Open Innovation: Innovationen fallen nicht vom Himmel

464556_web_R_K_B_by_JMG_pixelio.de © JMG, Pixelio

Wer über Globalisierung und Demografie, Nachhaltigkeit und Vielfalt nachdenkt, kommt automatisch zu der Erkenntnis, dass es ohne „open innovation“, also ohne interdisziplinäre, branchenübergreifende Vernetzung heute nicht mehr geht. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist hier Vorreiter: Architekten lenken bei Bauprojekten um die 20 verschiedenen Gewerke. Im Theater vermitteln Regisseure sogar zwischen 50 verschiedenen Berufsgruppen: Kunst und Marketing, Verwaltung und Organisation, Handwerk und Technik. Vermitteln und Querdenken ist für Akteure der Kreativbranche Tagesgeschäft und erfordert eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz. Davon kann die klassische Wirtschaft profitieren. Künstler kennen keine Routinen, am Anfang steht immer das „weiße Blatt“. Was sie schon geschaffen haben, wird hinterfragt, um Neues schöpfen zu können.

Themenfelder für interdisziplinäre Projekte
Bisherige Kooperationsprojekte zwischen klassischer Wirtschaft und Kultur- und Kreativbranche verliefen vielversprechend – zu Themen wie Industrie 4.0 und Digitalisierung, Design und Produkterweiterung, Marketing und Kommunikation, Logistik und Kundenservice, Strukturwandel und Mitarbeiterführung, Nachhaltigkeit und Diversity. Von den Impulsen der Kreativbranche können Unternehmen nur profitieren und so neue Herausforderungen meistern. Andreas Heyer, Vorsitzender Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen, findet, dass Unternehmen viel zu selten über den Tellerrand schauen: „Ein Absolvent aus der Kulturwirtschaft sieht die IT-Branche aus einem ganz anderen Blickwinkel als eine IT-spezifische Beratungsagentur. Das ist der große Mehrwert, dass hier andere Denkmuster zum Tragen kommen.“

Kreativität ohne Feierabend
Wenn klein- und mittelständische Unternehmer über die Zusammenarbeit mit Künstlern und Kreativen berichten, schwingt immer viel Anerkennung und Begeisterung mit – über die Ernsthaftigkeit und den Biss der Kreativen bei der Bewältigung eines Problems. Kreative schauen nicht auf die Uhr. Sie testen Ideen und Alternativen so lange, bis sie die Herausforderung geknackt haben. Auch wenn sie nicht mehr am Schreibtisch sitzen, suchen sie im Kopf weiter nach Lösungen.

Kontaktanbahnung
Noch sind es meist die Kreativen, die Kontakt zu den Unternehmen suchen, um alternative Denkmuster anzubieten. Doch Kaltakquise ist schwierig. „Man braucht zunächst mal Vertrauen“, bestätigt Geschäftsführer Clemens Kreyenberg von der Kreyenberg GmbH. Bevor er zwei junge Künstlerinnen für eine kreative Intervention zum Thema „Mensch und Maschine“ in seine Firma holte, hatte er sie bei einer Veranstaltung der Initiative „Unternehmen! KulturWirtschaft“ am Nordkolleg Rendsburg kennen gelernt. Beim Stehbuffet war die Sympathie füreinander sofort da.

Begegnungsräume und Berührungsängste
Gebraucht werden Anlässe und Räume, in denen sich Unternehmer und Kreative in ungezwungener Atmosphäre auf Augenhöhe begegnen und austauschen können. Beide Seiten merken dann schnell, wie ähnlich sie sich in vielen Punkten sind: Auch Unternehmer denken und handeln kreativ. Auch Künstler bzw. Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten professionell und zuverlässig.

Yes to Innovation_Robert KesslerRobert Kessler_Yes to Innovation 2 © Robert-Kessler.de

Mit Kunst Bewusstsein für Innovation schaffen
Robert Kessler hat mit seinem Kunstwerk Yes to innovation die Bedeutung von Innovation veranschaulicht – im Auftrag des Unternehmens Roche Diagnositics. Der Standort in Penzberg ist weltweit der einzige, an dem das Unternehmen zugleich Forschung, Entwicklung und Produktion für Diagnostik und Pharma betreibt. Kessler führte viele Gespräche mit Mitarbeitern, um Struktur, Befindlichkeiten und Visionen im Unternehmen zu verstehen. Auf dieser Basis realisierte er „Yes to innovation“ – ein interaktives Kunstwerk, in deren Zentrum eine riesige, runde, begehbare Gleichgewichtsplatte versenkt ist. Oberhalb des Randes sind gegensätzliche Begriffe eingraviert, die Innovation entweder vorantreiben oder behindern: Freiheit, Offenheit und Vertrauen im Gegensatz zu Angst, Abwertung und Misstrauen. Je nachdem, wie viele Menschen auf der Platte stehen und sie austarieren, werden die Begriffe sichtbar. Am Außenradius befindet sich eine halbkreisförmig gebogene schwarze Stahlwand mit kleinen, runden beweglichen Spiegeln. Gemäß der Anzahl der Mitarbeiter im Unternehmen fangen sie das Sonnenlicht ein. Jeder hat hinter seinem Spiegel auf Papier eine persönliche Botschaft hinterlassen und wird somit Teil der neuen Schöpfungsgeschichte im Unternehmen.

Aufruf: Ihr Weg zur Zusammenarbeit mit der Kultur- und Kreativbranche
In jeder Stadt und jeder Region finden Sie Netzwerke und Verbundplattformen von Kreativen. Auch Wirtschaftsförderungen und IHKs kennen geeignete Vermittler bzw. Akteure. Die Wirtschaftsförderungen in Bremen und Dortmund haben für klein- und mittelständische Unternehmen Design- und Innovationslabors initiiert, in denen konkrete unternehmerische Fragestellungen von Kreativ-Teams interdisziplinär bearbeitet werden. Lassen Sie sich bei Ihren Herausforderungen von kreativen Querdenkern unterstützen! Was Sie in Ihrem Unternehmen vielleicht selbst nicht ergründen, entdecken kreative Spezialisten. Gehen Sie mit Vertrauen in den Kollaborationsprozess, haben Sie Mut für offene Ergebnisse.

Sie als Unternehmer können zu diesen interdisziplinären Think Tanks und Kreativ-Netzwerken Kontakt aufnehmen:

● KREATIVE DEUTSCHLAND: überregionales Netzwerk und Plattform, getragen von den Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft, hier finden Sie Kontakte und Ansprechpartner zu regionalen Netzwerken der Kreativbranche: www.kreative-deutschland.de

● KULTURGILDE: Verband, Interessenvertretung und Plattform für Kreativnetze und Verbundprojekte der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland: www.kulturgilde.de

● Das INNOVATIONSLABOR – Virtueller Innovationsinkubator für technologiebasierte Verwertungs- und Geschäftsideen, Projekt von „Der Innovationsstandort e.V.“, koordiniert von der Stadt und der Wirtschaftsförderung Dortmund: www.das-innovationslabor.de

● Das BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen. Kreative Nachwuchskräfte erarbeiten unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze: www.brennerei-lab.de

• Die Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg vermittelt und begleitet Interventionen mit Kreativschaffenden und Künstlern in Unternehmen zu einer konkreten unternehmerischen Fragestellung.

Weitere Quellen und Inspirationstipps:

● Filminterviews zur Künstlerischen Intervention „Mensch und Maschine“ mit Geschäftsleitung, Mitarbeitern und Künstlern bei der Kreyenberg GmbH von Antje Hinz: https://www.massivkreativ.de/mensch-und-maschine-flashmob-bei-der-kreyenberg-gmbh/

● Film über das Kunstwerk „Yes to innovation“ von Robert Kessler: https://www.youtube.com/watch?v=RC61k1ttCzc

● Der US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler Henry William Chesbrough prägte den Begriff „Open Innovation“. Er leitet das Center for Open Innovation, Haas School of Business, University of California, Berkeley. Bücher zum Thema: Open Innovation: The New Imperative for Creating and Profiting from Technology (HBS Press, 2003), Open Business Models: How to Thrive in the New Innovation Landscape (HBS Press, 2006), Open Innovation: Researching a New Paradigm (Oxford, 2006).

Medienfassaden und Space Cocktails: Innovative Impulse für die Wirtschaft

BRENNEREI next generation lab_11_AHBRENNEREI next generation lab_14_AHBRENNEREI next generation lab_02_AHBRENNEREI next generation lab_13_AHBRENNEREI next generation lab_09_AHBRENNEREI next generation lab_08_AHBRENNEREI next generation lab_04_AHBRENNEREI next generation lab_06_AHBRENNEREI next generation lab_15_AHBRENNEREI next generation lab_05_AHBRENNEREI next generation lab_17_AHBRENNEREI next generation lab_03_AH
BRENNEREI next generation lab_10_AHBRENNEREI next generation lab_12_AHBRENNEREI next generation lab_16_AHBRENNEREI next generation lab_07_AH (2)

© Antje Hinz, Ausstellung der WFB_BRENNEREI next generation lab am 24.9.2015

      Telefon-Interview-Brennerei-Andrea-Kuhfuß_geschnitten_Teil-1_klein
      Telefon-Interview-Brennerei-Andrea-Kuhfuß_geschnitten_Teil-2-klein

Der Innovationsdruck für Unternehmen steigt. Die Produktzyklen werden immer kürzer, der Markt verlangt ständig nach neuen Fabrikaten und Dienstleistungen. Innovationen lassen sich selten aus der täglichen Arbeitsroutine heraus generieren, sagt Andrea Kuhfuß von BRENNEREI next generation lab, einem interdisziplinären Innovationsprojekt der Wirtschaftsförderung Bremen in Zusammenarbeit mit Absolventen kreativer und künstlerischer Studiengänge. Ich habe mit ihr und mit Andreas Heyer, dem Vorsitzenden Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen, gesprochen.

Marktausbau durch kreative Produkterweiterung

Wovon viele Unternehmen träumen, ist der ONLYGLASS GmbH aus dem niedersächsischen Verden gelungen. Das Familienunternehmen hat sich auf Glasveredelung spezialisiert. Mit Blick auf den internationalen Markt suchte Geschäftsführer Reinhard Cordes vor einigen Jahren gezielt nach einem Alleinstellungsmerkmal. Bei einer Reise nach New York fielen ihm auf dem Time Square die riesigen Reklametafeln auf, die die historischen Fassaden verdecken und verunstalten. Eine Alternative aus Glas wäre viel besser, dachte Cordes damals, zumal Glasfassaden im Städtebau topaktuell sind. Seine Idee lässt ihn nicht mehr los. Über vier Jahre entwickelt ONLYGLASS gemeinsam mit Partnern aus Hochschulen in Braunschweig, Hamburg und Aachen/Jülich eine neue Medienfassade mit LED-Technik. Senkrecht angeordnete Leuchtdioden werden in den Zwischenraum von Isolierglasscheiben integriert. Der große Vorteil: Die Medienfassaden sind transparent, der Blick aus dem Fenster wird nicht getrübt. Das Zusammenspiel der bunten LEDs reguliert ein Computer.

