Renaissance der bayerischen Porzellanstraße: Kreative im Fichtelgebirge

 © KÜKO Fichtelgebirge

Die Region im bayerischen Fichtelgebirge kämpft gegen Landflucht, Fachkräftemangel und Leerstand. Um neue Perspektiven zu eröffnen, setzt die dortige Entwicklungsagentur auf die systematische Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Erfolge sind vielversprechend! Ich habe mit ChancenergreiferInnen, MöglichmacherInnen und Weiterdenkerinnen der Region gesprochen.

Kreativwirtschaft als Motor

Der Landkreis Wunsiedel liegt an der bayerischen Porzellanstraße. Nach dem wirtschaftlichen Einbruch in den traditionellen Industrien im Kunsthandwerk und schwierigen wirtschaftlichen Jahren geht es jetzt wieder aufwärts. Die Abwärtsspirale ist gestoppt. Wie das gelungen ist, fasst Thomas Edelmann zusammen, er leitet die Entwicklungsagentur Fichtelgebirge: „Wir haben erkannt: Wir brauchen Kreativschaffende und deren Querdenken für die Fortentwicklung des Landekreises. Daher haben wir mit Kreativen der Region ein Verbundprojekt gestartet. Unser Landkreis Wunsiedel arbeitet eng mit der Künstlerkolonie Fichtelgebirge zusammen. Wir wollen gemeinsam das Thema Kreativwirtschaft nach vorne bringen. Da ist es förderlich, wenn wir die Kräfte bündeln. Weil die Kreativ-Unternehmen häufig klein sind, haben wir zusätzlich die Plattform KÜKO-Fichtelgebirge [=Künstlerkolonie] geschaffen, wo die Akteure der Branche sichtbar werden und sich noch stärker vernetzen können.“

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Netzwerkmanagerin

Die Entwicklungsagentur Fichtelgebirge verfolgt einen breit gefächerten, holistischen Ansatz. Sie kümmert sich nicht nur um Wirtschaftsförderung und Fachkräftesicherung, sondern auch um Regionalmanagement und Digitalisierung, Klimaschutz- und Bildungsthemen sowie um die Sichtbarkeit und Wahrnehmung der Region. Seit Februar 2019 Jahren finanziert die Entwicklungsagentur eine Netzwerkmanagerin im Forum Kreativwirtschaft Fichtelgebirge. Astrid Köppel widmet sich ausschließlich der Kreativwirtschaft und fungiert als Schnittstelle zwischen Landkreis und Kreativ-Akteuren. Sie vernetzt, informiert, vermittelt zwischen Kreativen einerseits und dem Landkreis andererseits sowie gegenüber Wirtschaftspartnern, Banken, Behörden, Gremien und Institutionen und findet überall die richtigen Ansprechpartner. 20% der Kosten für die Netzwerkstelle übernimmt der Landkreis (50.000 € pro Jahr per Kreistagsbeschluss), 80% kommen als Zuschuss aus Mitteln des Regionalmanagements im Freistaat Bayern durch das Bayerische Wirtschaftsministerium. Thomas Edelmann: „Ich empfehle auch anderen Regionen so wie bei uns einen festen Mitarbeiter zu installieren und zu finanzieren, der die Kreativen unterstützt, berät und für ihre Interessen eintritt. Das ist auch politisch betrachtet ein Ausrufezeichen, dass man in diesen Wirtschaftszweig der Kreativschaffenden speziell investiert.“

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Raumwohlstand

Leerstehende Gebäude machen eine Regionen unattraktiv. Doch sie bieten zugleich auch Freiraum, Raumwohlstand wenn man so will. Es ist eine Frage der Perspektive: Ist das Glas halb leer oder halb voll? Die Kreativen sehen eher die Chancen und Möglichkeiten und haben großartige Ideen für neue Nutzungskonzepte. Mittlerweile werden in ganz Oberfranken entsprechende Investitionen angeregt. Städtebauförderung, Förderung durch das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) sowie Sonderförderprogramme, z. B. die Förderoffensive Nord-Ost Bayern, geben inzwischen auch Geld dazu. Um neue Impulse von Kreativschaffenden zu erhalten, lädt der Landkreis Wunsiedel sie gezielt in die Region ein, wie Sabine Gollner, Vorsitzende im KÜKO e.V. erzählt: „Umworben werden kreative Menschen, die ihren Raum mitgestalten und teilhaben wollen am gesellschaftlichen Wandel. Hier in den kleinen Orten und Gemeinden kann man die Resultate der eigenen Arbeit viel direkter spüren und sehen, was passiert, wenn man sich einbringt. Das ist in den Metropolen sehr viel schwerer. Auf dem Land rufe ich einfach den Bürgermeister an, wenn mir wieder irgendeine Aktion einfällt.“ Gollner weist auch auf den wirtschaftlichen Schneeballeffekt hin. Wenn eine Region nach und nach attraktiver wird, ziehen mehr Menschen dorthin: „Vielleicht können wir hier sogar teilhaben an einer positiven Gentrifizierung: Jetzt günstig ein Haus kaufen und es in einigen Jahren möglicherweise mit Gewinn weiterverkaufen. Dann eventuell weiterziehen und helfen, andere Orte zu beleben. Eine Gentrifizierung, von der auch Kreative profitieren, kann auch im ländlichen Raum funktionieren.“

Sanierung statt Neubau

Bei der Leerstandsverwaltung und einer nachhaltigen Orts- und Stadtentwicklung hilft das cross-sektorale Netzwerk und Portal Freiraumleben.Fichtelgebirge. Leerstehende Immobilien und deren Eigentümer können darüber ausfindig gemacht werden: von Einzelhandelsobjekten in der Innenstadt über ehemalige Gewerbeflächen, Bauernhöfe bis zu gastronomischen Objekten. Kreative vernetzen sich mit Eigentümern, um gemeinsam neue kreative Nutzungskonzepte zu entwickeln. Das Kernteam des Netzwerkes besteht aus geschulten MitarbeiterInnen der Städte, Gemeinden, des Landkreises sowie der gKU Winterling Immobilien und der KÜKO-Künstlerkolonie. Auf der Website verlinkt ist ein Online-Verzeichnis mit Datenbank, die das Auffinden von Kreativen und deren Dienstleistungen erleichtert.

 © Freiraumleben.Fichtelgebirge / KÜKO Fichtelgebirge

Ausstrahlung nach außen

Bau- und Sanierungsprojekte, die bereits erfolgreich realisiert wurden, macht eine Film-Kampagne sichtbar. Sie entstand im Auftrag des Landkreises Wunsiedel, gefördert vom Regionalmanagement Bayern, Bayerisches Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat. Gute Beispiele strahlen über die Region hinaus und ziehen neue Fachkräfte und Kreative an. Sabine Gollner: „Es gibt genug Kreative in der Region, die porträtiert werden können und die Mut und Lust auf die Region machen. Menschen, die zeigen können, hier ist eine andere Art des Arbeitens möglich: weniger Hektik, mehr Freiraum, entspannte Wege und – vor allem – günstiger Arbeits- und Lebensraum. Abgesehen von dem Werbeeffekt nach außen können solche Portraits der Kreativen auch nach innen wirken. Regionale Kreativschaffende werden gestärkt und ermutigt, auch sich selbst sichtbarer zu machen.“

Raumwohlstand auf Reisen

Neben medialen Kampagnen setzte der Landkreis Wunsiedel auch auf Aktionen zum Anfassen, um Menschen von außerhalb auf die Region hinzuweisen und das Thema Raumwohlstand versus Raumknappheit greifbar zu machen. Mit Unterstützung kreativer Berater hat die Entwicklungsagentur ein analoges spielerisches Tool geschaffen: zwei unterschiedlich große transparente Glaswürfel, in die sich Menschen hineinbegeben können. Die Glaswürfel touren durch verschiedene Orte und sorgen auf Marktplätzen für Furore und Aufmerksamkeit von interessierten Neubürgern. Thomas Edelmann ist begeistert, wie gut das Gamification-Tool von den Leuten angenommen wird: „Das ist eine Bildsprache, die die Menschen sofort verstehen. Mit der Kampagne sprechen wir einerseits neue Unternehmen an, die in ihrer Heimatregion keine Expansionschancen mehr zu haben glauben und die sich nach neuen Wirkungsstätten umsehen. Andererseits zielen wir auf Familien, denn wir haben hier im Landkreis einen Naturpark, das ist ein Tourismusgebiet mit hervorragenden Lebensumständen. Und wir richten uns an Kreativschaffende, die nach neuen Flächen suchen, nach einem Büro oder einer kleinen Werkstatt.“

 © Sabine Gollner, KÜKO Fichtelgebirge

Kräfte bündeln im Kreativ-Netzwerk

Sabine Gollner kam im Jahr 2011 mit ihrer Familie nach Bad Berneck. Sie hatte zuvor im britischen Birmingham Architektur studiert und auch einige Jahre in der  Film- und Fernsehproduktion gearbeitet. Im Fichtelgebirge gründet sie mit ihrem britischem Partner ein neues Unternehmen: die Kreativagentur It’s About Time. Sie konzipieren kreative Projekte  speziell für den ländlichen Raum im Bereich Tourismus, Stadt- und Regionalentwicklung mit dem Fokus auf das Fichtelgebirge und Oberfranken. Die Projekte realisieren sie mit Partnern aus dem Netzwerk. Die QR-Tour Bad Berneck & Goldkronach z. B. ist ein europäisch gefördertes Pilotprojekt für Kultur- und Tourismus, das 2016 mit dem ADAC Tourismuspreis Bayern ausgezeichnet wurde. Im November 2011 hat Gollner die Künstlerkolonie-Fichtelgebirge initiiert und ist seitdem  Vorsitzende des Vereins – mit über 130 Mitgliedsunternehmen und Selbstständigen, eine Plattform und ein Netzwerk für Austausch und gegenseitige Inspiration. Das Community building erfolgt über Facebook mit derzeit 875 Abonnenten. Die Kreativen beweisen, dass Kultur die Regionalentwicklung beflügelt, dass sie als Motor und Impulsgeber wirkt. KÜKO initiiert immer wieder neue Kampagnen und Aktionen mit dem Ziel, Kreativschaffende vor allem mit der lokalen Wirtschaft zu verbinden. Ein Film-Clip gibt einen Überblick über die Vielfalt der Kreativschaffenden im Fichtelgebirge.

 © Sabine Gollner, KÜKO Fichtelgebirge

Kreative Traditionen

Astrid Klöppel und Sabine Gollner sind viel in der Region unterwegs. Sie ermutigen Zweifler, eröffnen Perspektiven, werben für Kooperationen und weisen unermüdlich auf den großen Nutzen hin: „Von Kreativen gehen entscheidende Impulse aus, die der ganzen Region gut tun“, sagt Gollner. Das Fichtelgebirge ist schon traditionsgemäß eine Kreativregion – mit einer kulturellen Geschichte voller Porzellan und historischer Baukultur. Ideenreichtum, Gestaltungskraft, handwerkliches und technisches Geschick seiner Bewohner haben die nordbayerische Region wieder auf einen erfolgreichen Kurs gebracht. Das östliche Oberfranken kann zum kreativen Innovationsinkubator werden. Gollner: „Was wir haben sind Geschichte, Kreativität, Zeit, Platz. Wohlstand in vielerlei Hinsicht also. Das alles gilt es jetzt positiv zu vermarkten. Und eine historische Zusammenarbeit: Dass die Landkreise und Städte Hof, Wunsiedel und Bayreuth landkreisübergreifend arbeiten.“

 © KÜKO Fichtelgebirge

Coworking

Gemeinsam mit der Entwicklungsagentur und dem Forum Kreativwirtschaft Fichtelgebirge entwickeln die Kreativen der Künstlerkolonie immer wieder neue Angebote, Formate und Kampagnen – sowohl für die eigene Branche als auch cross-sektoral und interdisziplinär mit anderen Wirtschaftspartnern. In Bad Berneck wurde die Schaltzentrale Bayern eröffnet, ein Coworking-Space, der kreative Kleinstunternehmen fördern und die Wirtschaftskraft der Region stärken soll. Das Konzept wurde von KÜKO im Auftrag des Amts für Ländliche Entwicklung (ALE) entwickelt. Sabine Gollner erklärt die Bedeutung dieser Zusammenarbeit: „Kommunen und Unternehmen in der Region können konkret etwas für die Kreativwirtschaft tun, indem sie Aufträge vergeben. Das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) machte 2016 einen mutigen Schritt, indem das Modellprojekt Coworking-Spaces im ländlichen Raum an unser Netzwerk KÜKO vergeben wurde. Verwaltung und Kreativschaffende nähern sich durch solche Prozesse an, steigern die Wertschätzung und Wahrnehmung der Arbeit auf beiden Seiten.“

Wirkung von außen nach innen

Das Fichtelgebirge bietet unterschiedliche Räume für verschiedene Bedürfnisse: neben dem Freiraum Natur gibt es günstige Wohnungen und Häuser, Ateliers und Büroräume, Ausstellungsflächen und dazu eine gut organisierte kreative Community! Um die vielen Vorteile auch außerhalb der Region bekannter zu machen, initiierte KÜKO eine Kreativ.Bustour nach Wunsiedel. Die Reise-Kampagne brachte viele interessierte Neubürger ins Fichtelgebirge. Heimische Kreativakteure führten die BesucherInnen an einem Wochenende in verborgene Häuser und Orte, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind. Höhepunkt war eine sehenswerte abwechslungsreiche Kunstausstellung der besonderen Art.

Die positive Außendarstellung des Landkreises unterstützen auch inzwischen 24 Botschafter des Fichtelgebirges, engagierte Einheimische, die beruflich viel unterwegs sind. Ihre Reisen und Gespräche nutzen sie, um für das Fichtelgebirge überregional, national und international zu werben. Sie kommunizieren die Potentiale und Schönheiten der Region und vermitteln Kontakte in die Region vermitteln. Die Kampagne wird von der Entwicklungsagentur Wunsiedel betrieben.

