Lokaljournalismus im Aufwind: Kreativquartier Schwerin-Görries

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Schon während der Diplomarbeit wird Manuela Heberer klar: Die reine Wissenschaft ist nichts für mich. Heberer entdeckt den Journalismus für sich und findet den Quereinstieg über „learning by doing“. Sie jobbt im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, schreibt Artikel für die Thüringer Allgemeine, steigt dort intensiver mit einem Praktikum ein und schließt dann ein Volontariat in der Pressestelle der Hochschule an. Hier erhält sie eine Redakteursausbildung: „Das passte ganz gut, weil wir uns natürlich schon im Studium ganz viel mit Wissenschaftsthemen beschäftigt hatten. Durch mein Biologiestudium wusste ich natürlich auch, wie Wissenschaftler so ticken und wie Wissenschaftskommunikation geht. Das ist ein ganz wichtiges Thema heute, die Wissenschaft aus dem elitären Elfenbein herauszubringen und in die Öffentlichkeit zu tragen. 

Vielfältige Medienformate

Folgerichtig gründet Heberer 2012 ihr Medien-Startup alles-mv. Unter diesem „Dach“ realisiert sie vielfältige Formate, vor allem das Online-Magazin VielSehn mit Reportagen, Porträts und Ideen über engagierte Menschen, die in MV etwas bewegen. „Ich möchte damit die Vielfalt im Nordosten Deutschlands sichtbar machen und einen Gegenpol zu den gängigen Klischees setzen“, sagt Heberer. Spannende Gespräche bereitet sie für ihren Podcast Erste Generation auf. Auch die Lesereihe MV liest soll als Podcast und ebenso live in Kooperation mit der Hörspiel- und Begegnungsscheune Cramon langfristig weiter wachsen. Ein beliebtes Service-Angebot ist ihr Veranstaltungskalender Wohin Ihr wollt, der von vielen Mecklenburger gern genutzt wird. Auch der Natur fühlt sich Heberer verbunden, seit 2012 verantwortet sie die Redaktion für den Naturschutzbund in MV.

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Vielsehn – Geschichten aus der Region

„VielSehn“ ist als Selbstverständnis von Heberer zu verstehen. Naheliegend, dass es zum Titel ihres gleichnamigen Online-Magazins wurde, das Themen, Menschen und deren Vorhaben in der Mecklenburgischen Seenplatte sichtbar macht: „Wir machen uns auf die Suche nach den Menschen, die dort leben, den Unternehmen, die dort wirtschaften, den Initiativen, die sich dort engagieren, nach all denjenigen, die in der Region etwas bewegen. Es gibt also viel zu sehen!“ Kokreative Partnerin beim VielSehn-Magazin ist die Grafikerin Antje Siggelkow. Ihre gemeinsame Mission: professionelle Gestaltung und Design verbunden mit journalistischem Handwerk. Lokaljournalismus ist aktuell im Aufwind, auch in MV. Hier weht einiges an Gründergeist, häufig angefacht, weil engagierte Menschen Leerstellen erkennen und einfach machen. Aus Unzufriedenheit über Berichterstattung der Neubrandenburger Tageszeitung “Nordkurier” haben Heberers Kollegen vom Katapult-Magazin in Greifswald mit dem umtriebigen Chefredakteur Benjamin Fredrich gerade die Regionalzeitung Katapult MV auf den Weg gebracht. In nur vier Tagen kamen 19.000 € zusammen, damit können nun fünf Redakteure und Grafikerinnen pro Monat finanziert werden, um zunächst aus Greifswald und Stralsund zu berichten. Je nach Entwicklung des Zuspruchs und der Abonnentenzahl sollen weitere Büros in MV folgen.    

