Künstliche Intelligenzen: Wie kreativ sind Watson und Co?

 © Th. Reinhardt, Pixelio.de      

Durch die Verarbeitung riesiger Datenmengen und durch permanentes Selbsttraining („Deep Learning“) können künstliche Intelligenzen (KI / AI /Bots) Muster erkennen, klassifizieren und bewerten. Und hilfreiche Entscheidungen für die Verknüpfung von Informationen treffen. Doch welche Folgen hat das für uns Menschen? Wohin führt es, wenn selbstlernende Maschinen sogar kreative Bereiche erobern, z. B.   

  • Kochen nach Rezept: IBM Watson als Koch-Bot
  • Dichten bzw. Schreiben von Gedichtsammlungen: die KI Xiaoice (wörtlich: „Microsoft Kleines Eis“) hat in 2760 Stunden mehr als 10.000 Gedichte verfasst. Die KI wurde dafür mit modernen chinesischen Gedichten von 519 Autoren der letzten knapp 100 Jahre „gefüttert“. 139 neu erstellte Gedichte von Xiaoice wurden für die Sammlung „Sonnenschein vermisst Fenster“ ausgewählt.
  • Komponieren mit Sonys Flow machines im Beatles Stil und mit IBM Watson für Not Easy von Alex Da Kid
  • Zeichnen im Stile bekannter Künstler: Next Rembrandt – Kooperation Rembrandthuis, Microsoft und Delft University of Technology
  • Schaffung von neuen Filmdrehbüchern aus schon vorhandenen Science-Fiction-Plots mit der KI Benjamin im experimentellen Kurzfilm It’s No Game mit David Hasselhoff 
  • Modedesign Entwurf neuer Kollektionen mit IBM Watson und dem Melbourner Designer JASONGRECH 
  • Kuratieren von Themenmagazinen, Werbe- und Marktingkampagnen: IMB Watson als Chefredakteur von The Drum

 © Next Rembrandt

Fragen, denken, reflektieren

Ist es das Ende unserer Kreativität, wenn selbstlernende Maschinen zeichnen, komponieren, schreiben und kochen können? Ganz und gar nicht! Mit reflektiertem oder visionärem (Voraus-)Denken, mit den richtigen Fragen, mit Haltung und Gewissen machen wir Menschen uns unersetzlich! Was von künstlicher Intelligenz nicht ersetzt werden kann, ist Kreativität und kritisches Denken, Empathie und Wertschätzung, aktives Zuhören und eine zugewandte Gesprächsführung, Mut und Leidenschaft. 

Künstler und Kreativschaffende sind mitfühlende Pioniere und Visionäre. Sie entwerfen Gedankenkonzepte, was einmal sein kann und sein könnte. Ideen für Coworking und Sharing, für interdisziplinäres und branchenübergreifendes Arbeiten, für mehr Nachhaltigkeit, Gemeinwohl und Kreislaufkultur sind maßgeblich durch Impulse von Künstlern und Kreativen entstanden und werden von ihnen vorangetrieben. Sie sind die Basis für innovative Geschäftsmodelle höchst erfolgreicher Unternehmen. Ein Beispiel: Künstler und Designer experimentieren häufig mit heimischen Naturstoffen. Sie sind Vorreiter der rasant wachsenden Bioökonomie. Die Künstlerin Julia Lohmann verwendet neben Algen auch Papier, Stroh und Löwenzahn. Nun zieht die Automobilindustrie nach. Der Reifenhersteller Continental verarbeitet anstelle von Kautschuk sibirischen Löwenzahn, der ebenfalls über die begehrten gummiartigen Eigenschaften verfügt. 

Wer profitiert von visionären Ideen und Konzepten?

Viele technologische und auch soziale Innovationen wurden von Künstlern, Schriftstellern und Filmemachern in ihren Werken vorweggenommen. Sollten Energie- und BioTech-Unternehmen daher Lizenzen für die visionären Ideen von Science Fiction-Autoren zahlen? Oder ist es gesellschaftlicher Konsens, dass nur diejenigen Gewinne machen, die Ideen zur Marktreife führen – ohne dass kreative Vordenker davon profitieren? Ein kurzer Streifzug durch richtungsweisende Bücher und Filme fasst einige Verdienste kreativer Zukunftspioniere zusammen: 

 © Jules Verne: “Wasser ist die Kohle der Zukunft.“

Fiktion und Realität

  • 1870 prophezeite Jules Verne in seinem Buch “Die geheimnisvolle Insel”: „Das in seine Elementarbestandteile zerlegte Wasser […] ist die Kohle der Zukunft.“ (Verne 1870) Wasserstoff wird inzwischen von vielen Unternehmen als Energiespeicher und für den Antrieb von Verkehrsmitteln genutzt.
  • 1966 entwickelte der russisch-amerikanische Biochemiker und Sachbuchautor für den Film „Die phantastische Reise“ die Idee, Ärzte in einem U-Boot auf Mikrobengröße zu schrumpfen und sie über die Blutbahnen in das Gehirn eines Geheimagenten zu schleusen, um schließlich einen Tumor in dessen Kopf zu zerstören. 2011 lässt Andreas Eschbach seinen Helden Hiroshi „Herr aller Dinge“ im gleichnamigen Roman mit selbst programmierbaren, reproduzierbaren Nanorobotern werden. Inzwischen ist es Nanotechnologen in verschiedenen Ländern tatsächlich gelungen, winzige Roboter zu entwickeln, um sie über Blut oder Augenflüssigkeit zu Krankheitsherden zu leiten.
  • 1985, 1989, 1990 offenbart die Filmtrilogie „Zurück in die Zukunft“ eine wahre Fundgrube an innovativen Produktideen, erfunden von den Autoren Bob Gale und Robert Zemeckis. Nach der Jahrtausendwende kamen viele der Filminnovationen tatsächlich auf den Markt oder stehen kurz vor dem Durchbruch: sensorgestütztes smartes Wohnen mit Sprachsteuerung, gläserne, smarte Brillen, 3D-, VR- bzw. Hologramm-Entertainment, Drohnen und selbstfahrende Autos,  Videokonferenzen, intelligente, anpassbare Kleidung. Selbst das schwebende Hoverboard verwirklichte der japanische Lexus-Konzern mit gekühltem Flüssigstickstoff auf einer Skaterbahn in Barcelona – so oder so ein medienwirksamer PR-Coup.
  • Der tschechische Literat Josef Čapek erdachte 1920 das Wort „robot“. Dessen Bruder Karel hatte in seinem Theaterstück „R.U.R. – Rossums Universal-Robots“ menschähnliche Wesen auftreten lassen, die zuvor als künstliche Arbeiter in Tanks gezüchtet wurden. Als die Roboter für die Menschen Frondienste und Zwangsarbeit verrichten müssen, revoltieren sie. Der Traum vom künstlichen Menschen wurzelt bereits in der hebräisch-jüdischen Legende vom Golem.

 © IBM Watson: Jeopardy-Quiz

Roboter und Künstliche Intelligenzen in der realen Welt

1954 wurde das erste Patent für einen Industrieroboter angemeldet. Humanoide Maschinen bevölkern inzwischen unser gesamtes Leben: als Putz-, Service- und Spielzeug-Roboter, Medizin- und Pflege-Roboter, Forschungs- und Erkundungsroboter, Militär- und Sex-Roboter. 

Im Mai 2017 präsentierte Google auf seiner Entwicklerkonferenz I/O seine Vision von der künstlichen Intelligenz: From Mobile First to AI First. AI (Artificial Intelligence), also künstliche Intelligenz, soll uns überall unterstützen, allgegenwärtig und jederzeit ansprechbar sein. Alles ist vernetzt und smart: zu Hause und unterwegs, im Auto, beim Sport, auf dem Smartphone und der Armbanduhr.

Menschlich aussehende Roboter erobern sich unsere Bewunderung und  Sympathien. Im Technikmuseum Berlin führte Roboter Tim durch die Ausstellung, beim Hamburger Rathausdinner hielt Nao eine blecherne Ansprache, auf der Reisemesse ITB begrüßte ChihiraKanae die überraschten Gäste. Im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 will Roboter BlessU-2 Besuchern der Reformationsweltausstellung in Wittenberg mit segnenden Sprüchen Denkanstöße geben.

Die künstlichen Intelligenzen lassen ihren menschlichen Gegnern in vielen Denk-Disziplinen keine Chance mehr, sie sind dem Menschen klar überlegen ist – bei Tempo, Präzision und kognitiver Leistung:

Trailer zum Film Alpha Go Movie

Neue Jobs und alte Arbeitswelten

Die Vereinten Nationen haben inzwischen in ihrer internationalen Arbeitsorganisation eine Kommission zur Zukunft der Arbeit eingerichtet. Sie untersucht, inwiefern KI neue Tätigkeitsfelder und Chancen für Menschen schafft und anderseits traditionelle Jobs vernichtet. Auch die Harvard Universität erforscht, wie sich unsere Arbeitswelt durch KI verändert und wer vom Wohlstand durch intelligente Maschinen profitiert. Harvard-Wirtschaftsprofessor Richard Freeman appelliert: “Wir alle müssen diese neue Technologie besitzen, damit die Profite und Einnahmen einer breiten Masse zugutekommen, statt nur einige Milliardäre noch reicher zu machen. Denn die Besitzer werden die Gewinner sein.” (Quelle: Euronews)

ChatBot-Assistentin mit Persönlichkeit und Emotionen

In der US-amerikanischen Anwaltsserie Suits erscheint in Staffel 6 die künstliche Intelligenz DONNA. Wie ihr Vorbild, die gleichnamige menschliche Chefsekretärin, weiß auch die leblose Donna auf jede Frage die passende schlagfertige oder einfühlsame Antwort. Sie reagiert intelligent, humorvoll, ironisch, emotional. Soweit die Fiktion! 

Im realen Leben können künstliche Intelligenzen noch kein Mitgefühl zeigen. Doch Konversation treiben und begrenzt empathisch reagieren die neuen Assistenten schon heute. Das spanische Unternehmen HUTOMA programmiert intelligente ChatBot-Assistenten mit Persönlichkeit, die sich selbstlernend an den Nutzer, seine Gewohnheiten und Vorlieben anpassen kann. Chatbots werden derzeit im Kundenservice eingesetzt, können z. B. das Schreiben von Briefen übernehmen, als Reise-Assistenten Tipps für Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten und Abendvergnügungen geben und Buchungen regeln.

Inspirierende Roboter und beratende Chatbots  

Roboter können uns auch inspirieren, z. B. zu krafttankenden Pausenaktionen und zu meditativem Nichtstun. Das zeigten Künstler mit ihren originellen Maschinen-Installationen Kreative Robotik auf der Ars Electronica 2017.    

Nach Auskunft der Hamburger Agentur TrendOne soll sich der Vorstand des Investmentunternehmens Deep Knowledge Ventures in Hongkong bereits bei wichtigen Entscheidungen von einem Algorithmus (VITAL) beraten lassen. Es geht dabei um die Bewertung von Start-ups sowie um Marktanalysen bei Investitionen in Unternehmen, die im Gesundheitswesen tätig sind.

Die japanische Finanzgruppe Sumitomo Mitsui hat einen App-Bot entwickelt, der Fragen von Kunden direkt beantworten kann. So weit, so gut. Ein anderer Bot wird Telefonverkäufern des Unternehmens zur Seite gestellt. Er soll ihnen während des Kundentelefonats Antworten empfehlen und quasi einflüstern, um Kunden gezielt zum Vertragsabschluss zu überreden. Basis sind bereits aufgezeichnete Gespräche, die zuvor nachweislich zum Erfolg geführt haben.

Auch in der Personalberatung werden Chatbots genutzt. Das US-amerikanische Startup Wade & Wendy befragt mit der Künstlichen Intelligenz „Wade“ Bewerber nach ihren Vorlieben und Erfahrungen und schlägt ihnen regelmäßig passende Beschäftigungsmöglichkeiten vor. Die KI „Wendy“ berät Unternehmen, integriert in die Kooperationsplattform Slack, und soll für jedes Projekt geeignete Kandidaten finden.

Effizienz und Effektivität

Künstliche Intelligenzen dienen als Mittel der Effizienz, aber auch der Effektivität, wie die Befürworter versichern. Software lasse sich nicht von Sympathien, Vorlieben oder Vorurteilen leiten. Die Bewerber sollen chancengerecht und unvoreingenommen bewertet werden, unabhängig von Geschlecht und Alter, von kultureller und sozialer Herkunft. Ob sich damit die besten Kandidaten finden werden, wird die Praxis zeigen. Skepsis ist angebracht. Wenn Vorhersagen nach statistischen Wahrscheinlichkeiten getroffen werden, wird die Entscheidung über geeignete Jobanwärter am Ende vielleicht doch einseitig ausfallen. Wer wird die Prüfung nicht schaffen? Wer wird häufig krank? Wer kann die Kreditrate nicht zahlen? Wer wird straffällig? Es ist eine Frage der Ethik, welche Entscheidung der Computer treffen oder was der Mensch lieber selbst entscheiden soll.

Ethik und Gewissen: Unser Handeln hat Folgen!

Mit ihren fiktionalen Zukunftsentwürfen habe Künstler und Kreative stets auch gemahnt, dass wir bei allen Utopien die Folgen unseres Handelns im Blickfeld behalten. Die britische Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ präsentiert seit 2011 mögliche Erfindungen der Zukunft und stellt dazu ethische Fragen. Welche sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Folgen haben künstliche Intelligenzen für uns Menschen? Wie wirken virtuelle Scheinwelten, mediale Hetzjagden auf reale Menschen und Cartoon-Helden als Präsidenten? Die Episoden führen uns bizarre Konsequenzen unserer hochtechnologisierten Zukunft vor Augen. Es geht um Verantwortung und die Ambivalenz von Technik: Vergnügen oder Unbehagen? Was passiert, wenn die größten Innovationen der Menschheit auf dunkle Instinkte treffen? Retten neue Technologien die Welt oder wieder nur Macht und Profit von einigen wenigen?

Haltung

Wie und wofür setzen wir unsere Kreativität ein? Bei der Beantwortung dieser Frage geht es um innere Haltung. Wir müssen uns auch über die Folgen unseres Handelns bewusst werden. Kreativität besteht nicht nur in ästhetisch-gestalterischen Kompetenzen, sondern auch um unsere Gewissenhaftigkeit. Aus gutem Grund entscheidet über den Start eines gentechnischen Projektes eine Ethikkommission. Bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Biohacking, bei transhumanistischen Selbstversuchen und Kryonik-Experimenten steht eine vergleichbare Kontrollinstanz noch aus. Die Konsequenzen sind derzeit nicht absehbar. 

Unternehmenskultur

Inzwischen kann Künstliche Intelligenz auch prüfen, ob ein Kandidat in das Team passt. Bisher war das auch mit mehreren zeitintensiven Bewerbungsgesprächen schwer zu beurteilen. Als Basis für das datengestützte Verfahren nutzt nun das Berliner StartUp Bunch das Modell Organisational Culture Diagnosis von Charles O’Reilly von der Stanford University. Jedes Team im Unternehmen füllt zunächst einen 5-minütigen virtuellen Fragebogen aus, der sechs Kriterien aus O’Reillys Modell abbildet: Ziel- und Detailorientierung, Kollaboration, Kundenorientierung, Integrität und Anpassungsfähigkeit. Anschließend füllt jeder Bewerber den identischen Fragebogen aus. Bunch vergleicht nun die Ergebnisse des Bewerbers mit den Resultaten des Unternehmens. Auf diese Weise entsteht ein umfassendes Kandidatenprofil mit Verhaltenstendenzen und ein bewertendes Fazit, wie gut ein Kandidat zum Unternehmen bzw. zum Team passt. 

Lern- und Entscheidungswege von KIs

KIs sind häufig black boxes, d. h. man weiß nicht exakt, wie die KIs zu ihren Ergebnissen gelangen. Die Lern- und Entscheidungswege sind für Forscher nicht immer nachvollziehbar. Bei der Bewertung von Pro- und Contra-Argumenten (Argumentation Mining) wurde beobachtet, dass die KI Argumente mit Zahlen und Statistiken höher  bzw. stärker gewichtet als ethische Begründungen. Wohin es führt, wenn Algorithmen mehr Glauben geschenkt wird als unserem gesunden Menschenverstand, zeigt der Hochfrequenzhandel an den Börsen. Der Forscher Klaus Mainzer, Experte für Komplexitätsforschung und Künstliche Intelligenz (KI) an der TU München, fordert daher: „Wir Menschen müssen das Wissen, wie unsere Technologie prinzipiell funktioniert, behalten. Alles andere wäre sehr leichtfertig.“ 

Mehr zum Thema: Die menschliche Seele: Eine Novelle über Kreativität und künstliche Intelligenz

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hat eine Open-Innovation-Plattform gestartet für eine Debatte über Intelligente Vernetzung. Wissenschaftliche Texte zu Themen der KI und des Maschinellen Lernens veröffentlicht Apple auf seinem Blog Machine Learning Journal.

