Vorausdenken mit 360-Grad-Blick: Was erfolgreiche Prozessbegleitung ausmacht

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Überall in unserer Gesellschaft werden Projekte geplant, modifiziert, realisiert und nach erfolgreichem Abschluss dokumentiert und präsentiert. Doch was braucht es alles, damit ein Projekt gelingen kann? Wir im Silberfuchs-Verlag haben unterschiedliche Erfahrungen mit Erfolgsfaktoren und Stolpersteinen gesammelt und geben Einblick in unsere Prozessbegleitung und unser Projektmanagement. Unser Werkstattbericht aus unserem Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung. Was macht erfolgreiche Prozessbegleitung aus?

Vorausdenken mit 360-Grad-Blick

Ein Projekt wird laut Wortherkunft ‚nach vorn‘ gedacht. Der Begriff Projekt leitet sich ab von proiectum bzw. proiectus – lateinisch ‚nach vorn geworfen‘ (siehe auch „Projektil“). Das deutsche Wort Projekt (Entwurf, Plan, Vorhaben) entstand im späten 17. Jahrhundert im Zusammenhang mit „Architektur“ und „Bauvorhaben“.
In den Wirtschaftswissenschaften ist folgende Definition verbreitet: „Ein Projekt ist ein zielgerichtetes, einmaliges Vorhaben, das aus … abgestimmten, gesteuerten Tätigkeiten mit Anfangs- und Endtermin besteht und durchgeführt wird, um unter Berücksichtigung von Vorgaben bezüglich Zeit, Ressourcen (zum Beispiel Finanzierung bzw. Kosten, Produktions- und Arbeitsbedingungen, Personal und Betriebsmittel) und Qualität ein Ziel zu erreichen.“ (Quelle: „Zeit, Kosten, Umfang: Magisches Dreieck in der Projektsteuerung“ nach Thor Möller, Florian Dörrenberg, Projektmanagement, Oldenbourg Verlag, 2003, S. 22)

Projektmanager

Eine/r muss den Hut aufhaben: Ein erfolgreiches Projekt braucht einen kompetenten Projektmanager. Er/Sie verantwortet die verschiedenen Projektphasen: Initiierung, Planung, Durchführung, Steuerung, Controlling, Evaluation, Abschluss. Er/Sie kommuniziert nach innen und außen, organisiert und strukturiert die Zusammenarbeit mit Projektbeteiligten, den Auftraggebern, den Teammitgliedern, weiteren Netzwerken, Partnern, Stakeholdern und der Öffentlichkeit. Analoge Hilfsmittel sollte er/sie dabei ebenso gut beherrschen wir digitale Tools.

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Prozessbegleitung

Außerhalb klassischer Wirtschaftsbranchen werden Projekte oft von engagierten Akteuren realisiert, die zwar viel Tatkraft und Begeisterung mitbringen, naturgemäß aber über weniger Erfahrungen verfügen. In Vereinen, im Sport, in der Bildung, Kultur, Zivilgesellschaft, im Ehrenamt werden den Projektträgern und Projektmanagern daher häufig Prozessbegleiter an die Seite gestellt. Sie sollen idealerweise über die gesamte Projektdauer Hilfe leisten und Rat geben, vor allem wenn es irgendwo im Projekt hakt: „Prozessbegleiter sind unterstützende Berater in dynamischen Entwicklungsprozessen. Prozesse bedeuten Dynamik, Fortschritt und Veränderung. Ein Begleiter ist Moderator, Vermittler, Coach oder Berater.“ (Quelle: DKJS – Deutsche Kinder- und Jugendstiftung: „Prozessbegleitung“, in: bewegt! Das Magazin der DKJS, Heft 1/2011)

Ein Projektbegleiter fragt nach der „Mission“ des Projektes, nimmt Ziele und Zielgruppen ins Visier, Kooperationspartner und Stakeholder, Terminplanung und Meilensteine, Formaten und Methoden, Akteure und Teammitglieder, Stolpersteinen, Risiken und Erfolgsfaktoren. Er prüft interne und externe Kommunikation, PR und Social Media, Kostenpläne, Dokumentation und Evaluation. 

Blick von außen

Ein solider Plan ist Voraussetzung für den Erfolg eines Projektes. Doch wenn der Mensch ins Spiel kommt, wird es komplexer und komplizierter. Diese Erkenntnis hat zu agilen Methoden in der Projektarbeit geführt. Anstelle von langfristig ausgearbeiteten Plänen werden heute eher kürzere Zielvorhaben entworfen („Sprints“), die im Verlauf des Projektes häufiger angeglichen und auf die aktuellen Rahmenbedingungen abgestimmt werden. Nicht selten ist aktives Konfliktmanagement gefragt, wenn ein Projekt anders verläuft als auf dem Papier geplant. Ein Prozessbegleiter reagiert auf Veränderungen und empfiehlt dem Projektmanager bzw.  den Projektbeteiligten, ihren ursprünglichen Plan darauf abzustimmen. Ein Beispiel aus unserem Regiobranding-Projekt im Bereich Regionalentwickung, Kultur(-landschaft) und Tourismus soll das verdeutlichen.

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Wie lässt sich Bürgerwissen generieren

Nach dem Wunsch unseres Auftraggebers, dem Landkreis Ludwigslust-Parchim, sollte das Bürgerwissensportal Elbe505.de in Eigenregie der Bürger entstehen. Von uns, Corinna Hesse und Antje Hinz, als Wissenschaftsjournalistinnen und Medienproduzentinnen mit Workshops für kreatives Schreiben und Storytelling professionalisiert sollten die Bürger eigenständig Texte und Medien über ihre Region erstellen und sich dafür regelmäßig in Arbeitsgruppen treffen. Nachdem die Wissensträger aus Kultur-, Bildungs- und Umweltvereinen sowie weitere Interessenten ausfindig gemacht waren, scheiterten mehrere Versuche, diese Akteure zu gemeinsamen Terminen zusammenzubringen. Die Erkenntnis: Gerade die genannten Berufsgruppen sind auch an Nachmittagen und Abenden in vielen externen Projekten und Gruppen involviert. Ihre Zeit für ehrenamtliches Engagement ist daher stark limitiert.  

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Die Lösung der Herausforderung

Wir standen demnach vor der Frage und Herausforderung, wie wir trotz begrenzter Zeit der Wissensträger dennoch das geplante Bürgerportal mit Inhalten füllen können. Wir beschlossen, die Erfahrungen und Geschichten der Bürger direkt bei ihnen „abzuholen“ – in Form von Audio-Interviews. Eine Kamera erzeugt für viele, insbesondere ältere Menschen oft Unwohlsein, so dass sie sich in ihrem Erzählfluss gehemmt fühlen. Wir setzten die Hürde daher so niedrig wie möglich und entschlossen uns, das Wissen rein mündlich bzw. akustisch aufzuzeichnen. Oral history heißt die authentische Methode der Geschichtswissenschaft, mit der Zeitzeugen bzw. Wissensträger über Ihre Erfahrungen und ihr Wissen befragt werden. Idealerweise sollte das in gewohnter bzw. vertrauter Umgebung stattfinden. Um den Aufwand überschaubar zu halten, luden wir die BürgerInnen u. a. in das Gemeindehaus ein und sorgten mit Getränken und einem kleines Buffet für ein angenehmes Umfeld.

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Konfliktprävention und soziale Kompetenz

Jedes Projekt mit unterschiedlichen vielschichtigen Partnern birgt Risiken. Akteure aus diversen Institutionen und Bereichen verfolgen naturgemäß verschiedene Anliegen und Interessen. Als ProzessbegleiterInnen legen wir unseren Projektleitern immer wieder ans Herz, das Team, die Auftraggeber und die Projektpartner über alle Entscheidungen zu informieren und sie bei Planänderungen mitzunehmen – nicht erst im Nachhinein, sondern im Voraus. Wer präventiv denkt, kann manchen Konflikt vermeiden oder zumindest abmildern.

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Die richtigen Fragen stellen

Kompetente Prozessbegleitung verstehen wir vor allem darin, zielführende Fragen zu stellen, die zum Kern der Lösung bzw. zur alternativen Bewältigung führen, z. B. Mit wem könntet ihr (alternativ)  zusammenarbeiten? Wer verfolgt ähnliche Ziele? Mit wem könntet ihr gemeinsame Strukturen nutzen, wenn das Geld knapp ist (siehe Effectuation)? Wen könntet ihr um Rat oder um Hilfe bitten? Was könnt ihr selbst leisten und was nicht? Wo könnten Synergien entstehen? Fragen gehört zu den Kernkompetenzen von Prozessbegleitern. Zielführendes Fragen ist journalistisches Handwerk, das wir von der Pike auf beherrschen: nach unserem Fachstudium, etwa 20jähriger Tätigkeit für verschiedene ARD-Rundfunkanstalten, Deutschlandfunk und über 15 Jahren in unserem Silberfuchs-Verlag

Chamäleon

Ein/e ProzessbegleiterIn muss in den jeweiligen Phasen unterschiedliche Rollen einnehmen. Während er/sie zu Beginn des Projektes vor allem strategische, moderative, vermittelnde Funktionen einnimmt, wird er bzw. sie gegen Ende vertiefende Fragen stellen, um den Verlauf des Projektes zu reflektieren und zu dokumentieren. Im Falle von Folgeprojekten wird es auch darum gehen, an der langfristigen Qualität zu arbeiten – in Bezug auf die Weiterentwicklung von Strukturen, Teams, Kommunikation usw. 

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Die innere Haltung entscheidet

Man kann der Welt mit all ihren Hindernissen und Fußangeln nicht entkommen. Aber: Man muss seinen Projektpartnern stets zuhören und gemeinsam mit allen Beteiligten Kompromisse und Lösungen finden. Unsere wichtigsten (imaginären) Begleiter dabei sind: Mut und Offenheit, Wertschätzung und Respekt, die richtige Balance zwischen Flexibilität und Zielstrebigkeit, innere Haltung und Widerstandskraft, Optimismus und Zuversicht, Neugier und Humor.

Bei unserem Tun begleitet uns ein Rat, der wahlweise den Achtsamkeitspraktikern Jon Kabat-Zinn und Joseph Goldstein zugeschrieben wird: „Du kannst die Wellen nicht stoppen, aber du kannst lernen, auf ihnen zu surfen!“   

Unsere Beispielprojekte in der Prozessbegleitung

Vorausdenken mit 360-Grad-Blick: Was uns als erfolgreiche ProzessbegleiterInnen ausmacht

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Kulturregionen in Rheinland-Pfalz / BUGA 2029 – Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz

2019/2020 hat Antje Hinz die Prozessbegleitung für das Projekt Kulturregionen in Rheinland-Pfalz übernommen. Dieser Auftrag beinhaltet strategische Beratung, Moderation von Workshops und Fachtagungen sowie Dokumentation. Mit Blick auf die BUGA 2029 – die Bundesgartenschau im Oberen Mittelrheintal – hat sich im nördlichen Rheinland-Pfalz eine interdisziplinäre Projektgruppe gebildet. Beteiligt sind Akteure aus Kultur, Wirtschaft, Medien, Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung. Antje Hinz unterstützt die Gruppe beim Findungsprozess. Antje Hinz: „Es geht um Identität und Authentizität: Damit der regionale und kulturelle Findungsprozess bei der Bevölkerung emotionale Zustimmung findet, muss von unten wachsen.“

Ziele: Ausfindig gemacht werden sollen regionale Identifikationsfaktoren, z. B. materielles und immaterielles kulturelles Erbe als Basis, neue und junge Kulturformen sowie gemeinsame Zukunftsvorstellungen und Zukunftsgestaltung. „Kulturregion wird im Projekt umfassend verstanden: Kultur stärkt regionale Identität; Kultur als Kooperationsprojekt; Kultur als Instrument der Profilbildung; Kultur als Wirtschaftsfaktor (Tourismus, Kreativwirtschaft).“ Zitat ZIRP – Das Vorhaben ist ein Gemeinschaftsprojekt der Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz ZIRP, der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz und der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz in Mainz.

