Lichtenhagen Dorf: vom Wandel einer Gemeinde durch Nachhaltigkeit

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Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien sind in aller Munde. Was das konkret im Alltag bedeutet, z. B. für eine Kirchengemeinde, habe ich mir in Mecklenburg-Vorpommern angesehen, in Lichtenhagen Dorf etwa 10 km nordwestlich von Rostock. Hier engagieren sich die Gemeinde-Mitglieder in besonderer Weise für den Klimaschutz. In Kooperation mit der Nordkirche hat die Gemeinde Lichtenhagen Dorf 2014 einen spannenden Prozess zur eigenen Neuausrichtung begonnen.

Sanierung der alten Pfarrscheune

Auf Wunsch vieler Bürger*innen in Lichtenhagen Dorf sollte das Gemeindeleben gestärkt und mit neuen Impulsen belebt werden. Und es gab außerdem den Wunsch, neue Räume für Veranstaltungen und zum gegenseitigen Austausch zu schaffen. Beste Voraussetzungen bot dafür die alte Pfarrscheune. Sie sollte saniert und umgenutzt werden. Die Pfarrscheune entstand im Jahr 1895, ist inzwischen denkmalgeschützt und Teil eines Ensembles mit Kirche und Pfarrhaus innerhalb des historischen Dorfkerns von Lichtenhagen. Was der Gemeinde besonders am Herzen lag: Die historische Bausubstanz sollte bei der Sanierung erhalten bleiben, auf ressourcenschonendes Bauen geachtet und ein hoher energetischer Standard umgesetzt werden.

Barrierefreiheit

2015 begannen die Planungen für die Sanierung und Umnutzung der Pfarrscheune. Drei Jahre später 2018 wurde mit einem großen Scheunenfest der Baubeginn gestartet. Immer wieder packten Gemeindemitglieder engagiert mit an und warben Spenden ein. Am 13. September 2020 konnte die Pfarrscheune als neues Kommunikations- und Begegnungszentrum eröffnet werden. Neben den Gemeinderäumen und einer professionell ausgestatteten Küche wurden auch zwei barrierefreie Mietwohnungen eingebaut. Die Pfarrscheune bietet viele verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten für ein gutes Miteinander und für soziale Daseinsvorsorge in einem liebens- und lebenswerten Dorf.

Ausstattung der Pfarrscheune

Die Pfarrscheune bietet multifunktional vielfältige Möglichkeiten der Nutzung. Ein großer Saal  mit 150 m² eignet sich für Veranstaltungen aller Art, drei unterschiedlich große Gruppenräume (25 – 70 m²) für Treffen, Workshops und Seminare mit allen Gruppen und Kreisen in den Gemeinden, mit Chor, Gospelchor, Jugendchor, mit der Grundschule, mit Vereinen aus Lichtenhagen, für regionale kirchenmusikalische Projekte mit Chören aus Rostock und Umgebung. Die Pfarrscheune hat drahtloses Internet „WLAN für alle“ und ist barrierefrei ausgestattet, d. h. rollator- und rollstuhlgerecht, mit Hörschleife und automatischen Eingangstüren. Die hellen und offenen Räume sind klimagerecht gestaltet und besitzen eine sehr gute Energiebilanz.

Themen-Cafés

Auch im Café im Foyer gibt es Treffen zu verschiedenen Themen: Kuchen aus Omas Zeiten, Sammeltassen-Café, Rund um den Apfel. Lesestube und das öffentliche Bücherregal „Geben und Nehmen“ laden zum Schmökern ein, der Welt-Laden bietet Produkte des fairen Handels. In der Pfarrscheune sind Filmabende und Reiseberichte von Gemeindereisen zu erleben, Koch-, Back- und Kartoffelfeste sowie Pflanzentauschbörsen.