Onlyglass-Fassade_Klubhaus St. PauliOnlyglass-Fassade_Kind_Messe
Onlyglass-Fassade_MitarbeiterOnlyglass-Fassade_Klubhaus St. Pauli-gold

© Christian O. Bruch: Opening Klubhaus / fact+film: Mitarbeiter / Christoph Sodemann: Kind

Think Tank für Unternehmen

ONLYGLASS forscht nicht nur nach neuen Technologien. In einem Think Tank der Wirtschaftsförderung Bremen finden die Glasexperten kreative Vordenker. Im Rahmen des Stipendiatenprogramms „BRENNEREI next generation lab“ tüfteln acht sorgsam von einer Jury ausgewählte Absolventen künstlerisch-kreativer Studiengänge an einer konkreten unternehmerischen Fragestellung. Sechs Monate dauert eine Projektphase. Für ONLYGLASS ermitteln die jungen Kreativen alternative Einsatzmöglichkeiten ihrer Produkte: Welcher erweiterte Markt lässt sich mit den neuen Medienfassaden erschließen? Umgangssprache unter den Stipendiaten englisch, sie stammen aus der ganzen Welt. Die meisten haben Kommunikations- und Design-Studiengänge absolviert und stellen sich hoch motiviert der doppelten Herausforderung: einerseits in einem interdisziplinären Umfeld zu arbeiten, andererseits reale Szenarien aus der Wirtschaft zu fokussieren. Unter Anleitung von Mentoren und Experten und im Dialog mit den Auftraggebern von ONLYGLASS erarbeiten die jungen Absolventen innovative Lösungsvorschläge.

Die Wurzeln

Vorgänger des interdisziplinären Stipendiatenprogramms ist das Designlabor Bremerhaven, angetreten im Jahr 2000, um Nachwuchskräfte aus designorientierten Disziplinen zu professionalisieren und gleichzeitig innovative Impulse in die Wirtschaft zu tragen. Seit 2012 wird dieses Vorhaben nun von „BRENNEREI next generation lab“ realisiert, aktuell arbeiten die Stipendiaten am sechsten und siebten Kooperationsprojekt. Von der Initiative der Wirtschaftsförderung Bremen profitieren alle Partner. Unternehmen zahlen an den Think Tank einmalig 12.500 € und erhalten für wenig Geld innovative Impulse für neue unternehmerische Ansätze. An die Stipendiaten fließt ein monatliches Honorar von 1.580 € brutto angelehnt an den Mindestlohn. Der eigentliche Gewinn für die jungen Kreativen liegt im Zugewinn an Erkenntnissen. Sie sammeln Erfahrungen im Team, im Prozess- und Projektmanagement, in der Konzeptentwicklung und der Kommunikation.

© WFB_BRENNEREI next generation lab

Praxisnahes, branchenübergreifendes Arbeiten

Andreas Heyer, Vorsitzender Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen erklärt den großen Erfolg des Programms in dessen besonderer Konzeption: „Normalerweise holen sich die Unternehmen ihre Beratung und Begleitung von außen – also immer nach einem bestimmten Muster und aus einer typischen Branche. Im Rahmen unseres Stipendiatenprogramms stellen wir bewusst interdisziplinäre Teams aus branchenfernen Fachrichtungen zusammen. Unsere Absolventen eröffnen Sichtweisen und Blickwinkel, die in der Unternehmenslandschaft bisher gar nicht vorhanden waren. Ein Absolvent aus der Kulturwirtschaft sieht die IT-Branche aus einem ganz anderen Blickwinkel als eine IT-spezifische Beratungsagentur. Das ist der große Mehrwert, dass hier andere Denkmuster zum Tragen kommen.“

Nachwuchsgewinnung

Die unkonventionellen Ideen der jungen Kreativen haben viele Unternehmer überrascht. Vor allem deren unbändige Energie empfinden sie als sehr inspirierend und nehmen die besondere Atmosphäre gern in die Unternehmen mit. Hinzu kommt ein weiterer Mehrwert, betont Heyer: „In einem praxisnahen Umfeld treten die Firmen sehr früh in den Dialog mit jungen Absolventen ein und können sich langfristig geeigneten Nachwuchs sichern. Für die jungen Absolventen ist das Programm ein Anreiz, ihre berufliche Zukunft in Bremen zu planen.“

Kreative Methoden und Vermittlung

Forschen, Analysieren, Experimentieren, Entwickeln, Präsentieren. Etwa 60 Stunden innerhalb des Programms sind für den fachlichen Input von Mentoren vorgesehen. „Wir diskutieren sehr intensiv über mögliche Ideen, wir visualisieren sie in Form von Grafiken oder 3D-Modellen und präsentieren sie unseren Wirtschaftspartnern“, erklärt die Projektleiterin und Innovationsmanagerin Andrea Kuhfuß die Arbeitsweise im Think Tank. Der halbjährige Prozess läuft ergebnisoffen ab. Kreativität braucht Freiraum. Manchmal stellt sich heraus, dass die anfangs formulierte Fragestellung nicht zum gewünschten Ziel führt. Um eine praktikable Lösung zu finden, muss dann ein anderer Weg eingeschlagen werden. Kuhfuß sorgt mit Kommunikationsstärke und sozialer Kompetenz für die notwendige Offenheit und das Vertrauen zwischen Wirtschaft und Stipendiaten. Eine überaus wichtige Funktion!

© WFB_BRENNEREI next generation lab

Kundenbefragungen auf Augenhöhe

Neben Brainstorming und DesignThinking gehören klassische Internet-Recherchen und Befragungen zum gängigen Handwerk. In diesem Jahr kooperiert „BRENNEREI next generation lab“ mit dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum. Geklärt werden soll die Frage, welchen Nutzen die Raumfahrt für den Bürger hat: „Die Luft- und Raumfahrt ist eine sehr wissenschaftlich-theoretische Branche“, erklärt Andrea Kuhfuß. „Dafür muss der Bürger erst mal emotionalisiert werden. Das geht am besten, indem man das Gespräch mit ihm sucht und ihn bei den Erfahrungen abholt, die er aus dem Alltag kennt.“ Handstaubsauger, Infrarot-Fieberthermometer, kratzfeste Brillengläser, Gel-Einlagen für Schuhe, schnurlose batteriebetriebene Werkzeuge, Wasserfilter – all das ist ursprünglich für Astronauten erfunden worden. Um Barrieren zu überwinden und Antworten zu erhalten, kreierten die Stipendiaten einen Begegnungsort, eine originelle Cosmo-Lounge. Jedem auskunftsfreudigem Bürger wird dort ein Space-Cocktail spendiert. Die Ergebnisse der Befragungen sollen in eine Publikation münden.

© WFB_BRENNEREI next generation lab

Markterweiterung durch Perspektivwechsel

Auch für ONLYGLASS entwickelten die Stipendiaten eine Broschüre als Werbemittel für potentielle Kunden. Darin wird exemplarisch dargestellt, dass Medienfassaden nicht nur als Reklamefläche genutzt werden können, sondern darüber hinaus als innovative Fassadenbeleuchtung und urbanes Kommunikationsmittel – von Architekten, Stadtplanern, Fotografen, Filmemachern und Künstlern. „Die Stipendiaten haben bei uns im Unternehmen einen Perspektivwechsel angeregt – im Hinblick auf die Vermarktungsvielfalt unserer Medienfassaden“, schwärmt ONLYGLASS-Product-Manager Ralf Krüßel über das interdisziplinäre Arbeiten. Andrea Kuhfuß ergänzt: „Innovation braucht Kollaboration, Professionalisierung sowie interdisziplinäres Denken und Handeln. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, können sehr spannende Dinge entstehen.“ ONLYGLASS lässt gerade in das sechsstöckige Klubhaus St. Pauli in Hamburg seine neue Medienfassade einbauen. Zum Reeperbahnfestival Ende September 2015 soll sie mit Videoinstallationen bespielt werden.

Kommunikation und soziale Innovationen

Neben technologischen Fragen müssen Unternehmen heute auch soziale Herausforderungen meistern, etwa in der Personalentwicklung, im Gesundheits- und Wissensmanagement, in der Organisation und Kommunikation. Wer beim Kundenservice und Verbraucherschutz glänzen will, muss die Klaviatur des verbalen Austauschs beherrschen. Um im Falle eines Produktrückrufs die Kommunikation zwischen Unternehmen, Verbrauchern und Behörden zu verbessern, hat „BRENNEREI next generation lab“ in Kooperation mit der Software-Unternehmen „consider it GmbH“ den Prototyp für eine übergreifende Internet-Plattform entwickelt. Als praktische Gebrauchsanleitung produzierten die Stipendiaten einen Erklärtrickfilm.

© WFB_BRENNEREI next generation lab

Logistik, IT, Digitalisierung, Industrie 4.0 *

Auch das aktuelle Stipendiatenprogramm fokussiert das Thema Kommunikation: In Zusammenarbeit mit „Bremen digitalmedia“ wird die Frage geklärt, wie sich der Kontakt zwischen IT und Logistik intensivieren lässt. Die jungen Kreativen brüten derzeit an einem innovativen Veranstaltungsformat, das Akteure aus der Logistik, IT, Wissenschaft und Gestaltung in einen fruchtbaren Austausch bringt. Die Ergebnisse der Think Tanks werden jeweils in der BRENNEREI präsentiert. Im kreativen Milieu der ehemaligen “Alten Schnapsfabrik“ in Bremen lädt die Wirtschaftsförderung Bremen regelmäßig zu Innovationsforen und Innovationswerkstätten ein. Dabei kommen zwischen sechs und zehn Unternehmensvertreter aus verschiedenen, sich befruchtenden Branchen in kleinen Workshop-Formaten zusammen – oft zu Clusterthemen, wie Luft- und Raumfahrt, Maritime Wirtschaft und Logistik, Windenergie. Es geht um Wissens- und Technologietransfer mit Blick auf die Megatrends demografischer Wandel, Globalisierung, Digitalisierung. Andreas Heyer erläutert diesen Ansatz am Beispiel von „Industrie 4.0“: „Bei diesem Thema reichen klassische Gedankenmuster nicht mehr aus. Da muss man einfach interdisziplinär denken und integrativ schauen, welche Akteure, welche Fähigkeiten und Branchen hier kooperieren und sich gegenseitig befruchten und vernetzen können.“
Die eher traditionelle Branche Logistik, so Heyer, tausche sich zunehmend über das Thema Social Media aus, um in der Öffentlichkeitsarbeit und im Beziehungsmanagement gegenüber Kunden besser aufgestellt zu sein. Unter professioneller und interdisziplinärer Anleitung entwickeln die Unternehmensvertreter sehr intensiv und praxisnah arbeitsfähige Ideen und Modelle, die tatsächlich im Arbeitsalltag umgesetzt werden. Im Idealfall bilden die Teilnehmer Netzwerke, aus denen heraus gemeinsam Projekte akquiriert und realisiert werden. *

Auszeichnung und Zukunftspläne

BRENNEREI next generation lab ist ein Labor für interdisziplinäre Entwicklungsprozesse. Das europaweit einmalige Projekt wurde 2014 in der Kategorie „Investitionen in Unternehmenskompetenzen“ mit dem Europäischen Unternehmensförderpreis ausgezeichnet. Ausgelobt in den 28 Mitgliedstaaten der EU sowie in Island, Norwegen, Serbien und der Türkei, würdigt der Award Projekte, die sich um Unternehmergeist und Unternehmertum verdient gemacht haben. Seit 2006 beteiligten sich europaweit mehr als 2.000 Projekte und Initiativen.
Andreas Heyer und Andrea Kuhfuß möchten das Stipendiatenprogramm gern verstetigen, d.h. unabhängig von einer Förderung aufstellen. Das setzt bei den Unternehmen das Bewusstsein voraus, dass sie den (Mehr-)Wert von interdisziplinären Teams anerkennen und vergleichbare Preise dafür zahlen wie für eine Personal- oder Unternehmensberatung. Heyer ist optimistisch und setzt auf Empfehlungsmarketing: „Je deutlicher wir die Erfolge am Markt zeigen, um so mehr Unternehmen lassen sich zum Mitmachen motivieren. Reden über Beispiele und Erfolge – das ist der richtige Weg!“

Inspirationstipps:

BRENNEREI next generation lab ist ein Stipendiatenprogramm der Wirtschaftsförderung Bremen GmbH, in dem kreative Nachwuchskräfte unter Anleitung von Experten und im Dialog mit ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft oder öffentlichen Einrichtungen Grundlagen für neue unternehmerische Ansätze erarbeiten.

