PopUp, Coworking und Vernetzung: der Kreativstandort München

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PopUp und Zwischennutzung ist die Antwort von Kreativschaffenden auf die angespannte Situation im Immobilienmarkt. Insbesondere in München hat der Druck stark zugenommen. Über neue Modelle, Konzepte und Lösungen habe ich mit Jürgen Enninger und Anne Gericke vom Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München gesprochen.

Zwischennutzung

Ein knappes Jahr konnten Kreativschaffende die Büros im „Breakout“ in der zentral gelegenen Bayerstraße 25 nutzen – gerade mal von Februar bis Dezember 2020. Doch genau so ist das Prinzip der Zwischennutzung. In der ehemaligen Bank-Filiale am Münchener Hauptbahnhof heißt es: rasch ankommen, provisorisch einrichten und rasch wieder gehen. Der PopUp-Gedanke kommt der Arbeitsrealität von Kreativen entgegen. Da sie häufig in zeitlich befristeten, örtlich und personell wechselnden Konstellationen arbeiten, ist die Zwischennutzung von Immobilien eine sinnvolle Alternative zu dauerhaft hohen Kosten, wenn man sich langfristig an teure Mietverträge bindet. Mit 2000-Quadratmetern bietet das ehemals leerstehende „Breakout“ in München viel Raum für Gestaltung und Entfaltung. Auf drei Stockwerken bietet es Kultur- und Kreativschaffenden, Start-Ups und Künstler*innen temporär eine Bleibe für wenig Geld: ein Büro gibt es ab 7,50 Euro pro Quadratmeter, ein Platz im Co-Working-Space kostet 150 Euro.

Kreative als Raumentwickler

Ausgehandelt wurde die Zwischennutzung der ehemaligen Bank vom Team des Münchner Stadtmagazins MUCBOOK in Kooperation mit dem Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München. Jürgen Enninger, Leiter des Kompetenzteams, lobt die Zusammenarbeit mit Akteuren der Kreativwirtschaft in der Raumentwicklung: „Kreative haben schon viele neue und innovative Nutzungskonzepte für Immobilien aller Art entwickelt: Coworking, PopUp, Zwischen- und Parallelnutzung, temporäre Nutzungen. Sie bieten Lösungen für komplexe Fragestellungen im Immobilienbereich an. Deswegen kann ich alle Akteure in Städten und Kommunen nur ermutigen, mehr Kreative in die Raumkonzeptentwicklung einzubeziehen.“

Flexibel und agil bleiben

Zwischennutzung ist die Antwort auf die sich ständig ändernde Arbeitssituation in der Kreativwirtschaft, nicht nur in Zeiten wie der Corona-Pandemie: agil und beweglich sein, flexibel auf alles Unvorhersehbare reagieren, was sich nicht planen lässt. Anne Gericke ist im Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft für den Immobilienbereich zuständig. Sie berät und unterstützt die Kreativen bei allen Fragen zur Nutzung von Räumen: „Kreativschaffende in München haben vor allem Bedarf an kleinen, 20-50 qm großen Flächen, die sie langfristig nutzen möchten. Es gibt auch einige, die projektweise etwas suchen, z. B. PopUp-Läden zwischen 6 Wochen und einem Jahr, vor allem aber bezahlbare kleine Raumeinheiten. Bildende Künstler und Designer fragen Räume an, Musiker suchen Probenräume. Architekten weniger. Räume für Filmaufnahmen sind auch sehr gefragt, StartUps, Software, Games. Die Koordinierungsstelle Kreativlabor ist Teil des Immobilienservices im Kompetenzteam, zuständig für Anfragen direkt zum “Kreativlabor”-Areal – dem Teil des Kreativquartiers, der für kreative Nutzungen zur Verfügung steht.

Anne Gericke ist selbst als Schmuckdesignerin kreativ tätig und hat ihren Arbeitsraum über Empfehlungen gefunden: „Im Prinzip hat mir die Nachbarschaft geholfen, d. h. ich habe über Hörensagen von Räumen erfahren und über das eigene persönliche Netzwerk.“

Geschichte des Kompetenzteams in München

Das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München wurde 2014 vom Stadtrat referatsübergreifend initiiert und dient als zentrale Anlaufstelle für alle Akteure der Kreativbranche in München und den Landkreisen der Metropolregion. Das Kompetenzteam ist fest etabliert und wird als Teil der Stadtverwaltung dauerhaft mit einem Jahresbudget von 700.000 Euro finanziert, Miete, Personal mit 8,5 Arbeitsplätzen, Overhead, Projektmittel, Fördermittel inbegriffen.