 © BpB

Miteinander reden – Bundeszentrale für politische Bildung 2019-2020

2019/2020 unterstützen Corinna Hesse und Antje Hinz den Ideenwettbewerb Miteinander reden der Bundeszentrale für politische Bildung und engagieren uns als Prozessbegleiterinnen und Projektmanagerinnen. Deutschlandweit werden 100 Projekte mit Weiterbildungsangeboten für Akteure in ländlichen Räumen gefördert. 
Ergebnisse: Politische Bildung, Demokratie und Gesellschaftsgestaltung
Projekte Antje Hinz: Wir leben Gemeinde / Frei.Raum.MV / WER IST WIR? WIR SIND WER!  Projekt Corinna Hesse: Rögnitz 3.0

 © Kreative MV

Wettbewerb Soziale Dorfentwicklung – Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung

2017-2019 hat Corinna Hesse in Mecklenburg-Vorpommern den Wettbewerb „Raumpioniere: Kreative für MV – MV für Kreative“ initiiert sowie als Prozessbegleiterin und Projektleiterin mit zahlreichen KreativLabs und Coachings der Akteure begleitet. Die Preisverleihung findet am 22.10.2019 statt.
Ziel: Stärkung von Dorfgemeinschaften vor Ort mit künstlerisch-kreativen Methoden stärken
Ergebnis: Entwicklung und Erprobung zukunftsweisender Ideen für Dörfer und Kleinstädte Förderer: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung 
Film: Interviews mit den zehn Projektakteuren

© Ellen Backes, 123Comics

Regiobranding – Landkreise Ludwigslust-Parchim und Lüchow-Dannenberg

2018 waren Corinna Hesse und Antje Hinz als Prozessbegleiterinnen und Medienproduzentinnen für das Bundesforschungsprojekt „Regiobranding“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung tätig. Gemeinsam mit BürgerInnen und Jugendlichen haben wir in zahlreichen Workshops und Interviews verschiedene Fragen erkundet und erprobt:
– Wie können Identität und Bindung der Bevölkerung an ihre Kulturlandschaft intensiviert und gefestigt werden?
– Wie lassen sich Bürgerwissen, Identität und Bindung an die Region im Außenbild des Stadt-Land-Umfeldes verankern und lebendig halten?
– Wie lassen sich kulturelle Alleinstellungsmerkmale für unterschiedliche Regionen – mecklenburgische Griese Gegend und Hannoversches Wendland – unter einem gemeinsam Dach miteinander verbinden?
Ziel: Branding von Stadt-Land-Regionen durch Kulturlandschafts-Charakteristika
Ergebnisse: Bürgerteilhabe, innovatives Bürgerwissensportal ELBE505.de (Betreiber des Portals ist der Landkreis Ludwigslust-Parchim, Fachdienst Regionalmanagement und Europa in enger Zusammenarbeit mit dem Landkreis Lüchow-Dannenberg, mit FONA und Regiobranding): Pressemitteilung

 © Metropolregion Hamburg

Kulturlandschaftsrouten – Metropolregion Hamburg

2016-2018 haben Antje Hinz und Corinna Hesse in einem interdisziplinären und partizipativen Leitprojekt der Metropolregion Hamburg fünf Kulturlandschaftsrouten entwickelt. lm Zentrum ihrer Prozessbegleitung, Zentralredaktion (Audioguides / Flyer) und des Projektmanagements stand die Teilhabe und Zusammenarbeit mit Akteuren aus Verwaltung, Landkreisen, Regionalentwicklung, Wirtschaftsförderung Tourismus, Bildung, Umwelt und Fördervereinen. Die Akteure wurden im Verlauf des Projektes von Hinz und Hesse angeleitet und professionalisiert, touristische Routen für verschiedene Zielgruppen zu entwickeln sowie mediale Produktionen zu entwickeln und zu realisieren.
Ziel: Touristische Inwertsetzung von Kulturlandschaften in der Metropolregion Hamburg
Ergebnisse: fünf Erlebnisrouten Kulturlandschaften zum Hören mit Audioguides, z. B. ManufakTourenroute / Pressemitteilung

  © Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag 

Hörbuchproduktionen – Silberfuchs-Verlag

Von 2005-2017 haben Corinna Hesse und Antje Hinz knapp 30 Sachhörbücher in verschiedenen Reihen im gemeinsam gegründeten Silberfuchs-Verlag produziert. Dazu gehörte das gesamte Spektrum der Verlagsarbeit und Prozessbegleitung: Autorentätigkeit, Redaktion, Regie, Produktion, Lizenzierung, Rechtemanagement, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Vertrieb. Die aufwändige Entstehung der Hörbucher wurde exemplarisch im Fachmagazin image-hifi 4-2012 und 3-2016 beschrieben. Die Hörbücher wurden mit renommierten Preisen ausgezeichnet und für zahlreiche Preise nominiert. Der Silberfuchs-Verlag ist Träger des Bundespreises Kultur- und Kreativpiloten Deutschland für sein Konzept anspruchsvoller und lebendiger Wissensvermittlung.

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

© www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

10. Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen im Juni 2019: Nach viel Theorie und Metaebenen am ersten  Tag konnten sich die BesucherInnen am zweiten Tag in verschiedenen Foren an Präsentationen diverser Praxisprojekte abarbeiten und engagiert mitdiskutieren. 

Themen mit dem Stift konserviert

Ausdrücklich erwähnen möchte ich die Zeichnerin bzw. Graphic Recorderin Johanna Benz. Sie hat enorm zum Gelingen des Kongresses beigetragen. In atemberaubendem Tempo brachte sie Meinungen, Thesen, Zitate und auch komplexe Gedankenkonstrukte mit wenigen Strichen und prägnanten Worten auf Papier – pointiert und häufig humorvoll, live vor den Augen des Kongresspublikums, das oft verblüfft und schmunzelnd über die scheinbare Leichtigkeit war.

Am Nachmittag gehörte das Podium verschiedenen Akteuren der Auswärtigen Kulturpolitik und aus dem Themenkomplex Kunst, Umwelt, Digitalisierung, Klima. Ich hätte mir an beiden Tagen gerne gleich mehrere „bioplasmatische Doppelgänger“ gewünscht. Die alle thematisch spannenden, leider aber parallel stattfindenden Foren erschwerten nicht nur mir die Wahl.

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Heimat als Marke

Regionalentwickler stehen im Spannungsfeld grundsätzlicher Entscheidungen: Was mache ich neu? Was übernehme bzw. übertrage ich als Modell aus anderen Regionen? Wo muss ich Vorsicht mit Slogans und Narrativa walten lassen, um nicht beliebig und austauschbar zu werden? Wie finden wir für unsere Heimaten authentische Identitäten? Diese Fragen standen im Zentrum des Panels „Heimat als Marke“ und wurden von drei Protagonisten beantwortet. Einig waren sich alle, dass die Themen von innen heraus aus der Selbstbeobachtung gefunden werden sollten. Das Überstülpen von Labels wirke oft beliebig oder einengend.

Land NRW: Hildegard Kaluza – Wandel durch Kultur

Kulturabteilungsleiterin Hildegard Kaluza berichtete von zunächst über die geplante Ruhrkonferenz mit verschiedenen Ministerien, denn auch fachfremde Mitarbeiter würden so ermuntert, sich stärker für Kulturthemen zu engagieren. Exemplarisch stellte Kaluza die Kulturregion Sauerland vor, der es gelungen sei, mit dem Festival Sauerlandherbst breite Zielgruppen anzusprechen und mit einem neuen Brassfestival eine zeitgemäße Verbindung zum Engagement der Schützenvereine zu schaffen. Die Kulturregion Aachen sucht mit einem grenzüberschreitenden Projekt die Nähe zu Europa und lässt etwa 300 Schüler aus verschiedenen Ländern den euregio-Schülerliteraturpreis an einen sorgsam ausgewählten Jugendbuchautor verleihen. Die Region Unna hat ihr Selbstbild aus dem Hellweg heraus im Licht gefunden, u. a. auch in einem und einem Krimifestival.

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Kenneth Anders: Oderbruchmuseum und Büro für Landschaftskommunikation

Nachhaltige Regionalentwicklung müsse institutionalisiert und finanziert sein, sagte Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation. Er habe seine Kommune daher vom Sinn und Nutzen eines „Fonds für Identitätspolitik“ überzeugt, in den 20 Cent pro Einwohner und Jahr fließen. Er sprach über die Herausforderung, Identitäten in einem extrem heterogen Raum finden zu müssen, der auch Elemente umfasst, die nicht „produktdienlich“ im Sinne der touristischen Vermarktung seien (Schandflecken). Als Symbol und Logo wurde für den Oderbruch ein Spaten gefunden, mit dem früher das weit verzweigte Bewässerungssystem im Oderbruch ausgehoben wurde.

Volker Gallé: Kulturkoordinator der Stadt Worms

Heimat und Region seien verschieden, so Gallé. Während eine Region oft eine künstliche, politisch entworfene Infrastruktur in sich trage, enthalte Heimat naturgemäß historische Narrative. Gallé, der nicht nur in Rheinhessen als Mundartautor und -liedermacher bekannt ist, präsentierte die Besonderheiten seiner Region, neben Wein u. a. die hochromanische Baukunst, die Nibelungensage, Martin Luther und die jüdische Kultur in Worms. Die Interessen der Kulturakteure und Marketingleute seien oft unterschiedlich: Winzer wollen Wein verkaufen, Touristiker ihre Reisen, Museen ihre Ausstellungen usw. Den Zuzug von Neubürgern sieht Gallé positiv, er sei immer produktiv, etwa wenn alter Häuser von den Neuen restauriert werden und sich aus eigenem Antrieb mit der Kultur und Geschichte ihrer Wahlheimat befassen, Fragen stellen, reflektieren. Die Suche nach Narrativen erfolge oft aus der Not oder aus Konflikten heraus, eine Chance für Reflektion.

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Jugend macht Heimat

Die Moderatoren Arnold Bischinger, Kulturchef des Landkreises Oder-Spree/Burg Beeskow, und Steffen Schuhmann, Kunsthochschule Berlin-Weißensee, gaben ihrerseits kluge Impulse zum Thema Heimat und Selbstfindung, auch im Dialog mit den BesucherInnen. So kam aus dem Publikum die dringende Empfehlung, die junge Generation in die Prozesse zur Identitätsfindung einzubinden. Das Problem: Ganztagsschulen und das verkürzte Abitur G 8 hätten dazu geführt, dass Kinder und Jugendliche spät nach Hause kommen und kaum noch Freizeit haben. Da müsse man sich etwas einfallen lassen. Eine Kongressbesucherin berichtet als best practice über die Initiative Happy Locals, die Jugendliche zu kreativem Handeln aufruft: Mit temporärer Zwischennutzung von Räumen in Brandenburg soll die dortige Clubkultur stärker belebt und befruchtet werden.

Außenperspektive

Zuweilen könnten auch ein Blick über den Tellerrand bzw. ein Perspektivwechsel hilfreich sein. Als Beispiel wurde aus dem Publikum das elbübergreifende Bürgerwissensportal Elbe505.de genannt. Bewohner aus Mecklenburg und aus dem Wendland entwickelten gemeinsam eine Onlineplattform mit Wissenswertem, Fakten und  Geschichten über ihre Region in Texten, Fotos, Interviews und Podcasts. Die jeweils andere Region half, um den Blick für das Besondere und für Alleinstellungsmerkmale zu schärfen. Und: Wenn Burger selbst über ihre (Wahl-)Heimat erzählen, stärkt dies zugleich die Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit nach innen sowie Anerkennung und Wertschätzung von außen.

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Wo und was ist Heimat?

In weiteren Foren (siehe Kongress-Programm) ging es um die Narrativa von Heimat: Wer prägt die Geschichten und Bilder unserer Nation, vor allem in den neuen Bundesländern? Auch widerständige Heimat liefert Geschichten, vor allem in Verbindung mit Umweltfragen, etwa das Gorleben-Archiv im Wendland und die Medienberichte aus dem Hambacher Forst. Wie lässt sich Heimat gestalten und was leisten Heimatvereine dabei? Wer vermittelt Heimaten und was leisten Heimat-, Orts-, Regional- und Stadtmuseen dabei? Was können Dritte Orte bewegen? Wo existiert Heimat an utopischen oder virtuellen Räumen? Und welche Rolle spielt Europa in der Heimatdiskussion? Heimaten gibt es viele: geografische, zwischenmenschliche, geistige und virtuelle. Der Schriftsteller Klaus Theweleit hat es einmal so beschrieben: „Ich bin ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen und hatte dann meine neue, meine zweite schleswig-holsteinische Heimat. Als Jugendlicher wurde englische Beat-Musik meine kulturelle Heimat. Ich kenne also mindestens drei verschiedene Heimaten.“

Deutschlandbild in der Außenpolitik

Den geweiteten Blick auf das internationale Panorama präsentierten Vertreter der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Bildungspolitik im Auswärtigen Amt, erläuterte den veränderten Fokus deutscher Auswärtiger Kulturpolitik, berichtet von erhellenden Reisen nach Afrika, von Begegnungen mit afrikanischen Gründern, die dank Drohnen zukünftig Wasser und Pestizide nutzbringender dosieren wollen. Globale Herausforderungen können und müssen gemeinsam gestellt und gelöst werden. Kooperation und Multilateralismus werde nicht aus Selbstzweck betrieben, sondern um etwas zu bewegen. Vor diesem Hintergrund betonte sie: „Unsere Identität setzt sich aus vielen Identitäten zusammen. Heimat gehört einem nicht. Niemand hat sie gepachtet. Sie ist für jeden etwas Persönliches. Heimat ist Geschichte und Identität. Identität ist etwas, was man sein kann, aber nicht, was man zu sein hat.“

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Neue Herausforderungen für die internationale Kulturpolitik?