  © Stefan Heerdegen, Pixelio.de

Identitätsbildung nach innen

Die Kreativen binden gerne die BewohnerInnen der Region in ihre Aktionen ein, z. B. um wichtige identitätsstiftende Orte im Landkreis zu ermitteln. KÜKO startete dafür ein internationales Artist-in-Residence-Programm, bei dem Künstler von außerhalb auf einheimische BewohnerInnen treffen: Blicke von außen schärfen den Blick nach innen. Die Bad Bernecker fanden über die Kunstaktion heraus, welche Orte ihnen in ihrer Heimat wichtig sind und wie sie ihr Selbstverständnis prägen: die glanzvolle Kurgeschichte, die Kommunikation untereinander, die Natur und die Mobilität. Ausgewählt wurden am Ende ein historisches Wetterhäuschen, eine Kneippstatue, ein Telekom-Hotspot, ein Parkautomat und eine „Knutschbank“. „Wer sind Wir?“ fragte kürzlich auch das Fichtelgebirgsmuseum in Wunsiedel und hatte KÜKO als Partner eingeladen, eine Aktion im Landkreis Bayreuth durchzuführen. Gefördert wurde das Projekt im Fonds Stadtgefährten der Kulturstiftung des Bundes.

Sichtbarkeit und Storytelling

Das Fichtelgebirge hat sympathische und tatkräftige BewohnerInnen, die mit Kopf, Herz und Hand schon viel erreicht haben. Die kreativen Alltagshelden werden in medialen Geschichten präsentiert und bekannt gemacht. Die Medien-Kampagne und das Online-Portal Freiraum für Macher zeigen, was das Fichtelgebirge zu bieten hat: für Chancenergreifer, Möglichmacher, Weiterdenker, Traumverwirklicher, Familiengründer, Naturliebhaber. Es gibt Texte, Fotos und Filme über Stammbürger, Rückkehrer und Neubürger, über ihr Leben, ihre  Arbeit und Freizeit in der Region. Die Kampagne wird vom Landkreis Wunsiedel betrieben und als Projekt gefördert vom Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forst sowie vom Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER).

 © KÜKO Fichtelgebirge

Kreative Produkte als „Erinnermich“

Wenn Touristen Urlaub machen, möchten sie etwas Bleibendes mit nach Hause nehmen, das sie an die Region erinnert: ein kreatives Produkt, dass unverwechselbar ist, dass es nicht überall gibt. Mitglieder des KÜKO-Netzwerks haben neue, kreative Souvenirs für das Fichtelgebirge entwickelt. Im Pop-Up-Store SOUVENIR in Bad Berneck im ehemaligen NKD-Markt im Maintalcenter werden sie temporär zum Verkauf angeboten. Der Ort kombiniert Werkausstellung, Kulturraum und ein Magazin mit utopischen Visionen für die Region. Die Tourismuszentrale Fichtelgebirge sponsert zusammen mit KÜKO die Erstellung von Prototypen von Souvenirs und lobt auch einen Fachpreis aus.

 © KÜKO Fichtelgebirge

Überregionaler Austausch

Die Erfahrungen in der Regionalentwicklung teilt KÜKO gerne mit anderen Kreativnetzwerken in Deutschland, z. B. über Kreative Deutschland, den Bundesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Deutschland e.V., sowie über seine Landesverbände. Vom Austausch profitieren die Kreativen deutschlandweit, auch um gegenüber der Politik. 2019 fand die deutschlandweite Jahreskonferenz des Bundesverbandes in Röslau im Fichtelgebirge statt. Die Filmkampagne Peripher und ganz zentral entstand in Nachbereitung. Sie soll die Sichtbarkeit der kreativen AkteurInnen verbessern und eine mehrwertstiftende Verknüpfung herstellen – zwischen Kreativbranche und anderen Wirtschaftszweigen, ebenso zu Verwaltung, Politik und Fördergebern. Gemeinsam lässt sich besser Druck machen, auch außerhalb von Bayern mit erfolgserprobten Formaten und Modellen, z. B. einer Netzwerkmanagerin für Kreative, die Kultur- und Kreativwirtschaft mehr zu unterstützen. Die Investitionen in der Kreativen wirken sich in jedem Falle positiv auf die Regionalentwicklung aus. Das Fichtelgebirge beweist dies in vielerlei Hinsicht.

KreativLandTransfer: best practice

2020 wurde KÜKO im bundesweiten Programm KreativLandTransfer als best-practice-Projekt ausgewählt, denn: KÜKO ermöglicht mit besonderen Ansätzen kulturelle und lebendige Orte im ländlich Raum und stärkt die Region sozial, wirtschaftlich und kulturell. Die ausgewählten Projekte haben durch ihr herausragendes Engagement Vorbildswirkung für AkteurInnen in ganz Deutschland. In den kommenden Monaten werden sie ein Konzept erstellen, um ihre Erfahrungen an entstehende aussichtsreiche Projekte weiterzugeben. Mit fachlicher und organisatorischer Unterstützung von ExpertInnen und Coaches werden die Kenntnisse zudem in einem virtuellen Lernraum an die NachahmerInnen weitergegeben.

PODCAST

CoWorkation: Erholen und Arbeiten am Schweriner See in Bad Kleinen

 © links: Mühlenquartier Bad Kleinen, Kreative-MV, rechts: Olga Meier-Sander, pixelio.de

EINLADUNG: Erholen und Arbeiten in Bad Kleinen vom 22.-29. Juli 2020

In diesen Corona-wirren Zeiten brauchen viele von Euch und uns dringend positive Impulse. Kommt zum CoWorkation an den Schweriner See und Ihr werdet eine großartige Zeit haben: Erholen und vielleicht auch ein wenig Arbeiten auf der Wiese vor dem Mühlenquartier Bad Kleinen – das alles in idyllischer Umgebung nur wenige Meter zum See. Ihr könnt tatkräftige Menschen treffen, die etwas bewegen wollen, Inspiration und Austausch finden, Pläne und Projekte und auftanken für die 2. Hälfte dieses verrückten Jahres. Henry Miller hat mal gesagt: „Leben ist das, was wir daraus machen.“ Nach dieser Maxime machen wir CoWorkation gemeinsam zu einer unvergesslichen Zeit.

Eine Woche CoWorkation – angeregt durch Kreative MV – bietet der Heimatverein Bad Kleinen, der Eigentümer des Mühlenquartiers Bad Kleinencoopolis und ein ganzes Netzwerk lokaler Kreativer aus MV eine Woche CoWorkation im Mühlenquartier, Corinna Hesse, Kreative MV / Silberfuchs-Verlag, Antje Hinz, MassivKreativ. Zusätzlich organisieren wir in Kooperation mit dem Verein Dambecker Seen e.V. für Sonntag den 26.07.2020 von 14-18 Uhr einen Kreativmarkt. Die Basis- und Infrastruktur steht, weitere Unterstützungsangebote sind herzlich willkommen!

 WAS? CoWorkation – Erholen und Arbeiten auf der Wiese vor dem „Mühlenquartier Bad Kleinen“
 WANN: Mi, 22.7.2020 14:00 Uhr – Mi, 29.7.2020 14:00 Uhr
 WO? Mühlenquartier Bad Kleinen | Uferweg 5, 23996 Bad Kleinen |
Übernachtung im selbst mitgebrachten Zelt  für 10 €/Nacht/Zelt / ALTERNATIV werden bei Ulis Kinderland günstige Übernachtungsmöglichkeiten (20€/Bett/Nacht incl. Frühstück) bereitstehen
 WAS GIBT ES VOR ORT? Zeltwiese, Außendusche, WCs mit fließend Wasser, CoWorking Space mit WLAN im historischen Walzenstuhlboden, Badestrand und Supermarkt in 250 m Entfernung
 WAS GIBT ES VOR ORT NICHT?  Alles was Ihr NICHT mitbringt, ist auch NICHT da.
 Anmeldung bis zum 22.07.2020 (zwingend nötig wegen Corona): ANMELDEFORMULAR
 Weitere Informationen: Website Kreative MV
 Rückfragen: Stefanie Raab, coopolis, Tel.  0178 – 760 32 44   E-Mail: raab@coopolis.de

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Planungsstand am 26.6.2020

HINTERGRUND: Im Mühlenquartier Bad Kleinen entstehen auf 6.000 m² Fläche ein Gewerbequartier mit Büros, Produktionshallen, Ateliers, Museum, Veranstaltungssaal und Bistro, umgeben von einer Parklandschaft am Schweriner See. Im KreativLab am 11.06.2020 haben wir erkundet, wie der Freiraum für innovative Kooperationen zwischen Kreativunternehmen, DesignerInnen, ZukunftsgestalterInnen, ImmobilieneigentümerInnen und regionaler Wirtschaft genutzt werden kann. Stefanie Raab von coopolis gab im Ideenpitch eine kleine Einführung zum Thema „CoWorkation in Bad Kleinen 2020“ und im anschließenden Workshop Raum, diese Ideen zu konkretisieren. Leerstand ist eine Ressource für regionale Entwicklungsprozesse, die mithilfe der Kultur und der Kreativwirtschaft erschlossen werden kann. Gerade in der Folge der Coronazeit gibt es einen besonderen Bedarf für CoWorkation- Angebote. Viele Kreative sind dringend erholungsbedürftig, haben aktuell aber weder Zeit noch Geld für Urlaub. Darum haben infolge des Zusammentreffens Kreative, Immobilieneigentümer und Leute aus Bad Kleinen und Umgebung gemeinsam entschieden, eine CoWorkation n Bad Kleinen auf die Beine zu stellen. Im Wesentlichen bieten wir eine (einfache) Unterkunft mit etwas Infrastruktur und einen PopUp- CoWorking Space in einer tollen Umgebung. Oder, um es in Menschen auszudrücken, Gastgeber, Gäste und Gemeinschaft. Da am Standort Mühlenquartier in den kommenden Jahren ein kreativer Quartiersentwicklungsprozess ansteht, machte es Sinn, gemeinsam bereits für diesen Sommer ein entsprechendes Angebot auf die Beine zu stellen, und es hat sich eine bunte Gruppe Engagierter zusammengefunden – und jetzt sieht es ganz so aus, als ob wir das auch hinbekommen.

Beteiligte Akteure am CoWorkation vom 22.-29. Juli 2020

Angeregt durch Kreative MV, sind nun aktiv in die Vorbereitung eingebunden: Hans Kreher + Andreas Kelch / Heimatverein Bad Kleinen, Egon Flemming, Eigentümer Mühlenquartier Bad Kleinen, Stefanie Raab, coopolis GmbH. Weiter gibt es folgende Unterstützungsangebote: Ulis Kinderland in Galentin, Corinna Hesse, Kreative MV / Silberfuchs-Verlag, Antje Hinz, MassivKreativ unterstützt im Vorfeld mit Öffentlichkeitsarbeit und Social Media. Josefine Peters / Verein Dambecker Seen e.V. unterstützen bei der Organisation des Kreativmarktes. Die Basisstruktur steht, weitere Unterstützungsangebote sind herzlich willkommen!

TERMIN: Mittwoch, 22.07.2020 ab 14:00 Uhr – Mittwoch, 29.07.2020 ab 14:00 Uhr

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UNTERKUNFT: Es gibt zwei verschiedene Unterkunftmöglichkeiten:

  1. Auf der Zeltwiese unweit des Bahnhofs direkt im Mühlenquartier kann man für einen Teilnehmerbeitrag von 10 € / Nacht und Zelt unterkommen. Selbstversorgung, Basis- Infrastruktur aus Außendusche, WC Container mit fließend Wasser und dem Co Working Space im Walzenstuhlboden des Mühlengebäudes sind vorhanden. Der Badestrand, die Marina und der nächste EDEKA Laden sind jeweils ca. 200 m zu Fuss.
  2. Für Menschen, die nicht zelten wollen, gibt es in Ulis Kinderland in Galentin für 20 € / Nacht und Person Übernachtung incl. Frühstück. Auf der Webseite kann man sich die Übernachtungsangebote anschauen: HIERZum Mühlenquartier kommt man zu Fuß und mit dem Fahrrad über den Uferweg (Strecke 2,9 km, 10 bzw. 35 Minuten), die Autostrecke ist mit 3,2 km auch nur unwesentlich länger. Das Thema CoWorking wird sich auf jeden Fall im Mühlengebäude (Walzenstuhlboden) abspielen.

VERANSTALTER: Der Heimatverein Bad Kleinen tritt offiziell als Veranstalter auf. Der Eigentümer Egon Flemming als Grundstückseigentümer und Stefanie Raab von coopolis als Kooperationspartner, die jedoch fest vereinbarte Zusagen, die hier auch protokolliert sind, verbindlich einhalten. Egon Flemming kümmert sich um die Bereitstellung dieser Basis- Infrastruktur.

VERSICHERUNG: Hans Kreher + Andreas Kelch schließen im Namen des Vereins die bereits recherchierte Veranstalterhaftpflichtversicherung ab, die Kosten sollen möglichst über die Teilnehmerbeiträge wieder eingenommen werden. Der Eigentümer Egon Flemming hat zusätzlich eine Eigentümerhaftpflichtversicherung.

GENEHMIGUNG: Das Einholen der notwendigen Genehmigungen liegt in der Verantwortung des Veranstalters (Hans Kreher / Andreas Kelch).

INFRASTRUKTUR: Als Basis- Infrastruktur wird benötigt: (Draussen-)Dusche / Toilette / Spüle. Evtl. noch eine Kühlmöglichkeit, schließlich wird es warm sein. Das könnte aber schon ein Hygieneproblem verursachen. Gekocht wird bei Bedarf auf Campingkochern individuell. WLAN: Muss im CoWorking Space stabil zur Verfügung stehen, wird, evtl. reicht ein Verstärker für das vorhandene WLAN, alternativ per Cube. Egon Flemming kümmert sich um die Bereitstellung dieser Basis- Infrastruktur.

TEILNEHMERBEITRÄGE UND ZAHLUNG: Der Teilnehmerbeitrag beträgt 10 €/Nacht/Zelt bzw. 20 €/Nacht/Bett. Die Zahlung der Teilnehmerbeiträge erfolgt an die Gastgeber, Herrn Flemming und Ulis Kinderland direkt.

ANMELDUNG VON TEILNEHMENDEN: Die Anmeldung erfolgt über dieses Formular, welches Stefanie Raab einrichtet und verwaltet. Die Anmeldestände werden dann jeweils an die Veranstalter und Gastgeber (Hans Kreher, Andreas Kelch, Egon Flemming und Ulis Kinderland) weitergegeben, die sammeln bei ihren jeweiligen Gästen auch die Teilnehmergebühren ein.

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PROGRAMM: Es sollte max. 1 Programmpunkt pro Tag angeboten werden, entweder nachmittags oder abends, aber um 22:00 Uhr sollte Ruhe sein, damit die Zeltgäste auch schlafen können. Folgende weiteren Programmpunkte sind geplant:

Mi. 22.07.2020 19:00 Uhr  Walzenstuhlboden: Willkommen, Vorstellung des Mühlenquartiers (Egon Flemming, Stefanie Raab)

Do. 23.07.2020 14:00 Uhr  Wanderung nach Willigrad, den Sommersitz der Herzöge von Mecklenburg. (Hans Kreher /Andreas Kelch (?)