* Donnerstag, 17. September 2015, 10 – 18 Uhr
TRANSPORTALE – eintägiger interaktiver Workshop über die digitale Zukunft der Logistik.
Kooperation mit Bremen digitalmedia, Future Lab IT und Logistik; Interessenten aus den Bereichen IT, Logistik, Wissenschaft und Gestaltung entwickeln nach zwei Impulsvorträgen in interaktiven Workshops neue Geschäftsideen auf der Grundlage von Business-, Technologie- und sozialen Trends. Impulsvorträge von Prof. Rolf Drechsler (DFKI, Bremen) und Stephan Hürholz (The Exponentials, London).
Anmeldungen bis zum 9. September unter info@brennerei-lab.de
Ort: Weser Tower, 21. OG, Am Weser-Terminal 1, 28217 Bremen

Do, 24. September 2015, 18 Uhr
ABSCHLUSSPRÄSENTATION der interdisziplinären Stipendiatenprojekte 2015
– Bremen digitalmedia: Wie kann der Kontakt zwischen IT und Logistik intensiviert werden?
– Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt: Welchen Nutzen hat die Raumfahrt für den Bürger?
Ort: Alte Schnapsfabrik (Karton und BRENNEREI), Osterstrasse 28 – 29, 28199 Bremen

WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH

Klub Dialog e.V.: Veranstaltungsforum der Wirtschaftsförderung Bremen an wechselnden Orten, fünf kreative Bühnengäste präsentieren in jeweils sieben Minuten ihre Ideen, Projekte und Unternehmen

Film über das Arbeiten in interdisziplinären kreativen Teams am Beispiel der ONLYGLASS GmbH

Informationsfilm über das Stipendiatenprogramm der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH

Beispielprojekte von BRENNEREI next generation lab mit Projektpartnern HEC Software, Bürgerpark Bremen und ONLYGLASS

Informationsfilm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie über Best Practice aus der Kultur- und Kreativwirtschaft am Beispiel von BRENNEREI next generation lab

Erklärfilm zum branchenübergreifendem Internetportal über Produktrückrufe „Pinco and the Product Recalls“

Förderpreis für innovative und interdisziplinäre Projekte zwischen Wirtschaft und Kreativbranchen

Sozialforscherin Ariane Berthoin Antal über Künstlerische Interventionen

© MassivKreativ

Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal untersucht am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) „Künstlerische Interventionen in Organisationen”. Sie hat in den letzten Jahren über 100 Interventionen europaweit evaluiert, vor allem in klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU). Ich habe die Sozialforscherin ausführlich befragt – am Rande einer interaktiven Konferenz über Künstlerische Interventionen der Initiative „Unternehmen! KulturWirtschaft“ am Nordkolleg Rendsburg.

Im Interview geht es u.a. um diese Fragen:

  • Welches Ziel hatten die Untersuchungen?
  • Welche Fragen wurden an die beteiligten Akteure gestellt – an Geschäftleitungen, Mitarbeiter, Künstler und vermittelnde Intermediäre?
  • Wie lief der Prozess der Untersuchung ab?
  • Wie lässt sich der Erfolg einer Künstlerischen Intervention untersuchen?
  • Was bringt sie den Beteiligten? Welche Erfolgserwartungen gab es im Vorfeld?
  • Wie muss eine Künstlerische Intervention ablaufen, damit sie auch längerfristig und nachhaltig wirkt? Wie gelingt der Transfer der Erkenntnisse in den Alltag?
  • Welche Rolle spielt der Vermittler (Intermediär) bei einer Künstlerischen Intervention?
  • Wie wichtig ist das Matching, damit der Künstler bzw. die Methode zum Unternehmen passt und wie findet heraus, wer zu wem passt?
  • Warum ist es wichtig, dass die Künstlerische Intervention ergebnisoffen verläuft?
  • Eignen sich bestimmte künstlerische Methoden besser als andere?
  • Was sind typische Szenarien, die ein Unternehmen dazu bewegen, einen Künstler in das Unternehmen zu holen?
  • Was sind typische unternehmerische Fragestellungen?

Quellen und Inspirationstipps:

Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, der Link führt auch zu ausgewählten Publikationen der Wissenschaftlerin

• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg

Führen und Folgen: Was Unternehmer von Tänzern lernen

© Ulla Thomas, Pixelio

Welche Atmosphäre herrscht in einem Unternehmen? Wie wirkt die innere Stimmung nach außen? Der Führungsstil beeinflusst dies maßgeblich. Mechanismen des Managements lassen sich „begreifen“ und „spüren“, indem man sich konkrete Handlungsmuster vor Augen führt. Vom Tanzen lässt sich extrem viel lernen!
Welche Vorgaben werden auf dem Parkett gemacht? Wie führt ein Tänzer und in welcher Weise kann der andere Partner folgen? Wieviel Freiraum lässt man sich gegenseitig? Auf welche Art des Tanzens bzw. auf welchen Stil hat man sich zuvor geeinigt? Will man sich lieber klassisch routiniert in traditionellen Bewegungs- und Rollenmustern präsentieren oder neue experimentelle, ungewöhnliche Wege wagen? All das hat Einfluss darauf, welche Ausstrahlung ein Paar auf dem Parkett hat.

Ihre Rolle als Chef
Ganz ähnliche Fragen lassen sich auch auf den Geschäftsalltag übertragen. Haben Sie Ihre Rolle als Chef fest definiert? Welches Selbstbild und welchen Führungsstil tragen Sie nach außen? Vertrauen Sie Ihrer Intuition? Oder ziehen Sie bei neuen Herausforderungen lieber einen Experten von außen hinzu? – So wie Tänzer einen Choreografen. Sehen Sie sich als Solo-Performer oder als Paartänzer bzw. Team-Player? Welchen Part gestehen Sie anderen zu? Favorisieren Sie beim Außenauftritt Ihres Teams Geschlossenheit – so wie bei Tänzern synchrone Bewegungen – oder setzen Sie eher auf individuelle Leistungen? Lassen Sie auch „Kapriolen“ oder „Pirouetten“ zu? Wie wirkt sich die körperliche Verfassung auf Management-Entscheidungen aus? Entscheiden Sie anders, wenn Sie ausgeschlafen und zufrieden sind als wenn Sie unter Stress stehen? Wie senden Sie Signale zur Richtungsänderung im Unternehmen aus, verbal oder nonverbal? Wie nehmen Ihre Partner und Ihr Team Vorgaben auf? Folgen Sie Ihnen blind oder kommt es zu Missverständnissen? Wie können Gesten und Körperhaltung klar und eindeutig ausgesandt werden, damit Partner wunschgemäß reagieren?

Ihre Rolle in der Öffentlichkeit
Und welche Rolle spielt das Publikum? Hat es Einfluss darauf, wie sicher Sie sich bewegen? Wie wirken sich Umgebung, Raum und Zeit auf Ihre (Tanz-)Präsentation aus? Wenn Sie sich diese Rollenmuster praktisch vor Augen führen möchten, laden Sie sich doch einmal einen Tänzer in Ihr Unternehmen ein. Finden Sie in einem Bewegungsworkshop heraus, in welcher Rolle Sie oder Ihre Mitarbeiter sich wohl fühlen! In welchen Situationen wirken Sie entspannt und authentisch? Erfahrene Tänzer können Ihnen alltagsnahe Erlebnisse vor Augen führen. Erleben Sie hautnah, warum Sie sich mit der einen oder anderen Entscheidung Bauchschmerzen hatten. Finden Sie heraus, wieviel Wissen, Technik und Handwerk für Sie wichtig ist und wieviel Intuition. Wieviel Spontaneität und Improvisation ertragen Sie? Was könnte Sie zusätzlich inspirieren und motivieren? Erspüren Sie es und finden Sie es mit Körper und Seele heraus.

Spielwiese für Inspirationen
Die Konferenz-Reihe „Art of Management and Organisation“ führt den Teilnehmern regelmäßig Verhaltensmuster und Mechanismen vor Augen. Im August 2014 haben Brigitte Biehl-Missal (University of Essex; BSP Business School Berlin Potsdam) und Claus Springborg (Cranfield University und freiberuflicher Berater) für den Austragungsort in Kopenhagen verschiedene praktische Panels zum Thema konzipiert und geleitet: „Dance, Choreography and Organisation“. 12 Redner luden in diesem Rahmen zu Vorträgen ein, bis zu 40 Teilnehmer könnten die gewonnenen Erkenntnisse in einzelnen Workshops ausprobieren.

Inspirationstipps:

● ausführliche Informationen über „Dance, Choreography and Organisation“ im Rahmen der Konferenz „Art of Management and Organisation“ in Kopenhagen im Jahr 2014 von Brigitte Biehl-Missal (University of Essex; BSP Business School Berlin Potsdam): Teil 1 und Teil 2

● die 8. AOMO – Art of Management and Organization Conference wird 2016 an der IEDC Business School Bled in Slowenien stattfinden

● Brigitte Biehl-Missal: Wirtschaftsästhetik – Wie Unternehmen die Kunst als Inspiration und Werkzeug nutzen, Gabler Verlag, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-8349-2429-2, Rezension des Buches von Helga Stattler

T.A.N.Z. GmbH: Themenzentrierte Aktionen für Nachhaltige Zusammenarbeit von Jennifer Hoernemann und Walbrodt

Diversity: Warum mehr Vielfalt gut fürs Geschäft ist

629218_web_R_K_B_by_Gaby Stein_pixelio.de © Gaby Stein, Pixelio

Möchten Sie für Ihre Firma Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen? Wie machen Sie auf sich aufmerksam? Oder ist Ihr Unternehmen schon heute multikulturell und generationenübergreifend zusammengesetzt? Wie zeigen Sie dies nach außen und sorgen dafür, dass es so bleibt? Ich berichte Ihnen anhand von Beispielen, warum Vielfalt im Personalmanagement eine Bereicherung für jede Firma ist und zudem auch gut fürs Geschäft.