Wie Netzwerke und Plattformen den Erfolg beflügeln

© Andreas Hermsdorf, pixelio.de

Dem Jahrhundert der Einzelkämpfer folgt jetzt die Zeit der Schwarmintelligenz und der Netzwerke. Wir statt ich! Einzelne Universalgelehrte wird es kaum mehr geben bzw. werden sie von divers zusammengesetzten Teams mühelos übertrumpft. Netzwerke und Plattformen dienen als Erfolgsbeschleuniger, sie beflügeln das Vorwärtskommen von Teams, Leistungen, Chancen und Motivation.

Wann Netzwerke erfolgreich sind

Vielfalt ist das Geheimnis erfolgreicher Netzwerke! Damit das Geflecht aus Kontakten und Menschen seine Wirkung entfalten kann, braucht es drei unterschiedliche formale Persönlichkeiten, sagte der Psychologieprofessor und Spezialist für systemische Organisation, Dr. Peter Kruse, 2007 in einem Interview über Kreativität:

  • den Creator (Urheber), der ständig neue Ideen hat, egal ob sie sich realisieren lassen oder nicht (Spinner, Störer)
  • den Owner (Eigentümer), der Wissenseigner bzw. -träger, der ein Thema im Detail beherrscht (Experte)  
  • den Broker (Makler), der viele Leute kennt, die etwas wissen und der als Vermittler und Vernetzer zwischen ihnen wirkt.

Jede Persönlichkeit besitzt spezielle Fähigkeiten, die in Kombination mit weiteren Fertigkeiten anderer Person besonders stark und wirksam wird. Die Summe verschiedener Intelligenzen ist stets größer als eine einzelne Intelligenz. Kruse zieht den Vergleich mit der Vernetzung verschiedener Synapsen im Gehirn. Je nachdem, welche der drei Persönlichkeiten aufeinander treffen, erzielen sie gemeinsam unterschiedliche Wirkungen:

  • Creator + Owner = Ideen zur Lösungsbildung
  • Owner + Broker = Bewertung von Wissen
  • Broker + Creator = Erregung, beide stören

Netzwerke beim Essen schmieden

Viele Ideen entstehen beim gemeinsamen Essen, der vielleicht wichtigsten Netzwerk-Plattform der Welt. Bislang unbekannten Menschen Fragen stellen und neue Informationen erhalten: Eine Chance, die Sie möglichst oft nutzen sollten. Wissenschaftler haben daraus ein neues Forschungsgebiet gemacht: Kommensalität (engl. Commensality: gemeinsames Essen) . Kevin Kniffin startete 2017 an der Cornell University’s Dyson School of Business eine eigene Studie. Um den richtigen Partner für das gemeinsame Essen zu finden, können Sie sich von Online-Tools unterstützen lassen, z. B. der App Never Eat Alone und der Plattform Workwell können dabei helfen.

Warum bietet Essen ein gutes Umfeld für Neues? Weil wir genau dann empfänglich dafür sind, wenn wir Glücksmomente und Vertrauen empfinden. Es ist erwiesen, dass jene Menschen am produktivsten sind, die besonders häufig ihre Begleiter beim Essen wechseln. Beim gemeinsamen Essen erfährt man am besten, wie der Andere denkt, welche Ideen und Vorlieben er hat, welche Erfahrungen und Erlebnisse ihn bewegen, sofern sich der Begleiter öffnet. Dies sorgt zusätzlich für Vertrauen, eine wichtige Voraussetzung für funktionierende Netzwerke und die Bereitschaft für Veränderungen.

© Rainer Sturm, pixelio.de

Diversity als Erfolg

Erfolg schöpft sich aus Vielfalt: aus unterschiedlichen Persönlichkeiten, Talenten und Fähigkeiten, Wissensträgern, Fachbereichen, Lebenswelten. Ein wichtiges Vorbild für Apple-Gründer Steve Jobs waren die Beatles, wie er in der amerikanischen Dokumentationsserie 60 Minutes am 12.05.2008 sagte: „Das waren vier Typen, die gegenseitig ihre negativen Tendenzen in Schach hielten, sie balancierten sich gegenseitig aus, so dass das Gesamte viel mehr als die Summe der Einzelteile wurde. Große Dinge in der Geschäftswelt werden nicht von einer Person gemacht, sondern von einem Team.“

Neues entsteht nicht aus Harmonie, sondern aus Widerspruch. Erfolgreiches Management lebt von Instabilität und von Störern, die Routinen hinterfragen. Ein Unternehmen tut also gut daran, sich regelmäßig Impulse von außen zu holen. In Zeiten des globalen Wandels können auch interkulturelle Grenzüberschreitungen neue Perspektiven für die eigenen Institution bzw. Organisation eröffnen. Damit Unternehmenskulturen daran wachsen können, braucht es genügend Zeit. Nur wenn das Basis-Team die neuen Impulse als relevant, nachvollziehbar, transparent und glaubwürdig aufnimmt, werden sich alle mit der Zeit an die neuen Impulse anpassen. So kann der Unternehmenswandel tatsächlich gelingen.

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Tandems bilden

Wem größere Netzwerke zu unübersichtlich sind, kann zumindest ein Tandem bilden. Achten Sie  darauf, dass Sie sich mit einer Person, Organisation, Institution oder einem Unternehmen aus einem anderen Sektor, Lebensbereich bzw. einer anderen Branche vernetzen. Nur wenn Sie Ihre „Komfortzone“ verlassen und sich mit frischem Wind umgeben, werden Sie profitieren. 

Ich werde dieses Experiment in Kürze selbst wagen – als Partner im interdisziplinären Jobshadowing-Programm – und werde auf MassivKreativ darüber berichten. Die Hamburg Kreativ Gesellschaft – eine städtische Einrichtung zur Förderung der Kreativwirtschaft in der Hansestadt – vernetzt seit kurzem Institutionen der Initiative Finanzplatz Hamburg e.V. mit Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Tandempartner begleiten sich einen Tag gegenseitig in ihrem Arbeitsalltag und lernen voneinander. Das Ziel: Perspektivwechsel, Horizonterweiterung und Wissenstransfer, langfristig sind crosssektorale Kooperationen angedacht: Kreative können neue Strategien und Lösungsansätze für Herausforderungen in klassischen Wirtschaftsbereichen erarbeiten, z. B. indem Sie Routinen hinterfragen. 

 © Karin Jung, pixelio.de

Innovationen aus Netzwerken schöpfen

Daniela Bessen engagiert sich als Brokerin und Innovationsscout für die Vernetzung mittelständischer Unternehmen mit Startups bzw. Wissensträgern (Ownern) und Innovatoren (Creatern). Sie möchte dem Mittelstand dabei helfen, innovativer zu werden und wertvolle Kontakte zu den richtigen Akteuren und Experten. Netzwerken gehört daher zu ihrem Alltagsgeschäft, auch in ihrer Funktion als Verbandsbeauftragte des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft (BVMW). Über das erfolgreiche Netzwerken habe ich mit ihr in einem längeren Interview gesprochen.

Mehr Geben als Nehmen

Netzwerke müssen ständig am Leben erhalten und mit neuen Impulsen von außen genährt werden. Treffen immer nur die gleichen Menschen aufeinander, wird das Netzwerk bald absterben. Je vielfältiger und interaktiver Netzwerke wirken, um so stärker sind die Rückkopplungseffekte. Ein gesundes Netzwerk lebt mehr vom Geben als vom Nehmen, wie das folgende Gleichnis zeigt: „Was ist der Unterscheid zwischen mögen und lieben“, wurde der Buddha einmal gefragt.  Seine Antwort: „Wenn Du eine Blume magst, dann pflückst Du sie. Wenn Du eine Blume liebst, dann gibst Du ihr jeden Morgen Wasser.“ Menschen und deren Gestaltungswillen zum Blühen zu bringen,  ist die große Kraft, die von Netzwerken ausgeht.

Interdisziplinäres Netzwerken

Seit Herbst 2016 organisiert das Netzwerk Kreative MV in Mecklenburg-Vorpommern im Auftrag des dortigen Wirtschaftsministeriums sogenannte KreativLabs. Das Format wandert durch das Bundesland an unterschiedlichste Orte und bringt branchenübergreifend Kreative, Privatwirtschaft, öffentlichen Sektor und Bildungsinstitutionen zusammen. Nach dem peer-to-peer-Prinzip findet die Ideenfindung und Beratung gemeinschaftlich statt, eine große Chance für die unterschiedlichen Teilnehmer, sich und ihre Branchen besser kennenzulernen und mehr über die jeweiligen Probleme und Wünsche zu erfahren. Beispielhaft war das 4. KreativLab „Querdenken gefragt“ in Ludwigslust im März 2017. Bei dieser Gelegenheit stellte ich im Impulsvortrag „Was kann Management von Kunst lernen“ inspirierende Beispiele für künstlerisches Denken vor, für Kreativität und Innovation, Haltung und Verantwortung, interdisziplinäres Arbeiten und Coworking, Nachhaltigkeit und Diversity. Im anschließenden Barcamp und Kreativ-Workshop erarbeiteten Unternehmer, Mitarbeiter aus dem öffentlichen Sektor sowie Künstler und Kreativschaffende in interdisziplinären Teams Lösungsansätze für praxisnahe Herausforderungen. Weitere Labs im Jahr 2017 hier.

 © MassivKreativ

Vernetzung a la Richard Branson

A-B-C-D: Always Be Connecting the Dots – so der Slogan über allen Virgin-Group-Firmen unter Führung von Richard Branson: „Verbinde stets die Punkte miteinander“. Erst, wenn Querverbindungen zwischen unterschiedlichen Bereichen und Welten geschaffen werden, entstehen ungeahnte Synergien und Befruchtungseffekte, der glückliche Zufall – auch „Serendipity-Effekt“ genannt. Nur ein Beispiel: In den neuen Virgin-Hotels sind sowohl Gäste als auch Einheimische willkommen. Bibliothek und Fernsehzimmer stehen allen offen. Auf Begegnung setzt auch der „Common Club“, hier sollen zur sogenannten „Social Hour“ zwischen 18 und 19 Uhr alle Menschen zusammen kommen, die anfangs offerierten kostenlosen Cocktails müssen inzwischen doch wieder bezahlt werden. Aber wer weiß, vielleicht gibt es sie demnächst wieder, wenn der Weltraumvisionär Branson sein erstes Hotel im All eröffnet – samt Networking mit Außerirdischen …

 © Alfred Krawietz, pixelio.de

Plattformökonomie: webbasierte Netzwerke

Neben persönlichen Netzwerken sind in den letzten Jahren immer mehr webbasierte Netzwerke entstanden. Plattformökonomien bieten erhebliche Vorteile: mehr Sichtbarkeit, Vernetzung, Befruchtung, Beschleunigung und Konsolidierung. Mit rasant wachsenden Anbietern entstehen neue Geschäftsmodelle. Wichtige Informationen werden dabei meist von Dritten generiert (z.B. gegenseitige Bewertungstexte): Amazon (Shopping-Plattform vernetzt Konsumenten, Handel, Hersteller und Logistik), ebay (Auktionen), airbnb (Übernachtungen), Facebook (Social Media), die App-Stores von Apple und google (Medien) usw. Werden Produktionsressourcen intelligent verknüpft und Daten durch Digitalisierung und Business Intelligence (im Sinne des Anbieters) optimal verwertet, bilden sich neue Wertschöpfungsketten. Plattformökonomien und Sharing-Dienste gibt es inzwischen für alle Lebensbereiche: Mobilität und Reise, Finanzen und Versicherungen, Job-, Partner- und Tauschbörsen, Coworking, Haushaltshilfen, Verleihdienste.

Plattformen beleben auch den Bereich der Wissenschaft sowie der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die EU unterstützt in ihrem Förderprogramm Kreatives Europa grenzüberschreitende Plattformen kultureller und kreativer Organisationen, die Künstlern, Kulturschaffenden sowie aufstrebenden Talenten über europaweite Netzwerke und Online-Plattformen in der Öffentlichkeit präsentieren, u. a. Europeana.   

 © Otto – Collabor8, MassivKreativ

Online-Tools zur Vernetzung

Auf Wiedersehen email, Kalender, Notizbuch. Die Zukunft gehört den Online-Werkzeugen, damit die Zusammenarbeit für uns alle einfacher wird – vor allem über räumliche und geografische Entfernungen und über verschiedene Zeitzonen hinaus. Für jeden erdenklichen Papierkram gibt es inzwischen ein Online-Pendent – je nach persönlichen Wünschen kostenlos oder per Monatsabo – für die Abstimmung von Terminen, den gemeinsamen Kalender, für das Projektmanagement, für To-Do-Listen, für die kreative Arbeit, für Kommunikation und Konferenzen.

Schüler, Azubis und Studierende profitieren ebenso wie Wissenschaftler und Experten, Außendienst-Mitarbeiter, Journalisten und Künstler, Einzelkämpfer ebenso wie Teams, Arbeitsgruppen und Vereine. Das Angebot kollaborativer Tools wächst stetig, eine umfangreichere Aufstellung liefern u. a. das Digital-Magazin t3n und die Wissenschaftsjournalistin Martina Rüter.

 © MassivKreativ

Empfehlenswerte kreative und innovative Netzwerke und Plattformen 

  • Women´s Club von Hamburg@work organisiert Veranstaltungen, u. a. ein BusinessBreakfast im WASSERSCHLOSS  der Speicherstadt zu wechselnden Themen, z. B. „New Work – Wie werden wir zukünftig arbeiten?“, Infos zur Mitgliedschaft  
  • Dverse Media – für mehr Vielfalt im Wirtschaftsjournalismus 
  • Digital Media Women – für mehr Sichtbarkeit und Einfluss von Frauen auf allen Bühnen – Konferenzen, Fachmedien, Management Board – offen, respektiert und wegweisend.
  • Hamburg Kreativ Gesellschaft bietet vielfältige Netzwerkveranstaltungen, z.B. zum Thema crowdfunding
  • DesignXport in Hamburg sieht sich als Schnittstelle zwischen Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft
  • Innovation Alliance: engagiert sich zum Thema Digitalisierung im Mittelstand
  • BVMW: Bundesverband für die mittelständische Wirtschaft
  • Kreative Deutschland: bottom-up-Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland
  • Kreative MV: Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern
  • CleverHeads: kreatives Recruiting-Netzwerk mit Empfehlungsmarketing gegen Fachkräftemangel – durch Weiterempfehlung eines Bewerbers refinanzieren Arbeitgeber die eigenen Recruiting-Kosten
  • Vera-Netzwerk: Verband der Ausstellungsgestalter in Deutschland e.V.
  • Querdenker: von kreativen Köpfen profitieren

 

Die menschliche Seele: Eine Novelle über Kreativität und künstliche Intelligenz

  © MassivKreativ

Vor langer, langer Zeit schuf der Mensch sich nach seinem Abbild einen Golem. Die Nachbildung aus Lehm sollte ihm als Helfer, Freund und Befreier dienen. Einmal in der Woche erweckte der Mensch seinen Golem zum Leben. Doch einmal vergaß es der Mensch, was den Golem so erzürnte, dass er außer Kontrolle geriet und großen Schaden anrichtete. Der Mensch stellte den Golem ruhig und erweckte ihn fortan nie wieder zum Leben. Viele Jahre vergingen…

Der Traum vom künstlichen Menschen blieb

…. bis die Idee neu aufkeimte. Diesmal sollte das Wesen klüger und vernünftiger sein als sein Vorgänger. Und so schufen sich die Menschen einen Super-Computer und nannten ihn „Watson“. All das, was die Menschen bis dahin gelernt hatten, flößten sie Watson ein, der nun nicht mehr aus Lehm, sondern aus Platinen und Prozessoren bestand. Unersättlich verschlang Watson das Wissen der Welt als Datenvolumen und verdaute es als Bits und Bytes. Und die Menschen bewunderten seine strahlende Intelligenz.

Anfangs übernahm Watson nur Rechenaufgaben, die dem Menschen zu mühsam und langwierig waren. Doch dann wagten die Menschen ein Experiment. Sie fütterten den Computer mit Kunst. Und siehe da: auch Musik, Klänge, Texte, Objekte, Bilder und Pinselstriche zerlegte Watson in seinen Eingeweiden fein säuberlich in Nullen und Einsen, vernetzte sie auf seine Weise und spuckte sie als neue Werke wieder aus: Musik, Fotos, Bilder, Skulpturen, Gedichte und Geschichten. Die Menschen erschraken: Konnte ein künstliches Wesen tatsächlich kreativ sein – so wie sie selbst – oder gar besser?