Fr. 24.07.2020 19:00 Uhr  Kinoabend in Kooperation mit dem Filmclub Güstrow. Dokumentarfilm zur Mühle, Beamer und Leinwand im CoWorking Space auf dem Walzenstuhlboden. (Andreas Kelch)

Sa. 25.07.2020 14:00 Uhr  Urban sketching mit Hans Kreher, Stefanie Raab bringt Skizzenblöcke und Zeichenmaterial mit. (Hans Kreher / Stefanie Raab)

So. 26.07.2020 14 – 18 Uhr  Kreativmarkt. Er wird organisiert von Hans Kreher / Andreas Kelch vom Heimatverein Bad Kleinen und Josefine Peters / Johanna Kirsch vom Verein Dörfergemeinschaft Dambecker Seen e.V. (verein-dambecker-seen.de). Für den Kreativmarkt, das regionale Ereignis, sollte extra Werbung gemacht werden (Plakat, Pressemitteilung, online), die 2 Wochen vor dem Kreativmarkt steht (deadline: Montag, 13.07.2020). Nach Abschluss Kreativmarkt ab 19 Uhr kleine Begegnung der Heimatvereine und der Gäste.

Mo. 27.07.2020 14-18 Uhr  Ausflug „Die Kreative Szene in Schwerin“ – Stefanie Raab + Kreative MV

Di. 28.07.2020 19 Uhr  Abschlussevent: Gemeinsam soll diese erste CoWorkation reflektiert, und die Learnings dokumentiert werden. Auch in Hinsicht darauf, dass das sicher nicht das letzte Zusammentreffen von Kreativen auf dem Mühlengelände war, wenn der angestrebte kreative Quartiersentwicklungsprozess fortgesetzt wird. Moderation + Dokumentation: Stefanie Raab.

Mi. 29.07.2020   Abreise bis 14:00 Uhr

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Kreatives Sachsen: Innovationsgeist versprühen und Industriebrachen retten

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Claudia Muntschick ist deutschlandweit unterwegs, um historische Bausubstanz zu retten, vor allem Industriebrachen. Als Beraterin für Regionalentwicklung sowie Kultur- und Kreativwirtschaft setzt sie sich vor allem für die Neubelebung leerstehender Gebäude ein. Welches Potenzial sie in den alten Bauten sieht und wieviel Kreativschaffende in Sachsen bewegen, hat sie mir im Interview erzählt. 

Revitalisierung alter Bausubstanz

Schon während ihres Architekturstudiums hat sich Claudia Muntschick mit Arbeitsräumen für Kreativschaffende beschäftigt, damals noch unbewusst. Um die Jahrtausendwende war der Begriff Kreativwirtschaft noch nicht so verbreitet wie heute. Doch schon damals trieb Muntschick ein Bauchgefühl, dass es ziemlich bald neue, originelle Arbeitsräume brauchen wird. In ihrer Diplomarbeit erforschte sie, wie sich größere Industriebrachen heterogen und kleinteilig nutzen lassen. Das Thema hat sie später im Masterstudium an der TU Dresden nochmal vertieft. „Wenn man sich Industriegeschichte von Sachsen anguckt: Da haben sich Leute unterschiedlichster Gewerke in einem Raum zusammengefunden – eben in den Manufakturen der Zeit“, erklärt Muntschick. „Da hat jeder den Arbeitsschritt absolviert, den er am besten konnte. Daraus entstand dann das Produkt in einer größeren Mengen und dadurch eine Wertschöpfungskette, die allen gedient hat. So ähnlich funktioniert das heute einem Coworking-Space, dass man aufgrund des Wissens und der Interdisziplinarität zusammenkommt, um unterschiedliche Arbeitsfelder und Projekte abzudecken.“

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Raumentwicklung wird Thema

Nach Abschluss des Studiums gründet sie ein Büro und stellt fest, dass es größeren Bedarf zur Raumentwicklung gibt. Wie können mehrere Kleinstunternehmen größere Industrieflächen nutzen, dabei die Gebäude erhalten und gleichzeitig neue wirtschaftliche Impulse setzen? Zu dieser Zeit entdeckt auch die Politik das Thema Raumentwicklung. 2012 erscheint ein großer Bericht, wie die Kultur und Kreativwirtschaft in Sachsen aufgestellt ist, 2012 folgt ein Report über Dresden. „Die Szene war gut untersucht, aber es gab eine große Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der kreativen Akteure selbst und der seitens der klassischen Wirtschaft. Wenn man von Kreativwirtschaft außerhalb der eigenen Branche spricht, wird man von Fachfremden rasch in der bildenden Kunst verortet. Dabei ist die Kreativbranche in ihrem Mix von 11 Teilbranchen ja wesentlich breiter aufgestellt. Muntschick spürt Aufklärungsbedarf und wird Beraterin im Sächsischen Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft KREATIVES SACHSEN, speziell für die für die Region Ostsachsen.

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Kreativstandort Sachsen

Seit 2017 fördert der Freistaat Sachsen dauerhaft das Sächsische Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft mit 500.000 pro Jahr, vorerst bis 2021. Es ist die zentrale Anlaufstelle für kreative Akteure und Multiplikatoren und wird getragen vom Landesverbandes der Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen e. V.. Er erbringt zusätzliche Eigenleistungen in Höhe von 5.000 Euro pro Jahr. Aktuell arbeiten 7 feste MitarbeiterInnen im Projekt mit Standorten in Chemnitz, Dresden und Leipzig. Die Aufgaben sind vielfältig. Die landesweite Plattform stärkt branchenübergreifend die Vernetzung der Akteure, verleiht der Branche Sichtbarkeit und hilft Einzelakteuren und Unternehmen, sich am Markt zu etablieren, bietet Vor-Ort-Beratungen sowie teilmarktspezifsche gründungs- und wachstumsbezogene Qualifzierungsleistungen in ganz Sachsen an.

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Kooperationen mit Wirtschaft und Wissenschaft

Erfolgsbewährt ist inzwischen die enge Zusammenarbeit mit Akteuren aus Wirtschafts- und Kulturförderung, Stadt- und Regionalentwicklung, Fördereinrichtungen, Verbänden, Netzwerken, Kammern und Hochschulen, insbesondere den Kunsthochschulen. „Zu den Wirtschaftsförderungen in den einzelnen Städten haben wir sehr guten Kontakt und regelmäßige Jour fixe Leipzig, Chemnitz, Dresden“, erzählt Muntschick. In Chemnitz haben wir Projekte mit der dort ansässigen Wirtschaftsförderung entwickelt, ebenso in Leipzig. In Dresden haben wir einen städtischen Kreativwirtschaftsverband, der sogar einen Dienstleistungsvertrag mit der Stadt abgeschlossen hat. Im ländlichen Raum ist es so, dass wir von den Mittelstädten direkt angesprochen werden. Sie sagen: Wir haben hier Immobilien, die möchten wir gerne mit euch Kreativen gemeinsam entwickeln.“

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Schöne Aussichten

Muntschick hat in Sachsen Formate entwickelt, in denen Regionalentwicker Arbeitsräume der Zukunft für Investoren und Kreative vorstellen, z. B. brachliegende Industriebauten, Manufakturen, Ladengeschäfte, Gasthöfen und Gehöften. Gerade in mittleren und kleinen Städten gibt es zahlreiche Gebäude und Räume, die sich für die Nutzung durch kreative UnternehmerInnen eignen und als Motor für Strukturwandels wirken können. Muntschick ist wichtig, dass Kreative bei der Nachnutzer von Immobilien bereits vor Beginn der echten Planungsphase eingebunden werden. Für den Austausch eignen sich Workshops am besten, sagt sie: „Da sollten Eigentümer, Nutzer und im besten Fall noch Stadtverwaltung auf Augenhöhe zusammenkommen und diesen Prozess gemeinsam gestalten. Das ist sehr wichtig und wertvoll. Was mich auch immer wieder sehr fasziniert, ist die Tatsache, dass gerade Akteure der Kultur und Kreativwirtschaft denkmalpflegerisch sorgsam und richtig mit diesen Gebäuden umgehen. Da wird alles erhalten und nachgenutzt, was da ist. Und das sorgt dann eben wiederum auch für diese authentischen Räume, in denen sich Kreative wohl fühlen. Kein einziger Kreativer möchte in einem sterilen Gewerbegebiet oder Gewerbezentrum arbeiten.“

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Best practice für Umnutzung

Der von Landflucht geplagte Ort Nebelschütz in Ostsachsen z. B. erlebte dank ökologischer Erneuerung eine Renaissance. Erste Impulse erhielt der Ort durch den Umbau eines Fachwerkhauses zur Herberge zur Selbstversorger für Wanderer und einer Scheune zu Künstlerateliers. Ein stillgelegter Steinbruch wird als Kräutergarten und Skulpturenpark genutzt. Kreative Kleinbetriebe sorgen für Arbeitsplätze: eine Polstermöbelreparatur, ein IT-Dienstleister, ein Töpferhof, eine Bau- und Möbeltischlerei. Im Gewerbegebiet sind Logistik- und Recycling-Unternehmen, Firmen für Metallbearbeitung, Brandschutz und Containerbau ansässig. Ein neuer Dorfladen wird vom Pächter des Sportlerheim am Fußballplatz betrieben. Auch junge Gründer kamen, die heute Ökolandbau betreiben. Alle Projekte entstanden partizipativ mit Bürgern und Kreativen. Mit rund 1200 Einwohnern ist Nebelschütz heute etwa wieder so groß wie zum Mauerfall und liegt mit etwa drei Kindern pro Familie deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Finanzielle Hilfe leistete ein Förderprogramm des Amtes für Ländliche Neuordnung für die Erstellung von Dorfentwicklungsplänen.

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Kompetente Köpfe gefragt

Claudia Muntschick freut sich, wie viel schon passiert ist im Bereich Umnutzung von Leerstand. Ohne engagierte Experten wie sie geht es jedoch nicht: „Gerade die kleinteilige Kreativbranche braucht Netzwerkmanager. Kleinstbetriebe haben wenig Zeit, sich über Förderprogramme oder neue Entwicklungen im Umland zu informieren oder herumzufahren. Dafür braucht es eine zukunftsorientierte Wirtschaftsförderstruktur und vor allem Personal. Das müssen die richtigen Leute sein, die den ländlichen Raum mögen, Kleinstunternehmen kennen und kommunikativ stark sind.“ Sie berichtet von gleichgesinnten Mitstreitern, die Neubürger bzw. Rückkehrer in ländliche Regionen holen wollen und ihnen gerade am Anfang umfassende Beratung bieten. Die Raumpioniere Oberlausitz berichten z. B. in einem Blog mit authentischen Geschichten über Menschen, die den Schritt aufs Land schon gewagt haben. Sie sollen anderen Menschen Mut machen, ebenfalls aufs Land zu ziehen wollen. Die Raumpioniere  Oberlausitz vermitteln Kontakte und bieten Netzwerkveranstaltungen. Die Servicestelle Heimat berät Interessierte zusätzlich zu Fragen rundum das Wohnen und Arbeiten im ländlichen Raum und organisiert auch Rückkehrertage.

Erfolgserprobte Kampagnen

Dank der Netzwerk- und Beratungsarbeit von Kreatives Sachen ist in dem östlichen Bundesland in den letzten Jahren viel passiert. Im Austausch mit Politik, Wirtschaftsförderung und Verwaltung wurden erfolgreiche Anschubprojekte initiiert, z. B. der Ideenwettbewerb simul+. Im Fokus stehen hier Ideen und innovative Konzepte, die den gemeinschaftlichen Zusammenhalt stärken und die Lebensbedingungen im ländlichen Raum im Freistaates Sachsen verbessern. Im November 2019 sind insgesamt 362 Beiträge eingegangen. Das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft vergibt Preise in Höhe von 5.000 Euro bis 400.000 Euro. „Dieser Wettbewerb ist für die Kreativen hervorragend geeignet, weil sie häufig an der Schnittstelle zwischen Wirtschaftsförderung, Kulturförderung, Regionalförderung agieren“, erklärt Muntschick. „ Mit dem Preisgeld können Kreative sofort loslegen, ohne komplizierte Instrumentarien berücksichtigen zu müssen. Für die Einzelakteure ist es immer ein ziemlicher hoher Aufwand neben ihrer eigentlichen Arbeit noch Förderanträge zu schreibe. Und da ist so ein Wettbewerb schon mal ein schönes Beispiel, dass es auch ohne viel Bürokratie geht… Bei den EU-LEADER-Programmen im Regionalmanagement werden meist nur investive Maßnahmen gefördert, Ideenkonzepte hingegen seltener oder in Anteilen. Wir arbeiten gemeinsam auch mit anderen Kreativverbänden daran, dies zu ändern. Denn soziale und geistige Innovationen sollten in Zukunft viel stärker in den Fokus gerückt werden.“

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Tourismus und Kreativwirtschaft

Ein weiteres überaus erfolgreiches Format ist der Ideenwettbewerb für Tourismus So geht sächsisch. Insgesamt 224 Vorschläge wurden hier 2019 eingereicht unter dem Motto: „Deine Idee für Deine Region“. Eine Jury aus Vertretern des Landestourismusverbandes Sachsen e.V., von KREATIVES SACHSEN, von der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen, der Sächsischen Staatskanzlei, dem ADAC Sachsen und dem Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft Arbeit und Verkehr hat daraus 30 Vorschläge ausgewählt und die Ideengeber zu drei regional stattfindenden Ideenwerkstätten eingeladen. Aus diesen Ideen wiederum wählte die Jury die sieben besten Konzepte aus und prämierte sie mit Preisgeldern der Sächsischen Staatskanzlei in Höhe von 50.000 Euro. Der ADAC Sachsen stiftete zusätzlich einen Sonderpreis in Höhe von 5.000 Euro. Die umgesetzten Ideen werden 2021 auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) „Partnerland Sachsen“ präsentiert.