Jürgen Enninger: „Was den Masterplan für die Kultur- und Kreativwirtschaft angeht: Ja, der Stadtrat hat tatsächlich in einer sehr visionären Entscheidung eine Matrix Organisation in der Verwaltung beschlossen, die die Kulturverwaltung, die Wirtschaftsförderung und die kommunale Liegenschaftsverwaltung in einem Team verbindet unter meiner Leitung. Das ist ein sehr, sehr mutiger Schritt gewesen, weil es die Ressourcen bündelt. Es ist wie so oft: Die Summe ist mehr, als ist die Einzelteile und einen echten Mehrwert für Kreative stiften kann. Offenheit und Toleranz ein zentraler Schlüsselfaktor für die Attraktivität und den Standort unter Fachkräften aller Art, nicht nur aus der Kreativwirtschaft. Das hat der Creative City Index gerade wieder mal festgehalten. Je die vielfältige diverser, desto spannender für die Branche.“

Angebote

Unterstützung gibt das Kompetenzteam den Kreativen in allen wirtschaftlichen Belangen. Es geht auch um mehr Wertschätzung und Sichtbarkeit für kreativwirtschaftliches Arbeiten, um eine niedrigschwellige Beratung, bessere Vernetzung. Inzwischen gibt es vielfältige Beratungsformate, Qualifizierungs- und Vernetzungsveranstaltungen, um Crowdfunding und eben auch um Unterstützung bei der Raumsuche und Zwischennutzungen. Jürgen Enninger: „Wir setzen auf kostenlose Beratungsleistungen, jeder kann kommen. Da geht es um die wirtschaftliche Ausrichtung, um Akquise, Preisbildung, Crowdfunding, Internationalisierung und um das wichtige Thema Netzwerke. Wir versuchen, neue junge Kreative hier in die etablierten Netzwerke reinzubekommen. Wir helfen bei Raumvermittlung auf allen Ebenen, vom Schaufenster am Marienplatz über Design- und PopUpStores bis hin zu längerfristigen Nutzungen.“

Neue Raumkonzepte

Der Standort München ist für Unternehmen generell attraktiv und beliebt, nicht zuletzt wegen der Nähe nach Italien und Österreich. Doch die Mietpreise für Büros in zentraler Lage sind zum Teil exorbitant hoch. Das führt dazu, über neue Raumkonzepte nachzudenken, wie Jürgen Enninger erklärt: „Multi-Codierung, Parallel-Nutzung, Sharing Modelle sind in München ganz stark virulent, weil der Druck so extrem stark ist. Die Wechselwirkungen zwischen München und dem Umland München sind sehr eng. Wir leiten hier in der Metropolregion München zum Beispiel auch den Arbeitskreis Konversionsflächen, wo wir dann versuchen, das gemeinsam mit den Landkreisen zu entwickeln. In der Metropolregion München haben wir Städte wie Ingolstadt, Augsburg, Rosenheim, die im bayerischen Kontext mit zu den größten Städten zählen und damit automatisch enge Wechselwirkungen und Pendelbewegungen erwarten.“ Anne Gericke fügt hinzu: „Ich beobachte, dass der Einzelhandel am Stadtrand von München immer mal wieder Flächen ausschreibt, also Leerstand in Erdgeschossflächen. Da wird dann immer mal wieder von Kreativen ein Konzept zur Zwischennutzung entwickelt.“

Coworking

Bei der Raumentwicklung und Umnutzung sieht Enninger bei Kreativschaffenden eine wichtige Funktion als Vermittler, Vernetzer, Quer- und Vorausdenker. In Bayern sind Kreative z. B. aus dem Architekturbereich als Berater für Kommunen tätig und entwickeln in interdisziplinären Teams neue Nutzungskonzepte: „Kreative haben schon viele neue und innovative Nutzungskonzepte für Immobilien aller Art entwickelt: Coworking, PopUp, Zwischen- und Parallelnutzung, temporäre Nutzungen. Kreative bieten Lösungen für komplexe Fragestellungen im Immobilienbereich an, deswegen kann ich alle Akteure in Städten und Kommunen nur ermutigen, mehr Kreative in die Raumkonzeptentwicklung einzubeziehen.“

Coworking für Jung und Alt

Coworking ist ein Modell, das nicht nur ganz junge Zielgruppen anspricht. Neben den Vorteilen bei den Kosten erweist sich die Zusammenarbeit in gemeinschaftlich genutzten Räumen auch als Keimzellen für Wissensaustausch und Innovationen: „Coworking ist auch etwas für Ältere und alle, die berufliche Neuorientierung suchen, z. B. auch Eltern, die nach der Kindererziehung den Wiedereintritt in die Freiberuflichkeit planen und dann Netzwerke suchen. Die sind dann meist Ende 30.“

Stadt-Land-Vernetzung

Der Großraum München sei schon sehr stark kreativwirtschaftlich vernetzt, so Enninger. In der Verbindung von Stadt und Land sieht er für die kommenden Jahre wachsende Potenzial. Er berichtet über Designer, die auf dem Land wohnen und in der Stadt arbeiten und umgekehrt. Es gibt Coworking-Spaces auf dem Land und Unternehmen, die ganz bewusst Coworking-Spaces im Speckgürtel von München etablieren, damit die Mitarbeiterinnen nicht einpendeln müssen, ein Zugewinn an Zeit und Lebensqualität.

Anne Gericke fügt hinzu: „Der ländliche Raum würde sich auf jeden Fall für StartUps eignen, weil die erfahrungsgemäß im Team sehr konzentriert arbeiten. Bildende Künstler kann ich mir auch gut vorstellen. Wichtig ist es, Synergieeffekte zu nutzen, wie in diesen kleinen organisch gewachsenen Kreativquartieren, die vom Autobastler bis zum Superdesigner sehr diverse Akteure aufnehmen. Die müssen nicht nur aus der Kreativwirtschaft kommen, sondern sinnvoll sind ganz unterschiedliche Nutzer. So dass eine kleine Stadt direkt vor Ort entsteht. Auch eine gute Gastronomie ist das, was immer dazugehört. Es geht auch um kurze Wege. Ein Kreativer sagt zum anderen: Ich bin am Anfang. Ich habe nicht viel Geld, aber ich brauche das und das. Kannst du mir dabei helfen.“