Vielfältige Nutzung

Nutzer der Pfarrscheune sind: der Förderverein zur Erhaltung des Kirchenensembles Lichtenhagen e.V., Lichtenhäger Findlingsgarten e.V., Kulturverein Elmenhorst/Lichtenhagen e.V., Förderverein Denkmale Elmenhorst/Lichtenhagen e.V., Schulverein, Grundschule Lichtenhagen: Nutzung des Saales als Schul-Aula, Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

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Podcast Sommercafé

Sommercafé

Im wunderschönen Pfarrgarten zwischen alten Obstbäumen hat sich seit 2016 ein Sommercafé etabliert. Von Juni bis August sorgen viele rührige Ehrenamtliche dafür, dass jeden Donnerstag zwischen 14 und 17 Uhr Menschen aus der Gemeinde und aus dem Dorf einen Platz zum Reden, Austauschen, für Kaffee und Kuchen finden. Inzwischen kommen bis zu 200 Gäste, sogar Touristen finden den idyllischen Ort und sind begeistert von der Offenheit der Gemeindemitglieder. Die Ehrenamtlichen sind mit Seele und Engagement dabei, erzählt Gemeindepädagogin Conny Buck. Sie hat den Überblick über die Kuchen und Torten und nimmt die Anmeldungen der Gäste entgegen. Die Männergruppe baut Tische, Stühle und Pavillons auf, die Frauen sorgen für Kaffee und Kuchen, deren Vielfalt kaum größer sein könnte. Bis zu 40 Blechkuchen, Obst- und Sahnetorten zaubern die freiwilligen Bäcker donnerstags aufs Kuchenbuffet. Das Sommercafé hat neue Verbindungen und Freundschaften ermöglicht als Ort einer offenen Gesellschaft

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Interviews und Filmproduktionen

Ich habe mit den Akteur*innen Interviews geführt und gemeinsam mit dem Kameramann Björn Kempcke mehrere Filme produziert. Seit 1994 ist Anke Kieseler, Pastorin der Kirchengemeinde Lichtenhagen Dorf. Sie erzählt im Interview gemeinsam mit Gemeindepädagogin Conny Buck, wie das Sanierungsprojekt Bewegung in die Gemeinde gebracht hat. Friedrich Heilmann vom Kirchengemeinderat erklärt die bautechnischen Details und gibt einen Überblick über die Haustechnik nach ökologischen Standards.

Den Prozess der Sanierung und Umnutzung hat die Nordkirche mit Herz und Engagement begleitet. Was die Mitarbeiter und Mitglieder unter Nachhaltigkeit, sozialer Teilhabe und Wirtschaftlichkeit verstehen, darüber berichten jetzt Annette Piening, sie ist Klimaschutzmanagerin im Umwelt- und Klimaschutzbüro der Nordkirche und Jörg Stoffregen, Diakon und Referent im Netzwerk Kirche inklusiv. Die Orgelmusik in den Filmen steuerte Andreas Hein, Kantor der Kirchengemeinde Lichtenhagen Dorf.

Links

Bewegen – Pfarrscheine Lichtenhagen Dorf #1: https://youtu.be/cz4VTwfws0M / Nordkirche https://youtu.be/MvphEJHnOME

Wachsen – Pfarrscheine Lichtenhagen Dorf #2: https://youtu.be/dAoQJ-V7nGs / Nordkirche https://youtu.be/jKQs9fYKVpg

Wandeln – Pfarrscheine Lichtenhagen Dorf #3: https://youtu.be/ujVXjH-jBjc / Nordkirche https://youtu.be/EZJs5KuqCY4

Verbinden – Pfarrscheine Lichtenhagen Dorf #4: https://youtu.be/-YrBBXddmGI / Nordkirche https://youtu.be/Ynz9dHv-wuE

Haustechnik – Pfarrscheine Lichtenhagen #5 – nachhaltig und erneuerbar: https://youtu.be/HrFd_FBgxr8  / Nordkirche: https://youtu.be/T8X6BdUooBc)

Kurztrailer – Pfarrscheine Lichtenhagen #6: Was ist Nachhaltigkeit aus Perspektive der Nordkirche: Bauen und Entwicklung von Kirchengemeinden: https://youtu.be/J-p2RmZ2yTU

Nachhaltigkeit aus Perspektive der Nordkirche #7: https://youtu.be/NkLO5Jwf6yE  / Nordkirche: https://youtu.be/IegPCIcQrXQ)

Sommercafé – Ort einer offenen Gesellschaft #8: https://youtu.be/v0YPQkLukGs

 

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Kirche-MV.de/Lichtenhagen-Dorf

Pfarrscheune/Bautagebuch-2017-2020

Bewusst enkelfähig leben: Wir bauen Zukunft in Nieklitz

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„Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später.” – soll Reichskanzler Bismarck einst gesagt haben. Ob das Zitat real ist oder nicht (die Quelle lässt sich nicht ermitteln): Die Zeiten ändern sich. Heute bietet die Weite von Westmecklenburg viel Raum für neue Perspektiven, vor allem jedoch innovative Blickwinkel für ein wirklich nachhaltiges, enkelfähiges* Leben. Ceylan Rohrbeck gehört zu den neuen Zukunftserbauerinnen der Region. Ich habe mit ihr gesprochen.

Zukunftsgedanken

In Nieklitz in Nordwestmecklenburg auf dem platten Land, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, wird Geschichte geschrieben. Es gibt Zeitreisende, die nicht zurückschauen, sondern vorausblicken, die sich Gedanken machen, welches Leben wir in Zukunft führen wollen, es in vielfältigen Projekten selbst ausprobieren, in die Hände spucken und loslegen. Wir bauen Zukunft heißt das ambitionierte und langfristige Vorhaben, dass 2016 von knapp 20 MitstreiterInnen gegründet wurde. Das ist nur der harte Kern, denn im weiteren Umfeld erreichen die Nieklitzer inzwischen an die 3.000 Mitinteressenten. Doch der Reihe nach….

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Sinnfrage

Ceylan Rohrbeck ist in Berlin aufgewachsen, hat in Potsdam an der Filmhochschule „Konrad Wolf“ Film und Fernsehproduktion studiert und einige Jahre im Filmbereich gearbeitet. Das hieß: Lange, unregelmäßige Arbeitszeiten, oft auch an Wochenenden, wenig Zeit zur Ruhe zu kommen. In der überfüllten und oftmals stressigen Hauptstadt Berlin wächst der Wunsch nach einer Auszeit, einem anderen Leben abseits von Hektik und Konsumzwängen. Doch wie genau könnte so ein Leben aussehen?

Auch Ceylans Cousine Lale will nach ihrem Studium in Berlin zurück in die Mecklenburgische Heimat. Doch was ließe sich dort Sinnvolles machen? Wie könnte man den Lebensunterhalt bestreiten? Kurz zuvor haben die beiden vom Bau eines earth ships in der Zukunftswerkstatt Tempelhof erfahren. Das ist ein Haus, komplett aus Recyclingmaterialien erbaut, wie es der US-amerikanische Architekt und Nachhaltigkeitsexperte Michael Reynolds einst ersann.  Ließe sich so ein Bau auch in Mecklenburg realisieren? Mit dieser Frage traten erste Engagierte aus der Gruppe an den Leiter des Biosphärenreservates Schaalsee, Klaus Jarmatz, heran. Er empfiehlt das ehemalige Zukunftszentrum „Mensch – Natur – Technik – Wissenschaft“ (ZMTW) in Nieklitz im Westen von Mecklenburg.

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Geschichte

In einsamer Idylle zwischen dem Biosphärenreservat Schaalsee, der Flusslandschaft Elbe und weiten Wiesen und Feldern liegt das etwa zehn Hektar große Gelände des ehemaligen Zukunftszentrums von Nieklitz. Zwischen 2000 und 2013 wurde hier ein ökologischer Erlebnispark betrieben. Nach der Idee des enthusiastischen Kieler Biologieprofessors Berndt Heydemann, der später Umweltminister von Schleswig-Holstein war, sollten BesucherInnen an liebevoll gestalteten Exponaten mitten in der Natur mehr über Bionik und Ökotechnologien erfahren. Doch die Besucherzahlen blieben stark hinter den Erwartungen zurück. 2013 stellte das Land MV die finanzielle Förderung ein und der Park verfiel.

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Erstkontakt Nieklitz

Ceylan erzählt mir von ihren Eindrücken, als sie das Gelände im September 2015 zum ersten Mal besucht. „Weil der Park schon fast 3 Jahre geschlossen war, war alles schon total verwildert und gleichzeitig so wunderschön. Wir hatten bis dahin noch nie so ein Stück Natur in Deutschland gesehen. Und es entstanden in unserem Kopf auf einmal ganz viele Visionen, was man da alles machen und umsetzen könnte. Wir haben viele Fotos gemacht und sind dann nach Tempelhof gefahren.“

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Impulsgeber Tempelhof 

Schloss Tempelhof in Süddeutschland zwischen Würzburg und Ulm ist genau genommen eine Zukunftswerkstatt. Mit 50 Freiwilligen aus der ganzen Welt wurde hier das erste earth ship in Deutschland gebaut. Als Teil der Freiwilligen genießt Ceylan die besondere Aufbruchstimmung, führt gemeinsam mit Sebastian Rost von Filming for Change mit den Akteuren Interviews, macht kleine Filme und stößt auf Gleichgesinnte, die wie sie selbst auf der Suche sind. So entsteht die Projektgruppe „Wir bauen Zukunft“, die in den nächsten Monaten auf etwa 20 Personen anwächst. Es wird viel diskutiert und geplant. Man tauscht sich über Wünsche, Ziele und Vorstellungen für ein gutes, sinnstiftendes Leben aus. Anknüpfend an die indigenen Weisheiten der Aborigines findet die Gruppe mit der Methode Dragon Dreaming einen gemeinsamen Nenner für ihr Anliegen: Dienst an der Erde, Aufbau von Gemeinschaft, persönliches Wachstum. Und während das innere Selbstverständnis Gestalt annimmt, steht die nächste Herausforderung an. Könnte der Ökopark im Mecklenburgischen Nieklitz ein geeigneter Ort für das neue Lebenskonzept werden?

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Mecklenburgische Weiten neu bespielt

Kontakte und Freunde in der Region halfen mit den richtigen Ansprechpartnern. Und dann ging alles recht schnell. Mit einem Privatdarlehen konnte die Gruppe das Nieklitzer Gelände kaufen. Im Juni 2016 wurde die Genossenschaft „Wir bauen Zukunft“ eG gegründet, angeschlossen ist außerdem der Verein Ecosphäre e.V. als Träger für gemeinnützige Projekte. So können verschiedene Nutzungsarten abgedeckt werden. In der Öffentlichkeit und gegenüber der einheimischen Bevölkerung setzt die Gruppe von Anfang an auf Transparenz. Sie will den Eindruck vermeiden, dass da kreative Spinner hinter verschlossenen Türen merkwürdige Aktivitäten planen. Im Biosphärenzentrum informieren sie über ihre Pläne und sind offen für neue Ideen und Interessenten. „Wir haben auf unserem neu erworbenen Gelände Tage der offenen Tür veranstaltet, wo wirklich viele Menschen kamen“, erzählt Ceylan, „sowohl Leute von außerhalb als auch aus der Region, die wir schon kannten. Und so waren uns alle sehr wohl gestimmt und haben uns unterstützt, so dass wir einen guten Start haben konnten“.

