Spekulative Arbeit: Welchen Wert hat das Immaterielle?

 © Von Glitschka, No!Spec/CreativePro.com

Was ist uns eine kreative Idee wert? Was kostet ein Ideen-Konzept, das (noch) nicht fassbar ist? Fakt ist: Ein Kreativer investiert dafür viele Stunden Recherche und gedankliche Vorarbeit. Dennoch werden Konzepte von Auftraggebern meist pro bono vorausgesetzt. Warum eigentlich?

Vorschussarbeit auf eigenes Risiko

Bevor ein Auftrag erteilt und ein Projekt finanziert wird, brauchen Auftraggeber Ideen, Konzepte, Kostenpläne – für Architektur-, Design-, Wissens-, Kultur- und  Kunstprojekte, für Ausstellungen und Publikationen, für Kreativ-Workshops und Kulturveranstaltungen. Das ist nachvollziehbar, denn wer will schon die Katze im Sack kaufen.

Unverständlich ist jedoch, dass Konzepte fast nie honoriert werden. Anders als in anderen Branchen wird von Kreativen oft kostenfreie Arbeit erwartet.  Vorschussarbeit, die der Kreative auf eigenes Risiko leistet. Spekulative Arbeit also, von der die Kreativen nicht wissen, ob sie sie jemals vergütet bekommen. Inakzeptabel, zumal zusätzlich die Gefahr besteht, dass die Ideenkonzepte von den Auftraggebern selbst realisiert oder an andere Kreative übertragen werden, die die Konzepte dann zu Dumpingpreisen realisieren. Beispiele aus der Praxis gibt es zuhauf!

Loriots Erfahrung mit spekulativer Arbeit

Über das Thema „Spekulative Arbeit“ ist schon viel und oft geschrieben worden. Es ist so alt, seit es Künstler gibt.  Schon 1950 berichtete Loriot wütend an seinen Vater: „Ich habe von der Kurverwaltung Norderney die Aufforderung erhalten, ein Werbezeichen für das Kurbad zu entwerfen. Ich soll zunächst ‚kostenlos und unverbindlich‘ Skizzen einreichen – mit der Aussicht, dass bei Gefallen eine davon erworben würde. Also ein ganz unklares, lächerliches Ansinnen. Ich gehe doch auch nicht in einen Fleischerladen, hake mir eine Wurst ab, esse sie auf und sage dann, sie schmeckt mir nicht!“ (Spaeth 2016

Immaterielle Vermögenwerte und Markterschließung

Das Finanzamt misst immaterielle Werte übrigens steuerlich mit zweierlei Maß. Warum es bestimmte immaterielle Vermögenswerte anerkennt und andere nicht, erschließt sich mir nicht immer ganz schlüssig. So können forschende, industrielle Unternehmen z. B. Ausgaben für Probebohrungen und Gebietserschließungen kostenmindernd in ihre Steuerbilanzen einbringen.

Wenn Kreativschaffende immateriell in die Markterschließung investieren, können sie dies nicht geltend machen. Das Finanzamt erkennt das nicht an. Warum eigentlich nicht? Recherchen und Konzepte dienen doch ebenfalls der Erkundung des Marktumfeldes und sind Voraussetzung für ein erfolgreiches Projekt. Ohne ein stimmiges Konzept bleiben auch Fördergelder verwehrt. 

Diese steuerliche Benachteiligung wiegt um so schwerer, weil Konzepte nur selten bezahlt bzw. vergütet werden. Auch die meist aufwändigen Antragsverfahren zur Generierung von (staatlichen) Fördergeldern müssen von den Antragstellern ohne Vergütung absolviert werden. In der Kreativbranche ist dies Alltag. Warum ist das in diesen Branchen so und in anderen nicht? Welcher Unternehmensberater würde kostenfrei Konzepte erstellen? Welcher Rechtsanwalt oder Steuerberater würde ohne Honorar Klienten beraten? 

