Archäologie und Vampirglaube im Wendland

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Arne Lucke hat viel erlebt und viel von der Welt gesehen. Als Archäologe und Ethnologe hat er zahllose Länder bereist und war an vielfältigen Grabungen beteiligt. Im Wendland war er als Kreisarchäologe tätig und hat den Museumsverbund Lüchow-Danneberg e. V. gegründet. Und: Er ist Experte für Vampirglaube.

Zwischen vielen Kulturen

Arne Lucke zog es immer wieder in die Ferne. Egal mit welcher Kultur er sich beschäftigte, Lucke stellte häufig fest, dass es einen gemeinsamen Nenner gibt: Die Angst vor Untoten und vor Vampiren existiert in nahezu allen Kulturen. Sie werden manchmal auch Teufelssauger („Düwwelsüger“), Wiedergänger oder Nachzehrer genannt. Der Vampirglaube ist wissenschaftlich auf vielfältige Weise belegt – archäologisch, ethnologisch und historisch. 

 © MassivKreativ: der Archäologe Arne Lucke

Vampirglaube

Durch seine vielfältigen Forschungen in verschiedenen  Kulturen wird Arne Lucke über die Jahre zum „Vampir-Experten“. Bei Grabungen im Wendland in Güstritz bei Lüchow stößt er in den 90er Jahren auf ein Slawisches Skelett-Gräberfeld mit über 100 Grabstellen. Die Mehrheit weist eigenartige Besonderheiten auf. Der Kopf ist vom Rumpf des Leichnams getrennt. Steine beschweren das Brustskelett. Einige Tote liegen mit dem Kopf nach unten in der Grabstelle. Einige Grabstellen sind abgebrannt oder verkokelt. Lucke ist sich sicher: Die speziellen Bestattungsrituale weisen auf den im Wendland verbreiteten Vampirglaube hin.

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Hintergründe für den Vampirglaube

Bevor sich früher in der Bevölkerung das Wissen um Infektionskrankheiten verbreiten konnte, versuchten sich die Menschen Todesfälle in der Familie mit „untoten Wiedergängern“ zu erklären. Im Interview erläutert der Archäologe weitere Gründe für den Vampirglaube. Auch ein Zeitenwandel bringe stetig die Angst vor Veränderung mit sich. Die slawischen Wenden seien einst vom Christentum überrollt worden. Heute fürchten sich die Menschen vor Globalisierung, Klimawandel und Digitalisierung. Daher sei gerade wieder eine neue Welle des Vampir-Trends zu spüren, so Lucke.

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Ursprünge des Vampirglaubes

Im 19. Jahrhundert sorgte der Dracula-Roman vom Bram Stoker dafür, dass das Vampir-Thema von vielen bis heute im rumänischen Transsylvanien verortet wird, erzählt Arne Lucke im Interview. Dabei sei der Vampirglaube universal und uralt, bereits in der Jungsteinzeit um 2500 v.u.Z. verbreitet. Auch im Spreewald und in Mexiko sei er auf verschieden Weise belegt. Durch die Vermischung von heidnischen und christlichen Bräuchen hätten die Mexikaner bis heute ein besonderes Verhältnis zum Tod mit speziellen Bräuchen. Den Tag der Toten (Día de los muertos) feiern sie mit speziellen Süßigkeiten, wie den Skeletten aus Pappmaché und Zucker.

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Experimentelle und moderne Archäologie

Arne Lucke berichtet über die zeitgeschichtliche und experimentelle Archäologie, z. B. über aktuellen Grabungen im ehemaligen Protestcamp in Gorleben. Lucke hat 1980 selbst dort gelebt und gegen Atomcastor-Transporte demonstriert, wie er erzählt. Die historische Archäologie hat er im Wendland in Rundlingsdörfern betrieben und dort in abgebrannten Häusern geforscht.

Arne Lucke ist von Neugier und Interesse an Menschen, Zeiten und Kulturen angetrieben. Seine letzte vierwöchige Reise führte ihn im Frühjahr 2018 in den Iran. Ein wundervolles Land, sagt er, voller gastfreundlicher Menschen mit einer faszinierenden Kultur. Wenn er ins Wendland zurückkehrt, genieße er jedes Mal die Weite der Landschaft und der Natur.

PODCAST-INTERVIEW

Archäologie und Vampirglaube im Wendland

Kreative Karambolagen: Open und Cross Innovation

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Innovationen gelingen, wenn sie als Open-Innovation-Prozesse für externe Akteure geöffnet werden, sowohl interdisziplinär über verschiedene Branchen hinweg als auch nutzerorientiert für Kompetenz- und Wissensträger, für Experten und Anwender. Erfahrungen und Wünsche der Nutzer müssen von Anfang an in die Planung, Gestaltung und Entwicklung von Innovationen einbezogen werden.

Was ist Cross Innovation?

Mit dem Begriff „Cross Innovation“ wird die branchen- bzw. disziplinübergreifende Zusammenarbeit von Kreativschaffenden mit klassischen Wirtschaftsbranchen beschrieben, z. B. mit Unternehmen der Gesundheits- und Automobilwirtschaft, dem Hightechsektor oder dem verarbeitenden Gewerbe. Wenn voneinander unabhängige Lebensbereiche kreativ miteinander in Beziehung gesetzt werden, kann Neues entstehen: Co-Kreationen und cross-sektorale Projekte.

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Komfortzonen verlassen

Wer weiß, was Manager für wunderbare Ideen hätten, wenn sie mal einen Tag im Kindergarten, im Theaterfundus oder im Museumsdepot verbringen würden. Die von mir ausgewählten Fallbeispiele zeigen, warum es wichtig ist, seine Persönlichkeit möglichst vielfältig zu entfalten, sein kreatives Potenzial und seine Talente zu erproben, unterschiedliche Fertigkeiten zu entwickeln und miteinander zu verbinden.

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Musik und Genmedizin

Was sich der Krebsforscher Martin Staege von der Uni Halle ausdachte, klingt verrückt. Er spürt Tumore mit Musik auf: „Man kann die Stärke der Expression von Genen in Tonhöhe und Tonlänge umsetzen, um Melodien zu erzeugen“ (Staege 2016). Staege spielt leidenschaftlich gern Klavier und bemerkte, dass das Ohr falsche Töne sofort identifiziert, dass man aber Fehler in visuellen Darstellungen lange suchen muss. Seine Frage: Würde es über Melodien schneller gelingen, kranke Zellen aufzuspüren? Staege übertrug Notenbilder auf elektronische Abbildungen von Genen. Mit selbst entwickelten Algorithmen gelangte er zu einer völlig neuen Analysemethode – dank seiner kreativen Idee, Musik und Medizin, Naturwissenschaft und Kunst sowie visuelle und akustische Wahrnehmungsmechanismen zu verbinden.

Pharmaindustrie und IT

Die Firma Vitality hat eine intelligente Medikamentendose mit elektronischem Verschluss GlowCap entwickelt. Sie ist mit einer Datenbank verbunden, die ein akustisch-visuelles Signal abgibt und sich öffnet, wenn der richtige Zeitpunkt für die Medikamenteneinnahme gekommen ist. Die korrekte Einnahme konnte von 50 % auf 80 % gesteigert werden.

Julia Lohmann_Oki Naganode_Fotograf Petr Krejci © Julia Lohmann: Installation „Oki Naganode“, Foto: Petr Krejci

Kunst und produzierendes Gewerbe

Künstler und Designer experimentieren für Installationen, Möbel, Mode und Accessoires mit heimischen Naturstoffen. Sie sind Vorreiter der rasant wachsenden Bioökonomie. Die Künstlerin Julia Lohmann verwendet neben Algen auch Papier, Stroh und Löwenzahn. Nun zieht die Automobilindustrie nach. Der Reifenhersteller Continental verarbeitet anstelle von Kautschuk sibirischen Löwenzahn, der ebenfalls über die begehrten gummiartige Eigenschaften ;verfügt.

Crowdsourcing und Lebensmittelbranche

Auf zivilgesellschaftliche Kreativität stützt sich Fruchtgummihersteller Haribo. Auf Anregung der Käufer kommt 2014 eine „Fan-Edition“ mit Goldbären in sechs neuen Geschmacksrichtungen auf den Markt. Der Clou: Auch blaue Fruchtgummibären sind dabei. Und: Der geschmacklose Farbstoff wird aus Algen gewonnen. „Civil bzw. Citizen Creativity“ wird inzwischen on vielen Herstellern genutzt. So entstand das Geschäftsmodell von Innosabi. Auf der gleichnamige Plattform werden gemeinsam mit Kunden im Auftrag von Firmen neue Produkte entwickelt.

 © Haribo-Fanartikel

Marketing und Aktionskunst

Werber, Designer, Games-, Film- und Theaterakteure sind Experten für die Emotionalisierung von Marken und Produkten. Sie inszenieren deren Auftritte bei Messen, Tagungen, Konferenzen und digital für alle Medien. Doch Marken erringen nur dann Aufmerksamkeit, wenn ihre Motivation und innere Haltung authentisch und nachhaltig wirkt. Statt einer normalen Werbekampagne für eine neue Fliegenfalle entwickelten die schon erwähnten Schweizer Künstler Frank und Patrik Riklin für den Bielefelder Biozidhersteller Reckhaus einen Aktionstag zum Fliegenretten. Aus der künstlerischen Intervention entstand ein bis heute anhaltender Unternehmenswandel mit vielen Maßnahmen für mehr Verantwortung im Hinblick auf Umwelt und Nachhaltigkeit.

© Reimar Ott

Produzierendes Gewerbe, Chemie, Medizin

Die Firma Gore hat sich auf wind- und asserabweisende Funktionstextilien spezialisiert. 20 % der regulären Arbeitszeit steht dem Personal für den kreativen Blick über den Tellerrand zur Verfügung. Je nach persönlichen Freizeitinteressen entwickelten die Mitarbeiter aus dem Material neue Produkte für andere Märkte: beschichtete, schmutzabweisende Schalt- und Bremszüge für Fahrräder, länger haltbare Gitarrensaiten, Implantate für die Herz- und Gefäßchirurgie.

Smoothfood heißt ein neues Geschäftsmodell, dass Lebensmittelchemie und 3D-Druc verbindet. Impulsgeber ist die Makerszene der TechShops und FabLabs. Die
Firma Biozoon aus Bremerhaven wandelt Lebensmittel in Pulver um und serviert Menschen mit Schluckbeschwerden, die der pürierten Nahrung überdrüssig sind,
zumindest die haptische Illusion von gebratenen Hähnchenkeulen, Kartoffeln und Möhren. Neben Krankenhäusern und Seniorenheimen werden auch Sterneküchen
mit Produkten aus dem 3D-Drucker beliefert, z. B. mit kunstvollen Gelatine-Desserts im kreativen Design von urbanen Wolkenkratzern, Gebirgslandschaften und
Tieren.