Ländliches Design

Auch die Rural Design Days befassen sich mit dem Austausch zwischen Stadt und Land. Sie sind Ausstellung, Messe und Think Tank in einem und richten sich an Architekten, Designer, Interessierte und Macher vom Land. Eingeladen werden sowohl deutsche als auch internationale Referenten, sie diskutieren über diese Fragen: Gibt es „ländliches“ Design? Ist es anders als in der Stadt? Was können Design und Architektur in ländlichen Regionen bewirken? Was bietet das Land Designern, um dort kreativ zu arbeiten? Die Rural Design Days sind eine regionale Partnerveranstaltung der Munich Creative Business Week, dem größten Designevent Deutschlands.

Co-kreative Kooperationen mit Kommunen

Neben der Leitung des Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München war Enninger von 2016-2020 Sprecher im Netzwerk der öffentlichen Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland Promoting Creative Industries PCI – gemeinsam mit Egbert Rühl von der Hamburg Kreativgesellschaft. Das Netzwerk bündelt Kompetenzen und Interessen von aktuell 39 lokalen und regionalen öffentlichen Förderern der Kultur- und Kreativwirtschaft. Dieser Zusammenschluss stärkt die Branche als Ganzes und erhöht ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Das “PCI” ist ein wichtiger Partner, wenn weitere Programme für die Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft entwickelt werden.

Das PCI will Kommunen noch stärker ermutigen, mehr Kreative in die Raumkonzeptentwicklung einzubeziehen. Wirtschaftsförderern legt Enninger ans Herz, nicht immer nur sehr groß zu denken, z. B. an 200-Mann-Baubetriebe. Die Kreativwirtschaft mit ihren 12 Teilbereichen sei doch erfahrungsgemäß wesentlich kleinteiliger. Entsprechend kleinteiliger ist der Bedarf von Räumen mit etwa 25 bis 50 Quadratmetern für ein bis vier Menschen bzw. Firmen, d. h. es bedarf einer extremen Umstellung eines klassischen Wirtschaftsförderers, damit der nicht immer nur in Masse rechnet.“

Ausblick

Enninger weiß, dass die Kreativwirtschaft ein wichtiger Partner für Kommunen ist und daher auch strategisch und dauerhaft aus Landesmitteln gefördert werden müsse: „Da gibt es sehr spannende Projekte und Beispiele. Die Stadt Heidelberg hat zum Beispiel gerade eine Raumnutzungsagentur gegründet, die auch dieses Thema Zwischennutzungen dauerhaft gemeinsam mit Kultur-und Kreativschaffenden entwickeln soll.“

Podcast

Maskenpflicht und Abstand: Was Corona für die Kultur- und Kreativbranche bedeutet

 © TV Boy

Ein unsichtbares Virus legt unsere Welt lahm. Was den meisten erst Wochen später bewusst wird, greift ein Künstler prophetisch in einem Street Art auf: Er verordnet der Mona Lisa einen Mundschutz. Wird die Maske Kunst und Kultur schützen? Oder wird sie deren Träger und Akteure ersticken? Beides ist zum jetzigen Zeitpunkt offen. Klar ist: Künstler sind gerade in Krisenzeiten Seismografen und Impulsgeber für den Wandel in unserer Gesellschaft.

Kunst als Corona-Seismograf

4. März 2020: Es ist der Tag, an dem Spanien seinen ersten Todesfall meldet – infolge von Corona bzw. Covid-19. Ich bin in Barcelona. An einer Hauswand der Plaça de Sant Jaume entdecke ich eine Adaption der Mona Lisa, ein Street Art mit Mundschutz und Mobiltelefon. Das Bild ist nicht mehr ganz vollständig, schon etwa 3 bis 4 Wochen alt. Viele halten inne, fotografieren und spüren wie ich ein indifferentes Unbehagen. Das Street Art Befindlichkeiten auf, die unbestimmt in der Luft liegen. Wenige Wochen später ist der Lock Down Realität und mit ihm die tiefen Einschnitte in unser soziales, gesellschaftliches, kulturelles und wirtschaftliches Leben. Der Mundschutz ist inzwischen zum Sinnbild der Corona-Krise geworden. Ein zweischneidiges Hilfsmittel: Einerseits schützt es uns vor dem Virus, andererseits schottet es uns vor unseren Mitmenschen ab. Unsere Mimik lässt sich nur noch erahnen.

 © MassivKreativ: genäht von Sabine Ringel

Mobile Word Congress

Schon seit Ende Januar 2020 sind maskierte Menschen in den Medien präsent, doch der tödliche Hot Spot in China scheint noch in sicherer Entfernung. Das wird sich bald ändern. Aus Furcht vor der Ausbreitung des Virus sagen die Organisatoren am 12. Februar in Barcelona die Mobilfunkmesse „Mobile Word Congress“ ab, schweren Herzens. Rund 100.000 Besucher und 2.800 Aussteller hatten sich angemeldet. Die Messe ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, jedes Jahr bringt sie zwischen 400 bis 500 Millionen Euro in die Stadt. Als große Unternehmen aus Japan und Deutschland ihre Teilnahme absagen, u. a. die Telekom, ziehen die Veranstalter die Reißleine.

