Zivilgesellschaftliche Kreativität in ländlichen Regionen

    © Karl-Heinz Liebisch, Pixelio.de 

Ländliche Regionen plagen große Sorgen: Demografiewandel, Abwanderung, Verödung und Globalisierung. Doch statt sich davon überrollen zu lassen, engagieren sich immer mehr Menschen in ihrem Umfeld für die Regionalentwicklung, insbesondere aus der Kultur- und Kreativbranche.  Sie bringen ihr Wissen, ihre Kompetenzen, ihren Mut, ihr Herzblut, ihre Kraft, ihre Kreativität und vor allem viel Zeit ein, um ihr Leben aktiv mitzugestalten. Wer Selbstwirksamkeit spürt, Vertrauen und Wertschätzung von Mitmenschen erfährt, erkennt einen starken Sinn in seinem Tun und ist im Alltag psychisch und physisch gestärkt. Die folgenden Beispiele demonstrieren die Vielfalt: 

Mestlin

Aus einer Bürgerinitiative entstand 2008 in Mecklenburg-Vorpommern der gemeinnützige Verein Denkmal Kultur Mestlin e. V. Die Dorfbewohner wollten das stark überdimensionierte, noch aus DDR-Zeiten stammende Kulturhaus erhalten und in Eigenregie leiten. Die Akteure, darunter viele Künstler, erarbeiteten ein Mischkonzept aus Kino- und Theateraufführungen, Konzerten, Veranstaltungen, Festivals, Schulungen und Ausstellungen. Das Haus bietet heute Arbeitsplätze für Künstler, eine Bühne, verschiedene Seminarräume, Gastronomie und Übernachtungsmöglichkeiten für externe Gäste. Sie kommen, um die besonderen kreativen Angebote vor allem in Nischenbereichen wahrzunehmen, zum Beispiel Behinderte, soziale Randgruppen, Senioren, Jugendliche.

  © M. Grossmann, Pixelio.de 

Rothen

Auch im mecklenburgischen Dorf Rothen ist mit dem Engagement vieler Künstler ein Ort für Kultur, Gewerbe und Kunst entstanden. Ein ehemaliger, heute denkmalgeschützter Kuhstall zieht Touristen mit Konzerten und Veranstaltungen an. Als Publikumsmagnet wirken auch Metallwerkstatt und Bauerngarten. Der Verein Rothener Hof zählt 75 Mitglieder. Die Künstler haben ein enges Netzwerk gebildet, unterstützen sich mit unterschiedlichen Kompetenzen, präsentieren sich gemeinsam auf einer Internetseite sowie auf Kunst- und Kulturmärkten. 

Soziale Dorfentwicklung 

In Mecklenburg-Vorpommern hat Corinna Hesse, Sprecherin von Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft und Verlegerin im Silberfuchs-Verlag, für das nördliche Bundesland den Wettbewerb Soziale Innovationen von kreativen Raumpionieren initiiert. Beworben haben sich 36 zivilgesellschaftliche Projekte zwischen Kreativschaffenden und Bürgern. Ländliche Regionen profitieren von den kreativen Ideen für ein sinnstiftendes Zusammenleben. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hat das Modellvorhaben unterstützt, das die Potenziale von Kreativen stärker nutzen möchte, z. B. für Perspektivwechsel und Querdenken, Mut und Experimentierfreude. Im Fokus stehen auch gesellschaftsgestaltende Prozesse mit künstlerisch-kreativen Methoden, die auf die besonderen Herausforderungen in der Region eingehen. Die besten drei Projekte wurden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und mit Projektmitteln von insgesamt 10.000 Euro unterstützt. Erstplatzierter des Wettbewerbs ist das Projekt im Ort „Rögnitz.Ausbau 3.0“, der seine Zukunft mit der DesignThinking-Methode plant. Die zehn Nominierten berichten im Interview über ihre Zukunftsideen: 

Roadshow – Wanderausstellung Raumpioniere
Mit Unterstützung der Friedrich Ebert Stiftung – Landesbüro MV sowie dem Landesfrauenrat MV entstand eine Wanderausstellung zu den 10 nominierten Projekten im Landeswettbewerb für kreative Raumpioniere. Die RollUps können an interessierte Partner kostenfrei ausgeliehen und gezeigt werden. Die Motive können kostenfrei über ein Download genutzt werden.