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Draußen und Drinnen

Lopifit holt das Fitnessstudio auf die Straße, indem es Fahrrad, Roller und Laufband kombiniert. Statt in die Pedale zu treten, treibt der Nutzer das Gefährt über ein Laufband an und landete damit in arabischen Ländern einen Überraschungserfolg. War das Fahrradfahren in langen Gewändern bisher eher umständlich, bietet das Loopifit nun deutlich mehr Komfort, weil es im Stehen angetrieben wird.

Landwirtschaft und Elektrotechnik

Der US-Amerikaner Philo Farnsworth kombinierte zwei Welten, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen: Landwirtschaft und Physik. Aufgewachsen in armen Verhältnissen einer Mormonenfamilie musste er zu Hause oft bei der Feldarbeit helfen. Beim eintönigen Pflügen des Kartoffelackers sinnierte er häufig über physikalische Fragen. Er wusste: Radiowellen ließen sich über den Äther funken. Und Bilder? Wäre es vielleicht möglich, wie beim Pflügen eines Kartoffelackers Bilder in parallele Zeilen zu zerlegen und so elektronisch zu übertragen?! Farnsworth verfolgte seine Idee weiter. 1927 gelang ihm im Beisein seiner Geldgeber die weltweit erste elektronische Bildübertragung mit einer Elektronenstrahlröhre. Das ihm die Idee ein Konkurrent stahl und als Patent anmeldete, ist eine andere Geschichte …

 © Filmcover Geniale Göttin 

Musik und Waffentechnik

Hedy Lamarr galt in den 30er/40er Jahren als Sexbombe in Hollywood. Sie selbst empfand Schönheit eher als langweilig. Sie war eine blitzgescheite Querdenkerin, tüftelte an mechanischen Musikinstrumenten und an Waffentechnik. Ein typisches Beispiel für Cross Innovation, das die Übertragung von Lösungsansätzen von einem Lebensbereich auf einen anderen greifbar und nachvollziehbar macht. Doch wie gelang ihr das? Weiterlesen: Sexgöttin als Waffenerfinderin: Wie Cross Innovation gelingt

Handwerk, Kunst, Kultur und Widerstand – das Wendland

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Michael Seelig hat im Wendland vieles initiiert, bewegt und vorangebracht. In den 70er Jahren gründete er in Waddeweitz auf einem Resthof den Werkhof Kukate. Gemeinsam mit anderen Akteuren hat er die Kulturelle Landpartie auf den Weg gebracht und sie von Beginn an mitgestaltet. Außerdem ist Seelig Vorstand der Grünen Werkstatt Wendland, ein Kreativ- und Ideenlabor, das soziale Innovationen in der Region vorantreibt.

 © MassivKreativ: Michael Seelig

Weben und Wissen

Michael Seelig erzählt im Interview von den Anfängen seines Werkhofes Kukate, einer fast 200 Jahre alten Hofstelle mit einem Vierständer-Fachwerkhaus und mehreren Nebengebäuden. Er berichtet, wie er das Konzept für das gemeinsame handwerkliche Schaffen mit seiner Frau Inge über die Jahre weiterentwickelt hat. Ihr Schwerpunkt ist das Handweben. In einigen Ländern gehört dieses besondere Handwerk bereits zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Seit 1990 organisiert Inge Seelig in Kukate die Weberklassen als nebenberufliche Ausbildung. Nach 4 Jahren können die TeilnehmerInnen sie mit der Gesellenprüfung abschließen. Auch die Zeitschrift weben+ wird von Inge Seelig herausgegeben. Sie die einzige deutschsprachige Fachzeitschrift für das Handweben.

 © weben+

Werkhof Kukate

In Kukate treffen sich Gleichgesinnte, die eine große Liebe und Begeisterung für das Handwerk teilen. Abseits vom Alltagstreiben können sie sich einer künstlerischen oder handwerklichen Tätigkeit widmen und auch über Nacht bleiben. Kukate beherbergt neben der Webwerkstatt auch eine Töpferei, eine Goldschmiede, eine Tischlerwerkstatt sowie mehrere Räume, die nach Bedarf gestaltet und genutzt werden können.

 © Petra Bork, pixelio.de

Gemeinschaftserlebnis Handwerk

Eine große Gemeinschaftsküche bietet die Möglichkeit der Selbstverpflegung, auch das schmiedet die Gäste des Werkhofes immer wieder aufs Neue zusammen. Nach getaner Arbeit treffen sich die Kreativen zum Essen und Austausch in einem Aufenthaltsraum im Werkstattgebäude oder in der großen Diele mit offenem Kamin. Bei schönem Wetter tauschen sich die Gäste draußen aus – auf einem mit Kopfstein gepflasterten Hof unter alten Kastanienbäumen.

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Die Kulturelle Landpartie

Im zweiten Teil des Interviews erzählt Michael Seelig darüber, wie 1990 die „Wunde.r.punkte“ im Wendland entstanden und wie sich die Kulturelle Landpartie (KLP) über die Jahre stetig weiterentwickelt hat. Jedes Jahr zwischen Himmelfahrt und Pfingsten öffnen die Bewohner im Wendland in über 90 Dörfern ihre Höfe, Häuser und Gärten und laden zu Ausstellungen und Veranstaltungen ein – in den Bereichen Kunst und Kunsthandwerk, Musik, Klangkunst  und Theater, Ökologie und Nachhaltigkeit, Politik und Kabarett, Performance und Tanz, Vorträge, Lesungen und Führungen. Über 800 Künstler sind daran beteiligt.

Widerstand als Keimzelle

Die Wurzeln der Kulturellen Landpartie liegen im politischen Widerstand gegen das Atommüll-Lager Gorleben. Das gelbe X, das Zeichen des Wiederstandes, wurde weit über die Grenzen des Wendlandes hinaus zum Symbol. Zur 30. Kulturellen Landpartie vom 30. Mai bis 10. Juni 2019 lassen sich KünstlerInnen und Kreative wieder in ihren Ateliers und Werkstätten über die Schulter schauen.

 © Michael Seelig mit dem Spiel Super-GAUdi, Foto: MassivKreativ

Podcast-Interview mit Michael Seelig

Handwerk, Kunst, Kultur und Widerstand – die Kulturelle Landpartie im Wendland

Kreative Bürokratie: Bürgern mit gesundem Menschenverstand begegnen

 © Bernd Kasper, Pixelio.de 

Schon mal gehört? Geschichten über Beamte, die aus Frust weiße Blätter kopieren, nie ans Telefon gehen und ständig krank sind?! Doch es soll auch andere Staatsdiener geben, die im Behördendschungel mitdenken, nach kreativen Schlupflöchern suchen und uns Bürgern mit gesundem Menschenverstand unterstützen.

Kreative Bürokratie

Damit es zukünftig mehr beherzte Beamte gibt und sie im Behördenalltag mehr Ermutigung und Methodik erfahren, fand Anfang September 2018 in Berlin  das „Festival für Kreative Bürokratie“ statt –  das Creative Bureaucracy Festival. Der Begriff „Kreative Bürokratie “ entstand nach dem gleichlautenden Buch The Creative Bureaucracy von Charles Landry und Margie Caust. Es soll ein aktuelles Programm speziell für Beamte entwickelt werden. Das Programm soll dazu beitragen, dass Mitarbeiter aus der Verwaltung auf eine Vielzahl von Methoden und Werkzeugen zugreifen können, um neue Herausforderungen und Probleme zu lösen. Im Vordergrund steht dabei vor allem, den richtigen und motivierenden Umgang mit Mitarbeitern zu finden. Jeder – egal aus welcher Hierarchie – soll in Veränderungsprozessen mitgenommen werden: EntscheidungsträgerInnen ebenso wie MitarbeiterInnen auf Service-Ebene. 

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Veränderungen durch kreativen Austausch

Beim Berliner Kongress kamen kreative Beamte mit Institutionen zusammen, die den öffentlichen Sektor bei der Realisierung von Innovationen unterstützen, außerdem Bürger, die den öffentlichen Sektor in Nichtregierungsorganisationen (NGOs) mitgestalten und neugierige, offene Menschen der Zivilgesellschaft. Die Themen waren und sind vielfältig: Digitalisierung, Transparenz und Partizipation, Bildung, Gesundheit und Mobilität, Arbeit, Wohnen und Sicherheit. Mit gelungenen Praxisbeispielen wurden die Teilnehmer motiviert, anhand von Fehlern („Fuck Up Night“) konnten sie lernen. Die Erkenntnis: eine Bürokratie, die von uns Bürgern als willkürlich, undurchsichtig und gängelnd wahrgenommen wird, kann mit Geduld und Gestaltungswillen positiv verändert werden. Und zwar so, dass Verwaltung die freie Entfaltung der Bürger befördert und sie nicht in einem Dickicht an Vorschriften erstickt.

 © Gerhard FrassaPixelio.de

Amt für unlösbare Aufgaben

Wie gelingt es nun konkret, Wertschätzung, Menschlichkeit und Humor in die Verwaltung hineinzutragen? Wie können Beamte zu einer verständlichen Sprache im Umgang mit unsBürgern finden? Diese Fragen haben sich vier Kreativschaffende gestellt und das Amt für unlösbare Aufgaben gegründet: Stadtentwickler Matthias Burgbacher, Designforscherin Andrea Augsten, Theaterregisseurin Leonie Pichler und Musikmanagerin Julia Wartmann. Mit Perspektivwechsel und einem Augenzwinkern wollen sie dem Alltag und den Vorurteile im öffentlichen Sektor begegnen, etwa so: „Das Gegenteil von Bürokratie ist Willkür.“  Matthias Burgbacher erklärt, dass man Bürokratie ja nicht abschaffen, sie aber auf jeden Fall freundlicher machen könne. Work in progress … Teilhabe verringert geistige Einbahnstraßen,  weckt Phantasie, Toleranz und erhöht die Akzeptanz von Entscheidungen, wie weitere Beispiele zeigen …

 © M. Großmann, Pixelio.de 

Hamburg

Hamburg rief 2016 in Kooperation mit der HafenCity Universität und dem MediaLab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Beteiligungsprojekt
Finding Places zu 34 Workshops auf. An einem interaktiven Stadtmodell konnten Bürger geeignete Orte für neue Flüchtlingsunterkünfte benennen. Eine Bürgerbeteiligung mit Lerneffekt, denn vielen wurde zum ersten Mal bewusst, wieviele Bestimmungen und Vorschriften im städtischen Raum zu beachten sind. 