Heimat suchen – Heimat finden – zu diesem Thema versammelten sich neben dem Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, Andreas Görgen, auf dem Podium internationale Gäste, moderiert von der Kulturmanagerin Sarah Bergh. Anders als in Deutschland kennen andere Länder den Heimatbegriff nicht. Dort spricht man von Vaterland, Mutterland oder Zuhause. Arjun Appadurai, Senior Professor of Anthropology and Globalisation at Hertie School of Governance in Berlin, offenbarte die Position junge InderInnen: Nicht das Sein, sondern das Werden, nicht belonging, sondern becoming. Appadurai erklärt den Hintergrund: Durch die britische Besatzung hätten InderInnen früher oft Ablehnung und Ausschluss erlebt. Statt auf eine kleine, enge Heimat zurückzublicken, fänden jungen InderInnen sie in der Zukunft, in den neuen Netzwerken, in sozialen und mobilen. Dort würden die wichtigen, zukunftsorientierten Themen be- und verhandelt, so Appadurai, nicht nur Jobs und Neue Arbeit, sondern auch Freizeit, Spaß, Liebe, Romantik. Deutschland sollte sich daran beteiligen, neue Plattformen für solche Verbindungen zu schaffen. Deutschland habe die Möglichkeit, sollte sie verantwortungsvoll nutzen und zusammen mit der Welt experimentieren. Andreas Görgen verwies in diesem Zusammenhang auf ein Zitat von Willy Brandt: „Kulturarbeit ist Arbeit an der Weltvernunft.“ In diesem Sinne will das Auswärtige Amt Räume für neue Kooperationen schaffen, u. a. eine Agentur für internationale Museumskultur. Deutschland könne nicht mehr allein bestimmen, was international über das Land nach außen getragen werde.

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Multiperspektivische Fragen und Antworten

„Beziehungen entstehen aus Differenzen, aber Kunst hilft, die Differenzen zu verstehen.“ Genau in diesem Sinne agiert Bonaventure Soh Bejeng Ndikung an seiner Wirkungsstätte SAVVY Contemporary in Berlin-Neukölln. Der unabhängige, nicht kommerzielle Projektraum versteht sich seit 2010 als „Labor der intellektuellen, künstlerischen und kulturellen Ideenentwicklung und des Ideenaustauschs“ für internationale bildende und darstellende Kunstschaffende und Kuratoren. Im Mittelpunkt von SAVVY steht der Diskurs über aktuelle Fragen und Themen aus den Bereichen Kunst, Wissenschaft, Soziologie oder Philosophie. Gründer und künstlerischer Leiter Ndikung sieht sich als Wanderer zwischen Welten und Ländern: „Home is where the music is“ – Zuhause ist dort, wo die Musik ist.“ Viele Staaten, wie z. B. sein Geburtsland Kamerun, seien Fiktion, oft nur künstlich von Besatzungsmächten geschaffen. Er plädiert für das Entkoppeln von Land, Heimat und Sprache. Das Nachdenken über Heimat empfindet er als Zeitverschwendung. Heimat sei in ständigem Wandel begriffen. Daher käme es darauf an, dass sich jeder für jeden im sich veränderlichen Weltgeschehen verantwortlich fühle.

Themenwechsel fernab des Geburtslandes

Auch für andere auf dem Podium ist Heimat eine Kopfgeburt. „Ich frage mich gar nicht was Heimat für mich ist. Heimat sollte nicht permanent um sich selbst kreisen“, stimmt Aino Laberenz zu. Sie ist Geschäftsführerin des Operndorfs Afrika, das einst Christoph Schlingensief gründete. Sie ist zugleich Kostüm- und Bühnenbildnerin. Sie arbeite im Operndorf, weil sie dort neue Blickwinkel auf Themen erhalte, die es so in Deutschland nicht gäbe, weil solche Probleme hierzulande gar nicht existierten.

Und dennoch: Heimat ist wichtig

Warum trotz allem die Auseinandersetzung mit Heimat wichtig sei, erläuterte Géraldine Schwarz, Journalistin und Dokumentarfilmerin mit deutschen und französischen Heimaterfahrungen: „Wenn populistische Parteien so viel Erfolg haben mit dem Okkupieren des Heimatbegriffes, gibt es offenbar ein universelles Bedürfnis nach Heimat.“ Die „Gelbwesten“ in Frankreich seien eine Reaktion auf enttäuschte Heimatverbundenheit und die Spaltung von Stadt und Land. Das individuelle Bedürfnis nach Heimat solle ihrer Meinung nach nicht pauschal verleugnet werden, so Schwarz. Sie betont aber, dass jeder seine eigene Sicht auf Heimat haben solle und dürfe. Ihr Aufruf: Gemeinsame Nenner in den europäischen Erinnerungen finden, um zu einer europäischen Identität zu gelangen.

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Kunst und Heimat Erde

Die letzte Diskussionsrunde beim KUPOGE-Kongress galt unserem Heimatplaneten, der immer mehr in Gefahr gerät. Die KUPOGE widmete bereits die letzte Ausgabe ihrer Publikationsreihe „Kulturpolitische Mitteilungen“ dem Thema Klimagerechte Kulturpolitik. Da die Akteure in Politik und Wirtschaft auf Fakten und Erkenntnisse der Wissenschaftler nicht konsequent genug reagieren, deren Vorschläge (z. B. Tempolimit) ignorieren oder zu langsam umsetzen, werden die Proteste von jungen Menschen immer lauter. Kurz vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause blockierten am Freitagnachmittag Jugendliche der Fridays for Future-Bewegung die Ausgänge im Parlament unter dem Motto: Die Arbeit ist nicht getan, daher Nachsitzen für die Politiker! Ob Michelle Müntefering wohl aus diesem Grund verspätet zum Kongress kam?

Kunst fördert Empathie

Nicola Bramkamp, die als Moderatorin die widerstreitenden Meinungen im Panel äußerst klug und charmant dirigierte, leitet das Festivals SaveTheWorld und die Runde mit einer richtigen Erkenntnis ein: „Erst wenn der Mensch empathisch ist, beginnt er zu handeln. Mit künstlerischen Mitteln lassen sich Herausforderungen anders spiegeln und ungewöhnliche Antworten finden.“ Über diesen Weg wurde der junge Fridays for Future-Aktivist Gustav S. Strunz für das Klimathema sensibilisiert – bei einem Theaterabend der Gruppe Rimini-Protokoll, der einen Klimagipfel simuliert. Seine Mitstreiterin Lilli C. Pape bestätigte, dass die Mitwirkung in einer Theatergruppe und auf Kongressen ihr für ihre Auftritte und Reden in der Fridays for Future-Bewegung Sicherheit geben würden.

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Klima und Kultur als gemeinsames Thema

Politik und kulturpolitische Finanzierung muss dringend themenorientiert verfolgt werden – über alle Parteien, Ministerien und Branchen hinweg. Diese Erkenntnis und Forderung ist vielleicht das wichtigste Fazit des KUPOGE-Bundeskongresses. Kuratorin Adrienne Goehler vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, engagiert sich daher für einen ressortübergreifenden Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit, der aus verschiedenen Ministerien gespeist werden soll, um das Bewusstsein für Kunst und Klimapolitik zu stärken. Es brauche zeitgemäße Fördermittel für aktuelle Themen und Herausforderungen.  

Immer mehr Künstler wollen sinnstiftend arbeiten und erheben daher den Anspruch, zukunftsorientierte Projekte und Werke zu schaffen, die aktuelle Herausforderungen bearbeiten, wie in der Wanderausstellung Zur Nachahmung empfohlen. Kultur werde heute zwar ernster genommen, aber die Förderinstrumente hinken noch immer hinterher.“ Göhler kritisierte in diesem Zusammenhang auch den permanenten Zwang zur Innovation. Kunst, Industrie und Wissenschaft sollten sich stärker begegnen und dafür brauche es neue Möglichkeitsräume. 

 © MassivKreativ: Nao-Roboterdame INA

Digitalisierung frisst den Planeten

Große Uneinigkeit herrschte zum Thema „Ressourcenverbrauch und Digitalisierung“ zwischen dem Projektleiter Lemgo Digital vom Fraunhofer IOSB-INA, Jens-Peter Seick, und Jörg Sommer, Vorstand der Deutschen Umweltstiftung. Trotz bemerkenswerter Keynote der Nao-Roboterdame INA wehte ihrem Erfinder auch aus dem Publikum ein rauer Wind entgegen und die Frage, wieviel Energie und Ressourcen die Digitalisierung noch verschlingen werde. Sommer plädierte für mehr Verzicht und Beschränkung auf das Wesentliche und beklagte das rasante Tempo technischer Entwicklungen. Der Mensch und die Kunst kämen mit ihren ethischen Überlegungen kaum hinterher. Die Fridays for Future-Aktivisten Gustav und Lilli sehen die Auseinandersetzung pragmatisch: Digitalisierung gäbe es schon seit 100 Jahren. Ihrer Generation ginge es nicht um entweder/oder, nicht um  Verzicht oder Verschwendung, sondern darum, wie Gustav sagt, „in den richtigen Dingen schneller und in anderen langsamer werden, z. B. durch einen schnellen Kohleausstieg ein entschleunigtes Leben zu führen. Man muss nicht das Optimum herausholen, sondern erst mal anfangen und die großen Ziele auf kleine für jeden herunterbrechen … Es geht nicht nur um den Klimawandel, sondern auch um die Forderung, die Umweltzerstörung durch Kohleabbau und Fracking zu stoppen. Fridays for Future arbeitet insofern auch gegen die Zerstörung unserer Heimat.“ Zu ihrem Verständnis von Heimat befragt, sagt Lilli: „Fridays for Future versteht sich als globale Bewegung, insofern ist für uns die Welt unsere Heimat.

FAZIT: Es geht nur noch gemeinsam

Heimat bedeutet tägliche Verabredungen zu treffen mit Dialogen von Mensch zu Mensch. Heimat ist die „Kultur“ unseres Zusammenlebens, die Basis für unsere Gemeinschaft. Gemeinsinn und WIR-Gefühl gelingen am besten durch gemeinsame Aktivitäten, z. B. sinnstiftende Ziele zu verfolgen – durch soziales und ehrenamtliches Engagement, durch kulturelle, sportliche und wissensvermittelnde Erlebnisse, durch nachhaltige Projekte für unsere Zivilgesellschaft. Heimat ist und bleibt „Gemeinsame Sache“.

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Bruchstellen von Heimat

Doch genau hier liegt das Problem. Die Vermächtnisstudie der ZEIT hat herausgefunden: „das Wir-Gefühl übersetzt sich nicht in Engagement außerhalb des Freundes- und Bekanntenkreises. Dafür fehlt es an Vertrauen untereinander, an der Basis für ein gelebtes Wir. Nur ein Viertel der Befragten hat viel Vertrauen in die Mitmenschen, 40 Prozent haben wenig. Auch hier sind jene mit geringer Bildung besonders skeptisch. Außerdem glaubt nur ein Viertel, dass auch den Mitmenschen ein „Wir-Gefühl“ wichtig ist. Ein Misstrauensvotum.“

Kultur des Machens stärken

Zur Vertrauensbildung kann Kultur sehr viel beitragen. Gemeinsame kulturelle Projekte, gemeinsame künstlerische Erfahrungen schmieden zusammen. Wir sollten nicht immer alles bis ins Detail durchplanen und mehrfach abwägen wie bisher. Wir sollten einfach mehr ausprobieren, mehr Modellprojekte wagen, grundsätzlich mutiger sein. Erst mal machen und danach evaluieren, um Erkenntnisse aus gelungenen Projekten auf andere Bereiche zu übertragen.

Heimathymne

Heimat weckt bei vielen Gemeinschaftsgefühle. Daher wurde – nicht beim Bundeskongress aber immer mal wieder zu anderen Gelegenheiten – auch über unsere Nationalhymne diskutiert. Manche Ostdeutsche wünschen sich die „Kinderhymne“ von Brecht, die Lothar de Maizière am Rande der Gespräche um den Einigungsvertrag dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble auf der Geige vorgespielt haben soll. „Das Land habe drängendere Probleme als Gefühle und Musik“, so die sinngemäße Antwort damals von Schäuble. Vor dem Hintergrund, dass viele sich mehr und mehr als EU- bzw. Weltbürger sehen, wäre zu diskutieren, ob wir überhaupt noch eine Nationalhymne brauchen. Möglicherweise wird unser aktuelles Heimat- bzw. Weltverständnis, wie schon andere Autoren vor mir spekuliert haben, durch einen ganz anderen Song viel besser ausgedrückt: mit John Lennons Imagine etwa.

Heimat als Nichtort und Utopie

Ist Heimat also doch nur eine Kopfgeburt, wie auf einem Kongresspanel festgestellt wurde. Ist Heimat eine Illusion? Der Jurist Bernhard Schlink, der den Roman „Der Vorleser“ schrieb und nach dem Mauerfall die Arbeitsgruppe „Neue Verfassung der DDR“ des Runden Tisches beraten hat, hat die verschiedenen Dimensionen des Heimatbegriffs zusammengeführt:  „So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder einen Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort. Heimat ist Utopie.“ (Buch: Bernhard Schlink – Heimat als Utopie).

