Regeln brechen: Kreativität in verschiedenen Kunstsparten

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Kreativ zu sein heißt: Normen außer Kraft zu setzen. In Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft hat es immer wieder Vorreiter und Pioniere gegeben, die etwas anders gemacht haben, die Sichtweisen, Höreindrücke, Gefühle „ver-rückt“ und unsere Gegenwart auf besondere Weise revolutioniert haben. Anbei einige inspirierende Beispiele. 

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Kreativität im Film

Mit ihren Satiren haben sich die britischen Monty Pythons in die Filmgeschichte eingeschrieben. „Das Leben des Brian“ hinterfragt couragiert christlich-jüdische Überlieferungen. Der Vorgängerfilm „Die Ritter der Kokosnuss“ (The holy grail) behandelt in satirischer Weise die Sage von König Artus und die Suche nach dem heiligen Gral. Wegen des spärlichen Produktionsetats können die Schauspieler weder Reitunterricht nehmen noch Pferde anmieten. Die kreative Lösung: Sie gehen zu Fuß und imitieren den Ritt hoch zu Ross selbst galoppierend ohne Pferd, so wie Kinder es tun, während der dahinter laufende Knappe zwei Kokosnüsse aufeinanderschlägt. Die Illusion ist liebenswert und nahezu perfekt.

„Effectuation“ (Faschingbauer 2010) ist das Zauberwort: Wie kann ich mit begrenzten Mitteln meine Ziele erreichen und mir trotz Ungewissheit Sicherheit schaffen? Indem ich mich auf mich selbst fokussiere: Was habe ich? Was kann ich? Mit wem kann ich zusammenarbeiten? Kreativität zeigt sich darin, mit Begrenzungen klar zu kommen. Das macht erfinderisch und kooperativ!

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Kreativität im Theater

Reale Rollensimulationsspiele hat die Theatergruppe Rimini Protokoll zu ihrem Markenzeichen gemacht. Gemeinsam mit dem Publikum spielt sie buchstäblich Politik-, Alltags- und Zukunftsszenarien durch. Bei einem Weltklimagipfel werden die Besucher verschiedenen Länderteams zugeordnet, an lebensecht mit Eis und Wüste inszenierten Stationen von echten Wissenschaftlern über den Klimawandel und dessen Auswirkungen informiert. Am Ende muss jeder Zuschauer über das Budget entscheiden, dass sein Länderteam bereit ist, in einen Klimarettungsfond einzuzahlen. Eine Simulation, die berührt, bewegt, zum Nachdenken und aktiven Handeln motiviert: „Das Schauspiel zeigt dem Menschen, wer er ist oder doch sein könnte.“ (Hüther / Quarch, 2016, S. 138) 

In ihrem dokumentarischen Theater spiegelt die Regisseurin Angela Richter aktuelles Zeitgeschehen. In ihrem crossmedialen, interdisziplinären Stück Supernerds – ein Überwachungsabend vereint sie Interviews mit Whistleblowern und Netzaktivisten, wie Julian Assange und Edward Snowden, Überwachungstechnik und Bürgerängste. Das verstörte Publikum im Saal erlebt hautnah, wie leicht es für die Theatermacher ist, an ihre Daten zu gelangen.

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Kreativität in der Aktionskunst

Wie bleibt Erinnerungskultur lebendig? Das Internet-Projekt Yolocaust von Shahak Shapira gibt eine eigenwillige Antwort. Der israelische Satiriker kombinierte aktuelle Selfies vom Holocaust-Mahnmal in Berlin mit Bildmaterial aus den Vernichtungslagern der Nazis. Die Fotos mit lachenden, springenden, skatenden und radelnden Protagonisten am Mahnmal hat Shapira in sozialen Netzwerken gefunden. Im Zuge der Berichterstattung haben viele Selfie-Urheber ihre unreflektierten Aktionen überdacht und ihre Fotos gelöscht. Shapira stellte „Yolocaust“ ein, weil er sein Ziel erreicht sah, die Ermordung von sechs Millionen Menschen präsent zu halten. Den interaktiven Austausch über den Umgang mit der Vergangenheit führt der Künstler mit weiteren Aktionen fort. 

Die Künstlerin und Medienkunstprofessorin Christin Lahr überweist seit Mai 2009 jeden Tag einen Cent auf das Konto des Bundesfinanzministeriums. Sie nutzt Überweisungsträger als textbasiertes Medium und trägt in den Verwendungsnachweis Zitate aus dem „Kapital“ von Karl Marx ein, z. B. „Springquellen allen Reichtums: Erde und Arbeiter.“ (Interview mit Lahr 2010)

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Kreativität im Design

Ökovisionär Michael Braungart hat das Nachhaltigkeitskonzept „Cradle to Cradle“ („von der Wiege zur Bahre“) entwickelt. Es entspricht dem Kreislaufprinzip der Stoffe auf der Erde. Vor diesem Hintergrund hat der Designer Carsten Buck für eine norddeutsche Biomolkerei eine neuartige Milchflasche mit rundem Boden entworfen: den MilkTumbler. Die Flasche kann ohne Wertverlust in einem geschlossenen Kreislauf zirkulieren. Ein interdisziplinäres Team entwickelte dafür ein innovatives, polyesterartiges Material, den Bio-Rohkunststoff PLA, englisch: „polylactic acid“. Das Abfallprodukt der Käseherstellung kann beliebig oft und ohne Qualitätsverlust eingeschmolzen und wiederverwertet werden.

Kreativität in der Fotografie

Die US-Amerikanerin Taryn Simon erklärt Politik mit Blumen. Sie reist zu internationalen politischen Abkommen und fotografiert dort Blumengestecke. Bei Friedensabkommen z. B. verbinden sich häufig zwei typische Blumenarten der jeweiligen Länder, bei multilateralen Abkommen werden gerne neutrale Grünpflanzen gewählt. Farben haben starke Symbolkraft. „Auf den ersten Blick sind Blumen einfach nur Blumen“, sagt die Fotografin. „Erst auf den
zweiten Blick versteht man, dass sie ein voll integrierter Bestandteil unseres Gesellschaftssystems sind. Nicht einmal Blumen können dem System entkommen.“ (Simon 2016

Kreativität in der Mode

Yves Saint Laurent hat das Frauenbild revolutioniert. Bei ihm gab es weder Wespentaille noch Schulterposter. Er schuf den emanzipierten Damen-Smoking, den Hosenanzug, inspiriert von Künstlern wie Mondrian, Picasso, Matisse und Braque, gefertigt aus weichen, fließenden Stoffen, zuweilen durchsichtig. „Coco Chanel hat den Frauen die Freiheit gegeben. Yves Saint Laurent gibt ihnen die Freiheit der Macht.“ (Bergé / Hahn 2008)

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Kreativität in der Architektur

In der Renaissance hat die Bankiersfamilie der Medici demonstriert, dass unternehmerischer Erfolg und visionäre Ideen Kunst und Architektur beflügeln können. Wirkungsstätte der Medici war Florenz, ein Umschlagplatz für Luxusgüter. Die Medici führten den Wechsel als Zahlungsmittel ein und erleichterten Bankfilialen in ganz Europa den Zahlungsverkehr. Cosimo de‘ Medici kombinierte grundverschiedene Geschäftsfelder, was auf seinen vielseitigen Interessen und seiner Offenheit beruht. Er pflegte mit jedem einen respektvollen Umgang, sprach mit Lieferanten ebenso auf Augenhöhe wie mit Politikern, dem Adel und mit Künstlern, die er von überall her nach Florenz holte. Die soziale Durchlässigkeit und sein Sinn für vielseitige Teams aus Bauplanern, Zeichnern, Steinmetzen, Holzschnitzern und Malern ermöglichte herausragende Bauwerke. Der Medici-Effekt (zu Fürstenberg 2012) wurde sprichwörtlich zum Symbol für interdisziplinäre, gleichberechtigte Zusammenarbeit. 

More than Shelters_01_Antje HinzMore than Shelters_01_Domo_Antje Hinz  © MassivKreativ

In unserer Zeit arbeitet der Künstler Daniel Kerber interdisziplinär mit Architekten, Designern, Sozialwissenschaftlern, Politologen, Materialforschern, Nähern, Outdoor-Spezialisten und Geflüchteten zusammen. Kerber hat sich intensiv mit dem Thema Mensch und Raum beschäftigt, viele Länder bereist und vor allem in Flüchtlingslagern geforscht. Seine Erfahrungen mündeten in das modulare Zeltsystem „Domo“ seines Sozialunternehmens morethanshelters. Geflüchtete können die mobilen Unterkünfte an die Familiengröße, an kulturelle Gewohnheiten und klimatische Bedingungen beliebig anpassen. 

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Kreativität in der Presse

Inhalt oder Form: Was gilt als kreativ und innovativ? Die Digitalisierung hat den Pressemarkt heftig erschüttert. Der Qualitätsjournalismus kämpft um sein Überleben. Tragfähige Geschäftsmodelle werden verzweifelt gesucht. Hoffnungen gelten dem konstruktiven Journalismus, „Geschichten des Gelingens“ (vgl. Welzer 2016a), gut recherchierten, tiefsinnigen Ereignissen oder spektakulären Vorfällen sowie neuen Vermittlungsformen. Empathie für fremde Lebenswelten und Abenteuer soll mit Virtual Reality und immersivem Journalismus gelingen. Digitales Storytelling wird von Journalisten und Medienproduzenten neu ausgelotet. Wie fühlt sich die Flucht auf einem völlig überfüllten Schlauchboot an? Mit einer VR-Brille wird diese Erfahrung zur traumatischen Tortur. Der US-Journalist James Pallot von der Medienschmiede „Emblemeticgroup“ glaubt: „Wir können mit Virtual Reality Nachrichteninhalte begreifbar machen, die andernfalls zwischen den Zeilen verloren gehen.“ (Pallot 2016) Zugleich bleibt die Verantwortung der Medien, durch 3D und VR die Berichterstattung nicht unnötig zu dramatisieren und zu manipulieren. Journalistische Sorgfalt und ethische Grundsätze müssen immer gewahrt bleiben. 

Der ehemalige CIA-Mitarbeiter und Whistleblower Edward Snowden lebt untergetaucht an einem geheimen Ort in Russland und wird wahrscheinlich nie wieder ein
normales Leben führen. Snowdens Enthüllungen geben Einblick, welches Ausmaß die weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten genommen haben. In einem Exklusivinterview berichtet er 2013 der britischen Tageszeitung „The Guardian“: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich tue und sage, aufgezeichnet wird. Solche Bedingungen bin ich weder bereit zu unterstützen, noch will ich unter solchen leben.“ (Snowden 2013)

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Kreativität im Werbemarkt

Das Peng!-Kollektiv entwickelt subversive Aktionskunst, um die Gesellschaft zu mutigerem Handeln zu bewegen. Mit zivilem Ungehorsam und kreativen Ideen infiltrierte die Gruppe mehrmals Veranstaltungen mit falschen Identitäten. Zum Rohstoffkongress des Bundesverbandes der Deutschen Industrie verteilte sie 2014 kleine Bäumchen, gestaltete Flyer und Website im Corporate Design des BDI mit dem Hinweis: „Da wir zur Herstellung deutscher Hightechprodukte auf Metalle aus Konfliktregionen angewiesen sind, pflanzen wir im Gegenzug für jedes Opfer einen Baum. Auf diese Weise wird der BDI seiner sozialen Verantwortung gerecht und trägt darüber hinaus zu einer verbesserten CO2-Bilanz der deutschen Industrie bei.“ (Peng!-Kollektiv 2014) Nur wenigen fiel der Fake sofort auf.

Die Schweizer Aktionskünstler Frank und Patrik Riklin vom Atelier für Sonderaufgaben bewerben urbane und ländliche Orte mit ungewöhnlichen Kampagnen. Ihr
Quatschmobil fährt nur, wenn sich Gäste und Fahrer unterhalten. Gesprächsstoff wird zum Treibstoff! Umso mehr, wenn dabei Weltverbesserungsideen geschmiedet werden. Um das soziale Miteinander geht es auch im preiswerten „Null-Stern-Hotel“. Statt einsam Luxus zu genießen, sollen Hotelgäste neue Bekanntschaften schließen, was in dem fensterlosen Bunker im Großraum ohne Trennwände mühelos gelingt. Im Sommer offerieren die Riklin-Brüder auf einer Bergwiese in 1700 Metern Höhe ein einzeln stehendes Doppelbett. Für die vielen Sterne unter freiem Himmel postulieren die Zwillinge einen Übernachtungspreis von etwa 230 Euro.

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Kreativität durch Software und Games

Mit quelloffener kostenloser Open-Source-Software, an deren Entwicklung jeder Bürger kreativ mitwirken und teilhaben kann, demokratisierten die meist ehrenamtlichen Akteure den IT-Markt, z. B. mit Linux. Open Source hat verschiedene Ursprünge und Vorläufer, u. a. die Do-it-yourself-Initiativen und die Hacker-Bewegung, die aktuelle Beispiele in der Maker-Szene, den FabLabs und TechShops finden. 

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Auch Wikipedia ist Ausdruck von Demokratisierung, Teilhabe, geteiltem Wissen, aber gleichzeitig auch von Disruption. Die traditionsreiche Brockhaus-Enzyklopädie wurde 2015 ein letztes Mal gedruckt und von der Online-Bibliothek ersetzt. Wikipedia wird gegenwärtig von rund zwei Millionen ehrenamtlicher Autoren der gemeinnützigen Open Knowledge Foundation mit Inhalten gefüllt (Wikimedia 2016). 

