cover-Girl im Magazin Invention &Technology  

 

Weitere bemerkenswerte Beispiele für Cross Innovation in diesem Artikel (folgt in Kürze):

Kreative Karambolagen: Open und Cross Innovation

Cäsar und Cleopatra: Warum Dreamteams und Innovationswerkstätten erfolgreich sind

 © MassivKreativ

Cäsar und Cleopatra, Asterix und Obelix, Goethe und Humboldt, Sherlock Holmes und Dr. Watson: Dreamteams gibt es im Sport und im Film, auf der Bühne, in der Musik und im wahren Leben. Sie sind deshalb erfolgreich, weil Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Talenten zu besseren Lösungen gelangen als ein Mensch allein. Dieses Erfolgsrezept gilt auch für Innovationswerkstätten, in denen die Akteure neue Lösungen für alten Branchen finden.

Dreamteams mit Vielfalt

Ideen gemeinsam diskutieren, abwägen, hinterfragen, modifizieren, weiterentwickeln und dabei immer den Nutzer bzw. Kunden im Blick behalten – seine Wünsche aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Genau das passiert in den neuen multidisziplinären Innovationswerkstätten, die gerade vielerorts in Deutschland entstehen und Zukunftsideen ganz real in die Tat umsetzen. Kreativschaffende verschiedener Bereiche treffen mit Mitarbeitern aus klassischen Wirtschaftsbranchen zusammen und suchen gemeinsam nach Lösungen. Jede/r kann spezielle Fähigkeiten und Kompetenzen einbringen, die sich aneinander reiben oder sich sinnvoll ergänzen, wie zwei beispielhafte Innovationswerkstätten aus Mecklenburg-Vorpommern, Dresden, Hannover, Brandenburg und Bayern zeigen.

 © MassivKreativ

Innovationswerkstatt in Mecklenburg-Vorpommern

Das Netzwerk „Kreative MV“ richtete im Mai 2017 unter Leitung von Veronika Schubring und Teresa Trabert eine Innovationswerkstatt aus – im mecklenburgischen Neustrelitz im Kulturzentrum Alte Kachelofenfabrik. 15 Kreative trafen auf 5 verschiedene regionale Unternehmen im Bundesland: die mwh Hirsch Steuerberatungsgesellschaft Neustrelitz, naturwind Schwerin GmbH, Stadtwerke Rostock, HNP Mikrosysteme Schwerin und Trebing & Himstedt Prozessautomatisierung GmbH.

Die Kreativ-Schaffenden waren vielseitig aufgestellt, sie kamen aus allen Teilbranchen der Kreativwirtschaft: ein Fotograf, ein Opernsänger, eine Dekorateurin, eine Nachhaltigkeitsexpertin, eine Industriedesignerin, eine Bildhauerin, eine Grenzgängerin, eine Künstlerin, ein Künstler, eine Projektmanagerin, ein Gestalter, ein Architekt, ein Musiker, ein Interaktionsdesigner und ein Kreativpilot (Auszeichnung des Bundes).

Strategie

Jedes Unternehmen entsendete jeweils zwei Führungs- oder Nachwuchskräfte, die mit jeweils 3 Kreativen an der Fragestellung arbeiteten. Alle Fragen waren strategisch angelegt und fokussierten das Alleinstellungsmerkmal bzw. das zukünftige Geschäftsmodell des Unternehmens im Umfeld von Digitalisierung und weiterer Mega-Trends einschließlich Gesetzesänderungen.

 © MassivKreativ

Design Thinking

Unter Anleitung erfahrener Coaches lernten alle Teilnehmer die Design Thinking-Methode kennen. Die kreative Methode wurde vom Hasso-Plattner-Institut entwickelt. Sie hat einen starken Bezug zum Nutzer (bzw. Kunden, Anwender) und gliedert sich in bis zu sechs Phasen:

  • Sachverhalt verstehen und beobachten, z. B. durch Recherchen und Interviews
  • Problem bzw. Fragestellung exakt definieren
  • Lösungsansätze finden bzw. Ideen entwickeln
  • Prototypen entwerfen
  • Ideen bzw. Prototypen vom Nutzer testen lassen, Rückmeldungen erhalten
  • Lösungsansätze weiter verbessern, ggf. auch mehrfach (iterativ)

Die interdisziplinären Teams der Innovationswerkstatt Neustrelitz erarbeiteten eine Woche lang konkrete Prototypen. Sie wurden am Ende vor öffentlichem Publikum präsentiert, später auch im jeweiligen Unternehmen. Hier sollten nun die angedachten Lösungsansätze weiter verfolgt, umgesetzt und genutzt werden. Bei einem Alumni-Treffen sechs Monate nach Ende der Innovationswerkstatt können die Teilnehmer nochmals Erfahrungen austauschen und weitere Schritte beraten.

Nachhaltigkeit und Ergebnisse

Die Innovationswerkstatt hat drei Ziele erreicht: sie hat den branchenübergreifenden Innovationstransfer ermöglicht, zur tiefen Vernetzung der Kreativunternehmen beigetragen und gleichzeitig die zukunftsorientierte Unternehmens- und Regionalentwicklung unterstützt.

Sie soll nun ein festes Format für interessierte Unternehmen sowie für die Wirtschafts- und Regionalentwicklung werden. Und: Sie soll auch in der Verwaltung und in weiteren Institutionen zum Einsatz kommen, die langfristig und nachhaltig innovationsfähiger werden wollen. Auch Behörden sind heutzutage auf Partnerschaften angewiesen, die nicht mehr hierarchisch sondern auf Augenhöhe gepflegt werden. 

 © MassivKreativ

Stimmen der Teilnehmer

Die mwh Hirsch Steuerberatungsgesellschaft Neustrelitz entwickelte z. B. zwei neue Produkte mit Mehrwert, die zur Mandantenbindung beitragen sollen. Auch die anderen Unternehmen entwickelten Prototypen für neue innovative Produkte und Dienstleitungen. Das Fazit fiel durchweg positiv aus:

Mitarbeitende sind kreativ gefordert (Kommunikation, Verkauf, Vertrieb), und wenn viele aus unserem Unternehmen auf dasselbe Wissen zurückgreifen können, erhöht das nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern motiviert. Und motivierte Mitarbeitende sind die effizientesten….

Die Innovationswerkstatt war wie eine Unternehmensberatung – in kreativ-kompetenter Atmosphäre mit drallem Zeitplan, der dennoch unterm Strich super Erfolge erzielte.“

Sie [die Kreativen] bringen die Ideen und Perspektiven eines Außenstehenden mit und gewährleisten so, dass man sich nicht verrennt oder ein wichtiger Aspekt vergessen wird.

Alle im Team haben gezeigt, dass Arbeiten unter ständigem Zeitdruck kreativ und sehr effektiv sein kann und auch noch Spaß macht.“ (Quelle: Kreative MV – Abschlussbericht Innovationswerkstatt).

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Innovationswerkstatt in Dresden

Das Innovationsforum und Netzwerk PRIME ist eine gemeinsame Initiative des Branchenverbandes der Dresdner Kultur- und Kreativwirtschaft e.V. Wir gestalten Dresden, dem Materialforschungsverbund Dresden e.V. und der Wissensarchitektur der Technischen Universität Dresden. Das Netzwerk hilft dabei, geeignete Kooperationsthemen und Partner zu finden, es begleitet Innovationsprozesse und gewährleistet ein umfassendes Netzwerk, das allen Teilnehmenden zur Verfügung steht. Zu den Projektbeispielen

InnovationsLab in Hannover

Während es in der Küche nur einen Koch geben sollte, brauchen Kreativ- und Innovationsprozesse in Laboren mehrere Köpfe mit möglichst vielseitigen Kompetenzen. Im Hanno[Lab]  finden sie branchenübergreifend zusammen, erleben und erlernen gemeinsam Theorie und Praxis sowie Methoden des Designthinkings. In interdisziplinären Projektgruppen entstehen überragende Ideen, Konzepte und Produkte. Den Beweis liefert das Zukunfts-Gestaltungs-Camp Hanno[Lab] an. Es wird regelmäßig vom kre|H|tiv Netzwerk inintiiert – in Kooperation mit Nexster, dem Entrepreneurshipcenter der Hochschule Hannover. .