 

Mehr zum Thema:

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

 

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Heimat-Zitate

„Heimat ist dort, wo man sich nicht erklären muss.“ Johann Gottfried von Herder

„Heimat ist der Ort, wo ich mich erklären kann und darf.“ Alexander Koch, Die Neuen Auftraggeber (… wo mir Raum gegeben und wo mir zugehört wird.)

„Heimat sind die Menschen, die wir verstehen und die uns verstehen.“ Max Frisch

„Heimat ist Heimweh und Sehnen nach allen Weiten.“ Peter Hille

„Heimat ist etwas, was ich mache.“ Beate Mitzscherlich

„Heimat ist Raum für kennen, bekannt und anerkannt sein.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

„Heimat ist kein ein Zustandsbegriff, Heimat ist ein Korrespondenzbegriff als Pendant zur Globalisierung.“ Klaus Kufeld

„Heimat weist in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit. Heimat ist der Ort, den wir als Gesellschaft erst erschaffen .. an dem das ‚WIR‘ Bedeutung bekommt.“ Frank-Walter Steinmeier

„Heimat ist polyphon!“ Mark Terkissidis

„Heimat ist nicht ein Ort, wo man lebt, sondern die Art, wie man lebt.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

„Heimat ist Ersatzhandlung für mangelnde Zugehörigkeit.“ Armin Nassehi

„Der Begriff Heimat hat einen Pelz an und riecht an einigen Stellen streng.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

 „Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft, Heimat ist nicht Liebe – Heimat ist Friede.“ Paul Keller, Schriftsteller

„Freundschaft, das ist wie Heimat.“ Kurt Tucholsky, Schloß Gripsholm, 3. Kapitel

„Heimat ist der Duft unserer Erinnerungen.“ Anke Maggauer-Kirsche, deutsche Lyrikerin

„Warum liebt man die Heimat? … deswegen: das Brot schmeckt da besser, die Stimmen schallen da kräftiger, der Boden begeht sich da leichter.“ Bertolt Brecht, Aus: Der Kaukasische Kreidekreis

„Gibt’s kein höheres Übel doch als den Verlust der Heimat.“ Euripides

„Ein feiges Volk hat keine Heimat.“ Aus Ungarn

„Heimat und Vaterland sind etwas grundsätzlich anderes.“ Unbekannt

„Die Scheinwelt ist die Heimat vieler.“ Ulvi Gündüz, Dichter und Autor

„Eine gute Erinnerung ist eine innere Heimat.“ Esther Klepgen, Autorin

„Heimat ist nicht der Ort, sondern die Gemeinschaft der Gefühle.“ Unbekannt

„Licht und Dunkelheit: zwischen den Gegensätzen findet sich Heimat.“ Ernst Ferstl, österreichischer Dichter

„Wer seine Heimat nicht im eigenen Kopf findet, findet sie nirgendwo.“ Helmut Glaßl, Aphoristiker

„Heimat(-politik) ist als gemeinsame Gestaltungsaufgabe zu verstehen … Heimat heißt auch Zukunft und Verständnis, gesellschaftliche Veränderungen anzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Denn Heimat war und ist immer auch ein Raum sozialer Beziehungen, Ausgleich und Einbindung – Integration. So verstanden ist Heimat Lebensmöglichkeit und nicht nur Herkunftsnachweis. Heimat ist nicht Kulisse, sondern Element aktiver Auseinandersetzung.“ – Deutscher Bundestag 25.07.2018

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

 © Kulturpolitische Gesellschaft

Beim 10. Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen im Juni 2019 wurde das Thema Heimat/en in nahezu allen Variationen, Perspektiven und Interpretationen „durchdekliniert. Die engagierten und oft hitzigen Debatten zeigten einerseits, dass die Veranstalter – neben der KUPOGE auch die Bundeszentrale für politische Bildung und der Deutsche Städtetag – das Thema klug gewählt hatten, selbst wenn einige Referenten und Podiumsgäste versicherten, dass sie mit dem Heimatbegriff nichts anfangen können. 

Theorie und Praxis

Zwei volle Tage diskutierten die Experten in einem dichtgedrängten Programm, das die Auswahl der Panels oft schwer machte. Nach offiziellen Grußworten wurden am Tag 1 vor allem Theorien, Modelle und Metaebenen des Heimatbegriffes diskutiert. Der Vormittag von Tag 2 stand im Zeichen vieler Praxisprojekte, präsentiert von „Heimatakteuren“ aus ländlichen Regionen. Der Nachmittag rückte die gewandelte Auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik ins Blickfeld und den Themenkomplex „Kunst und Klima“ (siehe auch „Kulturpolitische Mitteilungen“ zum Thema Klimagerechte Kulturpolitik. )

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HEIMATen liegen in der Luft

Er sei zunächst skeptisch gewesen, als das Thema Heimat an ihn herangetragen worden sei, bekannte Gastgeber Thomas Krüger offen, seit 2000 Präsident der Bundeszentrale für politischen Bildung. Doch HEIMATen sei(en) zweifellos in der Gesellschaft präsent – nicht erst seit der „Angliederung“ des Heimatressorts an das Bundesministerium für Inneres und Bau. Immerhin ist die Bundeszentrale für politische Bildung dem Innen- bzw. Heimatministerium zugeordnet. Insofern gehöre der Dialog über HEIMATen verpflichtend zu den Aufgaben seiner Bundeszentrale, so Krüger. Heimat verstehe er als „kulturpolitische Herausforderung, die man nicht den Falschen überlassen dürfe“, mahnte er mit Blick auf rechtspopulistische oder gar rechtsextreme Kräfte in Deutschland. Durch Globalisierung und Neoliberalismus erlebt die Sehnsucht nach Heimat eine Renaissance. Krüger führte als ersten Impuls vier Sichtweisen auf den Heimatbegriff auf:

Welche Heimat-Betrachtungen gibt es?

1) eine kritische, die danach fragt, wer zur Heimat gehöre und wer nicht – ungeachtet der Entheimatung von Menschen

2) eine inklusive, die eine Heimat für Viele für möglich hält

3) eine romantische, die sich „mit Mehltau im Stadium der Unschuld“ bewege (Sehnsucht nach heiler Welt)

4) eine postutopische, die erst mit dem Untergang der DDR begonnen hätte  (Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit, nach dem „Früher“)

Proust-Effekt

Wie man Heimat sehe, gehe häufig mit sehr persönlichen Erlebnissen und Gefühlen, einher, so Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien. Das könnten auch Sinneseindrücke sein, wie sie am Beispiel von Marcel-Proust anführt. In seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ erinnert sich der Erzähler beim Geschmack des Gebäckstück „Petite Madeleine“ – getunkt in Lindenblütentee –  schlagartig an die Vergangenheit, konkret an Stadt und Gärten von Combray. Heimaten seien also Erfahrungsräume.

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Das Eigene und das Fremde

Einerseits könnten mit dem Mangel an Heimat Identitäten verloren gehen. In Zeiten der Globalisierung wachse das Bedürfnis nach Heimat und Zugehörigkeit, was durchaus verständlich sei. Dennoch, und das war Konsens in Berlin, dürfe die Deutungshoheit von Heimat nicht den Rechtsextremen überlassen werden. Grütters betonte, wie wichtig es sei, auf gleichwertige Lebensverhältnisse ländlichen Regionen zu achten und den „Wert von immateriellen Kulturformen als Spiegel regionaler Besonderheiten und gemeinsamer Herkunft sichtbar zu machen. Nur wer das Eigene kennt und wertschätzt, kann auch dem Anderen und Fremden Raum geben, ohne sich bedroht zu fühlen.“ – so Grütters.

Heimat in der Kulturpolitik

Der Heimatbegriff birgt viel politische Macht. Da es Menschen mit und viele ohne Heimat gibt, kann der Begriff dazu führen, dass Menschen Grenzen ziehen:  zwischen denen, die  dazugehören und denen, die ausgeschlossen werden. Genau das kritisiert Bilgin Ayata, Assistenzprofessorin für Politische Soziologie an der Universität Basel. Zunächst präsentierte Ayata einen historischen Abriss darüber, wie der Heimatbegriff in der Geschichte verwendet wurde und zeigte auch Beispiele aus Deutschlands Kolonialzeit. Ayata bewertet den Heimatbegriff generell skeptisch, umso mehr in der Kulturpolitik. Es gehe dabei oft um Ausschluss und nicht um Zugehörigkeit. Als Beleg führt sie u. a. das wütende Buch „Eure Heimat ist unser Albtraum“ an, herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah. Vierzehn AutorInnen schreiben darin kritisch über persönlichen Erlebnisse und Beziehungen zur „Heimat Deutschland“ und die immer wiederkehrende Frage: „Wann geht’s zurück in die Heimat?“, obwohl ihre Heimat doch nachweislich Deutschland sei. Statt über HEIMATen zu diskutieren, forderte Ayata daher, gegen mangelnde Pluralisierung kulturpolitischer Einrichtungen anzugehen.

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Heimat als Sehnsuchtsort

Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a.D., beginnt seine überaus positive Interpretation von Heimat mit Zitaten des Filmregisseurs Wim Wenders: „Heimatgefühle, Heimatfilm, Heimatliebe, Heimatschutz … Jetzt auch noch ein „Heimatminister“! Ojemine!“ Und dennoch, so Wenders, Heimat sei ein Wort, das man gegen all die verteidigen muss, die damit Schindluder getrieben haben. Oder noch tun. Als Argument dafür, dass Heimat allen Bürgern in Deutschland wichtig sei, führte Thierse eine Allensbach-Studie an, nach der Heimatverbundenheit in allen Parteilagern gleich verteilt sei. „Ängste sind soziale und politische Realitäten, auf die wir reagieren müssen“, so Thierse. Dies nutze die AfD aus. Deutschland sei in zwei Zivilgesellschaften geteilt. Das hoheitliche Ringen um den Heimatbegriff sei eine „Reaktion auf die Enteignung der Lebenswelten“ (Oskar Negt). Soziologisch betrachtet sei jeder sozial Entwurzelte in gewisser Weise heimatlos. Zeitgemäße Heimatpolitik, so Thierse, müsse Leerstellen für die Gestaltung des sozialen Lebens lassen und all denen Freiraum geben, die heimisch werden wollen. Dafür stünden in unserer Gesellschaft viele „Räume von Gemeinschaftlichkeit“ zur Verfügung: Vereine, Verbände, das Ehrenamt und auch soziale Netzwerke.

Heimat inklusiv verstanden

In die anschließende Diskussion, moderiert von Vladimir Balzer, brachten sich zusätzlich Schriftstellerin Thea Dorn und der Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby ein, der auch als Präsidiumsmitglied im Bund Heimat und Umwelt in Deutschland e.V. (BHU) sprach, bekräftigte Ayata ihre Position, man solle den Heimatbegriff nur privat und nicht im politischen Zusammenhang verwenden, es sei ein „irrationaler Begriff, der die politische Diskussion in die falsche Richtung führt.“ Mit dieser Position war sie auf dem Podium allein. Trotz rassistischer Anfeindungen fühle er sich in Halle seit vielen Jahren heimisch, so Diaby, und knüpfe dies vor allem an seine Frau, Kinder und Freunde. Er warb dafür, Heimat positiv zu besetzen, indem der Begriff inklusiv gedeutet und mit Leben gefüllt werde. Kommunen seien die Heimat der Menschen. Thea Dorn warb um Toleranz, bei Zugezogenen und Neubürgern (woher auch immer) keine Assimilation einzufordern, sondern den Anderen so sein zu lassen, wir er ist.

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Es gab auch Konsens auf dem Podium: Kulturpolitik müsse zum Gespräch einladen und Angebote zur Teilhabe schaffen, damit Menschen sich wiederfinden und identifizieren können. Eine Kongressbesucherin aus dem Publikum berichtete daraufhin von einer entsprechenden Anfrage an das Heimat- und Innenministerium – mit ihrer Erkenntnis, dass es dort keine Schnittmengen zur interkulturellen Arbeit gäbe. Enttäuschung herrsche auch darüber, dass Ausgrenzung und Rassismus im Alltag zu wenig diskutiert werde. Fazit: Wer Hindernisse im Alltag empfindet, sieht den Heimatbegriff kritisch.

Wem dient Heimat in der Postmoderne?

Ist Heimat nun ein Kampfbegriff von Populisten oder eine kulturelle Ressource der offenen Gesellschaft? Dazu hielt Dirk Baecker eine Keynote, Professor für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke. Er referierte über Wechselspiele zwischen „group und grid“ (Gruppe und Netzwerk), Heimat und Fremde und die Frage, wie mit Gruppen mit einem Menschen umgeht, der das Netzwerk verlässt und in der Fremde nach neuen Impulsen sucht. Darf dieser Mensch zurückkehren oder nicht? Ist die Ursprungsgruppe offen für das, was der Zurückgekehrte aus der Fremde an Erkenntnissen und neuen Impulsen mitbringt? Wie wir uns für und gegen Netzwerke entscheiden, hat Auswirkungen auf Zugehörigkeit und Zuordnung, so Baecker.