 Ortsbesichtigung Nieklitz © MassivKreativ

Gewachsenes Selbstverständnis

Inzwischen ist viel passiert. Aus Individuen hat sich ein „Kreativcluster“ gebildet, „mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten“, wie Ceylan erzählt: „Designer, Architekten, Ingenieure, IT-Spezialisten, Tischler, Permakultur-Experten, Soziologen, Coaches, Experten für nachhaltige Landwirtschaft, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit usw.“ Die Gruppe hat sich in ihrem Selbstverständnis konkretisiert und verfestigt. Zwischendurch kamen neue Interessenten, andere gingen wieder. Gemeinschaft ist ohnehin nie fertig. Sie wächst und erweitert sich stetig, auf der Basis gleicher Wertvorstellungen, die in Gruppenprozessen ermittelt wurden, begleitet von professionellen Coaches und Moderatoren. Enorm wichtig, um die Gemeinschaft gut zu entwickeln. Das Wabenhaus ist das Herzstück der Zukunftsbauer, dient als Seminarhaus und Coworking-Space. 

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Anliegen

Ihre Philosophie beschreibt die Gruppe so: „Wir experimentieren, reflektieren, lernen und nutzen transparente und organische Strukturen, sowie die Kraft von Kollaboration und Kreativität. Unsere Themen sind: Kreislaufwirtschaft, Open Source, Nachhaltiges Planen und Bauen, Permakultur Design, Nachhaltiges Unternehmertum, Verantwortungsbewusstes Miteinander.“ Auch neue Forschungsthemen stößt die Gruppe an, etwa Studien- und Masterarbeiten über nachhaltiges Planen und Bauen, Architektur, ökologische Landwirtschaft und über das Ökosystem von Binnengewässern (Limnologie). Auch eine Tinyhouse Siedlung für nachhaltiges Bauen ist in der Realisierung.

 Tinyhouse Nieklitz © MassivKreativ

Lernende Organisation

Die Akteure von „Wir bauen Zukunft“ sind immer in Bewegung – mit dem Körper und dem Kopf. In verschiedenen Arbeitskreisen verfolgen sie genau das Thema weiter, das sie persönlich interessiert, für das sie brennen und weitere Fähigkeiten erwerben möchten. So entwickelt sich die Gruppe stetig weiter und lernt, nicht zuletzt auch über den Austausch mit neuen Leuten von außen. Community Building ist ein wichtiges Thema, das sowohl digital als auch analog vorangetrieben wird. Über die Facebookgruppe werden Veranstaltungen beworben. So wird neues Wissen in die eigene Gruppe geholt und eigene Erfahrungen auch wieder in die Welt hinausgetragen. Gemäß dem „open source“-Gedanken wird hier – wenn man so will – eine wissensbasierte Kreislaufwirtschaft betrieben. Regelmäßig finden Seminare, Workshops, KreativLabs sowie größere Camps statt, in denen sich die TeilnehmerInnen über ihre Ideen, Projekte und Visionen austauschen. Im Februar 2020 ging es um die Gründung eines eigenen Sozial-Unternehmens. Die TeilnehmerInnen wurden unter professioneller Anleitung von der Vision zum Konzept geleitet und zur inneren Haltung: Was bedeutet unternehmerisches und kreatives Handeln für mich und andere?

Ganzheitliches Konzept

Die Akteure von „Wir bauen Zukunft“ arbeiten zeitgleich an vielen kleineren Projekten und haben dabei das große Ganze im Blick, die zukunftsfähige Gesellschaft im Kreislauf und im Gleichgewicht: mit einer autarken Energie-, Wasser- und Abwasserinfrastruktur, mit flexiblen bzw. mobilen Wohneinheiten, wie z. B. Tinyhouses. Sie bauen schon heute eigene Nahrungsmittel an, planen Freizeitangebote, entwickeln neue Technologien und wollen demnächst Kleinserien in ihrer gerade entstehenden Werkstatt produzieren, dem Green Circular Economy FabLab. „Wir planen offene Werkstätten, die verschiedene Zielgruppen nutzen sollen“ sagt Ceylan, „z. B. auch Handwerker in der Region, die sich bei uns einmieten können und an Projekten tüfteln. Wir wollen dabei analoges Handwerk mit digitalem Arbeiter verbinden, damit sich das befruchten kann.“