World Mobile Virus

Nach anfänglicher Sorglosigkeit und Überzeugung, es handle sich um ein rein chinesisches Problem, war die Angst Woche für Woche gewachsen. Mitte Februar 2020 gibt der Street Art Künstler TV Boy ihr ein Gesicht: die Mona Lisa. Unter dem Eindruck der abgesagten Mobilfunkmesse nennt er sein Straßenwandbild World Mobile Virus und übt Kritik an unserem unersättlichen mobilen Lebensstil. Vor allem die inflationären Reisen helfen dem Virus bei seiner Verbreitung. In Deutschland erfolgt der Lock Down am 11. März abrupt. Von einem Tag auf den anderen ist alles anders, für jeden, aber besonders für die freiberuflichen bzw. selbständigen Kunst- und Kreativschaffenden. Ihnen wird ein Tätigkeitsverbot auferlegt. Musiker, Sänger, Schauspieler und viele andere (siehe letzter Absatz) trifft es sofort und besonders hart. Sämtliche Live-Veranstaltungen werden auf ungewisse Zeit ausgesetzt oder abgesagt. Für das eng verwobene Wirtschaftsgeflecht der Branche hat dies schwerwiegende Folgen.

 © MassivKreativ

Lock Down für Kunst und Kultur

Nicht nur die „Lebenskünstler“, die von der Hand in den Mund leben, stürzt der Lock Down in Not. Auch die kreative Mittelschicht muss erkennen, dass es rasch an die Existenz geht. Umso mehr, weil das von der Bundesregierung rasend schnell verkündete Hilfspaket mit 50 Milliarden Euro die meisten Selbstständigen und Freiberufler nicht erreicht. Aus dieser „Soforthilfe“ des Bundes (einmalig bis zu 9.000 € für drei Monate) dürfen z. B. nur Betriebskosten geltend gemacht werden, wie Mieten, Strom, Telefon und Leasing. Doch diese Ausgaben sind bei Freiberuflern eher gering, so dass diese Soforthilfe nur von wenigen Kreativen abgerufen und genutzt werden darf. 

 © MassivKreativ: kulturelle Leere

Immaterielle Betriebsmittel

Was Politik und Verwaltung noch immer vermittelt werden muss: Solo-Selbständige in der Kulturszene haben “spezielle” Betriebsmittel – abseits von Maschinen, Autos, Gewerbebüros usw. Die Betriebsmittel von Kreativen sind immaterieller Art: es geht um den eigenen Kopf und den Körper, aus dem die kreativen Leistungen entstehen, z. B. Ideen, Entwürfe, Konzepte, die auf „handwerklichen“, künstlerisch-kreativen und spielerischen Fähigkeiten basieren und dem Publikum vielschichtige kulturelle Erlebnisse ermöglichen. Ohne Unterstützung und Investitionen in diese “immateriellen Betriebsmittel” können Kreativschaffende weder existieren noch schöpferisch tätig werden.

 © Frida Kahlo-Motiv, genäht von Sabine Ringel

Das “Kapital” von Solo-Selbständigen  

Anders als die Bundespolitiker verstehen die Vertreter in den Bundesländern die Lebensrealität der Selbständigen besser. Sie setzen sich dafür ein, dass aus der Soforthilfe des Bundes auch Lebenshaltungskosten gedeckt werden können, so z. B. Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann: „Es auf eine Sachkostenentschädigung zu begrenzen, erscheint mir nicht sinnvoll…Das Kapital der Soloselbständigen ist deren Arbeits- und Leistungsfähigkeit, also ihre physische Existenz, dass sie überhaupt da sind.“ (ab 1:01:17 NDR Info-Redezeit). Doch der Bund bleibt hart (Stand: 12.5.2020) und beschränkt die Soforthilfe weiterhin auf die Betriebskosten. Für Lebenshaltungskosten bieten einige wenige Bundesländer Pauschalsummen an (in Berlin 5.000 € und in NRW 2.000 €, allerdings sind die Töpfe nach wenigen Tagen aufgebraucht, viele gehen leer aus. Hamburg kann bis zuletzt 2.500 € auszahlen). Doch auch diese Summen reichen für die lange Phase des verordneten Tätigkeitsverbotes nicht aus.

Fazit zu den Hilfsprogrammen

Andreas Lutz, Vorsitzender vom Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. – VGSD – zieht am 10. Mai 2020 ein trübes Fazit zu den Corona-Soforthilfen, was ursprünglich von Politik und Verwaltung zugesagt und was davon (nicht) umgesetzt wurde: “Mein Urteil heute ist nicht ohne Bitterkeit: Ich sehe zentrale Versprechen – wie die auf den Verzicht der Vermögensprüfung – als gebrochen, selbst bei der Vergabe der Soforthilfe des Bundes hat der Staat ein unvorstellbares Maß an Rechtsunsicherheit geschaffen, so dass sich bis heute viele Betroffene nicht getraut haben, diese Hilfe zu beantragen. Statt die zum Schutz der Gesamtbevölkerung entstandenen Schäden solidarisch zu teilen, wurden die Selbstständigen damit weitgehend allein gelassen. Statt eines kraftvollen Signals, den von der Krise am meisten Betroffenen unbürokratisch zu helfen, bleibt bei uns der Eindruck, Erwerbstätige dritter Klasse zu sein, für die gut genug ist, was man Angestellten nicht zumuten möchte.” (Quelle VGSD)

 © Kreative Deutschland

Künstler in Hartz IV abgedrängt

Die Bundespolitik verweist für die Sicherung des Existenzminimums auf das Jobcenter. Doch auch hier gibt es Hürden, insbesondere für den kreativen Mittelstand, der die guten Einkommensjahre verantwortungsbewusst zur Vorsorge genutzt hat. Das zum Sozialschutzpaket umgemünzte „Hartz IV“ können die meisten nicht in Anspruch nehmen, weil die mühsam angesparten Rücklagen für die Altersvorsorge (wenn sie in Aktien oder Bargeld investiert wurden und über 60.000 € bzw. bei Partnerschaften / “Bedarfsgemeinschaften” über 90.000 € liegen ) erst aufgebraucht werden müssen (Mehr Infos zur Untauglichkeit des Corona-Sozialschutzpaketes für Kreativschaffende).

 © sumanley, Pixabay

Petitionen

Unter Kreativen regt sich starker Unmut, als klar wird, dass die entgangenen Honorare nicht mal ansatzweise ersetzt bzw. kompensiert werden. Sechs Petitionen machen die Runde, in denen Kreative und andere Selbständige wirksamere Soforthilfen fordern bzw. alternativ das Bedingungslose Grundeinkommen. Fast 1 Million Menschen unterzeichnen die Petitionen. Die openpetition des Sächsischen Countertenors David Erler trifft den Nerv vieler Kreativschaffender. Bis Mitte Mai 2020 unterzeichnen knapp 300.000 Menschen seinen Aufruf „Hilfen für Freiberufler und Künstler während des Corona-Shutdowns“. Visuell begleitet wird die Kampagne von der Mona Lisa mit Mundschutz, inspiriert von TV Boy nun in abgewandelter Form als Montage des Originals von Leonardo da Vinci unter dem Namen „sumanley“. Das Bild erscheint inzwischen wie eine Anklage. Mit dem von der Politik angepriesenen „Sozialschutzpaket“ (ALG2/Hartz IV) wollen sich die Kreativen nicht abspeisen lassen und dem eigenen Erstickungstod nicht untätig zusehen. In den sozialen Netzwerken erklären sie der Politik wieder und wieder, warum ALG2 nicht zu den Lebens- und Arbeitsrealitäten von Kreativschaffenden passt. Einer Initiative gelingt als ePetition Grundeinkommen 108191 mit über 176.000 Stimmen sogar der Einzug in den Deutschen Bundestag, wo nun in Kürze über das Grundeinkommen diskutiert werden muss.

 © genäht von Sabine Ringel

Corona als Lackmustest für Defizite

Covid-19 stellt gerade vieles in unserer Gesellschaft in Frage, vor allem unser Verhältnis zur Umwelt und unsere bisherige Wirtschaft. Die Corona-Krise fördert Mängel zutage, die schon lange vor Beginn der Pandemie hätten diskutiert werden müssen. Auch in der Kultur- und Kreativbranche gibt es Defizite. Sie zeigen sich in den oft prekären Arbeits- und Einkommensverhältnissen, in den exzessiven Reisen durch häufig wechselnde Auftrittsorte, in übermäßigem Energieverbrauch beim Gaming, Streaming und an Filmsets, Müll bei großen Musikfestivals, in umweltschädlichem Material sowie zu hohem Wasser- und Papierverbrauch im Industriedesign, im Messe-, Theater, Bühnenbau und in der Kunstproduktion u.a.m. (siehe auch Kultur Öko-Test). Andererseits vermag gerade die Kunst auf vielfältige Weise, uns auf Defizite aufmerksam zu machen und unser Handeln zu hinterfragen. Ein Widerspruch? Oder liegt im Zweifeln und Infragestellen gerade ihre große Kraft?

 © StephenKing April 3, 2020 

Kreativschaffende als Vordenker in der Corona-Krise

Kultur ist der Resonanzkörper für unsere Gesellschaft. Wir brauchen im Leben Widerhall und Reflexion, Zustimmung und Widerspruch, Horizontwechsel und Perspektiverweiterung. Das alles ist ohne Kunst und Kultur undenkbar! Künstler und Kreative sind Sinnstifter, Trostspender, Vordenker und Hoffnungsträger, besonders in Krisenzeiten. Musik und Filme, Bücher und Hörbücher, Tanz und Theater, Kunstwerke und Medien – all das hat immer, aber umso mehr in Quarantäne-Zeiten einen ganz besonderen Wert und sorgt sozusagen für „antivirale Effekte“, wie der Autor Stephen King am 3. April auf seinem Twitter-Account mit Nachdruck anmerkt (siehe Abbildung oben). Kunst und Kultur sind demokratierelevant und für die Gedankenhygiene überlebensnotwendig, um zuversichtlich und resilient zu bleiben.