Rostock

In Rostock übernahmen im September 2015 kurzerhand die Bürger das Ruder, als die Verwaltung mit den ankommenden Flüchtlingen überfordert war. Anfangs gab
es Widerwillen gegen das bürgerliche Engagement, dann doch Anerkennung von Senator Steffen Bockhahn für die kreativen Ideen: „Ohne die Zivilgesellschaft hätten wir es damals nicht geschafft.“ (Böttcher 2016) Akteure vom Verein „Rostock hilft“ und vom Kreativzentrum projekt:raum haben die Aktionen maßgeblich getragen, logistisch über digitale Einsatzlisten und Facebook organisiert und viele kreative Programme für Geflüchtete entwickelt, wie „Kochen über den Tellerrand“.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Bonn

Im Viktoriakarree in Bonn stoppte ein Bürgerbegehren den Verkauf von Grundstücken an einen Investor, der dort eine Shopping-Mall bauen wollte. Daraufhin richtete das Künstlerteam CommunityArtWorks mit Daniel und Jennifer Hoernemann gemeinsam mit Architekten und Stadtentwicklern ein Bürger-Atelier in der Innenstadt ein. Dort begleitet CommunityArtWorks ein Bürgerbeteiligungsverfahren und schafft über künstlerisches Wahrnehmen, Denken und Handeln Raum für Kreativität und Fehlerkultur. Das Künstlerteam bearbeitet seit langem gesellschaftliche und unternehmerische Herausforderungen mit künstlerischen Methoden und Interventionen im öffentlichen Raum. Es greift mit dem „Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen“ aktiv in Prozesse ein, fördert Kommunikation und Reflexion.

 © CommunityArtWorks

Dänemark

Im dänischen Kopenhagen haben Wirtschafts-, Finanz- und Justizministerium das Innovationslabor MindLab gegründet, das noch bis Ende 2018 aktiv ist. Die Mitarbeiter sollen den Alltag in der Metropole lebenswerter und kreativer machen. Sie begleiten Bürger bei Behördengängen und ermitteln deren Probleme beim Ausfüllen von Formularen. Sie hören den Bürgern zu und fragen direkt nach, was verbessert werden kann. 130 Projekte haben die Vordenker landesweit angestoßen, in den Bereichen Mobilität, Bildung und Wissensmanagement, bei der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt und der Müllvermeidung: Grüne Fußabdrücke auf Bürgersteigen, die den Weg zu Mülleimern zeigen, halfen dabei, den Abfall auf Straßen um beachtliche 40 Prozent zu reduzieren.

 © neurolle RolfPixelio.de

Großbritannien

Regierungen engagieren immer häufiger „Mitarbeiter für Verhaltenseinblicke“, um mit der Nudge-Methode das Verhalten der Bürger auf vorhersagbare Weise zu beeinflussen (vgl. Richard H. Thaler/Cass R. Sunstein: Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt. 2017, S. 26-27), „The Behavioural Insights Teams“ agieren abseits von Verboten, Geboten oder ökonomischen Anreizen. Die US-amerikanische Regierung testete dies 2008 unter Barack Obama, die britische Regierung 2010 unter David Cameron und ebenso die Bundesregierung unter Angela Merkel. Die vom Staat eingesetzten Psychologen sollen Bürger mit kleinen „Anstupsern“ animieren, sich besser zu verhalten: Energie zu sparen, Steuern zu zahlen, für das Alter vorzusorgen, sich gesünder zu ernähren. Die Briten gehen derzeit der Frage nach, wie sich Gewissenhaftigkeit, Verantwortung, Motivation, Kreativität und Offenheit am besten unterstützen lassen. 

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Österreich und Schweiz

In Österreich erarbeiten Akteure aus Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft im GovLab übergreifende Lösungsansätze. Die Erkenntnisse werden über Prototypen an andere Bürger weitergegeben. In der Schweiz unterstützt das gemeinnützige „Staatslabor“ die öffentliche Verwaltung mit innovativen Lösungen. In die Modellprojekte sollen Bevölkerungsgruppen eingebunden werden, die in der Schweiz nicht über Stimm- und Wahlrecht verfügen.

Sexgöttin als Waffenerfinderin: Wie Cross Innovation gelingt

 © Filmcover Geniale Göttin 

Hedy Lamarr galt in den 30er/40er Jahren als Sexbombe in Hollywood. Sie selbst empfand Schönheit als langweilig. Lamarr war eine blitzgescheite Querdenkerin, tüftelte an mechanischen Musikinstrumenten und an Waffentechnik. Ein typisches Beispiel für Cross Innovation: Lösungsansätze werden von einem Lebensbereich auf einen anderen übertragen. Doch wie gelang Lamarr das?

Begeisterung für Technik

„Jedes Mädchen kann glamourös sein. Du musst nur still stehen und dumm dreinschauen.“ – Hedy Lamarr zog ihre Energie nicht aus ihrer Schönheit, sondern aus ihrer Begeisterung für Fortschritt und Technik. In den 20er Jahren tüftelte sie gemeinsam mit dem Musik-Utopisten und Komponisten George Antheil daran, bis zu 16 selbstspielende Klaviere (Pianolas) zu synchronisieren. Es gelang ihnen mit Hilfe von Lochstreifen. Die gleichzeitig ablaufenden Klavierrollen waren die Basis für Antheils bahnbrechendes Werk Ballet Mécanique. Was dahinter steckt, beschreibt er in seinem Buch „Bad Boy of Music“: „Meine Absicht war es, dem Zeitalter, in dem ich lebte, sowohl die Schönheit wie auch die Gefahr seiner unbewussten mechanischen Philosophie und Ästhetik klarzumachen …“

 © Pianola mit Lochstreifen

Der Mensch wird ersetzt

So wie heute über den Einsatz künstlicher Intelligenz in Bereichen diskutiert wird, die bisher dem Menschen vorbehalten, so standen die 20er Jahre ganz im Zeichen der Automatisierung. In der Musik verblüfften z. B. die neuen selbstspielenden Klaviere mit aberwitzigen musikalischen Abläufen, Tempi und Rhythmen, die ein Mensch am Klavier nie hätte meistern können.

Cross Innovation

Auch Hedy Lamarr ließ sich von den neuen technischen Möglichkeiten in Bann ziehen. Aber nicht nur im Bereich von Musik und Kultur. Sie war eine Vor- und Querdenkerin, die das Zeitgeschehen um sie herum genau wahrnahm. Eine Voraussetzung dafür, dass Cross Innovation entstehen kann, indem eine Idee von einem Lebensbereich in einen völlig anderen übertragen wird, offen und interdisziplinär sozusagen.

Offen für Weltprobleme

Hedy Lamarr stammte aus einer jüdischen Familie. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten heiratete sie einem österreichischen Waffenfabrikanten, der später auch mit Deutschland Geschäfte machte. Lamarr verließ ihn 1937 und bezog im 2. Weltkrieg gegen den Nationalsozialismus klar Position, indem sie sich auf die Seite der Alliierten stellte. Unter den historischen Eindrücken kam die Tüftlerin auf die Idee, ihre Erkenntnisse im Kampf gegen die Nazis zu nutzen. Gemeinsam mit Antheil entwickelt sie um 1940 ein Verfahren, um die Lochstreifen der selbstspielenden Klaviere als Steuerelement auf Torpedotechnik zu übertragen.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Vom Pianola zum Torpedo

Da Torpedos über Funk gesteuert werden, sind sie über fest stehende Frequenzen leicht ausfindig zu machen, auch für Feinde. Lamarr und Antheil wussten bereits, dass identische Lochstreifen gleichzeitige Frequenzwechsel zwischen Sender und Empfänger ermöglichen. Wie wäre es also, wenn man die wechselnden Frequenzen der Pianola-Fernsteuerung auf die Torpedo-Technik übertragen würde? Mit dieser Funkfernsteuerung wären die Torpedos nicht mehr so leicht zu verfolgen, zu stören und damit für die Nazis auch schwerer anzugreifen. Monatelang entwickelten die beiden Kreativen ihre Idee weiter. Unterstützend kam möglicherweise der glückliche Umstand hinzu, dass Lamarr als Ex-Frau eines Waffenherstellers über geheime Informationen in der Funktechnik verfügte.

 © Pianola-Rolle

Patent und Weiterentwicklung

Schließlich half ein Professor für Elektrotechnik am California Institute of Technology den beiden dabei, das Patent zur Anmeldung vorzubereiten. Im August 1942 wurde das Verfahren zwar vom Patentamt bewilligt, aber seiner ursprünglichen Form nicht eingesetzt. Das Prinzip des gleichzeitigen Frequenzwechsels wurde jedoch stetig weiterentwickelt. Es fand Eingang in die Schiffstechnik der US-Navy und in den Bereich der Kommunikation. Heute wird das Prinzip u. a. für WLAN- und Bluetooth-Verbindungen genutzt, die auf Frequenzsprünge nach einem bestimmten Zufallsmuster setzen.

Späte und posthume Ehrungen

1997 erhielt Hedy Lamarr gemeinsam mit dem bereits 1959 gestorbenen George Antheil den Pioneer Award der Electronic Frontier Foundation EFF. 2014 wurde sie posthum in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen. In Deutschland, Österreich und in der Schweiz wird an ihrem Geburtstag am 9. November der Tag der Erfinder gefeiert. Reich und berühmt wurde Lamarr mit ihrer Erfindung übrigens nicht. Sie starb im Jahr 2000 in Florida. Auf ihren Wunsch hin verstreuten ihre Kinder die Hälfte ihrer Asche im nördlichen Wienerwald am Stadtrand von Wien. Die restliche Asche wurde 2014 in einer Urne auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet (in Gruppe 33 G, Grab Nr. 80). 2018 erzählt der  Dokumentarfilm Geniale Göttin (Regie: Alexandra Dean) noch einmal ihre Geschichte. Eine späte Würdigung für eine Vordenkerin für Cross Innovation.

 © als Cover-Girl im Magazin Invention &Technology  

 

Weitere bemerkenswerte Beispiele für Cross Innovation in diesem Artikel (folgt in Kürze):

Kreative Karambolagen: Open und Cross Innovation

Ideenlabor und Impulsgeber: die Grüne Werkstatt Wendland

 © MassivKreativ

Die Grüne Werkstatt Wendland versteht sich als Plattform und Prototyp in einem, als kreatives Ideenlabor und Impulsgeber für das Wendland. Das Projektbüro ist im ehemaligen Alten Postamt in Lüchow untergebracht, kurz Postlab genannt. Ein engagierter Kreis von Ehrenamtlichen entwickelt und koordiniert neue Vorhaben, die jeweils über Projektförderungen finanziert werden. Dabei stehen Fragestellungen im Zentrum, die die Region in besonderer Weise voranbringen sollen, z. B. 

Welche Ausstellungskonzepte würden mehr Besucher in ein regionales Museum ziehen?
Wie könnte man Lüchow als lebendige Einkaufsstadt attraktiver gestalten?
Wie sehen Produkte aus, die Jugendliche motivieren, neue Fähigkeiten zu erlernen?
Was lässt sich aus den MDF-Plattenresten der Firma Werkhaus herstellen?
Wie bringt man ‚krummes‘ Gemüse aus dem Wendland auf den Markt?
Wie möchte ich leben? Wie möchte ich arbeiten? Wie können wir die Welt besser, schöner und gerechter machen?“

und so weiter … 

Gemeinsam stark für die Region

Hinter der grünen Werkstatt steht ein kleiner gemeinnütziger Verein, der Netzwerke zwischen Hochschulen, Schulen, Verwaltungen und regionaler Wirtschaft initiiert und so die Region stärkt. Zu den Initiatoren der Grünen Werkstatt gehören Bürger, Vertreter der Kreisverwaltung Lüchow-Dannenberg und der Wirtschaftsförderung, ferner Künstler, Handwerker und Unternehmer.