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Standortfaktor Kreativwirtschaft

Verschiedene sächsische Städte, wie Görlitz und Moritzburg, sind immer wieder Kulisse für historische und moderne Filme und bieten so reizvolle Anziehungspunkte für Drehort- und Kulturtourismus. Sachsen trumpft auch mit einer lebendigen Festivalkultur, mit kultur- und kreativwirtschaftlichen Messen und vielfältigen Produkten, z. B. mit Kunsthandwerk und dem Musikinstrumentenbau. Für Claudia Muntschick sehen die Entwicklungen vielversprechend aus: „Egal ob in der Tourismuswirtschaft, der Automobilwirtschaft oder im Maschinenbau, alle brauchen in Zukunft Innovationsprozesse hinsichtlich ihrer Produkte und vor allem ihrer Unternehmensführung und der kollaborativen Zusammenarbeit. Da können wir Kreative viele Lösungen anbieten.“

Cross Innovation

Im Jahr 2020 wird KREATIVES SACHSEN das Thema Cross Innovation besonders in den Fokus rücken. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass durch Kooperationen, Wissens-Transfers und besondere Austausch- und Vermittlungsformate bereits viele cross-innovative Projekte in Sachsen entstanden sind. Der Koalitionsvertrag für den Freistaat Sachsen sieht für die Jahre 2019-24 folgendes vor: „Wir wollen das Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft in Abstimmung mit den regionalen Branchenverbänden auch zu einem Kompetenzzentrum für Cross Innovation  als Begleiter des Strukturwandels und als sektorenübergreifenden Treiber für die Digitalisierung strukturell ausbauen, weiterentwickeln und langfristig fördern.“

PODCAST

 

Summer of Pioneers: Wie Großstadt-Nomaden das Land entdecken

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Während die Großstädte über Raumnot klagen, bieten ländliche Regionen Raumwohlstand, die kreative Form des Leerstands. Wittenberge in Brandenburg hat diese Herausforderung in eine Erfolgsgeschichte verwandelt. Wie das dank des „Summer of Pioneers“ gelungen ist, hat mir Regionalentwickler Christian Fenske erzählt. Er setzt auf Kreativität und Coworking. 

Aktivierendes Grundrauschen

Vor einem Jahr gab es den Coworking-Space in der Alten Ölmühle noch gar nicht. Da reiften gerade die ersten Ideen. Wittenberge will kreative Köpfe aus Berlin und anderen Metropolen nach Wittenberge locken – in die Prignitzer Provinz. Prignitz kommt aus dem Slawischen und heißt so viel wie „ungangbares Waldgebiet“. Die Brandenburgische Region ist waldreich, ländlich und leidet unter Abwanderung. Die BewohnerInnen stecken den Kopf jedoch nicht in den Sand. Sie packen die Probleme an und denken voraus, so wie Christian Fenske. Er ist Regionalentwickler im TGZ, dem Technologie- und Gewerbezentrum Prignitz. Fenske ist erster Ansprechpartner für Start-ups, Existenzgründer, Unternehmer und Investoren. Wenn er von Wittenberge spricht, spürt man sofort: Er liebt die Region, die seine Heimat ist. Damit sie auch in Zukunft reizvoll und lebenswert bleibt, sucht er nach neuen Impulsen: „Wir brauchen ein gewisses Grundrauschen, um die kreative Masse zu aktivieren, die hier schon vor Ort ist. Wir wollen die Einheimischen inspirieren und aus ihren heimischen Gefilden rauslocken, damit sie sich mit auswärtigen Kreativen vernetzen.“

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Kreative Beratung

Fenske sucht Rat bei einem kreativen Großstädter, der selbst den Wechsel aufs Land plant. Frederik Fischer war als Tech-Journalist in der Startup-Szene aktiv und hat u. a. den Nachrichten-Aggregator piqd mitgegründet. Doch irgendwann stellt er sich die Sinnfrage. Heute baut er als Gründer der KoDorf-Bewegung neue Dörfer für Großstadtmüde. Die geplanten Siedlungen sollen aus 50 kleinen, hochwertig gestalteten Häusern mit Gemeinschaftsflächen für alle bestehen: Coworking Space, Gemeinschaftsküche, Gästewohnungen, Kino. Das erste KoDorf Wiesenburg entsteht gerade 100 km südwestlich von Berlin. Vier weitere Standorte sind in Vorbereitung. Frederik Fischer wird zum Berater von Fenske und zugleich zum Initiator des ersten Summer of Pioneers in Wittenberge.

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Umgenutzte Industriekultur

Der „Sommer der Pioniere“ ist der erste Testballon, der in Wittenberge Kreative aufs Land holen und ausprobieren will, wie sich Coworking abseits der Großstädte anfühlt. Das Format ist gleichzeitig ein Ansatz, um leerstehende Gebäude neu zu nutzen. In Wittenberge stehen ungenutzte Flächen in der Alten Ölmühle zur Verfügung, ein Industriedenkmal aus solider Backsteinarchitektur, die der Berliner Kaufmann Salomon Herz um das Jahr 1856 bauen ließ. Heute beherbergt das denkmalgeschützte Gebäude – idyllisch am Elbe-Radweg gelegen – eine Erlebnisgastronomie mit Restaurant und Schaubrauhaus im ehemaligen Saatenspeicher und Angebote für Sport, Kultur und Unterhaltung. Der Saugturm wird in der Saison als Strandbar und Café mit Beachvolleyballanlage genutzt. In der Fabrikantenvilla und einem weiteren Speichergebäude ist ein modernes Hotel entstanden. In ein weiteres leerstehendes Gebäude ist im Sommer 2019 der neue Coworking-Space für die kreativen Pioniere eingezogen.

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Bewerber-Marathon

Im Frühjahr 2019 entwickeln Fischer und Fenske innerhalb weniger Wochen eine Kampagne und schreiben einen Wettbewerb für Kreative aus. Weit mehr Kandidaten als erwartet wollen das Landleben auf Zeit testen. Mit ihrer Bewerbung müssen die Kreativen auch eine Idee einreichen, womit sie das Leben in Wittenberge bereichern wollen. Neben eigenen Aufträgen soll jeder auch ein Projekt in und um Wittenberge realisieren – im Austausch mit Kreativen aus der Region. In Barcamps und weiteren Veranstaltungen wird später diskutiert, was die Region konkret beleben könnte. Die BewerberInnen kommen vor allem aus Großstädten: Berlin, Hamburg und Zürich.

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Vielfältige Persönlichkeiten

22 kreative DigitalarbeiterInnen werden schließlich ausgewählt. Sie erhalten einen Platz im neu eingerichteten Coworking-Space mit Blick aufs Wasser. Die möblierten Wohnungen kosten pauschal 300 Euro, Zimmer 150 Euro im Monat inklusive Nebenkosten, Internet und Coworking-Nutzung. Doch wer sind diese Stadtflüchtigen auf Zeit? Vielfalt ist auf jeden Fall erwünscht, die Professionen sind entsprechend unterschiedlich:  Autoren und Journalisten, Grafiker und Medienproduzenten, PR- und Unternehmensberater, Coaches, Fintechs-Gründer, die Menschen dabei unterstützen, ihre Altersvorsorge mit digitalen Tools selbst zu regeln. Christian Fenske erklärt, welche Mehrwerte die Kreativen nach Wittenberge bringen: „Die kreativen Digitalarbeiter sollen unsere heimischen Kreativen in Wittenberge aktivieren, inspirieren, auch digitale Kompetenzen vermitteln. Wir wollten Leute auf Augenhöhe zusammenbringen, die in der gleichen Gedankenwelt unterwegs sind und den gleichen Arbeitsrhythmus haben.“ Und was treibt die Kreativen aufs Land? Natur, Wasser, Ruhe. In Wittenberge können sie tagsüber produktiv, konzentriert und entspannt arbeiten und abends den Sonnuntergang an der Elbe erleben. „Was gibt es Schöneres?“, sagt Fenske.

 Coworking mit Blick auf die Elbe © MassivKreativ

Halbzeit-Bilanz und Erfolgsstrategien

„15 von den 20 Kreativen können sich eine Verlängerung vorstellen“, erzählt Fenske stolz nach nur 3 Monaten. Fünf wollen sich sogar auf Dauer einbringen. Nach so kurzer Zeit ist das ein riesiger Erfolg! „Wir sind eigentlich nach der Halbzeit schon viel weiter, als wir nach sechs Monaten sein wollten, das ist bemerkenswert“, sagt Fenske. Doch was sind die Faktoren, die das Projekt zum Erfolg werden ließen? „Weil das Projekt wirklich alle wollten“, sagt Fenske. Es gibt viele starke Partner am Standort: das Hotel und das Brauhaus, die alte Ölmühle. Der Betreiber hat binnen vier Wochen eine noch leere, im Rohbauzustand verbliebene Etage umgebaut und ausgestattet: mit Fußböden, Einbauten, Bädern, Besprechungsraum, Heizung, Küche, Möblierung, Elektrik, Präsentationstechnik, Beamer und Leinwand. Bei der Ausstattung stand die CoWorkLand-Genossenschaft der Heinrich Böll Stiftung in Kiel beratend zur Seite. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft stellte Zimmer bereit inklusive Möblierungspaketen, Internet kam von einem Breitbandanbieter. Stadt, Stadtverwaltung, städtisches Bauamt und das Technologie- und Gewerbezentrum sind die Treiber, die bis heute alles zusammenhalten.

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Corona-Krise

Wie überall im Land hat die Corona-Krise auch für den „Summer of Pioneers“ einige Reglementierungen erzeugt. Das Projekt läuft weiter – unter Beachtung und Anwendung spezieller Hygiene-Vorschriften. Die Abstände zwischen den Arbeitsplätzen im Coworking Space wurde vergrößert bzw. die Zahl der gleichzeitigen Nutzer begrenzt. Vor allem aber musste der Zugang für die Öffentlichkeit ausgesetzt werden. Mit Öffnung der Bibliotheksstrukturen Anfang Mai 2020 können Interessenten voraussichtlich den Ort wieder besuchen. 

Medienrummel

Was alle Akteure in der Stadt überrascht hat, ist das enorme Interesse der Medien am temporären Gastspiel der Kreativen im neuen Coworking-Space. Nicht nur regional wurde über den „Summer of Pioneers“ berichtet, auch deutschlandweit. Sogar die BBC war zu Besuch. „In der gesamten Berichterstattung, z. B. bei Spiegel online, waren wir sogar mal auf Platz eins“, erzählt Fenske. „Wir haben Anfragen aus der gesamten Republik, sind im Gespräch auf Landes- und Bundesebene. Es vergeht keine Woche, wo nicht mal ein Bürgermeister anruft und fragt: Wie habt ihr das gemacht? Und wir fragen zurück: Wie geht Ihr mit Fördertöpfen um? Auch Hochschulen melden sich, die sich mit Ansiedlungen von Kreativwirtschaft in ländlichen Räumen beschäftigen. Dieser fruchtbare Austausch geht von der Ostseeküste im Norden bis zum Bayerischen Wald. Das ist für alle ein toller Lernprozess.“  

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Digitalsommer Prignitz

Wo andere Städte teure Werbeagenturen mit Kampagnen beauftragen, überzeugt das kreative Projekt in Wittenberge mit Authentizität. Um über die Grenzen von Wittenberge hinaus weitere interessierte Menschen zu erreichen, wurde an das Coworking-Format im August 2019 das Wochenend-Erlebnisformat Digitalsommer Prignitz angedockt. Über 500 interessierte Gäste aus ganz Deutschland erleben hier zahlreiche innovative Veranstaltungen, Workshops und Diskussionen zu neuen digitalen Arbeits- und Lebenswelten im ländlichen Raum sowie Informationen zur Digitalisierung im Touristikbereich, in den Medien und in der Wirtschaft. Austausch ist wichtig, sagt Christian Fenske. Auch er verlässt regelmäßig seine Wittenberger Scholle und sucht nach neuen Impulsen, um sie ggf. auf Wittenberge zu übertragen: „Im Rahmen des Digital Sommers sind wir Wirtschaftsförderer auch ins Wendland, in den Landkreis Ludwigslust-Parchim und in die Altmark gegangen, um uns mit anderen Regionen auszutauschen. Das Kirchturmdenken ist schon lange vorbei, das können wir uns gar nicht mehr erlauben. Aber: viele Sachen, die irgendwo anders funktionieren, funktionieren nicht automatisch überall. Da muss man sich wirklich Zeit nehmen, um das zu analysieren. Oft liegt es an den Menschen, ob die etwas wollen und bewegen oder auch nicht.“

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Substanz aus früheren Zeiten

Abwanderung und Demografiewandel sind Themen, die viele Regionen bewegen. Wittenberge hat viel Bevölkerung verloren: 1970 gab es 34.000 EinwohnerInnen, 2018 sind es mit 17.000 nur noch die Hälfte. Im Zuge der Wende ist der einstigen Industriestadt Wittenberge die Industrie abhanden gekommen und mit ihr die Menschen. Einst liefen hier Nähmaschinen und Fahrräder vom Band. Wie es damals war, werden die älteren BewohnerInnen heute wieder öfter gefragt, nach Jahren des Schweigens, als niemand an früheren Zeiten interessiert war. Um einen Austausch zwischen den Generationen, zwischen Alt- und Neubürgern anzuregen, haben die Kreativen einen Stadtsalon eingerichtet – im Safari am Bismarckplatz 6. Hier  berichten die Senioren im Erzählcafé über ihre Arbeit im früheren Singer-Nähmaschinen-Werk und dass sie selbstverständlich mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhren. Damals nicht aus Umweltgründen, sondern weil es zu DDR-Zeiten schlicht kein Auto zu kaufen gab. Neben der alten Industriekultur hat Wittenberge auch hochwertige Wohnsubstanz zu bieten. Es gibt wunderschöne Jugendstilbauten, von denen schon viele neu herausgeputzt und restauriert sind. Doch es gibt noch immer viel zu tun. Die Wittenberger packen alles nach und nach beherzt an.

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Profilbildung mit Kultur

Der erste kreative Ruck ging bereits zur Jahrtausendwende durch den Ort an der Elbe. Als klar war, dass die Region sich neu aufstellen muss, setzten die Stadtentwickler zur Überraschung vieler auf Kultur. Eine ebenso mutige wie visionäre Entscheidung. Das schmucke neoklassizistische Kultur- und Festspielhaus, in den 50er Jahren erbaut und nach der Wende saniert, lädt jeden Tag zu Konzerten und Veranstaltungen ein. Seit 2002 ziehen die Elblandfestspiele jedes Jahr mehr Besucher an. Wittenberge führt damit eine Musiktradition zeitgemäß weiter, die der Berliner Operettenkomponist Paul Lincke aufgebracht hatte. Die Grundlagen für seine späteren Erfolge legte er von 1880-84 mit seiner Ausbildung als Militärmusiker an der Wittenberger „Stadtpfeiferei“ in der Mohrenstraße 14/15. Der Platz vor dem Kultur- und Festspielhaus wurde nach Lincke benannt und eine Büste von ihm aufgestellt.