Preisverleihung
Am 24. Oktober 2019 fand die Preisverleihung zum Landeswettbewerb Kreative Pioniere statt – im Rahmen des ganztägigen Forums „Business for Future“ im Digitalen Innovationszentrum DIR im Perzina-Haus in Schwerin statt. Eine Keynote zum Thema „Sozial-kreative Innovatoren als Zukunftsmacher in MV“ hielt Projektleiterin Corinna Hesse. Antje Hinz moderierte eine Podiumsdiskussion zum Thema „Perspektiven: Wie können kreative Zukunftsmacher noch bedarfsgerechter gefördert werden“. Hier ein Audio-Mitschnitt, der als Podcast erschienen ist:

Wendland

Das Wendland steht seit über 30 Jahren für seinen unermüdlichen Widerstand gegen die Atomkraft, Castortransporte und Atommülllagerung. Die dünn besiedelte
und von Abwanderung bedrohte Region erprobt zugleich höchst kreative Modelle des Zusammenlebens. Überdurchschnittlich viele Künstler und Kreative gestalten
das soziale Leben aktiv mit. Sie wollen das Aussterben der Dörfer nicht hinnehmen, beleben ihre Regionen neu. Die kreativen Angebote der Ideen- und Innovationsschmiede Grüne Werkstatt Wendland – neuerdings ergänzt vom WendlandLabor, das verstärkt soziale Innovationen vorantreiben will – locken sogar Großstädter aus den Metropolen an, u. a. Designstudenten von künstlerischen Hochschulen. Nicole Servatius erzählt im Podcast ausführlich über das Projekt.

Kulturelle Landpartie

Ein Publikumsmagnet für Bürger aus Stadt und Land ist die alljährlich stattfindende Reihe Kulturelle Landpartie sowie weitere Theateraufführungen und Musikfestivals im Wendland. Die Initiative ZuFlucht Wendland plant für 300 Menschen ein interkulturelles Mehrgenerationendorf. Das Hitzacker-Dorf soll Heimat und Arbeitsplätze für Einheimische und Geflüchtete schaffen, ein visionäres Modell mit Vorbildcharakter auch für andere Regionen in Europa. Das Sozialexperiment in dem extrem strukturschwachen Gebiet wächst stetig, vor allem durch das außergewöhnliche Engagement der Bürger. Den organisatorischen und finanziellen Rahmen für die geplanten Wohnungen, Gewerbeflächen,  Läden und Obstplantagen bildet die neu gegründete Genossenschaft Hitzacker Dorf eG iG, die auch das Bauland erworben hat. Hauke Stichling Pehlke erzählt im Podcast ausführlich über das Projekt.

Veranstaltungshinweis

Projekt: Zukunft@Land – Wie realisiere ich meine Projektidee im ländlichen Raum?

Workshop des Kreiskulturrates Ludwigslust-Parchim in Kooperation mit Wir bauen Zukunft eG in Nieklitz, Ceylan Rohrbeck und Nadine Binias, Stadt-Land-Expertin

WANN? 21.11.2019, 15-19 Uhr

WO? Wir bauen Zukunft eG | Holzkruger Str. 1 | 19258 Nieklitz (Gallin), Landkreis Ludwigslust-Parchim in der Metropolregion Hamburg

Bitte bis zum 15.11. anmelden unter diesem Link

Mehr Infos hier

Neue Lebenswelten: Das Dorf ist kreativ und innovativ

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Was früher Bürde und Einengung war, gilt heute als neuer Freiraum und Luxus: das Leben auf dem Lande. Immer mehr Menschen kehren dem urbanen Leben bewusst den Rücken. Meine Verlagskollegin Corinna Hesse ist 2010 von Hamburg ins mecklenburgische Tüschow umgezogen, ein winziges Örtchen mit 12 Häusern im Altkreis Ludwigslust. Seitdem genießt sie die Idylle und nutzt den Freiraum, das Dorfleben aktiv und kreativ zu gestalten. Ein Gastbeitrag von Corinna Hesse.

Vom Potenzial ländlicher Räume

Der digitale Wandel bringt es mit sich, dass Menschen dort arbeiten können, wo sie leben möchten – und nicht umgekehrt. Tüschow ist für mich der schönste Ort der Welt. Ein Paradies am Naturschutzgebiet Schaalelauf, mit totaler Stille und üppigstem Sternenhimmel. Ein Dorf mit 28 Einwohnern und einem schmucken Herrenhaus. Die Internetleistung ist passabel, naja: ausbaufähig. Im Mobilfunknetz ist allerdings noch sehr viel Luft nach oben. Die „Kreativquote“ ist dennoch hoch: 21% der Einwohner arbeiten in kreativen Berufen, selbständig oder als Kleinunternehmer. Mein Mann als Musikjournalist und ich als Kultur-Verlegerin sind zwei davon. Alle Kreativen hier sind Stadtflüchtige. Sie verbinden den Wunsch nach einer (für sie selbst) sinnstiftenden beruflichen Tätigkeit mit einer neuen Idee von Lebensqualität – der Idee, dass der Mensch vielleicht doch nachhaltig in Einklang mit der Natur leben kann anstatt die Ressourcen unseres Planeten dauerhaft zu zerstören.

 Herrenhaus Tüschow © kallebu

Verändern oder Bewahren

Die Erkenntnis wächst in Politik und Verwaltung, dass in der kreativen Gestaltung des Wandels in ländlichen Räumen ein riesiges Potenzial liegt. Natürlich sind die Beharrungskräfte in einem Dorf stark: Es gibt auch Bewohner, die sich nach den „guten alten Zeiten“ zurücksehnen. Doch der Wandel ist längst da und lässt sich nicht aufhalten. Also: Wollen wir ihn aktiv gestalten oder lassen wir uns von der digitalen, globalisierten Welt überrollen? Zum Wandel gehört auch, dass wir uns überlegen, was wir bewahren wollen. Was uns etwas „wert“ ist. Und vielleicht ist Beharrungsvermögen manchmal auch ganz gut und das Neue nicht um jeden Preis besser als das Alte? 

  Solardächer sind auch in Dörfern längst selbstverständlich, wie auf dem Passivhaus von Corinna Hesse. © kallebu

peer to peer: voneinander lernen

Alteingesessene und Zugezogene lernen hier viel voneinander. Ich zum Beispiel bewundere die Alt-Tüschowaner für ihre handwerklichen und gärtnerischen Fähigkeiten. Und von uns Kreativen lernen die Alt-Tüschowaner vielleicht, dass Innovationen durchaus ihren Reiz haben, wenn man sie selbst gestalten kann. Es ist extrem spannend zu beobachten, wie produktiv das freundschaftliche Zusammenspiel der heterogen Sozialisierten im engen Radius eines Dorfes wirken kann.

 © Jerzy Sawluk, Pixelio.de 

Hilfe zur Selbsthilfe: bürgerschaftliches Engagement

Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass der Staat eine Full-Service-Agentur ist. Das brauchen wir nicht, aber wir brauchen auch keine Bevormundung und schablonenhaft fixierte Entwicklungskonzepte. Die Dorfbewohner in Tüschow sind stolz auf ihre gestalterischen Kompetenzen: Mit vereinter Kraft haben sie nach der Wende eine Brücke über die Schaale gebaut, die lächerlich wenig gekostet hat. Obwohl „unsere“ Brücke sicherlich noch viele Jahrzehnte halten wird, wäre diese Art der bürgerschaftlichen Selbsthilfe heute nicht mehr möglich. Sicherheitsvorschriften, Bauauflagen…

Experimentierfeld für kreative Raumpioniere

Mein Vorschlag für eine kreative Regionalentwicklung wäre, mehr Freiräume für die Gestaltungskraft der Einwohner zu schaffen und kreative Raumpioniere mehr zu unterstützen. Vorbild für eine neue Art von regionaler Verwaltung ist der Gärtner: Er sorgt für guten Boden und ausreichend Wasser. Aber das Wachsen überlässt er den Pflanzen selbst. Wachstum lässt sich nicht erzwingen. Und Überdüngung führt selten zu nachhaltigem Erfolg. In der Natur gibt es kein ewiges Wachstum, nur ewige Wandlung. Aber wenn wir uns vom Paradigma des ewigen Wachstums endlich verabschieden, können wir das Dorf zu einem Experimentierfeld machen, um herauszufinden, was das Leben lebenswert macht.

  © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Plädoyer fürs Dorf: Vorzüge realer Realitäten

Für mich persönlich war der größte „Verlust“ im Dorfleben übrigens nicht, dass man hier nicht asiatisch Essengehen kann oder das nächste Kino weit weg ist. Eine sonnenwarm gepflückte, vollreife Erdbeere hat die Aromen derart optimiert, dass Sterneköche vor Neid erblassen. Und das abendliche künstlerische Lichtspiel im tausendfach variierten Grün und die jahreszeitlich wechselnden Duftkulissen im Garten fluten die Sinne, so dass ich die „reale“ Realität der virtuellen allemal vorziehe. Nein, der größte Verlust war, dass vor drei Jahren die Nachtigall ausblieb, die uns die ersten Frühlinge hier in Tüschow mit ihrem bezaubernden Gesang verwöhnt hat. Die industrielle Landwirtschaft forderte ihren Tribut. In der Stadt hätte man es vielleicht nicht mal bemerkt.

 © kallebu 

_____________________

Corinna Hesse ist geschäftsführende Mitgesellschafterin im Silberfuchs-Verlag und setzt sich als Sprecherin der Kreative MV – dem Netzwerk für Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern – und Vorstandsmitglied der Kreative Deutschland – Bundesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft – in zahlreichen Projekten für die kreative Gestaltung des ländlichen Raums ein. Sie ist Pionier einer Neuen Ländlichkeit.

_____________________

Weiterführende Informationen in diesem Artikel: 

Kreative als Atemspender für ländliche Regionen – Wettbewerb für soziale Innovationen in ländlichen Räumen in Mecklenburg-Vorpommern „Kreative für MV – MV für Kreative“ (2017-2019)