Mitdenken und Mithandeln

Die Grüne Werkstatt Wendland beschreibt sich selbst als Treffpunkt für Menschen, die für ihre Projekte Mitdenkende, Mitmachende und Ermöglichende suchen. Als Platz für Freischaffende und Firmengründende, die nicht allein arbeiten wollen, sondern sich austauschen möchten. Als Raum für Menschen, die etwas bewegen und darüber mit anderen diskutieren wollen. Als gute Adresse für Wendländer auf Zeit, die an ihren Ideen arbeiten wollen. Als Ort, an dem man gut Kaffee trinken und Ideen ausbrüten kann. Die Aktion Willkommenstrunk  zum Beispiel erfand eine kreative Gruppe um Webdesignerin Simone Walter: Geflüchtete und Einheimische ernteten 2015 gemeinsam Äpfel und pressten daraus Saft. Der Verkaufserlös kam den Geflüchteten zugute.

 © MassivKreativ

Junge Designer und regionale Unternehmen 

Nicole Servatius übernahm direkt nach ihrem Studium an der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim die Leitung des Projektbüros der Grünen Werkstatt. In Design Camps brachte sie junge Design-Studenten und Absolventen mit lokalen Unternehmen zusammen, die gemeinsam neue maßgeschneiderte Produkte und Geschäftsmodelle entwickelten. Viele junge Menschen aus der Stadt haben auf diese Weise  das Leben und Arbeiten auf dem Lande kennen und lieben gelernt.

Kreative Köpfe und Ideen

Was treibt die Menschen im Wendland an? Wovon träumen sie? Diese Fragen hatten auch die Akteure der Grünen Werkstatt und entwickelten dazu das Buch Wendland im Wandel. 20 Protagonisten dieses Buches erzählen beispielhaft ihre Geschichten und Taten, erklären ihre Lebenskonzepte und Ihr Schaffen im Alltag. Einige von ihnen haben ihre Kindheit im Wendland verbracht und sind später nach Ausbildung oder Studium bewusst wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Andere haben sich nach einem (Vor-)Leben in der Großstadt bewusst für das Wendland entschieden. Die Schilderungen der unterschiedlichen Lebenswege sollen auch andere Bürger ermutigen, das Leben und die Zukunft der einzigartigen Region aktiv mitzugestalten. 

 © Buch der Grünen Werkstatt

Projekte und Vorhaben

Im Interview berichtet Nicole Servatius über weitere Projekte der grünen Werkstatt, z. B. über Ausstellungen junger Designerinnen im Wendland und im Museum Wustrow, z. B. „Museum öffne Dich“ und „Stadt Land Flucht“ und über „Leben auf dem Lande –  Wohnen auf großen Höfen“. Sie stellt ihre neue Tätigkeit als Leiterin der Stabsstelle Regionale Entwicklungsprozesse des Landkreises Lüchow-Dannenberg vor und das  im Juli 2018 gestartete zweijährige Projekt „WendLandLabor“ des Landkreises Lüchow Dannenberg – ein Projekt für soziale Innovationen. Nicole Servatius übernimmt dafür koordinierende Aufgaben, Christof Jens leitet die operativen Geschäfte. Servatius spricht über Synergie-Effekte für die Grüne Werkstatt, über junge Fachkräfte für die Region, über Chancen, Potentiale und den besonderen Charme des Wendlands.

 © MassivKreativ: Nicole Servatius

PODCAST-INTERVIEW

Ideenlabor und Impulsgeber: die Grüne Werkstatt Wendland

Schweine, Landleben und Politik: der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde

 © Jerzy Sawluk, pixelio.de

Seine Schweine und seine Serie „Marundes Landleben“ haben den Cartoonisten und Illustrator Wolf-Rüdiger Marunde  bekannt gemacht. Marunde wurde in Hamburg geboren, ist später in ländlichem Umfeld in Schleswig-Holstein aufgewachsen und lebt seit 1988 im Wendland. Er hat für viele Print-Magazine gezeichnet, u. a. für Brigitte, Stern und Pardon. Bis heute erscheint ein wöchentlicher Cartoon von ihm in der HÖRZU.

 © MassivKreativ: Wolf-Rüdiger Marunde

Wandler zwischen Stadt und Land

In seinen lebensprallen Zeichnungen und Illustrationen nimmt Marunde häufig Bezug auf das Landleben. Seine Helden und Charaktere stammen  jedoch aus Stadt und Land, häufig Tiere, sehr oft Schweine, aber auch menschliche Zeitgenossen, wie Bauern, Jäger, Großstädter und Umweltaktivisten. Wenn beide Welten aufeinander treffen, ergibt sich „Zündstoff“. Im Interview erzählt Marunde, wie seine künstlerische Arbeiten entstehen, wie er recherchiert, kreative „Feldstudien“ betreibt und wie sein Tagesablauf aussieht.

  © Karl-Heinz Laube, pixelio.de

Themen zwischen Umwelt und Politik

Auch Umwelt und Politik thematisiert Marunde in seinen Arbeiten. Im Interview berichtet er, was für ihn das Besondere am Wendland ist, wie er die Anti-Atomkraft-Bewegung rund um Gorleben erlebt hat, wie die Kulturelle Landpartie – kurz KLP – einst begann und wie er heutige gesellschaftliche Entwicklungen und Probleme sieht. Marunde spricht auch darüber, welche Rolle Künstler in der Gesellschaft spielen, ob und wie sie sich politisch engagieren sollten.

  © MassivKreativ: Wolf-Rüdiger Marunde und Antje Hinz

 

PODCAST-INTERVIEW

Schweine, Landleben und Politik: der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde

Kreative Ideen für das Dorf: Rüterberg an der Elbgrenze in Mecklenburg

  © MassivKreativ

Rüterberg hat eine besondere Geschichte: Zu DDR-Zeiten war der kleine Ort an der östlichen Elbgrenze komplett von Grenzanlagen umzäunt und nur über ein kleines Tor passierbar. Bis unerschrockene Bürger einen Tag vor dem Mauerfall am 8. November 1989 die „Dorfrepublik Rüterberg“ ausriefen. Seitdem hat sich einiges im Ort getan, dank kreativer Ideen engagierter Bürger.

Das umzäunte Dorf der DDR

Wegen seiner besonderen Lage hat Rüterberg Geschichte geschrieben. Zu DDR-Zeiten war der kleine Ort von der Außenwelt nahezu abgeschlossen. Die 140 Bewohner konnten nur durch ein Tor in die Außenwelt gelangen, zwischen 5 Uhr morgens und 23 Uhr abends. Nachts blieb das Tor geschlossen. Wer zu spät kam, musste außerhalb des Ortes übernachten. Tagsüber wurde das Tor von Grenzsoldaten streng bewacht. Passkontrollen waren für die Dorfbewohner allgegenwärtig. Besuch musste sechs Wochen vorher angemeldet werden. „Wenn ein Baby schneller auf die Welt kam als geplant, hatten die Eltern das Nachsehen. Sie mussten den Nachwuchs alleine feiern, weil die auswärtigen Gäste so kurzfristig keinen Passierschein bekamen“, erzählt Meinhard Schmechel. Er war von 1981 bis 2004 Bürgermeister von Rüterberg. Selbst bei Todesfällen blieb die Staatsmacht unbarmherzig. Sondergenehmigungen wurden nicht erteilt. So fiel der Kreis der Trauergemeinde in Rüterberg oft kleiner aus als anderswo im Land. 

  © Carola Borchers; Meinhard Schmechel im Interview

Dorfrepublik Rüterberg

„Ich konnte mir meinen Besuch immer aussuchen“, erinnert sich Schmechel augenzwinkernd. Mit Galgenhumor reagierten die Rüterberger häufig auf das abgeschiedene Leben an der Elbgrenze. Spontan passierte hier nichts. Manchmal blieb sogar tagsüber das Tor geschlossen, so dass die Rüterberger nicht pünktlich zur Arbeit kamen. Begründungen lieferte die Staatsmacht nie, Fragen war nicht erwünscht. Doch kurz vor dem Mauerfall wagten die Bürger den Aufstand. 

Wende

Am 8. November 1989 riefen die Rüterberger auf einer Einwohnerversammlung nach dem Vorschlag des Schneidermeisters Hans Rasenberger die „Dorfrepublik Rüterberg“ aus – nach dem Vorbild der Schweiz. Rasenberger hatte sich intensiv mit der Schweizer Geschichte und Verwaltung beschäftigt. Seit 1988 durfte er mit einer Sondergenehmigung Verwandte in Westdeutschland besuchen, reiste auch in die Schweiz und erfuhr dort im Umfeld der Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag vom Rütlischwur. Langsam reifte der Plan, aus Rüterberg eine Dorfrepublik zu machen.  Auf der Einwohnerversammlung verteilte er ein Papier  und schlug darin vor, die Dorfrepublik als Urform der „Direkten Demokratie“ zum Modell für Rüterberg zu machen. So sollte die Basis dafür geschaffen werden,  dass sich die Rüterberger ihre eigenen Gesetze für ihr Dorf schaffen konnten. Die Bürger stimmten geschlossen zu. 

  © MassivKreativ: Elbblick vom Aussichtsturm

Erinnerungen

„Die Apparatschiks waren ziemlich irritiert und fragten einen Tag später – also am Tag des Mauerfalls am 9. November noch mal nach, ob das Ausrufen der „Dorfrepublik“ wirklich ernst gemeint gewesen sei,“ erinnert sich Meinhard Schmechel. „Kurios war, dass wir bereits am 10. November in den Westen reisen durften, aber nach Rüterberg noch immer kein Fremder hinein durfte.“ 

Der Titel „Dorfrepublik“ wurde später offiziell „genehmigt“. Am 14. Juli 1991 erteilte der Innenminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern der Gemeinde das Recht, die Bezeichnung „Dorfrepublik 1961–1989“ (ab 2001 „Dorfrepublik 1967–1989“) auf allen Ortsschildern als Zusatzbezeichnung zu führen. 100 Jugendliche aus 19 Nationen waren anwesend, als der Gemeinde die Urkunde überreicht wurde. Seit 21. Oktober 2002 heißt das Dorf wieder Rüterberg, das außergewöhnliche Schild steht noch immer am Eingang des Ortes. 

  © Uta Sander; Carmen M. Borchers  im Interview

Rüterberg heute

184 Einwohner leben heute in Rüterberg. 50% Einheimische und 50% Zugezogene, viele aus den alten Bundesländern. Beim Miteinander gibt es noch Luft nach oben, findet Carmen M. Borchers. Sie hat nach der Wende ein traditionelles Klinkerhaus in Rüterberg gekauft und ist quasi als Neubürgerin in den Ort gezogen. Zuvor hatte sie in Hamburg ein bewegtes Berufsleben geführt, war u. a. als Übersetzerin, interkulturelle Trainerin und Bildungscoach tätig. An den Wochenenden zog sie sich zum Auftanken nach Rüterberg zurück, bis sie ihr Domizil ganz nach Rüterberg verlegte.