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Neuer Bevölkerungsschub durch Kreativität

Der „Summer of Pioneers“ führt die kulturellen Traditionen von Wittenberge auf neue, innovative Weise weiter. Christian Fenske: „Die Kreativen bringen einen hohen Faktor an Lebensqualität in eine Region. Das suchen Fachkräfte, die sich neu ansiedeln wollen. Wir alle brauchen einen hohe Freizeitfaktor, ein gesundes Kulturangebot, eine offene Vereinsstruktur. Kreative bringen außerdem frische Ideen, freie Gedanken, Lebensqualität und Innovationsfähigkeit. Die braucht man in einem kleinen und mittelständisch geprägten Unternehmensumfeld.“ Wittenberge spielt dabei die gute Logistik in die Hände, es ist in mehrfacher Hinsicht ein privilegierter Ort. Idyllisch direkt an der Elbe gelegen und auf halber Strecke zwischen den Metropolen Berlin und Hamburg bietet Wittenberge vor allem ein Plus: Es gibt einen Bahnhof, an dem ICE-Züge halten. Für die Redaktion des ZEIT-CAMPUS-Magazins ist das im Februar 2020 Grund genug, um mal in anderer Umgebung die Köpfe rauchen zu lassen. Die JournalistInnen, die sonst in Hamburg und Berlin arbeiten, mieten sich im neuen Coworking-Space in der Alten Ölmühle ein. Und sind ziemlich überrascht, was Wittenberge alles zu bieten hat: unzählige schmucke Jugendstil-Häuser, eine quirlige Innenstadt, ein großes Kultur- und Festspielhaus, Museum, Schwimmhalle, Kino.

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Ausstrahlung auf interessierte Neubürger

Marketingberaterin Esther Schmidt-Bohländer, die vor 2 Jahren aus Hamburg nach Wittenberge zog, beobachtet ein wachsendes Interesse an ihrer neuen Wahlheimat: „Viele auswärtige Freunde interessieren sich tatsächlich für den Coworking-Space hier und nehmen die Gelegenheit vom Summer of Pioneers wahr, mich endlich hier in Wittenberge zu besuchen. Bisher waren alle positiv überrascht, wie schön es hier ist. Ich kenne viele, die gerne aus der Großstadt weg würden… Was für Wittenberge spricht: Hier gibt es leistungsfähiges Internet durch Breitband und Glasfaseranschluss und zentral zwischen Berlin und Hamburg ein ICE-Anschluss: Das ist ganz besonders für eine 17.000 Einwohner Stadt.“ Schon kurz nach ihrer Ankunft hatte Bohländer Ideen, um Wittenberge neu zu beben. Sie kontaktierte Christian Fenske und stieß bei ihm sofort auf offene Ohren. Anknüpfend an ihre beruflichen Erfahrungen in Hamburg bietet sie nun im Stadtsalon  „Safari“ Bierverkostungen an und führt die Teilnehmerinnen mit ihrem Expertenwissen in die Welt  von Hopfen, Malz und Gerste ein. So bereichert jeder Neubürger Wittenberge auf seine besondere Weise.

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Modell mit Lerneffekt für andere

Regionalentwickler Christian Fenske ist zukunftshungrig und hat noch viel vor in Wittenberge. Der Summer of Pioneers ist ein Modellversuch, von dem andere Regionen lernen können, z. B. zum Thema Coworking und Geschäftsmodelle: „Ist das vielleicht auch eine gesellschaftliche Aufgabe?“, fragt Fenske. „Muss vielleicht die Kommune das unterstützen, selbst wenn es nicht wirtschaftlich tragfähig ist. Wir in Wittenberge machen das, weil wir es als hilfreich für unsere hiesige Wirtschaft ansehen. Wir brauchen ein angenehmes Klima. Innenstadt ist vor allem Kultur. Eine tote Innenstadt ist auch eine tote Kultur!“  Inzwischen hat auch die Politik den Mut und Erfolg des kreativen Projektes gewürdigt. Es erhielt eine Anerkennung vom Bundesinnenministerium im Rahmen des Wettbewerbs „Menschen und Erfolge“. Die Stadt ist begeistert von den Ergebnissen und hat wegen weiterer Nachfragen von neuen Kreativen das Projekt um 6 Monate verlängert. Es läuft nun bis Juni 2020 und bekommt weitere Ableger – coronabedingt erst 2021. Dann soll das Coworking-Abenteuer im hessischen Homberg und in Altena in NRW nördlich von Lüdenscheidt weiter ziehen. Darüber hinaus soll das Format im Sommer 2021 auch in Westmecklenburg Station machen – bei den Kreativen von WIR BAUEN ZUKUNFT. Großartige Aussichten!

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PODCAST

 

Ein Labor auf dem Land: Wie das Wendland kreative Köpfe anlockt

 © Andreas Hermsdorf, Pixelio.de 

Wie holt eine Kommune kreative Köpfe aus der Stadt aufs Land? Der Landkreis Lüchow im Niedersächsischen Wendland hat dazu sehr erfolgreiche Projekte entwickelt, u. a. mit dem Wendlandlabor. Ich habe mit den Akteuren gesprochen.

Austausch über den Tellerrand

Das Wendlandlabor ist ein Netzwerk für kreative und unternehmerische Innovation auf dem Land. Es steht in engem Kontakt mit Hochschulen aus den umliegenden Metropolen, realisiert unterschiedliche Veranstaltungsformate für die Kreativwirtschaft und bringt Kreative mit regionalen Unternehmen zusammen. Ziel ist vor allem, Wissen und Technologien zwischen Stadt und Land auszutauschen.

 © Wendlandlabor

Klinkenputzen

Christof Jens leitet das Wendlandlabor und weiß, dass es einen langen Atem braucht, um beide Welten in cross-sektoralen Projekten zusammenzuführen. Vor allem Klinkenputzen und persönliche Überzeugungsarbeit gehöre dazu, sagt er. Bei traditionellen Unternehmen gäbe es zuweilen Berührungsängste, wenn man sagt, wir wollen etwas gemeinsam mit der Kreativwirtschaft machen. Da muss man dann erst mal mit guten Beispielen erklären, dass gerade in der Kooperation zwischen Kreativwirtschaft und traditionellen Unternehmen auch ein Mehrwert entstehen kann. Christof Jens: „Ich sage dann z.B., dass ein Designer niemand ist, der ein Objekt nur schön macht, sondern dass Designer Menschen sind, die sich funktionale und sehr praxisnahe Gedanken machen, also: Wie wird das Produkt eingesetzt? Welche Ressourcen habe ich zu Verfügung?“

 © Wendlandlabor

Vermitteln

Christof Jens ist Intermediär. Er vermittelt zwischen den Welten und muss auf beiden Seiten starres Denken aufbrechen. Er weiß, dass es zuweilen auch Vorbehalte bei den Kreativen gegenüber traditionellen bzw. klassischen Unternehmen gibt. Doch je mehr gelungene cross-sektorale Projekte zustande kommen, umso mehr Beweise gibt es für deren Erfolg.

Wendland Design Spring 2019

Im letzten Jahr hat das Wendlandlabor ein 10-wöchiges Workshop-Programm Wendland Spring Design initiiert für Studierende aus kreativen Studiengängen umliegender Hochschulen mit Wendländischen Unternehmen. Ihre Fragestellungen bearbeiteten die Studierenden in kleinen interdisziplinären Teams von 2-3 Personen und erarbeiteten eine kreative Lösung. Für den metallverarbeitenden Betrieb sollten die Studierenden eine Möglichkeit finden, die Münzzählmaschinen besser zu vermarkten bzw. anders zu nutzen. Der Verlag der Lokalzeitung, die einmal am Tag jedes Dorf anfährt und bislang nur Zeitungen mitnimmt, wollte wissen, was er alternativ noch mit transportieren könnte und welche Geschäftszweige sich daraus entwickeln lassen? Ein Immobilien- und Tourismusentwickler suchte Ideen für eine Begegnungsstätte mit zwischen Touristen und jungen Menschen. Er wollte Grundstücke kaufen und dafür ein Konzept haben. Alle drei regionale Unternehmen brauchten frischen Input von außen und bekamen ihn über die Kreativen.

 © Harry Hautumm, Pixelio.de 

Erfahrungen nutzen

Das Format Wendland Spring Design baut auf Erfahrungen der Grünen Werkstatt Wendland auf. In StarterCamps suchten Design-Studenten und lokale Handwerker gemeinsam nach Lösungen für regionale Herausforderungen. Von 2012-2017 nahmen ca. 250 Studierende teil. Daraus wurden 250 Botschafter, die das Wendland an ihrer Hochschule und in ihrem Freundeskreis bekanntmachen. Viele von ihnen sagen: „Wenn Land, dann Wendland!“: „Unser Job im Wendlandlabor ist es, eine Schnittstelle zu bilden zwischen der Kreativwirtschaft, den Studierenden und den Unternehmen“, sagt Christof Jens. „Und da reale und gedankliche Räume zu schaffen, in denen diese unterschiedlichen Gruppen sich treffen und innovativ zusammenarbeiten können…“

 © Wendlandlabor

Prototyping Woche

Ein anderes Format ist die 100² | Prototypenwoche, die nun zum zweiten Mal vom 23.-28.3.2020 stattfindet. Meldet Euch bei Interesse rasch an. Madeline Jost ist im Wendlandlabor für Kommunikation & Öffentlichkeitsarbeit zuständig: „Wir freuen uns, wenn noch mehr Interessierte auf dieses innovative und kreative Projekt aufmerksam werden.“ Erneut sind EntwicklerInnen, HochschulabsolventInnen und StartUps zur Teilnahme eingeladen. Bis zu fünf Teams können ihre Ideen weiterentwickeln und erhalten Unterstützung beim Bau ihres ersten, funktionstüchtigen Prototypens. Den Ideengebern steht für die Prototypenwoche ein Entwicklungsbudget von bis zu 1.000 Euro. zur Verfügung, das sie in Material und/oder Maschinenlaufzeit umsetzen können.

 © Wendlandlabor, Madeline Jost: RiMaTec Geschäftsführer Andreas Ressel unterstützt die Prototyper mit KnowHow 

Das Projekt ist auf Nachhaltigkeit angelegt. Die Kooperation von RiMaTec und Wendlandlabor soll längerfristig laufen, u. a.  mit dem unternehmensintegrierter 100². Wie schon im vergangenen Jahr stellt das metallverarbeitende Unternehmen RiMaTec Räumlichkeiten und fachliche Expertise zur Verfügung. Zusätzlich sind interdisziplinäre Coaches als Ansprechpartner*innen und Berater*innen vor Ort. Nicht zögern, wenn Ihr interessiert seid, neue kreative Lösungen für spannende Herausforderungen der Regionalwirtschaft im Wendland zu entwickeln und meldet Euch an: MAIL: info@wendlandlabor.de

Mehrwert

Im Wendland sind vor allem traditionelle Unternehmen aktiv: im Handwerk, in der Logistik, in der Lebensmittelindustrie. Um diese Unternehmen innovationsstärker zu machen, braucht man kreativen Input, den die Unternehmen von sich aus nicht leisten können. „Die meisten Unternehmen können keine eigene Entwicklungsabteilung finanzieren, um etwa neue Geschäftsmodelle zu entwickeln“, erklärt Christoph Jens. Deswegen ist so ein Austausch mit der Kreativwirtschaft und das Fördern und Ansiedeln der Kreativwirtschaft auch für die regionalen Unternehmen wichtig.“

Finanzierung

Das WendlandLabor ist ein gefördertes Projekt über den Europäischen Sozialfonds zum Themenbereich „Soziale Innovationen“, das bis Ende Juni 2020 läuft. Christof Jens ist aktuell dabei zu klären, wie sich die Netzwerkarbeit verstetigen und die Förderung auf andere bzw. breitere Schultern verteilen lässt.

Im Wendland unterstützt der Landkreis Lüchow-Dannenberg die Ideen von Kreativschaffenden aktiv aus verschiedenen Institutionen heraus: der Stabsstelle Regionale Entwicklungsprozesse des Landkreises Lüchow-Dannenberg, der Agentur Wendlandleben, die vor allem als Informations- und Anlaufstelle für Rückkehrer und Neubürger wirkt, und dem dem Think Tank „Grüne Werkstatt Wendland“. Alle Institutionen sind räumlich gemeinsam unter einem Dach in der alten Poststelle von Lüchow angesiedelt, dem heutigen Coworking-Space „PostLab“. Das Wendlandlabor schließt insbesondere die Lücke fehlender Universitäten und Hochschulen in der Region und steigert das regionale InnovationsPotential. Das Wendland konnte sich dank der Aktivitäten der Kreativakteure (u. a. auch beim landesweiten Festival „Kulturelle Landpartie“) ein überregional wirksames Image und Standortprofil als kreative Region erarbeiten.