Ich habe kürzlich ein Symposium des Goethe-Instituts über „Fachkräftegewinnung aus dem Ausland“ besucht. Die als Redner geladenen Neubürger beklagten einhellig: Deutsche Unternehmen würden Mitarbeiter anderer Nationalitäten zu oft als Problem denn als Chance wahrnehmen. Vorrangig würden ihre Defizite thematisiert, wie z. B. fehlende Sprachkenntnisse. Dabei zeigt die Praxis, dass gerade Fachkräfte solche vorübergehenden „Mängel“ innerhalb kürzester Zeit ausgleichen.

Perspektivwechsel als Bereicherung nutzen

Das Spezialwissen von Mitarbeitern anderer Nationalitäten eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, z. B. im Hinblick auf die Markterweiterung. Der Personalchef eines deutschen Herstellers von Küchenbesteck berichtet über ein gelungenes Beispiel aus seinem Unternehmen. So bat er einen Praktikanten aus China, sich das Sortiment seiner Firma einmal mit „asiatischem Blick“ anzusehen. Begeistert über so viel entgegengebrachtes Vertrauen verglich der Praktikant hochmotiviert die deutsche Produktpalette mit gängigen Küchenutensilien in China. Der Vergleich führte zu einer wichtigen Erkenntnis: Die chinesische Küche hat weit mehr Spezialgeräte zu bieten als die deutsche. Was schließlich den Anstoß gab, das Sortiment zu erweitern bzw. das Design entsprechend anzupassen und so den Markt mit speziellem Koch- und Essbesteck auf China zu erweitern.

 © MassivKreativ

Integration nach Feierabend

Diskutiert wurde auch die Frage, warum es Neubürgern schwer fällt, hierzulande heimisch zu werden. Die Gastredner berichteten, dass die Probleme erst nach Feierabend beginnen: kein Austausch mit Deutschen, fehlende Integration. Dabei seien gerade Kontakte in der Freizeit wichtig, um Anschluss zu finden und die Sprache zu erlernen.

Handlungstipps „Diversity“ für Unternehmen

Was können Sie als Unternehmer tun? Wie können Sie in Ihrer Firma für engere Beziehungen zwischen deutschen und ausländischen Mitarbeitern sorgen? Starten Sie eine Umfrage in Ihrem Unternehmen: Lassen Sie Ihre Mitarbeiter auf Kärtchen schreiben, wo sie zuletzt Urlaub gemacht hat. Vielleicht hat jemand im Heimatland des neuen Kollegen seine Ferien verbracht. Bilden Sie aus beiden Mitarbeitern ein Tandem bzw. Kompetenzteam, das eine kleine gemeinsame Geschichte, ein Erlebnis oder eine Anekdote aus dem Land präsentiert – bei einer Betriebsfeier oder einem bunten Abend. Laden Sie auch Ehepartner oder Kinder ein, mitgereisten Familienmitgliedern fällt der Anschluss besonders am Anfang schwer.

Kultur und Herkunft

Falls Sie in einer größeren Stadt leben, bietet sich ein Ausflug ins Völkerkundemuseum an. Ihr neuer Mitarbeiter kann anhand von Museumsobjekten über seine Heimat erzählen. Vielleicht zeigt er auch Fotos seiner Familie oder seines Landes. Bringen Sie neuen Kollegen aus anderen Kulturen aufrichtiges Interesse entgegen, damit sie sich in der neuen Umgebung wohl fühlen. Stellen Sie sich vor, wie es Ihnen in einem anderen Land gehen würde. Keiner trennt sich mit leichtem Herzen von seiner Heimat. Empfangen wir jede/n mit offenen Armen und sorgen wir dafür, dass er/sie sich willkommen fühlt.

Verständigung ohne Worte

Finden Sie neutrale Themen, bei denen die Sprache keine vorrangige Rolle spielt. Regen Sie gemeinsame Sportaktivitäten an, bei denen Teamgeist und gemeinsames Erleben im Vordergrund stehen. Wenn Sie eine Betriebsküche haben, lässt sich vielleicht ein gemeinsames Kochen arrangieren. Planen Sie einen bunten Abend im Unternehmen, bei dem jeder seine Lieblingsmusik vorstellt. Über ein gemeinsames Thema finden sich rasch Anknüpfungspunkte.

629459_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Generationen verbinden

Verbindende Aktionen bieten sich übrigens auch mit Kollegen unterschiedlicher Altergruppen an. Diversity in den Firmenalltag zu integrieren, heißt nicht nur, verschiedene Kulturen willkommen zu heißen, sondern auch Menschen unterschiedlicher Generationen und Geschlechter. Ältere Mitarbeiter bringen neben wertvollen Erfahrungen auch Gelassenheit mit. Sie können während der Ferienzeit einspringen und bei zeitlichen Engpässen Entlastung bieten.

Öffentlichkeit nutzen

„Warum sollte ein hochqualifizierter Ausländer in ein Land gehen, in dem er sich ständig dafür rechtfertigen muss, dass er hier ist?“ – stellte Sozialforscherin Jutta Allmendinger im Jahr 2010 fest. Damit sich die Situation zum Positiven ändert, bietet der jährliche Diversity-Tag im Juni Gelegenheit, für mehr Vielfalt in der Gesellschaft zu werben. Wer Diversity konsequent umsetzt, für den zahlt sich Vielfalt auch aus! Öffnen Sie sich und Ihr Unternehmen der Stadt! Zeigen Sie an einem Tag der offenen Tür, wie bunt Ihre Firma bereits ist bzw. dass Sie Vielfalt als Bereicherung empfinden.

Impulse über Künstlerische Interventionen

Wenn Sie sich beim Thema Diversity Hilfe und Unterstützung wünschen, holen Sie sich einen Künstler in Ihr Unternehmen. Im Rahmen einer Künstlerischen Intervention kann Vielfalt als unternehmerische Fragestellung in individuellen kreativen Workshops erprobt werden, ob mit einigen wenigen Mitarbeitern oder im ganzen Team entscheiden Sie. Mit passenden künstlerischen Methoden, Spielarten bzw. Kunstsparten lässt sich Vielfalt hervorragend erkunden: beim Zeichnen, Filmen, Tanzen, Musik machen, beim Fotografieren, Bauen und Designen, mit Pantomime und Theaterspiel, mit Klangaufnahmen und Interviews. Haben sie Mut, ihren „Weg der Vielfalt“ auf eigene kreative Weise zu finden.

Inspirationstipps:

Initiative Charta der Vielfalt und Deutscher Diversity-Tag: Vielfalt unternehmen

Kurzfilm: Was ist eine Künstlerische Intervention?

Vielfalt hören: Hörbuchreihe Länder hören – Kulturen entdecken

Kreative Querdenker: Künstler statt Unternehmensberater

  © MassivKreativ

Künstler haben viele – bisher viel zu wenig genutzte Kompetenzen, die auch in Unternehmen hilfreich sein können. Immer mehr Firmen engagieren sie deshalb als kreative Querdenker – und als Alternative zu klassischen Unternehmensberatern. Was machen sie anders?

Carl Spitzweg. Sonderbriefmarke 2008 (gemeinfrei)

Eine Dachkammer, eng und verfallen, darin ein Ofen, längst erloschen. Ein aufgespannter Regenschirm als Schutz vor durchtropfender Nässe. Am Boden eine alte Matratze, darauf in eine kärgliche Decke gehüllt: der arme Poet. Der Maler Carl Spitzweg hat die missliche Lage von Künstlern treffend verewigt. Seine Botschaft: Kunst ist brotlos, wenn sie frei ist, der Künstler ein Bittsteller, eine abhängige Spezies – abhängig von der Gunst des Förderers und den Trends der Zeit.

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing?
Die Alternative zum hungrigen Bauch ist die Auftragskunst. Doch Sponsoren erwarten klare Gegenleistungen! Eine Allianz auf Augenhöhe kann dann entstehen, wenn der Künstler nicht länger Bittsteller ist, sondern sein Wissen und seine Fähigkeiten unmittelbar und sinnvoll in den Alltag eines Unternehmens einbringen kann. Wie lässt sich die Beziehungsebene zwischen Wirtschaft und Kultur, zwischen Unternehmen und Künstler anders denken und gestalten?

Was Künstler für Interventionen befähigt
Abseits künstlerisch-handwerklicher Fertigkeiten geraten nun bislang unbeachtete Kompetenzen von Künstlern in den Fokus. Künstler sind offen und neugierig. Sie können querdenken, ungewöhnliche Fragen und Routinen auf den Prüfstand stellen. Sie haben Biss und Durchhaltevermögen, feilen über Wochen und Monate an Details, ohne das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. Sie begreifen Mangel und Defizit als Chance und Herausforderung. Sie schauen genau hin und hören aufmerksam zu. Sie sind emotional, feinfühlig, empfänglich für Zwischentöne und Nonverbales.

Wo Unternehmen der Schuh drückt
Dass soziale Fähigkeiten und Kompetenzen mehr Beachtung brauchen, hat die Wirtschaft längst erkannt und zuweilen auch schmerzlich erfahren müssen. Unternehmen klagen über Nachwuchsmangel und Fluktuation ihrer ausgebrannten, demotivierten Mitarbeiter, über Kommunikationsstörungen zwischen Abteilungen und Führungsetagen. Die Anforderungen sind gestiegen: Technologiewandel, Umstrukturierung, Digitalisierung. Wie sollen Unternehmen darauf reagieren? Wie sollen sie die Konflikte lösen? Wie sollen sie Sprachlosigkeit oder Auseinandersetzungen zwischen unzufriedenen Mitarbeiter begegnen, wenn sie häufig nicht mal die Ursachen kennen?

Was eine “Künstlerische Intervention” ausmacht
Ob aus Verzweiflung oder als innovative Pioniertat: Immer mehr Unternehmer holen sich Künstler als kreative Querdenker in die Firma – alternativ zu klassischen Unternehmensberatern. Je nach Aufwand sind die Tagessätze in etwa vergleichbar. Was machen Künstler konkret anders? Künstler konzipieren maßgeschneiderte Workshops und Aktionen für individuelle unternehmerische Fragestellungen. Die Akteure nennen ihr Gestalten und Handeln “Künstlerische Interventionen”, abgeleitet aus dem Lateinischen: intervenire = dazwischentreten, sich einschalten. Der Künstler greift in bestehende organisatorische Zusammenhänge ein, hinterfragt sie, stößt Prozesse an, löst Wechselwirkungen aus und erspürt auch emotionale Verwicklungen. Der Fokus der Interventionen liegt auf der zwischenmenschlichen Beziehungsebene, wenn man so will auf dem Personalbereich. Mit passenden originellen Aktionen geben Künstler Impulse für einen anderen Umgang miteinander. Kommunikation wird neu gedacht. Die Künstler sehen sich nicht als reine Dienstleister, sondern entwickeln stets auch ein persönliches Interesse am Dialog mit den Teams und den Mitarbeitern im Unternehmen.