  © Carmen M. Borchers: Produkte der Elbgoldmanufaktur   

Regionale Köstlichkeiten

Heute erfindet und vermarktet sie heute kleine Delikatessen aus der Natur. Ihre Elbgoldmanufaktur auf der rechten Seite der Klinkerstraße produziert aus eigener „Pflückung“ oder aus der Ernte der Nachbarn Marmeladen, Gelées, Chutneys, Essig-Essenzen, Öle, Liqueure, Kräutersalz und weitere Köstlichkeiten. Borchers sieht es als Hobby. Denn ein neues wichtiges Vorhaben im Ort fordert ihre Aufmerksamkeit. Aus der alten Schule bzw. dem ehemaligen Gasthaus soll ein neues Gemeinschaftshaus werden. 

   © Carmen M. Borchers: Gemeinschaftshaus Rüterberg 

Umnutzung der alten Schule

Gemeinsam mit etwa 50 weiteren MitstreiterInnen, unter ihnen auch Meinhard Schmechel, hat Carmen Borchers einen Verein gegründet, der das Projekt „Gemeinschaftshaus“ zur Chefsache erklärt hat. „Durch das Haus und das gemeinsame, schöpferische Tun sollen alte und neue Rüterberger enger zusammenwachsen“, wünscht sich Borchers, einen Treffpunkt und Raum für kreative Initiativen von und für die Dorfbewohner. Die örtlichen Vereine – Karneval-, Feuerwehr-, Bootsverein und der Förderverein der Tongrube (siehe Artikel unten) – hätten wieder die Möglichkeit, dort Treffen und Veranstaltungen durchzuführen.

Soziales Miteinander

Alle, die im Ort kreativ und kulturell tätig sind, könnten die Räume im Gemeinschaftshaus nutzen, um ihre Arbeiten zu präsentieren und Veranstaltungen, Lesungen, Literarische Salons, Kinovorführungen, Sportkurse und Treffen von Kreativgruppen anzubieten. Borchers fasst das Anliegen des Vereins so zusammen: „Wir glauben, dass wir durch ein Gemeinschaftshaus, an dem alle, Jung und Alt, Einheimische und Zugezogene, Kreative und handwerklich Tätige sich beteiligen können, damit der soziale Zusammenhalt und das Zusammenleben positiv befördert werden. Wir glauben, dass es einen „Ort für alle“ geben sollte, an dem durch ehrenamtliche Mitarbeit das „Gesicht des Dorfes“ noch ein anderes bzw. schöneres Profil bekommen könnte.“ 

  © Carmen M. Borchers: Heimatstube

Geschichte(n) in der Heimatstube

Auch ein kleines Heimatmuseum – die „Heimatstube“ –  soll wiederbelebt werden. Sie zeigt Alltagsgegenstände und historische Zeugnisse aus der Zeit der DDR. Das Museum kann aus Personalgründen im Moment nur stundenweise auf Anfrage geöffnet werden, z. B. wenn Schulkassen anfragen. Die jungen Besucher lauschen dann oft staunend den Zeitzeugen-Schilderungen von Meinhard Schmechel. Borchers hofft, dass das Museum bald aktualisiert werden kann, denn die neuere Geschichte von Rüterberg nach 1989 fehlt noch im Museum.

   © Carmen M. Borchers: Heimatstube 

Ein neues Gemeinschaftshaus 

Das neue Nutzungskonzept der Rüterberger liegt schon eine ganze Weile in der Stadtverwaltung von Dömitz. Zu lange, findet Schmechel. Die Ungeduld wächst, nicht nur bei ihm. Die Bürger stehen in den Startlöchern, um die alte Schule gemeinsam zu restaurieren und ihr als Gemeinschaftshaus neues Leben einzuhauchen. Doch die Stadt Dömitz braucht dringend Geld und würde das alte Haus am liebsten verkaufen. Die Rüterberger hingegen hoffen, dass sie ihr Gemeinschaftshaus mit eigenem Nutzungskonzept selbst verwalten und „bespielen“ dürfen. Eine Bearbeitung des Antrags der Rüterberger ist trotz Nachfrage der Rüterberger bislang in Dömitz nicht erfolgt. Der Ausgang ist im Juni 2018 noch offen …

  © Carmen M. Borchers: Gastronomie im Gemeinschaftshaus

   © Carmen M. Borchers: Gastronomie im Gemeinschaftshaus

Sanfter Tourismus  

Viele Rüterberger hoffen, dass sich auch ein neuer, motivierter Pächter für das Gasthaus und die vier Zimmer findet, die ebenfalls in der alten Schule ansässig sind. Eine gut gehende Gastronomie mit Herz ist wichtig! Ziel ist für Rüterberg ein maßvoller Tourismus, der den Charme und die Idylle im Ort bewahrt. Manche wollen einfach nur ihre Ruhe, weiß Borchers. Doch Meinhard Schmechel berichtet: „Schon heute radeln im Sommer zwischen 400 und 500 Besucher durch den Ort. Die Gäste bewundern die einzigartige Natur an der Elbe und würden sich freuen, wenn sie hier auch eine Kleinigkeit essen oder trinken und vielleicht über Nacht bleiben könnten“, sagt Borchers. 

  © Carmen M. Borchers: Kunst aus der Natur

  © Carmen M. Borchers: Kunst aus der Natur

Kunst und Kreatives  

Zu Pfingsten öffnet Carmen M. Borchers ihr Haus für Kunst offen. Sie lädt Künstler in ihr hübsches Klinkerhaus ein, die den Besucher ihre Werke zeigen und über ihr kreatives Schaffen Auskunft geben: „Auf Augenhöhe, ganz unakademisch, so als würde man mit einem Freund oder einer Freundin plaudern“, erzählt Borchers. Fragen sind ausdrücklich erwünscht. So können sich nicht nur Kontakte zwischen Künstlern und Besuchern entwickeln, sondern auch zwischen den Bewohnern  untereinander. Diese Chance könnten die Rüterberger noch stärker nutzen, findet Borchers. Ihr Haus stehe jederzeit offen, bekräftigt sie.  

  © Carmen M. Borchers

Tongrube

Ein idyllisches Refugium für Naturliebhaber ist die ehemalige Tongrube am linken Ortseingang von Rüterberg. Wo früher Ton für das Klinkerwerk gewonnen wurde, hat sich über die Jahre ein kleiner See gebildet, der von den Rüterbergern gerne zum Baden genutzt wird. Der Förderverein Naturschutz Elbetal e.V. hat einen Natur-Erlebnispfad angelegt und mit Informationstafeln versehen.

Rüterberg ist ein Traum für Naturliebhaber und Ausgangspunkt für den Sprung über die Elbe ins Wendland. Den haben schon die Ahnen von Rüterberg gewagt. Das Wappen von Rüterberg zeigt einen Ritter, der einst vom Rüterberg mit seinem Pferd hinüber gesprungen sein soll, um Rüterberg von Räubern zu befreien. Heute kann der Sprung über die Elbe völlig zweckfrei unternommen werden … 

PODCAST-INTERVIEW

Kreative Ideen für das Dorf Rüterberg an der Elbgrenze in Mecklenburg


Mind the Progress – Kongress zu Kreativität und Digitalisierung

 

 

 

 

© MassivKreativ

Ist es denkbar, dass der DJ-Beruf ausstirbt und von einer Künstlichen Intelligenz, kurz KI, ersetzt wird – in Clubs und auf Festivals? Ist vorstellbar, dass wir auf der Tanzfläche über ein digitales Armband getrackt und mit einer KI vernetzt werden, während der künstliche Watson-DJ in Echtzeit den passenden Beat und Stil in den Saal hineinspielt – abgestimmt auf den Pulsschlag der Tänzer? Inwiefern macht Künstliche Intelligenz der menschlichen Kreativität Konkurrenz? Diesen und weiteren Fragen widmete sich der zweitägige Kongress „Mind the Progress“ in Hamburg.

Kreative Vielfalt durch Digitalisierung

Kreative sind „Pioniere in der Veränderung von Marktsituationen“, lobte Kultursenator Carsten Brosda in seinem Eröffnungsvortrag die Innovationskraft von Kreativen. Und mahnte, viele in Deutschland würden Veränderungen ignorieren bzw. verschlafen. Symbolisch für die Situation kursiere ein Satz über Startups: „In Israel werden sie erfunden, in den USA monetarisiert und in Deutschland reguliert.“ Der Kongress und seine kompetenten Referenten lieferten in vielfältigen Formaten vor allem abwechslungsreiche Beispiele aus den Bereichen Kreativität und Digitalisierung. In Keynotes, Panels, Vorträgen und im Rahmenprogramm konnten die Besucher ihren Blick auf das Thema erweitern. 

 

 

 

 

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Was ist Kreativität?

Kreative Produktionsprozesse werden dank Digitalisierung immer bunter und vielfältiger. Virtual Reality, Augmented und Mixed Reality sorgen ebenso wie 3D-Druck für neue Ausdrucksmöglichkeiten. Künstliche Intelligenz, kurz KI, dringt zunehmend in künstlerische Bereiche ein. 

Kreativ zu werden heißt, etwas Neues zu erfinden. Dies gelingt auch, wenn Altes neu kombiniert wird. Ob das Neue auch innovativ ist und einen Mehrwert liefert, entscheiden wir Menschen. Unzählige Berater und Coaches strömen seit Jahren durch Institutionen und Unternehmen, um Mitarbeitern angebliche Geheimtipps für mehr Kreativität zu vermitteln. Dabei ist noch gar nicht geklärt, wie Kreativität überhaupt entsteht. In seiner Keynote sprach Sascha Friesike, ursprünglich  Wirtschaftsingenieur, der jetzt an der VU Universität in Amsterdam lehrt und u. a. in Stanford und St. Gallen forschte, über Herausforderungen, Risiken und Chancen beim digitalen Wandel. Wie verändert sich das Verhältnis von Inhalt und Technologie, Kreativität und Digitalisierung? Inwiefern sind digitale Technologien Medium für kreative Ausdrucksformen? 

Friesike zeigte in seinem Impulsvortrag anhand von Beispielen, dass Transformation nicht durch einen einmaligen Vorgang fertig vollzogen werden kann. Transformation sei ein ständig andauernder, langwieriger Prozess, so Friesike. Die Lösung für unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen sei nicht allein in der Technologie enthalten. Kreative Tätigkeiten erzeugen in erster Linie qualitative und nicht quantitative Ergebnisse durch Lesen, Schreiben, Denken. Anhand von „additiver“ und „subtraktiver“ Kreativität, bei der Dinge ergänzt oder weggelassen werden können, erläuterte Friesike den Prozess der Disruption. Er prognostiziert etwas kühn: Kreativität werde langfristig durch Künstliche Intelligenz ersetzt. Vielleicht protestiert das Publikum gegen diese etwas kühne Thesen nicht aufgrund tropischer Temperaturen im Saal. Was hingegen sicher zu sein scheint: Die Praxis der Arbeit wird sich durch Künstliche Intelligenz stark verändern.