Das Soziale und das Globale

Anschließend diskutierte Moderator Peter Grabowski in einer Podiumsrunde über diese Fragen: Welche Rolle spielt der „Sand unter den Sohlen“, die soziale Herkunft, für das eigene Heimatgefühl? Welchen sozialen Prozessen bin ich dabei ausgesetzt. Wie lassen sich Differenzen überwinden? Wie versucht Kulturpolitik hier zu intervenieren? Cornelia Koppetsch, Professorin für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt,  sieht Heimat als Möglichkeit der individuellen Aneignung kritisch: „Das klappt in bildungsbürgerlichen Gruppen, aber nicht in den abgehängten Gruppen … Wir können den Heimatbegriff nicht einfach so formen. Wenn Wahlbindungen nicht mehr funktionieren, werde ich auf meine Ursprungsheimat zurückgeworfen.“ Beate Mitzscherlich, Professorin für Pflegeforschung an der Westsächsischen Hochschule Zwickau, hat sich mit psychologischen Aspekten befasst, u. a. ist sie in der „Heimatpflege für alte Menschen“ aktiv: „Heimat ist etwas, was ich mache.“

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Regina Römhild, Professorin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin, sieht Widersprüche zwischen Heimat und Globalisierung. Verschiedene Gruppen in Europa verwenden unterschiedliche Heimatkonstrukte – je nach transnationalen Verflechtungen, Grenzziehungsprozessen, Alltagskulturen. Daher gäbe es „multiple Heimaten“: „Die moderne Gesellschaft ist immer geopolitisch verankert. Im Nationalstaat beanspruchen Gruppen die Heimat für sich, aber es gäbe jetzt eine Gegenbewegung seitens subkultureller Akteure“, so Römhild. Tobias J. Knoblich, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V., berichtet über Fremdheitserfahrungen in der DDR nach der Wende. Das übermächtige Eindringen von Entscheidungskräften aus dem Westen wurde von den Bürgern der ehemaligen DDR „als Kolonialisierung begriffen. Die neuen Vorgesetzten sprachen eine andere Sprache. Die neue Funktionselite produzierte Fremde in der eigenen Heimat“, so Knoblich.

Heimat: Politisch oder privat?

Das vorweggenommene Fazit des Kongresses kam aus dem Publikum: „Heimat funktioniert offenbar nicht als politisches Großkonstrukt, sondern lediglich als individuelles, regionales und privates Modell.“

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Probleme mit dem Kulturbegriff

Es mag an der Unschärfe des Kulturbegriffes liegen, dass laut ZEIT-Vermächtnisstudie nicht mal die Hälfte der befragten Bürger Heimat mit Kultur verbindet. Die meisten denken an Hochkultur, weniger an unser Zusammenleben, also nicht an das, was uns als Alltagskultur umgibt, z. B. unser Genossenschaftswesen, unsere Brot- und Gartenkultur, der Rheinische Karneval ebenso wie der jüngere interkulturelle „Karneval der Kulturen“, das Singen und Tanzen, plattdeutsch, friesisch und sorbisch, all das – was die UNESCO als immaterielles Kulturerbe bezeichnet. Dazu gehört übrigens auch Poetry-Slam: Slam-Poet Jean-Philippe Kindler näherte sich mit einer wortakrobatischen Darbietung dem Thema Heimat inspirierend und humorvoll.

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Macht Kultur Heimaten?

Als hätte die Kulturpolitische Gesellschaft bei der Ankündigung ihrer Jahrestagung die Ergebnisse der ZEIT-Vermächtnisstudie schon gekannt, hat sie dem Motto ihres 10. Bundeskongresses ein Fragezeichen angefügt: KULTUR.MACHT.HEIMATen WIRKLICH? – zumindest im 3. Panel am ersten Kongresstag. Vladmir Balzer diskutierte darüber mit Akteuren aus der „praktischen Heimatarbeit“. Ein Film der Projektleiterin für Recherche und Konzeption im Lenzburger Stapferhaus in der Schweiz, Sonja Enz, bestätigte, wie persönlich und verschieden Assoziationen zur Heimat sind. Im Riesenrad auf einer Kirmes berichten Menschen aus der Schweiz und aus vielen anderen Ländern, dass Heimat für sie Freunde, Familie, bestimmte  Gerüche, spezielles Essen, Natur, Umwelt und Musik bedeuten.

Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation und Programmleiter im Oderbruchmuseum Altraft in Bad Freienwalde, berichtete über Selbstbeschreibungen seiner Region in verschiedenen Formaten: 50-100 Interviews mit Bewohnern pro Jahr über die eigenen Identität, aus denen sich Führungen der Akteure zu besonderen Orten in der Region ergeben könnten. Als Ergebnis kann auch ein Theaterstück entstehen, wie „Die kluge Bauerntochter“. Es gibt den Bauern der Region eine Stimme und einen künstlerischen Raum. Der leidgeprüfte Bauer sagt z. B. auf der Bühne: „Brot wäre viel teurer ohne Gyphosat, ich habe keinen Urlaub, bei mir geht es 24 Stunden durch.“ Probleme werden durch das Theater gespiegelt.

Eleonora Hummel findet ihre Heimat in der deutschen Sprache, der russischen fühlt sie sich mittlerweile entfremdet. Sie stammt ursprünglich aus  Kasachstan, ihre Eltern sind Wolgadeutsche. Ausgehend von diesen Wurzeln schreibt sie ihren Roman Hummel ihren Roman Die Wandelbaren (erscheint im Herbst 2019) über das Deutsche Theater in Kasachstan, das 1949 erst zerstört und später an anderem Ort wieder aufgebaut wurde.

Für Mark Terkessidis ist Heimat polyphon! Mit seinem Heimatlieder-Projekt gibt er den jungen Leuten der zweiten migrantischen Generation eine Plattform. „Die neue Folklore ist nicht homogen, die Bandbreite ist enorm, je nach Kultur, Land oder Musiker“, sagt Terkessidis. Sie reicht von vietnamesischem Quanggo-Gesang über griechisch- byzantinische Gesänge, osmanische Kunstmusik bis zu kubanischer Folklore. All das wurde in Deutschland in einen neuen Kontext gebracht, wurde durch Remix in neue Formen überführt, erklärte Terkessidis.

 © www.graphicrecording.cool by Johanna Benz

Heimat-Reflexionen am Abend

In der Akademie der Künste präsentierten Musiker aus Vietnam, Kuba und Marokko sowie Terkessidis‘ Mitstreiter Jochen Kühling den KongressbesucherInnen einige musikalische Kostproben der „Heimatlieder aus Deutschland“. Zuvor gab eine szenische Lesung noch mal Stoff zur geistigen Auseinandersetzung. Die Autoren Georg Seeßlen und Markus Metz präsentierten ihr Hörstück „Der kritische Heimat-Abend“ in elf Kapiteln“, z. B. Heimat als Inszenierung, Heimat als Utopie, als Ort der Freiheit und Gerechtigkeit, als Besitz und Eroberung, als Trennung zwischen Heimatlichem und Fremdem.

 

Weitere Infos zum Thema

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken

 ©Andreas Hermsdorf, Pixelio.de 

Wer sind wir? Wie wollen wir leben. Und wie sehen wir unsere Heimat? Diese Fragen werden gegenwärtig wieder häufiger gestellt – nicht erst im Umfeld der bevorstehenden Jubiläumsjahre „30 Jahre Mauerfall“ und „30 Jahre Einheit“. 

Was denken Bürger?

Vermächtnis kommt von Vermachen. Neben der erbrechtlichen Auslegung geht es neben materiellen auch um ideelle Werte, die nach dem Tod hinterlassen bzw. übertragen werden sollen. Und so erkundet die Wochenzeitung DIE ZEIT in  ihrer aktuellen Vermächtnisstudie gemeinsam mit infas – dem Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bonn – sowie dem WBZ – dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: „Was wollen wir nachfolgenden Generationen gerne mit auf den Weg geben? Was ist uns wichtig?“

 © Juergen Jotzo, Pixelio.de 

Zuflucht bei Mitmenschen

Neben dem Befinden über unser Wir-Gefühl und unser Verhältnis zu Fortschritt (technisch und sozial) haben 200 Wissenschaftler in Deutschland 2070 Menschen für die Studie auch zum Thema Heimat befragt. 89 Prozent der Befragten ist Heimat wichtig, aber nur knapp die Hälfte definiert Heimat über Kultur. Wirkliche Heimat finden Menschen bei anderen Menschen, wo sie sich geborgen fühlen: 80 Prozent bei Familie und Lebenspartner, 68 Prozent bei Freunden und Bekannten.

Gegenentwurf zur Digitalisierung

Das Bekenntnis zur Heimat ist indirekt ein Lob auf den direkten „analogen“ Austausch zwischen Menschen. Das mehrheitliche Heimatverständnis ist auch als Reaktion auf die Digitalisierung zu verstehen, die viele Beziehungen im Familien- und Freundeskreis verändert hat. Wie oft dominiert das Handy gemeinsame Gespräche, Treffen, Abendessen…

 © Jens Bredehorn, Pixelio.de 

Heimat ist ein Gefühl

59 Prozent verbinden Heimat mit Deutschland, weniger als die Hälfte mit einer gemeinsamen Religion. Auch Deutsche mit Migrationshintergrund sehen das so und bestätigen die Mehrheitsmeinung: Heimat ist Geborgenheit.

Ganz Deutschland hat Sehnsucht nach Zusammenhalt. Statt Karriere und Aufstieg suchen die Deutschen nun mehr nach „Sinn und Solidarität“, wünschen sich mehr Zeit für Kinder, Freunde und Freizeit. Der Wunsch nach WIR und Geborgenheit ist übrigens noch größer bei Menschen, die sich vor Kriminalität, Terror und Ausländern fürchten und eine geringe Bildung haben.

Was Experten denken

Die Meinung von ExpertInnen zum Thema Heimat stand Ende Juni 2019 im Fokus – beim 10. Bundeskongress der Kulturpolitischen  Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen. Darüber berichte ich in den nächsten beiden Artikeln.:

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

 

Weiteres zum Thema

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

 

 

Das Hitzacker-Dorf und KUBA – gemeinsam, interkulturell, nachhaltig

 © MassivKreativ

Hauke Stichling-Pehlke ist vor knapp 30 Jahren ins Wendland gekommen. Ein ehemaliger Großstädter, der sich bewusst für das ländliche Leben in Hitzacker entschieden hat. Sein Studium hat er wegen der eigenen Ungeduld nicht beendet. Er wollte nicht länger Theorien entwickeln, sondern Projekte rasch in die Tat umsetzen. In Hamburg-Wilhelmsburg hat er im zeitlichen Umfeld der Internationalen Bauausstellung IBA ein interkulturelles Seniorenheim gebaut. Seit Winter 2011 können im Veringeck deutsche und türkische Senioren können in Wilhelmsburg gemeinsam unter einem Dach ihren Lebensabend verbringen.

Zukunftsdorf in Hitzacker

Auf diese Erfahrungen baut sein aktuelles Projekt auf. Im Wendland soll ein neues interkulturelles und altersgemischtes Mehrgenerationendorf entstehen: das Hitzacker-Dorf. Am ersten Haus wird gerade gebaut (Sommer 2018). Im Interview betont Hauke Stichling-Pehlke: „Das Hitzacker-Dorf ist kein fertiges Produkt. Es ist eine Idee, die von allen gemeinsam entwickelt und stetig  auch weiterentwickelt werden soll.“

 © MassivKreativ: Hauke Stichling-Pehlke

Verantwortung übernehmen

Um das Hitzacker-Dorf von der Idee in die Tat umzusetzen, gibt es verschiedene Arbeitsgruppen, z. B. für den Bau und die Dorfplanung (Bau), für Büro und Öffentlichkeitsarbeit, für Interkulturelles, Gemeinschaftsbildung und das Gemeinschaftshaus, für Mobilität, Stoffkreisläufe und Solidarität, für Nahrung und Küche, für Kinderbetreuung und Garten, für Finanzen und Fundraising, für Datennetz, IT und Gewerbe.

 © MassivKreativ

Wohnen und Arbeiten

Dabei haben die Akteure auch das wohnortnahe Arbeiten im Blick: Coworking für StartUps, ein Gesundheitszentrum und ein kleines Gewerbegebiet sind geplant. Es wurden basisdemokratische Strukturen mit Vorstand und Aufsichtsrat geschaffen. Einmal pro Woche tagt das Plenum für kleine Entscheidungen, große Themen werden in der Generalversammlung diskutiert. Wie wird z. B. das Thema Nachhaltigkeit im Hitzacker-Dorf umgesetzt? Wie wird Mobilität im Alltag gelebt, was können Carsharing und E-Autos leisten.