… Und die Menschen diskutierten: Konnte es ein Super-Computer mit einem echten Künstler aufnehmen? Könnten die Menschen unterscheiden, ob der Urheber aus Fleisch und Blut  oder Platinen bestand? Könnte ihr Urteil gar bewertend in „besser“ oder „schlechter“ ausfallen? Und wie war es mit den Emotionen: Vermochten die Schöpfungen des Super-Computers die Menschen anzurühren, zum Weinen, zum Lachen und zum Nachdenken bringen? Und die Menschen schauten und lauschten, lasen und fühlten und: waren uneins. Bis ein kleines Mädchen beide Schöpfer nacheinander fragte: „Und wie ist Dein Werk entstanden?“ Der menschliche Künstler lächelte, beschrieb sein Wollen, Streben und Tun innerlich erregt mit leuchtenden Augen und fesselnden Worten. Er schilderte seine Inspirationen in schillernden Beispielen und seine Botschaft mit mitreißender Kraft. So viel Herzblut sei geflossen, so viel Zweifel, so viel Leidenschaft …

Und Watson?

… spulte beflissen seine Nullen und Einsen ab. „Der hat ja gar keine Seele!“, rief das kleine Mädchen enttäuscht. Da wandten sich die Menschen von Watson ab … Doch das war Watson egal. Er wertete die menschliche Ignoranz in seinem unaufhaltsamen Optimierungsplan als Fehler, als Störfaktor, und eliminierte die menschlichen Kreaturen.

Sie wünschen sich ein glückliches Ende?

Wie die Geschichte ausgeht, haben wir selbst in der Hand, übrigens: Jede/r von uns!

Eine Novelle von Antje Hinz, Erstveröffentlichung, Hamburg, April 2017.

Mehr zum Thema: 

Ist es das Ende unserer menschlichen Kreativität, wenn selbstlernende Maschinen zeichnen, komponieren, schreiben und kochen können? Ganz und gar nicht! Mit visionärem Vorausdenken, mit Haltung, Gewissen und Empathie machen wir Menschen uns unersetzlich! Zum Artikel: Wie kreativ sind Künstliche Intelligenzen wie Watson und Co? 

Wieviel Seele hat diese Kunst: Entscheiden Sie selbst!


Roboter-Kunst von cover-video-deutsch

Agent of Change: Zwischen HPI Potsdam und Silicon Valley

andrea-kuhfussc_daniela_buchholz-2-klein © Andrea Kuhfuß, Foto: Daniela Buchholz

Leading Digital Transformation and Innovation am Hasso-Plattner-Institut

Andrea Kuhfuß ist Innovationsmanagerin und Projektleiterin des DIGILAB Brennerei 4.0 bei der Wirtschaftsförderung Bremen. Die Institution möchte Unternehmen dabei helfen, Digitalisierungsprozesse zu initiieren und durchzuführen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und die technologischen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, u. a. durch Beratungsförderung, F&E Förderung, durch Wissens- und Technologietransfer bzw. durch Innovationswerkstätten und Innovationsforen.

Kuhfuß hat im Rahmen von Stipendiatenprogrammen, Innovationswerkstätten, Seminaren und Workshops Projekte mit Absolventen diverser Studiengänge angeleitet. Mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und zivilgesellschaftlichem Umfeld konnten vor allem dank ihres Engagements Lösungsansätze für aktuelle Herausforderungen erarbeitet werden. Der interdisziplinäre Austausch ist ein enormer Gewinn – sowohl für die jungen Absolventen als auch für die Unternehmen, Institutionen und Vereine.

Im Herbst 2016 hat Kuhfuß nun selbst ein zertifiziertes Weiterbildungs- und Trainingsprogramm am Hasso-Plattner-Institut (HPI) Potsdam und am kalifornischen Stanford Center for Professional Development durchlaufen: Leading Digital Transformation and Innovation. Ich habe mit ihr über ihre Motivation, über Inhalte, Chancen, und Ziele des Programmes gesprochen, über die Start-up-Kultur im Silicon Valley, über DesignThinking und Innovation, Veränderungsprozesse in Unternehmen und über Künstliche Intelligenz.

A.H. Andrea, Du beschäftigst Dich seit vielen Jahren mit dem Thema Innovation und hast Dein Wissen im Rahmen von Innovationswerkstätten, Seminaren und Workshops weitergegeben. Warum hast Du Dich dennoch entschlossen, am Innovationsprogramm des Hasso-Plattner-Instituts teilzunehmen?

Ich kann mich noch genau an die Situation erinnern. Es muss irgendwann im April 2016 gewesen sein – ich saß auf dem Sofa und las ‚Die Zeit‘, in der ich die Anzeige vom HPI entdeckte. Ich wusste, das ist die Weiterbildung, die ich mir schon seit langem gewünscht habe. Auch die Kosten, die ich auf der Website des HPI fand, schreckten mich nicht ab. Ich beschäftige mich schon seit langem mit der Idee des Agent of Change, der in Unternehmen als Intermediär zwischen den unterschiedlichen Welten vermittelt. Die Weiterbildung „Leading Digital Transformation and Innovation“ vom HPI versprach mir genau das. Außerdem wollte ich fundiertes Wissen erwerben – alle reden von der Digitalen Transformation, aber keiner weiß so recht, um was es eigentlich wirklich geht. Außerdem brauche ich diese Kompetenzen für mein neu strukturiertes Projekt im DIGILAB Brennerei 4.0, dass sich seit 2016 dem Thema Digitalisierung in seiner ganzen Komplexität widmet. Das HPI und die Stanford Universität sind die Experten auf diesem Gebiet mit all seinen Facetten.

A.H. Was hast Du Dir konkret von dem Programm erhofft?

Bestätigung des vorhandenen Wissens, die theoretische Unterfütterung desselben sowie die Möglichkeit, neues Wissen und neue Kompetenzen zu generieren. Außerdem fand ich es spannend, dass die Weiterbildung auf Englisch und im internationalen Kontext erfolgt – die Ausweitung meines Netzwerks war mir ebenfalls ein Anliegen. Außerdem wollte ich das HPI, die Stanford Universität und andere Akteure kennenlernen.

A.H. Über welchen Zeitraum erstreckte sich das Programm?

Verlockend war die Laufzeit des Programmes, das mir im Zeitraum von drei Monaten (September bis November 2016) kompakt Know-how vermittelt hat.

A.H. Wo fand das Programm im Detail statt, sowohl in Deutschland als auch in den USA?

Es gab zwei dreitägige Onsite-(vor-Ort-)Module im September und Oktober beim Hasso-Plattner-Institut in Potsdam und ein viertägiges Onsite-Module im November auf dem Gelände der Stanford University.

kuhfuss-hpi-2016-7 © Andrea Kuhfuß

A.H. Woher kamen die anderen Teilnehmer? Wie alt waren Sie?  Was hatten Sie für einen Hintergrund und für eine Motivation zur Teilnahme?

Insgesamt waren es 30 Teilnehmer. Sie waren zwischen schätzungsweise 37 und ca. 60 Jahre alt. Sie kamen aus Argentinien, Mexiko, Brasilien, Israel, Schweiz, Österreich, Italien, Indien und Deutschland. Zusammengesetzt hat sich die Gruppe aus IT-Experten und BeraterInnen.

Programm-Module

Jeweils zwei Module waren diesen Themen gewidmet, ich nutze dafür die Beschreibung von des Programms von der Website der Academy des Hasso-Plattner-Instituts:

    Digitalization – A Technological Perspective

Neue Technologien bringen traditionelle Geschäftsmodelle aller Industrien ins Wanken. Diese Technologien und ihre Auswirkungen auf Unternehmen zu kennen ist essentiell für einen erfolgreichen transformativen Wandel. Lernen Sie die neuesten Trends der Digitalisierung von den Experten des HPI, Deutschlands führendem IT-Institut. Mehr Informationen.

    Design Thinking – Building an Innovation Cultur

Erleben Sie einen menschenzentrierten Innovationsansatz, der die Nutzerbedürfnisse in den Mittelpunkt stellt und somit zu grundlegend innovativen Lösungen führt. Design Thinking wird eine nachhaltige Innovationskultur schaffen und Ihre Innovationsfähigkeit steigern. Mehr Informationen.

    Transformation –  Embracing the Entrepreneurial Mindset

In Stanford erleben Sie das Start-up-Ökosystem des Silicon Valley und lernen Best Practices für die Umsetzung innovativer Ideen und  Schaffung einer Entrepreneurskultur in Ihrer Arbeitsumgebung kennen. Mehr Informationen.

kuhfuss-hpi-2016-8 © Andrea Kuhfuß

A.H. Wurde das Thema „Künstliche Intelligenz“ thematisiert? Kompetente Wissenschaftler, wie Stephen Hawking, und IT-Akteure, wie  Peter Thiel und Bill Gates, haben sich in letzter Zeit beängstigt zur KI geäußert. Anders als bei der Gentechnik gibt es keinerlei Kontroll-Instanzen oder ethische Kommissionen … Wie siehst Du das Thema KI selbst?

Das Thema fand und findet sich angewandt vor allem unter der Überschrift ‚Deep Learning‘ wieder, Maschinen lernen aufgrund von Algorithmen und immer schnellerer Technologien, die gewaltige Datenmengen in kürzester Zeit verarbeiten können, immer effizienter. Die Erkenntnisse werden dann wiederum in Maschinen implementiert. Mich schreckt das ganze gar nicht, muss ich sagen, und die Experten, die ich in Stanford gehört habe, glauben nicht daran, dass Maschinen in naher Zukunft eigenständige Entscheidungen treffen werden.

A.H. Wer waren die Coaches? Welchen Hintergrund hatten Sie?

Die Coaches waren Lehrende/Professoren der jeweiligen Institutionen sowie Berufspraktiker aus den Bereichen Technologie, Virtual Reality, Innovation, Design Thinking, Business Accelerator, Investoren und Startup-Akteure. Wir hatten das Vergnügen, von David M. Kelly persönlich durch die Ideenschmiede IDEO in Palo Alto geführt zu werden (Anm. Kelly ist Professor an der Stanford University, er gilt als einer der Wegbereiter und Namensgeber der Innovationsmethode Design Thinking und ist Gründer und Chairman von IDEO). Eine unserer Referentinnen – Emely Ma, ist der Head of Special Products, Business Innovation bei Google X, Alphabet Inc. gewesen.

kuhfuss-hpi-2016-9 © Andrea Kuhfuß, Austausch mit David M. Kelly

A.H. Wer hat Dich besonders beeindruckt?

David M. Kelley und auch Emily Ma, die eine unserer Referentinnen in Stanford war. Emily ist der „Head of Special Projects, Business Innovation” in der Forschungsabteilung X bei Google, Alphabet Inc. Sie hat fünf Jahre bei IDEO gearbeitet, bevor sie zu X gegangen ist. Sie ist eine lebhafte, kluge und sehr zugewandte Person, der man sofort glaubt, dass sie auch im täglichen Tun bei ihrem jetzigen Arbeitgeber die empathie-getriebene Methodik des Designthinking anwendet. Super spannend waren auch Prof. Tom Byers, Prof. of Management Science and Engineering, der über das „Entrepreneurial Mindset and Silicon Valley Fundamentals” gesprochen hat, sowie Prof. Tina Seelig, Prof. of the Practice, Management Science and Engineering, die uns den „Invention Cycle“, vorgestellt hat – eine weitere Methodik, um Innovationen zu generieren und zu implementieren. Ein weiteres Highlight war der Vortrag von Prof. Jeremy Bailenson, der aus seiner Forschung und Praxis zum Thema ‚Virtual Reality: Trends and Business Applications‘ berichtet hat. Bialenson ist der Gründer des Stanford University’s Virtual Human Interaction Labs.

A.H. Damit ich mir den Lern- und Vermittlungsprozess innerhalb des Programms besser vorstellen kann: Schildere doch bitte, wie so ein Tag oder ein konkretes Projekt abgelaufen ist …

Die Onsite-Module begannen in der Regel mit einem Frühstück gegen 8.30 Uhr, dann gab es Vorlesungen, teilweise auch direkt übertragen aus dem Stanford Center for Professional Development, einer Mittagspause mit anschließenden weiteren Vorträgen und Workshops, in dem man in Teams aktiv wurde. Im dritten Modul haben wir die Methodik des Design Thinkings vor Ort erprobt. In Stanford haben wir außerdem Akteure vor Ort besucht.

Silicon Valley, IDEO und Google X

A.H. Welche „Exkursion“ bzw. welches Startup im Silicon Valley war für Dich persönlich am eindrucksvollsten und was hast Du dabei speziell für Dich gelernt?

Am meisten hat mich der Besuch bei IDEO beeindruckt – der Ort hat mich – obwohl viel größer – stark an meinen Arbeitsplatz erinnert. Wir hatten das große Glück von David M. Kelley persönlich geführt zu werden, dem charismatischen Gründer der Institution, der unglaublich lebhaft, beseelt und inspirierend von seiner Arbeit mit seinen Teams gesprochen hat.

A.H. Gab es eine zentrale Motivation, die alle Teilnehmer einte bzw. gab es eine zentrale Frage bzw. Herausforderung, vor der alle Teilnehmer im Alltag stehen?

Ja, im Grunde wollten wir alle wissen, wie „Leading Digital Transformation and Innovation“ in den Berufsalltag zu integrieren ist. Es ging uns außerdem herum, eine Struktur in diesem unglaublich komplexen Thema zu erkennen und zu erfahren, wie wir selbst in unseren Unternehmen zum „Agent of Change“ werden können.

Agent of Change: Zwischen HPI Potsdam und Silicon Valley

A.H. Du bist von Deinem Werdegang her auch Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin. Hat Dir das im Rahmen des Programms  einen besonderen Blick oder eine spezielle Herangehensweise an Aufgabenstellungen ermöglicht?

Ich bin im Grunde ein Glückskind. Ich habe das Gefühl, dass sich mit der Weiterbildung ein Kreis schließt: Ich habe Wirtschaftsabitur, habe als Wirtschaftsassistentin gearbeitet, bevor ich Anglistik, Kunstgeschichte und Geschichte studiert habe. Dieses Wissen konnte ich dann ja im Rahmen meiner Tätigkeit als Projektleiterin des Bereichs Bildung und Vermittlung in der Kunsthalle Bremen methodisch und didaktisch anwenden.

Mit dem Abschluss des berufsbegleitenden Studiums Musik- und Kulturmanagement fokussierte ich mich als Verwaltungsleiterin im Deutschen Auswandererhaus wieder stärker auf die wirtschaftlichen Aspekte einer Institution. In der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH fügte sich dann unter dem Titel „Innovationsmanagerin Design/Kreativwirtschaft“ und vor allem mit der Leitung des DIGILAB Brennerei 4.0 alles zusammen, vor allem die Arbeit mit Menschen stand stärker im Fokus.

Mit der Weiterbildung „Leading Digital Transformation and Innovation“  erhält der geschlossene Kreis jetzt noch einen stärkeren Rahmen: Digitale Transformation bedeutet in erster Linie die Veränderung der Unternehmenskultur mit empathischem Blick auf den Menschen, nicht nur den Arbeitnehmer, sondern auch den Kunden.

kuhfuss-zertifikat_hpi-fortbildung © Andrea Kuhfuß

DesignThinking

A.H. An welchem Fallbeispiel hast Du konkret beim DesignThinking gearbeitet? Kannst Du das anhand der sechs Stufen erläutern, die in einem DesignThinking-Prozess durchlaufen werden …

Wir haben eine Live Balance App für gestresste Mitvierziger entwickelt, die dem User durch den (Arbeits-)alltag hilft und ihn so entlastet.

Understand / Verstehen: Interviews innerhalb des eigenen fünfköpfigen Teams, erster Prototyp aus Lego und anderen Materialien, Brainstorming

Observe / Beobachten: Interviews mit mehreren externen Menschen. Diese haben auch den ersten Prototypen ausprobiert.

Point of View / Standpunk definieren: Definition des eigentlichen Problems auf Grundlage des Gehörten, Austausch mit den anderen Teams

Ideate / Ideen finden: Iteration, d. h. weitere Verbesserung, Verfeinerung des Prototypen

Prototype / Modelle herstellen: Präsentation des Prototypen als kleines Schauspiel vor den anderen Teams

Test / Testen: Das wäre dann die nächste Phase gewesen, den Prototypen einem Praxistest zu unterziehen und das Urteil von Nutzern einzuholen.

kuhfuss-hpi-2016-6 © Andrea Kuhfuß: Obst in den Corporate Design Farben der Standford University (Schokoladen-S)

A.H. Wie stark sollten bzw. konnten sich die Teilnehmer selbst einbringen mit Eigenbeiträgen, Eigenarbeit?

Jeweils drei der insgesamt sechs Module liefen online und via Textmaterialien. Die Module wurden mit Tests und Reflektionen abgeschlossen. Insgesamt habe ich ca. 60 – 80 Stunden im Rahmen der Online-Module gearbeitet. Ein großer Wert wurde auf den Austausch innerhalb der Teams gelegt.

A.H. Wie war der Austausch der Teilnehmer untereinander? Hat es eine Art „kollegiale Beratung“ bzw. konstruktive Teilnehmerkritik gegeben? Wie hast Du das empfunden?

