Lichtenhagen Dorf: vom Wandel einer Gemeinde durch Nachhaltigkeit

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Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien sind in aller Munde. Was das konkret im Alltag bedeutet, z. B. für eine Kirchengemeinde, habe ich mir in Mecklenburg-Vorpommern angesehen, in Lichtenhagen Dorf etwa 10 km nordwestlich von Rostock. Hier engagieren sich die Gemeinde-Mitglieder in besonderer Weise für den Klimaschutz. In Kooperation mit der Nordkirche hat die Gemeinde Lichtenhagen Dorf 2014 einen spannenden Prozess zur eigenen Neuausrichtung begonnen.

Sanierung der alten Pfarrscheune

Auf Wunsch vieler Bürger*innen in Lichtenhagen Dorf sollte das Gemeindeleben gestärkt und mit neuen Impulsen belebt werden. Und es gab außerdem den Wunsch, neue Räume für Veranstaltungen und zum gegenseitigen Austausch zu schaffen. Beste Voraussetzungen bot dafür die alte Pfarrscheune. Sie sollte saniert und umgenutzt werden. Die Pfarrscheune entstand im Jahr 1895, ist inzwischen denkmalgeschützt und Teil eines Ensembles mit Kirche und Pfarrhaus innerhalb des historischen Dorfkerns von Lichtenhagen. Was der Gemeinde besonders am Herzen lag: Die historische Bausubstanz sollte bei der Sanierung erhalten bleiben, auf ressourcenschonendes Bauen geachtet und ein hoher energetischer Standard umgesetzt werden.

Barrierefreiheit

2015 begannen die Planungen für die Sanierung und Umnutzung der Pfarrscheune. Drei Jahre später 2018 wurde mit einem großen Scheunenfest der Baubeginn gestartet. Immer wieder packten Gemeindemitglieder engagiert mit an und warben Spenden ein. Am 13. September 2020 konnte die Pfarrscheune als neues Kommunikations- und Begegnungszentrum eröffnet werden. Neben den Gemeinderäumen und einer professionell ausgestatteten Küche wurden auch zwei barrierefreie Mietwohnungen eingebaut. Die Pfarrscheune bietet viele verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten für ein gutes Miteinander und für soziale Daseinsvorsorge in einem liebens- und lebenswerten Dorf.

Ausstattung der Pfarrscheune

Die Pfarrscheune bietet multifunktional vielfältige Möglichkeiten der Nutzung. Ein großer Saal  mit 150 m² eignet sich für Veranstaltungen aller Art, drei unterschiedlich große Gruppenräume (25 – 70 m²) für Treffen, Workshops und Seminare mit allen Gruppen und Kreisen in den Gemeinden, mit Chor, Gospelchor, Jugendchor, mit der Grundschule, mit Vereinen aus Lichtenhagen, für regionale kirchenmusikalische Projekte mit Chören aus Rostock und Umgebung. Die Pfarrscheune hat drahtloses Internet „WLAN für alle“ und ist barrierefrei ausgestattet, d. h. rollator- und rollstuhlgerecht, mit Hörschleife und automatischen Eingangstüren. Die hellen und offenen Räume sind klimagerecht gestaltet und besitzen eine sehr gute Energiebilanz.

Themen-Cafés

Auch im Café im Foyer gibt es Treffen zu verschiedenen Themen: Kuchen aus Omas Zeiten, Sammeltassen-Café, Rund um den Apfel. Lesestube und das öffentliche Bücherregal „Geben und Nehmen“ laden zum Schmökern ein, der Welt-Laden bietet Produkte des fairen Handels. In der Pfarrscheune sind Filmabende und Reiseberichte von Gemeindereisen zu erleben, Koch-, Back- und Kartoffelfeste sowie Pflanzentauschbörsen.

Vielfältige Nutzung

Nutzer der Pfarrscheune sind: der Förderverein zur Erhaltung des Kirchenensembles Lichtenhagen e.V., Lichtenhäger Findlingsgarten e.V., Kulturverein Elmenhorst/Lichtenhagen e.V., Förderverein Denkmale Elmenhorst/Lichtenhagen e.V., Schulverein, Grundschule Lichtenhagen: Nutzung des Saales als Schul-Aula, Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

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Podcast Sommercafé

Sommercafé

Im wunderschönen Pfarrgarten zwischen alten Obstbäumen hat sich seit 2016 ein Sommercafé etabliert. Von Juni bis August sorgen viele rührige Ehrenamtliche dafür, dass jeden Donnerstag zwischen 14 und 17 Uhr Menschen aus der Gemeinde und aus dem Dorf einen Platz zum Reden, Austauschen, für Kaffee und Kuchen finden. Inzwischen kommen bis zu 200 Gäste, sogar Touristen finden den idyllischen Ort und sind begeistert von der Offenheit der Gemeindemitglieder. Die Ehrenamtlichen sind mit Seele und Engagement dabei, erzählt Gemeindepädagogin Conny Buck. Sie hat den Überblick über die Kuchen und Torten und nimmt die Anmeldungen der Gäste entgegen. Die Männergruppe baut Tische, Stühle und Pavillons auf, die Frauen sorgen für Kaffee und Kuchen, deren Vielfalt kaum größer sein könnte. Bis zu 40 Blechkuchen, Obst- und Sahnetorten zaubern die freiwilligen Bäcker donnerstags aufs Kuchenbuffet. Das Sommercafé hat neue Verbindungen und Freundschaften ermöglicht als Ort einer offenen Gesellschaft

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Interviews und Filmproduktionen

Ich habe mit den Akteur*innen Interviews geführt und gemeinsam mit dem Kameramann Björn Kempcke mehrere Filme produziert. Seit 1994 ist Anke Kieseler, Pastorin der Kirchengemeinde Lichtenhagen Dorf. Sie erzählt im Interview gemeinsam mit Gemeindepädagogin Conny Buck, wie das Sanierungsprojekt Bewegung in die Gemeinde gebracht hat. Friedrich Heilmann vom Kirchengemeinderat erklärt die bautechnischen Details und gibt einen Überblick über die Haustechnik nach ökologischen Standards.

Den Prozess der Sanierung und Umnutzung hat die Nordkirche mit Herz und Engagement begleitet. Was die Mitarbeiter und Mitglieder unter Nachhaltigkeit, sozialer Teilhabe und Wirtschaftlichkeit verstehen, darüber berichten jetzt Annette Piening, sie ist Klimaschutzmanagerin im Umwelt- und Klimaschutzbüro der Nordkirche und Jörg Stoffregen, Diakon und Referent im Netzwerk Kirche inklusiv. Die Orgelmusik in den Filmen steuerte Andreas Hein, Kantor der Kirchengemeinde Lichtenhagen Dorf.

Links

Bewegen – Pfarrscheine Lichtenhagen Dorf #1: https://youtu.be/cz4VTwfws0M / Nordkirche https://youtu.be/MvphEJHnOME

Wachsen – Pfarrscheine Lichtenhagen Dorf #2: https://youtu.be/dAoQJ-V7nGs / Nordkirche https://youtu.be/jKQs9fYKVpg

Wandeln – Pfarrscheine Lichtenhagen Dorf #3: https://youtu.be/ujVXjH-jBjc / Nordkirche https://youtu.be/EZJs5KuqCY4

Verbinden – Pfarrscheine Lichtenhagen Dorf #4: https://youtu.be/-YrBBXddmGI / Nordkirche https://youtu.be/Ynz9dHv-wuE

Haustechnik – Pfarrscheine Lichtenhagen #5 – nachhaltig und erneuerbar: https://youtu.be/HrFd_FBgxr8  / Nordkirche: https://youtu.be/T8X6BdUooBc)

Kurztrailer – Pfarrscheine Lichtenhagen #6: Was ist Nachhaltigkeit aus Perspektive der Nordkirche: Bauen und Entwicklung von Kirchengemeinden: https://youtu.be/J-p2RmZ2yTU

Nachhaltigkeit aus Perspektive der Nordkirche #7: https://youtu.be/NkLO5Jwf6yE  / Nordkirche: https://youtu.be/IegPCIcQrXQ)

Sommercafé – Ort einer offenen Gesellschaft #8: https://youtu.be/v0YPQkLukGs

 

Netzwerk-Kirche-Inklusiv

Kirche-fuer-Klima

Kirche-MV.de/Lichtenhagen-Dorf

Pfarrscheune/Bautagebuch-2017-2020

Sa Bassa Blanca: Wunderwesen, Kunst und Natur


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Wer auf der Ballearen-Insel Mallorca Ruhe und Inspiration sucht, findet beides – und zwar im Norden in der Nähe von Alcúdia – in der „weißen Bucht“. In einem wunderschönen Park laden Skulpturen und außergewöhnliche Ausstellungsräume mit erlesenen Kunstobjekten zum Wandeln und Staunen ein.

Entdeckungstour

Als Startpunkt für die Entdeckungstour eignet sich die im Norden gelegene Stadt Alcúdia. Sie ist sehenswert dank der neogotischen Kirche Sant Jaume, der restaurierten mittelalterlichen Stadtmauer und der hübschen Altstadt mit ihren charmanten engen Gassen. Vom Rathaus sind es nur knapp 7 km bis zum Museo Sa Bassa Blanca, zu Fuß gut zu bewältigen. Wenn man die Haupteinkaufsstraße passiert, vorbei am Mercadona und der Tankstelle, und sich dann links hält, erreicht man den wenig befahrenen Weg „Cami de S’Alou“. Er ist von Trockenmauern eingefasst und gesäumt von Brombeersträuchern und Mandelbäumen, Feigen- und Zitronenbäume stehen oft unerreichbar hinter den Mauern.

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Der Zivilisation entfliehen

Schon der Weg zum Museum entscheidet darüber, wie man dort ankommt. Die Anreise mit dem Auto ist problemlos möglich. Wer wie wir zu Fuß geht, kann die Ruhe bereits Schritt für Schritt in sich aufnehmen. Am ersten Schild „Museo Sa Bassa Blanca-Yannick y ben Jakover“ bzw. der Finca Roque ist der Weg zur guten Hälfte geschafft, von dort sind es noch knapp 3 km. Nach einer scharfen Rechtskurve erreichen wir durch ein kleines Tor für Fußgänger (Autofahrer durch ein großes automatisch öffnendes Elektrotor) den Park. Nach wenigen Schritten entdecken wir die ersten Skulpturen – Tierwesen aus Granit: Stier und Nashorn, Elefant und Kamel, Pferd und Ziegenbock, Hund und Katze, Frosch und Taube. Ein riesiger, fast über die Baumwipfel ragender Krake mutet wie ein Außerirdischer an. Hinter Hecken verstecken sich kleine, kreisförmig angeordnete Wesen und ein Land-Art-Sonnenstelen-Kreis aus riesigen ungleichförmigen Sandsteinen, die an die Megalithen von Stonehenge erinnern. Seitlich führt eine weit geöffnete, strahlend weiße Marmortür scheinbar ins Nirgendwo – bis zum Grabstein „The End“.

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Philosophisches

Überall lauern Gedankenanstöße und Inspirationen. Vorbei an Palmen und Olivenbäumen gelangen wir durch eine terassenförmig angelegte Gasse. Steinplatten erobern unsere Aufmerksamkeit mal mit tiefgründigen, mal mit humorvollen Aufschriften: „no justice, no truth, no reality“, „Andersdenken“, „Ein(-)Stein“. Nach so viel Natur fängt uns schließlich die architektonisch moderne SOKRATES-Halle ein. Stufen führen hinab und eröffnen den Blick in eine moderne Wunderkammer: eine wilde und überraschende Mischung aus ethnologischen Artefakten (Masken und Stauen), tierischen Cyborgs (elektronisch animierter Schmetterling) und moderner Kunst. Ein überdimensionierter goldener Schnuller prangt vor Einsteins Formel für die Relativitätstheorie, Klimakunst-Portraits aus Plastikutensilien fordern unser Gewissen. Spektakulärer Blickfang der SOKRATES-Halle ist ein Kristallvorhang über 4 x 7 Meter, gefertigt aus 10.000 Swarowski-Glasstücken, davor ein fossiles Nashornskelett. Das Rhinozeros soll aus dem späten Pleistozän vor etwa 125.000 bis 80.000 Jahren stammen.

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Alt und Neu

Die Zeiten und Epochen mischen sich überall im „Museo Sa Bassa Blanca“. Ein alter, steinerner Wasserturm beherbergt im Innern eine Plastikinstallation und mahnt einmal mehr das gedankenlose Handeln unserer Wegwerfgesellschaft an. Ein Steinturm im Rosengarten lockt mit einer Klanginstallation, dem Gesang von tibetischen Mönchen. Hier finden vermutlich die letzten Hektiker ganz zu sich. Das strahlend weiße Haupthaus wurde in hispanisch-maurischem Stil errichtet und entstand nach Entwürfen des ägyptischen Architekten Hassan Fathy. Im Karlweis-Flügel ist eine Sammlung mit zeitgenössischer Kunst zu sehen. Besonders sehenswert ist die Mudejar-Kassettendecke im Obergeschoss.

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Stiftung

Initiatoren des Museums und Parks sind das Künstler- und Sammler-Ehepaar Yannick Vu und Ben Jakober sowie der Bankier und Philantrop Georges Coulon Karlweis. Bereits 1993 riefen sie gemeinsam die „Fundación Jakober“ ins Leben. Zunächst wurde ein ehemaliges unterirdisches Wasserreservoir klimatisiert und zum Sammlungsraum „Nins“ umgenutzt, der heute historische Kinderportraits präsentiert. Die kleinen Helden wirken mit ihren erwachsenen Posen befremdlich. Die ungewöhnlichen Gemälde entstanden zwischen dem 16. bis 19. Jahrhundert. Seit 2001 kann das „Museo Sa Bassa Blanca“ besichtigt werden. Im Laufe der Zeit kamen immer weitere Räume, Skulpturen und Kunstwerke hinzu.

