Neues Kreativcluster im EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

Wenn Europa innovativ bleiben und international weiterhin mitspielen will, sollte „Made in EU“ als neues Label und als Chance gesehen werden. 

EU fokussiert neues Kreativcluster

EU-Kommission hat Ende Juni 2019 eine öffentliche Konsultation zum nächsten EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa (2021-2027) eingeleitet. Das erste Mal existiert in diesem Forschungsrahmenprogramm die Bereitschaft gibt, die Kultur- und Kreativwirtschaft zu fördern, insbesondere das Cluster „CULTURE, CREATIVITY AND INCLUSIVE SOCIETY“. Insgesamt stehen bis zu 100 Mrd. € für die gesamte europäische Innovations- und Forschungspolitik zur Verfügung. Die Kreativwirtschaft könnte hier im deutlich mehrstelligen Millionenbereich profitieren.

Potenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft ganzheitlich nutzen

Fortschritt und Qualität dürfen sich allerdings nicht auf technologische Neuerungen beschränken. Es sollten auch soziale Innovationen und damit das gesamte Potential der Kultur- und Kreativbranche genutzt werden. Acht Aspekte für die SPILLOVER-Diskussion, die ich bereits 2015 gefordert habe und die noch immer mehr Aufmerksamkeit brauchen:

 © MS Artville Festival 2019, Text von „Barbara“, Foto: MassivKreativ

1. Soziale Innovationen als Komplementär 

Die Bedürfnisse der Menschen abzufragen ist keine Kür, sondern Pflicht. Wer heute nur auf neue Technik setzt und dabei den Menschen ignoriert, etwa bei Benutzerfreundlichkeit und Design, wird von Käufern und Nutzern abgestraft. Wer hingegen gezielt soziale Praktiken einsetzt, wer bewusst mit anderen Menschen kommuniziert, wer geistig-kreative Werte anerkennt, wer das interaktive Handeln fokussiert – in Organisationen, Prozessen, Strukturen, in der Anwendung und beim Konsum – treibt soziale Innovationen voran. Soziale Innovationen bereiten den Nährboden für technologische Neuerungen und geben als Treibstoff ungeahnten Innovationsschub. An diesen Tatbestand müssen auch endlich Förderstrukturen angepasst werden, denn Konzepte für soziale Innovationen fallen hier noch durchs Raster. So bleibt das Potential geistiger Ideen aus der Kultur- und Kreativbranche ungenutzt. Weder Gesellschaft noch Wirtschaft kann sich diese Ignoranz auf Dauer leisten!

2. Interdisziplinäre Teams

Wer über Globalisierung und Demografie, über Nachhaltigkeit und Vielfalt nachdenkt, kommt automatisch zu der Erkenntnis, dass es ohne branchenübergreifende, interdisziplinäre Vernetzung nicht mehr geht. In der Kultur- und Kreativwirtschaft gehört Vernetzung zum Alltag. Architekten lenken bei Bauprojekten um die 20 verschiedene Gewerke. Im Theater vermitteln Regisseure sogar zwischen 50 verschiedenen Berufsgruppen: Handwerk und Technik, Kunst und Marketing, Verwaltung und Organisation. In der Gamesbranche verbinden sich Autoren, Konzepter, Programmierer, Grafik- und Sounddesigner in gemeinsamen Think Tanks. Film-Projekte sind ähnlich vielschichtig angelegt. Vermitteln und Querdenken ist für Akteure der Kultur- und Kreativbranche Tagesgeschäft und erfordert eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz. Davon könnten auch Wirtschaft und Politik profitieren, wenn sie nur wollten.

 © Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

3. Forschungscluster: Wert kreativer Ideen

Wenn Unternehmer, NGO-Aktivisten oder Politiker über die Zusammenarbeit mit Kreativen berichten, schwingt viel Anerkennung und Begeisterung mit – über die Professionalität, die Ernsthaftigkeit und den Biss der Kreativen bei der Bewältigung eines Problems. Anders als in anderen Berufen schauen Kreative selten auf die Uhr. Sie testen ihre Ideen und Alternativen so lange aus bis sie die Herausforderung geknackt haben. Selbst wenn sie nicht mehr am Schreibtisch sitzen, suchen sie im Kopf weiterhin nach Lösungen. Leider wird die konzeptionelle Vorarbeit, die Innovationen erst ermöglicht, zu wenig wertgeschätzt. Häufig mangelt es an konkreten Zahlen, die den immensen Anteil geistig-kreativer Vorleistungen am Ertrag belegen. Hier braucht es in Zukunft fachübergreifende Forschungscluster, in denen Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler gemeinsam relevante Zahlen ermitteln.

4. Begegnungsräume

Noch sind es meist die Kreativen, die Kontakt zur Politik und zu Unternehmen suchen, um alternative Denkmustern und andere Perspektiven anzubieten. Doch Kaltakquise ist schwierig. Die Auftraggeber müssen viel Vertrauen aufbringen, um Kreative in sensible interne Prozesse einzubinden. Das Eis muss gebrochen werden. Gebraucht werden Anlässe und Räume, um sich in ungezwungener Atmosphäre zu begegnen und auszutauschen. Beide Seiten merken dann schnell, wie ähnlich sie sich in vielen Punkten sind: Auch Politiker bzw. Unternehmer können kreativ denken und handeln. Auch Künstler bzw. Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten professionell und zuverlässig. Zuweilen spielen „Sprachprobleme“ eine Rolle, wenn sich z. B. ein Programmierer mit einem Designer verständigen muss. An dieser Stelle sind „Intermediäre“ mit Sozialkompetenz gefragt, die beide Welten verstehen und kommunikationsstark zwischen den Akteuren vermitteln können. Hier könnte ein neues Berufsbild für Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft entstehen.

  © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

5. Nische als Chance

97 % der Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft sind Einzelunternehmer und Freiberufler. In einem monopolisierten Markt ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, gehört für sie zum Alltag. Für größere Projekte ist die Vernetzung mit anderen Branchen überlebenswichtig. Davon können Politik, Wirtschaft, Städte und Organisationen lernen. Aus der Not der Beschränkung erwachsen alternative, kreative Ideen, etwa in der Arbeitswelt. Coworking Büros von Kreativen haben ursprünglich den Zweck, Räume, Ressourcen, Fähigkeiten und Wissen zu teilen. Längst nutzen sie auch andere Branchen, weniger aus ökonomischer Motivation heraus, sondern um interdisziplinär an neuen Ideen zu schmieden.

6. Kulturerbe und Identitätsstiftung

Die Globalisierung lässt sich nicht aufhalten. Doch die Bürger pflegen zunehmend selbstbewusst ihre Wurzeln und ihre Identität. Die UNESCO unterstützt den Trend, indem sie dazu aufruft, ergänzend zum materiellen Kulturerbe auch das immaterielle bzw. lebendige Kulturerbe aufzuspüren. Es geht um mehr öffentliche Aufmerksamkeit für Traditionen, Bräuche und Feste, Wissen und Rituale, für Handwerkstechniken und Ausdrucksformen. Sie prägen die Identität der Menschen und schweißen eine Region, Gruppe oder Gemeinschaft zusammen. Lebendiges Kulturerbe wird ständig den veränderten Umständen und Zeiten angepasst und bleibt so aktuell. Es verleiht Selbstbewusstsein, Wohlbefinden und stiftet sozialen Frieden.

  © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

7. Regionalentwicklung und Stadtkultur

Kunst und lebendiges Kulturerbe wirken als Treibstoff auf Städte und Gemeinden, intern als sozialer Kitt und extern als Magnet für den Tourismus. Was wiederum andere Branchen befruchtet und Renditen steigert: für Hotellerie und Gastronomie, Einzelhandel, Nahverkehr und Immobilienbranche. Zukünftig muss es darum gehen, Gemeinschaftsfonds zu bilden. Die Profiteure sollen Mehreinnahmen, die sie durch SPILLOVER-Effekte erzielt haben, in Kunst und Kulturerbe reinvestieren. Akteure der Kultur- und Kreativbranche dürfen nicht länger in die Rolle zeitlich befristeter „Durchlauferhitzer“ gedrängt werden, die zunächst unattraktive Orte beleben und sie durch Gentrifizierung wieder verlassen müssen. Sie brauchen Verlässlichkeit, um Städte, Gemeinden und Gesellschaft nachhaltig beflügeln zu können.

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

8. Vorreiter und Vordenker

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist immer Vorreiter gewesen, wenn es um neue gesellschaftliche Entwicklungen ging. Ein bewusster Umgang mit Energie und Ressourcen, Themen wie Teilhabe, Nachhaltigkeit und Ehrenamt wurden auch von Künstlern in die Gesellschaft hineingetragen. Neue Geschäftmodelle sind daraus entstanden, z. B. Carsharing, Upcyling, neue Wertschöpfungsketten und ganze Branchen wie die Bioökonomie. Auch Begriffe wie Vielfalt und Ehrenamt rücken Künstler mit gezielten Impulsen in unseren Fokus, das Schlagwort „Willkommenskultur“ z. B. hat sich so zu einem bewussten bürgerschaftlichen Engagement und zu echter Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen entwickelt.

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

Wenn Politik und Wirtschaft das Potential der Kultur- und Kreativschaffenden erkennen und nutzen, kann SPILLOVER in Europa wirklich gelingen. So würde das Label „Made in EU“ einen tieferen, identitätsstiftenden Sinn erhalten. Denn: eine Wirtschafts- und Zollunion allein schafft unter den Bürgern keinen europäischen Zusammenhalt.

Zum Hintergrund: Horizont Europa wird final beschlossen von der neuen Kommission und soll Anfang 2021 starten. Hier geht’s zur Konsultation (bis 8.9.2019): https://ec.europa.eu/info/news/have-your-say-future-objectives-eu-funded-research-and-innovation-2019-jun-28_de

Regeln brechen: Kreativität in verschiedenen Kunstsparten

 © Dietrich Schneider, pixelio.de

Kreativ zu sein heißt: Normen außer Kraft zu setzen. In Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft hat es immer wieder Vorreiter und Pioniere gegeben, die etwas anders gemacht haben, die Sichtweisen, Höreindrücke, Gefühle „ver-rückt“ und unsere Gegenwart auf besondere Weise revolutioniert haben. Anbei einige inspirierende Beispiele. 

© MassivKreativ

Kreativität im Film

Mit ihren Satiren haben sich die britischen Monty Pythons in die Filmgeschichte eingeschrieben. „Das Leben des Brian“ hinterfragt couragiert christlich-jüdische Überlieferungen. Der Vorgängerfilm „Die Ritter der Kokosnuss“ (The holy grail) behandelt in satirischer Weise die Sage von König Artus und die Suche nach dem heiligen Gral. Wegen des spärlichen Produktionsetats können die Schauspieler weder Reitunterricht nehmen noch Pferde anmieten. Die kreative Lösung: Sie gehen zu Fuß und imitieren den Ritt hoch zu Ross selbst galoppierend ohne Pferd, so wie Kinder es tun, während der dahinter laufende Knappe zwei Kokosnüsse aufeinanderschlägt. Die Illusion ist liebenswert und nahezu perfekt.

„Effectuation“ (Faschingbauer 2010) ist das Zauberwort: Wie kann ich mit begrenzten Mitteln meine Ziele erreichen und mir trotz Ungewissheit Sicherheit schaffen? Indem ich mich auf mich selbst fokussiere: Was habe ich? Was kann ich? Mit wem kann ich zusammenarbeiten? Kreativität zeigt sich darin, mit Begrenzungen klar zu kommen. Das macht erfinderisch und kooperativ!

© MassivKreativ

Kreativität im Theater

Reale Rollensimulationsspiele hat die Theatergruppe Rimini Protokoll zu ihrem Markenzeichen gemacht. Gemeinsam mit dem Publikum spielt sie buchstäblich Politik-, Alltags- und Zukunftsszenarien durch. Bei einem Weltklimagipfel werden die Besucher verschiedenen Länderteams zugeordnet, an lebensecht mit Eis und Wüste inszenierten Stationen von echten Wissenschaftlern über den Klimawandel und dessen Auswirkungen informiert. Am Ende muss jeder Zuschauer über das Budget entscheiden, dass sein Länderteam bereit ist, in einen Klimarettungsfond einzuzahlen. Eine Simulation, die berührt, bewegt, zum Nachdenken und aktiven Handeln motiviert: „Das Schauspiel zeigt dem Menschen, wer er ist oder doch sein könnte.“ (Hüther / Quarch, 2016, S. 138) 

In ihrem dokumentarischen Theater spiegelt die Regisseurin Angela Richter aktuelles Zeitgeschehen. In ihrem crossmedialen, interdisziplinären Stück Supernerds – ein Überwachungsabend vereint sie Interviews mit Whistleblowern und Netzaktivisten, wie Julian Assange und Edward Snowden, Überwachungstechnik und Bürgerängste. Das verstörte Publikum im Saal erlebt hautnah, wie leicht es für die Theatermacher ist, an ihre Daten zu gelangen.

 © MassivKreativ

Kreativität in der Aktionskunst

Wie bleibt Erinnerungskultur lebendig? Das Internet-Projekt Yolocaust von Shahak Shapira gibt eine eigenwillige Antwort. Der israelische Satiriker kombinierte aktuelle Selfies vom Holocaust-Mahnmal in Berlin mit Bildmaterial aus den Vernichtungslagern der Nazis. Die Fotos mit lachenden, springenden, skatenden und radelnden Protagonisten am Mahnmal hat Shapira in sozialen Netzwerken gefunden. Im Zuge der Berichterstattung haben viele Selfie-Urheber ihre unreflektierten Aktionen überdacht und ihre Fotos gelöscht. Shapira stellte „Yolocaust“ ein, weil er sein Ziel erreicht sah, die Ermordung von sechs Millionen Menschen präsent zu halten. Den interaktiven Austausch über den Umgang mit der Vergangenheit führt der Künstler mit weiteren Aktionen fort. 