Der Austausch der Akteure untereinander und in den einzelnen 5 – 6köpfigen Teams war meiner Meinung nach ausgesprochen wertschätzend, unterstützend und inspirierend. Empathie ist ein ausgesprochen wichtiger Faktor beim Thema Digitale Transformation und wird quasi in allen Lectures sehr betont.

A.H. Gab es auch mal Tiefpunkte, Momente, wo Teilnehmer an Grenzen gestoßen sind? Vielleicht auch Du selbst? Waren Hürden bewusst im Programm implementiert?

Bei dem Programm handelt es sich um einen Piloten, von daher waren wir tatsächlich so etwas wie Versuchskaninchen. Das spiegelte sich vor allem in Modul 2 wieder, von dem ich mir noch weiteren Input zu neuesten Technologien und eine größere Anwendungsorientierung gewünscht habe, was aber an der Stelle nicht erfolgt ist. Ich war sehr frustriert und habe meinen Unmut bei den Veranstaltern geäußert. Onsite in Stanford wurde dann offensichtlich nachgebessert.

Fehlerkultur

A.H. War die oft beschworene Fehlerkultur Thema im Programm?

Das Thema „Trial and Error“ und Weitermachen ist ein maßgeblicher Faktor im Programm und im Grunde auch einer der Kernpunkte für Innovation.

A.H. Wie ist es mit der Ganzheitlichkeit: Wurde eher über den Kopf vermittelt oder gab es auch sinnliche, emotionale oder körperliche Erfahrungen?

Beides – die Kombination aus Onsite- und Online-Modulen, intensivem dreitätigen Design Thinking mit externen Gesprächspartnern, der Besuch von externen Institutionen und den Vorträgen unterschiedlichster Referenten zu unterschiedlichsten Themen sprach mit sehr guter Verpflegung alle Sinne an.

A.H. Das Hasso-Plattner-Institut gilt als Vorreiter für Innovationsforschung und -vermittlung. Bist Du mit völlig neuen Methoden in Berührung gekommen?

Nein, nur mit neuem Wissen. Design Thinking praktiziere ich ja selber.

A.H. Gab es für Dich innerhalb des Programms Aha-Effekte? Hat Dich etwas überrascht, womit Du so nicht gerechnet hattest?

Die Menschen in Palo Alto sind weitaus offener und teilen Ideen bewusst, um sie zu intensivieren. Talents und Investment ist das Credo – eine weitere Bestätigung meiner Auffassung, dass es Startups hierzulande extrem schwer haben, mit unkomplizierter Unterstützung durch externe Geldgeber, sprich, Investoren, risikoarm an den Start zu kommen. Außerdem wurde ich darin bestärkt, dass es bei der Komplexität des Themas Digitale Transformation vor allem um die interne und externe Kommunikation, um Empathie, die Fähigkeit zuzuhören und Fragen zu stellen und um die Notwendigkeit geht, die Unternehmenskulturen mit kreativen und agilen Methoden (wie bspw. Design Thinking) zukunftsfähig zu gestalten. Technologie muss auch verstanden werden, aber sie ist in erster Linie ein Beschleuniger, den sich die Akteure nutzbar machen müssen.

A.H. Welche Schlüsselerkenntnis nimmst Du nun mit aus diesem Programm. Was ist für Dich sozusagen die „Essenz in einem Satz“?

It’s all about culture. Listen and ask Questions. Es geht stets um Kultur. Hören Sie zu und stellen Sie Fragen!

A.H.  Hat das Programm etwas „mit Dir gemacht“?

Ich bin jetzt erst drei Tage zurück, leide ziemlich unter dem vielbesungenen Jetlag, bin aber total geflasht und freue mich schon sehr, meine Aufzeichnungen auszuwerten. Meine Auffassung, dass Innovationen nur durch und in Kooperation, Interdisziplinarität, Neugierde und dem Wunsch zu Lernen entstehen, wurde durch die Weiterbildung zu 100% bestätigt. Woran es meiner Meinung nach bei uns fehlt, ist der Wille, in diese Komponenten zu investieren.

A.H. Gibt es auch Kritikpunkte, etwas wo Du Nachbesserungsbedarf siehst – organisatorisch, strukturell, inhaltlich, zwischenmenschlich …

Inhaltlich sollten im 1. und 2. Modul noch anwendungsorientierte Vorlesungen von Fachleuten aus der Praxis erfolgen.

Kosten und Finanzierung

A.H. Das Programm ist ziemlich kostspielig. Du hast etwa 17.500 € aus eigener Tasche finanziert? Wie hast Du Dich im Voraus über das Programm informiert und wie sicher warst Du Dir, dass sich die Investition für Dich wirklich lohnt?

Ich habe einen Bankkredit aufgenommen, um das Programm zu finanzieren. Mein Arbeitgeber kam mir mit der Übernahme von ¼ der Kursgebühren von 15.000 netto entgegen. Außerdem wurden mir die Onsite-Tage als Bildungsurlaub bewilligt.

Da wir Teilnehmende an einem Pilotprojekt waren, fehlten mir Angaben über die jeweiligen Referenten – die Namen lagen quasi beim Eintritt –  sprich der Bezahlung des Programms – nicht vor. Ich habe mich einzig und allein auf den guten Ruf des HPI und von Stanford verlassen und wurde in der Summe nicht enttäuscht.

A.H. Wie sehen Deine weiteren Pläne aus: Was machst Du jetzt mit den erworbenen Kenntnissen? Du hast ja ein wunderbares Zertifikat erhalten: „Leading Digital Transformation and Innovation“. Wo möchtest Du Dein Wissen und Deine Fähigkeiten einbringen? Was möchtest Du damit anstoßen oder verändern?

Die Weiterbildung ist eine Bestätigung dafür, dass die Arbeit, die ich in der BRENNEREI mache, genau die richtige ist, um empathisch relevante und für die Menschheit nützliche Dinge nach vorne zu bringen. Mehr denn je sehe ich mich als Mittlerin zwischen den Welten und möchte als Agent of Change Unternehmen die unterschiedlichen Blickwinkel auf und in das Thema Digitale Transformation vermitteln.

Liebe Andrea, ich danke Dir ganz herzlich für Deine spannenden Einblicke in das Programm. Bei nächster Gelegenheit kannst Du dann ja berichten, welche Erfahrungen und Impulse Du konkret in Deinem Arbeitsalltag nutzen kannst.

Sie können sich mit Andrea Kuhfuß über Xing und LinkedIn verlinken.

Rettung aus der Handtasche: Effektiv durch kreative Ideen

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Was verbindet Kreativschaffende mit Geheimagenten? Sie bewältigen Herausforderungen zuweilen mit Minimalausstattung – dank Kreativität und Innovationskraft.

Mangel beflügelt die Kreativität

Wie besiegt man einen Feind völlig gewaltlos mit dem Inhalt einer Handtasche? Geheimagent MacGyver hat es einst in der gleichnamigen Fernsehserie vorgemacht – mit Streichhölzern, Sicherheitsnadeln, Zwirn, Kaugummi oder Papier. Weil er normale Alltagsgegenstände kreativ und clever verwendete, befreite er sich und andere aus scheinbar ausweglosen Situationen.

MacGyvers konnte seine Husarenstücke dank solider naturwissenschaftlicher Kenntnisse vollbringen – aus Physik, Chemie und Elektrotechnik. Doch dies allein hätte ihm kaum geholfen. MacGyver war ein Quell an Einfallsreichtum. Immer kam ihm eine Idee, wie sich aus Utensilien seiner direkten Umgebung ein hochfunktionales Werkzeug basteln lässt. Wissen, Kreativität und gesunder Menschenverstand waren bei ihm mit einer ganz besonderen Tugend gepaart: Besonnenheit. Während heutige Superhelden nie ohne Schusswechsel und Blutvergießen auskommen, blieb MacGyver stets ruhig und gelassen und kam völlig ohne Waffen aus. Er bewies: Eine Bombe lässt sich auch mit einer Büroklammer entschärfen.

329469_web_R_K_B_by_zoom_pixelio.de © zoom, Pixelio.de

Reduktion als Ideenmotor

Eine Beschränkung auf wenige Dinge muss also kein Nachteil sein. Mangel kann dabei helfen, sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Kreative der Werbebranche arbeiten in ihren Büros häufig in kargen Büros vor weißen Wänden an leeren Tischen. Reduktion als Ideenmotor! Nichts soll den Geist ablenken! Inspiration aus sich selbst heraus. Der Lausbub Michel aus Lönneberga hat vielleicht nur deshalb Holzfiguren geschnitzt, weil es im Schuppen nichts anderes gab außer Holz und seinem Taschenmesser. Nichts konnte ihn ablenken. Hätte Michel seine Mitmenschen nicht ständig mit lausbübischen Eskapaden genervt und hätte ihn sein Vater nicht zur Strafe dafür eingesperrt, der fantasievolle Blondschopf hätte sicher andere Dinge im Kopf gehabt als Figuren zu schnitzen.

122414_web_R_K_B_by_Claudia Hautumm_pixelio.de © Claudia Hautumm, Pixelio.de

Problem als Chance

Not macht erfinderisch, sagt der Volksmund. Tatsächlich setzt die Beschränkung von Ressourcen kreative Prozesse in Gang. Wer nicht aus dem Vollen schöpfen kann, muss nach Alternativen suchen. Für Kreativschaffende und Startups steht dies bei ihrem Unternehmertum, dem Entrepreneurship, an erster Stelle. Auch gestandenen Firmen würde Querdenken gut tun, denn Engpässe und Notlagen erlebt jeder mal. Nach anfänglicher Verunsicherung sollte dann analytisch, kreativ und besonnen vorgegangen werden, so wie MacGyver es auf seinen Missionen vorgemacht hat. Kopflos übereilte Entscheidungen richten meist Schaden an. Statt Probleme hin- und herzuwiegen ist es zielführender, über Möglichkeiten und Potentiale nachzudenken. Ein auf den ersten Blick unerfreuliches Ereignis lässt sich auch als kreative Chance begreifen.

Effectuation: Fokus auf vorhandenes Potential

Wie lässt sich ein Projekt auch ohne üppige Ausstattung erfolgreich umsetzen? Kreativschaffende, Startups und Entrepreneure teilen hier dieselben Erfahrungen. Sie haben mit dem auszukommen, was Ihnen zur Verfügung steht, müssen mit vorhandenen Ressourcen arbeiten. Zusätzliche Mittel sind meist nicht aufzutreiben. Also lautet die Devise: Sich auf das eigene Potential konzentrieren, auf die Arbeits- und Innovationskraft und vor allem auf die eigene Kreativität. Wirtschaftstheoretiker bezeichnen diese Entscheidungslogik als „Effectuation“. Die jeweils verfügbaren, eigenen Mittel bestimmen, welche Schritte die Firma bzw. der Unternehmer als nächstes gehen kann: Wer bin ich? Welche Kompetenzen habe ich? Welche Ziele kann ich mit dieser Ausstattung realistischerweise anstreben und erreichen? Wen kenne ich? Wer könnte mich mit Ideen oder Aktivitäten unterstützen?

490014_web_R_K_B_by_ecko_pixelio.de © ecko, Pixelio.de

Überschaubares Risiko

Die Konzentration auf die eigenen, vorhandenen Mittel birgt Vorteile und Nachteile. Kreative können ebenso wie Startups meist nur kleinere Brötchen backen und wachsen langsam. Der Vorteil: Im Falle des Scheiterns hält sich das Risiko in Grenzen. Werden nur eigene Ressourcen eingesetzt, hat der Entrepreneur nicht mehr verloren als Zeit und Arbeitskraft und schlimmstenfalls das eigene, angesparte Budget.

Kreativität hervorlocken

„Creare“ bedeutet im Lateinischen so viel wie etwas neu schöpfen, etwas erfinden, etwas erzeugen oder herstellen. „Crescere“ heißt großziehen bzw. wachsen. Werfen auch Sie einen Samenkorn in die Erde, pflegen Sie ihn mit Ihrer Kreativität und Leidenschaft, beobachten Sie besonnen und geduldig, wie Ihr Samen irgendwann Früchte tragen wird. Investieren Sie Ihre Energie in Konzepte und Projektideen, die Ihnen persönlich am Herzen liegen und die die Welt hoffentlich ein klein wenig besser machen. An jeder Ecke warten Herausforderungen, für die es noch keine Lösung gibt. Vielleicht findne Sie eine Antwort!

Haben Sie Mut, Dinge in Frage zu stellen, zu überdenken, neue Projekte in Angriff zu nehmen. Wen können Sie für Ihre Idee gewinnen? Wo schlummern Talente und Potentiale, die bisher ungenutzt waren? Welchem Menschen oder Mitarbeiter können Sie mehr Verantwortung übertragen, um ihn und Ihre Idee wachsen zu lassen?

229648_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Inspiration aus der Kreativwirtschaft

Wenn Ihnen der richtige MacGyver mit den zündenden Ideen noch fehlt, suchen sie ihn (oder sie) in der Kreativbranche. Holen Sie Künstler und Kulturschaffende in Ihr Unternehmen. Gewohnheitsmäßige Querdenker erfassen Strukturen anders und hinterfragen sie. Kreative sind häufig Vordenker der Gesellschaft, die eine andere Perspektive auf das Miteinander von Menschen und ihre Kommunikation haben.

„Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann“, hat Antoine de Saint-Exupéry* einmal gesagt. Künstler und Designer müssen ständig entscheiden, wann ein Werk perfekt ist bzw. was zur Vollkommenheit noch fehlt. Comiczeichner haben die Gabe, die Welt in wenigen Federstrichen zu erfassen und dabei Unwesentliches wegzulassen. Autoren schaffen aus ihren Alltagsbeobachtungen Charaktere mit Stärken, Schwächen und durchleuchten die Mechanismen des Umgangs miteinander. Kreative werfen innovative Fragen auf, die Impulse für neue Sichtweisen geben, die die Bereitschaft für Veränderungen beflügeln und zum Umdenken ermutigen können. Probieren Sie es aus, Sie werden es nicht bereuen!

 

Inspirationstipp:

Als Unternehmer können Sie zu diesen interdisziplinären Think Tanks und Kreativ-Netzwerken Kontakt aufnehmen:

  • KREATIVE DEUTSCHLAND: überregionales Netzwerk und Plattform, getragen von den Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft, hier finden Sie Kontakte und Ansprechpartner zu regionalen Netzwerken der Kreativbranche:
  • KULTURGILDE: Verband, Interessenvertretung und Plattform für Kreativnetze und Verbundprojekte der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland
  • Richard Florida: The Rise of the Creative Class. New York. Basic Books 2002. (Auch wenn es schon über 10 Jahre alt ist: Das Buch ist noch immer wegweisend in seiner Darstellung zur Entwicklung der Kreativwirtschaft und zum Einfluss kreativer Akteure auf Gesellschaft und Wirtschaft.)
  • Zitat von Antoine de Saint-Exupéry aus: Terre des Hommes, III: L’Avion, p. 60 (1939)

Mit Leichtigkeit: Innovatives Material für neue Produkte

633324_web_R_K_B_by_Rosel Eckstein_pixelio.de © Rosel Eckstein, pixelio.de

Mit innovativem und leichtem Material lassen sich Produkteigenschaften erzielen, die bis vor kurzem kaum vorstellbar waren. Bahnbrechende Ideen enstehen nicht zuletzt durch Kooperationen zwischen Ingenieuren und Akteuren der Kreativbranche.

Die Firma CompriseTec in Hamburg forscht, entwickelt und produziert Kunststoffprodukte und Faserverbundbauteile, die vor allem leicht sein sollen. Um diesen Aspekt der Gebrauchstauglichkeit frühzeitig in den Entwicklungs- und Gestaltungsprozess einzubeziehen, arbeitet Gründer Christian-André Keun mit kreativen Köpfen aus der Kultur- und Kreativbranche zusammen. Gemeinsam mit Designern und Marketingspezialisten tüftelte er an der Herausforderung, das Gewicht von Trolleys und von Geschirr in der Luftfahrt zu reduzieren.

Trolley CompriseTec © CompriseTec: Leichtbau-Carbon-Trolley

Dank neu entwickelter Verbundstoffe, den sogenannten Kunststoffcompounds, kann im Luftfahrtcatering das in der Business Class normalerweise verwendete Porzellan ersetzt werden. Teller, Becher und Tassen werden deutlich leichter und bieten trotzdem dennoch eine hohe Wertigkeit.

CompriseTec_Material © CompriseTec: Kunststofffaserverbundstoffe

Investitionsförderung Hamburg

Das Projekt wurde im Rahmen des Hamburger Förderprogramm „Umweltinno – Ressourceneffizienz“ unterstützt, aufgelegt von der Hamburg Kreativ Gesellschaft und der Hamburgischen Investitions- und Förderbank. 25%-80% der Projektkosten werden im Rahmen des Programms gefördert. In geeigneten Fällen erhalten auch Kooperationen mit Hochschulen einen Zuschlag, wenn dabei neue Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren entstehen. Das innovative Ergebnis von Keuns Kreativteam kann sich sehen lassen. Aluminium wird durch faserverstärkte Kunststoffe ersetzt. Der neue Carbon-Trolley ist mit 9,8 Kilo nur halb so schwer wie ein herkömmlicher Servicewagen. Er kommt heute bei der Lufthansa zum Einsatz.

CompriseTec__gross © CompriseTec: neue Produkte dank Leichtbauweise (v.l.n.r.) Dr. Christian-André Keun (Geschäftsführer von CompriseTec), Sven Polatzek (Projektmitarbeiter) und Simon Kaysser (zuständiger Projektleiter)

Material-Erforschung für Alltag und Kunst

Julia Lohmann ist Materialforscherin, Designerin und Design-Professorin an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Nachdem sie einige Zeit mit Schafsmägen experimentiert hat, zieht sie ein neuer Naturstoff in den Bann: Seetang und Algen. Damit kreiert sie einerseits künstlerische Installationen, andererseits Alltags- und Gebrauchsgegenstände, wie Möbelfurniere, Lampenschirme, Hüte und Verpackungen. Was sie am Material aus dem Meer schätzt? Es ist flexibel und lässt sich in fast jede denkbare Form überführen.

Nicht nur das Material erforscht Lohmann, sondern auch neue Handwerkstechniken,  mit denen sich Seetang bearbeiten und in Gebrauchsgegenstände verwandeln lässt. Für ihre innovativen Ansätze im Design ist sie bereits mehrfach ausgezeichnet worden, u.a. vom British Council und der Arts Foundation sowie auf der Design Miami Basel als Designer of the Future.

Julia Lohmann_Oki Naganode_Fotograf Petr Krejci © Julia Lohmann: Installation „Oki Naganode“, Foto: Petr Krejci

Lohmann schärft mit ihren Werken den Blick für bislang ungenutzte Naturstoffe. Neben Algen experimentieren Designer weltweit u. a. mit Papier, StrohLöwenzahnPalmleder und Bambus. Das Thema Bioökonomie wird immer wichtiger. Nicht zuletzt, weil es auch Menschen in Entwicklungsländern ganz neue Chancen eröffnet. Sie können sich mit Naturmaterialien eine neue Existenz aufbauen. Die thailändische Designerin Khun Tük stellt z. B. Rattan-Möbel aus Wasserhyazinthen her. Die tropische Pflanze mit 98% Wassergehalt gilt als Plage, weil sie in Südostasien die Gewässer verwuchert. Khun Tük erntet, mangelt und trocknet das Gewächs, bevor sie das Rattan-Material weiter zu Sitzmöbeln verarbeitet. Das Unternehmen sichert ihr inzwischen ihr Auskommen.

Wasserhyazinth-de_Faltin © waterhyacinth.de

Die Spanierin Carmen Hijosa arbeitet mit Ananas-Fasern, die sie in auf den Philippinen entdeckte – bei der Suche nach einem günstigen Material, ähnlich stabil, vor allem aber nachhaltiger als Leder. Als bei der Ernte Ananas-Blätter übrig blieben, war ihre Idee geboren, aus den Fasern  neben Stühlen und Sofas auch Schuhe, Taschen und nachhaltige Bio-Textilien zu fertigen. Der britischen Tageszeitung The Guardian berichtete Hijosa:  „Wir können damit auch die Innenräume von Autos  auskleiden“. Abgeleitet vom spanischen Piña für Ananas erhielt das Material den Namen Piñatex.  Von Hijosas Startup Ananas Anam sollen auch ländliche Kleinbauern profitieren.

Modellbau mit neuem Material

Designen heißt: ein Modell entwerfen, testen, nachbessern, von Neuem testen und wieder nachbessern. Solange, bis der Prototyp allen Wünschen und Anforderungen entspricht. Roswitha Farnsworth ist Künstlerin, hat gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten den Werkstoff NonaD erfunden, ihn kürzlich auch patentieren lassen. NonaD lässt sich ähnlich wie Ton verarbeiten, muss aber nicht gebrannt werden. Auch nach Tagen und Wochen kann der Stoff weiter bearbeiten werden.

Farnsworth hat viele Skulpturen aus NonaD geformt und ist überzeugt: „Mein innovatives Material kann auch in anderen Branchen vielfältig eingesetzt werden.“ Der Vorteil: Bereits geformten Modelle aus NonaD lassen sich so oft wie nötig verändern und auch im Außenbereich verwenden, denn das Material ist frostsicher, hitze- und witterungsbeständig. Bänke und Möbel, Brunnen und Wasserläufe im Garten lassen sich ebenso daraus bauen wie Prototypen für neue Erfindungen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Inspirationstipps:

  • CompriseTec: Hersteller innovativer Kunststoffprodukte und Faserverbundbauteile
  • NonaD: wandlungsfähiges Modellbaumaterial
  • Das Eco-Innovation Observatory (EIO) ist eine von der EU finanzierte Initiative, die Öko-Innovationen recherchiert, Trends in diesem Bereich ermittelt und Fallbeispiele „good practice“ vorstellt. 

 

 

Kreislaufprinzip und Gemeinwohlökonomie: Ideen für mehr Nachhaltigkeit

130984_web_R_K_B_by_S. Hofschlaeger_pixelio.de  © S. Hofschläger, Pixelio.de

Die Ziele von Politik und Wirtschaft gehen nicht immer mit dem Schutz der Umwelt einher. Doch Designer, Kulturwissenschaftler und Umweltjournalisten forschen mit Überzeugung und Leidenschaft an alternativen Lösungen, die sich um Kreislaufwirtschaft, Wissensvermittlung und Gemeinwohlökonomie  drehen. Kreative branchenübergreifende Teams spielen bei der Entwicklung von Innovationen  eine maßgebliche Rolle.

Am 14./15. April findet der Kongress Work in Progress 2016 im Kulturzentrum Kampnagel in Hamburg statt, initiiert von der Hamburg Kreativgesellschaft.  Ein Impulsvortrag von Michael Braungart eröffnet die Veranstaltung. Der Ökovisionär, Chemiker, Designer und Umweltberater kämpft für eine Welt und eine Ökonomie, in der wir alle Gebrauchsgüter entweder schadstofffrei in die Natur zurückgeben oder sie endlos wiederverwerten können. Das von ihm entwickelte Konzept Cradle to Cradle (“von der Wiege zur Wiege”) entspricht dem ewigen Kreislauf der Stoffe. Anstatt Umweltverschmutzung durch immer effizientere Produktionsweisen zu reduzieren, fordert Braungart ein radikales Umdenken und „Ökoeffektivität“, d. h. eine Welt, die  Umweltverschmutzung von vornherein verhindert und vermeidet.

Viele innovative Ideen entstehen aus Unzufriedenheit mit Vorhandenem. Tetrapaks z. B. sind aufgrund ihrer Mehrschichtigkeit nicht voll recycelbar. PET-Flaschen stehen wiederum unter Verdacht, gesundheitsschädliche Stoffe freizugeben. Der Designer Carsten Buck von der MUTTER Gesellschaft für Design & Vermarktung suchte daher nach einer Alternative. Schon lange beschäftigte er sich mit dem cradle-to-cradle-Prinzip und fokussierte speziell  die vollständige Wieder- und Weiterverwertung von Verpackungsmaterial. Im Rahmen einer Konzeptstudie wollte Buck erforschen, wie sich das Prinzip auf Design und Markenentwicklung übertragen lässt. Vor den Toren Hamburgs kam er in Kontakt mit der norddeutschen Molkerei-GmbH De Öko Melkburen. In deren Auftrag kreierte Buck eine neuartige Milchflasche, die ohne Wertverlust in einem geschlossenen Kreislauf zirkuliert.

Logo_de_oeko_melkburen_Jahreszeitenmilch © De Öko Melkburen

Ressourcenschonende Gestaltung

Innerhalb eines Jahres entstand der Milk-Tumbler (Tumbler = Rüttler), eine Milchflasche mit rundem Boden. Er animiert zum Schütteln, damit sich Fett und Wasser in der Milch wieder vermischen. Ein interdisziplinäres Team entwickelte für die Flasche ein innovatives, polyesterartiges Material, den Bio-Rohkunststoff PLA, englisch: „polylactic acid“. PLA ist ein Abfallprodukt der Käseherstellung, kann beliebig oft und ohne Qualitätsverlust eingeschmolzen und wiederverwertet werden. Die Projektbeteiligten haben mit ihrem jeweiligen Hintergrundwissen unterschiedliche Perspektiven eingebracht: Form und Funktion durch Designer der MUTTER Gesellschaft und des BFGF Design Studios, Material und fachliche Unterstützung durch die EPEA Umweltforschung GmbH sowie Vertriebs- und Vermarktungsideen durch eine Masterstudentin der Hochschule Stuttgart und eine Hamburger Journalistin.

milk_tumbler_presse_01_RGB© MUTTER Gesellschaft

Kreislaufprinzip als Einheit aus Design und Vertrieb

Bucks Team beließ es nicht beim Prototypen, sondern dachte das Kreislaufkonzept mit Vertrieb und Vermarktung konsequent weiter. Der Verkauf des Milk-Tumblers sollte statt über den Einzelhandel über ein regionales Netz von Versorgungsautomaten erfolgen. Der Vorteil: Auf lange Lagerzeiten und weite Transportwege kann zugunsten von Lokalität und Frische verzichtet werden. Nach Vorstellungen der Designer können die Automaten aber noch viel mehr sein: eine „soziale Litfasssäule“, um Nachrichten und Annoncen auszutauschen, ein innovativer Treffpunkt für bewusst lebende Menschen. Erkenntnisse aus der Konzeptstudie zum Prototypen haben die Tüftler in strategische Tools überführt, die sie als Berater für nachhaltiges Design für Ihre Agentur Mutter nutzen.

228788_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © S. Hofschläger, Pixelio.de

Wissenstransfer: Zusammenhänge vor Augen führen

Medienproduzentin Corinna Hesse vom Silberfuchs-Verlag meint, die Diskussion um Nachhaltigkeit werde oft von ideologischen Grabenkämpfen und Lobbyismus bestimmt: „Es geht dabei nicht pauschal um Verzicht, wie viel zu oft proklamiert wird. Wenn wir alle verantwortungsbewusster leben und handeln, gewinnen wir sehr viel Lebensqualität hinzu.“ Hesse hat gemeinsam mit Studenten der Hochschule für Gestaltung Wismar das interaktives Wissensportal Zukunft-Leben-Nachhaltigkeit.org realisiert, das spielerisch und kulinarisch mit ökologischen Grundfragen vertraut macht und mit Aspekten nachhaltigen Wirtschaftens. „Die Nutzer treffen mit ihren Klicks eigene Entscheidungen“, sagt Hesse. „Sie sehen, was z. B. passiert, wenn sie den Kühen mehr zu fressen geben. Wie dann der Boden reagiert und wie das wiederum unsere Nahrung beeinflusst.“ Mit interaktiven Grafiken, Audios, Filmen und Zeichnungen auf dem Portal wird deutlich, das Prozesse miteinander in Verbindung stehen und Kreisläufe bilden. Basis für das Wissensportal ist ein Hörbuch, das der Silberfuchs-Verlag 2015 veröffentlicht hat: zukunft|leben – Nachhaltigkeit wurde für den Deutschen Hörbuchpreis 2016 nominiert. Der Jury gefiel das mediale Projekt, weil es sich einem hochaktuellen Thema sachlich und zugleich erzählerisch und philosophisch annähert. Das Sounddesign mit authentischen Klängen der Erde macht den Text auch sinnlich erfahrbar.

298574_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © S. Hofschläger, Pixelio.de

Gemeinwohlökonomie

Christian Felber ist Vorsitzender des globalen Bürgernetzwerkes Attac Österreich und Autor des Buches Gemeinwohlökonomie. Das Wirtschaftsmodell der Zukunft. Die Anhänger dieser Wirtschaftstheorie und -praxis setzen sich wie die Mitglieder von Attac dafür ein, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, Selbstbestimmung und Demokratie zu fördern und den Schutz der Umwelt gleichberechtigt zu den Zielen von Politik und Wirtschaft zu betrachten. Es geht um eine ökologische, solidarische und friedliche Weltwirtschaftsordnung und um eine gerechte Verteilung von Gewinnen, Erträgen und Kapital.

Felber hat einen Index für gemeinwohlorientierte Unternehmensführung entwickelt. Er bewertet dabei die Kriterien soziale Sicherheit, Grad der Mitbestimmung, Regionalisierung der Wertschöpfungskette, Frauen in Führungspositionen, Transparenz, Vertrauen, Solidarität, Vielfalt usw. mit Punkten. Im Moment hat der Index nur eine ideelle Wirkung. Langfristig besteht das Ziel: Je höher die Punktzahl in der Gemeinwohl-Bilanz eines Unternehmens umso günstiger ist die steuerliche Veranlagung und um so höher die Kreditwürdigkeit bei gemeinwohlorientierten Banken, wie z. B. der GLS-Bank. In Österreich ist die Gründung einer ethischen Gemeinwohl- bzw. Alternativbank noch in Planung, derzeit können Genossenschaftsanteile gezeichnet werden.

Eigenverantwortung und Sebstwirksamkeit

Wie lassen sich diese Beispiele praktisch und ohne übermäßigen Aufwand auf den (Unternehmens-)Alltag übertragen? Holen Sie Mitarbeiter an einen Tisch und beraten Sie gemeinsam, wie Sie in Ihrer Firma nachhaltiger agieren können. Einige konkrete Tipps dazu finden Sie in weiteren Artikel von mir:

Gummi-Twist für Ihr Unternehmen: Nachhaltigkeit als Team-Projekt

© Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag

Nachhaltigkeit ist längst ein Modewort geworden, bei näherer Betrachtung jedoch ein dehnbarer Gummi-Begriff. Er kann auf verschiedenste Lebensbereiche bezogen werden. Vielleicht versteht deshalb fast jeder etwas anderes darunter. Wie mittelständische Unternehmer ganz konkret im Firmenalltag nachhaltig handeln können, zeigen die folgenden, von mir zusammengetragenen Beispiele. Zum Artikel

 

Inspirationstipps:

  • Milktumbler: innovative, komplett recyclebare Milchflasche der Agentur Mutter
  • Harald Welzer: Selbst denken: eine Anleitung zum Widerstand. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2013. 

Neue Geschäftsfelder durch Virtual Reality

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Die Fans der Gamerszene wissen es längst: Erlebnisse in virtuellen Umgebungen sind packend und emotional. Inzwischen haben auch andere Branchen Virtual Reality für sich entdeckt: vom Immobilienmarkt über den Tourismus, vom Entertainment, Marketing und Maschinenbau bis zur Gesundheitsbranche. Ein Überblick über neue Geschäftsfelder, Märkte und Vertriebswege.

Eintauchen in andere Welten: Dieser Traum wird nicht erst seit Virtual Reality wahr. Schon im 18. Jahrhundert konnten unsere Vorfahren den 360-Grad-Blick genießen – mit Panorama-Rundbildern. Der irische Künstler Robert Barker malte 1792 sein erstes Aquarell-Panorama und erfand auch gleich den passenden Begriff dazu, abgeleitet aus dem Griechischen pan = all  und horama = Sicht. Vor einer Rundumleinwand, 100 Meter lang und 15 Meter hoch, ließ Barker den Betrachter auf eine erhöhte Plattform steigen und staunen. Das Publikum musste sich langsam drehen bzw. im Raum bewegen, um das Bild nach und nach zu erfassen. Panorama-Arenen gibt es noch heute, u. a. in Dresden und Den Haag Haag.

Robert Barker panorama_London_Leicester Square_1789 © Robert Barker: Panorama – Leicester Square  in London, 1789

Die Anfänge: Panorama als Vorläufer von VR

Sein erstes Panorama-Theater in London finanziert Barker mit einem Kredit. Das Risiko zahlt sich aus: In Scharen strömen die Bürger der britischen Metropole in die Schaubühne, die einen freien Blick gewährt: auf die Silhouette von London, auf militärisch-maritime Panoramen der britischen Seeflotte und die Gletscher von Spitzbergen. Schon damals hat manch Betrachter mit dem Gleichgewicht zu kämpfen, denn das Auge tut sich bis heute mit ruckartigen Bewegungen im Raum schwer. Die Folge: Cyber- bzw. Simulator-Sickness, ein Gefühl, das Übelkeit auslöst und an Reisekrankheit, Achterbahnfahrten und Jetlag erinnert. Noch immer tüfteln Programmierer daran, die Folgen abzumildern. Und es gelingt ihnen über die Jahre immer besser, je nach finanziellen Möglichkeiten.