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Bildungsanspruch

Durch die Verbindung von Natur, Kunst, Design und Architektur wollen die Initiatoren insbesondere junge Menschen für das Thema Umwelt und Nachhaltigkeit sensibilisieren, Wahrnehmung und Wertschätzung für Natur und Lebewesen stärken. Grundpfeiler der Stiftung ist daher ein Bildungsprogramm, das sich an Schulen und Gruppen mit spezifischen Interessen wendet. Dazu gehört auch die Schärfung der Sinne. Eine besondere Tour (wir haben sie nicht absolviert) zum Aussichtspunkt mit hohen Steinsäulen für maximal 6 Personen muss separat angemeldet werden. Von dort können Besucher über die gesamte Bucht von Alcudia schauen. Unterhalb liegt ein ehemaliger militärischer Beobachtungsposten mit einer Installation der Fotografin Nilu Izadi: einer großen „Camara Oscura“. Ihre Funktionsweise wird auf der Website des Museums MSBB erläutert: „Durch ein kleines Loch in der Wand und ein Objektiv tritt Licht in den verdunkelten Raum. Die Landschaft draußen wird spiegelverkehrt auf eine Art weißen hölzernen Bildschirm, auf einer gekrümmten Wand an die gegenüberliegende Seite des Raumes projiziert.“

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Auszeichnungen

Vielfältig, ganzheitlich, ungewöhnlich, engagiert: Mit diesen Attributen lässt sich das Anliegen der Stiftung Jakober zusammenfassen. Kein Wunder, dass die Initiative mehrfach ausgezeichnet wurde. Die Sammlung Nins gehört inzwischen zum Kulturerbe der Balearen, die Kassettendecke im christlich-maurischen Mudéjar-Stil hat man zum Kulturgut ernannt. Wer jemals im Norden von Mallorca weilt, muss das „Museo Sa Bassa Blanca“ unbedingt gesehen haben, auch wenn es scheinbar am Ende der Welt liegt.

Bewusst enkelfähig leben: Wir bauen Zukunft in Nieklitz

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„Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später.” – soll Reichskanzler Bismarck einst gesagt haben. Ob das Zitat real ist oder nicht (die Quelle lässt sich nicht ermitteln): Die Zeiten ändern sich. Heute bietet die Weite von Westmecklenburg viel Raum für neue Perspektiven, vor allem jedoch innovative Blickwinkel für ein wirklich nachhaltiges, enkelfähiges* Leben. Ceylan Rohrbeck gehört zu den neuen Zukunftserbauerinnen der Region. Ich habe mit ihr gesprochen.

Zukunftsgedanken

In Nieklitz in Nordwestmecklenburg auf dem platten Land, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, wird Geschichte geschrieben. Es gibt Zeitreisende, die nicht zurückschauen, sondern vorausblicken, die sich Gedanken machen, welches Leben wir in Zukunft führen wollen, es in vielfältigen Projekten selbst ausprobieren, in die Hände spucken und loslegen. Wir bauen Zukunft heißt das ambitionierte und langfristige Vorhaben, dass 2016 von knapp 20 MitstreiterInnen gegründet wurde. Das ist nur der harte Kern, denn im weiteren Umfeld erreichen die Nieklitzer inzwischen an die 3.000 Mitinteressenten. Doch der Reihe nach….

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Sinnfrage

Ceylan Rohrbeck ist in Berlin aufgewachsen, hat in Potsdam an der Filmhochschule „Konrad Wolf“ Film und Fernsehproduktion studiert und einige Jahre im Filmbereich gearbeitet. Das hieß: Lange, unregelmäßige Arbeitszeiten, oft auch an Wochenenden, wenig Zeit zur Ruhe zu kommen. In der überfüllten und oftmals stressigen Hauptstadt Berlin wächst der Wunsch nach einer Auszeit, einem anderen Leben abseits von Hektik und Konsumzwängen. Doch wie genau könnte so ein Leben aussehen?

Auch Ceylans Cousine Lale will nach ihrem Studium in Berlin zurück in die Mecklenburgische Heimat. Doch was ließe sich dort Sinnvolles machen? Wie könnte man den Lebensunterhalt bestreiten? Kurz zuvor haben die beiden vom Bau eines earth ships in der Zukunftswerkstatt Tempelhof erfahren. Das ist ein Haus, komplett aus Recyclingmaterialien erbaut, wie es der US-amerikanische Architekt und Nachhaltigkeitsexperte Michael Reynolds einst ersann.  Ließe sich so ein Bau auch in Mecklenburg realisieren? Mit dieser Frage traten erste Engagierte aus der Gruppe an den Leiter des Biosphärenreservates Schaalsee, Klaus Jarmatz, heran. Er empfiehlt das ehemalige Zukunftszentrum „Mensch – Natur – Technik – Wissenschaft“ (ZMTW) in Nieklitz im Westen von Mecklenburg.

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Geschichte

In einsamer Idylle zwischen dem Biosphärenreservat Schaalsee, der Flusslandschaft Elbe und weiten Wiesen und Feldern liegt das etwa zehn Hektar große Gelände des ehemaligen Zukunftszentrums von Nieklitz. Zwischen 2000 und 2013 wurde hier ein ökologischer Erlebnispark betrieben. Nach der Idee des enthusiastischen Kieler Biologieprofessors Berndt Heydemann, der später Umweltminister von Schleswig-Holstein war, sollten BesucherInnen an liebevoll gestalteten Exponaten mitten in der Natur mehr über Bionik und Ökotechnologien erfahren. Doch die Besucherzahlen blieben stark hinter den Erwartungen zurück. 2013 stellte das Land MV die finanzielle Förderung ein und der Park verfiel.

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Erstkontakt Nieklitz

Ceylan erzählt mir von ihren Eindrücken, als sie das Gelände im September 2015 zum ersten Mal besucht. „Weil der Park schon fast 3 Jahre geschlossen war, war alles schon total verwildert und gleichzeitig so wunderschön. Wir hatten bis dahin noch nie so ein Stück Natur in Deutschland gesehen. Und es entstanden in unserem Kopf auf einmal ganz viele Visionen, was man da alles machen und umsetzen könnte. Wir haben viele Fotos gemacht und sind dann nach Tempelhof gefahren.“

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Impulsgeber Tempelhof 

Schloss Tempelhof in Süddeutschland zwischen Würzburg und Ulm ist genau genommen eine Zukunftswerkstatt. Mit 50 Freiwilligen aus der ganzen Welt wurde hier das erste earth ship in Deutschland gebaut. Als Teil der Freiwilligen genießt Ceylan die besondere Aufbruchstimmung, führt gemeinsam mit Sebastian Rost von Filming for Change mit den Akteuren Interviews, macht kleine Filme und stößt auf Gleichgesinnte, die wie sie selbst auf der Suche sind. So entsteht die Projektgruppe „Wir bauen Zukunft“, die in den nächsten Monaten auf etwa 20 Personen anwächst. Es wird viel diskutiert und geplant. Man tauscht sich über Wünsche, Ziele und Vorstellungen für ein gutes, sinnstiftendes Leben aus. Anknüpfend an die indigenen Weisheiten der Aborigines findet die Gruppe mit der Methode Dragon Dreaming einen gemeinsamen Nenner für ihr Anliegen: Dienst an der Erde, Aufbau von Gemeinschaft, persönliches Wachstum. Und während das innere Selbstverständnis Gestalt annimmt, steht die nächste Herausforderung an. Könnte der Ökopark im Mecklenburgischen Nieklitz ein geeigneter Ort für das neue Lebenskonzept werden?

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Mecklenburgische Weiten neu bespielt

Kontakte und Freunde in der Region halfen mit den richtigen Ansprechpartnern. Und dann ging alles recht schnell. Mit einem Privatdarlehen konnte die Gruppe das Nieklitzer Gelände kaufen. Im Juni 2016 wurde die Genossenschaft „Wir bauen Zukunft“ eG gegründet, angeschlossen ist außerdem der Verein Ecosphäre e.V. als Träger für gemeinnützige Projekte. So können verschiedene Nutzungsarten abgedeckt werden. In der Öffentlichkeit und gegenüber der einheimischen Bevölkerung setzt die Gruppe von Anfang an auf Transparenz. Sie will den Eindruck vermeiden, dass da kreative Spinner hinter verschlossenen Türen merkwürdige Aktivitäten planen. Im Biosphärenzentrum informieren sie über ihre Pläne und sind offen für neue Ideen und Interessenten. „Wir haben auf unserem neu erworbenen Gelände Tage der offenen Tür veranstaltet, wo wirklich viele Menschen kamen“, erzählt Ceylan, „sowohl Leute von außerhalb als auch aus der Region, die wir schon kannten. Und so waren uns alle sehr wohl gestimmt und haben uns unterstützt, so dass wir einen guten Start haben konnten“.

 Ortsbesichtigung Nieklitz © MassivKreativ

Gewachsenes Selbstverständnis

Inzwischen ist viel passiert. Aus Individuen hat sich ein „Kreativcluster“ gebildet, „mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten“, wie Ceylan erzählt: „Designer, Architekten, Ingenieure, IT-Spezialisten, Tischler, Permakultur-Experten, Soziologen, Coaches, Experten für nachhaltige Landwirtschaft, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit usw.“ Die Gruppe hat sich in ihrem Selbstverständnis konkretisiert und verfestigt. Zwischendurch kamen neue Interessenten, andere gingen wieder. Gemeinschaft ist ohnehin nie fertig. Sie wächst und erweitert sich stetig, auf der Basis gleicher Wertvorstellungen, die in Gruppenprozessen ermittelt wurden, begleitet von professionellen Coaches und Moderatoren. Enorm wichtig, um die Gemeinschaft gut zu entwickeln. Das Wabenhaus ist das Herzstück der Zukunftsbauer, dient als Seminarhaus und Coworking-Space. 

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Anliegen

Ihre Philosophie beschreibt die Gruppe so: „Wir experimentieren, reflektieren, lernen und nutzen transparente und organische Strukturen, sowie die Kraft von Kollaboration und Kreativität. Unsere Themen sind: Kreislaufwirtschaft, Open Source, Nachhaltiges Planen und Bauen, Permakultur Design, Nachhaltiges Unternehmertum, Verantwortungsbewusstes Miteinander.“ Auch neue Forschungsthemen stößt die Gruppe an, etwa Studien- und Masterarbeiten über nachhaltiges Planen und Bauen, Architektur, ökologische Landwirtschaft und über das Ökosystem von Binnengewässern (Limnologie). Auch eine Tinyhouse Siedlung für nachhaltiges Bauen ist in der Realisierung.

 Tinyhouse Nieklitz © MassivKreativ

Lernende Organisation

Die Akteure von „Wir bauen Zukunft“ sind immer in Bewegung – mit dem Körper und dem Kopf. In verschiedenen Arbeitskreisen verfolgen sie genau das Thema weiter, das sie persönlich interessiert, für das sie brennen und weitere Fähigkeiten erwerben möchten. So entwickelt sich die Gruppe stetig weiter und lernt, nicht zuletzt auch über den Austausch mit neuen Leuten von außen. Community Building ist ein wichtiges Thema, das sowohl digital als auch analog vorangetrieben wird. Über die Facebookgruppe werden Veranstaltungen beworben. So wird neues Wissen in die eigene Gruppe geholt und eigene Erfahrungen auch wieder in die Welt hinausgetragen. Gemäß dem „open source“-Gedanken wird hier – wenn man so will – eine wissensbasierte Kreislaufwirtschaft betrieben. Regelmäßig finden Seminare, Workshops, KreativLabs sowie größere Camps statt, in denen sich die TeilnehmerInnen über ihre Ideen, Projekte und Visionen austauschen. Im Februar 2020 ging es um die Gründung eines eigenen Sozial-Unternehmens. Die TeilnehmerInnen wurden unter professioneller Anleitung von der Vision zum Konzept geleitet und zur inneren Haltung: Was bedeutet unternehmerisches und kreatives Handeln für mich und andere?

Ganzheitliches Konzept

Die Akteure von „Wir bauen Zukunft“ arbeiten zeitgleich an vielen kleineren Projekten und haben dabei das große Ganze im Blick, die zukunftsfähige Gesellschaft im Kreislauf und im Gleichgewicht: mit einer autarken Energie-, Wasser- und Abwasserinfrastruktur, mit flexiblen bzw. mobilen Wohneinheiten, wie z. B. Tinyhouses. Sie bauen schon heute eigene Nahrungsmittel an, planen Freizeitangebote, entwickeln neue Technologien und wollen demnächst Kleinserien in ihrer gerade entstehenden Werkstatt produzieren, dem Green Circular Economy FabLab. „Wir planen offene Werkstätten, die verschiedene Zielgruppen nutzen sollen“ sagt Ceylan, „z. B. auch Handwerker in der Region, die sich bei uns einmieten können und an Projekten tüfteln. Wir wollen dabei analoges Handwerk mit digitalem Arbeiter verbinden, damit sich das befruchten kann.“

Kooperationen spielen eine wichtige Rolle. Im November 2019 waren die Nieklitzer Gastgeber für den Kreiskulturrat Ludwigslust-Parchim (KKR LUP). Corinna Hesse und Marion Richter vom KKR sowie Ceylan Rohrbeck luden Interessierte zum Workshop Zukunft@Land“ ein. Es kamen Menschen zwischen 20 und 60 Jahren zusammen, die ihre Zukunft im ländlichen Raum gern selbst gestalten möchten. Die Initiatoren wollten herausfinden, welche Projektideen welche Unterstützung brauchen: vom Landkreis, aus der Verwaltung, der Bevölkerung sowie von weiteren Partnern und Netzwerken.

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Ceylan Rohrbeck (re) und Corinna Hesse (li) beim KreativLab „Zukunft@Land“

Land lockt Stadt

In Kooperation mit Kreative MV, dem Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft, fand im September 2019 in Nieklitz das KreativLab „New Work Village: mobiles Leben & Arbeiten auf dem Land“ statt – mit Impulsvorträgen über bereits erfolgreiche Projekte. Frederik Fischer berichtete aus Brandenburg über die KoDorf-Bewegung und den Summer of Pioneers in Wittenberge.