Sparten, Formate und finale Produkte
Alle künstlerischen Sparten und medialen Formate sind für eine “Künstlerische Intervention” geeignet: Theaterspielen und Tanzen, Papiergestaltung und Zeichnen, Schreiben und Poetry Slam, Musikmachen und Musikhören, Bauen und Designen, Fotografieren und Filmen, Sounddesign, also das Sammeln von Geräuschen, sowie auch das Führen von Interviews für Videos und Podcasts ist eine reizvolle Option. Perfektion und Leistung sind unwichtig, ausgeblendet werden ebenso Effizienz und Tempo. Der Weg ist das Ziel! Der Prozess ist entscheidend, der oft seine ganz eigene Dynamik entwickelt und dessen Ergebnis in der Regel völlig offen ist. Finale Produkte können entstehen, müssen es aber nicht. Wenn die Intervention in ein greifbares Ergebnis mündet, in ein Kunstobjekt oder ein mediales Produkt, eine Karte, ein Audio-Interview oder einen Film, kann es im Einvernehmen auch für die Außendarstellung des Unternehmens genutzt werden. Ein willkommener Nebeneffekt!

Wie eine „Künstlerische Intervention“ abläuft
Die Dauer einer Intervention ist variabel. Sie kann individuell zwischen Unternehmen und Künstler abgestimmt werden, je nach Bedarf und nach unternehmerischer Fragestellung. Ein kurzer ein- bis zweitägiger Workshop mit einem oder auch zwei Künstlern ist ebenso denkbar wie ein regelmäßiges, mehrwöchiges Zusammentreffen mit den Mitarbeitern an einem festen Ort im Unternehmen. Aus der unternehmerischen Fragestellung entwickelt der Künstler eine kreative Methode und plant das weitere Vorgehen mit den Teams. Der Künstler animiert sie zu kreativem, leistungsbefreiten Arbeiten, was gerade Führungskräften eine höchst ungewohnte Erfahrung beschert: Plötzlich Laie und nicht mehr Experte? Scheitern und Versagen akzeptiert und erwünscht? Neue Erlebnisse öffnen Ventile, brechen Dämme, schaffen Nähe, setzen Emotionen frei.

Irritation und Inspiration ausdrücklich erwünscht
Anfängliche Skepsis und Irritation begleiten jedes Projekt. Doch zusehends entsteht eine offene Atmosphäre, die manch eine Firma bis dahin selten oder nie erlebt hat. Der Künstler geht unbefangen und mit aufrichtigem Interesse auf die Mitarbeiter zu. Über „die Brücke“ der künstlerischen Intervention werden Blockaden gelöst, ungeahnte Charakterzüge und Fähigkeiten hervorgelockt, Standpunkte und Meinungen überdacht, weil man sie besser oder anders einzuordnen weiß. Jeder schenkt dem anderen ein offenes Ohr für Bedenken, Ängste und Nöte. Man bringt einander mehr Respekt entgegen, die Mitarbeiter untereinander, die Geschäftsführung gegenüber Mitarbeitern und umgekehrt. Auch der Künstler erfährt eine neue Form der Achtung durch das Unternehmensteam. Der „andere“ Lebensentwurf des Künstlers wird interessiert zur Kenntnis genommen und akzeptiert, sein Erfahrungshorizont wertgeschätzt. Wirtschaft und Kunst nähern sich an, finden einen gemeinsamen Nenner, gehen auf Augenhöhe. Spielerisch und ungezwungen arbeitet jeder an seinen sozialen Kompetenzen. Wer sich geachtet und wertgeschätzt fühlt, ist motiviert, sich stärker in dasUnternehmen einzubringen und es mitzugestalten, am Teamgeist zu schmieden und seine Kreativität zu beflügeln.

Kunst = Kapital
Wer sich als Unternehmer eine nachhaltige Wirkung wünscht, ist selbst nachhaltig gefordert. Der Samen, der durch eine künstlerische Intervention gesät wird, muss weiter gegossen, gedüngt, umsorgt und gepflegt werden. Nach dem Ende einer Interaktion ist das Unternehmen nicht aus der Verantwortung entlassen. Die Arbeit beginnt gerade erst, jedoch unter guten Vorzeichen, in günstiger Atmosphäre, auf höherem Niveau. Kunst = Kapital, schrieb der deutsche Aktionskünstler Josef Beuys 1979 auf einen Zehnmarkschein und ergänzte, dies könne durchaus wörtlich genommen werden, denn „Kreativität und schöpferische Energie des Einzelnen“ sind „das Kapital und Potential einer Gesellschaft.“ Eine künstlerische Intervention erfordert Mut auf beiden Seiten, Offenheit und Vertrauen. Sie ist ungewohnt, manchmal verstörend, oft erheiternd, immer inspirierend, erfrischend und charmant.

Best Practice: Künstlerische Interventionen in Beispielen
Möchten Sie den Mehrwert künstlerischer Arbeit auch für sich und Ihre Mitarbeiter entdecken und ausprobieren? Kann Ihre persönliche unternehmerische Situation durch eine künstlerische Intervention positiv verändert und beflügelt werden? Schauen Sie sich die Medienberichte über Unternehmen und Künstler an, die höchst unterschiedliche Interventionen gewagt und gemeinsam verwirklicht haben. Mit erstaunlichen Ergebnissen.

Klartext im Kälber-Iglu: Mehr Kommunikation

© Dany Heck, Aufbau des Kälberiglus, kalendArt

Unternehmen und Künstler – passt das zusammen? Den Beweis liefert das Unternehmen Holm & Laue, das Produkte rund um die Aufzucht von Kälbern vertreibt und ein ungewöhnliches Experiment wagte.

Das Unternehmen Holm & Laue GmbH aus Westerrönfeld, gut 30 Kilometer von der Landeshauptstadt Kiel in Schleswig-Holstein entfernt, entwickelt und vertreibt Produkte rund um die Aufzucht und Fütterung von Kälbern.

Situation im Unternehmen
Seit 1991 ist die Firma stetig gewachsen, sie beschäftigt heute knapp 100 Mitarbeiter. Die rasante Entwicklung des Unternehmens beschreibt Vertriebsleiter Holger Kruse: “Früher wurden Entscheidungen am familiären Frühstückstisch gefällt. Damals gab es acht Mitarbeiter. Seitdem haben wir unser Team mehr als verzehnfacht und aus einer Firma wurden fünf.”

Anfangs gehörten nur norddeutsche Bauern zum Kundenkreis. Doch inzwischen hat sich der Kernbereich der Firma, die Kälberhaltung und -fütterung, zu einem internationalen Geschäftsfeld entwickelt. Entsprechend flexibel und spezialisiert müssen die Mitarbeiter auf die unterschiedlichen Kundenwünsche und Bedingungen reagieren: auf Stromspannung, Klimabedingungen, regionale Haltungs- und Futterstrategien, auf Sprachen und rechtliche Belange. Um die vielfältigen Bedürfnisse der Kunden zu erfragen, sind ständig Außendienstmitarbeiter unterwegs. Sie sammeln Informationen, mit denen später jedes Gerät individuell nach Kundenwunsch hergestellt werden kann.

Spezialisierungen führen manchmal dazu, dass sich Mitarbeiter nur selten sehen und kaum noch miteinander reden. Die Themen im Job sind zu verschieden. Gesa Holm, die den Firmenalltag vor allem aus der Organisation im Büro verfolgt, bedauert das: “Wir wünschen uns mehr Transparenz zwischen den Abteilungen und damit einhergehend geht es darum, die Kommunikation zu verstärken.”

Idee hinter der Begegnung zwischen Unternehmen und Künstlerinnen
Bei Holm & Laue sollten die innovativen technischen Geräte für die Kälberaufzucht Ausgangspunkt für die neuartige “Künstlerische Intervention” sein. Milch-Taxi, Kälbergarten, Iglu-Veranda und ComfortZone: Die kreativen Produktnamen ließen auch kreatives Potential bei den Mitarbeitern vermuten.

© Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de

Die beiden norddeutschen Künstlerinnen Dany Heck (l.) und Christiane Limper (r.) waren sofort überzeugt, dass sie darüber einen Draht zum Team herstellen könnten. Sie wälzten Produkt-Kataloge und überlegten, welches der vielen Spezialutensilien sie als geeignetes “Kontaktinstrument” im Unternehmen nutzen könnten. Ihre Wahl fiel auf ein Kälber-Iglu. Was das genau ist, mussten sie erst mal recherchieren. Ein Kälber-Iglu ist eine robuste, wetterfeste Schutzhütte für mehrere Kälber, um sie im Freien aufzuziehen. Der Vorteil: An der frischen Luft sind die Kälber Krankheitserregern viel weniger ausgesetzt als in geschlossenen Räumen. Das Iglu steht direkt auf der Wiese, der Eingang ist offen und kann gegen die Witterung ausgerichtet werden.

Impulse und Inspirationen für Mitarbeiter und Künstlerinnen
In Absprache mit der Geschäftsführung richteten die beiden Künstlerinnen für fünf Wochen im Unternehmen ein Künstlerbüro ein. Von dort aus besuchten sie 50 Mitarbeiter in ihren Abteilungen, stellten unbefangen und humorvoll verstörende Fragen: Wohin reisen Sie mit dem Milchtaxi? Warum würde es ein Kalb in Ihrer Abteilung gut haben? Mit der Zeit wurden die Fragen alltagstauglich: Was trägt dazu bei, dass sich die Kälber wohlfühlen? Was brauchen Sie selbst als Mensch, um sich wohlzufühlen?

Die beiden Frauen durchmischten in wechselnden Teams alle Mitarbeiter, von denen viele während der Arbeitzeit wenig Kontakt miteinander hatten. Gemeinsam mit ihnen gestalteten sie schließlich das Kälber-Iglu auf witzige Weise zur Wohlfühlzone für Menschen um. Genau genommen war das künstlerische Endprodukt gar nicht so wichtig. Im Fokus standen die Kommunikation, das Austauschen von Erfahrungen, das Reden über Aufgaben und Arbeitsabläufe im Unternehmen, von Erlebnissen am Arbeitsplatz.

Die Mitarbeiter berichteten von ihren Problemen im Arbeitsalltag, die ohne ein Kälber-Iglu wohl nie zur Sprache gekommen wären. Und sie sagten sich auch gegenseitig die Meinung. “Jetzt wissen wir, wo die Kollegen der Schuh drückt”, kommentiert Vertriebsleiter Holger Kruse den Erfolg der “Künstlerischen Intervention” im Unternehmen. Um sich mit seinem Unternehmen identifizieren zu können, muss man sich erst mal darüber austauschen und wissen, wie es funktioniert, was die Menschen und Abteilungen leisten. Das Kälber-Iglu hat die Leute über die Arbeitsthemen hinaus miteinander ins Gespräch gebracht. Das Künstlerinnen-Büro wurde als gemeinsame Plattform genutzt, um Kritik und Verbesserungsvorschläge auszutauschen.

© Dany Heck, kalendArt

Die Flensburger Künstlerinnen fühlten sich persönlich herausgefordert, gerade jene Menschen zu packen, die sich normalerweise nicht mit Kunst beschäftigen: “Kunst ist Kommunikation, sie braucht den Menschen und sucht die Auseinandersetzung”, sagt Christiane Limper. Und tatsächlich ist ihr und ihrer Kollegin das scheinbar Unmögliche gelungen: Sie haben das Kälberaufzuchtsteam bei Holm & Laue in die Welt der Kunst entführt und mit ihrer Begeisterung angesteckt. So sehr, dass viele Mitarbeiter das Kälber- Iglu auch noch in ihrer Freizeit weiter gestalteten, Materialien und Einrichtungsgegenstände aus dem eigenen Haushalt aufstöberten und Transporte gemeinsam organisierten.