Prozesse spielerisch zu durchdenken und zu simulieren, kann Risiken senken und enorme Kosten sparen. Planspiele, übertragen auf elektronische Games und Apps, bieten geschützte Bedingungen, etwa für Rettungskräfte von Polizei und Feuerwehr, ebenso Fehlerkultur für medizinisches Personal in der Notaufnahme von Krankenhäusern, für Spezialkräfte auf Bohrinseln, für Produzenten und Logistiker von Gefahrengütern. In kreativ aufbereiteten Szenarien nehmen die Akteure verschiedene Sichtweisen ein, erkennen Zusammenhänge zwischen Abläufen und Prozessen, Ursache und Wirkung und üben dabei korrekte Kommunikationsmuster ein. Der beim Spielen typische Rollenwechsel steigert Lernerfolg und Erkenntnisgewinn.

Das engagierte Entwicklerstudio „Blindflugstudios“ aus der Schweiz hat ein serious game geschaffen, das die Sorgen und Nöte von Geflüchteten nachfühlbar macht. Beim Tablet-Spiel Cloud Chaser erlebt der Spieler die Flucht eines Vaters mit seiner kleinen Tochter durch die Wüste mit, schlüpft in die Rolle der beiden Protagonisten, durchlebt ihren gefahrvollen Weg, ihre ständige Todesangst. Das Spiel sensibilisiert für die Situation von Menschen auf der Flucht.

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Kreativität im Kunsthandwerk  

Die Grüne Werkstatt Wendland im ehemaligen Postamt in Lüchow bringt im Rahmen von Starter-Camps junge Designer mit regional tätigen Handwerkern zusammen, u. a. mit Töpfern, Tischlern, Drechslern, Korbflechtern, Buchbindern, Textilgestaltern, Glasbläsern, Metallbauern und (Gold-)Schmieden. In der niedersächsischen Elbtalaue wachsen Kopfweiden, die regelmäßig beschnitten werden müssen. Für die Weidenruten haben Kunsthandwerker und Designer innovative Produkte und Verwendungsmöglichkeiten gefunden, aus deren Verkauf sich die Pflege der Weiden langfristig finanzieren lässt. Das leichte, weiche Weidenholz eignet sich u. a. zu Befestigungszwecken in Baumschulen, für Kisten und Schachteln sowie als Wirkstoff für fiebersenkende Substanzen.

In Mecklenburg-Vorpommern haben sich besondere Manufakturen angesiedelt, die aus regionalem Material (z. B. Ramona Stelzer – Fischleder) oder aus recycelten Stoffen (alte Pelze) neue originelle und außergewöhnliche Produkte herstellen. Ein spezieller Audioguide, realisiert im Auftrag der Metropolregion Hamburg vom Silberfuchs-Verlag, lädt zu einer ManufakTour durch das Garten- und Seenland Mecklenburg-Schwerin ein: Podcast 1 / Podcast 2 / Podcast 3 / Podcast 4

Quellen und Literaturhinweise:

Faschingbauer, M. (2010): Effectuation: Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag.

Hüther, G. / Quarch, C. (2016): Rettet das Spiel. München: Carl Hanser Verlag.

Fürstenberg, J. zu (2012): Die Wechselwirkung zwischen unternehmerischer Innovation und Kunst. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Renaissance am Beispiel der Medici. Wiesbaden: Springer Gabler Verlag.

Kreativität: woher und wohin? Eine Bestandsaufnahme

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2009 hat die EU-Kommission erklärt, bei allen Bürgern „kreative und innovative Fähigkeiten als Schlüsselkompetenzen durch lebenslanges Lernen“ zu fördern und rief das „Europäische Jahr der Kreativität und Innovation“ aus: „Kreativität ist eine menschliche Eigenschaft, die sich in vielen Kontexten manifestiert, angefangen bei Kunst und Design über Handwerk bis hin zum Fortschritt in Wissenschaft und Technik und zu Unternehmertum und sozialer Innovation. Innovation ist die erfolgreiche Umsetzung neuer Ideen, die aus der Kreativität eines Menschen hervorgegangen sind. Die eng miteinander verknüpften Fähigkeiten Kreativität und Innovation kommen daher gleichermaßen dem wirtschaftlichen und sozialen wie auch dem künstlerischen Bereich zugute.“ (EU-Parlament 2008) 

Allzweckwaffe

Wird Kreativität zu inflationär beschworen, als „Universaltherapeutikum“ und allmächtige Problemlöserin missbraucht? Nicht nur Künstler empfinden zuweilen Unbehagen gegenüber ihrer Ökonomisierung und Funktionalisierung. Gedeiht Kreativität nicht vor allem beim zweckfreien Forschen? „Kreativität fängt da an […], wo der Verstand aufhört, das Denken zu behindern“ (Huchler / Jansen 2009, S. 5), konstatieren die Sozialwissenschaftler Andreas Huchler und Stephan A. Jansen. Oder führt uns eher das bewusste Nachdenken über die Welt zu neuen innovativen Erkenntnissen?

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Definition

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Doris Rothauer stellt fest: „Es gibt keine einheitliche Definition, keinen Konsens darüber, was Kreativität ist, wie sie entsteht und wie sie wirkt. Sie ist, was ihrer Natur entspricht: nicht planbar, nicht messbar, nicht zuordenbar, nicht auf Knopfdruck abrufbar.“ (Rothauer 2016, S. 32)
Weil wir ständig den Drang haben, unsere Welt zu ordnen, zu strukturieren und zu planen, ist Kreativität abseits der Kunst in den meisten anderen Lebensbereichen eine Herausforderung. Vor allem in konservativen Institutionen, wo Hierarchien häufig spontane und neue Ideen behindern, um so mehr, wenn sie bestehende Strukturen zur Disposition stellen.

Joachim Funke, Professor für Psychologie an der Universität Heidelberg, hat eine Erklärung gefunden, die sich am Markt orientiert: „Kreativität bedeutet das Hervorbringen eines neuen, individuell oder gesellschaftlich nützlichen Produkts. Ein Produkt, das nicht durch Routineverfahren erzeugt werden kann… Kreativität ist ein Erfolgsgeheimnis der Evolution: Schaffe zufällige Mutationen und schaue, was sich bewährt.“ (Jetzt, 11.05.2018).

Alles immer auf Anfang

Am Anfang einer Kreation steht sinnbildlich das leere, weiße Blatt. Für die einen ein Alptraum mit Versagensängsten, für die anderen die Hoffnung auf den großen Wurf. So oder so: Es ist die Geburtsstunde für Künstler und Entrepreneure, die etwas Eigenes „unternehmen“ wollen, und ebenso für Intrapreneure, die als Mitarbeiter eigenverantwortlich tätig sein möchten und es auch dürfen. Kreativ zu werden heißt, weiße Flecken, Leerstellen in unserer Gesellschaft zu erkennen, die andere Menschen nicht sehen, Fragen zu stellen und Lösungsansätze zu finden. Der Psychologe und Autor Frank Berzbach erklärt es so: „Kreative haben die Unzufriedenheit mit dem real Existierenden in ihr Leben eingebaut: wem die bisherigen Lösungen nicht ausreichen, […] wird schöpferisch tätig […] Kreativität wird zur Lebensform, wenn wir nicht aufhören darüber nachzudenken, […] wie wir die Welt besser hinterlassen.“ (Berzbach 2013, S. 21, 165)

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Begriffsklärung

Kreativität wurzelt im Schöpferischen, „creare“ bedeutet „schöpfen“: etwas Neues, Originelles, noch nie da Gewesenes. Kreationen entstehen zunächst im Kopf und bahnen sich dann ihren Weg nach außen. Kreativität bedeutet Originalität! Wir sind überrascht und berührt, wenn wir zum allerersten Mal etwas Unerhörtes, Ungesehenes oder Ungefühltes erleben. Kreative Ideen helfen uns dabei, unser alltägliches Tun zu reflektieren, Routinen aufzugeben, Perspektiven zu wechseln.

Wenn wir unsere Sichtachsen ändern, nehmen wir die Welt anders wahr und können uns neuen Dingen öffnen. Neue Inhalte brauchen häufig auch neue Strukturen. Die alten Strukturen über Bord zu werfen und Experimente mit ungewissem Ausgang zu wagen, erfordert Mut. Wer kreativ sein will, muss kühn und furchtlos agieren!

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Kreativität als Zukunfts- und Wirtschaftsfaktor

Auf dem Weltwirtschaftsforum 2016 in Davos wurde Kreativität zum drittwichtigsten Faktor der Wirtschaft erklärt. Doch im Alltagsgeschäft überwiegt die Angst vor offenen Prozessen mit ungewissem Ausgang. Jede beherzte Entscheidung erfordert Verantwortung für deren Folgen. Kreativität ist ein unberechenbares Gewächs, ein unkontrollierbarer Freigeist. Einem Projekt bzw. einer Entwicklung freien Lauf zu lassen, so wie Künstler und Kreative es tun, ist für viele Akteure in der Wirtschaft und im öffentlichen Sektor nach wie vor eine Herausforderung. Ein Ziel nicht linear anzupeilen, sondern auch Umwege und Überraschungen zuzulassen, erscheint ungewohnt. Vielleicht fällt es deshalb noch schwer, Kreativität außerhalb von Kunst und abseits der Kultur- und Kreativbranche zu etablieren?

Hartnäckigkeit ist gefragt. Es gibt noch viel zu tun! Kreativschaffende dürfen nicht locker lassen. Sie müssen alle Institutionen und Bereiche der Gesellschaft mit Mut und kreativen Methoden „aufmischen“!

 

Noch mehr Kreativität? 

Handwerk, Kunst, Kultur und Widerstand – das Wendland

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Michael Seelig hat im Wendland vieles initiiert, bewegt und vorangebracht. In den 70er Jahren gründete er in Waddeweitz auf einem Resthof den Werkhof Kukate. Gemeinsam mit anderen Akteuren hat er die Kulturelle Landpartie auf den Weg gebracht und sie von Beginn an mitgestaltet. Außerdem ist Seelig Vorstand der Grünen Werkstatt Wendland, ein Kreativ- und Ideenlabor, das soziale Innovationen in der Region vorantreibt.

 © MassivKreativ: Michael Seelig

Weben und Wissen

Michael Seelig erzählt im Interview von den Anfängen seines Werkhofes Kukate, einer fast 200 Jahre alten Hofstelle mit einem Vierständer-Fachwerkhaus und mehreren Nebengebäuden. Er berichtet, wie er das Konzept für das gemeinsame handwerkliche Schaffen mit seiner Frau Inge über die Jahre weiterentwickelt hat. Ihr Schwerpunkt ist das Handweben. In einigen Ländern gehört dieses besondere Handwerk bereits zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Seit 1990 organisiert Inge Seelig in Kukate die Weberklassen als nebenberufliche Ausbildung. Nach 4 Jahren können die TeilnehmerInnen sie mit der Gesellenprüfung abschließen. Auch die Zeitschrift weben+ wird von Inge Seelig herausgegeben. Sie die einzige deutschsprachige Fachzeitschrift für das Handweben.

 © weben+

Werkhof Kukate

In Kukate treffen sich Gleichgesinnte, die eine große Liebe und Begeisterung für das Handwerk teilen. Abseits vom Alltagstreiben können sie sich einer künstlerischen oder handwerklichen Tätigkeit widmen und auch über Nacht bleiben. Kukate beherbergt neben der Webwerkstatt auch eine Töpferei, eine Goldschmiede, eine Tischlerwerkstatt sowie mehrere Räume, die nach Bedarf gestaltet und genutzt werden können.

 © Petra Bork, pixelio.de

Gemeinschaftserlebnis Handwerk

Eine große Gemeinschaftsküche bietet die Möglichkeit der Selbstverpflegung, auch das schmiedet die Gäste des Werkhofes immer wieder aufs Neue zusammen. Nach getaner Arbeit treffen sich die Kreativen zum Essen und Austausch in einem Aufenthaltsraum im Werkstattgebäude oder in der großen Diele mit offenem Kamin. Bei schönem Wetter tauschen sich die Gäste draußen aus – auf einem mit Kopfstein gepflasterten Hof unter alten Kastanienbäumen.

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Die Kulturelle Landpartie

Im zweiten Teil des Interviews erzählt Michael Seelig darüber, wie 1990 die „Wunde.r.punkte“ im Wendland entstanden und wie sich die Kulturelle Landpartie (KLP) über die Jahre stetig weiterentwickelt hat. Jedes Jahr zwischen Himmelfahrt und Pfingsten öffnen die Bewohner im Wendland in über 90 Dörfern ihre Höfe, Häuser und Gärten und laden zu Ausstellungen und Veranstaltungen ein – in den Bereichen Kunst und Kunsthandwerk, Musik, Klangkunst  und Theater, Ökologie und Nachhaltigkeit, Politik und Kabarett, Performance und Tanz, Vorträge, Lesungen und Führungen. Über 800 Künstler sind daran beteiligt.

Widerstand als Keimzelle

Die Wurzeln der Kulturellen Landpartie liegen im politischen Widerstand gegen das Atommüll-Lager Gorleben. Das gelbe X, das Zeichen des Wiederstandes, wurde weit über die Grenzen des Wendlandes hinaus zum Symbol. Zur 30. Kulturellen Landpartie vom 30. Mai bis 10. Juni 2019 lassen sich KünstlerInnen und Kreative wieder in ihren Ateliers und Werkstätten über die Schulter schauen.