Aktuell bewegt Ceylan die Frage, wie Kreative zumindest zeitweise den Weg aus der Großstadt aufs Mecklenburgische Land finden können. Um einen Coworking-Standort wie Nieklitz noch bekannter zu machen, könnte auch die Wirtschaftsförderung des Landes MV helfen, so Ceylan: “Im Augenblick wird ja viel in die Städte investiert, in Schwerin, Rostock und Greifswald. Aber halt noch nicht wirklich ins Land. Wir in Nieklitz arbeiten daran, damit sich daran etwas ändert und dass wir das Vertrauen der Wirtschaftsförderer gewinnen, dass auch mitten auf dem Land ein erfolgreiches Innovationszentrum mit neuem Denken und vielfältigen Menschen und Talenten entstehen kann und eine entsprechende Nachfrage erreicht.“ 

Aufbruchsgeist

Diejenigen, die bereits ein Tages- oder Wochencamp in Nieklitz erlebt haben, sind begeistert, wie der Webdesigner Richard Stickel: „Der Aufbruchsgeist, den ich bei den Akteuren von „Wir bauen Zukunft“ gespürt habe, empfinde ich als sehr anziehend und attraktiv. Da machen junge Leute auf dem blanken Acker etwas Neues und denken voraus. Das finde ich toll und in so einem Umfeld könnte auch ich als Großstädter gut arbeiten.“

Laut einer Emnid-Umfrage (Wohnwünsche der Deutschen) möchte die Mehrheit der Deutschen im ländlichen und kleinstädtischen Raum leben. Doch für viele bleibt es ein Traum. Doch das muss nicht so sein. Der Weg von der „Stadtmüdigkeit zur Landfrische“ ist kürzer als gedacht. Wer Impulse für seine Zukunft auf dem Land braucht, kann sie sich im Westmecklenburgischen Nieklitz holen: Aktuelle Veranstaltungen / Vergangene Veranstaltungen.

Podcast

*enkelfähig (S. 12): Diesen Begriff hat Sebastian Feucht geprägt. Er ist Spezialist für ökointelligente Gestaltung und Vorsitzender des Sustainable Design Center e.V. und nutzt den Begriff für zukunftsgerichtetes Design: „Enkelfähige Produkte sind so konzipiert, dass unsere Enkel die gleichen Chancen haben wie wir hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs und hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit.“

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

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10. Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen im Juni 2019: Nach viel Theorie und Metaebenen am ersten  Tag konnten sich die BesucherInnen am zweiten Tag in verschiedenen Foren an Präsentationen diverser Praxisprojekte abarbeiten und engagiert mitdiskutieren. 

Themen mit dem Stift konserviert

Ausdrücklich erwähnen möchte ich die Zeichnerin bzw. Graphic Recorderin Johanna Benz. Sie hat enorm zum Gelingen des Kongresses beigetragen. In atemberaubendem Tempo brachte sie Meinungen, Thesen, Zitate und auch komplexe Gedankenkonstrukte mit wenigen Strichen und prägnanten Worten auf Papier – pointiert und häufig humorvoll, live vor den Augen des Kongresspublikums, das oft verblüfft und schmunzelnd über die scheinbare Leichtigkeit war.

Am Nachmittag gehörte das Podium verschiedenen Akteuren der Auswärtigen Kulturpolitik und aus dem Themenkomplex Kunst, Umwelt, Digitalisierung, Klima. Ich hätte mir an beiden Tagen gerne gleich mehrere „bioplasmatische Doppelgänger“ gewünscht. Die alle thematisch spannenden, leider aber parallel stattfindenden Foren erschwerten nicht nur mir die Wahl.

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Heimat als Marke

Regionalentwickler stehen im Spannungsfeld grundsätzlicher Entscheidungen: Was mache ich neu? Was übernehme bzw. übertrage ich als Modell aus anderen Regionen? Wo muss ich Vorsicht mit Slogans und Narrativa walten lassen, um nicht beliebig und austauschbar zu werden? Wie finden wir für unsere Heimaten authentische Identitäten? Diese Fragen standen im Zentrum des Panels „Heimat als Marke“ und wurden von drei Protagonisten beantwortet. Einig waren sich alle, dass die Themen von innen heraus aus der Selbstbeobachtung gefunden werden sollten. Das Überstülpen von Labels wirke oft beliebig oder einengend.

Land NRW: Hildegard Kaluza – Wandel durch Kultur

Kulturabteilungsleiterin Hildegard Kaluza berichtete von zunächst über die geplante Ruhrkonferenz mit verschiedenen Ministerien, denn auch fachfremde Mitarbeiter würden so ermuntert, sich stärker für Kulturthemen zu engagieren. Exemplarisch stellte Kaluza die Kulturregion Sauerland vor, der es gelungen sei, mit dem Festival Sauerlandherbst breite Zielgruppen anzusprechen und mit einem neuen Brassfestival eine zeitgemäße Verbindung zum Engagement der Schützenvereine zu schaffen. Die Kulturregion Aachen sucht mit einem grenzüberschreitenden Projekt die Nähe zu Europa und lässt etwa 300 Schüler aus verschiedenen Ländern den euregio-Schülerliteraturpreis an einen sorgsam ausgewählten Jugendbuchautor verleihen. Die Region Unna hat ihr Selbstbild aus dem Hellweg heraus im Licht gefunden, u. a. auch in einem und einem Krimifestival.

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Kenneth Anders: Oderbruchmuseum und Büro für Landschaftskommunikation

Nachhaltige Regionalentwicklung müsse institutionalisiert und finanziert sein, sagte Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation. Er habe seine Kommune daher vom Sinn und Nutzen eines „Fonds für Identitätspolitik“ überzeugt, in den 20 Cent pro Einwohner und Jahr fließen. Er sprach über die Herausforderung, Identitäten in einem extrem heterogen Raum finden zu müssen, der auch Elemente umfasst, die nicht „produktdienlich“ im Sinne der touristischen Vermarktung seien (Schandflecken). Als Symbol und Logo wurde für den Oderbruch ein Spaten gefunden, mit dem früher das weit verzweigte Bewässerungssystem im Oderbruch ausgehoben wurde.

Volker Gallé: Kulturkoordinator der Stadt Worms

Heimat und Region seien verschieden, so Gallé. Während eine Region oft eine künstliche, politisch entworfene Infrastruktur in sich trage, enthalte Heimat naturgemäß historische Narrative. Gallé, der nicht nur in Rheinhessen als Mundartautor und -liedermacher bekannt ist, präsentierte die Besonderheiten seiner Region, neben Wein u. a. die hochromanische Baukunst, die Nibelungensage, Martin Luther und die jüdische Kultur in Worms. Die Interessen der Kulturakteure und Marketingleute seien oft unterschiedlich: Winzer wollen Wein verkaufen, Touristiker ihre Reisen, Museen ihre Ausstellungen usw. Den Zuzug von Neubürgern sieht Gallé positiv, er sei immer produktiv, etwa wenn alter Häuser von den Neuen restauriert werden und sich aus eigenem Antrieb mit der Kultur und Geschichte ihrer Wahlheimat befassen, Fragen stellen, reflektieren. Die Suche nach Narrativen erfolge oft aus der Not oder aus Konflikten heraus, eine Chance für Reflektion.

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Jugend macht Heimat

Die Moderatoren Arnold Bischinger, Kulturchef des Landkreises Oder-Spree/Burg Beeskow, und Steffen Schuhmann, Kunsthochschule Berlin-Weißensee, gaben ihrerseits kluge Impulse zum Thema Heimat und Selbstfindung, auch im Dialog mit den BesucherInnen. So kam aus dem Publikum die dringende Empfehlung, die junge Generation in die Prozesse zur Identitätsfindung einzubinden. Das Problem: Ganztagsschulen und das verkürzte Abitur G 8 hätten dazu geführt, dass Kinder und Jugendliche spät nach Hause kommen und kaum noch Freizeit haben. Da müsse man sich etwas einfallen lassen. Eine Kongressbesucherin berichtet als best practice über die Initiative Happy Locals, die Jugendliche zu kreativem Handeln aufruft: Mit temporärer Zwischennutzung von Räumen in Brandenburg soll die dortige Clubkultur stärker belebt und befruchtet werden.

Außenperspektive

Zuweilen könnten auch ein Blick über den Tellerrand bzw. ein Perspektivwechsel hilfreich sein. Als Beispiel wurde aus dem Publikum das elbübergreifende Bürgerwissensportal Elbe505.de genannt. Bewohner aus Mecklenburg und aus dem Wendland entwickelten gemeinsam eine Onlineplattform mit Wissenswertem, Fakten und  Geschichten über ihre Region in Texten, Fotos, Interviews und Podcasts. Die jeweils andere Region half, um den Blick für das Besondere und für Alleinstellungsmerkmale zu schärfen. Und: Wenn Burger selbst über ihre (Wahl-)Heimat erzählen, stärkt dies zugleich die Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit nach innen sowie Anerkennung und Wertschätzung von außen.

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Wo und was ist Heimat?

In weiteren Foren (siehe Kongress-Programm) ging es um die Narrativa von Heimat: Wer prägt die Geschichten und Bilder unserer Nation, vor allem in den neuen Bundesländern? Auch widerständige Heimat liefert Geschichten, vor allem in Verbindung mit Umweltfragen, etwa das Gorleben-Archiv im Wendland und die Medienberichte aus dem Hambacher Forst. Wie lässt sich Heimat gestalten und was leisten Heimatvereine dabei? Wer vermittelt Heimaten und was leisten Heimat-, Orts-, Regional- und Stadtmuseen dabei? Was können Dritte Orte bewegen? Wo existiert Heimat an utopischen oder virtuellen Räumen? Und welche Rolle spielt Europa in der Heimatdiskussion? Heimaten gibt es viele: geografische, zwischenmenschliche, geistige und virtuelle. Der Schriftsteller Klaus Theweleit hat es einmal so beschrieben: “Ich bin ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen und hatte dann meine neue, meine zweite schleswig-holsteinische Heimat. Als Jugendlicher wurde englische Beat-Musik meine kulturelle Heimat. Ich kenne also mindestens drei verschiedene Heimaten.”

Deutschlandbild in der Außenpolitik

Den geweiteten Blick auf das internationale Panorama präsentierten Vertreter der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Bildungspolitik im Auswärtigen Amt, erläuterte den veränderten Fokus deutscher Auswärtiger Kulturpolitik, berichtet von erhellenden Reisen nach Afrika, von Begegnungen mit afrikanischen Gründern, die dank Drohnen zukünftig Wasser und Pestizide nutzbringender dosieren wollen. Globale Herausforderungen können und müssen gemeinsam gestellt und gelöst werden. Kooperation und Multilateralismus werde nicht aus Selbstzweck betrieben, sondern um etwas zu bewegen. Vor diesem Hintergrund betonte sie: „Unsere Identität setzt sich aus vielen Identitäten zusammen. Heimat gehört einem nicht. Niemand hat sie gepachtet. Sie ist für jeden etwas Persönliches. Heimat ist Geschichte und Identität. Identität ist etwas, was man sein kann, aber nicht, was man zu sein hat.“

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Neue Herausforderungen für die internationale Kulturpolitik?

Heimat suchen – Heimat finden – zu diesem Thema versammelten sich neben dem Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, Andreas Görgen, auf dem Podium internationale Gäste, moderiert von der Kulturmanagerin Sarah Bergh. Anders als in Deutschland kennen andere Länder den Heimatbegriff nicht. Dort spricht man von Vaterland, Mutterland oder Zuhause. Arjun Appadurai, Senior Professor of Anthropology and Globalisation at Hertie School of Governance in Berlin, offenbarte die Position junge InderInnen: Nicht das Sein, sondern das Werden, nicht belonging, sondern becoming. Appadurai erklärt den Hintergrund: Durch die britische Besatzung hätten InderInnen früher oft Ablehnung und Ausschluss erlebt. Statt auf eine kleine, enge Heimat zurückzublicken, fänden jungen InderInnen sie in der Zukunft, in den neuen Netzwerken, in sozialen und mobilen. Dort würden die wichtigen, zukunftsorientierten Themen be- und verhandelt, so Appadurai, nicht nur Jobs und Neue Arbeit, sondern auch Freizeit, Spaß, Liebe, Romantik. Deutschland sollte sich daran beteiligen, neue Plattformen für solche Verbindungen zu schaffen. Deutschland habe die Möglichkeit, sollte sie verantwortungsvoll nutzen und zusammen mit der Welt experimentieren. Andreas Görgen verwies in diesem Zusammenhang auf ein Zitat von Willy Brandt: „Kulturarbeit ist Arbeit an der Weltvernunft.” In diesem Sinne will das Auswärtige Amt Räume für neue Kooperationen schaffen, u. a. eine Agentur für internationale Museumskultur. Deutschland könne nicht mehr allein bestimmen, was international über das Land nach außen getragen werde.

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Multiperspektivische Fragen und Antworten

“Beziehungen entstehen aus Differenzen, aber Kunst hilft, die Differenzen zu verstehen.” Genau in diesem Sinne agiert Bonaventure Soh Bejeng Ndikung an seiner Wirkungsstätte SAVVY Contemporary in Berlin-Neukölln. Der unabhängige, nicht kommerzielle Projektraum versteht sich seit 2010 als „Labor der intellektuellen, künstlerischen und kulturellen Ideenentwicklung und des Ideenaustauschs“ für internationale bildende und darstellende Kunstschaffende und Kuratoren. Im Mittelpunkt von SAVVY steht der Diskurs über aktuelle Fragen und Themen aus den Bereichen Kunst, Wissenschaft, Soziologie oder Philosophie. Gründer und künstlerischer Leiter Ndikung sieht sich als Wanderer zwischen Welten und Ländern: „Home is where the music is“ – Zuhause ist dort, wo die Musik ist.“ Viele Staaten, wie z. B. sein Geburtsland Kamerun, seien Fiktion, oft nur künstlich von Besatzungsmächten geschaffen. Er plädiert für das Entkoppeln von Land, Heimat und Sprache. Das Nachdenken über Heimat empfindet er als Zeitverschwendung. Heimat sei in ständigem Wandel begriffen. Daher käme es darauf an, dass sich jeder für jeden im sich veränderlichen Weltgeschehen verantwortlich fühle.

Themenwechsel fernab des Geburtslandes

Auch für andere auf dem Podium ist Heimat eine Kopfgeburt. „Ich frage mich gar nicht was Heimat für mich ist. Heimat sollte nicht permanent um sich selbst kreisen“, stimmt Aino Laberenz zu. Sie ist Geschäftsführerin des Operndorfs Afrika, das einst Christoph Schlingensief gründete. Sie ist zugleich Kostüm- und Bühnenbildnerin. Sie arbeite im Operndorf, weil sie dort neue Blickwinkel auf Themen erhalte, die es so in Deutschland nicht gäbe, weil solche Probleme hierzulande gar nicht existierten.