 © MassivKreativ

Weitere erfolgserprobte Formate

Auf STIPPVISITE bei… ist ein regionales Exkursionsformat des Wendlandlabors an jedem letzten Dienstag im Monat zu einem kreativen Arbeitsplatz im Wendland mit einer Einführung in die Arbeits- & Lebenswelt des kreativen Gastgebers „Hosts des Monats“ und einem lockeren Snack & Schnack in seiner Wirkungsstätte, z. B. eine Werkstatt, ein Atelier, ein Ausstellungsraum und ähnliches: hier

Netzwerk-Formate der Grünen Werkstatt Beratungsstunde für NetzwerkerInnen und CoworkerInnen jeden 1. Mittwoch im Monat, Offenes Netzwerkfrühstück für Kreative, IT-ler, Neu-Wendländer usw. jeden 3. Donnerstag im Monat, Reparatur-Café mit Fachleuten und interessierten Laien jeden 2. Samstag im Monat, 10 – 13 Uhr, Wendland-Einmaleins – ein Info- und Kennenlernabend für Neubürger an wechselnden Termine: hier

Bewohner von morgen

Das Wendlandlabor initiiert vor allem temporäre Projekte mit Kreativen. Langfristiges Ziel ist jedoch, die Kreativen dauerhaft aufs Land zu ziehen. Wie das gelingen kann, darüber macht sich das Christof Jens natürlich auch Gedanken. Einen Masterplan oder ein Geheimrezept gäbe es nicht, meint er, aber: „Wir probieren viele kleine Maßnahmen aus und passen sie dann an die Rahmenbedingungen und an die Bedarfe der Menschen an, die uns immer Rückmeldung geben auf das, was wir tun. Das ist auch immer so ein ständiger Studierprozess für alle. Der Name Wendlandlabor macht das ja auch deutlich: testen, Erfahrungen sammeln, modifizieren. Zum Glück haben wir ein relativ offenes Konzept bei der Förderung und daher die Möglichkeit, ein bisschen auszuprobieren. Von fünf, sechs guten Ideen funktioniert oft nur eine wirklich.“ 

 © Wendlandlabor, Madeline Jost: Gewinner Stefan Gantner,Prototyping 2019

Willkommensagentur

Wichtiger Partner bei der dauerhaften Ansiedlung von Kreativen und Fachkräften überhaupt ist die Agentur „Wendlandleben“. Sie informiert über Arbeit, Bildung, Leben und Freizeit in der Region und macht Lust auf die Menschen, die schon da sind. Kreative, tatkräftige und engagierte Bewohner kann man auf dem Portal in den Wendland-Stories in Form von Portraits und Interviews kennenlernen. Was ist eigentlich das Geheimrezept für eine gute Hofgemeinschaft in dem kleinen Dorf Prießeck? Dort fand übrigens im Sommer 2019 das erste Tiny Living Festival statt. Alles drehte sich dort um die kleinen mobilen Häuschen. Das Festival war Kongress, Messe, Ausstellung mit Fachgesprächen und Musik. Akteure der Nachhaltigkeitsszene aus der ganzen Republik kamen und fragten: Wie wohnen wir zukünftig? Wie können wir den Ansprüchen der Menschen und der Umwelt gerecht werden? Welche Entwicklungen und welche Technik gibt es?

Ansiedlungsaktion Tiny Houses

Initiator des Festivals ist Michael Selig, er ist ein typischer Bewohner im Wendland, weil immer engagiert. Seite Idee: Mit „Land auf Probe“ sollen Kreative testen, Tiny Houses auf aussterbenden Höfen im Wendland aufzustellen. Mit der „Haus-im-Haus“ Idee können Innenhöfe als Stellflächen benutzt werden, ebenso ausgediente kommunale Anlagen oderCamping-/Sportplätze. Auch Christof Jens vom Wendlandlabor weiß: „Es gibt die Neuankömmlinge, die erst mal probehalber aufs Land gehen wollen, also nur temporär. Die möchten noch ein bisschen schnuppern und finden  unterschiedliche Mietmöglichkeiten, auch Tiny Houses, interessant.“

Hinweis für andere Regionen

Wiederkehrer bzw. jene, die schon Erfahrungen vom Land mitbringen, suchen eher nach eigenem Wohnraum, sagt Jens. Und er gibt noch einen Rat: Regionalentwickler sollten sich von dem Vorhaben verabschieden, ausschließlich junge Menschen ansiedeln und ansprechen zu wollen. Studierende, die mitten im Studium sind, hätten noch nicht den Kopf frei für eine längerfristige Lebensplanung. Eine geeignetere Zielgruppe seien jene Menschen, die schon eine Weile gearbeitet haben, die aus den Städten kommen, die eine Familie gegründet haben und den nächsten Schritt machen möchten. Am Ende berichtet der Projektleiter vom Wendlandlabor zufrieden: „Im Umfeld der Grünen Werkstatt sind aus unterschiedlichen Veranstaltungen acht oder neun junge Menschen entweder direkt im Wendland geblieben oder später ins Wendland zurückgekehrt.“ Ein Beispiel ist Regionalentwicklerin Nicole Servatius, die jetzt beim Landkreis Lüchow-Dannenberg tätig ist.

Podcast 

Ausflugstipp

Kulturelle Landpartie Das landesweite Kultur- und Kunst-Festival zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist seit vielen Jahren ein Aushängeschild für das Wendland, eine Erlebnis- und Leistungsschau der Kreativakteure an über 120 Orten im Wendland. Es zieht jedes Jahr bis zu 60.000 Besucher an und ist für das Tourismusmarketing ein wesentlicher Standortfaktor: https://www.kulturelle-landpartie.de/

Ordnungsbehörde für Schöpferisches: Wie wird man kreativ?

  © MassivKreativ: Künstler Daniel Hoernemann

Kreativität ist weniger die Fähigkeit, Probleme zu lösen, sondern eher die Neigung, Fehler aufzuspüren und zu finden – durch ein Zusammenspiel von Erfahrung, Erinnerung, Verantwortung, Wissen, Intuition, Wertschätzung und Emotionen. Routinen und falsche Muster können mit Kreativität und künstlerischen Methoden ebenfalls vor Augen geführt werden.

Kreativität ist kein Privileg künstlerischer Genies. Unter günstigen Bedingungen kann jeder Mensch kreativ werden – nach seinen persönlichen Eigenschaften, Fähigkeiten, Kompetenzen und Neigungen. Kreativität kann überall entstehen: beim Kleiden, Kochen, Dekorieren, Organisieren des Arbeitstages, beim Planen des Urlaubs, beim Sport … Kreativ sind alle, die aus Dingen, aus Wissen, Informationen und Material etwas Neues schaffen. Steve Jobs sagte einmal: „Kreativität heißt, Dinge miteinander zu verbinden.“

  © MassivKreativ

NØRD 2019 

Wie gelangt mehr Kreativität in die Gesellschaft? Beim ersten landesweiten, an sechs Orten parallel stattfindenden Digitalkongress NØRD 2019 in Mecklenburg Vorpommern habe ich gemeinsam mit Künstler Daniel Hoernemann von CommunityArtWorks einen innovativen und kreativen Programmslot gestaltet. Mit der Ordnungsbehörde für Schöpferisches ging es ganz praxisnah um das Format Künstlerische Intervention. Im neuen Digitalen Innovationszentrum im Perzina-Haus stand die Verwaltung im Fokus und die Frage, wie Digitalisierung und Kreativität den Weg in die Zukunft unterstützen können. 

 © MassivKreativ

Ordnungsbehörde für Schöpferisches

Nach der Performance von Daniel Hoernemann mit seiner „Ordnungsbehörde für Schöpferisches“ wollte ich von ihm im Interview wissen: Was können Kunst und kunstbasierte Methoden in der Verwaltung bewirken? Außerdem habe ich Kongress-TeilnehmerInnen gefragt, welche Erfahrungen sie mit Kreativität und Digitalisierung in ihrem Arbeitsumfeld gesammelt haben. Die Intervention begann Daniel Hoernemann mit einigen ungewöhnlichen Fragen an das Publikum…

   © MassivKreativ: Antje Hinz und Künstler Daniel Hoernemann

Geheimnis Kreativität

Was machen kreative Menschen anders? Es sind Menschen, die …

– flüssig, ungewöhnlich, vielschichtig und quer denken, die offen und neugierig sind.
– Defizite und Leerstellen im Alltag entdecken und dazu beitragen, sie zu überwinden.
– Herausforderungen unter verschiedenen Aspekten und Fragestellungen betrachten.
– Analogien herstellen, bestehende Strukturen variieren und weiterentwickeln.
– materielle und immaterielle Dinge assoziativ miteinander verknüpfen.
– aus ungewöhnlichen Kombinationen Neues entstehen lassen.
– Ideen stimmig aufbereiten, verpacken, visualisieren, präsentieren, testen, nachbessern.

 © MassivKreativ: Künstler Daniel Hoernemann

Sichtachsen erweitern

Wer kreativ wird, ändert seine Wahrnehmung. Bestimmte Details werden fokussiert, andere ausgeblendet. Was normalerweise nicht zusammen gehört, kann (neu) miteinander kombiniert werden. Mit Kreativität können wir bestehende Dinge an neue Orte verschieben, gedanklich oder real. Es gibt unzählige Kreativitätsmethoden, die jeder selbst ausprobieren kann.

Scamper-Methode

Um 1957 erfand der Werbefachmann Alex Faickney Osborn die nach ihm benannte Osborne-Methode. Etwa 40 Jahre später überführte sie der Pädagoge Bob Eberle in eine nutzerfreundliche Checkliste – als Akronym mit dem Wort Scamper:

Substitute / ersetzen: Welche Teile der Idee oder des Produkts lassen sich ersetzen?
Combine / kombinieren: Lassen sich Teile oder das Ganze mit anderen Dingen kombinieren?
Adapt / anpassen: Wie lassen sich Elemente aus anderen Bereichen anpassen und in die Idee integrieren?
Magnify / vergrößern: Was könnte vergrößert oder betont werden?
Put / übertragen: Für welche anderen Zwecke lässt sich die Idee noch einsetzen?
Eliminate / entfernen, verkleinern: Was könnte verkleinert oder weglassen werden?
Rearrange, Reverse / neu ordnen, umkehren: Lassen sich Anordnung / Reihenfolge der Teile einer Idee ändern? Lassen sich Teile oder das Ganze umkehren?

 © MassivKreativ

Wechselnde Hüte

Kinder und Schauspieler verkleiden sich, um in andere Rollen zu schlüpfen. Der britische Kognitionswissenschaftler Edward de Bono hat dies übertragen und sechs Denkhüte als besondere Kreativitätstechnik entwickelt. Sechs verschiedenfarbige „Hüte“ können gedanklich durchgespielt und in der Gruppe diskutiert werden. Analog zu den Hüten können auch verschiedenfarbige Karten genutzt werden, auf denen die Teilnehmer je 5 Minuten ihre Argumente notieren:

– der weiße Hut = Objektivität, analytisches Denken, Fakten
– der schwarze Hut = Pessimismus, kritisches Denken, Risiken
– der gelbe Hut = Optimismus, optimistisches Denken, Chancen
– der rote Hut = Emotionen, emotionales Denken, Gefühle
– der blaue Hut = Struktur, ordnendes Denken, Prozess
– der grüne Hut = Kreativität, kreatives Denken, Ideen

 © MassivKreativ

 

Wie wollen wir morgen leben? Ideen und Geschichten für den urbanen Raum

 © Stefan Landgraf, pixelio.de

„Geht es beim digitalen Wandel um den Menschen oder die Technologie?“, fragte der Stadtforscher und Autor Charles Landry beim „Forum d’Avignon Ruhr 2016“. Die Digitalisierung bringe Befreiung und Einschränkung zugleich, so Landry. Die Smart City soll eine kreative und intelligente Stadt sein, die den Menschen das Zusammenleben erleichtert. 

Machtverhältnisse klären

In Toronto entsteht gerade am östlichen Hafenende ein neues smartes Viertel: Quayside. In einem nicht wirklich transparenten Ausschreibungsverfahren hat Googles Tochterfirma Sidewalk Labs den Zuschlag erhalten, in der heruntergekommenen Hafengegend visionäre Pläne zu entwickeln und umzusetzen. Ziel ist ein hochverdrahtetes, sensorgestütztes Quartier, in dem kaum eine menschliche Regung unbeobachtet bleiben soll.  Noch haben Bürger die Möglichkeit, in Befragungen von SidewalkLab die richtigen Weichen zu stellen und klar zu äußern, was sie nicht wollen, d. h. in welche Bereiche des Lebens privat bleiben sollen.  Durchaus sinnvoll sein können Müllschlucker, die Wertstoffe selbständig trennen. Doch wann und wo Nachbarn Feste feiern, sollte nicht in jedem Falle öffentlich gemacht werden. Kritiker mahnen, nicht jede Information an private Firmen weiterzugeben. Und Städte müssen herausfinden, wie sie den Ausverkauf von Bürgerdaten verhindern.

  © Altstadt für alle

Freiraum in Hamburg

In der Altstadt von Hamburg entsteht im Sommer/Herbst 2019 für drei Monate die erste von BürgerInnen betriebene temporäre Fußgängerzone im deutschsprachigen Raum. Es geht um „Freiräume für Entdeckungen und Erlebnisse, für Kultur, Stadtleben und nachhaltige Mobilität“. Die Kleine Johannisstraße, der größte Teil der Schauenburger Straße und die Parkplätze am Dornbusch werden erstmals Fußgängerzone. Beim Pilotprojekt Altstadt für alle kann jeder mitmachen – in Kooperation mit der Patriotischen Gesellschaft von 1765, der Nordkirche und der Initiative „Hamburg entfesseln“.

 © ADFC

Kolumbien als Vorbild

Kolumbien geht voran: Bogotá ist ein Paradies für Fahrradfahrer. Seit 40 Jahren ist dort jeder Sonntag autofrei. Wovon andere Metropolen träumen, das ist in Bogotá Realität. Bei der Ciclovía (deutsch: Fahrradweg) sind von 7 bis 14 Uhr zahlreiche Straßen in Bogotá gesperrt. Familien und Freunde nutzen den Freiraum zum Spazierengehen, für Bewegung und sportlichen Aktivitäten überall dort, wo an den anderen Tagen Stau herrscht. Erfunden hat den autofreien Sonntag der Architekt Jaime Ortiz. Zusammen mit ein paar Freunden hat er schon 1974 zum ersten Mal zwei Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Anteil an der großen Popularität der Ciclovía hat auch der heutige Radrennstar Nairo Quintana, der unter Kindern und Erwachsenen als Volksheld gilt.

Geschichten des Gelingens 

Wir brauchen konkrete Zukunftsentwürfe und praktische Beispiele für das Gelingen von Projekten. Das Scheitern kann Ansätze liefern, um daraus zu lernen. Der städtische Raum muss mit Kreativität und Leben gefüllt werden, mit sozialem Austausch und fantasievollen Geschichten. Beim „Forum d’Avignon Ruhr“ erzählten  Kreativschaffende aus verschiedenen Zentren Europas von ihren urbanen Projekten des Gelingens:

 © Hartmuth Bendig, pixelio.de

Graffiti

Gigo Propanda wandelt als Street Art-Künstler zwischen seiner Wahlheimat Essen und seiner Geburtsstadt Mostar in Bosnien-Herzegowina. „Ich sehe Graffitis als Mittel, in einer Stadt Gespräche zu erzeugen.“, erklärt er. In den öffentlichen Meinungsaustausch binde er gerne junge, heranwachsende Menschen ein. Daher sei die Kirche ein offener Partner und stelle bereitwillig Flächen zum Sprayen bereit. „So arbeite ich zuweilen im Auftrag von Gott!“, erklärt Propaganda schmunzelnd. Beim Essener Projekt „Bildersturm“ im Rahmen der Lutherdekade diskutiert Propaganda mit Schülern der Gesamtschule Holsterhausen und Mitgliedern der Erlöser-Melanchthon-Gemeinde über die Rolle von Kunst in der Kirche, über das Wahrnehmen, das Sehen und Entdecken des Kirchenraumes. Mit ihren erworbenen Erkenntnissen würden die Schüler aber auch selbst künstlerisch tätig, betont Propaganda.