VR-Pionier

Die Anfänge der heutigen Virtual Reality werden u. a. Jaron Lanier zugeschrieben, dem Autor des Buches „Wem gehört die Zukunft“, in dem er den sorglosen und kostenfreien Umgang großer Konzerne mit unseren Daten kritisiert. Jaron Lanier war Geschäftsführer von VPL Research, die Firma entwickelte bereits in den 80er Jahren die ersten kommerziellen Hard- und -Software-Komponenten für VR.

Anbieter und Unterschiede

Die Unterschiede beim aktuellen VR-Equipment sind immens. Erfolgreichste Anbieter mit der besten Grafikauflösung sind derzeit Oculus Rift von Facebook, Steam VR von Valve, Vive von HTC, Gear VR von Samsung, VR One Plus von Zeiss und PlayStation VR von Sony. Trotz qualitativer Abstriche sieht Frank Steinicke, Informatik-Professor der Universität Hamburg; in dem sensationell günstigen Einsteigermodell Cardboard von google (aus Pappe, etwa 10 €) eine gute Chance, Einsteiger für die VR-Technik zu begeistern. Auf der Hamburg Games Conference 2016, initiiert von der Initiative nextMedia.Hamburg, prognostiziert Steinicke optimistisch: „Die virtuelle Revolution wird in den nächsten 15 Jahren einen ähnlich großen Einfluss auf unsere Gesellschaft haben wie die industrielle Revolution vor 150 Jahren“. Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat angekündigt, dass auf seiner Plattform bald auch VR-Streams zum Alltag gehören werden.

Entertainment

Große Wachstumsraten sind vor allem im Unterhaltungsmarkt zu erwarten. Analysten von Goldman Sachs glauben, dass Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR = erweiterte Realität)-Technologien ab 2025 jährlich einen höheren Umsatz generieren werden als die TV-Branche.  In Amsterdam hat im März 2016 das erste Virtual-Reality-Kino Europas eröffnet, das anschließend durch mehrere große Städte in den Niederlanden, in Deutschland und der Schweiz tourte. Auf 360 Grad-Drehstühlen, mit der 3D-Brille Samsung VR Gear (in Kombination mit dem Samsung Galaxy S6) und Kopfhörern mit räumlich abgestimmtem Sound taucht der Besucher in Horrorszenarien oder Rockkonzerte ein, wandelt wahlweise in Gruselwesen umher oder steht neben Musikern auf der Bühne bzw. zwischen Fans in der Publikumsarena. Szenerien mit Schockpotential, wie Don’t Let Go, Achterbahnfahrten, Weltraumabenteuer und  Weltraumspaziergänge gelten zur Zeit als beliebte Experimentierfelder im Bereich VR-Gaming. Nervenkitzel bietet die schwindelerregende VR-Klettersimulation von „Crytek“ The Climb, die mit dem Deutschen Computerspielpreis 2016 ausgezeichnet wurde.

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Abenteuer im Holodeck

Jim Rüggeberg geht noch einen Schritt weiter. Er will mit seinem Unternehmen Illusion Walk der „Jochen Schweitzer der VR-Szene“ werden, wie er bei der Games Conference in Hamburg mit einem Augenzwinkern verkündet. Sein „VR-Holodeck“ ist ein kommerzielles Projekt, das Rüggebergs Team in Berlin zusammen mit der Technischen Universität Wien entwickelt – nach dem Vorbild des VR-Cyber-Adventureparks bzw. Arcade Centers The Void in den USA sowie Zero Latency im australischen Melbourne.

In Rüggebergs Holodeck sollen bis zu 6 Spieler mit Sensoren getrackt werden – fullbody – also an Händen, Armen, Beinen, Füßen und Körper – und sich durch eine Halle bewegen.  „Das Ziel ist Illusion statt Simulation”, sagt Rüggeberg, „ermöglicht durch object tracking, full body interacting und haptisches feedback“. Ob irgendwann ein Gewöhnungseffekt bei den Spielern eintreten und das Wachstum von VR dämpfen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar.

Hausbesichtigung mit Datenbrille

Auf neue Geschäftsfelder und Chancen durch VR hoffen viele weitere Branchen jenseits der Gamer- und Unterhaltungsszene. Oliver Rößling ist Gründer der Digitalagentur Absolute Software und bietet VR für Business-Lösungen an, insbesondere für Immobilien im Luxussegment. Wer sich schon vor Baubeginn durch seine zukünftigen vier Wände bewegen kann und bei wichtigen (Stil-)Entscheidungen involviert wird, ist ein zufriedener und begeisterungsfähiger Kunde, hofft Rößling. Wände lassen sich bei virtuellen Rundgängen verschieben, Bodenmaterial und Wandfarben modifizieren. Was ist der Autoindustrie längst üblich ist, nämlich vor der Herstellung Modelle und Ausstattung zu variieren und zu simulieren, soll auch im Immobilienbereich Einzug halten, vorausgesetzt dass Architekten ihre Baupläne klaglos zur Verfügung stellen.

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Online-Plattform für neue Wertschöpfungskette

Drei Cottbuser Gründer wollen Architekten und Designern ein neues Geschäftsmodell bieten – mit der Plattform CADS AND DOCS. Das Portal soll den Austausch digitaler Gebäudemodelle vereinfachen. Der Name steht für „Computer Aided Designs And Documents = computergestützte Entwürfe und Dokumente“. Geschäftsführer Andreas Brandt erklärt das Vorhaben: „Unser Ziel ist es, beispielsweise in der Spieleindustrie virtuelle Gebäude zu vertreiben“. Weitere potenzielle Kunden der Plattform könnten Produzenten von Animationsfilmen werden oder Programmierer von Navigationsanwendungen. Der Plan: Die Architekten werden für ihre Pläne bezahlt, CADS AND DOCS nimmt eine Nutzungsgebühr.

Demokratisierung in der Stadtentwicklung

In der Stadtentwicklung ermöglicht VR eine stärkere Öffnung und Demokratisierung. Bürger können an Entscheidungsprozessen beteiligt und in Simulationen involviert werden. VR wird zur Integrations- und Kommunikationsplattform, etwa wenn es darum geht, die Größe von Siedlungsgebieten für geflüchtete bzw. Neubürger zu verabschieden. Wer sich selbst durch (virtuelle) Großsiedlungen bewegen kann, schärft sein Urteilsvermögen im Hinblick auf eine erfolgreiche Integration und die dafür notwendigen Voraussetzungen. Welche Gewerbe sollten mit Wohnraum kombiniert werden, welche Mischnutzungskonzepte befruchten einander?

Zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor werden in diesem Umfeld 3D-Geodaten. Sie bieten Mehrwerte für zahlreiche Branchen und für die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Das Magazin „Der Spiegel“ stellte neulich selbstkritisch fest, dass die verwinkelten Einzelbüros am neuen Prestige-Standort in der Hamburger Hafencity für interdisziplinäre bzw. redaktionsübergreifende Projekte völlig ungeeignet seien. Betriebliche Fehlplanungen könnten also dank VR schon im Vorfeld vermieden werden.

684068_web_R_K_B_by_Lupo_pixelio.de © Lupo, Pixelio.de

Die rechtliche Situation

Im Netz kursieren inzwischen Datensätze, die frei verwendet werden können, sofern dies nicht Geschmacksmuster oder künstlerisch bzw. urheberrechtliche Schranken verbieten. Auf der Basis der OpenStreetMap existieren grobe Stadtmodelle sowie Kataloge, wie das 3D-Warehouse von Sketchup. Langfristig wird es immer mehr Dienste geben, mit denen 3D-Modelle für VR in Websites eingebettet werden können.

Handel

3-D-Shopping könnte dem Handel neue Impulse geben. Das britische Startup Trillenium hat eine App für virtuelle Shopping-Touren angekündigt, bei denen man sich mit Freunden und Bekannten verabreden kann. Das Motto: „Shop and socialize!“ Eine Finanzspritze gab es vom großen englischen Online-Händler Asos Ventures. Mit VR lassen sich selbst für unspektakuläre Online-Produkte atemberaubende Einkaufsumgebungen schaffen, ganz im Sinne der unersättlichen Erlebnisgesellschaft.

Auf der Gamerplattform Steam, die zum Softwarekonzern Valve gehört, hat das Möbelhaus Ikea gerade eine Küchen-App veröffentlicht, die von der französischen Firma Allegorithmic entwickelt wurde. In Kombination mit einer VR-Brille können sich Kunden in virtuellen Küchen umsehen, Töpfe, Pfannen und weitere Utensilien in Schubladen und Schränke verfrachten, zwischen verschiedenen Oberflächenmaterialien auswählen sowie Maße und Perspektiven austesten und damit nachvollziehen, wie die Küche aus Sicht eines Kindes aussieht.

In der Modebranche testet das französische Unternehmen Dior eine VR-Brille, um Kunden bei  Fashion Shows neue Kollektionen vorzuführen und ihnen einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren, wo Top-Models eingekleidet und von Make-up-Künstlern gestylt werden.

757259_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio.de

Tourismus

VR könnte auch zu einem Treiber der Tourismus-Industrie werden. Wer bereits virtuell durch spätere Sehnsuchtsorte wandeln konnte, wird sich vermutlich leichter zur Reisebuchung entschließen als ein Gast, der nur zweidimensionale Fotos im Reisekatalog gesehen hat. Auch der Online-Kommunikation im Reisemarkt eröffnen sich neue Horizonte, wenn vor der Buchung das Hotel erkundet werden oder eine Sehenswürdigkeit schon mal testweise erklommen werden kann,  wie z. B. im Londoner Stadtteil Southwark der 310 Meter hohe Wolkenkratzer The Shard.

Der Tourismusanbieter DERTOUR bietet neuerdings in seiner Virtual Travel Lounge touristische Inhalte als Panoramatouren, 360°-Videos oder Bildergalerien, konsumierbar über VR-Brillen. In ausgewählten Reisebüros von Thomas Cook kommen ebenfalls VR-Brille zum Einsatz und führen zu virtuellen Reise nach New York, auf die griechische Insel Rhodos und  nach Zypern. Auch TUI widmet sich dem „immersiven Reisen“ mit der Mein Schiff-VR-App, die zum virtuellen Rundgang über und unter Deck einlädt.

Für ältere oder kranke Menschen, die gar nicht mehr reisen können, sind langfristig digitale Luxusreisen durch virtuelle Welten denkbar. Sensoren könnten das Reiseerlebnis  zusätzlich aufwerten – mit Licht, Wind, Wärme, Gerüchen und Vibrationen. Selbst wer nicht mehr ganz so mobil ist, könnte langfristig dank VR dennoch Berge erklimmen.

Mask_VR © MassivKreativ

Medizin

Der alternden erlebnisorientierten Gesellschaft bietet VR ungeahnte Möglichkeiten. Der Schweizer Wissenschaftler Max Rheiner hat den Vogelflug-Simulator Birdly entwickelt. Er macht den Flug eines Greifvogels körperlich erfahrbar. Das futuristisch anmutende Gerät, das einem Fitnesstrainingsgerät ähnelt, bietet einzigartige Erfahrungen im Schwebezustand. Ähnlich wie bei normalen Games lässt sich mit VR unser Spieltrieb beflügeln und unsere Motivation mühelos steigern. Wie im Rausch mit den Flügeln zu schlagen, sich also nicht nur virtuell zu bewegen, sondern auch physikalisch, heißt auch, damit fast wie nebenher erwünschte mobilisierende Effekte z. B. für die Physiotherapie zu erzielen. Gamification dank VR!

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf setzt VR zu Ausbildungszwecken ein, um Operationen zu erproben, z. B. für Eingriffe am Mittelohr. Auch Anamnese-Gespräche mit Patienten lassen sich virtuell üben, z. B. unter Mehrfachbelastung in der Notaufnahme. VR dient auch als Navigationshilfe im OP, d. h. notwendige visuelle Informationen können – so wie für Piloten in ihren Jets – auch Chirurgen ins Blickfeld ihres Operationsmikroskops projiziert werden.

VR verspricht auch Patienten direkte Linderung ihrer Leiden. Expositionstherapien sollen Angstpatienten helfen, Höhen- und Flugangst bzw. Spinnenphobien zu überwinden. Mit VR-Erlebnissen werden sie direkt mit dem angstauslösenden Reiz konfrontiert und damit mit Erfolg langsam daran gewöhnt, wie Studien an der Universität Regensburg zeigen. In New York werden Kriegsveteranen mit VR positiv unterstützt, um posttraumatischen Belastungsstörungen nach Kriegserfahrungen zu lindern.

Screenshot_Emerge_4 © PatientZero Games

Sport

Die Leistungen von Sportlern werden bereits durch GPS- und Body-Tracking in Echtzeit überwacht. Das American-Football-Team „DallasCowboys“ experimentiert bereits mit VR. Fliegende Drohnen zeichnen die Trainingseinheiten der Spieler auf, die anschließend über VR-Brillen noch einmal nachempfunden und damit rekapituliert werden können. Diese immersive Form der Nachbereitung, die an luzide Traumerfahrungen anknüpft, soll besonders effektiv sein. Auch im Wintersport ist der Einsatz von VR vorstellbar, um z. B. Bob- oder Rodel-Abfahrten im Eiskanal zu verinnerlichen.

Klassische Wirtschaft

Unternehmensberater preisen VR als neues Effizienzmittel an. Teure Prototypen  oder Risikoszenarien können zunächst einmal erprobt und simuliert werden. Siemens-Mitarbeiter können mit dem Trainingsprogramm COMOS Walkinside Havarien auf einer Ölplattform durchspielen und dabei lernen, wie man bei Katastrophen überlegt und planmäßig handelt. Mitarbeiter schlüpfen in Avatare, in virtuelle 3D-Figuren, und können sich so auf der gesamten Ölplattform frei bewegen und einzelne Schritte bei der Problemlösung durchgehen.

Automobilbranche

3D-Modelle werden in der Automobilindustrie seit langem schon für Entwicklung und Werbung genutzt. Konstruktionspläne sind die Basis für rasante Fahrten, die mit realen Modellen zu teuer und zu gefährlich wären. Interessierte Kunden können sich nun ihr Wunschmodell mit der VR-Brille ansehen, zusammenstellen und eine Probefahrt unternehmen. Beim renommierten Zürich Film Festival (ZFF) bot Audi mit der Oculus Rift-Brille eine atemberaubende Tour durch die 360-Grad-Umgebung. Zukünftig könnten virtuelle Lern- und Testfahrten mit VR dabei helfen, um Unfälle im Straßenverkehr besonders bei Fahranfängern zu minimieren.

Marketing und Messe-Präsentationen mit VR

Im Rahmen einer Roadshow hat die Innovation Alliance im Fruhjahr 2017 verschiedene Praxisbeispiele für die Anwendung von VR, MR (Mixed Reality) und Augmented Reality (AR) vorgestellt. INNEO Solutions hat sich auf den Einsatz von VR bei der Planung von Messeständen spezialisiert, um Kundenwünsche genau berücksichtigen zu können. Hohe Kosten für teure Prototypen können vermieden und die komplexe Funktionalität der Produkte und Angebote anschaulich präsentiert werden.

Augmented Reality für Reparaturen im All

An einem ISS-Trainingsmodul der European Space Agency (ESA) wurden im Frühjahr 2017 erste erfolgreiche Tests mit „erweiterter Realität“ (Augmented Reality) durchgeführt. Auf einer transparenten Brille im Helm erhalten Astronauten Einblendungen und Animationen, die ihnen bei Reparaturen im Weltall helfen sollen, wie das VTT Technical Research Center berichtet. Bilder und Sprachanweisungen geben Arbeitsanweisungen, was genau zu tun ist. Auf Bohrinseln sind die Anwendungen mit AR ebenfalls schon erprobt worden.

Digitale Kundenberatung

DAMOVO hat sich auf die digitale Kundenberatung spezialisiert. In digitalen Chaträumen kann eine schnelle, digitale Expertenberatung erfolgen, Co-Browsing und Videos – ohne technische Hürden für den Bankkunden. Die Abbruchraten der Bankkunden bei Produktkäufen könnendurch den deutlich besseren Service stark reduziert werden.

Bildung und Museen

3D eröffnet für die Bildung ungeahnte Möglichkeiten. Durch das unmittelbare Eintauchen in Szenerien und Fallbeispiele können Lernprojekte stärker verinnerlicht werden. Weit entfernte Ausgrabungsorte oder Vegetationszonen lassen sich mühelos aufsuchen. Stadtkinder können lernen, wie der Alltag auf einem Bauernhof abläuft. Nichts für zarte Gemüter ist das 360-Grad-Video iAnimal 360, das den Zuschauer durch die Augen eines Schweines in einem Mastbetrieb blicken lässt.

Bauwerke, die im Laufe der Geschichte oder durch Kriege zerstört wurden, können dank VR wieder auferstehen. Wie sich Dinosaurier durch Urzeit-Landschaften bewegten, zeigt ein Film im Museum für Naturkunde Berlin. Für Museen ist VR eine große Chance. Die Größe der Ausstellungsräume ist begrenzt. Oft kann  oft nur ein Bruchteil dessen gezeigt werden, was in den Archiven lagert. In virtuellen  Museen und Ausstellungen können viele unentdeckte Schätze für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das Guggenheim Museum kooperiert bereits mit dem Google Cultural Institute und lädt Besucher zum virtuellen Besuch des Museums ein: das „Expeditions Pioneer Program“ ist eine VR-Plattform für das Klassenzimmer.

Eine Hürde für den staatlichen Kultur- und Bildungssektor stellen noch die hohen Entwicklungskosten dar. Eine „Killer-Application“ im Consumerbereich, nach der sich viele Nutzer reißen, ist derzeit nicht in Sicht. Es bleibt die Suche nach Wegen, die den Kaufpreis von VR-Equipment für den Massenmarkt erschwinglicher machen würde.

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Erzählen im virtuellen Raum

Das immersive „Mittendrin-Gefühl“ von VR wird in der Gamesbranche gerne für Horror-Stoffe genutzt. Der niederländische VR-Kino-Betreiber Samhoudmedia verunsicherte seine Gäste mit dem Film Catatonic (abgeleitet vom griechischen Katatonie = sinngemäß: „Anspannung von Kopf bis Fuß“). In einem Rollstuhl bewegt man sich durch ein Irrenhaus der 40er Jahre – mit ähnlichen Emotionen, wie man sie mit Schauspieler Jack Nicholson zwischen „Einer flog über das Kuckucksnest“ und „Shining“ hatte, nur eben noch intensiver!

Geschichten können mit VR anders erzählt werden, das Publikum wird noch emotionaler erreicht als bisher. Der virtuelle 360-Grad-Raum bietet neue Möglichkeiten in der Ansprache und Rezeption des Publikums. Die Aufmerksamkeit lässt sich z.B. nicht nur durch optische Effekte lenken, sondern gerade auch akustisch mit dreidimensionalen Geräusch- und Klangquellen. Neue Geschäftsfelder für Sounddesigner könnten entstehen, die in unserer visuell dominierten Welt zuletzt etwas im Schatten standen. Bei einem Erfahrungsaustausch in Hamburg, dem Virtual Reality Hamburg Meetup, loteten kürzlich Filmautoren, Regisseure, Gamedesigner und VR-Experten die Spielweise von VR und 3D aus.

Empathie für andere Lebenswelten

Digitales Storytelling wird von Journalisten und Medienproduzenten ständig weiter ausgelotet. Immersiver Journalismus bietet die Chance, in andere Lebenswelten einzutauchen und Empathie für individuelle Schicksale zu entwickeln. Wie fühlt sich Flucht tatsächlich an? Wie ist es in einem völlig überfüllten Schlauchboot, um sein Leben zu bangen? Was bedeutet der Überlebenskampf in einem Flüchtlingscamp? Wie erleben Kinder Naturkatastrophen und Krieg? Erste Schritte in Richtung VR gehen große Medieninstitutionen, wie die New York Times. Das 360-Grad-Video The Displaced zeigt das Schicksal geflüchteter Kinder, ein weiterer Film einen Bombenanschlag im syrischen Aleppo. Können VR-Erfahrungen dazu beitragen, z. B. Zuwanderungsgegner in ihrer Meinung umzustimmen und mehr Verständnis für Flucht aufzubringen?

Der US-Journalist James Pallot von der VR-Medienschmiede Emblemeticgroup glaubt: „Wir können mit Virtual Reality auch Nachrichteninhalte begreifbar machen, die andernfalls zwischen den Zeilen verloren gehen.“ Zugleich bleibt die Verantwortung der Medien, die Berichterstattung durch 3D und VR nicht unnötig zu manipulieren, zu übersteigern und zu skandalisieren. Journalistische Sorgfalt und ethische Grundsätze müssen auch in Zukunft gewahrt bleiben.

Experimente im universitären Umfeld

Etwas zurückhaltend gegenüber dem VR-Hype ist Ralf Hebecker, Professor für Gamedesign und -Produktion der Fakultät Design, Medien und Information an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. „Vor zwei Jahren habe ich VR noch für eine überschätzte Blase gehalten“, meint er. Inzwischen arbeiten einige seiner Studenten an konkreten VR-Projekten. Im Studiengang Gamesmaster entstehen mit VR derzeit begehbare Kunstwerke, die einladen, auf den Spuren des Malers Edward Hopper zu wandeln. In einem für Hopper typischen Haus kann sich der User frei bewegen und die Welt selbstbestimmt erleben. Gefühlszustände und Emotionen, die auf Wände projiziert werden, dienen als Ankerpunkte und interaktive Wegweiser.

Luzide Traumreisen, wie die künstlerisch inspirierten Lucid Trips, bilden den Ausgangspunkt für das Hamburger Start-Up VR-Nerds, das neben eigenen Entwicklungen in einem Blog und in Tests regelmäßig über neue Trends in der VR-Szene berichten.

Lucid Trips © Lucid Trips

Hybrid 1: Kombination von Drohne und VR

Spherie ist eine Flugdrohne speziell für 360° Filmaufnahmen. Die Erfinder vom Hamburger Startup SpiceVR versprechen neue, bisher nicht dagewesene Virtual Reality-Erlebnisse.  Mitgründer Nicolas Chibac erklärte beim Hamburg Innovation Summit 2016 das Prinzip: „Das freischwebende Kamerasystem kann gleichzeitig in alle Richtungen filmen, ohne selbst im Bild zu sein.“  Spherie wurde mittlerweile weltweit zum Patent angemeldet und gewann den Webfuture Awards 2016 von nextMedia.Hamburg.

Hybrid 2: Mixed Reality

Neben VR kommen auch Smart Glasses sowie “Next-Generation-Brillen” für den Bereich Augmented Reality und Mixed Reality zum Einsatz. Einen ersten Eindruck gibt die Datenbrille MINI Augmented Vision, die Navigationselemente direkt auf die Straße projiziert. Brother Deutschland hat eine Augmented-Reality-Brille für den industriellen Einsatz entwickelt: AirScouter soll für Logistik, Montage, Reparatur, Instandhaltung und Fernschulungen zum Einsatz kommen. Reparatur- oder Montageanleitungen können über ein Display auf die Datenbrille projiziert und bei Webkonferenzen in einen virtuellen Konferenzraum übertragen werden. Experten können sich über Pläne und Dokumente, Videoinhalte und Mediendateien beraten.

Als erstes Unternehmen weltweit setzt das Systemhaus Bechtle seit Anfang 2016 im eigenen Lager den SAP AR Warehouse Picker ein. Über WLAN und eine mobile Android-App von SAP werden auf den Brillen logistisch relevante Daten eingeblendet. Die Informationen zum Lagerverwaltungssystem erscheinen im Sichtfeld des Nutzers und führen ihn Schritt für Schritt durch den Kommissionierungsvorgang. Die Hände des Lagermitarbeiters bleiben frei. Augmented Reality soll im Umfeld von Industrie 4.0 zukünftig auch in die industrielle Fertigung Einzug halten. Montage- und Reparaturtätigkeiten werden einfacher, nachvollziehbarer und damit auch fehlerfreier. Microsoft entwickelte für Augmented Reality die Datenbrille HoloLens, der Träger kann über Sprache oder Gesten in der Luft mit der virtuellen Umgebung interagieren. 3D-Modellierungen können später mit einem 3D-Drucker ausgedruckt werden.

Branche wächst, auch für Zubehör

Bis 2020 werden die Umsätze mit Virtual-, Augmented- und Mixed-Reality-Hardware im B2B-Bereich steigen, laut der gemeinsamen Studie Head Mounted Displays in deutschen Unternehmen von Deloitte, Fraunhofer FIT und Bitkom auf 88 Millionen Euro. Unternehmen werden in diverse Computerbrillen für Mitarbeiter oder Kunden investieren. Damit erhalten vor allem die Bereiche Produktpräsentationen und Visualisierung innovativen Schub.

VR wird zukünftig ein weites Feld an Sinneserfahrungen ermöglichen, mit vielfältigen Sensoren, die neben akustischen, visuellen und räumlichen Erfahrungen weitere Sinneseindrücke bieten: Geruch, Vibrationen, Wind, Wärme. Einen ersten Eindruck über zusätzliche Ausrüstungen in der neuen bunten Welt gibt das Video Top 5 Virtual Reality gadgets of the future mit Cyberith Virtualizer, Stem System, The Reactive Grip und The Dexmo.

Über Chancen und Möglichkeiten von VR informiert unter anderem auch der Filmproduzent Arne Ludwig als Vorstand des Ersten Fachverbandes für Virtual Reality in Deutschland. Mit Vorführungen und Events will er VR in der breiten Öffentlichkeit noch populärer machen.

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Künstler und Kreative als Brückenbauer zwischen IT und Logistik

734000_web_R_K_B_by_I-vista_pixelio.de © Ivista, Pixelio.de

Mangelnde Vernetzung und Sprachlosigkeit gehören zu den häufigsten Ursachen dafür, warum sich Branchen nicht innovativ entwickeln. Junge Kreative zeigen, wie cross-sektorale Zusammenarbeit erfolgreich gelingt. Sie haben IT und Logistik für einen Tag zusammengebracht, an dem gemeinsam erstaunliche Antworten auf Herausforderungen und Megatrends gefunden werden konnten.

Unsichtbar, wie von Geisterhand: So arbeiten IT und Logistik. „Eine Gemeinsamkeit, die beide Branchen verbindet und auf der man hervorragend aufbauen kann“, findet Andrea Kuhfuß, Innovationsmanagerin von BRENNEREI next generation lab. Sie hat gemeinsam mit jungen Kreativen und Bremen digitalmedia die Fragestellung für das „Brückenprojekt“ zwischen IT und Logistik entwickelt. Durchaus eine Herausforderung, denn beiden Branchen trennen gegenseitige Vorurteile, wie die Kreativen bei ihren anfänglichen Recherchen und Befragungen herausgefunden haben. ITler wollen einem Lösungen verkaufen, die das aktuelle Problem aber gar nicht lösen können, so Logistiker über ITler. Umgekehrt finden ITler, dass Logistiker nie in der Lage seien, ihre Anforderungen, Bedürfnisse und Wünsche klar zu formulieren. Logistiker wollten meist an ihrem aktuellen System festhalten.

241571_web_R_K_B_by_Marcus Walter_pixelio.de © Marcus Walter, Pixelio.de

Recherche mit allen Sinnen

Andrea Kuhfuß leitet das interdisziplinäre Innovationsprojekt der Wirtschaftsförderung Bremen. Sie hat unter unzähligen Bewerben sieben Absolventen kreativer und künstlerischer Studiengänge ausgewählt, die 2015 im Rahmen eines sechsmonatigen Stipendiatenprogrammes der Brennerei einen ganztägigen interaktiven Workshop vorbereitet haben. Die Zielgruppe sind hochkarätige Teilnehmer aus den Branchen IT und Logistik. Die jungen Kreativen recherchieren, besuchen Logistik-Unternehmen, führen Interviews und nähern sich dem Thema auch emotional: z. B. mit einem Film der BBC über ein Wettrennen durch das öffentliche Transportsystem in London, mit eindrucksvollen Fotos und beispielhaften Logistik-Songs.

Andrea Kuhfuß erklärt das Ziel: „Die Stipendiaten können sich so auf Augenhöhe bringen und sich auf verschiedene Weise einer ihnen fremden Welt nähern.“ Das schärft den Blick, um später das Alltagsgeschäft von Logistik- und IT-Insidern zu hinterfragen und deren routinemäßiges Vorgehen auch schon mal auf den Kopf zu stellen. Dritter Partner im Boot ist Bremen digitalmedia – der Interessenverband für Unternehmen der Medien- und Informationstechnologie des Landes Bremen. Er stärkt die Unternehmen am Standort, vernetzt untereinander, kooperiert und fördert. Der gemeinützige Förderverein engagiert sich zudem für die Aus- und Fortbildung im Bereich IT und Medien.

Transportale_Begrüßung_WFBremen © WFB_BRENNEREI next generation lab

Weitblick von oben

Für den nötigen Weitblick bei den Workshops soll auch der Ort sorgen. Die kreativen Stipendiaten haben ihn bewusst in schwindelerregende Höhe gelegt: in das 21. Stockwerk vom Weser Tower in Bremen. Vor dem Panorama des Bremer Hafens in fast 82 Meter Höhe schauen Kreative, Logistiker, ITler und Medienvertreter weit voraus: Wie könnten Geschäftsideen für die digitalisierte Logistik im Jahr 2030 aussehen? „Zukunftsperspektiven anzuvisieren statt gegenwärtige Alltagsprobleme zu wälzen, ist ganz wichtig, um den Geist zu öffnen. So sollen vor allem die teilnehmenden Nachwuchskräfte zum Mitdenken aktiviert werden“, stellt Andrea Kuhfuß klar. Die attraktive Eventlocation soll sinnstiftend wirken. Die Altersstruktur der insgesamt 60 Teilnehmer ist beim Workshop gut gemischt. Die stärkste Gruppe mit 29 % ist zwischen 48 und 55 Jahren alt, 20 % zwischen 25 und 32 Jahren, je 16 % zwischen 41 und 47 sowie zwischen 56 und 63 Jahren.

Transportale_Workshopteilnehmer_WFBremen © WFB_BRENNEREI next generation lab

Herausforderungen 2030

Die Stipendiaten geben der außergewöhnlichen Veranstaltung den Namen „Transportale“. Das ebenso wagemutige wie artistisch-treffsichere „salto mortale“ schwingt da vielleicht bewusst mit. Zukunftsvisionen brauchen Mut und Technikkenntnis, aber auch eine Menge Fantasie. Worum geht es in etwa 15 Jahren? Unsere Welt verändert und vernetzt sich immer schneller. Warenströme nehmen zu und müssen immer rascher in Lieferprozesse eingebunden werden. Software- und Automationslösungen müssen immer individueller und übersichtlicher werden und einen klaren Blick auf Lagerbestände, optimale Raumnutzung und effiziente Lieferwege bieten. Die Frage, die alle bewegt: Wie werden die Herausforderungen der neuen industriellen Revolution, die vielbeschworene Industrie 4.0, die Geschäftsmodelle und Arbeitswelten der Zukunft beeinflussen?

Transportale_Themencluster_WFBremen © WFB_BRENNEREI next generation lab

Ideen generieren in vermischten Teams

Etwa 60 Unternehmer und Mitarbeiter aus IT und Logistik treffen bei der Transportale aufeinander, um die digitale Zukunft der Logistik mitzugestalten, 83 % Männer, 17 % Frauen. Jeweils acht Akteure, gut durchmischt aus verschiedenen Branchen, lassen an acht Tischen die Köpfe rauchen. Unterstützt von den kreativen Stipendiaten und Mitarbeitern von Bremen digitalmedia entwickeln sie Ideen und Businessmodelle für die digitale Zukunft – mit Blick auf die sozialen, technologischen und ökonomischen Trends von morgen. Statt ihre Firmen nur zu verwalten, werden die Unternehmer zu aktiven Gestaltern ihrer eigenen Zukunft. Welche Erwartungen bringen die Unternehmer mit?

677275_web_R_K_B_by_Lupo_pixelio.de © Lupo, Pixelio.de

Komponenten-Prinzip

Christoph Ranze, geschäftsführender Gesellschafter der encoway GmbH meint: „Logistik hat immer etwas mit der Verarbeitung von Informationen zu tun. Entlang einer logistischen Kette gibt es Informationen über Güter, über Kunden, über Ziele, über Orte, über Transportmittel, die mitgeführt werden. Daher ist die Informationsverarbeitung ein inharänter Teil von Logistik.“ Encoway ist ein IT-Dienstleister, der vom Trend zur Individualisierung profitiert und mittlerweile 150 Mitarbeiter beschäftigt. Immer wenn es um spezielle Kundenwünsche geht, entwickelt encoway im Baukastensystem die passende Software für den Multi-Channel-Vertrieb von Variantenprodukten bzw. Produktkonfigurationen. Für das Komponenten-Prinzip engagiert sich u. a. auch der Wirtschaftsprofessor Günter Faltin, der seit den 70er Jahren für eine intelligentere Ökonomie plädiert, die statt profitorientiertem Wachstum Problemlösungen für gesellschaftliche Herausforderungen findet.

Inspirierende Impulse durch “best practice “

Vor dem ersten Workshop der Transportale liefert Prof. Rolf Drechsler in einem Impulsvortrag erste Informationen zu Megatrends und zu innovativen Forschungsmethoden. Er leitet am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Bremen den Bereich Cyber-Physical Systems. Drechsler gibt Einblicke in spannende Anwendungsbeispiele, z. B. das qualitätsorientierte Design von Software vor allem für das Transportwesen und für innovative Fabriksysteme.