Intentionen und Meinungen
Projektbegleiterin Lena Mäusezahl vom EU-geförderten Projekt “Unternehmen! KulturWirtschaft” am Nordkolleg Rendsburg weiß, dass Unternehmer Courage brauchen, eine “Künstlerische Intervention” zuzulassen. Und Innovationsgeist, wenn sie die daraus gewonnenen Erkenntnisse später in den Unternehmensalltag einfließen lassen wollen: “Es gibt wohl kaum eine Firma, in der es nirgendwo hakt”, meint Mäusezahl. “Unsere teilnehmenden Unternehmen aber haben den Mut, ihre Themen offen anzusprechen. Mehr noch: Sie wollen ihren Problemen aktiv entgegenwirken und zwar auf innovative Weise mit künstlerischen Mitteln.”

Nachhaltigkeit
Nach der Umgestaltung des Kälber-Iglus zur Wohlfühlzone hat Holm & Laue das Objekt versteigert. Den Erlös stiftete das Unternehmen an die Waldkindertagesstätte und den Kinderschutzbund in Rendsburg. Das Iglu ist Geschichte, doch die Mitarbeiter sind miteinander im Gespräch geblieben. Die Erkenntnisse aus den Frageprozessen sind in den Arbeitsalltag eingeflossen und haben das Zusammengehörigkeitsgefühl im Unternehmen gestärkt.

Was die künstlerische Intervention an weiteren Nebeneffekten gebracht hat, ermittelt das Forscherteam um Ariane Berthoin Antal und Anke Strauß vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Sie evaluieren die Erfolge der künstlerischen Interventionen durch langfristige Befragungen.

Quellen und Inspirationstipps:

• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg

Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Verschiedene Artikel über Künstlerische Interventionen.

Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

• Unternehmen Holm & Laue

Mittler zwischen Unternehmen und Künstler: Intermediäre

Unternehmen und Künstler – passt das zusammen?

Ja, denn die Wirtschaft braucht dringend mehr Kreativität! Es gibt verschiedene Gründe und Motivationen, Wirtschaft und Kunst zusammen zu bringen. Perspektivwechsel braucht jeder. Kommunikation lässt Menschen einander näher kommen. Der Zusammenprall von sehr unterschiedlichen Arbeitskulturen und Tätigkeitsbereichen erweitert den Horizont für das Handeln und Tun des Anderen. Neu erworbenes Wissen und gewonnene Sympathien motivieren. Kreativität beflügelt uns und schafft die Basis für Innovationen.

Wenn die Personal- oder Geschäftsführung eines Unternehmens Probleme oder Defizite diagnostiziert, entsteht daraus eine Fragestellung, die häufig mit Unterstützung von außen näher betrachtet und untersucht werden muss. In der Regel bittet man klassische Unternehmensberater um Hilfe. Eine innovative Alternative sind “Künstlerische Interventionen”, bei denen Unternehmensmitarbeiter und Künstler im Rahmen kreativer Aktionen aufeinander treffen. Damit geeignete Künstler und passende Unternehmen zusammenfinden, engagieren sich sogenannte Intermediäre, z. B. am Nordkolleg Rendsburg.

© Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de

Intermediäre 

Schleswig-Holstein geht voran. In den letzten 12 Monaten haben hier gleich drei regionale Unternehmen eine “künstlerische Intervention” gewagt, unter anderem das Unternehmen Holm & Laue aus Westerrönfeld, das Produkte rund um die Aufzucht und Fütterung von Kälbern entwickelt und vertreibt.

Die Projektbegleitung, das heisst die Vermittlung zwischen Unternehmen und Künstlern, hat das EU-geförderte Projekt “Unternehmen! KulturWirtschaft” vom Nordkolleg Rendsburg übernommen. Die Projektleiterin, Lena Mäusezahl, akquiriert interessierte Unternehmen, wählt passende künstlerische Aktionen aus und schafft einen Rahmen für die neuartige Kooperation. Mäusezahl sieht sich als Mittlerin, als “Intermediär” und ihre Kernkompetenz darin, “ein passendes Matching und eine gute Prozessbegleitung zu gewährleisten. Jede Intervention ist auf eine individuelle Fragestellung ausgerichtet und wird maßgeschneidert. Standard-Rezepte und -formate gibt es für die Interventionen nicht.”

Pink it up!: Vernetzungen und Verstrickungen

Das Team von “Unternehmen! KulturWirtschaft” hat sogar eine Intervention im Selbstversuch gewagt. Gemeinsam mit der Künstlerin Inga Momsen ging es darum, das eigene Tun unter die Lupe zu nehmen, Handeln und Prozesse zu reflektieren und zu verstehen, wie Netzwerke, Verbindungen und Verstrickungen entstehen. Transportmittel, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, sind pinkfarbene Maurerschnüre, die in der künstlerischen Arbeit von Inga Momsen eine wichtige Rolle spielen.

© MassivKreativ

Zwischen Kultur und Wirtschaft

Lena Mäusezahl kennt beide Welten, Wirtschaft und Kultur. Nach einer Ausbildung zur Industriekauffrau hat sie an diversen europäischen Hochschulen studiert: internationale Betriebswirtschaft, Freizeitmanagement sowie “European Urban Cultures”. Ihre Lieblingsschnittstelle bearbeitet sie am Nordkolleg bei der Initiative “Unternehmen! KulturWirtschaft” seit 2009.

© Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de

Vier Blickwinkel

Mit der Einbindung kreativer und kommunikativer Prozesse in Unternehmen beschäftigen sich nicht nur Vermittler, Unternehmer und Künstler, sondern auch Wissenschaftler. Die Ergebnisse künstlerischer Interventionen sollen dokumentiert und erforscht werden. Ariane Berthoin Antal und Anke Strauß vom WZB, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung forschen international zum Thema “künstlerische Interventionen in Organisationen” und sorgen für die Evaluierung.

Die Wissenschaftler initiieren im Verlauf der Projekte mehrere Befragungen der beteiligten Akteure: Mitarbeiter, Künstler, Personal- und Geschäftsführung, Intermediär: “Wir interessieren uns sowohl für die Erfahrungen, die während der Intervention gemacht werden”, erklärt Strauß, “als auch für Auswirkungen, die sich erst später am Arbeitsplatz ergeben, wie zum Beispiel veränderte Sicht- und Herangehensweisen, neue Einfälle oder eine Erweiterung des professionellen Netzwerks. Jeder Fall ist einzigartig, deshalb ist es immer wieder faszinierend zu beobachten, was die TeilnehmerInnen im Prozess entdecken.”

Quellen und Inspirationstipps:

• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg

Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Verschiedene Artikel über Künstlerische Interventionen.

Pure Fruit – Zeichenkollektiv von vier freiberuflichen Illustratoren, Tim Eckhorst, Gregor Hinz, Franziska Ludwig und Volker Sponholz. Sie realisieren vielseitige Zeichenprojekte, geben das gleichnamige, kostenlose Comic- und Illustrationsmagazin „purefruit“ heraus und gehen für kunstbasierte Interventionen in Unternehmen.
Einen Film über den Workshop von Pure Fruit im Unternehmen finden Sie unter diesen Tipps.

Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Medienbeiträge über verschiedene Künstlerische Interventionen

Teambuilding mit Steinwolle und Maschinensounds

  © Paroc

Die finnische Firma Paroc produziert Steinwolle. Eine bodenständige Branche, eine bodenständige Firma. Dennoch setzte der Personalchef auf ungewöhnliche Hilfe aus der Kunstszene, als es im Unternehmen hakte.

Das Unternehmen Paroc stellt im baltischen Raum energieeffiziente Dämmstofflösungen her. Die Produktpalette umfasst den Hochbau, die technische Isolierung, den Schiffbau, Sandwich-Elemente und Akustik-Produkte. Die Produkte werden in Finnland, Schweden, Litauen, Polen und Russland hergestellt. Paroc hat Vertriebsniederlassungen in 14 Ländern Europas und beschäftigt über 2000 Mitarbeiter, darunter rund 700 in Finnland und 400 in Schweden.

Eigentümer der Paroc Group ist eine Unternehmensgruppe von Banken und mehreren institutionellen Gesellschaftern sowie die Belegschaft von Paroc, die eine Minderheitsbeteiligung besitzt. 2012 belief sich der Nettoumsatz auf 430 Millionen Euro. Seine Unternehmensstrategie hat Paroc auf fünf Kernziele ausgerichtet: Kundenorientierung, Mitarbeiterzufriedenheit, ständige Innovation, profitables Wachstum und nachhaltige Entwicklung.

Situation im Unternehmen
In den Jahren 2000/2001 muss Paroc umstrukturieren und verlegt eine Produktionsstätte aus dem schwedischen Skövde in das 55 km entfernte Hällekis an den Vänersee im Südwesten Schwedens. Dort gab es bereits eine Fertigungsfabrik. Fortan sollten beide Produktionsstätten zusammenarbeiten, die Organisation und der Ablauf der Produktion eng miteinander verknüpft werden.

Doch durch die unterschiedliche Geschichte und Entwicklung hatten die beiden Belegschaften sehr eigene Arbeitskulturen entwickelt. Was nach dem Umzug dazu führte, dass die Kooperation der Produktionsstätten nicht gut harmonierte. Die Kommunikation hakte, reibungslose und termingerechte Abläufe wurden wegen Unstimmigkeiten verhindert. Die Folge: Die beiden Produktionsstätten in Hällekis hatten im gesamten Unternehmen die schlechtesten Produktivitätskennzahlen.

Lars Lindström, Personalchef bei Paroc Schweden, war damals klar, dass das Management den Fokus stärker auf die Menschen statt auf die Maschinen legen müsste.

Idee hinter der Begegnung zwischen Unternehmen und Künstlerin
Auf einem Treffen für Personalmanager erfuhr Lindström von der Möglichkeit, das Betriebsklima durch eine “Künstlerische Intervention” zu verbessern – damals vorgestellt von TILLT, einem schwedischen Vermittlungsbüro für Kunstinterventionen. Der Personalchef führte intensive Gespräche mit TILLT und ließ sich überzeugen, einen kreativen Workshop in sein Unternehmen hineinzutragen.

Klar war, dass es mit einem Wochenprogramm nicht getan sein würde. Das Problem in Hällekis schien komplizierter zu sein. Man einigte sich im Jahr 2008 auf ein Langzeitprojekt über knapp 12 Monate. Verschiedene Ideen und Ansätze für künstlerische Interventionen wurden diskutiert, bis man sich auf ein Projekt der Schauspielerin und Theaterdirektorin Victoria Brattström einigte.

Der Weg war durchaus steinig, erinnert sie sich rückblickend: “Wir mussten erst einmal das Eis brechen und dafür sorgen, dass Leute gemeinsam Spaß haben konnten. Sie müssen sich vorstellen, da gab es Leute, die hatten sich in mehr als dreißig Jahren noch niemals die Hand gegeben.”