 © Gigi Propaganda

Viel Zeit hätten in den letzten vier Jahren seine unzähligen Interviews mit syrischen Geflüchteten eingenommen. Die Essenzen ihrer Geschichten sprühe er an Mauern und Wände – in der Tradition des sozialkritischen Muralismus der mexikanischen Revolution.  Er möge vor allem Schriftzüge, so Propaganda: „An diesen urbanen Botschaften kann ich auch als ‚Nichtwisser‘ ablesen, in welchem Stadtteil ich mich befinde bzw. wer dort lebt“.

 © Andrea Damm, pixelio.de

Garten der Begegnung

Der Franzose Sam Khebizi engagiert sich ebenfalls im soziokulturellen Bereich. In Marseille gründet er 1996 die Nonprofit-Organisation Têtes de l’Art („Köpfe der Kunst“) und initiiert in Noailles, einem der ärmsten Stadtviertel Europas, das Festival „Place à l’Art“. Khebizis Team möchte die Bewohner, vor allem Einwanderern aus dem Maghreb und aus Schwarzafrika, aktive am Leben beteiligen und ihnen mehr öffentliche Sichtbarkeit geben. „Nicht das Ziel ist entscheidend, sondern der Weg“, erklärt Khebizi. Oftmals sei er steinig mit vielen Verwaltungs- und Genehmigungsverfahren und vermittelnden Gesprächen zwischen Bewohnern, Politik und Stadtverwaltung, Vereinen, Handwerkern und Bauunternehmen.

Gespräche an der Haustür

Man musste zunächst herausfinden, was die Bewohner von Noailles interessiert, was sie zur Teilhabe motiviert. Wie erreicht man sie besser: mit einem Flyer oder mit direkter Ansprache durch Klopfen an Haustüren? Der ausgebrachte Samen sei inzwischen im „Garten der Begegnungen“ aufgegangen, freut sich Khebizi. Die Bewohner sammeln in ihrem Viertel Materialien und schaffen daraus Neues. Handwerk, Kunst und urban gardening verschmelzen. Die Bürger kommen ins Gespräch. Daraus würde andere, dynamische Dinge entstehen. Wie kann man das Unsichtbare messen?“, fragt sich Khebizi. Das sei beim Evaluieren der Projekte eine große Herausforderung. 

 © Michael Ottersbach, pixelio.de

Medienkunst im öffentlichen Raum

Susa Pop entwickelt als Kuratorin und Designerin vor allem für Festival und Kongresse urbane Projekte, digitale Medien, Medienkunst, Wirtschaft und Wissenschaften verbinden. Es gäbe derzeit ein heftiges Ringen zwischen Werbern und Künstlern, erläutert Pop die aktuelle Situation. „Der öffentliche Raum darf nicht nur kommerziellen Anbietern überlassen werden“, sagt sie. Sie setze sich dafür ein, dass auch Bürgern und Künstler-Communities öffentlich sichtbare Plattformen zur Verfügung stehen.

Wegweisende Entwicklungen würden oftmals „bottom-up“ entstehen – von unten nach oben. Lichtdesigner z. B. verwandeln traditionelle Ladenauslagen in künstlerische Medienschaufenster und vernetzen verschiedene Orte mit digitalen Technologien. Wie wollen wir zukünftig leben?, fragt Susa Pop. Unsere Wünsche und Vorstellungen könnten über Videopaintings und Mediafassaden zeitgleich an unterschiedlichen Orten verbreitet werden. So entstehe Interaktion und Austausch. Pop betont: „Medienkunst hat enorm kreatives Potenzial für die Stadtentwicklung.“

 © 110stefan, pixelio.de

Bürgerplattform in Athen 

Amalia Zepou berichtet als ehemalige Vize-Bürgermeisterin von Athen über die aktuelle Situation in der griechischen Hauptstadt im Zuge der Wirtschaftskrise und der Flüchtlingsströme. Die öffentliche Verwaltung sei zeitweise völlig zusammengebrochen. Mit Eigenengagement und Ideenreichtum hätten Bürger vielerorts Initiativen gegründet, um Lösungen zu finden und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. „Die Plattform synAthina ermöglicht den Austausch der Bürger über ihre Aktivitäten“, erklärt Zepou. Ein leer stehender Kiosk diene als realer Treffpunkt. Über die gleichnamige Website synathina.gr könne sich jeder im Detail informieren: Wieviele Gruppen arbeiten in welchen Stadtvierteln an welchen Aufgaben?

Ein wichtiges Thema sei der Leerstand: Wie lassen sich Gebäude neu beleben? Künstler eröffnen zeitlich befristet Pop-Up-Stores, gestalten Ladenfronten und führen Touristen an die neuen kreativen Orte. Nun prüfe die Stadtverwaltung, welche Projekte das Potenzial hätten, auf andere Standorte übertragen zu werden und mit öffentlichen Geldern unterstützt zu werden. „Kreativität ist bei uns in Südeuropa kein Luxus, sondern das Ergebnis von Armut“, erklärt Zepou, „eine zivilgesellschaftliche Notwendigkeit.“

Umnutzung und Mitsprache

Der Architekt und Stadtforscher Tom Bergevoet plädiert dafür, urbane Räume nicht für die Ewigkeit zu planen. Gebäude sollten nach jeweils aktuellen Anforderungen gestaltet werden, temporär nach dem Pop-up-Prinzip. „Auf Leerstand in der Stadt, vor allem bei Bürogebäuden, muss man mit flexiblen und kreativen Nutzungskonzepten reagieren“, so Bergevoet.

Eine ehemalige Tankstelle in London sei zu einem Kino umgestaltet worden. Improvisation sei gefragt, um Umnutzungen durchdacht zu realisieren. Auch Bürgerwissen sollte einbezogen und Ideen von Bewohnern nach dem Adhocracy-Prinzip berücksichtigt werden. Bergevoet berichtet von seiner Idee, Hochhausfassaden zu Kletterwänden umzugestalten: „Manchmal entwickle ich Architektur-Konzepte, um zu provozieren, herauszufordern und um aufzurütteln.“ 

 

Weiterführende Literatur:

Charles Landry: The Art of City Making 

Charles Landry: The Digitized City 

Neues Kreativcluster im EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

Wenn Europa innovativ bleiben und international weiterhin mitspielen will, sollte „Made in EU“ als neues Label und als Chance gesehen werden. 

EU fokussiert neues Kreativcluster

EU-Kommission hat Ende Juni 2019 eine öffentliche Konsultation zum nächsten EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa (2021-2027) eingeleitet. Das erste Mal existiert in diesem Forschungsrahmenprogramm die Bereitschaft gibt, die Kultur- und Kreativwirtschaft zu fördern, insbesondere das Cluster „CULTURE, CREATIVITY AND INCLUSIVE SOCIETY“. Insgesamt stehen bis zu 100 Mrd. € für die gesamte europäische Innovations- und Forschungspolitik zur Verfügung. Die Kreativwirtschaft könnte hier im deutlich mehrstelligen Millionenbereich profitieren.

Potenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft ganzheitlich nutzen

Fortschritt und Qualität dürfen sich allerdings nicht auf technologische Neuerungen beschränken. Es sollten auch soziale Innovationen und damit das gesamte Potential der Kultur- und Kreativbranche genutzt werden. Acht Aspekte für die SPILLOVER-Diskussion, die ich bereits 2015 gefordert habe und die noch immer mehr Aufmerksamkeit brauchen:

 © MS Artville Festival 2019, Text von „Barbara“, Foto: MassivKreativ

1. Soziale Innovationen als Komplementär 

Die Bedürfnisse der Menschen abzufragen ist keine Kür, sondern Pflicht. Wer heute nur auf neue Technik setzt und dabei den Menschen ignoriert, etwa bei Benutzerfreundlichkeit und Design, wird von Käufern und Nutzern abgestraft. Wer hingegen gezielt soziale Praktiken einsetzt, wer bewusst mit anderen Menschen kommuniziert, wer geistig-kreative Werte anerkennt, wer das interaktive Handeln fokussiert – in Organisationen, Prozessen, Strukturen, in der Anwendung und beim Konsum – treibt soziale Innovationen voran. Soziale Innovationen bereiten den Nährboden für technologische Neuerungen und geben als Treibstoff ungeahnten Innovationsschub. An diesen Tatbestand müssen auch endlich Förderstrukturen angepasst werden, denn Konzepte für soziale Innovationen fallen hier noch durchs Raster. So bleibt das Potential geistiger Ideen aus der Kultur- und Kreativbranche ungenutzt. Weder Gesellschaft noch Wirtschaft kann sich diese Ignoranz auf Dauer leisten!

2. Interdisziplinäre Teams

Wer über Globalisierung und Demografie, über Nachhaltigkeit und Vielfalt nachdenkt, kommt automatisch zu der Erkenntnis, dass es ohne branchenübergreifende, interdisziplinäre Vernetzung nicht mehr geht. In der Kultur- und Kreativwirtschaft gehört Vernetzung zum Alltag. Architekten lenken bei Bauprojekten um die 20 verschiedene Gewerke. Im Theater vermitteln Regisseure sogar zwischen 50 verschiedenen Berufsgruppen: Handwerk und Technik, Kunst und Marketing, Verwaltung und Organisation. In der Gamesbranche verbinden sich Autoren, Konzepter, Programmierer, Grafik- und Sounddesigner in gemeinsamen Think Tanks. Film-Projekte sind ähnlich vielschichtig angelegt. Vermitteln und Querdenken ist für Akteure der Kultur- und Kreativbranche Tagesgeschäft und erfordert eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz. Davon könnten auch Wirtschaft und Politik profitieren, wenn sie nur wollten.

 © Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

3. Forschungscluster: Wert kreativer Ideen

Wenn Unternehmer, NGO-Aktivisten oder Politiker über die Zusammenarbeit mit Kreativen berichten, schwingt viel Anerkennung und Begeisterung mit – über die Professionalität, die Ernsthaftigkeit und den Biss der Kreativen bei der Bewältigung eines Problems. Anders als in anderen Berufen schauen Kreative selten auf die Uhr. Sie testen ihre Ideen und Alternativen so lange aus bis sie die Herausforderung geknackt haben. Selbst wenn sie nicht mehr am Schreibtisch sitzen, suchen sie im Kopf weiterhin nach Lösungen. Leider wird die konzeptionelle Vorarbeit, die Innovationen erst ermöglicht, zu wenig wertgeschätzt. Häufig mangelt es an konkreten Zahlen, die den immensen Anteil geistig-kreativer Vorleistungen am Ertrag belegen. Hier braucht es in Zukunft fachübergreifende Forschungscluster, in denen Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler gemeinsam relevante Zahlen ermitteln.

4. Begegnungsräume

Noch sind es meist die Kreativen, die Kontakt zur Politik und zu Unternehmen suchen, um alternative Denkmustern und andere Perspektiven anzubieten. Doch Kaltakquise ist schwierig. Die Auftraggeber müssen viel Vertrauen aufbringen, um Kreative in sensible interne Prozesse einzubinden. Das Eis muss gebrochen werden. Gebraucht werden Anlässe und Räume, um sich in ungezwungener Atmosphäre zu begegnen und auszutauschen. Beide Seiten merken dann schnell, wie ähnlich sie sich in vielen Punkten sind: Auch Politiker bzw. Unternehmer können kreativ denken und handeln. Auch Künstler bzw. Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten professionell und zuverlässig. Zuweilen spielen „Sprachprobleme“ eine Rolle, wenn sich z. B. ein Programmierer mit einem Designer verständigen muss. An dieser Stelle sind „Intermediäre“ mit Sozialkompetenz gefragt, die beide Welten verstehen und kommunikationsstark zwischen den Akteuren vermitteln können. Hier könnte ein neues Berufsbild für Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft entstehen.

  © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

5. Nische als Chance

97 % der Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft sind Einzelunternehmer und Freiberufler. In einem monopolisierten Markt ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, gehört für sie zum Alltag. Für größere Projekte ist die Vernetzung mit anderen Branchen überlebenswichtig. Davon können Politik, Wirtschaft, Städte und Organisationen lernen. Aus der Not der Beschränkung erwachsen alternative, kreative Ideen, etwa in der Arbeitswelt. Coworking Büros von Kreativen haben ursprünglich den Zweck, Räume, Ressourcen, Fähigkeiten und Wissen zu teilen. Längst nutzen sie auch andere Branchen, weniger aus ökonomischer Motivation heraus, sondern um interdisziplinär an neuen Ideen zu schmieden.

6. Kulturerbe und Identitätsstiftung

Die Globalisierung lässt sich nicht aufhalten. Doch die Bürger pflegen zunehmend selbstbewusst ihre Wurzeln und ihre Identität. Die UNESCO unterstützt den Trend, indem sie dazu aufruft, ergänzend zum materiellen Kulturerbe auch das immaterielle bzw. lebendige Kulturerbe aufzuspüren. Es geht um mehr öffentliche Aufmerksamkeit für Traditionen, Bräuche und Feste, Wissen und Rituale, für Handwerkstechniken und Ausdrucksformen. Sie prägen die Identität der Menschen und schweißen eine Region, Gruppe oder Gemeinschaft zusammen. Lebendiges Kulturerbe wird ständig den veränderten Umständen und Zeiten angepasst und bleibt so aktuell. Es verleiht Selbstbewusstsein, Wohlbefinden und stiftet sozialen Frieden.

  © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

7. Regionalentwicklung und Stadtkultur

Kunst und lebendiges Kulturerbe wirken als Treibstoff auf Städte und Gemeinden, intern als sozialer Kitt und extern als Magnet für den Tourismus. Was wiederum andere Branchen befruchtet und Renditen steigert: für Hotellerie und Gastronomie, Einzelhandel, Nahverkehr und Immobilienbranche. Zukünftig muss es darum gehen, Gemeinschaftsfonds zu bilden. Die Profiteure sollen Mehreinnahmen, die sie durch SPILLOVER-Effekte erzielt haben, in Kunst und Kulturerbe reinvestieren. Akteure der Kultur- und Kreativbranche dürfen nicht länger in die Rolle zeitlich befristeter „Durchlauferhitzer“ gedrängt werden, die zunächst unattraktive Orte beleben und sie durch Gentrifizierung wieder verlassen müssen. Sie brauchen Verlässlichkeit, um Städte, Gemeinden und Gesellschaft nachhaltig beflügeln zu können.