Und dennoch: Heimat ist wichtig

Warum trotz allem die Auseinandersetzung mit Heimat wichtig sei, erläuterte Géraldine Schwarz, Journalistin und Dokumentarfilmerin mit deutschen und französischen Heimaterfahrungen: „Wenn populistische Parteien so viel Erfolg haben mit dem Okkupieren des Heimatbegriffes, gibt es offenbar ein universelles Bedürfnis nach Heimat.“ Die „Gelbwesten“ in Frankreich seien eine Reaktion auf enttäuschte Heimatverbundenheit und die Spaltung von Stadt und Land. Das individuelle Bedürfnis nach Heimat solle ihrer Meinung nach nicht pauschal verleugnet werden, so Schwarz. Sie betont aber, dass jeder seine eigene Sicht auf Heimat haben solle und dürfe. Ihr Aufruf: Gemeinsame Nenner in den europäischen Erinnerungen finden, um zu einer europäischen Identität zu gelangen.

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Kunst und Heimat Erde

Die letzte Diskussionsrunde beim KUPOGE-Kongress galt unserem Heimatplaneten, der immer mehr in Gefahr gerät. Die KUPOGE widmete bereits die letzte Ausgabe ihrer Publikationsreihe “Kulturpolitische Mitteilungen” dem Thema Klimagerechte Kulturpolitik. Da die Akteure in Politik und Wirtschaft auf Fakten und Erkenntnisse der Wissenschaftler nicht konsequent genug reagieren, deren Vorschläge (z. B. Tempolimit) ignorieren oder zu langsam umsetzen, werden die Proteste von jungen Menschen immer lauter. Kurz vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause blockierten am Freitagnachmittag Jugendliche der Fridays for Future-Bewegung die Ausgänge im Parlament unter dem Motto: Die Arbeit ist nicht getan, daher Nachsitzen für die Politiker! Ob Michelle Müntefering wohl aus diesem Grund verspätet zum Kongress kam?

Kunst fördert Empathie

Nicola Bramkamp, die als Moderatorin die widerstreitenden Meinungen im Panel äußerst klug und charmant dirigierte, leitet das Festivals SaveTheWorld und die Runde mit einer richtigen Erkenntnis ein: “Erst wenn der Mensch empathisch ist, beginnt er zu handeln. Mit künstlerischen Mitteln lassen sich Herausforderungen anders spiegeln und ungewöhnliche Antworten finden.” Über diesen Weg wurde der junge Fridays for Future-Aktivist Gustav S. Strunz für das Klimathema sensibilisiert – bei einem Theaterabend der Gruppe Rimini-Protokoll, der einen Klimagipfel simuliert. Seine Mitstreiterin Lilli C. Pape bestätigte, dass die Mitwirkung in einer Theatergruppe und auf Kongressen ihr für ihre Auftritte und Reden in der Fridays for Future-Bewegung Sicherheit geben würden.

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Klima und Kultur als gemeinsames Thema

Politik und kulturpolitische Finanzierung muss dringend themenorientiert verfolgt werden – über alle Parteien, Ministerien und Branchen hinweg. Diese Erkenntnis und Forderung ist vielleicht das wichtigste Fazit des KUPOGE-Bundeskongresses. Kuratorin Adrienne Goehler vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, engagiert sich daher für einen ressortübergreifenden Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit, der aus verschiedenen Ministerien gespeist werden soll, um das Bewusstsein für Kunst und Klimapolitik zu stärken. Es brauche zeitgemäße Fördermittel für aktuelle Themen und Herausforderungen.  

Immer mehr Künstler wollen sinnstiftend arbeiten und erheben daher den Anspruch, zukunftsorientierte Projekte und Werke zu schaffen, die aktuelle Herausforderungen bearbeiten, wie in der Wanderausstellung Zur Nachahmung empfohlen. Kultur werde heute zwar ernster genommen, aber die Förderinstrumente hinken noch immer hinterher.” Göhler kritisierte in diesem Zusammenhang auch den permanenten Zwang zur Innovation. Kunst, Industrie und Wissenschaft sollten sich stärker begegnen und dafür brauche es neue Möglichkeitsräume. 

 © MassivKreativ: Nao-Roboterdame INA

Digitalisierung frisst den Planeten

Große Uneinigkeit herrschte zum Thema „Ressourcenverbrauch und Digitalisierung“ zwischen dem Projektleiter Lemgo Digital vom Fraunhofer IOSB-INA, Jens-Peter Seick, und Jörg Sommer, Vorstand der Deutschen Umweltstiftung. Trotz bemerkenswerter Keynote der Nao-Roboterdame INA wehte ihrem Erfinder auch aus dem Publikum ein rauer Wind entgegen und die Frage, wieviel Energie und Ressourcen die Digitalisierung noch verschlingen werde. Sommer plädierte für mehr Verzicht und Beschränkung auf das Wesentliche und beklagte das rasante Tempo technischer Entwicklungen. Der Mensch und die Kunst kämen mit ihren ethischen Überlegungen kaum hinterher. Die Fridays for Future-Aktivisten Gustav und Lilli sehen die Auseinandersetzung pragmatisch: Digitalisierung gäbe es schon seit 100 Jahren. Ihrer Generation ginge es nicht um entweder/oder, nicht um  Verzicht oder Verschwendung, sondern darum, wie Gustav sagt, „in den richtigen Dingen schneller und in anderen langsamer werden, z. B. durch einen schnellen Kohleausstieg ein entschleunigtes Leben zu führen. Man muss nicht das Optimum herausholen, sondern erst mal anfangen und die großen Ziele auf kleine für jeden herunterbrechen … Es geht nicht nur um den Klimawandel, sondern auch um die Forderung, die Umweltzerstörung durch Kohleabbau und Fracking zu stoppen. Fridays for Future arbeitet insofern auch gegen die Zerstörung unserer Heimat.” Zu ihrem Verständnis von Heimat befragt, sagt Lilli: „Fridays for Future versteht sich als globale Bewegung, insofern ist für uns die Welt unsere Heimat.

FAZIT: Es geht nur noch gemeinsam

Heimat bedeutet tägliche Verabredungen zu treffen mit Dialogen von Mensch zu Mensch. Heimat ist die „Kultur“ unseres Zusammenlebens, die Basis für unsere Gemeinschaft. Gemeinsinn und WIR-Gefühl gelingen am besten durch gemeinsame Aktivitäten, z. B. sinnstiftende Ziele zu verfolgen – durch soziales und ehrenamtliches Engagement, durch kulturelle, sportliche und wissensvermittelnde Erlebnisse, durch nachhaltige Projekte für unsere Zivilgesellschaft. Heimat ist und bleibt „Gemeinsame Sache“.

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Bruchstellen von Heimat

Doch genau hier liegt das Problem. Die Vermächtnisstudie der ZEIT hat herausgefunden: „das Wir-Gefühl übersetzt sich nicht in Engagement außerhalb des Freundes- und Bekanntenkreises. Dafür fehlt es an Vertrauen untereinander, an der Basis für ein gelebtes Wir. Nur ein Viertel der Befragten hat viel Vertrauen in die Mitmenschen, 40 Prozent haben wenig. Auch hier sind jene mit geringer Bildung besonders skeptisch. Außerdem glaubt nur ein Viertel, dass auch den Mitmenschen ein “Wir-Gefühl” wichtig ist. Ein Misstrauensvotum.“

Kultur des Machens stärken

Zur Vertrauensbildung kann Kultur sehr viel beitragen. Gemeinsame kulturelle Projekte, gemeinsame künstlerische Erfahrungen schmieden zusammen. Wir sollten nicht immer alles bis ins Detail durchplanen und mehrfach abwägen wie bisher. Wir sollten einfach mehr ausprobieren, mehr Modellprojekte wagen, grundsätzlich mutiger sein. Erst mal machen und danach evaluieren, um Erkenntnisse aus gelungenen Projekten auf andere Bereiche zu übertragen.

Heimathymne

Heimat weckt bei vielen Gemeinschaftsgefühle. Daher wurde – nicht beim Bundeskongress aber immer mal wieder zu anderen Gelegenheiten – auch über unsere Nationalhymne diskutiert. Manche Ostdeutsche wünschen sich die „Kinderhymne“ von Brecht, die Lothar de Maizière am Rande der Gespräche um den Einigungsvertrag dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble auf der Geige vorgespielt haben soll. „Das Land habe drängendere Probleme als Gefühle und Musik“, so die sinngemäße Antwort damals von Schäuble. Vor dem Hintergrund, dass viele sich mehr und mehr als EU- bzw. Weltbürger sehen, wäre zu diskutieren, ob wir überhaupt noch eine Nationalhymne brauchen. Möglicherweise wird unser aktuelles Heimat- bzw. Weltverständnis, wie schon andere Autoren vor mir spekuliert haben, durch einen ganz anderen Song viel besser ausgedrückt: mit John Lennons Imagine etwa.

Heimat als Nichtort und Utopie

Ist Heimat also doch nur eine Kopfgeburt, wie auf einem Kongresspanel festgestellt wurde. Ist Heimat eine Illusion? Der Jurist Bernhard Schlink, der den Roman „Der Vorleser“ schrieb und nach dem Mauerfall die Arbeitsgruppe „Neue Verfassung der DDR“ des Runden Tisches beraten hat, hat die verschiedenen Dimensionen des Heimatbegriffs zusammengeführt:  „So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder einen Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort. Heimat ist Utopie.“ (Buch: Bernhard Schlink – Heimat als Utopie).

 

Mehr zum Thema:

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

 

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Heimat-Zitate

„Heimat ist dort, wo man sich nicht erklären muss.“ Johann Gottfried von Herder

“Heimat ist der Ort, wo ich mich erklären kann und darf.“ Alexander Koch, Die Neuen Auftraggeber (… wo mir Raum gegeben und wo mir zugehört wird.)

„Heimat sind die Menschen, die wir verstehen und die uns verstehen.“ Max Frisch

„Heimat ist Heimweh und Sehnen nach allen Weiten.“ Peter Hille

„Heimat ist etwas, was ich mache.“ Beate Mitzscherlich

„Heimat ist Raum für kennen, bekannt und anerkannt sein.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

„Heimat ist kein ein Zustandsbegriff, Heimat ist ein Korrespondenzbegriff als Pendant zur Globalisierung.“ Klaus Kufeld

„Heimat weist in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit. Heimat ist der Ort, den wir als Gesellschaft erst erschaffen .. an dem das ‘WIR’ Bedeutung bekommt.” Frank-Walter Steinmeier

„Heimat ist polyphon!“ Mark Terkissidis

„Heimat ist nicht ein Ort, wo man lebt, sondern die Art, wie man lebt.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

„Heimat ist Ersatzhandlung für mangelnde Zugehörigkeit.“ Armin Nassehi

„Der Begriff Heimat hat einen Pelz an und riecht an einigen Stellen streng.“ Kongress-BesucherIn beim 10. KUPOGE Bundeskongress 2019

 „Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft, Heimat ist nicht Liebe – Heimat ist Friede.“ Paul Keller, Schriftsteller

„Freundschaft, das ist wie Heimat.“ Kurt Tucholsky, Schloß Gripsholm, 3. Kapitel

„Heimat ist der Duft unserer Erinnerungen.“ Anke Maggauer-Kirsche, deutsche Lyrikerin

“Warum liebt man die Heimat? … deswegen: das Brot schmeckt da besser, die Stimmen schallen da kräftiger, der Boden begeht sich da leichter.” Bertolt Brecht, Aus: Der Kaukasische Kreidekreis

„Gibt’s kein höheres Übel doch als den Verlust der Heimat.“ Euripides

„Ein feiges Volk hat keine Heimat.“ Aus Ungarn

„Heimat und Vaterland sind etwas grundsätzlich anderes.“ Unbekannt

„Die Scheinwelt ist die Heimat vieler.“ Ulvi Gündüz, Dichter und Autor

„Eine gute Erinnerung ist eine innere Heimat.“ Esther Klepgen, Autorin

“Heimat ist nicht der Ort, sondern die Gemeinschaft der Gefühle.” Unbekannt

„Licht und Dunkelheit: zwischen den Gegensätzen findet sich Heimat.“ Ernst Ferstl, österreichischer Dichter

„Wer seine Heimat nicht im eigenen Kopf findet, findet sie nirgendwo.“ Helmut Glaßl, Aphoristiker

“Heimat(-politik) ist als gemeinsame Gestaltungsaufgabe zu verstehen … Heimat heißt auch Zukunft und Verständnis, gesellschaftliche Veränderungen anzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Denn Heimat war und ist immer auch ein Raum sozialer Beziehungen, Ausgleich und Einbindung – Integration. So verstanden ist Heimat Lebensmöglichkeit und nicht nur Herkunftsnachweis. Heimat ist nicht Kulisse, sondern Element aktiver Auseinandersetzung.” – Deutscher Bundestag 25.07.2018

Das Hitzacker-Dorf und KUBA – gemeinsam, interkulturell, nachhaltig

 © MassivKreativ

Hauke Stichling-Pehlke ist vor knapp 30 Jahren ins Wendland gekommen. Ein ehemaliger Großstädter, der sich bewusst für das ländliche Leben in Hitzacker entschieden hat. Sein Studium hat er wegen der eigenen Ungeduld nicht beendet. Er wollte nicht länger Theorien entwickeln, sondern Projekte rasch in die Tat umsetzen. In Hamburg-Wilhelmsburg hat er im zeitlichen Umfeld der Internationalen Bauausstellung IBA ein interkulturelles Seniorenheim gebaut. Seit Winter 2011 können im Veringeck deutsche und türkische Senioren können in Wilhelmsburg gemeinsam unter einem Dach ihren Lebensabend verbringen.

Zukunftsdorf in Hitzacker

Auf diese Erfahrungen baut sein aktuelles Projekt auf. Im Wendland soll ein neues interkulturelles und altersgemischtes Mehrgenerationendorf entstehen: das Hitzacker-Dorf. Am ersten Haus wird gerade gebaut (Sommer 2018). Im Interview betont Hauke Stichling-Pehlke: „Das Hitzacker-Dorf ist kein fertiges Produkt. Es ist eine Idee, die von allen gemeinsam entwickelt und stetig  auch weiterentwickelt werden soll.“

 © MassivKreativ: Hauke Stichling-Pehlke

Verantwortung übernehmen

Um das Hitzacker-Dorf von der Idee in die Tat umzusetzen, gibt es verschiedene Arbeitsgruppen, z. B. für den Bau und die Dorfplanung (Bau), für Büro und Öffentlichkeitsarbeit, für Interkulturelles, Gemeinschaftsbildung und das Gemeinschaftshaus, für Mobilität, Stoffkreisläufe und Solidarität, für Nahrung und Küche, für Kinderbetreuung und Garten, für Finanzen und Fundraising, für Datennetz, IT und Gewerbe.