Aus eigenem Antrieb

In MV lässt sich noch Neuland beackern. Diese Erkenntnis treibt auch Heberer an. Wer mutig ist und langen Atem hat, kann viel bewegen. Die Anfänge waren 2012 mühsam, aber auch erfüllend, weil es keine Vorlagen gab: „Ich wollte damals einfach ein Medium haben, wo ich Beiträge über Themen schreiben kann, die ich sonst nicht lese oder vielleicht auch sonst in den etablierten Medien nicht unterbekomme als freie Journalistin. Themen, die ich mir selber suche und umsetze. Heberers Berichterstattung wird von den Portraitierten und den Protagonisten begeistert und dankbar aufgenommen. Sie beobachtet immer wieder, wie schwer es kleine Akteur*innen und Unternehmer*innen haben, weil sie nicht die Kapazitäten haben, in die Öffentlichkeit zu gehen. „Klar, die pflegen ihren Facebook- und Instagram-Account und haben meistens auch einen Online-Shop. Aber für Öffentlichkeitsarbeit, also dass man rausgeht und von sich erzählt, dafür bleibt dann oft gar keine Zeit. Und daher freuen sich die Leute dann umso mehr, wenn mal jemand vorbeikommt, Fragen stellt und das dann in einem entsprechenden Rahmen auch veröffentlicht wird. Ich merke an der Resonanz und am Zuspruch bei den Lesern: Das sind wirklich Themen, die wollen die Leute wirklich lesen.“

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Mecklenburgische Seenplatte

Der aktuelle Wirkungsradius ist für Heberer wegen des VielSehn-Magazins vor allem die Mecklenburgische Seenplatte. Der größte Landkreis Deutschlands erstreckt sich über 5.000 Quadratkilometer und bietet eine Fülle spannender Geschichten und Orte: von der Müritzregion im Südwesten über die Feldberger Seenlandschaft bis an die Uckermark im Osten, das Trebeltal um Demmin und das Peenetal bei Loitz im Norden. Eine wunderschöne und vielfältige Region mit Flüssen und Seen, mit viel Freiraum und viel Land. Das lässt nicht nur Touristen schwärmen, auch Einheimische wie Heberer wissen die Natur und die zauberhaften Orte zu schätzen. Durch ihre Online-Artikel möchte sie ihre Erlebnisse in herrlicher Umgebung mit anderen teilen: „Ziel ist es, die Vielfalt zu zeigen, um auch potenzielle Zuzügler von der Region zu überzeugen. Von den Menschen, der Kultur und der Lebensart.“    

Lebensmotto

„VielSehn“ ist zu einem  Lebensmotto von Manuela Heberer geworden. Als Journalistin ist sie viel unterwegs, hat Augen und Ohren stets nah an den Menschen, ihren Geschichten und ihren Vorhaben. Heberer ist überzeugte Mecklenburgerin. Sie wurde in der Landeshauptstadt Schwerin geboren, arbeitet und lebt hier glücklich mit ihren Kindern und ihrem Ehemann. Die Dauerliebe zu Mecklenburg wurde nur kurz unterbrochen – von einem Gastspiel in Thüringen für ihr Biologiestudium und ihr Volontariat. Mecklenburg ist für Heberer Heimat durch und durch: „Hier bin ich zu Hause, hier fühle ich mich wohl, hier komme ich mit den Menschen am besten klar.“

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Kreativquartier Schwerin-Görries

Visionäre Ideen entstehen in kreativer Umgebung. Schon seit 2012 arbeitet Heberer etwas außerhalb der Landeshauptstadt – im Kreativquartier Schwerin-Görries an einem geschichtsträchtigen Ort. Vor etwa 100 Jahren haben findige Köpfe hier einen Flugplatz mit angeschlossener Flugschule eröffnet. Die beiden Weltkriege haben allerdings die zivile Luftfahrt beendet. Das Rollfeld wurde zum Gewerbegebiet, das sogar einen Anschluss an die Regionalbahn hatte. Übrig geblieben sind zwei Gebäude: die ehemalige Flugschule im Bauhausstil, und das Offizierskasino. Hier ist das Herzstück des Kreativquartiers untergebracht. Hier entwickelt Heberer in ihrem Büro ihre Medienformate neben weiteren Kreativschaffenden, Künstler*innen, Freiberufler*innen. Außerdem arbeiten hier Handwerker und proben hier Musiker*innen, weit genug entfernt vom benachbarten Wohngebiet im Stadtteil Görries. So steht auch der nächtlichen Nutzung nichts entgegen – was auch die angrenzenden Clubs und Theaterprobenräume zu schätzen wissen. Zwischen ehemaligen Textilfabriken und Autohäusern genießen Clubkultur und Graffitikunst den vorhandenen Freiraum, um sich zu entfalten und zu verwirklichen. Das Kreativquartier wird immer weiter ausgebaut und findet Stück für Stück neue Bewohner*innen. Aber: Platz für weitere kreative Macher, für Tüftler und Visionäre ist noch vorhanden.