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

8. Vorreiter und Vordenker

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist immer Vorreiter gewesen, wenn es um neue gesellschaftliche Entwicklungen ging. Ein bewusster Umgang mit Energie und Ressourcen, Themen wie Teilhabe, Nachhaltigkeit und Ehrenamt wurden auch von Künstlern in die Gesellschaft hineingetragen. Neue Geschäftmodelle sind daraus entstanden, z. B. Carsharing, Upcyling, neue Wertschöpfungsketten und ganze Branchen wie die Bioökonomie. Auch Begriffe wie Vielfalt und Ehrenamt rücken Künstler mit gezielten Impulsen in unseren Fokus, das Schlagwort „Willkommenskultur“ z. B. hat sich so zu einem bewussten bürgerschaftlichen Engagement und zu echter Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen entwickelt.

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

Wenn Politik und Wirtschaft das Potential der Kultur- und Kreativschaffenden erkennen und nutzen, kann SPILLOVER in Europa wirklich gelingen. So würde das Label „Made in EU“ einen tieferen, identitätsstiftenden Sinn erhalten. Denn: eine Wirtschafts- und Zollunion allein schafft unter den Bürgern keinen europäischen Zusammenhalt.

Zum Hintergrund: Horizont Europa wird final beschlossen von der neuen Kommission und soll Anfang 2021 starten. Hier geht’s zur Konsultation (bis 8.9.2019): https://ec.europa.eu/info/news/have-your-say-future-objectives-eu-funded-research-and-innovation-2019-jun-28_de

Warum wir für unser Handeln Geschichten und Visionen brauchen

 © Angelina Ströbel, Pixelio.de 

Die meisten von uns wollen Teil von etwas Großem sein. Das zeigen aktuell viele engagierte Jugendliche, Wissenschaftler und weitere Unterstützer in der Fridays for FutureBewegung. Wir sehnen uns danach, etwas Sinnstiftendes zu tun oder daran mitzuwirken. Unsere Motivation wächst, wenn wir uns vorstellen, wie bzw. wie viel besser unser Leben in Zukunft aussehen könnte. Dabei helfen uns neben sachlichen Fakten (z. B. gegen das Ignorieren des Klimawandels) gerade auch Utopien und Geschichten, die unsere Vorstellungskraft wecken und unser Handeln beflügeln.

Status Quo überprüfen

Kreative Ideen entstehen, wenn wir unsere Gegenwart auf den Prüfstein stellen. Unsere Unzufriedenheit mit Bestehendem ist der Treibstoff für Veränderungen, für neue Erfindungen, (Kunst-)Werke und Geschäftsmodelle. Wenn wir unsere Ideen als Geschichten in die Welt hinaustragen, fordern wir andere zur Auseinandersetzung auf. Wie ist es heute? Wie können wir es in Zukunft besser machen? Bevor realen Projekte zum Schutz unserer Meere starten konnten, hatten junge Menschen einen Traum: Das Meer vom Müll zu befreien. Sie beobachteten das Meer, entwickelten Pläne, träumten „Was wäre wenn…? und formulierten ihren Traum in der Öffentlichkeit. Viele Meeresvisionäre gingen so vor, u. a.  The Ocean Clean UpThe Seabin ProjectHealthy Seas, die Seekuh vom Verein One Earth – One Ocean, „Fishing for Litter“ von KIMO  und dem deutschen NABU sowie Pacific Garbage Screening (PGS) von der deutschen Architektin Marcella Hansch.

 © Pacific Garbage Screening – schwimmende Plattform zur Müllentnahme

Keimzellen für gute Geschichten

Was die Genres Buch, Film, Theater, Oper, Game mit Popularität nährt, macht als „Superfood“ auch Marken, Produkte, Unternehmen und Entrepreneure gewichtiger. Wir brauchen kreative Geschichten, um unser komplexes Leben kritisch zu betrachten, um Position zu beziehen, unser Tun zu reflektieren und uns zu identifizieren. Storytelling heißt es neudeutsch.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de 

Vorausdenken

Aus Zeiten nüchterner Realpolitik stammt das Zitat von Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“(Schmidt 2010). Eine glatte Fehleinschätzung! Visionen sind keine Krankheit, sondern die Kunst, das vorauszusehen, was andere noch nicht sehen. Visionen  zeigen uns unsere Wünsche, wie wir künftig leben wollen. Wir begreifen, was einmal sein kann. Indem wir unsere Visionen in Geschichten verpacken und weitererzählen, ermutigen wir uns zum Engagement! Geschichten motivieren uns, verleihen uns Flügel, in kleinen Projekten und großen Prozessen. Politik und Wirtschaft, Bildung und Kultur können davon enorm profitieren, im Sinne von Joseph Beuys: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden, sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“

Zukunftsentwürfe

Pablo Picasso sagte einmal: „Alles, was Du Dir vorstellen kannst, ist real.“ In diesem Sinne spornte John F. Kennedy 1961 eine ganze Nation an, „Wir haben uns entschlossen, einen Menschen zum Mond zu schicken und ihn wieder sicher zur Erde zurück zu bringen.“ (Kennedy 1961).“ Eine klare Botschaft, eine Geschichte mit einem Ziel, das Vorfreude auf die Zukunft weckt. „Geschichten sind das stärkste Medium der Menschheitsgeschichte“ (Welzer 2016), bestätigt der Soziologe Harald Welzer.

Narrative

Für den Entwurf einer lebenswerten Zukunft suchen viele in diesen Tagen nach passenden Geschichten, nach „Narrativen“. Das sind gesellschaftliche Erzählungen, die Sinn vermitteln, Realität erklären, Orientierung bieten. Narrative sind identitätsstiftend bzw. sollen so wirken. Sie beschreiben Gesellschaft und formen sie auch. Der Begriff Narrativ stammt aus der Soziologie.

Motor für unsere Motivation

Geschichten wirken auf Hirn und Herz, sprechen uns rational an und binden auch unsere Emotionen und unsere Ethik ein. Visionäre Geschichten befähigen uns, nicht nur in kurzatmigen Wahlperioden zu denken, sondern unsere Zukunft nachhaltig zu planen, über das Hier und Jetzt hinauszuwachsen. Sie helfen uns dabei, Durststrecken zu überstehen, Rückschläge und Widerstände zu überwinden.

Was man sich nicht vorstellen kann, wird vermutlich nicht eintreten: „Man springt nur so weit, wie man im Kopf schon ist“, erklärt Skisprung-Weltmeister Jens Weißflog den Zusammenhang. Kein Spitzensportler oder Spitzenmusiker könnte das Über-Sich-Hinauswachsen und das kräftezehrende Trainings- und Übungsprogramm bewältigen, wenn er nicht das zukünftige Glücksgefühl auf dem Siegerpodest vor Augen oder den Publikumsapplaus im Ohr hätte. Eine Kraft, die uns enormen Antrieb und Halt geben kann.

Geschichten des Gelingens von heute

Wir brauchen nicht nur Geschichten von der Zukunft. Wir brauchen auch Geschichten von heute, von bereits geglückten Projekten, die uns kleine Schritte auf dem Weg zur großen Vision zeigen, wie sie der konstruktive Journalismus zeigt, repräsentiert u. a. durch das enorm-Magazin, perspective daily, die Podcast-Reihe NDR Info Perspektiven, das Futurzwei-Magazin und TRAFO (machen, deuten, träumen) – der Zukunftsalmanach von Futurzwei. Jede Vision braucht einen konkreten Weg, ein Wie, auf welche Weise und mit welchen Aktivitäten wir eine menschliche und lebenswerte Gesellschaft gestalten können.

Die medialen Kanäle dürfen nicht von entmutigenden Fehlentwicklungen, Katastrophen und Tragödien verstopft werden. Es muss Raum bleiben für Geschichten über bereits gelungene Beispiele und Modelle einer friedlichen, gerechten und offenen Gesellschaft mit Gemeinwohl und Demokratie, mit Chancengerechtigkeit, und Naturschutz und eingepreisten Umweltkosten in ökonomischen Kalkulationen. Dafür brauchen wir Kreativität, Gestaltungswillen und Vorbilder, Freiheit und Mut.

 © Uta Thien Seitz, Pixelio.de 

Geschichten als Staatsaufgabe

„Geschichten brauchen keine Fakten, um wirkungsvoll zu sein, aber Fakten brauchen Geschichten, damit sie einen Sinn ergeben“ (und bei den Menschen ankommen), sagt Per Grankvist. Schweden hat als erstes Land einen hauptamtlichen Geschichtenerzähler engagiert, den Journalisten und Sachbuchautor Per Grankvist. Er zeigt mit Geschichten der Gegenwart,  dass es schon heute genügend Beispiele dafür gibt, wie Menschen nachhaltig leben und sich für das Allgemeinwohl einsetzen. Grankvist rückt die stillen Alltagshelden ins Blickfeld, die nicht so populär und medienpräsent sind wie Greta Thunberg, aber täglich beweisen, dass Nachhaltigkeit nicht nur Verzicht bedeuten muss, sondern einen Gewinn an Lebensqualität. Er berichtet über jene Menschen, die bereits heute klimaneutral leben.

Mit dem strategischen Innovationsprogramm Viable Cities sollen neun schwedische Städte umgestaltet und bis 2030 klimaneutral werden. Die schwedische Regierung investiert in das Programm ein Budget von 100 Millionen Euro und hat dafür mehr als 200 Partner mit an Bord geholt. Der Verbund aus Städten, Unternehmen, Hochschulen, Forschungsinstituten und Zivilgesellschaft soll wie ein Katalysator wirken, um Wissen für intelligente nachhaltige Städte zu entwickeln und zu nutzen. Viable Cities läuft von 2017-2029, die erste Phase bis 2020 wird von Vinnova unterstützt, dem schwedischen Forschungsrat Formas und der schwedischen Energieagentur, die Gastgeberorganisation ist die KTH, die Königliche Technische Hochschule in Stockholm.

Agieren oder reagieren

Fragen wir uns also selbst, was wir wollen: agieren oder reagieren? Wollen wir Spielmacher sein oder Spielball? Wollen wir unser Leben eigenständig formen oder fremdgesteuert und getrieben werden? Wie wir diese Frage beantworten, beeinflusst maßgeblich unsere Zufriedenheit und unser emotionales Wohl. Freiheit ist die Abwesenheit von Angst! Oder wie der große SciFi-Autor William Gibson einmal sagte: „Die Zukunft ist längst hiersie ist nur ungleich verteilt.“ 

Und wer prägt die Geschichten und Bilder unserer Heimat, vor allem die Zukunft in den ländlichen Regionen und den neuen Bundesländern? Davon erzähle ich in meinem nächsten Blogartikel.

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Hutsalon, Kürschnerei, Kreativ-Hof und Schmiede in Mecklenburg-Schwerin

 © Albrecht E. Arnold, Pixelio.de

Podcast MK 39: Manufakturen Teil 4 im Garten-und Seenland Mecklenburg-Schwerin

Der Hutsalon Rieger in Schwerin

Fein herausgeputzt: Sagen Sie bloß nicht „Hutmacher“. Damit outen Sie sich als kompletter Dilettant. Genoveva Rieger und ihre Tochter Marie-Antonett sind „Putzmacherinnen“. http://hutsalon-rieger.de

Die Kürschnerei Götz Weidner in Schwerin

Ein Pelz fürs Leben: Wer bei der Kürschnerei an reiche, alte Damen in schweren, langen Pelzmänteln denkt, erlebt im Atelier von Götz Weidner in Schwerin eine Überraschung. Flauschig, leicht und kurz geschnitten sind die Jacken in der Auslage. http://www.weidner-pelze.de

Der Rothener Hof

Selbermachen als Wertschätzung: Am Anfang war der Kuhstall. Ein architektonisch reizvolles Gebäude, zu schade, um es verfallen zu lassen. Und so gründete sich im Jahr 2000 in Rothen ein Verein, um den Kuhstall zu erhalten und wieder zu beleben. Heute sind dort sieben verschiedene Werkstätten angesiedelt, und jeder Handwerker besetzt eine besondere Nische. Eine Metallwerkstatt, eine Möbeltischlerei, eine Druckerei mit Handpressen, eine Obst-Mosterei und eine Gaststätte bilden die Gemeinschaft im Rothener Hof. Wirtschaftlich gesehen, ein „Mikro-Cluster“, der perfekt ineinander greift und immer weiter wächst. 2009 eröffnete die Glas- und Medienkünstlerin Daniela Melzig ihr Atelier. Achim Behrens ist von Haus aus eigentlich Tischler. http://www.rothenerhof.de

Die Schmiede Radsack in Stresdorf

Familienbetrieb der Zukunft: Tradition bedeutet, das Althergebrachte nicht nur kommenden Generationen zu überliefern, sondern immer weiter zu entwickeln und neuen Bedürfnissen anzupassen. Manchmal entsteht daraus wie im Handumdrehen ein neuer Geschäftszweig. So war es in der Schmiede Radsack in Stresdorf bei Gadebusch. Birger und Coco Radsack suchten eigentlich nur nach einer Unterbringung für ihren Praktikanten. Herausgekommen sind schließlich hochmoderne mobile Wohnungen, neudeutsch: Tiny houses genannt.

https://www.schmiede-radsack.de

Die Interviews führte meine Verlagskollegin Corinna Hesse. Sie hat mit den kreativen Machern gesprochen – über das Handwerk, über das Leben, über die Zukunft.

Besuchen Sie mit uns 16 Manufakturen (Beitragsreihe und Podcast in vier Teilen) und ihre schöpferischen Inhaber.

Teil 1: Mode- und Möbeldesign, Goldschmiede, Buchdruck: Kunst-Handwerker in Mecklenburg-Schwerin

Teil 2: Holzbildhauerei, Taschenmanufaktur, Uhren, Kindermöbel: Kunst-Handwerker in Mecklenburg-Schwerin

Teil 3: Porzellan- und Textilmanufaktur, Gravur-Atelier: Kunst-Handwerker in Mecklenburg-Schwerin

Teil 4: Hutsalon, Kürschnerei, Kreativ-Hof und Schmiede: Kunst-Handwerker in Mecklenburg-Schwerin

Kulturlandschaften im Norden

Die ManufakTouren-Route entstand für die Metropolregion Hamburg im Rahmen des Leitprojektes KulturLandschaftsRouten (2016-2018). Entwickelt wurden insgesamt fünf neue Erlebnisrouten sowie Hörgeschichten mit je 15 bis 20 Tracks pro Region, die zu Hause oder per Smartphone auch unterwegs gehört werden können.