 

 

 

 

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Künstliche Intelligenz im Alltag

Was kommt in der Evolution nach dem Menschen? Was könnte dem homo sapiens folgen? Ist es Technologie, also eine Kombination aus Mensch und Maschine? Bleiben wir auf diese Weise die „Krone der Schöpfung“ oder schaffen wir uns mit Künstlicher Intelligenz langfristig selbst ab? Einige Biowissenschaftler vertreten bereits heute den Standpunkt, wir Menschen seien im Grunde nur „biologische Algorithmen“. Darüber schreibt auch der israelische Autor Yuval Harari in seinem Buch «Homo Deus: Eine Geschichte von morgen».

Fakt ist: Künstliche Intelligenz ist bereits tief in unseren Alltag vorgedrungen. Sie ist vielerorts Mitbewohnerin geworden – Stichwort „smart home“. Sie bestimmt unser Konsumverhalten, sie verändert unser Zusammenleben, unsere Arbeitswelt und rüttelt an den Grundfesten unseres Selbstverständnisses. 

In einem Kurzinterview gegenüber der Hamburg Kreativ Gesellschaft erklärt die Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen den Unterschied zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz so:  „Vor allem ist menschliche Intelligenz flexibel. Wir können uns auf immer neue Situationen einstellen. Künstliche Intelligenzen sind Spezialisten. Sie können manche Dinge besser und schneller als der Mensch, dafür aber nichts anderes. Und die menschliche Intelligenz ist auf Engste mit dem menschlichen Körper verbunden, der z.B. regelt, was wir wie wahrnehmen können. Wie intelligent die Künstliche Intelligenz werden kann, ohne sich daran zu orientieren, ist unklar.“

 

 

 

 

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Digital Art

Die zweitägige Tagung „Mind the progress“ ließ keine Langeweile aufkommen. Vielfältige Formate sorgten für Abwechslung, auch über kreative Produktionen selbst. Das Smartphone hat unseren Alltag smart gemacht. Immer neue Gadgets bereichern unser smart home und unsere smart city. Heißt smart stets: innovativer, intelligenter, individueller? Inwiefern kann auch die Kunst smarter werden? Im Panel „Digital Art“ sprach Künstlerin Giulia Bowinkel über die Erweiterung von Wahrnehmungserlebnissen durch Virtual Reality und durch die Kombination von Liveperformance und digitaler Animation. Lina Wassong schwärmte über virtuelle Planungs- und Fertigungsverfahren, die ihr als Künstlerin eine ungeahnte Formenvielfalt ermöglichen. Julian Adenauer, Gründer des RETUNE-Festivals, engagiert sich für künstliche Intelligenz im künstlerisch-kreativen Umfeld abseits nutzergetriebener Anwendungen in der Wirtschaft. Er schätzt  dabei vor allem den interdisziplinären Ansatz. Ulrich Schrauth, Initiator und Kurator des Festivals VRHAM! stellte die Immersionskraft von VR-Simulationen im Umfeld des Theaters heraus.

Vielfältige Realitäten: VR – AR – MR

Im Publikum wurde die Frage  nach den Produktionsbedingungen für digitale Kunst gestellt. Julian Adenauer betonte, dass es in den künstlerischen Hochschulen vor allem um Feedback und die Entwicklung qualitativer Kriterien für digitale Kunst gehe. Handwerk und technische Fähigkeiten in Bezug auf Sensorik, 3D, VR usw. würden sich junge Künstler vielfach selbst aneignen. Mit Blick auf die Marktorientierung prognostizierte das Podium einen Wechsel der Sammlergeneration: Jüngere technikaffine Kollektionen würden den Schwerpunkt zukünftig stärker auf innovative und digitale Objekte legen. In einem gesonderten Panel wurden neue Geschäftsmodelle durch digitale Technologien diskutiert, die im Zuge von 3D-Druck, VR, Blockchain u.a. entstehen. 

Digitales in Museen und Ausstellungen

Was bedeuten digitale Technologien für Museen und Ausstellungshäuser? Über die Herausforderungen und Fragestellungen berichtete Andreas Hoffmann, Archäologe, Programmleiter Kunst und Kultur der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und Geschäftsführer des Bucerius Kunst Forums. Neben der Offenheit für digitale Objekte muss bei Kuratoren auch die Kenntnis über technische Zusammenhänge und Möglichkeiten digitaler Technologien vorhanden sein. „Brauchen wir neue Museen und Austellungshäuser?“, fragte Andreas Hoffmann und beantwortet die Frage eindeutig mit JA. Kuratoren müssen zu „Beziehungstätern“ werden, wenn sie Orte des Lernens schaffen wollen. Das Publikum wird im Museum zum aktiven Mitgestalter. Das Städel-Museum in Frankfurt ist führend in digitalen Technologien, Hoffmann nannte exemplarisch den Selbsternkurs Kunstgeschichte Online . Einige Hürden seien aus Sicht der Museen noch zu überwinden, vor allem was die Anpassung des Urheberrechts betreffe.

Selbst schöpfen statt zu konsumieren

Immer wichtiger wird in Museen die Interaktion und Teilhabe des Publikums. Für mich persönlich ist dabei entscheidend, dass die Besucher sich in einer Ausstellung selbst entdecken bzw. mehr über sich selbst erfahren können. Was hat Kunst mit mir und meinem Leben zu tun? Welche Antwort gibt die Kunst auf meine Fragen an das Leben? Der Museumsbesuch verschiebt sich, weg vom Prozess des Konsumierens, hin zum Prozess des eigenen kreativen Schöpfens.  Wie könnte solch eine Interaktion in der Praxis aussehen? Hoffmann erwähnt Beispiele wie iSkullApp und das VR-Projekt Modigliani von Tate Modern in London, Googles Tool CREATISM sowie Female Figure von Jordan Wolfson.  Was noch? Besucher könnten eine Eigenkreation an eine virtuelle Leinwand zeichnen, diese Zeichnungen könnten über Algorithmen mit einer Kunst-Datenbank verknüpft werden, z. B. EUROPEANA, so dass der Besucher von seinen eigenen Zeichnungen zu echten Objekten geleitet wird.

 

 

 

 

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Kreative Maschinen

Technikjournalist und Politikberater Mads Pankow referierte darüber, wie originell Technik überhaupt sein kann. Er präsentierte Beispiele, welche kreativen Bereiche KI bereits erobert hat, die bislang eigentlich Künstlern vorbehalten waren bzw. Akteuren aus der Kultur- und Kreativszene. Die selbstlernenden Systeme komponieren, sie dichten und kochen, sie malen und zeichnen. Sie übersetzen, texten Nachrichten und schneiden Videobeiträge, sie stellen Modekollektionen und Themenmagazine zusammen. Sie kombinieren vorhandene Erzählplots und schaffen so neue  Gruselgeschichten und Science-Fiction-Drehbücher.

Mensch versus Künstliche Intelligenz

Kann man bei diesen bewältigten Aufgaben tatsächlich von Kreativität sprechen? Mads Pankow meint, dass neuronale Netze bzw. selbstlernende Systeme genau genommen nicht lernen würden, jedenfalls nicht in menschlichem Sinne , sondern sich an jeweils neue Informationen anpassen. Er erwähnte die von Künstlern erfundene Patent-Software All Prior Art, die alte Patente zu neuen Patenten kombiniert, die aber in der Praxis keinerlei Nutzen haben. IBMs KI Chef Watson stellt aus beliebigen Zutaten eigenständig neue innovative Gerichte zusammen, etwa „African Bird Pepper Meatballs“. Ob das schmeckt, bleibt dem Urteil der Probanden überlassen. Muss man Probleme verstehen, um sie zu lösen? Neuronale Netzte haben keinerlei Bewusstsein über das eigene Tun. Was z. B. in der Medizin verheerende Folgen haben könnte, weil Symptome nicht mit menschlichem Verstand interpretiert werden. 

Menschliche Vielseitigkeit

Während wir Menschen in der Lage sind, vielfältige Herausforderungen zu lösen, können selbstlernende Systeme zumindest im Moment nur ein Problem fokussieren. Kann Künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln? Darüber sprachen Technikphilosoph Mads Pankow, Kognitionswissenschaftler Kai-Uwe Kühnberger, Cognitive-Computing-Experte Johannes Forster, Wissenschaftsjournalistin und Philosophin Manuela Lenzen und Kuratorin Luba Elliott.

Blockchain als Zukunftsmodell

Über neue Geschäftsmodelle in der Kreativwirtschaft diskutierte ein Panel mit Peter Kabel, Andreas Raabe, Daria Suvorova, Dieter Gorny und Egbert Rühl. Wie entwickelt sich der Wert von kreativen Inhalten? Welche Rolle spielt das Urheberrecht, wie lassen sich kreative Inhalte wirksam schützen? Inwiefern kann die Blockchain-Technologie Lösungen bieten?

 

 

 

 

 

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Unternehmen als Medienmarken

Im Schlusspanel ging es um digitale Inhalte von Marken und Unternehmen. Inwiefern lässt sich überhaupt noch sauber zwischen Werbung und Journalismus trennen? Vorgestellt wurde MOIA, ein junges MobilitätsStartUp von VW, das einen Shuttle-on-demand-Dienst entwickelt, um „die Stadt den Menschen zurück zu geben“, so der Marke-Slogan zur neuen Mobilität. Die Agentur „Mann beißt Hund“ berichtet für Unternehmen über Wissenschaft, Bildung und Gesundheit und schätzt dabei vor allem die Interaktion mit dem Nutzer, um Inhalte besser auf deren Bedürfnisse auszurichten. „Territory“, wo u. a. das Lufthansa-Magazin entsteht, arbeitet als Tochterunternehmen von Gruner und Jahr bewusst mit Journalisten und nicht mit Agentur-Textern zusammen. Verschwimmen hier die Grenzen zwischen Journalismus und Unternehmenskommunikation noch mehr? Unabhängig von der Art Urheberschaft zähle am Ende einfach nur eine gute Geschichte, meint Dörte Spengler-Ahrens, Creative Director von Jung von Matt. Grundtenor des Podiums: Journalisten sollten sich stärker auf Vermittlung und Einordnung von Themen konzentrieren, um dem Nutzer Orientierung zwischen seriösen Nachrichten und FakeNews geben. Werber sollten relevante Themen und individuelle Bedürfnisse der Nutzer fokussieren.
 
 
 
 
 
 
 

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Digitales Geocashing

Auch spielerische Ansätze fanden beim Kongress einen Platz. Medienkünstler Jan Dietrich präsentierte das Hamburger Projekt StreamCaching. 10 akustische Werke wurden mit GPS Koordinaten versehen und quer über die Stadt an 10 Orten verteilt. Das Publikum kann die Tracks mit dem Smartphone finden und direkt vor Ort erleben.