Kooperationen spielen eine wichtige Rolle. Im November 2019 waren die Nieklitzer Gastgeber für den Kreiskulturrat Ludwigslust-Parchim (KKR LUP). Corinna Hesse und Marion Richter vom KKR sowie Ceylan Rohrbeck luden Interessierte zum Workshop Zukunft@Land“ ein. Es kamen Menschen zwischen 20 und 60 Jahren zusammen, die ihre Zukunft im ländlichen Raum gern selbst gestalten möchten. Die Initiatoren wollten herausfinden, welche Projektideen welche Unterstützung brauchen: vom Landkreis, aus der Verwaltung, der Bevölkerung sowie von weiteren Partnern und Netzwerken.

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Ceylan Rohrbeck (re) und Corinna Hesse (li) beim KreativLab „Zukunft@Land“

Land lockt Stadt

In Kooperation mit Kreative MV, dem Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft, fand im September 2019 in Nieklitz das KreativLab „New Work Village: mobiles Leben & Arbeiten auf dem Land“ statt – mit Impulsvorträgen über bereits erfolgreiche Projekte. Frederik Fischer berichtete aus Brandenburg über die KoDorf-Bewegung und den Summer of Pioneers in Wittenberge.

Aktuell bewegt Ceylan die Frage, wie Kreative zumindest zeitweise den Weg aus der Großstadt aufs Mecklenburgische Land finden können. Um einen Coworking-Standort wie Nieklitz noch bekannter zu machen, könnte auch die Wirtschaftsförderung des Landes MV helfen, so Ceylan: “Im Augenblick wird ja viel in die Städte investiert, in Schwerin, Rostock und Greifswald. Aber halt noch nicht wirklich ins Land. Wir in Nieklitz arbeiten daran, damit sich daran etwas ändert und dass wir das Vertrauen der Wirtschaftsförderer gewinnen, dass auch mitten auf dem Land ein erfolgreiches Innovationszentrum mit neuem Denken und vielfältigen Menschen und Talenten entstehen kann und eine entsprechende Nachfrage erreicht.“ 

Aufbruchsgeist

Diejenigen, die bereits ein Tages- oder Wochencamp in Nieklitz erlebt haben, sind begeistert, wie der Webdesigner Richard Stickel: „Der Aufbruchsgeist, den ich bei den Akteuren von „Wir bauen Zukunft“ gespürt habe, empfinde ich als sehr anziehend und attraktiv. Da machen junge Leute auf dem blanken Acker etwas Neues und denken voraus. Das finde ich toll und in so einem Umfeld könnte auch ich als Großstädter gut arbeiten.“

Laut einer Emnid-Umfrage (Wohnwünsche der Deutschen) möchte die Mehrheit der Deutschen im ländlichen und kleinstädtischen Raum leben. Doch für viele bleibt es ein Traum. Doch das muss nicht so sein. Der Weg von der „Stadtmüdigkeit zur Landfrische“ ist kürzer als gedacht. Wer Impulse für seine Zukunft auf dem Land braucht, kann sie sich im Westmecklenburgischen Nieklitz holen: Aktuelle Veranstaltungen / Vergangene Veranstaltungen.

Podcast

*enkelfähig (S. 12): Diesen Begriff hat Sebastian Feucht geprägt. Er ist Spezialist für ökointelligente Gestaltung und Vorsitzender des Sustainable Design Center e.V. und nutzt den Begriff für zukunftsgerichtetes Design: „Enkelfähige Produkte sind so konzipiert, dass unsere Enkel die gleichen Chancen haben wie wir hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs und hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit.“