Impulse und Inspirationen für Mitarbeiter
Brattström ließ es langsam angehen, traf sich zunächst einmal wöchentlich mit einer internen Projektgruppe, in der beide Belegschaften aufeinander trafen. Das zunächst sehr widerspenstige Team sollte das Unternehmen gemeinsam entdecken. Mit geschärftem Blick begaben sich die Mitarbeiter auf Entdeckungsreise, fotografierten ihre Arbeitsplätze im großen Ganzen und im Detail, lauschten den Geräuschen der Maschinen ihrer Fabrik und nahmen sie mit dem Mikrofon auf. Die Ergebnisse verglichen sie miteinander: Wie sieht Dein Arbeitsplatz aus? Wie klingt Deine Maschine? Führt sie manchmal ein Eigenleben? Was machst Du dann?

Die Belegschaften stellten erstaunt fest, dass es jede Menge Verbindendes gab. Vertrauen und Sympathien wuchsen, man sprach miteinander. Über die Kunst konnten die Mitarbeiter der beiden Produktionsstätten auf Tuchfühlung gehen. Sichtbares Ergebnis der “Künstlerischen Intervention” bildete in eine Foto-Ausstellung. Sie zeigte den einzelnen Menschen, das Individuum, in seiner Arbeitssituation. Die gesammelten Geräusche wurden fantasievoll zu einer Soundcollage montiert, so entstand ein “Lied der Fabrik”. Der Prozess der Annäherung glückte über das Sammeln von Informationen und die Suche nach Gemeinsamkeiten in einer sehr offenen Atmosphäre. Die Mitarbeiter fühlten sich einander näher und dem Unternehmen stark verbunden.

Irritationen und Vorurteile
Lars Lindström, Personalchef bei Paroc Schweden, erinnert sich rückblickend noch an die Vorbehalte und Bedenken, die er anfangs hatte: “Als ich den TILLT-Vortrag hörte, war ich erst einmal recht skeptisch. Ich meine, wir produzieren Steinwolle und verarbeiten sie weiter zu Dämmstoffen. Mehr down to earth geht gar nicht. Was soll man denn da mit Kunst?!”

Etwas schwer taten sich zu Beginn der Intervention auch die Mitarbeiter: Auf den Kollegen zugehen? Ihm die Hand reichen? Mit ihm reden? Das geht nicht auf Anhieb! Selbst Workshop-Leiterin Brattström plagten Zweifel: Würde es ihr gelingen, die Herzen der Belegschaften zu öffnen? Dank ihrer sozialen Kompetenzen, Geduld, Verständnis und Humor, folgten die Mitarbeiter bald den Ideen und Anregungen der Künstlerin, aus eigener Überzeugung.

Intentionen und Meinungen
Für die Beziehung zwischen den Mitarbeitern erwies sich die “Künstlerische Intervention” als Erfolgsgeschichte. Sie wurde sogar zum Motor für die Geschäftszahlen. “Der Output hier in Hällekis ist um über 20 Prozent gestiegen. Was die Produktivität betrifft, hat sich der Standort vom Schlusslicht zum Spitzenreiter der Paroc-Fabriken entwickelt”, freut sich Personalchef Lars Lindström. Er fühlt sich bestätigt darin, die künstlerische Intervention mit Leidenschaft im Unternehmen durchgeboxt zu haben: “Innovationsfähigkeit wächst dadurch, dass sich Mitarbeiter aus unterschiedlichen Hierarchieebenen und Produktionsbereichen treffen und über ihre Arbeit austauschen.”

Und warum stiegen die Produktivitätszahlen?
“Natürlich nicht nur wegen des Kunstprojekts“, meint Lindström. “Aber es hatte auf jeden Fall einen großen Anteil daran. Der Effekt auf die Betriebskultur war enorm. Als wir irgendwann in 2009 krisenbedingt damit beginnen mussten, unsere Mitarbeiter zwischen den beiden Werken rotieren zu lassen, war das kein Problem mehr.”

Bei aller Freude über die Annäherung der Belegschaften und die erreichten Erfolge warnt Pia Areblad von der Vermittlungsagentur TILLT davor, eine Kunstintervention mit zu klaren Zielen zu verplanen: “Damit eine Kunstintervention dem Unternehmen auch wirklich etwas bringt, muss es die Offenheit des Prozesses akzeptieren. Das ist erfahrungsgemäß für viele Unternehmen schwierig, ist aber die Voraussetzung für die Wirksamkeit der Intervention.”

© Paroc

Was erfolgreich ist, wird fortgesetzt: eine Weihnachtsgeschichte
Ermutigt vom Erfolg in Hällekis folgte bei Paroc schon ein Jahr später am Standort von Skövde ein ähnliches Projekt. Der Stoff, aus dem eine neue Vision geboren werden sollte, war schnell gefunden: Steinwolle. Also das, was die Mitarbeiter täglich im Unternehmen begleitete. Die Probierfreude wuchs mit jedem Tag und förderte die Offenheit der Belegschaft ganz enorm.

Am Ende erfüllte sich ein großer Wunsch: Die Mitarbeiter träumten schon lange von einem traditionellen “Julbock”, wie es ihn jedes Jahr zur Adventszeit in der schwedischen Stadt Gävle gibt. Doch dort brennt der Ziegenbock aus Stroh häufig ab. Das Paroc-Team baute ein robustes, feuerbeständiges Exemplar aus Steinwolle und dekorierte es mit Lichterketten. Der Weihnachtsbock “Stene” wird nun jedes Jahr im Dezember auf dem Marktplatz von Skövde aufgebaut und bringt Licht und Freude in die Herzen der Menschen. Besser kann man sich Teambildung kaum vorstellen!

Nachhaltigkeit
Victoria Brattström war erfreut, dass die Mitarbeiter im Verlauf der Kunstintervention immer mehr Eigenverantwortung übernahmen. Irgendwann konnte sie loslassen und sich aus dem Projekt zurückziehen. Denn nachhaltig wirkt eine Aktion nur, wenn sie nicht mehr von außen gesteuert werden muss. Die Mitarbeiter lernten, sich selbst zu organisieren, Aufgaben und Zuständigkeiten zu verteilen, Ergebnisse abzufragen und gegebenenfalls nachzubessern.

Kommunikationsprobleme, die durch Umstrukturierungen und Wachstum entstehen, müssen kein Dauerzustand sein. Mit intelligenter Personalpolitik, die nah am Menschen ist, lassen sich Fehlsituationen beheben. Kunstinterventionen als Alternative zu übergestülpten, überteuerten Beratungsangeboten sind daher eine Überlegung wert. Entscheidend ist, auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter einzugehen, ihnen zuzuhören und zu vertrauen, ihnen Herausforderungen anzubieten und verborgene Talente zu fördern. So können wunderbare
Nebeneffekte entstehen, wie Paroc beweist.

Als sich die Kunstintervention bei Paroc auch in anderen Ländern herumgesprochen hatte, wurde ein Mitarbeiter von Paroc, der am Geräusche-Soundprojekt beteiligt war, zur EU-Konferenz “Creativity and Innovation” nach Brüssel eingeladen. Der Gabelstaplerfahrer hielt die Eröffnungsrede und erzählte mit großem Stolz, wie er ganz persönlich am Kunstprojekt gewachsen war.

Quellen und Inspirationstipps:

Film über die Herstellung des Julbocks bei Paroc
Film über Parocs Julbock in der Stadt Skövde
European Conference on Creativity & Innovation (ECCI)
Interview mit Pia Areblad – European Cultural Forum (in Englisch)
TILLT – schwedisches Vermittlungsbüro für Kunstinterventionen: http://www.tillt.se/sv-SE

Fliegen retten für den Unternehmenswandel

© Reimar Ott

Der Bielefelder Unternehmer Hans-Dietrich Reckhaus (re.) und die beiden Künstler Patrik und Frank Riklin während der Vorbereitungen für den Aktionstag „Fliegenretten in Deppendorf“.

Wie macht man charmant Werbung, wenn man Insektenvernichtungsmittel herstellt? Statt eine Agentur zu beauftragen, hat sich ein Bielefelder Familienunternehmer mit zwei Konzeptkünstlern zusammengetan. Deren Ideen waren so originell, dass sie die komplette Firmenphilosophie auf den Kopf stellten. Denn das Geschäft des Unternehmens Reckhaus würden Marketingprofis als “herausfordernd” beschreiben. Das Familienunternehmen mit etwa 50 Mitarbeitern stellt Insektensprays, Mottenpapier und Ameisenfallen her.

Situation im Unternehmen

Pioniergeist treibt das inhabergeführte Familienunternehmen an. Seit seiner Gründung im Jahr 1956 produziert die Firma nicht nur, sondern forscht, testet und verbessert. Dabei hat Geschäftsführer Hans-Dietrich Reckhaus durchaus Ästhetik und Design im Blick. Weil tote Fliegen an der Klebefolie keinen schönen Anblick bieten, erfindet er als Sichtschutz eine Art Fliegenpilz und löst so das Ekelproblem. Er nennt die neue Fliegenfalle „Flippi“, lässt sie patentieren und will sie groß herausbringen. Doch sein Werbebudget ist begrenzt. Not macht erfinderisch. Reckhaus erinnert sich an ein kreatives Geschwisterpaar, das er in der Schweiz kennen gelernt hat, wo er eine Tochterfirma betreibt. Die Zwillinge Frank und Patrik Riklin vom St. Galler „Atelier für Sonderaufgaben“ hatten bereits mit einigen ungewöhnlichen Ideen und Arbeiten für Aufmerksamkeit gesorgt, etwa mit dem ersten „Null-Stern-Hotel“.

Idee hinter der Begegnung zwischen Künstlern und Unternehmer

Reckhaus bittet die Konzeptkünstler, für seine Fliegenfalle eine schlagzeilenwirksame Kampagne zu entwickeln. Die Riklin-Brüder brüten mehr als zwei Monate über dem Projekt, doch das Gewissen plagt sie: „Herr Reckhaus, Ihre Produkte sind einfach nur schlecht“, sagen sie ihm auf den Kopf zu. „Wir können keine Kunst für Produkte machen, die Fliegen töten.“ Statt den Auftrag generell abzulehnen, bieten die Künstler dem Unternehmer eine Gegenstrategie an: „Wie wäre es denn, wenn Sie einmal den Spieß umdrehen und Fliegen retten würden? Aber wahrscheinlich können Sie das nicht machen …“

Erweckungserlebnis

Andere Unternehmer hätten sich vielleicht in ihrem Vorurteil bestärkt gefühlt: Künstler sind weltfremd und nicht geschäftstüchtig. Doch Reckhaus lässt den rebellischen Vorschlag erst mal sacken. Er schläft zwei Nächte darüber und ringt sich durch, das Fliegenretten in die Tat umzusetzen. „Eine klassische Werbeagentur hätte meine Produkte niemals in Frage gestellt. Die will ja dem Auftraggeber gefallen“, sagt Reckhaus. Die Riklins haben ihm die Augen geöffnet, ihn aufgeweckt: „Welchen Wert haben Insekten für Sie?“

© Reimar Ott

Mit dem angebotenen Perspektivwechsel haben die Künstler Werte und Überzeugungen des Unternehmers wieder belebt, die im Laufe seines Geschäftsalltags verblasst waren. Reckhaus erinnert sich, dass er seine Examensarbeit einst auf Umweltpapier eingereicht hat, was damals völlig unüblich war. Frühe Produktversuche mit ökologischen Bioziden im Unternehmen seien gescheitert. „Ich war immer offen für innovative Dinge, wollte etwas bewegen“, meint Reckhaus, „aber mir fehlte das Werkzeug dazu.“ Die Riklin-Zwillinge haben ihm mit den richtigen Fragen die passende Initialzündung gegeben.