Carsten Brosda beschreibt es so: Kultur zeigt “die Dimension des Sinns unserer Gesellschaft und unseres Zusammenlebens … Ich nehme eine unfassbare Leidenschaft von vielen Menschen im kulturellen Leben wahr und glaube auch, dass dieses Erleben des Verlustes (von Kultur durch Corona) ein Bewusstsein schaffen kann, das uns dabei hilft, dass wir in der Zeit danach die Verfügbarkeit von Kunst nicht so selbstverständlich erachten, wie wir es vielleicht vorher getan haben. Und damit auch nicht so nachlässig mit ihr umgehen. Sondern stärker ins Bewusstsein rufen, dass es eine gesellschaftliche Verantwortung ist, die Rahmenbedingungen für die Freiheit von Kunst und Kulturproduktion tatsächlich dauerhaft zu gewährleisten.“ (Quelle: DLF Kultur, Audioskript)

 © Kreative Deutschland

Agiles, kreatives und leidenschaftliches Handeln in der Corona-Krise

Obwohl viele Kreative um das eigene Überleben kämpfen, richten sie ihre Aufmerksamkeit sofort auf Problemstellungen der Corona-Krise und suchen nach Lösungsansätzen. Hier einige großartige Beispiele:

  • Kreative im sächsischen Augustusburg im Erzgebirge (ab 6:00) beraten in Bürger zum Thema Digitalisierung und entwickeln im Auftrag des Bürgermeisters eine Stadt-App für den Informationsaustausch – Deutschland.
  • Abwrackprämien für Websites statt für Autos (siehe oben): Der Bundesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft „Kreative Deutschland“ entwickelt eine Slogan-Kampagne. „Wir sind überzeugt: wir brauchen jetzt neue Rezepte.” Die Kreativbranche hat viele Ideen, wie es besser geht und möchte sie zusammen mit Unternehmen, Verbänden, Politik, Verwaltung, Stiftungen, Bildung und Zivilgesellschaft realisieren.   
  • Das Theater “Markant” im niederländischen Uden und das Raumgestaltungsunternehmen “Tausch” haben gemeinsam eine Corona-Wiedereinstiegsstrategie in Form eines Covid-19-Protokolls für größere Theater entwickelt. Damit könnten größere Theater eine Auslastung bis zu 70 % erreichen. “Es umfasst etwa dreißig Maßnahmen zur Risikokontrolle und Kontaminationsvermeidung. Die Methode wurde vom renommierten Prüfinstitut TÜV Nederland auf Machbarkeit und Risiken getestet. Der TÜV Nederland stellt ein Zertifikat aus, wenn ein Theater die Kontrollmaßnahmen zur Verhinderung einer weiteren Verbreitung des Virus nachweislich umsetzen kann. Die beigefügte 3D-Animation zeigt einen vom TÜV Niederlande zertifizierten Plan.”
  • Prominente StreetArt-Künstler*innen in Kalifornien lassen ihre Motive auf T-Shirts drucken. Die Erlöse gehen an notleidende Künstler*innen und an Obdachlose:   Auch in Deutschland können Künstler*innen durch den Kauf von T-Shirts unterstützt werden. Die Hälfte des Erlöses (10 €) geht an die Kunstnothilfe Elinor. Die T-Shirts sind laut Hersteller fair gehandelt: “Wir bedrucken zertifizierte T-Shirts aus 100% Bio-Baumwolle. Jedes Shirt wird auf Bestellung in Deutschland bedruckt.” Hier bestellen
  • DULSBERG LATE NIGHT: Um mit seinen Schüler*innen während der Schulschließung verbunden zu sein und ihnen einen persönlichen Ankerpunkt zu geben, “erfindet” der Hamburger Schulleiter Björn Lengwenus eine allabendliche youtube-Show. Sechs Wochen vom 23.3.-4.5.2020 steht jeder Abend unter einem anderen Motto. Die Sendungen werden immer kreativer und bunter. Mit viel Spaß und Leidenschaft bringen sich die Schüler*innen selbst ein – mit Ideen, Texten, Bildern, Fotos, Handyclips und Filmbeiträgen. In Live-Telefonaten erzählen sie aus ihren Kinder- und Jugendzimmern, wie ihr Tag verlief, von ihren Sorgen, Ängsten und Problemen, von ihren Freuden und Erfolgen, natürlich auch über das digitale Homeschooling. Es gibt eingespielte Grüße und Statements über Videobotschaften aus anderen Städten und aus aller Welt. Als “Show- und Headmaster” wird Schulleiter Lengwenus von den Filmemachern Ole Schwarz, Martin D`Costa und Matthias Vogel der Kulturagenten Hamburg unterstützt. Dank ihrer Hilfe gibt es auch Filmberichte aus dem Stadtteil Dulsberg, mit dem die Schule immer in einem engen Austausch ist, mit den Bewohner*innen, mit Kultur- und Freizeitorten, mit Sportclubs, mit Unternehmen und anderen Institutionen. Genau so sieht es Björn Lengwenus: “Schule besteht nicht nur aus blankem Lernen!” – sondern aus vielfältigen Lebens- und Alltagserfahrungen, aus Begegnungen, Gesprächen, Mitmenschen und ganz viel Kultur. Die Schule lebt vor, wie Schule sein sollte: ein Ort des lebendigen Lebens, der Teilhabe, der Wertschätzung, der Solidarität. Die Schule Alter Teichweg wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. von der Hamburger Handelskammer als „Beste Ganztagsschule Hamburgs“ und mit dem Hamburger Bildungspreis für das Projekt Filmfabrik Dulsberg. An der Schule lernen auch fast 300 Schüler*innen der angegliederten Eliteschule des Sports.
  • AFRIKA, Simbabwe: Künstler unterschiedlichster Sparten präsentieren auf der Plattform Moto-Republik ihre gemeinsamen kokreativen Auftritte über Facebook, z. B. Rapper und Filmemacher, Tänzer und Illustratoren, Poetry Slammer und DJanes. Besonders populär ist die „Bang Bang Comedy Game Show“. Alle KünstlerInnen erhalten Gagen für ihre digitalen Auftritte, finanziert über Simbabwes größte Kreativorganisation Magamba (“Helden”) in der Hauptstadt Harare, die seit 2007 junge Menschen im Land inspirieren möchte, den Wandel im Land voranzutreiben (Film). Auch ein allmonatlicher Kunsthandwerkermarkt Hustler’s Market wurde ins Netz transferiert, die Produkte online gekauft und nach Hause geliefert werden. Besonders innovativ ist das datenjournalistische Projekt Open Parly, das Parlamentsdaten über soziale Medien, Technik, Apps, Online- und Offline-Plattformen zusammenführt, damit BürgerInnen mit Politikern in Austausch treten können. Bei den Moto Hacks Open werden neue bürgernahe technische Lösungen entwickelt, damit Bürger auf der Basis öffentlicher Daten fundierte Entscheidungen treffen können. EIN VORBILD FÜR DEUTSCHLAND…
    Vielen Dank an Leonie March von Weltreporter & Riffreporter für die inspirierenden Berichte aus Simbabwe bei Deutschlandfunk Kultur über die dortige Comedy-Szene und die Aktivitäten von Kreativen während der Corona-Quarantäne.