Perspektivwechsel

Was spekulative Arbeit in anderen Branchen bedeuten würde, zeigt ein kurzer unterhaltsamer (englischsprachiger) Filmclip von Frank Zulu bzw. seiner Agentur Zulu Alpha Kilos: 

Künstlerhonorare

Auch wenn diese Vergleiche für manche hinken mögen, führt gerade der Perspektivwechsel zur erhellenden Erkenntnis, wie auch folgende kleine Geschichte des Bloggers Thomas Breuss zeigt (Breuss 2015):

Die Anfrage: „Wir sind ein kleines Restaurant und suchen auf diesem Wege Musiker, die bei uns spielen wollen, um bekannt zu werden. Wir können zwar keine Gage zahlen, aber wenn die Musik bei unseren Gästen ankommt, können wir an den Wochenenden Tanzveranstaltungen anbieten. Wenn Sie also bekannt werden möchten, melden Sie sich bei uns.“

Die Antwort: „Wir sind eine Gruppe Musiker, die in einem recht großen Haus wohnt. Wir suchen ein Restaurant, das gelegentlich bei uns Catering macht, um bekannt zu werden. Wir haben zwar kein Geld, aber wenn allen Ihr Essen schmeckt, können wir das gern regelmäßig machen. Das wäre eine gute Reklame für Ihr Restaurant. Melden Sie sich gerne bei uns.“

Dass solche Anfragen Alltag sind, zeigt folgende Reklame des Berufsverbandes bildender Künstler Berlin, der für die Belange seiner Mitglieder so warb:
„Ich bin ein Künstler. Das bedeutet nicht, dass ich umsonst arbeite. Meine Rechnungen muss ich bezahlen wie Sie auch. Danke für Ihr Verständnis!“

 © soundpool-records.com

Selbsterfahrung

Mich selbst erreichen immer wieder Anfragen für kostenfreie Texte, Konzepte, Vorträge u. ä. Meist kommen sie von Veranstaltern oder von festangestellten Mitarbeitern aus Behörden, Kommunen, Verlagen und Vereinen. Ich betone das deshalb, weil ein Selbständiger nie auf die Idee käme, einen anderen Selbständigen bitten würde, ohne Honorar zu arbeiten. Stellen Sie sich andererseits einmal vor, man würde einen Festangestellten bitten, ohne Lohn zu arbeiten…

Kürzlich schickte mir ein Dachverband mit 8 Millionen! Mitgliedern in Deutschland eine Anfrage. Man bat mich im Erstkontakt um einen vierseitigen Magazinartikel mit viel fachlichen Expertise. Ich bekundete zunächst mein grundsätzliches Interesse und erkundigte mich nach dem Honorar. Erst auf meine Nachfrage hin, teilte man mir mit, dass es kein Honorar gäbe (s.u.). Autoren würden ihren Beitrag „als persönliche Unterstützung eines gemeinsamen Anliegens“ honorarfrei zur Verfügung stellen. Ich lehnte ab und verwies in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens. Nur unter dieser Voraussetzung könne ich solche honorafreien Anfragen leisten. Solange es das BGE nicht gibt, muss ich als selbständige Unternehmerin mein Einkommen mit bezahlten Aufträgen finanzieren. 