 © Kurt F. Domnik, pixelio.de

Um die Kosten überschaubar zu halten, werden ausschließlich Mehrfamilienhäuser nach einem Modulsystem gebaut. Pehlke macht auf Nachfrage folgende Beispielrechung auf: Eine vierköpfige Familie erwirbt für den Bau einer 90qm großen Wohnung Genossenschaftsanteile in Höhe von 20.000 € und zahlt nach Fertigstellung des Baus eine Kaltmiete von knapp 6 € pro qm. 12 Häuser sind im Sommer 2018 durchfinanziert, Verträge mit der GLS-Bank geschlossen. Der Bau des ersten Hauses ist gerade gestartet.

 © MassivKreativ

Überraschende Siedlungsgeschichte

Bei der Erschließung des Baugrundes wurden archäologische Fundstellen freigelegt und ergaben, dass die Region schon etwa 300 Jahre vuZ besiedelt wurde. Ein Brennofen, der in einem Meter Tiefe gefunden wurde, lässt darauf schließen, dass die damaligen Bewohner mit der Verhüttung von Raseneisenstein Erz gewonnen und veredelt haben. So wird die Siedlungsgeschichte stetig weiter geschrieben.

 © MassivKreativ

Kulturbahnhof 

Im zweiten Teil des Interviews berichtet Hauke Stichling-Pehlke über den ehemaligen Bahnhof in Hitzacker, der heute KUBA – Kulturbahnhof heißt. Im April 2014 ersteigerte der frisch gegründete Bürgerverein den 174 erbauten Backstein-Bahnhof für 32.000 €. Heute ist KUBA ein Kulturzentrum, das von vielen Künstlern, Kreativen und lokalen Gruppen genutzt wird. Der Verein koordiniert die vielfältigen Aktivitäten und hat derzeit etwa 80 Mitglieder. Auch Jugendliche brüten immer wieder Ideen für KUBA aus, u. a. die Kulturaktie, um den Verein zu unterstützen.

 © MassivKreativ

Hauke Stichling-Pehlke ist optimistisch: Sowohl KUBA als auch das Hitzacker-Dorf zeigen, das sich die Bürger gerne sinnstiftend engagieren und zivilgesellschaftlich Verantwortung übernehmen. Damit zeigen sie Wege auf, wie es zukünftig im Wendland weitergehen kann – mit sozialen Innovationen.

PODCAST-INTERVIEW mit Hauke Stichling-Pehlke

Das Hitzacker-Dorf und KUBA – gemeinsam, interkulturell, nachhaltig

Handwerk, Kunst, Kultur und Widerstand – das Wendland

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Michael Seelig hat im Wendland vieles initiiert, bewegt und vorangebracht. In den 70er Jahren gründete er in Waddeweitz auf einem Resthof den Werkhof Kukate. Gemeinsam mit anderen Akteuren hat er die Kulturelle Landpartie auf den Weg gebracht und sie von Beginn an mitgestaltet. Außerdem ist Seelig Vorstand der Grünen Werkstatt Wendland, ein Kreativ- und Ideenlabor, das soziale Innovationen in der Region vorantreibt.

 © MassivKreativ: Michael Seelig

Weben und Wissen

Michael Seelig erzählt im Interview von den Anfängen seines Werkhofes Kukate, einer fast 200 Jahre alten Hofstelle mit einem Vierständer-Fachwerkhaus und mehreren Nebengebäuden. Er berichtet, wie er das Konzept für das gemeinsame handwerkliche Schaffen mit seiner Frau Inge über die Jahre weiterentwickelt hat. Ihr Schwerpunkt ist das Handweben. In einigen Ländern gehört dieses besondere Handwerk bereits zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Seit 1990 organisiert Inge Seelig in Kukate die Weberklassen als nebenberufliche Ausbildung. Nach 4 Jahren können die TeilnehmerInnen sie mit der Gesellenprüfung abschließen. Auch die Zeitschrift weben+ wird von Inge Seelig herausgegeben. Sie die einzige deutschsprachige Fachzeitschrift für das Handweben.

 © weben+

Werkhof Kukate

In Kukate treffen sich Gleichgesinnte, die eine große Liebe und Begeisterung für das Handwerk teilen. Abseits vom Alltagstreiben können sie sich einer künstlerischen oder handwerklichen Tätigkeit widmen und auch über Nacht bleiben. Kukate beherbergt neben der Webwerkstatt auch eine Töpferei, eine Goldschmiede, eine Tischlerwerkstatt sowie mehrere Räume, die nach Bedarf gestaltet und genutzt werden können.

 © Petra Bork, pixelio.de

Gemeinschaftserlebnis Handwerk

Eine große Gemeinschaftsküche bietet die Möglichkeit der Selbstverpflegung, auch das schmiedet die Gäste des Werkhofes immer wieder aufs Neue zusammen. Nach getaner Arbeit treffen sich die Kreativen zum Essen und Austausch in einem Aufenthaltsraum im Werkstattgebäude oder in der großen Diele mit offenem Kamin. Bei schönem Wetter tauschen sich die Gäste draußen aus – auf einem mit Kopfstein gepflasterten Hof unter alten Kastanienbäumen.

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Die Kulturelle Landpartie

Im zweiten Teil des Interviews erzählt Michael Seelig darüber, wie 1990 die „Wunde.r.punkte“ im Wendland entstanden und wie sich die Kulturelle Landpartie (KLP) über die Jahre stetig weiterentwickelt hat. Jedes Jahr zwischen Himmelfahrt und Pfingsten öffnen die Bewohner im Wendland in über 90 Dörfern ihre Höfe, Häuser und Gärten und laden zu Ausstellungen und Veranstaltungen ein – in den Bereichen Kunst und Kunsthandwerk, Musik, Klangkunst  und Theater, Ökologie und Nachhaltigkeit, Politik und Kabarett, Performance und Tanz, Vorträge, Lesungen und Führungen. Über 800 Künstler sind daran beteiligt.

Widerstand als Keimzelle

Die Wurzeln der Kulturellen Landpartie liegen im politischen Widerstand gegen das Atommüll-Lager Gorleben. Das gelbe X, das Zeichen des Wiederstandes, wurde weit über die Grenzen des Wendlandes hinaus zum Symbol. Zur 30. Kulturellen Landpartie vom 30. Mai bis 10. Juni 2019 lassen sich KünstlerInnen und Kreative wieder in ihren Ateliers und Werkstätten über die Schulter schauen.

 © Michael Seelig mit dem Spiel Super-GAUdi, Foto: MassivKreativ

Podcast-Interview mit Michael Seelig

Handwerk, Kunst, Kultur und Widerstand – die Kulturelle Landpartie im Wendland

Nackte Zahlen: Welche Schlagkraft hat Kultur versus Sport?

 © MassivKreativ

Über die qualitative Wirkung von Kultur haben Experten und Akteure viel geschrieben. Unzählige Studien* haben bewiesen, wie wichtig und nachhaltig Kultur auf die Persönlichkeitsbildung sowohl bei Kindern wirkt und ebenso auf die Potentialentfaltung bei Jugendlichen und Erwachsenen. Inzwischen beweisen selbst nackte Zahlen eindeutig: Kultur hat Schlagkraft und gesellschaftliche Relevanz, auch in ökonomischer Hinsicht.

Kultur bringt Wohlstand

2015 hat das Münchner ifo Institut für Wirtschaftsforschung dargelegt, dass sich im Umfeld von Opernhäusern mehr hochqualifizierte Arbeitnehmer ansiedeln als an Standorten ohne eine vergleichbare Kulturinstitution. Und nicht nur Eliten profitieren, stellte ifo fest: Übertragungseffekte erhöhen auch das Einkommensniveau insgesamt, wirken „positiv auf die Produktivität und damit das nominale Lohnniveau von ungelernten, qualifizierten und hochqualifizierten Arbeitnehmern.“

Kultur und Sport gleich auf

Dass Sport und vor allem Fußball in Deutschland die Massen begeistert, ist allgegenwärtig. Verschiedene statistische Erhebungen kommen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis, dass Kultur und Sport in der Gunst der Deutschen gleichauf liegen. Je nachdem, welche Statistiken man heranzieht und was man miteinander vergleicht: Mal hat der Sport und mal die Kultur die Nase vorn. Beide Lebenswelten zu Gegenspielern oder gar Konkurrenten zu erklären, ist wenig sinnvoll. Zumal es in der Kultursparte Musik „einige Datenlücken“ gibt, wie Statistische Bundesamt feststellt (S. 84f).

Gremien und Verbände sollten eher eine gemeinsame Studie in Auftrag geben, inwiefern Sport und Kultur sich gegenseitig befruchten. Die gewonnenen Erkenntnisse könnten genutzt werden, um neue Akteurefür den jeweils anderen Bereich zu gewinnen. Denn: Viele meiner Freunde und Bekannten oder deren Kinder sind sowohl sportlich als auch kulturell aktiv sind, so wie ich auch. So wie schon die Römer wussten: „Mens sana in corpore sano“ – „ein gesunder Geist (lebt) in einem gesunden Körper“. 

 © Christina Schmid, Pixelio.de 

Museum und Fußball

Verschiedene Rahmenbedingungen und Erhebungsverfahren erschweren es, die Zahlen gegeneinander aufzurechnen. Ein Vergleich lohnt dennoch: 

114 Millionen Deutsche besuchen jährlich eines der 5.000 Museen in Deutschland laut Spartenbericht Museen

19 Millionen Deutsche erleben in einem von 36 Profi-Stadien in Deutschland ein Fußballspiel live. Insgesamt gibt es etwa 108 Stadien mit mehr als 15.000 Plätzen.

 © Claudia Hautumm, Pixelio.de 

Fußball und Musik

Ein Vergleich von Besucherzahlen zwischen Profis der 1. Bundesliga und von beruflich betriebenen Konzerten der Deutschen Musik-, Theater- und Orchesterlandschaft bringt folgende Erkenntnis:

Rund 12,7 Millionen Fans besuchten laut DFB Spiele der ersten Bundesliga in der Saison 2016/17, in der 2. Liga waren es 6,6 Millionen, 1. und 2. Bundeliga zusammen: 19,3 Mill.

Über 18,2 Millionen Menschen besuchten in einer Saison Klassikkonzerte in Deutschland, wie das Statistische Bundesamt 2017 in seinen Spartenbericht Musik bilanzierte bzw. der Deutsche Orchesterverein DOV ausgerechnet hat (Quelle: Tagesspiegel

Der Deutsche Bühnenverein e. V. erhebt jährlich Daten von 142 öffentlichen Theatern, 130 Orchestern (inkl. der Rundfunkorchester), 225 Privattheatern sowie 76 Festspielen. Verbindet man alle Zahlen, setzte sich das Klassik-Publikum demnach folgendermaßen zusammen:

  1. 5,2 Mio. Menschen besuchten Klassikkonzerte der öffentlich finanzierten Orchester und Rundfunkklangkörper
  2. 5,4 Mio. Menschen hörten klassische Konzerte bei über 200 Musikfestivals im Klassiksegment, d. h. Konzert, Oper/Operette, Kirchenmusik. Insgesamt besuchten 32 Mio. Menschen über 500 Musikfestivals aller Stile und Sparten.
  3. 7,6 Mio. Besucher erlebten laut Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins eine Vorstellung aus Oper, Operette, Tanz und Musical in den Stadt- und Staatstheatern.

Musik und Fußball sind beim Live-Publikum gleichauf, wenn man berücksichtigt, dass beim Fußball Daten ab dritten Liga abwärts fehlen, ebenso wie bei der Sparte Musik Besucherzahlen für die unzählige Laienkonzerte in Kirchen, für die vielen musikpädagogischen Veranstaltungen in privaten und öffentlichen Musikschulen, Hochschulen und Universitäten sowie die Aufführungen von Projektorchestern gar nicht erhoben werden.

 © Kurt Michel, Pixelio.de 

Aktiv in Sport und Kultur

So viel zum Konsum. Auch bei der aktiven Beschäftigung der Bundesbürger sind Kultur und Sport gleichauf: Rund 9,5 Millionen Menschen, das sind etwa 13,5 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren, sollen regelmäßig in ihrer Freizeit beim instrumentalen Laienmusizieren aktiv sein, so die Ergebnisse der Verbrauchs- und Medienanalyse VuMA, die 2014 im Auftrag von ARD und ZDF beauftragt wurde. Andere Untersuchungen, wie die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA), der Freizeit-Monitor der Stiftung für Zukunftsfragen und die Gesellschaft für Konsumforschung GfK kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Laut Musikinformationszentrum MIZ gab es 2013/14 rund 3,7 Millionen aktive und fördernde Mitglieder in den Instrumental- und Chorverbänden. Aktivitäten von Laien im Bereich Kunst, Tanz, Theater, Fotografie, Film wurden statistisch bisher nicht professionell erforscht.