AUFRUF: Schickt mir gerne weitere Beispiele für kreative Ideen, um Probleme und Herausforderungen der Corona-Krise zu meistern: kreativ@MassivKreativ.de  

 © genäht von Sabine Ringel

Kulturelle Aufarbeitung von Corona, kollektives Gedächtnis

Das Museum Europäischer Kulturen (MEK) Berlin ruft unter dem Hashtag #CollectingCorona  Menschen in ganz Europa auf, persönliche Eindrücke, Gedanken und Zeugnisse einzureichen, um für künftige Generationen zu dokumentieren, wie sich der Umgang mit der Pandemie für Europäer*innen anfühlt.

Auch das Corona-Archiv der Universitäten Hamburg, Bochum und Gießen und der Körber-Stiftung sammelt als Public-History-Projekt Erlebnisse, Geschichten, Objekte und Artefakte zum Thema.

Die Schutzmasken sind rasch zu einem Mode-Accessoir geworden: Maskenpflicht zur Maskenkür machen. Das Deutsche Textilmuseum Krefeld will Corona-Schutzmasken prämieren und dokumentieren. Wer mitmachen will, kann ein Porträtfotos von sich mit einer selbst genähten oder gestalteten Maske per Mail an textilmuseum@krefeld.de

 © genäht von Sabine Ringel

Über die Schöpferin der abgebildeten Masken

Sabine Ringel steht stellvertretend für tausende kreative Nähkünstler*innen, die quasi über Nacht und aus dem Nichts mit viel Herzblut unzählige Masken gefertigt haben. Sabine Ringel nähte auf Bestellung und auch völlig selbstlos aus sozialem Engagement heraus, um Lücken auszugleichen und um Risikogruppen zu helfen. Für eine Seniorenresidenz in Niedersachsen spendete sie “Snutenpullis”, damit die Bewohner bald wieder Besuch empfangen können. Einer Musikband schenkte sie “Noten-Masken” (Foto siehe oben). Einer Hamburger Firma überließ sie kürzlich ihre kompletten Restbestände und konnte den MitarbeiterInnen so über einen Masken-Engpass hinweghelfen. Danke, liebe Sabine, für Dein großartiges Engagement und dafür, dass die Deine kreativen Werke hier zeigen darf! 

Der StreetArt-Künstler und Schöpfer von „World Mobile Virus”

Die Mona Lisa mit Mundschutz stammt von dem Street Art-Künstler TV Boy alias Salvatore Benintende. Er wurde 1980 in Palermo geboren, wächst in Mailand auf, wo er bereits mit sechzehn Jahren beginnt auf der Straße zu malen. “Die Straße ist seit 1996 mein Museum” sagt er. 2004 zieht er nach Barcelona, eröffnet ein Atelier und ruft die “Urban Pop Art”-Bewegung ins Leben. Seit 2008 tritt er als TV-Boy in Erscheinung. Ab 2011 entwickelt er eine neue Serie von urbanen Werken mit zeitgenössischen Politikern, historischen und öffentlichen Persönlichkeiten, die er neu interpretiert. 2017 erlangt er mit dem lebensgroßen Wandgemälde Love is Blind  große Popularität, das einen Kuss zwischen Messi und Ronaldo darstellt und wenige Tage vor dem San-Jordi-Tag und dem “Clasico”-Tag in Passeig de Gracia 1 angebracht wurde. Im Mai 2017, wenige Tage vor dem Treffen zwischen Trump und Papst Franziskus, erscheint in Rom ein weiteres städtisches Kunstwerk, ein Kuss zwischen einem teuflischen Trim und einem engelsgleichen Papst mit dem Titel “Das Gute vergibt das Böse”. Seitdem nennt ihn die Presse den „Graffitikünstler der unmöglichen Küsse“. Angela Merkel und Martin Schulz zeigt er als Hipster-Liebespaar, die durch die Straßen Berlins spazieren. Unter dem Eindruck von Corona entstehen 2020 World Mobile Virus und Love in the Time of Covid 19.