Die Künstlerin und Medienkunstprofessorin Christin Lahr überweist seit Mai 2009 jeden Tag einen Cent auf das Konto des Bundesfinanzministeriums. Sie nutzt Überweisungsträger als textbasiertes Medium und trägt in den Verwendungsnachweis Zitate aus dem „Kapital“ von Karl Marx ein, z. B. „Springquellen allen Reichtums: Erde und Arbeiter.“ (Interview mit Lahr 2010)

 © MassivKreativ

Kreativität im Design

Ökovisionär Michael Braungart hat das Nachhaltigkeitskonzept „Cradle to Cradle“ („von der Wiege zur Bahre“) entwickelt. Es entspricht dem Kreislaufprinzip der Stoffe auf der Erde. Vor diesem Hintergrund hat der Designer Carsten Buck für eine norddeutsche Biomolkerei eine neuartige Milchflasche mit rundem Boden entworfen: den MilkTumbler. Die Flasche kann ohne Wertverlust in einem geschlossenen Kreislauf zirkulieren. Ein interdisziplinäres Team entwickelte dafür ein innovatives, polyesterartiges Material, den Bio-Rohkunststoff PLA, englisch: „polylactic acid“. Das Abfallprodukt der Käseherstellung kann beliebig oft und ohne Qualitätsverlust eingeschmolzen und wiederverwertet werden.

Kreativität in der Fotografie

Die US-Amerikanerin Taryn Simon erklärt Politik mit Blumen. Sie reist zu internationalen politischen Abkommen und fotografiert dort Blumengestecke. Bei Friedensabkommen z. B. verbinden sich häufig zwei typische Blumenarten der jeweiligen Länder, bei multilateralen Abkommen werden gerne neutrale Grünpflanzen gewählt. Farben haben starke Symbolkraft. „Auf den ersten Blick sind Blumen einfach nur Blumen“, sagt die Fotografin. „Erst auf den
zweiten Blick versteht man, dass sie ein voll integrierter Bestandteil unseres Gesellschaftssystems sind. Nicht einmal Blumen können dem System entkommen.“ (Simon 2016

Kreativität in der Mode

Yves Saint Laurent hat das Frauenbild revolutioniert. Bei ihm gab es weder Wespentaille noch Schulterposter. Er schuf den emanzipierten Damen-Smoking, den Hosenanzug, inspiriert von Künstlern wie Mondrian, Picasso, Matisse und Braque, gefertigt aus weichen, fließenden Stoffen, zuweilen durchsichtig. „Coco Chanel hat den Frauen die Freiheit gegeben. Yves Saint Laurent gibt ihnen die Freiheit der Macht.“ (Bergé / Hahn 2008)

© MassivKreativ

Kreativität in der Architektur

In der Renaissance hat die Bankiersfamilie der Medici demonstriert, dass unternehmerischer Erfolg und visionäre Ideen Kunst und Architektur beflügeln können. Wirkungsstätte der Medici war Florenz, ein Umschlagplatz für Luxusgüter. Die Medici führten den Wechsel als Zahlungsmittel ein und erleichterten Bankfilialen in ganz Europa den Zahlungsverkehr. Cosimo de‘ Medici kombinierte grundverschiedene Geschäftsfelder, was auf seinen vielseitigen Interessen und seiner Offenheit beruht. Er pflegte mit jedem einen respektvollen Umgang, sprach mit Lieferanten ebenso auf Augenhöhe wie mit Politikern, dem Adel und mit Künstlern, die er von überall her nach Florenz holte. Die soziale Durchlässigkeit und sein Sinn für vielseitige Teams aus Bauplanern, Zeichnern, Steinmetzen, Holzschnitzern und Malern ermöglichte herausragende Bauwerke. Der Medici-Effekt (zu Fürstenberg 2012) wurde sprichwörtlich zum Symbol für interdisziplinäre, gleichberechtigte Zusammenarbeit. 

More than Shelters_01_Antje HinzMore than Shelters_01_Domo_Antje Hinz  © MassivKreativ

In unserer Zeit arbeitet der Künstler Daniel Kerber interdisziplinär mit Architekten, Designern, Sozialwissenschaftlern, Politologen, Materialforschern, Nähern, Outdoor-Spezialisten und Geflüchteten zusammen. Kerber hat sich intensiv mit dem Thema Mensch und Raum beschäftigt, viele Länder bereist und vor allem in Flüchtlingslagern geforscht. Seine Erfahrungen mündeten in das modulare Zeltsystem „Domo“ seines Sozialunternehmens morethanshelters. Geflüchtete können die mobilen Unterkünfte an die Familiengröße, an kulturelle Gewohnheiten und klimatische Bedingungen beliebig anpassen. 

© MassivKreativ

Kreativität in der Presse

Inhalt oder Form: Was gilt als kreativ und innovativ? Die Digitalisierung hat den Pressemarkt heftig erschüttert. Der Qualitätsjournalismus kämpft um sein Überleben. Tragfähige Geschäftsmodelle werden verzweifelt gesucht. Hoffnungen gelten dem konstruktiven Journalismus, „Geschichten des Gelingens“ (vgl. Welzer 2016a), gut recherchierten, tiefsinnigen Ereignissen oder spektakulären Vorfällen sowie neuen Vermittlungsformen. Empathie für fremde Lebenswelten und Abenteuer soll mit Virtual Reality und immersivem Journalismus gelingen. Digitales Storytelling wird von Journalisten und Medienproduzenten neu ausgelotet. Wie fühlt sich die Flucht auf einem völlig überfüllten Schlauchboot an? Mit einer VR-Brille wird diese Erfahrung zur traumatischen Tortur. Der US-Journalist James Pallot von der Medienschmiede „Emblemeticgroup“ glaubt: „Wir können mit Virtual Reality Nachrichteninhalte begreifbar machen, die andernfalls zwischen den Zeilen verloren gehen.“ (Pallot 2016) Zugleich bleibt die Verantwortung der Medien, durch 3D und VR die Berichterstattung nicht unnötig zu dramatisieren und zu manipulieren. Journalistische Sorgfalt und ethische Grundsätze müssen immer gewahrt bleiben. 

Der ehemalige CIA-Mitarbeiter und Whistleblower Edward Snowden lebt untergetaucht an einem geheimen Ort in Russland und wird wahrscheinlich nie wieder ein
normales Leben führen. Snowdens Enthüllungen geben Einblick, welches Ausmaß die weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten genommen haben. In einem Exklusivinterview berichtet er 2013 der britischen Tageszeitung „The Guardian“: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich tue und sage, aufgezeichnet wird. Solche Bedingungen bin ich weder bereit zu unterstützen, noch will ich unter solchen leben.“ (Snowden 2013)

  © Niko Korte, pixelio.de

Kreativität im Werbemarkt

Das Peng!-Kollektiv entwickelt subversive Aktionskunst, um die Gesellschaft zu mutigerem Handeln zu bewegen. Mit zivilem Ungehorsam und kreativen Ideen infiltrierte die Gruppe mehrmals Veranstaltungen mit falschen Identitäten. Zum Rohstoffkongress des Bundesverbandes der Deutschen Industrie verteilte sie 2014 kleine Bäumchen, gestaltete Flyer und Website im Corporate Design des BDI mit dem Hinweis: „Da wir zur Herstellung deutscher Hightechprodukte auf Metalle aus Konfliktregionen angewiesen sind, pflanzen wir im Gegenzug für jedes Opfer einen Baum. Auf diese Weise wird der BDI seiner sozialen Verantwortung gerecht und trägt darüber hinaus zu einer verbesserten CO2-Bilanz der deutschen Industrie bei.“ (Peng!-Kollektiv 2014) Nur wenigen fiel der Fake sofort auf.

Die Schweizer Aktionskünstler Frank und Patrik Riklin vom Atelier für Sonderaufgaben bewerben urbane und ländliche Orte mit ungewöhnlichen Kampagnen. Ihr
Quatschmobil fährt nur, wenn sich Gäste und Fahrer unterhalten. Gesprächsstoff wird zum Treibstoff! Umso mehr, wenn dabei Weltverbesserungsideen geschmiedet werden. Um das soziale Miteinander geht es auch im preiswerten „Null-Stern-Hotel“. Statt einsam Luxus zu genießen, sollen Hotelgäste neue Bekanntschaften schließen, was in dem fensterlosen Bunker im Großraum ohne Trennwände mühelos gelingt. Im Sommer offerieren die Riklin-Brüder auf einer Bergwiese in 1700 Metern Höhe ein einzeln stehendes Doppelbett. Für die vielen Sterne unter freiem Himmel postulieren die Zwillinge einen Übernachtungspreis von etwa 230 Euro.

© MassivKreativ

Kreativität durch Software und Games

Mit quelloffener kostenloser Open-Source-Software, an deren Entwicklung jeder Bürger kreativ mitwirken und teilhaben kann, demokratisierten die meist ehrenamtlichen Akteure den IT-Markt, z. B. mit Linux. Open Source hat verschiedene Ursprünge und Vorläufer, u. a. die Do-it-yourself-Initiativen und die Hacker-Bewegung, die aktuelle Beispiele in der Maker-Szene, den FabLabs und TechShops finden. 

  © MassivKreativ

Auch Wikipedia ist Ausdruck von Demokratisierung, Teilhabe, geteiltem Wissen, aber gleichzeitig auch von Disruption. Die traditionsreiche Brockhaus-Enzyklopädie wurde 2015 ein letztes Mal gedruckt und von der Online-Bibliothek ersetzt. Wikipedia wird gegenwärtig von rund zwei Millionen ehrenamtlicher Autoren der gemeinnützigen Open Knowledge Foundation mit Inhalten gefüllt (Wikimedia 2016). 

Prozesse spielerisch zu durchdenken und zu simulieren, kann Risiken senken und enorme Kosten sparen. Planspiele, übertragen auf elektronische Games und Apps, bieten geschützte Bedingungen, etwa für Rettungskräfte von Polizei und Feuerwehr, ebenso Fehlerkultur für medizinisches Personal in der Notaufnahme von Krankenhäusern, für Spezialkräfte auf Bohrinseln, für Produzenten und Logistiker von Gefahrengütern. In kreativ aufbereiteten Szenarien nehmen die Akteure verschiedene Sichtweisen ein, erkennen Zusammenhänge zwischen Abläufen und Prozessen, Ursache und Wirkung und üben dabei korrekte Kommunikationsmuster ein. Der beim Spielen typische Rollenwechsel steigert Lernerfolg und Erkenntnisgewinn.

Das engagierte Entwicklerstudio „Blindflugstudios“ aus der Schweiz hat ein serious game geschaffen, das die Sorgen und Nöte von Geflüchteten nachfühlbar macht. Beim Tablet-Spiel Cloud Chaser erlebt der Spieler die Flucht eines Vaters mit seiner kleinen Tochter durch die Wüste mit, schlüpft in die Rolle der beiden Protagonisten, durchlebt ihren gefahrvollen Weg, ihre ständige Todesangst. Das Spiel sensibilisiert für die Situation von Menschen auf der Flucht.

  © MassivKreativ

Kreativität im Kunsthandwerk  

Die Grüne Werkstatt Wendland im ehemaligen Postamt in Lüchow bringt im Rahmen von Starter-Camps junge Designer mit regional tätigen Handwerkern zusammen, u. a. mit Töpfern, Tischlern, Drechslern, Korbflechtern, Buchbindern, Textilgestaltern, Glasbläsern, Metallbauern und (Gold-)Schmieden. In der niedersächsischen Elbtalaue wachsen Kopfweiden, die regelmäßig beschnitten werden müssen. Für die Weidenruten haben Kunsthandwerker und Designer innovative Produkte und Verwendungsmöglichkeiten gefunden, aus deren Verkauf sich die Pflege der Weiden langfristig finanzieren lässt. Das leichte, weiche Weidenholz eignet sich u. a. zu Befestigungszwecken in Baumschulen, für Kisten und Schachteln sowie als Wirkstoff für fiebersenkende Substanzen.

In Mecklenburg-Vorpommern haben sich besondere Manufakturen angesiedelt, die aus regionalem Material (z. B. Ramona Stelzer – Fischleder) oder aus recycelten Stoffen (alte Pelze) neue originelle und außergewöhnliche Produkte herstellen. Ein spezieller Audioguide, realisiert im Auftrag der Metropolregion Hamburg vom Silberfuchs-Verlag, lädt zu einer ManufakTour durch das Garten- und Seenland Mecklenburg-Schwerin ein: Podcast 1 / Podcast 2 / Podcast 3 / Podcast 4

Quellen und Literaturhinweise:

Faschingbauer, M. (2010): Effectuation: Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag.

Hüther, G. / Quarch, C. (2016): Rettet das Spiel. München: Carl Hanser Verlag.

Fürstenberg, J. zu (2012): Die Wechselwirkung zwischen unternehmerischer Innovation und Kunst. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Renaissance am Beispiel der Medici. Wiesbaden: Springer Gabler Verlag.

Kreativität: woher und wohin? Eine Bestandsaufnahme

 © Rainer Sturm, pixelio.de

2009 hat die EU-Kommission erklärt, bei allen Bürgern „kreative und innovative Fähigkeiten als Schlüsselkompetenzen durch lebenslanges Lernen“ zu fördern und rief das „Europäische Jahr der Kreativität und Innovation“ aus: „Kreativität ist eine menschliche Eigenschaft, die sich in vielen Kontexten manifestiert, angefangen bei Kunst und Design über Handwerk bis hin zum Fortschritt in Wissenschaft und Technik und zu Unternehmertum und sozialer Innovation. Innovation ist die erfolgreiche Umsetzung neuer Ideen, die aus der Kreativität eines Menschen hervorgegangen sind. Die eng miteinander verknüpften Fähigkeiten Kreativität und Innovation kommen daher gleichermaßen dem wirtschaftlichen und sozialen wie auch dem künstlerischen Bereich zugute.“ (EU-Parlament 2008) 

Allzweckwaffe

Wird Kreativität zu inflationär beschworen, als „Universaltherapeutikum“ und allmächtige Problemlöserin missbraucht? Nicht nur Künstler empfinden zuweilen Unbehagen gegenüber ihrer Ökonomisierung und Funktionalisierung. Gedeiht Kreativität nicht vor allem beim zweckfreien Forschen? „Kreativität fängt da an […], wo der Verstand aufhört, das Denken zu behindern“ (Huchler / Jansen 2009, S. 5), konstatieren die Sozialwissenschaftler Andreas Huchler und Stephan A. Jansen. Oder führt uns eher das bewusste Nachdenken über die Welt zu neuen innovativen Erkenntnissen?

  © Dieter Schütz, pixelio.de

Definition

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Doris Rothauer stellt fest: „Es gibt keine einheitliche Definition, keinen Konsens darüber, was Kreativität ist, wie sie entsteht und wie sie wirkt. Sie ist, was ihrer Natur entspricht: nicht planbar, nicht messbar, nicht zuordenbar, nicht auf Knopfdruck abrufbar.“ (Rothauer 2016, S. 32)
Weil wir ständig den Drang haben, unsere Welt zu ordnen, zu strukturieren und zu planen, ist Kreativität abseits der Kunst in den meisten anderen Lebensbereichen eine Herausforderung. Vor allem in konservativen Institutionen, wo Hierarchien häufig spontane und neue Ideen behindern, um so mehr, wenn sie bestehende Strukturen zur Disposition stellen.

Joachim Funke, Professor für Psychologie an der Universität Heidelberg, hat eine Erklärung gefunden, die sich am Markt orientiert: „Kreativität bedeutet das Hervorbringen eines neuen, individuell oder gesellschaftlich nützlichen Produkts. Ein Produkt, das nicht durch Routineverfahren erzeugt werden kann… Kreativität ist ein Erfolgsgeheimnis der Evolution: Schaffe zufällige Mutationen und schaue, was sich bewährt.“ (Jetzt, 11.05.2018).

Alles immer auf Anfang

Am Anfang einer Kreation steht sinnbildlich das leere, weiße Blatt. Für die einen ein Alptraum mit Versagensängsten, für die anderen die Hoffnung auf den großen Wurf. So oder so: Es ist die Geburtsstunde für Künstler und Entrepreneure, die etwas Eigenes „unternehmen“ wollen, und ebenso für Intrapreneure, die als Mitarbeiter eigenverantwortlich tätig sein möchten und es auch dürfen. Kreativ zu werden heißt, weiße Flecken, Leerstellen in unserer Gesellschaft zu erkennen, die andere Menschen nicht sehen, Fragen zu stellen und Lösungsansätze zu finden. Der Psychologe und Autor Frank Berzbach erklärt es so: „Kreative haben die Unzufriedenheit mit dem real Existierenden in ihr Leben eingebaut: wem die bisherigen Lösungen nicht ausreichen, […] wird schöpferisch tätig […] Kreativität wird zur Lebensform, wenn wir nicht aufhören darüber nachzudenken, […] wie wir die Welt besser hinterlassen.“ (Berzbach 2013, S. 21, 165)

 © Irene Lehmann, pixelio.de

Begriffsklärung

Kreativität wurzelt im Schöpferischen, „creare“ bedeutet „schöpfen“: etwas Neues, Originelles, noch nie da Gewesenes. Kreationen entstehen zunächst im Kopf und bahnen sich dann ihren Weg nach außen. Kreativität bedeutet Originalität! Wir sind überrascht und berührt, wenn wir zum allerersten Mal etwas Unerhörtes, Ungesehenes oder Ungefühltes erleben. Kreative Ideen helfen uns dabei, unser alltägliches Tun zu reflektieren, Routinen aufzugeben, Perspektiven zu wechseln.

Wenn wir unsere Sichtachsen ändern, nehmen wir die Welt anders wahr und können uns neuen Dingen öffnen. Neue Inhalte brauchen häufig auch neue Strukturen. Die alten Strukturen über Bord zu werfen und Experimente mit ungewissem Ausgang zu wagen, erfordert Mut. Wer kreativ sein will, muss kühn und furchtlos agieren!

 © Daniel Stricker, pixelio.de

Kreativität als Zukunfts- und Wirtschaftsfaktor

Auf dem Weltwirtschaftsforum 2016 in Davos wurde Kreativität zum drittwichtigsten Faktor der Wirtschaft erklärt. Doch im Alltagsgeschäft überwiegt die Angst vor offenen Prozessen mit ungewissem Ausgang. Jede beherzte Entscheidung erfordert Verantwortung für deren Folgen. Kreativität ist ein unberechenbares Gewächs, ein unkontrollierbarer Freigeist. Einem Projekt bzw. einer Entwicklung freien Lauf zu lassen, so wie Künstler und Kreative es tun, ist für viele Akteure in der Wirtschaft und im öffentlichen Sektor nach wie vor eine Herausforderung. Ein Ziel nicht linear anzupeilen, sondern auch Umwege und Überraschungen zuzulassen, erscheint ungewohnt. Vielleicht fällt es deshalb noch schwer, Kreativität außerhalb von Kunst und abseits der Kultur- und Kreativbranche zu etablieren?

Hartnäckigkeit ist gefragt. Es gibt noch viel zu tun! Kreativschaffende dürfen nicht locker lassen. Sie müssen alle Institutionen und Bereiche der Gesellschaft mit Mut und kreativen Methoden „aufmischen“!

 

Noch mehr Kreativität? 

Kreative Karambolagen: Open und Cross Innovation

© ritter-sport.de/blog

Innovationen gelingen, wenn sie als Open-Innovation-Prozesse für externe Akteure geöffnet werden, sowohl interdisziplinär über verschiedene Branchen hinweg als auch nutzerorientiert für Kompetenz- und Wissensträger, für Experten und Anwender. Erfahrungen und Wünsche der Nutzer müssen von Anfang an in die Planung, Gestaltung und Entwicklung von Innovationen einbezogen werden.

Was ist Cross Innovation?

Mit dem Begriff „Cross Innovation“ wird die branchen- bzw. disziplinübergreifende Zusammenarbeit von Kreativschaffenden mit klassischen Wirtschaftsbranchen beschrieben, z. B. mit Unternehmen der Gesundheits- und Automobilwirtschaft, dem Hightechsektor oder dem verarbeitenden Gewerbe. Wenn voneinander unabhängige Lebensbereiche kreativ miteinander in Beziehung gesetzt werden, kann Neues entstehen: Co-Kreationen und cross-sektorale Projekte.

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Komfortzonen verlassen

Wer weiß, was Manager für wunderbare Ideen hätten, wenn sie mal einen Tag im Kindergarten, im Theaterfundus oder im Museumsdepot verbringen würden. Die von mir ausgewählten Fallbeispiele zeigen, warum es wichtig ist, seine Persönlichkeit möglichst vielfältig zu entfalten, sein kreatives Potenzial und seine Talente zu erproben, unterschiedliche Fertigkeiten zu entwickeln und miteinander zu verbinden.

 © Claudia Hautumm, pixelio.de

Musik und Genmedizin

Was sich der Krebsforscher Martin Staege von der Uni Halle ausdachte, klingt verrückt. Er spürt Tumore mit Musik auf: „Man kann die Stärke der Expression von Genen in Tonhöhe und Tonlänge umsetzen, um Melodien zu erzeugen“ (Staege 2016). Staege spielt leidenschaftlich gern Klavier und bemerkte, dass das Ohr falsche Töne sofort identifiziert, dass man aber Fehler in visuellen Darstellungen lange suchen muss. Seine Frage: Würde es über Melodien schneller gelingen, kranke Zellen aufzuspüren? Staege übertrug Notenbilder auf elektronische Abbildungen von Genen. Mit selbst entwickelten Algorithmen gelangte er zu einer völlig neuen Analysemethode – dank seiner kreativen Idee, Musik und Medizin, Naturwissenschaft und Kunst sowie visuelle und akustische Wahrnehmungsmechanismen zu verbinden.

Pharmaindustrie und IT

Die Firma Vitality hat eine intelligente Medikamentendose mit elektronischem Verschluss GlowCap entwickelt. Sie ist mit einer Datenbank verbunden, die ein akustisch-visuelles Signal abgibt und sich öffnet, wenn der richtige Zeitpunkt für die Medikamenteneinnahme gekommen ist. Die korrekte Einnahme konnte von 50 % auf 80 % gesteigert werden.

Julia Lohmann_Oki Naganode_Fotograf Petr Krejci © Julia Lohmann: Installation „Oki Naganode“, Foto: Petr Krejci

Kunst und produzierendes Gewerbe

Künstler und Designer experimentieren für Installationen, Möbel, Mode und Accessoires mit heimischen Naturstoffen. Sie sind Vorreiter der rasant wachsenden Bioökonomie. Die Künstlerin Julia Lohmann verwendet neben Algen auch Papier, Stroh und Löwenzahn. Nun zieht die Automobilindustrie nach. Der Reifenhersteller Continental verarbeitet anstelle von Kautschuk sibirischen Löwenzahn, der ebenfalls über die begehrten gummiartige Eigenschaften ;verfügt.

Crowdsourcing und Lebensmittelbranche

Auf zivilgesellschaftliche Kreativität stützt sich Fruchtgummihersteller Haribo. Auf Anregung der Käufer kommt 2014 eine „Fan-Edition“ mit Goldbären in sechs neuen Geschmacksrichtungen auf den Markt. Der Clou: Auch blaue Fruchtgummibären sind dabei. Und: Der geschmacklose Farbstoff wird aus Algen gewonnen. „Civil bzw. Citizen Creativity“ wird inzwischen on vielen Herstellern genutzt. So entstand das Geschäftsmodell von Innosabi. Auf der gleichnamige Plattform werden gemeinsam mit Kunden im Auftrag von Firmen neue Produkte entwickelt.

 © Haribo-Fanartikel

Marketing und Aktionskunst

Werber, Designer, Games-, Film- und Theaterakteure sind Experten für die Emotionalisierung von Marken und Produkten. Sie inszenieren deren Auftritte bei Messen, Tagungen, Konferenzen und digital für alle Medien. Doch Marken erringen nur dann Aufmerksamkeit, wenn ihre Motivation und innere Haltung authentisch und nachhaltig wirkt. Statt einer normalen Werbekampagne für eine neue Fliegenfalle entwickelten die schon erwähnten Schweizer Künstler Frank und Patrik Riklin für den Bielefelder Biozidhersteller Reckhaus einen Aktionstag zum Fliegenretten. Aus der künstlerischen Intervention entstand ein bis heute anhaltender Unternehmenswandel mit vielen Maßnahmen für mehr Verantwortung im Hinblick auf Umwelt und Nachhaltigkeit.

© Reimar Ott

Produzierendes Gewerbe, Chemie, Medizin

Die Firma Gore hat sich auf wind- und asserabweisende Funktionstextilien spezialisiert. 20 % der regulären Arbeitszeit steht dem Personal für den kreativen Blick über den Tellerrand zur Verfügung. Je nach persönlichen Freizeitinteressen entwickelten die Mitarbeiter aus dem Material neue Produkte für andere Märkte: beschichtete, schmutzabweisende Schalt- und Bremszüge für Fahrräder, länger haltbare Gitarrensaiten, Implantate für die Herz- und Gefäßchirurgie.

Smoothfood heißt ein neues Geschäftsmodell, dass Lebensmittelchemie und 3D-Druc verbindet. Impulsgeber ist die Makerszene der TechShops und FabLabs. Die
Firma Biozoon aus Bremerhaven wandelt Lebensmittel in Pulver um und serviert Menschen mit Schluckbeschwerden, die der pürierten Nahrung überdrüssig sind,
zumindest die haptische Illusion von gebratenen Hähnchenkeulen, Kartoffeln und Möhren. Neben Krankenhäusern und Seniorenheimen werden auch Sterneküchen
mit Produkten aus dem 3D-Drucker beliefert, z. B. mit kunstvollen Gelatine-Desserts im kreativen Design von urbanen Wolkenkratzern, Gebirgslandschaften und
Tieren.

 © A. Dreher, pixelio.de

Draußen und Drinnen

Lopifit holt das Fitnessstudio auf die Straße, indem es Fahrrad, Roller und Laufband kombiniert. Statt in die Pedale zu treten, treibt der Nutzer das Gefährt über ein Laufband an und landete damit in arabischen Ländern einen Überraschungserfolg. War das Fahrradfahren in langen Gewändern bisher eher umständlich, bietet das Loopifit nun deutlich mehr Komfort, weil es im Stehen angetrieben wird.

Landwirtschaft und Elektrotechnik

Der US-Amerikaner Philo Farnsworth kombinierte zwei Welten, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen: Landwirtschaft und Physik. Aufgewachsen in armen Verhältnissen einer Mormonenfamilie musste er zu Hause oft bei der Feldarbeit helfen. Beim eintönigen Pflügen des Kartoffelackers sinnierte er häufig über physikalische Fragen. Er wusste: Radiowellen ließen sich über den Äther funken. Und Bilder? Wäre es vielleicht möglich, wie beim Pflügen eines Kartoffelackers Bilder in parallele Zeilen zu zerlegen und so elektronisch zu übertragen?! Farnsworth verfolgte seine Idee weiter. 1927 gelang ihm im Beisein seiner Geldgeber die weltweit erste elektronische Bildübertragung mit einer Elektronenstrahlröhre. Das ihm die Idee ein Konkurrent stahl und als Patent anmeldete, ist eine andere Geschichte …

 © Filmcover Geniale Göttin 

Musik und Waffentechnik

Hedy Lamarr galt in den 30er/40er Jahren als Sexbombe in Hollywood. Sie selbst empfand Schönheit eher als langweilig. Sie war eine blitzgescheite Querdenkerin, tüftelte an mechanischen Musikinstrumenten und an Waffentechnik. Ein typisches Beispiel für Cross Innovation, das die Übertragung von Lösungsansätzen von einem Lebensbereich auf einen anderen greifbar und nachvollziehbar macht. Doch wie gelang ihr das? Weiterlesen: Sexgöttin als Waffenerfinderin: Wie Cross Innovation gelingt

Ist trotz/dank Digitalisierung ein gutes Leben möglich?

 © Cristine Lietz, pixelio.de

Die Digitalbranche hat es geschafft: Sie steht seit Ende 2016 auf Platz 1 der Arbeitgeber – noch vor dem Maschinenbau und der Automobilindustrie.  Wer das Suchwort „Digitalisierung“ bei google eingibt, erhält nahezu 10 Millionen Link-Vorschläge. Beim Schlagwort „CSR = Corporate Social Responsibility“ sind es sogar 165 Millionen Einträge. „CSR und Digitalisierung“ – zwei vielschichtige Themen, denen sich nun mit Dr. Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer ein sehr gut vernetztes Herausgeber-Team in einem fast 1200-Seiten starken Buch umfassend gewidmet hat. Ich habe mir vor allem die Verbindungslinien zur Kultur- und Kreativwirtschaft angesehen.

360-Grad-Blick

Unsere Welt wird immer komplexer, Spezialgebiete fächern sich mehr und mehr auf. Publikationen widmen sich zunehmend Detailthemen. Was heute fehlt, ist der Blick aufs Ganze. Vor diesem Hintergrund kann das neue, reichhaltige Buch „CSR und Digitalisierung“ nicht genug gelobt werden. Hildebrandt und Landhäußer ist das Meisterstück gelungen, über fast drei Jahre mehr als 128 Autoren (inkl. Vor- und Grußworten) mobilisieren zu können, die ihre Gedanken und ihr Wissen über Digitalisierung und CSR in bislang noch nie dagewesener Vielschichtigkeit dargelegt haben.

Fragen stellen

Was positiv auffällt, ist die vierseitige Fragenliste zum Auftakt des Buches. Vor Transformationen und Innovationen stehen immer Fragen, die richtig gestellt und beantwortet werden wollen. Fragen sind Motor, Triebkraft und Impulsquelle für neue Entwicklungen. Fragen motivieren uns, den Dingen auf den Grund zu gehen. Muss es so bleiben wie bisher? Warum haben wir es so gemacht? Geht es nicht auch anders? Wie sieht ein Problem oder eine Herausforderung aus, wenn ich eine andere Perspektive oder Sichtachse einnehme? Es geht nicht nur um Technologie, sondern auch um Verantwortung und Wertefragen: „Wie kann der Sehnsucht nach verlässlichen Strukturen in instabilen Zeiten begegnet werden? Weshalb ist WISSENSKULTUR wichtiger als Wissensbeschaffung?“ 

Künstler als Vordenker

Für Kreativschaffende gehören Fragen zum Alltagsgeschäft. Ihr Handwerk sieht vor, Dinge aus anderem Blickwinkel zu betrachten und mutig zu sein, Herausforderungen gegen Routinen einmal anders zu meistern. Nur so sind neue Einsichten möglich. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die einführenden Gedanken zum Buch von einem Illustrator kommen – Raimund Frey. Er reflektiert seinen Arbeitsalltag, nimmt die Vogelperspektive ein und stellt dabei beobachtend fest, dass seine Arbeitswelt einer Kommandozentrale gleiche, von der aus er sein Universum dirigiere: „Zeichen- und Textprogramm, Projektordner, Zeiterfassung, Rechnungstellung, Projektmanagement-Software, Musikprogramm, E-Mails… Das soll nicht wertend sein, obwohl man sich über die positiven und negativen Aspekte auslassen könnte“, schreibt Frey (S. XXI-XXIII)

Vorworte

Konsequenterweise hat der kreative Pionier und Vordenker seinen Platz vor einer Reihe honoriger Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft  gefunden, von denen hier nur einige erwähnt seien: Wolfgang Schäuble, Julia Klöckner, Fredmund Malik, Jörg Asmussen, Timotheus Höttges (der sich übrigens im Zuge der Digitalisierung für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausspricht) und Schauspielerin Valerie Niehaus, die in ihrem Beitrag über die „Kunst des Denkens“ reflektiert (siehe Initiative Auf ein Wort).

 © Cristine Lietz, pixelio.de

Vielschichtige Themen

Das Mammutwerk taucht tief in Digitalisierung und CSR ein und beleuchtet nahezu sämtliche Bereiche der Gesellschaft, neben viel Technologie auch unsere persönliche und „unternehmerische Verantwortung für Gesellschaft und Soziales“ = CSR, die uns alle fordert. Und so gibt es neben Begeisterung auch einige zögernde, reflektierende und mahnende Stimmen zur Digitalisierung. Der  Kommunikationswissenschaftler Christian Hoffmeister warnt vor der „Die MacGoogleisierung als neue Religion, … nachdem die alten Religionen v. a. in unseren westlichen Gesellschaften an Überzeugungskraft und Akzeptanz verloren haben“ (S. 67).

Der Untertitel des Buches ist bewusst gewählt: „Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft“. So bunt die Autorenschaft in jeweiliger thematischer Abhängigkeit zusammengesetzt ist, so bestrebt ist deren Bemühen, die geschilderten Aspekte verständlich darzustellen. Um diese Teilaspekte geht es:

  • Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
  • Innovation und Technologie
  • Mobilität
  • Handel und Konsumgüter – Fülle des Lebens
  • Arbeit, Management und Leadership
  • Die Zukunft von Marketing und Vertrieb
  • Medien und Kommunikation
  • Gesundheit und Sport
  • Bildung, Kultur und (Lebens-)wissenschaften

… , aus denen ich nun einige Teilbereiche mit Verbindungen zur Kultur- und Kreativwirtschaft herausgreifen möchte.

Künstliche Intelligenz

Christoph Keese, Executive Vice President der Axel Springer SE (Societas Europaea) beginnt sein Vorwort mit harscher Kritik: Deutschland habe das digitale Zeitalter „mit einem Fehlstart begonnen … Keine zukunftsweisende Technologie erlebte hier ihren Durchbruch.“ (S. LIII)  Doch vielleicht spricht gerade für Deutschland und Europa, Risiken technologischer Innovationen lieber einmal mehr abzuschätzen und zu hinterfragen, als Reaktion auf die ungebremste Euphorie im Silicon Valley. Längst warnen auch US-amerikanische Vordenker vor den Folgen der rasanten Entwicklung selbstlernender Systeme und Künstlicher Intelligenz, u. a. Stephen Hawking, Bill Gates und Elon Musk. Herausgeber Werner Landhäußer schreibt daher in seinem Vorwort: „Wirklich gefährlich wird der Innovationsdrang im Digitalisierungsbereich, wenn er sich mit Allmachtsphantasien verbindet.“ (S. XII) Neue Technologien müssen schon aus ethischen Gründen gesamtgesellschaftlich diskutiert werden, hier gehören  IT-Experten, Philosophen, Juristen, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft dringend an einen Tisch.

Augmented und Virtual Reality

Prof. Dr. Anett Mehler-Bicher und Lothar Steiger von der Hochschule Mainz erläutern die Unterschiede zwischen Augmented und Virtual Reality. Dabei geht es den Entwicklungsstand aus technischer Sicht, um Chancen und Verantwortung im Hinblick auf psychische Aspekte von Computerspielen, um Geschäftsmodelle und einen Ausblick (S. 127f).

Versandhandel

Der Junggründer Johannes Crepon möchte „mit Innovation das Historische erhalten“. Er betreibt dafür als Geschäftsführer der Velocity Automotive GmbH in München einen europaweiten digitalen Versandhandel und importiert Reproduktions-, Ersatz- und Tuningteile für amerikanische Fahrzeuge aus den USA. Er schreibt im  Buch darüber, „wie Technologie und das Vernetzen das Restaurieren von Oldtimern erleichtert“ (S. 157f).

Reisebegleiter

Wenn Sie Kreuzfahrten lieben, wurden Sie vielleicht schon mal von einem Androiden an Bord begrüßt. Auch wenn Ihnen dabei nicht ganz wohl war: Reiseexperte Christian Smart ist überzeugt, dass der Einsatz humanoider Roboter und digitaler Technologien im Tourismus unaufhaltsam ist und warum sie das Reisen entspannter und kundenorientierter machen (S. 171f).

WillkommensApp

Viola Klein gründete das Softwareunternehmen Saxonia Systeme GmbH und setzt ihre Kompetenzen auch für gemeinnützige Zwecke ein, u. a. entwickelte ihr Unternehmen eine Welcome-to-Dresden-App für Geflüchtete, 20 weitere Städte und Landkreise haben das Konzept bereits übernommen (S. 347f) (vgl. hierzu: Medien für Geflüchtete).

Blockchain

Mit der Blockchain-Technologie beschäftigen sich Tina Düring und Hagen Fisbeck, beides Experten für Geschäftsmodellentwicklung und Digitalisierungsstrategien. Beide sagen einen Wandel in der Marken- und Vertrauensbildung voraus und hoffen zukünftig durch mehr Transparenz auf ethisch korrekteres Wirtschaften als bisher. Blockchain soll dafür neue Wege und neue Wertschöpfungsketten ohne unnötige Intermediäre (Zwischenhändler) eröffnen (S. 449f). 

Maßschuhe

Das Verhältnis von traditionellem Handwerk und Digitalisierung beschreibt Kirstin Hennemann. Sie wechselte nach ihrem Studium für Politik und Germanistik das Fach und entschied sich bewusst für das Handwerk: „Werde, der du bist!“ („Pythische Oden“ von Pindar, um 500 v. Chr.). Gemeinsam mit Gabriele Braun betreibt sie in Berlin-Prenzlauer Berg die nachhaltige Maßschuhmacherei Braun & Hennemann und setzt dabei auf Design und Schönheit handgemachter Schuhe. Das Schuhhandwerk ist eines der ältesten Gewerbe der Welt, insgesamt 300 Arbeitsschritte umfasst die Herstellung eines Maßschuhes, wie Hennemann erklärt. Daher steht sie der Eigenvermessung des Kunden mithilfe digitaler Tools kritisch gegenüber: „Bei individuellen Maßschuhen funktionieren keine vorgefertigte Teile oder Stanzeisen. Man könnte mehr Technik einsetzen, die aber nicht zu einer Verbesserung des Produktes führen würde. Einem Maßschuhkunden, der ein wirklich individuelles Paar Schuhe mit eigenem Gehgefühl sucht, würden ein Paar Maßschuhe per Scanner nicht helfen.“ (S. 525f)

Greifbare und erlebbare Werte

Auf den rückkehrenden Wunsch nach greifbaren Dingen und Werten gehen Herausgeberin Dr. Alexandra Hildebrandt und Autorin Claudia Silber ein. Abstrakte Vorgänge wie die Digitalisierung und damit entstehende gesellschaftliche Veränderungen sind zuweilen schwer verständlich und schwer fassbar. In einer Welt, die zunehmend fremdbestimmt und entmaterialisiert wird, sehnen sich viele nach Orientierung und Halt, nach Identität und Stabilität, nach Gestaltungsfreiheit und eigenem Einfluss. Was kann jeder z. B. in seiner Alltagspraxis dazu beitragen, bewusst und nachhaltig zu leben?

Hildebrandt und Silber nennen Kreative und „Ökopioniere als mutige Vordenker und Vorreiter von grundlegender Bedeutung für gesellschaftliche Veränderungsprozesse.“ (S. 556f) und berichten über wichtige haptische Gegenstände im Alltag von Künstlern und Kreativschaffenden, nennen den amerikanischen Bestsellerautor John Irving, den französischen Philosophen und Essayisten Paul Valéry, den Filmregisseur Helmut Dietl und den Sängers der norwegischen Popband a-ha, Morten Harket. Jeder von uns möchte Selbstwirksamkeit spüren, Dinge berühren, gestalten und verändern. Hände haben eine grundlegende Bedeutung, weil sie – wie Morten Harket schreibt, „nicht nur Werkzeug, sondern auch Sinnesorgan sind, die der ganzheitlichen Weltwahrnehmung dienen. Durch sie wird die Welt sinnlich und motorisch buchstäblich be-griffen, was wiederum dazu führt, besser und aufmerksamer über sie nachdenken zu können.“ (S. 558) Welche gegenständlichen Dinge sind es, die unserem Leben Sinn geben? Hildebrandt und Silber führen u. a. auf:

  • Briefe, weil sie Menschen nachhaltig verbinden
  • Fahrräder als Symbol persönlicher Freiheit
  • Lampen als Symbole des Erkennens und einer leuchtenden Zukunft
  • Notizbücher als Gedankenstützen und Erinnerungshilfen
  • Stifte als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und Gestaltungsfreiheit
  • Uhr als Symbol unserer wertvollsten Ressource zeit
  • Vogelhaus als Symbol für “Nestbau“, „unsere heile Welt“, Verantwortung und Nachhaltigkeit

Analoge Multitalente

Ein Loblied auf das Schreiben mit „Stift und Papier“ singt der Informatiker und selbsterklärte Notizbuchfanatiker Christian Mähler (S. 1051 f). Mit der Handschrift gehe nicht nur eine Kulturtechnik verloren, sondern auch eine Lernmethode, Textverständnis, Kreativität, Qualität, Gedächtnistraining, strukturiertes Nachdenken, ferner Entschleunigung, Ästhetik und Haptik.

Dem haptischen Papier huldigt auch Autorin Miriam Dovermann mit ihrer Retrozeitschrift Vintage Flaneur, das sie ein „Magazin für Retro Lifestyle und Mode und ein Leben mit Nostalgie“ nennt. Trotz der Sympathie für das gedruckte Magazin bekennt sie: „Ohne das Internet … würde der Vintage Flaneur nicht existieren. Keine Bank gibt Gründern eines Verlags für eine Zeitschrift in diesen Zeiten einen Kredit. Ohne die sozialen Medien wäre das Projekt so von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen … YouTube-Videos und Blogs zur Unterstützung von Inhalten durch Filme und Musik, der privatisierte Kontakt zu Kunden über die sozialen Medien, weltweiter Handel durch Onlineshops, digitale Zeitungen, die nicht knicken und keine Ressourcen fressen, Link Building . . . Da handeln ganze Bücher von. Die andere Seite ist möglicherweise die spannendere: Was kann eigentlich eine Zeitschrift, was das Internet nicht kann?“  Dovermann findet diese Antwort: „Aus dem Weltall von Informationen, die das Internet und auch die Bücher dieser Welt versammeln, treffen sie [die Zeitschriften] eine Auswahl.“ (S. 1067)

Die Kunst des (Unternehmens)Wandels

Angeregt von den Konzeptkünstlern Patrik und Frank Riklin hat der Bielefelder Biozid-Hersteller Hans-Dietrich Reckhaus seinen persönlichen Erkenntnisprozess auf sein Unternehmen übertragen. Durch die künstlerische Intervention Fliegen retten in Deppendorf wurde ihm die Bedeutung und  Verantwortung für Insekten bewusst, so dass er sein Handeln überdachte und änderte. Reckhaus schafft heute Ausgleichsflächen für Insekten auf seinem Firmendach, führte ein Produkt-Gütesiegel für Insektenbekämpfung mit ökologischem Ausgleich ein und regt mit seiner Initiative Insect Respect sowie landesweiten Vorträgen die Diskussion darüber an, wie Unternehmen und Gesellschaft zur Förderung der Biodiversität beitragen können, , unterstützt von der Nachhaltigkeitsexpertin und Autorin Tina Teucher

Über seine Zusammenarbeit mit den beiden Künstlern sagt Reckhaus rückblickend: „Ich war immer offen für innovative Dinge, wollte etwas bewegen, aber mir fehlte das Werkzeug dazu.“ Die künstlerischen Methoden der Riklin-Brüder eröffneten ihm für die Transformation neue Horizonte und Wege, z. B. Perspektiven zu wechseln und mutig zu sein, gewohnte Dinge infrage zu stellen. So wurde Reckhaus vom Insektenvernichter zum Insektenretter. Für seinen Unternehmenswandel wurde er mehrfach ausgezeichnet. (S. 575f)

Zusammenarbeit und Arbeit 4.0

Die Zukunft ist unwägbar geworden, was im Begriff VUCA/VUKA seinen  Niederschlag findet. Statt langfristiger Planungen werden heute in agilen Teams kleine und überschaubare Lösungen in kurzen Projektphasen erarbeitet. Wie Führungskräfte darauf reagieren sollten, formulieren Herbert Schober-Ehmer, Dr. Susanne Ehmer und Dr. Doris Regele (S. 667f). Wie sich Manager mit Bürgern über neue Herausforderungen und Methoden der Bewältigung austauschen können, stellen die beiden Change Agents und Dialogexperten Clemens Brandstetter und Florian Junge am Beispiel der Plattform managerfragen.org vor. Transparenz, Dialogkultur und Wissensteilhabe werden so gefördert.

Künstlerin, Kulturkomplizin und cradle-to-cradle-Anhängerin Daniela Röcker schreibt in diesem Zusammenhang über neue Führungsstrategien, Mitbestimmung, Augenhöhe, Demokratie und erfolgserprobte Formen der Zusammenarbeit: „Nicht Konkurrenz treibt Menschen zu besseren Leistungen an, sondern Kooperation in Kombination mit Wettbewerb. Das Potenzial der Kooperation ist in allen sozialen Wesen bereits in den Genen angelegt und sichert unser Überleben.“ (S. 636) Sie zitiert Richard Sennett, der darin „gesellschaftsbildendes Handwerk“ zur Entwicklung von Empathie sieht, die „intelligentere Form des Umgangs miteinander, wie Röcker schreibt: „Im empathischen Dialog nimmt man den Unterschied zwischen sich und dem/der anderen wahr und wertschätzt diesen, indem man achtsam und aufmerksam zuhört.“ Röcker erläutert außerdem künstlerische Interventionen in systemischer Beratung und Coaching (S. 642f). Sie stellt klar, dass diese besondere Methode nicht zur Lösung eines konkreten  Problems geeignet sei, sondern vielmehr ergebnisoffen angelegt sei. Ziel ist es, Aktionsräume zu eröffnen, erstarrte Verhaltensmuster, Routinen und Rituale zu erkennen, die richtigen Fragen zu stellen, zu reflektieren und damit die wahren Probleme zu identifizieren.

Vitra: Kultur als Kapital

Unternehmensberater Tim Leberecht stellt das Schweizer Unternehmen Vitra vor – als Beispiel konsequent gelebter Unternehmenskultur. Vitra baut erstklassige Möbel und Läden für Institutionen weltweit, neben Firmen u. a. auch für den Deutschen Bundestag, die Tate Modern Gallery und den Flughafen in Dubai. Der Erfolg des Unternehmens fußt maßgeblich auf den Leistungen seiner Designer und Architekten, die nicht nur als Produktgestalter gelten, sondern als originäre Urheber und Autoren gesehen werden. Dieses Selbstverständnis hat der ehemalige Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzende Rolf Fehlbaum so formuliert (S. 648): „Wenn man ein Design-Unternehmen leitet, ist man ein Romantiker, weil man ja glaubt, dass man durch Gestaltung die Welt formt und gute Dinge für sie bereithält … wir glauben fest daran.“

Vitra setzte auf Qualität, Handwerk, Vielfalt und schätzt den Wert von Kunst und Kultur. Es ist ein ganzheitliches „kulturelles Produkt“, davon kündet auch das Vitra Design Museum auf dem Gelände des Unternehmens in Weil am Rhein. Jedes Jahr kommen mehr als 300.000 Besucher auf den Vitra Campus. Das Museum zeigt nicht nur Produkte, sondern greift in seinen Ausstellungen auch aktuelle Themen auf, wie z. B. Hello Robot: Design zwischen Mensch und Maschine. Vitra wird damit zur Sinnfabrik. Während die USA vor allem disruptiven Geschäftsmodelle hervorgebracht hat, stehen Mittelständler aus Europa als „Hidden Champion“ für Emotionen, Qualität, „Seele, Aura und Substanz“, so Leberecht. Er fordert: „Mit einem Wort: Kultur.“

Soziale Innovation vs. technologische Innovation

Berater Andreas Zeuch hat sich in seinem Buch Alle Macht für niemand eingängig mit dem Thema Unternehmensdemokratie befasst und dazu viele Geschäftsführer befragt. Was passiert, wenn Mitarbeiter mehr Eigenverantwortung erhalten, wenn siemitbestimmen und mitgestalten können? Zeuch erläutert, warum Digitalisierung und eine erfolgreiche Digitalwirtschaft nur dann gelingen können, wenn vor der Technologie die sozialen Fragen des Miteinanders überdacht und erneuert wurden. Er zeigt dies am Beispiel eines Callcenters und der entscheidenden Frage: Service oder Kontrolle? „Solange es trotz digitaler Transformation weiter zentrale Top-down-Entscheidungen gibt, können die vielen Vorteile eines digitalisierten Unternehmens gar nicht zum Tragen kommen. Wenn beispielsweise Echtzeitfeedback von Kunden für Mitarbeiter eines Callcenters erst zur Führungsetage läuft, dort ausgewertet und dann an die eigentlichen Adressaten gesendet wird, ist wertvolle Zeit verloren gegangen. In der alten Welt stellt sich die Frage, worum es eigentlich geht: maximal schnelle Verbesserung des Service oder Kontrolle?“ (S.727)

Sozialunternehmen

Die Gründerkultur ist in den letzten Jahren  durch zahlreiche neue Sozialunternehmen bereichert worden. Sie haben zahlreiche soziale Innovationen auf den Weg gebracht bzw. gute Ideen für ein besseres Leben. Joana Breidenbach und Theresa Filipović von betterplace.org stellen dies am Beispiel verschiedener Projektdatenbanken und Spenderplattformen dar.

Plattformökonomie

Dieter Gorny beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld menschliche und künstliche Kreativität. Er fragt, was passiert, wenn ein selbstlernendes System „mit sämtlichen Daten historischen künstlerischen Schaffens und allen bekannten Techniken „gefüttert“ wird mit dem Auftrag, etwas Neues daraus zu schaffen? Wo liegt dann die Grenze (zu) authentisch
menschlich geschaffener „neuer“ Kunst?“ (S. 1137). Gorny leitet den Bundesverband der Deutschen Musikindustrie sowie ecce – das European Centre for Creative Economy und wurde 2015 zum „Beauftragten für Kreative und Digitale Ökonomie“ im Bundeswirtschaftsministerium ernannt. Er sorgt sich um persönliche Daten, Urheberrechte, Marktmonopolisierung, Wertvorstellungen, Rahmenbedingungen der Plattformökonomien. Gorny mahnt, dass „der Endnutzer sich gemäß den jeweiligen Datenschutzerklärungen oder Nutzungsbedingungen bereit erklärt, dass die mit ihm verbundenen oder von ihm ausgelösten Daten durch diese Dienste äußerst umfangreich weiterverwendet werden können (vgl. z. B. Google Datenschutzerklärung und Nutzungsbedingungen, YouTube Nutzungsbedingungen et al.).“ (S. 1137).

Gorny hinterfragt: „Wem kommen die jeweiligen Entwicklungen langfristig wirtschaftlich zugute? Welche Verwirklichungschancen ermöglichen sie dem Einzelnen? … Was sind die notwendigen Schlüsse für unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft?“ Aufhorchen lässt schließlich Gornys Erkenntnis: „Vielleicht macht die digitale Strategie 2025 des Bundeswirtschaftsministeriums mit ihren entsprechenden Programmpunkten richtige Schritte in Richtung einer dem Menschen dienenden Ökonomie (BMWi 2016). Jedenfalls gilt es, die einstigen Paradigmen des reinen Wirtschaftswachstums wenigstens zu hinterfragen.“ (S. 1140).

Digitalisierung und das „gute Leben“

Das Buch schließt mit Gedanken von Dr. Ina Schmidt zur „Frage nach dem „guten Leben“ – von Platon zur Moderne“. Die Kulturwissenschaftlerin umreißt Antike und Beginn des modernen Individualismus, beschreibt analoge Parallelwelten, das ständige Abwägen zwischen Sinnvollem und Machbarem. Fortschritt gelte nur im Sinne von „Erleichterung, Komfort, Gesundheit, also eine Entwicklung im Dienste eines „guten Lebens“, in dem uns technische Geräte helfen, menschliche Bedürfnisse einfacher und bequemer, oft auch schneller zu erfüllen.“ (S. 1162) Schmidt ruft dazu auf, bewusst und „sehr lebendig zwischen „Off- und Online“-Modus hin und her zu wechseln. Zentral dabei bleibt, dass wir wissen, wo wir sind und wohin wir wann wechseln können bzw. wollen.“ Schmidt fügt aber auch hinzu, das klinge einfacher, als es ist.

Jeder von uns, so Schmidt, habe die Qual und die „Freiheit der Selbstbegrenzung“. Genau das mache uns Menschen aus: „Die Fähigkeit mit Unsicherheit, mit Widersprüchen, Zufällen und Erschütterungen umzugehen. Um uns dieser wertvollen Qualität bewusst zu bleiben bzw. wieder zu werden, brauchen wir ein Umdenken, in dem der Mensch der Quantität technischer Möglichkeiten ein „Mehr“ an Qualität entgegensetzt.“ (S. 1166) Martin Heidegger hat in den 50er Jahren die Balance zwischen „besinnlichem Nachdenken“ und „rechnendem Denken“ als Strategie gegen „zunehmende Gedankenlosigkeit“ und „Flucht vor dem Denken“ genannt („Aufsatz zur Gelassenheit“).

Geschäftsmodelle?

Keine/r der AutorInnen erhielt ein Honorar, was ich an dieser Stelle deshalb erwähne, um zu zeigen, dass das Thema Digitalisierung seine Licht- und Schattenseiten und ebenso Gewinner und Verlierer hat. Wenn nicht einmal ein Digitalisierungsexperte wie der Springer Gabler Verlag ein Geschäftsmodell gefunden hat, um anspruchsvolle fachliche und journalistische Arbeit zu honorieren bzw. zu refinanzieren, dann zeigt dies auch einen Teil der Problematik. 

FAZIT

Das allumspannende Netzwerk der Digitalisierung ist nicht mehr aufzulösen. Aber: Digitalisierung muss nicht überall Anwendung finden. Neben virtuellen Realitäten brauchen wir immer auch reale, greifbare Welten. Umso mehr, weil digitale Systeme in Fragen der Sicherheit noch hinterherhinken. Ehemals in sich geschlossene Kreisläufe sind auf das Internet der Dinge mit seiner Vernetzung nicht eingestellt. Wenn wir die Schlagadern unseres Lebens, wie Wasser, Energie, Verkehr, Krankenhäuser, dem digitalen Netz anschließen, müssen wir in Kauf nehmen, dass sie mit krimineller Energie lahmgelegt werden. Oder wir entscheiden uns bewusst dafür, dass manche Bereiche, wie die Vergabe von Medikamenten, in den Händen von uns Menschen bleiben.

Quintessenz des Buches ist für mich ein Zitat von a-ha-Sänger Morten Harket, das Hildebrandt und Silber in ihrem Artikel (S. 559) anführen. Harket: „Wir entscheiden, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen – sonst wird es hinter unserem Rücken für uns entschieden“ (Harket 2016, S. 200). Oder – wie Joseph Beuys sagte: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“

_____________

Quellen:

Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer (Hg): CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft (Management-Reihe Corporate Social Responsibility). Springer Gabler 2017.

Morten Harket: My Take On Me. Edel Germany GmbH, Hamburg 2016.

Trends und Szenarien zum Thema Digitalisierung bis 2020 – Studie zur Kreativwirtschaft in NRW

_____________

Die HerausgeberInnen

Dr. Alexandra Hildebrandt, Jahrgang 1970, ist Publizistin, Herausgeberin und Nachhaltigkeitsexpertin. Sie studierte von 1991 bis 1997 Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. An der Universität Bamberg wurde sie im Jahr 2000 zum Dr. phil. promoviert. Von 2000 bis 2005 leitete sie die interne Kommunikation des internationalen Baustoffherstellers HeidelbergCement in Zentraleuropa West. Von 2006 bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik bei Arcandor (ehemalige KarstadtQuelle AG). Beim Deutschen Fußball-Bund e. V. (DFB) war sie von 2010 bis 2013 Mitglied in der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs CSR-Manager (IHK). Hildebrandt ist Mitinitiatorin der Initiative „Gesichter der Nachhaltigkeit“ und der Veranstaltungsreihe Burgthanner Dialoge. Sie bloggt regelmäßig für die Huffington Post, ist Co-Publisherin der Zeitschrift REVUE. Magazine for the Next Society und gab in der CSR-Reihe bei SpringerGabler die Bände CSR und Sportmanagement (2014) und CSR und Energiewirtschaft (2015, mit Werner Landhäußer) heraus.

Werner Landhäußer, geboren 1957 in Karlsruhe, ist geschäftsführender Gesellschafter der Mader GmbH & Co. KG mit Sitz in Leinfelden-Echterdingen. Zusammen mit Kollegen übernahm er das Unternehmen mit einem klassischen Management-Buy-out aus einem internationalen Konzern. Mader ist derzeit der einzige Anbieter, der nachhaltige Gesamtkonzepte für eine energieeffiziente Drucklufterzeugung und -nutzung anbietet. Nachhaltige, werteorientierte Unternehmensführung ist seit jeher seine Vision. Nach langjähriger Konzerntätigkeit schätzt Landhäußer heute die kurzen Entscheidungswege und offene Kommunikationskultur in einem mittelständischen Unternehmen. Die strategische Weiterentwicklung von Mader hin zu einem sozialen, ökologisch und ökonomisch erfolgreichen Unternehmen steuert er gemeinsam mit Peter Maier, ebenfalls geschäftsführender Gesellschafter, und Manja Hies, Geschäftsführerin. Werner Landhäußer ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Im Jahr 2015 gab er in der CSR-Reihe im Verlag Springer Gabler das Buch CSR und Energiewirtschaft (mit Alexandra Hildebrandt) heraus.

Kultur- und Kreativwirtschaft vor der Bundestagswahl 2017

 © MassivKreativ

Der Bundesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Deutschland – Kreative Deutschland – setzt sich für die Förderung und Wahrung der Interessen der hiesigen Kultur- und Kreativwirtschaft ein. Darunter fällt insbesondere die Förderung der Akzeptanz von Unternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, ihre bessere Wahrnehmung und Sichtbarkeit sowie die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Kreativschaffenden. Die Erarbeitung von Standards für die Branche ist ein besonderes Anliegen.

Aus diesem Grund hat der Bundesverband eine Reihe von Fragen erarbeitet, die in Form von Wahlprüfsteinen bundesweit an die Spitzenkandidaten der politischen Parteien übermittelt wurden. Versandt wurden die Fragen über Kultur- und Kreativschaffende aus dem Netzwerk der „Kreative Deutschland“.  

Die Politiker waren aufgefordert, die folgenden Fragen im Sinne der Positionen ihrer Partei zu beantworten, sowohl von ihren wirtschaftspolitischen als auch kulturpolitischen Sprechern.

 © Kreative Deutschland

Wahlprüfsteine

Die nachfolgenden Wahlprüfsteine hat der Branchenverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Deutschland – Kreative Deutschland –  entwickelt, um sie den aktuell im Bundestag vertretenen Parteien (inklusive der FDP) zur schriftlichen Beantwortung vorzulegen. Die Antworten der Parteien werden in der Woche vor der Wahl, ab dem 11. September 2017, auf den Website von Kreative Deutschland unbearbeitet veröffentlicht.

Stellenwert der Kreativbranche im Parteiprogramm

Frage 1: In den vergangenen Jahren wuchs insbesondere durch die Arbeit der Kultur- und Kreativwirtschaftsverbände in den Städten, Regionen und Ländern Deutschlands sowie durch die Mitglieder des Netzwerks öffentlicher Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland die volkswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Anerkennung der aus vielen Kleinst- und
Einzelunternehmen bestehenden Kreativökonomie. Welchen Stellenwert nimmt die Branche im Programm Ihrer Partei ein?

Investitionen für die Kreativbranche

Frage 2: Die Initiative Kultur und Kreativwirtschaft der Bundesregierung hat zum Ziel, „die Wettbewerbsfähigkeit der Branche zu stärken und die Erwerbschancen innovativer kleiner Kulturbetriebe sowie freischaffender Künstlerinnen und Künstler zu verbessern“. Seit Abschluss der Regionalberatungen 2014 findet jedoch keine direkte Förderung der Akteure im Rahmen des Programms mehr statt. Wie beabsichtigt Ihre Partei die vorhandenen Bundesmittel zukünftig einzusetzen, um insbesondere die Akteure vor Ort zu unterstützen?

Netzwerkförderung

Frage 3: Zahlreiche Studien zur Branche kommen zu dem Ergebnis, dass die Zusammenarbeit in Netzwerken für die kleinteilige Branche der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg der Akteure ist. Dennoch erhalten die meisten Netzwerke keine institutionelle Förderung. Welche Position vertritt Ihre Partei beim Thema Netzwerkförderung?

Nichttechnische und sozialer Innovationen

Frage 4: Innovationsförderung bezog sich in Deutschland bislang bislang vor allem auf Investitionsförderung bei technischen Innovationen. In der aktuellen Studie über Ökonomische und verwaltungstechnische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von nichttechnischen Innovationen im Auftrag des BMWi liegen „Schwerpunkte der Untersuchung auf der Kreativwirtschaft“ (z.B. Gamesbranche), der Energiewirtschaft, der digitalen Gesundheitswirtschaft sowie auf weiteren „digital industries“ (S.4). Damit werden breiten nichttechnischen und sozialen Innovationen der Kultur- und Kreativwirtschaft eine geringere Priorität eingeräumt. Welchen Fokus
legt Ihre Partei bei der zukünftigen Förderung von nichttechnischen Innovationen?

Urheberrechte und Leistungsschutz

Frage 5: In den vergangenen Jahren fand in Deutschland und Europa eine intensive Auseinandersetzung über den Schutz von Urheberrechten im digitalen Zeitalter statt. Diese Diskussion ist für die Kreativökonomie, zu der sowohl Urhebende (bspw. JournalistInnen,
KomponistInnen, TexterInnen) als auch Verwertende (z.B. Blogger, DJs) gehören, von hoher Bedeutung. Welche Standpunkte vertritt Ihre Partei in Bezug auf den Urheber und Leistungsschutz?

Altersvorsorge

Frage 6: Anders als für abhängig Beschäftigte gibt es für junge Selbständige und UnternehmerInnen keine attraktiven Angebote zum Aufbau einer Altersvorsorge. Wie möchte Ihre Partei diese Situation ändern?

Künstlersozialkasse

Frage 7: Viele schöpferisch tätigen KreativunternehmerInnen sind in der Künstlersozialkasse (KSK) abgesichert. Wie möchte Ihre Partei das System der Sozialversicherung für diesen Personenkreis künftig gestalten?

 

Die Antworten der Parteien stehen auf der Website „Kreative Deutschland“ unverändert zum Download zur Verfügung:

CDUSPD / Die LINKEN  / BÜNDNIS90/Die GRÜNEN  / FDP

 

Übrigens: Auch der BBK – der Bundesverband bildender Künstler – hat in seinem Heft 2-2017 zur Bundestagswahl Fragen an die Parteien gestellt,  u. a. zu Urheberrecht, Altersversorgung und Steuern, zur Künstlersozialversicherung und Ausstellungsvergütung. Darüber hinaus fordert der BBK die Verankerung von Kultur im Grundgesetz, die Schaffung eines eigenen Bundesministeriums für Kultur und Fördrrprogramme für kulturelle Integration. 

Rettet Blockchain Kreativschaffende und ihre Wertschöpfungen?

 © Ute Zimmermann, Pixelio.de / MassivKreativ

Blockchain heißt übersetzt Block- bzw. Kasten-Kette. Mit dieser Technologie werden Dateninformationen bzw. Datentransaktionen auf vielen Computern in einem Netzwerk gleichzeitig gespeichert, wie in einem Register. Die abgespeicherten Transaktionen können im Nachhinein nicht mehr verändert werden. Der Erfinder der Blockchain nennt sich Satoshi Nakamoto, er oder sie hat sich allerdings noch nie öffentlich zu erkennen gegeben.

Wie arbeitet die Blockchain?

Jede virtuelle Transaktion wird in Datenblöcke unterteilt, die als identische Kopien parallel auf vielen Rechnern verteilt und gespeichert werden (Bitcoin Miners s.u.). Alle Blöcke enthalten eine verschlüsselte Information über die vorhergehenden Blöcke, daher der Name „Block-Kette“.

Sicherheit

Die Datenbank-Informationen sind für jeden einsehbar, jedoch verschlüsselt und daher fälschungssicher. Neue Eintragungen in die Blockchain müssen vom Teilnehmer-Netzwerk verifiziert werden. Versucht ein Teilnehmer seine Kopie der Blockchain zu verändern, würde das beim automatischen Vergleich mit den Kopien anderer Teilnehmer im Netzwerk sofort auffallen. Dennoch hat im März 2017 die US-Börsenaufsicht dem ersten Bitcoin-Fonds die Zulassung verweigert, die Risiken für Manipulation und Betrug u. a. durch Hackerangriffe seien derzeit noch zu groß. In Deutschland gibt es bisher noch kein reguliertes Wertpapier-Produkt mit einer Kenn-Nr. bzw. International Securities Identification Number (ISIN). In der Schweiz will in Kürze die Crypto Fund AG einen Fonds für Kryptowährungen anbieten (Juni 2017). 

 © Claudia Hautumm, Pixelio.de

Blockchain für Geldtransfer

Die Blockchain-Technologie wird im Moment vor allem als digitales Kassenbuch genutzt, in dem virtuelles Geld über das Internet hin- und hergeschickt wird, direkt von einer Person zur anderen, ohne Banken, Finanzvermittler, Börsen oder Zwischenhändler. Der Transfer der sogenannten Kryptowährungen erfolgt dezentral, sekundenschnell und wegen fehlender Zwischenhändler nahezu gebührenfrei (ca 1% der Transfersumme). Die erste und bekannteste Kryptowährung ist der Bitcoin. Er wurde 2009 eingeführt und basiert auf der Blockchain-Technologie. Die „Bitcoin Miners“ sind unternehmerisch geführte Rechenzentren mit unzähligen Anteilseignern, die in einem peer-to-peer-Netzes darum konkurrieren, den nächsten Block von Bitcoins herstellen zu dürfen und Nachweise über Bitcoin-Transaktionen zu führen. Sie erhalten Bitcoins als Belohnung für erbrachte Rechenleistungen. China ist aktuell Vorreiter. Zur Zeit sind über 13 Millionen Bitcoins im Umlauf. Mehr als 21 Millionen sollen nicht hergestellt werden. Analog zum Goldbestand soll auch die gezielte Beschränkung an Bitcoins vor Inflation schützen.

Insgesamt soll es bis über 800 verschiedene Kryptowährungen geben, neben Bitcoin auch Ether (s.u.), Monero und ZCash. Der Wert der Währungen kann sich innerhalb kurzer Zeit auf den Krypto-Tauschbörsen rapide verändern. Bis Mitte des Jahres 2017 legte Ether z. B. um 3000 % zu, Bitcoin hingegen „nur“ um knapp 200 %.  MtGox ging 2014 pleite, BitFinex musste nach einem Diebstahl von 120.000 Bitcoins (ca 58 Mio. Euro) Anfang August 2016 den Betrieb vorläufig einstellen. Die wichtigste deutsche Handelsplattform ist bitcoin.de. Die Fidor Bank bietet ihren Kunden direkte Bitcoin-Konten und den Handel dazu an, dank Bafin sogar einlagensicherungsgeschützt im Falle einer Insolvenz von Bitcoin.de (Quelle: ntv).  

 © MassivKreativ

Verbreitung und Nutzung von Bitcoins

Laut Branchenportal btc-echo akzeptieren weltweit bislang etwa hundert Unternehmen Bitcoins als Zahlungsmittel, im deutschsprachigen Raum nur an die zwanzig Firmen, u. a. der Frankfurter Onlineshop Keycoon für 3D-Drucker-Zubehör und 4electric, der Zulieferer von Ladezubehör für Elektroautos. In Berlin-Kreuzberg bietet die Science-Fiction-Buchhandlung Otherland Lesbares und die Burgerbar Room 77 Ess- und Trinkbares gegen Bitcoins an. Die Bitcoin-Firma Bitwala mit 12 Mitarbeitern (März 2017) transferiert inzwischen Bitcoins für 20.000 Kunden in 120 Ländern. Vor allem Löhne werden mit Bitcoins länderübergreifend kostensparend gezahlt. Die zukünftige Vision von Bitwala: Maschinen sollen Maschinen bezahlen, indem sie sich gegenseitig scannen. Seit 17. Juli 2017 kann man auf der deutschen Börse Tradegate mit Bitcoin handeln

Neue Anwendungsbereiche

Als besonders zukunftsträchtig gilt die Blockchain-Plattform Ethereum, entwickelt von Vitalik Buterin (seit 2013) sowie der schweizerischen Non-profit-Stiftung Ethereum Foundation im schweizerischen „Kryptovalley“ in Zug. Ethereum verwendet die Kryptowährung Ether, die im Mai 2017 eine Marktkapitalisierung von 12 Milliarden Dollar verzeichnete. Während Bitcoins lediglich Geldtransaktionen ermöglichen, können über die Ethereum-Plattformen verschiedene Vermögens- und Wertgegenstände ausgetauscht werden – über „smart contracts“. Daraus ergeben sich viele Anwendungen, u. a. für Versicherungen und FinTech, für Logistik, Verkehr und Energiewirtschaft, für die Sharing Economy, das Internet der Dinge und Industrie 4.0, für Datensicherheit und Transparenz, für Verwaltung und eGovernment, z. B. E-Voting-Systeme, virtuelle Organisationen, Identity-Management und Crowdfunding. 

Teilhabe und Nachhaltigkeit

Die Blockchain ermöglicht es, die Gesellschaft neu und vor allem dezentral zu organisieren, damit wir unser Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich gestalten können. Von den Gewinnen der Plattformökonomie könnten Kulturproduzenten und Urheber endlich in dem Maße partizipieren, wie es ihnen zusteht. Auch nachhaltiges Handeln lässt sich direkt belohnen. Wer bewusst und ökologisch einkauft, Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens mit anderen teilt und seinen Abfall recycelt, könnte mit digitaler Währung belohnt werden. 

 © Etherum.org

Beispiele für smart contracts

Mit „smart contracts“ sollen vor allem administrative Prüfvorgänge automatisiert werden, z. B. von digitalen Identitäten, Bonitäten, Kreditvergabe, Schadensforderungen, Versicherungen, Medienvertrieb. Inzwischen beteiligen sich eine ganze Reihe von Institutionen und Startups an Ethereum, u. a.  die Entwickler von slock.it im thüringischen Mittweida, RWE, Thomson Reuters, Santander Bank, Microsoft, J.P. Morgan und die dezentrale Organisation Bitnation, die traditionelle Staaten überflüssig machen will. Estland, in Digitalisierungsfragen und eGovernment besonders progressiv, nutzt Bitnation bereits seit Ende 2015. Auch Griechenland soll aktuell mit der Blockchain experimentieren, Korruption, Verschwendung, Betrug in Zukunft vermieden werden. Hinterlegte Codes in der Blockchain sollen garantieren, dass Steuergelder nur zweckgebunden ausgegeben werden dürfen. Die in Berlin lebende Wirtschaftsinformatikerin Shermin Voshmgir gründete den BlockchainHub Berlin und will mit der bahnbrechenden Technologie die Finanzbranche ebenso revolutionieren wie die staatliche Verwaltung (siehe Studie am Ende des Artikels).

Szenarien für Nutzer

Ethereum ermöglicht „smart contracts“, die z. B. für dezentrale Autovermieter und Energieerzeuger ebenso interessant werden könnten wie für Komponisten, Fotografen und Journalisten, mit positiven und negativen Szenarien. Hat ein Kunde die monatliche Lizenzrate für sein Auto nicht bezahlt, wird er den Wagen beim nächsten Fahrantritt nicht mehr starten können. Ein Auftraggeber für kreative Leistungen erhält dann Zugang zu urheberrechtlichen Werken,  wenn er die Produzenten in ausreichendem Umfang vergütet. Und wer auf dem Dach seines privaten Hauses Solarstrom erzeugt, kann die nicht verbrauchte Energie automatisiert in einem Netzwerk anbieten und verkaufen. „Blockchain verwandelt Daten zu Fakten“, sagt der Blockchain-Rechtsexperte Florian Glatz.

Chancen für die Kultur- und Kreativwirtschaft

Die Ethereum-Blockchain soll als eine Art „Vertrauensmaschine“ den Austausch von Wertschöpfungen revolutionieren, denn auch immaterielle Werte sollen verwaltet und auf neue Weise vergütet werden. Ethereum weckt daher besonders in der Kultur- und Kreativwirtschaft große Hoffnungen. Während die Produktion kreativer Werke in den letzten Jahren demokratisiert und damit kostengünstiger wurde, läuft der Vertrieb nach wie vor über zentralisierte Plattformen (youtube, audible, spotify, Netflix, Instagram, Facebook usw.). Von den Gewinnen und Werbeeinnahmen profitieren meist nicht die Kreativen, sondern die Plattform-Monopolisten selbst.

Von der Ethereum-Blockchain könnten endlich die kreativen Produzenten profitieren, indem über die neue Plattform z. B. Patente für Ideen und Lizenzen für schöpferisch-kreative Werke verwahrt, ausgetauscht und vergütet werden, z. B. Musik, Fotos, Bilder, Logos, Texte, Filme usw. Kreative Urheber und auch Künstler sollen ihren Anteil am Werk sofort erhalten, wenn es konsumiert wird und nicht, wie derzeit üblich, erst Monate später.

Herausforderungen für Ethereum

Kreative Werke bzw. Daten können in der Blockchain nicht verwahrt werden, lediglich Lizenzen lassen sich verwalten. Klar ist auch: Noch bleiben viele Fragen offen. Die aktuellen Marktanteile der bekannten Plattformen sind immens und nicht zu unterschätzen. Ethereum wird eine Menge in Marketing investieren müssen, um youtube und Co. die Stirn zu bieten. Doch jede Revolution hat einmal im Kleinen angefangen: „Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde.“ (Margaret Mead, US-amerikanische Anthropologin und Ethnologin)

Unter Hochdruck arbeiten Forscherteams daran, die Blockchain resistenter gegen Hackerangriffe zu machen. Ein russisches Team soll derzeit ein unzerstörbares, verteiltes Datenspeichersystem entwickeln, das durch Quantenkryptographie-Methoden besser geschützt ist. In der Quantenkryptografie werden keine klassischen Bits wie Nullen und Einsen übertragen, sondern einzelne Quanten. Auch Quantencomputer greifen auf Quantenbits (Qubits) zurück. Diese können sich bei null oder eins, aber auch in einem Status dazwischen befinden. Ob die Quanten-Technologie bisherige Systeme überflügeln kann, muss sich noch erweisen.

Eine weitere Plattform ist IOTA, nach eigenen Angaben die erste öffentliche „Blockchain“, die skalierbar ist – mit dem Ziel, dass Maschinen untereinander Daten, Ressourcen und Services kaufen und verkaufen werden, siehe IOT = Internet der Dinge.

Blockchain-Aktivitäten von Kreativen

Großbritannien und USA: Musik

Benji Rogers gründete bereits 2009 in London PledgeMusic.  Mit seinem Team entwickelt er  ein neues Format für die Musikbranche, das sogenannte .bc-Format, basierend auf dem smart contract der Blockchain. In diesem Datenpaket, vergleichbar mit einer Zip-Datei, will er nicht nur den Musiktitel selbst, sondern auch weitere Metadaten speichern (MVD = Minimum Viable Data). Sie sollen zu Komponisten, ausübenden Musikern und weiteren Firmen führen, die an der Produktion beteiligt waren. Auch Nutzungsformen des Songs sollen hinterlegt werden, wer den Song zu welchem Zweck und zu welchem Preis verwenden darf.

Die britische Sängerin Imogen Heap und die Firma Ujo Music arbeiten an einem Prototypen auf Blockchain-Basis für die Musikindustrie. Ziel ist eine transparente und effiziente Form der Musiklizensierung. Gebühren für Künstlerlizenzen sollen anonym und in Echtzeit transferiert werden.

Inzwischen gibt es auch die ersten Blockchain-Musikfestivals – in San Francisco z. B. das crypto.ourmusicfestival, das Musik , Cryptowährungen und Blockchain-Technologie zusammenführen will. Es soll im Oktober 2018 stattfinden – an der University of California in Berkeley im Amphitheater des William Randolph Hearst Greek Theatre

Österreich: Kunst

Das Wiener Museum für Moderne Kunst (MAK) hat im Rahmen seines MAK NITE Lab im März 2015 ein Kunstwerk mit Bitcoins gekauft, geschaffen von dem niederländischen Künstler Harm van den Dorpel. Es wurde von den Künstlern Valentin Ruhry und Andy Boot auf ihrer kuratierten Plattform Cointemporary.com zum Verkauf angeboten – zu einem festen Bitcoin-Preis unabhängig von seinem aktuellen Wechselkurs. 

Zum unabhängigen Erfassen von Meinungen nutzt das in Österreich gegründete Unternehmen RAWR die Blockchain im Publishing Bereich. Inzwischen gibt es auch einen Standort in Hamburg. 

Deutschland: Rechte und Lizenzen

Das Berliner Startup BigchainDB bietet mit dem Dienst ascribe für Kunstwerke bzw. Musik im Internet ein digitales Wasserzeichen  an („Ownership Layer” / „Hash Key“). Bei der Registrierung eines Werkes vergibt ascribe eine eindeutige ID. Sie setzt sich aus dem jeweiligen Datenfile und der Identität des Urhebers zusammen. Alle Informationen über Kopien des Werkes und deren Verbreitung werden in der Bigchain gespeichert. Künstler können so per Mausklick die Rechte an ihren Kunstwerken verwalten und Musik, Texte, Bilder, Filme zeitlich befristet vermieten oder verkaufen. Der Dienstleister asribe erhält dafür eine Provision. Eine unerlaubte Verbreitung des Werkes kann bisher nicht verhindert werden, aber zumindest kann der Urheber und Eigentümer des Werkes nachverfolgt werden. Zu den ersten Nutzern von ascribe gehören der bereits erwähnte Künstler Harm van den Dorpel, außerdem Titanium Comics. 

Der deutsche Künstler Stephan Vogler möchte seine digitalen immateriellen Schöpfungen als Unikate vertreiben, via Bitcoins. Gemeinsam mit Kunstrechtsexperten hat er eine Lizenz für digitale Kunstwerke als limitierte und eigenständig handelbare virtuelle Güter entwickelt. Die Werke werden mit einer eindeutigen elektronischen Signatur versehen. Der Eigentümer ist in der Blockchain registriert. Die der Nutzungsrechte werden durch eine Transaktion über Bitcoins vergeben. So können nicht nur haptische, sondern auch digitale, nichtmaterielle Kunstwerke zu Sammler- oder Handelsobjekten werden.

USA: Patentschutz und Lizenzmanagement 

2014 gründeten die Künstler Anil Dash und Kevin McCoy die Plattform Monegraph, um Möglichkeiten der Blockchain für digitale Kunstproduktion auszuloten. Die Blockchains Proof-of-existence und Blockai wollen eine Art Patentschutz anbieten. Wenn Nutzer einen Betrag bezahlen, erhalten Sie einen Zeitstempel, ähnlich wie es schon digitale Bibliotheken beim Verleih  von Medien regeln.

Der Unterhaltungskonzern Disney experimentiert auf seiner Plattform Dragoncoin mit der Blockchain, um Erkenntnisse sowohl im Bereich Rechtemanagement (z. B. Filmlizenzen) als auch in seinen Unterhaltungsparks einzusetzen. Eine weitere Blockchain-Plattform für Kreative ist Binded.

Das Unternehmen Kodak, das die Digitalisierung gründlich verschlafen hat, ist mit einer neuen Idee an Fotoliebhaber herangetreten. Sie sollen ihre Bilder in einer Foto-Blockchain registrieren. Darin integriert ist die Währung KodakCoin, die den Nutzern das Lizenzieren der Fotos ermöglichen soll. Fotografen bzw. Urheber sollen auf diese Weise die volle Kontrolle über Ihre Werke behalten, vor allem darüber, wie und wo die Fotos verwendet werden.

Singapure: kreative Plattform

Die gemeinnützige Nonprofit-Stiftung Po.et arbeitet an einer Plattform, die geistiges Eigentum wie Texte, Fotos, Bilder oder Grafiken registrieren, verwalten und  handeln will. Eine erste Finanzierungsrunde soll dem Unternehmen kürzlich 10 Millionen Dollar eingebracht haben. Auch Kooperationen mit Magazinen sollen bereits bestehen. Po.et schreibt auf seiner Website: „Po. et ist eine universelle, offene digitale Buchführung (Ledger), die für die Erfassung von Metadaten und Informationen digitaler kreativer Vermögenswerte entwickelt wurde.“ Dank Blockchain-Technologie kann der Beweis für die Urheberschaft nachweislich in einer Datenbank verankert bzw. festgeschrieben werden, indem sie festhält, dass eine konkrete Information zu einem bestimmten Zeitpunkt in genau dieser Form existiert hat. 

Po.et plant darüber hinaus einen Marktplatz für kreative Freelancer. Sie sollen ihre durch Zeitstempel geschützten Werke, z. B. Fotos, Bilder, eBooks, Videos, Magazinen und anderen Verwertern kreativer Inhalten anbieten können. Po.et zeigt, dass es für die Blockchain auch jenseits des Finanzmarktes spannende Einsatz- und Anwendungsmöglichkeiten gibt.

Kanada: Musikplattform

Blockchain-Plattform für Musik: dotBlockchain

Micropayment

Die Idee ist nicht neu: Schon Internet-Pionier Jaron Lanier, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2014, fordert in seinem Buch Wem gehört die Zukunft, dass jeder Urheber über Micropayment mit Kleinstbeträgen honoriert wird. Dabei geht es nicht nur um kreative Werke, sondern auch um die Vielzahl derjenigen, die Informationen und Bewertungen an Plattformen liefern, wie Amazon, Apple, Alphabet/Google, Facebook, Dating-, Gastronomie- und Übernachtungs-Portale: „Wir sind daran gewöhnt, Informationen als ‚kostenlos‘ zu betrachten, aber das funktioniert nur, solange der Großteil der Wirtschaft nicht auf Informationen basiert, ansonsten würden wir für diese Illusion einen hohen Preis bezahlen.“ 

Grundeinkommen durch Ethereum-Blockchain

Die internationale Non-Profit-Kunstinitiative The.Art möchte über die Ethereum-Blockchain ein Grundeinkommen für Kunst- und Kulturschaffende generieren, jenseits von Spekulationen und einem risikoreichen Auf und Ab der Kryptowährungen. Initiatoren sind die britische Künstlerin Maris Palmi und der Changemanagement-Berater und Ökonom Chirt Koese. In einem Team mit weiteren Privatakteuren wollen sie ohne staatliche Hilfe einen autarken digitalen Kreislauf schaffen, der Werte und Gelder für das Gemeinwohl generiert. Mit Künstlern, Wissenschaftlern und digitalen Erneuerern soll in einem offenen Dialog ein sozio- ökonomischer Prototyp entstehen. „Wir Künstler bringen das spielerische, experimentelle Moment hinein“, erklärt Maris Palmi, „und wir sind froh, mit Chirt Koese einen Initiator zu haben, der sich mit ökonomischen Prinzipien auskennt und uns dabei hilft, zukünftige Technologien wie Blockchain nicht zu verschlafen, sondern sie im Namen der Kunst für möglichst viele aktiv zu nutzen“.

© The.Art

The Art hat Künstler dazu aufgerufen, Werke für die Ausstellungsreihe „Thoughts Become Art“ einzureichen, die 2016 in Oxfort startete, im Juni 2017 im Berliner Baumhaus mit über 30 Künstlern Station machte (Launching Luvcoin) und weiter nach Hongkong, London und New York zieht. Kuratorin Maris Palmi hat die Ausstellung zusammengestellt. Chirt Koese erklärt das weitere Vorgehen: „Wir wählen einige der ausgestellten Werke aus und kaufen sie dem Künstler mit den nagelneu gestalteten Luvcoinchecks ab“. Anschließend können sich gemeinnützige Organisationen, Universitäten oder Krankenhäuser, melden und sich um eine kostenlose Leihgabe der Kunstwerke bewerben. Die Künstler setzen die Preise für ihre Werke selbst fest. Koese: „Alles, was The.Art jetzt und zukünftig initiiert, passiert im geschützten Kreislauf, über den alle Akteure per transparenten Blockchain-Protokollen wachen.“

Noch kann der Künstler mit den Luvcoins keine Miete zahlen oder im Supermarkt einkaufen. Die Coins sammeln sich in Form eines digitalen Sparbuchs an, die später auf Tauschbörsen gegen andere Krypto-Coins oder traditionelle Gelder (FiatGeld: Euro, Dollar) getauscht werden können. So soll ein autarker Kreislauf im Handel mit Kunstwerken entstehen, deren Erlöse den Künstlern und sozialen Institutionen/Projekten zugute kommen.

 © Alfred Krawietz, Pixelio.de

Blockchain als Multi-Innovation

Die Blockchain wird der neue Megatrend werden, prophezeien Experten. Sie ist eine technologische, ökonomische und soziale Innovation zugleich, die zu einer Demokratisierung durch dezentrale Marktplätze führen soll.

Technologisch: Über Micropayments können Bezahlprozesse, Kreditvergabe, Versicherungen, Bonitätsprüfungen und Crowdfunding kostengünstiger und schneller abgewickelt werden. Automatisierte Vorgänge (Internet der Dinge und miteinander kommunizierende Maschinen) sichern Effizienz.

Ökonomisch: Smart contracts ermöglichen neue dezentrale Abwicklungs- und Verwaltungsprozesse. Niedrige Betriebskosten und disruptive Organisationsformen verändern bestehende Geschäftsmodelle und schaffen neue. 

Sozial: Strukturen werden demokratisiert, weil Monopole zentraler Vermittler entfallen. Vertrauen und Kontrolle werden Netzwerke und Gemeinschaften der Blockchain übertragen.

Forschung und Wissenschaft

Anfang 2017 wurde die IPDB Foundation (Interplanetary Database Foundation) gegründet. Sie verfolgt nach eigenen Angaben ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke  und will Wissenschaft und Forschung rund um das Thema Blockchain fördern. Laut Satzung soll es darum gehen: „Die Forschung an der Realisation und an Anwendungen der „Blockchain“-Technologie, insbesondere der Erforschung und Entwicklung dezentralisierter Organisationsstrukturen und der Umsetzung einer dezentralisierten Datenbankplattform, welche die dezentrale permanente Speicherung von Daten unabhängig von einer zentralen Instanz ermöglicht („Dezentrale Datenbank“). Die IPDB Foundation zielt darauf ab, jedermann Zugang zur Dezentralen Datenbank zu ermöglichen …“ (Satzung IPDB).

Quellen und weitere Informationstipps zum Thema:

Impressum und Datenschutz – MassivKreativ

Mecklenburg-Vorpommern diskutiert über Zukunftsbranche Kreativwirtschaft

IMG_1090_Podiumsdiskussion Kreativwirtschaft © Henning Penske-Chigir/Kreative MV

Vier Experten der Kultur- und Kreativbranche diskutierten im Schweriner Marstall mit den Spitzenkandidaten und wirtschaftspolitischen Sprechern der Fraktionen über die Potenziale der innovativen Branche in MV

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist nicht nur in Metropolen ein Wachstumsmarkt, sondern auch in Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern. Die Potenziale der Kreativbranche sind in MV jedoch bei weitem nicht ausgeschöpft. Das ist das Ergebnis einer Podiumsdiskussion, zu der die Kreative MV – Arbeitsgemeinschaft für Kultur- und Kreativwirtschaft – am 4. Juli 2016 eingeladen hatte.

Wie Hamburg, Thüringen und Sachsen die Kultur- und Kreativwirtschaft stärken

„Wie in Hamburg ist der Kreativsektor auch in MV ein Innovationstreiber, der in einer Zeit des digitalen Wandels neue Arbeitsformen, neue Produkte und Dienstleistungen entwickelt, erprobt und in andere Branchen transferiert“, sagte Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft. Um die überwiegend aus kleinen Unternehmen und Freiberuflern bestehende Kreativ-Branche darin zu unterstützen, „braucht es dringend professionelle Anlaufstellen und nicht nur ehrenamtlich organisierte Netzwerke. Nur so können Kompetenzen gestärkt und Kooperationen initiiert werden.“

IMG_1091_v_l_Corinna Hesse_Helmut Holter_Norman Schulz_Egbert R++hl Corinna Hesse, Helmut Holter, Norman Schulz (Mikro), Egbert Rühl im Gespräch, © Henning Penske-Chigir/Kreative MV

Norman Schulz, Projektleiter der Thüringer Agentur für Kreativwirtschaft THAK in Erfurt, sieht insbesondere in ländlichen Räumen noch viel unentdecktes Potenzial, das in branchenübergreifenden Kooperationen der Kreativbranche mit dem Tourismus, der Immobilienbranche oder der Gesundheitswirtschaft zu wecken ist.

Christian Rost, Sprecher des Landesverbandes für Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen e.V. und Kreatives Leipzig, verwies auf die starken Kompetenzen im eigenen Land, die es zu stärken gilt. So wurde beispielsweise im Rostocker Warnow Valley auf Eigeninitiative der Akteure ein Kreativquartier mit dem Co-Work-Space projekt:raum gegründet, der sehr gut angenommen wird. Das zeigt: „Man sollte auf die Kompetenzen der Akteure in der eigenen Region und Branche setzen und deren Impulse stärken statt externe Experten zu holen“, so Rost. „Damit werden nachhaltige, selbsttragende Strukturen geschaffen.“

IMG_1105 v_l_Christian Rost_Jochen Schulte_Corinna Hesse Christian Rost, Jochen Schulte, Corinna Hesse im Gespräch, © Henning Penske-Chigir/Kreative MV

So will die Politik in Mecklenburg-Vorpommern die Kultur- und Kreativwirtschaft stärken

Die Sprecher der Landtagsfraktionen, Jochen Schulte (SPD), Helmut Holter (DIE LINKE) und Silke Gajek (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) wollen in der kommenden Legislaturperiode die Wirtschaftsförderung stärker für Kreativunternehmer öffnen und im Austausch mit der Branche geeignete Förderinstrumente entwickeln. „Der intensive Dialog mit den Akteuren und Netzwerken soll auf jeden Fall fortgesetzt werden, da die Politik noch starken Informationsbedarf über diese junge Branche hat“, so Helmut Holter.

Wertschöpfung der Kreativen in Mecklenburg-Vorpommern

Nach dem Branchenbericht des Wirtschaftsministeriums 2015 sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft in MV mehr als 12.000 Erwerbstätige beschäftigt. Der Jahresumsatz liegt mit 758 Millionen Euro gleichauf mit dem Maschinenbau und der Metallindustrie, allerdings mit einer höheren Anzahl von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Kreativsektor (knapp 10.000) und einem Frauenanteil von über 51%. „Der Anteil junger Frauen mit Hochschulabschluss ist in unserer Branche sehr hoch“, sagte Corinna Hesse, Sprecherin der Kreative MV und des Bundesnetzwerks Kreative Deutschland: „eine sehr wichtige Zielgruppe für die Landesentwicklung!“

IMG_1140_Wortbeitrag Katja Wolter Katja Wolter, Steinbeis Institut Greifswald © Henning Penske-Chigir/Kreative MV

Publikumsbeteiligung

Auch das Publikum beteiligte sich rege an der Diskussion. Katja Wolter, Leiterin des Steinbeis-Forschungszentrums, Institut für Ressourcen-Entwicklung, Greifswald, wies auf die Gefahr der „Gentrifizierung“ am Beispiel des Rostocker Kreativzentrums projekt:raum hin. Die Kreativen würden mit ihren Aktivitäten die Wertschöpfung in ehemals brachliegenden Regionen vorantreiben und wie in Rostock zur Steigerung der Stadtrendite beitragen. Zugleich laufen Kreative Gefahr, dass die von ihnen genutzten und aufgewerteten Immobilien an neue Besitzer verkauft  würden und Kreative so ihre Arbeits- und Lebensgrundlage verlieren.

Antje Hinz vom Silberfuchs-Verlag wollte von den Podiumsgästen wissen, welche Formate sich am besten eignen würden, um Kreativschaffende mit Unternehmern klassischer Wirtschaftsbranchen bei Praxisprojekten zu vernetzen. Norman Schulz empfahl am Beispiel aus Thüringen, dass sich Kreative dorthin begeben sollten, wo klassische Unternehmer nach neuen Anregungen suchen. Wirtschafts- und Fachmessen seien geeignete Orte, um Unternehmern in Kurzworkshops innovative und kreative Impulse zu geben.

Politik_Austellung_KKW-Lobbyveranstaltung-Schwerin Marstall_04-07-2016 (17) © MassivKreativ, Ausstellung zur Nachhaltigkeit im Marstall Schwerin

Die Veranstaltung fand in Kooperation mit KulturRatschlag Schwerin im Rahmen der Ausstellung „zur nachahmung empfohlen! expeditionen in ästhetik und nachhaltigkeit“ im Marstall Schwerin statt.

Cross-Innovation live erleben

Moderatorin Corinna Hesse lud abschließend alle Wirtschaftsbranchen zu einem lebendigen Austausch nach Rostock ein. Am 16. und 17. September 2016 findet dort die Tagung „Cross-Innovation: Entwicklungspartnerschaften zwischen klassischen Wirtschaftsbranchen und Kreativwirtschaft“ statt, zu der Unternehmer aller Branchen aus Mecklenburg-Vorpommern herzlich eingeladen sind. Auf diesem Wege sollen cross-sektorale Kooperationen aktiv angebahnt werden.

16.9.2016, 14-17 Uhr: IHK Rostock, Vorträge, Präsentationen, Kurzworkshops „Cross-Innovation“

17.9.2016, ab 14 Uhr: Warnow Valley OPENair, Warnowufer 29, Rostock

Positionspapier „Kreative MV“: www.kreative-mv.de

Was das Grundeinkommen für die Kreativszene bedeuten würde …

438173_web_R_K_B_by_Jürgen Nießen_pixelio.de © Jürgen Nießen, pixelio.de

Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln … Mit welchen Hürden und Herausforderungen haben Kreativ-Akteure vor allem zu kämpfen? Was würde das bedingungslose Grundeinkommen in der Kreativszene bzw. der Kultur- und Kreativwirtschaft bewirken? Einige Gedanken dazu …

Tag für Tag verschwendet unsere Gesellschaft ihr Potenzial! Diejenigen, die eigentlich Ideen für den Aufbruch in unsere Wissensgesellschaft produzieren sollen, müssen sich mit perspektivlosen Brotjobs und sinnlosen Projektanträgen für Fördermittel über Wasser halten.

Wie viel rascher könnte unser Land (der Dichter und Denker) mit seinen sozialen und technologischen Innovationen vorankommen und sich weiterentwickeln, wenn der Grundbedarf für das Leben gesichert wäre. Wissenschaftler, Journalisten, Kreativschaffende, Designer, Architekten, Künstler und Mitarbeiter von NGOs könnten sich fokussiert den Aufgabenstellungen unserer Zeit und Gesellschaft widmen, Lösungsansätze simulieren und testen, statt um ihr tägliches Auskommen zu ringen, um Miete, Versicherung und – nicht zuletzt auch um Fördergelder für kreative Vorhaben.

Förderanträge als Zeitkiller

Anträge auf staatliche Mittel oder Stiftungsbudgets für soziale und kulturelle Projekte sind oft so umfangreich, dass die freiberuflich tätigen Initiatoren für ihre Ausarbeitung Wochen an Arbeitszeit aufwenden müssen. Dies gilt vor allem für EU-geförderte Projekte. In dieser Zeit erhalten die engagierten Kreativen kein Geld. Bis die Anträge von Behörden und Institutionen bearbeitet und im Idealfall bewilligt sind, gehen wieder Wochen ins Land. Wird der Antrag abgelehnt, haben die Akteure völlig umsonst gearbeitet und müssen nach dem nächsten Förderprogramm Ausschau halten …  eine Endlosspirale!

Aufgabenverteilung_Kultur macht Schule_Prognos © Kultur macht Schule, Evaluation Prognos AG, S. 12

Beispiel Programm „Kultur macht Schule“

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat im Mai 2016 aktuelle Zahlen und Fakten sowie die Evaluationsergebnisse zum Gesamtprogramm „Kultur macht stark“ veröffentlicht, die die Prognos AG erhoben und ausgewertet hat. Demnach wandten die Bündniskoordinatoren die mit Abstand meiste Zeit für die Antragstellung sowie die finanzielle Abwicklung und Abrechnung auf. Zu den Bündniskoordinatoren zählen Vereine und kulturelle Bildungseinrichtungen, wie z. B. Musik-, Jugendkunst- und Kulturschulen sowie Volkshochschulen.

In die unmittelbare Durchführung der kulturellen Bildungsangebote, die ja primär im Fokus stehen sollte, konnten die Bündnispartner, vor allem Künstler und Kunstpädagogen, nach eigenen Angaben nicht mal ein Drittel ihrer Zeit investieren. Eine validere Statistik wäre allerdings wünschenswert, denn bei der Befragung waren Mehrfachnennungen möglich, d. h. es wurden keine absoluten Prozentzahlen erhoben.

Was das Beispiel „Kultur macht Schule“ dennoch zeigt: An öffentlichen Ausschreibungen können sich eigentlich nur Antragsteller aus festen Beschäftigungspositionen heraus beteiligen. Wegen des enormen Zeitaufwandes ist das Risiko für Freiberufler, hier vergebens unbezahlte Arbeit  leisten zu müssen, enorm hoch. Zumal die Antragsbewilligung meist völlig offen ist. Ob sich die bürokratischen und zeitlichen Hürden für Förderanträge von vornherein verringern bzw. begrenzen lassen, können die Projekt ausschreibenden Institutionen nur selbst entscheiden.

Das alles führt in der Praxis dazu, dass nicht institutionell gebundene, freiberufliche Kreativ-Akteure formal immer häufiger beim Kampf um Projekt- und Fördermittel auf der Strecke bleiben. Hinzu kommt: In den seltensten Fällen stehen reine Projekt-Koordinatoren zur Verfügung, die die administrative Arbeit komplett übernehmen.

Schlussfolgerungen für viele Branchen

Die gängige Praxis in der Kultur- und Kreativbranche zeigt:  Viele selbständige Kreativakteure gehen bei der derzeit gängigen Förderpraxis bzw. dem Antragwesen ein enorm hohes Risiko ein. Sie tun dies auf eigene Kosten, um Kultur- und Kreativprojekte überhaupt erst ermöglichen und realisieren zu können. Ein bedingungsloses Grundeinkommmen könnte den Kreativen eine große Last von den Schultern nehmen, indem es soziale Unsicherheiten  begrenzt.

Ein aufrichtiger politischer Wille ist dringend gefragt: Wenn die Zukunft der Arbeit in unserer Gesellschaft generell so geregelt sein soll, dass sich Bürger in flexiblen Netzwerken organisieren, wie derzeit in der Kultur- und Kreativbranche, muss es ein Grundauskommen geben, dass unsichere Beschäftigungsverhältnisse und schwankende Entlohnung auffängt bzw. ausgleicht. Hier lässt sich von den Erfahrungen aus der Kultur- und Kreativbranche einiges lernen!

229441_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

art but fair: Faire Arbeitsbedingungen für Künstler

Dass viele Künstlerinnen und Künstler unter prekären Bedingungen arbeiten, zeigt eine Studie vom Frühjahr 2016 der Hans Böckler Stiftung: Faire Arbeitsbedingungen in den darstellenden Künsten und der Musik?! Eine Untersuchung zu Arbeitsbedingungen, Missständen sowie Vorschlägen, die zu besseren Arbeitsbedingungen beitragen können.

Autor ist Maximilian Norz, Musiker, Politikwissenschaftler am non-profit Thinktank Global Public Policy Institute in Berlin sowie Unterstützer der Initiative art but fair. Im Fokus stehen vor allem zwei Ziele: artbutfair will alle am Kulturbetrieb Beteiligten – Künstler, Veranstalter, Intendanten, Agenten, Lehrer, Kulturpolitiker usw. – zusammenbringen und animieren, einen konstruktiven Dialog miteinander zu führen, Maßnahmen zur Verbesserung der Situation von Künstlern zu finden und diese umzusetzen. Zugleich geht es darum, die essentielle Bedeutung und den einzigartigen Wert der Kunst und der Künstler ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken.

Maximilan Norz hat unter 2.635 Erwerbstätigen aus den Bereichen Musik und Darstellende Kunst eine Online-Umfrage durchgeführt. Demnach rechnet eine deutliche Mehrheit mit Altersarmut. Um das zu ändern, so Norz, sollten sich Künstler stärker gewerkschaftlich engagieren, um auch beim Publikum, in der Öffentlichkeit und in den Medien für mehr Problembewusstsein zu sorgen und um einen Kurswechsel in der Kulturpolitik herbeizuführen.

Lesetipp:

edition brandeins (2018): Grundeinkommen. Was würdest Du arbeiten, wenn Du nicht musst? 

Körber Stiftung: Grundeinkommensrechner: Wieviel jeder Bürger netto übrig hätte

 

Teil 1: BGE – Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln

Teil 2: BGE – Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

Teil 3: BGE – Was das Grundeinkommen für die Kreativszene bedeuten würde …

Teil 4: BGE – Grundeinkommen wählen bei der Bundestagswahl 2017