 © Stefanie Hofschlaeger, Pixelio.de 

Vereine

Fast jeder zweite Bundesbürger ist Mitglied in einem von mehr als 600.000 Vereinen in Deutschland. Das hat der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft herausgefunden, der regelmäßig „Zivilgesellschaft in Zahlen“ erforscht und den ZiviZ-Survey 2017 in Auftrag gegeben hat. Es ist die einzige repräsentative Befragung von 6.300 gemeinnützige Organisationen, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Bertelsmann Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung Mercator. Laut Studie beschäftigen sich zwei von drei Vereinen mit Sport, Kultur oder Freizeit.

Mit 91.000 Turn- und Sportvereinen ist der Bereich Sport mit etwa 22 Prozent der größte Organisationsbereich, knapp gefolgt vom Bereich Kultur und Bildung mit von 21,7 Prozent, hier sind Menschen in mehr als 130.000 Fördervereinen aktiv. Was Zivis ebenfalls herausfand: Je größer die Vereinsdichte umso größer sind auch der materielle Wohlstand und der Sozialindex in der Region.    

Fußballbund versus Musikrat

Der Deutsche Fußball-Bund DFB hat seit der Spielzeit 2016/2017 erstmals mehr als 7 Millionen Mitglieder. Doppelt so viele Menschen, nämlich 14 Millionen, verbindet der Deutsche Musikrat unter seinem Dach, ordentliche, beratende, fördernde und Ehrenmitglieder eingeschlossen.

Zum Vergleich: Die Gesamtmitgliederzahl aller deutschen Sportvereine lag im Jahr 2017 bei 23,8 Millionen. Organisiert wird der Sport in Deutschland in rund Laut Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände e.V. und Musikinformationszentrum MIZ gibt es in Deutschland 13.500 Musikvereine.

Widerspruch

2014 hat die Deutsche UNESCO-Kommission die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft auf die Liste des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO gesetzt, jetzt wird sie auch für die internationale UNESCO-Liste nominiert. Über die Aufnahme soll im Winter 2019 entschieden werden. Denn: Deutschland verfügt über die weltweit höchste Theaterdichte und eine der höchsten Orchesterdichten weltweit. Noch! Gerald Mertes, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung DOV, sieht die aktuelle Situation der Theater- und Orchesterlandschaft kritisch: „Gleichzeitig schrumpft dieser Schatz weiter. Dieser Widerspruch ist den Musikern und der Öffentlichkeit nicht vermittelbar. Viele Kollegen verzichten für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze immer noch auf einen Teil der ganz normalen Tarifbezahlung. Lohnverzicht ist aber keine Dauerlösung. Deshalb muss diese Lücke geschlossen werden.“ (Quelle: DOV)

Fußball trifft Kultur

Vor 10 Jahren hat die Litcam, die gemeinnützige Frankfurt Book Fair Literacy Campaign, die Initiative Fußball trifft Kultur ins Leben gerufen. Die DFL Stiftung ist seit 2012 bundesweite Kooperationspartnerin. Sie unterstützt das Projekt finanziell und beratend. Kernidee des Projektes: die Kombination aus Fußballtraining, Förderunterricht und kulturellen Aktivitäten. Es soll das soziale und kommunikative Verhalten der Kinder verbessern, ihre Motivation zum Lernen stärken und Interesse für kulturelle Themen. Neben Stadionbesuchen erleben die Kinder Ausflüge in Museen, Lesungen und Themenworkshops. Inzwischen gibt es 21 Projektgruppen an 14 Standorten, u. a. in Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Frankfurt, Gelsenkirchen, Hamburg, Herne, Mainz, Neuötting, Nürnberg, Stuttgart und Würzburg, zuletzt entstand ein neuer Standort in Köln. Das Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet.

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Quellen und Statistische Erhebungen:

Spartenbericht Museen, Bibliotheken und Archive (2017)

Spartenbericht Musikfestivals und Musikfestspiele in Deutschland (2017)

Spartenbericht Musik (2016)

ifo-Studie: CESifo Working Paper No. 5183 von Oliver Falck, Michael Fritsch, Stephan Heblich und Anne Otto: Music in the Air: Estimating the Social Return to Cultural Amenities (2015)

 

* Studien zur Wirkungsweise von Kultur:

Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen, Rat kulturelle Bildung (2017)

Kunst und Gut, Publikation Arbeitskreis niedersächsischer Kulturverbände (akku) Hannover (2016)

Bildungsprozesse in Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Projekten (2015-2017): Die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Bildungsprozesse in der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit (JuArt)“ der Universitäten Kassel und Marburg zeigen, dass kulturpädagogische Angebote nicht nur künstlerische Fähigkeiten vermitteln, sondern ebenso das soziale Selbstkonzept der befragten Kinder und Jugendlichen stärken und positiven Einfluss auf die Selbstwahrnehmung und auf Reflexions- und Kritikfähigkeit haben.

Kultur wirkt, mit Evaluation Außenbeziehungen nachhaltiger gestalten, Goethe-Institut (2016)

Warum sich Kultur nur im Plural denken lässt und wir in einer kulturellen Krise stecken

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Ich freue mich über ein Gastinterview der Journalistin Stefanie Hermann mit dem Wissenschafts- und Kulturforscher Prof. Peter Finke über die Folgen kultureller Verarmung. Ihren jeweiligen Hintergrund und ihr persönliches Engagement möchte ich kurz vorstellen:

Peter Finke engagiert sich seit vielen Jahren für Amateurforschung und Bürgerwissenschaften. Er kritisiert, die Berufswissenschaftler würden den Amateuren nicht auf Augenhöhe begegnen. Das Elite-Basis-Denken stamme – ebenso wie der Begriff Citizen Science – aus der englischsprachigen Profiwissenschaft, die Amateure zu kostenlosen Datensammlern und Zuarbeitern degradiere. Finke war Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld.

Auch der Journalistin Stefanie Hermann liegt die Amateurwissenschaft am Herzen. Für die Aufsatzsammlung „Freie Bürger, freie Forschung: die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm“ – herausgegeben von Peter Finke – schrieb sie den Beitrag: „Wie ich mir meine
Zukunft vorstelle“. Darin berichtet sie von ihrem selbst gewählten Kompromiss, als Amateurwissenschafterin an frei gewählten Themen zu forschen anstelle einer universitären Karriere nachzugehen – mit vielen inhaltlichen, methodischen, organisatorischen und formalen Zwängen.  

  © MassivKreativ

Kulturelle Krise

Frage: Herr Finke, Sie haben in Berlin einen vielbeachteten Vortrag unter dem Titel „Die kulturelle Krise, in der wir stecken“ gehalten. Was meinen Sie damit?

PF: Darf ich erst einmal sagen, wen ich mit „wir“ meine? Ich meine nämlich nicht nur die Deutschen oder die Europäer, sondern in gewisser Weise die ganze jetzt lebende Menschheit, teils als Handelnde, teils als Betroffene. Insbesondere den aktiven Teil, der heute den Gang der Dinge auf der Erde bestimmt.

Frage: Ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen? Wie ist das zu verstehen?

PF: Es geht um etwas ganz Grundsätzliches. Nach der Evolution der Natur, die auf diesem Erdball zu einer ungeheuren natürlichen Vielfalt geführt hat, hat uns die kulturelle Evolution eine neue Vielfalt hinterlassen, die Vielfalt der Sprachen und Kulturen. Man könnte sagen: Kultur kann man eigentlich nur im Plural denken, den Reichtum der kulturellen Vielfalt. Aber was erleben wir jetzt? Wie im Falle der natürlichen Vielfalt wieder das Gleiche: eine einzigartige Vielfaltsvernichtung. Dass wir dies nicht selber schlimm finden, auch nicht nur zulassen, sondern aktiv betreiben: Darin besteht die kulturelle Krise, in der die heutigen Menschen feststecken. Denn es ist eine Riesendummheit, derer wir uns offenbar nicht bewusst sind.

Vernichtung von Vielfalt?

Frage: Aber wir erleben doch eine Epoche der Globalisierung. Alle Kulturen der Erde stehen in freiem Informationsaustausch miteinander in Verbindung. Das Internet bringt uns die Welt in Haus. Wo wird da Vielfalt vernichtet?

PF: Schön wär’s. Was da „Globalisierung“ genannt wird, ist das Ideal, mit dem wir hausieren gehen. Die Realität sieht ganz anders aus. Nämlich so, dass es starke und schwache Kulturen gibt, was nicht verwunderlich, sondern normal ist. Aber daraus folgt eher, dass die stärkeren auf die schwächeren Rücksicht nehmen und ihnen ihre Chancen lassen müssten und nicht das, was heute passiert: ein kulturelles „survival of the fittest“. Das Ergebnis ist, dass wir genau genommen heute nur noch eine starke Leitkultur haben, die ökonomisch definiert ist und die alle anderen platt zu machen versucht.

 © Michael Ottersbach, pixelio.de

Leitkultur: Wall Street?

Frage: Können Sie diese Leitkultur näher beschreiben? Wie äußert sie sich, wer vertritt sie?

PF: Ich rede von „Western Civilization“ oder – wie ich sie lieber nenne – „unserer Wall-Street-Kultur“. Wir vertreten sie und sie äußert sich darin, dass sie nicht mehr einer Vielzahl von Werten und Zielen folgt, sondern im Grund nur einem einzigen: einer ökonomischen Sicht auf die Welt. Alles wird einer ökonomischen Bewertung unterzogen. Und was keinen ökonomischen Wert hat (oder zu haben scheint), ist nichts wert und kann im Grunde entsorgt werden. Es ist ja anscheinend zu nichts nütze.

Frage: Also zum Beispiel die Artenvielfalt, die Biodiversität?

PF: Ja, aber zum Beispiel auch die Sprachenvielfalt. Wozu über 6000 Sprachen, wenn im Internetzeitalter Englisch scheinbar völlig ausreicht. Wem seine Karriere lieb ist, der kommuniziert am besten gleich englisch, ob in den Medien, in der Politik, in der Wirtschaft, überall. Selbst in der Wissenschaft: Warum brauchen wir noch eine Vielfalt an Sprachen, wenn Englisch zur Kommunikation genügt? Warum brauchen wir verschiedene Hochschulsysteme, wenn man alles effizient und einheitlich nach dem Bachelor-Master-Prinzip organisieren kann? In einer solchen Situation schlägt die Bildungsökonomie zu und dekretiert: So geht es am besten, also machen wir es überall so. Oder denken Sie an die vielen regional-kulturellen Märkte, die auf den jeweiligen lokal-kulturellen  Bedarf abgestimmt waren. Sie werden immer mehr durch einen erdweiten Einheitsmarkt mit den Produkten ersetzt, die angeblich alle brauchen. 

Augenhöhe

Frage: Sind Sie gegen die Globalisierung? Und warum sagen Sie „erdweit“ und nicht „weltweit“?

PF: „Erdweit“ sage ich, weil es ehrlicher ist. Die Welt ist weit mehr als die Erde. Aber die Erde ist bisher unser einziger Lebensraum. Wir sollten durch unser Reden nicht so tun, als hätten wir sie nicht mehr nötig. Und selbstverständlich bin ich nicht gegen Globalisierung. Aber was wäre denn das? Es wäre ein erdumspannender Austausch von Informationen, Menschen, ihren Ideen und Gütern, ein kreuz und quer über den Erdball verlaufendes Geflecht des allseitigen Verkehrs, des Lernens und Handelns, an dem alle Kulturen auf Augenhöhe teilhaben könnten, auch die von der Bevölkerungszahl her gesehen kleinen und mittleren. Aktivrolle und Passivrolle, Senden und Empfangen, Geben und Nehmen, kaufen und verkaufen, lehren und lernen müssten bei einer wirklichen Globalisierung ungefähr gleichverteilt sein. Doch das, was wir haben, ist dies nicht, sondern es ist eine sehr einseitige Veranstaltung zum Nutzen der großen Leitkultur, der unsrigen, so, wie  w i r  Nutzen verstehen: als ökonomischen Profit. 

Gefahr: Homo oeconomicus

Frage: Aber die westliche Zivilisation ist doch durch Errungenschaften wie die Ethik der Bergpredigt oder die Ideen der Aufklärung oder politisch die französische Revolution geprägt. Ist es nicht wirklich zu einseitig, sie nur pauschal als ökonomische Kultur zu interpretieren?

PF: Sie hat leider diese Entwicklung genommen. Was Sie nennen, das waren einmal mehrere kulturelle Traditionen, die verschiedene Wertvorstellungen entwickelt hatten, die dann zusammengewachsen sind: religiös-spirituelle, aufklärerisch-philosophische und politisch-soziale. Dazu sind noch weitere Einflüsse gekommen, die alle zusammen die ursprüngliche westliche Zivilisation bereichert haben, zum Beispiel künstlerische, handwerkliche oder romantische. Deshalb ist es ja so traurig, was daraus heute bei Lichte besehen geworden ist: eine unfreie, wertearme, zukunftsunfähige Jagd nach materiellem Besitz und Macht.