 © MassivKreativ

Wohnen und Arbeiten

Dabei haben die Akteure auch das wohnortnahe Arbeiten im Blick: Coworking für StartUps, ein Gesundheitszentrum und ein kleines Gewerbegebiet sind geplant. Es wurden basisdemokratische Strukturen mit Vorstand und Aufsichtsrat geschaffen. Einmal pro Woche tagt das Plenum für kleine Entscheidungen, große Themen werden in der Generalversammlung diskutiert. Wie wird z. B. das Thema Nachhaltigkeit im Hitzacker-Dorf umgesetzt? Wie wird Mobilität im Alltag gelebt, was können Carsharing und E-Autos leisten.

 © Kurt F. Domnik, pixelio.de

Um die Kosten überschaubar zu halten, werden ausschließlich Mehrfamilienhäuser nach einem Modulsystem gebaut. Pehlke macht auf Nachfrage folgende Beispielrechung auf: Eine vierköpfige Familie erwirbt für den Bau einer 90qm großen Wohnung Genossenschaftsanteile in Höhe von 20.000 € und zahlt nach Fertigstellung des Baus eine Kaltmiete von knapp 6 € pro qm. 12 Häuser sind im Sommer 2018 durchfinanziert, Verträge mit der GLS-Bank geschlossen. Der Bau des ersten Hauses ist gerade gestartet.

 © MassivKreativ

Überraschende Siedlungsgeschichte

Bei der Erschließung des Baugrundes wurden archäologische Fundstellen freigelegt und ergaben, dass die Region schon etwa 300 Jahre vuZ besiedelt wurde. Ein Brennofen, der in einem Meter Tiefe gefunden wurde, lässt darauf schließen, dass die damaligen Bewohner mit der Verhüttung von Raseneisenstein Erz gewonnen und veredelt haben. So wird die Siedlungsgeschichte stetig weiter geschrieben.

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Kulturbahnhof 

Im zweiten Teil des Interviews berichtet Hauke Stichling-Pehlke über den ehemaligen Bahnhof in Hitzacker, der heute KUBA – Kulturbahnhof heißt. Im April 2014 ersteigerte der frisch gegründete Bürgerverein den 174 erbauten Backstein-Bahnhof für 32.000 €. Heute ist KUBA ein Kulturzentrum, das von vielen Künstlern, Kreativen und lokalen Gruppen genutzt wird. Der Verein koordiniert die vielfältigen Aktivitäten und hat derzeit etwa 80 Mitglieder. Auch Jugendliche brüten immer wieder Ideen für KUBA aus, u. a. die Kulturaktie, um den Verein zu unterstützen.

 © MassivKreativ

Hauke Stichling-Pehlke ist optimistisch: Sowohl KUBA als auch das Hitzacker-Dorf zeigen, das sich die Bürger gerne sinnstiftend engagieren und zivilgesellschaftlich Verantwortung übernehmen. Damit zeigen sie Wege auf, wie es zukünftig im Wendland weitergehen kann – mit sozialen Innovationen.

PODCAST-INTERVIEW mit Hauke Stichling-Pehlke

Das Hitzacker-Dorf und KUBA – gemeinsam, interkulturell, nachhaltig

Altes bewahren, Neues wagen – Architektur im Wendland

 © MassivKreativ

Ralf Pohlmann ist Neuschöpfer, Bewahrer und Erneuerer. Als Architekt baut er im Wendland neue Gebäude, vor allem Schulen, und er saniert alte Bausubstanz, z. B. historische Hallenhäuser mit Fachwerk. Oberstes Gebot für ihn ist, den besonderen Geist der alten Gebäude zu erhalten.

Eisenbahnbrücke bei Dömitz

Zu den aktuellen Projekten von Ralf Pohlmann zählt die alte Eisenbahnbrücke bei Dömitz, die früher Mecklenburg und Niedersachsen verband. Heute gibt es nur noch den westlichen Teil der Elbbrücke nahe des niedersächsischen Örtchens Kaltenhof. Er steht inzwischen unter Denkmalschutz. Erbaut wurde die ursprünglich 986 Meter lange Brücke zwischen 1870 und 1873 von der Berlin-Hamburger Eisenbahngesellschaft. Am Ende des 2. Weltkrieges haben die Alliierten sie bei einem Luftangriff nahezu zerstört. Es blieben nur Überreste auf dem westlichen Teil der Elbe in Niedersachsen: 16 Brückenbögen mit dem zugehörigen Brückenkopf.

 ©  Von Dömitz_Eisenbahnbrücke_ReiKi_01.jpg: R.Kirchner CC BY-SA 3.0 

Skywalk durch die Elbtalaue

Das Foto zeigt die historische Eisenbahnbrücke bei Hochwasser. Normalerweise stehen die Brückenpfeiler in der Elbtalaue auf trockenem Untergrund. 2010 ersteigerte der niederländische Unternehmer Toni Bienemann das Bauwerk aus dem ehemaligen Besitz der Deutschen Bahn. Gemeinsam mit dem Freundeskreis Dömitzer Eisenbahnbrücke plant er, aus dem alten Industriedenkmal einen „Skywalk“ zu machen. Auf dem Natur-Laufsteg sollen Besucher tagsüber die Weite des Elbblicks genießen und nachts in den endlosen Sternenhimmel blicken. Weil die Brücke inmitten des Biosphärenreservats Niedersächsische Elbtalaue liegt, können Naturliebhaber von hier aus auch Tiere beobachten und sich an Pflanzen erfreuen.

 © MassivKreativ: Blick von Rüterberg auf die Elbtalaue

Altes bewahren, Neues wagen

Im Interview berichtet Architekt Ralf Pohlmann über Herausforderungen bei der Sanierung der Eisenbahnbrücke. Er beschreibt die Besonderheiten des einzigartigen Industriedenkmals: ein wehrhaft gestaltetes Brückenhaus mit 16 Flutbrückenbögen. Pohlmann gibt einen Überblick über weitere spannende Sanierungsprojekte im Wendland, u. a. über die Wiederherstellung und Umnutzung des alten vierstöckigen Fachwerk-Kornspeichers in Gartow, der schon im 16. Jahrhundert erbaut wurde.
Zuletzt erzählt er, wie seiner Meinung nach eine moderne, zeitgemäße Schule aussehen muss, um Kindern und Jugendlichen eine inspirierende Lernumgebung zu bieten.

PODCAST-INTERVIEW

Architektur im Wendland

Umdenken: Wie Banken und Banking sexy werden

 © Michael Ottersbach, Pixelio.de

Banking ist nicht sexy und müsse es auch nicht werden, meinte kürzlich KPMG-Bankexperte Sven Korschinowski in einem Interview: „Banken erbringen keine Primärleistung [Hauptleistung]. Finanzdienstleistungen sind ein Mittel zum Zweck, z. B. zur Erfüllung eines Konsumwunsches.“ 

Haben Banken eine Zukunft?

Leider viel zu kurz gedacht – in meinen Augen. Wenn Banken ihr Selbstverständnis auch zukünftig allein auf Finanzdienstleistungen gründen, verspielen sie über kurz oder lang ihre Existenzberechtigung. Banken steht ein massiver Arbeitsplatzabbau bevor. Mit Blick auf Blockchain, FinTechs und Finanz-Apps (Banking to go / Banking für die Hosentasche), fragen sich bereits heute viele Kunden, warum sie für die Regelung ihrer finanziellen Verpflichtungen Gebühren zahlen sollen, wenn sie die Leistungen anderswo gratis bekommen. Microsoft-Gründer Bill Gates sagte schon 1998: „Banking is necessary, Banks are not”.

Warum heutige Banken nicht sexy sind

Der Hype um FinTechs, neue Technologien und digitale Geschäftsmodelle verstellt den Blick auf die wahren Probleme von Banken und zugleich auch auf ihre Chancen und Potentiale. Warum ist Banking nicht sexy? Weil die Verwaltung von Geld genau genommen leblos ist. Ganz anders ist es, wenn der Mensch ins Spiel kommt. Wie wäre es, wenn Banken zum Lebens- und Potenzialberater ihrer Kunden werden würden und dabei nicht nur Kapitalvermögen und Immobilien im Blick hätten?

Potentiale des Immateriellen

Seit Jahrhunderten wird der Bankkunde auf sein materielles Vermögen reduziert! Warum soll das zukünftig so bleiben, frage ich mich. Wir leben in einer Informations- und Wissensgesellschaft, die sich auf Talente, Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten gründet! Wäre es nicht weitaus nachhaltiger gedacht, eine Bank würde ihren erwachsenen und heranwachsenden Kunden begleitende Beratung bei der Berufs- und Lebensplanung anbieten? Sie könnten Schülern mit Hilfe von Partnern aus Wirtschaft und Kultur kostenfreie kreative Workshops offerieren – zur Talenterprobung und Potentialentfaltung. Stattdessen werden minderjährige Bankkunden bzw. deren Eltern phantasielos mit Zinsen geködert (Mäusesparen & Co.). Zukunftsorientierte Banken sollten ihre Kunden von morgen lieber mit spannenden Erlebnissen locken, bei denen Kinder und Jugendliche Offenheit, Mut, Kreativität und Vielfalt erfahren und erspüren können. Das, was die Arbeitswelt zukünftigen Generationen stärker abfordern wird und das, was uns Menschen trotz Künstlicher Intelligenzen unersetzlich macht. Gewohnte Denkmuster müssen daher dringend aufgebrochen werden!

Fragen an die Bank der Zukunft

Warum muss sich die Dienstleistung einer Bank auf die Verwaltung von materiellen Dingen (Vermögen, Kredite usw.) beschränken? Kein Wunder, dass der Kunde das wenig sexy findet! Warum investiert diese – wie andere bedrohte Branchen auch – meist nur in technologische Innovationen? Warum denkt eine Bank der Zukunft nicht primär über eine soziale Innovation nach und setzt erst später unterstützend und begleitend auf neue Technologien? Der Mensch sollte Treiber für die Technologie sein und nicht umgekehrt! Warum lassen Banken das immaterielle Kapital und Vermögen ihrer Kunden derzeit völlig außer Acht?

Nachhaltigkeit

Wer seine Kunden umfassend bei Bildung und Potentialentfaltung unterstützt und in ihre Talente investiert, wird zukünftig vermutlich über finanzstarke, solvente und zufriedene gesunde Kunden verfügen. Und nicht nur das: Er wird Kunden haben, die gesund und resilient sind, weil sie durch Talent- und Potentialentfaltung gelernt haben, zukünftigen Veränderungen im Leben oder am Arbeitsmarkt flexibel, offen und angstfrei zu begegnen.

Wer seine Kunden nach ihren Neigungen, Leidenschaften, Ideen und Lebensträumen befragt und sie bei der Realisierung unterstützt, vom Denken und Planen zum Handeln zu kommen, wird sie dauerhaft an sich binden. Wer in immaterielle Potentiale seiner Kunden investiert, sorgt für ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Wer seinen Kunden hingegen weiterhin unmoralische Spekulationsgeschäfte mit Hedgefonds und risikoreichen Derivaten aufschwatzt und Vermögen gewissenlos verzockt, wird verdient untergehen.

 © Uta Thien Seitz, Pixelio.de

Soziale Innovationen

Wo Märkte und Branchen versagen, bilden sich Freiräume und Chancen für soziale Innovationen und für die Bank von morgen, der sie getrost ihr Vertrauen schenken dürfen. Stellen Sie sich folgende Szenarien vor:

Szenario 1: Angebote für Heranwachsende

Sie erhalten Post von Ihrer Hausbank: „Sehr geehrte/r Kunde/in, in wenigen Tag für Ihr/e Sohn/Tochter 14 Jahre alt. Wir freuen uns mit Ihnen und möchten Ihr Kind zu einem Erlebnis- und Entdeckertag mit einer kostenfreien eintägigen Talent- und Potentialberatung einladen. Der Gutschein ist beigefügt! Wir freuen uns auf Ihr Kind und einen ereignisreichen Tag. Mit freundlichen Grüßen – Ihre Potential-Bank der Zukunft!“

Ein interdisziplinäres Team erfahrener Pädagogen, Psychologen, Künstler und Sozialwissenschaftler unterhält sich ausführlich mit Ihrem Kind, lässt es spielerisch verschiedene geistige, kreative und empathiebezogene Herausforderungen bearbeiten und Fragebögen ausfüllen. Am Ende erhalten Sie und Ihr Kind eine ausführliche Auswertung und ein persönliches Beratungsgespräch, um Ihrem Kind und Ihnen verschiedene Vorschläge für ein künftiges sinnerfülltes und glückliches Leben zu unterbreiten, an welchem Ort, in welcher Branche, in welcher Funktion auch immer, entsprechend der besonderen Talente, Fähigkeiten und Neigungen, egal ob in einer Erwerbsarbeit oder in einem Ehrenamt.

Bereits heute bieten Institute in jeder größeren Stadt Potentialanalysen für Jugendliche an, allerdings zu stolzen Preisen um die 1.500 €. Eine Investition, die nicht jeder aufbringen kann.

 © Wilhelmine Wulff, Pixelio.de

Szenario 2: Angebote für Erwachsende

Sie sind an einem Wendepunkt in Ihrem Leben (völlig normal!) und denken über eine Veränderung nach. Sie rufen bei Ihrem persönlichen empathiekompetenten Bankberater an, dem Sie ihre Situation schildern. Er stellt für Sie persönlich ein interdisziplinäres Kompetenzteam zusammen, das der Bank verbunden ist, und vereinbart für Sie eine kostenlose ganzheitliche Beratung, die Ihre besondere Situation von allen Seiten beachtet. Zum Team gehören: ein Branchenexperte, ein Arbeitsmarkt- bzw. Personalexperte, ein Journalist, ein Psychologe, ein Allgemeinmediziner, ein Experte für lebenslanges Lernen und ein Künstler bzw. Kreativschaffender. Nach der Erstberatung wird das weitere Vorgehen entschieden. Das Expertenteam hört Ihnen zu und berät sie, Sie fühlen sich wertschätzt, angenommen, aufgefangen. Und finden früher oder später eine Lösung, die Sie glücklich macht und gesund bleiben lässt.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Szenario 3: Herzensprojekte

Sie haben eine Projekt- oder Geschäftsidee bzw. planen ein soziales oder ehrenamtliches Projekt. Neben Kapital benötigen Sie zunächst einmal Informationen: Kontakte zu Fachjournalisten und Branchenkennern, zu potentiellen Kunden zur Testung Ihrer Ideen und Prototypen, zu Künstlern und Designern sowie weiteren Wissensträgern, u. a. zu Studenten aus Universitäten und (Fach-)Hochschulen, zu Azubis passender Fachbereiche. Sie brauchen kommunikativen Austausch in einem Netzwerk mit Creator, Owner und Broker. Sie rufen Ihren Bankberater an. Mit Hilfe seiner Kontakte und einer digitalen Matching-Plattform stellt er Ihnen eine Vorschlagsliste mit einem interdisziplinären, fachkundigen Team zusammen und unterstützt damit Ihr Lebensprojekt mit ideellen Werten und immateriellem Kapital. Wer für Sie Beratungs- und Unterstützungsleistungen erbringt, wird hälftig von Ihnen, dem Kunden, und Ihrer Bank vergütet – über Micropayment bzw. ein Punktesystem, das der Hilfe-Erbringende später selbst rückinvestieren kann. Banken können zu ThinkTanks und zu sozialen Treffpunkten werden, für kommerzielle Vorhaben ebenso wie für soziale und ehrenamtliche Projekte.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Wie soll das funktionieren?

Schon heute werden in Personalabteilungen Künstliche Intelligenzen eingesetzt, um die Auswahl geeigneter Bewerber bzw. zukünftiger Mitarbeiter zu erleichtern, zu beschleunigen und effizienter zu gestalten. Ob dies immer im Interesse der Bewerber geschieht, ist ein anderes Thema. Fakt ist, dass Personalabteilungen zukünftig weniger Mitarbeiter benötigen. Die überzähligen Personalexperten könnten sich als Lebenssinn- und Potentialberater neu aufstellen, um vom Kind bis zum Rentner jeden Bürger zu unterstützen, eigene Talente und Fähigkeiten aufzuspüren und den individuellen Lebenssinn zu finden. Mentoring durch persönliche Zuwendung!

Der Mensch im Mittelpunkt

Der Ökonom Tomás Sedlácek war wirtschaftspolitischer Berater des früheren tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel. In seinem philosophischen Buch Die Ökonomie von Gut und Böse schreibt er: „Die Menschen haben von den Ökonomen schon immer vor allem wissen wollen, was gut und was böse oder schlecht ist, und das ist bis heute so geblieben … Wir [Ökonomen] haben zu viel Gewicht auf das Mathematische gelegt und unser Menschsein vernachlässigt. Das hat zu schiefen, künstlichen Modellen geführt, die uns kaum dabei helfen, die Realität zu verstehen.“

Die Bank als Lebensbegleiterin

Statt einen Menschen mit Druck zu entmutigen, sollten wir ihm mit positiver Sogwirkung Auftrieb geben. Wenn wir unser Potential bestmöglich entfalten können, werden wir den richtigen Platz für uns im Leben finden. Wenn die Bank dazu beiträgt, sorgt sie nachhaltig dafür, einträgliche und rentable Kunden zu gewinnen und dauerhaft an sich zu binden.

Wir können der eigenen Berufung und dem Herzensthema hochmotiviert bis ins hohe Alter folgen. Voraussetzung ist, dass uns jemand dabei unterstützt und uns die richtigen Fragen stellt:

  • Was könnte meinem Leben Sinn geben?
  • Womit möchte ich mir oder anderen Menschen Freude bereiten?
  • Wo und wie kann ich in der Gesellschaft Unterstützung leisten?

Warum sollte nicht eine Bank diese individuelle Lebenssinn- und Potentialberatung übernehmen bzw. sie zumindest anstoßen und begleiten? Könnten Banken auf diese Weise zu einem neuen Selbstverständnis finden – als Potentialförderer für uns Bürger? Sie könnten ihr häufig verspieltes Vertrauen zurückgewinnen, indem sie nicht nur materielles, sondern auch geistiges Vermögen treuhänderisch verwalten, also immaterielles Kapital analysieren, bewahren und vermehren.

 © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de

Kreativität und Lebenssinn

Es geht im Leben mehr denn je darum herauszufinden, wo die eigenen Talente und Fähigkeiten liegen, an welchem Ort und in welcher Funktion wir sie sinnvoll einsetzen möchten. Kreativitätsexperte Sir Ken Robinson hat es in einem Interview so erklärt: „You create your life and you can recreate it too. In times of economic downturn and uncertainty it’s more important than ever to look deep inside yourself to fathom the sort of life you really want to lead and the talents and passions that can make that possible.” (Forbes)

Banken werden ihre Relevanz und Überlebenschance zukünftig daran messen lassen müssen, inwiefern sie den Austausch zwischen Menschen und die Vermehrung von sozialem Kapital fördern und das Geflecht persönlicher wertschätzender Beziehungen zum Blühen bringen. Das Saguaro Seminar der Harvard University hat 150 Strategien entwickelt, die zeigen, wie wir soziales Kapital vermehren können. Von diesen Ideen und Strategien können Banken sehr viel lernen! 

Peter Fox, der Sänger der Berliner Band Seeed, hat es im Song Alles neu auf seiner Solo-CD „Stadtaffe“ so formuliert:

„Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht. Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.“

Sharing und Wir-Kultur: Wie Coworking Innovationen beflügelt

 © Antje Hinz

Coworking ist wie eine Wundertüte: Du triffst neue Leute, teilst mit ihnen Ideen, Visionen, Herzblut und Leidenschaft, findest Dinge, die Du nicht gesucht hast und erlebst Vielfalt und Überraschungen, die Deine Projekte und Deine Persönlichkeit wachsen lassen. Coworking bedeutet weit mehr als nur Infrastruktur zu teilen. Ein Streifzug durch Geschichte und Gegenwart der kooperativen Zusammenarbeit.

Die Anfänge

Die Idee gemeinschaftlicher Büronutzung entstand nicht in den USA, sondern in der deutschen Hackerszene. 1995 gründeten einige Computerfreaks in Berlin den Clubraum C-Base – ein Vorläufer des Coworkings. Die Idee wurde zum Trend, als der Chaos Computer Club 2007 bei seinem Jahreskongress empfahl, gemeinsame Räumlichkeiten für neue Projekte anzumieten (Building a Hacker Space). Kurz zuvor hatte Tim Pritlove in seinem Podcast CRE055 (Chaosradio Express) den bis heute bestehenden Hackerspace Metalab in Wien vorgestellt. Pendants in Deutschland entstanden in Köln mit C4, in Hamburg mit Attraktor, in Mannheim mit RaumZeitLabor (weltweites Verzeichnis: hackerspaces.org). In den USA wurden ab 1999 Büroplätze geteilt, im New Yorker Stadtteil Manhattan eröffnete u. a. das „42West24“, allerdings noch ohne Community-Gedanken. In San Francisco florierte Coworking ab 2006 im Umfeld der Social-Web-Community von Hacker Chris Messina, Programmierer Brad Neuberg und Kommunikatorin Tara Hunt, die gemeinsam „Citizen Space“ und „The Hat Factory“ gründeten. Im gleichen Jahr startete am Rosenthaler Platz in Berlin Sankt Oberholz, das seitdem Freidenker und digitale Nomaden mit viel Kaffee, buntem Coworking, spannenden Events und diversen Teams lockt.

 © Antje Hinz

Augenhöhe

Zu den geistigen Vätern des Coworkings gehört der amerikanische Gamedesigner und Spaßtheoretiker Bernard Louis DeKoven. In einem Interview berichtet er, dass er schon 1999 den Begriff Coworking benutzt habe, um bei der Spieleentwicklung Hierarchien abzuschaffen: „When I coined the term coworking, I was describing a phenomenon I called “working together as equals.” DeKoven sah im Coworking eine Chance zum Zusammenarbeiten auf Augenhöhe. Auch Sascha Lobo und Holm Friebe gehören mit ihrem Buch Wir nennen es Arbeit (2006) zu den Wegbereitern des Coworkings und ein Leben jenseits von Festanstellung.

Materielle Synergien

Aus finanzieller Not eine Tugend machen: Vor allem Berufseinsteiger schätzen die Begrenzung von Kosten und die Überschaubarkeit lästiger Pflichten, etwa bei Miete und Infrastruktur für Internet, Drucker, Scanner, Telefon, Beamer, bei Nebenkosten und Büroreinigung, bei der Nutzung größerer Räume für Teambesprechungen. Doch tatsächlich ist Coworking heute weit mehr als das Teilen materieller Ressourcen.

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Ideeller Zusammenhalt

Den Coworkern geht es um immaterieller Dinge: um besondere Atmosphäre und Gründergeist, um das Teilen von Wissen und Erfahrungen, d. h. nach dem peer-to-peer-Prinzip eigene Fähigkeiten weiterzugeben und von anderen Kompetenzen der Mitstreiter zu profitieren. Leidenschaft und Energie sollen wachsen, nicht zuletzt durch die Community. Zu den Säulen des Coworkings gehören gemeinsame Veranstaltungen, Workshops, Konferenzen und Wettbewerbe mit Präsentationen und Pitches eigener Konzepte und Ideen.

Sich auf Vertrauen und gemeinsame Werte stützen zu können, bedeutet den Coworkern ebenso viel wie die Entlastung des eigenen Geldbeutels. Basis und Voraussetzung für erfolgreiches Coworking sind gegenseitiges Interesse und Offenheit, Wille zur Zusammenarbeit und Gemeinschaft, Nachhaltigkeit im Denken und Handeln und ein offener Zugang zu materiellen und immateriellen Ressourcen. „Gemeinsam statt einsam!“, so die Devise.

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Wachstum der Communities

2007 wurde Coworking erstmalig zum Trend-Suchbegriff bei Google, heute (Juni 2017) findet man dazu bereits über 17 Millionen Einträge. Derzeit arbeiten mehr als 1 Million Menschen weltweit in Coworking Spaces, in Deutschland rund 14.000 – mit wachsender Tendenz. Die meisten Bürogemeinschaften gibt es in New York, Berlin und London. Die höchste Coworking Dichte, gemessen an den Einwohnern, bieten Spanien und Australien. Nicht alle Anbieter arbeiten kostendeckend, müssen sie auch nicht, weil viele im Rahmen von  Mischnutzungsmodellen keine Gewinne erwirtschaften wollen oder dürfen. Die Superbude-Hotels in den Hamburger Stadtteilen St. Georg und St. Pauli bieten Coworkern in den Kitchenclubs täglich ab 14:00h ohne Anmelde-, Verzehr- oder Zimmerbuchungspflicht Raum zum kollaborativen Arbeiten inkl. schnellem W-LAN, Drucker, Scanner, Kaffeemaschine, Mikrowelle, Snacks und heimischem Computer.

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Konzepte und Alleinstellungsmerkmale

Die Konzepte der Coworkings variieren. Manche Anbieter offerieren besonders günstige Konditionen, wie der betahaus-Verbund (seit 2009), andere bieten vergleichsweise viele Filialen in internationalen Metropolen. WeWork etwa trumpft mit 50.000 Mitgliedern an mehr als 90 Orten in rund 30 Städten in 12 Ländern (Mai 2016) und dem markigen Slogan: „Make a life, not just a living“. Auch das rasch wachsende Unternehmen Mindspace kommt aus der “Start-up-Nation” Israel, wo Coworking-Büros seit langem blühen. Mindspace ist eine ästhetische Mischung aus Café, hochmodernem Büro, Bücherei und Wohnzimmer, gespickt mit gemütlich-elegantem Retro-Design und Steam-Punk-Reminiszenzen.

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Places in Hamburg wirbt unter dem Motto: „Ob Open Space oder Work Box, ob Conference oder Meeting, bei places findet jeder sein place to be“ und lockt mit dem Geist des amerikanischen Designer-Ehepaares Charles and Ray Eames. Die Arbeitsplätze von Places  wirken wie in eine Ausstellungsfläche für stylische Büromöbel.

Beehive möchte mit Transparenz und Flexibilität überzeugen und bietet Räume ohne versteckte Kosten und Mindestvertragslaufzeit. 

Mit einem branchenspezifischen Hotspot für die Gamerszene wartet InnoHub in Hamburg auf, hier können sich Gamer mit Akteuren aus Marketing und Consulting vernetzen.

Impact Bazaar in New York wirbt mit einem „Innovations-Ökosystem“ aus Workshops, Gastreden, Lesungen, Gründerlaboren, Yoga, Meditation und Medienzentrum. Auf dem „Live Market Place“ können sich Gründer mit Organisationen, Ausstellern, Mentoren, Gastgebern und Partnern vernetzen.

Die tschechische Community Techsquat bietet in mehreren urbanen Metropolen gemeinsames Wohnen und Arbeiten. In den technisch hervorragend ausgestatteten Großraumbüros der Wohngemeinschaften können Techies und High Potentials aus aller Welt temporär an ihren Projekten schmieden und zusammen leben.

Eltern-Kind-Büros wie Rockzipfel in Leipzig erleichtern in mehreren Städten Deutschlands die Möglichkeit, Arbeiten und Kindererziehung zu verbinden.

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Metropolregionen und ländliche Räume

Coworking ist längst auch außerhalb urbaner Metropolen angekommen. Besonders in Universitätsstädten sind Angebote entstanden, z. B. projekt:raum WarnowValley in Rostock, Cowork in Greifswald, ZeitRaum in Braunschweig. Im oberbayerischen Bad Tölz eröffnete eine Werbeagentur den Space Heimat 2.0 und vermietet Teile eines ehemaligen Brauhauses an andere Coworker unter.

Auf einem brandenburgischen Gutshof bietet Coconat-Space eine inspirierende Arbeitsumgebung mit erholsamen Freizeitangeboten in der Natur. Gearbeitet werden kann u. a. an Freiluftschreibtischen, Übernachtungen sind wahlweise in Hotelzimmern oder Indoorzeltplätzen möglich. Inzwischen gibt es auch einen Ableger: Hof Praedikow.

In Mecklenburg-Vorpommern bietet das idyllisch gelegene Seminarhaus Platz des Friedens in der Nähe von Lübtheen viel Ruhe, Herzenswärme der Betreiber und geistigen Nährboden für neue Ideen, Austausch, Erbauung, Mutter Erde unter den Füßen und bei günstiger Witterung auch einen atemberaubenden nächtlichen Sternenhimmel. Wenige Kilometer entfernt entsteht ein neues Wohn- und Lebensprojekt Wassermühle Brömsenberg, das noch tatkräftige und engagierte Mitstreiter sucht. Ein ähnliches Projekte entsteht mit Wir bauen Zukunft im Zukunftszentrum Nieklitz, das sich als Experimentierfeld für bedarfsorientierte Innovation, soziales Unternehmertum sowie nachhaltiges Bauen, Lernen und Leben versteht. In Neustrelitz lädt die Alte Kachelofenfabrik mit Charme und vielfältigen Angeboten zum gemeinsamen Arbeiten, Lernen und Austauschen ein.

Der Coworking-Manager Tobias Kremkau, Sankt Oberholz, hat zwei Monate lang Coworkings in ganz Eurpa bereist, u. a. die erste Beschäftigungsgenossenschaft im österreichischen Vorchdorf Otelo eGen. Der gebürtige Brandenburger will von Berlin aus die Optionen und das Potential von Coworking in ländlichen Regionen erkunden. Der erster Ableger von Otelo in Deutschland ist das Hebewerk Eberswalde.

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Fablabs, Techshops, Makerspaces

Wer Geräte der Spitzentechnologie für seine Geschäftsideen braucht, wie z. B. 3D-Drucker, Großrechner, Vinyl-Cutter, Metallfräsen, Stahl- und Bügelpressen oder Laser, braucht besonders ausgestattete Räume. Die Idee des Fabrication Laboratory stammt vom Massachusetts Institute of Technology, dem Center for Bits and Atoms. FabLabs halten ursprünglich Menschen sozial schwacher Regionen zur kostenlosen technischen Weiterbildung und der Realisierung eigener Ideen. Techshops und Fablabs sind heute besonders für Start-ups und Kleinunternehmer mit kleinem Budget attraktiv. In den Hightech-Werkstätten treffen Einzelunternehmer, Erfinder, Handwerker und Internet-Spezialisten aufeinander, feilen an Prototypen und am Produktdesign. Neben den Geräten werden auch Wissen und Erfahrungen geteilt, z. B. in der Dingfabrik Köln.

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Neue Geschäftsmodelle

Betreiber von Coworkings entwickeln ständig neue Geschäftsmodelle. In Berlin bietet die BlogFabrik neben normal vermieteten Arbeitsplätzen und Büros auch bis 150 Kreativarbeitern an, ihre Räume mietfrei zu nutzen. Statt einer Monatsmiete zahlen die Kreativen mit Dienstleistungen in Unternehmen, z. B. Workshops, Beratung, Medienproduktionen, die Organisation von Veranstaltungen u.a.m. Zur Vorbereitung können die Kreativen auf die umfangreiche Ausstattung der BlogFabrik zurückgreifen: auf Konferenz- und Besprechungsräume, Fotostudio, Videoschnittplätze und die Küche. Wer möchte, erhält Weiterbildung, Anleitung und Unterstützung bei der Vorbereitung und Vermarktung von Angeboten und bei der Vernetzung mit potentiellen Kunden.

Die beiden Hausherren bzw. Geschäftsführer, Dr. Holger Bingmann und Volker Zanetti, schaffen die Aufträge ran, verhandeln die Preise und Honorare und erhalten am Ende eine Provision. “Wir handeln für die Kreativen faire Konditionen aus, die dem Umfeld der Unternehmen angemessen sind, Workshops z. B. sind nicht unter 1.000-1.500 € zu haben”. Die Blogfabrik versteht sich auch als Inkubator für neue Projekte und Ideen, die zusammen mit Mitarbeitern aus Unternehmen beim “Community Sourcing” entwickelt werden. Zahlreiche Veranstaltungen, die die BlogFabrik im eigenen Haus (z. B. Content Creation Week) oder auch außerhalb organisiert, sorgen neben Social-Media-Aktivitäten für einen dauerhaften, nachhaltigen Aufbau der Netzwerke und Communities. 

Mobiles Coworking

Zahlungskräftigen digitalen Nomaden, die sich an keinen Ort binden wollen, bietet das Elektroauto WORKSPACe eine Heimat. Das integrierte Büro ist mit Schreibtisch, Bürostuhl, schnellem drahtlosen Internet und Computer ausgestattet, einer kleine Küche inkl. Kaffeemaschine und Kühlschrank und einem faltbaren Klappfahrrad.
Mit dem weltweit ersten Coworking Katamaran-Office COBOAT können reiselustige Coworker sogar Wind und Wellen trotzen.

Umnutzung

Viele Coworking Spaces entstehen aus ehemaligen Industriebrachen und Gewerbehöfen. Einer der ersten Orte dieser Art ist die Wiener Schraubenfabrik, 2002 von Stefan Leitner-Sidl und Michael Pöll gegründet. In Hamburg wird derzeit das Oberhafenquartier in ein großes Kreativzentrum umgewandelt, u. a. mit dem Fundus Hanseatische Materialverwaltung und der branchenspezifischen Filmfabrique. Das Umweltministerium und der Freistaat Sachsen fördern aktuell ein Modellvorhaben über „niedrigschwellige Instandsetzung brachliegender Industrieanlagen für die Kreativwirtschaft“. Das Projekt dokumentiert Praxisbeispiele, die den Wandel von Industriebrachen zur kreativen Produktionsstätten repräsentieren.

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Old Economy und Coworking

Immer mehr traditionelle Unternehmen greifen das Thema Coworking auf,  um mit Ideen und Innovationen auf den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft zu reagieren. Etwa ein Drittel aller Dax-Unternehmen hat inzwischen eigene Hubs, Labs, Inkubatoren oder Acceleratoren. Damit die Innovationsprozesse nachhaltig Wirkung erzielen, muss dem staunenden Entdecken die Fokussierung auf das Kerngeschäft folgen und die Entwicklung von Prototypen, z. B. nach der Design Thinking- Methode

Größere Unternehmen richten eigene Flächen und Hubs ein, z. B. die Otto Group in Hamburg mit Collabor8, Bosch in Renningen mit Platform 12 unter Mitwirkung von Wimmelforschung, Microsoft in München mit smart workspace, Philips mit einem InnovationPort für eHealth. Der Orthopädie-Experte Otto Bock aus dem niedersächsischen Duderstedt hat sich mit dem Open Innovation Space auf dem Gelände einer alten Brauerei im Berliner Prenzlauer Berg Zugang zu jungen innovativen Hackern und Tüftlern verschafft – in direkter Nachbarschaft zum FabLab. Eine ähnliche Partnerschaft ist der Maschinenbau-Konzern der Schaeffler-Gruppe in Herzogenaurach mit seinem Innovation Hub zur Factory Berlin eingegangen. Auch das Innovation Hub der Lufthansa in Berlin schlägt eine Brücke zur globalen Travel-Tech-Szene, um mit Start-Up-Partnerschaften neue digitale Produkte zu bauen. Die Telekom betreibt ihren Inkubator HubRaum, der Medienkonzern Axel Springer Plug and Play, Coworkings mit FinTechs unterhält die Commerzbank mit dem Main-Incubator und die Deutsche Post Nugg.ad.

Die App The Serendipity Machine bietet als digitales Tool Vernetzungsmöglichkeiten zwischen Kreativen und etablierten Unternehmen. Je nach konkreten Fähigkeiten und Interessen können sich Kreativ-Akteure zeitlich befristet in freie Coworking-Spaces von Firmen anderer Branchen einmieten bzw. Firmen können über die App nach kreativen Köpfen und Querdenkern Ausschau halten. Aus dem “glücklichen Zufall” ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten, Inspirationen, Ideen bzw. neue Geschäftsideen, die Voraussetzung für Innovation sind.

Das JOSEPHS, eine Tochter der Fraunhofer-Gesellschaft, bietet in der Innenstadt von  Nürnberg auf „Testinseln“ von Themenwelten anderen Firmen die Möglichkeit, kontinuierlich Feedback von Co-Creatoren zu neuen Produkten und Dienstleitungen einzuholen. Erkenntnisse können direkt in das finale Design einfließen.

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Raus aus dem Alltag

Kleinere Unternehmen mieten sich in externe CoworkingSpaces ein, um Ideen und Impulse des agilen, flexiblen, kollaborativen Arbeitens für die eigene Firma zu erlernen. Neue Perspektiven entstehen leichter in kreativer, inspirierender Umgebung. Erkenntnisse werden anschließend in das Mutterhaus übertragen. Die Motivationen für die Exkurse sind vielfältig. Raus aus dem Alltag ist die Devise. Büroangestellte sollen vom kreativen Geist der Coworker profitieren und eine günstige Alternative zum isolierten Home-Office finden. Coworking-Orte dienen Unternehmen heute auch als Orte der Weiterbildung, um sich mit den Präsentationen und Pitches von Startups und Kreativen über neue Trends zu informieren. 

Zuweilen buchen sich Firmen auch lediglich für Veranstaltungen in externe Coworkings ein, um gegenüber Partnern und Kunden Innovationsgeist zu präsentieren. Die Orte können gar nicht ungewöhnlich genug sein.  Alte Fabrikgelände, Theater, inspirierende Kreativzentren, wie das Unperfekthaus in Essen, schwimmende Hausboote, wie das Kai10 – Floating Experience Hamburg. Maritimes Flair verströmt auch das ehemalige Seebäderschiff Seute Deern in der Hamburger Hafencity. Für die Tagespauschale gibt es freies WLAN und kostenlosen Kaffee. Weitere angesagte Orte in Hamburg: DesignXportEmporioTowerWasserschloss in der Hafencity, Good School – Schule für digitalen Wandel, Speicher am Kaufhauskanal – Fachwerkhaus Hamburg-Harburg sowie in Bremen: WeserTower, BrennereiLab sowie als Workshop-Location das Theater der Shakespeare Company Bremen

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Das Medienunternehmen dpa hat sich im Hamburger betahaus mit seinem accelerator-Programm Nextmedia-Elevator eingemietet. Freelancer und Startups können sich zur konkreten Produktentwicklung und -testung für ein 6monatiges Programm bewerben. Sie erhalten finanzielle Unterstützung und Zugang zu verschiedenen Medienhäusern, die sich im Gegenzug innovativen Input und neue digitale Geschäftsideen erhoffen.  

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Wissenschaft und Plattformen

Der Coworking-Markt wird inzwischen auch wissenschaftlich untersucht, z. B. in einer Studie des Fraunhofer-Instituts IAO und vom Coworking-Magazin Deskmag. Am Institut für Creative Industries & Media Society der Hochschule für Medien in Stuttgart beschäftigt sich Viktoria Pepler in einer Masterarbeit mit dem Thema. Über gemeinsame Grundsätze und das Selbstverständnis der Szene, offen voneinander zu lernen und menschenorientiert zu handeln, informiert das Coworkingmanifesto, das schon 2.400 Coworker unterzeichnet haben. Eine Übersicht über Coworkings in Deutschland liefert Coworking.de, während workfrom über trendige Plätze weltweit berichtet. Die Platttform Seats2Meet bietet ein Vernetzungstool, um gezielt weltweit wo auch immer passende Partner für Coworkings zu finden.

Längst haben sich auch Coworking-Konferenzen, Tagungen, Festivals und Netzwerktreffen etabliert etabliert. Exkursionstouren, wie kürzlich von der Hamburg Kreativgesellschaft organisiert, geben interessierten Coworkern gezielt Einblick in die verschiedenen Angebote der Coworking Spaces. Im Rahmen der KreativLabs von Kreative MV tauschten sich kürzlich Akteure in Rostock über kollaborative Zusammenarbeit in urbanen und ländlichen Regionen aus. 

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Fazit

Coworking bedeutet Sharing-Kultur in vielfältiger Ausprägung: als Arbeits- und Wirtschaftsraum, Informations-, Experimentier- und Entwicklungsraum, Sozial- und Kontaktraum, Spielwiese, bei der sich Arbeit und Freizeit vermischen. Weniger zu besitzen, heißt freier, unabhängiger und agiler zu sein, schneller seinen Lebensraum wechseln zu können, um zu neuen beruflichen Ufern und Herausforderungen aufbrechen zu können. Weniger Verpflichtungen nachkommen zu müssen, bietet Raum für mehr Vielfalt und mehr Ideen.

C oworking = kooperativ und kollaborativ 

O ptimistisch sein

W ir-Kultur praktizieren

O ekonomisch handeln

R evolutionäres planen

K reativität entdecken

I nspirationen erhalten

N achhaltig denken und handeln

G renzen überschreiten

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Kreislaufprinzip und Gemeinwohlökonomie: Ideen für mehr Nachhaltigkeit

130984_web_R_K_B_by_S. Hofschlaeger_pixelio.de  © S. Hofschläger, Pixelio.de

Die Ziele von Politik und Wirtschaft gehen nicht immer mit dem Schutz der Umwelt einher. Doch Designer, Kulturwissenschaftler und Umweltjournalisten forschen mit Überzeugung und Leidenschaft an alternativen Lösungen, die sich um Kreislaufwirtschaft, Wissensvermittlung und Gemeinwohlökonomie  drehen. Kreative branchenübergreifende Teams spielen bei der Entwicklung von Innovationen  eine maßgebliche Rolle.

Am 14./15. April findet der Kongress Work in Progress 2016 im Kulturzentrum Kampnagel in Hamburg statt, initiiert von der Hamburg Kreativgesellschaft.  Ein Impulsvortrag von Michael Braungart eröffnet die Veranstaltung. Der Ökovisionär, Chemiker, Designer und Umweltberater kämpft für eine Welt und eine Ökonomie, in der wir alle Gebrauchsgüter entweder schadstofffrei in die Natur zurückgeben oder sie endlos wiederverwerten können. Das von ihm entwickelte Konzept Cradle to Cradle (“von der Wiege zur Wiege”) entspricht dem ewigen Kreislauf der Stoffe. Anstatt Umweltverschmutzung durch immer effizientere Produktionsweisen zu reduzieren, fordert Braungart ein radikales Umdenken und “Ökoeffektivität”, d. h. eine Welt, die  Umweltverschmutzung von vornherein verhindert und vermeidet.