Innovationswerkstatt in Brandenburg

In Brandenburg fand zwischen 2013 und 2015 das Modell- und Förderprojekt COBRA statt. COBRA steht für Collaborative Labour Opportunities in Brandenburg und wurde aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Teilnehmer des Projektes waren einerseits lokal ansässige Unternehmen und andererseits Absolventen kreativer und gestalterischer Studiengänge aus Brandenburg (z. B. Architekten, Designer, Mediengestalter und Kommunikationsdesigner etc.) sowie junge Existenzgründer und Soloselbstständige mit kreativem Hintergrund.

Innovationsprojekt in Sachsen-Anhalt

Wood4Life ist Netzwerk aus kreativen Handwerkern, Designer, Marketingfachleuten, Fertigungs- und Vertriebsspezialisten. Es möchte neuartige kundenspezifische, individuell konzipierter Innenausbaulösungen für Wohn- und Küchenlandschaften entwickeln und vermarkten. Die branchenübergreifende Innovationsprozesse sollen zu mehr Wettbewerbsfähigkeit der beteiligten Unternehmen führen. Das Projekt wird unterstützt durch das Cross Innovation – Programm zur Förderung von Netzwerken zur Verbesserung des Marktzuganges für Unternehmen der Kreativwirtschaft und des kreativen Handwerks des Wirtschaftsministeriums Sachsen-Anhalt.

Vorbildprojekte

Welche Erfahrungen gibt es in Deutschland bereits mit Innovationswerkstätten. Wie verlaufen interdisziplinäre Projekte in der Praxis? Vorbildprojekte bzw. best practice dienen als wichtige Türöffner, entweder in Form von Kurzfilmen oder Gastauftritten von Akteuren erfahrener Dreamteams (siehe Willkommenstrunk – Grüne Werkstatt Wendland). Auf diese Weise können sich neue potentielle Projektpartner besser vorstellen, was auf sie zukommt.

Kreativer Ort für kreative Ideen

Lösungen setzen die richtigen Fragestellungen voraus. Am Anfang des Innovationsprozesses stand stets eine konkrete, praxisrelevante und regional basierte Aufgabe eines lokalen Produktions- und Dienstleistungsunternehmen. Beteiligt waren sowohl handwerklich Traditionsbetriebe als auch technologieintensive Firmen. Jeweils für eine Woche im Mai und im September 2014 kamen die Kooperationspartner, Unternehmen und Kreative, in die „Stadt der Tuche und Hüte“ in die Niederlausitz – nach Guben in die ehemalige Hutfabrik. Der Ort bietet eine besondere und kreative Atmosphäre für eine konzentrierte und intensive Zusammenarbeit.

 © MassivKreativ

Sprints und Etappen

Anknüpfend an agile Arbeitsmethoden sollten die Kooperationspartner in kurzer Zeit zum Ziel gelangen, konkret in einwöchigen Workshops. Sie gliederten sich in folgende Etappen:

  • Unternehmensbesuche: Kennenlernen des Unternehmens und der Fragestellung
  • unter Anwendung von Design Thinking-Methoden wurden die Problem- und Fragestellungen zugespitzt und verfeinert
  • Entwicklung von Lösungsentwürfen und Prototypen
  • Lösungsansätze gemeinsam mit Partnern diskutiert, reflektiert, weiterentwickelt
  • Präsentation der Lösungsansätze vor Partnern und einer breiten Öffentlichkeit

Garnhersteller Trevira

Trevira ist aus dem eh. VEB Chemiefaserwerk hervorgegangen und fertigt heute Garne und Filamente, z. B. für Funktionskleidung, für Heimtextilien, schwer entflammbare Teppiche und Vorhänge für die Automobilindustrie, für Hotels und Kreuzfahrtschiffe. Vor den jungen Kreativen stand die Herausforderung, neue Formate für Innovationsentwicklung der Firma zu kreieren. Kunden und Partnern sollten dabei kollaborativ einbezogen werden. Nach der Projektwoche und im Verlauf des nachfolgenden Sommersemesters präsentierten die  Kreativen die Idee einer Innovationsschatzsuche und das Format der Technology-Days.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Metallbau Dulitz

Dulitz stellt in vierter Generation großflächige Fassadenteile aus Glas- und Aluminiumplatten in verschiedenen Farben und Stärken her. In enger Kollaboration mit dem Gubener Traditionsunternehmen tüftelte das Berliner Designerduo LALUPO an Ideen, aus Materialresten neue Produkte herzustellen, u. a. Wandhaken in verschiedenen Farben. Funktionalität haben die Designer gleich mitgedacht: Die haken kommen flach aus der Maschine und können so praktikabel und effizient an den Kunden verschickt werden kann. Mit einer zusätzlichen Stanzung kann der Kunde den Haken in die richtige Position biegen.

Vorteile für alle

Innovation lebt vom Austausch. Die lokalen Betriebe, die oft in mehreren Generationen am Markt agieren, erhalten neben Wertschätzung für Ihre Arbeit neue Impulse von jungen Kreativen. Die öffentliche Präsentation der Prototypen dienen als Motivationsschub, damit  die Kooperationspartner auch nach Projektende weiter an ihren Ideen arbeiten. Die neuen und frischen Ideen haben Vorbildwirkung, gerade in strukturschwachen Regionen.

Auch die Studenten und Absolventen profitieren. Sie arbeiten an echten Praxisbeispielen, könne ihre Ideen erproben und erhalten direkte Rückmeldung von den Unternehmen. Sie setzen sich mit Abläufen und Rahmenbedingungen in Unternehmen auseinander, der knappe Zeitrahmen simuliert alltagsreale Vorgaben. Sie befassen sich mit Kundenwünschen und lernen unterschiedliche Materialien, Werkzeuge, Arbeitsmethoden und Produkte kennen. Sie probieren sich aus, experimentieren und sammeln wertvolle Erfahrungen.

 © MassivKreativ

Kommunikation

Das Modellprojekt sprach sich rasch herum und sorgte in Guben und Umgebung für Gesprächsstoff zwischen den Bürgern, bewirkte Interesse, regionale Verbundenheit sowie Sinn- und Identitätsstiftung. Eingebunden in das Projekt waren lokale Medien und die  Wirtschaftsförderung der Brandenburger Niederlausitz, ein wichtiger und Brückenbauer zwischen Kreativen und Unternehmen.

Nachhaltigkeit

COBRA versteht sich als regionale Projektbörse. Akteure werden weiterhin aktiv, wenn es neue Nachfragen und Herausforderungen von regionalen Unternehmen gibt. Im November und Dezember 2015 fand im Kultur- und Kreativwirtschaftsstandort Oranienwerk die Innovationswerkstatt “TRIEBWERK” statt und führte erneut Kreativwirtschaft und regionalen Mittelstand zusammen. 

 © MassivKreativ

Ideenlabore in Bayern

Auch im Süden Deutschland wagen interdisziplinäre Teams den „Blick über den Tellerrand“. Das Netzwerk bayernkreativ organisiert Ideenlabore und sucht Kreative, die gemeinsam mit Unternehmern, Technologie- und Branchenfachleuten sowie Wissenschaftlern interdisziplinäre Lösungsansätze für aktuelle Herausforderungen einer Branche erarbeiten möchten.

Das Projekt startet am 26. September 2017 in Aschaffenburg mit dem Ideenlabor ZukunftHandel in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer. Am 8. November 2017 folgt in Neu-Ulm in Kooperation mit den Wirtschaftsförderungen der Städte Neu-Ulm und Ulm, der IHK Schwaben und dem Club der Industrie das Ideenlabor Zukunft Papier-(Industrie) aus. 

Kundennah testen

Das JOSEPHS® in Nürnberg ist eine Tochterfirma der renommierten Fraunhofer-Gesellschaft. Günstig gelegen in der Innenstadt können Nutzer Produkte und Dienstleitungen auf fünf sogenannten „Testinseln“ ausprobieren und erproben. Unternehmen und Organisationen erhalten auf diese Weise rasch Feedback von Kunden bzw. Co-Creatoren einholen. Die wissenschaftlich ausgewerteten Informationen können dann direkt berücksichtigt werden und helfen, Produkte anwenderfreundlich zu verbessern.

Geplante JOSEPHS®-Themeninseln bis Ende 2018

  • Megatrends / 01. Dezember 2017 – 27. Februar 2018
  • Arbeit 4.0 / 02. März 2018 – 29. Mai 2018
  • Nachhaltigkeit / 01. Juni 2018 – 28. August 2018
  • Informationsgesellschaft / 31. August 2018 – 27. November 2018

 

Weiterlesen zum Thema:

Medienfassaden und Space Cocktails: Innovative Impulse für die Wirtschaft: BRENNEREI next generation lab

Kreative als Atemspender für ländliche Regionen

 © Kreative MV

Viele junge Menschen kehren ihrer ländlichen Heimat den Rücken, weil sie für Studium oder Ausbildung in größere Städte ziehen. Zumindest einige von ihnen kehren später zurück. Oder es ziehen Neubürger hinzu. Für viele Kreative ist die Lebensqualität im ländlichen Raum hoch attraktiv. Sie hauchen den Dörfern und Kleinstädten frischen Atem ein. Ein neuer Wettbewerb in Mecklenburg-Vorpommern will die künstlerisch-kreativen „Raumpioniere“ unterstützen und ihre Fähigkeiten aktiv einbinden.

Kreative als Raumpioniere

Kreativschaffende suchen bewusst den Freiraum in vermeintlich „verlassenen“ Regionen, die über Abwanderung und Extremismus klagen. Sie kaufen und renovieren leerstehende Gutshäuser und Katen, betreiben offene Ateliers und Werkstätten, Probenräume und Bühnen, Gästehäuser und Cafés. Sie wirken als Magnet für weitere Neuansiedler, Touristen und Gäste. Sie sind Pioniere, die den gesellschaftlichen Wandel in ländlichen Räumen engagiert und enthusiastisch gestalten, oft gemeinsam mit der alteingesessenen Bevölkerung. Der digitale Wandel ermöglicht es Kreativunternehmern, dort zu arbeiten, wo sie leben wollen – und nicht umgekehrt.

 © MassivKreativ

Landeswettbewerb „Kreative für MV – MV für Kreative“

2018/2019 fand in Mecklenburg-Vorpommern ein landesweiter Wettbewerb für soziale Dorfentwicklung und Innovationen in ländlichen Regionen statt – unter aktiver Mitwirkung kreativer Raumpioniere und gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Projektträger: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung/BLE). Dabei sollten bereits bestehende kreative Projekte und Initiativen zur sozialen Dorfentwicklung ausfindig gemacht oder neue Initiativen angeregt werden – zwischen Kreativen und alteingesessenen Bürgern. Gemeinsam werden Talente und Synergien ermittelt, Ideen gesammelt und Prototypen gestaltet, im Idealfall auch soziale Innovationen realisiert werden.

 © BLE

Brückenbauer in MV gesucht

Mit dem Wettbewerb und der Kampagne ‚Kreative für MV – MV für Kreative‘ wollten wir zeigen, wie sehr sich Künstler und Kreative für ihr soziales Umfeld einsetzen“, erklärt die Projektleiterin Corinna Hesse und Sprecherin des Landesnetzwerkes Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern sowie Medienproduzentin und Mitverlegerin im Silberfuchs-Verlag / Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung. Gleichzeitig sollte im Rahmen des Wettbewerbs ermittelt werden, was das Bundesland für Künstler tun kann. Hesse ergänzt: „Gesucht wurden zivilgesellschaftliche Projekte zwischen Kreativschaffenden und Bürgern. Ländliche Regionen profitieren von den kreativen Ideen für ein sinnstiftendes Zusammenleben.“

Interdisziplinäre Kreativworkshops

Kreativschaffende und künstlerische Laien konnten sich mit einer zweiseitigen Projektskizze bewerben. Von April bis Oktober 2018 fanden 10 landesweite Projektcoachings statt. Jeder Bewerber konnte daran teilnehmen, um sein Projekt weiter zu entwickeln und zu professionalisieren. Im September 2019 präsentierten sich die zehn besten und nominierte Projekte vor einer Jury und gaben in Filminterviews Auskunft über ihre Projekte.

Die Workshops fanden 2018 an verschiedenen Orten in Mecklenburg-Vorpommern statt. Intermediäre des Netzwerkes Kreative MV haben die Bewerber im Rahmen des Wettbewerbs unterstützt, vernetzt, qualifiziert und landesweit sichtbar gemacht.

Roadshow

Die zehn besten Projektideen touren im Anschluss an den Wettbewerb in einer Wanderausstellung über Kreative Pioniere und einer Roadshow durch Mecklenburg-Vorpommern und werden in Kommunen und Landesministerien vorgestellt. Damit wird das Bewusstsein gestärkt, dass Kultur- und Kreativwirtschaft die regionale Entwicklung stärkt und entscheidende Impulse setzt. Ein Auftakt, damit zukünftig auch kommunale Kooperationspartner enger mit Kreativen zusammenarbeiten und Standorte gemeinsam entwickeln können. Raumpioniere bringen die Zukunft nach Mecklenburg-Vorpommern.

Module des Wettbewerbs

Das Team von Kreative MV stützt sich auf vielseitige und fruchtbare Erfahrungen bei der Zusammenarbeit zwischen Kreativen, Bürgern, Verwaltung, Unternehmen, Regional- und Wirtschaftsförderern in bereits erprobten KreativLabs, die 2016/2017 in MV bereits für Austausch und Vernetzung sorgten. Die Labs sollen als nachhaltiges Format im Rahmen des Wettbewerbs fortgeführt und intensiviert werden. Der Wettbewerb wird dabei die Handlungsschwerpunkte Vernetzung, Fortbildung und Sichtbarkeit verbinden. Die Effekte der Kultur- und Kreativwirtschaft auf die Standort- und Regionalentwicklung werden durch den Projekttitel „Kreative für MV – MV für Kreative“ verdeutlicht.

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Künstlerisch-kreative Methoden

Die KreativLabs leben vom künstlerischen Denken, von einer Vielzahl künstlerisch-kreativer Methoden und künstlerischer Interventionen. Kreative haben eine besondere Haltung, sie können:

  • zuhören, beobachten, recherchieren, improvisieren
  • Fragen stellen, Angst überwinden, mutig sein
  • andere Perspektiven kennenlernen, neue Sichtweisen entdecken
  • nach innen und außen fühlen
  • Szenarien, Rollen und Möglichkeiten im Spiel erproben
  • an eigene Grenzen gehen, über sich hinauswachsen
  • mit Kritik umgehen, aus Fehlern lernen
  • Fehlschläge und Misserfolge verarbeiten, Resilienz entwickeln
  • Gemeinschaft und Vielfalt erleben, im Team arbeiten
  • Anderssein und andere Meinungen akzeptieren
  • Verantwortung für sich und für Andere zu übernehmen
  • Selbstbewusstsein stärken
  • Fokussierung, Konzentration, Beharrlichkeit
  • Zeit planen, Prioritäten setzen
  • Wertschätzung für andere Menschen empfinden
  • Erfolge feiern, Pausen zum Reflektieren zulassen

In den Workshops werden Kreativtechniken (Design Thinking, Brainwriting, Osborne-Methode usw) ebenso genutzt wie Methoden agilen Arbeitens.

 © MassivKreativ

Ablauf des Wettbewerbs

Bis zum 28.02.2018 können sich Interessenten für den Wettbewerb, z. B. Kreativschaffende, künstlerische Laien, Bürger, Verwaltungen, Gemeinden, Unternehmen usw., mit einer zweiseitigen Projektskizze bewerben. Von April bis Oktober 2018 finden 10 landesweite Projekt-Coachings von statt. Jeder Bewerber kann daran teilnehmen, um sein Projekt weiter zu professionalisieren.

Eine branchenübergreifend besetzte Jury wählt drei Projekte aus, die im Frühjahr 2019 ausgezeichnet werden. Im Fokus des Wettbewerbs stehen gesellschaftsgestaltende Prozesse, die auf die besonderen Herausforderungen in der Region eingehen. Die Siegerprämien sind mit insgesamt 10.000 Euro dotiert, die für die Weiterentwicklung der Projekte eingesetzt werden sollen. Im Anschluss werden ausgewählte Projektideen von Mai bis November 2019 in einer Multimedia-Roadshow durch Mecklenburg-Vorpommern in Kommunen und Landesministerien vorgestellt. So wird das Bewusstsein für die Standorteffekte und Regionalentwicklung durch die Kultur- und Kreativwirtschaft gestärkt und kommunale Kooperationspartner gewonnen.

Nachhaltigkeit

Ziel des Wettbewerbs ist es, die kreativen Projekte, Ideen und Initiativen aus den Bewerbungen nachhaltig in kommunale, landesweite oder überregionale Förderprogramme zu implementieren und die vorhandenen Förderprogramme für die Entwicklung des ländlichen Raums stärker für die Kreativbranche zu erschließen.

Vorreiter

Die Politik wird aktiv aufgerufen, die Ansiedlung von Kreativunternehmern im ländlichen Raum zu fördern. Damit soll der Wandel ländlicher Regionen von der Landwirtschaft hin zu einem kleinteiligen, flexiblen und damit robusten Dienstleistungssektor unterstützt werden, der wissens- und kreativitätsbasiert und damit zukunftsfähig sein soll.

Mecklenburg-Vorpommern kann in diesem Zusammenhang bereits auf einige erfolgreiche Kreativorte, Vereine und Clustern verweisen, die mit kulturellen und ökologischen Angeboten, Veranstaltungen, regionalen Produkten und Gastronomie neue Geschäftsmodelle entwickelt haben, z. B. in Mestlin, Rothen, Pampin, Wangelin, Qualitz, im Lassaner Winkel, in Lelkendorf usw. Weitere Beispiele sind willkommen!  

Prominente Schirmherrin

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat ihre Unterstützung als Schirmherrin zugesagt. Sie wird im Frühjahr 2019 drei ausgewählte Projekte auszeichnen: „Ich freue mich, die Kreativen im Land näher kennenzulernen. Allen Projekten wünsche ich viel Erfolg!“  Die ausgezeichneten Projekte werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und mit Projektmitteln von insgesamt 10.000 € unterstützt.

Die Initiatorin

Corinna Hesse hatte die Idee für den Wettbewerb „Kreative für MV – MV für Kreative„. Sie ist Projektleiterin und Sprecherin von Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern sowie Medienproduzentin und Mitverlegerin im Silberfuchs-Verlag / Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung.

FAQ Wettbewerb kreative soziale Dorfentwicklung

Wer kann teilnehmen?

Bewerben können sich Privatpersonen, Vereine, Netzwerke und Firmen in Mecklenburg-Vorpommern aus allen Bereichen der Kultur und Kreativwirtschaft: Kunst, Musik, Theater, Kunsthandwerk, Architektur, Design, Werbung, Software, Games, Film, Rundfunk, Buch, Presse. Für nicht eingetragene Vereine, Arbeitskreise und andere Initiativen ohne eigene Rechtspersönlichkeit besteht die Möglichkeit, dass eine (rechtsfähige) Einzelperson für die Initiative die Bewerbung einreicht. Kommunale Partner, Wirtschaftsunternehmen aus anderen Branchen, Bürgerinnen und Bürger können nur dann eine Bewerbung einreichen, wenn sie in ihrem Projekt mit Partnern aus der Kreativbranche zusammenarbeiten.

Wie werden die Projekte im Wettbewerb gefördert?

In der ersten Phase des Wettbewerbs (2018) erhalten die teilnehmenden Projekte vor Ort ein Coaching von Experten und Praktikern, die die Teilnehmenden bei der Realisierung und dauerhaften Fortführung ihres Projektes unterstützen (z.B. Fragen zu Fördermitteln, Kooperationspartnern, Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung). Die 10 landesweiten Coaching-Termine (April-Oktober 2018) sind als Netzwerktreffen (KreativLabs) organisiert, so dass alle teilnehmenden Projekte sich kennenlernen, vernetzen und von ihren Erfahrungen gegenseitig profitieren können. Bei der Landesbranchenkonferenz für Kultur- und Kreativwirtschaft KREATOPIA im November 2018 können sich alle teilnehmenden Projekte gemeinsam präsentieren.

In der zweiten Phase des Wettbewerbs (2019) wählt eine unabhängige Jury drei Projekte aus, die eine Anschubfinanzierung erhalten (Preisgeld insgesamt 10.000 Euro). Die Auszeichnung im Mai 2019 übernimmt Schirmherrin Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Anschließend werden alle teilnehmenden Projekte durch eine gemeinsame Landeskampagne („Kreative für MV – MV für Kreative“) in einer Multimedia-Roadshow der Öffentlichkeit, den Kommunen und Landesministerien vorgestellt, um kommunale Partner für die langfristige Sicherung oder/und Förderung der Projekte zu gewinnen.

Wo finden die 10 Projektcoachings und Workshops (KreativLabs April-Oktober 2018) statt?

Die 10 KreativLabs finden direkt vor Ort bei den teilnehmenden Projekten statt, jeder Workshop an einem anderen Ort in ganz MV. Durch begleitende Öffentlichkeitsarbeit werden die spannenden Kreativorte in MV überregional sichtbar gemacht. Ziel ist es, die teilnehmenden Projekte miteinander sowie mit interessierten Partnern aus Politik, Kommunen, Förderern, Wissenschaft, Verbänden und Kammern zu vernetzen.

Welche Projekte fördert der Wettbewerb? Was ist mit „sozialer Dorfentwicklung“ gemeint?

Es werden Projekte gefördert, die mit künstlerisch-kreativen Mitteln zur sozialen Entwicklung im ländlichen Raum beitragen. Die Projekte können ganz am Anfang stehen oder schon begonnen haben und für ihre Weiterentwicklung Unterstützungsbedarf haben. Wichtig ist, dass die Bevölkerung vor Ort in die Projekte aktiv einbezogen wird. Beispiele: Theaterkurse für Jugendliche, die das Selbstbewusstsein stärken; Kulturveranstaltungen, die zur Integration unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen beitragen; Ausstellungen, die leerstehende Immobilien neu beleben, Lesungen in Privaträumen u.v.m.

Welche Regionen sind mit „Dorf“/“ländlicher Raum“ gemeint?

Die Projekte sollten in Dörfern, Städten oder Gemeinden mit weniger als 35.000 Einwohnern in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt werden. Es können jedoch auch Bewerbungen von Projekten eingereicht werden, die in Kommunen (Städten oder Gemeinden) umgesetzt werden, die mehr Einwohner haben. Ausschlaggebend sind der ländliche Charakter des Ortes der Umsetzung und die Wirkung auf den ländlichen Raum und die dort lebende Bevölkerung.

Welche Unterlagen sind für die Bewerbung bis 28.2.2018 einzureichen?

Einzureichen ist eine kurze Projektskizze (max. 2 Seiten), in denen das Projekt beschrieben wird: Was wollt Ihr vor Ort bewegen? Welche künstlerisch-kreativen Mittel werden eingesetzt? Wie arbeitet Ihr mit den Menschen vor Ort zusammen? Was sind Fragen und Herausforderungen, bei denen Ihr noch keine Lösung wisst und für die Ihr Unterstützung braucht? Das Formular für die Projektskizze ist zum Download auf www.kreative-mv.de/dorf-wettbewerb/ ab 23.1.2017 zu finden.

Kreative MV freut sich über kreative und innovative Bewerbungen!

Über Ihr Interesse an einer Berichterstattung würden wir uns sehr freuen!

Gern stehen wir für Rückfragen und Interviews zur Verfügung:

Projektleitung:          corinna.hesse@silberfuchs-verlag.de / Tel. 038843 – 824187

Weitere Informationen zum Wettbewerb: www.kreative-mv.de | www.massivkreativ.de

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Buch- und Lesetipps:

Corinna Hesse / Antje Hinz: Neue Lebenswelten: Das Dorf ist kreativ und innovativ. MassivKreativ, Juni 2017

Dr. Wolf Schmidt: Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs, Schriftenreihe der vom Historiker Schmidt initiierten Mecklenburger AnStiftung, 2017.  Im Buch erläutert Schmidt die immateriellen Werte des Lebens in ländlichen Regionen.

Wolf Schmidt: Kunst des Bleibens – Wie Mecklenburg-Vorpommern mit Kultur gewinnt (pdf zu kostenfreien Herunterladen), Herbert Quandt-Stiftung 2012.

Ralf Otterpohl: Das neue Dorf. Vielfalt leben, lokal produzieren, mit Natur und Nachbarn kooperieren. Oekom Verlag, München 2017. youtube Film-Teaser Das neue Dorf – Minifarmen für Stadt und Land

Gerhard Henkel: Rettet das Dorf! Was jetzt zu tun ist. München 2016. Als Humangeograph beschäftigt sich Henkel seit Jahren mit Geschichte und Gegenwart des ländlichen Raumes. Als Standardwerke zur Dorf- und Landentwicklung gilt sein Buch „Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute“.

Brita Polzer (Hg.): Kunst und Dorf. Scheidegger & Spiess, Zürich 2013. 

Wolfgang Schneider, Beate Kegler, Daniela Koß (Hg.) Vital Village: Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Herausforderung / Development of Rural Areas as a Challenge for Cultural Policy. Komplett zweisprachig deutsch/englisch. Transcript Verlag 2017. (Wissenschaftliche Betrachtungen zum Thema, Praxisbeispiele aus Deutschland und Europa sowie Kulturpolitische Perspektiven).  

Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Ländlicher Raum

Ton Matton: DORF MACHEN: Improvisationen zur sozialen Wiederbelebung. Jovis Berlin 2017.

Alexandra Hildebrandt: Kleine Handlungen, große Wirkung. Ganz nah! Wo die Kraft der Gemeinschaft am besten gedeiht. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

arte: Kunst fürs Dorf. 6teilige Serie, begleitend zu einem Wettbewerb von Deutsche Stiftung Kulturlandschaft von 2013.

Anderes Bauen für ein anderes Leben: Das Projekt Earthship – Schloss Tempelhof

 

Zeitschriften und Magazine

Ländlicher Raum – Zeitschrift der Agrarsozialen Gesellschaft e.V.

LandInform – Zeitschrift der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume (DVS) in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)
 
Bauwelt – Zeitschrift über Städtebau, Stadtkultur und globale Ökonomie
 
Der Holznagel – Magazin der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V.
 
Bauernblatt – amtliches Mitteilungsblatt der Landwirtschaftskammer
 
enorm – Magazin für den gesellschaftlichen Wandel in urbanen und ländlichen Regionen 
 
Landlust – Lifestyle-Magazin für Freunde des ländlichen Lebens

 

Vereine, Verbände, Plattformen

Bundesverband lebendige Dörfer

BBE – Bundesnetzwerk bürgerschaftliches Engagement
 
ARKUM – Arbeitskreis für historische Kulturlandschaftsforschung in Mitteleuropa e.V. mit Zeitschrift Kulturlandschaft
 
 
I-KU – Institut zur Entwicklung des ländlichen KulturRaums e.V. in Baruth/Mark Brandenburg
 
 
Unser Dorf hat Zukunft – Bundeswettbewerb 
 
Thünen-Institut – Entwicklung ländlicher Räume
 
Plattform Ländliche Räume – AHA Dialog der Andreas Hermes Akademie

Ist trotz/dank Digitalisierung ein gutes Leben möglich?

 © Cristine Lietz, pixelio.de

Die Digitalbranche hat es geschafft: Sie steht seit Ende 2016 auf Platz 1 der Arbeitgeber – noch vor dem Maschinenbau und der Automobilindustrie.  Wer das Suchwort „Digitalisierung“ bei google eingibt, erhält nahezu 10 Millionen Link-Vorschläge. Beim Schlagwort „CSR = Corporate Social Responsibility“ sind es sogar 165 Millionen Einträge. „CSR und Digitalisierung“ – zwei vielschichtige Themen, denen sich nun mit Dr. Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer ein sehr gut vernetztes Herausgeber-Team in einem fast 1200-Seiten starken Buch umfassend gewidmet hat. Ich habe mir vor allem die Verbindungslinien zur Kultur- und Kreativwirtschaft angesehen.

360-Grad-Blick

Unsere Welt wird immer komplexer, Spezialgebiete fächern sich mehr und mehr auf. Publikationen widmen sich zunehmend Detailthemen. Was heute fehlt, ist der Blick aufs Ganze. Vor diesem Hintergrund kann das neue, reichhaltige Buch „CSR und Digitalisierung“ nicht genug gelobt werden. Hildebrandt und Landhäußer ist das Meisterstück gelungen, über fast drei Jahre mehr als 128 Autoren (inkl. Vor- und Grußworten) mobilisieren zu können, die ihre Gedanken und ihr Wissen über Digitalisierung und CSR in bislang noch nie dagewesener Vielschichtigkeit dargelegt haben.

Fragen stellen

Was positiv auffällt, ist die vierseitige Fragenliste zum Auftakt des Buches. Vor Transformationen und Innovationen stehen immer Fragen, die richtig gestellt und beantwortet werden wollen. Fragen sind Motor, Triebkraft und Impulsquelle für neue Entwicklungen. Fragen motivieren uns, den Dingen auf den Grund zu gehen. Muss es so bleiben wie bisher? Warum haben wir es so gemacht? Geht es nicht auch anders? Wie sieht ein Problem oder eine Herausforderung aus, wenn ich eine andere Perspektive oder Sichtachse einnehme? Es geht nicht nur um Technologie, sondern auch um Verantwortung und Wertefragen: „Wie kann der Sehnsucht nach verlässlichen Strukturen in instabilen Zeiten begegnet werden? Weshalb ist WISSENSKULTUR wichtiger als Wissensbeschaffung?“ 

Künstler als Vordenker

Für Kreativschaffende gehören Fragen zum Alltagsgeschäft. Ihr Handwerk sieht vor, Dinge aus anderem Blickwinkel zu betrachten und mutig zu sein, Herausforderungen gegen Routinen einmal anders zu meistern. Nur so sind neue Einsichten möglich. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die einführenden Gedanken zum Buch von einem Illustrator kommen – Raimund Frey. Er reflektiert seinen Arbeitsalltag, nimmt die Vogelperspektive ein und stellt dabei beobachtend fest, dass seine Arbeitswelt einer Kommandozentrale gleiche, von der aus er sein Universum dirigiere: „Zeichen- und Textprogramm, Projektordner, Zeiterfassung, Rechnungstellung, Projektmanagement-Software, Musikprogramm, E-Mails… Das soll nicht wertend sein, obwohl man sich über die positiven und negativen Aspekte auslassen könnte“, schreibt Frey (S. XXI-XXIII)

Vorworte

Konsequenterweise hat der kreative Pionier und Vordenker seinen Platz vor einer Reihe honoriger Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft  gefunden, von denen hier nur einige erwähnt seien: Wolfgang Schäuble, Julia Klöckner, Fredmund Malik, Jörg Asmussen, Timotheus Höttges (der sich übrigens im Zuge der Digitalisierung für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausspricht) und Schauspielerin Valerie Niehaus, die in ihrem Beitrag über die „Kunst des Denkens“ reflektiert (siehe Initiative Auf ein Wort).

 © Cristine Lietz, pixelio.de

Vielschichtige Themen

Das Mammutwerk taucht tief in Digitalisierung und CSR ein und beleuchtet nahezu sämtliche Bereiche der Gesellschaft, neben viel Technologie auch unsere persönliche und „unternehmerische Verantwortung für Gesellschaft und Soziales“ = CSR, die uns alle fordert. Und so gibt es neben Begeisterung auch einige zögernde, reflektierende und mahnende Stimmen zur Digitalisierung. Der  Kommunikationswissenschaftler Christian Hoffmeister warnt vor der „Die MacGoogleisierung als neue Religion, … nachdem die alten Religionen v. a. in unseren westlichen Gesellschaften an Überzeugungskraft und Akzeptanz verloren haben“ (S. 67).

Der Untertitel des Buches ist bewusst gewählt: „Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft“. So bunt die Autorenschaft in jeweiliger thematischer Abhängigkeit zusammengesetzt ist, so bestrebt ist deren Bemühen, die geschilderten Aspekte verständlich darzustellen. Um diese Teilaspekte geht es:

  • Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
  • Innovation und Technologie
  • Mobilität
  • Handel und Konsumgüter – Fülle des Lebens
  • Arbeit, Management und Leadership
  • Die Zukunft von Marketing und Vertrieb
  • Medien und Kommunikation
  • Gesundheit und Sport
  • Bildung, Kultur und (Lebens-)wissenschaften

… , aus denen ich nun einige Teilbereiche mit Verbindungen zur Kultur- und Kreativwirtschaft herausgreifen möchte.