 © Michael Seelig mit dem Spiel Super-GAUdi, Foto: MassivKreativ

Podcast-Interview mit Michael Seelig

Handwerk, Kunst, Kultur und Widerstand – die Kulturelle Landpartie im Wendland

Schweine, Landleben und Politik: der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde

 © Jerzy Sawluk, pixelio.de

Seine Schweine und seine Serie „Marundes Landleben“ haben den Cartoonisten und Illustrator Wolf-Rüdiger Marunde  bekannt gemacht. Marunde wurde in Hamburg geboren, ist später in ländlichem Umfeld in Schleswig-Holstein aufgewachsen und lebt seit 1988 im Wendland. Er hat für viele Print-Magazine gezeichnet, u. a. für Brigitte, Stern und Pardon. Bis heute erscheint ein wöchentlicher Cartoon von ihm in der HÖRZU.

 © MassivKreativ: Wolf-Rüdiger Marunde

Wandler zwischen Stadt und Land

In seinen lebensprallen Zeichnungen und Illustrationen nimmt Marunde häufig Bezug auf das Landleben. Seine Helden und Charaktere stammen  jedoch aus Stadt und Land, häufig Tiere, sehr oft Schweine, aber auch menschliche Zeitgenossen, wie Bauern, Jäger, Großstädter und Umweltaktivisten. Wenn beide Welten aufeinander treffen, ergibt sich „Zündstoff“. Im Interview erzählt Marunde, wie seine künstlerische Arbeiten entstehen, wie er recherchiert, kreative „Feldstudien“ betreibt und wie sein Tagesablauf aussieht.

  © Karl-Heinz Laube, pixelio.de

Themen zwischen Umwelt und Politik

Auch Umwelt und Politik thematisiert Marunde in seinen Arbeiten. Im Interview berichtet er, was für ihn das Besondere am Wendland ist, wie er die Anti-Atomkraft-Bewegung rund um Gorleben erlebt hat, wie die Kulturelle Landpartie – kurz KLP – einst begann und wie er heutige gesellschaftliche Entwicklungen und Probleme sieht. Marunde spricht auch darüber, welche Rolle Künstler in der Gesellschaft spielen, ob und wie sie sich politisch engagieren sollten.

  © MassivKreativ: Wolf-Rüdiger Marunde und Antje Hinz

 

PODCAST-INTERVIEW

Schweine, Landleben und Politik: der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde

spokenwork: Poetry-Slam bei der BTC AG Oldenburg

 © Foto: Katarina Plener, BTC AG

Was kann ein IT-Consulting-Unternehmen von einem Slam-Poeten lernen? Wie wirkt Poetry-Slam auf die Unternehmenskultur? Wieviel Mut und Risikobereitschaft braucht der Vorstand, um mit Kollegen an einem Poetry-Slam-Workshop teilzunehmen, eigene Texte zu schreiben und sie in einem öffentlichen Wettbewerb im Unternehmen zu präsentieren? Wie reagieren die Kollegen im Publikum?  

Kunst in der Organisationsentwicklung

Nele Tiemeyer arbeitet seit September 2017 im Bereich Mitarbeiterdialog der BTC Business Technology Consulting AG im niedersächsischen Oldenburg westlich von Bremen. Sie hatte die Idee, mit einem künstlerischen Projekt frischen Wind in das IT-Beratungsunternehmen zu bringen. Im Poetry-Slam sieht Tiemeyer ein geeignetes Format, „weil man eine Geschichte erzählen und Zukunftsszenarien entwickeln kann“, wie sie sagt. Sie engagiert den norddeutschen Slam-Poeten Björn Högsdal, den sie von einer früherer Zusammenarbeit im Projekt Unternehmen! KulturWirtschaft 2012-2015 am Nordkolleg Rendsburg kennt. Högsdal würde ein idealer Workshopleiter sein, weil er kreatives Schreiben an unterschiedliche Persönlichkeiten vermitteln kann.

 © Foto: Katarina Plener, BTC AG

 Slam-Poet Björn Högsdal im Workshop und auf der Bühne

Mut für Neues

Im Herbst 2017 wird #spokenwork im Intranet und über Mund-zu-Mund-Propaganda bei der BTC breit angekündigt – bereichsübergreifend , damit sich verschiedene Hierarchieebenen mischen. Björn Högsdal präsentiert den MitarbeiterInnen seinen kreativen Workshop in einem kurzen Vorabvideo. Nele Tiemeyer  und Lena Mäusezahl aus dem Mitarbeiterdialog sprechen die KollegInnen direkt an: „Poetry-Slam – wäre das nicht etwas für Dich? Mal etwas Neues ausprobieren, kreatives Schreiben, und dann ein wenig Risiko wagen, an eigene Grenzen gehen und über sich hinauswachsen?“ Einige Kollegen winken schnell ab. Kreatives Schreiben ginge ja noch! Aber den eigenen Text bei der Adventsfeier Ende November vor versammelter Mannschaft vortragen – wie bei einem echten Poetry-Slam? Dafür fehlte dann doch der Mut. Doch einige aus dem BTC-Team stellen sich der Herausforderung.

Literarischer Aufbruch 2018

Neun Mitarbeiter am Stammsitz in Oldenburg und vier am Standort Berlin wagen es einen Tag lang, aus eigenen Gedanken zum Unternehmen eine Geschichte zu machen und dabei mit Worten zu jonglieren. Das Motto: Literarischer Aufbruch 2018 – ein Ausblick auf das neue Jahr mit Ideen, Wünschen, Zweifeln, Hoffnungen, mit Lob und Kritik der Mitarbeiter von BTC. „spokenwork war meine Assoziation zu spoken word“, so Nele Tiemeyer, „als Möglichkeit und Chance, Dinge offen vor Kollegen auszusprechen, die man immer schon mal sagen wollte.“

 © Foto: Nele Tiemeyer, BTC AG

WarmUp

Ann Cathrin Bach, Mitarbeiterin im Bereich Führungskräfteentwicklung, ist dankbar für den lockerer Start des Workshops. Schließlich muss man erst Vertrauen fassen, sich mit der ungewohnt kreativen Situation anfreunden. Björn Högsdal beginnt mit einer Assoziationsübung, Begriffe zum Stichwort Winter sammeln.  Gemein nur, dass genau diese Begriffe im ersten Testgedicht nicht verwendet werden dürfen. Für Björn Högsdal ist diese Fingerübung ebenso wichtig wie für die Teilnehmer. Er gewinnt so ein Gespür für die Persönlichkeiten, mit denen er es zu tun hat, für ihre Ernsthaftigkeit, ihren Humor, ihre Interessen. „Sprache und Literatur ist Beschäftigung mit Gedanken! Jeder kann schreiben“, so Högsdal, „wenn er sich auf das konzentriert, was ihm wichtig ist. Das Talent zum Schreiben macht nur 10-20% aus, alles andere ist Routine und Handwerk.“ Folgerichtig geht es im Workshop auch um Informationen über das Format. Was zeichnet  einen gelungenen Vortrag beim Poetry-Slam aus? Wie findet man Themen und Ideen? Wie entwickelt man eine Geschichte?  

 © Foto: Nele Tiemeyer, BTC AG

Kunst als Mittler

Auch die beiden Vorstände im Unternehmen, Dr. Jörg Ritter und Dirk Thole, nehmen am Workshop teil. Sie wollen selbst erleben, was es heißt, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Dirk Thole sieht #spokenwork als „Chance, Persönlichkeiten und Mitarbeiter im Unternehmen weiterzuentwickeln, neue Reize zu setzen, neue Stufen zu erreichen, um Kunden noch besser helfen zu können. Es geht um positive Effekte für alle.“ 

Kunst sei ein Medium, so Thole, um Mitarbeitern Offenheit und Mut zu zeigen, ihnen Chancen des Ausprobierens zu bieten. Thole ist überrascht, dass er als Zahlenmensch und Betriebswirtschaftler durch den Workshop eine kreative Ader ins sich entdeckt. Er schreibt eine Weihnachtsgeschichte, äußert darin Wünsche für sein Unternehmen, die ein Christkind am Ende tatsächlich erfüllt. Thole ist überzeugt: „Jeder Mensch kann mehr als er selbst glaubt, man hat nichts zu verlieren, sondern man kann sich nur weiterentwickeln.“

Nele Tiemeyer, die schon Erfahrungen mit Künstlerischen Interventionen und Kunst in der Organisationsentwicklung sammeln konnte, fügt hinzu: „Kunst in Organisationen liefert eine neue Perspektive, die Teil der Organisation wird. Kunst ist eine andere Form des Tätigseins für Mitarbeiter. Durch künstlerische Methoden entstehen neue Ergebnisse.“

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Über Fehler reden

Die Fehlerkultur bei BTC hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Früher, so Thole, wollte sich niemand die Blöße geben, etwas nicht zu wissen oder einen Fehler zuzugeben. Heute kommuniziere der Vorstand offen und zeige damit, dass Fragen und gegenseitige Hilfe alle im Team voranbringen. Wenn er selber etwas nicht wisse, würde er dies unumwunden als Frage in die Runde geben. Wenn eine/r der KollegInnen dann eine Antwort weiß, sei das nicht nur inhaltlich hilfreich, sondern auch eine schöne Bestätigung für die/den MitarbeiterIn, um Rat gefragt worden zu sein. 

Ann Cathrin Bach erwähnt ausdrücklich den solidarischen und positiven Austausch mit den Kollegen im Workshop, jeder konnte fragen, Meinungen erbitten und erhielt Rat . „Diese Erfahrung lässt sich hervorragend auf den Arbeitsalltag übertragen“, sagt Bach. Björn Högsdal bestätigt, dass niemand im Workshop eingeschüchtert war. Hierarchien seien ja auch abhängig von Kompetenzen: „Im Workshop ist jeder auf sich selbst zurückgeworfen, jeder ist in neuem Umfeld auf gleicher Ebene.“ Die Interaktion in der Gruppe sei für jeden hilfreich, auf neue Gedanken zu kommen, sich neue Inspirationen zu geben.

Lerneffekte und Vielfalt

Neben positiven Teamerfahrungen hat Ann Cathrin Bach auch auf handwerklich-praktische Ebene hilfreiche Methoden der Kommunikation aus dem  Workshop mitgenommen, z. B. sprachliche Gestaltungsmittel zu aktivieren, eine wirksame Bildsprache zu nutzen, um Menschen in ihrem Umfeld anders zu erreichen und stärker zu motivieren. Ihren Text spinnt sie um das Thema Vielfalt mit Blick auf das umfangreiche Portfolio von BTC, das insbesondere für neue Mitarbeiter eine Herausforderung darstellt. „Bauchladen“ sei im Grunde eine verkürzte Beschreibung dafür, was BTC ausmacht. Ihren Text sieht sie als Anstoß dafür, die umfangreichen Angebote Ihres Unternehmens nach außen hin bewusster zu kommunizieren.  (siehe Podcast unten:  Kapitelmarke  ab 35:23)

Gelebte Vielfalt zeichnet BTC aus, die Mitarbeiter stammen aus 25 Herkunftsländern. Sowohl inhaltlich als auch stilistisch vielfältig sind die Textbeiträge im Workshop. Thole resümiert: „Poetry Slam bietet Raum für Kritik, Ironie, Sarkasmus in positivem Sinne, um Punkte transparent zu machen.“ Björn Högsdal lobt  begeistert das hohe Niveau und die Vielfalt der Texte. 

Ungewöhnliche Adventsfeier

Ein Bild wird Thole für immer im Kopf behalten: Wie sich bei der Adventsfeier unzählige Mitarbeiter, so viele wie noch nie, dicht gedrängt in der Innenhalle von BTC versammeln und mit selbst gebastelten Plakaten den Kollegen zujubeln. Jeder Beitrag wird mit viel Applaus bedacht.  Thole empfindet eine positive Anspannung bei seinem Bühnenauftritt, vergisst dabei sogar seine Vorstandsposition. Doch beim Applaus denkt er plötzlich darüber nach, wieviele Mitarbeiter wohl nur deshalb länger klatschen, weil er der Vorstand ist. Reflexion ist auch eine Erfahrung.

Ann Cathrin Bach hat eine Doppelrolle, steht auf der Bühne und sitzt im Publikum. Auch sie spürt eine gewisse Aufregung, fühlt sich aber zugleich getragen von der begeisterter Atmosphäre im Saal und der Anerkennung, die ihr Kollegen für Ihren Text und ihre Präsentation spenden. Es bleibe bei ihr eine positive Grundstimmung vom Poetry-Slam zurück, eine Begeisterung, die nachwirkt. Das Ziel, bei der Adventsfeier Aufbruchsstimmung für 2018 zu erzeugen, ist ganz klar aufgegangen, meint Nele Tiemeyer. 

  Interview bei BTC (von links: Björn Högsdal, Dirk Thole, Nele Tiemeyer, Ann Cathrin Bach, Antje Hinz © Foto: Katarina Plener, BTC AG

Ausblick: Was Kunst bewegt

Als Ermutigung für andere Mitarbeiter werden nun kurze Filme der Poetry-Präsentationen ins Intranet oder auf die Yammer-Plattform gestellt. Kollegen können dort die angesprochenen Themen aufgreifen, kommentieren, durchdenken, weiterentwickeln. Thole sieht im Poetry-Slam-Projekt viel Potential, um Dinge besser zu machen – immer mit Blick nach vorn. Die Texte sind eine Art Gedächtnisstütze, um sich brachliegenden Herausforderungen bei BTC konsequenter zu widmen.

Dinge neu oder bewusst anders zu machen, genau das können Kunst und speziell das Format Poetry-Slam anstoßen: „Wir brauchen Kreativität, um Innovationen zu fördern, um am IT-Markt, der sich rasant verändert, weiterhin mithalten zu können.“ Menschen hätten ja auch Emotionen und dürften nicht immer nur auf der sachlogischen Ebene agieren und angesprochen werden. „Kunst verbindet! Wir brauchen Kunst bei BTC als verbindendes Element, weil bei uns Teamarbeit sehr stark im Vordergrund steht.“

Nele Tiemeyer ist erleichtert und zufrieden: „Die Erfahrungen mit #spokenwork bei BTC und die positiven Reaktionen haben mich im Team Mitarbeiterdialog bestärkt, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen, weil er viel Potential hat.“


Das Podcast-Interview über #spokenwork wurde unterstützt von BTC.

BTC Business Technology Consulting AG Oldenburg ist eines der führenden IT-Consulting-Unternehmen in Deutschland, gegründet im Jahr 2000 mit dem Ziel, Kunden aus den Branchen Energie, Industrie, Telekommunikation und Öffentlichem Sektor ganzheitlich zu beraten: im Bereich Software und IT. BTC bietet vielfältige Dienstleistungen an: von Prozessberatung über Systemintegration bis hin zum Betrieb von IT-Systemen, der Entwicklung von Softwareprodukten und Social Workplace – Beratung in der Arbeitswelt 4.0. Über 1.600 Mitarbeiter arbeiten in 8 Niederlassungen in Deutschland und an 8 Standorten weltweit, u. a. in der Schweiz, in Japan, in Polen, Frankreich, Rumänien und in der Türkei. 

Der Mensch steht bei der BTC AG immer im Mittelpunkt – als Kunde, Partner und als Mitarbeiter. Das Motto von BTC heißt: „Menschen beraten“. Es ist Basis für eine partnerschaftlich geprägte Unternehmenskultur, die auf Fairness, Wertschätzung und Gleichbehandlung setzt. Was das mit dem Projekt #spokenwork zu tun hat, ist im Podcast zu hören. 

Wie die Kunst Wirtschaft und Management den Horizont erweitert

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kunst beflügelt Wirtschaft. Weil sie Kommunikation fördert, Regeln bricht, Routinen hinterfragt, motiviert und dabei hilft, auch langfristige Ziele fokussiert zu verfolgen. Noch immer gibt es viel Erklärbedarf, noch immer wollen Wirtschaft und Management von der Wirksamkeit von Kunst überzeugt werden. Doch großartige und erfolgreiche Projekte ermutigen zum Weitermachen. Ein neues Buch „Wirtschaft trifft Kunst“ gibt Einblicke.

Haltung, Weitblick, Standhaftigkeit

Neue Ideen kommen nicht leicht in die Welt. Wer Dinge anders macht, wird nicht automatisch mit offenen Armen empfangen. Künstler, die Neues schaffen, werden nicht gleich auf Anhieb verstanden. Sie machen dennoch weiter, häufig gegen Widerstände. Sie sind mutig,  entschlossen, zeigen Haltung. Eines Tages werden sie – so bleibt zu hoffen – für ihren Weitblick und ihre Beharrlichkeit bewundert, so wie Mahatma Gandhi es einst sagte: “Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Künstler als VUCA-Meister

Künstler tragen viele besondere Fähigkeiten in sich. Sie sind ihrer Zeit häufig ein Stück voraus. Die VUCA-Welt, in der nichts mehr verlässlich und voraussagbar ist und gerade in der Wirtschaft heiß diskutiert wird, haben Künstler schon immer erlebt. Sie haben eigene Strategien und Widerstandskraft entwickelt, Resilienz. Unsicherheit und Krisen sind nach wie vor Alltagsbegleiter von vielen Kreativen. Angestellte und Beamte in „bürgerlichen“ Berufen machen erst seit kurzem vergleichbare Erfahrungen. Der technologische und digitale Wandel wird weitere tiefgreifende Veränderungen in unser berufliches und privates Leben tragen.  

Künstler sollten daher in der agilen Welt als VUCA-Meister wirken, als Alltagscoaches, um sowohl Mitarbeitern als auch Führungskräften Wege aus der Unsicherheit zu zeigen. Künstler können Methoden und Möglichkeiten vermitteln, wie sich Unbekanntem offen, neugierig und mutig begegnen lässt. Wer an Althergebrachtem festhält, verhindert Innovationen. Die Band „Die STERNE“ singt (1999): „Wir müssen nichts so machen, wie wirs kennen, nur weil wir’s kennen, wie wir’s kennen.“ Wir brauchen kreative Pionieren, die neue Wege gehen. Denn: „Dort, wo alle gehen, wächst kein Gras.“ (Frank und Patrick Riklin, Atelier für Sonderaufgaben)

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Wirtschaft trifft Kunst

Die Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin Ulrike Lehmann kennt beide Welten. Mit ihrer Agentur art-coaching trägt sie Kunst in Unternehmen, gibt in Vorträgen und Seminaren Einblicke in die aktuelle Entwicklungen, in den Kunstbetrieb und den Kunstmarkt.

Nun hat Lehmann ein umfangreiches Buch mit 580 Seiten herausgegeben: Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut. (Springer Gabler 2017). Im Vorwort gibt sie einen Überblick über die Geschichte des Mäzenatentums seit der Antike über die Renaissance bis in die Gegenwart. Sie listet wichtige Kunstvermittler, Sammler und Sammlungen auf und zeigt, warum Kreativität und Kommunikation Schlüsselkompetenzen unserer neuen digitalen Arbeitswelt sind. Sie führt in Ateliers, befragt Künstler (Warum sind Sie Künstler geworden? Gab es eine Initialzündung? Warum macht Kunst glücklich?), berichtet über ihre eigene Arbeit als Kunstvermittlerin, über kunstbasiertes Coaching von Führungskräften und Mitarbeiterteams, über die Bedeutung von Räumen und erklärt, wie unternehmensbezogene Kunstkonzepte und Kunstsammlungen konzipiert, erstellt und realisiert werden sollten.

Künstler als Problemlöser

Lange hat sich die Wirtschaft lediglich ornamental mit Kunst geschmückt. In den letzten Jahren werden Künstler nun stärker als Gestalter in die Gesellschaft integriert. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Kreativen agieren auch in diesem Bereich frei, d. h. sie dürfen weder funktionalisiert noch instrumentalisiert werden, sondern bringen ihre individuellen besonderen Fähigkeiten ein, Zukunft vorherzusehen und weiterzudenken. In Design Thinking-Prozessen z. B. fokussieren sie mit Empathie die Nutzerperspektive und tragen mit Kreativität, Ideenreichtum, Mut und Schöpferkraft zur Lösung von Problemen bei. Im Rahmen künstlerischer Interventionen begegnen Kreativschaffende unternehmerischen Fragestellungen und Herausforderungen mit künstlerisch-kreativen Methoden.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kollaboration

Kunst lebt von Kollaboration, von multidisziplinärem Denken und Handeln, von Improvisation, Perspektivwechsel, verschiedenen Sichtachsen und Lebenswelten. Folgerichtig hat Lehmann 30 weitere Autoren eingeladen, über das vielseitige Beziehungsgeflecht Kunst und Wirtschaft zu schreiben, darunter neben Künstlern und Kunsthistorikern auch Wirtschaftsexperten und Wissenschaftler, Firmeninhaber und Geschäftsführer.

In fünf Kapiteln nähern sie sich u. a. folgenden Themen und Praxisbeispielen:

  1. Kunst im Personalwesen: Management und Kunst, Werte, Worte, visuelles Denken
  2. Der (Mehr-)Wert von Kunst: materielle und immaterielle Werte, Kunst als Wirtschaftsfaktor, Verteilungskämpfe auf dem Kunstmarkt und freier Eintritt
  3. Kunstsammlungen in Unternehmen: Kunst zur Repräsentation und Kommunikation, als Teil von Unternehmenskultur, Kunst und Mode, Gegenwartskunst
  4. Kunst am und im Bau: Kunst und Raum, künstlerische Konzepte
  5. Kommunikation, Marketing und Kunst: kommunikative Wirksamkeit, Kunst und Marke, Business Artist – der Künstler als Unternehmer
  6. Ausblick: Projekte von Kunst in Unternehmen: Impulse für Kommunikation, Innovation, Umdenken und Wandel in der Unternehmenskultur

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Wert und Wirksamkeit von Kunst

Der Künstler Hermann J Kassel (S. 171-187) möchte mit Kunst Veränderungsprozesse im Unternehmen unterstützen, die Kommunikation fördern und den Teamgeist stärken. Kunst kann abstrakte Dinge verdeutlichen, die durch Worte allein nicht transportiert werden können. Wie lässt z. B. Digitalisierung konkret fassbar machen? Kunst hilft dabei, Dinge zu emotionalisieren, sie haptisch be-greifbar machen, damit wir sie verstehen und verinnerlichen. Beispiel Unternehmenskultur: Sie kann nicht von oben nach unten „verordnet“ werden. Sie ist lässt sich schwer beschreiben, ist dennoch immer da, lebt durch Menschen bzw. Mitarbeiter, durch ihr Selbstverständnis und ihre Wertvorstellungen.

In seinem Projekt „Erd-Arbeiten: Verwurzelung – Veränderung“ macht Hermann J. Kassel deutlich, dass Unternehmenskultur etwas mit Verankerung und Basis zu tun hat. Manager eines Getriebeherstellers von verschiedenen Niederlassungen wurden im Vorfeld der künstlerischen Intervention gebeten, Erde von ihren Heimat-Standort mitbringen. Gemischt mit Erde vom Stammsitz sollte der Humus für die „Basis-Kultur“ entstehen, der Humus für Kontinuität und Wandel. Durch haptische Begreifen konnten die Manager mit eigenen Händen erfahren, wie Veränderungsprozesse von der Basis aus wachsen, dass diese Selbst-Vergewisserung, Selbst-Bewusstsein und Standfestigkeit überlebenswichtig sind – gerade im Umfeld von Globalisierung und Vielfalt.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kunst als Kommunikationsmittel

Geschäftsführer Jochen Kienbaum schildert im Buch (S. 327-340), wie sich an den Kunstwerken in den Büroräumlichkeiten der Personal- und Managementberatung Kienbaum Consultants häufig inspirierende Gespräche mit Kunden, Geschäftspartnern, Mitarbeitern, neuen Bewerbern und Kandidaten entzünden. Mit dem Wahrnehmen und Sprechen über Kunst können Interessen, Kenntnisse und Wertvorstellungen ausgetauscht werden. Am Kunstobjekt treffen sich die Ansichten und Vorlieben oder gehen weit mit Irritation bzw. Unverständnis weit auseinander.

Kunst ist ein praktisches Hilfsmittel für das intensive gegenseitige Kennenlernen. Der Informationsgehalt von Kunstgesprächen geht über normale sachliche Gespräche hinaus. Ein besonderes Format ist der gemeinsame ArtWalk, zu dem Kienbaum auf der Kunstmesse ArtCologne einlädt. Neue Sicht- und Denkweisen möchte die Beratungsagentur mit der Herausgabe von Künstlerbüchern eröffnen.

Urteilsvermögen mit Kunst schärfen

Der Textilunternehmer, Wirtschaftsethiker und Kunstsammler Thomas Rusche erläutert in seinem Artikel (S. 341-365), inwiefern Kleidungskultur und Kunstförderung die Identität seines Unternehmens SØR Rusche prägt. Schönheit entsteht im Auge des Betrachters. Doch das Urteilsvermögen über Qualität lässt sich gerade an Kunstwerken schärfen, wie Rusche zeigt. Lieblose Massenproduktion versus kenntnisreicher handwerklicher Fertigung. Was sollte bewahrt werden und wo schafft Erneuerung Mehrwert und Sinn, etwa durch den Einsatz von Hightech-Materialien? Erfreulich ist, dass Rusche auch ethisch-moralische Aspekte einbezieht und kurzfristige Gewinnmaximierung in Frage stellt. Wirtschaft trägt heute auch Verantwortung, nicht nur für sich selbst, sondern für die Gesellschaft. SØR bzw. Rusche richtet die Berliner Salongespräche der Sophisten aus und diskutiert mit Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur aktuelle und relevante Themen der Zeit. Er finanziert Kunst und Künstlerförderung, unterstützt Projekte in Indien, die Forschungsgruppe Ethik und Wirtschaft im  Dialog (EWD), lädt regelmäßig zu Kunstgängen durch die SØR Rusche Sammlung in Oelde und Berlin ein und vermittelt seine Ideen und Werte auf dem Blog Kleidungskultur SØR.

 © Frank Radel, Pixelio.de 

Kunst am Bau

Wie entfaltet sich Kunst nicht nur intern in den Räumlichkeiten der Unternehmen? Wie wirkt und strahlt Unternehmenskultur in den öffentlichen Raum hinein? Über Architektur und Lichtinszenierungen beziehen Unternehmen Position, verleihen ihrer Identität und ihrem Selbstverständnis nach außen hin Sichtbarkeit. Im Buch wird am Beispiel des  Europäischen Patentamtes (EPA) in München u. a. die Farborgel des Schweizers Beat Zoderer vorgestellt. Gerade eine international tätige Institution steht vor einer besonderen Herausforderung, über die Kunst zwischenstaatliche Beziehungen und ein friedliches Zusammenleben zu transportieren.

Erkenntnisse

580 Seiten und 30 Autoren bieten einen weiten, vielseitigen Blick auf das Thema „Wirtschaft trifft Kunst“. Der Fokus des Buches liegt auf dem enger gefassten Begriff der bildenden Kunst (nicht: Musik, Tanz, darstellende Kunst u.s.w.), auf unternehmenseigenen Sammlungen und ihren Initiatoren sowie auf den Themen Kunst als Marke, Marketing- und Kommunikationsmittel. Hin und wieder wird auf die gesellschaftsgestaltende bzw. strukturell verändernde Kraft von Kunst verwiesen wird (siehe Hermann J. Kassel).

Was mir persönlich fehlt, sind aktuelle Stimmen abseits der Führungsetagen von Mitarbeitern an der Basis. Gerade deren Persönlichkeitsentwicklung und Motivationsschub durch Kunst wäre besonders aufschlussreich (siehe Filminterviews Mensch und Maschine / Atelier im Unternehmen): Was gibt „normalen Mitarbeitern“ die Begegnung mit Kunst im Unternehmen? Welche Gefühle, Gedanken, Stimmungen lösen Kunstwerke aus? Welche Irritationen oder Aha-Effekte hat Kunst bei Ihnen befördert? Angeboten hätte sich dies etwa im Beitrag über die Aktivitäten der Wimmelforschung für die Innovationsetage Platform 12 von Bosch. 

Kunst muss ihre Relevanz ständig unter Beweis stellen. Daher sollte ihre Breitenwirkung in alle Unternehmensebenen und Etagen nicht außer Acht gelassen werden. Lehmann verweist z. B. auf ein „Kunstexperiment“ bei Bayer von 1979/80, bei dem der Kunsthistoriker Max Imdahl gemeinsam mit Arbeitern über Werke abstrakt-konkreter Kunst diskutierte (S. 44). Interessant wären aktuelle Beispiele, etwa auch zu Corporate Volunteering – angeregt durch Kunst. Ungeachtet dieses kleinen Wermutstropfens ist die Fülle der zusammen getragenen Beispiele verdienstvoll. Jedem Artikel ist eine kurze Zusammenfassung vorangestellt, die neben dem Inhaltsverzeichnis einen ersten Überblick gibt. Eine zusätzliche Orientierung hätte ein Schlagwort-Verzeichnis am Ende des Buches liefern können.

Diese Autoren haben sich mit Beiträgen beteiligt:

Carsten Baumgarth, Stephan Berg, Dirk Boll, Michael Brater (& Anne von  Hoyningen-Huene), Friedrich Conzen (mit Julia Ritterskamp und Olaf Salié), Judith Dobler, Thomas Drescher & Maren Geers von Wimmelforschung, Stephan Frucht, Thomas Huber, Michael Jäger, Hermann J Kassel, Jochen Kienbaum, Barbara Kotte, Ulrike Lehmann, Rupprecht  Matthies, Alexander Marzahn, Hans-Dietrich Reckhaus, Thomas Rusche, Roland Schappert, Agnes Dominique Schofield, Kristine Schönert, Martin Seidel, Thomas Steinruck, Wolfgang Ullrich, Hubertus von Barby, Heike Weber, Stephan Zilkens.

Quelle: Ulrike Lehmann (Hg.): Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut. Springer Gabler 2017.

  © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Künstler in Unternehmen!

So wie es früher einen Narren am Hof gab, der außerhalb aller Regeln agieren und die Mächtigen kritisieren durfte, der die Ereignisse im Staat mal humorvoll, mal zynisch kommentieren konnte, so sollte heute jedes größere Unternehmen einen unabhängigen „Corporate Artist“ engagieren. Künstler in die Wirtschaft! Jedoch nicht ornamental zum „Aufhübschen“, sondern strukturell zum Mit- oder Umgestalten, zum Beobachten und Hinterfragen, als Gast in der Vorstandssitzung und im Kundendialog, als aufmerksamer Zuhörer bei Gesprächen mit Mitarbeitern und Führungskräften, zum Intervenieren, Ästhetisieren, zum Regeln brechen und Ideenschmieden. Alle großen Projekte und Kunstwerke beginnen mit einer kleinen Idee …

„Lernen wir von Künstlern, für sie sind verschiedene Methoden selbstverständlich, die wir in der Wirtschaft gut brauchen können. Zum Beispiel die Methodik des Perspektivenwechsels!“ Klaus Starch, eh. Finanzvorstand der eh. Gericom AG und der dp Projektform AG (siehe auch turn-around)

Transforming smArt

Inspirierende Workshops und interessante Impulse zum Thema „Künstler in die Wirtschaft“ bietet auch die Theaterpädagogin Katrin Sasse mit ihre Projekten Transforming smArt – House of Change und Training mit Theater

 © S. Hofschlaeger, Pixelio.de 

Master-Arbeit über Künstlerische Interventionen in Unternehmen

Kürzlich fragte der Master-Student Andreas Hötzel bei mir ein Interview an. Er wollte mich als Expertin zum Thema „Kunst als Intervention“ befragen. Für eine Studienarbeit an der Hochschule München im Master-Studiengang „Business Innovation & Management Consulting“ beschäftigt er sich gemeinsam mit drei Kommilitonen mit diesem Thema, um einen Beratungsansatz zu entwickeln, der künstlerische Interventionen berücksichtigt. Im Gespräch geht es um diese Fragen:

  1. Wie hat sich die künstlerische Intervention in der Wirtschaft in den letzten Jahren entwickelt?
  2. Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung/Nachfrage/Potentiale ein? Gibt es dazu Zahlen?
  3. In welchen Bereichen bzw. Projektphasen wirkt die künstlerische Intervention am effektivsten? Wie genau wirkt sie?
  4. Was macht den Einsatz von Künstlern im Unternehmenskontext im Vergleich zu anderen Vorgehensweisen besonders bzw. effektiv (in Bezug auf die Qualität der Wirksamkeit)?
  5. Worin sehen Sie die wirtschaftliche Bedeutung/Nutzen der künstlerischen Intervention aus Unternehmenssicht?
  6. Wo sehen Sie die Grenzen der künstlerischen Intervention?

Mehr dazu im folgenden Podcast-Interview mit Andreas Hötzel!

Die menschliche Seele: Eine Novelle über Kreativität und künstliche Intelligenz

  © MassivKreativ

Vor langer, langer Zeit schuf der Mensch sich nach seinem Abbild einen Golem. Die Nachbildung aus Lehm sollte ihm als Helfer, Freund und Befreier dienen. Einmal in der Woche erweckte der Mensch seinen Golem zum Leben. Doch einmal vergaß es der Mensch, was den Golem so erzürnte, dass er außer Kontrolle geriet und großen Schaden anrichtete. Der Mensch stellte den Golem ruhig und erweckte ihn fortan nie wieder zum Leben. Viele Jahre vergingen…

Der Traum vom künstlichen Menschen blieb

…. bis die Idee neu aufkeimte. Diesmal sollte das Wesen klüger und vernünftiger sein als sein Vorgänger. Und so schufen sich die Menschen einen Super-Computer und nannten ihn „Watson“. All das, was die Menschen bis dahin gelernt hatten, flößten sie Watson ein, der nun nicht mehr aus Lehm, sondern aus Platinen und Prozessoren bestand. Unersättlich verschlang Watson das Wissen der Welt als Datenvolumen und verdaute es als Bits und Bytes. Und die Menschen bewunderten seine strahlende Intelligenz.

Anfangs übernahm Watson nur Rechenaufgaben, die dem Menschen zu mühsam und langwierig waren. Doch dann wagten die Menschen ein Experiment. Sie fütterten den Computer mit Kunst. Und siehe da: auch Musik, Klänge, Texte, Objekte, Bilder und Pinselstriche zerlegte Watson in seinen Eingeweiden fein säuberlich in Nullen und Einsen, vernetzte sie auf seine Weise und spuckte sie als neue Werke wieder aus: Musik, Fotos, Bilder, Skulpturen, Gedichte und Geschichten. Die Menschen erschraken: Konnte ein künstliches Wesen tatsächlich kreativ sein – so wie sie selbst – oder gar besser?

… Und die Menschen diskutierten: Konnte es ein Super-Computer mit einem echten Künstler aufnehmen? Könnten die Menschen unterscheiden, ob der Urheber aus Fleisch und Blut  oder Platinen bestand? Könnte ihr Urteil gar bewertend in „besser“ oder „schlechter“ ausfallen? Und wie war es mit den Emotionen: Vermochten die Schöpfungen des Super-Computers die Menschen anzurühren, zum Weinen, zum Lachen und zum Nachdenken bringen? Und die Menschen schauten und lauschten, lasen und fühlten und: waren uneins. Bis ein kleines Mädchen beide Schöpfer nacheinander fragte: „Und wie ist Dein Werk entstanden?“ Der menschliche Künstler lächelte, beschrieb sein Wollen, Streben und Tun innerlich erregt mit leuchtenden Augen und fesselnden Worten. Er schilderte seine Inspirationen in schillernden Beispielen und seine Botschaft mit mitreißender Kraft. So viel Herzblut sei geflossen, so viel Zweifel, so viel Leidenschaft …

Und Watson?

… spulte beflissen seine Nullen und Einsen ab. „Der hat ja gar keine Seele!“, rief das kleine Mädchen enttäuscht. Da wandten sich die Menschen von Watson ab … Doch das war Watson egal. Er wertete die menschliche Ignoranz in seinem unaufhaltsamen Optimierungsplan als Fehler, als Störfaktor, und eliminierte die menschlichen Kreaturen.

Sie wünschen sich ein glückliches Ende?

Wie die Geschichte ausgeht, haben wir selbst in der Hand, übrigens: Jede/r von uns!

Eine Novelle von Antje Hinz, Erstveröffentlichung, Hamburg, April 2017.

Mehr zum Thema: 

Ist es das Ende unserer menschlichen Kreativität, wenn selbstlernende Maschinen zeichnen, komponieren, schreiben und kochen können? Ganz und gar nicht! Mit visionärem Vorausdenken, mit Haltung, Gewissen und Empathie machen wir Menschen uns unersetzlich! Zum Artikel: Wie kreativ sind Künstliche Intelligenzen wie Watson und Co? 

Wieviel Seele hat diese Kunst: Entscheiden Sie selbst!


Roboter-Kunst von cover-video-deutsch

Warum können die das? Künstler als Gesellschaftsgestalter

 © Marina Wiblishauser, pixelio.de 

Wie und wofür setzen wir unsere Kreativität ein? Bei der Beantwortung dieser Frage geht es vor allem um „innere Haltung“ und um „Gewissenhaftigkeit“. Wir müssen uns über die Folgen unseres Handelns bewusst werden. Kreativität besteht nicht nur in ästhetisch-gestalterischen Kompetenzen.  Künstler und Kreativschaffende sind daher vielseitige Gesellschaftsgestalter. 

Reflexion unseres Handelns

Über den Start eines gentechnischen Projektes entscheidet eine Ethikkommission. Bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz, bei Biohacking, transhumanistischen Selbstversuchen und Kryonik-Experimenten steht eine vergleichbare Kontrollinstanz noch aus, obwohl die Konsequenzen derzeit nicht absehbar sind. Sebastian Feucht ist Spezialist für ökointelligente Gestaltung und Vorsitzender des Sustainable Design Center e.V. und prägte den Begriff enkelfähig für zukunftsgerichtetes Design: „Enkelfähige Produkte sind so konzipiert, dass unsere Enkel die gleichen Chancen haben wie wir hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs und hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit.“

 © knipseline, pixelio.de 

Was Künstler und Entrepreneure verbindet

Verantwortungsbewusste Kreativschaffende und Gründer von Sozialunternehmen nutzen Kreativität auf ähnliche Weise wie Künstler. Wirtschaftsprofessor Günter Faltin, Autor des Buches „Kopf schlägt Kapital“, erklärt es so: „Für mich ist der Entrepreneur näher am Künstler als am Business-Administrator, am Verwalter. In der postindustriellen Gesellschaft können wir mit unseren Bedürfnissen mehr von Kunst lernen und uns an ihr orientieren als von einer Ökonomie mit Gewinnmaximierung … Kunst und Kunstbetrachtung können z. B. bei der Produktentwicklung helfen. Man kann an einem Kunstwerk systematisch erklären und erproben, wie man zu den Prinzipien des Entrepreneur-Designs gelangt.“ Wirkprinzipien der Kunst sollten also beherzter auf das Leben und die Gestaltung der Gesellschaft übertragen werden.

Wie Künstler fühlen und denken

Für den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck ist Empathie eine wichtige künstlerische Kompetenz „Ich glaube, dass Menschen, die ein Herz haben, es auch für Mitmenschen haben. Indem Künstler uns in unserer Ganzheit ansprechen, unsere Gefühle und unser Herz, erwachen in uns auch Bestrebungen, die über uns hinausgehen. Das Mitmenschliche ist vielleicht vorpolitisch, wirkt sich aber politisch aus. Zuwendung heißt politisch ‚Solidarität‘. Eines erwächst aus dem anderen, ohne dass der Künstler sagen muss, ich bin ein politischer Aktivist.“

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de 

Warum wir kreative Menschen mit Haltung brauchen

Viele meiner auf MassivKreativ gesammelten Fallbeispiele zeigen Künstler und Kreative als Forscher, Vor- und Querdenker, als Visionäre und Zukunftspioniere, als Aktivisten, nicht zuletzt im Umgang mit Vielfalt. Sie haben die Fähigkeit, gesellschaftsgestaltend zu wirken, weil ihre Kreativität nicht allein in der Kunst gefangen ist. Die Innovationsforscherin Ursula Bertram vergleicht die Haltung von Künstlern mit einer Haut, in die man nach und nach hineinwächst. Dies brauche Zeit, Willen und Ausdauer: „Mit einer künstlerischen Haltung kann man nicht nur Bilder malen, sondern auch andere Prozesse begehen in ganz anderen Fachgebieten. Man kann damit auch in die Wissenschaft, in die Wirtschaft, überall hin … Wenn ich einem Künstler die Bilder wegnehme, dann bleibt das künstlerische Denken übrig und das ist die Essenz, die ich auch auf andere Gebiete anwenden kann …“

Kompetenzen von Künstlern zur Gesellschaftsgestaltung

Kreativität ist eine ständige Begleiterin von Künstlern, sie ist innere Triebkraft, häufig Überlebensstrategie und „Daseinsform“, denn – so schreibt der Psychologe Daniel Golemann, „Menschen, die kreativ sind, denken ständig über das Gebiet nach, auf dem sie arbeiten“.
Im Dokumentarfilm Coda spricht der japanische Pianist Ryuichi Sakamoto über die Fähigkeit des Vorausdenkens und Vorhersehens: „Künstler sind wie Kanarienvögel im Bergwerk. Sie spüren das Unheil, bevor es geschieht.“  
Künstler sollten in vielen Bereichen unserer Gesellschaft zu Beratern werden. Warum? Künstler und Kreative sind Überlebensstrategen, von denen sich vieles lernen lässt. Die von mir zusammengestellte Übersicht vielfältiger Eigenschaften und Kompetenzen zeigt im Detail, woran sich die besondere Haltung von Kreativen festmachen lässt:

  • Offenheit, gedankliche Freiheit, Neugierde, Wissbegierde 
  • Freude an Recherchen und Fragen: Wer fragt, führt!
  • Zuhören können, Interesse an neuen Blickwinkeln
  • Fähigkeit zu Perspektiv- und Rollenwechseln
  • Mut, originell und einzigartig zu sein und gegen den Strom zu schwimmen
  • Mut, Routinen zu hinterfragen und aufzubrechen, Dinge anders zu machen
  • Mut zum Risiko, Fehler zu machen, Irrtümer in Kauf zu nehmen
  • Fähigkeit zu nichtlinearem, und themenübergreifendem Quer- und Hybrid-Denken  
  • Freude und Interesse am lebenslangen Lernen
  • Offenheit für Vielfalt, interdisziplinäre Kollaboration, Komplizenschaft
  • spielerische Freude am Ausprobieren, Erproben von Ungewöhnlichem und Neuem
  • Verantwortungsbewusstsein, Sinnhaftigkeit, Gemeinsinn
  • Empathie, Humor, Leidenschaft, Begeisterung
  • Konzentration, Fokussierung
  • Überzeugungskraft, Willenskraft
  • Fähigkeit zu reflektieren, zu abstrahieren, mit Kritik umzugehen
  • Beharrlichkeit, Ausdauer, Resilienz bei Widerständen und Rückschlägen
  • Experimentierfreude, Improvisationsgeschick, z. B. bei Beschränkungen („Effectuation“)
  • Inspirationskraft, Motivationskraft, Überzeugungskraft, Willenskraft
  • Optimismus, positive Lebenseinstellung
  • Intuition, Vorstellungskraft, visionäres Denken
  • Geschichten des Gelingens zu erzählen und damit Mitstreiter zu finden  

 

Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

710139_web_R_K_B_by_I-vista_pixelio.de © I-vista, pixelio.de

„Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln“

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) wird oft von ideologischen Grabenkämpfen bestimmt.  Im 2. Teil der Reihe werden die Thesen prominenter Befürworter vorgestellt, best-practice-Projekte, die den Erfolg des BE darlegen, sowie künftig geplante Projekte mit dem BGE zum Weiterlesen. In Teil 3 geht es dann um Effekte und Wirkungen des BGE auf die Kreativbranche und damit für die gesamte Gesellschaft.

Befürworter von bedingungslosem Grundeinkommen und ihre Thesen

Daniel Häni, Unternehmer und Enno Schmidt, Künstler: Protagonisten der Schweizer „Initiative Grundeinkommen“ von 2006. 2008 entstand ihr Film Grundeinkommen – ein Kulturimpuls. 2012 lancierte Häni gemeinsam mit anderen die Schweizer Volksinitiative „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ und schrieb gemeinsam mit Philip Kovce das Buch zur Abstimmung: „Was fehlt, wenn alles da ist?“ Häni glaubt, dass BGE sei mehr eine Frage des Vertrauens als eine Frage des Geldes: „Das bedingungslose Grundeinkommen ist die humanistische Antwort auf den technologischen Fortschritt.“ Am 5. Juni 2016 haben die Schweizer im Rahmen einer landesweiten Volksinitiative über ein bedingungsloses Grundeinkommen abgestimmt:  76,9 Prozent sind gegen ein BGE, 23 Prozent dafür. Für Daniel Häni ist es dennoch ein moralischer Sieg.

Thomas Straubhaar, eh. Direktor des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI), kritisiert am derzeitigen System, dass die Sozialbudgets zu überwiegendem Anteil durch Sozialbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber über die Lohnnebenkosten finanziert werden. Dies wirke wie eine „Strafsteuer auf Arbeit“, belaste einseitig die Schultern der Arbeitskräfte, während auf Maschinen, Automaten und Importe keine Sozialbeiträge erhoben würden. „Künftig werden Roboter nicht nur Autos montieren, sondern auch Loks fahren und Menschen operieren. Das erfordert einen neuen Sozialstaat und ein Grundeinkommen für alle.“ Die ZEIT

Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG, sieht das BGE als Antwort auf die Veränderungen der Arbeitswelt. „Ein bedingungsloses Grundeinkommen kann eine Grundlage sein, um ein menschenwürdiges Leben zu führen … Wir müssen unsere Gesellschaft absichern. Deswegen die Idee des Grundeinkommens … Es könnte eine Lösung sein – nicht heute, nicht morgen, aber in einer Gesellschaft, die sich durch die Digitalisierung grundlegend verändert hat.“ ZEIT

Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, sieht das BGE als soziale Absicherung für jene Menschen, die „auf der Strecke bleiben, weil sie mit der Geschwindigkeit auf der Welt einfach nicht mehr mitkommen“. Es sei wichtig, „dass die Menschen versorgt sind …  eine Art Grundeinkommen (wird) völlig unvermeidlich sein“. SZ-Wirtschaftsgipfel

Götz Werner, Gründer und eh. Geschäftsführer von dm-drogerie markt, plädiert in seinem Buch „Einkommen für alle“ für eine Konsumsteuer anstelle einer Einkommenssteuer. Denn: man müsse das Ergebnis der Wertschöpfung besteuern, also Produkte und Dienstleistungen, und nicht die Arbeit an sich. Werner vergleicht die aktuelle Situation mit einem Obstbaum: Man solle den Baum nicht vor der Ernte fällen. Wer bereits den Anbau von Äpfeln besteuert und nicht erst deren Verbrauch, betreibe „Knospenfrevel“. Und wer den Lohn der Apfelpflücker besteuere, schmälere ihre Bezahlung und damit ihre Kaufkraft. Mit der Einführung der Konsumsteuer und des BGE bei Abschaffung der Einkommen- und Lohnsteuern, so Werner, würde menschliche Arbeit endlich gesamtwirtschaftlich mit der Maschinenarbeit gleich gestellt.

Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Gemeinschaftsbank sieht das Grundeinkommens vor dem Hintergrund des heutigen Verteilungsproblems positiv: „Es gibt viel zu tun, aber die Aufgaben finden nicht zu den Menschen, die sie erledigen könnten und die Menschen finden nicht die Aufgaben, die sie erfüllen wollen. Dabei wollen sich viele gerne einbringen.
Gleichzeit gibt es zu viel Geld, das sich wenige Besitzer konzentriert und bei vielen Menschen nicht ankommt. Zudem produzieren wir ein Überangebot an Produkten und schmeißen vieles weg, während anderweitig gehungert wird.
Bei diesen Verteilungsfragen könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen ein neues Denken und neue Wege ermöglichen.” Wirtschaft für Grundeinkommen

Georg Schürmann, Geschäftsleiter der triodos Bank geht der Frage nach, wie die Arbeit der Menschen in Zukunft aussehen wird, gerade wenn im Zuge zunehmender Digitalisierung immer mehr Tätigkeiten von Robotern und Software übernommen wird und sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. „Deswegen brauchen wir neue sozialpolitische Systeme, die eine sinnvolle Umverteilung ermöglichen. In diesem Diskurs sollten wir die Idee des Grundeinkommens ernst nehmen.“ Wirtschaft für Grundeinkommen

Adrienne Goehler, Publizistin und Kunst-Kuratorin, ehemalige Präsidentin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, sie war Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin und Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds. Zum BGE sagt sie: „Deutschland hat ein enormes kreatives und kulturelles Potenzial. Der Skandal ist: Es wird nicht zum Wohle der Gesellschaft genutzt. Wissenschaft und Künste bleiben im Ghetto, die Politik schottet sich ab. In ihrem gemeinsamen Buch mit Götz Werner „1000 € für jeden“ zeigt sie Alternativen.

Denis Bartelt, Geschäftsführer und Gründer der crowdfundingplattform startnext glaubt fest daran, dass ein BGE in der Lage ist, kreatives Potenzial in jedem Menschen freizusetzen: „Dieses Potenzial zu heben, muss Anspruch unserer Gesellschaft im 21 Jh. sein. Ich sehe darin ausserdem die einzige Antwort auf die fortschreitende Entwicklung, die Menschen schon heute dort ersetzt, wo Maschinen besser und effektiver Arbeit verrichten können. Kreativität kann nur gefördert werden, wenn die Existenz gesichert ist. Die Fähigkeit kreativ zu sein, unterscheidet den Mensch von einer Maschine.“ Wirtschaft für Grundeinkommen

Sebastian Koeppel, geschäftsführender Gesellschafter der beckers bester GmbH sieht das Thema BGE vor allem als eine Frage des Menschenbildes: „Unterstelle ich, dass Menschen von ihrer Natur her faule Schmarotzer sind, dann muss ich die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen als Bedrohung wahrnehmen. Bin ich aber der Überzeugung, dass der Mensch (oder zumindest die Mehrheit der Menschen) ein vernunftbegabtes und sinngetriebenes Wesen ist, werde ich an dem Gedanken eines bedingungslosen Grundeinkommens gar nicht vorbeikommen! Ich habe mich entschieden! Aus meiner Sicht sollten wir mit aller Kraft das „Wie“ und nicht  mehr das „Warum“ diskutieren!“ Wirtschaft für Grundeinkommen

Wolf Lotter, Historiker, Journalist, Mitbegründer des Wirtschaftsmagazins brandeins: „Eine Grundausstattung für alle muss garantiert sein. Eine Gesellschaft braucht einen Fußboden, unter den niemand geraten darf.“ brandeins

Bernd Leukert, Vorstandsmitglied von SAP: „Ich bin der Meinung, dass man die Bedingungen für ein faires Einkommen nicht der Wirtschaft überlassen sollte. Hier ist die Politik gefragt, den richtigen Rahmen zu setzen…“ Die FAZ fragte genauer nach: Bis hin zu einem bedingungslosen Grundeinkommen? „Ja, davon würden langfristig auch diejenigen profitieren, die weiterhin höhere Gehälter beziehen. Wenn wir an dieser Stelle nichts tun, droht die Gesellschaft auseinanderzubrechen.“

Richard David Precht, Philosoph: „Für viele Leute wird es infolge der 4. industriellen Revolution keine Verwendung mehr geben. Wir müssen daher unseren Begriff von Arbeit neu definieren und wir müssen so etwas wie ein Grundeinkommen einführen, sonst brechen uns die Binnenmärkte zusammen. Die Wirtschaft kann wohl kaum ein Interesse daran haben, dass es keine Konsumenten mehr gibt oder dass Millionen arbeitslos sind.“ ORF 2

Elon Musk, eh. Mitgründer des Online-Bezahlsystems PayPal, Gründer des Raumfahrtunternehmens SpaceX und Tesla Motors, prognostiziert eine Arbeitswelt mit immer mehr Robotern und künstlicher Intelligenz. Den Regierungen bliebe keine andere Möglichkeit, als den Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen auszuzahlen. Gleichuzeitig könnten sich die Menschen dann interessanteren und komplexeren Aufgaben zuwenden. CNBC

Yanis Varoufakis, griechischer Politiker, hat in seinem Buch „Das Euro-Paradox“ eine Roboterabgabe angeregt, eine Maschinensteuer, die einen Teil des finanziellen Gewinns der Unternehmen durch Technikeinsatz der Allgemeinheit zuführen soll. Darüber hinaus fordert er die Finanzierung des Grundeinkommens aus Kapitalerträgen, also „Gesetze zu beschließen, die … einen gewissen Prozentsatz des Kapitals (Aktien) aus jedem Börsengang in ein Aktiendepot der Allgemeinheit leiten … in ein Grundeinkommen.“ Um jeglicher Unterstellung von Technikkritik vorzubeugen, weist Varoufakis darauf hin, dass es „nicht um einen Protest gegen die Automatisierung (geht), sondern gegen soziale Strukturen, die sie (die Menschen) angesichts der technologischen Innovationen ihrer Lebensperspektiven beraubten.« ND

Jürgen Schmidhuber, Informatiker und Direktor des Schweizer Dalle-Molle-Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz (kurz: IDSIA): „Roboterbesitzer werden Steuern zahlen müssen, um die Mitglieder unserer Gesellschaft zu ernähren, die keine existenziell notwendigen Jobs mehr ausüben. Wer dies nicht bis zu einem gewissen Grad unterstützt, beschwört geradezu die Revolution Mensch gegen Maschine herauf.“ Blick

Neil Jacobstein, Experte für Künstliche Intelligenz: „Noch ist ja nicht klar, wie sich die Automatisierung der Arbeitswelt entwickeln wird. Aber eines steht fest: Diese neuen Geschäftsfelder – in Robotik, Nanotechnologie oder eben auch Künstlicher Intelligenz – werden sehr hohe Gewinne generieren. Daher macht es Sinn, über ein Grundeinkommen nachzudenken. Das würde dann bedeuten, dass jene etwa, die ihren Job verloren haben, sich mit einem Grundeinkommen über Wasser halten und entweder wieder in Ausbildung gehen können oder einfach ihren Hobbys nachgehen können.“ tagesschau

Joseph Beuys, Künstler, plädierte schon lange bevor der Begriff BGE im Umlauf war, für die Idee des Grundeinkommens, als Spiegel-Journalist Peter Brügge den Künstler fragte, was mit den in der Wirtschaft „Wegrationalisierten“ geschehen sollte: „Wenn dann einer ein Apparätchen erfindet, mit dem man 200 Arbeitsplätze spart, dann gibt es ja keine Arbeitsstrittigkeit wie heute. Sondern dann steigen die Menschen aus, um ihre Fähigkeiten höher zu entwickeln. Und sie werden für diese Fähigkeit des Sichentwickelns und Lernens bezahlt in genau derselben Weise, wie sie bezahlt würden für die Herstellung von Besenstielen.“ Spiegel-Interview, 4.6.1984  

Als Sozialstiftung befürwortet auch die deutsche Benckiser-Stiftung Zukunft das BGE: „Aus Bürokratie wird Effizienz. Aus Kontrolle das Vertrauen in die freie Entscheidung des Einzelnen. Und aus dem Bittsteller — egal ob in Kenia oder in deutschen Jobcentern — wird ein Empfänger auf Augenhöhe, der sein Schicksal selbstverantwortlich in die Hand nimmt.“ 

686228_web_R_K_B_by_Maik Schwertle_pixelio.de © Maik Schwertle, pixelio.de

Ausgewählte Praxisprojekte mit BGE

Alaska, Iran, Mongolei

Seit 1976 fließen in Alaska mindestens 25% der staatlichen Rohstoffeinnahmen in den „Alaska Permanent Fund“ (APF). Die Hälfte des jährlichen Gewinnes wird seit 1982 über eine Dividende direkt an die BewohnerInnen Alaskas (ca. 650.000) ausgeschüttet. In der Mongolei soll die Bevölkerung am Verkauf von Bodenschätzen (u. a. Gold, Kupfer) beteiligt werden. Auch im Iran sollen die Bürger an den Gewinnen der Ölförderung beteiligt werden. Pro Person wird zweimonatlich ein Betrag von umgerechnet 80 US-Dollar gezahlt, also 480 US-Dollar pro Person und Jahr. Mehr als 80 % der Iraner haben einen Bewilligungsantrag gestellt.

Brasilien

Seit 2005 bemüht sich die brasilianische Regierung mit staatlichen Programmen, das enorme Armutsgefälle mit Beihilfen zum Familieneinkommen und zur Energieversorgung auszugleichen. Bildung, Arbeit und Wohlstand heißen die Ziele. Dem jeweiligen Haushaltsjahr entsprechend soll das Familienstipendium (Bolsa Família) zuerst die „bedürftigsten Schichten“ erreichen und später graduell auf alle Einwohner ausgeweitet werden.

Kanada

In der Stadt Dauphin der kanadischen Provinz Manitoba erhielten 1.300 Familien zwischen 1975 und 1979 ein staatlich garantiertes Minimaleinkommen. Eine vierköpfige Familien mit weniger als 13.000 Dollar Einkommen im Jahr, erhielt bis zu 5.800 Dollar. Das Ergebnis: Die Menschen arbeiten auch mit dem BGE weiter, waren angstfreier, daher gesünder und motivierter. Das Besondere: Auch Teilnehmer ohne Lohnarbeit erhielten diese Förderung.

Wegen mangelnder Budgets musste das Experiment vorzeitig abgebrochen werden. Erhebungen und Erkenntnisse werden erst seit 2005 im Rahmen der Studie Stadt ohne Armut analysiert und ausgewertet. Die Soziologin Evelyn Forget verglich die Daten der damaligen Bewohner von Dauphin mit denen der damaligen Mitbürger aus den Nachbarstädten. Demnach wirkt sich ein Grundeinkommen in vielerlei Hinsicht positiv auf eine Gesellschaft aus: Teilnehmer mussten seltener zum Arzt, psychische Beschwerden gingen zurück, es gab 8 Prozent weniger Krankenhausaufenthalte. Mehr Jugendliche schlossen die Schule mit dem Abitur ab, weil ihr Lebensunterhalt gesichert war.

714241_web_R_K_B_by_I-vista_pixelio.de © I-vista, pixelio.de

Deutschland

Schleswig-Holstein: Die neue Jamaika-Koalition  aus CDU, Grünen und FDP plant testweise ein Bürgergeld als Pilotprojekt

Brandenburg: Der 2009 von der Stuttgarter Breuninger-Stiftung angekündigte Feldversuch für ein bedingungsloses Grundeinkommens 100 mal Neues Leben – arbeiten in der Uckermark konnte bislang nicht in der ursprünglich geplanten Form stattfinden.

Mecklenburg: In Alt Rehse (Mecklenburgische Seenplatte) hatte die Gemeinschaft Tollense Lebenspark ein Konzept für ein „Grundauskommen“ entwickelt. Die bis zu 40 Lebenspark-Mitglieder wollten Einnahmen über Öko-Seminare, Tierhaltung, Gastronomie und Vermietung generieren. Das Pilot-Grundauskommen finanzierte sich aus Einzahlungen aller Bewohner durch einen prozentualen Teilbetrag aus jedem Einkommen. Weitere Gelder sollten durch  die Stiftung Lebenspark eingeworben und in einem Fond verwaltet werden. Das Projekt scheiterte an unlauteren Einzelinteressen, ebenso das angedachte Modell einer Genossenschaft. Das 2014 eingestellte Projekt litt von Anfang an unter Geldmangel, wie Gutachter feststellten. Die Betreiber des alternativen Wohnprojekts wurden 2015 wegen Kreditbetrugs und Urkundenfälschung zu einer Bewährungs- und einer Geldstrafe verurteilt.

Die private Initiative mein-grundeinkommen.de verlost seit 2014 – finanziert durch Bürger-crowdfunding – ein Grundeinkommen von 1000€ im Monat für ein Jahr. Die Gewinner berichten, wie Sie die Chance für eigenen Projekte genutzt haben. 

Finnland

Im Juni 2015 legte finnische Regierungsparteien in ihrem Koalitionsvertrag fest, als erstes europäisches Land ein Grundeinkommen zu testen. Laut einer Umfrage der finnischen Sozialversicherung befürworten mehr als die Hälfte der Finnen ein Grundeinkommen. In einem zweijährigen Experiment werden ab 2017 die Auswirkungen untersucht. Der Staat zahlt an 2000 ausgewählte Arbeitslose zwei Jahre lang monatlich 560 Euro. Ein Forschungsteam um Sozialwissenschaftler Olli Kangas betreut das Pilotprojekt. Leiterin Toronen sagt in einem Interview in der Wirtschaftswoche: „Viele haben auch ein Unternehmen gegründet. Sie hätten sich das vorher nicht getraut, weil sie keine finanzielle Absicherung hatten.“ Mehr Infos bei der Initiative „Mein Grundeinkommen„. Das Projekt wurde nach nur zwei Jahren im Frühjahr 2018 überraschend eingestellt, wie BusinessInsider berichtet.

Kenia

Mit dem Pilotprojekt GiveDirectly soll ab 2016 etwa 6.000 Bewohnern in etwa 12 Dörfern in Kenia 10 bis 15 Jahre lang ein Grundeinkommen ausgezahlt werden, insgesamt 30 Millionen Dollar, etwa 42 US-Dollar pro Kopf und Monat. Da in Afrika die Lebenshaltungskosten für einen mittleren Haushalt gering sind, kann schon mit diesem überschaubarem Finanzvolumen ein Grundeinkommen an so viele Menschen ausgezahlt werden, wie für eine aussagekräftige Statistik nötig sind. Es wird ohne Gegenleistung und ohne Bedingungen der Geber in die Hände der Empfänger übergeben. Es ist das bislang umfangreichste und längste BGE-Pilotprojekt weltweit. Es wird von Abhijit Banerjee, einem Wirtschaftsprofessor am Massachusetts Institute of Technology und renommierten Entwicklungsökonom, wissenschaftlich ausgewertet. Folgende Fragen sollen u. a gestellt werden: Wie werden sich die Empfänger verhalten? Wie wird sich das soziale Leben in den Dörfern ändern?

Namibia

2008 finanzierten mehrere Organisationen, u. a. Kirchen, Aids-Hilfe und Gewerkschaften, im Dorf Otjivero-Omitara für zwei Jahre ein garantiertes bedingungsloses Grundeinkommen (Basic Income Grant). Anschließend erhielten die vorherigen Teilnhemer für weitere zwei Jahre ein Überbrückungsgeld von monatlich 80 NAD (ca. 8 EUR) aus Spendengeldern. Die Regierung sollte mit dieser Initiative dazu bewegt werden, das Grundeinkommen landesweit einzuführen. Die Bonner Initiative Grundeinkommen hat über das Projekt, seine Auswirkungen und den aktuellen Stand eine Wander-Foto-Ausstellung erstellt mit der Frage: Sind die Erfahrungen aus dem Namibia-Projekt übertragbar? Infolge des Grundeinkommens konnten die Menschen in Namibia sich besser ernähren, sie entwickelten wirtschaftliche Initiativen, die Kriminalitätsrate sank und mehr Kinder konnten zur Schule gehen. Kritische Stimmen allerdings beklagen, externe Personen würden keinen Zugang zu den gewonnen Daten erhalten.

Niederlande

Die niederländische Stadt Utrecht und die niederländische Regierung zahlen seit 2017 ein bedingungsloses Grundeinkommens in Höhe von 960 Euro an 250 arbeitslose Testpersonen.  Die Testgruppe ist unterteilt: die Forscher wollen dadurch mehr über menschliches Verhalten und Eigenmotivation erfahren. In der ersten Gruppe kann ein Arbeitsloser am Monatsende nochmals 150 Euro erhalten, wenn er sich ehrenamtlich engagiert. In der zweiten Gruppe erhält er 150 Euro im Voraus. Wenn er/sie nicht ehrenamtlich tätig geworden ist, muss er/sie den Betrag am Monatsende zurückzahlen. Begleitet wird das Vorhaben von Wirtschaftswissenschaftler Loek Groot von der Universität Utrecht. Er will diesen Fragen nachgehen: Suchen die Menschen dennoch nach Arbeit? Bilden sie sich fort? Werden sie zu Gründern? Ändern sie ihr soziales Verhalten? Steigen oder sinken die Kosten für die Stadt? 

Sambia

Das Projekt der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ (eh. GTZ) wurde 2005 in der Provinz Kalomo initiiert, deren Bewohner stark von Aids betroffen sind. Finanziert werden Familien ohne Eltern bzw. erwachsene Geschwister: Großeltern mit Kindern erhalten eine Direktzahlung ohne jede weitere Bedingung, Das Grundeinkommen bewirkte, dass sich die Gesundheitssituation deutlich verbesserte, die Unterernährung zurück ging und Kinder wieder zur Schule gehen konnten. Statt Geldmissbrauch profitierte die lokale Wirtschaft. Dennoch wurde das Projekt von der GIZ eingestellt.

Schweiz

Am 5. Juni 2016 haben die Schweizer gegen die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens gestimmt. Initiator war die Initiative um Daniel Häni und Enno Schmidt: Grundeinkommen.

USA

Bereits Ende der 1960er wollte Präsident Nixon einen sogenannten Family Assistance Plan mit einem garantierten Einkommen durchsetzen. In den 1970er Jahren gab es dann erstmals fünf große Projekte, die die Auswirkungen des Grundeinkommens untersucht haben: in New Jersey, North Carolina, Seattle, Denver und Gary. Das Modell entsprach dem der „negativen Einkommenssteuer“ – siehe Milton Friedman, 1960.

2017 hat das US-amerikanische Roosevelt-Institut in einer Studie gezeigt, dass ein bedingungslosen Grundeinkommens dem Wirtschaftswachstum einen kräftigen  Schub gewähren würde. 

 © bedingungslos.ch

Übertragbare Erkenntnisse aus Projekten  mit Mikrokrediten

BGE-Kritiker führen häufig als Argument gegen das BGE an, ein bedingungsloses Grundeinkommen führe zu Faulheit und Untätigkeit, d.h. mit BGE würden sich viele Bürger in die soziale Hängematte legen. Die im Umfeld des Wirtschaftswissenschaftlers und Nobelpreisträgers Muhammad Yunus seit 1993 in Bangladesh gewährten Mikrokredite zeigen jedoch, dass eine finanzielle Grundausstattung gerade für Menschen ohne Einkommenssicherheit zur mehr Eigenverantwortung,  Selbstermächtigung und Unabhängigkeit führt, wenngleich die erhaltenen Zahlungen am Ende der Vertragslaufzeit mit Zinsen zurückgezahlt werden müssen. Über 90 % der Mikro-Kreditnehmerinnen waren bzw. sind Frauen. Yunus hat verschiedene Beispiele dokumentiert, nach denen sich Frauen mit den Mikrokrediten in Waren für Shops, Saatgut für Felder oder Nähmaschinen investieren und so besser für das Wohl ihrer Kinder und Familien sorgen konnten.

Nach Angaben der von Yunus gegründeten Grameen Bank soll die Rückzahlquote bei den Mikrokrediten bei 98 Prozent liegen. Kritiker, wie der NGO-Aktivist aus Bangladesch Khorshed Alam, warnen allerdings, das Mikrokredit-System könne ggf. auch zu weiterer Verarmung führen. Der effektive Zinssatz, den die Grameen Bank einhebe, liege zwischen 30 bis 60%.

Fest steht: Menschen übernehmen Verantwortung für ihr Leben, wenn ihnen die Möglichkeit dazu gegeben wird, z. B.  durch eine finanzielle Grundausstattung. Es ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, sich aktiv und vor allem sinnvoll in die Gesellschaft einzubringen. An Sinn fehlt es heute in nicht wenigen beruflichen Tätigkeitsfeldern. Wenn sich die Bürger dank BGE entsprechend ihrer Fähigkeiten wirklich sinnvoll in die Gesellschaft einbringen können,  wird es vermutlich weniger untätige Menschen geben als heute.

229441_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

 

Teil 1: BGE – Boden unter den Füßen und Auftrieb unter den Flügeln

Teil 2: BGE – Befürworter und Praxisprojekte mit bedingungslosem Grundeinkommen

Teil 3: BGE – Was das Grundeinkommen für die Kreativszene bedeuten würde …

Teil 4: BGE – Grundeinkommen wählen bei der Bundestagswahl 2017

Kunst und Design: Geschichten aus dem Automaten

457445_web_R_K_B_by_Rita Köhler_pixelio.de © Rita Köhler, Pixelio

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche, Teil 5 – Kunst und Design

Künstler und Kreativschaffende aus unterschiedlichen Branchen unterstützen überall in Deutschland Geflüchtete: egal ob im Theater oder auf der Opernbühne, in Film- oder Tonstudios, in Architektur- oder Designwerkstätten, in Kunst-Ateliers oder in multikulturellen Küchen, bei Flashmobs, Tanzperformances oder in Game-, App- und Web-Laboren. Die Beispiele der folgenden 10teiligen Blogreihe zeigen, dass Deutschlands Kreativszene ein starker Innovationsmotor für eine gelungene Integration ist, die Parallelgesellschaften vorbeugt und damit uns allen hilft.

685528_web_R_K_B_by_Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM)_pixelio.de © Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft IESM, Pixelio

Kunst I: Aktionsraum für Flüchtlinge

Das Hamburger Künstlerkollektiv Baltic Raw initiierte 2015 auf Kampnagel in Hamburg einen Aktionsraum für Geflüchtete der Lampedusa-Gruppe. Amelie Deuflhard, der Intendantin des Kulturzentrums, ist es zu verdanken, dass eine temporäre Spielstätte des Kampnagel-Sommerfestivals für Geflüchtete winterfest gemacht wurde. Die Ecofavela Lampedusa-Nord ist ein hölzerner Nachbau des umkämpften Hamburger Kulturzentrums „Rote Flora“ im Schanzenviertel und erfüllte die ökologischen Standards eines Passivhauses. Einen Winter lang fungierte es als Unterkunft und Begegnungsraum. Die dort untergebrachten Flüchtlinge der Lampedusa-Gruppe lebten in Hamburg zunächst auf der Straße, bevor ein Teil von ihnen vorübergehend Unterschlupf in der St.-Pauli-Kirche fand. Die Ecofavela auf Kampnagel ermöglichte einen sozialen Dialog auf Augenhöhe zwischen Künstlern und Geflüchteten. Berndt Jasper von Baltic Raw: „Das Kunstprojekt ist eine Art soziales Labor, Aktionskunst mit dem Ziel, die Flüchtlinge zu integrieren.“

683532_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Kunst II: Hotelalltag für Geflüchtete und Reisende

Ein ehemaliges Altenheim der Diakonie im Ausburger Domviertel bringt Geflüchtete, Reisende und Kreative zusammen. Das Grandhotel Cosmopolis ist ein Gesamtkunstwerk, entwickelt von Kreativen, hinter denen der gemeinnützige Verein »Grandhotel Cosmopolis e.V.« steht. Das Haus beherbergt 65 Asylbewerber in kleinen Wohnungen, bietet Reisenden und Gästen in 16 Hotelzimmern eine preiswerte Unterkunft und Künstlern Büroräume, interdisziplinäre Ateliers, eine Bühne für Veranstaltungen und offene Lernwerkstätten, die von allen genutzt werden können.

Im Fokus steht die Teilhabe für alle: Geflüchtete bringen sich und ihre Ideen in den Hotelalltag ein und können Beratungsangebote in Anspruch nehmen. Reisende aus aller Welt befruchten das Haus mit ihren Erfahrungen. Es geht um Perspektivwechsel, um das Nachdenken über den Begriff des Reisens und um die Annäherung zwischen Menschen, ihren Schicksalen, Lebenswelten, Kulturen. Die Café-Bar ist ein interkultureller Treffpunkt, der Küchenbetrieb wird kosmopolitisch organisiert. Die Kreativen setzen Akzente für ein friedliches Zusammenleben in der modernen Stadtgesellschaft, frei nach Joseph Beuys: „Viel interessanter als ein Haufen Gleichgesinnter ist doch eine Gemeinschaft der Ungleichgesinnten.“

Das Grandhotel ist eine Fundgrube berührender Geschichten. Der Design-Professor Mike Loos hat daher gemeinsam mit Studenten der Hochschule Augsburg im Rahmen eines Workshops Comic-Reportagen über Flüchtlinge, Ehrenamtliche und Nachbarn des Cosmopolis erarbeitet. Die „Geschichten aus dem Grandhotel“ sind im Augsburger Wißner-Verlag zum Preis von 12,80 Euro erschienen.

Essen_Geschichten aus dem Kaugummiautomaten © Folkwang Universität der Künste, un-an-vertraut.de

Kunst III: Geschichten aus dem Automaten

Studierende der Folkwang Universität der Künste Essen setzen Kunst als Mittel ein, um nachbarschaftliches Miteinander anzuregen. Sie platzierten einen Kaugummiautomaten neben eine Unterkunft für Geflüchtete. Dreht man am Rad, spukt der Automat jedoch keinen Kaugummi aus, sondern eine Holzkugel mit einer Geschichte im Inneren, einer Geschichte aus der Heimat der Geflüchteten. Beim Lauschen der Geschichten kann sich die Bevölkerung den neuen Nachbarn behutsam nähern. Das Kunstprojekt bietet einen vorurteilsfreien Weg, sich auf seine Mitmenschen einzulassen. Mitinitiator Torben Körschkes berät auch gern mit Tipps, wie Interessierte Kontakt zu Flüchtlingen und Hilfsorganisationen aufbauen können.

629475_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Kunst IV: Kreativprojekt mit Handwerk

In Molfsee bei Kiel bietet der Verein Create Future für soziale Start-up-Projekte und interkulturelle Bildung e.V. Geflüchteten Projekte zum kreativen Gestalten an. Sie können an Wochenenden an Workshops im Malen, Bildhauen und Schweißen teilnehmen. In einem speziellen Workshop können Geflüchtete gemeinsam mit der Kieler Bevölkerung umweltfreundliche Regale fertigen. Aus gebrauchtem Holz und alten Seilen stellen sie Hängeregale her, aus alten Segeln und Paletten Outdoormöbel. Mit den Verkaufserlösen werden Projekte für Geflüchtete in Kiel unterstützt und Kreativworkshops für neue Teilnehmer.

20150920_122745 © Antje Hinz, MassivKreativ

20150920_122805 © Antje Hinz, MassivKreativ

Kunst V: Ausstellung mit Designkonzepten für Geflüchtete

Designxport ist ein Aktionsraum für Design in Hamburg, der sich als Schnittstelle zwischen Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft versteht und aktuelle Themen aufgreift. Im Frühjahr 2016 zeigt das Zentrum Konzepte für Geflüchtete von internationalen Designern: „Migration matters – Design Innovation matters for Refugees“.

„Designer können zwar die komplexen Probleme von Menschen auf der Flucht nicht lösen, jedoch viel zur Erleichterung ihrer Situation beitragen,“ – sagt Richard van der Laken, Grafikdesigner aus Amsterdam sowie Gründer und Direktor der internationalen Designkonferenz „What Design Can Do“.

Die Ausstellung bei „designxport“ präsentiert sieben Konzepte von Designern aus den Niederlanden, Italien, Großbritannien, Schweden und Japan.

  • Ein Multimediajournalist, ein Künstler und ein Fotograf aus Amsterdam dokumentieren mit dem Projekt Refugee Republic das Alltagsleben in dem syrischen Flüchtlingslager „Camp Domiz“. Ihr Mittel ist eine interaktiven Website mit Zeichnungen, Fotos und Texten.
  • Eine italienische Designerin hinterfragt die Bedeutung der Staatsbürgerschaft. Mit ihrem Projekt Unconditional Universal überträgt das Konzept des sharings auf ein weltweites Netzwerk zum Teilen des Passes. Es soll Menschen verschiedener Nationen ermöglichen, ihre Staatsbürgerrechte anderen nach Bedarf im Tausch zur Verfügung zu stellen.
  • Die schwierigen Bedingungen in Flüchtlingslagern dokumentiert das Projekt Better Shelter. Sieben schwedische Designern haben mit dem UNHCR Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen und der IKEA-Stiftung ein Notunterkunftshaus geschaffen, das ohne Werkzeuge aus einem flachen Karton heraus aufgebaut werden kann. Es hat eine Lebensdauer von drei Jahren und wird vom UNHCR bereits weltweit eingesetzt. Elektrizität erhält das Haus über eine eingebaute Solarzelle.
  •  Weitere Projekte der Ausstellung thematisieren Überlebenstipps in Notsituationen, z. B. wärmende Schutzkleidung, Beschaffungsquellen für Ausweispapiere und nachhaltige Wasserversorgung in Flüchtlingscamps.

Ausstellungseröffnung: Donnerstag, 28. Januar 2016 um 19 Uhr bei designxport Hamburg (bis 12. März 2016). Migration Matters, Design Column #11 ist ein Projekt von Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam (Niederlande), 2015.

Begleitend zur Ausstellung ist die Fotoserie „Auf der Flucht“ des Hamburger Designers Malte Metag zu sehen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit More Than Shelters. 2015 erreichten viele tausende Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Afrika die griechische Insel Lesbos, die nur wenige Kilometer vor der türkischen Küste liegt. Wie viele Menschen dabei ertranken ist nicht genau zu beziffern. Die, die es geschafft haben, hoffen auf Asyl in Europa und eine Zukunft in Frieden.

Hinweis: Ausführlich berichte ich über More Than Shelters und weitere menschenwürdige Wohnprojekte und Wohnideen für Geflüchtete in Teil 6 der Blogreihe am Mo, d. 25.1.2016: Teil 6. Architektur: „Instant Home“ mit Origami-Technik.

 

Reihe: Hilfe für Geflüchtete – Ideen und Impulse aus der Kreativbranche

Teil 1. Prolog: Hilfe aus der Kreativbranche für Geflüchtete

Teil 2. Theater: Neue Heimat auf der Bühne

Teil 3. Musik: Bridges – Musik verbindet

Teil 4. Museum: Mit Kunst gegen den Hass

Teil 5. Kunst und Design: Geschichten aus dem Automaten

Teil 6. Architektur: „Instant Home“ mit Origami-Technik

Teil 7. Web, Apps, Games: Flucht als Selbsterfahrung

Teil 8. Kreatives für Geflüchtete: Kochen, Gärtnern, Flashmobs

Teil 9. Kulturarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Teil 10. Medien für Geflüchtete: Ankommen und Lernen

Teil 11. Bürgeridee: Schulungsprogramme über Monitore für Geflüchtete

Teil 12. Nachlese: Kreative Ideen für Geflüchtete aus der Community

 

Aufruf: Noch mehr kreative Ideen für Geflüchtete gesucht!

Was können Künstler für Geflüchtete tun? In meinem Blog MassivKreativ stelle ich engagierte und nützliche Projekte von Kreativschaffenden vor. Die Liste der guten Beispiele soll weiter wachsen und anderen Mut machen, die ebenfalls Aktivitäten planen! Wenn Sie weitere kreative Projekten für Geflüchtete kennen, die ich bislang nicht erwähnt habe, schicken Sie mir gerne Ihre Infos. Ich sammle sie und berichte in einem neuen Artikel über weitere innovative Projekte.  Infos bitte an mich: massivkreativ2015(at)gmail.com