Frage: Kann man von einer Art Doppelzüngigkeit sprechen? Davon, dass wir von westlicher Zivilisation reden, aber ökonomischen Gewinn meinen?

PF: Ja, genau. Oder Reklame, so als sei Kultur eine Wettbewerbsveranstaltung: Wer kann sich am besten verkaufen? Es ist, als hielten wir Schilder hoch, auf denen vorn gut sichtbar steht: Bergpredigt! Aufklärung! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!, aber hinten steht, weniger gut sichtbar: Geld! Macht! Wachstum! Und auf einem steht vorn: Globalisierung! Wie schön! Alle sind beteiligt! Und hinten: Wir vor allem! Der Profit gehört uns!

Universalsprache Englisch: Fluch oder Segen?

Frage: Aber es gibt zum Beispiel die Wissenschaft, damit kennen Sie sich doch aus. Die bildet in der Forschung ein weltweites, pardon: erdweites Netz eng miteinander verwobener Ideen und Projekte aus. Dort ist eine wirkliche Globalisierung gegeben, oder etwa nicht?

PF: Ist sie nicht. Wer so blöd ist, seine Ideen zum Beispiel auf Deutsch und nicht gleich auf Englisch zu publizieren, wird international nicht mehr wahrgenommen. Aber Sprache ist mehr als Kommunikation. Sie ist davor noch Identitäts- und Begriffsbildung. Verschiedene Sprachen eröffnen unterschiedliche Zugänge zur Welt. Die Vorstellung einer wissenschaftlichen Einheitssprache wie sie der Münchner TU-Präsident Hermann geradezu voranpeitscht, ist genau so dumm wie eine Einheitskleidung, Einheitsessen oder eine Einheitspartei. Sie ist undemokratisch und irrational. Wissen ist auch sprachoffen, ein Geflecht aus Ideen, keine Sammlung von Dogmen.

Frage: Verbirgt sich hinter Ihrer Argumentation nicht ein Nationalismus? Warum klagen Sie  darüber, dass auf deutsch veröffentlichte Fachliteratur international nicht mehr echt wahrgenommen wird? Die Anglisierung ist doch eine ganz neue Entwicklung, die immerhin ein Bewusstsein der Internationalität verschafft. Ist das nicht gut?

PF: Nein, es ist falsch. Wer Wissenschaft nicht als Lehrbuchsammlung versteht, findet deutsch formulierte Dogmen genau so schlimm wie solche in anderen Sprachen. Ich fände es richtig, wenn sich möglichst viele verschiedene Sprachen, nicht nur solche der indoeuropäischen Sprachfamilie, zu Wissenschaftssprachen entwickeln dürften. Nur dann bekämen wir einen Eindruck von der Vielfalt der Sichtweisen auf die Welt und der Voreingenommenheit, mit der wir gewöhnlich herumlaufen.

Die Vorherrschaft der englischen Sprache verschafft nur den primitivsten Nationalisten einen schwachen Eindruck von Internationalität; in erster Linie dokumentiert sie die Macht des „american way of life“, der ökonomischen Führungsmacht der politischen Gegenwartsepoche. Sie könnte schneller zu Ende gehen, als vielen lieb wäre. Der dumme Trumpismus des „America first!“ kann jederzeit nach hinten losgehen.

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Effizienz auf Kosten von Qualität und Vielfalt

Neu ist diese Idee von Ökonomisierung der Kultur auch nicht. Der Mönch Wilhelm von Ockham hat bereits im Mittelalter auf Latein das Effizienzprinzip für die Wissenschaft verkündet: entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem; oder deutsch: Vielfalt brauchen wir nicht, wenn wir das Notwendige haben. Heute ist dies die beliebteste Wissenschaftstheorie überhaupt. Die Wissenschaft, die sich soviel auf ihre Rationalität und Offenheit zugute hält, macht den Vorreiter des ökonomischen Effizienzdenkens! Wir sehen: Schon im Mittelalter begann das enge Wirtschaftsdenken, das uns noch heute lähmt. Man könnte auch sagen: das Rationelle besiegte das Rationale. Trump verkörpert dies geradezu.

Immaterielle Werte

Frage: Warum nennen Sie eigentlich unsere ökonomisch beeinflusste Kultur „Wall-Street-Kultur“?

PF: Weil sie das Geld vergöttert. Eigentlich hatte die kulturelle Entwicklung zu einer großen Vielzahl von Werten geführt, die wir weiter hochhalten müssten: ethischen, ästhetischen, sozialen, organisatorischen, emotionalen, spirituellen, rationalen, eben einer kulturellen Wertevielfalt. Ja selbst die ökonomischen Werte allein waren einstmals vielgestaltig: unterschiedlichste Tauschwerte, nichtmonetärer Gewinn, Vor- und Nachteile vielerlei Art, wohlverstandenes Eigeninteresse, Nachbarschaftshilfe usw.

Heute ist davon in der Standardökonomie nur noch der geldwerte Gewinn übriggeblieben, alles andere gilt als ökonomischer Murks oder – noch schlimmer – alternative Ökonomie. Unsere Kultur ist zu einer armseligen monetären verkommen. Der geschasste Manager geht nicht für eine Abfindung von 30 Millionen, aber für 60 nimmt er seinen Hut. Das reicht ihm dann offenbar. Ehrlich gesagt: Mir auch.

Leerstelle Wirtschaftswissenschaft

Frage: Kann man da auch eine Kritik an den Wirtschaftswissenschaften heraushören? Die müssten doch am besten wissen, was Ökonomie ist?!

PF: Ja, diese Kritik dürfen Sie heraushören. Und richtig, die sollten es eigentlich am besten wissen; tun sie aber nicht. Die Wirtschaftswissenschaften haben einen Gutteil der schlimmen Entwicklung mitzuverantworten. Nehmen Sie nur den Arbeitsbegriff. Wieviel ist denn Hausarbeit wert? Kein Bruttoinlandsprodukt kann mit ihr etwas anfangen, denn es fließt in der Regel kein Geld. Da ist es wieder, das Geld. Geld als kulturell entscheidendes Kriterium: dass ich nicht lache!

Bei der Hausarbeit haben es vor allem die Frauen und Mütter auszubaden. Im Grund ist das ein Verstoß gegen unser Grundgesetz. Erst ganz langsam wachsen heute bei den Ökonomen neue Einsichten heran; sie meinen offenbar, sich diese Trägheit leisten zu können. Aber sie täuschen sich, mal wieder. Jetzt bekommen sie zurecht Druck von allen Seiten.

Wandel ist unübersehbar

Frage: Wieso?

PF: Der Wandel ist im vollen Gange. Nur viele von der alten engen monetären Ökonomie Besessene haben es aus Betriebsblindheit noch nicht gemerkt. Für viele Pflanzen- und Tierarten, Dialekte und Sprachen, regionale Märkte und Wirtschaftsformen, kulturelle Varianten und Traditionen wird er zu spät kommen, sie sind wohl unwiederbringlich verloren. Aber nicht für alle.

Es ist wie bei unseren Zähnen: Auch wenn unser natürliches Gebiss nicht mehr ganz komplett ist, ist es besser, die Reste, die noch fest sitzen, zu erhalten. Auch wenn die Verluste an natürlicher und kultureller Vielfalt gravierend sind, lohnt es sich, die noch vorhandenen Reste zu erhalten. Auf einer solchen Basis kann eher eine neue Vielfalt wachsen als dann, wenn sie schon ganz verarmt wäre.

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Früh- und Schulbildung

Frage: Danach wollte ich noch fragen. Wie kommen wir denn jetzt aus dem Dilemma wieder heraus? Denn darum geht es doch. Die Einsicht, dass wir alles falsch machen, kann es ja wohl allein nicht sein. Haben Sie auch eine Idee, was zu tun wäre, um einen Wandel zum Besseren einzuleiten?

PF: Ich denke, das Wichtigste wäre eine viel bessere Bildungspolitik.  Sie entsteht aber nicht von allein, wenn man den Bildungsetat verdreifacht, sondern man muss die bisherigen Fehler erkennen, als solche bezeichnen, abstellen und wirklich neue Ziele ausgeben. Das Geld ist nicht das Hauptproblem; die mangelnde Einsicht in die Falschheit der bisherigen Politik ist es. Es ist atavistisch, die wichtige Zeit vor der Schule mit Kinderaufbewahrung, Bauklötzchen und Trallala zu vertrödeln.

Die grundlegende Weltkenntnis, Sprache und Sprachen werden vor allem in dieser Zeit bereits gelernt. Natürlich kann und soll dies in diesem frühen Alter auch spielerisch geschehen, auch durch Bauklötzchen. Aber was lernen unsere Kinder denn durch die bisher üblichen Methoden? Du sollst ein Sieger werden, dem die Bauklötzchen nicht immer zusammenfallen! Deine Schwester ist deine Konkurrentin, wenn sie es besser kann als Du! So lernen schon Kleinkinder Ökonomie und Effizienz, und das zu privaten Zwecken. Und nach der Vorschulzeit käme die Grundschule, die wichtigste von allen. Hier müssen die besten Lehrer unterrichten, nicht die am schlechtesten bezahlten. Aber sie werden natürlich nicht durch mehr Geld besser, sondern nur durch eine bessere Ausbildung.   

Berufsbildung

Frage: Aber läuft das nicht alles darauf hinaus, dass noch mehr Leute studieren wollen?

PF: Keineswegs. Wenn unsere Schulen wirklich so gut wären, wie sie sein müssten, würden wir zum Beispiel die berufliche Bildung ernster nehmen als heute und die allgemeinbildenden Schulen würden gut gebildete Menschen verlassen, die nicht auch noch alle ein wissenschaftliches Studium benötigen und im Viel-Geld-Verdienen das höchste Ziel sähen. Die flexibel wären, auf Zeit den einen oder anderen Beruf zu ergreifen, und zugleich einen Wert darin sähen, Zeit zu haben. Gegenwärtig produzieren wir zu lebenslangen Spezialisten getrimmte und gehetzte Handlanger oder Lobbyisten mit flottem Mundwerk, die das Geld vergötzen, aber ohne eigene Wertvorstellungen auskommen. Wir bilden heute Leute überwiegend dafür aus, sich als kleine Elite zu fühlen und Dienstleister für andere zu werden.

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Neue Kriterien für Bildung

Frage: Wie sollte denn das Bildungsziel Ihrer Ansicht nach stattdessen aussehen?

Das selbstdenkende, selbständige, mutige Individuum, der demokratische Staatsbürger, der seine Rechte und Pflichten kennt und wahrnimmt, der sich einbringt, wo er etwas beitragen kann und sich wehrt, wo er Wichtiges in Gefahr sieht: Dies wäre ein lohnendes, zeitgemäßes Bildungsziel. Aber den wünscht man sich offenbar nicht. Vor ihm haben diejenigen Angst, die sich als politische Elite begreifen. Die möchten, dass alles beim Alten bleibt, ihr Elitestatus nicht in Gefahr gerät.

Ich schäme mich für eine Wissenschaftspolitik, die Eliteuniversitäten kürt. Tatsächlich haben die heutigen Eliten nur ein günstiges Schicksal erwischt, das sie vorübergehend stärker hat werden lassen als andere. Nicht besser, klüger oder wirklich wohlhabender.  Nur mächtiger, wortgewandter, bloß monetär reicher, eine Gesellschaft von Cleverles: eben Repräsentanten der „Wall-Street-Kultur“. Wenn Sie sich die Mühe machen, genauer hinzusehen, werden Sie unter dieser oberflächlichen Lackierung Hunderte, ja Tausende wirklich kreativer Menschen entdecken, die Geld zwar zum Lebensunterhalt benötigen, oft darin auch sehr knapp sind, aber damit keine großen Lebensziele verbinden. Was sie interessiert, machen sie ohnehin ehrenamtlich, weil es ihnen Freude macht, weil sie es wichtig finden, naheliegend, nötig. Sie sind unsere kulturellen Vorbilder für die Zukunft. 

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Peter L. W. Finke (* 1942) war ab 1982 Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld und zwischendurch zusätzlich einige Jahre Gregory-Bateson-Professor für Evolutionäre Kulturökologie an der Privatuniversität Witten-Herdecke. Er hat seinen Lehrstuhl 2005 aus Protest gegen die von Politik und Wirtschaft durchgesetzte sog. „Bologna-Reform“ der Universitätsstrukturen freiwillig aufgegeben und ist seither als Gastprofessor  an verschiedenen Institutionen im In- und Ausland tätig gewesen. In den letzten Jahren ist er vor allem als Verteidiger der freien Amateurwissenschaftler bekannt geworden.

  • Peter Finke: Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien, Oekom Verlag 2014.
  • Peter Finke (Hg.): Freie Bürger, freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeiturm. Originalbeiträge von 36 Autorinnen und Autoren. Oekom Verlag 2015.
  • Peter Finke: Lob der Amateure. Warum Wissenschaft die Laien braucht (in Vorbereitung).