Künstliche Intelligenz

Christoph Keese, Executive Vice President der Axel Springer SE (Societas Europaea) beginnt sein Vorwort mit harscher Kritik: Deutschland habe das digitale Zeitalter „mit einem Fehlstart begonnen … Keine zukunftsweisende Technologie erlebte hier ihren Durchbruch.“ (S. LIII)  Doch vielleicht spricht gerade für Deutschland und Europa, Risiken technologischer Innovationen lieber einmal mehr abzuschätzen und zu hinterfragen, als Reaktion auf die ungebremste Euphorie im Silicon Valley. Längst warnen auch US-amerikanische Vordenker vor den Folgen der rasanten Entwicklung selbstlernender Systeme und Künstlicher Intelligenz, u. a. Stephen Hawking, Bill Gates und Elon Musk. Herausgeber Werner Landhäußer schreibt daher in seinem Vorwort: „Wirklich gefährlich wird der Innovationsdrang im Digitalisierungsbereich, wenn er sich mit Allmachtsphantasien verbindet.“ (S. XII) Neue Technologien müssen schon aus ethischen Gründen gesamtgesellschaftlich diskutiert werden, hier gehören  IT-Experten, Philosophen, Juristen, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft dringend an einen Tisch.

Augmented und Virtual Reality

Prof. Dr. Anett Mehler-Bicher und Lothar Steiger von der Hochschule Mainz erläutern die Unterschiede zwischen Augmented und Virtual Reality. Dabei geht es den Entwicklungsstand aus technischer Sicht, um Chancen und Verantwortung im Hinblick auf psychische Aspekte von Computerspielen, um Geschäftsmodelle und einen Ausblick (S. 127f).

Versandhandel

Der Junggründer Johannes Crepon möchte „mit Innovation das Historische erhalten“. Er betreibt dafür als Geschäftsführer der Velocity Automotive GmbH in München einen europaweiten digitalen Versandhandel und importiert Reproduktions-, Ersatz- und Tuningteile für amerikanische Fahrzeuge aus den USA. Er schreibt im  Buch darüber, „wie Technologie und das Vernetzen das Restaurieren von Oldtimern erleichtert“ (S. 157f).

Reisebegleiter

Wenn Sie Kreuzfahrten lieben, wurden Sie vielleicht schon mal von einem Androiden an Bord begrüßt. Auch wenn Ihnen dabei nicht ganz wohl war: Reiseexperte Christian Smart ist überzeugt, dass der Einsatz humanoider Roboter und digitaler Technologien im Tourismus unaufhaltsam ist und warum sie das Reisen entspannter und kundenorientierter machen (S. 171f).

WillkommensApp

Viola Klein gründete das Softwareunternehmen Saxonia Systeme GmbH und setzt ihre Kompetenzen auch für gemeinnützige Zwecke ein, u. a. entwickelte ihr Unternehmen eine Welcome-to-Dresden-App für Geflüchtete, 20 weitere Städte und Landkreise haben das Konzept bereits übernommen (S. 347f) (vgl. hierzu: Medien für Geflüchtete).

Blockchain

Mit der Blockchain-Technologie beschäftigen sich Tina Düring und Hagen Fisbeck, beides Experten für Geschäftsmodellentwicklung und Digitalisierungsstrategien. Beide sagen einen Wandel in der Marken- und Vertrauensbildung voraus und hoffen zukünftig durch mehr Transparenz auf ethisch korrekteres Wirtschaften als bisher. Blockchain soll dafür neue Wege und neue Wertschöpfungsketten ohne unnötige Intermediäre (Zwischenhändler) eröffnen (S. 449f). 

Maßschuhe

Das Verhältnis von traditionellem Handwerk und Digitalisierung beschreibt Kirstin Hennemann. Sie wechselte nach ihrem Studium für Politik und Germanistik das Fach und entschied sich bewusst für das Handwerk: „Werde, der du bist!“ („Pythische Oden“ von Pindar, um 500 v. Chr.). Gemeinsam mit Gabriele Braun betreibt sie in Berlin-Prenzlauer Berg die nachhaltige Maßschuhmacherei Braun & Hennemann und setzt dabei auf Design und Schönheit handgemachter Schuhe. Das Schuhhandwerk ist eines der ältesten Gewerbe der Welt, insgesamt 300 Arbeitsschritte umfasst die Herstellung eines Maßschuhes, wie Hennemann erklärt. Daher steht sie der Eigenvermessung des Kunden mithilfe digitaler Tools kritisch gegenüber: „Bei individuellen Maßschuhen funktionieren keine vorgefertigte Teile oder Stanzeisen. Man könnte mehr Technik einsetzen, die aber nicht zu einer Verbesserung des Produktes führen würde. Einem Maßschuhkunden, der ein wirklich individuelles Paar Schuhe mit eigenem Gehgefühl sucht, würden ein Paar Maßschuhe per Scanner nicht helfen.“ (S. 525f)

Greifbare und erlebbare Werte

Auf den rückkehrenden Wunsch nach greifbaren Dingen und Werten gehen Herausgeberin Dr. Alexandra Hildebrandt und Autorin Claudia Silber ein. Abstrakte Vorgänge wie die Digitalisierung und damit entstehende gesellschaftliche Veränderungen sind zuweilen schwer verständlich und schwer fassbar. In einer Welt, die zunehmend fremdbestimmt und entmaterialisiert wird, sehnen sich viele nach Orientierung und Halt, nach Identität und Stabilität, nach Gestaltungsfreiheit und eigenem Einfluss. Was kann jeder z. B. in seiner Alltagspraxis dazu beitragen, bewusst und nachhaltig zu leben?

Hildebrandt und Silber nennen Kreative und „Ökopioniere als mutige Vordenker und Vorreiter von grundlegender Bedeutung für gesellschaftliche Veränderungsprozesse.“ (S. 556f) und berichten über wichtige haptische Gegenstände im Alltag von Künstlern und Kreativschaffenden, nennen den amerikanischen Bestsellerautor John Irving, den französischen Philosophen und Essayisten Paul Valéry, den Filmregisseur Helmut Dietl und den Sängers der norwegischen Popband a-ha, Morten Harket. Jeder von uns möchte Selbstwirksamkeit spüren, Dinge berühren, gestalten und verändern. Hände haben eine grundlegende Bedeutung, weil sie – wie Morten Harket schreibt, „nicht nur Werkzeug, sondern auch Sinnesorgan sind, die der ganzheitlichen Weltwahrnehmung dienen. Durch sie wird die Welt sinnlich und motorisch buchstäblich be-griffen, was wiederum dazu führt, besser und aufmerksamer über sie nachdenken zu können.“ (S. 558) Welche gegenständlichen Dinge sind es, die unserem Leben Sinn geben? Hildebrandt und Silber führen u. a. auf:

  • Briefe, weil sie Menschen nachhaltig verbinden
  • Fahrräder als Symbol persönlicher Freiheit
  • Lampen als Symbole des Erkennens und einer leuchtenden Zukunft
  • Notizbücher als Gedankenstützen und Erinnerungshilfen
  • Stifte als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und Gestaltungsfreiheit
  • Uhr als Symbol unserer wertvollsten Ressource zeit
  • Vogelhaus als Symbol für “Nestbau“, „unsere heile Welt“, Verantwortung und Nachhaltigkeit

Analoge Multitalente

Ein Loblied auf das Schreiben mit „Stift und Papier“ singt der Informatiker und selbsterklärte Notizbuchfanatiker Christian Mähler (S. 1051 f). Mit der Handschrift gehe nicht nur eine Kulturtechnik verloren, sondern auch eine Lernmethode, Textverständnis, Kreativität, Qualität, Gedächtnistraining, strukturiertes Nachdenken, ferner Entschleunigung, Ästhetik und Haptik.