Fliegenretten in Deppendorf

Im Sommer 2012 soll ein geeigneter Ort für die Fliegenrettung gefunden werden. Der Unternehmer lädt die beiden Künstler in sein Auto und fährt mit ihnen durch die Provinz. Erfahrungsgemäß gibt es auf dem Land mehr Fliegen als in der Stadt.

© Reimar Ott

Im ostwestfälischen Deppendorf finden sich schließlich begeisterte Mitstreiter. Das ganze Dorf will bei der Aktion mitmachen: Feuerwehr, Gesangsverein, Gastwirte planen ein Event zur Fliegenrettung mit Rahmenprogramm. Über 800 der 1000 Einwohner lassen sich von der kuriosen Idee anstecken. Zumal als Belohnung für das erfolgreiche Fliegenfangen ein dreitägiger Aufenthalt auf Schloss Elmau winkt – einem bayerischen Fünfsterne-Wellnesshotel. Mit Tupperdosen, Marmeladengläsern und Netzen machen sich die Deppendorfer am 1. September 2012 auf die Jagd und liefern immerhin 902 lebendige Fliegen im eigens dafür aufgestellten Festzelt ab. Per Auslosung wird die Gewinnerfliege Erika samt menschlichem Begleitehepaar ermittelt. Es darf mit dem Flugzeug und mit Erika nach Bayern reisen. Für die Fliege wird ein extra Platz in der Lufthansa-Maschine reserviert.

Nachdenken im Umfeld und Medienrummel

Vor der Fliegenrettung spricht Reckhaus vier Stunden lang mit seinem Bankberater. Der soll nicht denken, Reckhaus sei verrückt geworden. „Ich habe ihm meine Anliegen erklärt und dass ich es wirklich ernst meine.“ Nicht wenige beargwöhnen die Aktion kritisch … glauben an einen Werbegag. Dennoch: Die medialen Reichweiten nach dem Fliegenretten sind traumhaft: Zeitungen, Radio, Fernsehen, Internet – überall ist das „Fliegenretten in Deppendorf“ Thema. Über 200 Medien berichten.

Immer wieder stellen die beiden Künstler ungewöhnliche Fragen und sorgen für Kopfzerbrechen:
– Wie verwöhnt man eine Fliege?
– Wer fliegt mit einer Fliege in den Wellness-Urlaub?
– Kann man ein Flugticket für eine Fliege buchen?
– Wie reagiert die Lufthansa-Crew, wenn ein offizieller Sitzplatz mit einer Fliege besetzt wird?
– Was passiert, wenn die Menschen realisieren, dass die scheinbar absurde Aktion „Fliegen
retten in Deppendorf“ kein Marketing-Gag, sondern ernst gemeint ist?

Karambolage verschiedener Perspektiven

Frank & Patrik Riklin erklären ihre Vorgehensweise: „Das Potenzial liegt im Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Logiken. Durch die Karambolage mit anderen Denksystemen entstehen Perspektiven, die dank ihrer Differenzen unübliche Handlungsfelder provozieren. Wir nennen dies Artonomie. Eine Art Verschmelzung zwischen Kunst und anderen Bereichen, ohne dass dabei die Kompromisslosigkeit der Kunst verloren geht.“ 

Für die künstlerische Arbeit von Frank und Patrik Riklin gilt die Devise: „Prozesse beginnen dort, wo sie vermeintlich enden.“ Dies trifft in gewissem Maße auch für Hans-Dietrich Reckhaus zu. Das Eintages-Ereignis beflügelt den Unternehmer. Reckhaus beginnt grundsätzlich umzudenken und leitet einen Wandel in seinem Unternehmen ein. Er sieht das Insektenretten nicht als „Eintagsfliege“ an, sondern als ernsthaftes Handlungsmodell. Unermüdlich erklärt er seinen Mitarbeitern und seinem Umfeld, warum er das Wagnis eingeht, was ihn antreibt.

Die Kunst des Unternehmenswandels

Gemeinsam mit den Konzeptkünstlern entwickelt Reckhaus ein nachhaltiges Programm namens „Insect Respect“. Das Gütesiegel prangt fortan auf der gleichnamigen, neu entwickelten Produktpalette. „Insect Respect“ steht gleichermaßen für Insektenbekämpfung und Insektenschutz. Reckhaus hat einen Biologen beauftragt auszurechnen, welchen Schaden seine Biozide anrichten, das heißt wie viele Insekten je Spraydose ihr Leben lassen. Mit der Maßeinheit „Biomasse in Gramm“ plant Reckhaus exakt, welchen Ausgleich er schaffen muss, um der Natur die Biomasse „zurückzugeben“. Mit jedem verkauften Produkt von „Insect Respect“ finanziert Reckhaus Flächen, auf denen sich Insekten neu ansiedeln können. Die Größe der Kompensationsfläche variiert je nach Produkt.

Der Unternehmer hat ausrechnen lassen, dass sein Fliegenfänger Flippi etwa 100 Fliegen das Leben kostet. Unterstützt von seinem Biologen hat Reckhaus auf 200 Quadratmetern sein Firmendach begrünt, es mit Baumstämmen ausgestattet und so einen neuen Lebensraum mit Rückzugsorten für Insekten geschaffen. Auf diese Weise kann er insgesamt 35.000 Fliegenfallen „neutralisieren“. „Eine ökologische Kompensation, wie man sie auch vom Ausgleich von CO2-Emissionen kennt“, erklärt der Unternehmer.

© Unternehmen Reckhaus

Erkenntnisse durch Perspektivwechsel

Was passiert, wenn Kunst auf Wirtschaft trifft und in die Unternehmensentwicklung eingreift? Die Aktion „Fliegen retten in Deppendorf“ hat zunächst für Verwirrung gesorgt. Die beiden Künstler haben den Unternehmer zu einem Perspektivwechsel herausgefordert. Hier die Fakten auf einen Blick:

– Ein Unternehmer gibt eine Kampagne für ein neues Insektenbekämpfungsmittel in Auftrag.
– Zwei Künstler liefern ihm unerwartet das Konzept für die Gegenstrategie: retten statt töten.
– Der Unternehmer lässt sich auf das Experiment ein und greift die Idee auf.
– Ein Umdenkungsprozess und Unternehmenswandel gerät in Gang.
– Der Unternehmer entwickelt ein neues Produktsortiment mit einem Gütesiegel, das einerseits zwar Insekten vernichtet, andererseits jedoch auch schützt.
– Mit Anteilen aus dem Verkaufserlös werden Ausgleichsflächen finanziert, auf denen sich neue Insekten ansiedeln können.
– Das Siegel steht auch anderen Herstellern von Bioziden zur Verfügung, wenn sie sich ebenfalls verpflichten, neue Biotope für Insekten zu schaffen oder das Unternehmen Reckhaus beauftragen, entsprechende Biotope anzulegen.

Innovationsvorsprung

Ist dies der Beginn einer neuen Ära in der Biozid-Nutzung? Seine Branche hat Reckhaus jedenfalls ordentlich aufgemischt. Viele können seinen Sinneswandel nicht nachvollziehen und empfinden sein Engagement als Provokation. Dabei ist für Reckhaus glasklar, dass er im Interesse seiner Firma und seiner Mitarbeiter handelt und in die Zukunft denkt „Die Menschen werden immer umweltbewusster. Deshalb werden langfristig auch die Absatzzahlen für Biozide sinken. Die Leute werden weniger davon kaufen beziehungsweise genauer hinschauen, was sie kaufen“, meint Reckhaus. „Also ist es doch gut, wenn ich mein Unternehmen frühzeitig für die Zukunft rüste und nachhaltig denke. Ich bin meinen Konkurrenten voraus, weil ich nicht aus der Not heraus handle, sondern aus Überzeugung.“

„Das Ungesuchte finden“

„Das Projekt hat mein Leben verändert“, sagt der Unternehmer rückblickend. „Unsere Innovation der ‚Insektenrettung’ ist nicht kompliziert und nur vordergründig außergewöhnlich. Vielmehr geht es hier um den Blickwinkel und um das Bewusstsein für das eigene Tun. Hier ‚musste’ die Kunst helfen. Und ich füge mich der Kunst, weil sie die richtigen Fragen stellt. Andere Unternehmen suchen leider nur selten den Dialog mit der Kunst, weil sie sich nicht vorstellen können, dass Künstler Ideen haben, die praxisnah und erfolgreich umgesetzt werden können.“

Und die Künstler? Haben die Brüder mit dem überwältigenden Erfolg ihrer Aktion gerechnet? Sie sind zufrieden und auch ein wenig stolz. Frank Riklin: „Es ist toll, ein System so durchzurütteln!“ Sein Bruder Patrik erzählt, dass er bei dem Projekt immer an Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ denken musste, an den Helden Gregor Samsa, der eine „Transformation“ erlebte – so wie Reckhaus.

Bewusstseinswandel durch mehr Wissen

Hans-Dietrich Reckhaus hat in gut zweieinhalb Jahren an die 500.000 Euro in seine Idee investiert. Beachtlich für ein mittelständisches Unternehmen mit 20 Millionen Umsatz pro Jahr. Doch Reckhaus ist vom Sinn und Nutzen seines Einsatzes überzeugt: von der Kunstaktion in Deppendorf über das Biotop bis zum neuen Internet-Auftritt. Dort erzählt Reckhaus die ganze Geschichte. Er hat Fakten und Zahlen zusammengetragen und sie lebendig und gut verständlich in kleinen Videos und Erklärtrickfilmen aufbereitet. So soll die breite Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert werden, auch präventiv: Was kann jeder von uns tun, damit sich Insekten im Haus nicht ansiedeln und der Einsatz von Bioziden gar nicht erst nötig wird?

Reckhaus hat inzwischen viel gelesen, recherchiert, gelernt und gibt sein Wissen, wo immer es sich anbietet, begeistert weiter: „Insekten sind für uns Menschen und unser Ökosystem überlebenswichtig. Wir haben ihnen zum Beispiel 75 % der Pflanzenbestäubung zu verdanken.“ Er zitiert gerne den Soziobiologen Edward Osborne Wilson: “Wenn es von heute auf morgen keine Insekten mehr gäbe, würden wir Menschen bis 2024 aussterben”.

Preise und neue Fragen

Für sein kreatives Engagement und seinen Wagemut wird Reckhaus auf Konferenzen, Tagungen und in den Medien gefeiert und für zahlreiche Preise nominiert, etwa den Kyocera-Umweltpreis und den „Deutschen Unternehmerpreis“. Ende November kürte ihn die Querdenker-Organisation zum „Vordenker 2014“.

Die beiden Künstler haben Reckhaus regelrecht angestiftet. Gemeinsam reisen sie mit Vorträgen durchs Land und werden nicht müde, neue Fragen zu stellen: Wie viele Insekten kommen an der Windschutzscheibe eines Autos um? Auf einer Strecke von 100 Kilometern sollen es über 4000 sein, wie ein Biologe kürzlich im Auftrag von Reckhaus herausfand. Das Zählexperiment soll in Kürze mit einem Zug der Schweizer und der Deutschen Bahn fortgesetzt werden.

Quellen und Inspirationstipps: