Kreatives Sachsen: Innovationsgeist versprühen und Industriebrachen retten

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Claudia Muntschick ist deutschlandweit unterwegs, um historische Bausubstanz zu retten, vor allem Industriebrachen. Als Beraterin für Regionalentwicklung sowie Kultur- und Kreativwirtschaft setzt sie sich vor allem für die Neubelebung leerstehender Gebäude ein. Welches Potenzial sie in den alten Bauten sieht und wieviel Kreativschaffende in Sachsen bewegen, hat sie mir im Interview erzählt. 

Revitalisierung alter Bausubstanz

Schon während ihres Architekturstudiums hat sich Claudia Muntschick mit Arbeitsräumen für Kreativschaffende beschäftigt, damals noch unbewusst. Um die Jahrtausendwende war der Begriff Kreativwirtschaft noch nicht so verbreitet wie heute. Doch schon damals trieb Muntschick ein Bauchgefühl, dass es ziemlich bald neue, originelle Arbeitsräume brauchen wird. In ihrer Diplomarbeit erforschte sie, wie sich größere Industriebrachen heterogen und kleinteilig nutzen lassen. Das Thema hat sie später im Masterstudium an der TU Dresden nochmal vertieft. „Wenn man sich Industriegeschichte von Sachsen anguckt: Da haben sich Leute unterschiedlichster Gewerke in einem Raum zusammengefunden – eben in den Manufakturen der Zeit“, erklärt Muntschick. „Da hat jeder den Arbeitsschritt absolviert, den er am besten konnte. Daraus entstand dann das Produkt in einer größeren Mengen und dadurch eine Wertschöpfungskette, die allen gedient hat. So ähnlich funktioniert das heute einem Coworking-Space, dass man aufgrund des Wissens und der Interdisziplinarität zusammenkommt, um unterschiedliche Arbeitsfelder und Projekte abzudecken.“

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Raumentwicklung wird Thema

Nach Abschluss des Studiums gründet sie ein Büro und stellt fest, dass es größeren Bedarf zur Raumentwicklung gibt. Wie können mehrere Kleinstunternehmen größere Industrieflächen nutzen, dabei die Gebäude erhalten und gleichzeitig neue wirtschaftliche Impulse setzen? Zu dieser Zeit entdeckt auch die Politik das Thema Raumentwicklung. 2012 erscheint ein großer Bericht, wie die Kultur und Kreativwirtschaft in Sachsen aufgestellt ist, 2012 folgt ein Report über Dresden. „Die Szene war gut untersucht, aber es gab eine große Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der kreativen Akteure selbst und der seitens der klassischen Wirtschaft. Wenn man von Kreativwirtschaft außerhalb der eigenen Branche spricht, wird man von Fachfremden rasch in der bildenden Kunst verortet. Dabei ist die Kreativbranche in ihrem Mix von 11 Teilbranchen ja wesentlich breiter aufgestellt. Muntschick spürt Aufklärungsbedarf und wird Beraterin im Sächsischen Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft KREATIVES SACHSEN, speziell für die für die Region Ostsachsen.

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Kreativstandort Sachsen

Seit 2017 fördert der Freistaat Sachsen dauerhaft das Sächsische Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft mit 500.000 pro Jahr, vorerst bis 2021. Es ist die zentrale Anlaufstelle für kreative Akteure und Multiplikatoren und wird getragen vom Landesverbandes der Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen e. V.. Er erbringt zusätzliche Eigenleistungen in Höhe von 5.000 Euro pro Jahr. Aktuell arbeiten 7 feste MitarbeiterInnen im Projekt mit Standorten in Chemnitz, Dresden und Leipzig. Die Aufgaben sind vielfältig. Die landesweite Plattform stärkt branchenübergreifend die Vernetzung der Akteure, verleiht der Branche Sichtbarkeit und hilft Einzelakteuren und Unternehmen, sich am Markt zu etablieren, bietet Vor-Ort-Beratungen sowie teilmarktspezifsche gründungs- und wachstumsbezogene Qualifzierungsleistungen in ganz Sachsen an.

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Kooperationen mit Wirtschaft und Wissenschaft

Erfolgsbewährt ist inzwischen die enge Zusammenarbeit mit Akteuren aus Wirtschafts- und Kulturförderung, Stadt- und Regionalentwicklung, Fördereinrichtungen, Verbänden, Netzwerken, Kammern und Hochschulen, insbesondere den Kunsthochschulen. „Zu den Wirtschaftsförderungen in den einzelnen Städten haben wir sehr guten Kontakt und regelmäßige Jour fixe Leipzig, Chemnitz, Dresden“, erzählt Muntschick. In Chemnitz haben wir Projekte mit der dort ansässigen Wirtschaftsförderung entwickelt, ebenso in Leipzig. In Dresden haben wir einen städtischen Kreativwirtschaftsverband, der sogar einen Dienstleistungsvertrag mit der Stadt abgeschlossen hat. Im ländlichen Raum ist es so, dass wir von den Mittelstädten direkt angesprochen werden. Sie sagen: Wir haben hier Immobilien, die möchten wir gerne mit euch Kreativen gemeinsam entwickeln.“

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Schöne Aussichten

Muntschick hat in Sachsen Formate entwickelt, in denen Regionalentwicker Arbeitsräume der Zukunft für Investoren und Kreative vorstellen, z. B. brachliegende Industriebauten, Manufakturen, Ladengeschäfte, Gasthöfen und Gehöften. Gerade in mittleren und kleinen Städten gibt es zahlreiche Gebäude und Räume, die sich für die Nutzung durch kreative UnternehmerInnen eignen und als Motor für Strukturwandels wirken können. Muntschick ist wichtig, dass Kreative bei der Nachnutzer von Immobilien bereits vor Beginn der echten Planungsphase eingebunden werden. Für den Austausch eignen sich Workshops am besten, sagt sie: „Da sollten Eigentümer, Nutzer und im besten Fall noch Stadtverwaltung auf Augenhöhe zusammenkommen und diesen Prozess gemeinsam gestalten. Das ist sehr wichtig und wertvoll. Was mich auch immer wieder sehr fasziniert, ist die Tatsache, dass gerade Akteure der Kultur und Kreativwirtschaft denkmalpflegerisch sorgsam und richtig mit diesen Gebäuden umgehen. Da wird alles erhalten und nachgenutzt, was da ist. Und das sorgt dann eben wiederum auch für diese authentischen Räume, in denen sich Kreative wohl fühlen. Kein einziger Kreativer möchte in einem sterilen Gewerbegebiet oder Gewerbezentrum arbeiten.“

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Best practice für Umnutzung

Der von Landflucht geplagte Ort Nebelschütz in Ostsachsen z. B. erlebte dank ökologischer Erneuerung eine Renaissance. Erste Impulse erhielt der Ort durch den Umbau eines Fachwerkhauses zur Herberge zur Selbstversorger für Wanderer und einer Scheune zu Künstlerateliers. Ein stillgelegter Steinbruch wird als Kräutergarten und Skulpturenpark genutzt. Kreative Kleinbetriebe sorgen für Arbeitsplätze: eine Polstermöbelreparatur, ein IT-Dienstleister, ein Töpferhof, eine Bau- und Möbeltischlerei. Im Gewerbegebiet sind Logistik- und Recycling-Unternehmen, Firmen für Metallbearbeitung, Brandschutz und Containerbau ansässig. Ein neuer Dorfladen wird vom Pächter des Sportlerheim am Fußballplatz betrieben. Auch junge Gründer kamen, die heute Ökolandbau betreiben. Alle Projekte entstanden partizipativ mit Bürgern und Kreativen. Mit rund 1200 Einwohnern ist Nebelschütz heute etwa wieder so groß wie zum Mauerfall und liegt mit etwa drei Kindern pro Familie deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Finanzielle Hilfe leistete ein Förderprogramm des Amtes für Ländliche Neuordnung für die Erstellung von Dorfentwicklungsplänen.

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Kompetente Köpfe gefragt

Claudia Muntschick freut sich, wie viel schon passiert ist im Bereich Umnutzung von Leerstand. Ohne engagierte Experten wie sie geht es jedoch nicht: „Gerade die kleinteilige Kreativbranche braucht Netzwerkmanager. Kleinstbetriebe haben wenig Zeit, sich über Förderprogramme oder neue Entwicklungen im Umland zu informieren oder herumzufahren. Dafür braucht es eine zukunftsorientierte Wirtschaftsförderstruktur und vor allem Personal. Das müssen die richtigen Leute sein, die den ländlichen Raum mögen, Kleinstunternehmen kennen und kommunikativ stark sind.“ Sie berichtet von gleichgesinnten Mitstreitern, die Neubürger bzw. Rückkehrer in ländliche Regionen holen wollen und ihnen gerade am Anfang umfassende Beratung bieten. Die Raumpioniere Oberlausitz berichten z. B. in einem Blog mit authentischen Geschichten über Menschen, die den Schritt aufs Land schon gewagt haben. Sie sollen anderen Menschen Mut machen, ebenfalls aufs Land zu ziehen wollen. Die Raumpioniere  Oberlausitz vermitteln Kontakte und bieten Netzwerkveranstaltungen. Die Servicestelle Heimat berät Interessierte zusätzlich zu Fragen rundum das Wohnen und Arbeiten im ländlichen Raum und organisiert auch Rückkehrertage.

Erfolgserprobte Kampagnen

Dank der Netzwerk- und Beratungsarbeit von Kreatives Sachen ist in dem östlichen Bundesland in den letzten Jahren viel passiert. Im Austausch mit Politik, Wirtschaftsförderung und Verwaltung wurden erfolgreiche Anschubprojekte initiiert, z. B. der Ideenwettbewerb simul+. Im Fokus stehen hier Ideen und innovative Konzepte, die den gemeinschaftlichen Zusammenhalt stärken und die Lebensbedingungen im ländlichen Raum im Freistaates Sachsen verbessern. Im November 2019 sind insgesamt 362 Beiträge eingegangen. Das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft vergibt Preise in Höhe von 5.000 Euro bis 400.000 Euro. „Dieser Wettbewerb ist für die Kreativen hervorragend geeignet, weil sie häufig an der Schnittstelle zwischen Wirtschaftsförderung, Kulturförderung, Regionalförderung agieren“, erklärt Muntschick. „ Mit dem Preisgeld können Kreative sofort loslegen, ohne komplizierte Instrumentarien berücksichtigen zu müssen. Für die Einzelakteure ist es immer ein ziemlicher hoher Aufwand neben ihrer eigentlichen Arbeit noch Förderanträge zu schreibe. Und da ist so ein Wettbewerb schon mal ein schönes Beispiel, dass es auch ohne viel Bürokratie geht… Bei den EU-LEADER-Programmen im Regionalmanagement werden meist nur investive Maßnahmen gefördert, Ideenkonzepte hingegen seltener oder in Anteilen. Wir arbeiten gemeinsam auch mit anderen Kreativverbänden daran, dies zu ändern. Denn soziale und geistige Innovationen sollten in Zukunft viel stärker in den Fokus gerückt werden.“

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Tourismus und Kreativwirtschaft

Ein weiteres überaus erfolgreiches Format ist der Ideenwettbewerb für Tourismus So geht sächsisch. Insgesamt 224 Vorschläge wurden hier 2019 eingereicht unter dem Motto: „Deine Idee für Deine Region“. Eine Jury aus Vertretern des Landestourismusverbandes Sachsen e.V., von KREATIVES SACHSEN, von der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen, der Sächsischen Staatskanzlei, dem ADAC Sachsen und dem Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft Arbeit und Verkehr hat daraus 30 Vorschläge ausgewählt und die Ideengeber zu drei regional stattfindenden Ideenwerkstätten eingeladen. Aus diesen Ideen wiederum wählte die Jury die sieben besten Konzepte aus und prämierte sie mit Preisgeldern der Sächsischen Staatskanzlei in Höhe von 50.000 Euro. Der ADAC Sachsen stiftete zusätzlich einen Sonderpreis in Höhe von 5.000 Euro. Die umgesetzten Ideen werden 2021 auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) „Partnerland Sachsen“ präsentiert.

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Standortfaktor Kreativwirtschaft

Verschiedene sächsische Städte, wie Görlitz und Moritzburg, sind immer wieder Kulisse für historische und moderne Filme und bieten so reizvolle Anziehungspunkte für Drehort- und Kulturtourismus. Sachsen trumpft auch mit einer lebendigen Festivalkultur, mit kultur- und kreativwirtschaftlichen Messen und vielfältigen Produkten, z. B. mit Kunsthandwerk und dem Musikinstrumentenbau. Für Claudia Muntschick sehen die Entwicklungen vielversprechend aus: „Egal ob in der Tourismuswirtschaft, der Automobilwirtschaft oder im Maschinenbau, alle brauchen in Zukunft Innovationsprozesse hinsichtlich ihrer Produkte und vor allem ihrer Unternehmensführung und der kollaborativen Zusammenarbeit. Da können wir Kreative viele Lösungen anbieten.“

Cross Innovation

Im Jahr 2020 wird KREATIVES SACHSEN das Thema Cross Innovation besonders in den Fokus rücken. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass durch Kooperationen, Wissens-Transfers und besondere Austausch- und Vermittlungsformate bereits viele cross-innovative Projekte in Sachsen entstanden sind. Der Koalitionsvertrag für den Freistaat Sachsen sieht für die Jahre 2019-24 folgendes vor: „Wir wollen das Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft in Abstimmung mit den regionalen Branchenverbänden auch zu einem Kompetenzzentrum für Cross Innovation  als Begleiter des Strukturwandels und als sektorenübergreifenden Treiber für die Digitalisierung strukturell ausbauen, weiterentwickeln und langfristig fördern.“

PODCAST

 

Summer of Pioneers: Wie Großstadt-Nomaden das Land entdecken

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Während die Großstädte über Raumnot klagen, bieten ländliche Regionen Raumwohlstand, die kreative Form des Leerstands. Wittenberge in Brandenburg hat diese Herausforderung in eine Erfolgsgeschichte verwandelt. Wie das dank des „Summer of Pioneers“ gelungen ist, hat mir Regionalentwickler Christian Fenske erzählt. Er setzt auf Kreativität und Coworking. 