Dem haptischen Papier huldigt auch Autorin Miriam Dovermann mit ihrer Retrozeitschrift Vintage Flaneur, das sie ein „Magazin für Retro Lifestyle und Mode und ein Leben mit Nostalgie“ nennt. Trotz der Sympathie für das gedruckte Magazin bekennt sie: „Ohne das Internet … würde der Vintage Flaneur nicht existieren. Keine Bank gibt Gründern eines Verlags für eine Zeitschrift in diesen Zeiten einen Kredit. Ohne die sozialen Medien wäre das Projekt so von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen … YouTube-Videos und Blogs zur Unterstützung von Inhalten durch Filme und Musik, der privatisierte Kontakt zu Kunden über die sozialen Medien, weltweiter Handel durch Onlineshops, digitale Zeitungen, die nicht knicken und keine Ressourcen fressen, Link Building . . . Da handeln ganze Bücher von. Die andere Seite ist möglicherweise die spannendere: Was kann eigentlich eine Zeitschrift, was das Internet nicht kann?“  Dovermann findet diese Antwort: „Aus dem Weltall von Informationen, die das Internet und auch die Bücher dieser Welt versammeln, treffen sie [die Zeitschriften] eine Auswahl.“ (S. 1067)

Die Kunst des (Unternehmens)Wandels

Angeregt von den Konzeptkünstlern Patrik und Frank Riklin hat der Bielefelder Biozid-Hersteller Hans-Dietrich Reckhaus seinen persönlichen Erkenntnisprozess auf sein Unternehmen übertragen. Durch die künstlerische Intervention Fliegen retten in Deppendorf wurde ihm die Bedeutung und  Verantwortung für Insekten bewusst, so dass er sein Handeln überdachte und änderte. Reckhaus schafft heute Ausgleichsflächen für Insekten auf seinem Firmendach, führte ein Produkt-Gütesiegel für Insektenbekämpfung mit ökologischem Ausgleich ein und regt mit seiner Initiative Insect Respect sowie landesweiten Vorträgen die Diskussion darüber an, wie Unternehmen und Gesellschaft zur Förderung der Biodiversität beitragen können, , unterstützt von der Nachhaltigkeitsexpertin und Autorin Tina Teucher

Über seine Zusammenarbeit mit den beiden Künstlern sagt Reckhaus rückblickend: „Ich war immer offen für innovative Dinge, wollte etwas bewegen, aber mir fehlte das Werkzeug dazu.“ Die künstlerischen Methoden der Riklin-Brüder eröffneten ihm für die Transformation neue Horizonte und Wege, z. B. Perspektiven zu wechseln und mutig zu sein, gewohnte Dinge infrage zu stellen. So wurde Reckhaus vom Insektenvernichter zum Insektenretter. Für seinen Unternehmenswandel wurde er mehrfach ausgezeichnet. (S. 575f)

Zusammenarbeit und Arbeit 4.0

Die Zukunft ist unwägbar geworden, was im Begriff VUCA/VUKA seinen  Niederschlag findet. Statt langfristiger Planungen werden heute in agilen Teams kleine und überschaubare Lösungen in kurzen Projektphasen erarbeitet. Wie Führungskräfte darauf reagieren sollten, formulieren Herbert Schober-Ehmer, Dr. Susanne Ehmer und Dr. Doris Regele (S. 667f). Wie sich Manager mit Bürgern über neue Herausforderungen und Methoden der Bewältigung austauschen können, stellen die beiden Change Agents und Dialogexperten Clemens Brandstetter und Florian Junge am Beispiel der Plattform managerfragen.org vor. Transparenz, Dialogkultur und Wissensteilhabe werden so gefördert.

Künstlerin, Kulturkomplizin und cradle-to-cradle-Anhängerin Daniela Röcker schreibt in diesem Zusammenhang über neue Führungsstrategien, Mitbestimmung, Augenhöhe, Demokratie und erfolgserprobte Formen der Zusammenarbeit: „Nicht Konkurrenz treibt Menschen zu besseren Leistungen an, sondern Kooperation in Kombination mit Wettbewerb. Das Potenzial der Kooperation ist in allen sozialen Wesen bereits in den Genen angelegt und sichert unser Überleben.“ (S. 636) Sie zitiert Richard Sennett, der darin „gesellschaftsbildendes Handwerk“ zur Entwicklung von Empathie sieht, die „intelligentere Form des Umgangs miteinander, wie Röcker schreibt: „Im empathischen Dialog nimmt man den Unterschied zwischen sich und dem/der anderen wahr und wertschätzt diesen, indem man achtsam und aufmerksam zuhört.“ Röcker erläutert außerdem künstlerische Interventionen in systemischer Beratung und Coaching (S. 642f). Sie stellt klar, dass diese besondere Methode nicht zur Lösung eines konkreten  Problems geeignet sei, sondern vielmehr ergebnisoffen angelegt sei. Ziel ist es, Aktionsräume zu eröffnen, erstarrte Verhaltensmuster, Routinen und Rituale zu erkennen, die richtigen Fragen zu stellen, zu reflektieren und damit die wahren Probleme zu identifizieren.

Vitra: Kultur als Kapital

Unternehmensberater Tim Leberecht stellt das Schweizer Unternehmen Vitra vor – als Beispiel konsequent gelebter Unternehmenskultur. Vitra baut erstklassige Möbel und Läden für Institutionen weltweit, neben Firmen u. a. auch für den Deutschen Bundestag, die Tate Modern Gallery und den Flughafen in Dubai. Der Erfolg des Unternehmens fußt maßgeblich auf den Leistungen seiner Designer und Architekten, die nicht nur als Produktgestalter gelten, sondern als originäre Urheber und Autoren gesehen werden. Dieses Selbstverständnis hat der ehemalige Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzende Rolf Fehlbaum so formuliert (S. 648): „Wenn man ein Design-Unternehmen leitet, ist man ein Romantiker, weil man ja glaubt, dass man durch Gestaltung die Welt formt und gute Dinge für sie bereithält … wir glauben fest daran.“

Vitra setzte auf Qualität, Handwerk, Vielfalt und schätzt den Wert von Kunst und Kultur. Es ist ein ganzheitliches „kulturelles Produkt“, davon kündet auch das Vitra Design Museum auf dem Gelände des Unternehmens in Weil am Rhein. Jedes Jahr kommen mehr als 300.000 Besucher auf den Vitra Campus. Das Museum zeigt nicht nur Produkte, sondern greift in seinen Ausstellungen auch aktuelle Themen auf, wie z. B. Hello Robot: Design zwischen Mensch und Maschine. Vitra wird damit zur Sinnfabrik. Während die USA vor allem disruptiven Geschäftsmodelle hervorgebracht hat, stehen Mittelständler aus Europa als „Hidden Champion“ für Emotionen, Qualität, „Seele, Aura und Substanz“, so Leberecht. Er fordert: „Mit einem Wort: Kultur.“

Soziale Innovation vs. technologische Innovation

Berater Andreas Zeuch hat sich in seinem Buch Alle Macht für niemand eingängig mit dem Thema Unternehmensdemokratie befasst und dazu viele Geschäftsführer befragt. Was passiert, wenn Mitarbeiter mehr Eigenverantwortung erhalten, wenn siemitbestimmen und mitgestalten können? Zeuch erläutert, warum Digitalisierung und eine erfolgreiche Digitalwirtschaft nur dann gelingen können, wenn vor der Technologie die sozialen Fragen des Miteinanders überdacht und erneuert wurden. Er zeigt dies am Beispiel eines Callcenters und der entscheidenden Frage: Service oder Kontrolle? „Solange es trotz digitaler Transformation weiter zentrale Top-down-Entscheidungen gibt, können die vielen Vorteile eines digitalisierten Unternehmens gar nicht zum Tragen kommen. Wenn beispielsweise Echtzeitfeedback von Kunden für Mitarbeiter eines Callcenters erst zur Führungsetage läuft, dort ausgewertet und dann an die eigentlichen Adressaten gesendet wird, ist wertvolle Zeit verloren gegangen. In der alten Welt stellt sich die Frage, worum es eigentlich geht: maximal schnelle Verbesserung des Service oder Kontrolle?“ (S.727)

Sozialunternehmen

Die Gründerkultur ist in den letzten Jahren  durch zahlreiche neue Sozialunternehmen bereichert worden. Sie haben zahlreiche soziale Innovationen auf den Weg gebracht bzw. gute Ideen für ein besseres Leben. Joana Breidenbach und Theresa Filipović von betterplace.org stellen dies am Beispiel verschiedener Projektdatenbanken und Spenderplattformen dar.

Plattformökonomie

Dieter Gorny beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld menschliche und künstliche Kreativität. Er fragt, was passiert, wenn ein selbstlernendes System „mit sämtlichen Daten historischen künstlerischen Schaffens und allen bekannten Techniken „gefüttert“ wird mit dem Auftrag, etwas Neues daraus zu schaffen? Wo liegt dann die Grenze (zu) authentisch
menschlich geschaffener „neuer“ Kunst?“ (S. 1137). Gorny leitet den Bundesverband der Deutschen Musikindustrie sowie ecce – das European Centre for Creative Economy und wurde 2015 zum „Beauftragten für Kreative und Digitale Ökonomie“ im Bundeswirtschaftsministerium ernannt. Er sorgt sich um persönliche Daten, Urheberrechte, Marktmonopolisierung, Wertvorstellungen, Rahmenbedingungen der Plattformökonomien. Gorny mahnt, dass „der Endnutzer sich gemäß den jeweiligen Datenschutzerklärungen oder Nutzungsbedingungen bereit erklärt, dass die mit ihm verbundenen oder von ihm ausgelösten Daten durch diese Dienste äußerst umfangreich weiterverwendet werden können (vgl. z. B. Google Datenschutzerklärung und Nutzungsbedingungen, YouTube Nutzungsbedingungen et al.).“ (S. 1137).

Gorny hinterfragt: „Wem kommen die jeweiligen Entwicklungen langfristig wirtschaftlich zugute? Welche Verwirklichungschancen ermöglichen sie dem Einzelnen? … Was sind die notwendigen Schlüsse für unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft?“ Aufhorchen lässt schließlich Gornys Erkenntnis: „Vielleicht macht die digitale Strategie 2025 des Bundeswirtschaftsministeriums mit ihren entsprechenden Programmpunkten richtige Schritte in Richtung einer dem Menschen dienenden Ökonomie (BMWi 2016). Jedenfalls gilt es, die einstigen Paradigmen des reinen Wirtschaftswachstums wenigstens zu hinterfragen.“ (S. 1140).

Digitalisierung und das „gute Leben“

Das Buch schließt mit Gedanken von Dr. Ina Schmidt zur „Frage nach dem „guten Leben“ – von Platon zur Moderne“. Die Kulturwissenschaftlerin umreißt Antike und Beginn des modernen Individualismus, beschreibt analoge Parallelwelten, das ständige Abwägen zwischen Sinnvollem und Machbarem. Fortschritt gelte nur im Sinne von „Erleichterung, Komfort, Gesundheit, also eine Entwicklung im Dienste eines „guten Lebens“, in dem uns technische Geräte helfen, menschliche Bedürfnisse einfacher und bequemer, oft auch schneller zu erfüllen.“ (S. 1162) Schmidt ruft dazu auf, bewusst und „sehr lebendig zwischen „Off- und Online“-Modus hin und her zu wechseln. Zentral dabei bleibt, dass wir wissen, wo wir sind und wohin wir wann wechseln können bzw. wollen.“ Schmidt fügt aber auch hinzu, das klinge einfacher, als es ist.

Jeder von uns, so Schmidt, habe die Qual und die „Freiheit der Selbstbegrenzung“. Genau das mache uns Menschen aus: „Die Fähigkeit mit Unsicherheit, mit Widersprüchen, Zufällen und Erschütterungen umzugehen. Um uns dieser wertvollen Qualität bewusst zu bleiben bzw. wieder zu werden, brauchen wir ein Umdenken, in dem der Mensch der Quantität technischer Möglichkeiten ein „Mehr“ an Qualität entgegensetzt.“ (S. 1166) Martin Heidegger hat in den 50er Jahren die Balance zwischen „besinnlichem Nachdenken“ und „rechnendem Denken“ als Strategie gegen „zunehmende Gedankenlosigkeit“ und „Flucht vor dem Denken“ genannt („Aufsatz zur Gelassenheit“).

Geschäftsmodelle?

Keine/r der AutorInnen erhielt ein Honorar, was ich an dieser Stelle deshalb erwähne, um zu zeigen, dass das Thema Digitalisierung seine Licht- und Schattenseiten und ebenso Gewinner und Verlierer hat. Wenn nicht einmal ein Digitalisierungsexperte wie der Springer Gabler Verlag ein Geschäftsmodell gefunden hat, um anspruchsvolle fachliche und journalistische Arbeit zu honorieren bzw. zu refinanzieren, dann zeigt dies auch einen Teil der Problematik. 

FAZIT

Das allumspannende Netzwerk der Digitalisierung ist nicht mehr aufzulösen. Aber: Digitalisierung muss nicht überall Anwendung finden. Neben virtuellen Realitäten brauchen wir immer auch reale, greifbare Welten. Umso mehr, weil digitale Systeme in Fragen der Sicherheit noch hinterherhinken. Ehemals in sich geschlossene Kreisläufe sind auf das Internet der Dinge mit seiner Vernetzung nicht eingestellt. Wenn wir die Schlagadern unseres Lebens, wie Wasser, Energie, Verkehr, Krankenhäuser, dem digitalen Netz anschließen, müssen wir in Kauf nehmen, dass sie mit krimineller Energie lahmgelegt werden. Oder wir entscheiden uns bewusst dafür, dass manche Bereiche, wie die Vergabe von Medikamenten, in den Händen von uns Menschen bleiben.

Quintessenz des Buches ist für mich ein Zitat von a-ha-Sänger Morten Harket, das Hildebrandt und Silber in ihrem Artikel (S. 559) anführen. Harket: „Wir entscheiden, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen – sonst wird es hinter unserem Rücken für uns entschieden“ (Harket 2016, S. 200). Oder – wie Joseph Beuys sagte: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“

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Quellen:

Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer (Hg): CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft (Management-Reihe Corporate Social Responsibility). Springer Gabler 2017.

Morten Harket: My Take On Me. Edel Germany GmbH, Hamburg 2016.

Trends und Szenarien zum Thema Digitalisierung bis 2020 – Studie zur Kreativwirtschaft in NRW

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Die HerausgeberInnen

Dr. Alexandra Hildebrandt, Jahrgang 1970, ist Publizistin, Herausgeberin und Nachhaltigkeitsexpertin. Sie studierte von 1991 bis 1997 Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. An der Universität Bamberg wurde sie im Jahr 2000 zum Dr. phil. promoviert. Von 2000 bis 2005 leitete sie die interne Kommunikation des internationalen Baustoffherstellers HeidelbergCement in Zentraleuropa West. Von 2006 bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik bei Arcandor (ehemalige KarstadtQuelle AG). Beim Deutschen Fußball-Bund e. V. (DFB) war sie von 2010 bis 2013 Mitglied in der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs CSR-Manager (IHK). Hildebrandt ist Mitinitiatorin der Initiative „Gesichter der Nachhaltigkeit“ und der Veranstaltungsreihe Burgthanner Dialoge. Sie bloggt regelmäßig für die Huffington Post, ist Co-Publisherin der Zeitschrift REVUE. Magazine for the Next Society und gab in der CSR-Reihe bei SpringerGabler die Bände CSR und Sportmanagement (2014) und CSR und Energiewirtschaft (2015, mit Werner Landhäußer) heraus.

Werner Landhäußer, geboren 1957 in Karlsruhe, ist geschäftsführender Gesellschafter der Mader GmbH & Co. KG mit Sitz in Leinfelden-Echterdingen. Zusammen mit Kollegen übernahm er das Unternehmen mit einem klassischen Management-Buy-out aus einem internationalen Konzern. Mader ist derzeit der einzige Anbieter, der nachhaltige Gesamtkonzepte für eine energieeffiziente Drucklufterzeugung und -nutzung anbietet. Nachhaltige, werteorientierte Unternehmensführung ist seit jeher seine Vision. Nach langjähriger Konzerntätigkeit schätzt Landhäußer heute die kurzen Entscheidungswege und offene Kommunikationskultur in einem mittelständischen Unternehmen. Die strategische Weiterentwicklung von Mader hin zu einem sozialen, ökologisch und ökonomisch erfolgreichen Unternehmen steuert er gemeinsam mit Peter Maier, ebenfalls geschäftsführender Gesellschafter, und Manja Hies, Geschäftsführerin. Werner Landhäußer ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Im Jahr 2015 gab er in der CSR-Reihe im Verlag Springer Gabler das Buch CSR und Energiewirtschaft (mit Alexandra Hildebrandt) heraus.