Weiteres Praxisbeispiel 

Während ich diesen Artikel schreiben, entdecke ich in den sozialen Medien einen Wettbewerbsaufruf für die künstlerische Gestaltung einer Hausfassade eines öffentlich geförderten Vereins. Da heißt es: „Zu gestalten sind 174 x 60 cm große Flächen, die sich in unsere Hausfassade integrieren. Dafür werden PVC Platten mit den Kunstwerken in den dafür vorgesehenen Nischen befestigt. Unter allen Einsendungen werden neun Kunstwerke für die Gestaltung der Fassade ausgewählt. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie unseren Aufruf teilen könnten und freuen uns auf die Einreichungen.“ Auf die Nachfrage, welches Honorar für die Teilnahme am Wettbewerb gezahlt werde bzw. wie hoch ist das Preisgeld für den/die Gewinner/in sein, kam diese Antwort: „Es gibt tatsächlich keinen materiellen Gewinn. Die KünstlerInnen erhalten eine Fläche im öffentlichen Raum zur freien Gestaltung und haben zudem die Möglichkeit, etwas Gutes zu tun und einem soziokulturellen Zentrum dabei zu helfen, dass an dessen Fassade statt „XY“ coole Kunst zu sehen gibt. Das klingt erstmal nicht viel, soll aber KünstlerInnen zu Beteiligung und Mitgestaltung … anregen.“

 © bbk berlin e.V.

Umdenken

Unsere Gesellschaft braucht generell ein anderes Verhältnis im Umgang  mit Ideen und immateriellen Werten. Nicht alles lässt sich beziffern und hat dennoch einen Wert: Was kosten Vertrauen, Zufriedenheit, ein Lächeln, ein Dankeschön?  Welchen Preis haben Freiheit und Wissen, Gesundheit und soziale Bindung, Wertschätzung und Vertrauen, Liebe und Freundschaft, Arbeitskraft und Resilienz? Wie beziffert man den Wert des Immateriellen?  Werte bemessen sich nach Emotionen. Das zeigen Marken ebenso wie die Preise am Kunstmarkt und an der Börse. Mehr Psychologie als Berechnung.

Der Wirtschaftsjournalist Wolf Lotter plädiert für ein generelles Umdenken. Nach der Industriegesellschaft brauche es in der Wissensgesellschaft eine „Ideenwirtschaft der Vielfalt“, deren Schlüsselbegriff Qualität sei, denn: „Ideenleistungen sind keine Frage der Stechuhr.“ (Lotter 2009, S. 12) 

Immaterielles neu bewerten

Immaterielle Werte sind zudem häufig subjektiv und können nur über Umwege gemessen werden: Follower, Klickzahlen, Seitenimpressionen, Voraussagen, Bewertungen durch Ratingagenturen oder Kunstexperten. Werte hängen stark mit Vertrauen, Glaubwürdigkeit und einem guten Gefühl zusammen, mit der „Frage nach dem Warum“ (vgl. Sinek 2014). Wer erklären kann, wofür die eigene Organisation oder Institution steht, ohne dabei quantitativ messbare Kriterien anzuführen, wie Preis oder Funktion, ist auf dem richtigen Weg. Nicht das Was entscheidet, sondern das Warum! Das Warum deutet auf innere, biografische und emotionale Schubkräfte und zeigt, welcher Sinn im Mittelpunkt des eigenen Tuns steht.

Geld mag ein probates Mittel sein, um Produkte oder Dienstleistungen zu bewerten. Die wirklich wichtigen Werte können nicht mit Geld bemessen werden. Ohne emotionalen Wohlstand zählt materielles Vermögen wenig. Nur weil jemand viel Geld verdient, heißt das nicht, dass er auch Werte erzeugt (siehe Hedgefonds, Rohstoffwetten). Im Umkehrschluss: Wenn jemand nur wenig Geld für seien Arbeit erhält (siehe KindergärtnerInnen, (Alten-)PflegerInnen, FriseurInnen), bedeutet das nicht zwingend, dass er/sie keine oder nur geringe Werte schafft.

Initiative für faire Arbeitsbedingungen

Für angemessene Honorare und faire Arbeitsbedingungen engagiert sich u. a. die Initiative artbutfair. Sie ist Dach für drei gemeinnützige Vereinen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Sitz des deutschen Vereins ist Hamburg. Auch der Deutsche Kulturrat unterstützt die Initiative (Kurzdarstellung auf S. 5), die Missstände in der Praxis sichtbar machen will, Veranstaltungen ausrichtet und auf Austausch setzt. 

Erklär-Trickfilm – Was ist spekulative Arbeit?