Fragen zum Weiterdiskutieren

Einige Fragen bleiben offen: Welche Rolle spielt zukünftig der Mangel an Beschränkung als Voraussetzung für Kreativität? Dies scheint durch digitale Technologien verloren zu gehen, es sei denn der Künstler erlegt sich die Beschränkung aus eigenen Stücken auf. Und: Wenn Künstliche Intelligenz heute schon so viel kann, was bleibt dann eigentlich noch für uns Menschen zu tun? Wo kann KI ganz konkret als kreativer Partner fungieren? Inwiefern gewinnen wir Menschen durch die selbstlernenden Systeme wieder mehr Freiraum und neue Möglichkeiten für unsere eigene kreativen Entfaltung?

Nicht jedes Thema konnte aufgrund der beschränkten Zeit erschöpfend geklärt werden. Doch wie es sich für eine gute Tagung gehört, wurden auch in den Pausengesprächen zwischen den Teilnehmern spannende Fragen diskutiert, die genügend Stoff für einen weiteren Kongress bieten:

1) Wo bleibt der Mensch unersetzlich? Wo kann der Mensch trotz KI vor punkten, mit welchen konkreten menschlichen Fähigkeiten?

2) Wieviel Überraschendes und Unerwartetes kann eine KI liefern? KIs machen Vorschläge auf der Basis von Datenhistorien. Wie lässt sich die berühmte Filterblase vermeiden? Sind Algorithmen in der Lage, mit neuen Vorschlägen bzw. Angeboten zu überraschen? Oder wollen wir Menschen im Grunde gar keine Vielfalt?

3) Warum ist es wichtig, dass wir Entscheidungswege der KI nachvollziehen können? Ein Problem bei den Lernenden Systemen ist ja, dass man häufig nicht nachvollziehen kann, wie die KI zu ihren Lösungen kommt.

4) Sollte sich der Mensch mit Blick auf KI-Konkurrenz zukünftig eher als Spezialist aufstellen oder möglichst vielfältig als Allrounder?

5) Welche Mehrwerte entstehen durch KI: a) Produzenten/Anwender b) Konsumenten

6) Wie realistisch ist die Prognose von Klaus Mainzer, TU München: „Es wird Rechner geben, die nach dem Vorbild natürlicher Nervensysteme gebaut werden … Anstatt mit Siliziumchips würden sie auf der Basis von Molekülen und Enzymen arbeiten und könnten in der Rechenkapazität und organischen Struktur ständig weiter lernen und wachsen.“ Zeitpunkt

7) Könnte sich KI irgendwann intrinsisch über ein „artifizielles Belohnungssystem“ motivieren und welche Folgen hätte das für uns Menschen?

 

Weiterführende Informationen zu Kreativität und Künstlicher Intelligenz von der Open! Konferenz

Kreative als Atemspender für ländliche Regionen

 © Kreative MV

Viele junge Menschen kehren ihrer ländlichen Heimat den Rücken, weil sie für Studium oder Ausbildung in größere Städte ziehen. Zumindest einige von ihnen kehren später zurück. Oder es ziehen Neubürger hinzu. Für viele Kreative ist die Lebensqualität im ländlichen Raum hoch attraktiv. Sie hauchen den Dörfern und Kleinstädten frischen Atem ein. Ein neuer Wettbewerb in Mecklenburg-Vorpommern will die künstlerisch-kreativen „Raumpioniere“ unterstützen und ihre Fähigkeiten aktiv einbinden.

Kreative als Raumpioniere

Kreativschaffende suchen bewusst den Freiraum in vermeintlich „verlassenen“ Regionen, die über Abwanderung und Extremismus klagen. Sie kaufen und renovieren leerstehende Gutshäuser und Katen, betreiben offene Ateliers und Werkstätten, Probenräume und Bühnen, Gästehäuser und Cafés. Sie wirken als Magnet für weitere Neuansiedler, Touristen und Gäste. Sie sind Pioniere, die den gesellschaftlichen Wandel in ländlichen Räumen engagiert und enthusiastisch gestalten, oft gemeinsam mit der alteingesessenen Bevölkerung. Der digitale Wandel ermöglicht es Kreativunternehmern, dort zu arbeiten, wo sie leben wollen – und nicht umgekehrt.

 © MassivKreativ

Wettbewerb „Kreative für MV – MV für Kreative“

Ab 2018 wird in Mecklenburg-Vorpommern ein landesweiter Wettbewerb für soziale Dorfentwicklung und Innovationen in ländlichen Regionen stattfinden – unter aktiver Mitwirkung kreativer Raumpioniere und gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Projektträger: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung/BLE). Dabei sollen bereits bestehende kreative Projekte und Initiativen zur sozialen Dorfentwicklung ausfindig gemacht oder neue Initiativen angeregt werden – zwischen Kreativen und alteingesessenen Bürgern. Gemeinsam werden Talente und Synergien ermittelt, Ideen gesammelt und Prototypen gestaltet, im Idealfall auch soziale Innovationen realisiert.

 © BLE

Brückenbauer in MV gesucht

Mit dem Wettbewerb und der Kampagne ‚Kreative für MV – MV für Kreative‘ wollen wir zeigen, wie sehr sich Künstler und Kreative für ihr soziales Umfeld einsetzen“, erklärt die Projektleiterin Corinna Hesse und Sprecherin des Landesnetzwerkes Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern sowie Medienproduzentin und Mitverlegerin im Silberfuchs-Verlag / Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung. Gleichzeitig soll im Rahmen des Wettbewerbs ermittelt werden, was das Bundesland für Künstler tun kann. Hesse ergänzt: „Gesucht werden zivilgesellschaftliche Projekte zwischen Kreativschaffenden und Bürgern. Ländliche Regionen profitieren von den kreativen Ideen für ein sinnstiftendes Zusammenleben.“

Interdisziplinäre Kreativworkshops

Bis zum 28.02.2018 können sich Kreativschaffende und künstlerische Laien mit einer zweiseitigen Projektskizze bewerben. Von April bis Oktober 2018 finden 10 landesweite Projektcoachings statt. Jeder Bewerber kann daran teilnehmen, um sein Projekt weiter zu entwickeln und zu professionalisieren. Im November 2019 können sich alle Projekte auf der Landesbranchenkonferenz für Kultur- und Kreativwirtschaft KREATOPIA präsentieren.

Die Workshops finden 2018 an verschiedenen Orten in Mecklenburg-Vorpommern statt. Intermediäre des Netzwerkes Kreative MV werden die Bewerber im Rahmen des Wettbewerbs unterstützen, vernetzen, qualifizieren und landesweit sichtbar machen. Das Team von Kreative MV stützt sich auf vielseitige und fruchtbare Erfahrungen bei der Zusammenarbeit zwischen Kreativen, Bürgern, Verwaltung, Unternehmen, Regional- und Wirtschaftsförderern in bereits erprobten KreativLabs, die 2016/2017 in MV bereits für Austausch und Vernetzung sorgten. Die Labs sollen als nachhaltiges Format im Rahmen des Wettbewerbs fortgeführt und intensiviert werden. Der Wettbewerb wird dabei die Handlungsschwerpunkte Vernetzung, Fortbildung und Sichtbarkeit verbinden. Die Effekte der Kultur- und Kreativwirtschaft auf die Standort- und Regionalentwicklung werden durch den Projekttitel „Kreative für MV – MV für Kreative“ verdeutlicht.

 © MassivKreativ

Künstlerisch-kreative Methoden

Die KreativLabs leben vom künstlerischen Denken, von einer Vielzahl künstlerisch-kreativer Methoden und künstlerischer Interventionen. Kreative haben eine besondere Haltung, sie können:

  • zuhören, beobachten, recherchieren, improvisieren
  • Fragen stellen, Angst überwinden, mutig sein
  • andere Perspektiven kennenlernen, neue Sichtweisen entdecken
  • nach innen und außen fühlen
  • Szenarien, Rollen und Möglichkeiten im Spiel erproben
  • an eigene Grenzen gehen, über sich hinauswachsen
  • mit Kritik umgehen, aus Fehlern lernen
  • Fehlschläge und Misserfolge verarbeiten, Resilienz entwickeln
  • Gemeinschaft und Vielfalt erleben, im Team arbeiten
  • Anderssein und andere Meinungen akzeptieren
  • Verantwortung für sich und für Andere zu übernehmen
  • Selbstbewusstsein stärken
  • Fokussierung, Konzentration, Beharrlichkeit
  • Zeit planen, Prioritäten setzen
  • Wertschätzung für andere Menschen empfinden
  • Erfolge feiern, Pausen zum Reflektieren zulassen

In den Workshops werden Kreativtechniken (Design Thinking, Brainwriting, Osborne-Methode usw) ebenso genutzt wie Methoden agilen Arbeitens.

 © MassivKreativ

Ablauf des Wettbewerbs

Bis zum 28.02.2018 können sich Interessenten für den Wettbewerb, z. B. Kreativschaffende, künstlerische Laien, Bürger, Verwaltungen, Gemeinden, Unternehmen usw., mit einer zweiseitigen Projektskizze bewerben. Von April bis Oktober 2018 finden 10 landesweite Projekt-Coachings von statt. Jeder Bewerber kann daran teilnehmen, um sein Projekt weiter zu professionalisieren.

Eine branchenübergreifend besetzte Jury wählt drei Projekte aus, die im Frühjahr 2019 ausgezeichnet werden. Im Fokus des Wettbewerbs stehen gesellschaftsgestaltende Prozesse, die auf die besonderen Herausforderungen in der Region eingehen. Die Siegerprämien sind mit insgesamt 10.000 Euro dotiert, die für die Weiterentwicklung der Projekte eingesetzt werden sollen. Im Anschluss werden ausgewählte Projektideen von Mai bis November 2019 in einer Multimedia-Roadshow durch Mecklenburg-Vorpommern in Kommunen und Landesministerien vorgestellt. So wird das Bewusstsein für die Standorteffekte und Regionalentwicklung durch die Kultur- und Kreativwirtschaft gestärkt und kommunale Kooperationspartner gewonnen.

Nachhaltigkeit

Ziel des Wettbewerbs ist es, die kreativen Projekte, Ideen und Initiativen aus den Bewerbungen nachhaltig in kommunale, landesweite oder überregionale Förderprogramme zu implementieren und die vorhandenen Förderprogramme für die Entwicklung des ländlichen Raums stärker für die Kreativbranche zu erschließen.

Vorreiter

Die Politik wird aktiv aufgerufen, die Ansiedlung von Kreativunternehmern im ländlichen Raum zu fördern. Damit soll der Wandel ländlicher Regionen von der Landwirtschaft hin zu einem kleinteiligen, flexiblen und damit robusten Dienstleistungssektor unterstützt werden, der wissens- und kreativitätsbasiert und damit zukunftsfähig sein soll.

Mecklenburg-Vorpommern kann in diesem Zusammenhang bereits auf einige erfolgreiche Kreativorte, Vereine und Clustern verweisen, die mit kulturellen und ökologischen Angeboten, Veranstaltungen, regionalen Produkten und Gastronomie neue Geschäftsmodelle entwickelt haben, z. B. in Mestlin, Rothen, Pampin, Wangelin, Qualitz, im Lassaner Winkel, in Lelkendorf usw. Weitere Beispiele sind willkommen!  

Prominente Schirmherrin

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat ihre Unterstützung als Schirmherrin zugesagt. Sie wird im Frühjahr 2019 drei ausgewählte Projekte auszeichnen: „Ich freue mich, die Kreativen im Land näher kennenzulernen. Allen Projekten wünsche ich viel Erfolg!“  Die ausgezeichneten Projekte werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und mit Projektmitteln von insgesamt 10.000 € unterstützt.

Die Initiatoren

Corinna Hesse hatte die Idee für den Wettbewerb „Kreative für MV – MV für Kreative„. Sie ist Projektleitung , Sprecherin von Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern sowie Medienproduzentin und Mitverlegerin im Silberfuchs-Verlag / Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung: „Gesucht werden für den Wettbewerb zivilgesellschaftliche Projekte zwischen Kreativschaffenden und Bürgern.“ 

Sichtbarkeit und Öffentlichkeitsarbeit

Antje Hinz – ebenfalls Mitverlegerin im Silberfuchs-Verlag und Medienproduzentin – übernimmt die Öffentlichkeitsarbeit und berichtet redaktionell über das Projekt, u. a. hier auf MassivKreativ: „Ländliche Regionen profitieren von kreativen Ideen für ein sinnstiftendes Zusammenleben.“ Die Potenziale von Kreativen sollen daher stärker genutzt werden, z. B. für Perspektivwechsel und Querdenken, Mut und Experimentierfreude.

Details zum Wettbewerb werden am 23.11.2017 bei der KREATOPIA bekannt gegeben, der Branchenkonferenz der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Ab sofort können sich Künstler, Kreativschaffende und Bürger mit einer Projektidee bewerben.

FAQ Wettbewerb kreative soziale Dorfentwicklung

Wer kann teilnehmen?

Bewerben können sich Privatpersonen, Vereine, Netzwerke und Firmen in Mecklenburg-Vorpommern aus allen Bereichen der Kultur und Kreativwirtschaft: Kunst, Musik, Theater, Kunsthandwerk, Architektur, Design, Werbung, Software, Games, Film, Rundfunk, Buch, Presse. Für nicht eingetragene Vereine, Arbeitskreise und andere Initiativen ohne eigene Rechtspersönlichkeit besteht die Möglichkeit, dass eine (rechtsfähige) Einzelperson für die Initiative die Bewerbung einreicht. Kommunale Partner, Wirtschaftsunternehmen aus anderen Branchen, Bürgerinnen und Bürger können nur dann eine Bewerbung einreichen, wenn sie in ihrem Projekt mit Partnern aus der Kreativbranche zusammenarbeiten.

Wie werden die Projekte im Wettbewerb gefördert?

In der ersten Phase des Wettbewerbs (2018) erhalten die teilnehmenden Projekte vor Ort ein Coaching von Experten und Praktikern, die die Teilnehmenden bei der Realisierung und dauerhaften Fortführung ihres Projektes unterstützen (z.B. Fragen zu Fördermitteln, Kooperationspartnern, Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung). Die 10 landesweiten Coaching-Termine (April-Oktober 2018) sind als Netzwerktreffen (KreativLabs) organisiert, so dass alle teilnehmenden Projekte sich kennenlernen, vernetzen und von ihren Erfahrungen gegenseitig profitieren können. Bei der Landesbranchenkonferenz für Kultur- und Kreativwirtschaft KREATOPIA im November 2018 können sich alle teilnehmenden Projekte gemeinsam präsentieren.

In der zweiten Phase des Wettbewerbs (2019) wählt eine unabhängige Jury drei Projekte aus, die eine Anschubfinanzierung erhalten (Preisgeld insgesamt 10.000 Euro). Die Auszeichnung im Mai 2019 übernimmt Schirmherrin Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Anschließend werden alle teilnehmenden Projekte durch eine gemeinsame Landeskampagne („Kreative für MV – MV für Kreative“) in einer Multimedia-Roadshow der Öffentlichkeit, den Kommunen und Landesministerien vorgestellt, um kommunale Partner für die langfristige Sicherung oder/und Förderung der Projekte zu gewinnen.

Wo finden die 10 Projektcoachings und Workshops (KreativLabs April-Oktober 2018) statt?

Die 10 KreativLabs finden direkt vor Ort bei den teilnehmenden Projekten statt, jeder Workshop an einem anderen Ort in ganz MV. Durch begleitende Öffentlichkeitsarbeit werden die spannenden Kreativorte in MV überregional sichtbar gemacht. Ziel ist es, die teilnehmenden Projekte miteinander sowie mit interessierten Partnern aus Politik, Kommunen, Förderern, Wissenschaft, Verbänden und Kammern zu vernetzen.

Welche Projekte fördert der Wettbewerb? Was ist mit „sozialer Dorfentwicklung“ gemeint?

Es werden Projekte gefördert, die mit künstlerisch-kreativen Mitteln zur sozialen Entwicklung im ländlichen Raum beitragen. Die Projekte können ganz am Anfang stehen oder schon begonnen haben und für ihre Weiterentwicklung Unterstützungsbedarf haben. Wichtig ist, dass die Bevölkerung vor Ort in die Projekte aktiv einbezogen wird. Beispiele: Theaterkurse für Jugendliche, die das Selbstbewusstsein stärken; Kulturveranstaltungen, die zur Integration unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen beitragen; Ausstellungen, die leerstehende Immobilien neu beleben, Lesungen in Privaträumen u.v.m.

Welche Regionen sind mit „Dorf“/“ländlicher Raum“ gemeint?

Die Projekte sollten in Dörfern, Städten oder Gemeinden mit weniger als 35.000 Einwohnern in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt werden. Es können jedoch auch Bewerbungen von Projekten eingereicht werden, die in Kommunen (Städten oder Gemeinden) umgesetzt werden, die mehr Einwohner haben. Ausschlaggebend sind der ländliche Charakter des Ortes der Umsetzung und die Wirkung auf den ländlichen Raum und die dort lebende Bevölkerung.

Welche Unterlagen sind für die Bewerbung bis 28.2.2018 einzureichen?

Einzureichen ist eine kurze Projektskizze (max. 2 Seiten), in denen das Projekt beschrieben wird: Was wollt Ihr vor Ort bewegen? Welche künstlerisch-kreativen Mittel werden eingesetzt? Wie arbeitet Ihr mit den Menschen vor Ort zusammen? Was sind Fragen und Herausforderungen, bei denen Ihr noch keine Lösung wisst und für die Ihr Unterstützung braucht? Das Formular für die Projektskizze ist zum Download auf www.kreative-mv.de/dorf-wettbewerb/ ab 23.1.2017 zu finden.

Kreative MV freut sich über kreative und innovative Bewerbungen!

Über Ihr Interesse an einer Berichterstattung würden wir uns sehr freuen!

Gern stehen wir für Rückfragen und Interviews zur Verfügung:

Projektleitung:          corinna.hesse@silberfuchs-verlag.de / Tel. 038843 – 824187

Presse- und ÖA:       antje.hinz@silberfuchs-verlag,de / Tel. 040 – 2097 8868

Weitere Informationen zum Wettbewerb: www.kreative-mv.de | www.massivkreativ.de

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Buch- und Lesetipps:

Corinna Hesse / Antje Hinz: Neue Lebenswelten: Das Dorf ist kreativ und innovativ. MassivKreativ, Juni 2017

Dr. Wolf Schmidt: Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs, Schriftenreihe der vom Historiker Schmidt initiierten Mecklenburger AnStiftung, 2017.  Im Buch erläutert Schmidt die immateriellen Werte des Lebens in ländlichen Regionen.

Wolf Schmidt: Kunst des Bleibens – Wie Mecklenburg-Vorpommern mit Kultur gewinnt (pdf zu kostenfreien Herunterladen), Herbert Quandt-Stiftung 2012.

Ralf Otterpohl: Das neue Dorf. Vielfalt leben, lokal produzieren, mit Natur und Nachbarn kooperieren. Oekom Verlag, München 2017. youtube Film-Teaser Das neue Dorf – Minifarmen für Stadt und Land

Gerhard Henkel: Rettet das Dorf! Was jetzt zu tun ist. München 2016. Als Humangeograph beschäftigt sich Henkel seit Jahren mit Geschichte und Gegenwart des ländlichen Raumes. Als Standardwerke zur Dorf- und Landentwicklung gilt sein Buch „Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute“.

Brita Polzer (Hg.): Kunst und Dorf. Scheidegger & Spiess, Zürich 2013. 

Wolfgang Schneider, Beate Kegler, Daniela Koß (Hg.) Vital Village: Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Herausforderung / Development of Rural Areas as a Challenge for Cultural Policy. Komplett zweisprachig deutsch/englisch. Transcript Verlag 2017. (Wissenschaftliche Betrachtungen zum Thema, Praxisbeispiele aus Deutschland und Europa sowie Kulturpolitische Perspektiven).  

Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Ländlicher Raum

Ton Matton: DORF MACHEN: Improvisationen zur sozialen Wiederbelebung. Jovis Berlin 2017.

Alexandra Hildebrandt: Kleine Handlungen, große Wirkung. Ganz nah! Wo die Kraft der Gemeinschaft am besten gedeiht. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

arte: Kunst fürs Dorf. 6teilige Serie, begleitend zu einem Wettbewerb von Deutsche Stiftung Kulturlandschaft von 2013.

Anderes Bauen für ein anderes Leben: Das Projekt Earthship – Schloss Tempelhof

 

Zeitschriften und Magazine

Ländlicher Raum – Zeitschrift der Agrarsozialen Gesellschaft e.V.

LandInform – Zeitschrift der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume (DVS) in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)
 
Bauwelt – Zeitschrift über Städtebau, Stadtkultur und globale Ökonomie
 
Der Holznagel – Magazin der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V.
 
Bauernblatt – amtliches Mitteilungsblatt der Landwirtschaftskammer
 
enorm – Magazin für den gesellschaftlichen Wandel in urbanen und ländlichen Regionen 
 
Landlust – Lifestyle-Magazin für Freunde des ländlichen Lebens

 

Vereine, Verbände, Plattformen

Bundesverband lebendige Dörfer

BBE – Bundesnetzwerk bürgerschaftliches Engagement
 
ARKUM – Arbeitskreis für historische Kulturlandschaftsforschung in Mitteleuropa e.V. mit Zeitschrift Kulturlandschaft
 
 
I-KU – Institut zur Entwicklung des ländlichen KulturRaums e.V. in Baruth/Mark Brandenburg
 
 
Unser Dorf hat Zukunft – Bundeswettbewerb 
 
Thünen-Institut – Entwicklung ländlicher Räume
 
Plattform Ländliche Räume – AHA Dialog der Andreas Hermes Akademie