Impulsgeber für die Post-Corona-Zeit

Künstler und Kreative sind Betroffene und Leidtragende der Corona-Krise, aber ebenso kreative Problemlöser für die Zeit während der Krise sowie Vordenker und Impulsgeber für die Zeit danach. Genau deshalb sollten Politiker Künstlern und Kulturschaffenden aufmerksam zuhören. Sie finden nicht nur die richtigen Bilder, Worte, Bewegungen, Klänge, für das was unbegreiflich ist, wie Shakespeares Hamlet sagt: „Die Zeit ist aus den Fugen geraten!“ Sie finden zum anderen aber auch Ideen, Kreativität, Visionen, Vorschläge und Auswege aus Fehlentwicklungen, die sich in Zukunft nicht mehr wiederholen sollen.

AUFRUF an die Politik

Liebe Politiker*innen, wir möchten die Zukunft der Kultur gemeinsam mit Ihnen kokreativ denken, planen und entwickeln. Kultur- und Kreativschaffende aus allen Sparten und allen Kulturinstitutionen möchten und werden Ihnen als Diskussionsgrundlage passende Vorschläge und Strategien liefern, um
1) gemeinsam Masterpläne für Wiedereinstiegsszenarien in das Kulturleben zu entwickeln (unter Beachtung von Schutzmaßnahmen) und
2) um längerfristig zu sinnvollen Maßnahmen für ein Konjunkturprogramm für Kunst, Kultur und Kreativität zu gelangen. Dafür ist auch ein Kultur-Investitionsfonds nötig, wie vom Deutschen Kulturrat (und seinen Sektionen, z. B. Deutscher Musikrat) vorgeschlagen. Vorschläge für ein nachhaltiges  Konjunkturprogramm für die Kultur- und Kreativwirtschaft entwickelt das PCI – Promoting Creative Industries – das Netzwerk von 39 lokalen un regionalen öffentlicher Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland – gemeinsam mit dem Bundesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Kreative Deutschland. Es geht dabei um Ideen, wo und wie Finanzmittel zur Unterstützung der Szene sinnvoll eingesetzt werden sollten – für Projekte, für Kopfarbeit und Strukturen, für Hardware und Software. Zukunftspläne darf und sollte Politik nicht im Alleingang aufstellen. Es braucht dazu fachliche Unterstützung aus der Kultur.

Liebe Politiker*innen: Holen Sie Künstler, Kultur- und Kreativschaffende, ihre Netzwerke und Verbände an einen Runden Tisch!

Durch Corona vom Tätigkeitsverbot betroffene freie Berufsgruppen, insbesondere Kreative:

  • Autor*innen
  • Betreiber*innen von Fahrgeschäften / Losbuden / Marktbeschicker*innen
  • Bühnen-, Licht- und Tontechniker*innen
  • Comedians / Kabarett*innen
  • DJs, DJanes
  • Filmkünstler*innen, Filmemacher*innen, Kameraleute
  • Fotograf*innen
  • Freelancer*innen der Eventbranche
  • Grafiker*innen, Designer*innen
  • Honorarlehrer*innen an Musikschule / VHS / Erwachsenenbildung
  • Journalist*innen, die nicht tagesaktuell arbeiten
  • Kleinkünstler*innen / Entertainer*innen
  • Komponist*innen
  • Kunsthistoriker*innen in Museen und Ausstellungen
  • Lehrkräfte für Integrationskurse / Politische Bildung / DAZ / Sprachlehrer*innen
  • Mitarbeiter*innen der Sicherheitsbranche (Absicherung v. Events, Konzerten u.ä.)
  • Mitarbeiter*innen in (gemeinnützigen) Vereinen
  • Mitarbeiter*innen in Clubs, Konzerthäusern, Theatern
  • Mitarbeiter*innen in der kulturellen Bildung für Erwachsene, Kinder und Jugendliche
  • Mitarbeiter*innen in Museen, Gedenkstätten
  • Musiker*innen
  • Musikpädagog*innen
  • Organisator*innen, die in Eigeninitative Events aller Art veranstalten
  • Puppenspieler*innen
  • Regisseur*innen
  • Restaurator*innen
  • Sänger*innen
  • Schauspieler*innen
  • Servicepersonal für Gastronomie in der Eventbranche
  • Stagemanager*innen
  • Tänzer*innen, Choreograph*innen, Tanzlehrer*innen
  • Veranstalter*innen von Festivals
  • Veranstaltungstechniker*innen
  • Zirkusartist*innen und -pädagog*innen
  • Schausteller*innen
  • ….

Und viele weitere freiberuflich und soloselbständig Tätige:

  • Näher*innen, u. a. auch die von Mundschutzmasken
  • Dozent*innen für Erste Hilfe, Notfalltraining, Brandschutz, 
  • Fahrlehrer*innen
  • Frisör*innen
  • Gastronomie- und Hotelmitarbeiter*innen
  • Mitarbeiter*innen im Gesundheitssektor: Osteopathie, Heilpraktiker, Fußpflege, Yoga, Physiotherapeuthen, psychologische Berater*innen…
  • Mitarbeiter*innen im sozialer Bereich, Jugendschutz, im Coaching
  • Mitarbeiter*innen für Haushaltwaren-, Kosmetik-, Textil- und ähnlichen Branchen (in Kaufhäusern)
  • Übungsleiter*innen Sport, für Erlebnispädagogik, Gesundheitstraining, Lehrkräfte Tai Chi/Qi-Gong
  • Vermieter*innen von Tourbussen