Ideale Bedingungen am Stadtrand  

Heberer ist nicht nur Journalistin und Gründerin, sondern auch Raumpionierin. Gemeinsam mit ihrem Vater will sie weitere kreative Köpfe in das Kreativquartier nach Schwerin-Görries locken. Sie ist überzeugt: „Gerade die Lage in der Peripherie mit Parkplätzen vor der Tür und guter Verkehrsanbindung bietet mir gute Voraussetzungen. Schon viele Jahre kenne ich das Quartier und habe mir immer vorgestellt, dass hier ein Ort entsteht, an dem viele verschiedene Freelancer, Unternehmen, Kreativschaffende unter einem Dach arbeiten und sich gegenseitig austauschen, vernetzen und vielleicht sogar gemeinsam Projekte durchführen. Das Quartier bietet dafür ganz vielfältige, vielleicht sogar ungeahnte Möglichkeiten und wartet auf Mitgestalter.“

Der Boden in Schwerin-Görries ist bereitet: für visionäre und mutige Macher, für Kunst und Handwerk, für digitale Startups und Werbeagenturen, für Design- und Architekturbüros, für Vereine und Bildungsangebote, für Clubs und Gastronomie.

PODCAST

 

 

Zukunft kreativ vorausdenken im Digitalen Innovationszentrum Schwerin

 © DIZ Schwerin, Landeshauptstadt Schwerin

Mascha Thomas-Riekoff ist Kulturproduzentin, Netzwerkerin und Koordinatorin im Digitalen Innovationszentrum (DIZ) in Schwerin, der bis Ende 2020 noch Innovationsraum hieß. Im Interview erzählt sie, warum dieser Ort für Mecklenburg-Vorpommern enorm wichtig und zukunftsweisend ist. 

Digitalisierung

Während die meisten EU-Länder die Digitalisierung recht gut gemeistert haben, ringen viele Orte in Deutschland noch immer um die notwendige Infrastruktur. In der Landeshauptstadt Schwerin kann Thomas-Riekoff über das Internet nicht klagen. In ländlichen Regionen sieht es allerdings anders aus. Doch im neuen Digitalen Innovationszentrum (DIZ) in Schwerin geht es um weit mehr als nur um Infrastruktur. Als Koordinatorin will Thomas-Riekoff im DIZ neues agiles Denken vorantreiben und ein zukunftsorientiertes Mindset installieren, das in Mecklenburg-Vorpommern noch ausbaufähig ist.

Interdisziplinäre Kooperationen

Im Herbst 2019 wurde das Digitale Innovationszentrum im Herzen Schwerins in der Wismarschen Straße eröffnet. Im Perzina-Haus, einem historischen Gebäude, hatte zuletzt die Bibliothek ihren Sitz. DIR ist kein einzelner Raum, sondern für die neuen Projekte stehen mehrere Bereiche zur Verfügung, wie Thomas-Riekoff erklärt: „Wir haben neben dem großen Saal einen Coworking-Space, einen Meetingraum, einen Seminar- bzw. Design Thinking-Raum. Das Digitale Innovationszentrum ist also eine interdisziplinäre Werkstatt und Denkfabrik, in der man Ideen spinnen, spielen und ausprobieren kann. Es können und sollen Akteure aus ganz verschiedenen Bereichen aufeinander treffen, sich gegenseitig inspirieren und beflügeln: Handwerk, Ingenieurs- und Medizintechnik, Landwirtschaft, Verkehr, Mobilität, Verwaltung, Kreativwirtschaft.“

  Mascha Thomas-Riekoff moderiert im DIR (rechts) © MassivKreativ

Gründer Studio

Ein besonderes kokreatives Angebot ist das Gründer Studio. Es bietet interessierten Akteuren nicht nur Zugang zum DIR in Schwerin, sondern zu allen sechs Innovationsräumen in ganz Mecklenburg-Vorpommern mit einem großen Netzwerk und einem Mentorenpool von Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Angeboten werden: ein Gründer-Arbeitsplatz im CoWorking Space, die Gründer-Studio Sprechstunde, das 1:1 Coaching und die kostenlose Teilnahme an allen Gründer Studio-Veranstaltungen und MeetUps.

Kultur- und Kreativwirtschaft im DIR

Eine tragende Rolle sollen Kreative im DIR spielen, sagt Thomas-Riekoff. „Ihre agilen und kreativen Arbeitsmethoden sind hier im DIR ein sehr wichtiger Baustein, den die Region noch viel stärker braucht.“ Kreative haben eine Schnittstellenfunktion. Ihre große Kompetenz besteht darin, sich in Wünsche und Bedürfnisse sehr verschiedener Nutzer und Branchen hineinzudenken und mit den Akteuren anderer Fachgebiete und Branchen passgenaue Lösungsansätze zu finden. Genau diese Art von cross-sektoralen und kokreativen Kooperationen sollen im DIR angesiedelt werden.

Erfahrungsschatz

Bei ihren Planungen im DIR kann Mascha Thomas-Riekoff auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Als Managerin und Kulturproduzentin hat sie Projekte mit unterschiedlichen Akteuren geplant, abgeleitet und umgesetzt. Während des Studiums für Kulturarbeit an der Fachhochschule spezialisiert sie sich auf Ausstellungsmanagement und und wagt sich direkt nach dem Studium in die Selbständigkeit. Gemeinsam mit Silvana de Hillerin gründet Thomas-Riekoff die Agentur “Balestra Berlin” für „Idea Engineering & Cultural Management“. Sie entwickelt u. a. die Lichtkunst-Raum-Installation kubik entwickelt, die als temporäre Diskothek durch die ganze Welt tourt. Auch heute noch leuchtet kubik gerade irgendwo auf dieser Welt und war an insgesamt 30 Orten.

 © Mascha Thomas-Riekoff 

Kulturproduzentin

In der Zeit bei Balestra Berlin initiiert Thomas-Riekoff vielfältige Ausstellungs- und Kulturformate und übernimmt in Personalunion unterschiedliche Aufgaben. Sie erklärt ihre Rolle: „Ich bin keine Kuratorin oder Regisseurin, sondern ich bin eben Kulturproduzentin – verantwortlich für Budgetierung, Finanzierung, Planung, Koordination der technischen Umsetzung, Personalführung bis hin zur Bewerbung der Projekte.“ So vielfältig wie die Aufgaben sind auch die Tätigkeitsfelder von Thomas-Riekoff: Medienkunst, Ausstellungsproduktion und Stadtentwicklung. Ihre Leidenschaft gilt vor allem der Verwirklichung von ästhetisch anspruchsvollen Kulturprojekten, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wie z. B. auf der dOCUMENTA (13) in Kassel oder im Wikinger Museum in dänischen Jelling.

Mascha Thomas-Riekoff moderiert im DIZ (rechts) © MassivKreativ

Neue Chancen nutzen

Dass die gebürtige Münchnerin ihren gut dotierten und anspruchsvollen Job in Berlin aufgegeben hat und nach Schwerin gezogen ist, hat familiäre Gründe. Der Wechsel bedeutete für sie finanziell große Einbußen. Andererseits denkt Thomas Riekoff nach positiv und nach vorn: „MV ist für mich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man sehr vieles noch gestalten kann, was anderswo z. B. wegen verfestigter Strukturen nicht möglich ist. Die Kreativen bringen eine enormen Gestaltungswillen mit nach MV, weil es ihnen nicht ausreicht, dass sie alleine an ihrem Rechner im Homeoffice sitzen. Sie streben nach einem sinnstiftenden, lebenswerten Leben. Das entsteht nur, wenn man in Kontakt mit anderen Bewohnern tritt und Strukturen aufbaut. Und deshalb entwickeln Kreative auch neue Geschäftsmodelle für mehr Lebensqualität.“

 historischer Saal im DIR © MassivKreativ

Wissenstransfer aus Berlin nach Schwerin

Für Mecklenburg und speziell für die Landeshauptstadt Schwerin ist die Kulturproduzentin Mascha Thomas-Riekoff ein Hauptgewinn. Bereits bei den Vorplanungen zum neuen Digitalen Innovationszentrum hat sie der Stadt mit ihren Erfahrungen aus der Hauptstadt beratend zur Seite gestanden, Argumente und Positionen gesammelt und Überzeugungsarbeit geleistet, wenn es Skepsis gab. Thomas-Riekoff hat das Konzept für DIR entwickelt, das sie folgendermaßen erläutert: „DIR soll die Innovationskraft von Wirtschaft und Wissenschaft vorantreiben. Er ist eine Kombination aus Think Tank, Coworking, Werkstatt, Treffpunkt und Ort des Austauschs zwischen privaten Fachhochschulen und Studienzentren im Verbund mit der IHK, der Handwerkskammer, mit Unternehmerverbänden, StartUps, GründerInnen, Freiberuflern, IT-Interessierten und vor allem auch mit Akteuren der Kreativwirtschaft. Alle Akteure sollen gemeinsam frische Geschäftsideen entwickeln sowie Geschäftsmodelle mit digitalen und analogen Ansätzen. Auch Schüler, Studenten und interessierte Bürger sind eingeladen, um sich hier über die digitale Zukunft zu informieren und auszutauschen, digitale Technik zu erleben und auszuprobieren. Es entsteht ein Begegnungsort für Veranstaltungen und Formate, die über die Region hinaus strahlen.“

Ministerium und Stadt als Träger

DIR wird vom Ministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung Mecklenburg-Vorpommern finanziert und von der Stadt Schwerin getragen. Mascha Thomas-Riekoff ist bei der Stadt Schwerin angestellt, zunächst zeitlich befristet. Doch sie ist überzeugt, dass DIR eine Zukunft hat bzw. auch braucht, um die BewohnerInnen des Bundeslandes MV fit zu machen für die kommenden Herausforderungen. Neben dem DIR in Schwerin sind fünf weitere digitale Zentren als Ideenschmieden entstanden: in Rostock, Stralsund, Wismar, Neubrandenburg und Greifswald. Ihre Aktivitäten werden auf der eigenen Website digitalesmv präsentiert.

 © MassivKreativ

Treiber der digitalen Transformation

Zum Auftakt fand im November 2019 an allen sechs Zentren erstmals der landesweite Kongress NØRD statt. Neben Technologien und neuen Anwendungsfeldern ging es auch um ethische Fragen und um soziale Innovationen im Hinblick auf die Digitalisierung. Im DIR in Schwerin stand das Thema „Digitaler Wandel trifft Verwaltung“ im Fokus. Erkenntnis: Nicht allen Menschen fällt es leicht, bei technischen Veränderungen, wie der Einführung neuer Software Schritt zu halten. Hier können andere Perspektiven und innovative, künstlerisch-kreative Methoden wertvolle Unterstützung leisten. Dies demonstrierte der Künstler Daniel Hoernemann (siehe Foto), der im Interview mit mir seine Ordnungsbehörde für Schöpferisches vorstellte.

 © MassivKreativ

DIR als Think Tank

Das Digitale Innovationszentrum ist ein Ort, der vielfältiges Wissen verschiedener Akteure sammelt, der sie aufeinandertreffen lässt, verbindet und in Austausch bringt. An Hochschulstandorten soll die Arbeit der sechs Digitalen Innovationszentren eng mit der Wissenschaft verknüpft werden. In Schwerin liegt der Fokus wie erwähnt auf der engen Kooperation mit der Verwaltung. Außerdem soll es um Problemfelder und Trends gehen und wie man passende Akteure zum Ermitteln von Lösungsansätzen zusammenbringt: Stadt- und Landentwicklung, Mobilität, Gesundheit, Umwelt, Nachhaltigkeit usw.  

© Veranstaltung im DIR, MassivKreativ

Digitale Nomaden für neue Dörfer

Zum Auftakt der FORUM-Reihe fand im Oktober 2019 der Thementag „Sozial-kreative Innovationen als Impulse für die Regionalentwicklung zwischen Stadt & Land“ statt, dessen Höhepunkt die Preisverleihung im Landeswettbewerb für kreative Raumpioniere MV war, verbunden mit einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion mit Bundes- und Landespolitikern. Dabei ging es um die Frage, welche Rolle das Ineinandergreifen von sozialer, kultureller, ökonomischer und ökologisch nachhaltiger Wertschöpfung (Value Balancing) spielt? Wie prägen die digitalen Nomaden heute neue „urbane Dörfer“, in denen städtische und ländliche Milieus verschmelzen? Welche Methoden nutzen kreative Regionalentwicklerinnen und -entwickler? Und wie können kreative Pioniere wirksam von Kommunen, Wirtschaftsförderern sowie durch Bundes- und Landesförderprogramme unterstützt werden. Im Rahmen des FORUMS wurden in einer Ausstellung und in Filmportraits best-practice-Projekte vorgestellt sowie eine wissenschaftliche Studie, die die Effekte der Projekte auf die Regionalentwicklung zeigte.

Magnet für neue Fachkräfte

Mascha Thomas-Riekoff hofft, dass die Impulse durch Kreativschaffende im DIR andere gut ausgebildete Neubürger nach Mecklenburg bringen kann: „DIR wird gerade durch die Kooperation mit Kreativen und mit innovativen Formaten auch hochqualifizierte Fachkräfte bzw. Rückkehrer nach MV locken, die interdisziplinär mit vielseitigen Teilbranchen der Kreativbranche neue Geschäftsmodelle entwickeln wollen. Über den ersten erfrischenden Austausch mit Kreativen kann sich bei Fachkräften der Wunsch entwickeln, sich dauerhaft in MV niederzulassen.“

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Transformationen 

Ein Experiementierfeld für Unternehmen, Verwaltung, Bildung und Bürgerschaft soll das Transformationslabor werden bzw. das Format “Reallabor Smart City”, um in kokreativ und gemeinsam an Innovationen zu arbeiten, Chancen und Potentiale zu nutzen. 

Die Kulturproduzentin Thomas-Riekoff muss noch häufig erklären, warum künstlerisch-kreative Methoden wirksam sind und welche konkreten Effekte sie haben. Mit ihrer optimistischen und leidenschaftlichen Art gelingt es ihr, Zweifler zu überzeugen und Skeptiker mitzunehmen im Prozess der Digitalisierung, in dem eben nicht nur technische Belange mitgedacht werden müssen. Was bringt also die Zusammenarbeit mit Kreativen? Thomas-Riekoff: „Innovationsfördernd ist das besondere Denken von Kreativen und das Potential, das sie durch ihre Methodiken und Arbeitsweisen in sich tragen und an andere Branchen in Thinktanks weitergeben können. Bevor ein Grafiker z. B. ein Logo für ein Unternehmen entwickelt, muss er erst mal analysieren, was die Firma ausmacht, was deren Kernkompetenz und Alleinstellungsmerkmal am Markt ist. Und dazu ist auch Perspektivwechsel nötig, der zeigt, dass Kreative noch ganz andere Produkte und Dienstleistungen entwickeln können, die weit über ein Logo hinausgehen.“

Intermediär

Noch muss Thomas-Riekoff einiges an Vermittlungsarbeit leisten. Aber genau das ist eine ihrer wichtigsten Aufgaben im DIR: immer wieder geduldig erklären, helfen, unterstützen, Brücken bauen zwischen den noch sehr unterschiedlichen Welten der kreativen Branchen und der klassischen Wirtschaft. Damit die frischen innovativen Köpfe sich in MV willkommen und wertgeschätzt fühlen, muss die BewohnerInnen im Land Mecklenburg-Vorpommern offener werden, findet Thomas-Riekoff: „Sie müssen spüren, dass ihre Ideen und Expertise gefragt sind. Und dass die Alteingesessenen gespannt sind auf das, was Kreative mitbringen. Wirtschaftsförderer sollten den Kreativen die Freiräume in MV noch aktiver zeigen und anbieten – sowohl im Hinblick auf Immobilien als auch in ideeller Hinsicht. Und sie mit anderen Kreativen und kooperativen Alteingesessenen vernetzen, die schon da sind. Der Freiraum darf nicht als (geistige) Leere herausstellen.“

PODCAST