Viele innovative Ideen entstehen aus Unzufriedenheit mit Vorhandenem. Tetrapaks z. B. sind aufgrund ihrer Mehrschichtigkeit nicht voll recycelbar. PET-Flaschen stehen wiederum unter Verdacht, gesundheitsschädliche Stoffe freizugeben. Der Designer Carsten Buck von der MUTTER Gesellschaft für Design & Vermarktung suchte daher nach einer Alternative. Schon lange beschäftigte er sich mit dem cradle-to-cradle-Prinzip und fokussierte speziell  die vollständige Wieder- und Weiterverwertung von Verpackungsmaterial. Im Rahmen einer Konzeptstudie wollte Buck erforschen, wie sich das Prinzip auf Design und Markenentwicklung übertragen lässt. Vor den Toren Hamburgs kam er in Kontakt mit der norddeutschen Molkerei-GmbH De Öko Melkburen. In deren Auftrag kreierte Buck eine neuartige Milchflasche, die ohne Wertverlust in einem geschlossenen Kreislauf zirkuliert.

Logo_de_oeko_melkburen_Jahreszeitenmilch © De Öko Melkburen

Ressourcenschonende Gestaltung

Innerhalb eines Jahres entstand der Milk-Tumbler (Tumbler = Rüttler), eine Milchflasche mit rundem Boden. Er animiert zum Schütteln, damit sich Fett und Wasser in der Milch wieder vermischen. Ein interdisziplinäres Team entwickelte für die Flasche ein innovatives, polyesterartiges Material, den Bio-Rohkunststoff PLA, englisch: „polylactic acid“. PLA ist ein Abfallprodukt der Käseherstellung, kann beliebig oft und ohne Qualitätsverlust eingeschmolzen und wiederverwertet werden. Die Projektbeteiligten haben mit ihrem jeweiligen Hintergrundwissen unterschiedliche Perspektiven eingebracht: Form und Funktion durch Designer der MUTTER Gesellschaft und des BFGF Design Studios, Material und fachliche Unterstützung durch die EPEA Umweltforschung GmbH sowie Vertriebs- und Vermarktungsideen durch eine Masterstudentin der Hochschule Stuttgart und eine Hamburger Journalistin.

milk_tumbler_presse_01_RGB© MUTTER Gesellschaft

Kreislaufprinzip als Einheit aus Design und Vertrieb

Bucks Team beließ es nicht beim Prototypen, sondern dachte das Kreislaufkonzept mit Vertrieb und Vermarktung konsequent weiter. Der Verkauf des Milk-Tumblers sollte statt über den Einzelhandel über ein regionales Netz von Versorgungsautomaten erfolgen. Der Vorteil: Auf lange Lagerzeiten und weite Transportwege kann zugunsten von Lokalität und Frische verzichtet werden. Nach Vorstellungen der Designer können die Automaten aber noch viel mehr sein: eine „soziale Litfasssäule“, um Nachrichten und Annoncen auszutauschen, ein innovativer Treffpunkt für bewusst lebende Menschen. Erkenntnisse aus der Konzeptstudie zum Prototypen haben die Tüftler in strategische Tools überführt, die sie als Berater für nachhaltiges Design für Ihre Agentur Mutter nutzen.

228788_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © S. Hofschläger, Pixelio.de

Wissenstransfer: Zusammenhänge vor Augen führen

Medienproduzentin Corinna Hesse vom Silberfuchs-Verlag meint, die Diskussion um Nachhaltigkeit werde oft von ideologischen Grabenkämpfen und Lobbyismus bestimmt: „Es geht dabei nicht pauschal um Verzicht, wie viel zu oft proklamiert wird. Wenn wir alle verantwortungsbewusster leben und handeln, gewinnen wir sehr viel Lebensqualität hinzu.“ Hesse hat gemeinsam mit Studenten der Hochschule für Gestaltung Wismar das interaktives Wissensportal Zukunft-Leben-Nachhaltigkeit.org realisiert, das spielerisch und kulinarisch mit ökologischen Grundfragen vertraut macht und mit Aspekten nachhaltigen Wirtschaftens. „Die Nutzer treffen mit ihren Klicks eigene Entscheidungen”, sagt Hesse. “Sie sehen, was z. B. passiert, wenn sie den Kühen mehr zu fressen geben. Wie dann der Boden reagiert und wie das wiederum unsere Nahrung beeinflusst.“ Mit interaktiven Grafiken, Audios, Filmen und Zeichnungen auf dem Portal wird deutlich, das Prozesse miteinander in Verbindung stehen und Kreisläufe bilden. Basis für das Wissensportal ist ein Hörbuch, das der Silberfuchs-Verlag 2015 veröffentlicht hat: zukunft|leben – Nachhaltigkeit wurde für den Deutschen Hörbuchpreis 2016 nominiert. Der Jury gefiel das mediale Projekt, weil es sich einem hochaktuellen Thema sachlich und zugleich erzählerisch und philosophisch annähert. Das Sounddesign mit authentischen Klängen der Erde macht den Text auch sinnlich erfahrbar.

298574_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © S. Hofschläger, Pixelio.de

Gemeinwohlökonomie

Christian Felber ist Vorsitzender des globalen Bürgernetzwerkes Attac Österreich und Autor des Buches Gemeinwohlökonomie. Das Wirtschaftsmodell der Zukunft. Die Anhänger dieser Wirtschaftstheorie und -praxis setzen sich wie die Mitglieder von Attac dafür ein, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, Selbstbestimmung und Demokratie zu fördern und den Schutz der Umwelt gleichberechtigt zu den Zielen von Politik und Wirtschaft zu betrachten. Es geht um eine ökologische, solidarische und friedliche Weltwirtschaftsordnung und um eine gerechte Verteilung von Gewinnen, Erträgen und Kapital.

Felber hat einen Index für gemeinwohlorientierte Unternehmensführung entwickelt. Er bewertet dabei die Kriterien soziale Sicherheit, Grad der Mitbestimmung, Regionalisierung der Wertschöpfungskette, Frauen in Führungspositionen, Transparenz, Vertrauen, Solidarität, Vielfalt usw. mit Punkten. Im Moment hat der Index nur eine ideelle Wirkung. Langfristig besteht das Ziel: Je höher die Punktzahl in der Gemeinwohl-Bilanz eines Unternehmens umso günstiger ist die steuerliche Veranlagung und um so höher die Kreditwürdigkeit bei gemeinwohlorientierten Banken, wie z. B. der GLS-Bank. In Österreich ist die Gründung einer ethischen Gemeinwohl- bzw. Alternativbank noch in Planung, derzeit können Genossenschaftsanteile gezeichnet werden.

Eigenverantwortung und Sebstwirksamkeit

Wie lassen sich diese Beispiele praktisch und ohne übermäßigen Aufwand auf den (Unternehmens-)Alltag übertragen? Holen Sie Mitarbeiter an einen Tisch und beraten Sie gemeinsam, wie Sie in Ihrer Firma nachhaltiger agieren können. Einige konkrete Tipps dazu finden Sie in weiteren Artikel von mir:

Gummi-Twist für Ihr Unternehmen: Nachhaltigkeit als Team-Projekt

© Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag

Nachhaltigkeit ist längst ein Modewort geworden, bei näherer Betrachtung jedoch ein dehnbarer Gummi-Begriff. Er kann auf verschiedenste Lebensbereiche bezogen werden. Vielleicht versteht deshalb fast jeder etwas anderes darunter. Wie mittelständische Unternehmer ganz konkret im Firmenalltag nachhaltig handeln können, zeigen die folgenden, von mir zusammengetragenen Beispiele. Zum Artikel

 

Inspirationstipps:

  • Milktumbler: innovative, komplett recyclebare Milchflasche der Agentur Mutter
  • Harald Welzer: Selbst denken: eine Anleitung zum Widerstand. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2013. 

Löwenzahn und Fahrraddisko: technologische und soziale Innovationen

  © Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag

Das Thema Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Häufig geht es um Ressourcen und Kosten. Doch immer mehr Menschen engagieren sich für mehr Verantwortung und Gemeinwohl. Anregungen für ein bewusstes und nachhaltiges Handeln kommen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, durch technologische und soziale Innovationen, durch Bioökonomie und Kunst-Aktionen, mit lohnenden Übertragungseffekten für den Mittelstand …

1855 erfand der Engländer Alexander Parkes den ersten biobasierten Kunststoff der Welt: Celluloid. Dann kam der Erdölboom und die Biokunststoffe gerieten in Vergessenheit. Dafür wurde nicht abbaubares Plastik in Massen produziert. Der Müll zwingt nun zum Umdenken. Die Wanderausstellung Endstation Meer hat dem Besucher das ganze Ausmaß beeindruckend vor Augen geführt – mit wertvollen Informationen und einem gigantischen Berg aus Plastikmüll als „Hauptattraktion“, zusammengetragen aus drei Weltmeeren. In Hamburg war die Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen, unterstützt von der Michael Otto Stiftung für Umweltschutz. Plastik ruiniert unsere Umwelt. Wir können das ändern, unsere heimische Natur bietet viele Alternativen. Nachwachsende Rohstoffe kann auch der Mittelstand nutzen, dabei verantwortungsbewusst handeln und Kosten sparen.

Technologische Innovation: Bioökonomie

Verpackt wird in nahezu jeder Branche, statt mit genoppter Luftpolsterfolie immer öfter mit Maisstärke oder Zellulose. Auch Müllbeutel aus Getreidestärke sind biologisch abbaubar. Die Firma Trigema hat ein komplett kompostierbares T-Shirt entwickelt. Giftstoffe lassen sich mit Blättern von Olivenbäumen reduzieren, etwa 40 % des weltweit produzierten Leders lässt sich so giftfrei gerben. Löwenzahn enthält gummiartige Inhaltsstoffe, die den teuren Kautschuk langfristig ersetzen können.

Löwenzahn_sfg.uni-hohenheim-de © Judith, sfg.uni-hohenheim.de

So genannte Composite-Verbundstoffe ermöglichen, Plastik zumindest in Anteilen zu reduzieren und durch Naturstoffe zu ersetzen: im Leichtbau, bei medizinischen Implantaten, in der Automobilindustrie. Ein Verfahrenstechniker und ein Designer der Dresdner Firma “LignoTube” tüftelten an gewickelten Furnierschichten aus Holz, um ein Fahrrad mit Leichtbaurohren auszustatten. Für das innovative Design ihres Nemus-Modells erhielten sie den „Red Dot Award“.

Riesen-Lego-Steine aus einem Holz-Plastik-Gemisch (WPC=Wood Plastic Composite) waren kürzlich am Messestand der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) zu sehen. Die Agentur will im Auftrag der Bundesregierung den Anteil biobasierter Werkstoffe in der Kunststoffproduktion deutlich erhöhen und eine nachhaltige Ressourcennutzung der Industrie vorantreiben, u. a. auch im Automobilbau (siehe Foto). Gabriele Peterek, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, meint: “Die Förderung von fossilen Rohstoffen wird immer schwieriger, teurer und umweltschädlicher. Biokunststoffe lassen sich hingegen aus nachwachsenden Rohstoffen produzieren.“

BCC_Bioverbund_16 © Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR)

Soziale Innovation: Bewusstsein schaffen mit Kunst

Neben Ausstellungsmachern und Designern sorgen auch Künstler regelmäßig dafür, dass Ökologie und Umwelt im Bewusstsein der Öffentlichkeit bleiben. Robert Kessler hat ein interaktives Brunnenkunstwerk geschaffen – einen überdimensionalen Doppel-Löffel als Wippe, die zufließendes Wasser hin- und her bewegt: Gleichgewicht in einem Kreislauf. Mit seiner social kinetic art will Kessler nicht nur die Dinge selbst bewegen, sondern seine Betrachter zum Nachdenken und Verändern animieren.

Dieses Ziel verfolgt auch Björn Hansen. Seine Morgenwelt GmbH organisiert u. a. „Grüne Live-Events”, konzipiert nachhaltige Ideen für Messen und sorgt für leibliches Wohl mit feinem Bio-Catering. Die Mischung kommt bei Sponsoren gut an. Stadtwerke und Stadt Elmshorn sowie die örtliche Sparkasse unterstützen Hansens Events zum Thema Nachhaltigkeit regelmäßig. Den Strom für die Bühnenprogramme müssen die Besucher übrigens selbst erzeugen, indem sie auf Fahrrädern kraftvoll in die Pedale treten. Erst wenn die Muskeln brennen, wird dem einen oder anderen bewusst, wie kostbar Energie doch ist. Das muss man auf originelle Art vermitteln, meint Hansen: „Die Energiewende ist eine Ensemble-Leistung, bei der die Kommunikation ein entscheidender Erfolgsfaktor ist.“ Umweltschutz im Rock’n’Roll – Format! Morgenwelt bietet ebenfalls Bildungsworkshops und Beratung an – zu erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und nachhaltiger Entwicklung.

Fahrraddisko Vorne 2Fahrraddisko hinten 1 © morgenweltrocks.de

Vermittlung und Umsetzung

„Wachstum kann per se nicht nachhaltig sein“ – sagt der Soziologe Harald Welzer. In seinem Bestseller „Selbst denken: Anleitung zum Widerstand“ macht er klar, dass wir beim Thema Nachhaltigkeit kein Vermittlungsproblem haben, sondern ein Umsetzungsproblem. Die Fakten sind weitgehend bekannt. Nun gehe es darum zu zeigen, welchen Beitrag jeder Bürger selbst leisten kann und dass das gar nicht so schwer ist, wenn jeder nachhakt und Behauptungen überdenkt.

Kontraproduktiv sind die Lobbyisten, die die Bürger einseitig verschrecken wollen – nach dem Motto: Wer nachhaltig leben wolle, müsse auf alles verzichten. Dahinter steht die Angst der Industrie, dass die Bürger längerfristig ihren Konsum einschränken würden. Dabei verschweigen Lobbyisten bewusst, dass mehr Nachhaltigkeit zu einem Zugewinn an Lebensqualität führt, wenn wir alle verantwortungsbewusster leben und handeln.

Inspirationstipps:

  • Beratung und Events für mehr Nachhaltigkeit: Morgenwelt
  • Internationaler Kongress für nachhaltige Unternehmensführung: fairpreneur.org
  • Harald Welzer: „Selbst denken: Anleitung zum Widerstand“, S. Fischer Verlag 2013.
  • Das Eco-Innovation Observatory (EIO) ist eine von der EU finanzierte Initiative, die Öko-Innovationen recherchiert, Trends in diesem Bereich ermittelt und Fallbeispiele “good practice” vorstellt.