Aktivierendes Grundrauschen

Vor einem Jahr gab es den Coworking-Space in der Alten Ölmühle noch gar nicht. Da reiften gerade die ersten Ideen. Wittenberge will kreative Köpfe aus Berlin und anderen Metropolen nach Wittenberge locken – in die Prignitzer Provinz. Prignitz kommt aus dem Slawischen und heißt so viel wie „ungangbares Waldgebiet“. Die Brandenburgische Region ist waldreich, ländlich und leidet unter Abwanderung. Die BewohnerInnen stecken den Kopf jedoch nicht in den Sand. Sie packen die Probleme an und denken voraus, so wie Christian Fenske. Er ist Regionalentwickler im TGZ, dem Technologie- und Gewerbezentrum Prignitz. Fenske ist erster Ansprechpartner für Start-ups, Existenzgründer, Unternehmer und Investoren. Wenn er von Wittenberge spricht, spürt man sofort: Er liebt die Region, die seine Heimat ist. Damit sie auch in Zukunft reizvoll und lebenswert bleibt, sucht er nach neuen Impulsen: „Wir brauchen ein gewisses Grundrauschen, um die kreative Masse zu aktivieren, die hier schon vor Ort ist. Wir wollen die Einheimischen inspirieren und aus ihren heimischen Gefilden rauslocken, damit sie sich mit auswärtigen Kreativen vernetzen.“

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Kreative Beratung

Fenske sucht Rat bei einem kreativen Großstädter, der selbst den Wechsel aufs Land plant. Frederik Fischer war als Tech-Journalist in der Startup-Szene aktiv und hat u. a. den Nachrichten-Aggregator piqd mitgegründet. Doch irgendwann stellt er sich die Sinnfrage. Heute baut er als Gründer der KoDorf-Bewegung neue Dörfer für Großstadtmüde. Die geplanten Siedlungen sollen aus 50 kleinen, hochwertig gestalteten Häusern mit Gemeinschaftsflächen für alle bestehen: Coworking Space, Gemeinschaftsküche, Gästewohnungen, Kino. Das erste KoDorf Wiesenburg entsteht gerade 100 km südwestlich von Berlin. Vier weitere Standorte sind in Vorbereitung. Frederik Fischer wird zum Berater von Fenske und zugleich zum Initiator des ersten Summer of Pioneers in Wittenberge.

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Umgenutzte Industriekultur

Der „Sommer der Pioniere“ ist der erste Testballon, der in Wittenberge Kreative aufs Land holen und ausprobieren will, wie sich Coworking abseits der Großstädte anfühlt. Das Format ist gleichzeitig ein Ansatz, um leerstehende Gebäude neu zu nutzen. In Wittenberge stehen ungenutzte Flächen in der Alten Ölmühle zur Verfügung, ein Industriedenkmal aus solider Backsteinarchitektur, die der Berliner Kaufmann Salomon Herz um das Jahr 1856 bauen ließ. Heute beherbergt das denkmalgeschützte Gebäude – idyllisch am Elbe-Radweg gelegen – eine Erlebnisgastronomie mit Restaurant und Schaubrauhaus im ehemaligen Saatenspeicher und Angebote für Sport, Kultur und Unterhaltung. Der Saugturm wird in der Saison als Strandbar und Café mit Beachvolleyballanlage genutzt. In der Fabrikantenvilla und einem weiteren Speichergebäude ist ein modernes Hotel entstanden. In ein weiteres leerstehendes Gebäude ist im Sommer 2019 der neue Coworking-Space für die kreativen Pioniere eingezogen.

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Bewerber-Marathon

Im Frühjahr 2019 entwickeln Fischer und Fenske innerhalb weniger Wochen eine Kampagne und schreiben einen Wettbewerb für Kreative aus. Weit mehr Kandidaten als erwartet wollen das Landleben auf Zeit testen. Mit ihrer Bewerbung müssen die Kreativen auch eine Idee einreichen, womit sie das Leben in Wittenberge bereichern wollen. Neben eigenen Aufträgen soll jeder auch ein Projekt in und um Wittenberge realisieren – im Austausch mit Kreativen aus der Region. In Barcamps und weiteren Veranstaltungen wird später diskutiert, was die Region konkret beleben könnte. Die BewerberInnen kommen vor allem aus Großstädten: Berlin, Hamburg und Zürich.

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Vielfältige Persönlichkeiten

22 kreative DigitalarbeiterInnen werden schließlich ausgewählt. Sie erhalten einen Platz im neu eingerichteten Coworking-Space mit Blick aufs Wasser. Die möblierten Wohnungen kosten pauschal 300 Euro, Zimmer 150 Euro im Monat inklusive Nebenkosten, Internet und Coworking-Nutzung. Doch wer sind diese Stadtflüchtigen auf Zeit? Vielfalt ist auf jeden Fall erwünscht, die Professionen sind entsprechend unterschiedlich:  Autoren und Journalisten, Grafiker und Medienproduzenten, PR- und Unternehmensberater, Coaches, Fintechs-Gründer, die Menschen dabei unterstützen, ihre Altersvorsorge mit digitalen Tools selbst zu regeln. Christian Fenske erklärt, welche Mehrwerte die Kreativen nach Wittenberge bringen: „Die kreativen Digitalarbeiter sollen unsere heimischen Kreativen in Wittenberge aktivieren, inspirieren, auch digitale Kompetenzen vermitteln. Wir wollten Leute auf Augenhöhe zusammenbringen, die in der gleichen Gedankenwelt unterwegs sind und den gleichen Arbeitsrhythmus haben.“ Und was treibt die Kreativen aufs Land? Natur, Wasser, Ruhe. In Wittenberge können sie tagsüber produktiv, konzentriert und entspannt arbeiten und abends den Sonnuntergang an der Elbe erleben. „Was gibt es Schöneres?“, sagt Fenske.

 Coworking mit Blick auf die Elbe © MassivKreativ

Halbzeit-Bilanz und Erfolgsstrategien

„15 von den 20 Kreativen können sich eine Verlängerung vorstellen“, erzählt Fenske stolz nach nur 3 Monaten. Fünf wollen sich sogar auf Dauer einbringen. Nach so kurzer Zeit ist das ein riesiger Erfolg! „Wir sind eigentlich nach der Halbzeit schon viel weiter, als wir nach sechs Monaten sein wollten, das ist bemerkenswert“, sagt Fenske. Doch was sind die Faktoren, die das Projekt zum Erfolg werden ließen? „Weil das Projekt wirklich alle wollten“, sagt Fenske. Es gibt viele starke Partner am Standort: das Hotel und das Brauhaus, die alte Ölmühle. Der Betreiber hat binnen vier Wochen eine noch leere, im Rohbauzustand verbliebene Etage umgebaut und ausgestattet: mit Fußböden, Einbauten, Bädern, Besprechungsraum, Heizung, Küche, Möblierung, Elektrik, Präsentationstechnik, Beamer und Leinwand. Bei der Ausstattung stand die CoWorkLand-Genossenschaft der Heinrich Böll Stiftung in Kiel beratend zur Seite. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft stellte Zimmer bereit inklusive Möblierungspaketen, Internet kam von einem Breitbandanbieter. Stadt, Stadtverwaltung, städtisches Bauamt und das Technologie- und Gewerbezentrum sind die Treiber, die bis heute alles zusammenhalten.

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Corona-Krise

Wie überall im Land hat die Corona-Krise auch für den „Summer of Pioneers“ einige Reglementierungen erzeugt. Das Projekt läuft weiter – unter Beachtung und Anwendung spezieller Hygiene-Vorschriften. Die Abstände zwischen den Arbeitsplätzen im Coworking Space wurde vergrößert bzw. die Zahl der gleichzeitigen Nutzer begrenzt. Vor allem aber musste der Zugang für die Öffentlichkeit ausgesetzt werden. Mit Öffnung der Bibliotheksstrukturen Anfang Mai 2020 können Interessenten voraussichtlich den Ort wieder besuchen. 

Medienrummel

Was alle Akteure in der Stadt überrascht hat, ist das enorme Interesse der Medien am temporären Gastspiel der Kreativen im neuen Coworking-Space. Nicht nur regional wurde über den „Summer of Pioneers“ berichtet, auch deutschlandweit. Sogar die BBC war zu Besuch. „In der gesamten Berichterstattung, z. B. bei Spiegel online, waren wir sogar mal auf Platz eins“, erzählt Fenske. „Wir haben Anfragen aus der gesamten Republik, sind im Gespräch auf Landes- und Bundesebene. Es vergeht keine Woche, wo nicht mal ein Bürgermeister anruft und fragt: Wie habt ihr das gemacht? Und wir fragen zurück: Wie geht Ihr mit Fördertöpfen um? Auch Hochschulen melden sich, die sich mit Ansiedlungen von Kreativwirtschaft in ländlichen Räumen beschäftigen. Dieser fruchtbare Austausch geht von der Ostseeküste im Norden bis zum Bayerischen Wald. Das ist für alle ein toller Lernprozess.“  

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Digitalsommer Prignitz

Wo andere Städte teure Werbeagenturen mit Kampagnen beauftragen, überzeugt das kreative Projekt in Wittenberge mit Authentizität. Um über die Grenzen von Wittenberge hinaus weitere interessierte Menschen zu erreichen, wurde an das Coworking-Format im August 2019 das Wochenend-Erlebnisformat Digitalsommer Prignitz angedockt. Über 500 interessierte Gäste aus ganz Deutschland erleben hier zahlreiche innovative Veranstaltungen, Workshops und Diskussionen zu neuen digitalen Arbeits- und Lebenswelten im ländlichen Raum sowie Informationen zur Digitalisierung im Touristikbereich, in den Medien und in der Wirtschaft. Austausch ist wichtig, sagt Christian Fenske. Auch er verlässt regelmäßig seine Wittenberger Scholle und sucht nach neuen Impulsen, um sie ggf. auf Wittenberge zu übertragen: „Im Rahmen des Digital Sommers sind wir Wirtschaftsförderer auch ins Wendland, in den Landkreis Ludwigslust-Parchim und in die Altmark gegangen, um uns mit anderen Regionen auszutauschen. Das Kirchturmdenken ist schon lange vorbei, das können wir uns gar nicht mehr erlauben. Aber: viele Sachen, die irgendwo anders funktionieren, funktionieren nicht automatisch überall. Da muss man sich wirklich Zeit nehmen, um das zu analysieren. Oft liegt es an den Menschen, ob die etwas wollen und bewegen oder auch nicht.“

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Substanz aus früheren Zeiten

Abwanderung und Demografiewandel sind Themen, die viele Regionen bewegen. Wittenberge hat viel Bevölkerung verloren: 1970 gab es 34.000 EinwohnerInnen, 2018 sind es mit 17.000 nur noch die Hälfte. Im Zuge der Wende ist der einstigen Industriestadt Wittenberge die Industrie abhanden gekommen und mit ihr die Menschen. Einst liefen hier Nähmaschinen und Fahrräder vom Band. Wie es damals war, werden die älteren BewohnerInnen heute wieder öfter gefragt, nach Jahren des Schweigens, als niemand an früheren Zeiten interessiert war. Um einen Austausch zwischen den Generationen, zwischen Alt- und Neubürgern anzuregen, haben die Kreativen einen Stadtsalon eingerichtet – im Safari am Bismarckplatz 6. Hier  berichten die Senioren im Erzählcafé über ihre Arbeit im früheren Singer-Nähmaschinen-Werk und dass sie selbstverständlich mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhren. Damals nicht aus Umweltgründen, sondern weil es zu DDR-Zeiten schlicht kein Auto zu kaufen gab. Neben der alten Industriekultur hat Wittenberge auch hochwertige Wohnsubstanz zu bieten. Es gibt wunderschöne Jugendstilbauten, von denen schon viele neu herausgeputzt und restauriert sind. Doch es gibt noch immer viel zu tun. Die Wittenberger packen alles nach und nach beherzt an.

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Profilbildung mit Kultur

Der erste kreative Ruck ging bereits zur Jahrtausendwende durch den Ort an der Elbe. Als klar war, dass die Region sich neu aufstellen muss, setzten die Stadtentwickler zur Überraschung vieler auf Kultur. Eine ebenso mutige wie visionäre Entscheidung. Das schmucke neoklassizistische Kultur- und Festspielhaus, in den 50er Jahren erbaut und nach der Wende saniert, lädt jeden Tag zu Konzerten und Veranstaltungen ein. Seit 2002 ziehen die Elblandfestspiele jedes Jahr mehr Besucher an. Wittenberge führt damit eine Musiktradition zeitgemäß weiter, die der Berliner Operettenkomponist Paul Lincke aufgebracht hatte. Die Grundlagen für seine späteren Erfolge legte er von 1880-84 mit seiner Ausbildung als Militärmusiker an der Wittenberger „Stadtpfeiferei“ in der Mohrenstraße 14/15. Der Platz vor dem Kultur- und Festspielhaus wurde nach Lincke benannt und eine Büste von ihm aufgestellt.

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Neuer Bevölkerungsschub durch Kreativität

Der „Summer of Pioneers“ führt die kulturellen Traditionen von Wittenberge auf neue, innovative Weise weiter. Christian Fenske: „Die Kreativen bringen einen hohen Faktor an Lebensqualität in eine Region. Das suchen Fachkräfte, die sich neu ansiedeln wollen. Wir alle brauchen einen hohe Freizeitfaktor, ein gesundes Kulturangebot, eine offene Vereinsstruktur. Kreative bringen außerdem frische Ideen, freie Gedanken, Lebensqualität und Innovationsfähigkeit. Die braucht man in einem kleinen und mittelständisch geprägten Unternehmensumfeld.“ Wittenberge spielt dabei die gute Logistik in die Hände, es ist in mehrfacher Hinsicht ein privilegierter Ort. Idyllisch direkt an der Elbe gelegen und auf halber Strecke zwischen den Metropolen Berlin und Hamburg bietet Wittenberge vor allem ein Plus: Es gibt einen Bahnhof, an dem ICE-Züge halten. Für die Redaktion des ZEIT-CAMPUS-Magazins ist das im Februar 2020 Grund genug, um mal in anderer Umgebung die Köpfe rauchen zu lassen. Die JournalistInnen, die sonst in Hamburg und Berlin arbeiten, mieten sich im neuen Coworking-Space in der Alten Ölmühle ein. Und sind ziemlich überrascht, was Wittenberge alles zu bieten hat: unzählige schmucke Jugendstil-Häuser, eine quirlige Innenstadt, ein großes Kultur- und Festspielhaus, Museum, Schwimmhalle, Kino.

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Ausstrahlung auf interessierte Neubürger

Marketingberaterin Esther Schmidt-Bohländer, die vor 2 Jahren aus Hamburg nach Wittenberge zog, beobachtet ein wachsendes Interesse an ihrer neuen Wahlheimat: „Viele auswärtige Freunde interessieren sich tatsächlich für den Coworking-Space hier und nehmen die Gelegenheit vom Summer of Pioneers wahr, mich endlich hier in Wittenberge zu besuchen. Bisher waren alle positiv überrascht, wie schön es hier ist. Ich kenne viele, die gerne aus der Großstadt weg würden… Was für Wittenberge spricht: Hier gibt es leistungsfähiges Internet durch Breitband und Glasfaseranschluss und zentral zwischen Berlin und Hamburg ein ICE-Anschluss: Das ist ganz besonders für eine 17.000 Einwohner Stadt.“ Schon kurz nach ihrer Ankunft hatte Bohländer Ideen, um Wittenberge neu zu beben. Sie kontaktierte Christian Fenske und stieß bei ihm sofort auf offene Ohren. Anknüpfend an ihre beruflichen Erfahrungen in Hamburg bietet sie nun im Stadtsalon  „Safari“ Bierverkostungen an und führt die Teilnehmerinnen mit ihrem Expertenwissen in die Welt  von Hopfen, Malz und Gerste ein. So bereichert jeder Neubürger Wittenberge auf seine besondere Weise.

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Modell mit Lerneffekt für andere

Regionalentwickler Christian Fenske ist zukunftshungrig und hat noch viel vor in Wittenberge. Der Summer of Pioneers ist ein Modellversuch, von dem andere Regionen lernen können, z. B. zum Thema Coworking und Geschäftsmodelle: „Ist das vielleicht auch eine gesellschaftliche Aufgabe?“, fragt Fenske. „Muss vielleicht die Kommune das unterstützen, selbst wenn es nicht wirtschaftlich tragfähig ist. Wir in Wittenberge machen das, weil wir es als hilfreich für unsere hiesige Wirtschaft ansehen. Wir brauchen ein angenehmes Klima. Innenstadt ist vor allem Kultur. Eine tote Innenstadt ist auch eine tote Kultur!“  Inzwischen hat auch die Politik den Mut und Erfolg des kreativen Projektes gewürdigt. Es erhielt eine Anerkennung vom Bundesinnenministerium im Rahmen des Wettbewerbs „Menschen und Erfolge“. Die Stadt ist begeistert von den Ergebnissen und hat wegen weiterer Nachfragen von neuen Kreativen das Projekt um 6 Monate verlängert. Es läuft nun bis Juni 2020 und bekommt weitere Ableger – coronabedingt erst 2021. Dann soll das Coworking-Abenteuer im hessischen Homberg und in Altena in NRW nördlich von Lüdenscheidt weiter ziehen. Darüber hinaus soll das Format im Sommer 2021 auch in Westmecklenburg Station machen – bei den Kreativen von WIR BAUEN ZUKUNFT. Großartige Aussichten!

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PODCAST

 

Ein Labor auf dem Land: Wie das Wendland kreative Köpfe anlockt

 © Andreas Hermsdorf, Pixelio.de 

Wie holt eine Kommune kreative Köpfe aus der Stadt aufs Land? Der Landkreis Lüchow im Niedersächsischen Wendland hat dazu sehr erfolgreiche Projekte entwickelt, u. a. mit dem Wendlandlabor. Ich habe mit den Akteuren gesprochen.

Austausch über den Tellerrand

Das Wendlandlabor ist ein Netzwerk für kreative und unternehmerische Innovation auf dem Land. Es steht in engem Kontakt mit Hochschulen aus den umliegenden Metropolen, realisiert unterschiedliche Veranstaltungsformate für die Kreativwirtschaft und bringt Kreative mit regionalen Unternehmen zusammen. Ziel ist vor allem, Wissen und Technologien zwischen Stadt und Land auszutauschen.

 © Wendlandlabor

Klinkenputzen

Christof Jens leitet das Wendlandlabor und weiß, dass es einen langen Atem braucht, um beide Welten in cross-sektoralen Projekten zusammenzuführen. Vor allem Klinkenputzen und persönliche Überzeugungsarbeit gehöre dazu, sagt er. Bei traditionellen Unternehmen gäbe es zuweilen Berührungsängste, wenn man sagt, wir wollen etwas gemeinsam mit der Kreativwirtschaft machen. Da muss man dann erst mal mit guten Beispielen erklären, dass gerade in der Kooperation zwischen Kreativwirtschaft und traditionellen Unternehmen auch ein Mehrwert entstehen kann. Christof Jens: „Ich sage dann z.B., dass ein Designer niemand ist, der ein Objekt nur schön macht, sondern dass Designer Menschen sind, die sich funktionale und sehr praxisnahe Gedanken machen, also: Wie wird das Produkt eingesetzt? Welche Ressourcen habe ich zu Verfügung?“

 © Wendlandlabor

Vermitteln

Christof Jens ist Intermediär. Er vermittelt zwischen den Welten und muss auf beiden Seiten starres Denken aufbrechen. Er weiß, dass es zuweilen auch Vorbehalte bei den Kreativen gegenüber traditionellen bzw. klassischen Unternehmen gibt. Doch je mehr gelungene cross-sektorale Projekte zustande kommen, umso mehr Beweise gibt es für deren Erfolg.

Wendland Design Spring 2019

Im letzten Jahr hat das Wendlandlabor ein 10-wöchiges Workshop-Programm Wendland Spring Design initiiert für Studierende aus kreativen Studiengängen umliegender Hochschulen mit Wendländischen Unternehmen. Ihre Fragestellungen bearbeiteten die Studierenden in kleinen interdisziplinären Teams von 2-3 Personen und erarbeiteten eine kreative Lösung. Für den metallverarbeitenden Betrieb sollten die Studierenden eine Möglichkeit finden, die Münzzählmaschinen besser zu vermarkten bzw. anders zu nutzen. Der Verlag der Lokalzeitung, die einmal am Tag jedes Dorf anfährt und bislang nur Zeitungen mitnimmt, wollte wissen, was er alternativ noch mit transportieren könnte und welche Geschäftszweige sich daraus entwickeln lassen? Ein Immobilien- und Tourismusentwickler suchte Ideen für eine Begegnungsstätte mit zwischen Touristen und jungen Menschen. Er wollte Grundstücke kaufen und dafür ein Konzept haben. Alle drei regionale Unternehmen brauchten frischen Input von außen und bekamen ihn über die Kreativen.

 © Harry Hautumm, Pixelio.de 

Erfahrungen nutzen

Das Format Wendland Spring Design baut auf Erfahrungen der Grünen Werkstatt Wendland auf. In StarterCamps suchten Design-Studenten und lokale Handwerker gemeinsam nach Lösungen für regionale Herausforderungen. Von 2012-2017 nahmen ca. 250 Studierende teil. Daraus wurden 250 Botschafter, die das Wendland an ihrer Hochschule und in ihrem Freundeskreis bekanntmachen. Viele von ihnen sagen: „Wenn Land, dann Wendland!“: „Unser Job im Wendlandlabor ist es, eine Schnittstelle zu bilden zwischen der Kreativwirtschaft, den Studierenden und den Unternehmen“, sagt Christof Jens. „Und da reale und gedankliche Räume zu schaffen, in denen diese unterschiedlichen Gruppen sich treffen und innovativ zusammenarbeiten können…“

 © Wendlandlabor

Prototyping Woche

Ein anderes Format ist die 100² | Prototypenwoche, die nun zum zweiten Mal vom 23.-28.3.2020 stattfindet. Meldet Euch bei Interesse rasch an. Madeline Jost ist im Wendlandlabor für Kommunikation & Öffentlichkeitsarbeit zuständig: „Wir freuen uns, wenn noch mehr Interessierte auf dieses innovative und kreative Projekt aufmerksam werden.“ Erneut sind EntwicklerInnen, HochschulabsolventInnen und StartUps zur Teilnahme eingeladen. Bis zu fünf Teams können ihre Ideen weiterentwickeln und erhalten Unterstützung beim Bau ihres ersten, funktionstüchtigen Prototypens. Den Ideengebern steht für die Prototypenwoche ein Entwicklungsbudget von bis zu 1.000 Euro. zur Verfügung, das sie in Material und/oder Maschinenlaufzeit umsetzen können.

 © Wendlandlabor, Madeline Jost: RiMaTec Geschäftsführer Andreas Ressel unterstützt die Prototyper mit KnowHow 

Das Projekt ist auf Nachhaltigkeit angelegt. Die Kooperation von RiMaTec und Wendlandlabor soll längerfristig laufen, u. a.  mit dem unternehmensintegrierter 100². Wie schon im vergangenen Jahr stellt das metallverarbeitende Unternehmen RiMaTec Räumlichkeiten und fachliche Expertise zur Verfügung. Zusätzlich sind interdisziplinäre Coaches als Ansprechpartner*innen und Berater*innen vor Ort. Nicht zögern, wenn Ihr interessiert seid, neue kreative Lösungen für spannende Herausforderungen der Regionalwirtschaft im Wendland zu entwickeln und meldet Euch an: MAIL: info@wendlandlabor.de

Mehrwert

Im Wendland sind vor allem traditionelle Unternehmen aktiv: im Handwerk, in der Logistik, in der Lebensmittelindustrie. Um diese Unternehmen innovationsstärker zu machen, braucht man kreativen Input, den die Unternehmen von sich aus nicht leisten können. „Die meisten Unternehmen können keine eigene Entwicklungsabteilung finanzieren, um etwa neue Geschäftsmodelle zu entwickeln“, erklärt Christoph Jens. Deswegen ist so ein Austausch mit der Kreativwirtschaft und das Fördern und Ansiedeln der Kreativwirtschaft auch für die regionalen Unternehmen wichtig.“

Finanzierung

Das WendlandLabor ist ein gefördertes Projekt über den Europäischen Sozialfonds zum Themenbereich „Soziale Innovationen“, das bis Ende Juni 2020 läuft. Christof Jens ist aktuell dabei zu klären, wie sich die Netzwerkarbeit verstetigen und die Förderung auf andere bzw. breitere Schultern verteilen lässt.

Im Wendland unterstützt der Landkreis Lüchow-Dannenberg die Ideen von Kreativschaffenden aktiv aus verschiedenen Institutionen heraus: der Stabsstelle Regionale Entwicklungsprozesse des Landkreises Lüchow-Dannenberg, der Agentur Wendlandleben, die vor allem als Informations- und Anlaufstelle für Rückkehrer und Neubürger wirkt, und dem dem Think Tank „Grüne Werkstatt Wendland“. Alle Institutionen sind räumlich gemeinsam unter einem Dach in der alten Poststelle von Lüchow angesiedelt, dem heutigen Coworking-Space „PostLab“. Das Wendlandlabor schließt insbesondere die Lücke fehlender Universitäten und Hochschulen in der Region und steigert das regionale InnovationsPotential. Das Wendland konnte sich dank der Aktivitäten der Kreativakteure (u. a. auch beim landesweiten Festival „Kulturelle Landpartie“) ein überregional wirksames Image und Standortprofil als kreative Region erarbeiten.

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Weitere erfolgserprobte Formate

Auf STIPPVISITE bei… ist ein regionales Exkursionsformat des Wendlandlabors an jedem letzten Dienstag im Monat zu einem kreativen Arbeitsplatz im Wendland mit einer Einführung in die Arbeits- & Lebenswelt des kreativen Gastgebers „Hosts des Monats“ und einem lockeren Snack & Schnack in seiner Wirkungsstätte, z. B. eine Werkstatt, ein Atelier, ein Ausstellungsraum und ähnliches: hier

Netzwerk-Formate der Grünen Werkstatt Beratungsstunde für NetzwerkerInnen und CoworkerInnen jeden 1. Mittwoch im Monat, Offenes Netzwerkfrühstück für Kreative, IT-ler, Neu-Wendländer usw. jeden 3. Donnerstag im Monat, Reparatur-Café mit Fachleuten und interessierten Laien jeden 2. Samstag im Monat, 10 – 13 Uhr, Wendland-Einmaleins – ein Info- und Kennenlernabend für Neubürger an wechselnden Termine: hier

Bewohner von morgen

Das Wendlandlabor initiiert vor allem temporäre Projekte mit Kreativen. Langfristiges Ziel ist jedoch, die Kreativen dauerhaft aufs Land zu ziehen. Wie das gelingen kann, darüber macht sich das Christof Jens natürlich auch Gedanken. Einen Masterplan oder ein Geheimrezept gäbe es nicht, meint er, aber: „Wir probieren viele kleine Maßnahmen aus und passen sie dann an die Rahmenbedingungen und an die Bedarfe der Menschen an, die uns immer Rückmeldung geben auf das, was wir tun. Das ist auch immer so ein ständiger Studierprozess für alle. Der Name Wendlandlabor macht das ja auch deutlich: testen, Erfahrungen sammeln, modifizieren. Zum Glück haben wir ein relativ offenes Konzept bei der Förderung und daher die Möglichkeit, ein bisschen auszuprobieren. Von fünf, sechs guten Ideen funktioniert oft nur eine wirklich.“ 

 © Wendlandlabor, Madeline Jost: Gewinner Stefan Gantner,Prototyping 2019

Willkommensagentur

Wichtiger Partner bei der dauerhaften Ansiedlung von Kreativen und Fachkräften überhaupt ist die Agentur „Wendlandleben“. Sie informiert über Arbeit, Bildung, Leben und Freizeit in der Region und macht Lust auf die Menschen, die schon da sind. Kreative, tatkräftige und engagierte Bewohner kann man auf dem Portal in den Wendland-Stories in Form von Portraits und Interviews kennenlernen. Was ist eigentlich das Geheimrezept für eine gute Hofgemeinschaft in dem kleinen Dorf Prießeck? Dort fand übrigens im Sommer 2019 das erste Tiny Living Festival statt. Alles drehte sich dort um die kleinen mobilen Häuschen. Das Festival war Kongress, Messe, Ausstellung mit Fachgesprächen und Musik. Akteure der Nachhaltigkeitsszene aus der ganzen Republik kamen und fragten: Wie wohnen wir zukünftig? Wie können wir den Ansprüchen der Menschen und der Umwelt gerecht werden? Welche Entwicklungen und welche Technik gibt es?

Ansiedlungsaktion Tiny Houses

Initiator des Festivals ist Michael Selig, er ist ein typischer Bewohner im Wendland, weil immer engagiert. Seite Idee: Mit „Land auf Probe“ sollen Kreative testen, Tiny Houses auf aussterbenden Höfen im Wendland aufzustellen. Mit der „Haus-im-Haus“ Idee können Innenhöfe als Stellflächen benutzt werden, ebenso ausgediente kommunale Anlagen oderCamping-/Sportplätze. Auch Christof Jens vom Wendlandlabor weiß: „Es gibt die Neuankömmlinge, die erst mal probehalber aufs Land gehen wollen, also nur temporär. Die möchten noch ein bisschen schnuppern und finden  unterschiedliche Mietmöglichkeiten, auch Tiny Houses, interessant.“

Hinweis für andere Regionen

Wiederkehrer bzw. jene, die schon Erfahrungen vom Land mitbringen, suchen eher nach eigenem Wohnraum, sagt Jens. Und er gibt noch einen Rat: Regionalentwickler sollten sich von dem Vorhaben verabschieden, ausschließlich junge Menschen ansiedeln und ansprechen zu wollen. Studierende, die mitten im Studium sind, hätten noch nicht den Kopf frei für eine längerfristige Lebensplanung. Eine geeignetere Zielgruppe seien jene Menschen, die schon eine Weile gearbeitet haben, die aus den Städten kommen, die eine Familie gegründet haben und den nächsten Schritt machen möchten. Am Ende berichtet der Projektleiter vom Wendlandlabor zufrieden: „Im Umfeld der Grünen Werkstatt sind aus unterschiedlichen Veranstaltungen acht oder neun junge Menschen entweder direkt im Wendland geblieben oder später ins Wendland zurückgekehrt.“ Ein Beispiel ist Regionalentwicklerin Nicole Servatius, die jetzt beim Landkreis Lüchow-Dannenberg tätig ist.

Podcast 

Ausflugstipp

Kulturelle Landpartie Das landesweite Kultur- und Kunst-Festival zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist seit vielen Jahren ein Aushängeschild für das Wendland, eine Erlebnis- und Leistungsschau der Kreativakteure an über 120 Orten im Wendland. Es zieht jedes Jahr bis zu 60.000 Besucher an und ist für das Tourismusmarketing ein wesentlicher Standortfaktor: https://www.kulturelle-landpartie.de/

Zivilgesellschaftliche Kreativität in ländlichen Regionen

    © Karl-Heinz Liebisch, Pixelio.de 

Ländliche Regionen plagen große Sorgen: Demografiewandel, Abwanderung, Verödung und Globalisierung. Doch statt sich davon überrollen zu lassen, engagieren sich immer mehr Menschen in ihrem Umfeld für die Regionalentwicklung, insbesondere aus der Kultur- und Kreativbranche.  Sie bringen ihr Wissen, ihre Kompetenzen, ihren Mut, ihr Herzblut, ihre Kraft, ihre Kreativität und vor allem viel Zeit ein, um ihr Leben aktiv mitzugestalten. Wer Selbstwirksamkeit spürt, Vertrauen und Wertschätzung von Mitmenschen erfährt, erkennt einen starken Sinn in seinem Tun und ist im Alltag psychisch und physisch gestärkt. Die folgenden Beispiele demonstrieren die Vielfalt: 

Mestlin

Aus einer Bürgerinitiative entstand 2008 in Mecklenburg-Vorpommern der gemeinnützige Verein Denkmal Kultur Mestlin e. V. Die Dorfbewohner wollten das stark überdimensionierte, noch aus DDR-Zeiten stammende Kulturhaus erhalten und in Eigenregie leiten. Die Akteure, darunter viele Künstler, erarbeiteten ein Mischkonzept aus Kino- und Theateraufführungen, Konzerten, Veranstaltungen, Festivals, Schulungen und Ausstellungen. Das Haus bietet heute Arbeitsplätze für Künstler, eine Bühne, verschiedene Seminarräume, Gastronomie und Übernachtungsmöglichkeiten für externe Gäste. Sie kommen, um die besonderen kreativen Angebote vor allem in Nischenbereichen wahrzunehmen, zum Beispiel Behinderte, soziale Randgruppen, Senioren, Jugendliche.

  © M. Grossmann, Pixelio.de 

Rothen

Auch im mecklenburgischen Dorf Rothen ist mit dem Engagement vieler Künstler ein Ort für Kultur, Gewerbe und Kunst entstanden. Ein ehemaliger, heute denkmalgeschützter Kuhstall zieht Touristen mit Konzerten und Veranstaltungen an. Als Publikumsmagnet wirken auch Metallwerkstatt und Bauerngarten. Der Verein Rothener Hof zählt 75 Mitglieder. Die Künstler haben ein enges Netzwerk gebildet, unterstützen sich mit unterschiedlichen Kompetenzen, präsentieren sich gemeinsam auf einer Internetseite sowie auf Kunst- und Kulturmärkten. 

Soziale Dorfentwicklung 

In Mecklenburg-Vorpommern hat Corinna Hesse, Sprecherin von Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft und Verlegerin im Silberfuchs-Verlag, für das nördliche Bundesland den Wettbewerb Soziale Innovationen von kreativen Raumpionieren initiiert. Beworben haben sich 36 zivilgesellschaftliche Projekte zwischen Kreativschaffenden und Bürgern. Ländliche Regionen profitieren von den kreativen Ideen für ein sinnstiftendes Zusammenleben. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hat das Modellvorhaben unterstützt, das die Potenziale von Kreativen stärker nutzen möchte, z. B. für Perspektivwechsel und Querdenken, Mut und Experimentierfreude. Im Fokus stehen auch gesellschaftsgestaltende Prozesse mit künstlerisch-kreativen Methoden, die auf die besonderen Herausforderungen in der Region eingehen. Die besten drei Projekte wurden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und mit Projektmitteln von insgesamt 10.000 Euro unterstützt. Erstplatzierter des Wettbewerbs ist das Projekt im Ort „Rögnitz.Ausbau 3.0“, der seine Zukunft mit der DesignThinking-Methode plant. Die zehn Nominierten berichten im Interview über ihre Zukunftsideen: 

Roadshow – Wanderausstellung Raumpioniere
Mit Unterstützung der Friedrich Ebert Stiftung – Landesbüro MV sowie dem Landesfrauenrat MV entstand eine Wanderausstellung zu den 10 nominierten Projekten im Landeswettbewerb für kreative Raumpioniere. Die RollUps können an interessierte Partner kostenfrei ausgeliehen und gezeigt werden. Die Motive können kostenfrei über ein Download genutzt werden.

Preisverleihung
Am 24. Oktober 2019 fand die Preisverleihung zum Landeswettbewerb Kreative Pioniere statt – im Rahmen des ganztägigen Forums „Business for Future“ im Digitalen Innovationszentrum DIR im Perzina-Haus in Schwerin statt. Eine Keynote zum Thema „Sozial-kreative Innovatoren als Zukunftsmacher in MV“ hielt Projektleiterin Corinna Hesse. Antje Hinz moderierte eine Podiumsdiskussion zum Thema „Perspektiven: Wie können kreative Zukunftsmacher noch bedarfsgerechter gefördert werden“. Hier ein Audio-Mitschnitt, der als Podcast erschienen ist:

Wendland

Das Wendland steht seit über 30 Jahren für seinen unermüdlichen Widerstand gegen die Atomkraft, Castortransporte und Atommülllagerung. Die dünn besiedelte
und von Abwanderung bedrohte Region erprobt zugleich höchst kreative Modelle des Zusammenlebens. Überdurchschnittlich viele Künstler und Kreative gestalten
das soziale Leben aktiv mit. Sie wollen das Aussterben der Dörfer nicht hinnehmen, beleben ihre Regionen neu. Die kreativen Angebote der Ideen- und Innovationsschmiede Grüne Werkstatt Wendland – neuerdings ergänzt vom WendlandLabor, das verstärkt soziale Innovationen vorantreiben will – locken sogar Großstädter aus den Metropolen an, u. a. Designstudenten von künstlerischen Hochschulen. Nicole Servatius erzählt im Podcast ausführlich über das Projekt.

Kulturelle Landpartie

Ein Publikumsmagnet für Bürger aus Stadt und Land ist die alljährlich stattfindende Reihe Kulturelle Landpartie sowie weitere Theateraufführungen und Musikfestivals im Wendland. Die Initiative ZuFlucht Wendland plant für 300 Menschen ein interkulturelles Mehrgenerationendorf. Das Hitzacker-Dorf soll Heimat und Arbeitsplätze für Einheimische und Geflüchtete schaffen, ein visionäres Modell mit Vorbildcharakter auch für andere Regionen in Europa. Das Sozialexperiment in dem extrem strukturschwachen Gebiet wächst stetig, vor allem durch das außergewöhnliche Engagement der Bürger. Den organisatorischen und finanziellen Rahmen für die geplanten Wohnungen, Gewerbeflächen,  Läden und Obstplantagen bildet die neu gegründete Genossenschaft Hitzacker Dorf eG iG, die auch das Bauland erworben hat. Hauke Stichling Pehlke erzählt im Podcast ausführlich über das Projekt.

Veranstaltungshinweis

Projekt: Zukunft@Land – Wie realisiere ich meine Projektidee im ländlichen Raum?

Workshop des Kreiskulturrates Ludwigslust-Parchim in Kooperation mit Wir bauen Zukunft eG in Nieklitz, Ceylan Rohrbeck und Nadine Binias, Stadt-Land-Expertin

WANN? 21.11.2019, 15-19 Uhr

WO? Wir bauen Zukunft eG | Holzkruger Str. 1 | 19258 Nieklitz (Gallin), Landkreis Ludwigslust-Parchim in der Metropolregion Hamburg

Bitte bis zum 15.11. anmelden unter diesem Link

Mehr Infos hier

Neue Lebenswelten: Das Dorf ist kreativ und innovativ

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Was früher Bürde und Einengung war, gilt heute als neuer Freiraum und Luxus: das Leben auf dem Lande. Immer mehr Menschen kehren dem urbanen Leben bewusst den Rücken. Meine Verlagskollegin Corinna Hesse ist 2010 von Hamburg ins mecklenburgische Tüschow umgezogen, ein winziges Örtchen mit 12 Häusern im Altkreis Ludwigslust. Seitdem genießt sie die Idylle und nutzt den Freiraum, das Dorfleben aktiv und kreativ zu gestalten. Ein Gastbeitrag von Corinna Hesse.

Vom Potenzial ländlicher Räume

Der digitale Wandel bringt es mit sich, dass Menschen dort arbeiten können, wo sie leben möchten – und nicht umgekehrt. Tüschow ist für mich der schönste Ort der Welt. Ein Paradies am Naturschutzgebiet Schaalelauf, mit totaler Stille und üppigstem Sternenhimmel. Ein Dorf mit 28 Einwohnern und einem schmucken Herrenhaus. Die Internetleistung ist passabel, naja: ausbaufähig. Im Mobilfunknetz ist allerdings noch sehr viel Luft nach oben. Die „Kreativquote“ ist dennoch hoch: 21% der Einwohner arbeiten in kreativen Berufen, selbständig oder als Kleinunternehmer. Mein Mann als Musikjournalist und ich als Kultur-Verlegerin sind zwei davon. Alle Kreativen hier sind Stadtflüchtige. Sie verbinden den Wunsch nach einer (für sie selbst) sinnstiftenden beruflichen Tätigkeit mit einer neuen Idee von Lebensqualität – der Idee, dass der Mensch vielleicht doch nachhaltig in Einklang mit der Natur leben kann anstatt die Ressourcen unseres Planeten dauerhaft zu zerstören.

 Herrenhaus Tüschow © kallebu

Verändern oder Bewahren

Die Erkenntnis wächst in Politik und Verwaltung, dass in der kreativen Gestaltung des Wandels in ländlichen Räumen ein riesiges Potenzial liegt. Natürlich sind die Beharrungskräfte in einem Dorf stark: Es gibt auch Bewohner, die sich nach den „guten alten Zeiten“ zurücksehnen. Doch der Wandel ist längst da und lässt sich nicht aufhalten. Also: Wollen wir ihn aktiv gestalten oder lassen wir uns von der digitalen, globalisierten Welt überrollen? Zum Wandel gehört auch, dass wir uns überlegen, was wir bewahren wollen. Was uns etwas „wert“ ist. Und vielleicht ist Beharrungsvermögen manchmal auch ganz gut und das Neue nicht um jeden Preis besser als das Alte? 

  Solardächer sind auch in Dörfern längst selbstverständlich, wie auf dem Passivhaus von Corinna Hesse. © kallebu

peer to peer: voneinander lernen

Alteingesessene und Zugezogene lernen hier viel voneinander. Ich zum Beispiel bewundere die Alt-Tüschowaner für ihre handwerklichen und gärtnerischen Fähigkeiten. Und von uns Kreativen lernen die Alt-Tüschowaner vielleicht, dass Innovationen durchaus ihren Reiz haben, wenn man sie selbst gestalten kann. Es ist extrem spannend zu beobachten, wie produktiv das freundschaftliche Zusammenspiel der heterogen Sozialisierten im engen Radius eines Dorfes wirken kann.

 © Jerzy Sawluk, Pixelio.de 

Hilfe zur Selbsthilfe: bürgerschaftliches Engagement

Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass der Staat eine Full-Service-Agentur ist. Das brauchen wir nicht, aber wir brauchen auch keine Bevormundung und schablonenhaft fixierte Entwicklungskonzepte. Die Dorfbewohner in Tüschow sind stolz auf ihre gestalterischen Kompetenzen: Mit vereinter Kraft haben sie nach der Wende eine Brücke über die Schaale gebaut, die lächerlich wenig gekostet hat. Obwohl „unsere“ Brücke sicherlich noch viele Jahrzehnte halten wird, wäre diese Art der bürgerschaftlichen Selbsthilfe heute nicht mehr möglich. Sicherheitsvorschriften, Bauauflagen…

Experimentierfeld für kreative Raumpioniere

Mein Vorschlag für eine kreative Regionalentwicklung wäre, mehr Freiräume für die Gestaltungskraft der Einwohner zu schaffen und kreative Raumpioniere mehr zu unterstützen. Vorbild für eine neue Art von regionaler Verwaltung ist der Gärtner: Er sorgt für guten Boden und ausreichend Wasser. Aber das Wachsen überlässt er den Pflanzen selbst. Wachstum lässt sich nicht erzwingen. Und Überdüngung führt selten zu nachhaltigem Erfolg. In der Natur gibt es kein ewiges Wachstum, nur ewige Wandlung. Aber wenn wir uns vom Paradigma des ewigen Wachstums endlich verabschieden, können wir das Dorf zu einem Experimentierfeld machen, um herauszufinden, was das Leben lebenswert macht.

  © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Plädoyer fürs Dorf: Vorzüge realer Realitäten

Für mich persönlich war der größte „Verlust“ im Dorfleben übrigens nicht, dass man hier nicht asiatisch Essengehen kann oder das nächste Kino weit weg ist. Eine sonnenwarm gepflückte, vollreife Erdbeere hat die Aromen derart optimiert, dass Sterneköche vor Neid erblassen. Und das abendliche künstlerische Lichtspiel im tausendfach variierten Grün und die jahreszeitlich wechselnden Duftkulissen im Garten fluten die Sinne, so dass ich die „reale“ Realität der virtuellen allemal vorziehe. Nein, der größte Verlust war, dass vor drei Jahren die Nachtigall ausblieb, die uns die ersten Frühlinge hier in Tüschow mit ihrem bezaubernden Gesang verwöhnt hat. Die industrielle Landwirtschaft forderte ihren Tribut. In der Stadt hätte man es vielleicht nicht mal bemerkt.

 © kallebu 

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Corinna Hesse ist geschäftsführende Mitgesellschafterin im Silberfuchs-Verlag und setzt sich als Sprecherin der Kreative MV – dem Netzwerk für Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern – und Vorstandsmitglied der Kreative Deutschland – Bundesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft – in zahlreichen Projekten für die kreative Gestaltung des ländlichen Raums ein. Sie ist Pionier einer Neuen Ländlichkeit.

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Weiterführende Informationen in diesem Artikel: 

Kreative als Atemspender für ländliche Regionen – Wettbewerb für soziale Innovationen in ländlichen Räumen in Mecklenburg-Vorpommern „Kreative für MV – MV für Kreative“ (2017-2019)