Durch Auftrags- und Projektforschung, also ohne staatliche Grundfinanzierung, hat sich das DFKI seit 1988 zum weltweit größten Zentrum für Künstliche-Intelligenz-Forschung entwickelt – mit Standorten in Kaiserslautern, Saarbrücken, Berlin und Bremen und insgesamt 800 Mitarbeitern. Arbeitsschwerpunkte sind z. B. Robotik, Wissensmanagement, Analyse von Massendaten, simulierte und erweiterte Realität, Sprachtechnologie und Intelligente Benutzerschnittstellen (Mensch-Computer-Interaktion). Im Oktober 2015 investierte Google als 17. Industriegesellschafter einen so hohen Betrag in das DFKI wie alle übrigen 16 Gesellschafter bis dahin zusammen.

Transportale_GraficRecording_2_WFBremen © WFB_BRENNEREI next generation lab

Kreative Arbeitsmethoden

Impulse für kreative Arbeitsmethoden und -Techniken innerhalb der Workshops gibt Stephan Hürholz. Er ist in London für die Firma Exponentials als “Social Entrepreneur” und Designthinker tätig, berät Banken und Start-Ups. Er liefert den Teilnehmern das handwerkliche Rüstzeug, um Ideen zu finden, zu sortieren, zu bewerten, zu modifizieren, umzudeuten und zu visualisieren. Mit kleinen Skizzen und Zeichnungen werden visionäre Luftschlösser real und begreifbar, umso mehr, wenn man zukünftige Geschäftspartner und Investoren überzeugen will. Neben einer professionellen Zeichnerin, die die Ideen mit Graphic Recording festhält, greifen die Teilnehmer auch selbst zu Papier und Stift. Warum auch nicht: Übung macht den Meister.

Transportale_Teilnehmer-Präsentation_2_WFBremen © WFB_BRENNEREI next generation lab

Workshop-Einblicke

Mit einem liebevoll und kompetent gestalteten Handbuch navigieren die Stipendiaten die Teilnehmer durch den Workshop. Am Anfang steht folgende Aufgabenstellung: „Suchen Sie sich im Team einen Technologietrend oder eine Kombination aus zwei Technologien aus. Besprechen Sie im Detail, wie diese genau funktionieren und wozu sie eingesetzt werden.

Stellen Sie sich nun folgende Fragen und diskutieren Sie im Team:

  • Wie sieht die Technologie aus, die Sie anbieten? Wofür wird sie hauptsächlich verwendet?
  • Wer nutzt Ihre Dienstleistung?
  • Was erwarten Ihre Kunden?
  • Wie sehen mögliche Anwendungen aus?
  • Wird dadurch ein Problem von 2015 gelöst?

Hochmotiviert wählen die Teams passende Technologietrends aus, z. B. 3D Druck, Robotik, Internet der Dinge, Wearables (tragbare Smartwatches oder Datenbrillen), Augmented Reality. Im zweiten Workshop kommen die sozialen Megatrend hinzu, z. B.  Diesmal lautete die Aufgabenstellung für die Teilnehmer: „Besprechen Sie im Detail, wie die Einbettung Ihres technologischen Geschäftsmodells in den sozialen Kontext gelingen kann.

Stellen Sie sich dazu folgende Fragen und diskutieren Sie diese im Team:

  • Wie beeinflusst die Entwicklung Ihr Konzept? Betrifft sie die Kernkompetenzen / Berufsfelder Ihrer Teammitglieder?
  • Inwiefern ändern sich dadurch die Anforderungen Ihrer Kunden?“

Bis zum Nachmittag haben die Teilnehmer in zwei Workshops ihre neu erdachten Dienstleitungen in das Umfeld der technologischen und sozialen Megatrends integriert. Nun stehen die Business-Trends im Fokus, also die Frage, wie Geschäfte zukünftig abgewickelt und welche Partnerschaften eingegangen werden, z. B. durch die Art der Arbeitsteilung und die Finanzierung. Zur Wahl stehen u. a. Kooperativen, Online- und Logistik-Plattformen der ShareEconomy, Crowd-Sourcing, -funding, -lending, digitales Empfehlungsmarketing, urbane und faire Logistik. Diesmal geht es um diese Fragen:

  • Welches Geschäftsmodell ist für Ihr Vorhaben hilfreich, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein?
  • Welches sind die ausschlaggebenden Kostenpunkte, um ihre Dienstleistung oder ihr Produkt zu finanzieren?
  • Wie, an welcher Stelle und wie oft stellen Sie ihren Kunden den Service in Rechnung?

Trendübersicht_WFBremen© aus dem Workshop-Handbuch, WFB_BRENNEREI next generation lab

Ganzheitlich denken und planen

In den Workshop wird rasch klar: Es geht nicht nur um neue Technologien. Die Kreativen führen den Teilnehmern vor Augen, dass bei neuen Geschäftsmodellen auch Business-Trends und soziale Entwicklungen zu berücksichtigen sind. Die kreativen Stipendiaten sind weder Logistik- noch IT-Experten. Doch sie vermitteln den Wirtschaftsvertretern an diesem Tag ganzheitliches Denken und zeigen ganz praktisch, wie Innovation entsteht: durch offene Kooperation, durch kreative und interdisziplinäre Arbeitsweisen und durch die persönliche Professionalisierung, indem sich jeder Akteur neue Methoden aneignet.

402589_web_R_K_B_by_Freya Diepenbrock_pixelio.de © Freya Diepenbrock, Pixelio.de

Geschäftsidee: Online-Verleih-Service im Musikbereich

Sven Hermann ist Leiter des Bereichs Marketing, Solution und IT Strategy bei der Bremer PTS Logistics GmbH. Mit rund 170 Mitarbeitern und zahlreichen Standorten steht das mittelständische Unternehmen für Qualität, Flexibilität und Innovation im Bereich der seemäßigen Exportverpackung. Hermanns Projektgruppe entwickelt beim Workshop einen Online-Verleih-Service für hochwertige Instrumente und Liebhaberstücke im Musikbereich (Motto: „Be King of Rock `n`Roll for a Day“), er erklärt das Vorgehen: „In den Diskussionen ging es um intelligente Verpackungen und Transporttechnologien, wie z. B. Green Packaging, Drohnen, Tracking und Sensorik.“ Leihinstrumente sollen letztlich sicher und schnell versandt und ausgetauscht werden und den Kunden ein leichtes Handling bieten. „Die Geschäftsidee des Online-Verleih-Services“, so Hermann, „basiert auf Kooperationen mit Musikhändlern und Privatpersonen, die nach Nutzungstagen entlohnt werden. Kunden sollen zwischen unterschiedlichen Abo-Angeboten auswählen können. Eine erste Anschubfinanzierung könnte über Crowdfunding gestartet werden.“

Das interdisziplinäre Team mit Vertretern aus Logistik, IT sowie Kultur- und Kreativbranche berücksichtigt bei den Überlegungen  folgende Trends: Cloud Logistics, autonome und faire Logistik, Internet der Dinge, lokale Intelligenz, preisgünstige Sensoren, Individualität, Shareconomy. Jede Branche bringt ihre eigenen, besonderen Kompetenzen ein:

  • Teammitglieder der Kultur- und Kreativbranche regen Perspektivwechsel an, hinterfragen und bewerten Trends. Sie gestalten das Marketing und finden Ideen für ergänzende Produkte und Dienstleistungen, um die Geschäftsidee mit zusätzlichen Mehrwerten zu unterstützen (Value Added Services).
  • Vertreter der IT Branche fokussieren mit ihrer technologischen Kompetenz die Anwenderfreundlichkeit bei der Entwicklung (Software-Ergonomie). Im Zentrum steht die Frage, wie sich Ausleihprozesse über die Online-Plattform optimal gestalten lassen und welche weiteren IT-Entwicklungen der Zukunft dabei zu  berücksichtigen sind.
  • Die Akteure der Logistik-Branche sind Experten für die Organisation von Waren- und Informationsflüssen und die damit verbundene Nutzung digitaler Technologien. Sie gewährleisten, dass Verpackung und Transport sicher, effizient und umweltfreundlich gestaltet und als zentrales Alleinstellungsmerkmal vermarktet werden.

RZ_PTS_Online-Banner_Troja_800x500px4 © PTS Logistics GmbH

Ergebnisse

Am Ende der Workshops präsentieren sich die Akteure gegenseitig ihre innovativen Ideen und Geschäftsmodelle. Und erhalten sofort Rückmeldung aus den anderen Gruppen. Eine hervorragende Möglichkeit der Erprobung und Simulation! Was ist realistisch, was ist noch ausbaufähig? Per digitaler Cloud in Schaufenster zu blicken, übte auf mehrere Gruppen einen starken Reiz aus. Daraus ergaben sich bei der Präsentation folgende Fragen: Können Produkte per Cloud-Schaufenster oder über Drohnen tatsächlich die Aufmerksamkeit der Kunden wecken? Werden berufliches und privates Leben noch stärker verschwimmen? Mit welchen Softwarelösungen können Lieferaufträge auch nachts aktiviert werden und Verlässlichkeit sichern. Für welche Aufgaben bzw. Teillösungen wird der Mensch nach wie vor unersetzlich sein?

Transportale_Drohnen_WFBremen © WFB_BRENNEREI next generation lab

Erkenntnisgewinn

Als Innovationsmanagerin Andrea Kuhfuss eine Woche nach dem Workshop die Feedbackbögen zurück erhält, erklären viele Teilnehmer, sie hätten am meisten von neu erlernten Kreativitätstechniken profitiert. Dieses Rüstzeug hätte maßgeblich dabei geholfen, neue Ideen für Produkte, Serviceangebote und Wertschöpfungsketten zu (er-)finden, sie zu bewerten und zu modifizieren. Die branchenübergreifende Mischung der Teams und den gegenseitigen Austausch beurteilten alle durchweg positiv. Als inspirierend werden rückblickend auch die neuen Perspektiven empfunden, die die Kreativen den Logistikern und ITlern im Workshop eröffnet hätten. Die Sprachlosigkeit zwischen beiden Branchen konnte zumindest an diesem Tag überwunden werden. Der Plan der Stipendiaten als Brückenbauer ist aufgegangen!

 

Inspirationstipps:

  • Der interaktive Workshop Transportale fand am 17.9.2015 in Bremen statt.
  • BRENNEREI next generation lab begreift sich als Think Tank und Werkstatt der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. Die Programme vermitteln Wissen und machen Innovation erfahrbar. Von aktuellen Fragestellungen ausgehend richten sich die Angebote an Nachwuchskräfte aus aller Welt, an Unternehmen und an Institutionen, die sich professionalisieren und den Blick über den Tellerrand wagen wollen.

Rundum-Sorglos-Pakete mit mehr Kundenservice

415692_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio.de

Wer neue Märkte erobern will, sollte nicht nur seine Produkte erweitern, sondern den Service gleich mitdenken. Im Trend liegen Rundum-Sorglos-Pakete und individualisierte Angebote, die den Kunden zum König machen. Wer die Bedürfnisse seiner Käufer im Blick hat und ihre speziellen Wünsche berücksichtigt, verschafft sich Luft gegenüber Konkurrenten.

Der Ditzinger Konzern Trumpf liefert Baumaschinen und die passende Software gleich mit dazu sowie Kurse für die richtige Bedienung. Alles aus einer Hand zu erhalten, ist zeitsparend, effizient und nachhaltig. Es sichert Kundenbindung und Vertrauen. Es muss nicht immer um Produkte oder Technik gehen. Manchmal ist es sinnvoll, gezielt den Kundenservice in den Fokus zu nehmen und das Ohr ganz dicht an den Vorstellungen oder den Problemen der Nutzer und Käufer zu haben.

427401_web_R_K_B_by_Viktor Mildenberger_pixelio.de © Viktor Mildenberger, Pixelio.de

MyBoshi: Stricken und Häkeln in der Community
Dass sich Kunden neben Produkten auch Service wünschen, haben Thomas Jaenisch und Felix Rohland aus dem oberfränkischen Hof schnell verstanden. Beim Skilaufen in Japan kam den beiden Freuden 2009 die Idee, trendige Mützen zu häkeln, japanisch: Boshi. Zunächst häkelten sie selbst. Die Nachfrage nach individuell gestalteten Modellen wurde so groß, dass sie sich Unterstützung suchen mussten. Sie fragten die, die sich mit dem Häkeln naturgemäß auskennen: Omas. Heute beschäftigen die Jungunternehmer etwa 30 Renterinnen, die sich so ihre Pension aufstocken. 80.000 Mützen haben die MyBoshi-Gründer bislang verkauft.

677552_web_R_K_B_by_Petra Bork_pixelio.de © Petra Bork, Pixelio.de

Neben gestrickten und gehäkelten Mützen bieten sie auch Schals, Taschen und Deko-Artikel an sowie – wegen wachsender Nachfrage nach Material und Designs – inzwischen auch Komplett-Sets: Wolle, Häkelnadeln, Anleitungen. Geliefert wird in 15 verschiedene Länder. Die anfängliche Geschäftsidee des Mützenverkaufs erweiterte sich in eine Do-It-Yourself-Ideenplattform rund ums Häkeln und Stricken. Grundanleitungen werden auf der Website gratis geliefert, auf youtube gibt es kleine Film-Tutorials. Für weitere Details werden Bücher verkauft, sogar in verschiedenen Sprachen. Prominente zeigen sich auf der Website und in sozialen Netzwerken gern mit den trendigen Kopfbedeckungen. Empfehlungsmarketing wie man es sich kaum besser wünscht.
Was lässt sich davon lernen? Es ist ratsam, den Service vom Anfang bis zum Ende zu denken.

682496_web_R_K_B_by_Dirk Kruse_pixelio.de © Dirk Kruse, Pixelio.de

Individualisierung des Konsums

Die Akteure der Do-it-yourself- und Makerspace-Kultur gehen direkt auf individuelle Wünsche der Community ein. Mit einem 3D-Drucker zaubert funky3Dfaces ein dreidimensionales Abbild des eigenen Kopfes für die Lego-Figur und  Namensschriftzüge werden in Fruchtgummimasse verewigt. Jeder erhält genau das, was er sich wünscht. Mit dieser Idee sind einst auch die Macher von MyMuesli angetreten. Kunden können sich die einzelnen Zutaten für ihre Müsli-Kreationen individuell und portionsweise zusammenstellen. Das einstige Start-Up, das 2007 von drei Studenten gegründet wurde, beschäftigt heute bereits mehr als 300 Mitarbeiter, davon rund 150 Mitarbeiter in Passau und Umgebung.

mymuesli.de_DieJungs© mymuesli.com die Gründer (v.l.): Philipp Kraiss, Max Wittrock und Hubertus Bessau

Sichtbarkeit für Kundenservice

Im Rahmen von BRENNEREI next generation lab sind es junge Absolventen, die frischen Wind in unternehmerische Fragen bringen. Das Stipendiatenprogramm der Wirtschaftsförderung Bremen ist ein Think Tank. Er bringt Wirtschaft und Kreative zusammen. Die Firma HEC Software z. B. wollte herausfinden, wie sie ihren Dienstleistungen für IT- und Softwarelösungen mehr Sichtbarkeit beim Kunden geben kann.

Tastatur_Antje Hinz329323_web_R_K_B_by_A.Dreher_pixelio.de © A. Dreher, Pixelio.de

In den kreativen Prozess wurden Angestellte und Geschäftsleitung einbezogen und ausführlich befragt. Die SWOT-Analyse (Strengths=Stärken/ Weaknesses=Schwächen, Opportunities = Chancen, Threats=Gefahren) brachte wichtige rationale Erkenntnisse, weitere kreative Methoden rückten emotionale Aspekte in den Mittelpunkt. Das interdisziplinäre Team aus Autoren, Grafikern, Psychologen und Kommunikationsdesignern gab didaktische Hinweise, wie die Softwarefirma ihre Kompetenzen und Unternehmenswerte klarer formulieren sollte und entwickelte ideenreiches Material für die Außendarstellung.

Produktrückruf_Antje Hinz365766_web_R_K_B_by_Kurt Michel_pixelio.de © Kurt Michel, Pixelio.de

Krisenmanagement bei Rückrufaktionen
In einem anderen Projekt der BRENNEREI haben Stipendiaten das Thema Verbraucherschutz bearbeitet. Ziel war es, bei einem Produktrückruf die Kommunikation zwischen Unternehmen, Verbrauchern und Behörden zu verbessern. In Kooperation mit dem Software-Unternehmen „consider it GmbH“ wurde der Prototyp für eine übergreifende Internet-Plattform entwickelt, um einen informativen und hilfreichen Austausch zwischen Herstellern und Konsumenten zu ermöglichen. Als praktische Gebrauchsanleitung produzierten die Stipendiaten einen Erklärtrickfilm.

Inspirationstipps:

MyBoshi: Do-It-Yourself Ideenshop rund ums Häkeln und Stricken

MyMuesli: Unternehmensgeschichte – Wie alles begann

● Das BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen. Kreative Nachwuchskräfte erarbeiten unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze.